Praktischerweise lest Ihr vor diesem Artikel Teil 1 der Autostöppel-Odyssee.
Ihr erinnert Euch, wir waren relativ problemlos in Friedrichshafen angekommen, wo es mir allerdings so gut gefiel, dass ich ein wenig versumpfte.
Weiter geht’s:
Nur mit dem festen Vorsatz, für eine Bodensee-Rundreise zurückzukommen, kann ich mich schließlich losreißen. Irgendwie muss ich jetzt nach Nordosten, Richtung Bayern trampen. Ich begebe mich an den Anfang der B30, die nach Ravensburg und Ulm führt – und kann mir noch nicht vorstellen, welche Kopfzerbrechen mir diese Bundesstraße heute bereiten wird. Es wird ein regelrechter Kreuzweg werden.
Dabei beginnt es super. Eine Minute erst stehe ich an der Ampel, als aus dem Dönerladen hinter mir ein junger Mann herauskommt: „Wo wollen Sie denn hin?“
„Richtung Ravensburg.“
„Ich fahre nur bis Meckenbeuren, aber das liegt auf dem Weg. Ich kann Sie gerne mitnehmen.“
„Das ist ja super nett! Aber essen Sie erst einmal in Ruhe fertig, ich habe Zeit.“ Tja, wenn die Sonne hoch steht, denkt man noch so.
Nach ein paar Minuten und einer Verdauungszigarette steigen wir in einen Mega-PS-Power-BMW, und der junge Vermögensberater fährt den armen Anhalter nach Norden, durch wunderbar grüne Alleen mit blühenden Bäumen und lachender Sonne. So soll es sein.
In Meckenbeuren lässt er mich, ganz Vermögensberater, an der Sparkasse raus, die direkt an der B30 liegt. Eine gute Stelle, denke ich, mit Parkbucht zum Anhalten. Wie gemacht für Bankräuber, Anhalter und andere Leute, die schnell wegmüssen. Keine gute Stelle, denken Dutzende von mich ignorierenden Autofahrern, bis ein junger Afrikaner in einem alten VW Golf anhält. Er fährt zwar auch nur ein kurzes Stück, will mich aber unbedingt mitnehmen, weil seine Frau einst per Anhalter von Deutschland nach Portugal gefahren ist. Für ihn ist es Ehrensache, etwas von dieser Hilfsbereitschaft zurückzugeben.
Ihr seht also: Wenn Ihr trampt, macht Ihr die Welt besser!
Zum Glück erwähne ich, dass ich eigentlich gar nicht nach Ravensburg mit seinem puzzle-artigen Straßengewirr, sondern weiter nach Ulm muss, da hat der ortskundige Afrikaner einen Geistesblitz. Er fährt mich zu einer Kreuzung der Bundesstraßen, wo die Autos nach Ulm an einer Ampel halten müssen. So haben die Fahrer Zeit, mich zu begutachten, zu entscheiden und mich einzuladen.
Wirklich ein perfekter Ort zum Trampen.

Theoretisch.
Praktisch stehe ich hier eine halbe Stunde in der prallen Sonne, und die meisten Fahrer blicken starr nach vorne, rollen das Fenster nach oben und ignorieren mich schlecht gespielt. Bei den mit Eheleuten besetzten teureren Autos kann ich öfter die gleiche Diskussion beobachten: Die Beifahrerin schlägt vor, mich mitzunehmen, aber der Fahrer lehnt brüsk ab. „Soll er sich doch ein Auto kaufen“, motzt er klassistisch und will keinesfalls riskieren, dass da jemand ohne Auto, ohne Eigentum und ohne Workaholic-Burnout von einem interessanteren Leben als dem im Büro erzählt. Die Frau zieht die Augenbrauen hoch und wirft mir einen entschuldigenden Blick zu. „Am Montag gehe ich zum Scheidungsanwalt“, denkt sie sich, während der Mann mit besonders viel Gas losfährt, sobald ihm die Ampel die Erlaubnis dazu gibt.
Lediglich eine hübsche Frau mit Blümchenhippiewohnmobil und Baby auf dem Beifahrersitz hält an. Sie fährt aber nicht weit und meint, dass ich von der gegenwärtigen Stelle auf jeden Fall leichter weg käme als von dort, wo sie hin muss. Weil sie so aussieht, wie wenn sie schon nach Kerala und Kathmandu getrampt ist, folge ich ihrem Rat. Und verdorre weiter in der Sonne.

