Der Unterschied zwischen Peru und Bolivien

„Peru und Bolivien sind ziemlich ähnlich“ liest und hört man allenthalben, selbst von Peruanern und Bolivianern. Historisch mag das stimmen. Bis ins frühe 19. Jahrhundert hieß die Gegend des heutigen Bolivien „Alto Perú“, also Hoch-Peru.

Aber nachdem ich in beiden Ländern gelebt habe, behaupte ich, dass die Unterschiede nicht größer sein könnten. Zur Illustration greife ich einfach ein paar zufällig erhaltene E-Mails auf. Denn immer wenn ich in ein neues Land ziehe, erhalte ich Nachrichten von Menschen, die ich nicht kenne, aber die mich in ihrem Land willkommen heißen, Hilfe anbieten und Ratschläge erteilen. Das ist nett.

Als ich im August 2016 nach Peru zog, erhielt ich eine Menge E-Mails übers Essen,

Du musst Ceviche probieren!!

Du musst Meerschweinchen probieren!

Du musst dies und das probieren!

sowie nicht gerade originelle touristische Ratschläge,

Du musst unbedingt nach Machu Picchu!

und geschäftliche Angebote:

Mein Onkel/Bruder/Großvater hat ein Reisebüro/eine Autovermietung/ein Taxiuntenehmen in der Stadt. Geh auf keinen Fall zu jemand anderem! Die wollen Dich alle nur übers Ohr hauen.

Ich kann Dir eine unmöblierte Garage in einem kleinen Dorf für eine riesige Stange Geld vemieten.

Ich erhielt so viele identische, unpersönliche Nachrichten, dass es mir vorkam, wie wenn das Land hauptsächlich von Bots bevölkert wäre. Nach kurzer Zeit wußte ich schon im Voraus, was Menschen sagen würden wenn ich sie traf. (Um fair zu sein, in den fünf Monaten in Peru gab es etwa zwei Ausnahmen.)

Im Januar zog ich zurück nach Bolivien. Die erste E-Mail kam von einer Juristin des Instituto de Estudios Internacionales in Cochabamba:

Hallo, dieses Wochenende haben wir ein Seminar über PHILOSOPHIE UND METHODIK IM INTERNATIONALEN RECHT. Es ist kostenlos, und wenn Du Interesse hast, setze ich Dich auf die Teilnehmerliste.

Wenn es ein Land gibt, das so denkt wie ich, das meine Interessen teilt und wo ich mich zuhause fühle, dann ist es Bolivien.

Immerhin engagieren sich hier sogar schon die Kinder in juristischen Debatten:

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Notfallkontakt

“Wen sollen wir im Notfall kontaktieren?” fragte die Dame von Avianca Airlines am Flughafen von Arequipa.

Ich musste überlegen. Und dann, traurig erkennend wie allein ich auf dieser Welt war und dass sich niemand um mich kümmerte, sagte ich “niemanden”. Sowohl die junge Frau am Schalter als auch die unsere Unterhaltung überhört habenden umstehenden Reisenden blickten mich mitleidsvoll an.

“Niemanden?” fragte sie ungläubig.

“Nein, mir fällt niemand ein“, antwortete ich. Wenn ich stürbe, würde das früher oder später jeder mitbekommen, der sich ausreichend für mich interessiert. Dringend wäre das keinesfalls. Wenn ich nur verletzt würde, so wäre ich zuversichtlich, dass man mich auch ohne meine ausdrücklichen Instruktionen in ein Krankenhaus bringen würde.

“Ich bin single”, versuchte ich die Stimmung mit einem flirtenden Lächeln aufzuhellen. Vergeblich.

Ich bin eben ein richtiger Einsiedler. Aber vielleicht werde ich demnächst zufällig ausgewählte Namen und Telefonnummern nennen, nur um dieser peinlichen Situation zu entfliehen.

FB Bucht

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„Imperium“ von Christian Kracht

Imperium Christian KrachtDie Titelgestaltung von Imperium erinnert frappierend an die der Abenteuercomics von Tim & Struppi, und im Falle dieses Rezensenten ist das eine positiv besetzte Assoziation. Der Roman erfüllt die dadurch aufgebaute Erwartungshaltung: Imperium ist tatsächlich eine Abenteuergeschichte. Das allein ist zwischen all den Wende-, Vampir- und sexuell überexpliziten Romanen, die sonst die Bestsellerlisten belegen, schon eine Wohltat. Die Wohltat wird im Falle von Imperium zum Genuss, ja zur Labsal, sowohl wegen der phantastischen Geschichte als auch wegen der Virtuosität der Sprache, mit der Christian Kracht sie erzählt. Die Charaktere sind lebendig, die Beschreibungen humorvoll und flüssig, obwohl der Verlag nicht vor dem Abdruck von sich über eine gesamte Buchseite auf gelungene und unterhaltende Weise hinziehenden Sätzen zurückschreckte. Fast das gesamte Buch las ich mit einem ständigen, anerkennenden Schmunzeln, das erst im letzten Kapitel dem Entsetzen ob des dramatischen Endes weichen musste.

