Lynchjustiz in Bolivien

An vielen Orten in Bolivien sah ich an Strommasten, Straßenlaternen, auf Mauern und sogar neben der Kirche lebensgroße Puppen aufgehängt, deren Bedeutung sich mir nicht sofort erschloss.

Puppe1
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Puppe4
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Als ich danach fragte, bekam ich immer ausweichende Antworten, die sich auf „Brauchtum“ bezogen oder sich in einem gar nichts erklärenden „das machen die Leute hier so“ erschöpften. Anfangs dachte ich, mein Spanisch wäre zu schlecht, um den Zusammenhang zu verstehen, aber mit der Zeit wurde es offensichtlich, dass niemand darüber sprechen wollte. Bis ich in La Paz endlich ein Mädchen traf, das mir bei einem Spaziergang durch El Alto ganz offen erklärte, dass die Puppen als Warnung dienten: „In diesem Viertel knüpfen wir Dich auf, wenn wir Dich beim Stehlen erwischen.“

Lynchjustiz also.

Und das sind keine leeren Drohungen. Hier zum Beispiel eine Frau mit ihren zwei Kindern, die des Autodiebstahls bezichtigt und dafür an einen Mahagonibaum gebunden wurden, in dem Nester der roten Feuerameise waren. Die Frau verstarb an den Bissen, die Kinder konnten von der Polizei noch gerettet werden.

ameise

Als Jurist stehe ich dem naturgemäß skeptisch gegenüber, denn wie will der Mob Beweise und entlastende Umstände würdigen, wie ein faires Verfahren garantieren, wie ein adäquates Strafmaß finden? Auch kann ich mir vorstellen, dass die Lynchjustiz Arme, weniger Gebildete und psychisch Kranke noch mehr als die staatliche Justiz benachteiligt. Denn wie man in Bolivien sagt:

Das Gesetz ist wie eine Schlange. Sein Biss trifft diejenigen, die barfuß gehen müssen, am härtesten.

Und manchmal ist es vielleicht einfach nur der schnellste Weg, um einen unliebsamen oder nervigen Menschen loszuwerden.

Laut Ombudsmann gab es 41 Fälle von Lynchjustiz im Jahr 2014, davon endeten 13 Fälle tödlich. Aber ich bezweifle, dass der Ombudsmann alles mitbekommt, was sich im Land so abspielt.

(Dieser Artikel erschien auch im Freitag.)

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Die Anfänge von Instagram

So machten unsere Großmütter ihre coolen Facebook-Profilfotos.

Warsaw 1946.jpg

(Warschau, Polen 1946.)

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Mein Häuschen in Kolumbien

To the English version.

Bogotá ist schon ziemlich grün für eine Großstadt, aber ich wollte nur Natur, ohne Stadt. Also habe ich ein kleines Häuschen nördlich von Kolumbiens Hauptstadt gemietet, wohin man über sanfte Hügel und vorbei an Kuhweiden gelangt und sich dabei die Straße zwischen den Feldern mit erstaunlich vielen Radfahrern teilt. Den letzten Kilometer geht es einen steilen Berg hinauf, wie zu einer Almhütte.

Haus1
Haus2

Es liegt genau zwischen Tenjo und Chía, beide Orte 6 km oder, wie der Vermieter sagt, „eine Stunde und 20 Minuten zu Fuß“ entfernt. Und man macht sich besser nicht zu spät auf den Weg, denn nach 18 Uhr ist es stockdunkel im Tal.

Außerdem wird es auf über 2700 m nachts etwas kühl.

Dafür war ich begeistert, als ich die Bücherecke erblickte.

Bücherecke

Und was für eine beeindruckende Auswahl in dieser abgeschiedenen Hütte aufwartet: Immanuel Kant, Sigmund Freud, Hermann Hesse, William Shakespeare, Jean-Paul Sartre, Robert Musil, Viktor Frankl, Mahatma Gandhi und natürlich der Kolumbianer Gabriel Garcia Marquez. Die meisten davon schöne, gebundene Ausgaben aus den 1930er bis 1950er Jahren. In jener Zeit muss sich hier ein Intellektueller in den Bergen versteckt haben.

Bücher.JPG

Es findet sich sogar ein umfangreiches Werk über die Gestapo,

Gestapo1

in dem zwischen den Seiten 368 und 369 die Eintrittskarte zu einem Stierkampf am 3. Februar 1968 als Lesezeichen liegt.

Gestapo2

Etwas verstörender fand ich die spanische Übersetzung des Tagebuchs von Joseph Goebbels,

Goebbels1

deren Lektüre allerdings ausweislich des Lesezeichens schon auf Seite 46 abgebrochen wurde.

Goebbels2

Als Lesezeichen dienten hier Quittungen des Unternehmens Remington Rand, einem der ersten Computerhersteller, aus dem Jahr 1955. Sehr mysteriös, was sich tief in den Bergen Kolumbiens damals abgespielt haben mag.

Auf dem Schreibtisch beachte man insbesondere den ausreichenden Zigarrenvorrat rechts. Wenn Zigarren nur 0,15 Euro das Stück kosten, dann kann man schon mal zugreifen.

Schreibtisch
Zigarren

Was die Pistole neben dem Compute soll, fragt Ihr? Die war auch schon da. Gehört anscheinend zum Haus. Unter der Treppe ist die Munition gelagert.

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Der erste Abend klang jedoch ganz friedlich aus, mit einem Blick über das dank frischem Regen saftig grüne Tal in der Abendsonne.

erster Abend
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Der Vulkan raucht und die Sonne geht unter

Ein Blick auf den rauchenden Ätna (links) und die untergehende Sonne (rechts) von Capo Milazzo aus. Nicht auf dem Foto: Rechts hinter mir rauchte der Stromboli und links hinter mir war ein Regenbogen über dem langgestreckten Capo Milazzo zu sehen. Ich wußte nicht, wohin ich zuerst sehen sollte.

Etna with sunset from Capo Milazzo

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Nazis in New York

Wenn man die Großeltern auf ihre Mitläufer-, Mitwisser- und Mittäterschaft während der Zeit des Nationalsozialismus anspricht (etwas, das mir meine Eltern zur Wahrung des Familienfriedens untersagten), dann lautet eine der Ausreden gerne:

„Ja, was hätten wir denn tun sollen? Damals musste man Nazi sein!“

Das ist schon faktisch falsch, denn es bestand die Möglichkeit zumindest der inneren Emigration sowie des Widerstands im Kleinen wie im Großen. Selbst der als Entschuldigung für Mordtaten herangezogene Befehlsnotstand wurde schon lange als einer der vielen bequemen Nachkriegsmythen entlarvt.

