Manchmal verändert eine zufällige Begegnung den weiteren Verlauf unseres Lebens. Als ich in Montenegro vom Berg Vrmac nach Tivat hinabstieg, traf ich auf eine Dame mit Hund. Der Hund sei gar nicht ihrer, erklärte sie, und sie sei eigentlich aus Hawaii. Sie wäre nur für drei Wochen in Montenegro, in denen sie in der Abwesenheit der Eigentümer auf deren Wohnung und auf den Hund aufpasse. Und so hörte ich zum ersten Mal vom Housesitting bzw. Haushüten.
Was ist dieses Housesitting?
Wenn Haus- oder Wohnungsbesitzer verreisen wollen, machen sie sich manchmal Sorgen um das Haus, die Pflanzen und vor allem um die Tiere, falls diese nicht mit in den Urlaub dürfen. Klar könnte man sie in ein Heim abschieben, aber da ist es nicht so gemütlich wie zuhause. (Eine Überlegung, die bei älteren Angehörigen seltener eine Rolle zu spielen scheint.)
Also suchen die Eigentümer nach jemanden, der für die Dauer ihrer Abwesenheit in der Wohnung lebt, den Hund füttert und ausführt, Schnee schaufelt, den Briefkasten leert und sicherstellt, dass niemand einbricht. Im Wissen darum, dass sich jemand um alles kümmert, fühlen sich die Eigentümer während der Reise beruhigt. Außerdem bekommen sie so von Zeit zu Zeit aktuelle Fotos von ihrem Tier.
„Hmm,“ dachte ich, „das würde eigentlich perfekt zu meinem Reisestil passen“, denn ich verbleibe gerne länger an einem Ort. Jessica, die Dame aus Hawaii, bestärkte mich und gab mir eine ganze Reihe von hilfreichen Tipps. Zusammen mit den Erfahrungen, die ich seitdem selbst gesammelt habe, gebe ich diese hiermit an Euch weiter.
Für diejenigen, die lieber hören als lesen, habe ich dem Deutschlandfunk ein Interview gegeben.
So machst du also kostenlos Urlaub?
Nein. Man darf das Ganze keinesfalls als Urlaub betrachten. Ich behandle es eher wie eine Arbeit, mit Pflichten gegenüber den Eigentümern, dem Haus und den Tieren.
Im Normalfall sind diese Jobs unbezahlt, aber wenn mich Leute kostenlos in ihrem Haus wohnen lassen, ist es genauso, wie wenn sie meine Miete mit Nebenkosten zahlen würden. Also sollte ich meine Aufgaben ernst nehmen.
Insbesondere wenn Tiere im Haus sind, bedeutet dies, dass ich ernsthaft Zeit investiere. Es reicht nicht, dass die Tiere nur überleben, ich will auch, dass sie sich wohl fühlen und glücklich sind. Wenn sie mehrere Stunden am Tag gestreichelt werden wollen, dann bekommen sie das. (Ich kann ja derweil immer noch Podcasts hören oder Filme gucken.)
Ich mähe auch den Rasen, gieße die Pflanzen, bringe den Müll raus, überprüfe die Wasserpumpe und nehme Pakete entgegen. Am wichtigsten ist es, die Auftraggeber regelmäßig zu informieren, so dass sie wissen, dass das Haus noch nicht abgebrannt ist und die Katze oder der Hund noch lebt. Ich informiere die Urlauber auch über eingegangene Post und biete an, diese zu scannen und zu e-mailen.
Wie Ihr also sehen könnt, ist das kein Urlaub und Ihr habt keine vollkommen freie Zeitgestaltung. Insbesondere wenn Haustiere involviert sind, solltet Ihr wirklich jede Nacht in der Wohnung verbringen, so dass sich längere Reisen in die Umgebung verbieten. Aber für mich, der ich eine Menge Zeit zum Studieren, Lesen und Schreiben benötige, ist es perfekt. So günstig könnte ich sonst selten in einer anderen Stadt oder einem anderen Land leben. Und manchmal komme ich sogar in einem richtigen Palast unter.
Wie kannst du überhaupt als Haushüter arbeiten, wo doch jeder weiß, dass du Angst vor Hunden hast?
Ich arbeite nur mit Katzen.
Das schränkt die Zahl der Angebote, auf die ich mich bewerben kann, erheblich ein, denn etwa 80% der Jobs drehen sich um Hunde. Wenn Ihr es auch mal mit Housesitting versuchen möchtet, bewerbt Euch also bitte nur auf Anfragen mit Hunden, Pferden, Kröten und Schlangen, so dass wir nicht konkurrieren.
Lasst die Katzen doch bitte für den Katzenfreund übrig.
Die einzige Ausnahme ist der Hund unserer Nachbarn in Deutschland, aber Lily ist so süß und harmlos, dass sie eigentlich eine Katze ist.
Oh, und einmal habe ich auf Hasen aufgepasst. Jetzt fehlen nur noch Schafe!
Wie lange dauern diese Aufenthalte?
Manche Leute suchen nur einen Haus- und Hundehüter fürs Wochende, andere sind für sechs Monate weg, weil sie den Winter in der Karibik verbringen. Die meisten Angebote erstrecken sich auf etwa zwei Wochen, was die durchschnittliche Urlaubsdauer zu sein scheint. Was man auch merkt: An Weihnachten wollen ganz viele Menschen weg.
Ich bevorzuge Aufenthalte von mehreren Monaten, insbesondere wenn ich von weit anreisen muss. Wenn ich schon in der Nähe bin, bin ich auch für kürzere Aufträge gerne offen.
Wie findest du diese Aufträge?
Dafür gibt es spezielle Internetseiten.
Mind My House war mein erster Versuch, weil die Gebühr mit 29 $/Jahr ziemlich günstig ist. Gleich nach der Anmeldung landete ich ein paar Treffer. Die meisten Angebote auf dieser Seite sind aus Nordamerika und Westeuropa, mit gelegentlichen Jobs in anderen Regionen.
House Sitters UK ist auf Großbritannien, Nordirland und die Kanalinseln beschränkt. Ich finde die Website die übersichtlichste, und ich verbringe sowieso gerne Zeit auf den Inseln. Die 20 £/Jahr sind es also wert. Auch über diese Seite habe ich bereits einige Aufträge abgestaubt. Wenn Ihr Euch bei House Sitters UK anmelden wollt, bekommt Ihr mt dem Code CKYWBT 25% Rabatt auf die Mitgliedsgebühr.
Nomador hat einen Schwerpunkt auf Frankreich, aber auch Angebote aus dem Rest der Welt. Die Mitgliedschaft kostet 74 €/Jahr, aber es gibt eine kostenlose Probemitgliedschaft, mit der man sich auf 3 Stellen bewerben kann.
Mind A Home UK ist auf Großbritannien beschränkt und kostet nur 15 £/Jahr.
Eine Weile war ich auch bei Trusted Housesitters. Eine ziemlich gut aufgebaute und organisierte Website, aber als die Gebühren auf 150 €/Jahr erhöht wurden, bin ich ausgestiegen.
House Sit Mexico wäre interessant, weil ich wahnsinnig gerne mal wieder nach Lateinamerika ginge. Aber 79 $/Jahr für relativ wenige Angebote sind mir einfach zu viel.
Housecarers verlangt 50 $/Jahr. Ich habe es noch nicht ausprobiert, hauptsächlich weil ich durch die andren Seiten bereits genug Stellen erhalte.
Die Mitgliedschaft bei House Sit Match kostet 49 £/Jahr, aber auf dieser Website habe ich die Suchfunktion noch nicht richtig nutzen können.
Luxury House Sitting kostet 25 $/Jahr. Ich finde die Website ein bisschen verwirrend, weil sie bereits abgelaufene Ausschreibungen noch immer anzeigt.
Außerdem gibt es noch eine ganze Menge Housesitting-Gruppen auf Facebook und auf Couchsurfing. Wenn Ihr da schon ein Profil habt, ist es vielleicht sogar einfacher, so ein Housesitting zu ergattern, weil die Leute Eure Bewertungen lesen oder mehr über Eure Persönlichkeit erfahren können.
Ich bin gespannt, von Euren Erfahrungen mit diesen Seiten und anderen Plattformen zu hören. Leider ist keine der Seiten perfekt, was die Suchparameter anbelangt. Zum Beispiel suche ich immer nach Jobs mit Katzen, bekomme aber auch Angebote angezeigt, bei denen Katzen und Hunde im Haus sind. Ebensowenig bietet eine der von mir bisher genutzten Seiten wirklich maßgeschneiderte E-Mail-Benachrichtigungen. Wenn ich zum Beispiel bestimmte Daten blockiere, an denen ich nicht verfügbar bin, bekomme ich für diesen Zeitraum dennoch Angebote. Da könnte man noch viel verbessern.
Die mit Abstand beste Website ist House Sit Search, ein privates Projekt von Mark und Maria, das die Angebote aller kommerziellen Websites durchsucht und wirklich durchdachte und funktionierende Suchparameter zur Verfügung stellt.
Was bei allen Plattformen fehlt, soweit ich das bisher gesehen habe, sind Angebote aus Osteuropa, dem Nahen Osten, Afrika und Zentralasien. Vielleicht fragen die Menschen dort einfach ihre Nachbarn um Hilfe. Das ist schade, denn das sind genau die Regionen, in denen ich gerne mal länger wohnen würde.
Weil die Konkurrenz auf den Housesitting-Seiten ziemlich stark ist, empfehle ich Euch auch, Euren Freunden und Verwandten zu erzählen, dass Ihr für diese harte Arbeit zur Verfügung steht. Und wenn Leser dieses Blogs eine Katze haben und in den Urlaub fahren wollen, oder wenn Ihr ein Sommerhaus habt, das im Winter leer steht und das Ihr gerne für ein Mitglied der schreibenden Zunft zur Verfügung stellt, gebt mir bitte Bescheid!
Wo hast du bisher schon Häuser und Katzen gehütet? Und wo geht es als nächstes hin?
Bisher war ich an den folgenden Orten:
Sommer 2018: zwei Monate in Wien, wo ich auf die Wohnung von Freunden aufgepasst habe.
Herbst 2018: ein Monat in Venta Micena, Spanien, mit einer Katze. (Das habe ich über MindMyHouse gefunden.)
Winter 2018/19: drei Monate in Calgary, Kanada, mit einer Katze. (MindMyHouse)
Mai 2019: zwei Wochen in Newquay, Cornwall, England, mit einem Kater. (House Sitters UK)
Juli 2019: zwei Wochen in Wien. Diesmal haben mir meine Bekannten auch ihre Katze anvertraut.
August 2019: zwei Wochen in Antwerpen, Belgien, mit einer Katze. (Trusted Housesitters)
August 2019: zwei Wochen in Brüssel, Belgien, mit zwei Katzen. (MindMyHouse)
September 2019: zwei Wochen in Chastre, Belgien, mit zwei Katzen. (Trusted Housesitters)
Dezember 2019 – Januar 2020: drei Wochen in Kiew, Ukraine, mit zwei Katzen. (Trusted Housesitters)
Sommer 2020: zwei Wochen in Wien, mit einer Katze.
April 2021: zwei Wochen in Bremen, mit zwei Katzen. (Nomador)
Mai 2021: zwei Wochen in Waltenstein, Schweiz, mit zwei Katzen. (Couchsurfing)
Juni 2021: zwei Wochen in Bad Münstereifel, ohne Tiere. Ja, das mache ich auch. Dann passe ich einfach aufs Haus auf, gieße die Pflanzen, leere den Müll, solche Sachen.
Juli 2021: zwei Wochen in Trient, Italien, mit zwei Katzen.
Juli 2021: zwei Wochen in München, mit zwei Katzen. (Trusted Housesitters)
Sommer 2021: ein Monat in Stockholm, Schweden, mit einer Katze.
Oktober 2021: eine Woche in Neuendorf, Brandenburg, mit einer Katze. (Trusted Housesitters)
Winter 2021/2022: drei Monate in Oberstenfeld, Baden-Württemberg, mit zwei Hasen und zwei Kanarienvögeln. (MindMyHouse)
Februar/März 2022: drei Wochen in Bad Mergentheim, Baden-Württemberg, mit zwei Katzen. (Nomador)
Juni 2022: zwei Wochen in Viechtach, Bayern, mit zwei Katzen. (MindMyHouse)
Juli/August 2022: drei Wochen in Berlin, mit einer Katze. (MindMyHouse)
Herbst 2022: drei Wochen in Lepsény, Ungarn, mit vier Katzen. (MindMyHouse)
Winter 2022/23: zwei Wochen in Chastre, Belgien, mit zwei Katzen.
Januar-März 2023: zwei Monate in Berlin, mit zwei Katzen.
April-Juni 2023: zwei Monate in Markkleeberg, Sachsen, mit zwei Katzen.
Herbst 2023: drei Wochen in Berlin, ohne Haustiere.
Oktober 2023: eine Woche in Görlitz, mit zwei Katzen.
Frühjahr 2024: sechs Wochen in Berlin, mit zwei Katzen.
Auf dieser Seite veröffentliche ich immer meine aktuellen Reisepläne, einschließlich der nächsten Housesittings.
Brauchst du ein Visum, wenn du das im Ausland machst?
Das hängt natürlich von dem jeweiligen Land und von Eurer Staatsangehörigkeit ab.
Aber weil gewöhnlich kein Geld fliesst, kann man es normalerweise problemlos mit einem Touristenvisum machen. Als ich zum Beispiel bei der Einreise nach Kanada nach meinen Plänen befragt wurde, habe ich das Konzept erklärt und wahrheitsgemäß gesagt, dass es unbezahlt sei. Es gab keine Nachfragen, und ich durfte für sechs Monate einreisen.
Hast Du aufgrund deiner Erfahrung ein paar Tipps für mich?
Oh ja, eine ganze Menge sogar:
Füllt Euer Profil mit aussagekräftigen Informationen aus, seid lustig und sympathisch, und verwendet Fotos von Euch mit Tieren. (Wobei ich auch gleich der Illusion entgegentreten will, dass jeder die gleichen Chancen hätte. Ich denke nicht, dass ich all die Angebote erhalten hätte, wenn ich ein 18-jähriger dunkelhäutiger Mann mit einem verrückten Bart anstatt einem 43-jährigen weißen Juristen aus Deutschland wäre. Das ist natürlich unfair, aber so ist die Realität. In manchen Anzeigen wird explizit nur nach Frauen gesucht, in anderen nur nach Rentnern, und eine meiner Bewerbungen für Kanada wurde ausdrücklich abgelehnt, weil ich Ausländer war.)
Geht auf spezifische Punkte in der Anzeige ein.
Wenn es sich einrichten lässt, besucht die Hausbesitzer lange vor dem Housesitting, so dass sich alle kennenlernen können und man sieht, wie Ihr mit dem Hund/Pferd/Krokodil umgeht. Wenn das nicht möglich ist, solltet Ihr zumindest einen Video-Anruf anbieten.
Wenn die Angebote auf den Plattformen erscheinen, müsst Ihr schnell sein. Hausbesitzer haben mit erzählt, dass sie oft in den ersten Tagen schon Dutzende von Anfragen erhalten. Viele nehmen die Stelle dann nach zwei oder drei Tagen schon wieder aus dem Internet.
Wie schon gesagt, erzählt jedem, dass Ihr für diese Art von Jobs offen seid.
