Unsortierte Gedanken (7)

  1. Wie wäre es mit einer Obergrenze für im Mittelmeer Ertrinkende?
  2. In Venezuela, das von den 1950er bis in die 1980er Jahre das reichste Land Südamerikas war, und das noch immer über die größten Erdölreserven der Welt verfügt, verhungern die Menschen jetzt.
  3. Jetzt ist Venezuela eher für seine extrem hohe Kriminalitätsrate bekannt, einschließlich der für Mord. Das hört sich nach einem Land an, in dem ich mal vorbeischauen sollte.
  4. Multikulti gab es schon bei den Nazis. 
  5. Bis 1974 war ein Leben wie meines nach § 361 I Nr. 3 StGB in Deutschland als „Landstreicherei“ strafbar. Allerdings würde es mich nicht überraschen, wenn die Anwendung damals rassistisch motiviert und sich hauptsächlich gegen Roma und Sinti anstatt gegen Aussteiger gerichtet hat. Das wäre eigentlich das passende Thema für mich, wenn ich mal wieder eine Promotion in Rechtswissenschaft angehen will.
  6. Manchmal kaufe ich mir in Bolivien Filme, um Spanisch zu lernen. Das funktioniert am besten mit Filmen, die ich schon auf Deutsch oder Englisch gesehen habe und in denen viel gesprochen wird. Also Anwaltsfilme wie Eine Frage der Ehre. Nachdem ich den dritten oder vierten DVD-Verkäufer danach gefragt hatte, und sie mich verdutzt ansahen, merkte ich, dass der Film älter ist als die Jungs, die ihn also natürlich nicht kannten. Ich fragte: „Wer in der Straße hier ist der älteste Filmverkäufer?“ und der Junge führte mich zu einem alten Mann. Als ich nach Cuestión de honor fragte, wußte dieser sofort, was ich meinte, und griff aus einer Wand mit 1000 DVDs die richtige heraus.cuestion-de-honor
  7. Schon blöd, wenn man sowohl nach einem Diktator als auch nach einem Virus benannt ist.
  8. Die Schweizer Gerichtsbarkeit macht es sich leicht mit Querulanten (Art. 132 ZPO). querulant-132-zpo-schweiz
  9. Donald Trump: „Putin hatte Recht. Man braucht eigentlich gar kein Parlament, um zu regieren.“
  10. Aus der Perspektive Südamerikas waren die Spanier und die Christen die gefährlichsten Menschen der Geschichte.
  11. Das Schlimme an den Fake News ist, dass deren Schreiberlinge auch noch besser verdienen als Journalisten oder gar aufrichtige Blogger wie ich.
  12. Es freut mich, zu lesen, dass es für das Erasmus-Programm keine Altersgrenze gibt. Dann kann ich das auch endlich mal in Anspruch nehmen, wenn ich demnächst wieder studiere.
  13. Bei der Vorstellung des Buches True Believer: Stalin’s Last American Spy wies die Autorin Kati Marton auf die Parallelen zwischen denjenige, die sich zur Spionage für die Sowjetunion verführen ließen, und denen, die jetzt beim IS anheuern, hin. Bei beiden Gruppen sei die vorherrschende Motivation nicht die Identifikation mit einem Gegner, sondern das Gefühl des Ausgegrenztseins, des Verkanntwerdens und der Wunsch, etwas Besonderes zu sein. Die Jungs, die jetzt Dschihadisten werden, wären in den 1970ern vielleicht zur RAF gegangen.
  14. Das Problem mit den Selbstmordattentätern löst sich auf lange Sicht durch die Evolution.
  15. Diese Diskussion im Deutschlandfunk zur DDR-Geschichte fand ich sachlich und informativ. Manchmal kommt es mir so vor, wie wenn ich als 1975 in der BRD Geborener mehr über die Weimarer Republik und das Dritte Reich weiß als über die DDR. Daran könnte ich bei meinem nächsten Deutschlandbesuch mal arbeiten.
  16. Immerhin war ich schon zweimal in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, einem ehemaligen Stasi-Gefängnis. Beide Male wurde die Führung von früheren Häftlingen vorgenommen, was besonders eindrucksvoll und bewegend war. Empfehlenswert!
  17. Meine derzeitige Lieblingsmusik ist die 5. Sinfonie von Tschaikowski, die sich hervorragend als Hintergrundmusik beim Schreiben eignet.

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Der tröstende Hund

Normalerweise mag ich keine Hunde. Wenn Hunde nicht ganz doof sind, merken sie das und lassen mich in Ruhe.

Aber als ich auf dem Umzug von Bolivien nach Peru in Copacabana gestrandet war und dachte, mein gesamtes Gepäck, einschließlich meiner Notizbücher, meines Computers und damit aller Fotos und Geschichten der letzten Jahre verloren zu haben, und dementsprechend verzweifelt dieses Malheur in das einzige verbleibende Notizbuch kritzelte, kam dieser Hund vorbei und schmiegte sich an meine Beine.

