Der Bahnhof von Ulm versucht, durch willkürlich hohe Gleisnummern und durch Unterteilung von Bahnsteigen nach Nord, Süd, West und Ost den Eindruck zu erwecken, man wäre in New York.
Anstatt Weltläufigkeit stellen sich Verwirrung und Hektik ein, die zum Hin- und Herhasten zwischen Bahnsteigen, Bahnsteigabschnitten und Bahnsteigenden führen, anstatt dass man die Wartezeit nutzt, um eine Ulmer Spezialität zu genießen, falls es so etwas gibt. Aber endlich versteht man, wieso es „in Ulm und um Ulm und um Ulm herum“ heißt.
Tagesausflüge nach Tschernobyl. Touren durch eine brasilianische Favela. „Dark Tourism“ nennt sich das, und viele werden es als die makabre Idee einer Zeit abtun, in der selbst das Unglück und das Leiden vermarktet werden. Aber so neu ist da Phänomen gar nicht.
Die Schlachtfelder von Waterloo (Belgien, 1815) und Gettysburg (USA, 1863) zogen schon im 19. Jahrhundert Besucher an. Bereits während des Ersten Weltkriegs kamen Besucher an die Westfront, hauptsächlich Schriftsteller, aber auch neugierige Touristen. Und mit dem Ende der Kampfhandlungen setzte der Massentourismus an die Orte ein, wo vier Jahre lang gekämpft worden war. In diesem Beitrag werde ich mich auf Ypern in Belgien konzentrieren, weil dies bis heute eine der wichtigsten “Pilgerstätten” an der Westfront ist – und weil ich im Februar 2020 mit einer Exkursion der Fernuniversität in Ypern war. Dieser Artikel basiert auf einem Referat, das ich dort gehalten habe.
Schlachtfeldtourismus während des Ersten Weltkriegs und unmittelbar im Anschluss daran
Auch wenn, wie in der Einleitung erwähnt, der Schlachtfeldtourismus nach 1918 kein neues Phänomen war, so erfuhr er doch ab dem Ersten Weltkrieg ein exponentielles Wachstum. Ein Grund darin liegt im zeitlichen Zusammenfallen mit dem einsetzenden Massentourismus. Technische Veränderungen bedingten ein stärkeres Interesse und mehr Möglichkeiten, angefangen von Kameras, mit denen Soldaten Bilder schossen, die wiederum zuhause Interesse weckten, bis zu den aufkommenden Pauschalreisen.
Der britische Leutnant J. W. Gamble prognostizierte im Dezember 1915:
Ypres will be flooded with tourists and sight-seers after the war, and they will be amazed by what they see.
Schon während des Krieges wagten sich vor allem Fotografen, Maler, Journalisten und Schriftsteller an die Front oder zumindest nahe genug, um zu behaupten, “dabei” gewesen zu sein. Einige der Buchtitel klingen durchaus wie die Ermutigung zum eigenen Reisen: Durch Belgien zur Westfront von Ludwig Ewers [1915], Reise zur deutschen Front von Ludwig Ganghofer [1915], Reise in den belgischen Krieg von Heinrich Eduard Jacob [1915], Im Auto durch Feindesland von Paul Grabein [1916], Mit Rucksack und Wanderstab durch Belgien an die Westfront von Karl Straub [1916], A Visit to Three Fronts, Glimpses of the British, Italian and French Lines von Arthur Conan Doyle [1916], Mit dem Auto an der Front: Kriegserlebnisse von Anton Fendrich [1917], Aus den Pampas Argentiniens nach Ypern. Eine abenteuerliche Kriegsfahrt zur Front von Leo Toelke [1918].
Ab 1919 erschienen die ersten Reiseführer, z.B. der Illustrated Michelin Guide to the Battlefields (1914-1918), was auf eine rege Reisetätigkeit schon unmittelbar nach Kriegsende hinweist. Thomas Cook war eines der bekanntesten Reisebüros, das solche Touren anbot, aber beileibe nicht das einzige. Dabei war das Reisebüro immerhin zurückhaltend genug, die Touren nicht schon während des Krieges anzubieten, trotz diesbezüglicher Nachfragen. Im März 1915 ließ Thomas Cook in The Times verlauten, dass es aufgrund von Widerständen aus Frankreich zumindest während der laufenden Kampfhandlungen noch keine Fahrten an die Westfront offerieren würde.
Aber 1919 fuhren die ersten Busse nach Flandern. In seinen Prospekten gab Thomas Cook an, dass das unmittelbare Erfahren der Schlachtfelder und Schützengräben unerlässlich sei, um ein authentisches und vollständiges Bild des “Great War” zu bekommen. Die Werbung richtete sich an alle, die “dem Andenken der glorreichen Verstorbenen Tribut zollen wollen”. Thomas Cook stellte die Westfront-Reise in seinem Reiseführer von 1920 wie eine staatsbürgerliche Pflicht dar:
We do not know – and we cannot know – what war really means until we have visited the battlefields and the ruined towns and devastated miles upon miles in the north of France and Belgium. And it is our duty to visit them.
Das Schlachtfeld wird zum Symbol eines ganzen Krieges stilisiert, wo Geschichte erlebbar, spürbar, fühlbar werden soll. Man darf dabei nicht vergessen, dass die Landschaft in Flandern unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg tatsächlich von den Verwüstungen gezeichnet war.
Durch diese vernarbte Landschaft führte 1919 auch ein Radrennen, die „Rundfahrt der Schlachtfelder“, bei der natürlich keine deutschen Teilnehmer zugelassen waren.