Finger weg von Angeboten der Art „Wir haben 5 Katzen, 7 Hunde, 2 Pferde, eine Schafherde und 18 Hektar Felder, von denen Ihr nur die Kartoffeln klauben müsst. Außerdem betreiben wir eine kleine Pension, und wir erwarten von den Haushütern lediglich, dass sie die Gäste betreuen, die Bettwäsche wechseln, die Zimmer reinigen und Frühstück zubereiten.“ Ganz ehrlich, manche Leute versuchen, über diese Plattformen billige Arbeitskräfte zu bekommen. Aber wenn Ihr Tag und Nacht arbeitet, dann habt Ihr gar nichts davon, in einem anderen Land zu leben.
Wenn Hausbesitzer alles zu umständlich machen, brecht den Bewerbungsprozess besser ab. Ich hatte mal ein Paar aus New Jersey, die immer mehr Referenzen und Dokumente anforderten, dann einen 12-seitigen Vertrag zur Durchsicht übersandten und mir letztendlich mitteilten, dass sie lieber jemanden nehmen, den sie schon persönlich kannten. Das hätte ich früher bemerken sollen.
Ich weiß, dass Ihr alle nach Hawaii oder Paris wollt, aber wenn es dort nicht klappt, bewerbt Euch doch auf Jobs in Eurem eigenen Land. Denn wenn Ihr erst ein paar Bewertungen auf Eurem Profil habt, wird alles leichter.
Denkt nach bevor Ihr Euch bewerbt! Wenn Ihr niemals einen Hund oder eine Katze hattet oder höchstens mal eine Stunde mit einem Tier gespielt habt, dann ist das nichts für Euch.
Plant die Reise so, dass Ihr vor Beginn des Auftrags mindestens einen Extratag habt. Oft erlauben Euch die Eigentümer dann schon, im Haus zu wohnen, so dass sie Euch alles zeigen und die Haustiere sich an Euch gewöhnen können. Aber selbst wenn Ihr eine Nacht in einem Hotel/AirBnB unterkommen müsst, ist es das wert, weil Ihr so tagsüber schon mal in der neuen Wohnung vorbeischauen könnt.
Und wenn das Housesitting begonnen hat:
Wie schon gesagt, nehmt es ernst. Das Haus und die Tiere zu hüten ist nun Eure Hauptaufgabe.
Kümmert Euch um soviel wie möglich, ohne die Eigentümer zu belästigen. Wenn Ihr Glühbirnen kaufen, eine Tür ölen oder eine kleine Reparatur vornehmen müsst, macht es einfach. Wenn Euch eine Tasse runterfällt, kauft eine neue. Wenn die Katze auf den Teppich kotzt, macht sauber. Nichts von alledem erfordert, dass die Eigentümer in ihrem Urlaub gestört werden.
Fragt die Hausherren, wie oft sie benachrichtigt werden wollen. Meist wollen die Leute regelmäßig Fotos von ihren Haustieren. Ich habe es bisher am einfachsten gefunden, die Eigentümer als Freunde bei Facebook hinzuzufügen und dort einfach immer mal wieder ein Foto der Katze einzustellen, so dass alle sehen, dass die Katze lebt und glücklich ist.
Bevor die Eigentümer zurückkehren, solltet Ihr die Wohnung oder das Haus natürlich putzen. Ich würde auch die Essensvorräte auffüllen, die Bettwäsche wechseln, einen Kuchen backen und meine Taschen packen, so dass ich bereit bin, sofort weiterzuziehen. Wenn Leute von einer Safari oder einem sechsmonatigen Aufenthalt auf der Internationalen Raumstation zurückkommen, dann wollen sie normalerweise Zeit mit ihren Tieren verbringen und ansonsten in Ruhe gelassen werden. Euer Job ist getan. Macht Euch aus dem Staub. Ihr seid jetzt wieder obdachlos.
Aber was, wenn etwas schiefgeht?
Ach herrje, seid doch nicht so negativ!
Seid einfach vorsichtig, schließt die Türen ab, schaltet den Herd nach dem Kochen aus und raucht nicht in der Wohnung.
Ich habe eigentlich jedes Mal nur eine Sorge: dass eine Katze stirbt, während sie in meiner Obhut ist.
Wahrscheinlich habe ich etliche Fragen vergessen, aber dafür gibt es unten das Kommentarfeld. Ich bin auch neugierig, sowohl von Housesittern als auch von Hauseigentümern über ihre Erfahrungen zu hören.
Es verbleiben nur mehr ein paar Stunden bis zum Ende der Brexit-Frist, und das Vereinigte Königreich ist sich immer noch gänzlich uneinig über die angestrebte Zukunft. Den britischen Abgeordneten wurden gestern acht Vorschläge vorgelegt, von denen sie manche schon in der Vergangenheit abgelehnt hatten. Andere waren neu, und andere blieben vage.
Premierministerin May hat sich beklagt, dass das Parlament ihr ständig mitteilt, was es nicht will, ohne sich auf etwas zu einigen, das es will. Bei acht Optionen, so könnte man hoffen, wäre doch mindestens ein Vorschlag dabei, der eine Mehrheit findet.
Tja, falsch gehofft. Die Abgeordneten lehnten einfach alle acht Szenarien ab.
Was passiert jetzt? Noch mehr Unklarheit und Chaos.
Aber – soviel Zeit muss sein – auch an solch einem Tag fanden die Parlamentarier die Muße, so dringende Angelegenheiten wie die Rolle der Königin im Parlamentarismus, den Bürgerkrieg von 1648 und die Souveränitätswirkung des zeremoniellen Zepters zu diskutieren.
Das angesproche Zepter muss für den Teil der geschätzten Leserschaft, der sich nicht auf obskure politische Symbolik spezialisiert hat, erläutert werden. Es ist eine Keule aus vergoldetem Silber, die die königliche Authorität symbolisiert. Ohne sie kann das Parlament nicht tagen, nicht diskutieren und keine Gesetze verabschieden.
Wenn man also die britische parlamentarische Demokratie zum Stillstand bringen will, so muss man nur dieses Zepter einpacken und aus dem Palast von Westminster spazieren. Da die Monarchin laut Verfassung, die im Übrigen nicht auffindbar ist und noch nie von jemandem gesehen wurde, keine wirklichen exekutiven oder legislativen Befugnisse hat, würde damit auch die Königin ausgeschaltet.
Aber in einem zivilisierten Land wird so etwas sicher nicht passieren, oder?
Nun, vergangenen Dezember versuchte es ein Abgeordneter. Das Ende des politischen Systems, wie wir es kennen, konnte nur durch das beherzte Eingreifen einer Dame mit Schwert verhindert werden. Und welches Land wäre schon so fahrlässig, im 21. Jahrhundert auf die Anwesenheit von Damen mit Schwertern im Parlament zu verzichten?
PS 1: Wenn der ehrenwerte Abgeordnete aus Brighton Kemptown es geschafft hätte, das Zepter ohne einen Kratzer in die nächste Kirche zu bringen und dort einen Bischof zur Durchführung der notwendigen Zeremonie angetroffen hätte, so hätte er König werden können. Allerdings nur, wenn er kein Katholik ist.
PS 2: Ein Argument der Brexit-Befürworter gegen die Europäische Union war, dass diese angeblich undemokratisch sei und undurchsichtigen Verfahrensregeln unterliege.
Soweit ich das gesehen habe, landete einfach jeder Müll in irgendeiner Tonne. Aber immer noch besser als auf der peruanischen Seite des Sees, wo der Müll ins Wasser geworfen wird.
Die beste Serie, die zur Zeit im Fernsehen läuft, sind die Übertragungen der Brexit-Debatten aus dem britischen Unterhaus. Nicht wegen der antiquiert anmutenden Theatralik in einem für die Zahl der Abgeordneten viel zu klein geratenen Raum, sondern wegen der rhetorischen und manchmal sogar inhaltlichen Glanzlichter.
Zuerst verglichen mehrere Abgeordnete in Westminster die Komplexität des britischen EU-Austritts mit der Schleswig-Holstein-Frage im 19. Jahrhundert. Als Süddeutscher musste ich erst einmal Wikipedia bemühen und war dann beeindruckt ob des Vergleichs.
Dann wollte die Regierung von Theresa May zum dritten Mal das mit der EU ausgehandelte Austrittsabkommen zur Abstimmung ins Parlament einbringen, als ein Abgeordneter aufstand und darauf hinwies, „dass es gängige Praxis dieses Hauses seit 1604 ist, dass ein bereits abgelehnter Gesetzesvorschlag in der gleichen Legislaturperiode nicht erneut zur Abstimmung gebracht werden darf.“ Seit sechzehnhundertvier!
Da erblasst man als deutschsprachiger Zuschauer vor Neid. 1604 hatten wir nicht nur noch kein Parlament, sondern auch noch kein Deutschland. Und so entgeht uns die Möglichkeit, 2019 im Bundestag oder im Nationalrat Präzedenzfälle aus dem 17. Jahrhundert zu bemühen. Der Parlamentspräsident gab dem Einwand übrigens recht und setzte die Abstimmung ab. Theresa May kann nun den Frust von König James I. über das Parlament nachvollziehen.
Das hat mit dem Brexit nicht mehr viel zu tun, aber weil dieses Brexit-Chaos keinen Sinn ergibt, nimmt man ihn auch viel besser als Anlass, um sich mit der Geschichte Großbritanniens zu befassen. Das hat sich auch der Historiker Ralf Grabuschnig gedacht und mit Endstation Brexit ein Buch veröffentlicht, das die wechselvolle Geschichte Großbritanniens und Europas betrachtet und versucht, den Brexit historisch einzuordnen.
Wie bei der Geschichte eines so geschichtsträchtigen Landes nicht anders zu erwarten, gibt es gar nicht so viel Neues unter der Sonne. (Wenn in Großbritannien denn nur mal die Sonne schiene.) Grabuschnig zeichnet die großen Linien der vergangenen zwei Jahrtausende nach. Es beginnt mit der römischen Eroberung der Insel und damit dem ersten Kontakt der Briten mit einer europäischen Großmacht, die versuchte, in Oxfordshire und Sussex die gleichen Verordnungen und Richtlinien durchzusetzen wie in Rom oder Brüssel. In einer Art Referendum setzen die Briten dem um 410 ein Ende. Andererseits gab es immer wieder tiefgreifende Verbindungen zwischen dem Kontinent und den britischen Inseln, von einfachen Völkerwanderern bis zu Königshäusern.
Und auch Brexits gab es immer wieder mal, zum Beispiel als Heinrich VIII. sich 1534 von der Römisch-Katholischen Kirche unabhänig erklärte. Die anglikanische Kirche verstand und versteht sich übrigens weiterhin als katholische, nicht als protestantische Kirche, was vielleicht ein gutes Beispiel für die Schizophrenie ist, aus der EU auszutreten, aber weiterhin im Binnenmarkt sein zu wollen.
Grabuschnig ist nicht nur erkennbar anglophil (man könnte ihn fast einen Britenversteher schimpfen, wenn man nicht selbst gewisse Gefühle für dieses ulkige Land hätte), sondern auch darum bemüht, den Mythos der trockenen und langweiligen Geschichtswissenschaft zu zertrümmern. Wie schon auf seinem Blog erzählt Grabuschnig locker und flott, mehr an Geschichten und Zusammenhängen als an Daten und Ahnentafeln interessiert, die andere Werke über die britische Geschichte oft ziemlich trocken machen.
Nur bei der Bewertung der aktuellen Lage wäre ich nicht so gelassen wie der Autor („der Brexit soll sich mal nicht so aufspielen“). Zwar haben sich England bzw. Großbritannien und Europa immer wieder aufeinander zu und voneinander weg bewegt, doch waren wir noch nie so eng wirtschaftlich und juristisch verflochten wie jetzt in der EU. Und das aktuelle Chaos auf britischer Seite wird nicht dadurch weniger furchterregend, dass England sich nach dem Hundertjährigen Krieg schon einmal vom europäischen Kontinent zurückgezogen hat.
Ich wünsche, Ralf Grabuschnig behält Recht, wenn er hofft, dass diese neue englische Abkehr von Europa nicht von Dauer sein wird. Aber bis dahin wird viel zerstört werden, im Verhältnis des Vereinigten Königreichs zur Europäischen Union (schon der erste Beitrittsversuch in den 1960er Jahren klappte nicht), im Verhältnis der Landesteile untereinander und, von den meisten Briten hochmütig postkolonial übersehen, im Verhältnis zu Irland.
Dieses Housesitting entwickelt sich zu einem boomenden Geschäftszweig. Im Katzeninternet werde ich anscheinend als liebevoll und fürsorglich gehandelt, denn Schlag auf Schlag schneien neue Aufträge ins Haus.
Da ich am 28. April aus Kanada nach London zurückkehren werde, habe ich mich in Großbritannien umgesehen und schon für den 29. April den nächsten Auftrag gefunden: Ich werde bis Mitte Mai auf eine Katze in Cornwall aufpassen. (Falls die Katze bis dahin noch lebt und nicht wegen der zu erwarteneden Lebensmittelknappheit nach dem Brexit verhungert oder gar selbst zu Lebensmitteln verarbeitet worden sein wird.)
So ergibt es sich auf wunderbare Weise, wie fast immer auf meinen Reisen, dass eine Großstadt von einem kleinen Ort gefolgt wird. Auf den kalten Norden folgt die sonnige Küste. Auf Winter folgt Frühling. Auf Katze folgt Kater.
Wohnen werde ich für diese zwei Wochen in Newquay. Während der Rest Cornwalls ein ruhiges Wander-Paradies ist, ist diese Kleinstadt zwar eher die Surfing-Sause, aber ich hoffe, dass die Surfer Anfang Mai noch nicht aufgewacht oder noch auf der Südhalbkugel sind. Und auf den Wanderwegen entlang des South West Coast Path werden schon nicht zu viele bekiffte Möchtegern-Hippies unterweg sein.
Ab Mitte Mai stehen dann aber Universitätsseminare und Hausarbeiten auf dem Programm, so dass ich den Sommer hauptsächlich in Deutschland verbringen werde. Für die eine oder andere Wanderung wird aber hoffentlich Zeit sein. Und wenn jemand im Sommer noch einen Housesitter braucht, meldet Euch!
Die georgische Hauptstadt Tiflis hat es mir dabei so angetan, dass sie einen besonders langen Artikel bekommen hat. Weil ich weiß, dass Ihr nicht viel Zeit habt, habe ich ihn in 52 Kapitel unterteilt, so dass Ihr die Lektüre auf mehrere Tage aufteilen könnt (oder leicht wieder den Einstieg findet, wenn Euch der Chef auf der Arbeit beim Lesen stört). Außerdem könnt Ihr so leichter die für Euch uninteressanten Kapitel überspringen.
1
Nachdem ich in Kutaisi, der flugverbindungsbedingt ersten Station in Georgien, nur ein paar Häuser entfernt von der Georgischen Gesellschaft für Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler nächtigte, wohne ich in Tiflis gegenüber dem Haus des Schriftstellerverbandes. Vielleicht ist es Zufall, vielleicht aber auch ein Zeichen für die Intellektualität des Landes.
2
Das in den Räumen der Schriftstellergewerkschaft betriebene Restaurant Littera gilt als hervorragendes Beispiel der „neuen georgischen Küche“, aber mit meinem bescheidenen Bloggereinkommen kann ich mir dort kein Menü leisten. Ich hole mir stattdessen ein Chatschapuri.
