Autostöppeln, eine Odyssee mit 50 Ave Marias (Teil 2 von 3)

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Praktischerweise lest Ihr vor diesem Artikel Teil 1 der Autostöppel-Odyssee.

Ihr erinnert Euch, wir waren relativ problemlos in Friedrichshafen angekommen, wo es mir allerdings so gut gefiel, dass ich ein wenig versumpfte.

Weiter geht’s:


Nur mit dem festen Vorsatz, für eine Bodensee-Rundreise zurückzukommen, kann ich mich schließlich losreißen. Irgendwie muss ich jetzt nach Nordosten, Richtung Bayern trampen. Ich begebe mich an den Anfang der B30, die nach Ravensburg und Ulm führt – und kann mir noch nicht vorstellen, welche Kopfzerbrechen mir diese Bundesstraße heute bereiten wird. Es wird ein regelrechter Kreuzweg werden.

Dabei beginnt es super. Eine Minute erst stehe ich an der Ampel, als aus dem Dönerladen hinter mir ein junger Mann herauskommt: „Wo wollen Sie denn hin?“

„Richtung Ravensburg.“

„Ich fahre nur bis Meckenbeuren, aber das liegt auf dem Weg. Ich kann Sie gerne mitnehmen.“

„Das ist ja super nett! Aber essen Sie erst einmal in Ruhe fertig, ich habe Zeit.“ Tja, wenn die Sonne hoch steht, denkt man noch so.

Nach ein paar Minuten und einer Verdauungszigarette steigen wir in einen Mega-PS-Power-BMW, und der junge Vermögensberater fährt den armen Anhalter nach Norden, durch wunderbar grüne Alleen mit blühenden Bäumen und lachender Sonne. So soll es sein.

In Meckenbeuren lässt er mich, ganz Vermögensberater, an der Sparkasse raus, die direkt an der B30 liegt. Eine gute Stelle, denke ich, mit Parkbucht zum Anhalten. Wie gemacht für Bankräuber, Anhalter und andere Leute, die schnell wegmüssen. Keine gute Stelle, denken Dutzende von mich ignorierenden Autofahrern, bis ein junger Afrikaner in einem alten VW Golf anhält. Er fährt zwar auch nur ein kurzes Stück, will mich aber unbedingt mitnehmen, weil seine Frau einst per Anhalter von Deutschland nach Portugal gefahren ist. Für ihn ist es Ehrensache, etwas von dieser Hilfsbereitschaft zurückzugeben.

Ihr seht also: Wenn Ihr trampt, macht Ihr die Welt besser!

Zum Glück erwähne ich, dass ich eigentlich gar nicht nach Ravensburg mit seinem puzzle-artigen Straßengewirr, sondern weiter nach Ulm muss, da hat der ortskundige Afrikaner einen Geistesblitz. Er fährt mich zu einer Kreuzung der Bundesstraßen, wo die Autos nach Ulm an einer Ampel halten müssen. So haben die Fahrer Zeit, mich zu begutachten, zu entscheiden und mich einzuladen.

Wirklich ein perfekter Ort zum Trampen.

Theoretisch.

Praktisch stehe ich hier eine halbe Stunde in der prallen Sonne, und die meisten Fahrer blicken starr nach vorne, rollen das Fenster nach oben und ignorieren mich schlecht gespielt. Bei den mit Eheleuten besetzten teureren Autos kann ich öfter die gleiche Diskussion beobachten: Die Beifahrerin schlägt vor, mich mitzunehmen, aber der Fahrer lehnt brüsk ab. „Soll er sich doch ein Auto kaufen“, motzt er klassistisch und will keinesfalls riskieren, dass da jemand ohne Auto, ohne Eigentum und ohne Workaholic-Burnout von einem interessanteren Leben als dem im Büro erzählt. Die Frau zieht die Augenbrauen hoch und wirft mir einen entschuldigenden Blick zu. „Am Montag gehe ich zum Scheidungsanwalt“, denkt sie sich, während der Mann mit besonders viel Gas losfährt, sobald ihm die Ampel die Erlaubnis dazu gibt.

Lediglich eine hübsche Frau mit Blümchenhippiewohnmobil und Baby auf dem Beifahrersitz hält an. Sie fährt aber nicht weit und meint, dass ich von der gegenwärtigen Stelle auf jeden Fall leichter weg käme als von dort, wo sie hin muss. Weil sie so aussieht, wie wenn sie schon nach Kerala und Kathmandu getrampt ist, folge ich ihrem Rat. Und verdorre weiter in der Sonne.

Nach mehr als einer halben Stunde hält endlich ein roter Lieferwagen. Der Mann fährt immerhin 10 km weit, was ich dankend annehme. Das Radio spielt „Mr Vain“ von Culture Beat, so wie eine meiner in den 1990er Jahren für Autofahrten selbst aufgenommenen Kassetten. Jetzt habe ich kein Auto mehr, keine Kassetten, dafür einen besseren Musikgeschmack.

„Da vorne im Tunnel gilt ein Tempolimit von 100, aber vor kurzem wurde jemand mit 300 km/h geblitzt„, erzählt er. So einen Fahrer bräuchte ich jetzt.

Das Fenster ist offen, der Fahrtwind weht uns um die Nase. Wie auf der Fahrt nach Kalifornien, immer am Pazifik entlang. Statt in Berkeley lässt er mich bei Baindt raus, von wo es genauso schwer wegzukommen ist wie von Alcatraz.

An der Auffahrt zur B30 stehe ich ziemlich verloren, bis wieder ein roter Lieferwagen hält. Vielleicht der Sohn des vorherigen Chauffeurs. Er fährt mich nach Bad Waldsee und setzt mich wo ab, wo absolut niemand vorbeikommt. Es ist 16:20 Uhr, langsam wird die Zeit knapp. Also gehe ich in die Stadt und decke mich mit Wasser und Gummibärchen ein. Denn die Aussicht, die Nacht in einem Park zu verbringen, wird immer realistischer.

Bad Waldsee scheint ein hübsches Städtchen zu sein, wäre also nicht weniger als jeder andere Ort auf dieser Welt für eine Vagabundennacht geeignet. Eigentlich läuft mir die Zeit davon, aber erst einmal setze ich mich in den Park zum Schreiben, was auf begeisterte Zustimmung einer spazierenden Passantin stößt: „Das ist schön, mal wieder jemanden zu sehen, der in ein Notizbuch schreibt und nicht immer nur in sein Telefon tippt.“ Ich erwähne besser nicht, dass am Ende ein Blog daraus wird.

Im sympathischen Bad Waldsee stehe ich nur eine Minute an der Straße, bis mich eine junge Familie auf dem Weg zum Grillen ein Stück weit mitnimmt. Für eine Einladung dazu sehe ich anscheinend nicht hungrig genug aus.

An der Ausfahrt von Edeka und Tankstelle ist es schon schwieriger. Ein Angebot zur Mitnahme nach Biberach muss ich ausschlagen, weil auf dem Rücksitz zwei bärengroße Schäferhunde toben.

Aber dann hält eine Frau, die früher selbst viel getrampt ist, quer durch Deutschland, zu Festivals und Konzerten Sie nimmt mich mit Richtung Biberach, wo eine Umgestaltung der B30 alle nichtvorhandenen Pläne über den Haufen wirft. „Ich muss Sie zum Jordankreisel fahren, sonst kommen Sie hier nicht mehr weg.“

Aber auch von dem Kreisel komme ich nicht weg. Ich stelle mich wie immer bewusst dorthin, wo die Geschwindigkeit reduziert ist, aber das ist den Autofahrern egal. Für einen Blitzer würden sie sich verlangsamen, für einen Menschen nicht.

Bis wieder ein Lieferwagen hält. Deren Fahrer sind irgendwie cooler. Diesmal ist es ein früherer Investmentbanker, der jetzt Yoga-Lehrer ist. Auch ein Karriere-Aus- oder Umsteiger. Wir verstehen uns prächtig.