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„Alles verloren, aber wenigstens einen neuen Gefährten“, dachte ich mir. Zum Glück klärte sich das Desaster nach einigen Stunden auf. Der Hund zog treulos weiter.

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Die Materialisten-Christen

To the English version of this article.

Wenn die Dinge, das Geld, die Weltlichkeit im Mittelpunkt unseres Lebens stehen, dann ergreifen sie Besitz von uns, und wir verlieren unsere menschliche Identität.

Papst Franziskus, 29. September 2013

Diese neue Linie der Katholischen Kirche, die mit der Tradition des Ablasshandels bricht und die nicht mehr Wasser predigt während sie Wein trinkt, scheint in Bolivien noch nicht angekommen zu sein. Denn an einem normalen Freitagnachmittag bildet sich eine Schlange aus Hunderten von Autos, Kleinbussen und Lastwagen vor der Kathedrale in Copacabana. Sie sind alle hübsch geschmückt mit farbigen Bändern, kitschigem Flitter und Tand, und einige von ihnen tragen den andentypischen Hut.

Schlange von Autos
Auto mit Hut

“Das ist aber eine Riesenhochzeit”, mögt Ihr denken, aber dem ist nicht so. Die Autos fahren vor, um gesegnet zu werden. Die genaue Prozedur, wie sie schon in Psalm 68:18 beschrieben ist, läuft wie folgt ab: Man wartet, bis die Kraftfahrzeuge vor einem abgefertigt wurden, und fährt dann auf den Platz vor der Kathedrale.

Autos vor Kathedrale.JPG

Dort öffnet man die Motorhaube, schmückt sie mit Girlanden, Konfetti, Blumen, Geldbörsen, Ikonen, Statuen der Jungfrau Maria und kleinen Plastikautos. Ich habe nicht ganz verstanden, ob man dabei ein Modell des eigenen Autos verwendet oder ein Modell des größeren Autos, das man als nächstes begehrt.

Altar im Auto.JPG

Bis jetzt habt Ihr Euch vielleicht gedacht: “Diese Menschen verkennen die wahre Botschaft Jesu Christi. Sie legen die Bibel falsch aus. Das hat doch alles nichts mit der Katholischen Kirche zu tun.“

Falsch.

Denn dann kommt der Pfarrer. Die Pfarrer – es sind mehrere, weil sie es ja mit einem ganzen Konvoi an christlichen Kraftfahrern zu tun haben – tolerieren dieses Spektakel nicht nur stillschweigend, sondern sie verbeugen sich vor der offenen Motorhaube, bekreuzigen sich wie wenn sie vor einem Altar stünden, spritzen Wasser darüber (Christen glauben, dass Wasser heilig sein kann), sprechen ein paar Gebete und umkreisen das Auto, wobei sie Wasser in alle Türen und den Kofferraum verspritzen.

Dann posieren sie für ein Foto mit der glücklichen Familie.

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Jetzt öffnet der Besitzer des Autos eine Flasche Bier oder etwas anderes Alkoholisches, geht einmal um sein Auto und versprüht dabei den Alkohol wie es der Priester mit dem Weihwasser getan hat. Dann, schließlich sind wir in Südamerika, wo Lärm als eine gute Sache gilt, werden die Knallkörper gezündet.

Feuerwerk vor Auto

Da ich dieses Ritual in Copacabana schon einmal gesehen hatte, ebenfalls an einem Freitag, fragte ich beim Mittagessen, ob das jede Woche stattfände. “Nein”, rief der Gastwirt aus, wie wenn meine Frage eine Beleidigung der örtlichen Hingabe in Glaubensfragen gewesen wäre, “jeden Tag! Von 11 bis 14 Uhr.” Freitag scheint nur der beliebteste Tag zu sein, denn die meisten Autos stammten aus dem benachbarten Peru. Die gläubigen Familien kommen gerne für die christliche Wallfahrt und verbringen dann das Wochenende am Titicaca-See. Dort sah ich lustigerweise viele Familien, die einen Inka-Priester anheuerten, der eine zweite Zeremonie an dem bereits getauften Auto durchführte, bei der er Holzkohle und Koka-Blätter verbrannte, sang und tanzte und natürlich eine weitere Flasche Alkohol über das Auto vergoss.

Ein paar hundert Meter weiter offerierten Autowäscher ihre Dienste im Titicaca-See. Dieser See hat wahrscheinlich als einziger See der Welt einen höheren Alkohol- als Salzgehalt. Die Forellen schmecken hier besonders gut.

Möglicherweise kommt Euch das alles ziemlich materialistisch vor. Aber die Katholische Kirche in Südamerika hatte schon immer ein Herz für die Armen (Befreiungstheologie). Deshalb gibt es auch eine Option für autolose Christen. Um diese zu entdecken, müsst Ihr mit mir aber den Berg auf der Linken erklimmen.