In der gleichen Straße, nach dem 1898 spurlos verschwundenen Schriftsteller Ivane Machabeli benannt, liegt das Café Kiwi. Dieses vegetarische Restaurant wurde vor kurzem Ziel eines Angriffs von Anti-Vegetariern, die Gäste mit Würsten bewarfen. Neben Fleischstücken hagelte es Vorwürfe, wieso man denn nicht „wie normale Menschen“ Fleisch essen könne. Das waren wohl die älteren und ländlicheren Traditionalisten, die sich vor jeder Kirche dreimal bekreuzigen und im Dorf stolz herumerzählen, wenn der Sohn oder die Tochter einen Studienplatz im Erasmus-Ausland ergattert hat, dann jedoch all die Ideen, die junge Leute aus Großstädten, von Universitäten und aus der EU mitbringen, als Gefahr für die Georgischheit des Landes sehen.
Dabei höre, sehe und verspüre ich im Großen und Ganzen keine Zweifel an der Orientierung nach Europa. Der anderswo in Osteuropa zu beobachtende Spagat zwischen der EU und Russland spielt in Georgien, das zuletzt 2008 einen Krieg mit Russland führte, keine Rolle.
3
Es ist so heiß in Tiflis, dass die Vermieterin vorschlägt, ich solle die Wohnungstür, die ebenerdig in einen großen Innenhof führt, offen lassen und nur das Fliegengitter aufhängen. Ich befürchte aber zu viele neugierige Blicke auf den temporären Nachbarn. Vielleicht wirft mir auch noch jemand aus Protest ein paar Bratwürste ins Wohnzimmer.
4
Tamuna beschreibt das Viertel, in dem sie die gemütliche Wohnung vermietet, so: „Sololaki ist ein charmantes, historisches Viertel des alten Tiflis, vor allem geprägt von Architektur aus dem ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Man nannte das den kaukasischen Jugendstil. Tiflis wollte damals mit den beiden Hauptstädten des Russischen Reichs, Moskau und Sankt Petersburg, konkurrieren.“
Nicht ohne Erfolg, wie mir scheint.
5
Die eisernen Balkone sind übrigens relativ neuren Datums, sie wurden unter dem russischen Zaren anstelle der als altmodisch angesehenen Holzbalkone verordnet.
Die Georgier gehorchten, verlegten die Holzbalkone aber einfach auf die Rückseite der Häuser, was zu gemütlichen Innenhöfen führt. So zeigen die Häuser eine europäische Fassade, haben aber eine orientalische Seele.
Die Stadt erinnert an einziges Haus mit wild wuchernden Etagen, Anbauten, Aufbauten und Galerien, wie auch jedes ihrer Häuser auf seine Weise eine Stadt ist. Jeder ihrer Zweige ist im gleichen Sinne unvollendet wie ein lebendiger Zweig, der eine Knospe trägt, der wächst. Sie können nicht sicher sein, ob an diesem Haus nicht noch ein Balkönchen hinzukommt oder ein Treppchen oder noch ein Speicher am Speicher – sei es, weil Sie ihn gestern nicht bemerkt haben, sei es, weil er morgen aufgestockt wird.
6
Besonderen Humor beweist das Forschungszentrum für georgische Kunstgeschichte und Denkmalpflege, das Besucher besonders denkmalgepflegt empfängt.
Dass sie zu heftig auf den Putz hauen, kann man den Leuten hier nicht vorwerfen.
7
Schön herausgeputzt ist dagegen der Freiheitsplatz, nur ein paar Blocks von der Wohnung gelegen und Orientierungspunkt auf meinen ausgedehnten Spaziergängen. Bis 1990 stand hier Lenin, jetzt wacht der georgische Schutzpatron Georg.
8
Eines der schönen Gebäude am Platz der Freiheit beherbergt das „Information Center on NATO and EU“, eine unglückliche Bürogemeinschaft, da Georgien ja durchaus Mitglied in der einen aber nicht in der anderen Gemeinschaft werden könnte und weil somit dem russischen Narrativ, die EU sei wie die NATO eine aggressiv-expansive anti-russische Organisation (was in beiden Fällen falsch ist), Nahrung gegeben wird.
Direkt vor dem Gebäude bietet ein Bücherflohmarkt ironischerweise – oder ist es ein Zeichen des Protests? – hauptsächlich russische bzw. sowjetische Literatur, inklusive den „Atlas der UdSSR“, an. Deutlicher kann man den Verlauf der Geschichte nicht demonstrieren.
9
Ein auf der alten Stadtmauer errichtetes Haus sieht mit seinen Holzveranden und dem Schornstein wie ein Raddampfer auf dem Mississippi aus. Frisch getüncht in hoffnungsvollem Himmelblau steht es bereit zur Abfahrt gen Westen, wie so vieles in diesem Land.
Mal sehen, ob es am Abend noch da sein wird.
Die Reisebüros bieten unterdessen Flüge nach Astana, Aktau und Charkiw an. Die Verbindung mit den ehemaligen Sowjetbrüdern und -schwestern will eine Generation später nicht einfach so abreißen.
Georgische Soldaten laufen in US-Uniformen durch die Stadt. Die NATO-Aspiration drückt sich in der Mode aus. Gut, dass die USA nicht so kindisch wie Griechenland sind, sonst würden sie die westlichen Bestrebungen Georgiens wegen der Namensgleichheit mit dem US-Bundesstaat Georgia im Keim ersticken.
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Zum Abendessen hatte ich mich eigentlich mit Eka verabredet, aber da sie Zahnärztin ist, hatte ich die ganze Zeit ein ungutes Gefühl. Als ich am Gabriadze-Theater vorbeigehe und sehe, dass nur heute um 20 Uhr „Stalingrad“ gezeigt wird, treffe ich eine spontane Entscheidung. Zweiter Weltkrieg ist besser als Wurzelbehandlung.
Das Mädchen an der Kasse liest, wie um meine Aussagen über die georgische Westorientierung zu bestätigen, Kafkas „Amerika“ und ist über die Unterbrechung nicht begeistert. Dafür verlangt sie den Höchstpreis von 30 Lari für das Ticket, das sind etwa 10 Euro.
Es bleiben mir, und damit Euch, noch ein paar Stunden bis zur Vorstellung, also wollen wir ein wenig ziellos durch die Stadt spazieren und versuchen, uns den Rückweg zu merken. Das Theater wird von einem lustigen Türmchen geschmückt, sollte also leicht wieder zu finden sein.
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In der Nähe des Gabriadze-Theaters liegen ein paar sowjetische Kinderbücher aus. Ohne Preis und ohne Verkäufer(in), vielleicht einfach so zum Mitnehmen für Kinder, Nostalgiker oder Russischstudenten.
Kurz muss ich durch eine von diesen nervigen Straßen, wo links und rechts ein Touristenrestaurant neben dem anderen klebt und wo einem junge Frauen und Männer Speisekarten in den Weg halten. Wirklich gutes Essen wird sich so nicht anpreisen lassen müssen.
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Vor den übertrieben gut gelaunten Touristenjägern fliehe ich in die Düsterkeit der Antschischati-Kathedrale, die eher wie eine kleine Kapelle aussieht. Aber die Geschichte macht’s, und sie ist die älteste erhaltene Kirche in Tiflis, aus dem 6. Jahrhundert.
Außerdem ist eines der Bilder – keine Ahnung welches – eine von Jesus selbst gemalte Ikone und daher super-wichtig und -heilig. Irgendwie ging es dabei um den König von Edessa, einem Brieffreund von Jesus, der an Gicht litt und der den Wunderheiler um einen Besuch bat. Jesus hatte gerade keine Zeit, also presste er sein Gesicht in ein Tuch und übersandte dies an den König. Dieser gesundete wie erwartet auf wundersame Weise, falls diese beiden Attribute keinen Widerspruch darstellen. Dieses Selbstporträt ist der Ursprung aller Jesusbildnisse.
Von alten Frauen in Kapellen, Kirchen, Kathedralen und Klöstern lernt man allerhand, aber als Geschichtsstudent würde ich mal ganz vorsichtig den Wahrheitsgehalt anzweifeln. Vielleicht habe ich es aber auch nur nicht richtig verstanden. Ich kann ja eigentlich gar kein Georgisch. Jedenfalls hat mich die Nonne, oder was immer sie war, eindringlich darauf hingewiesen, dass man vor jener Ikone nicht beten dürfe.
„Sie müssen sich keine Sorgen machen, mein Fräulein“, erkläre ich, „ich bin Atheist“. Anstatt sich darüber zu freuen, belegt sie mich mit einem Fluch. Seither irre ich ziellos durch die Weiten der Wikipedia, von der Abgarlegende zum Mandylion von Edessa, vom Archeiropoieton zu Eusebius von Caesarea, vom Manichäismus zu den Zoroastriern (denen wir in Kapitel 22 erneut begegnen werden).
13
Um ein paar Ecken, versteckt zwischen Cafés – ein Eis muss bei dieser Hitze als Abendessen genügen – und Clubs für Elektromusik, ist eine Synagoge. Eine alte Frau sitzt auf einem Stuhl vor dem schweren Eisentor, bemerkt mein Interesse (vielleicht kann ich hier mehr über den malenden Messias erfahren?) und bedeutet mir, dass die Tür offen ist. Im Hof sitzen ein paar Männer, die mich freundlich grüßen. Ich frage nach einer Kippa, der Kopfbedeckung, und der Mann, der aufsteht und sie mir holt, lässt sich anmerken, dass er das für übertriebene Förmelei und Frömmelei hält. Hier geht es locker zu.
Im Gebetsraum sitzen drei Jungs um einen Tisch mit Exodus, Leviticus und Cola-Flaschen. Gerne würde ich mich mit ihnen unterhalten, um mehr über die wenigen in Georgien verbliebenen Juden zu erfahren. Aber die Zeit drängt. Ich muss nach Stalingrad. Denn „wer zu spät erscheint, wird nicht eingelassen“ steht auf dem Billet. Diese Option hätten die Männer der 6. deutschen und der 21. sowjetischen Armee 1942/43 auch gerne gehabt.
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Das Theater ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Ein praktischer Tipp: Ihr könnt die Karten auch am gleichen Tag bis um 19 Uhr erwerben, aber wenn Ihr mehrere Tage in Tiflis seid, kümmert Euch sicherheitshalber am ersten Tag um die Karten.
Das Gabriadze-Theater ist ein Puppentheater. Eigentlich nicht so mein Ding, aber es ist kein klassisches Puppentheater mit Kasper und Krokodil, eher eine Kunstform sui generis. Noch nie habe ich beispielsweise eine so kreative, einfache und dennoch eindringliche Darstellung des Vormarschs der Wehrmacht erlebt. Ich könnte versuchen, es zu beschreiben, aber seht es Euch besser selbst an.
Genial ist die Idee, eine Schlacht mit 700.000 Toten nicht aus menschlicher, sondern aus tierischer Perspektive darzustellen.
Aber traurig ist es. Dabei geht es gar nicht so sehr um Stalingrad, sondern um enttäuschte Liebe, um den Tod und das Leben allgemein, um die Lügen der Sowjetunion gegenüber ihrer Bevölkerung, um Stalin. Auf Russisch wirkt das ganze noch melancholischer. (Der englische Text wird über der Bühne eingeblendet.) Zum Schlussmonolog der Ameise kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Auch dem Jungen neben mir läuft hörbar die Nase. Dafür applaudieren wir umso heftiger.
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Das Dampferhaus hat schon die Beleuchtung angeworfen und ist bereit zur Fahrt über das Schwarze Meer, das übrigens gar nicht so düster ist, wie es sich anhört.
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„This is the Presidential Palace,“ erklärt ein Reiseführer die kürzliche Verfassungsänderung, „but the main guy is now the Prime Minister.“ Geprägt hat die Architektur entlang des Mtkvari-Flusses aber noch der frühere Präsident Micheil Saakaschwili (2004-2013), der dachte, dass Westorientierung nur mit viel Stahl und Beton zu machen ist und deshalb hässliche Brücken und Gebäude erbauen ließ.
Die zwei Metallröhren, die wie Abflussrohre aussehen, gehören zum Konzerthaus. Die Kuppel des Präsidentenpalasts ist sehr offensichtlich eine Kopie des Berliner Reichstags.
Naja, wenigstens gibt es davor den Rike-Park, so dass hoffentlich mal alles mit Bäumen, Pianos und Schachfiguren zuwächst.
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Mittlerweile ist Saakaschwili in Ungnade gefallen, nicht nur wegen seines schlechten architektonischen Geschmacks, und wurde aus dem Land gejagt. Sicherheitshalber hat ihm Georgien auch die Staatsbürgerschaft entzogen, ein wohl einmaliger Vorgang bezüglich eines ehemaligen Präsidenten.
Überhaupt ist Georgien ziemlich locker im Umgang mit Präsidenten und Staatsürgerschaften: Die jetzige Präsidentin Salome Surabischwili war eigentlich französische Botschafterin in Georgien, bevor sie abgeworben und zuerst georgische Außenministerin und dann Präsidentin wurde. Ich passe besser auf; nicht dass mir hier noch jemand ein Amt aufs Auge drückt.
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Noch nirgendwo habe ich übrigens so viele quengelnde Kinder gesehen bzw. gehört. Es wird Zeit, dass die Schule wieder anfängt.
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Für mich das Schönste an Tiflis ist, dass es beispielsweise nur zwei Blocks vom reichlich aufpolierten Platz der Freiheit so aussieht:
Häuser, von denen teilweise nicht klar ist, ob sie noch bewohnt sind, die vor dem Umfallen gestützt werden müssen. Hier ist es auch tagsüber vollkommen ruhig. Ein Auto aus der Sowjetzeit träumen davon, mal ein BMW zu sein.
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Noch unter dem Einfluss des Antschischati-Fluchs (siehe Kapitel 12), beginne ich den nächsten Tag ganz religiös.
Zuerst gehe ich zur Großen Synagoge, nachdem ich anhand des Stadtplans gesehen habe, dass die gestern besuchte nur eine der kleinen ist. Bewacht wird diese nicht von einer alten Frau, sondern von einer weißen Katze, wahrscheinlich derjenigen, von der wir laut Eruvin 100b die Bescheidenheit lernen können.
Eine Besuchergruppe aus Israel ist gerade da, so dass die Führung zum Glück auf Hebräisch und nicht auf Qiwruli, dem Judäo-Georgisch, stattfindet. Damit verstehe ich wenigstens ein paar Worte. Ashdod und Ashkelon sind anscheinend die Städte in Israel mit der größen Einwanderung aus Georgien. Der Vertreter der Gemeinde stellt die in Tiflis verbliebene Gemeinde jedoch als aktiv dar, mit zwei koscheren Restaurants und zwei Tora-Schulen.
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Den religiösen Morgenspaziergang setze ich fort bei den muslimischen Kollegen. In der Juma-Moschee bin ich der einzige Besucher. Eine Frau im sowjetischen Blümchenkleid gewährt mir Einlass. Vor dem Betreten des Gebetsraums ziehe ich die Schuhe aus, aber ansonsten geht es auch hier locker zu. Falls doch mal jemand aus einer der arabischen Touristengruppen, von denen einige Frauen auch in Georgien den Hidschab tragen, in die Moschee kommt, werden sie sich wundern.
