Die Osterinsel ist umwoben von Geheimnissen. Woher kamen die ersten Bewohner? Wie konnten sie den Pazifik überqueren? Wie kamen sie überhaupt auf die Idee? Was steckt hinter den Steinstatuen auf der Insel? Wie konnten diese enormen Brocken (bis zu 15 m hoch) ohne moderne Technik befördert und errichtet werden? Warum wurden all die Moai schließlich umgeworfen?
Nein, letzteres waren ausnahmsweise mal nicht die europäischen „Entdecker“. Alle Steinkolosse auf der Insel wurden von den Bewohnern selbst umgeworfen.
Jeder kennt Fotos der Osterinsel wie dieses.
Aber in Wirklichkeit wurden nur wenige der Statuen wieder aufgerichtet, und zwar erst in jüngerer Zeit. Beim Wandern auf der Osterinsel stößt man viel öfter auf Orte des Vandalismus wie diesen.
Dennoch bleibt die Frage, wie diese enormen Steinbrocken bewegt und aufgerichtet werden konnten. Nach meiner Forschungsreise kann ich dieses Geheimnis lüften. Es liegt am Material. Der Stein ist aus relativ leichtem, mit Luftblasen durchsetztem Stein, wahrscheinlich Tuff. Das macht den Transport der Statuen nicht gerade zum Kinderspiel, aber das Gewicht ist wesentlich leichter als bei einer ähnlich großen Statue aus Basalt. Die Moai darf man nicht anfassen und bewegen, so dass ich Euch das nur anhand eines kleinen Brockens demonstrieren kann.
Links:
Mehr Geschichten von der Osterinsel. Der umfassende Bericht von meiner Woche dort steht allerdings noch aus. Es ist nämlich wirklich eine Riesenarbeit, all die verschiedenen Theorien unter die Lupe zu nehmen.
Drei Tage war ich gewandert, von Nazaret über Sepphoris, Kana, den Kibbuz Lavi, die Hörner von Hattin und den Berg Arbel bis nach Tiberias. Dort hatte ich umgesattelt auf ein Fahrrad, um so den See Genezareth zu umrunden.
Die Sonne brennt unerbittlich, obwohl es erst März ist. Ich bin noch vollkommen erschöpft von dem Halbmarathon, den ich vor der Wanderung in Jerusalem gelaufen war. Und es gibt fast nirgendwo Wasser. Außer im See natürlich. Aber ich meine Wasser, in das nicht schon irgendein Prophet seine Füße reingehalten hat.
Da erblicke ich eine Kirche auf einem Hügel. Die schöne Aussicht ist schon von unten zu erahnen, die Plackerei nicht. Ich muss absteigen und schieben. Der Hügel entpuppt sich als Berg. Ist ja auch logisch, denn hier hielt Jesus die Bergpredigt. Der wichtigste Ort des Christentums ist nicht in Rom, nicht in Bethlehem, nicht in Jerusalem. Nein, auf diesem Berg wurde eines Freitagabends das Christentum begründet. Mit dieser Rede wurde Jesus vom jüdischen Rebell zum Begründer einer neuen Religion. (Viele christliche Leser werden jetzt erschrecken: “Wie, Jesus war Jude?”)
Auch meine Hoffnungen ruhen auf Jesus. Insbesondere auf Sure 7 Satz 37 aus dem Johannes-Evangelium:
Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!
Und tatsächlich, in dem Garten vor der enormen Kirche, deren Innenraum wie der Wartesaal eines während des italienischen Faschismus erbauten Bahnhofs wirkt, sprudelt ein Brunnen, wie vom Meister versprochen. Palmen wachsen um das Wasserloch. Das Geräusch des Wassers wirkt wie eine Oase in der Wüste.
Vor dem Teich steht der oben zitierte Bibelspruch. Und daneben ein profanes Schild: “water not for drink” – kein Trinkwasser.
Links:
Mehr Geschichten aus Israel. – Da fällt mir ein, dass ich den Bericht über die Wanderung entlang dem Jesus-Pfad noch gar nicht geschrieben habe. Gebt Bescheid, wenn Euch das interessiert. Das wird natürlich theologisch fundiert, wie gewohnt von diesem Blog.
Nach dem fulminanten und vielversprechenden Start der neuen Reihe „Vor hundert Jahren …“ stehe ich nun unter Druck, jeden Monat eine lustige Geschichte zu liefern. Das Problem: Geschichte ist nicht immer lustig.