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Da sich an diesem Ort alles um Jesus dreht, heißt der Berg Kalvarienberg und der Weg zum Gipel ist ein Kreuzweg. Es geht ziemlich steil bergauf, und wegen der Höhe (der Gipfel liegt auf 3.973 m – vielleicht der höchste Kreuzweg der Welt) ist man wirklich gezwungen, an jeder Station Halt zu machen und zu beten Atem zu holen, wobei man den Blick auf Copacabana und später auf den Titicaca-See genießen kann.

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Auf halbem Weg erwartet einen diese Jesusstatue mit einer geöffneten Tür.

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Für den Fall dass man es nicht selbst kapiert, ist eine hilfreiche Tafel angebracht, die erklärt, dass man hier seine Spenden hinterlassen sollte. Wie jeder aus dem Bibelunterricht weiß, funktioniert es so: Man hinterläßt ein bisschen Geld, betet, und dann schicken Dir Herr Jesus, Herr Gott oder Herr Ponzi (die heilige Dreifaltigkeit) mehr Geld. Das Schild schlägt hilfreicherweise vor, dass man für „Autos, Häuser und Dollar“ beten kann, was besonders komisch ist, weil der Dollar eigentlich nicht die gängige Währung in Bolivien ist. Dieser Herr Jesus ist anscheinend ziemlich wählerisch.

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Gleich hinter dem „Heiligen Herz Jesu“ bieten etliche Aymara-Priester ihre Dienste an und kombinieren ganz unproblematisch christliche mit Inka-Symbolen.

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An dieser Stelle ist man besser beraten, einfach die Aussicht zu genießen. Eine Wanderung entlang dieser Küste ist einem anderen Artikel vorbehalten, der – so Gott will – erscheint, wenn Ihr genug betet und zahlt.

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Von dem Wunsch beseelt, göttliche Erlösung zu erhalten, setze ich den Aufstieg fort. Auf dem Gipfel werde ich belohnt mit einem Potpourri an Kreuzen, Kerzen und Menschen in lustigen Kostümen, die für Fotos posieren.

Aber jetzt zum wichtigsten Teil. Schließlich pilgert man nicht den ganzen Weg für nichts. Als richtiger Christ will man belohnt werden! Ihr wollt ein Auto, ein Haus, vielleicht ein größeres Haus oder gar einen ganzen Wohnblock. Und viele Dollars natürlich. Um diese gesegneten Wünsche zu erreichen, könnt Ihr Miniaturmodelle von dem erwerben, was Ihr Euch wünscht. Dann kauft Ihr ein paar Kerzen, zündet sie an, hinterlasst das Ganze auf einem der Altäre, und – schwuppdiwupp – werdet Ihr Autos, Häuser und noch mehr Dollars erhalten. Es funktioniert wirklich! Nur das kann den beständigen Wirtschaftsboom in Bolivien erklären.

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Die Koffer sind für diejenigen, die reisen wollen, aber meinen Artikel darüber, wie man auch ohne viel Geld um die Welt reisen kann, nicht gelesen haben.

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Am lustigsten fand ich, dass man auch Universitätsabschlüsse, Gesundheitszeugnisse, Führerscheine und sogar einen bolivianischen Pass kaufen kann. Letzteres hätte ich vielleicht versuchen sollen, um meine Visumsprobleme zu umgehen.

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Was hier in Südamerika geschah, ist, dass die Katholische Kirche die schon bestehende Idee von Menschen- und Tieropfern übernahm. Aber da sie mit all den Lamas und Jungfrauen nichts anfangen konnte (woher hätten die Inkas wissen sollen, dass katholische Priester mehr auf kleine Jungs stehen?), nimmt sie stattdessen gerne bares Geld.

– – –

Falls die subtile Nachricht nicht angekommen ist:

Die meisten meiner Leser leben in Ländern, die Ihr als überwiegend christlich geprägt bezeichnen würdet. Wenn Ihr dann lest, dass angeblich 90% der Bolivianer Christen sind, denkt Ihr, etwas über das Land zu wissen. In Wirklichkeit weiß man nichts, wenn man nicht das Haus verläßt und sich die Welt ansieht. (Oder diesen Blog liest.)

Wenn selbst Begriffe wie „christlich“ oder „katholisch“, mit denen Ihr aufgewachsen seid und die Ihr zu glauben kennt, schon im nächsten Land ganz anders interpretiert werden, stellt Euch vor, wie falsch Ihr mit Euren Vorurteilen über Juden, Muslime und Hindus liegt.

Links:

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Die Maske des Bösen

Ist es Zufall, dass sich der böse Mann auf diesem Wandgemälde in La Paz, Bolivien, das Kinder davor warnt, keine Dinge von Fremden anzunehmen, hinter einer Maske von Donald Trump verbirgt?