Die angebliche Drucksituation ist aber auch untauglich und unlogisch als Erklärung.

Denn wie könnte das die Wahlergebnisse der NSDAP vor der Diktatur erklären? Woher kamen die 18%, 37% und 33% Prozent Wählerstimmen bei den Reichstagswahlen 1930 und im Sommer und Herbst 1932? Damals „musste“ man doch auch nach der Theorie der geschichtsverfälschenden Großeltern noch kein Nazi sein.

Zum Zweiten würde das nicht die nationalsozialistische Begeisterung der sicher im Ausland lebenden Deutschen oder Deutschstämmigen erklären. Selbst deutsche Auswanderer in den USA konnten 1939 in New York immerhin 22.000 Menschen zu einer doch sehr eindeutigen Versammlung zusammentrommeln.

Auch hier kein Zwang, kein Druck, keine Notlage. Stattdessen Begeisterung für Rassismus, Antisemitismus und Militarismus. Der „Führer“ des Amerikadeutschen Bundes, Fritz Julius Kuhn, wurde später übrigens wegen Veruntreuung eines Teils der Eintrittsgelder für die im Video gezeigte Veranstaltung verurteilt.


Das fiel mir jetzt wieder ein, wo die Mehrheit der in Deutschland lebenden Türken für das Präsidialsystem von Recep Tayyip Erdogan stimmte.

Links:

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Frohe Ostern!

Read this in English.

Mein kürzlicher aber nicht kurzer Artikel über Südamerika enthielt religionskritische Passagen, bei denen sich einige der religiösen Leser wahrscheinlich gedacht haben: „Na, da übertreibt der Atheist mal wieder heftig.“

Keineswegs und niemals.

Um meinem Punkt zu unterstreichen, musste ich am Samstag Nachmittag nur das Haus verlassen, nachdem die schon dreistündige Prozession vor demselben mit Gesang, Tanz, Trommeln und Trompeten nicht aufhören wollte.

Der Ostermarsch war noch in vollem Gange. In den wenigen Minuten, die ich mich in der scheinbar vom Teufel besessenen Menge aufhielt, marschierten Tausende von weißgekleideten Menschen vorbei.

Ostermarsch.JPG

In den drei Stunden vorher müssen es also Zehntausende gewesen sein. Das vorweg, weil nach dem Lesen der im Folgenden geschilderten Absurditäten einige beschwichtigen werden wollen: „Ach, das ist doch eine kleine Minderheit.“ Ist es nicht.

Auf den Mützen stand „Cristo viene pronto„, „Jesus kommt bald“.

Die Theologen unter meinen Lesern kritisieren mich manchmal dafür, dass ich ein recht simples Bild von Gott und Gebeten verwende, das zu kritisieren natürlich leicht fällt. Aber was soll ich machen, wenn Millionen von gläubigen Christen (und ihre Pastoren!) eben dieses simple Bild glauben und predigen?

Lassen wir die Christen einfach selbst zu Wort kommen.

Schild Schulden Auto

Dieser Herr bedankt sich daür, dass Jesus seine Schulden von 7000 Dollars gezahlt und ihm dieses Jahr ein Auto geschenkt habe. Außerdem macht er öffentlich kund, dass sich seine ganze Familie auf die „gloriose Entrückung durch Jesus“ freue, wobei er „rapto“ falsch schrieb. Nur ein kleiner Beleg für meine These von der Dichotomie von Bildung und Religion.

Ob sich die Umstehenden darüber ärgerten, dass Jesus ihnen kein Auto geschenkt hat, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, weil die Damen, Herren und Kinder die ganze Zeit „Jesus lebt“ und „Jesus kommt bald“ schrien.

Schild Jesus Kopf

Diese Dame bedankt sich bei Jesus dafür, dass er ihren Kopf operiert habe und dass sie jetzt gesund sei.

Die nächste Dame bleibt ähnlich vage, zählt aber zusätzlich zur Migräne Rheuma, Magenschmerzen und eine kaputte Familie auf, von dem allen sie Gott geheilt habe.

Schild Magenschmerzen

Das fand ich arg an den Haaren herbeigezogen, denn gegen Magenschmerzen hilft schließlich oft eine Nacht Schlaf, ein Coca-Tee, eine Coca-Cola, eine Zigarre oder ein Stuhlgang. Die Verstopfung im Hirn hingegen ist ein schwerwiegenderes Problem.

Schild Wirbelsäule

Dieser Herr bedankt sich bei Jesus dafür, dass seine Wirbelsäule jetzt wieder gesund sei, was sich mit dem von ihm gewählten Fortbewegungsmittel nicht ganz verträgt. Aber Logik war an diesem Tag nicht breit gesäht.

Wenn Ihr nicht mehr wisst als ich wusste, dann seid Ihr oben auch über den Begriff „Entrückung“ gestolpert. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist das ein Akt, bei dem Gott und/oder Jesus Menschen aus dem Leben reißt und sie körperlich (!) in den Himmel holt. Und das hat anscheinend etwas damit zu tun, dass Jesus bald kommt.

Eine Dame gab mir dieses Flugblatt, das mit „ACHTUNG!!!“ überschrieben war. Demnach komme „Jesus, der König der Könige“ bald, und der Leser wird gefragt, ob er darauf vorbereitet sei.

Flugblatt1

Für die auf dieses himmlische Ereignis Unvorbereiteten bietet die mit „DRINGEND!!!“ überschriebene Rückseite nähere Informationen.

Flugblatt2

Weiter steht da geschrieben, dass „Millionen von Menschen bald vom Angesicht der Erde verschwinden werden“ und dass dieser Prozess bereits seit Juni 2015 laufe. Seither „geschehen viele übernatürliche Dinge und der Herr habe schon vielen Menschen prophezeit, dass Christus bald komme“. Dies werde übrigens „nicht nur in La Paz und nicht einmal nur in Bolivien, sondern auf der ganzen Welt“ passieren.

Nun verschwinden in Bolivien zwar tatsächlich eine Menge Menschen, aber das meinen die Christen nicht. Sie verweisen stattdessen auf Lahme die gehen können, Blinde die sehen können, geheilte Schwerkranke, „von schmutzigen Geistern“ Befreite sowie, etwas prosaisch, auf „restaurierte Häuser“. Dann folgt der Verweis auf die kircheneigenen Fernseh- und Radiosender. (Danke an die Spender aus Übersee, die glauben, Waisenhäuser oder Schulen zu unterstützen.)