Den ganzen Monat habe ich gegrübelt, ob ich (a) anhand der Pariser Konferenz über die von Deutschland zu begleichenden Reparationszahlungen den Mythos der Dolchstoßlegende sowie der finanziellen Überforderung Deutschlands durch die Versailler Verträge aufgreifen oder (b) mittels der Leipziger Prozesse die deutschen Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg in Erinnerung rufen und einen Bogen zu den Nürnberger Prozessen schlagen soll.
Ich finde beides spannend, aber damit stehe ich wohl allein auf weiter Flur. Also wähle ich (c) Katzen.
Vor hundert Jahren hatten die Menschen noch Umweltbewusstsein, weshalb relativ wenig geflogen wurde (und wenn, dann nur für dubiose Zwecke). Beliebte Alternativen waren Eisenbahnen, lange Spaziergänge nach Italien und Schiffe.
Um letztere soll es heute gehen.
Und zwar um einen fünfmastigen Gaffelschoner, wie wir Seemänner das nennen. Also ein Segelschiff. Ein wunderbar elegantes, vollständig aus Holz gefertigtes Segelschiff, das jedoch zum Transport von Kohlen eingesetzt wurde. Nach der Tochter des Reeders erhielt es den Namen Carroll A. Deering.
Seit 1919 fuhr das Schiff zwischen dem Heimathafen in Virginia (USA), Puerto Rico, Brasilien und Spanien hin und her, was gefährlicher war als es sich anhört. Denn genau das ist die vom Bermudawarndreieck markierte Stelle, die eigentlich weiträumig umsegelt werden sollte.
Aber es war wie immer: Der Reeder wollte Kohle mit der Kohle machen und verbot dem Kapitän jeglichen Umweg.
Am 9. Januar 1921 verließ das Schiff die Karibikinsel Barbados, nachdem der Kapitän seinen Ersten Offizier durch Hinterlegung einer Kaution aus dem dortigen Gefängnis freigekauft hatte.
Ziel der Fahrt war Virginia, wobei ich mir nicht sicher bin, ob auf direktem Kurs oder Rum-bedingt auf Schlingerkurs. Denn die erste Sichtung der Carroll A. Deering vor der US-amerikanischen Küste erfolgte erst am 29. Januar 1921. Unser Segelschiff fuhr auf der Höhe von North Carolina an einem Feuerschiff vorbei und nahm Kontakt mithilfe eines Megafons auf.
Ach ja, ein Feuerschiff ist so etwas wie ein schwimmender Leuchtturm, der fest verankert und idealerweise auf Seekarten verzeichnet ist. Bitte fragt jetzt nicht „wozu?“, Ihr Landratten. Oder lest bei Siegfried Lenz nach.
Diesem Feuerschiff rief also ein Mann von der Carroll A. Deering zu, dass sie im Sturm die Anker verloren hätten, was bitte telegraphisch der Reederei übermittelt werden solle. Der Kapitän des Feuerschiffes notierte im Logbuch seine Verwunderung, dass der Zuruf nicht vom Kapitän, nicht vom Ersten Offizier, sondern von einem einfachen Matrosen erfolgte. Außerdem konnte er keinen der Offiziere an Bord sehen.
Mysteriös. Aber die Carroll A. Deering segelte schon wieder weiter, Kurs auf Cape Hatteras.
Dort wurde sie das nächste Mal gesichtet, am 31. Januar 1921. Jetzt waren nicht nur Kapitän und Offiziere unsichtbar, sondern die gesamte Mannschaft. Die Carroll A. Deering war auf einer Sandbank aufgelaufen. Die Segel waren gesetzt, die Rettungsboote waren verschwunden.
Wegen eines tobenden und tosenden Sturms dauerte es vier Tage, bis die tapferen Männer und Frauen von der Küstenwache, die damals wahrscheinlich nur Männer waren, endlich an Bord der Carroll A. Deering gelangten.
Sie trafen niemanden an. Keine Menschenseele. Keine Nachricht. Kein Logbuch.
Nur eine Katze.
Die Küstenwache suchte noch eineinhalb Monate die Gewässer ab, aber fand keine Spur von den Rettungsbooten oder der Besatzung. Niemand hat sie je wieder gesehen. Niemand hat je wieder von ihnen gehört.