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Ich finde diese Warnung übrigens übertrieben, denn die meisten Fremden sind gute Menschen.

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Bucht der Schafe

Auf der Isla del Sol im Titicaca-See liegt nicht nur die berühmte Schweinebucht, sondern auch eine geheime Bucht der Schafe.

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Bei solch einer Aussicht wird die von den Schafen produzierte Wolle wahrscheinlich besonders wohlig.

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Video: Zeit für eine Pause

Nachdem ich den Cerro San Luis (4.267 m) im Nationalpark Cajas in Ecuador bestiegen, überwunden und wieder heil heruntergekommen war, musste ich diesen Fluss überqueren.

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Die Nationalparkangestellte im Besucherzentrum hatte mir, da es keine gedruckten Landkarten mehr gab, erklärt, ich solle einfach den Fluss entlang laufen, bis ich zu einer Brücke käme. Als ich die Brücke tatsächlich fand, war es der perfekte Ort für eine Pause. Natürlich in gewohnter Cowboy-Manier.

(To the English version.)

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Das sollte es in jedem Hotel geben.

Als ich im Mundo-Albuerge-Hostel (nicht empfehlenswert, da zu laut) in Lima (dito), Peru (dito) ankam, wurde ich gefragt, ob ich ein Zimmer mit oder ohne Katze haben wolle.

Hoffend, dass “gatito” nicht irgendeine unanständige Bedeutung hat, derer ich nicht bewusst war, sagte ich „mit Katze, bitte“.

Und tatsächlich wartete in meinem Zimmer eine Katze auf dem Bett.

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Das ist eine Sache, die sich andere Hotels abschauen könnten.

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Schafe

In der Ebene seht Ihr die sogenannten Talschafe, während die Bergschafe auf halber Höhe am Hang grasen. Jetzt im Winter wandern sie langsam den Berg herab und schlagen ihr Lager in der Nähe der Talschafe auf, halten sich von letzteren jedoch distanziert.

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Direkt an der Landstraße leben die sich für zivilisierter haltenden Schafe. Sie werden öfter überfahren.

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Nur wenige Experten können diese verschiedenen Schafarten unterscheiden, so dass wir meist den Oberbegriff „Schafe“ für alle drei und weitere hier nicht aufgeführte Schafgruppen verwenden.

Irgendwie ist das also wie bei Menschen, die alle ziemlich ähnlich sind, sich selbst aber auf kleine Unterschiede fokussieren und sich in nationalen, regionalen oder religiösen Gruppen gegeneinander abgrenzen.

(Fotografiert auf der Fahrt von Cluj-Napoca nach Târgu Mureș in Rumänien.)

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So haltet Ihr Euch die Zeugen Jehovas vom Leib.

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Fast könnte ich Verfolgungswahn bekommen, wenn ich mir ins Gedächtnis rufe, in wie vielen Ländern mich die Zeugen Jehovas schon zu Hause aufgesucht haben: in Deutschland, England, Malta, Litauen, Italien, Rumänien, Bolivien und Peru. In Sizilien und in Rumänien kamen sie in den ersten Tagen nach meinem Einzug, wie wenn sie ständig und weltweit alle Um-, Ein- und Auszüge überwachen, wie der Geheimdienst des Herrn Jesus. Oft kreuzten [bitte die heilig-geistreiche Anspielung auf Jesus‘ Tod nicht überlesen!] die Zeugen Jehovas schon vor den bestellten Installateuren für das Internet auf, was in mir eine Geschäftsidee reifen ließ, die ich dem Vorstandsvorsitzenden der Zeugen mal übermitteln muss.

Und dann kommen noch die älteren Damen dazu, die einen im Park ansprechen, die jüngeren Damen, die mit einer Bibliothek evolutionsmissverstehender Pamphlete in der Fußgängerzone stehen, und die Herren, die sich ganz zufällig im Zug neben einen setzen.

Aufgrund meiner etwa 67 Begegnungen mit den Jesuszeugen weiß ich mittlerweile auch, wie man sie sich vom Hals hält:

  • Darauf zu verweisen, dass man Atheist ist, und zwar schon seit 25 Jahren, und ja, dass man sich das gründlich überlegt habe, und dass – wenn ich ungeduldig werde, werde ich manchmal elitär – man ja immerhin Philosophie studiert habe und deshalb durchaus über die wichtigen Aspekte des Lebens auf höherem Niveau nachgedacht habe, hilft gar nichts.
  • Humor hilft auch nicht. „Hallo, wir sind von den Zeugen Jehovas.“ Darauf ich: „Ach, Jesus wurde also doch gezeugt?“ Der schon von vornherein nicht sehr hochwertige Witz fiel auf vollkommen humorlose Ohren. Vielleicht ist Humor ebenso verboten wie Tabak und Alkohol.
  • Zigarren zu rauchen, während einen die Abstinenzler mit ihrem Wortschwall zuqualmen, hilft auch nicht. Ich glaube, sie fühlen sich dadurch im Vergleich sogar als bessere Menschen. „Hast Du den armen, schwachen Sünder gesehen, wie er Teufelszeug geraucht hat?“ sagen sie dann beim Hinausgehen zueinander.
  • Extrem aggressive Unfreundlichkeit habe ich noch nicht probiert. Ich wünsche, ich wäre mal in der Stimmung dazu, wenn es klingelt, aber meist bin ich zu guter Laune.