Am Ende dieses Flugblatts beweisen dann aber auch die christlichen Bolivianer den bolivianischen Sinn für Humor. „HINWEIS: Wir wissen nicht, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit die Entrückung stattfindet.“ Wobei eine genaue Uhrzeit bei der hiesigen Unpünktlichkeit auch nicht viel ändern würde.

Humor bewies auch der Typ, der als einziger unter Millionen nicht vollständig in Weiß gekleidet war.

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Sich in einen Rausch betende und rufende in Weiß gekleidete Menschen, die verkünden, darauf vorbereit zu sein, dass Gott sie möglichst bald von dieser Erde hole, kennt man sonst eigentlich nur von ISIS und anderen Dschihadisten. In Südamerika übernehmen das die Christen.

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Am Abend versammelten sich dann alle vor der Kathedrale, wo ein paar Einpeitscher eine Ostershow abzogen, bei der mir Angst und Bange wurde.

Links:

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Karfreitag

Karfreitag ist der Tag im Jahr, an dem Katholiken versuchen zu beweisen, dass sie genauso verrückt und durchgeknallt wie die Angehörigen der meisten anderen Religionen sein können. Auf den Philippinen schlagen sich manche Leute blutig, andere spielen die Kreuzigung von Jesus Christus nach.

Philippines flagellation Easter 1

Philippines flagellation Easter 2

Philippines flagellation Easter 3

Philippines flagellation Easter 4

Philippines crucifixion Easter 2

Philippines crucifixion Easter 1

Nein, diese Religion kann nicht gut für die (geistige) Gesundheit sein.

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Unsortierte Gedanken (11)

  1. Mohammad Mostafaei, der Anwalt, mit dem ich zusammen im Iran festgenommen wurde, hat jetzt ein Buch geschrieben. Angeblich komme ich darin auch vor, aber bis jetzt ist es nur auf Norwegisch erschienen. 09a99002cd0fb493b443f543649a30db
  2. Kennt noch jemand Paul von Heyse oder Jacinto Benavente? Nein? Tja, das zeigt, wie überbewertet der Literaturnobelpreis ist.
  3. Junge Menschen glauben mir oft nicht, wenn ich erzähle, wie früher das Rauchen im Flugzeug nicht nur erlaubt, sondern normal war. Rauchen Flugzeug
  4. Die lustlosesten Leute arbeiten in Telefonläden, oder? Das scheint überall auf der Welt das Gleiche zu sein.
  5. Als Mark Twain 59 Jahre alt war, war er so pleite, dass er sich zu einer Comedy-Tour bereiterklärte, die ihn um die ganze Welt führte.
  6. In vielen Ländern Südamerikas kommt man übrigens hervorragend ohne die zweijährliche Umstellung auf Winter- bzw. Sommerzeit zurecht.
  7. Wer hätte gedacht, dass eine französische Nationalistin ihr Geld aus Russland und ihre Inspiration aus den USA holt?
  8. Nachdem ich schon über die mexikanischen Nazis geschrieben habe, sollte ich auch die „Legión de Guerrilleros Mexicanos“ erwähnen. Organisiert von Cowboy-Führern stellte diese Freiwilligenarmee während des Zweiten Weltkriegs zwischen 100.000 und 150.000 Männer auf die Beine bzw. auf die Pferde, um die befürchtete Invasion Deutschlands und Japans abzuwehren. 91321322_37426533
  9. Das ist womöglich von Interesse für andere Übersetzer juristischer Texte: Bei EUR-Lex kann man europäischer Rechtsakte und Urteile in bis zu drei Sprachen nebeneinander ansehen. Um die offizielle Terminologie in einer anderen Sprache herauszufinden, ist das zuverlässiger als ein Wörterbuch. eur-lex
  10. Schlechte Nachrichten: Jedes Mal wenn ich einen Halbmarathon laufe, sterben mehr Menschen. Das gibt mir schon über die Konsequenzen meines Handelns zum Denken
  11. Allerdings sind hauptsächlich die Großveranstaltungen wie Marathons in Boston, New York und Berlin das Problem. Mir liegen eher die kleinen Läufe irgendwo in der Natur, in den Bergen oder einer Kleinstadt.
  12. Endlich habe ich ein Lied gefunden, das mein Leben beschreibt: „Secret Action Man“, hier unterlegt mit Szenen aus der TV-Serie Reilly – Ace of Spies über Sidney Reilly.

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Das geheime Atomprogramm der Katholischen Kirche

Als ich auf der Bastion von Saint Remy stand und auf Cagliari hinabblickte, sahen meine scharfen Augen etwas Verdächtiges

Fällt es Euch auf?

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Da steht mitten in der Stadt ein Atomreaktor. Versteckt und getarnt als eine Kirche. In Italien genießt die Katholische Kirche ein großes Maß an Autorität und kommt daher mit Sachen davon, die man anderen Organisationen niemals durchgehen ließe, einschließlich unanständiger und krimineller Aktivitäten.

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In Verbindung mit der nächsten Kirche, die verdächtig wie ein Unterseeraumschiff von SPECTRE aussieht, weckt dies Zweifel an der friedlichen Natur des geheimen Atomprogramms des Vatikan.

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Warum ich nach Europa zurückkehre

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Ursprünglich hatte ich vor, einige Jahre in Lateinamerika zu verbringen, um jedes Land von Argentinien bis Mexiko in Ruhe zu erkunden. Als Advokat des ständigen Wandels habe ich diesen Plan geändert und werde im Mai 2017 – nach nur eineinhalb Jahren in Südamerika – nach Europa zurückkehren.

Zu dieser Entscheidung beigetragen haben etliche Gründe, die sich grob in zwei Gruppen einteilen lassen. Zum einen hat mich Südamerika – mit einer Ausnahme, auf die ich immer wieder zu sprechen kommen werde: Bolivien – nicht so fasziniert wie erhofft. Zum anderen habe ich durch den Vergleich der Kontinente bemerkt, wie abwechslungsreich, schön, interessant und reisefreundlich Europa eigentlich ist.

Im Einzelnen und grob in der Reihenfolge der Gewichtung:


Der Lärm

In den eineinhalb Jahren in Südamerika habe ich sicher so viele kumulierte Dezibel aufgenommen wie in den vorangeganenen 40 Jahren insgesamt. Ganz abgesehen davon, dass es mich stört, kann das nicht gesund sein.