Auch deutsche Reisebüros boten solche Fahrten an, wie dieses Beispiel von Anfang der 1930er Jahre zeigt:
Insbesondere in den Dekaden unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg wollten die Besucher oft mehr als nur Fotos oder Erinnerungen mit nach Hause nehmen. Granaten, Helme, Kochgeschirr, alles was nicht niet- und nagelfest war wurde eingepackt, unter anderem vom ersten Kurator des 1917 gegründeten Imperial War Museum. Aus heutiger Sicht erscheint das pietätlos, fast wie Grabräuberei, aber wie wurden diese Reisen nach 1918 von den Teilnehmern und Daheimgebliebenen gesehen?
Zeitgenössische Rezeption dieser Reisen
Zwiespältig, ist die eindeutige Antwort. Bezüglich der Westfrontreisenden kam es schnell zu einer Ausdifferenzierung zwischen der Meinung über “legitime” Westfrontbesucher wie Veteranen und Angehörige einerseits und den als schau- und schauderlustig bezeichneten “Touristen” andererseits.
Eine der schärfsten Kritiken gegen letztere Gruppe ist die Polemik Reklamefahrten zur Hölle von Karl Kraus, in der er sich 1921 über die Westfront-Fahrten der Basler Nachrichten echauffiert und ihnen Kaffeefahrtcharakter unterstellt.
Auch in englischsprachigen Zeitungsartikeln, Gedichten und der Literatur der Zeit wurde immer wieder die Dichotomie zwischen aus ehrenwerten Motiven reisenden “Pilgern” und “profanen Touristen” reproduziert. Dass man sich über die Bezeichnung der Reisen durchaus Gedanken machte, zeigt ein Bericht in The Times vom 7. Juni 1920:
The French have a better term for what are described in this country as battlefield tours. They call them pilgrimages.
Selbst den Reisebüros war der dünne Grat des gerade noch guten Geschmacks bewusst, auf dem ihre Reisebusse nach Flandern fuhren. Thomas Cook stellte in seinen Publikationen explizit klar, dass die Reisen keinesfalls der Faszination des Grauens oder anderer niedriger Beweggründe dienen sollte.
In Wirklichkeit dürfte es diese klare Trennung zwischen Reisezwecken nicht gegeben haben. Insbesondere Besucher aus Übersee, die sich nur einmal im Leben eine Europareise leisten konnten, verbanden Gräberbesuch und Gedenken mit anschließendem Strandurlaub oder mit belgischem Bier.
Verschiedene Funktionen des Schlachtfeldtourismus im Wandel der Zeit
Je zeitlich näher man noch am Kampfgeschehen lag, umso direkter und unmittelbarer fühlten sich die Besucher dem Massensterben an der Front verbunden. Solange Schützengräben und Gefechtsmüll noch deutlich sichtbar waren, bedurfte es keiner Vermittlung durch Reiseleiter oder Museen.
Insbesondere für die Angehörigen und ehemaligen Kameraden von Gefallenen waren Orte wie Ypern der Friedhof, auf dem sie das Grab besuchen konnten. Idealerweise war dies ein namentlich gekennzeichnetes Grab, andernfalls ein Ehrenmal für unbekannte Soldaten. Diese Verbundenheit auch der Hinterbliebenen mit einem bestimmten Ort dürfte an der Westfront stärker ausgeprägt sein als an anderen Schauplätzen oder in anderen Kriegen, denn die Soldaten waren im Stellungskrieg lange Zeit an einem Ort, von wo aus sie immer wieder nach Hause schrieben. Orte wie Ypern oder Verdun wurden so auch an der Heimatfront zu festen Begriffen.
Die überlebenden Veteranen konnten ihren Familienangehörigen oft erst anlässlich von Front- und Gräberbesuchen ihre Erinnerungen vermitteln. Auch in der Literatur stößt man auf die Figur des ehemaligen Soldaten, der (mit Familie) an die Front zurückkehren muss, um das Trauma zu überwinden (Josefs Frau von Erich Maria Remarque, Douaumont oder die Heimkehr des Soldaten Odysseus von Eberhard Möller).
Mochten die Familien der Gefallenen während des Krieges noch auf eine anschließende Umbettung gehofft haben, so war doch bald klar, dass dies aus logistischen und finanziellen Gründen keine veritable Option darstellte. Dies betraf deutsche Familien besonders, weil deren Angehörige ganz überwiegend im “Feindesland” lagen. Die Reichsregierung erlaubte 1921 zwar die “Heimschaffung Gefallener”, jedoch unter der Auflage, dass die Angehörigen sämtliche Kosten zu tragen haben.
Der 1919 gegründete Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) übernahm die Aufgabe der Betreuung deutscher Soldatenfriedhöfe im Ausland und hatte gar kein Interesse an Leichenrückführungen. Als selbsternannter Fürsprecher der Gefallenen äußerte der VDK den Appell, “dass alle, die im Kampfe nebeneinander standen und starben, auch im Tode vereint bleiben.” Die Funktion als Soldat sollte also auch im Tod die eines Vaters, Bruders, Ehemannes oder Freundes überlagern.
Die Verbandszeitschrift Kriegsgräberfürsorge ist eine Fundgrube von Berichten Angehöriger, die im Ausland gelegene Gräber besuchten. Praktische Hinweise wie zur Passbeschaffung, zur Übernachtung, zu den zu erwartenden Kosten nehmen einen breiten Raum ein, genauso wie man es bei “normalen” touristischen Reisen erwarten würde. Als Beispiel die eher negative Bewertung des Reisebüros Thomas Cook durch einen deutschen Reisenden im Jahr 1924:
Aber auch pathetische Berichte im nationalistisch-militaristischen Geist wurden abgedruckt, so wie dieser 1925:
Und auch den deutschen Touristen, der überall in der Welt mit Verbesserungsvorschlägen auftritt, gab es schon früher. Ein wichtiger Hinweis aus dem Jahr 1931:
Für die Nationalsozialisten wurden Soldatenfriedhöfe zu symbolischen Orten, an denen man gelobte, die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg wettzumachen. Der Ort Langemark nördlich von Ypern war schon während des Ersten Weltkriegs zu einem Mythos im Deutschen Reich geworden. 1933 schrieb die VDK-Zeitschrift, dass man endlich den dortigen Toten zurufen könne: “Seht: Wir marschieren wieder, froh und opferfreudig!”