Aber jetzt kommt der Trick:

  • Schon dreimal gingen die Zeugen Jehovas nach einer halben Minute von selbst. Jedes Mal war einer der Zeugen im Redefluss, während der andere mich begutachtete und dann etwas bemerkte, was ihm gar nicht gefiel. Entsetzt zupfte er seinen Kollegen am Ärmel, deutete mit offenem Mund auf meinen Bauch, und beide verabschiedeten sich blitzschnell.

Was war passiert?

  • Ich habe einen Pullover mit dem Logo der Israelischen Luftwaffe. Da er bequem ist, trage ich ihn zuhause oft. So prangt auf meiner Brust dann ein Davidstern, der die Zeugen anscheinend das Fürchten lehrt.
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Zum ersten Mal passierte dies in Malta, wo ich es noch auf den landesüblichen Antisemitismus schob. Als dann aber das gleiche in Litauen und in Rumänien geschah, erkannte ich ein über die Persönlichkeit der an der Tür klingelnden Einzelpersonen hinausgehendes Muster.

Eine kurze Recherche ergab, dass die Zeugen Jehovas tatsächlich eine antisemitische Tradition haben, die durchaus noch gepflegt wird.

Aber wenigstens wisst Ihr jetzt, wie man diese aufdringlichen Kerle ganz schnell loswird. Viel Erfolg!

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Ein Spaziergang durch Iași

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Nur einen Tag verbrachte ich in Iași im fernen Osten Rumäniens, was wiederum für die meisten meiner Leser den fernen Osten Europas darstellt, während ich auf dem Rückweg aus Moldawien, noch weiter im Osten, war. Aber je Osten, umso interessanter wird Europa. Ein Tag war zu kurz, aber immerhin genug für ein paar erste Eindrücke, die ich großzügig und reich bebildert mit Euch teile.

Ausgesprochen wird der Name der Stadt „jasch“; in älteren deutschen Texten findet man auch die Namen Jassy oder Jassenmarkt.

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Da mich „Jassy“ immer an die Operation Jassy-Kischinew aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert, werde ich den rumänischen Namen verwenden.

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Wer mit dem Zug nach Iași kommt, könnte sich glatt im Dogenpalast in Venedig wähnen.

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Und wenn Eure Reise hier beginnt, nehmt Ihr den Fahrschein stilvoll an einem mit gotischen Spitzbögen verzierten inversen Erker in Empfang.

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Dass vor dem Palast Bahnhof zu jeder Tages- und Nachtzeit ausreichend Taxis bereitstehen, die einen auch ohne Feilschen für zwei bis drei Euros an jeden Ort der Stadt bringen, ist selbstverständlich. Nach einem Jahr in Rumänien verstehe ich wirklich nicht mehr, wieso in Deutschland die Taxilizenzen so knapp gehalten werden. Mir schien es manchmal, wie wenn in rumänischen Städten jedes dritte Auto ein Taxi wäre.

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Der gegenüberliegende Busbahnhof gleicht nicht weniger einem Schloss.

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Jetzt fragt Ihr Euch, wie in einem Land, in dem Nutzbauten wie Schlösser aussehen, die echten Schlösser aussehen, oder? Wir wollen nicht abschweifen, erst recht nicht an diesem frühen Punkt des Traktats, aber Neugierigen empfehle ich das Schloss Peleș.

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Iași hat weniger als 300.000 Einwohner, aber Platz für mehr, denn 1992 waren es z.B. noch 345.000. Wer wissen will, wohin die Differenz entschwunden ist, kann in einem Krankenhaus in Deutschland oder einem Software-Unternehmen in Kalifornien vorbeischauen.

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Wegen dieser Entvölkerung wirkt die Stadt nicht überfüllt, sondern eher wie ein gemütlicher Park.

Anders ist das nur am 14. Oktober zum Fest der Heiligen Paraschiva, einer – wie der Name nahelegt, so dass sich weitere Recherchen erübrigen – Stellvertretergöttin des hinduistischen Schiva, deren Reliquien im Kühlschrank der Metropoliten-Kathedrale in Iași lagern. Einmal im Jahr werden diese herausgeholt, und schwups machen sich zu jenem Ereignis Hunderttausende auf den orthodoxen Balkan-Hadsch.