Für Europäer ist der Lärmpegel in Städten in Peru oder Brasilien, den beiden lautesten Ländern, unvorstellbar. Ich glaube ehrlich, dass die Schlacht von Stalingrad leiser war als die Hauptverkehrszeit in Arequipa. Aber selbst in Kleinstädten kommt man weder zur Ruhe noch zum Schlafen.

Autos hupen

  • an jeder Ecke,
  • wenn es nicht schnell genug geht,
  • wenn ein Bekannter vorbeiläuft,
  • wenn ein Hund vorbeiläuft,
  • wenn sie am Haus eines Bekannten vorbeifahren,
  • wenn sie auf jemanden warten
  • oder im Falle von Taxis immer wenn sie einen Fußgänger sehen, den sie zum Einsteigen bewegen wollen.

Ich gehe gerne zu Fuß, was Taxifahrer nicht kapieren, weshalb sie mich wie verrückt anhupen. Hundertmal am Tag. Dazu wohnen in meiner Straße vielleicht 40 Leute, die alle 5 Freunde haben, die zweimal am Tag vorbeikommen und dies lautstark mit mehrmaligem Hupen ankündigen. Außerdem ist am Ende der Straße natürlich eine Ecke, an der alle vorbeifahrenden Autos immer hupen. Auch nachts.

Jedes Auto hat eine Riesenstereoanlage, wie ich sie nicht einmal in Diskotheken gesehen habe. Die Musik – und es ist schreckliche Musik mit viel Bässen und wenig Melodie oder Qualität – läuft auf Höchststärke. Wenn das Auto – vorzugsweise vor meinem Haus – geparkt wird, bleibt die Stereoanlage (manchmal auch der Motor) an, und die Fenster werden heruntergekurbelt, damit der Autobesitzer während des Mittagessens bei seiner Mama – Selberkochen ist Männern kulturell verboten – weiterhin seine, ich kann es nicht anders sagen, Scheißmusik hören kann. Das Gleiche machen natürlich alle anderen Jungs in der Straße. Auch nachts.

Aus dem Film Blues Brothers kennt Ihr vielleicht das Auto mit dem Riesen-Megafon auf dem Dach?

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Kein Scherz: In Südamerika bauen sich Leute ebenfalls Megafone oder Stereoboxen aufs Autodach.

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In Lencois in Brasilien sah ich dieses Motorrad mit Lärm-Beiwagen.

Moto-Werbung

Die Autos und Motorräder fahren den ganzen Tag durch die Stadt und plärren Werbung für Obst, Möbel, Restaurants oder eine neue christliche Kirche heraus. Wenn sie gerade keine zahlenden Kunden haben, fahren sie mit lauter Musik durch die Stadt, um ihr Soundsystem anzupreisen. Da es dabei ums Geschäft geht, läuft die Werbung/Musik natürlich weiter, während das jeweilige Auto eine Stunde vor meinem Haus parkt.

Dazu kommt der Lärm aus Häusern, von Balkonen, aus Gärten und vor allem von Geschäften und Restaurants. Besonders in Peru und Brasilien glauben Ladeninhaber, dass sie mehr Kunden bekommen, je lauter ihr Laden ist. Also bauen sie mannshohe Lautsprecher vor ihren Schaufenstern auf, die den ganzen Tag Werbung und/oder grässliche Musik plärren. Da alle 20 Meter ein anderes Geschäft ist, versteht man gar nichts. Viele Restaurants versuchen auf die gleiche Weise, einem den Besuch zu vergällen, wobei sie zusätzlich noch in jeder Ecke einen Fernseher laufen haben. Davor stehen dann alle Kellnerinnen und schauen eine lautstarke Seifenoper oder ein Wrestling-Match an, anstatt die Bestellungen aufzunehmen.

Wenn ich der einzige Gast in einem Restaurant war, habe ich immer darum gebeten, den Fernseher leiser zu stellen. Das stieß auf vollkommenes Unverständnis, und in der Hälfte der Fälle drehte die Kellnerin den Fernseher lauter, weil sie dachte, ich hätte mich versprochen.

In Cochabamba wohnte ich neben einer Adventistenkirche. Diese Adventisten feiern am Freitag Abend eine Messe und verbringen dann den ganzen Samstag in der Kirche. Das Ganze geht mit Musik und Gesang einher, die natürlich über Lautsprecher in die ganze Nachbarschaft gebrüllt werden müssen. Was nützt einem ein schöner Garten mit Blumen und Kolibris und das schönste Wetter, wenn man den ganzen Samstag die Fenster geschlossen halten muss und nicht aus dem Haus kann? In Mollendo wohnte ich am Meer und hätte im Haus immer eine kühle Brise genießen können, wenn ich denn gefahrlos die Fenster öffnen hätte können. Nur von 5 bis 7 Uhr am Sonntagmorgen war es einigermaßen ruhig. In Peru war der Lärm so schlimm, dass ich in ein Geschäft für Bergarbeiterbedarf ging und mir Ohrenschützer kaufte, die ich fortan beim Lesen, Schreiben, Nachdenken und Schlafen tragen mußte. In meinem eigenen Haus!

Früher fand ich Feuerwerke toll. Aber wenn man ein Jahr lang jeden Tag und jede Nacht ein paar davon sieht/hört, würden sie sogar einem Pyromanen zum Hals heraushängen.

Noch schlimmer war es in Salvador in Brasilien. Am ersten Abend laute Trommeln. Nicht nur ein paar, sondern hunderte. Bis um 3 oder 4 Uhr morgens. Die Vermieterin: „Heute ist das Fest der Trommeln.“ Ich: „Nur heute?“ Sie: „Ja, ja, keine Sorge.“ In der nächsten Nacht wieder laute Trommeln, dazu Diskomusik. Die Vermieterin: „Oh, heute ist der internationale Tag des Tanzes.“ Am nächsten Tag war ein Samba-Wettbwerb (natürlich wieder bis um 4 Uhr morgens), dann kam das Wochenende, wo rund um die Uhr durchgelärmt wird, am Montag war irgendein religiöses Fest, dann war ein Stadtjubiläum, dann ein Musikwettbewerb (alle Teilnehmer waren gleich schlecht), und dann war schon wieder Wochenende.

Nicht dass man noch zusätzlichen Lärm benötigte, aber in Brasilien ist es ein anerkannter Beruf, den ganzen Tag einen Lautsprecher durch die Stadt zu schieben.