1940 wurde tatsächlich wieder in Belgien (ein)marschiert. Im Herbst 1940 fanden im mittlerweile deutsch besetzten Langemark militärische Gedenkfeiern statt. Aus deutscher Sicht war der Erste Weltkrieg erst jetzt zu seinem richtigen Ende gekommen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, der eigentlich ausreichend schlachtfeldtouristisch interessante Novitäten geschaffen hätte, z.B. in der Normandie, nahm der Tourismus nach Flandern wieder an Fahrt auf, anfänglich jedoch ohne die Besucher aus Deutschland.
Der 1946 wieder zugelassene VDK brach mit der überkommenen Heroisierung des Kriegstodes, der das Gedenken zwischen den beiden Weltkriegen dominiert hatte. Er bekannte sich zur Versöhnung in Europa, schwieg sich aber andererseits über deutsche Kriegsverbrechen in den beiden Weltkriegen aus. Damit bestärkte der VDK das in der frühen Bundesrepublik weitverbreitete Opferbewusstsein und das Leitbild des angeblich “unpolitischen Soldatentums”, das letztlich bis zur Wehrmachtsausstellung 1995 anhielt.
Die Kriegsgräberfahrten waren für die Erinnerungskultur in Westdeutschland auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil es weder ein nationales Denkmal für gefallene Soldaten, noch eine nationale Zeremonie für sie gab. Der Volkstrauertag war nicht auf die gefallenen Soldaten beschränkt, anders als z.B. der Memorial Day in den USA oder der 11. November als Remembrance Day im Vereinigten Königreich und anderen Commonwealth-Staaten. Öffentliches Soldatengedenken in der Bundesrepublik fand entweder im kommunalen Rahmen oder eben im Ausland statt.
Seit dem Ersten Weltkrieg und nochmals seit den 1960er Jahren hat sich der Totenkult gewandelt. Mit dem Übergang vom sakrifiziellen zum viktimologischen Opferverständnis wurde das Leiden und Sterben der Soldaten immer weniger glorifiziert, mehr als Mahnung verstanden und zunehmend distanziert und teils mit Unverständnis betrachtet. Dass diese Entwicklung zur Zeit des Vietnam-Krieges eine spürbare Wende nahm, zeigt, dass das Gedenken der Vergangenheit nie losgelöst von den jeweils aktuellen Diskursen verstanden werden kann.
Auch aus Sicht der örtlichen Kommunen, Einrichtungen und Tourismusverbände hat sich der Fokus vom Schlachtfeldtourismus, einem Wort das gar nicht mehr gerne gehört wird, hin zum Kulturgut-Tourismus (einschließlich eines Antrags auf Anerkennung der Schlachtfelder in Flandern, in der Wallonie und in Frankreich als UNESCO-Weltkulturerbe) und zu Versöhnungsreisen verschoben. Nicht mehr die morbide Faszination des tausendfachen Todes oder militärgeschichtliche Detailversessenheit, sondern die Mahnung und die Lehren daraus stehen im Vordergrund. Man blickt zurück, um sich als Europäer des seither Erreichten zu erfreuen.
Mehr Berichte aus Belgien, einem Land, wo man an jeder Ecke an die Weltkriege erinnert wird.
Gebt Bescheid, wenn Ihr Interesse habt an einem ausführlichen Bericht über die Exkursion nach Ypern, Langemark, Diksmuide, Essex Farm, Vladslo, Koekelare, Zonnebeke, Kemmel und Poperinge. Zwischen den Friedhöfen, Museen und Referaten gibt es auch genug gutes belgisches Bier, versprochen.
Im Kino kommt schon seit Monaten kein Film mehr, der mich vom Hocker gehauen hat. Im Fernsehen läuft jeden Tag die Wiederholung von „Outbreak“, „Pandemie“ oder sonstigen Katastrophenfilmen. Und die Bundesliga wird von Staffel zu Staffel langweiliger. Am Ende gewinnt ja doch wieder der von den Steuerhinterziehern geführte Verein aus München.
Aber, apropos Korruption, zum Glück gibt es da diesen russischen Rechtsanwalt und Korruptionsaufdecker, Alexei Nawalny. Der produziert unter Lebensgefahr einen Film nach dem anderen. Und die meisten davon sind spannender, besser recherchiert und besser produziert als das, was uns sonst auf der Leinwand vorgesetzt wird.
Ich weiß, Nawalny ist umstritten, und ich bin der letzte, der seine nationalistischen und fremdenfeindlichen Aussagen goutiert. (Wenn er sich seither weiterentwickelt hat, dann soll er sich endlich distanzieren.) Aber seine Filme sind echt gut.
Der mittlerweile bekannteste Film ist „Ein Palast für Putin“. In Spielfilmlänge geht es allerdings um viel mehr als um den 100 Milliarden Rubel teuren (und potthässlichen) Palast von Putin, dessen Grundstück 39-mal so groß ist wie das Fürstentum Monaco. Es geht um das System der Korruption auf höchster Ebene, wer wo was wie abzweigt, über die Mittelsmänner und Strohmänner (bzw. Strohgroßmütter, deren Enkelinnen zufällig Affären mit Putin haben). Und es geht um die Anfänge dieses größten Raubzugs der modernen Geschichte – in Dresden.