Die Moschee ist aus rotem Backstein errichtet, übrigens genauso wie die Große Synagoge, was in mir eher Assoziationen an britische Industriestädte oder Hansestädte als an den Orient weckt. Ein Kachelofen steht im Raum, wie in einem gemütlichen Wohnzimmer.
Es gibt keinen gesonderten Bereich für Frauen, sondern alle beten zusammen. Allerdings gibt es, und das habe ich noch in keiner Moschee gesehen, zwei Gebetsnischen, anscheinend für zwei Imame. Erst bei Navid Kermani erfahre ich die Auflösung: Die eine Hälfte des Raumes ist für Schiiten, die andere für Sunniten. So einfach kann das gehen. Kein Grund für Schlachten bei Kerbala oder anderswo.
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Wem Synagogen (Kapitel 13 und 20), Moscheen (Kapitel 21) und Kirchen (Kapitel 12) zu Mainstream sind, der kann in der Nähe der Bethlehem-Kirche das älteste religiöse Gebäude Tiflis‘ besuchen: den Tempel der Zoroastrier, wahrscheinlich erbaut zwischen dem 5. und dem 7. Jahrhundert.
Nachdem mir die verrückte Geschichte von Jesus, dem Malerlehrling, noch im Magen liegt, wage ich mich nicht in diese Kultstätte. Am Ende kommt raus, dass das Christentum eine Idee aus dem Avesta ist, die über die babylonische Gefangenschaft nach Israel kam. Wenn ich hier weiter investigiere, finde ich wahrscheinlich noch den Heiligen Gral, und den kann ich nun wirklich nicht gebrauchen. Lieber einen weiteren Eisbecher.
Falls Dan Brown mal ein Buch über diese irren Thesen schreibt, erinnert Euch bitte daran, wo Ihr es zuerst gelesen habt. Wobei dieser Artikel mittlerweile so ausufert, dass ich das mit dem Buch eigentlich selbst übernehmen könnte.
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An diesem Abend treffe ich mich dann doch noch mit Eka, was sich als ziemliche Zeitverschwendung herausstellt. Während des Abendessens beantwortet sie acht Telefonanrufe, tätigt selbst drei und spielt 22 Mal an ihrem Telefon herum, während ich sie über Georgien auszufragen versuche.
Am nächsten Abend treffe ich zwei iranische Mädchen (dazu später mehr in Kapitel 41), die während des ganzen Abends keine dieser Unhöflichkeiten vornehmen. Kein einziges Mal.
Manche Leute glauben, Technologie bedeute Fortschritt. Aber Technologie ist nur ein Werkzeug, wie ein Hammer oder ein Maschinengewehr oder eine Drohne. Fortschritt sollte sich daran messen lassen, wie wir als Menschen miteinander umgehen, in gesellschaftlichen anstatt in technischen Maßstäben. Sonst ist es nur Fortschrott.
Das einzig sinnvolle an dem Abend mit Eka ist, dass sie mir noch ein Tal mit einem Wasserfall zeigt, das fußläufig zu erreichen ist. Nachts quaken hier so viele Frösche, dass ich mir wünsche, der Muezzin von der nahen Juma-Moschee würde öfter und lauter rufen, um die biblische Plage (2 Mos 8:1) zu vertreiben.
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Am nächsten Morgen komme ich wieder, weil ich das Tal ohne Telefonate und Frösche genießen will. Die hohen Felswände spenden Schatten und bieten denjenigen eine Lösung, die sich von einer Beziehung lösen möchten, deren anfänglich gewünschte Unendlichkeit sie mit dem Anbringen eines Vorhängeschlosses an der Brücke unterhalb des Wasserfalls zelebriert haben.
Wie der Wasserfall, so strömt auch schon der Schweiß, obwohl es erst 10:15 Uhr ist. Ich will eigentlich nur mehr in die kühle Wohnung in der Machabeli-Straße. Wenn es nicht mein Geburtstag wäre, würde ich um diese Jahreszeit nicht verreisen. Irgendwie muss ich das nächstes Jahr anders gestalten. Vielleicht nach Island. Oder Alaska.
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Da sehe ich den Botanischen Garten auf dem Stadtplan. Das klingt verlockend nach schattigen Bäumen, kühlenden Bächen und Zeit für ein Buch. Der scheinbar kürzeste Weg führt über ein paar Hügel, und plötzlich finde ich mich im Botanischen Garten, ohne ein Ticket gelöst zu haben. Ein Gärtner, der mich sieht, weist mich freundlich darauf hin, und ich zahle 2 Lari (0,65 Euro) Eintritt.
Der jetzige Botanische Garten ist der frühere königliche Garten aus dem 17. Jahrhundert. Hoch auf einem Felsen sind noch Reste der Festung Narikala erkennbar.
Ich beginne die Wanderung also besser mit einer Pause im Café. Es ist im modernen Glasbaustil gehalten, der zur Zeit Saakaschwilis beliebt war, aber die Hitze speichert wie ein Ofen. Die alten Holz- oder Ziegelsteinhäuser sind sinnvoller und schöner. Ein weiteres Beispiel für nur oberflächlichen Fortschritt, der in Wirklichkeit Rückschritt bedeutet. Das bestellte Eis ist auf dem Weg von der Küche zum Tisch schon halb geschmolzen.
Der Botanische Garten ist wirklich ein schöner Ort für einen Spaziergang durch das Tal des Flusses Tsavkisistskali, von dem jetzt im Sommer allerdings nicht viel zu sehen ist. Merkt Ihr Euch eigentlich all die Namen?
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Irgendwie zieht es mich dann trotz Hitze zum höchsten Punkt (ein Grund, warum ich meist alleine reise), wo Mutter Georgien mit Schwert und Weinglas über Tiflis thront.
Vater Georgien ist nicht zu sehen. Wahrscheinlich ist er als Gastarbeiter irgendwo in Mitteleuropa. Oder im Krieg um Südossetien gefallen.
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Zu erklimmende Hügel mit Kirchen, Burgen und Aussichtspunkten gäbe es übrigens noch genug. Aber dafür komme ich mal zurück, wenn es weniger als 40 Grad hat.
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Ein weiterer Ort, um sich vor der Hitze zu verstecken, ist das Georgische Nationalmuseum. In der Eingangshalle ist eine Ausstellung über die „Out of Eden“-Wanderung von Paul Salopek, die auch durch den Kaukasus führte. Hoffentlich war er schlauer als ich und kam nicht im Juli hier vorbei.
Das Museum ist von 10 bis 18 Uhr geöffnet, außer montags. Der Eintritt kostet 7 Lari (2,30 Euro), und Führungen gibt es auch auf Deutsch oder Englisch. Für Studenten kostet der Eintritt nur 1 Lari (0,30 Euro), aber ich werde erst ab Herbst studieren und habe noch keinen Studentenausweis.
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Im Keller lagert der Goldschatz der Argonauten. Irgendwie weiß ich, dass das alles etwas mit Jason, mit dem Goldenen Vlies, mit Medea und mit Kolchis zu tun hat, aber so richtig werde ich nicht schlau aus dem georgischen Fort Knox. Wer dazu mehr erfahren will, dem sei der prunkvolle Bildband „Medeas Heimat. Georgien in der Antike“ empfohlen.
Die Ausstellungen von Goldmünzen, Schädeln, Faustkeilen, Röcken und Halsschmuck erregen wie in allen Rumpelkammermuseen dieser Art nicht mein Interesse. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich eher für die Geschichte des 20. Jahrhunderts als für das Paläozoikum interessiere. Oder daran, dass ich mich eher für erzählte und erklärte Geschichte als für Objekte interessiere. Ein Tontopf erzählt mir nichts über Familienstrukturen, ein Schwert nichts über die Kreuzzüge und eine Goldmünze nichts über den schon früh globalisierten Handel. Ich will Zusammenhänge, nicht Einzelstücke, und das sollte ein Museum leisten. Die wenigsten tun das.
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So steige ich, das Mittelalter und die Schlacht am Didgori überspringend, in den 4. Stock, wo eine Dauerausstellung über die, wie es hier heißt, sowjetische Besatzung von 1921 bis 1991 meine Aufmerksamkeit für ein paar Stunden fesseln wird. (Ein weiterer Grund, warum ich meist allein reise.)
Keine Sorge, ich werde das hier nicht in alle Breite auswalzen wie ein sowjetischer Panzer, der Demonstranten plattwalzt. Aber ein bisschen muss ich schon davon erzählen. Wer sich nicht für Geschichte interessant, springt einfach zu Kapitel 37.
Die Geschichte eines jeden Nachbarstaats Russlands bzw. der Sowjetunion im 20. Jahrhundert (und vielleicht noch immer) ist von Russland bzw. der Sowjetunion geprägt.
Nach der Februar- und der Oktoberrevolution 1917 in Russland gab es bekanntlich ein kurzes Hin und Her, das von außen betrachtet wie Chaos erschienen haben mag, in Wirklichkeit aber von Boris Pasternak oskarwürdig choreographiert war. Jedenfalls gab es zuerst die Transkaukasische Föderation, die nicht lange bestehen sollte (April-Mai 1918). Die georgische Nationalversammlung fand das zu unsicher und suchte sich einen Freund im Westen. Bei der Auswahl nahm man einfach das im Telefonbuch nach Georgien stehende Land: „Germany“. Ein großer Fehler, denn, wie noch viele Georgier herausfinden sollten, wer sich mit Deutschland einlässt, begeht den Fehler seines Lebens. (Zumindest in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mittlerweile sind wir ganz nett.)
Deutschland, immer bereit, überall in der Welt auf dicke Hose zu machen, sicherte zu, ein unabhängiges Georgien vor dem Osmanischen Reich zu beschützen. Deutschland erhielt Mangan, Kupfer und Erdöl und stationierte dafür 3.000 Soldaten in Georgien. Kaiser Wilhelm II., größenwahnsinnig wie eh und je, propagierte 1918 einen deutsch dominierten „Südostbund“ zwischen Ukraine und dem Kaspischen Meer, von wo aus man mit den arischen Brüdern in Persien gemeinsame Sache gegen die Briten in Indien machen könnte.
Georgien, benebelt von der Idee der Unabhängigkeit, vielleicht aber auch von zu viel Wein und Tschatscha, dachte blauäugig, dass es um Georgien ging, und erklärte sich im Mai 1918 als Demokratische Republik Georgien unabhängig. Auch dabei hatten anscheinend die Deutschen die Hände im Spiel, denn das Museum gedenkt dem damaligen deutschen Konsul als Mitautor der Unabhängigkeitserklärung.
Die Westorientierung Georgiens war interessanterweise schon damals offensichtlich. Premierminister Noe Schordania sagte 1918: „Sowjetrussland hat uns eine militärische Allianz angeboten, die wir abgelehnt haben. Wir befinden uns auf unterschiedlichen Pfaden. Sie gehen nach Osten, wir nach Westen.“
Die deutschen Truppen mussten dann abziehen, weil man bei der ganzen Planung übersehen hatte, dass Deutschland den Ersten Weltkrieg verlieren würde.
Die nächsten Jahre ging es auch in Georgien hin und her, immer bedroht von dem mittlerweile kommunistischen Russland. Was die Georgier besonders ankotzt, ist dass Russland im Mai 1920 Georgiens Unabhängigkeit anerkannte, aber schon im Februar 1921 militärisch einfiel. Sehr unfair.
Das Museum illustriert all dies mit Dokumenten und Filmaufnahmen aus der Zeit, erklärt aber auch die Zusammenhänge. Das ist schon besser als bei den goldenen Raumfahrern. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich mehr von den weltpolitischen Zusammenhängen verstehe, und diejenigen von Euch, die andere Interessen haben, sind schon eingenickt wie auf einer langen Zugfahrt nach Sibirien.
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Nach Sibirien gingen damals viele Züge, aber noch mehr Menschen wurden einfach exekutiert. Von 1921 bis 1926 wurde die georgische Elite, der Adel, der Klerus, die Großbauern und die Intelligenz, eliminiert. Danach gab es immer wieder Erschießungs- und Vertreibungswellen. Die Schautafeln im Museum gehen von einer Unterdrückung zur nächsten Deportation, und man versteht auf Anhieb nicht so ganz, was der Unterschied zwischen den verschiedenen Epochen in der Sowjetunion bedeutet hat. Repression war eigentlich immer.
Die Gesamtzahlen sind 80.000 Erschossene, 400.000 Deportierte und 400.000 Tote durch den Zweiten Weltkrieg, wobei ich bei letzterer Zahl bezweifeln würde, dass die sich alle als „Opfer der sowjetischen Besatzung“ gesehen haben würden.
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Die Sowjetisierung schlug sich auch im Stadtbild nieder. Der von mir so geschätzte Jugendstil war plötzlich zu bürgerlich und damit out, wie man auf Russisch sagt.
Dafür kam die moderne Sowjetarchitektur, die paradoxerweise von mir ebenfalls geschätzt wird, auch wenn ich gerne zugestehe, dass sie nicht im klassischen Sinn schön ist. Das bekannteste Beispiel in Tiflis ist wahrscheinlich das frühere Straßenbauministerium.
Ich meine, mutig war das ja schon irgendwie. Zusammengefallen ist das Experiment nicht, anders als das ihm zugrundeliegende Gesellschaftsmodell. Zur Zeit wohnt die Nationalbank in dem Hochkantlabyrinth.
Und man muss den Sowjets zugute halten, dass sie auch gewöhnliche Werktätige am Arbeitsplatz mit motivierender Kunst beglückten.
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Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs keimte in Georgien teilweise die Hoffnung auf, sich von der Sowjetunion (oder wie es das Museum etwas verfälschend ausdrückt: „vom Russisch-Bolschewistischen Reich“) zu lösen. Aus der Geschichte nichts gelernt habend – die Intellektuellen, die warnen hätten können, waren ja alle tot -, suchten etwa 30.000 Georgier ihr Heil wieder bei den Deutschen und bewarben sich bei der Wehrmacht, die gerade Personalprobleme hatte und deshalb gerne Kaukasier aufnahm.
Versprochen wurde den Georgiern dafür die Unabhängigkeit ihres Staates, und weil Hitler den Größenwahnsinn Kaiser Wilhelms II. toppen wollte, begann man sogleich mit der Planung eines Reichskommissariats Kaukasien (was der zugesagten Unabhängigkeit diametral entgegenlief) mit Tiflis als Hauptstadt sowie einer Autobahn nach Baku. Bei all der Planung übersah die Wehrmacht, dass der Kaukasus im Norden durch eine hohe Gebirgskette geschützt ist und deshalb nicht so leicht einzunehmen war. Aber wenigstens erhielt die Wehrmacht auf diese Weise Einheiten mit so unarisch klingenden Namen wie „König David Bagrationi-Agamaschenebli“ (Bataillon 799).
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Das alles erfahre ich übrigens nicht im Museum, wo es hauptsächlich um den heldenhaften Widerstand Georgiens gegen die Sowjetunion geht, sondern lese es mir später an. Schade eigentlich, denn so entgeht den Besuchern die Geschichte des georgischen Aufstandes auf Texel:
Auf dieser von der Wehrmacht besetzten niederländischen Nordseeinsel war auch das georgische Infanteriebataillon 822 „Königin Tamar“ eingesetzt. Am 6. April 1945 revoltierten die georgischen Soldaten gegen die Deutschen und töteten mindestens 800 Wehrmachtssoldaten. Kurzzeitig übernahmen sie die Kontrolle über die Insel, aber die Deutschen eroberten die Insel im Laufe der nächsten Wochen zurück.