Insbesondere in Brasilien und Peru habe ich gemerkt: je schlechter die Musik, desto lauter. Ich weiß nicht, wieso Brasilien einen Ruf für Tanz und Musik hat. Es sind immer die gleichen drei Töne, tausendfach wiederholt. Tagelang. Meine Nachbarn in Mollendo spielten mindestens 30 Mal am Tag „Shaky Shaky“ von Daddy Yankee, ein Lied, das so grausam ist, dass ich es mir nicht ein einziges Mal anhören mag.

Auch unterwegs ist man nicht vor Lärm gefeit. Busse sind mit DVD-Spielern ausgestattet, auf denen ausnahmslos blöde und brutale Actionfilme gezeigt werden. In übertriebener und unmenschlicher Lautstärke. Etliche Fahrgäste spielen zusätzlich Musik über ihre Handys ab. Ich hätte in den eineinhalb Jahren wesentlich mehr von Südamerika sehen können, wenn die Busse nicht solch eine Tortur wären, die ich einfach nicht mehr ertragen konnte.

Es folgen noch weitere Argumente, aber ganz ehrlich, der Lärm war der primäre und an sich ausreichende Grund, meine Südamerika-Reise abzubrechen.

Zum Schluss dieses Abschnitts noch zwei löbliche Ausnahmen:

  • Chile ist relativ ruhig und zivilisiert.
  • Bolivien ist zwar auch laut, aber wenigstens ist die Musik besser. Wenn man schon jeden Tag ungefragt geweckt wird, dann doch lieber mit fröhlicher Marschmusik.

Fehlende kulturelle Vielfalt

Vorausgeschickt: Ich finde Südamerika sehr interessant, bunt, kurios, und ich könnte noch Jahre hier verbringen, ohne mich zu langweilen. Aber jede Entscheidung für A ist bei begrenzter Lebenszeit immer eine Entscheidung gegen B, C und D.

Ich lerne gerne ständig etwas Neues. Ich weiß lieber ein bißchen von Vielem als Experte auf einem Gebiet zu sein. Nach mehr als einem Jahr in Südamerika habe ich den Eindruck, dass ich den Kontinent schon besser kenne als Europa. Das klingt absurd, liegt aber an der relativen kulturellen, architektonischen, linguistischen, geschichtlichen und religiösen Homogenität Südamerikas (die zugegebenermaßen von Europäern verschuldet wurde).

Von Guadalajara in Mexiko

über Arequipa in Peru

bis Santiago de Chile

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liegen 7000 km. Aber alle Städte sehen im Wesentlichen gleich aus: Eine Kathedrale, immer katholisch, immer barock. Davor ein Platz, an den Seiten Arkaden. Schachbrettförmig angelegte Altstadt. Ein Kloster.

Überall spreche ich Spanisch. Alle Länder haben eine ähnliche Geschichte: spanische Eroberung, Revolution durch spanische Großgrundbesitzer, Krieg, Simon Bolivar, Unbhängigkeit, Unterdrückung der indigenen Bevölkerung, weitere Revolutionen, Militärdiktatur, wieder Revolution, Demokratie. Überall herrscht ein erdrückender Katholizismus. Die Kultur ist relativ ähnlich.

Natürlich könnte man überall Unterschiede finden, und ich vereinfache hier extrem. Aber wenn ich in Europa 7000 km fahre, dann bin ich am Nordpol oder in Sibirien. Und der Punkt ist: Ich muss gar nicht so weit fahren. In zwei Stunden bin ich in einem anderen Land, mit einer anderen Sprache, Geschichte, Kultur, Architektur. Ich werde überrascht, anstatt das Erwartete vorzufinden. Auf dem Balkan ist man alle 200 km in einem anderen Land, sogar mit einer anderer Religion und einem unlesbaren Alphabet. In Ländern mit starken regionalen Identitäten, z.B. in Italien oder Rumänien, ist jeder Landstrich vom benachbarten unterschiedlicher als Argentinien von Mexiko.

Ich vermisse diese kulturelle Vielfalt Europas. In den Zug zu steigen und nach nur zwei oder drei Stunden die Sprache nicht zu verstehen, bisher unbekannte Architektur zu erkunden und sich in eine andere Geschichte und Kultur einzuarbeiten, ist für mich ein Genuss. Die Negativler, die behaupten, dass die EU alles gleichmache, sollen sich mal ein paar Monate freinehmen und von Estland nach Malta reisen. Oder von Schottland nach Griechenland. Sie werden erstaunt sein, dass unser hübscher, kleiner Kontinent vielseitiger ist als so manche Weltreise.


In Europa gibt es mehr zu entdecken

Das ist so apodiktisch natürlich falsch, denn auf jedem Kontinent gibt es eine Menge interessanter Orte, Menschen und Geschichten. Aber ich wage zu behaupten, dass für die meisten Reisenden Europa exotischer ist.

Wenn man sich in Südamerika lange Zeit mit einem Land beschäftigt (wie ich es in Bolivien getan habe) und Kontakte zu normalen Menschen statt zu Reisebüros knüpft, kann man diese Exotik erleben, wie z.B. als ich drei Tage bei den Mojenos im Urwald war.

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Aber 99% der europäischen, nordamerikanischen und asiatischen Reisenden hier besuchen die gleichen Orte: Machu Picchu in Peru, Salzsee bei Uyuni in Bolivien, Iguazu-Wasserfall in Brasilien und dann nach Rio de Janeiro zum Karneval. Wie auf einer Liste haken sie alles ab, wo es vor anderen Europäern, Nordamerikanern und Asiaten wimmelt, wo sie sich gegenseitig fotografieren und sich dann als große Abenteurer feiern lassen, wenn sie nach Dresden, New York oder Singapur in ihre Büros oder Studenten-WGs zurückkehren. Das ist Pauschaltourismus. Nichts dagegen einzuwenden, aber dann bitte nicht so tun, wie wenn man Thor Heyerdahl wäre.

Wenn ich doch mal solchen Möchtegern-Hippies begegne, was sich auf langen Busfahrten nicht vermeiden läßt, erzähle ich manchmal von meinen Reisen in Europa. Entsetzt stelle ich fest, dass die meisten dieser Europäer ihren eigenen Kontinent genauso pauschaltouristisch behandeln. Sie kennen London, Paris, Rom, Venedig und Berlin. Das gleiche Programm wie japanische Blitztouristen halt. Wenn ich von Rumänien oder Montenegro schwärme, sehen sie mich so skeptisch an, wie wenn sie von der EU-Osterweiterung noch nichts gehört haben. Wenn ich von Transnistrien oder von Guernsey erzähle, kennen sie diese europäischen Länder nicht einmal. Aber sie planen schon ihre nächste große Reise: nach Thailand, Vietnam und Burma, natürlich wieder im sicheren Trek westlicher Touristen.