Nach mehr als einer halben Stunde hält endlich ein roter Lieferwagen. Der Mann fährt immerhin 10 km weit, was ich dankend annehme. Das Radio spielt „Mr Vain“ von Culture Beat, so wie eine meiner in den 1990er Jahren für Autofahrten selbst aufgenommenen Kassetten. Jetzt habe ich kein Auto mehr, keine Kassetten, dafür einen besseren Musikgeschmack.
„Da vorne im Tunnel gilt ein Tempolimit von 100, aber vor kurzem wurde jemand mit 300 km/h geblitzt„, erzählt er. So einen Fahrer bräuchte ich jetzt.
Das Fenster ist offen, der Fahrtwind weht uns um die Nase. Wie auf der Fahrt nach Kalifornien, immer am Pazifik entlang. Statt in Berkeley lässt er mich bei Baindt raus, von wo es genauso schwer wegzukommen ist wie von Alcatraz.
An der Auffahrt zur B30 stehe ich ziemlich verloren, bis wieder ein roter Lieferwagen hält. Vielleicht der Sohn des vorherigen Chauffeurs. Er fährt mich nach Bad Waldsee und setzt mich wo ab, wo absolut niemand vorbeikommt. Es ist 16:20 Uhr, langsam wird die Zeit knapp. Also gehe ich in die Stadt und decke mich mit Wasser und Gummibärchen ein. Denn die Aussicht, die Nacht in einem Park zu verbringen, wird immer realistischer.
Bad Waldsee scheint ein hübsches Städtchen zu sein, wäre also nicht weniger als jeder andere Ort auf dieser Welt für eine Vagabundennacht geeignet. Eigentlich läuft mir die Zeit davon, aber erst einmal setze ich mich in den Park zum Schreiben, was auf begeisterte Zustimmung einer spazierenden Passantin stößt: „Das ist schön, mal wieder jemanden zu sehen, der in ein Notizbuch schreibt und nicht immer nur in sein Telefon tippt.“ Ich erwähne besser nicht, dass am Ende ein Blog daraus wird.
Im sympathischen Bad Waldsee stehe ich nur eine Minute an der Straße, bis mich eine junge Familie auf dem Weg zum Grillen ein Stück weit mitnimmt. Für eine Einladung dazu sehe ich anscheinend nicht hungrig genug aus.
An der Ausfahrt von Edeka und Tankstelle ist es schon schwieriger. Ein Angebot zur Mitnahme nach Biberach muss ich ausschlagen, weil auf dem Rücksitz zwei bärengroße Schäferhunde toben.
Aber dann hält eine Frau, die früher selbst viel getrampt ist, quer durch Deutschland, zu Festivals und Konzerten Sie nimmt mich mit Richtung Biberach, wo eine Umgestaltung der B30 alle nichtvorhandenen Pläne über den Haufen wirft. „Ich muss Sie zum Jordankreisel fahren, sonst kommen Sie hier nicht mehr weg.“
Aber auch von dem Kreisel komme ich nicht weg. Ich stelle mich wie immer bewusst dorthin, wo die Geschwindigkeit reduziert ist, aber das ist den Autofahrern egal. Für einen Blitzer würden sie sich verlangsamen, für einen Menschen nicht.
Bis wieder ein Lieferwagen hält. Deren Fahrer sind irgendwie cooler. Diesmal ist es ein früherer Investmentbanker, der jetzt Yoga-Lehrer ist. Auch ein Karriere-Aus- oder Umsteiger. Wir verstehen uns prächtig.
Anscheinend sind wir aber noch immer nicht in Ulm, sondern in Biberach oder um Biberach oder um Biberach herum, denn er setzt mich an einer praktischen Stelle aus und sagt: „Von hier kommst du sicher nach Ulm.“ Dort beginnt endlich die Autobahn, womit die 5- und 10-km-Fahrten ein Ende haben sollten und ich richtig Strecke machen werde. Und wenn ich erst einmal auf der Autobahn bin, ist es nicht schlimm, wenn es dunkel wird, weil ich von Raststätte zu Raststätte trampen kann.