Imperium erzählt die Geschichte von August Engelhardt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Nürnberg auswanderte und eine kleine Insel in der Südsee erwarb, um dort nicht nur eine Kokosnussplantage, sondern eine regelrechte Kokosnussreligion zu August_Engelhardt_und_Max_Lützowbegründen. Engelhardt, der wie andere Charaktere des Romans tatsächlich und zumindest teilweise wie im Roman beschrieben lebte, war zu dem Schluss gekommen, daß die Kokosnuss die einzige Frucht sei, die der Mensch benötige. Sie spende ihm Nahrung, Flüssigkeit, Kokosfasern für Kleidung, Öl und vieles mehr.

Der Vegetarier und Nudist wollte der geistigen Enge des Deutschen Reiches zur Zeit Kaiser Wilhelms II. entfliehen und wählte dafür, ohne die darin liegende Ironie zu bemerken, eines der von diesem Kaiser und dessen Expansionspolitik geschaffenen deutschen „Schutzgebiete“ im Südpazifik. Engelhardts Meinung über Deutschland und seine Landsleute wird schon bei der Beschreibung seiner deutschen Mitpassagiere auf der Dampfschiffüberfahrt deutlich:

Bläßliche, borstige, vulgäre, ihrer Erscheinung nach an Erdferkel erinnernde Deutsche lagen dort und erwachten langsam aus ihrem Verdauungsschlaf, Deutsche auf dem Welt-Zenit ihres Einflusses.

Aufgrund meiner eigenen Auswanderung aus Deutschland und sogar aus dem gleichen Landstrich, den Engelhardt vor 100 Jahren verlassen hatte, resoniert das Thema bei mir besonders, obwohl ich mir kein ähnlich verrücktes Ende wünsche. Denn Engelhardts Plan ging nicht auf. Der anti-deutsche Auswanderer konnte in Neupommern im Bismarck-Archipel kein erfolgreicher Kolonialist werden. Der Gesundheitsfetischist wurde schwerkrank, der Vegetarier wurde schließlich zum Kannibalen, der Liberale gar zum Antisemiten:

Ja, so war Engelhardt unversehens zum Antisemiten geworden; wie die meisten seiner Zeitgenossen, wie alle Mitglieder seiner Rasse war er früher oder später dazu gekommen, in der Existenz der Juden eine probate Ursache für jegliches erlittene Unbill zu sehen.

Über die Andeutungen hinaus will ich nichts weiter von der Geschichte verraten, da Ihr die 242 Seiten selbst an einem Tag lesen und genießen könnt. Nach der viel zu früh beendeten Lektüre wünschte ich, daß es eine Langversion dieses Romans gäbe. Wenn Ihr irgendwann Karl May gelesen und genossen habt, so könnt Ihr Euch mit Imperium in diese Zeit zurückversetzen, allerdings auf einem erheblich höheren sprachlichen Niveau und mit mehr Humor. Dies ist der beste Abenteuerroman seit Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann.

Und jetzt werde ich eine Kokosnuss essen.

(Diese Rezension erschien auch im Freitag.)

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Das Österreichische Hospiz in Jerusalem

Klassische Musik tönt unaufdringlich aus den Lautsprechern. Bequeme Polsterbänke. Kleine, runde Holztische. Sanfte Beleuchtung. Es gibt Kaffee, Mokka, heiße Schokolade, Sachertorte und Apfelstrudel.

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Meinl Kaffee

Ich bin in Österreich gelandet.

Dieses Stück Österreich ist nicht leicht zu finden im Gewirr der Altstadt. Eine unscheinbare Fassade mit einem unscheinbaren Schild neben der geschlossenen Tür. Ich sehe keine Klingel, sondern warte bis jemand die Villa verläßt und schlüpfe schnell durch die Tür. Die Adresse ist exklusiv: Via Dolorosa, Jerusalem. Angeblich war genau hier die Stelle, an der Jesus zum ersten Mal unter dem Kreuz zusammenbrach, jetzt die dritte Station des Kreuzwegs.

Wie immer in Jerusalem steige ich zuerst aufs Dach, um mich zu orientieren. Von der Grabeskirche bis zum Felsendom hat man hier alles im Blick: Synagogen, Moscheen, Kirchen, Klöster, Burgen, Friedhöfe, Stadtmauer, den Basar und die vielen dazwischen und darüber gebauten Wohnhäuser, die alle zusammenen den Reiz dieser Stadt ausmachen.

Blick vom Dach 1.JPG
Ö Flagge Jerusalem

Ich habe Glück und bin zu einer der fünf täglichen muslimischen Gebetszeiten auf dem Dach, so dass mein Ausblick durch die Rufe der Muezzine untermalt wird.

Ein durchschnittlicher nachrichtenkonsumierender statt reisender Mitteleuropäer, der den Nahen Osten nur mit Krieg und Terror in Verbindung bringt, wäre erstaunt angesichts der Koexistenz von Morgen- und Abendland.