Falls Euer Russisch seit der Perestroika etwas Rost angesetzt hat, keine Sorge. Die Filme haben englische, teilweise sogar deutsche Untertitel.
Ebenso akribisch recherchiert ist der Film, in dem der genaue Ablauf, die langjährige Planung und die Täter des Nowitschok-Anschlags (und vorheriger Anschlagsversuche) auf Nawalny enthüllt werden:
Das ist wirklich wie ein Krimi. Noch unfassbarer wird es dann, als Nawalny die Telefonnummern der Killer herausbekommt und sie der Reihe nach anruft. Alle legen auf. Nur einer ist unvorsichtig genug, mit Nawalny, der sich als Vorgesetzter aus dem Staatsapparat ausgibt, zu besprechen, was bei dem Giftanschlag falsch lief und wie er Beweismittel verschwinden ließ.
All diese Beweise führen in Russland nicht einmal zur Einleitung eines Ermittlungsverfahrens. Stattdessen sitzt Nawalny jetzt im Gulag. Nach Prozessen, die der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte als rechtswidrig und willkürlich eingestuft hat.
Ob man mit so einem Regime unbedingt eine Gaspipeline bauen muss? Ich weiß nicht. Aber so wie ich Deutschland kenne, werden sich die Sanktionen auf irgendeinen von Gazprom finanzierten Turn- oder Fußballverein beschränken. Wundert Euch also nicht, wenn Schalke 04 am Ende dieser Saison so schnell aus der Bundesliga fliegt, wie in Russland kritische Journalisten aus dem Fenster fallen.
Es ist Ende Februar. Wenn es Euch wie mir geht, haben sich die meisten Neujahrsvorsätze bereits in Luft aufgelöst, wurden vergessen oder auf März oder April verschoben. Die Klügeren unter Euch werden erst gar keine Vorsätze gefasst haben.
Aber wenn Ihr Euch wirklich schlecht fühlen wollt, bedenkt die Neujahrsvorsätze des jungen Winston Churchill, wie er sie in seiner Autobiographie Meine frühen Jahre erzählt:
Ich plante daher den Ablauf des Jahres 1899 wie folgt: Nach Indien zurückzukehren und das Poloturnier zu gewinnen; meine Papiere einzuschicken und die Armee zu verlassen; meine Mutter von der Zahlung meines Unterhalts zu befreien; mein neues Buch und die Briefe an den Pioneer zu schreiben; und nach einer Möglichkeit Ausschau zu halten, ins Parlament einzuziehen.
Diese Pläne wurden, wie wir sehen werden, im Wesentlichen ausgeführt.
Schließlich hat ein Jahr 365 Tage. Warum also sollte man sich auf regelmäßigen Sport, eine Diät oder das Erlernen einer neuen Sprache beschränken?
Wie wir alle wissen, ging Churchills Karriere tatsächlich steil nach oben, sowohl in der Literatur (er gewann einen Nobelpreis) als auch in der Politik (er gewann einen Weltkrieg). Offenbar war er so vielseitig begabt, dass er nicht nur Abgeordneter und schließlich Premierminister wurde, sondern auch als Handelsminister, Innenminister, Erster Lord der Admiralität, Munitionsminister, Luftfahrtminister, Verteidigungsminister, Schatzkanzler und Kolonialminister fungierte.
Auf das letztgenannte Amt wollen wir uns konzentrieren, weil Winston Churchill es im Februar 1921, also vor genau 100 Jahren, übernahm. Ich möchte mich auch deshalb darauf konzentrieren, weil es ein etwas anderes Licht auf den „Retter der freien Welt“ wirft. Wie immer in dieser Reihe dient das hundertjährige Jubiläum lediglich als Ausgangspunkt, und wir werden Churchills Sicht auf den Kolonialismus davor und danach erkunden.
Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi, das Ergebnis von Churchills oben genanntem Vorsatz, war, ziemlich schockierend für einen 24-Jährigen, bereits sein drittes Buch. Und es war, was noch schockierender ist, voll von rassistischen und anti-islamischen Passagen. Das war keine Jugendsünde, die er mit fortschreitendem Alter und zunehmender Verantwortung zu korrigieren gedachte. Ganz im Gegenteil.
Im Jahr 1937 zum Beispiel, als er die Welt bereits vor den Nazis warnte, sagte Churchill:
Ich gebe zum Beispiel nicht zu, dass den Indianern in Amerika oder den Schwarzen in Australien großes Unrecht angetan wurde. Ich gebe nicht zu, dass diesen Menschen dadurch Unrecht getan wurde, dass eine stärkere Rasse, eine höherwertige Rasse, eine weltklügere Rasse, um es so auszudrücken, gekommen ist und ihren Platz eingenommen hat.
Immer wieder offenbart sein Denken den Glauben an eine Hierarchie der Rassen, wobei weiße Protestanten den weißen Katholiken (d.h. den Iren), Juden den Muslimen und Angelsachsen allen anderen überlegen sind.
Apologeten werden sagen, dass dies halt nunmal das Denken der Zeit war. Aber das war es nicht. Viele Menschen dachten ganz anders. Sogar in Großbritannien, sogar zu jener Zeit und sogar innerhalb seiner eigenen Konservativen Partei galt Churchill als ein extremer Rassist.
Und noch 1954 sagte er über die Chinesen:
Ich hasse Menschen mit Schlitzaugen und Zöpfen. Ich mag nicht, wie sie aussehen oder wie sie riechen.
Sicherlich kein Ausrutscher bei jemandem, der für seine begnadete Redekunst bekannt war.
Unter all den Menschen, die beleidigt, gedemütigt und grausam behandelt wurden, möchte ich den Fokus auf Indien richten, das bis 1947 eine britische Kolonie war.