Theorien gab es viele:
Meuterei, nicht zuletzt weil das Feuerschiff keinen Offizier an Bord der Carroll A. Deering gesehen hatte.
Alkoholschmuggel, denn in den USA war seit einem Jahr die Prohibition in Kraft, und das Schiff kam aus der Karibik (Rum, Mojito, Daiquiri). Aber wieso würde dann nie mehr jemand von der Mannschaft auftauchen?
Verlassen des Schiffes aufgrund des Sturmes. Aber warum sollte man das tun? In den kleinen Rettungsbooten war die Überlebenschance viel geringer. Das Schiff selbst war nicht zerstört.
Vielleicht ein Piratenüberfall. Aber es gab keine Spuren eines Kampfes.
Die wildeste Theorie: Das Schiff sei von Kommunisten gekapert worden, die es nach Russland bringen wollten. Tatsächlich brachte eine Durchsuchung der Parteizentrale der Vereinigten Russischen Arbeiterpartei in New York derartige Pläne zum Vorschein. 1920 hatte der deutsche Kommunist Franz Jung einen Dampfer gekapert, um nach Murmansk zu fahren und Lenin einen Besuch abzustatten, was, wenn diese Reihe etwas früher begonnen hätte, sicher in einer separaten Folge gewürdigt worden wäre.
Die Katze, die als einzige die Wahrheit wusste, schwieg beharrlich.
„Was macht eine Katze auf einem Schiff?“ fragt Ihr, und jetzt beginnt der eigentlich lehrreiche Teil:
Bis in allerjüngste Zeit waren Katzen auf Schiffen nicht nur nichts Ungewöhnliches, sondern vorgeschrieben. Insbesondere auf Handelsschiffen, aber auch Kriegsschiffe wagten kaum, ohne Katze auszulaufen. Und so kamen die Katzen mit Kolumbus nach Amerika.
Die Rechtsquellen reichen zurück bis ins Mittelalter: Die Rôles d’Oléron, ein französischer Seerechtskodex aus dem 13. Jahrhundert. Das Black Book of the Admiralty aus dem 14. Jahrhundert. Das Gesetzbuch des Konsulats von Valencia aus dem 15. Jahrhundert. Sie alle schreiben vor, dass der Schiffseigner auf Schadensersatz haftet, wenn er versäumt, eine Katze mitzuführen und dadurch Waren an Bord von Ratten beschädigt werden. Falls die Katze unterwegs stirbt, muss im nächsten Hafen eine neue Katze an Bord genommen werden.
Nach einem schottischen Gesetz aus dem 13. Jahrhundert blieb ein gestrandetes Schiff solange im Eigentum des Reeders, solange sich darauf noch ein lebender Mann, ein lebender Hund oder eine lebende Katze befanden. Die Katze verhinderte also, dass das Schiff zum herrenlosen Schiffswrack wurde, an dem sich jeder Strandspaziergänger bedienen konnte.
Frankreich bestand ab der Zeit des Merkantilismus in allen Handelsverträgen darauf, dass jedes Schiff mindestens zwei Katzen führen müsse. Andernfalls gelte es nicht als seetauglich.
Erst 1975 verbannte die Royal Navy Schiffskatzen von ihren Kriegsschiffen, und es ist wohl kein Zufall, dass damit das endgültige Ende des britischen Weltreichs einherging. Ich sage nur Seychellen, Salomonen und Gilbert- und Ellice-Inseln.
Von den Schiffskatzen könnte ich jetzt überleiten auf die Entwicklung des Seerechts, den U-Boot-Krieg, die Titanic oder zur Seeschlacht vor dem Skagerrak.
Aber ich kehre zurück zum Bermuda-Dreieck.
Dort verschwinden nicht nur Schiffe, sondern auch reihenweise Flugzeuge. (Deshalb fliegen die meisten US-Amerikaner nicht direkt nach Kuba, sondern zuerst nach Mexiko und dann von Westen auf die Karibikinsel, um das Bermuda-Dreieck zu umgehen.)
Weil diese Reihe anstatt „Vor hundert Jahren …“ auch „Vom Hundertsten ins Tausendste“ heißen könnte, erinnern mich die in der Sargassosee verschwindenden Flugzeuge an Flugzeuge, die zu der in dieser Reihe behandelten Zeit in Deutschland verschwinden. Ganz ohne Bermuda-Dreieck, aber auf ebenso mysteriöse Weise.