Erstaunlich ist auch die Existenz des Österreichischen Hospizes zur Heiligen Familie in Jerusalem, wie es mit vollem (allerdings österreichuntypisch Dr.- oder zumindest MA-losen) Namen heißt. Die Inschrift auf dem Steinkreuz, das auf dem Dach steht, lautet „gespendet von der österreichischen Statthalterei des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem“. Das hört sich geheimnisvoll und nach einem Dan-Brown-Krimi an, also mache ich mich auf in die langen Flure, um zu erkunden, wie Österreich, Kaiserschmarrn und Meinl-Kaffee ins Heilige Land kamen.

Gang1
Gang2

An den Wänden hängen Plaketten und Danksagungen eines oberösterreichischen Pilgerzugs aus dem Jahr 1900 mit 519 Männern (wieviele davon wohl nach Österreich zurückkehrten?),

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des Palästina-Pilger-Vereins zu Brixen (ja, damals war noch vieles Österreich und glücklich was heute Nicht-Österreich und unglücklich ist),

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der steierischen Volkswallfahrt von 1908, bei der bereits Frauen zugelassen waren,

steierische Volkswallfahrt

und als eines der ältesten Zeugnisse der Dank der „Münchener Karawanen der Jahre 1886 und 1887“.

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Wer sich über die Wortwahl „Karawane“ wundert, der bedenke, dass der sogenannte Orientzyklus von Karl May gerade erschienen war. Der Teil der Welt, der uns jetzt Angst macht, beflügelte damals die Phantasie der deutschsprachigen Leser. Eine Pilgerreise war der beste Vorwand für den Abenteuerurlaub. Die meisten Pilger waren an Harems wahrscheinlich mindestens so interessiert wie am Himmelreich. (Karl Mays „Durch die Wüste“ erschien bis 1895 unter dem Titel „Durch Wüste und Harem“.)

Noch besser war es, wenn man die Dorfgemeinschaft zu Spenden für die Reisekasse bewegen konnte. In von der Aufklärung noch nicht heimgesuchten Bergdörfern zog das Versprechen, dass man in Golgota für eine gute Ernte beten oder dass man gar einen Originalsplitter vom Kreuz Jesu nach Hause bringen würde. Auf dem Rückweg fiel einem dann erst in den Julischen Alpen das Versprechen wieder ein, worauf der ganze Pilgerzug eine Lärche zerhackte und sich ein Schweigegelübde über das vergessene Souvenir auferlegte.

Durch die verschiedenen österreichischen, deutschen, ungarischen und sächsischen Dialekte kam es dabei übrigens zu dem Malheur der Verwechslung von Lärche und Lerche. So entstand der Brauch, letztere zu fangen, zu braten und zu essen; aber was soll man auch machen, wenn man hungrig auf halber Strecke zwischen Döner (Jerusalem) und Schnitzel (Wien) steckt? 1875 schlossen Österreich und Italien ein Abkommen, dass die Anwendung von Fallen am Boden und von großen Netzen zum Lerchenfang verbot, aber das sprach sich nicht sogleich herum. Außerdem glaubten religiöse Menschen von jeher, dass sie über dem Gesetz stünden. Singvögel in Italien und Malta wundern sich noch heute, was aus dem damaligen Vogelschutzgedanken wurde. Jetzt bin ich aber abgeschweift wie ein betrunkener Pilger im Gassengewirr der Altstadt Jerusalems.

Journalistenregel aus der Monarchie: Wenn die Gefahr des Verzettelns droht, ruckzuck zurück zum Kaiser!

In diesem Fall zu Franz Joseph I. Dieser war nicht nur K(aiser von Österreich) und K(önig von Ungarn), sondern er hätte eigentlich KuKuKuKuKusw genannt werden müssen. Sein voller Titel lautete im Jahr 1869

Franz Joseph I. von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Böhmen, von Dalmazien, Croatien, Slavonien, Galicien, Lodomerien und Illyrien, König von Jerusalem; Erzherzog zu Österreich, Großherzog von Toskana und Krakau, Herzog von Lothringen, von Salzburg, von Steyer, Kärnthen, Krain und der Bukowina, Großfürst zu Siebenbürgen; Markgraf von Mähren; Herzog von Ober- und Niederschlesien, von Modena, Parma, Piacenza und Quastalla, von Auschwitz und Zator, von Teschen, Friaul, Ragusa und Zara; gefürsteter Graf von Habsburg und Tyrol, Kyburg, Görz und Gradiska, Fürst von Trient und Brixen, Markgraf von Ober- und Niederlausitz und in Istrien, Graf von Hohenems, Feldkirch, Bregenz, Sonnenberg, etc., Herr von Triest, von Cattaro und auf der Windischen Mark, Großwojwode der Wojwodschaft Serbien etc. etc.,

wobei das „etc. etc.“ im Titel den Weltmachtanspruch andeutete. In unserem Zusammenhang interessant ist der Titel „König von Jerusalem“, der auf verschlungenen Wegen über das Königreich Neapel an die Habsburger gegangen war, wobei es nicht an konkurrierenden Thronprätendenten mangelte.