Churchill sagte seinem Staatssekretär für Indien ausdrücklich, dass er „die Inder hasse“ und sie für „ein bestialisches Volk mit einer bestialischen Religion“ halte. (Ich bin mir nicht sicher, ob er nicht wusste, dass es Inder mit verschiedenen Religionen gibt, oder ob es ihm egal war.) Besonders hasserfüllt war er gegen Mahatma Gandhi und schlug vor, dass dieser „an Händen und Füßen gefesselt vor den Toren Delhis liegen und dann von einem riesigen Elefanten zertrampelt werden sollte, auf dessen Rücken der neue [britische] Vizekönig sitzt.“
Als die von Churchill und US-Präsident Roosevelt 1941 proklamierte Atlantik-Charta das Selbstbestimmungsrecht der Völker als eines der Leitprinzipien für die Nachkriegswelt benannte, erklärte Churchill ausdrücklich, dass dies nicht für Indien gelten würde. Und das, obwohl die Inder zu den Kriegsanstrengungen der Alliierten mit über 2,5 Millionen Mann beitrugen, damals die größte Freiwilligentruppe der Welt.
Der Tiefpunkt in einem Leben voller Tiefpunkte war wohl die bengalische Hungersnot von 1943. Mehr als 3 Millionen Menschen verhungerten, während Churchill anordnete, Getreide von hungernden Indern an britische Soldaten umzuleiten und Reserven in Griechenland und Jugoslawien anzulegen.
„Das Verhungern von ohnehin unterernährten Bengalis ist weniger schlimm als das von stämmigen Griechen“, wandte Churchill seine Rassentheorie an. Und, so sagte er, die Inder seien selbst schuld, weil sie sich „wie die Kaninchen vermehrten“. (Churchill hatte selbst fünf Kinder.)
Nochmals, dies ist keine rückwirkende Anwendung moderner Moralvorstellungen. Die Menschen zu der Zeit erkannten die Unmenschlichkeit. Britische Beamte flehten Churchill an, aber ohne Erfolg. Kanada und die USA boten an, Hilfe zu schicken, aber Churchill lehnte das Angebot ab. Die indische Kolonie durfte ihre eigenen Geldmittel nicht ausgeben und keine eigenen Schiffe benutzen, um Lebensmittel zu importieren. Schiffe, die Weizen aus Australien brachten, durften nicht in indischen Häfen entladen und wurden stattdessen nach Europa weitergeleitet.
Wenn man bedenkt, dass die britische Herrschaft mit der Begründung gerechtfertigt wurde, dass sie „die Menschen davon abhält, sich gegenseitig umzubringen“, war das ziemlich zynisch. Und deswegen macht es mich stutzig, wenn Menschen, Schulbücher, Romane und Filme den Kolonialismus noch immer romantisieren, was im Übrigen kein auf das Vereinigte Königreich beschränktes Problem ist. Oder vielleicht macht es mich doch nicht stutzig, weil es einfach noch das gleiche alte europäische Gefühl der rassischen Überlegenheit ist. („Aber wir haben dort Straßen und Schulen gebaut.“) Deshalb begrüße ich jede Debatte, und wenn dafür ein paar Statuen umgestürzt oder mit Graffiti besprüht werden müssen, dann soll es so sein.
Selbstverständlich ist eine Hungersnot kein monokausales Ereignis. Aber wenn ich versucht hätte, tiefer in deren Verlauf und die Ursachen einzusteigen, wäre meine völlige Unkenntnis über Indien noch deutlicher zu Tage getreten.
In diesem Artikel habe ich mich auf Inglorious Empire: What the British did to India von Shashi Tharoor verlassen. Danke an Dieter, der mir das Buch geschickt hat! Weitere Bücher sind immer willkommen, ebenso wie ein Experte für mongolische Geschichte, für die Geschichte des Schachspiels und für österreichische Geschichte – vor allem solche, die bereit sind, für eine Folge dieser Serie einzuspringen.
Ich erlaube mir, daran zu erinnern, dass am 25. Februar und damit, soweit ich mich in dem ständigen Umherreisen zwischen Julianischem und Gregorianischem Kalender nicht hoffnungslos verheddert, verzettelt und verirrt habe, genau heute der Tag des Schachtelsatzes stattfindet und mit Freude im Herzen und in der Feder, die, soviel soll der sogenannten, sich aber zumindest selbst als solche begreifenden Moderne zugestanden sein, nur als ein Beispiel für jegliches in Frage kommende Schreibwerkzeug genannt sein will, begangen werden sollte, insbesondere in einem Jahr, in dem dieser Höhepunkt des syntaktischen Jahreszyklus sich nicht, wie sonst, der Konkurrenz durch andere angeblich des Zelebrierens würdige Nichtanlässe, die auf niederträchtige Art und Weise durch Alkohol und allerhand karnevaleske Verlockungen das Volk von diesem Höhepunkt, den nur die deutsche Sprache in solcher Eleganz hervorzubringen vermag, womit bewiesen ist, dass diese, egal was die Freunde des Französischen, die Anhänger des Angelsächsischen oder die Claqueure des Chinesischen sagen, den Gipfel der babylonischen Sprachentwicklung darstellt, abzulenken versuchen, erwehren muss.
Wenn Leute behaupten, das Jura-Studium sei trocken, muss ich immer lachen.
Nach dem fünften Semester stand mein zweites Praktikum an, das ich bei der Staatsanwaltschaft absolvierte. In Las Vegas. Schon am ersten Tag fuhren wir in ein Indianerreservat. Danach ein paar Mordprozesse. Eine Führung durchs Gefängnis. Den Jackson-Clan vor Gericht gesehen. Die Einladung, an einer Hinrichtung teilzunehmen, quittierte ich mit „hell, no!“ Aber als mein Ausbilder vorschlug, ich könne mit der Polizei auf Streife fahren, sagte ich „hell, yes!“
Ich wählte die Nachtschicht, vorgeblich um keinen Tag vor Gericht zu verpassen. In Wirklichkeit, weil ich hoffte, dass da mehr passiert.