Dazu halte ich mich jetzt aber kurz und gebe nur einen Zeitungsartikel aus der Freiheit, einer linken Berliner Tageszeitung, also so etwas wie dem Vorläufer der taz, vom 29. Dezember 1920 wieder:
Unter der Überschrift „Die geheimnisvollen Flugzeuge“ steht da:
Das Reichsverkehrsministerium richtet an die Öffentlichkeit einen Appell, die Flugzeuge abzuliefern, die noch immer in der Bevölkerung versteckt gehalten werden. Da die Arbeiterschaft nicht über Scheunen, Waldbestände, Schuppen und ähnliche Aufbewahrungsorte verfügt, so kann man von ihr nicht gut die Ablieferung noch immer versteckt gehaltener Flugzeuge verlangen. Wo sind also die Verstecke? Nun, in den Gehegen der Großagrarier auf dem Lande, und es ist seltsam dass ausgerechnet immer die Ententemissionen solche Verstecke aufstöbern und dann der deutschen Regierung die größten Ungelegenheiten bereiten.
Erst neulich sind wieder, wie das Reichsverkehrsministerium zugeben muss, mehrere Flugzeuge, die irgendwo versteckt gehalten worden sind, nach Polen geflogen. Die Regierung hat die Verpflichtung, sich so harmlos zu stellen, als ob sie diese Spielerei mit Flugzeugen lediglich für Schiebemanöver und finanzielle Spekulation halte. In Wahrheit handelt es sich natürlich um die Waffenlager der Orgesch und der mit ihr verwandten Organisationen, die ihre Waffenvorräte bald hierhin bald dorthin verschieben, um sie nach Möglichkeit den Augen der Ententemission zu entziehen.
[…]
Das gäbe Anlass zu mindestens drei weiteren Themen:
Der Kampf rechter Kräfte gegen die Republik begann nicht 1933, auch nicht 1923 mit dem Hitler-Putsch, sondern mit dem Tag der Republikgründung. Vielleicht sollte man deshalb genauer hinsehen, wenn bei Bundeswehr und Polizei ständig rechtsradikale Netzwerke offengelegt werden. Früher verschwanden Flugzeuge, heute verschwinden Waffen, Sprengstoff und Munition.
Wahrscheinlich habt Ihr Euch gewundert, warum deutsche Flugzeuge nach Polen geflogen wurden. Nun, das ist ein bisschen wie in Fiume: Weder mit dem Waffenstillstand, noch mit den Friedensverträgen war der Erste Weltkrieg wirklich beendet. In Polen tobte noch an allen Fronten Krieg, und die Flugzeuge aus Deutschland wurden wahrscheinlich zur Unterstützung der Deutschen in Oberschlesien eingesetzt. Alles ganz inoffiziell, versteht sich.
Nach dem Versailler Vertrag war Deutschland der Aufbau einer Luftwaffe verboten. Was machte die Reichswehr? Na klar, sie baute heimlich eine Luftstreitkraft auf. Und zwar in der geheimen Kampffliegerschule und Erprobungsstätte in – das werdet Ihr nie erraten – Lipezk. Das war in der Sowjetunion. Die intensive deutsch-sowjetische Zusammenarbeit (es gab auch eine gemeinsame geheime Panzerschule in Kasan) wurde erst 1933 beendet. Aber die Grundlagen für den Hitler-Stalin-Pakt waren gelegt.
Jeder dieser Komplexe verdient schon wieder einen eigenen Artikel. Aber für heute war das genug Geschichte, denke ich. Also verschwinde ich jetzt in meinem Bermuda-Dreieck und lasse Euch raten, wo auf der Welt wir im Februar 1921 wieder auftauchen werden.
Falls jemand an der Vertiefung der nur angeschnittenen Themen interessiert ist: kein Problem. Mit ein bisschen Unterstützung für diesen Blog könnte ich durchaus mehrere Themen pro Monat bearbeiten. Dafür bekommt Ihr die perfekten Referate für den Geschichtsunterricht präsentiert.
Wenn Ihr Euer Schiff, Euer Haus und Eure Katze während einer längeren Abwesenheit nicht alleine lassen wollt, müsst Ihr Euch nicht grämen: Ich stehe als Haus- und Katzenhüter zur Verfügung!