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Mitte Oktober macht Ihr also besser einen Bogen um die Stadt, wenn Ihr nicht in großen Zelten neben Tausenden von Menschen schlafen wollt, die nach Iași kommen, um sich ein Skelett anzusehen.

Die Metropoliten-Kathedrale habe ich nicht einmal von innen gesehen, wie mir jetzt anhand meiner Fotos auffällt.

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Wahrscheinlich lag es daran, dass gleich nebenan eine viel kleinere, aber umso interessantere Kirche in einem hübschen Garten stand: Die Kirche der drei Hierarchen, eingeweiht im Jahr 1639.

Irgendein Schlaumeier wird mir jetzt schreiben, dass das im Christentum Dreifaltigkeit anstatt drei Hierarchen heiße. Nein, hier geht es wirklich um die drei Hierarchen, die da waren Basilius der Große, Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomos, und die keinesfalls mit den heiligen drei Königen zu verwechseln sind, obwohl Basilius der Große im Verbund mit dem vorgenannten Gregor von Nazianz, der verwirrenderweise auch als Gregor der Theologe firmiert, und seinem (Basilius‘, nicht Gregors) Bruder Gregor von Nyssa auch als die drei kappadokischen Kirchenväter (un)bekannt sind. – Und Ihr dachtet, der Unterschied zwischen Schiiten und Sunniten sei schwierig?

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Klein, aber fein, diese Kirche. Rundherum ziehen sich Ornamente, die türkische, persische, arabische, armenische, georgische und natürlich rumänische Einflüsse aufnehmen. Eine erklärende Tafel bezeichnet diese Arbeiten in einem schönen Vergleich als „Stickerei“.

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Neugierig trat ich in die Kirche und wollte die 5 Lei (= 1,10 Euro) Eintritt bezahlen. Der wachhabende Mönch schob mir stattdessen einen Zettel und einen Stift über den Tresen und sagte: „Wenn Du hier Deinen Namen aufschreibst, werden wir für Dich beten. Dann brauchst Du keine Eintrittskarte.“ Na gut. Da verzichtete sogar ich mal auf den Hinweis, dass ich Atheist bin. An Geld mangelt es der rumänisch-orthodoxen Kirche also nicht.

Auch im Innenraum fand sich ein eklektischer Mix aus verschiedenen Stilen.

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Im Garten der Kirche warnte dieser Totenkopf so gar nicht gefährlich lächelnd vor Stromschlägen .

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In Rumänien ist es übrigens nicht unüblich, dass miteinander bis aufs Messer verfeindete Parteien ihre Büros im gleichen Gebäude haben, wie hier die Sozialdemokratische Partei PSD und die Christlich-Liberale Allianz ACL. Hier muss niemand den russischen Präsidenten beauftragen, um gegnerische Parteien auszuspionieren. Man belauscht sich einfach in der Kantine.

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Gleichzeitig mit mir schien Mr. Goldfinger in der Stadt zu sein.

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Was auf den ersten Blick auffällt in Iași, ist der kulturelle und intellektuelle Charakter der Stadt. Überall hängen Plakate, die Konzerte oder Kunstausstellungen anpreisen. Es leben mindestens 50.000 Studenten in der Stadt, die an fünf staatlichen und einigen privaten Universitäten studieren.

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Bekannte Schriftsteller lebten und arbeiteten in Iași. Es gibt Theater, Opernhäuser und Orchester zuhauf.

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Dazu ein Literaturmuseum, ein Theatermuseum, Kunstmuseen, geschichtliche und wissenschaftliche Museen.

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Vier dieser Museen sind im Kulturpalast untergebracht, von dem Ihr Euch mittlerweile schon vorstellen könnt, wie er aussieht.

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Wie das Königsschloss in Versailles eben.

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Auf der anderen Seite des hinter dem Kulturpalast liegenden Parks befindet sich jetzt eine große Einkaufspassage, die Palas Mall, die genauso langweilig und deprimierend wie alle Einkaufszentren anderswo ist, aber an deren südlichen Ende es einen gut sortierten Tabakladen gibt. Hier kann der ausgehungerte Reisende sogar die wohlschmeckenden Toscano-Zigarren aus Italien – meiner Meinung nach die besten Zigarren überhaupt – erstehen. Zu gewohnt günstigen Preisen.

Apropos, auf dem Weg von Chișinău nach Iași war der gesamte Kleinbus einschließlich des ansonsten gesetzestreuen Autors in Zigaretten- und Alkoholschmuggel verwickelt. Aber davon erzähle ich ein anderes Mal.

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Als ich eine dieser Zigarren in dem weitläufigen, saftig grünen und mit Springbrunnen verzierten Park unterhalb des Kulturpalasts ansteckte, fehlte zum vollkommenen Glück nur noch eine Tageszeitung.