Ein Auto hält, die Tür öffnet sich, ein Mann und zwei Frauen, alle über 50: „Wir sind gerade dabei, den Rosenkranz zu beten. Wenn Sie das nicht stört, steigen Sie ein!“ Das stört mich nicht im Geringsten.
„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnad‘, der Herr isch mit dir. Du bisch gebenedeid under de‘ Fraue‘, und gebenedeid isch die Frucht von deim‘ Leib, Jesus“, tragen sie mantraartig vor. (Ich verzichte im Folgenden auf die laienhafte Transliteration des Schwäbischen, aber Ihr könnt jetzt die Atmosphäre im Auto besser imaginieren.) Am Rückspiegel hängt ein Rosenkranz, und die beiden Frauen halten jeweils eine dieser Gebetsketten in den Händen.
„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ Anscheinend muss man das öfters aufsagen.
„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ Das wird wohl die ganze Fahrt so gehen.
„Wir fahren zum Gewerbegebiet in Schwaighofen, passt das für Sie?“
„Ich kenne mich in Ulm gar nicht aus. Aber wenn man dort auf die Autobahn kommt, dann passt es.“
„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ Es ist schwierig, hier eine längere Unterhaltung zu führen.
„Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ Endlich mal eine Abwechslung.
„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ Aber Maria scheint doch am Wichtigsten zu sein.
„Wir könnten ihn doch zum Tempel Gottes mitnehmen. Vielleicht fährt von dort jemand in seine Richtung?“ schlägt eine der Frauen vor.
„Das ist zu riskant“, antwortet der Mann. Es bleibt unklar, ob er damit meint, dass ich vielleicht keinen Fahrer finde, oder ob ich eine Gefahr für die christliche Gemeinde bin.
„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“
Am Ende entlassen sie mich mit Gottes Segen in Breitenhof, ein paar Kilometer vor der Autobahnauffahrt. Noch zwei Stunden bis Sonnenuntergang. Die Zeit zieht sich. Auto für Auto rauscht an mir vorbei, unchristlich, egoistisch, herzlos.
Der einzige, der hält, ist ein junger Vater mit drei Kindern auf der Rückbank. Er fährt sie gerade zur Mutter. Die drei Kinder sagen keinen Pieps, entweder aus Angst vor dem fremden Mann oder weil sie das Wochenende nicht bei Mama verbringen wollen.
Direkt an der Auffahrt zur A7 setzt er mich ab. Noch eineinhalb Stunden Tageslicht, das wird zu schaffen sein. Aber diese Auffahrt ist nicht gebenedeit und gesegnet, sondern verhext und verflucht.

Auto um Auto düst an mir vorbei, während ich im gold-glänzenden Licht der sich unbarmherzig senkenden Sonne immer längere, einsamere und verzweifeltere Schatten werfe. Der einzige, der anhält, ist ein kroatischer LKW-Fahrer, aber er fährt nach Stuttgart, nicht nach Nürnberg. Ich hätte trotzdem einsteigen sollen, denn – um die Tortur abzukürzen – : Ich schaffe es in dieser Nacht nicht mehr auf die Autobahn.
Als die Sonne, erschöpft vom langen Arbeitstag und weil sie anderswo auf diesem Erdball gebraucht wird, hinter dem Horizont versinkt, muss ich gehen. Hier gibt es keine Laterne, kein Licht, und niemand wird mehr halten.

In der Nähe ist eine Tankstelle, vielleicht kann ich dort Fahrer ansprechen. Je näher ich der Tankstelle komme, umso deprimierender der Anblick. Die Hoffnung schwindet, eigentlich ist sie schon tot. Genauso tot wie die triste Total-Tankstelle.

Vereinzelt kommt ein Auto vorbei. Zwei polnische LKW-Fahrer halten an, aber sie fahren in die falsche Richtung. Ich stelle mich schon ein auf eine Nacht im nahen Wald, als ein junges Fräulein auf mich zukommt: „Wo musst du denn hin?“
Ich erkläre den Plan und die Probleme bei dessen Umsetzung.
„Ich fahre zwar auf die A7, aber nach Süden, nach Illertissen“, sagt sie. Ich muss nach Norden.
Wir sehen auf der Karte nach, ob wenigstens eine Raststätte auf ihrem Weg liegt, wo ich die Nacht im Hellen und nicht ganz so Kalten verbringen könnte. Negativ.
„Selber schuld“, „tut mir leid“ oder „nicht mein Problem“ würde jeder andere denken. Aber die Frau, die aussieht wie ein junges Mädchen, ist ernsthaft besorgt, auch weil sie selbst oft getrampt ist, wie sich herausstellt, und die Situation deshalb richtig einschätzt: „Du kannst hier nicht die ganze Nacht bleiben, hier kommt niemand mehr vorbei.“
„Wenn ich nach Hause fahren würde,“ fährt sie fort, „könntest du mit zu mir kommen. Aber ich bin auf dem Weg zu meinen Eltern, und wenn ich da einen fremden Mann mitbringe und sage, dass der für eine Nacht ein Bett braucht, …“
Das ist doch ein guter Punkt für eine Pause, oder? Schließlich ist es jetzt dunkel und Ihr müsst ins Bett.
Aber bald gibt es Teil 3.
Praktische Tipps:
- Wenn Ihr schneller voran kommen wollt, hilft ein bisschen Planung. So hätte ich mich in St. Gallen an einem besseren Ort absetzen lassen können. Und am deutschen Ufer des Bodensees wäre ich besser nach Lindau getrampt, wo die A96 beginnt, anstatt auf der B30 wie eine Schnecke voranzukommen. Aber Schnelligkeit ist nicht alles.
- Es wäre schlauer gewesen, vorab das Ziel niedriger zu stecken und in Ulm eine Unterkunft, z.B. über Couchsurfing, zu organisieren.
- Friedrichshafen und Bad Waldsee sind definitiv einen Besuch wert.
Links:
- Mehr Anhaltergeschichten.
- Und andere Reisegeschichten.
- Mit nur ein bisschen Unterstützung für diesen Blog hätte ich mir ein Zugticket leisten können und müsste nicht an dubiosen Tankstellen darben.












































