Auf der Suche nach Themen für die noch junge, sich aber schon breiter Beliebtheit erfreuende Reihe „Vor hundert Jahren …“ wälze ich gerade alte Zeitungen.
Wenn die Augen vom stundenlangen Entziffern vergilbter Schriften schmerzen, entspanne ich manchmal auf der Seite mit der Reklame. Zum Beispiel in der sozialistischen Tageszeitung „Freiheit“ aus Berlin, Ausgabe vom 29. Dezember 1920.
Das kann ziemlich interessant sein.
Da kauft jemand gebrauchte (bzw. nicht mehr gebrauchte) Zahngebisse zum Einschmelzen. Es gibt Pulver gegen Pickel, Befreiung vom Bettnässen, jede Menge „Spezialärzte“ und einen Ratgeber zu Naturheilverfahren und Homöopathie, womit „von 100 Krankheiten mehr als 90 schon im Keime erstickt und manche Krankheit, Siechtum, Kummer und schlaflose Nächte verhütet“ werden.
Seriöser als dieser Humbug ist der Auftritt von „Kapitän Rausen mit seinen dressierten Seelöwen“.
Da fällt mein Blick auf eine Annonce, die anzeigt, dass sich trotz eines recht turbulenten Jahrhunderts in der damaligen und nach zwischenzeitlicher Erholungspause wieder gesamtdeutschen Hauptstadt gar nicht so viel verändert hat. Beworben wird das Buch „Der Mieterschutz“, das unter anderem die „beste gemeinverständliche Darstellung“ (eine Werbeaussage wie zugeschnitten auf diesen Blog) der preußischen Höchstmietenverordnung verspricht.
Damals wie heute greifen die Mieterschutzvorschriften leider das grundsätzliche Problem nicht an, das Jean-Jacques Rousseau so formulierte:
Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen »Dies gehört mir« und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wieviel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: »Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken.“
Boden, eine begrenzte Ressource wie Wasser oder Luft, zum Gegenstand von Privateigentum zu machen, ist die Wurzel allen Übels. Umso mehr, wenn es keine Höchstgrenze gibt. Zusätzlich zum Mietendeckel bräuchte es einen Eigentumsdeckel, denn welcher Mensch braucht mehr als ein Haus?
Leider war die Revolution 1918/19 ziemlich halbherzig und hatte den Großgrundbesitz nicht angetastet. (Siehe dazu auch Kapitel 3 meiner König-Ludwig-Saga.) Eine verpasste Chance.
Für Euch getestet: Das Leben in einem sozialistischen Plattenbau ist ziemlich gemütlich.
Aber eigentlich sollte das nicht das Thema für Januar 1921 werden, schließlich hat es nichts direkt mit jenem Monat zu tun. Wieder mal habe ich mich ablenken und auf Seitenstraßen führen lassen. Betrachtet es einfach als Bonusfolge. Gratis! Die eigentliche Folge zum Januar 1921 erscheint umgehend. Verblüffung garantiert, wie man das 1921 beworben hätte.
Ich weiß gar nicht mehr genau, in welchem Jahr ich nach Litauen zog. Es muss so zehn Jahre her sein.
Aber ich weiß noch genau, dass es an einem 1. Juli war. Denn in der gleichen Woche, am 6. Juli, hatte ich Geburtstag.
Von Vilnius, wo ich wohnte, fuhr ich dazu ins nahe Trakai. Das ist ein Nationalpark mit viel Wasser und vielen Inseln, einer Burg, schönen alten Dörfern, mysteriösen Kulturen wie den Karäern, und – wie überall in Litauen – viel Natur und viel Grün. Manche der Inseln sind mit Holzstegen verbunden, andere erreicht man mit dem Ruderboot.
Ich hopste also von Insel zu Insel, wie die Allierten im Sturm auf Japan, nur friedlicher und friedfertiger. Und ohne beschossen zu werden.
Statt Kamikazekillern begrüßten mich auf vielen der Inseln, insbesondere den waldreichen und abgelegenen, Feenzirkel. Durch die Bäume sah ich Mädchen mit langen weißen Kleidern, die sich Blumen ins Haar gesteckt hatten. Sie nahmen sich an den Händen, tanzten im Kreis und sangen.
Es war wunderschön.
Ich wollte nicht, dass sie mich entdeckten. Ich wollte nicht einmal fotografieren, um die Magie nicht zu zerstören.