Internationale Presseerzeugnisse sucht man in dieser Stadt, in der 1829 die erste rumänische Tageszeitung erschien, allerdings vergeblich. Daran ist jedoch mehr dieses verdammte Internet schuld, das sich neuerdings überall breit macht. Habe ich schon mal erzählt, dass Rumänien das schnellste Internet in Europa hat? In Târgu Mureș bekam ich es sogar ein Jahr lang gratis, aber auch das ist eine andere Geschichte.

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Dafür wird der deutschsprachige Besucher entzückt sein, wenn er den Deutschen Lesesaal in der Universitätsbibliothek oder das Deutsche Kulturzentrum auffindet.

Daneben gibt es noch ein französisches, ein britisches, ein karibisch-lateinamerikanisches, ein griechisches und ein arabisches Kulturzentrum in der Stadt. Der nicht-rumänische Leser mag angesichts dessen überrascht sein, aber in Rumänien gibt es tatsächlich in jeder mittelgroßen Stadt ein kulturelles Angebot, wie man es in manchen Hauptstädten dieser Welt nicht findet. Als ich nach einem Jahr in Rumänien wieder nach Bayern kam, fühlte ich mich wie in die intellektuell ausgedörrte Provinz versetzt, was die Leute dort nicht davon abhielt, mit negativen Vorurteilen über das von ihnen noch nie besuchte Rumänien um sich zu werfen. Der einzige Lichtblick war, als ich in Amberg einem syrischen Flüchtling begegnete, der in Rumänien Pharmakologie studiert hatte und ganz entsetzt darüber war, dass ich nicht so gut Rumänisch konnte wie er.

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Letzteres Defizit lag daran, dass man in Rumänien überall mit Englisch und Deutsch weiterkommt. Um es Einwanderern, Geschäftsreisenden, Touristen und Steuerflüchtlingen leichter zu machen, kauft Rumänien alte deutsche Trambahnen und belässt sowohl die Instruktionen als auch die Werbung auf Deutsch.

Ich frage mich, was Rumänen davon halten, dass in ihren Straßenbahnen alle Instruktionen in einer ihnen unverständlichen Sprache angegeben werden. In Deutschland würde da schon jemand von Leitkultur faseln und das Grundgesetz ergänzen wollen. Wenn Deutsche wieder durchdrehen, weil die Nachbarskinder Türkisch sprechen, möchte man ihnen eine Gelassenheitskur in Rumänien empfehlen.

Auf der Tram Nr. 7 steht als Fahrtziel auf Deutsch „Hauptbahnhof“. Überall in Rumänien und Moldawien habe ich schon Busse mit Zielorten wie „Sindelfingen“ oder Angaben wie „Betriebsfahrt“ gesehen, und frage mich, wieso das nicht mal jemand umstellt. Aber das ist eben die Gelassenheit. Die Nr. 7 fährt übrigens gar nicht zum Bahnhof.

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An der Haltestelle vor der Oper erklang aus einem Lautsprecher ein klassisches Konzert, das die Wartezeit so versüßte, dass ich absichtlich ein paar Züge sausen ließ. Eine Oper für Arme, sehr aufmerksam.

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Das Cinema Republica sah von weitem so aus, wie wenn es die Aufgabe hätte, den osteuropatypischen Verfall ins Stadtbild zu integrieren.

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Die Fahnen, das Licht und die aktuellen Filmplakate zeugten jedoch von der Geöffnetheit des republikanischen Lichtspieltheaters.

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Einer der angebotenen Filme war Aferim, der größten Erfolg des rumänischen Kinos in den letzten Jahren. Erst durch diesen Film erfuhren viele, dass es in Rumänien bis 1855 die Sklaverei gab, allerdings – wie auch bei aktuellen Diskriminierungen – nur für die Roma.

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Als Übersetzer für Deutsch und Englisch gefiel mir, dass Deutsch um 50% besser bezahlt wird als Englisch oder Französisch. Es lohnt sich eben, eine kompliziertere Sprache zu erlernen.

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Griechisch ist wahrscheinlich teurer, weil man sich dafür eine andere Tastatur kaufen muss, wofür man wiederum zuerst einmal nach Griechenland fahren muss. Oder man bittet einen der griechischen Pilger, am nächsten 14. Oktober eine Tastatur mitzubringen.

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Das Rathaus war von 1916 bis 1918 provisorischer Sitz der rumänischen Regierung, als Bukarest von den Mittelmächten eingenommen war. (Damals war Erster Weltkrieg, schiebe ich auf die fragenden Blicke aus der Runde nach.)

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Ich kenne Bukarest noch nicht persönlich, aber nach allem, was ich von dort höre, wäre es vielleicht besser gewesen, die Haupstadt in Iași zu belassen. Andererseits war es für die Stadt selbst wahrscheinlich besser, sie wieder in die Hände der Studenten, Schriftsteller und Schauspieler zu übergeben.