Nun wäre es falsch, eine Regel aufstellen zu wollen, nach der man seinen eigenen Kontinent kennenlernen sollte, bevor man sich andere ansieht. Jeder soll machen, was er/sie will. Aber ich persönlich sehe meine Aufgabe eher darin, meinen Lesern die exotischen Ecken Europas vorzustellen, als den tausendsten Artikel über Rio de Janeiro zu schreiben. Und wenn es mich wieder in die Ferne zieht, dann wahrscheinlich eher nach Osten. Krasnojarsk, Kirgistan und Kamtschatka klingen für mich exotischer und verlockender als Kolumbien oder Kuba.


Verhältnis von Aufwand und Ertrag

Das ist ein sehr nüchterner Punkt, aber Reisen ist eben auch Planung, Organisation und Finanzierung.

Mir wurde das auf der Osterinsel bewusst. Die ganze Reise dorthin hatte mich mit Bussen, Flügen und Übernachtung trotz sparsamer Planung ungefähr 800 Euro gekostet. Jahrelang liest man über die Osterinsel und gönnt sich einmal im Leben den hart erarbeiten Luxus. Als ich dort war, kam ich nicht umhin, zu denken: „Ja, ist schon eine schöne Insel, unbestritten. Aber 800 Euro für eine Woche? In Osteuropa wäre ich dafür zwei Monate unterwegs.“ Dabei liebe ich Inseln!

Dann erinnerte ich mich, wie einfach, schnell, leicht, günstig, stress- und visumsfrei ich schon etliche europäische Inseln besucht hatte, die wieder fast niemand kennt, von Hiiumaa in Estland

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über Sark

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und Lipari

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bis zur kleinen Insel Zvernec in Albanien.

brüchige Brücke

Wahrscheinlich noch nie davon gehört, oder? Da könnt Ihr überall für 50 Euro hinfliegen. Und damit wärt Ihr die wirklichen Exoten und Abenteurer unter den Reisenden. Ein Bild mit Machu Picchu hat schließlich jeder auf seinem Facebook-Profil. Die Hälfte dieser nur beispielhaft erwähnten Inseln liegt schon in der EU, so dass Ihr nicht einmal Geld oder SIM-Karten umtauschen müsst.

Ich weiß, das ist ein prosaisches Thema, aber mir gehen die ganzen Reiseblogs auf den Sack, die so tun, wie wenn Geld keine Rolle spielt. Dazu gleich mehr.

Und noch eine praktische Sache: Wer mal zwischen Brasilien und Bolivien 24 Stunden auf der Grenzbrücke gestanden ist, wie zwei deutsche Jungs, die ich an der nicht ganz so schlimmen Grenze von Peru nach Bolivien traf, der weiß die EU und Schengen zu schätzen.


Südamerika ist teurer als Europa

„Was?“ werden sich viele fragen, weil das so gar nicht mit unseren Vorurteilen übereinstimmt. Vorurteile, die ich auch hatte.

Der Denkfehler liegt aber darin, Deutschland oder die Schweiz mit Europa gleichzusetzen. Übrigens ein Denkfehler, den auch die meisten Südamerikaner begehen, die dehalb glauben, dass jeder Europäer Kaufkraftmillionär ist. Dabei ist Chile z.B. teurer als die (östliche und südliche) Hälfte Europas. Selbst Bolivien, das günstigste Land Südamerikas, hat ungefähr das gleiche Preisniveau wie Rumänien. Aber wenn Ihr nach Rumänien fliegt, kostet Euch der Flug 20 Euro statt 600 Euro. Das sind 580 Euro mehr zum Verprassen. Oder ein dementsprechend längerer Urlaub.

Insbesondere Fliegen ist in Europa spottbillig. In Brasilien und Bolivien gibt es ähnlich günstige Inlandsflüge, aber jeder grenzüberschreitende Flug geht in die Hunderte von Euros. Wiederum ein großes Dankeschön an den europäischen Binnenmarkt! (Auch wenn ich persönlich die Eisenbahn bevorzuge.)

Ein anderer, sehr nerviger, Punkt, der Südamerika teurer macht, ist dass man als Ausländer/Weißer/Gringo manchmal ausgenommen wird. Mir selbst ist das relativ selten passiert, weil ich schnell Spanisch lernte und weil mir ein scharfes „nein, danke“ sehr leicht von den Lippen geht. Aber insbesondere in Peru, dem diesbezüglich schlimmsten Land, wurde ich von fast jedem als Kunde anstatt als Mensch betrachtet. Jeder wollte ständig etwas zu Mondpreisen verkaufen oder vermieten, auch wenn ich gar nicht danach gefragt hatte.

In Europa hatte ich – selbst wenn ich die örtliche Sprache nicht beherrschte und offensichtlich ein Tourist war – diese Problem nie.

Aber jetzt zu etwas ganz anderem:


Jahreszeiten

Ganz ehrlich: Jahreszeiten sind toll. Mittlerweile vermisse ich sogar den Winter. Einen richtig harten, dunklen, kalten Winter wie ich ihn in Litauen er- und überlebt habe.

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„Was soll das?“ fragt sich der europäische Leser, der mich jetzt aufklären will, dass es doch auch auf der Südhalbkugel Jahreszeiten gäbe, nur eben spiegelverkehrt.

Das stimmt für den tiefen Süden, für Patagonien, aber soweit kam ich – hauptsächlich aus Kostengründen – nicht. Ich hielt mich hauptsächlich in den Andenstaaten Bolivien, Peru und Ecuador auf, wo es eigentlich keine richtigen Jahreszeiten gibt. Die Leute sagen zwar „oh je, jetzt kommt der Winter“, aber das bedeutet, dass es mittags 30 statt 35 Grad hat.

In Cochabamba, das auf 2500 m liegt, schneit es nie. In der Nähe der Stadt liegt der Tunari, ein Berg mit etwas über 5000 m, auf dem es ganz selten schneit.

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Viele Brasilianer kommen zum Medizinstudium nach Cochabamba (weil es in Bolivien billiger ist und weil man an echten Leichen herumschnippeln kann). Wenn es auf dem Tunari Schnee gibt, nehmen sich die brasilianischen Studenten frei, mieten Kleinbusse und fahren auf den Gipfel, um wie kleine Kinder im Schnee zu tollen und ungläubig Fotos davon zu machen. 25- und 30-jährige sehen zum ersten Mal Schnee. Was für ein trauriges Leben.