Wer auf das Datum geachtet hat, wird bemerkt haben, dass diese Kämpfe natürlich vollkommen sinnlos waren. Da Sinnlosigkeit die Nazis noch nie aufgehalten hat, kämpften sie auch nach der Kapitulation vom 8. Mai 1945 weiter. So ging die Insel Texel als das letzte Schlachtfeld Europas in die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ein. Erst am 20. Mai 1945 landeten schließlich kanadische Truppen und beendeten die Tragödie.
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Die überwiegende Mehrheit der Georgier, etwa 700.000 Soldaten, kämpfte allerdings in der Roten Armee. So kämpften Georgier gegen Georgier, und oft die gleiche Person hintereinander auf zwei verschiedenen Seiten, insbesondere nach einer Kriegsgefangenschaft. Auch das wird, soweit ich mich erinnere, im Museum unterschlagen.
Hier geht es erst im Jahr 1956 weiter, mit den Demonstrationen für die georgische Unabhängigkeit (so die Information im Museum), die aber ironischerweise als Demonstrationen gegen die Entstalinisierung der Sowjetunion begonnen hatten (so die später angelesene Information; mehr zu Stalin in Kapitel 42). Ein typisches Beispiel für einen Protest, dessen Ziele sich im Laufe der Woche änderten. Die brutale Niederschlagung durch die Sowjetmacht bekräftigte wahrscheinlich erst den Willen der Georgier nach einem eigenen, unabhängigen Weg.
Zu den nächsten Demonstrationen kam es erst 1978, weil Russisch neben Georgisch als Amtssprache eingeführt werden sollte. Diesmal waren die Proteste erfolgreich, und Georgien behielt die unverständliche Kringelschrift. Wer will, kann hier mal versuchen, wenigstens das Alphabet zu lernen.
Mittlerweile rebelliert nicht nur das georgische Volk, sondern auch der Leser, der einen Artikel über Tiflis und nicht über die Geschichte der Sowjetunion erwartet hat. Deshalb nur im Schnelldurchlauf: Demonstrationen im April 1989, die wiederum blutig niedergeschlagen wurde, Auflösungsprozess der Sowjetunion, im April 1991 Unabhängigkeit nach Referendum.
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Vor dem Museum trete ich auf den Rustaveli-Boulevard, der so breit und unpraktisch ist, dass man ihn nicht überqueren kann. Man muss etliche Kilometer laufen, bis man zu einer Unterführung zur anderen Straßenseite kommt.
Vielleicht ist das eine städtebauliche Maßnahme, um spätestens hier einen erneuten russischen Vormarsch zu stoppen.
Ich bleibe also notgedrungen auf der Nordseite und komme am Rustaveli-Theater vorbei. Wer das klassische Theater dem Puppentheater aus Kapitel 14 vorzieht, der wird hier glücklich.
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Elegant finde ich auch, dass viele der Cafés auf den Speisekarten oder in Vitrinen Zigarren anbieten. Hier kann man noch stilvoll leben und das öffentliche Rauchen mit der Diskussion aktueller Theaterstücke oder neu erschienener Bücher kombinieren. Bleibt nur zu hoffen, dass die Fleischfreaks aus Kapitel 2 nicht merken, dass Zigarren zu 100% vegan sind.
An zu besprechenden Büchern besteht kein Mangel. International anerkannt wurde das spätestens 2018, als Georgien das Gastland der Frankfurter Buchmesse war.
Wer nach Tiflis reist, bemerkt die Liebe zum Buch auch ohne internationale Auszeichnungen. Der Rustaveli-Boulevard ist gesäumt von Buchhändlern. Wenn man nicht aufpasst, nimmt man hier beim Spazierengehen nicht ab, sondern kommt mit mehreren zusätzlichen Kilos nach Hause. Nur der bereits gebuchte Rückflug mit strenger Gepäckbeschränkung bewahrt mich vor Torheiten. Das nächste Mal reise ich mit dem Schiff.
Verstörend finde ich allerdings das mehrfache Angebot von „Mein Kampf“, und zwar nicht das der kritischen Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte. Wofür sind Opa und Oma eigentlich in den Großen Vaterländischen Krieg gezogen, wenn jetzt auf den Straßen faschistischer Schund verscherbelt wird?
Die Buchhändler mit einem spielbereiten Schachbrett sind wahrscheinlich Armenier. Sie kommen mehr aus Spaß als aus Geschäftssinn, und wer eine Partie gewinnt, darf sich ein Buch aussuchen.
Wer immer noch nicht genug von Büchern hat (und wann hat man das schon?), kann in die Parlamentsbibliothek
oder in das Buchmuseum
gehen, von denen ich leider erst später las, oder sich auf Kapitel 45 freuen.
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Das Buchmuseum ist nicht zu verwechseln mit dem Museum der georgischen Literatur, das gleich um die Ecke in der Gia-Chanturia-Straße und passend gegenüber einem schattigen Park liegt, in dem man Dramen, Prosa und Poesie mit einer Zigarre genießen kann.
Die intellektuelle Stimmung im der Innenstadt wird nur gestört, wie könnte es anders sein, durch die brasilianische Botschaft, die im Erdgeschoss die Salsa-Bar „Calypso“ betreibt. Da wird es keine großen Überschneidungen mit dem Publikum der Literaturinstitute geben.
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Als ich abends nach Hause komme, erhalte ich von einem Schulfreund den getwitterten Ratschlag: „Wenn du in Tiflis bist, geh in den Botanischen Garten. Das letzte Mal habe ich dort eine riesige Schlange gesehen.“
Gut, dass ich das erst jetzt lese, sonst wäre ich nie dorthin gegangen oder hätte den Spaziergang vor ständiger Angst nicht genießen können. Außerdem stelle ich mir die Frage, wieso ein Schulfreund aus Amberg anscheinend regelmäßig im Kaukasus ist. Wahrscheinlich ist er Spion. Das hätte ich mir eigentlich denken können, denn er war derjenige, der am Gymnasium immer „Clever & Smart“ las.
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Apropos Spione: Am nächsten Tag treffe ich zwei Schwestern aus dem Iran, die verdächtig fließend Deutsch sprechen. Sie haben einen ziemlichen Sonnenbrand, nicht weil es im Iran keine Sonne gäbe, sondern weil sie dort ständig das verdammte Kopftuch und einen Mantel tragen müssen.
Wegen der Freiheit ist der Kaukasus bei Iranern ein beliebtes Reiseziel. Und in Tiflis sehen sie zudem die persische Architektur und Zeichen vergangener Größe, als Persien vom Kaukasus bis nach Indien reichte.
Über die Geschichte der persisch-georgischen Konflikte schrieb Andreas Gryphius das Drama „Catharina von Georgien“, allerdings etwas voreilig, denn die Geschichte war 1657 keineswegs zu Ende. Deshalb lasse ich mir mit meinen Artikeln lieber etwas Zeit. 1795 kamen die Perser zum letzten Mal in böswilliger Zerstörungsabsicht, woraufhin die Georgier die Russen um Hilfe riefen. Das bereuten sie dann zwei Jahrhunderte lang.
Die heutigen Besucher aus dem Iran wollen nichts niederbrennen, sondern einfach nur Wein zum Abendessen.
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Pooyandeh und Payandeh, was sich so nach der iranischen Version von Hanni und Nanni anhört, dass es Decknamen sein müssen, kommen gerade aus Gori und erzählen etwas verstört von einer Stadt im Banne Stalins. Dort gebe es noch immer einen Stalin-Platz, eine Stalin-Statue und ein Stalin-Museum, in dem allerhand Stalin-Souvenirs zu erwerben sind. Ich bin froh, dass sie mir keine Geschenke mitgebracht haben, sondern mich nur zum Abendessen einladen.
Wir kommen auf das Nationalmuseum (siehe Kapitel 28 ff.) zu sprechen, und ich glaube, dass in der gesamten Ausstellung über die Verbrechen der Sowjetunion kein einziges Mal explizit erwähnt wurde, dass Genosse Stalin aus Georgien – und in Tiflis im Priesterseminar und als Bankräuber tätig – war.
Beim abendlichen Spaziergang durch Tiflis fällt mir dann auf, dass sogar die Frisur des jungen Stalin wieder modern ist. Sehr beunruhigend.
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Das, was ich beim Nationalmuseum noch bemängelt habe, stört mich zwei Blocks weiter nicht: die reine Ansammlung von Objekten. Was soll eine Nationalgalerie auch sonst tun, als Bilder aufzuhängen?
Nachdem ich mir ein Billet für 7 Lari (2,30 Euro) erstanden habe, merke ich, dass es die gleiche Eintrittskarte wie für das Nationalmuseum ist. Na gut, dann habe ich die georgische Kultur und Kunst eben doppelt finanziert. Das werde ich beim Abendessen einsparen müssen.
Die Bilder zeigen viele Fisch- und Jagdszenen, Gelage im Garten, Schaschlik und Wein. Sehr lebens- und farbenfroh.
Ein Gemälde von Niko Pirosmanaschwili zeigt die Zahnradbahn auf den Mtastminda, die also schon ziemlich alt sein muss, denn der Künstler ist 1918 gestorben. In so alte Techniken habe ich kein Vertrauen, auch diesen Hügel werde ich also zu Fuß erklimmen müssen. (Jede Ausrede ist willkommen, um sich 2 Lari [0,65 Euro] zu sparen.)
Entgegen dem Stereotyp liest die junge Museumswärterin ein Buch, während ihre der Elterngeneration entstammende Kollegin auf dem Handy YouTube-Videos anguckt (aber natürlich mit Kopfhörern, um nicht zu stören).
Und schwupps, nach drei Räumen ist man fertig mit der Nationalgalerie. Schade, denn der Stil der Gemälde gefällt mir.
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Neben der Zahnrad- gibt es auch eine Seilbahn, die zu einem schönen Gegensatz von Alt und Modern führt.
Auch die Architekturstile stehen sich manchmal direkt gegenüber wie bei einem Duell. Irgendwie zieht das Neuere immer das Kürzere.
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Dass ich auf dieser Reise gleich zweimal nach Tiflis komme, zeigt, wie wohl ich mich in der Stadt fühle. Vielleicht ist die Route aber auch nur Ausdruck der komplizierten Grenzsituation zwischen Aserbaidschan und Armenien, die zu Umwegen über Georgien zwingt.
Weil ich diesmal nur eine kurze Nacht in Tiflis verbringe, habe ich ein Zimmer in einem Hostel, dem Guesthouse Irina, gebucht. Als ich ankomme, trifft den eifrig vorausplanenden Deutschen ein Schock: „Das von Ihnen gebuchte Zimmer ist leider belegt.“ Aber zum Glück auch gleich die Lösung: „Wir haben ein anderes Zimmer für Sie.“
Es ist die Bibliothek, und ich könnte nicht glücklicher sein. Zwar kann ich keines der russischen oder georgischen Werke lesen, aber allein die Anwesenheit von Büchern erfüllt mich mit Freude. Ich finde es immer ein wenig verdächtig, wenn ich in jemandes Haus komme und keine Bücher vorfinde.
Von außen sieht das Hostel übrigens so aus, dass viele naserümpfend daran vorbeilaufen würden. Ich mag so Häuser, von denen außen der Putz abblättert, aber drinnen in drei oder vier Sprachen Bücher gelesen werden. Wahrscheinlich weil ich auch solche Menschen mag.
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Auch das Viertel gefällt mir: Mardschanischwili. Alte Häuser, ein bisschen verfallend und teilweise abbröckelnd, aber dafür umso mehr Charakter. Gegenüber dem Hostel steht eine verlassene Burg, vielleicht die von König Wachtang oder Königin Tamar.
Zweimal hatte ich in Tiflis jetzt Glück mit den Stadtteilen. Wenn ich eine Strategie daraus entwickeln sollte, ginge die so: Das billigste Zimmer suchen. So landet man fast immer im interessantesten Viertel.
Sehr interessant wäre übrigens auch die Vorstadt Rustavi, an der ich heute vorbeifuhr. Ein typisches Beispiel für eine sowjetisch geplante und gebaute Stadt. Gerade die Charakterlosigkeit und objektive Unattraktivität finde ich charmant. Zumindest wenn man nicht sein ganzes Leben dort verbringen muss. Und temporär, z.B. wenn man sich auf das Studium oder ein Buch konzentrieren muss, kann die Tristesse produktivitätsfördernd wirken. Es ist kein Zufall, dass Dostojewski, Gogol, Puschkin, Bulgakow, Pasternak, Soschtschenko, Ilf und Petrow in Plattenbauten wohnten und schrieben. Auf Tonga und Tuvalu hingegen ist es immer sonnig, aber noch niemand von dort hat den Nobelpreis für Literatur gewonnen.
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Nicht weit von Marjanaschwili verläuft die Agmashenebili-Straße, in der ich ahnungslos auf und ab spazierend Häuser bewundere, die teilweise wie ich aus Deutschland kommen.
Zu viel wurde hier schon restauriert, aber bei etlichen Häusern ist noch der jugendliche Stil zu bewundern. Am bekanntesten sind wohl das Kino Apollo (bzw. wie es ursprünglich hieß: das elektrische Theater Apollo)
und das Marjanischwili-Theater.
Deutsche Siedler, die meisten von ihnen Schwaben und Pietisten (Fundamentalisten würde man sie heute nennen), kamen ab 1817 in den südlichen Kaukasus. Wo heute die Agmashenebili-Straße verläuft, gründeten die (Wirtschafts-)flüchtlinge das Dorf Marienfeld, von der Altstadt durch den Fluss getrennt. Nicht trennen konnten sie ihr Schicksal von der russischen bzw. sowjetischen Geschichte, aber ich spüre, dass das Publikum nicht mehr aufnahmebereit für weitere historische Exkurse ist.
Auf der weiteren Reise durch den Kaukasus habe ich in Sochumi Nachfahren dieser deutschen Siedler getroffen sowie in Göygöl das ehemalige Helenendorf besucht. Wenn Interesse besteht, werde ich davon mal gesondert berichten.
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Auf einem kurzen Spaziergang entdecke ich einen Buchladen, der so aussieht, wie wenn er sich statt dem Verkauf viel lieber dem Ankauf von Büchern widmet,
und diese Häuserfront aus Mosaik.
Ein Tourist kommt des Weges und fragt mich, ob dies das Museum für moderne Kunst sei. „Es sieht so aus“, antworte ich, ganz sicher, dass es nichts anderes sein kann. Erst später, beim Abfassen dieses Artikels, erfahre ich, dass das Gebäude jetzt profane Büros beherbergt. Das Mosaik stammt noch aus der Sowjetunion. 1970 wurde das Gebäude als Haus der Politischen Bildung eröffnet, was immer das in der Praxis bedeutet haben mag.
Hoffentlich konnte der Mann, dem ich fälschlich den Weg in dieses Gebäude gewiesen habe, noch rechtzeitig fliehen, ohne eine Anstellung als Buchhalter oder Marketing-Guru aufgebrummt zu bekommen.
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Aus dem Fenster meiner Privatbibliothek fällt der letzte Blick vor dem Einschlafen auf den erleuchteten Eiffelturm. Tagsüber war mir der gar nicht aufgefallen.
Vielleicht wurde er aber auch erst heute eingeweiht. Tiflis ist eine Stadt, in der sich gerade viel verändert.