Anscheinend sind wir aber noch immer nicht in Ulm, sondern in Biberach oder um Biberach oder um Biberach herum, denn er setzt mich an einer praktischen Stelle aus und sagt: „Von hier kommst du sicher nach Ulm.“ Dort beginnt endlich die Autobahn, womit die 5- und 10-km-Fahrten ein Ende haben sollten und ich richtig Strecke machen werde. Und wenn ich erst einmal auf der Autobahn bin, ist es nicht schlimm, wenn es dunkel wird, weil ich von Raststätte zu Raststätte trampen kann.

Ein Auto hält, die Tür öffnet sich, ein Mann und zwei Frauen, alle über 50: „Wir sind gerade dabei, den Rosenkranz zu beten. Wenn Sie das nicht stört, steigen Sie ein!“ Das stört mich nicht im Geringsten.

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnad‘, der Herr isch mit dir. Du bisch gebenedeid under de‘ Fraue‘, und gebenedeid isch die Frucht von deim‘ Leib, Jesus“, tragen sie mantraartig vor. (Ich verzichte im Folgenden auf die laienhafte Transliteration des Schwäbischen, aber Ihr könnt jetzt die Atmosphäre im Auto besser imaginieren.) Am Rückspiegel hängt ein Rosenkranz, und die beiden Frauen halten jeweils eine dieser Gebetsketten in den Händen.

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ Anscheinend muss man das öfters aufsagen.

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ Das wird wohl die ganze Fahrt so gehen.

„Wir fahren zum Gewerbegebiet in Schwaighofen, passt das für Sie?“

„Ich kenne mich in Ulm gar nicht aus. Aber wenn man dort auf die Autobahn kommt, dann passt es.“

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ Es ist schwierig, hier eine längere Unterhaltung zu führen.

„Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ Endlich mal eine Abwechslung.

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ Aber Maria scheint doch am Wichtigsten zu sein.

„Wir könnten ihn doch zum Tempel Gottes mitnehmen. Vielleicht fährt von dort jemand in seine Richtung?“ schlägt eine der Frauen vor.

„Das ist zu riskant“, antwortet der Mann. Es bleibt unklar, ob er damit meint, dass ich vielleicht keinen Fahrer finde, oder ob ich eine Gefahr für die christliche Gemeinde bin.

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“

Am Ende entlassen sie mich mit Gottes Segen in Breitenhof, ein paar Kilometer vor der Autobahnauffahrt. Noch zwei Stunden bis Sonnenuntergang. Die Zeit zieht sich. Auto für Auto rauscht an mir vorbei, unchristlich, egoistisch, herzlos.

Der einzige, der hält, ist ein junger Vater mit drei Kindern auf der Rückbank. Er fährt sie gerade zur Mutter. Die drei Kinder sagen keinen Pieps, entweder aus Angst vor dem fremden Mann oder weil sie das Wochenende nicht bei Mama verbringen wollen.

Direkt an der Auffahrt zur A7 setzt er mich ab. Noch eineinhalb Stunden Tageslicht, das wird zu schaffen sein. Aber diese Auffahrt ist nicht gebenedeit und gesegnet, sondern verhext und verflucht.

Auto um Auto düst an mir vorbei, während ich im gold-glänzenden Licht der sich unbarmherzig senkenden Sonne immer längere, einsamere und verzweifeltere Schatten werfe. Der einzige, der anhält, ist ein kroatischer LKW-Fahrer, aber er fährt nach Stuttgart, nicht nach Nürnberg. Ich hätte trotzdem einsteigen sollen, denn – um die Tortur abzukürzen – : Ich schaffe es in dieser Nacht nicht mehr auf die Autobahn.

Als die Sonne, erschöpft vom langen Arbeitstag und weil sie anderswo auf diesem Erdball gebraucht wird, hinter dem Horizont versinkt, muss ich gehen. Hier gibt es keine Laterne, kein Licht, und niemand wird mehr halten.

In der Nähe ist eine Tankstelle, vielleicht kann ich dort Fahrer ansprechen. Je näher ich der Tankstelle komme, umso deprimierender der Anblick. Die Hoffnung schwindet, eigentlich ist sie schon tot. Genauso tot wie die triste Total-Tankstelle.

Vereinzelt kommt ein Auto vorbei. Zwei polnische LKW-Fahrer halten an, aber sie fahren in die falsche Richtung. Ich stelle mich schon ein auf eine Nacht im nahen Wald, als ein junges Fräulein auf mich zukommt: „Wo musst du denn hin?“

Ich erkläre den Plan und die Probleme bei dessen Umsetzung.

„Ich fahre zwar auf die A7, aber nach Süden, nach Illertissen“, sagt sie. Ich muss nach Norden.

Wir sehen auf der Karte nach, ob wenigstens eine Raststätte auf ihrem Weg liegt, wo ich die Nacht im Hellen und nicht ganz so Kalten verbringen könnte. Negativ.

„Selber schuld“, „tut mir leid“ oder „nicht mein Problem“ würde jeder andere denken. Aber die Frau, die aussieht wie ein junges Mädchen, ist ernsthaft besorgt, auch weil sie selbst oft getrampt ist, wie sich herausstellt, und die Situation deshalb richtig einschätzt: „Du kannst hier nicht die ganze Nacht bleiben, hier kommt niemand mehr vorbei.“

„Wenn ich nach Hause fahren würde,“ fährt sie fort, „könntest du mit zu mir kommen. Aber ich bin auf dem Weg zu meinen Eltern, und wenn ich da einen fremden Mann mitbringe und sage, dass der für eine Nacht ein Bett braucht, …“


Das ist doch ein guter Punkt für eine Pause, oder? Schließlich ist es jetzt dunkel und Ihr müsst ins Bett.

Aber bald gibt es Teil 3.

Praktische Tipps:

  • Wenn Ihr schneller voran kommen wollt, hilft ein bisschen Planung. So hätte ich mich in St. Gallen an einem besseren Ort absetzen lassen können. Und am deutschen Ufer des Bodensees wäre ich besser nach Lindau getrampt, wo die A96 beginnt, anstatt auf der B30 wie eine Schnecke voranzukommen. Aber Schnelligkeit ist nicht alles.
  • Es wäre schlauer gewesen, vorab das Ziel niedriger zu stecken und in Ulm eine Unterkunft, z.B. über Couchsurfing, zu organisieren.
  • Friedrichshafen und Bad Waldsee sind definitiv einen Besuch wert.

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Post-Pandemie-Planung

To the English version.


Als Freund von Alliterationen werde ich nach der Pandemie nach Petra pilgern, nach Timbuktu trampen, nach Weimar wandern, nach Ruanda reisen, nach Genua gehen und den Zug nach Zermatt, die Bahn nach Bari sowie die Eisenbahn nach Erbil nehmen.

Nach dem Schiff nach Sumatra, der Kreuzfahrt in die Karibik und dem Boot ins Baltikum werde ich durch Lappland laufen und danach in Russland rumlungern, aber nicht ohne Stopp in Stalingrad. Dann marschiere ich nach Marseille, eile nach Eindhoven, schlendere nach Schwerin, renne nach Rijeka, flitze nach Flensburg, hüpfe nach Hamburg, krieche nach Krakau, flaniere durch Flandern und spaziere schließlich nach Stralsund.

Nur das Schwimmen nach Schweden stelle ich mir schwierig vor.

Ich könnte auch mit dem Fahrrad nach Florenz fahren, aber das Pedalrittertum ist immer so eine Pein für den Po.

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Autostöppeln, eine Odyssee mit 50 Ave Marias (Teil 1 von 3)

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Letztes Wochenende ging es endlich mal wieder auf die Straße: per Anhalter durch die Schweizer Kantone Zürich, St. Gallen und Thurgau, über den Bodensee und durch die deutschen Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern. Zügige 500 km waren geplant.

Allerdings kam ich so oft vom Weg ab, dass eine regelrechte Odyssee daraus wurde. Dementsprechend wurde der Bericht so lang, dass ich ihn zu einer Trilogie verarbeitet habe, um diejenigen von Euch, die sich über die Länge meiner Artikel echauffieren, nicht zu überlasten.

Hier also der erste Teil:


Ich bin zwar kein Philologe, aber logophil. In der Schweiz hatte ich jeden Tag Helvetismen kennengelernt, die mein Herz erfreuten: „Bünzli“ für Spießbürger, „Legi“ (Kurzform von Legitimationskarte) für den Studentenausweis, „Cervelatprominenz“ für B-Promis. Und „Autostöppeln“ für Trampen oder per Anhalter fahren.