Der ausgeprägte Wechsel von vier Jahreszeiten, wie es ihn in Mittel- und Nordeuropa gibt, ist nicht nur ein wunderschönes Naturschauspiel, das ich jetzt viel mehr schätzen werde. Er gibt dem Jahr auch einen gewissen Rhythmus, der in jahreszeitenlosen Breitengraden fehlt.

Fehlen tut auch etwas anderes, das in der Bedeutungsskala weiter oben steht als es hier platziert ist. Aber das schwierigste Thema hebt man eben gerne bis zum Schluss auf.


Intellekt vs. Religion

Vorausgeschickt sei Folgendes:

  • Intellekt ist etwas anderes als Intelligenz. Ich meine damit hauptsächlich das Interesse an geistiger Betätigung, an Information, an Diskussion, an Bildung.
  • Das ist schwer zu messen, aber
  • wenn ich einige Wochen in einem Land bin, mit offenen Augen umherlaufe und mich jeden Tag mit Menschen unterhalte, dann sind meine Erfahrungen zwar anekdotisch, aber
  • ich traue mir dann ein (vorläufiges) Urteil über das Geistesleben in einem Land zu, genauso wie ich nach ein paar Wochen in Mexiko und in Litauen ohne statistisch relevante Erhebungen sagen kann, dass Mexikaner im Durchschnitt kleiner und dicker als Litauer sind, oder wie man nach einer Woche in Italien merkt, dass die Menschen dort etwas mehr Wert auf ihren Kleidungsstil legen als wir Deutsche.
  • Intellekt ist nicht alles und wahrscheinlich nicht einmal das Wichtigste. Es gibt intellektuelle Arschlöcher und unintellektuelle herzensgute Menschen.

Ich bin nicht der Ansicht, dass Europa generell intellektueller ist als Südamerika. Vielmehr gibt es auf beiden Kontinenten ausgeprägte nationale und regionale Unterschiede. Aber, vorsichtig ausgedrückt, sind die meisten Gegenden Südamerikas nicht gerade ein Hort des Intellektualismus. Das hätte man sich bei meiner Beschreibung des Lärms schon denken können, denn wie soll man Kants Zum ewigen Frieden lesen, wenn einen die Nachbarn mit ihrer Bumm-bumm-bumm-Musik nicht einmal temporär in Frieden lassen?

In Brasilien und Peru habe ich, obwohl ich es versucht habe, fast niemanden gefunden, mit dem man sich über Literatur, Geschichte, Politik oder Soziologie unterhalten kann. Da geht es nur um Strand, Alkohol, Essen, Musik, Geld und Fußball. Überhaupt scheinen Regionen mit Strand verdümmter zu sein als Städte im Hochland. Das konnte ich ausnahmslos in allen bereisten Ländern beobachten.

Man merkt dies auch am Niveau der politischen Auseinandersetzungen (obwohl das zugegebenermaßen auch in Europa und den USA stark nachläßt). Ich mache dafür u.a. den Fußball verantwortlich, dessen Mannschaftsdenken sich auf die Politik übertragen hat. Man ist dann entweder links und hasst alle Nichtlinken als vom Ausland bezahlte Imperialisten (während die „Linken“ die Bodenschätze an chinesische Unternehmen verscherbeln), oder man ist rechts und hasst alle Nichtrechten als Terroristen (während man beim Staatsterror beide Augen zudrückt), ohne anzuerkennen, dass der wirtschaftliche und soziale Ausschluss breiter Teile der Bevölkerung, insbesondere der Armen und Indigenen, menschlich und politisch falsch ist.

So gibt es in Venezuela noch immer Anhänger Hugo Chavez‘ (der eigentlich schon tot ist), die das Fehlen von Nahrungsmitteln, Elektrizität, Medizin und sogar Toilettenpapier im Land mit den weltweit größten Ölreserven einer natürlich von den USA angeführten internationalen Verschwörung zuschreiben. Evo Morales in Bolivien ist auch so jemand, der für alles, was nicht klappt, den „Imperialisten“ die Schuld zuschiebt.

Dieses simple, unlogische und Fakten ignorierende Denken geht vielleicht zurück auf das Unlogischste überhaupt: auf die Religion. Es ist kein Zufall, dass der Kontinent, der an Intellektualität etwas zu wünschen übrig läßt, einer der religiösesten ist. Und ich meine damit nicht die christliche Religion im aufgeklärten, nordeuropäischen Sinn, wo es halt noch ein paar Leute gibt, die sich aus Tradition nicht ganz von der Vorstellung lösen möchten, dass es etwas diffuses „Größeres“ gibt. Nein, in Südamerika ist das Christentum noch so wie es uns im Kindergarten eingetrichtert wurde: mit einem männlichen, weißen, alten Gott im Himmel und mit einem dunkelhäutigeren Teufel in der Hölle. Dieser Gott ist eine Person, die ganz persönlich Entscheidungen im Leben eines Jeden trifft, und deshalb muss man ganz viel beten und in die Kirche gehen und insbesondere spenden. Hier glauben die Leute an die wörtliche Wahrheit der Geschichten von Adam und Eva, der Sintflut und ähnlichem Mumpitz und bestreiten deshalb natürlich, dass es Dinosaurier gab.

Wie soll da kritisches und wissenschaftliches Denken gedeihen? Vor ein paar Wochen traf ich eine Biologin (!) aus Venezuela, die mir ernsthaft weismachen wollte, dass ein Beleg für die Wahrheit der Bibel sei, dass sie Erdbeben richtig vorhersage. So einen Scheiß muss ich mir anhören. Im Jahr 2017! Es war das erste Mal, dass ich bei einem Date einfach aufstand und ging.

Wer nicht in die (gleiche) Kirche geht, wird als schlechter Mensch angesehen. In Mollendo hatte ich einen Nachbarn, der mich jede Woche unter erlogenen Vorwänden um Geld anpumpte. Einmal bat er um Geld für eine Heiligenprozession. Ich lehnte ab und erklärte, dass ich Atheist sei. Er riss entsetzt den Mund auf, taumelte zurück, stammelte etwas Unverständliches, ging rückwärts aus meiner Wohnung und kam nie wieder vorbei. Dass die Kirche schon reich genug ist, fällt den Armen nicht auf, die 10% ihres Einkommens dem Priester für dessen Zweitwagen spenden.