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Deshalb mache ich mir Sorgen um manche der Straßenzüge. Teilweise wurde schon zu viel gentrifiziert. Navid Kermani, der zur gleichen Zeit wie ich in Tiflis weilt, nennt jenen Teil der Altstadt einen „Walt-Disney-Orient für Touristen“.
Außerhalb der Altstadt sprießen auch hier die gleichen hässlichen Beton-, Glas- und Stahlkonstruktionen wie überall auf der Welt. Ich würde gerne die schiefen Holzbalkone, die sich neigenden Häuserfronten, die aus den Dächern sprießenden Bäumchen behalten.
Und die Narben, die frühere Erdbeben hinterlassen haben, sollten doch eigentlich als Warnung vor bautechnischer Hybris dienen.
Tiflis ist eine Stadt, befürchte ich, bei der es tatsächlich einen Unterschied macht, ob Ihr jetzt hinfliegt oder in zehn Jahren. Wartet nicht zu lange! Der Antrag auf Anerkennung als Weltkulturerbe, der seit 2007 bei der UNESCO liegt, wird wahrscheinlich nicht mehr gewährt werden.
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Am schönsten ist Tiflis übrigens am frühen Morgen, denn es ist wahrlich keine Frühaufsteherstadt. Selbst um 7 Uhr hat man die Straßen noch für sich allein. Die Fassaden glühen im frühen Sonnenlicht. Die Katzen tanken Wärme, bevor sie vom Trubel verscheucht werden.
Ich bin früh aufgestanden, weil ich heute nach Armenien weiterfahre. Um 7:30 Uhr bin ich an der U-Bahn-Haltestelle Avlabari, von wo aus die Busse in das südliche Nachbarland abfahren sollen. Ein Taxifahrer weist mir freundlich den Weg, ohne, wie Taxifahrer es sonst immer tun, zu behaupten, es gäbe keine Busse, und ohne seine Dienste anzubieten. Vielleicht ist er mehr Familienmensch als Geschäftsmann und will nicht so weit weg, um das Mittagessen mit seiner Frau nicht zu versäumen.
Am Busstand warten zwar schon die Busse samt Fahrern, aber der erste wird sich nicht vor 9 Uhr auf den Weg machen. Ich bin also umsonst so früh aufgewacht. Die rauchenden Busfahrer signalisieren mir, dass ich meinen Rucksack derweil im offenen Kofferraum deponieren kann. Das mache ich gerne, um mein Vertrauen zu demonstrieren. Vertrauen verdient auch die Marktwirtschaft, denn bis Punkt 9 Uhr bringen Adam Smiths unsichtbare Hände genau die Anzahl an Fahrgästen herbei, um jeden Sitzplatz nach Jerewan zu füllen. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie das funktioniert. Vielleicht haben die Menschen die Planwirtschaft so verinnerlicht, dass Angebot und Nachfrage mittlerweile auch ohne das Kommittee zur Bereitstellung und Bewirtschaftung der Fernbusverbindungen (untergebracht im Verkehrsministerium aus Kapitel 32) so zielstrebig zueinander finden wie Tariel und Nestan Daredschan im Nationalepos „Der Recke im Tigerfell“.
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Falls jemand aus Angst vor der nächsten stalinschen Säuberungswelle noch immer starr vor Schreck sein und es nicht von selbst bemerkt haben sollte: Tiflis ist toll.
Ich kenne keine andere Stadt, die so viel an Kunst, Kultur und Architektur bietet, und dabei so wenig damit angibt. Keine andere Stadt, die so lässig, aber dabei so beeindruckend ist. Keine andere Stadt, die so viele Kulturen auf solch lockere, beiläufige Art verbindet oder einfach koexistieren lässt. Keine andere Stadt, die Hauptstadt ist, sich aber ein paar Blocks weiter wie eine verschlafene Kleinstadt anfühlt. Keine andere Stadt, in der man sich verlaufen will, weil man weiß, dass man auf Famoses und Schönes, Absurdes und Interessantes stoßen wird. Tiflis kann darauf pfeifen, ob es von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt wird, Tiflis ist Weltkulturerbe.
Aber bitte verbaut es nicht zur Unkenntlichkeit!
Praktische Hinweise:
Die billigsten Flüge aus Deutschland und Österreich gehen nicht nach Tiflis, sondern nach Kutaisi, das aber nur ein paar Stunden und ein paar Euros entfernt ist. Bei WizzAir gibt es Hin- und Rückflug zusammen ab 50 Euro.
Ein Visum ist für Deutsche, Österreicher und Schweizer nicht notwendig. Übehaupt ist Georgien sehr liberal: Als Deutscher kann man bis zu 365 Tage pro Jahr, also endlos, ohne Visum im Land bleiben. Wenn es doch nur überall so einfach wäre, sich niederzulassen.
Auf keinen Fall braucht Ihr in Tiflis ein Auto. U-Bahn und Busse fahren regelmäßig und günstig überall hin. Am Anfang muss man ein bisschen um Hilfe fragen, aber bald kennt man die Linien, die man braucht.
Angehörige der Internetgeneration werden es nicht glauben, aber ein gedruckter Reiseführer ist ganz praktisch, vor allem für die Verkehrsverbindungen. Ich hatte den nur auf Englisch erschienenen Lonely Planet für Georgien, Armenien & Aserbaidschan (der auch Abchasien abdeckt), weil ich nicht drei oder vier Bücher mitschleppen wollte. Es gibt aber auch einige deutschsprachige Reiseführer für Georgien.
Tiflis ist der Verkehrsknotenpunkt auf Kaukasusreisen. Von hier aus gibt es Busse nach Baku, Jerewan, Istanbul, Athen, Wladikawkas und Moskau.
Das gleiche gilt für die Eisenbahn mit Verbindungen innerhalb Georgiens sowie nach Baku und Jerewan. Da die Züge seltener als die Busse fahren, hatte ich bei meiner Reise keine Zeit dafür. Aber das nächste Mal bestimmt!
Und wenn Ihr schon in der Gegend seid, wollt Ihr sicher auch nach Abchasien, Armenien und Aserbaidschan. Gebt mir doch Bescheid, was Euch am meisten interessiert, dann gibt es dazu den nächsten Artikel.
Der Autor ist von der enormen Recherche- und Schreibarbeit ganz hugrig. Er würde sich freuen über ein Chatschapuri oder über anderweitige Unterstützung für diesen Blog. Vielen Dank, madloba!
Zu Silvester lud mich ein Freund nach Cochrane ein, etwa 15 oder 20 km westlich von Calgary. Als ich auf der Karte sah, dass es am gleichen Fluss, dem Bow River, liegt, stand der Entschluss fest: Das gehe ich zu Fuß. Immer am Fluss entlang, da werde ich mich schon nicht verlaufen.
Außerdem geht der Weg durch ein Naturschutzgebiet, den Glenbow Ranch Provincial Park, also sollte es schön werden. Wenn das Wetter mitspielt.
Sicherheitshalber gehe ich vor Sonnenaufgang los, zuerst durch langweilige Vororte wie Bearspaw (bekannt aus der dritten Staffel von Fargo), aber schon bald die Berge im Blick.
Der erste Schock ist ein riesiger, gefährlicher Bison auf der anderen Straßenseite. Mein Herz rutscht in die Hosentasche vor Angst. So ein Monster! Zum Glück ist es vollauf mit dem Frühstück beschäftigt und bemerkt mich gar nicht. (Vielleicht ist es auch ein Elch oder ein Rentier. Mit diesen nordischen Tieren kenne ich mich noch nicht so gut aus.)
Dass ich früh aufgestanden war, rettet mein Leben, denn so schlafen die Leute noch, durch deren Gärten ich unbefugt schleichen muss, um auf kürzestem Weg zum Fluss hinab zu gelangen. Ein paar Stunden später werden sie mit ihren Flinten auf der Veranda sitzen und würden auf mich schießen.
Falls ich den Fluss übersehe, könnte ich mich auch an der Bahnlinie orientieren. Das ist überhaupt ein wichtiger Tipp fürs Wandern in Kanada. So kommt man irgendwann in die nächste Stadt oder schließlich ans Meer, falls man nicht vorher erfriert oder verhungert. Und wenn einer der ewig langen Güterzüge vorbeifährt, kann man aufspringen und die Wanderung abkürzen.
Anstatt auf den Zug muss ich wieder einmal über Zäune klettern und springen, denn anderweitig gelangt man von dieser Seite aus nicht in das Naturschutzgebiet. Falls Ihr die Wanderung nachgehen wollt, das hier ist die Stelle, an der Ihr in den Park gelangt:
Anders geht es nicht. In Kanada ist leider alles abgesperrt und verstacheldrahtet. Falls mich ein Parkwächter erwischt, werde ich einfach sagen, dass ich über den zugefroreren Fluss spaziert bin und mich verlaufen habe.
Als das erste Gebäude auftaucht, verspüre ich gerade Lust auf ein stärkendes Frühstück. Es ist die Bearspaw Ranch. Hier gibt es hoffentlich Kaffee und eine Portion Eier und Speck nach Cowboyart.
Als ich näher trete, wieder einen Zaun überkletternd, merke ich, dass hier schon lange kein Frühstück mehr ausgeschenkt wird. Die Landkarte, auf der hier noch ein Kiosk eingezeichnet ist, stammt wohl von 1890. Die Rinderhirten sind ins Ölgeschäft abgewandert, so wie die ganze Provinz Alberta. Die Menschen hier befinden sich dermaßen im Ölrausch, dass sie sogar im Eis nach Petroleum bohren.
Na gut, dann esse ich eben den ersten Müsliriegel. Zum Trinken gibt es genug Wasser, Schnee und Eis. Der Fluss kommt direkt aus den Rocky Mountains, ist also trinkbar.
Langsam wird es sonniger, wärmer, farbiger. In der Nähe des Flusses sehe ich allerdings auch Spuren eines weiteren gefährlichen Raubtiers. Ich weiß nicht, was es ist, aber seine Zähne sind scharf genug, um ganze Bäume abzubeißen.
Dass hier überhaupt noch ein bisschen Wald steht, ist dem Großbrand in Calgary von 1886 zu verdanken. (In Erinnerung daran heißt die örtliche Eishockeymannschaft Calgary Flames.) Danach kam Holz als Baumaterial aus der Mode und man stieg auf Ziegel und Sandstein um, die entlang meiner heutigen Wanderstrecke gewonnen wurden. Auf der anderen Seite der Bahnlinie, die schon damals bestand, und natürlich wieder abgetrennt durch Zäune und Verbotsschilder, sind die Überreste eines Steinbruchs zu erkennen.
Damit wurde das zweite Calgary aus Stein erbaut, das leider mittlerweile fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht und durch das dritte Calgary aus Stahl, Glas und Beton ersetzt wurde. Schöner wurde es nicht im Laufe des sogenannten Fortschritts.
Gut, dass ich stattdessen den Tag in der Natur verbringe. In der Ferne erspähe ich die Rocky Mountains. Ganz so weit werde ich es heute nicht schaffen, aber mit diesem Ziel vor Augen geht es sich leichter, beschwingter und zügiger.
Auf der anderen Seite erspähe ich die Skisprungschanze von den Olympischen Spielen 1988. Irgendwann muss ich da auch mal hinwandern, um zu sehen, ob sich dort heute noch etwas tut oder ob das alles sinnlos vor sich hinbröckelt wie ein aufgelassener Steinbruch.
Calgary war im Rennen als erneuter Austragungsort für die Winterspiele 2026, aber vor ein paar Monaten fand ein Referendum statt und 56% sprachen sich gegen Doping und Korruption aus. Wahrscheinlich kommt die Winterolympiade jetzt auch nach Katar.
Etwas überrascht stelle ich fest, dass ich auf dem Trans Canada Trail wandere. Die Landschaft ist wirklich schön, keine Frage, aber wie soll ein Wanderweg vom Pazifik bis zum Atlantik in einem Land funktionieren, in dem alles abgesperrt und umzäunt ist?
Ich sehe mir das später auf der Landkarte des Trans Canada Trails an, und siehe da, die Strecke verläuft tatsächlich bis zum östlichen Ende des Parks, wo die Wanderer dann zurück und auf die Bundesstraße geschickt werden.
Ein Riesenumweg! Und vollkommen untauglich zum Wandern. Da hätte ich schon mal einen Verbesserungsvorschlag. Wenn ich mir weitere Abschnitte ansehe, wird mir wahrscheinlich noch mehr einfallen. Vielleicht muss man ein bisschen enteignen, aber Privateigentum an Grund und Boden ist ja sowieso ein komisches Konzept.
Auch hier wurde Land erst etwas wert, als die Eisenbahn kam, Steine und Stroh abholte und dafür Zeitungen und Zigarren brachte. Und noch mehr wurde das Land wert, als die Eisenbahn in Glenbow einen Wasserturm für die Dampflok baute, und schließlich eine Haltestelle, um die sich zuerst ein Dorf und dann eine kleine Stadt bildete.
Eine Stadt, die immerhin eine Schule, ein Postamt, einen Laden und natürlich eine ganze Menge Farmen hatte. Der Dorfladen käme mir jetzt ganz gelegen, denn es ist Zeit fürs Mittagessen geworden.
Mist, den Einzelhändler scheint die verfluchte Rezession dahingerafft zu haben. Die Investititon in die pittoreske Örtlichkeit hat sich monetär nicht rentiert. Sicherheitshalber klopfe und rufe ich, aber außer ein paar aufgescheuchten Rehen regt sich nichts.
Auch der Bauernhof ist verwaist. Keine Karnickel zum Schlachten, keine Kuh zum Melken. Vielleicht stießen die Menschen hier nur mangels Alternativen auf Öl?
Missmutig verspeise ich einen weiteren Müsliriegel. Schon langsam werden die Teile langweilig. Dafür wird der Tag immer schöner. Es ist Ende Dezember, aber ich schätze die Temperatur auf mindestens 10 Grad. Das ist nicht der befürchtete kanadische Winter (der wird einen Monat später kommen). Mütze und Handschuhe habe ich schon lange ausgezogen, jetzt ist die Winterjacke dran, und ich lege mich in die Sonne für ein Nickerchen. Hoffen wir, dass die Büffelherde still hält und nicht plötzlich über die Prärie brausen will. Aber die Stampede ist erst für Juli angekündigt.
Apropos tödliche Gefahren, an einem der Rastplätze sehe ich ein gleichermaßen informatives wie erschreckendes Schild. Jetzt ist klar, welches Mordsvieh hier die Bäume frisst!
Zum Glück ist gerade Winter, und Schlangen, Gänse und kanadische Rentner sind in den Süden gezogen. Es wäre gut, wenn man die Schlangen im Frühjahr über dessen Ankunft im Unklaren lassen könnte, so dass sie in Texas bleiben, anstatt hier Wanderer zu erschrecken. (In Texas ist es so gefährlich, dass es auf ein paar Schlangen auch nicht mehr ankommt.)
Auf der weiteren Wanderung komme ich an einem Tipi vorbei und hoffe auf eine Einladung der Indianer zum Büffelbarbecue. Aber auch die Ureinwohner sind weg, ob geflohen, vertrieben oder ermordet, weiß man nicht. Vielleicht sind sie aber auch nur kanadisch-kapitalistisch assimiliert worden und bohren jetzt ebenfalls nach Öl. Mir bleibt wieder nur ein Müsliriegel, und langsam beginne ich, diese Proteindinger zu hassen.