Um 17:30 Uhr fand ich mich bei einem Revier im Nordwesten der kriminellsten Stadt der USA ein. Die Polizisten saßen in einem Raum, der wie ein Klassenzimmer aussah. Die Tische und Stühle waren viel zu klein für die allesamt ziemlich großen und kräftigen Männer. Sie alberten herum, bis der Lieutenant herein kam und auf einem Stadtplan an der Tafel markierte, wo gerade eine Bank ausgeraubt wurde, wo ein Mann abgestochen wurde, wo eine Frau sexuell belästigt wurde und wo man eine Drogenhöhle auszuheben gedenke.
Dann stellte er mich und meine Geheimmission vor. Mike, sehr groß, sehr kräftig, mit schwarzem Schnurrbart, ein Polizist wie aus dem Bilderbuch, sagte: „Er kann bei mir mitfahren.“ In Las Vegas fahren die Polizisten gewöhnlich allein Streife, weil so gleichzeitig mehr Streifenwagen auf der Straße sind. „Die Bürger wollen etwas sehen für ihre Steuern“, hatte mir der Staatsanwalt erklärt.
Wir gingen alle in den Umkleideraum, wo ich zwar keine Uniform, aber eine kugelsichere Weste erhielt. Ich zog sie unter dem Pullover an und fühlte mich schon viel größer und kräftiger.
Auf dem Parkplatz hinter dem Revier wurden die Autos für die Nachtschicht überprüft. Reifendruck. Lichter. Sirene. Und Funkgerät. Alles klar, denn aus dem Funkgerät quiekte es schon. „Zwei Jugendliche in gestohlenem Wagen nördlich auf 95er.“
Ich dachte, es wäre ein Test, aber Mike rief mir zu: „Steig ein und schnall dich an!“
Vor uns brausten zwei Polizeiwagen davon, wir waren der dritte. Mit Sirene. Mit Blaulicht. Mit quietschenden Reifen. Mit über 100 km/h. Mitten in der Stadt. Im dichten Feierabendverkehr. In den USA lassen die Fahrer keine Gasse für Fahrzeuge mit Blaulicht, sondern man muss sich irgendwie durchschlängeln.
Mike bediente mit der linken Hand das Lenkrad, die Lichter, die Sirene und die Hupe. Mit der rechten Hand bediente er das Funkgerät und einen Computer, der vor mir auf der Beifahrerseite angebracht war. Dort gab es Informationen zu dem gestohlenen Fahrzeug. „Scheiße, all dieser Aufwand für einen Corolla!“
Mike konnte zwölf Dinge gleichzeitig bedienen, nur nicht die Bremse. Wir fuhren auf eine große Kreuzung zu, die Ampel zeigte rot. Weder die beiden Polizeiautos vor uns, noch wir wurden langsamer. Mike erkärte, dass die Polizeiautos mit einem Gerät ausgestattet waren, das die Ampelschaltung manipulieren und auf grün stellen konnte. Im letzten Moment wurde es tatsächlich grün. Zu spät für einen von rechts kommenden Zivilisten, der das zweite Polizeiauto rammte, das deshalb in einen Laternenpfahl fuhr, der umkippte und eine Reihe weiterer Autos erschlug.
Mike düste weiter mit 100 km/h, blickte nur kurz in den Rückspiegel und beruhigte mich, dass dem Kollegen nichts passiert sei. Sicherheitshalber gab er den Unfall über Funk durch. „Falls mir übrigens etwas passiert“, sagte er, „geh auf Frequenz 33 und gib durch ‚officer down, officer down‘. Und dann mach dich aus dem Staub.“ Zwischen den beiden Sitzen war eine Repetierflinte angebracht, aber die sollte ich anscheinend nicht benutzen.
Amerikanische Polizeiautos haben vorne einen Rammbock aus Metall. Der kam zum Einsatz, als wir zu dem geklauten Toyota aufschlossen. Die beiden verbliebenen Polizeiautos rammten abwechselnd den Corolla, dessen Eigentümer darüber sicherlich hocherfreut war. Ringsherum war noch immer Feierabendverkehr. (Das war 1997, da hatten die Leute noch keine Mobiltelefone zum Filmen. Mittlerweile filmen die Polizisten selbst.)
Die Polizisten versuchten, das gestohlene Fahrzeug von der Straße zu drängen, aber die Diebe fuhren stattdessen auf den Parkplatz eines Supermarktes. Unsere Autos kamen mit quietschenden Reifen zum Stehen, die beiden Polizisten sprangen mit gezogenen Waffen raus, rannten unter lautem Schreien auf das den Einsatz verursacht habende Auto zu, rissen die Türen auf und zogen zwei zitternde junge Männer raus. Ich weiß nicht, ob sie von selbst umfielen oder auf den Boden gestoßen wurden, aber sofort hatten sie Handschellen an.
Ringsherum schoben Leute Cornflakes, Cola-Flaschen und Grillfleisch in Einkaufswagen, die größer waren als der Corolla.
Die Sonne ging gerade unter. Ich genoss die letzten Strahlen warmen Lichts, grinste von einem Ohr zum anderen und dachte, weder zum ersten, noch zum letzten Mal an jenem Abend: „Das ist wie in einem Film!“
Natürlich ging die Nacht noch weiter, mit Helikoptereinsatz, einer Jagd in der Wüste, einem Selbstmörder auf dem Vulkan und vielen Donuts, aber für diese Reihe habe ich versprochen, mich kurz zu halten. Das habt Ihr jetzt von Euren Klagen über meine angeblich ausufernden Artikel.