Mit diesem Wort war die Entscheidung schon gefallen: Was sich so putzig anhört, das muss ausprobiert werden.

Also stelle ich mich nach Beendigung eines zweiwöchigen Katzensitter-Auftrags in Waltenstein (bei Winterthur) an den Straßenrand (bzw. Strassenrand, wie man in der Schweiz schreibt) und bin gespannt wie ein Elefant auf seinen ersten Trabant.

Waltenstein ist klein, wirklich klein. Etwa 15 Häuser gibt es hier, und da sind die Baumhäuser für die Kinder schon mitgezählt.

Aber eine Bushaltestelle gibt es, an der jede Stunde das gelbe Postauto (so heißt hier der Bus) hält. Jede Stunde! Von 5 bis 23 Uhr! Auch am Sonntag! Ich bin davon so fasziniert, weil ich in Deutschland in einem hundertmal größeren Dorf wohne, wo nach 18 Uhr und am Sonntag gar kein Bus kommt. Tja, jetzt wissen wir, warum die Steuern in der Schweiz so hoch sind, aber ich finde, das ist es wert.

Aufgrund dieses vorbildlichen öffentlichen Nahverkehrs frage ich mich, ob Automobilisten überhaupt eine Notwendigkeit sehen, anzuhalten, weil sie ja wissen, dass man in diesem bergigen Land von jedem Punkt A an jeden Punkt B zuverlässig mit dem öffentlichen Bus chauffiert wird.

Mal sehen.

Kurz vor 8 Uhr stelle ich mich an die Kreuzung im Dorf. Ein sonniger Samstagmorgen. Ich muss nach Ammerthal in Bayern, habe also etwa 500 km vor mir. Und 13 Stunden Tageslicht. Das sollte eigentlich reichen.

Nach 20 Minuten hält ein Herr, der immerhin ins nächste Dorf, nach Elgg, fährt.

Er ist auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch als Verkaufsleiter für Küchen. Nach 22 Jahren sei es mal an der Zeit, den Arbeitgeber zu wechseln, findet er. Allerhöchste Zeit, finde ich.

„Das ist aber wirklich nett von Ihnen, mich an so einem wichtigen Tag mitzunehmen. Ich wäre da wahrscheinlich viel zu nervös und aufgeregt“, bedanke ich mich.

„Ach, kein Problem. Ich habe noch 12 Minuten bis zum Termin.“ Schweizer sind sehr exakt und kommen keine Minute zu spät, aber auch keine Minute zu früh.

In Elgg ist gerade Markt, also müssten eigentlich von überall her Leute zum Erwerb landwirtschaftlicher Produkte strömen, die mich anschließend auf ihrem Weg nach Hause mitnehmen können. Also stelle ich mich nur ein bisschen abseits vom Marktplatz an die richtige, also die nach Nordosten führende Ausfallstraße.

„Schwierig, ne?“ fragt ein Spaziergänger mit Kennermiene, so wie wenn auch er enttäuscht ist über die Gesellschaft aus Kontaktscheuen und Angsthasen.

Aber bald hält ein junger Mann, der sich mit festem Händedruck als Thomas vorstellt. Er fährt zwar nur nach Aadorf, etwa zweieinhalb Kilometer weiter, aber er trampt selbst manchmal und macht mir Mut: „Autostöppeln geht nicht über den Daumen, es geht über den Kopf. Es ist alles Einstellungssache. Mit dem richtigen Mindset [anscheinend auch so ein Helvetismus] schaffst du das!“ Sein Optimismus steckt mich an.

In Aadorf fährt eine junge Familie zuerst an mir vorbei, kehrt dann aber um und kommt zurück, um mich aufzulesen wie einen am Autobahnrastplatz vergessenen Hund. Der Landschaftsgärtner, seine Frau und das Baby fahren nach St. Gallen. Etwa 50 km, jetzt geht es richtig voran.

Wenn ich bei Paaren im Auto sitze, habe ich immer ein schlechtes Gewissen, von meinem Leben und meinen Abenteuern zu erzählen. Nicht, dass der junge Mann danach den Rucksack packt, Frau und Kind verlässt und nach Nepal pilgert. Andererseits, als Landschaftsgärtner hat er eh den ganzen Tag Ruhe.

Ganz dem Spontanitätsgedanken verschrieben, habe ich vorab keinen guten Ort zum Absetzen eruiert. Die beiden lassen mich an einem Einkaufszentrum in der Nähe der Autobahn raus. Da stehe ich und merke schon nach 10 Minuten, dass die Stelle nicht passt. Die Autos sind zu schnell, es gibt keinen Platz zum Anhalten, und ohne Schild weiß niemand, wohin ich will.

In der Nähe der Autobahnauffahrt steht eine kleine Kapelle für verlorene Seelen und verlorene Autostöppler. Auf den Stufen des Trampertempels breite ich die Landkarte aus und verschaffe mir einen Überblick über meine Position und Situation. Beide sind sehr schlecht, da hilft auch kein Mindset. Als der Heilige Gallus die Stadt gründete, muss er sich Los Angeles zum Vorbild genommen haben, so mit in alle Richtungen gehenden und sich gegenseitig kreuzenden und überschneidenden Straßen ist die Stadt überzogen. Ein stadtplanerisches Kuddelmuddel, eine autostöpplerische Hölle.

Da spricht mich ein älterer, sehr netter Herr an und fragt, ob er mir helfen könne. Ich erkläre die Lage und den Plan.

„Vergessen Sie es“, sagt er knallhart, aber nicht grundlos, „Sie sind auf der falschen Seite der Stadt.“ Ich sei ganz auf der Westside und müsse auf die Eastside, also einmal durch die langgezogene Stadt. „Wer hier auf die Autobahn fährt, will bestimmt nicht in Ihre Richtung.“

„Gehen Sie 300 Meter die Straße hinunter und nehmen Sie für 2 Franken den Bus durch die Stadt. Oder, noch besser, fahren Sie gleich nach Wittenbach, von da geht die Landstraße nach Romanshorn“. Letzteres ist das letzte Ziel in der Schweiz, denn von dort fährt ein Schiff nach Deutschland. Aus den Rückmeldungen der Leserschaft weiß ich, dass Ihr es mögt, wenn ich die Transportmittel ein bisschen variiere.

Es widerstrebt mir zwar, anders als autostöppelnd vorwärts zu kommen. Aber wenn ich zwei Stunden durch die ganze Stadt laufe, fehlen mir die zwei Stunden später am Bodensee. Außerdem trampe ich zum Vergnügen, nicht aus puritanischem Purismus, auch wenn St. Gallen Reformationsstadt ist.

Und da kommt auch schon der Bus Nr. 4 angefahren. Der Herr hat mir alles so freundlich und hilfsbereit erklärt, es wäre unhöflich, seinem Ratschlag nicht zu folgen.

„Und von Wittenbach können Sie den Zug nach Romanshorn nehmen“, ruft er mir noch nach, sein geringes Vertrauen in meine Anfängerautostöpplerfähigkeiten durchklingen lassend.

Nein, das werde ich bestimmt nicht tun. Wieder auf der Landstraße, werde ich allein meinem Daumen und meinem Lächeln vertrauen. Und tatsächlich, in Wittenbach hält nach wenigen Minuten ein Mann, der bis fast ans vorläufige Ziel fährt: nach Egnach, schon am Bodensee und nur einen kurzen Spaziergang von Romanshorn entfernt.

Es ist schon der zweite Fahrer heute, der sich als Corona-Verharmloser vorstellt. „Masken helfen gar nicht gegen Viren.“ „Ich weigere mich, diesen Scheiß mitzumachen.“ Und am besten: „Man darf nicht alles glauben“ von meist maturalosen Menschen, die nach 10 Minuten Studium an der YouTube-Universität glauben, sie wüssten jetzt alles besser als der breite Konsens von Virologen, Epidemiologen, Immunologen und Medizinern. Und das sind die Leute, die volksabstimmen über Unternehmenshaftung bei Lieferketten, bedingungsloses Grundeinkommen und das Rahmenabkommen mit der EU.