Zum Glück wiegt ein zufriedenes Herz einen unzufriedenen Magen auf, zumindest temporär. Die Sonne trumpft noch einmal so richtig auf, die Hügel werden hügeliger, das Gras saftiger, die Berge in der Ferne spitzer. Alles zusammen verdichtet sich zu einer Stimmung aus Erfülltheit und Zufriedenheit, aus Stolz und Glück. Zehn Stunden lang einen Fuß vor den anderen zu setzen, ist einer der besten Wege, einen Tag zu verbringen. Neujahrsvorsätze sind nicht so mein Ding, aber jetzt, wenige Stunden vor dem Beginn des neuen Jahres, wird mir klar, was ich 2019 will: Mehr Tage wie diesen. Dabei ist es eigentlich egal, wo ich bin. Fernreisen brauche ich dazu keine. Nur ein Paar Turnschuhe und ein paar Dollar für den Bus zurück.
Zeitgleich mit der absoluten Dunkelheit komme ich etwa um 17 Uhr bei Edward in Cochrane an. Ich erzähle ihm sogleich davon, dass alle Restaurants, Kioske, Imbissbuden und Dönerstände unterwegs geschlossen waren und wie stark mein Verlangen nach einem Steak oder einem Hamburger ist. „Du weisst aber schon, dass wir Veganer sind?“ zerschlägt er alle Hoffnungen auf einen ungesunden Jahresausklang. Zigarren gibt es in so einem Haushalt natürlich auch nicht.
Wenn es darum geht, mehr Fracht auf die Schiene zu bekommen, sind längere Züge doch eigentlich die naheliegendste Lösung. Dann muss man auch nicht so oft von der Fabrik zum Hafen fahren und blockiert seltener das Streckennetz.
In Kanada sieht man, wie lang so ein Güterzug werden kann. Zudem sind die Lokomotivführer hier nett genug, jedes Mal zu hupen, wenn ich ihnen zuwinke.
Es war das erste Mal, dass ich einen Zug mit Lokomotiven am Anfang, in der Mitte und am Ende sah.
In Neonlettern scheint der Name „Pacific Central“ auf dem monumentalen Gebäude durch die recht spät und langsam ausklingende Nacht. Durch den Park vor dem Bahnhofsgebäude schleppe ich meine viel zu schweren Taschen, wie immer auf langen Reisen randvoll mit Büchern und Notizblocks, wie wenn ich im Kampf mit dem freiwilligen Übergewicht gleichzeitig gegen Modernisierung und Digitalisierung ankämpfen will. Gesellschaftlich und politisch hoffentlich auf der Höhe der Zeit, fühle ich mich technologisch im 19. Jahrhundert wohl. Deshalb fiel die Wahl des Verkehrsmittels für die Durchquerung Kanadas natürlich auf die Eisenbahn.
Ich trete in einen großen, geräumigen, schönen Bahnhof mit hohen Decken und gepolsterten Holzbänken und einer Menge an hilfsbereiten Mitarbeitern. Das ist der Hauptbahnhof von Vancouver, dem End- oder Anfangspunkt der Trans-Kanada-Strecke sowie der Zugverbindung in die USA, aber niemand eilt, niemand hetzt, niemand hat Stress. Der Zug, der von hier zweimal in der Woche nach Toronto fährt, ist vier Tage unterwegs. Solche Fahrzeiten führen zu mehr Gelassenheit als der morgendliche Pendlerandrang am Münchener Hauptbahnhof.
Ich stückele die Kanadadurchquerung und werde deshalb erst einmal nur 27 Stunden unterwegs sein und in Edmonton, der nächsten größeren Stadt, schon wieder aussteigen.
Viel wichtiger als das Ziel ist aber die Strecke, denn die führt einmal geradewegs über die Rocky Mountains. Nun sind 27 Stunden im Zug besser als 27 Stunden im Flugzeug oder in einem LKW oder auf einer schaukelnden Fähre im südchinesischen Meer. Aber es sind halt doch 27 Stunden. Zwar gibt es auch Liegewagen, aber die heißen wohl so, weil sie außerhalb meines Budgets liegen. Ein Sitzplatz ist Luxus genug. Jack London wäre auf den Güterzug gesprungen.
Während ich mir unsicher bin, ob ich für die 27-stündige Zugfahrt wirklich bereit bin, setzt sich ein Bettler neben mich und fragt höflich, ob ich etwas Kleingeld habe. Ehrlich bedauernd verneine ich, denn in Kanada rennt mir das Geld wie Wasser aus den Fingern. Eine attraktive Frau eilt herbei und spricht den armen Mann an: „Entschuldigen Sie bitte, mein Herr. Ich arbeite hier und ich möchte Sie darauf hinweisen, dass Sie sich in Schwierigkeiten bringen, wenn Sie im Bahnhofsgebäude um Geld bitten.“ Sogleich fügt sie freundlich und respektvoll an: „Sie dürfen aber natürlich gerne hier bleiben und sich aufwärmen.“
Eine andere Bahnangestellte geht mit einem Körbchen durch die Wartehalle und verteilt Bonbons.
Ich gebe mein Gepäck auf, um nur das Nötigste mit an Bord zu nehmen (Bücher, Essen, Hausschuhe) und überlege mir, ob ich die schwere Winterjacke mitnehmen oder aufgeben soll. Von den anderen Passagieren in der Wartehalle ist niemand arktisch-polar ausgestattet, ein Herr ist sogar in Shorts erschienen. (Es ist Mitte Dezember.) Die Leute hier wissen sicher besser Bescheid, wie gut der Zug beheizt ist, also kommt die Jacke in den Frachtraum.
Zu spät fällt mir ein, dass die anderen Passagiere vielleicht einen Schlafwagen mit beheizter Decke gebucht haben und ich als Einziger 27 Stunden lang frieren werde. Mist. Durch das Hochgebirge im Winter und durch die Nacht, das wird kalt.
Die Wartezeit bis zur Abfahrt um Punkt 12 Uhr vergeht schneller, wenn ich mir noch ein ausgiebiges Frühstück gönne und Euch dabei erkläre, wie wichtig die Eisenbahn für Vancouver ist. Wie alles in Nordamerika wanderte auch die Bahnlinie durch Kanada von Ost nach West. British Columbia, das Bundesland an der Pazifikküste, stimmte dem Beitritt zur kanadischen Konföderation erst zu, nachdem die Bundesregierung den Bau der transkontinentalen Eisenbahn versprochen hatte. Und als die Entscheidung anstand, in welchem der Holzfäller- und Walfängerstädtchen die westliche Endstation errichtet werden sollte, fiel die Wahl im Jahr 1884 auf Granville, das zwei Jahre später in Vancouver umbebannt wurde. Seit der Ankunft des ersten Zuges 1887 ging es mit der Stadt zügig bergauf. Wäre damals eine andere Endhaltestelle auserkoren worden, so wäre Vancouver heute ein kleines Nest.
Aber genug geschwafelt, es ist Zeit zum Einsteigen. An 15 langen Waggons laufe ich minutenlang vorbei, denn die Economy-Klasse ist natürlich am weitesten vom Bahnhof entfernt.
Aber schon unmittelbar nach dem Einsteigen gibt es den ersten Oho-Effekt: Die Sitze sind riesig und bequem, mit ausreichender Beinfreiheit. Im Flugzeug müsste man dafür den Erste-Klasse-Preis zahlen.
Zudem sind die Sitze alle in Fahrtrichtung angebracht, und jeder Passagier bekommt einen Fensterplatz, außer natürlich den Paaren, die nebeneinander sitzen (müssen). Wie Zooey Glass bei J. D. Salinger auf die Frage, warum er nicht heirate, antwortete: „Ich fahre viel zu gerne Zug. Wenn du erst verheiratet bist, kannst du nie mehr am Fenster sitzen.“
Ein Schaffner geht durch den Waggon und fragt jeden Passagier, wie weit er fahre. Die meisten wollen wie ich nur bis Edmonton. Ein Herr fährt nach Winnipeg, und ein Junge die ganze Strecke bis nach Toronto. Man kommt schnell ins Gespräch. Die meisten fahren zum ersten Mal, ein lange gehegter Traum, der jetzt im Winter günstiger ist als zur Hauptreisezeit. Manche besuchen Verwandte, und mir scheint, sie wollen die Ankunft noch hinauszögern, deshalb die Wahl des langamsten Verkehrsmittels. Eine Dame will sich vom Zug aus die Strecke ansehen, die sie vor Jahrzehnten mal mit dem Fahrrad abgefahren ist. Ein Mädchen aus China hat gerade Zeit, weil sie nach Edmonton gezogen ist und noch keinen neuen Job gefunden hat. „Vor Weihnachten tut sich da sowieso nichts,“ sagt sie, „also kann ich mir auch endlich mal Kanada ansehen. Ich wohne schon seit drei Jahren in Kanada, aber das Land ist so groß.“ Wenn selbst eine Chinesin sagt, Kanada sei riesig, dann muss es wohl stimmen.
Ein Ehepaar bringt die Oma in den Zug und behandelt sie wie ein Kind. „Wo willst du sitzen? Ist es hier in Ordnung? Aber da sitzen andere Leute. Auf der rechten Seite siehst du die Berge besser.“ Ich fahre hier zwar zum ersten Mal mit, aber ich bin mir sicher, dass auf beiden Seiten Berge sind. Wahrscheinlich ist die Oma selbst ganz gelassen, sobald ihre nervigen (Schwieger-)Kinder weg sind.
Der Waggon wird von zwei Stewards bedient, Don und Gabriel. Sie weisen auf die Notausgänge hin, auf das Essen und auf den Aussichtswaggon. Und während sie noch im Erklären sind, rollte der Zug los. Ganz leise und sanft, und die Jetzt-gibt-es-kein-zurück-mehr-Freude stellt sich ein. Wie so oft in Bahnhofsnähe rollen wir zuerst durch unschöne Viertel voller Autofriedhöfe, Lagerhallen und Sägewerke. Ein obdachloses Paar steht Hand in Hand da und blickt dem Zug sehnsüchtig nach, von den Flitterwochen träumend, die das Leben ihnen versagt hat.
Wie um ihnen die Chance zum Aufspringen zu geben, hält der Zug an. Ein Güterzug kreuzt. Das wird noch öfter passieren auf dieser Reise, denn die langen (und vielen) Güterzüge haben in Kanada Vorfahrt vor den kürzeren und damit leichter auf ein Nebengleis zu bugsierenden Personenzügen. So ein Güterzug kann schon mal fünf Minuten lang vorbeirattern mit seinen Hunderten an Waggons. Das haben wir jetzt vom boomenden Welthandel. Aber viele Frachtzüge bedeuten auch viele Mitfahrgelegenheiten, wenn mir das Geld für den Personenzug ausgeht. Vielleicht fahre ich im Frühjahr landstreichermäßig nach Toronto weiter.
Die Profis unter den Reisenden packen schon die mitgebrachten Kissen und Decken aus. Es ist bitterkalt, obwohl es noch mittags ist, aber Don hat versprochen, dass die Heizung bald anspringen wird.
Die Geschwindigkeit, ich schätze 60-70 km/h, zeigt, dass es um Gemütlichkeit geht, nicht wie beim gefährlich schnell durchs Land flitzenden ICE. Der Zug durch Kanada ist eher ein rollendes Wohnzimmer. Umso mehr jetzt, wo die Heizung zu spüren ist. Anscheinend wurde der Kohleofen befeuert.
Nach schätzungsweise einer Stunde (ich habe gar keine Uhr mit an Bord genommen) sind wir über Vancouver und die Vororte mit charakterlosen Hochhäusern hinaus. Neben uns liegt ein breiter Fluss, gegenüber ragen schneebedeckte Berge empor, im Wasser treiben Flöße aus zusammengebunden Baumstämmen. So habe ich mir Kanada vorgestellt!
Der Zug nimmt Fahrt auf, jetzt geht’s richtig los. Der Lokomotivführer hupt vergnügt an jedem Bahnübergang, ja sogar an kreuzenden Feldwegen. Die Bahnschranken bimmeln. So erfährt das ganze Land von der segensreichen Errungenschaft des ihn vollständig durchziehenden Schienenstrangs.
So etwas wie eine Stadt taucht zum ersten Mal mit Mission City auf, ein trostloser Ort an einem fischreichen Fluss, wie ich aus dem Vorbeifahren urteile. Mehr Datengrundlage als den flüchtigen Eindruck von im wörtlichen Sinn oben herab bekomme ich nicht, denn der Zug befindet die Stadt keines Haltes wert.
Ich springe ständig vom linken zum rechten Fenster und wieder zurück, weil auf beiden Seiten Flüsse, Seen und Berge auftauchen. Ein Blick schöner als der vorherige. Diese Zugfahrt ist wie der Besuch einer Galerie mit Landschaftsmalereien der großen Meister.
Einige Berge sind so spitz wie das Matterhorn, wobei das schon wieder so ein unangebrachter europäischer Vergleich ist. Europa ist zwar kulturell diverser und interessanter als Nordamerika, aber was beeindruckende Landschaften angeht, die Roadtripfähigkeit sozusagen, da würde ich Nordamerika vorziehen. Hier stößt man nicht alle 50 km auf die nächste Stadt, sondern sieht allenfalls alle 150 km ein Holzhaus, wie den Laden in Kilby.
Via Rail, der Zugbetreiber, lädt Künstler zu Freifahrten ein, wenn diese dafür die Gäste unterhalten. Auf dieser Fahrt ist es Audrey, die singt und Gitarre spielt. Allerdings so Lieder, wie sie zur Zeit auch ständig im Radio laufen, also nicht mein Geschmack. Ich würde lieber etwas Passendes wie „Hey hey Train“ von Johnny Cash hören. Ladet den doch mal ein!
Dafür wird die Natur spektakulärer, je düsterer es wird. Die Sonne ist schon verschwunden, aber es bleibt noch lange dämmrig, wie das im Norden so ist. Nebel liegt in den Tälern, und der Wald ist nicht mehr grün, sondern braun, grau und schwarz. Das ist diese Tageszeit, wo man beim Wandern Angst hat, das Ziel nicht mehr zu erreichen, wo jeder knackende Ast wie eine Gefahr klingt. In dieser Größe, Weite und Abgeschiedenheit kann der Wald tatsächlich bedrohlich wirken. Beim Gedanken daran fühle ich mich im Zug noch wohliger und sicherer.
Manche der Passagiere haben ihre Stühle schon zu Betten ausgefahren. Man kann also auch in der billigsten Klasse bequem reisen, vor allem wenn man kürzer als 170 cm ist.
Und dann wird es doch stockdunkle Nacht – etwas, das die meisten Menschen in den Städten nie erleben. Ich wechsle in Jogginghose und Puschen. Nur wenn der Zug in eine Kurve fährt, sehe ich, wie die Lichter der Lokomotive von den Fichten, Tannen und Schneeflocken reflektiert werden.
Schon seit Stunden hat der Zug nicht mehr gehupt, wir sind also wohl schon im Gebirge und in der Wildnis. Hoffentlich lauern uns keine Banditen auf.
Gabriel geht durch den Zug und teilt jedem Passagier, der in Kamloops aussteigen will, mit, dass wir derzeit 45 Minuten Verspätung haben. Die Ankunft ist erwartet für 21:30 Uhr, der erste Halt nach neun Stunden Fahrt. Ein Passagier, der nach Winnipeg will und damit noch etwa zwei Tage unterwegs ist, bittet darum, in Kamloops ebenfalls geweckt zu werden, weil er zum Rauchen raus will. Für einen abhängigen Raucher sind drei oder vier Tage Zugfahrt wirklich hart. Mich berührt das nicht mehr, denn ich habe der schlechten Angewohnheit für die Zeit in Kanada aus Kostengründen eine Auszeit gegönnt.