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Wahrscheinlich aufgrund dieser Erfahrungen habe ich übrigens mal in einem „Tatort“ mitgespielt.
Bei einem späteren Praktikum in New York habe ich für alle Praktikanten und Referendare des Auswärtigen Amtes eine Nachtschicht beim NYPD organisiert.
Tja, so stand ich also am Flughafen in New York und hatte den Flug nach Frankfurt verpasst. (Siehe letzte Folge.)
Es war Freitagnachmittag, und spätestens am Sonntag sollte ich zuhause sein, um die kommende Arbeitswoche vorzubereiten. Damals werkelte ich noch als Rechtsanwalt, was meine Spontanität bei Fernreisen doch erheblich einschränkte. (Ein Jahr und einen weiteren verpassten Rückflug später würde ich deshalb diese Selbstausbeutung beenden, aber das ist eine andere Geschichte.)
Die Mitarbeiterin von United Airlines, die meine Pläne vereitelt hatte, offerierte sogleich einen Ausweg: „Der nächste Flug nach Frankfurt geht erst morgen. Würde Ihnen ein anderer Flug nach Europa helfen, wenn wir für heute noch einen freien Platz finden?“
„Ja klar!“, antwortete ich erfreut. Einmal in Europa, käme ich von jedem Ort mit der insoweit viel flexibleren, weil normalerweise jede Stunde abfahrenden Eisenbahn nach Hause bzw. ins Büro.
Sie tippte ein bisschen in ihren Computer (die gab es damals schon) und verlas das Ergebnis der Recherche.
„Also, wir haben heute Abend noch freie Plätze nach Barcelona, London und Paris.“
Barcelona kannte ich schon.
London kannte ich richtig gut.
In Paris war ich noch nie gewesen.
„Dann fliege ich nach Paris“, entschied ich, meine Freude über diese unerwartete Wendung kaum verhüllen könnend.
Ich musste eine Umbuchungsgebühr von 100 $ begleichen, und am nächsten Morgen war ich in Paris. Ohne Reiseführer, ohne Stadtplan, ohne Hotel, ohne viel Französisch. (Ein Versuch, selbiges aufzufrischen, war einst kläglich gescheitert.)
Wenn ich schon mal in Paris bin, dann bleibe ich auch einen Tag, dachte ich mir. Also fuhr ich vom Flughafen nach irgendwo, das auf dem Metroplan nach Zentrum aussah, stieg aus, blickte mich um, und befand es für gut. Ich ging in das erste Hotel, fragte ob sie ein Zimmer für eine Nacht frei hätten. „Oui, monsieur.“ Einen Stadtplan hatten sie auch.
So reiste man früher, ohne Internet oder GPS. Es war irgendwie lustiger.
Ich ging ziellos spazieren, bis ich auf einen Fluss stieß. Es war die Seine. Das war ein gutes Zeichen. Ich spazierte am rechten Ufer, bis eine Brücke kam. Dann ging ich über die Brücke und weiter am linken Ufer. Bis zur nächsten Brücke. Und so weiter.
Es gab viele Brücken. Und von jeder war die Aussicht toll.
Die Touristen waren damals noch nicht so nervig wie heute. Man fotografierte weniger, weil es noch kein Instagraph und so gab. Man genoss einfach. Ich tat das gleiche.
In den Gärten von Trocadéro konnte ich anhand des Stadtplans endlich wieder bestimmen, wo ich war. Gegenüber lag nämlich der Eiffelturm.
Ich spazierte noch ein bisschen zum Triumphbogen, eigentlich auf der Suche nach einem Baguette, und dann zurück zum Eiffelturm. Die Schlange für den Aufstieg auf das wackelige Stahlgerüst war lang, also verzichtete ich auf die Höhenangst. Stattdessen legte ich mich auf dem Marsfeld in die warme Sommerwiese, genoss ein Baguette und ein Buch.
Aus dem Französischunterricht, der immer auch ein Frankreichunterricht gewesen war, kamen die Erinnerungen an Sehenswürdigkeiten, die ich noch aufsuchen könnte: Montmartre, Louvre, Notre-Dame, DGSE, Invalidendom, Centre Pompidou.
Aber ich behandle Orte mit Respekt, ebenso wie Personen. Und der Respekt verlangt, dass man die gebührende Zeit für einen Besuch mitbringt. Die hatte ich nicht. Paris ist so eine Stadt, wo man zwei, drei Wochen braucht. Für einen ersten Überblick. Also fing ich gar nicht erst an, an der Oberfläche zu kratzen, sondern blieb den ganzen Tag auf dem Marsfeld liegen, blickte in die Sonne, auf den Turm und in die Luft.
Um während des unfreiwilligen Zuhausesitzens vom unbeschwerten Wandern zu träumen, lese ich mal wieder „Die Zeit der Gaben“, den ersten Teil einer Trilogie, die ich jenen ans Herz lege, die ohne TripAdvisor und einfach so darauf los reisen wollen. 1933 hatte der damals 18-jährige Patrick Leigh Fermor genug von der Schule und beschloss, zu Fuß von Holland bis nach Istanbul zu gehen. Ein gutes Beispiel dafür, dass man sich wegen ein oder zwei Jahren ausgefallenen Schulunterrichts keine allzu großen Sorgen machen muss. Schickt Eure Kinder einfach zum Pilgern!