Corona-Verharmloser gibt es überall. Aber in der Schweiz kommt ein weiterer Aspekt hinzu: der Wunsch, sich von Deutschland abzusetzen. „Ach, Sie fahren nach Deutschland? Das ist schlimm, da gibt es ja gar keine Freiheiten mehr.“ So oder so ähnlich höre ich es immer wieder, wie wenn Deutschland Nordkorea wäre, nur weil die Fitnessstudios und Kinos geschlossen sind. Es wird immer mit vorgeblichem Mitleid geäußert („Ihr armen Deutschen“), das das schweizerische Superioritätsgefühl und die Kondeszendenz nur unzureichend zu kaschieren vermag.

Aber ich will nicht diskutieren mit den Leuten. Erstens bin ich zu Gast in ihrem Auto. Zweitens bringt es nichts. Drittens bin ich froh um jeden, der keine Angst vor Ansteckung hat und mich deshalb bereitwillig mitnimmt.

Der Fahrer lässt mich am Wander- und Radweg entlang dem See heraus, denn die letzten paar Kilometer will ich zu Fuß gehen. Es ist ein wunderschöner Tag, mit Ausblick auf den Bodensee auf der einen und die Alpen auf der anderen Seite.

Auf dem Seewanderweg spricht mich ein gestresst dreinblickender Mann mit Konstrukteursuniform und Bauplänen unter dem Arm an: „Sagen Sie, ist es schon halb zwölf?“

„Ja,“ bestätige ich, „fünf Minuten nach halb zwölf.“

„Das gibt’s doch nicht! Wo bleibt der denn?“ entzürnt sich der Wartende mit hochrotem Kopf über den 300 Sekunden verspäteten Arbeitskollegen, Chef oder Kunden. Normalerweise sind Schweizer so pünktlich, hier erscheinen sogar Frauen zuverlässig und minutengenau zum Date.

Für das Weiterstöppeln, ach ne, jetzt kann ich ja wieder Trampen sagen, in Deutschland habe ich mir gedacht, dass ich auf der Fähre nach Friedrichshafen die Autofahrer ansprechen werde, um zu eruieren, wer weitestmöglich nach Bayern fährt.

Ein toller Plan, wie ich finde.

Leider sehen der Hafen in Romanshorn und die Fähre so leer aus, wie wenn eine Seeblockade verhängt worden wäre. Hoffentlich wurden die Seeminen noch nicht verlegt.

Streckenmäßig ist der Bodensee nicht die Mitte. Ich habe 70 km hinter mir und mindestens 360 km vor mir. Aber mental mitteln das Gewässer und die Ländergrenze, die gemütliche Kreuzfahrt und die Rückkehr in die EU die Reise, so dass ich mich entspannt zurücklehne. Etwas zu entspannt, wie sich später herausstellen wird. Aber davon ahne ich noch nichts, während ich diese Blicke genieße:

Sehr zügig und sehr knapp an der Kaimauer vorbeiziehend zielt die Fähre in den Hafen von Friedrichshafen. Perfekt parkiert. Ein Gebäude im modernistischen Stil, heute das Zeppelin-Museum, und ein Hangar am Hafen offenbaren, wofür die Stadt eigentlich gebaut wurde.

Den Menschen von Friedrichshafen war der Bodensee nämlich bald zu klein, und sie wollten nicht nur ans andere Ufer, sondern in die weite Welt. Also bauten sie Luftschiffe und flogen nach New York, nach Tokio, nach Los Angeles, nach Rio de Janeiro.

Leider habe ich keinen Fahrschein für das Luftschiff, und dank dem Kino ist weithin bekannt, wie rabiat die Ticketkontrolleure in diesen fliegenden Zigarren agieren.

Weit weniger rabiat ist die deutsche Polizei, die die angeblich so strengen Coronavirusschutzmaßnahmen bei der Einreise kontrollieren soll. Ein leeres Polizeiauto bewacht die Grenze, die Polizisten sind beim Mittagessen.

Eine gute Idee! Auch ich hole mir erst einmal einen Döner. Nach zwei Wochen Abstinenz, weil dieses Grundnahrungsmittel in der Schweiz gesalzene 10 Euro kostet, wofür man in Deutschland zwei, mit Legi sogar drei Döner bekommt.

Für die Schweizer Freunde, die glauben, dass in Deutschland alles in Quarantäne erstarrt, hier ein paar Fotos von Friedrichshafen:

Die Menschen flanieren, essen, händchenhalten, küssen, tanzen, singen und springen auch hier. Und anders als in der Schweiz darf man sich hier sogar in die Wiese legen, rauchen, im Park grillieren – ach ne, ich muss jetzt wieder grillen sagen – und in die Büsche pinkeln. Es gibt gleich weniger Ge- und Verbotsschilder, dafür endlich wieder Graffiti („Gott erschuf die Menschen und die Elefanten, jedoch keine Staatsbeamten. In Gottes schwacher Stunde schuf der Teufel diese Hunde.“) und Menschen stellen ihre leeren Bierflaschen nicht in den Mülleimer, sondern bewusst daneben, damit die Flaschensammler fette Beute machen können. Selbst das Denkmal für Kaiser Wilhelm I. nimmt niemand ernst.

Die Corniche von Friedrichshafen hat ein Flair von Städten am Meer, wie Nizza oder Sochumi. Es ist so schön, auch dank des Schweizer Bergpanoramas von jenseits des Binnenmeeres, dass ich am liebsten ein paar Tage bleiben würde.

Nur mit dem festen Vorsatz, für eine Bodensee-Rundreise zurückzukommen, kann ich mich schließlich losreißen. Irgendwie muss ich jetzt nach Nordosten, Richtung Bayern trampen. Ich begebe mich an den Anfang der B30, die nach Ravensburg und Ulm führt – und kann mir noch nicht vorstellen, welche Kopfzerbrechen mir diese Bundesstraße heute bereiten wird. Es wird ein regelrechter Kreuzweg werden.


Wie bzw. ob es überhaupt weitergeht, das erfahrt Ihr demnächst in Teil 2. Darin wird dann aufgelöst, was es mit den 50 Ave Marias auf sich hat.

Praktische Tipps:

  • Wenn Ihr schneller voran kommen wollt, hilft ein bisschen Planung. So hätte ich mich in St. Gallen an einem besseren Ort absetzen lassen können. Und am deutschen Ufer des Bodensees wäre ich besser nach Lindau getrampt, wo die A96 beginnt. Aber dazu in Teil 2.
  • Friedrichshafen ist definitiv einen Besuch wert.

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Das Köhlerhandwerk

Wenn ich mich mit jemandem treffe, mache ich das ungern im Biergarten oder vor dem Kino, wo Hunderte von Menschen warten. Denn unter jenen Hunderten sind immer ein oder zwei, die man gerade nicht treffen will oder die einen wegen eines Eifersuchtsdramas erdolchen wollen.

Ich treffe mich lieber am See oder im Wald. „Geh einfach den Bach durchs Tobeltal entlang nach Norden, bis du den Zigarrenrauch riechst. Dann bin ich nicht mehr weit“, so meine klaren Instruktionen. Weil sonst kaum jemand mehr raucht, bin ich nur schwer zu verfehlen.

Nicht geklappt hat das östlich von Winterthur, bei Ricketwil, denn da war etwas im Wald, das noch mehr qualmte als ich: eine Köhlerei.

Aber wer hätte ahnen können, dass es diesen Beruf aus grimmschen, hauffschen und janoschschen Märchen noch gibt?

Als ich Anfang Mai durch den Wald spazierte, wurde der Meiler gerade fertiggestellt.

Links seht Ihr die Löschi, ein Gemisch aus Kohlenstaub und Kohlengrieß, mit dem der Meiler vor dem Entzünden zugedeckt wird, um ihn luft- und wasserdicht zu machen.

Ein paar Tage später war es Zeit zum Anzünden. Hier könnt Ihr den Fortschritt verfolgen.