Auf einigen Inseln waren mehrere dieser tanzenden und singenden Kreise am Werk, und manche bemerkten mich. Die Einladungen, mitzutanzen, schlug ich allesamt aus, denn damals war ich noch schüchtern.
Als sie merkten, dass ich kein Litauer war, hießen sie mich willkommen und erklärten, dass der 6. Juli ein ganz besonder Tag sei. Dem stimmte ich zu, aber – weil ich nicht nur schüchtern, sondern auch bescheiden bin – ohne preiszugeben, dass ich das Geburtstagskind war.
Keine Ahnung, wie sich meine Ankunft so schnell herumgesprochen hatte. Und wie sie wussten, dass ich an dem Tag nach Trakai kommen würde.
Jedenfalls hatte mir noch kein Land so einen Empfang bereitet.
Später erzählte jemand, dass der 6. Juli ein Nationalfeiertag sei, weil an dem Tag im Jahr 1253 König Mindaugas gekrönt worden sei. Das halte ich allerdings für ein Gerücht, denn wieso sollte etwas, das so lange zurück liegt, noch immer betanzt und besungen werden? Außerdem ist Litauen gar kein Königreich.
Die Taxifahrt durch Teheran dauerte nur kurz. Aber lange genug für drei Überraschungen.
Erstens: Es war eine Fahrerin, die für mich anhielt. Ich war gerade erst im Iran angekommen, den Kopf voller Klischeebilder von Geschlechtertrennung und knallhart durchgesetzten Regeln. So war es nicht, zumindest nicht in den Großstädten, in denen ich unterwegs war. Klar, der Iran ist nicht Schweden, aber er ist eben auch nicht Saudi-Arabien.
Zweitens: Die Fahrerin nahm immer neue Passagiere auf. Auf der Rückbank mussten sich Fremde schon auf die Schöße von anderen Kunden setzen, wobei sich Männer und Frauen vergnügt mischten. Und all das in einer der Hauptverkehrsstraßen in der Hauptstadt, am hellichten Tag.
Drittens: Als wir an der Kreuzung ankamen, wo ich raus musste, fragte ich, wieviel es koste. Die Taxifahrerin sagte einfach: „Das ist schon in Ordnung! Es war mir eine Ehre, Sie fahren zu dürfen.“
Ich dankte ihr aus tiefstem Herzen, nicht so sehr wegen der ersparten Ausgaben, sondern weil sie mir die Mühe erspart hatte, aus einem riesigen Bündel Scheine die richtigen Banknoten rauszukramen, eine Aufgabe, die mich bis zu meinem letzten Tag im Iran zur Verzweiflung treiben würde.
Später am Abend traf ich meine iranischen Freunde. Ich sage „Freunde“, aber vor meiner Reise in den Iran hatte ich sie noch nicht gekannt. Sie saßen im Flugzeug neben mir und fragten mich über meine Reisepläne aus. Als sich herausstellte, dass ich keine Pläne hatte, die diesen Namen verdienten (wegen der internationalen Sanktionen kann man in den Iran keine Bank- oder Paypal-Überweisungen vornehmen, also hatte ich keine Hotels gebucht), luden sie mich ein, in ihrem Haus zu wohnen. Sie waren sympathisch, und ich habe eine gute Menschenkenntnis, also sagte ich ja.
Aber zurück zu jenem Abend. Ich erzählte ihnen, durchaus stolz: „Ihr werdet nicht glauben, was mir heute passiert ist! Ich war im Taxi unterwegs, und die Fahrerin war so nett, sie wollte gar kein Geld von mir!“
Meine Freunde brachen in lautes Lachen aus, allerdings nur kurz und entschuldigten sich sogleich, als sie meinen perplexen Blick bemerkten.
“Die Fahrerin hat nur Taarof gemacht“, sagten sie, um mich sodann mit dem verwirrendsten Konzept des menschlichen Zusammenlebens vertraut zu machen. Ernsthaft, dieses Taarof ist noch unverständlicher als romantische Beziehungen.
“Sie war nur höflich”, erklärten sie.
“Ja, ich fand sie auch sehr höflich“, stimmte ich zu.