Nur aufgrund dieser unbestrittenen und tatsächlich unbestreitbaren Wichtigkeit des Kaisers von Österreich gelang es Franz Joseph I., dem Osmanischen Reich, zu dem Jerusalem damals gehörte, die Baugenehmigung für ein eigentlich nicht genehmigungsfähiges christliches Pilgerhaus abzuluchsen. Dafür drückte Österreich-Ungarn ein paar Jahrzehnte später die Augen zu, als die Türken die Armenier abschlachteten. Die Außenpolitik lief damals wie heute: Hauptsache, Strabag und Porr dürfen bauen, dann sind die Menschenrechte egal.

Im Jahr 1869 war es dann soweit. Kaiser Franz Joseph I. war gerade in der Gegend, weil er der Eröffnung des Suez-Kanals in Ägypten beigewohnt hatte (später kam heraus, dass der Kaiser sich so vehement für Großbauprojekte einsetzte, weil er von Strabag Schmiergelder kassierte) und besuchte als einer der ersten Pilger das Österreichische Hospiz.

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Dieser erste Besuch Jerusalems durch einen europäischen Monarchen seit dem 13. Jahrhundert stieß eine regelrechte Tourismuslawine los. In den Fluren hängen Bilder und Beschreibungen der Besuche von etwa hundert Königen, Thronfolgern, Fürsten, Grafen, Bischöfen, Herzögen, Offizieren, Schriftstellern, Bundeskanzlern und -präsidenten, die im Österreichischen Hospiz genächtigt haben. Die weiteste Anfahrt hatte Dom Pedro II., der Kaiser von Brasilien, im Jahr 1876. Nur der deutsche Kaiser Wilhelm II. schaute bei seiner Palästinareise 1898 nicht bei den österreichischen Kollegen vorbei, obwohl er eine ganze Woche in Jerusalem weilte. Typisch Piefke.

Der rege Besucherstrom brach 1914 ab, weil der Erste Weltkrieg die jungen Männer jetzt anderswo (Gallipoli, Verdun, Marne, Tannenberg) und für längere Zeit, oft für ewig, beanspruchte. Außerdem wurde auch in Jerusalem gekämpft. Österreich entsandte eine Gebirgshaubitzendivision zum Schutz des Hospizes, sozusagen Hospizschutzhaubitzen, um einen Neologismus zu küren, dank dessen Ihr beim Scrabble Eure drei Z losbekommt.

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Mit zwei Batterien an Haubitzen wollte das österreichisch-ungarische Militär 1916 sogar bis zum Suez-Kanal vorstoßen. Das gelang nicht ganz, und die Mittelmächte wurden von den vorrückenden britischen Truppen nach Syrien und dann in die Türkei zurückgedrängt. Die Briten nahmen Jerusalem 1917 kampflos ein und requirierten 1918 das Österreichische Hospiz. Ein Jahr lang diente es als Waisenhaus für syrische Kinder, bevor es an das österreichische Kuratorium zurückfiel. Ziemlich bedrückend, dass es genau 100 Jahre später wieder eine Menge syrischer Waisen gibt, oder?

Alois Musil

Einer der interessantesten Besucher des Jahres 1917 war Alois Musil. Da ihn niemand kennt, beschreibe ich ihn am besten als den „tschechischen Lawrence von Arabien“. Er entstammte einer Bauernfamilie aus Mähren, studierte in Olmütz, Jerusalem, Beirut, London, Cambridge und Berlin, wurde Priester, sprach und schrieb fließend Arabisch, fertigte nach Forschungsreisen in Arabien und im West- und Ostjordanland die ersten detaillierten Landkarten an und entdeckte dabei noch einige Wüstenschlösser. 1914, 1915 und 1917 reiste Musil nach Arabien, um mit den arabischen Stämmen zu verhandeln und sie vom Aufstand gegen die Osmanen abzuhalten. Damit war er der direkte Gegenspieler von Thomas Edward Lawrence, der die gleichen Stämme für die Briten zum Auftand gegen das Osmanische Reich gewinnen wollte. Die Methoden der beiden ähnelten sich: Leben unter und mit den Beduinen, absolute Immersion in die arabische Kultur, persönliche Beziehungen. Musil wurde „Scheich Musa“ genannt; „Musa“ ist der arabische Name für den biblischen Moses (weshalb ich meinen Nachnamen in arabischen Ländern schlampig ausspreche und auf die entsprechende Assoziation und Ehrerbietung hoffe). Dass Musil nach dem Ersten Weltkrieg weniger berühmt als sein britischer Gegenspieler wurde, lag auch daran, dass ihm das Land abhanden kam. Nachdem Österreich-Ungarn nur mehr Österreich war, verlor der Vielvölkergedanke rasch an Popularität. Als Tscheche bekam Musil an der Universität in Wien keinen Vertrag mehr. Undank ist der Welt Lohn.