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Vor dem Rathaus war diese „Zeitkapsel“ eingelassen.

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Am 6. Oktober 2008 wurden hier irgendwelche Nachrichten und Dinge vergraben, die erst am 6. Oktober 2058 wieder ausgegraben werden dürfen. Naja, auf so etwas kommen halt Künstler, wenn sie nicht kreativ genug sind, um amüsante Artikel zu schreiben.

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Besser als eine Zeitkapsel wäre eine Zeitmaschine, um vor das Jahr 1941 zurückzureisen und das grausamste Kapitel der Geschichte zu verhindern.

Iași war eines der Zentren des Judentums in Europa, mit 127 Synagogen in der Stadt, darunter die älteste Synagoge Rumäniens. 1855 erschien hier die erste Tageszeitung auf Jiddisch, Korot Haitim, und 1876 gründete Abraham Goldfaden das erste professionelle jiddische Theater. Der Text der späteren israelischen Nationalhymne Hatikva wurde in Iași verfasst.

Das alles sowie die Tatsache, dass mindestens 30% der Bevölkerung von Iași jüdisch waren, bot jedoch keinen Schutz gegen den Antisemitismus, der sich in Rumänien seit den 1920ern breit machte. Ab 1937 war der Antisemitismus offizielle Politik, mit Ausbürgerungen, Ausschluss aus akademischen Berufen, Auschluss vom Militärdienst aber dafür Erhebung von Sondersteuern, Verbot von Mischehen u.s.w. Spätestens ab 1940 kam es zu staatlichen Gewalttaten und Morden, Brandschatzungen und Plünderungen gegen jüdische Rumänen.

Der rumänische Staatsführer Ion Antonescu hatte noch vor der Wannseekonferenz einen Plan zur Deportation aller in Rumänien lebenden Juden erstellt, wobei „Deportation“ wie immer den Tod der zu Deportierenden in Kauf nahm. Der erste große Schritt dabei war der Pogrom von Iași ab dem 27. Juni 1941. Dem ersten Massenmord duch rumänische Soldaten, Polizisten und auch durch die Zivilbevölkerung fielen dabei mindestens 8.000 Menschen zum Opfer. Die deutsche Wehrmacht unterstützte den Pogrom.

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Die Überlebenden wurden in Güterwagen gepfercht und bis zum 6. Juli 1941 ohne Essen, ohne Wasser und mit zugenagelten Lüftungsschlitzen durch das rumänische Hinterland gefahren. Das Ziel war kein bestimmter Ort, sondern der Tod. Nach zehn Tagen waren über 13.000 Menschen tot.

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Zwar gab es auch in Rumänien anständige und mutige Menschen, die ihre bedrohten Nachbarn, Bekannten und Kollegen zu schützen versuchten, aber den meisten schien es wichtiger gewesen zu sein, sich das Klavier, ein wertvolles Gemälde oder gleich das ganze Haus des ermordeten Nachbarn unter den Nagel zu reissen. Wie überall in Europa eben, mit der löblichen Ausnahme Albaniens.

Die Aufarbeitung dieser Geschichte geht in Rumänien leider nicht schneller voran als die damaligen Todeszüge. Es ist noch immer nicht schwer, Menschen mit erstaunlicher Unkenntnis oder gar mit bewußt geschichtsverfälschenden Aussagen bis hin zum offenen Antisemitismis anzutreffen. – Catalin Mihuleac, ein Schriftsteller aus Iași, hat hierzu einen Roman verfasst, der unter dem Namen Oxenberg & Bernstein auch auf Deutsch erschienen ist.

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Tja, jetzt seht Ihr, wieso niemand mit mir verreist. Ständig rede ich über die Geschichte und über schwierige Themen, während andere Leute nur von einem Café ins nächste ziehen und Fotos von ihren Kaffeebechern auf Instagraph veröffentlichen wollen.

Zum Glück lassen sich in Iași Torten, Drinks und Bücher miteinander verbinden, zum Beispiel im Café Time-Out. Hier lesen die Bauarbeiter während der Mittagspause Eminescu oder Creangă.

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Mein Eindruck mag dadurch verfälscht gewesen sein, dass ich Iași an einem überwiegend sonnigen Juli-Tag kennenlernte, aber es erschien mir wie eine Stadt, in der ich gerne mal ein paar Monate verbringen würde.

Selbst die drohend aufziehenden Regenwolken entluden sich nicht,

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sondern wollten nur den kontrastreichen Hintergrund für die Abendstimmung bieten.

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Beim nächsten Mal gehe ich auch ganz sicher in den Botanischen Garten, für dessen Besuch ich keine Zeit hatte. Wenn man genug Zigarren dabei hat, kann man auf den 80 Hektar sicher einen ganzen Tag verbringen.

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