In Wirklichkeit kommen wir um 22:47 Uhr in Kamloops an, mit eineinhalb Stunden Verspätung. Die Leute, die in Kamloops einsteigen, haben somit das Abendessen verpasst. Bis Toronto wird sich das leicht auf einen ganzen Tag Verspätung aufbauen. Ich werde vor dem Rückflug aus Toronto also besser ein paar Puffertage einplanen. Zwei Eskimokinder, die mit ihrer Mutter eingestiegen sind, stecken schon im Ganzkörperschlafanzug, sind aber noch putzmunter und laufen auf und ab. Ich kann es ihnen nicht verübeln, denn ich kann auch nicht richtig schlafen. Für die Weltumrundung mit dem Zug muss ich kürzere Teilstrecken und Pausen mit Bett und Dusche einplanen.
Die Nacht wird ein bisschen kalt. Es ist nicht objektiv ungemütlich in den Sitzen der günstigsten Klasse, ich bin jedoch etwa 10 cm zu lang, um mich voll ausstrecken zu können. Aber schließlich verstummen die Kinder und ich muss irgendwie eingeschlafen sein, denn um kurz vor 6 Uhr (schon in der nächsten Zeitzone) wache ich auf. Ich sehe, dass draussen Schnee liegt, sonst nichts. Es wird wohl noch ein paar Stunden dunkel sein, aber wie in der Jugendherberge bin ich gerne der erste, der zum Zähneputzen und kursorischen Waschen geht.
Die Tatsache, dass ich noch mindestens weitere 10 Stunden Fahrt vor mir habe, ist eigentlich unvorstellbar nach dieser langen Nacht. Wir sind schon seit 18 Stunden unterwegs. In dieser Zeit wäre ich von München bis nach Minsk gekommen. In Kanada habe ich gerade mal die Grenze zum nächsten Bundesland überschritten, deshalb auch die Zeitumstellung.
Im Bad stelle ich fest, dass der Abstand zwischen Wasserhahn und Waschbecken ausreicht, um sich die Haare zu waschen. Und wenn ich schon dabei bin, gönne ich mir noch eine ausführliche Rasur. Jetzt bin ich wach! Frisch hygienisiert strahle ich zufrieden in den Spiegel des rollenden Waschsalons. So viel Komfort hat man im Flugzeug, Bus oder Auto nicht. Das ist eigentlich wie eine Kreuzfahrt hier, nur umweltfreundlicher.
Unter der Glaskuppel warte ich auf den Sonnenaufgang, der es nicht eilig hat. Das chinesisches Mädchen ist gleichzeitig mit mir aufgestanden. Ich erzähle ihr von meinem Plan, im April bis nach Toronto weiterzufahren. Allerdings erschüttert sie meine Hoffnungen, dass es dann schon Frühjahr sein wird. „Vielleicht ab Juni“, sagt sie. Immer mehr Gäste trudeln im Ausguck ein und bewundern die schwere Lokomotive, wie sie sich durch die Nacht und den Schnee pflügt. Es gibt dann keinen richtigen Sonnenaufgang, sondern es wird ganz undramatisch heller, wie wenn die pechschwarze Dunkelheit langsam einpackt, weil sie sich von der Nachtschicht ausruhen muss.
Erst beim Halt in Jasper (hier steigen all die Wintersportler aus, um sich die Knochen zu brechen) kommt die Sonne hervor und bringt das Bilderbuchwinterkanada mit sich. Sogar eine Herde von Elchen grast neben der Eisenbahn und lässt sich nicht verscheuchen.
Nach Jasper wird die Landschaft noch dramatischer. Vielleicht liegt es aber auch an dem sonnigen Tag, der die Blicke weiter schweifen lässt. Jedenfalls bin ich jetzt froh, wenn der Zug mal wieder langsamer fahren oder anhalten muss.
Wenn ich so viel Naturschönheit sehe, frage ich mich immer, wieso die Leute so weit nach Westen gezogen sind. Gut, laut Kolumbus war dort China zu finden, aber wenn man schon aus Europa gekommen ist, einen halben Kontinent durchwandert hat, wieso bleibt man dann nicht einfach an Orten wie diesen, dem Paradies so nah?
Traurig ist nur, wie stolz auch in Kanada ältere, geschiedene Frauen darauf sind, dass ihre Kinder sich verloben, verheiraten oder fortpflanzen. Sie müssten doch selbst wissen, dass dies der Weg ins Unglück ist. Tom, ein 25-jähriger Rucksackreisender aus Deutschland entzückt die anwesenden Damen als er von seiner geplanten Verlobung, häuslichen Niederlassung und Aufzucht von zwei geplanten Kindern erzählt, und ich denke mir nur: „Junge, sei doch nicht doof! Schau aus dem Fenster: Die Welt ist groß und schön und abwechslungsreich. Willst du tatsächlich auf all das verzichten, um plärrende Babypopos zu putzen?“ Aber ich bin heute mehr in der Entspannt-die-Natur-genießen- als in der Ungefragt-fremde-Leben-vor-dem-Gang-ins-Verderben-retten-Stimmung.
Als Sparfuchs habe ich mir natürlich genügend Kalorien für die ganze Reise eingepackt, aber nach 24 Stunden kann ich keine Müsli- und Proteinriegel mehr sehen. Also gehe ich in den Speisewagen und ordere einen Cheeseburger. Sogar die Tageszeitung Globe & Mail liegt hier aus.
Außer mir sitzen nur einige Bahnmitarbeiter im gemütlichen und sonnigen Speisewagen. Als ich auf der rechten Seite erblicke, wie wir einen breiten Fluss überqueren, entfährt mit ein Ausruf des Staunens. „Der Blick auf die andere Seite ist auch gut. Da ist eine einsame Hütte am Ende des Flusses“, rät mir einer der Techniker, kaum von seinem Essen aufblickend. Die Leute, die im Zug arbeiten, kennen die 4.466 km anscheinend auswendig. Wahrscheinlich fällt ihnen sogar auf, wenn jemand für Weihnachten einen Baum gefällt hat.
Eine Frau und ein Mann, beide Kanadier, beide mittleren Alters, kommen in den Speiswagen. Zuerst halte ich sie für ein Paar, aber aus der Unterhaltung entnehme ich, dass sich das erst im Laufe der Zugfahrt angebahnt hat. Andererseits scheint es nichts Ernstes zu sein, denn sie laden mich an ihren Tisch ein und nehmen mich in ihre Unterhaltung auf. Für meinen Geschmack geht es dabei zu viel um Autos, Häuser und Einkaufszentren. Da fehlt nur noch Eishockey, dann hätte man das kanadische Durchschnittsleben abgehakt.
Aber die Frau weiß auch viel über Züge und kennt alle Angestellten mit Namen, so dass ich sie frage, ob sie für die Eisenbahn arbeitet. „Oh nein“, lacht sie, „mein Ex-Mann war bei der Eisenbahn. Bei der Scheidung habe ich mehr um den lebenslangen Freifahrtschein gekämpft als um die Kinder. Hat mich 100.000 $ an Anwaltsgebühren gekostet.“ Als ehemaligem Fachanwalt für Familienrecht ist mir sofort klar, für welchen der Beteiligten sich das am meisten ausgezahlt hat. „Aber erst seit das Schwein tot ist, kann ich die Fahrten richtig genießen.“ Diesmal wirkt ihr Lachen noch deplatzierter. Meinen Blick bemerkend, fügt sie an: „Ehrlich, es ist besser, dass er tot ist. Sogar meine Kinder stimmen da zu. Er war ein Krimineller.“ Ich hätte Tom doch vor dem Familienleben warnen sollen.
Anstatt den Gitarristen und Sängerinnen könnte Via Rail eigentlich mal einen Historiker engagieren, denn die Geschichte des Eisenbahnbaus steht exemplarisch für viele Veränderungen in der kanadischen Gesellschaft. Man könnte sagen, dass erst das Eisenbahnnetz, das den ganzen Kontinent überspannte, Kanada zu einem modernen staatlichen Gebilde mit einem konsolidierten Staatsgebiet und der Möglichkeit der Staatsgewalt, diese in allen Landesteilen durchzusetzen, machte. So konnte die Zentralregierung zum Beispiel 1885 schnell Truppen schicken, um die Nordwest-Rebellion niederzuschlagen. Entlang der Eisenbahnstrecke wurde eine Telegrafenleitung verlegt, die das Land ebenfalls enger zusammenführte.
Auch die Besiedlung des Westens wurde durch die Eisenbahn enorm beschleunigt. Für den Bau der Strecke wurden gezielt ausländische Arbeiter angeworben, im Osten aus Europa und im Westen aus China. Sobald die Eisenbahn gebaut war, wollte man die Chinesen aber nicht mehr haben. 1885 wurde die Einwanderung aus China durch hohe Kopfsteuern erschwert und 1923 vollständig verboten. (An weißen Europäern stören sich kanadische „Einwanderungskritiker“, die natürlich alle selbst von Migranten abstammen, bis heute nicht.)
„Special drop-off“ tönt es aus Gabriels Funkgerät. Hinter ihm läuft ein Passagier mit umgeschnallten Rucksack und Wanderausrüstung. Der Zug hält auf freier Strecke, ein Pick-Up-Wagen wartet schon an einem Bahnübergang, und der Trans-Kanada-Zug kommt genau so zu stehen, dass der wartende Freund vor der richtigen Tür des richtigen Waggons steht.
Ich frage den Zugbegleiter halb im Scherz, ob man überall aussteigen kann, wo man will.
„Wenn Sie uns 48 Stunden vorher Bescheid geben, dann planen wir das ein. Sie können auch auf freier Strecke einsteigen, dazu müssen Sie nur die genaue Meilenangabe des Ortes wissen.
Leute nützen das beispielsweise, wenn sie mit dem Kanu unterwegs sind. Wir setzen sie in der Wildnis ab und vereinbaren, wo wir sie nach einer Woche wieder aufnehmen. An dieser Stelle fahren wir ganz langsam, um sie nicht zu übersehen. Manchmal haben die Leute dann Eimer voller Fische oder einen geschossenen Elch dabei.“ Ob das in der Küche gleich verarbeitet wird?
Ich kann meine Bewunderung über diesen freundlichen, hilfsbereiten und kostenlosen Service nicht verbergen. (Nur in Mazedonien habe ich etwas Ähnliches erlebt.)
„Aber die Leute verschätzen sich oft“, fährt Gabriel fort. „Deshalb sind sie nicht immer zur vereinbarten Zeit da. Dann geben wir den nachfolgenden Zügen Bescheid, dass sie an dieser Stelle langsam fahren und Ausschau halten sollen. Erst nach drei Tagen melden wir sie als vermisst.“
Kurz vor Edmonton kündigt ein leuchtender Sonnenuntergang eine weitere lange Nacht an, zumindest für die, die an Bord bleiben und sich der künstlich beleuchteten und belärmten Zivilisation noch ein wenig entziehen können.
Eigentlich will ich gar nicht mehr aussteigen. Ich genieße die Fahrt so sehr, dass ich gerne noch ein paar Tage sitzenbleiben oder einfach immerzu hin und her durch Kanada fahren würde.
Praktische Hinweise:
Alle Informationen, Fahrpläne und Buchungsmöglichkeiten gibt es bei Via Rail.
Im Sommer fährt der Zug dreimal, im Winter zweimal pro Woche.
Wenn Ihr flexibel seid, versucht verschiedene Daten, denn die Preisunterschiede sind enorm. Im Sommer ist der Zug angeblich ziemlich ausgebucht. Für die Fahrt von Vancouver nach Edmonton habe ich 184 $ (= 120 €) bezahlt. Günstiger geht es kaum, außer mit Rabatt für Jugendliche oder Senioren.
Ich konnte den Fahrschein nicht mit meiner europäischen Kreditkarte buchen und musste deshalb einen kanadischen Freund um Hilfe bitten. (Danke, Edward!) Aber von anderen Reisenden habe ich keine derartigen Probleme gehört.
Unbedingt mitnehmen: Ein Buch, eine Decke für die Nacht, Hausschuhe. (Zu spät habe ich gesehen, dass ich für 5 $ eine Decke hätte erwerben können.)
Internet gibt es nur an den Bahnhöfen. (Ich fand die Internetfreiheit übrigens super. Dadurch waren die Leute viel kommunikativer.) Steckdosen gibt es an jedem Platz.
Ein Tipp für absolute Sparfüchse: Der Wasserhahn im Bad ist hoch genug, um mitgebrachte Wasserflaschen aufzufüllen. So müsst Ihr an Bord nichts für Getränke ausgeben. Und wer noch mehr sparen will, findet sicher eine leere Plastikflasche im Mülleimer des Abfahrtsbahnhofes. – Wie ich immer sage, Reisen muss nicht teuer sein.
Das Essen im Zug ist relativ preiswert (hier die Speisekarte), aber wer wirklich sparen will, bringt natürlich alles mit. Kochendes Wasser gibt es kostenlos, so dass man sich Tee und Suppen zubereiten kann.
Plant ein paar Stunden Verspätung ein. Auf keinen Fall einen knappen Anschlussflug buchen.
Von Vancouver geht noch ein anderer Zug, der Rocky Mountaineer nach Calgary. Der fährt aber nur im Sommer und kostet etliche Tausend Dollar (nur für eine Fahrt, nicht um den ganzen Zug zu kaufen).
Anders als beim letzten Housesitting in Spanien werde ich Euch nicht mit täglich neuen Fotos belästigen. Zum einen werde ich die meiste Zeit drinnen verbringen, weil es draußen doch ein bisschen kühl ist, wenn auch immer wieder untrbrochen von frühlingshaften Tagen. Das ist also die Zeit zum Schreiben, und Ihr könnt ältere Geschichten von Andalusien bis Vilnius erwarten.
Aber ich weiß, dass Ihr neugierig seid auf die Katze und das Haus, in dem ich die kommenden drei Monate wohnen werde.
Das ist Alice, eine äußerst hübsche und verschmuste Katze.
Sobald ich mich setze, springt sie auf meinen Schoß und hindert mich für mehrere Stunden am Aufstehen. Um darauf vorbereitet zu sein, habe ich neben jedem Sofa und jedem Sessel ein Buch deponiert. Außerdem schaut sie gerne „Fargo“.
Das ist das Haus.
Hier gehe ich zum Laufen. (Das Gerücht über den Schnee in Kanada scheint sich nicht zu bewahrheiten.)
Und so geht die Sonne unter.
Vielleicht ist es auch ein andere Haus, weil ich die Privatspähre der Eigentümer schützen will. Aber Ihr habt eine generelle Idee bekommen, wie es hier aussieht. Die meisten Häuser in Kanada sehen sowieso gleich aus.
Über die Geländewagen, die größen- und volumenfixierte Deutsche sich in den letzten Jahren zulegen, können Kanadier nur schmunzeln. Hier sind viele Autos größer als das eigene Haus. Der Vorteil daran ist, dass ich mit einer Fahrt zum Supermarkt alle Vorräte für drei Monate einkaufen konnte.
Ja, ich fahre das Ding tatsächlich. Vielleicht ergibt sich daraus mal eine neue Karriere.