Der Zerfall der Donaumonarchie schlug sich auch im Österreichischen Hospiz in Jerusalem nieder. Etliche Nachfolgestaaten wie Ungarn, die Tschechoslowakei und Slowenien machten Besitzansprüche geltend. Dabei lief das Geschäft mit den Pilgern in jenen Zwischenkriegsjahren so schlecht, dass die Zimmer an britische Offiziere und Verwaltungsbeamte vermietet wurden. Ein paar Schriftsteller und Abenteurer kamen auf ihren Reisen vorbei, jeder von ihnen eines gesonderten Artikels würdig: Vincent Sheean, László Almásy und Max Reisch zum Beispiel. Aber die Leser haben meine Exkurse schon gründlich satt, wobei ich entgegnen möchte, dass meine Abschweifungen wahrscheinlich interessanter sind als die Ausschweifungen der meisten Leser.

Wer sich noch daran erinnert, auf welcher Seite Österreich (bzw. das sich Österreich einverleibt habende Deutsche Reich) und Großbritannien im Zweiten Weltkrieg stehen werden, kann sich vorstellen, dass das Arrangement nicht lange gutging. 1939 beschlagnahmten die Briten das Hospiz und wandelten es zuerst in ein Internierungslager für österreichische, deutsche und italienische Priester und Ordensleute, später in eine Offiziersschule und 1948 in ein Lazarett um.

Ein Lazarett ohne Krieg? Das ergab keinen Sinn. „Dem kann abgeholfen werden“, boten sich Ägypten, Syrien, Libanon, Jordanien und der Irak an und brachen den ersten arabisch-israelischen Krieg vom Zaun. Das Hospiz lag nach dem Waffenstillstand in dem von Jordanien besetzten Teil der Stadt. Österreichische Ordensschwestern arbeiteten jedoch auch unter jordanischer Verwaltung weiter.

Ein König kam gleich zweimal ins Österreichische Hospiz, beim ersten Mal allerdings unfreiwillig: König Hussein I. von Jordanien. 1951 war er noch nicht König, aber begleitete seinen Großvater König Abdallah bei einem Besuch in Jerusalem. In der Al-Aqsa-Moschee wurde im Beisein des Enkels ein Attentat auf den König verübt. Das nächstgelegene Krankenhaus war das Österreichische Hospiz. Der jordanische König war jedoch zu schwer verletzt und verblutete in den Armen einer österreichischen Schwester.

1961, mittlerweile war der Enkel selbst König von Jordanien geworden, kehrte er zurück an den Ort, an dem sein Großvater verstarb. Er traf Schwester Liliosa Fasching und bedankte sich bei ihr entweder für die kurzzeitige Pflege des Erschossenen oder für den ausgebliebenden Erfolg dieser Bemühungen, da er dadurch schließlich selbst König wurde.

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Die Schwester dachte sich: „Da legst di nieder! Dieser König ist ein richtig cooler Typ. Viel lockerer als unser Kaiser. Außerdem sieht er aus wie Sean Connery“, und kündigte umgehend ihre Mitgliedschaft in der Gesellschaft zur Wiederbelebung der Habsburger-Monarchie.

Im Sechs-Tage-Krieg 1967 diente das Hospiz wieder als Lazarett und fiel am Ende jenes Krieges unter israelische Kontrolle. Wenn man sich sie leckere Speisekarte im Kaffeehaus ansieht, könnte man fast meinen, Jordanien und Israel hätten mehr um diese Küche als um die Klagemauer gekämpft.

Und schließlich ist keine Geschichte Jerusalems vollständig ohne den langjährigen (1965-1993) Bürgermeister Teddy Kollek. Auch der Mann, der Jerusalem prägte, stammte aus Österreich-Ungarn und war 1935 nach Palästina ausgewandert.

Trotz der bewegenden Geschichte ist das Österreichische Hospiz eine Oase der Ruhe und Entspannung. Und nach ein paar Tagen in Jerusalem kann man einen Nachmittag Ruhe gut vertragen!

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Wenn nur die Preise nicht so happig wären. Für ein Stück Torte und eine Tasse heißer Schokolade muss ich 45 Schillinge, ich meine Schekel hinblättern.

Praktische Hinweise:

  • Das Österreichische Hospiz liegt im arabischen Teil der Altstadt von Jerusalem an der Ecke Via Dolorosa/El-Wad. Wenn Ihr es nicht findet, einfach nach dem האכסניה האוסטרית, dem التكية النمساوية للعائلة المقدسة oder dem „Austrian Hospice“ fragen. Jeder kennt es.
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  • Auch Nicht-Österreicher sind willkommen. (Sonst wäre man ja schnell pleite.)
  • Für Übernachtungen gibt es Zimmer und Schlafsäle. Ein Einzelzimmer kostet 97 €, ein Bett im Schlafsaal 32 €, jeweils mit Frühstück. Es ist also eher etwas für den besonderen Urlaub.
  • Das Kaffeehaus ist jeden Tag von 10 bis 22 Uhr geöffnet.
  • Österreicher können ihren Wehrersatzdienst im Hospiz ableisten. Wenn man das Jahr in Jerusalem nützt, um Hebräisch oder Arabisch zu lernen, besteht sogar die Chance auf ein aufregendes Leben wie das Alois Musils.