Hier erklären die Leute von der Köhlerei Andelbach den ganzen Prozess:

Wie Ihr hört, haben die Köhlerfamilien über Jahrhunderte tief im Wald und fern der Zivilisation gelebt, so dass sie noch immer Alemannisch sprechen. Und Ihr wisst jetzt, wieviel Arbeit in der Holzkohle steckt, mit der Ihr Eure Quinoa-Burger und Rossbratwürste grillt. Guten Appetit!

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Vor hundert Jahren war ein kaiserliches Begräbnis das letzte Aufbäumen einer vergangenen Zeit – April 1921: Auguste Viktoria

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Als ich die Serie „Vor hundert Jahren …“ begann, hatte ich den Vorsatz, diejenigen der weit entfernten Ereignisse aufzugreifen, die bis ins Hier und Jetzt wirken. Das gelingt manchmal mehr, manchmal weniger.

Aber noch nie war es so einfach, die Brücke in die hundertjährige Vergangenheit zu schlagen, wie in diesem Monat. Danke, Prinz Philip!

Vor einer Woche verstarb der selbst fast hundertjährige Ehemann der britischen Königin, und dieser Tage findet das Begräbnis statt. Eine fast perfekte Spiegelung der Ereignisse von vor hundert Jahren: Am 11. April 1921 verstarb Auguste Viktoria Friederike Luise Feodora Jenny von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, die Gemahlin des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., der zu dem Zeitpunkt jedoch schon im unfreiwilligen Ruhestand war und durch seine Ungeschicklichkeit einen Schlussstrich unter die deutsche Monarchie gezogen hatte.

Am 19. April 1921 wurde Auguste Viktoria im Schrebergarten von Schloss Sanssouci in Potsdam beigesetzt.

Und das, obwohl die Kaisers zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr in Deutschland lebten. Sie hatten sich 1918 aus dem Staub gemacht, leicht enttäuscht von ihrem deutschen Volk, das die Hungersnot doch nicht so toll fand und von dem sich, entgegen den Erwartungen, nicht alle Untertanen auf den Tod in Frankreich oder Flandern freuten.

Die Hohenzollern, so der Name dieser Deutschland zugrunde gerichtet habenden Familie, rafften noch alles Gold, Silber und Gemälde zusammen und fuhren ins Exil in die Niederlande, wo sie ein kleines Haus in Doorn kauften. Die Niederlande störten sich daran nicht, weil sie ein gewissenloses Steuerparadies waren – und gewissermaßen noch sind.

Als Kaiser Wilhelm II. sah, dass für den Transport seiner Privatbeute 59 Eisenbahnwaggons notwendig waren, jammerte er schluchzend: „Ach, wieviele Männer man mit 59 Waggons zum sicheren Tod an die Front hätte bringen können! Viertausend? Fünftausend? So viel unvergossenes Blut, welch Schande!“ Aber am Ende gewann die Krämerseele, ein Charakterzug, den sich die Hohenzollern bis heute bewahrt haben, über die Mörderseele.

Doorn ist im Vergleich zu klassischen Exilorten (Babylon, Constanța, Elba, St. Helena) eher bieder, aber das passte zu Wilhelm II., genauso wie das kreative, intellektuell anspruchsvolle Hobby, mit dem er sich dort täglich beschäftigte: Der letzte deutsche Kaiser freute sich ungemein, wenn er im Garten einen Baum umsägen konnte. – Ein anderer Ex-Kaiser, Karl von Österreich-Ungarn, war dagegen mit dem Rentnerdasein im Garten gar nicht zufrieden und versuchte, sich zurück an die Macht zu putschen. Aber dazu mehr im Oktober 1921.

Jeder kennt solche Leute, die lieber mit dem Laubbläser lärmen als sich an Literatur laben, die lieber Stauden schreddern statt Stories schreiben und die in einer erschreckenden Kulmination des Hässlichen Gärten ohne Leben hervorbringen. Staaten, insbesondere so problematische wie Deutschland, sollte man solchen Menschen nicht anvertrauen.

Außerdem weiß ich nicht, was man von Menschen halten soll, die nicht zum Begräbnis ihrer Frau kommen. Zwar erschienen Tausende von Schaulustigen, von Freunden der Monarchie, insbesondere Adelige, Ewiggestrige und Dolchstoßlegionäre, oft alles in einem, als der Sarg mit der Kaiserin durch Potsdam gefahren wurde.

Der Kaiser musste aber scheinbar Holz hacken und hatte deshalb keine Zeit. Vielleicht war er immer noch sauer, dass ihm gekündigt und dass Deutschland zur Demokratie geworden war. Oder er hatte Angst, sich bei den Leipziger Prozessen (angesprochen in der letzten Folge) wegen Kriegsverbrechen verantworten zu müssen. Oder er war neidisch, weil seine Frau beliebter war als der Kaiser selbst. Oder Wilhelm II. traf sich bereits mit seiner neuen Freundin, Prinzessin Hermine von Schönaich-Carolath, die er bald darauf heiratete.

Dieser Trauerzug war ein trauriger Abgesang auf eine vergangene Zeit, von der die Beteiligten nicht glauben wollten, dass sie für immer vergangen war. Wilhelm II. sägte noch bis 1941 Bäume um und begründete so die deutsche Tradition des Waldsterbens. Danke, Kaiser!

Den Hohenzollern war der Wald egal, ihnen war Deutschland egal, sie wollten nur wieder Kaiser sein und in Schlössern residieren. Dafür paktierten sie auch mit den Nazis. Aber das ist eine andere Geschichte, für ein anderes Mal. Allerdings von erschreckender Aktualität.

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Tod durch Unterkühlung

Dreimal wäre ich fast an Unterkühlung gestorben. Jedes Mal lag ich danach zwei Wochen im Bett, haarscharf auf der Kante zwischen röchelndem gerade-noch-so-Leben und erlösendem Tod.

Das erste Mal war ich, wie immer ohne entsprechende Kleidung oder Ausrüstung, in Bolivien auf einen 5300 m hohen Berg gestiegen, wo es die auf der Karte eingezeichnete Schutzhütte nicht mehr gab. Unterwegs war ich dreimal wegen Höhenkrankheit in Ohnmacht gefallen.

Schließlich gelangte ich nur in die Sicherheit der immer noch auf 4150 m gelegenen und eiskalten Stadt El Alto zurück, indem ich den LKW aus einem Bergwerk anhielt und auf dessen Ladefläche eine halbe Stunde im eisigen, die Haut vom Gesicht und den Händen reißenden Fahrtwind stand.

Das zweite Mal fuhr ich mit dem Taxi von Beirut nach Damaskus, weil wegen eines plötzlichen Schneesturms nach Weihnachten die Busse ausfielen. Der Taxifahrer erklärte sich nur bereit, die Fahrt über die Berge auf sich zu nehmen, wenn ich warten würde, bis noch drei weitere Passagiere eintrafen, damit sich die Fahrt auch lohne. Anscheinend ein Öko. Immer wieder mussten wir aussteigen, um den im Schnee festgefahrenen Mercedes anzuschieben. Immer wieder schlitterten wir auf die Gegenfahrbahn. Erst als der Taxifahrer in einem Bergdorf Schneeketten erwerben konnte, was den Fahrpreis pro Passagier um 2,50 Dollar erhöhte, kamen wir einigermaßen voran.

Apropos Schneeketten: Der Fahrer und die anderen Passagiere waren alle Kettenraucher, so dass während der vierstündigen Fahrt bei Minusgraden, eisigem Wind und dichtem Schneetreiben alle Fenster geöffnet blieben. Es zog und schneite in den Wagen, wie wenn wir auf einer offenen Kutsche durch Sibirien gefahren wären.

Als ich in Damaskus ankam, sah ich aus wie ein Schneemann und schlotterte am ganzen Leib.

Ich ging in ein Hotel, das zwar das erstbeste, aber wohl nicht das beste war. Es gab keine Heizung. Es gab kein warmes Wasser. Die Löcher in den Fensterscheiben waren notdürftig mit Zeitungspapier gestopft, das im eisigen Wind flatterte. An der Rezeption holte ich mir eine zweite Decke, mehr Hilfe war nicht aufzutreiben. Warme Kleidung hatte ich natürlich nicht, denn ich hatte Wüste und Sonne erwartet. Im Zimmer hing ein Foto von Baschar al-Assad, mit dem ich am liebsten ein Feuer entzündet hätte. Aber man weiß ja, dass der Herrscher sehr unbeherrscht reagiert, wenn er glaubt, kritisiert zu werden.