Nun ist Religion ja immer dumm, aber diese Art der Religionsausübung ist regelrecht gefährlich. Eltern kaufen ihren Kindern keine Bücher, sondern spenden das Geld der Kirche, um für gute Noten zu beten. Wenn das Kind tatsächlich erfolgreich ist, belohnen die Eltern nicht das Kind, sondern tragen noch mehr Geld zum Priester. Wenn ein Team von Ärzten die ganze Nacht durcharbeitet, um einen Gehirntumor zu entfernen, verkauft die Familie am nächsten Tag ihren gesamten Viehbestand und gibt eine Marienstatue in Auftrag. Das Krankenhaus bleibt unterfinanziert. Ich habe es selbst Dutzende Male erlebt, dass sich Taxi- oder Busfahrer vor dem waghalsigen Überholen auf einer kurvigen Straße bekreuzigen. Gott wird es schon richten. Die Straßenränder sind gesäumt mit Kreuzen für die Toten. „Das war Gottes Wille“, sagen die Hinterbliebenen achselzuckend und spenden noch mehr Geld an die Kirche, um dem gleichen Schicksal zu entgehen.

„Gott is mein Pilot“ stand in diesem Taxi in Paita in Peru. Der junge Mann fand trotzem das Hotel nicht, obwohl ich ihm den Namen des Hotels, den Straßennamen und eine genaue Wegbeschreibung gab. So richtig scheint das mit diesem Gott nicht zu funktionieren.

dios es mi piloto

Nicht nur der Zusammenhang zwischen Religiosität und Anti-Intellektualismus ist unübersehbar („Wieso hast Du soviele Bücher? Es gibt nur ein richtiges Buch, und das ist die Bibel“, höre ich zum Beispiel immer wieder), mir scheint, dass er sogar beabsichtigt ist. Die Kirchen halten die Leute dumm, damit sie weiter die luxuriösen Häuser der (oft nordamerikanischen und europäischen) Missionare und Priester finanzieren. Dass insbesondere die Katholische Kirche in Südamerika eine Geschichte von Völkermord, Sklaverei, Vergewaltigung, Raub und Plünderung hinter sich hat, fällt niemandem auf.

Aber natürlich gibt es auch nicht-religiöse Denkmuster, die jede Disussion im Keim ersticken. Insbesondere in Peru ist das der Nationalismus. Ich habe noch nie so einen blinden, chauvinistischen Nationalstolz erlebt wie in Peru.

Te amo Peru

Fast jedes Mal, wenn ich eine kritische Anmerkung machte, flippten meine peruanischen Bekannten aus, entzogen mir als Ausländer die Berechtigung, etwas über ihr Land zu sagen (wobei sie sehr gerne die Ausländer zitieren, die Peru nur super und toll und schön finden), und beleidigten sodann mich und alle umliegenden Länder. Viele Peruaner begründen ihren Nationalstolz komischerweise damit, wie schlecht, arm und zurückgeblieben alle Nachbarländer angeblich sind. Wenn ich frage, ob sie schon mal in Ecuador, Bolivien oder Chile waren, antworten die Peruaner: „Nein, auf keinen Fall. Das ist ganz schlimm und häßlich dort. Außerdem ist Peru das schönste Land der Welt. Ich muss gar keine anderen Länder sehen.“ Wenn ich – aufgrund der Erfahrung, alle Nachbarländer bereist zu haben – widerspreche, werden sie aggressiv: „Was willst Du Gringo eigentlich hier? Geh doch zurück nach Europa.“

Tja, genau das mache ich nun. Zwar liegt dort auch vieles im Argen, aber ein bißchen mehr von der Aufklärung scheint mir schon hängengeblieben zu sein.

Vorher muss ich aber noch zwei Städte lobend erwähnen: In La Paz und insbesondere in Cochabamba gibt es ein intellektuelles und kulturelles Leben mit Diskussionen, Veranstaltungen, Konzerten, Ausstellungen, Bibliotheken und politischen Manifestationen, dass einem warm ums Herz wird. Überhaupt traf ich nirgendwo so viele gebildete, interessierte, diskussionsfreudige, reflexionswillige Menschen wie in Bolivien. Während meine Bekannten in Brasilien mich an den Strand und in Peru zum Essen einluden, wurde ich in Bolivien ganz sebstverständlich zu politischen oder akademischen Veranstaltungen, zu Vorlesungen in der Universität, zu Ausstellungen oder Filmvorführungen oder schlicht zum Wandern eingeladen. Dass nicht alles in Bolivien rosig ist, zeigt jedoch eine Reise nach Santa Cruz, eine der oberflächlichsten, materialistischsten und unintellektuellsten Städte, die ich kenne.


Persönliche Gründe

Zuletzt hat jede Entscheidung auch ihre ganz persönlichen Gründe.

  • Nachdem mein letzter Studienabschluss schon mehr als drei Jahre zurückliegt, zieht es mich wieder an die Universität. Dazu bald mehr in einem gesonderten Artikel.
  • Mich reizt seit einiger Zeit der Gedanke einer richtig langen Wanderung. Das ist zwar theoretisch auch in Südamerika möglich (in Cuenca in Ecuador traf ich einen ca. 65-jährigen Niederländer, der zu Fuß den gesamten Kontinent durchwandert), aber ich will einfach nicht 1200 km durch die Atacama-Wüste laufen. Und im Regenwald habe ich panische Angst vor Schlangen. In Europa plagt mich hingegen nur die Qual der Wahl. 
  • Das Schreiben wird für mich immer wichtiger als das Reisen, so dass ich mich nach einer gemütlichen Wohnung mit einer wieder aufzubauenden Bibliothek sehne. Aufgrund guter Erfahrungen in Litauen und Rumänien verbinde ich diese Vorstellung mit einem sowjetischen Plattenbau in Osteuropa. Savanoiru prospektas Vilnius Krushchovka 1.JPG
  • Ein paar medizinische Probleme, die sich wider naives Hoffen nicht von selbst lösen, müssen irgendwann auch mal angegangen werden. In Südamerika habe ich leider keine Krankenversicherung. Vielleicht hätte ich mehr beten und spenden sollen, und Jesus hätte auch mich geheilt.

Schluss

Wohlgemerkt, Südamerika bietet spektakuläre und wunderschöne Landschaften, von der Chapada Diamantina bis zum Titicaca-See, ich habe Hunderte von feundlichen Menschen kennengelernt, und mir würde auch hier nicht langweilig werden. Ich kann mir vorstellen, dass ich mal wieder nach Südamerika zurückkehre. Ja, ich bin mir sogar sicher, dass ich, sobald der Dampfer am 11. Mai 2017 in Cartagena ablegen wird, vieles vermissen werde.

Aber jede Entscheidung ist eine Frage der Prioritäten.

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