Links:

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Unsortierte Gedanken (10)

  1. Ist der Adler im österreichischen Wappen ein Kommunist? Oder warum hält er Hammer und Sichel in den Klauen? austria-coat-of-arms_902
  2. Ich mache mir eine Menge Gedanken über saubere Luft, sauberes Wasser, saubere Atmosphäre. Aber wenn ich ehrlich bin, ist die Umweltverschmutzung, die mir am meisten zusetzt, der Lärm.
  3. Was für eine Woche in Südamerika. Venezuela macht einen weiteren Schritt Richtung Diktatur Dictadura en Venezuela
  4. und in Paraguay zünden Demonstranten das Parlamentsgebäude an.
  5. Schade, dass ich keine Zeit habe, überall vor Ort zu sein. Beide Länder wären jetzt extrem interessant.
  6. Zwischen 1936 und 1966 gab Victor Hugo Green das „Green Book“ heraus. Es war ein Reiseführer für die USA, der Hotels, Restaurants, Tankstellen und andere Einrichtungen aufführte, die schwarze Reisende und Kunden akzeptierten.
  7. In einem Interview erzählte dazu jemand, dass er es als Kind toll fand, dass seine Eltern immer einen riesigen Picknick-Korb mit Hähnchen und Melonen dabei hatten. Erst später erfuhr er, dass dies notwendig war, weil sie unterwegs von den meisten Restaurants und Supermärkten abgewiesen wurden.
  8. Für Philatelisten gibt es einen zusätzlichen Grund, eine Postkarte, einen Brief oder ein Paket aus Südamerika anzufordern: exotische Briefmarken. Briefmarken Bolivien
  9. Gibt es überhaupt noch Briefmarkensammler?
  10. Ich glaube, dass meine frühe Beschäftigung mit Briefmarken aus Togo, der UdSSR und Deutsch-Kiautschou sowohl mein Interesse fürs Reisen als auch für Geschichte geweckt hat.
  11. Bevor man bei der französischen Fremdenlegion anheuern kann, muss man vier Klimmzüge machen, sonst wird man gar nicht ins Rekrutierungsbüro gelassen. Ich habe es nicht geschafft.
  12. Als Musik zu den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution (siehe Tagesnotizen 9) habe ich die Filmmusik für Doktor Schiwago ausgewählt.

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„Sand“ von Wolfgang Herrndorf

Ein nicht näher bezeichnetes Land in Nordafrika. September 1972. Eine Hippie-Kommune in der Sahara. Waffenschmuggel. Tote. Geldkoffer. Spione. Unterbelichtete Polizisten. Alte Minen in den Bergen. Ein Mann ohne Gedächtnis. Schriftsteller im Exil. Falsche Psychiater.

Sand Wolfgang HerrndorfIst das alles nicht etwas zu dick aufgetragen? Muss das nicht zu einem vor Klischees strotzenden, übervollen Thriller werden, in dem Atmosphäre oder literarischer Anspruch notgedrungen zu kurz kommen?

Die große Überraschung: In Wolfangang Herrndorfs Sand funktioniert das, und zwar bestens! Der Leser wird in jedem Kapitel mit neuen Personen vertraut gemacht, so dass er bald befürchtet, den Überblick zu verlieren, aber das passt, denn die meisten der teilnehmenden Akteure haben genausowenig Überblick. So saugt man die chaotische Atmopshäre, in der so viel passiert wie an einem von Jack Bauers ereignisreichen Tagen in 24, genauso auf wie den Staub und die Hitze der Wüste.

In kurzen Kapiteln, reich an Handlung, peitscht der Roman vorwärts. Die 475 Seiten hat man im Nu durch. Die meisten der Kapitel wären auch als eigenständige Kurzgeschichten lebensfähig, womit keineswegs gesagt sein soll, dass sie nicht zusammenhingen, sondern womit ein großes Lob für die sprachliche und handlungsbezogene Dichte des Romans ausgedrückt sein soll.

Die Dialoge sind witzig und authentisch. Die Figuren benötigen oft nur eine Seite, um richtig zum Leben zu erwachen (aus dem sie dann aber auch oft wieder schnell gerissen werden).

Zum Beispiel die Vorstellung einer amerikanischen Agentin in Kapitel 4:

Es gibt nur wenige Menschen, die man in einem einzigen Satz beschreiben kann. In der Regel braucht man mehrere, und für gewöhnliche Menschen reicht oft ein ganzer Roman nicht aus. Helen Gliese […] konnte man in zwei Worten beschreiben: schön und dumm. Mit dieser Beschreibung konnte man einen Fremden zum Hafen schicken und sicher sein, dass er unter Hunderten Reisenden die Richtige abholen würde.