Das dritte Mal stand ich am Hauptbahnhof in Bremen und wartete auf einen Zug.

Ich fahre gerne mit der Eisenbahn und preise die Deutsche Bahn dafür, dass jeden Tag Tausende von Zügen kreuz und quer durch unser unübersichtliches Land fahren, wobei sie nur äußerst selten entgleisen oder zusammenstoßen, was ein Meisterwerk nicht nur der Technik, sonder auch der Organisationskunst darstellt, das gerne in anderen Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge – z.B. der Pandemiebekämpfung! – kopiert werden dürfte.

Aber warum zum Henker gibt es Bahnhöfe ohne beheizte Wartehallen? Oder überhaupt ohne Wartehallen? Ja sogar ohne windschützende Unterstände?

Warum wird aus jedem Bahnhof der letzte Quadratmeter herausgepresst, um Flitter und Fritten, Tand und Teigtaschen zu verkaufen, anstatt einen freundlichen Ofen und ein paar bequeme Bänke aufzustellen?

Warum muss die Wartezeit zwischen den umweltfreundlichen Reisen so ungemütlich gemacht werden, wie wenn man auf die Fahrt in ein Arbeitslager vorbereitet würde?

Warum sind der Deutschen Bahn die überflüssigsten Ladengeschäfte willkommen, nicht jedoch treue Kunden, die einfach nur gemütlich sitzen, warten und nicht vor Kälte sterben wollen?

Im sozialistisch geprägten Teil Europas geht es doch auch. So wartet man z.B. in ukrainischen Bahnhöfen. Da bollert die Kohle im Ofen, und niemand muss frieren.

Ach ja: Die Deutsche Bahn hat doch Wartesäle, DB-Lounges genannt. Allerdings nur für Passagiere der ersten Klasse. Und nur an 14 Bahnhöfen in Deutschland. – Vielleicht sollte ich mich das nächste Mal an die Bahnhofsmission wenden. Die gibt es immerhin an 105 Bahnhöfen in Deutschland.

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Vor hundert Jahren nahm ein armenischer Student das Recht in die eigene Hand – März 1921: Operation Nemesis

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Versprochen hatte ich für die Reihe „Vor hundert Jahren …“ nur eine Folge pro Monat. Aber die letzte Folge über den russischen Bürgerkrieg und die Mongolei stieß auf positive Resonanz und führte zu neuen Unterstützern.

Dafür bedanke ich mich mit dieser außerordentlichen, ungeplanten Sonderzusatzfolge für März 1921.

Und Ihr solltet Euch bei den Unterstützern dieses Blogs bedanken. Oder am besten selbst zu solchen werden, auf dass noch viele historische Kuriositäten ans Licht befördert werden.


Zur Zeit findet in Berlin der Prozess um den sogenannten Tiergarten-Mord statt, nachdem im August 2019 in einem Berliner Park, der sich täuschenderweise Tiergarten nennt, obwohl er weder Tiger noch Elefanten aufweist, Selimchan Changoschwili erschossen wurde. Das war schade, denn Herr Changoschwili war gleichzeitig Georgier, Tschetschene, Kiste und Kacheter und damit exotischer als ein Elefantentiger. Wer dahinter steckt, kann man sich denken, denn es gibt da diesen einen Mafiastaat, der überall in Europa Menschen erschießt, vergiftet und vom Balkon im vierten Stock schubst, weswegen es niemanden überraschen sollte, wenn dieser Blog eines Tages abbriiiiiiiiiiicht.

Jedenfalls haben politische Attentate, bei denen ausländische Kontrahenten ihre Wut und ihre Wumme nach Berlin bringen, Tradition. Ein bekannter Fall ereignete sich am 15. März 1921 und damit genau vor hundert Jahren. Und, wie gemacht für einen historisch-juristischen Blog, führte er zu einem bekannten Prozess.

Zumindest bekannt in Armenien.

Dort, im martialischen Militärmuseum in Jerewan, habe ich zum ersten Mal von der „Operation Nemesis“ gehört.

Jetzt muss ich leider ein bisschen ausholen, und leider wird es grausam. Aber ich mache es ganz kurz. Im Ersten Weltkrieg zerfiel das Osmanische Reich endgültig. Wie es oft so ist, wenn man ein Weltreich oder ein Fußballspiel verliert, man will sich an einer Minderheit abreagieren. Im Falle des Osmanischen Reichs waren das vor allem Griechen, Juden und Armenier. Letztere wurden ab 1915 in einem systematischen Völkermord ermordet und vertrieben.

Wenn Ihr davon in der Schule nichts gehört habt, so liegt das daran, dass es mehr türkische als armenische Mitschüler gibt und überlebende türkische Eltern sich häufiger beim Direktor beschwerden als tote armenische Großeltern. In anderen Ländern ist die Erinnerung an diesen Völkermord viel präsenter.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Deutschland in dem Völkermord eine unrühmliche Rolle spielte. Wir sind anscheinend ein genozidaffines Volk, und damit höre ich auf, zu zählen, mit wem ich es mir in diesem Artikel schon verscherzt habe.

Jedenfalls starben bis zu 1,5 Millionen Armenier, und die Überlebenden flohen in alle Welt. (Ihr findet sicher welche in Eurem örtlichen Schachclub oder Cognacladen.)

1919 kam es zur ersten juristischen Überraschung. Der osmanische Sultan setzte ein Gericht ein, vor dem sich türkische Politiker, Beamte und Offiziere für den Völkermord an den Armeniern verantworten mussten. 26 Jahre vor den Nürnberger Prozessen.

Anders als die Leipziger Prozesse ab 1921, in denen sich deutsche Soldaten für Massaker in Belgien verantworten sollten, nahm das türkische Gericht die Sache durchaus ernst. Zumindest anfänglich.

Das türkische Gericht sprach 17 Todesurteile aus, darunter gegen den ehemaligen Innenminister und Großwesir Talât Pascha, den ehemaligen Kriegsminister Enver Pascha und den ehemaligen Marineminister Cemal Pascha. Wer glaubt, das Völkerstrafrecht, also die Strafbarkeit von Individuen für Völkerrechtsverstöße, begann in Nürnberg, hat jetzt etwas gelernt und gewinnt mit diesem Wissen hoffentlich mal ein Fernsehquiz.

Die Paschas wollten nicht am Galgen enden und flohen deshalb zu ihren alten Waffenbrüdern – nach Berlin. Deutschland war bekannt für Kuscheljustiz gegenüber Kriegsverbrechern und lieferte die verurteilten Mörder nicht aus.

Die Türken waren fuchtig und drohten: „Wenn Ihr uns Talât Pascha nicht ausliefert, dann werden wir Euch im nächsten Weltkrieg nicht mehr unterstützten!“, weswegen der Zweite Weltkrieg so ausging wie er ausging.

Aber noch fuchtiger waren die Armenier.

Die Armenier merkten, dass Deutschland nichts gegen die Mörder in seiner Hauptstadt unternehmen würde. Die Armenier merkten, dass die Türkei, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion, die sich zu allem Übel das kurzzeitig unabhängige Rest-Armenien einverleibt hatte, keinen Finger rühren würden. Und die Armenier merkten, dass die Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs noch lange auf sich warten lassen würde.

Also beschlossen sie, die Urteile selbst zu vollstrecken. Operation Nemesis war geboren.

Zur Hinrichtung des Hauptverantwortlichen Talât Pascha meldete sich, weil es ein guter Vorwand war, um die Prüfungen auf das nächste Semester zu verschieben, ein Student: Soghomon Telirian. Außerdem konnte er so endlich nach Deutschland ziehen, wo er sein Ingenieursstudium fortsetzen wollte. Deutschland hatte damals einen guten Ruf in der Ingenieuerskunst. Ungerechtfertigterweise, denn der Berliner Flughafen war noch immer nicht fertig. Telirian musste also trampen.