Nach der Ankunft in Hohenaschau in Bayern beschreibt er Folgendes:
Ich hatte mich an einen Ratschlag gehalten, den der Bürgermeister von Bruchsal mir gegeben hatte, und mich gleich nach meiner Ankunft in dem kleinen Dorf bei seinem Amtskollegen gemeldet. Ich fand ihn im Gemeindeamt, und er füllte ein Formular für mich aus. Dies gab ich im Gasthaus ab und erhielt dafür ein Abendessen und einen Krug Bier, ein Bett für die Nacht sowie Brot und eine Schale Kaffee am folgenden Morgen, alles auf Kosten der Gemeinde.
Heute kommt mir das unglaublich vor, aber es ist die Wahrheit, und ich wurde nie wie ein Bettler behandelt; wo immer ich dieses Recht in Anspruch nahm, hieß man mich freundlich willkommen. Wie oft mag ich von diesem wunderbaren und offenbar uralten Brauch meinen Nutzen gehabt haben? In ganz Deutschland und Österreich war es so Sitte, wohl ein Überbleibsel alter Freundlichkeit gegenüber wandernden Mönchen und Scholaren, in deren Genuss nun alle armen Reisenden kamen.
Das ist aber praktisch! Und nett.
Weiß jemand von Euch Wanderfreunden, ob das noch immer so gehandhabt wird? Um den alten Brauch nicht einschlafen zu lassen, sollten wir es ausprobieren – und notfalls reaktivieren.
Gleichzeitig wäre es eine Möglichkeit zur Belebung des Gastgewerbes, das in nicht wenigen Orten dringend einer Belebung bedarf. (Siehe Kapitel 68 und 69 in diesem Wanderbericht.)
PS: Ich habe schon mal ein bisschen recherchiert (alte Juristenkrankheit), und bisher bin ich nur im Obdachlosenrecht fündig geworden. In Bayern ordnen die Empfehlungen für das Obdachlosenwesen in Ziffer 5.2.1 tatsächlich an, dass die Gemeinde obdachlose Wanderer auch in Gasthöfen oder Pensionen unterbringen kann. Da nach Ziffer 5.3 der Obdachlose dann aber zur Kostentragung herangezogen wird, hat das wohl nicht viel mit der von Patrick Leigh Fermor erlebten Gastfreundschaft zu tun.
In § 4 der Durchführungsverordnung zu § 72 Bundessozialhilfegesetz (mittlerweile außer Kraft getreten) habe ich übrigens eine poetische Beschreibung dessen gefunden, was ich manchmal mache. Der gute alte Landstreicher ist dort eine „Person, die ohne gesicherte wirtschaftliche Lebensgrundlage umherzieht“. Aber Sicherheit wird eh überbewertet.
Im August 2008 besuchte ich Freunde in New York. Es war ein sehr heißer Sommer. Ich kann mich genau daran erinnern, denn wegen der Hitze konnte ich nicht vor Mitternacht zum Laufen gehen. Meine Freunde wohnten in Harlem, und mit Ausnahme von mir hielten es alle für eine dumme Idee, mitten in der Nacht herum zu joggen, die ganze Strecke runter zum Central Park, einmal um den Park, und auf dem Malcolm X Boulevard zurück nach Norden. Ich weiß nicht, weshalb die Leute besorgt waren, denn nachts ist viel weniger Verkehr als tagsüber.
Am letzten Tag vereinbarte ich mit einer anderen Freundin, dass wir uns treffen würden. Beim Metropolitan Museum of Art.
Ich war früh dran, weil ich aufgeregt war, sie wieder zu sehen.
Sie war spät dran, und ich weiß nicht, ob das etwas bedeutete.
Schlau wie immer, und darauf bedacht, schlau zu wirken, hatte ich ein Buch mitgenommen. “Twelve Angry Men” von Reginald Rose, die Vorlage für den Film „Die zwölf Geschworenen“. Ich weiß nicht, wie lange ich auf den Stufen vor dem Museum saß und wartete, aber das Buch war ausgelesen, bevor sie auftauchte. Ich hätte selbst angry wie zwölf Männer sein sollen, aber sobald ich sie sah, war aller Ärger verflogen, wie wenn ein reinigender Herbststurm die 5th Avenue hinabgefegt wäre.
Wir genossen das Museum.
Die Benin-Masken, von denen man damals noch nicht als Raubkunst dachte. Gemälde. Kalligraphie. Waffen und Rüstungen. Ein Nilpferd. Der Innenhof aus der Burg von Vélez-Blanco, ohne zu wissen, dass mich zehn Jahre später meine Wege in genau jene Burg in Andalusien führen und Kontinente, Geschichten und Erinnerungen verknüpfen würden.
Wir genossen das Museum – und unsere Gesellschaft – so sehr, dass ich keinerlei Eile verspürte, zum Flughafen zu kommen. Mein Flug nach Deutschlang ging am Nachmittag.
Irgendwann, Stunden später, schaffte ich es dann doch, mich von dem reizenden Fräulein loszureissen, in die falsche U-Bahn zu steigen, noch eine halbe Stunde zu verlieren, und 45 Minuten vor dem Abflug am John-F.-Kennedy-Flughafen anzukommen.
Das sollte reichen, dachte ich mir, aus der Erfahrung mit kleinen Flughäfen wie Memmingen oder Malta.
“Das reicht auf keinen Fall“, sagte die Frau am Check-In-Schalter, die für einen Moment den typisch amerikanischen Optimismus vergaß.
“Ich kann ziemlich schnell laufen“, sagte ich, dankbar für die nächtlichen Trainingsrunden.
“Selbst wenn – das Gepäck ist das Problem. Wir bekommen das in dieser Zeit niemals zum Gate“, erklärte sie das komplizierte Innenleben eines Flughafens.
Und so verpasste ich meinen Flug nach Europa.
Wenn das kein Wink des Schicksals war! Ich schrieb der Freundin eine SMS, um ihr mitzuteilen, dass wir noch mehr Zeit miteinander verbringen könnten. Sie hat nie geantwortet.