[…] Das Erstaunliche war, dass diese Beschreibung nicht im mindesten zutraf. Helen war nicht schön. […] Eindruck einer Vorabendserienschauspielerin, der jemand die Regieanweisung reich und blasiert ins Drehbuch geschrieben hat […]

[…] Helen war das genaue Gegenteil von dumm […]; was nichts an der Tatsache änderte, dass diese Vom-Hafen-abholen-Geschichte funktionierte. Oder funktioniert hätte. Es war Helens erster Besuch in Afrika, und niemand holte sie ab.

Durch ihre Ahnungslosigkeit schließt man die Charaktere irgendwie ins Herz, selbst wenn sie keine klassischen Helden sind. Die Geschichte ist zu groß für alle Beteiligten, aber nur der Mann ohne Gedächtnis ahnt das. Hätte er sein Gedächtnis noch zur vollen Verfügung, würde er sich selbst wohl auch als Akteur sehen, obwohl er keinen der Handlungsfäden in der Hand hält, sondern ebenso an deren Ende baumelt.

Einer der besten Spionagethriller. Und dazu noch – in diesem Genre selten – gute Literatur.

Einzig die jedem Kapitel vorangestellten Zitate erschienen mir weitgehend ohne Bezug zur Handlung, zum Schauplatz oder dem beteiligten Personal. Sie unterbrechen nur den Lesefluss und können getrost ignoriert werden.

(Diese Rezension erschien auch im Freitag.)

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Kaunas: Europäische Kulturhauptstadt 2022

Wie schon bei der Wahl für 2021, bin ich mit der Wahl für 2022 absolut einverstanden: Kaunas in Litauen wird Europäische Kulturhauptstadt.

Während meines Jahres in Litauen war ich leider und unerklärlicherweise nur einen Tag in Kaunas, der einstigen provisorischen Hauptstadt (1920-1940). Wie das – die provisorische Hauptstadt, nicht mein Besuch – zustande kam, will ich jetzt aber nicht erklären, denn die Geschichte Litauens ist kompliziert.

Auf jeden Fall fand ich die Stadt schön, grün, einladend und architektonisch und kulturell interessant.

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Ich dachte mir damals: „Wenn ich mal wieder nach Litauen ziehe, dann nach Kaunas.“ Nichts gegen Vilnius, auch eine schöne Stadt, aber ich lebe ungern zweimal in der gleichen Stadt.

Kreativ fand ich die Idee, Fahrräder wie an einem Maibaum aufzuhängen, damit sie nicht so leicht gestohlen werden.

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Vielleicht war das auch Kunst.

Davon wird es 2022 wahrscheinlich noch mehr geben, aber auch vorher ist Kaunas einen ausgiebigen Besuch wert. Neben den Kirchen, Parks und Museen sind das Kloster Pažaislis und das Litauische Freilichtmuseum, beide am Ufer eines großen Stausees gelegen, interessant.

Nicht vergessen sollte man das sogenannte Neunte Fort, das während der deutschen Besatzung Ort von Massenerschießungen von Juden war.

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Ich war noch nicht in dem Museum im Neunten Fort, hoffe aber, dass es besser ist als der Grutas-Park oder auch das Museum im ehemaligen Gestapo-Gefängnis in Vilnius, wo über die Nazi-Besatzung, den Holocaust und insbesondere die litauische Beteiligung daran manchmal etwas geschichtsrevisionistisch hinweggegangen wird.

(Read this in English.)

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Eine kurze Geschichte Litauens

Einer der Gründe für meinen Umzug nach Litauen 2012 war, dass das Land die perfekte Fallstudie für die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts zu sein schien: Unabhängigkeit zwischen den beiden Weltkriegen. Besetzt von der Sowjetunion. Besetzt von Nazi-Deutschland. Dann wieder besetzt von der Sowjetunion. Der Holocaust wütete hier am gewalttätigsten. Schließlich Revolution und Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991. Jetzt EU-und NATO-Mitglied.

Als ich die Preise für die Busse in Vilnius eruierte, stieß ich auf eine Liste mit verschiedenen Preiskategorien für 15 Personengruppen. Dass es unterschiedliche Preise für

  • Schüler,
  • Studenten,
  • Senioren,
  • Behinderte,
  • teilweise Behinderte,
  • u.s.w.

gibt, war ja noch normal. Aber an den zusätzlichen Kategorien der Fahrgäste konnte man regelrecht eine kurze Geschichte Litauens im 20. Jahrhundert ablesen. Rabatt bekommen nämlich auch:

  • Teilnehmer des Widerstands gegen die militärischen Besatzungen von 1940 bis 1990,
  • militärische Freiwillige unter 70 Jahren,
  • militärische Freiwillige über 70 Jahren,
  • Teilnehmer der Befreiungskämpfe,
  • Personen, die unter den Besatzungen von 1939 bis 1990 gelitten haben,
  • ehemalige politische Gefangene,
  • ehemalige Exilierte,
  • ehemalige Insassen von Ghettos,
  • ehemalige Insassen von Konzentrationslagern
  • ehemalige Insassen anderer Unterdrückungslager,
  • Verteidiger der Unabhängigkeit der Republik Litauen, die aufgrund der sowjetischen Aggression vom 11. bis zum 13. Januar 1991 oder danach körperlich eingeschränkt sind,
  • Familienangehörige der verstorbenen Verteidiger der Unabhängigkeit der Republik Litauen, die unter der sowjetischen Aggression vom 11. bis zum 13. Januar 1991 oder danach gelitten haben,
  • Bewahrer der litauischen Unabhängigkeit, die vom 11. bis zum 13. Januar 1991 oder später verwundet wurden und deshalb noch teilweise beeinträchtigt sind.

Obwohl ich damals Student war, bezahlte ich der Einfachkeit halber den normalen Fahrpreis und freute mich über die gemütlichen Oberleitungsbusse aus der Sowjetzeit.

(Foto von Bjørn Giesenbauer.)

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Mein Fitnessstudio

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Jeden Tag die Treppe in den 10. Stock mehrfach hoch- und runterzulaufen ist ein gutes Training. (Der Liftjunge hat mich schon gefragt, ob ich Angst vor der Technik habe.) Ich gehe auch an jeden Ort zu Fuß, den ich so in weniger als einer Stunde erreichen kann. Wenn ich Zeit habe, sogar weiter. In vielen Städten ist man zu Fuß oder mit dem Fahrrad sowieso schneller als der Bus.

Ich kenne Leute, die ins Fitnesstudio fahren, dann mit dem Auto nach Hause fahren und sich dort vom Lift auf die Etage ihrer Wohnung katapultieren lassen. Wenn sie Hunger haben, rufen Sie einen Lieferservice. Ich rufe nie irgendjemanden für irgendetwas. Wenn ich etwas will, muss ich aufstehen, rausgehen und es mir holen. Zu Fuß natürlich. Je weiter, desto besser, denn das verringert die Gefahr, dass ich um Mitternacht noch einen Hamburger in mich hineinstopfe. (Schokolade hingegen läßt sich leider sehr leicht zuhause lagern.)

Wenn ich laufen will, gehe ich in den Park, in den Wald oder an den Strand.

In den letzten 41 Jahren habe ich dadurch Tausende von Euros an Gebühren für Fitnessstudios gespart, womit ich meine Weltreise finanziere.

Und ganz ehrlich, fast immer wenn ich mit Fitnessstudiobesuchern Wandern ging, war der-/diejenige langsam und gab nach 500 Metern auf. Jetzt akzeptiere ich gar keine Wanderpartner mehr, die prahlen: „Ich bin so fit, ich gehe jeden Tag ins Fitnesssstudio.“ Ich bitte sie, zuerst mal eine Runde um den Block zu gehen, wobei viele schon zusammenklappen.

Diese Fitnessstudios scheinen eine riesige Betrusgmasche zu sein.

(Read this in English.)

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Mein TEDx-Vortrag: ein Leben mit Veränderungen

Wenn man mich in einer Stadt, in der rumänisch, ungarisch und deutsch gesprochen wird, zu einem Vortrag einlädt, dann entgehe ich sprachpolitischen Minenfeldern, indem ich Englisch spreche. Ich hoffe, dass das für meine deutschsprachigen Leser und Zuschauer keine zu große Hürde darstellt.

Kurz gesagt ging es darum:

  • Wir werden heutzutage zu alt, als dass wir ein Leben lang das Gleiche tun können, ohne uns zu langweilen.
  • Außerdem haben die meisten Menschen hoffentlich mehr als ein Interesse oder Talent. Wieso sollte man sich für eines entscheiden, anstatt sie nacheinander anzugehen?
  • Es ist also vollkommen normal, alle paar Jahre etwas Neues zu beginnen.
  • So bleibt das Leben spannender als wenn man 40 Jahre am gleichen Ort wohnt und den gleichen Job bei der gleichen Firma macht, und die gleichen Freunde hat, mit denen man jedes Wochenende das gleiche macht.
  • Wartet mit so einer Entscheidung nicht, bis der perfekte Zeitpunkt kommt. Der kommt nämlich fast nie.
  • Ihr habt dennoch Angst vor dem Ungewissen? Dann stellt Euch vor, was das Schlimmste ist, das passieren kann. Wie ich in dem Vortrag am Ende erkläre, ist das Worst-case-Szenario eigentlich gar nicht so schrecklich, wenn man es logisch analysiert. 

    TED stage 2

Wenn mich mal eine TEDx-Konferenz in Deutschland oder Österreich einlädt, kann ich den Vortrag auch gerne auf Deutsch halten.

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