Die Fortbewegung per Anhalter war kein Problem, denn die Spanische Grippe hatte sich nach drei Wellen und zwei Jahren gerade totgelaufen. Die Leute waren ganz wild auf soziale Kontakte, und außerdem war Telirian keiner von den stereotypischen Schmuddelstudenten im LSD-Rausch, sondern adrett und höflich.

In Berlin fand Telirian heraus, dass der einstige Großwesir in der Hardenbergstraße wohnte, beschattete ihn ein paar Tage und, als er sicher war, dass es sich um die Zielperson handelte und dass keine Passanten gefährdet waren, erschoss er ihn am Vormittag des 15. März 1921 auf offener Straße.

Nun werden in Berlin ständig Leute erschossen, und niemand hätte sich um einen weiteren Toten gekümmert. Die Bild-Zeitung hätte von „Clan-Kriminalität“ schwadroniert, und nach ein paar Tagen wäre die Sache vergessen gewesen. Aber Telirian verblieb neben der Leiche und wartete auf die Polizei. Er erklärte den Beamten, dass er das türkische Todesurteil vollstreckt und außerdem den Mörder seiner Frau und seiner Großeltern gerichtet habe und bedauerte, den deutschen Behörden damit Unannehmlichkeiten bereitet zu haben.

Der arme armenische Student wurde wegen Mordes angeklagt, und der Prozess vor dem Landgericht Berlin führte zur zweiten juristischen Überraschung, ja zu einer regelrechten Sensation.

Telirian konnte und wollte die Tat nicht leugnen. Also musste sich die Verteidigung auf Rechtfertigungs- und Entschuldigungsgründe stützen. Sie verwandelte den Mordprozess in einen Prozess über den Völkermord. Überlebende Armenier berichteten von den Gräueln. Johannes Lepsius, der wie kein zweiter versucht hatte, die deutsche Öffentlichkeit und Politik zum Schutz der Armenier zu bewegen, sagte als Zeuge aus. Otto Karl Viktor Liman von Sanders, ein deutscher General, der im Ersten Weltkrieg als Feldmarschall die osmanische Armee befehligt hatte, wurde vor Gericht geladen. Und Telirian berichtete, dass er 85 Familienangehörige durch den Genozid verloren hatte.

Am 3. Juni 1921 dann die Sensation: Freispruch!

Das Urteil wurde heftig diskutiert, wobei den Männern der Operation Nemesis, die in den folgenden Jahren noch weitere Täter des Genozids töteten, zugute gehalten wurde, dass sich kein Gericht ihrer Sache annahm: Die Türkei legte die alten Urteile zu den Akten. Andere Staaten lieferten nicht aus. Und Armenien, nun ja, das war in der Sowjetunion aufgegangen, und mit ihm die unabhängige armenische Justiz.

Die Lehre daraus, wie immer viel zu spät gezogen, war die Entwicklung des Völkerstrafrechts: Bestimmte schwere Taten können unabhängig vom geographischen Anknüpfungspunkt überall auf der Welt verfolgt werden. Deutschland beging 2021 das hundertjährige Jubiläum des Telirian-Urteils mit der Verurteilung eines syrischen Geheimdienstmitarbeiters wegen Folter in syrischen Gefängnissen.

Telirian zog rastlos um die Welt: Cleveland, Marseille, Belgrad, Casablanca, Paris, San Francisco. Nach Armenien sollte er nie mehr kommen.


Im Militärmuseum in Jerewan gab es übrigens noch ein paar dubiose Exponate. Aber das scheint in Armenien in jedem Haushalt so zu sein und ist außerdem eine andere, später zu erzählende Geschichte.

Jetzt ratet erst einmal, worum es im April 1921 gehen wird.

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Eine Postkarte aus Jerewan

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„Sie sind aus Deutschland?“ fragt Alex, der sehr freundliche Besitzer (und wahrscheinlich auch Eigentümer) der sehr gemütlichen Unterkunft in einem Plattenbauviertel von Jerewan.

„Ja.“

„Dann muss ich Ihnen einen Stahlhelm zeigen.“

Er steht auf, und ich folge ihm ins Esszimmer, wo nicht nur ein hakenkreuzverzierter Stahlhelm, sondern auch Arbeitsbücher des Reichsarbeitsdienstes, Wehrmachtsoffiziertrillerpfeifen, ein SS-Abzeichen und die Brille von Heinrich Himmler liegen, alles schön hergerichtet wie in einem Museum.

Ich will mit dem Gastgeber keine Diskussion vom Zaun brechen (v.a. weil ich kein Armenisch oder Russisch kann), aber die fehlende Begeisterung sieht er mir an. Alex zeigt mir dann doch lieber mein faschismusdevotionalienfreies Zimmer, den Balkon und das Bad.

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Ein Spaziergang durch Baza

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Manchmal komme ich nur in einen Ort, weil er auf der Strecke von A nach B liegt, mir aber die Strecke von A nach B zu lange für eine Tagesreise ist. Als ich von Málaga nach Venta Micena fuhr, lag Baza so praktisch auf dem Weg, dass ich dort einen Tag und eine Nacht verbrachte.

In Málaga hatte ich noch mit jemandem gesprochen, die als Musiklehrerin in Baza gearbeitet hatte. „Solo hay dos estaciones ahí, la del invierno y la del autobus„, warnte sie mich vor dem dortigen Winter mit einem Bonmot, das nicht ohne Verlust des Sprachwitzes ins Deutsche zu übersetzen ist. Es war September und ich war nicht beunruhigt, denn wenn Spanier vom Winter sprechen, bedeutet es, dass es mal kurz unter 30 Grad hat. „Nein, nein, im Winter schneit es dort sogar“, konkretisierte sie die Warnung. Nun ja, dafür ist der Winter auch da.

Die drei Stunden auf der Autobahn mit drei Spaniern im Auto, von denen einer schneller spricht als der andere, sind eine anspruchsvollere Prüfung als das DELE-Examen. Am Ende werde ich Kopfschmerzen haben. Aber interessant und lustig ist es. Dieses Bla-Bla-Car ist echt gut, um Land und Leute kennenzulernen.

In Baza angekommen, machen sich meine Mitfahrer Sorgen, dass ich mich in der Kleinstadt langweilen würde. Sie behandeln mich fast mitleidsvoll, wie jemanden, der ins Kloster geht, und laden mich noch auf eine Cola ein, bevor sie weiter düsen.

Viele Besucher sieht die Stadt tatsächlich nicht, scheint mir. Dabei war Baza unter den Mauren eine wichtige Grenzstadt zum Königreich Murcia (heute eine spanische Region und Provinz). Aber jetzt sind die Straßen und Plätze menschenleer. (Das war lange vor dem Coronavirus, deshalb meine Überraschung.)

Beim Friseur hängt ein Schild: „Ich öffne heute erst um 5.“ Beim Immobilienmakler sind die Preise heruntergesetzt, eine Wohnung mit drei Schlafzimmern von 66.000 € auf 50.000 €, eine andere Wohnung mit drei Schlaf- und zwei Badezimmern von 180.000 € auf 135.000 €. Der Immobilienboom in Spanien scheint vorbei zu sei. Der Makler hat übrigens „geschlossen bis Mittwoch, den 25.“, ohne Angabe des Monats.

Die große Kirche auf dem Marktplatz öffnet erst um 19 Uhr, um 20 Uhr schließt sich dann die Messe an. Zur Besichtigung werde ich abends noch mal vorbeischauen, die Messe erspare ich mir wahrscheinlich.

Beim weiteren Rundgang stoße ich im nahen Umkreis auf noch mehr Kirchen, zum Beispiel auf den Templo de nuestra señora de la Piedad – Patrona de Baza = Iglesia la Merced, wo ebenfalls um 20 Uhr der Gottesdienst angesetzt ist. Hier muss man sich eindeutig entscheiden, Doppelmitgliedschaft ausgeschlossen.

Ich deponiere erst einmal den Rucksack im Hotel Virgen del Pilar, wo mir eine zusätzliche dicke Decke überreicht wird, „falls es nachts zu kalt ist.“ Es hat 24 Grad. Praktischer finde ich den Hinweis der Rezeptionistin auf ein nahegelegenes Restaurant. „Da können Sie günstig mittagessen“, fügt sie an, und ich frage mich, woran man meine Knausrigkeit erkennt. Vielleicht am deutschen Pass. Jedenfalls scheint sie für heute keine weiteren Gäste zu erwarten, denn nach meiner Ankunft schließt sie die Empfangstheke und geht selbst ins Casa Grande zum Essen. Das ist ein Wirtshaus nach meinem Geschmack. Man fragt den vertrauenserweckend dicken Wirt, was es heute gibt, und sagt dann „ja“ oder „nein“. Speisekarten sind unpersönlicher Firlefanz.

Über die Straße zum Hotel ist ein Werbebanner der spanischen Fernuniversität Universidad Nacional de Educación a Distancia gespannt, das den Weg zu einem Regionalzentrum der UNED weist. Selbst begeisterter Fernstudent, bin ich beeindruckt, wie tief in der Provinz die spanischen Kollegen vertreten sind. Baza hat etwa 20.000 Einwohner und ist auch ansonsten nicht von überregionaler Bedeutung.

Früher war das, wie gesagt, anders. Auf dem höchsten Punkt der Stadt finde ich die Ruinen der maurischen Festung Alcazaba vor. Nur mehr Reste von Ruinen, sollte man sagen.

Dafür ist der Ausblick umso spektakulärer, mit Kirchtürmen, Bergen und Wolken wie in einem Photoshop. Ist aber alles echt. So ist Andalusien.

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„Sie müssen verzeihen, mein Herr, dass der Platz so heruntergekommen ist“, unterbricht mich eine Dame freundlich beim Fotografieren. Und sie hat Recht. Es liegt Schutt herum, und Unkraut wuchert überall.

„Wir haben schon den Plan zur Verschönerung des Platzes. Sehen Sie den Kreis auf dem Boden? Da soll ein Springbrunnen hinkommen.“ Aber wie das eben so sei bei öffentlichen Vorhaben, die brauchen ihre Zeit. Na gut, die Mauren sind ja auch erst seit 1489 weg.

Die Dame trägt ein buntes Kleid und ein mit Alufolie bedecktes Blech. „Für die Kätzchen“, erklärt sie. „Es ist etwas Fleisch vom Mittagessen übrig geblieben.“ Der Größe des Tabletts nach zu urteilen war das kein Versehen.

Am Bahnhof, der offensichtlich nicht mehr aktiv ist, treffe ich einen sehr alten Mann mit zwei Hunden und ebenso vielen Zähnen. Seit etwa 20 Jahren habe der Bahnhof geschlossen, erzählt er, und wir stimmen überein, dass dies sehr schade ist. Früher fuhr er mit dem Zug nach Alicante, nach Sevilla, ja bis nach Barcelona, und es war ein Vergnügen. Entspannt, gemütlich, schön und sicher sei das gewesen. Jetzt mit den Bussen mache das Reisen keinen Spaß mehr, und außerdem, erst gestern hätten sie es im Radio gebracht, sind letztes Jahr 1.810 Menschen im Straßenverkehr gestorben.

Gemeinsam stehen wir vor dem jetzt nutzlosen Bahnhofsgebäude und schwelgen in Erinnerungen an die Blütezeit der Eisenbahn. Als er mir zum Abschied die Hand drückt, habe ich Angst, meine Knochen könnten brechen, so viel Kraft hat der schätzungsweise 70-bis-80-Jährige noch. Wenn die Schienen nicht abmontiert worden wären, könnte er den Zug eigenhändig nach Alicante schieben.

Der schöne, grüne und ruhige Park an der Plaza San Jerónimo ist der Magnet, an den es mich auf meinen Spaziergängen durch die Stadt immer wieder zieht.

Hier kann ich mal ein paar Stunden setzen und ein Buch lesen. Denn das ist das Schöne an so kleinen Orten: Man muss keine Angst haben, zu viele Sehenswürdigkeiten zu verpassen, auch wenn man längere Pausen einlegt. Selbst wenn ich mich jetzt über die Größe und mangelnde Betriebsamkeit von Baza lustig machen wollte, was mir fernliegt, so weiß ich doch, dass es mich nach einem Monat in Venta Micena nach einem Städtchen wie diesem dürsten wird.

Irgendetwas ist übrigens verdächtig intellektuell an dieser Kleinstadt. Zuerst haben sie eine Zweigstelle der Universität, dann entdecke ich eine vierstöckige Bibliothek, die bis um 21 Uhr geöffnet ist. Gut, am Sonntag nur bis 14 Uhr, aber das sind Öffnungszeiten, von denen die meisten Stadtbibliotheken in Deutschland träumen können.

Eine Kneipe heißt Rincón del Poeta, Dichterecke, und das Graffiti an der Kirche stammt von Pablo Neruda.

Gegenüber der Polizeistation in der Altstadt ist ein sehr gut sortierter Tabakladen. Es kann also sein, dass ich hier in ein paar Wochen nochmal vorbeikommen muss. Die Polizeiautos parken nebenan vor dem „Laden für exotische Vögel“, dessen sämtliche Käfige im Schaufenster leer sind, der aber laut handgeschriebenen Schildern auch sibirische Huskies verkauft. Die Leute glauben echt, dass es hier eiskalt ist.

Se alquila por poco dinero“ steht verzweifelt an einem Laden in den verwinkelten Altstadtgassen: Zu vermieten für wenig Geld.

Um 18 Uhr komme ich wieder am Park vorbei. Jetzt ist deutlich mehr los. Die drei Boccia-Felder sind belegt, und die Spieler diskutieren jeden Wurf mit mehr Verve als im Gerichtsgebäude um die Ecke streitige Verfahren ausgetragen werden.

Die Kirche öffnet sich doch nicht um 19 Uhr. Vielleicht sind auch hier Sommerferien.

Als ich am Abend zum Hotel zurückkehre, sehe ich, dass auch dieses Gebäude zum Verkauf steht. Na, hoffentlich wechselt es nicht heute Nacht den Eigentümer. Nachdem ich mich den ganzen Tag über die Spanier amüsiert habe, die glauben, dass es hier im September kalt sei, muss ich ganz kleinlaut und reumütig gestehen, dass ich zum Schlafen eine lange Jogginghose und einen Pullover benötige.

Fazit: Baza ist nicht Granada oder Málaga, das ist klar. Aber einfach daran vorbeifahren sollte man nicht. Vielleicht kann man in so einer Kleinstadt sogar mehr über Andalusien lernen, denn man teilt sich die Aufmerksamkeit nicht mit anderen Touristen. Die Wohnungen sind auch billig, wie Ihr gesehen habt.

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Zwei Bäcker, zwei Länder, zwei Kulturen

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Heute beim Bäcker in Deutschland:

Ich kaufe drei Stück Kuchen. 5 Euro und 13 Cent kosten sie.

Ich habe 12 Cent in Münzen, ansonsten nur Scheine.

„Das reicht nicht“, sagt die Bäckersfrau mathematisch streng, so dass ich ihr einen 10-Euro-Schein und sie mir einen Haufen Münzen überreichen muss.

So geht das, ganz korrekt.


Vor ein paar Jahren in Bolivien:

Ich spaziere durch die Nachbarschaft in Cochabamba, entdecke eine kleine Bäckerei, lasse mir zwei Stück Torte einpacken, die 14 Bolivianos (= 1,70 Euro) kosten.

Leider habe ich nicht das passende Kleingeld, sondern nur einen 50-Boliviano-Schein. Das entspricht 6 Euro, bringt die Bäckersfrau aber in Verlegenheit, weil sie nicht genug Wechselgeld hat. Es ist eine Familienbäckerei, versteckt in einem Wohnviertel, nicht stark frequentiert.

„Kein Problem,“ biete ich an, „ich gehe schnell zum Supermarkt und kaufe etwas zum Trinken, so dass ich Kleingeld bekomme.“

„Wohnen Sie hier in der Gegend?“ fragt die Bäckersfrau, die mich zum ersten Mal gesehen hat und der nicht entgangen sein kann, dass ich nicht aus Cochabamba stamme.

„Ja, ein paar Blocks weiter. Lucas-Mendoza-Straße.“

„Dann bezahlen Sie, wenn Sie mal wieder vorbeikommen. Genießen Sie jetzt lieber die Torte!“

So geht das, ganz menschlich.

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