“Aber, ähm,“ meine Freunde rangen um Worte, wie vor der Enthüllung eines Staatsgeheimnisses, „sie hat es nicht so gemeint.“
“Woher wollt Ihr das wissen? Ihr wart doch nicht dabei.” Ich war etwas verletzt.
“Weil Taarof so funktioniert. Es ist eine ritualisierte Form persischer Höflichkeit. Du hättest von dir aus anbieten sollen, die Fahrt zu bezahlen.“
“Aber das hatte ich doch”, sagte ich stolz, und fühlte mich in dem Glauben bestärkt, der ultimative Kenner aller kulturellen Gepflogenheiten dieser Welt zu sein.
“Du musst darauf bestehen.”
“Aber ich wusste nicht, wie viel es kostet. Deswegen hatte ich sie doch gefragt.”
“Du musst mehrmals fragen.” Es war deutlich zu merken, dass ihnen die Taxifahrerin wegen des finanzielles Ausfalls leid tat.
Auch ich begann, mich irgendwie schuldig zu fühlen. “Aber was, wenn sie wiederholt hätte, dass ich nichts bezahlen müsse?”
“Du musst mindestens dreimal die Bezahlung anbieten. Und dann bekommst du langsam ein Gefühl dafür, ob es Taarof oder Taarof nakon [was anscheinend kein Taarof bedeutet] ist. Aber im Taxi oder im Restaurant ist es eigentlich immer Taarof. Ich meine, warum sollte dir jemand etwas umsonst geben?“
Das war ein Argument. Aber verstanden hatte ich immer noch nichts.
Am nächsten Tag wollten mir meine Freunde dieses Taarof demonstrieren, also nahmen wir zusammen ein Taxi. Der Fahrer war ein älterer Herr, der so aussah, wie wenn er zwischen den Fahrten Bücher las. Weil die Unterhaltung auf Persisch ablief, war sie dieses Mal etwas komplexer, und meine Freunde übersetzen anschließend für mich.
Freunde: “Danke, wir steigen hier aus. Wieviel macht das?”
Fahrer: “Oh nein, das ist schon in Ordnung. Ich musste sowieso in diese Richtung. Es hat keine Umstände bereitet, Euch mitzunehmen.“
“Aber Sie haben uns enorm geholfen, wir hätten niemals so weit laufen können.“
“Ach, kein Problem. Mit dem Auto waren es doch nur ein paar Minuten.“
“Aber wenn wir nicht in Ihrem Auto gewesen wären, hätten Sie andere Fahrgäste aufnehmen können, die vielleicht weiter gefahren wären.“
“Ich schwöre bei Gott, ich würde mir gar keine anderen Fahrgäste wünschen. Die Begegnung mit Euch war ein Segen für meinen Tag.”
“Aber vielleicht möchten Sie etwas für Ihre süßen Kinder kaufen?”
“Sie haben doch sicher auch Kinder?”
“Nein.”
In dem Moment fiel dem Fahrer für eine Sekunde lang keine Antwort ein, und einer meiner Freunde nutzte die Unterbrechung, um ihm eine 100.000-Rial-Banknote zu überreichen. Das sind etwa zwei Euro.
Auch ich unterbreche kurz, um Euch den wichtigsten Tipp mit auf die Reise in den Iran zu geben: Bezeichnet die Menschen dort nicht als Araber.
Warum?
Weil sie keine sind! Es sind Perser. Sie sprechen Persisch, nicht Arabisch. Die Kultur ist persisch, nicht arabisch. Wenn Euch der Unterschied nicht bewusst ist, denkt einfach an das (wahre) Klischee des Feilschens auf einem arabischen Basar. Im Iran passiert genau das Gegenteil. Taarof ist Feilschen im Rückwärtsgang, wie Ihr sehen werdet, wenn wir wieder zu unserem Taxi schalten.
Der Fahrer steckte die Banknote in seine Brieftasche, nahm ein paar andere Scheine heraus und händigte sie meinem Bekannten auf dem Beifahrersitz aus. Ich dachte, es wäre das Wechselgeld.
Ohne dass dieser jedoch auf das Bündel an Scheinen blickte, zog er einen oder zwei heraus und gab den Rest an den Fahrer zurück.
Der Fahrer nahm sich einen Schein und reichte das immer noch umfangreiche Bündel zurück an den Kunden.
Dieses Hin-und-Her spielte sich noch ein paar Mal ab, wobei der Fahrer immer wieder versicherte, dass wir die freundlichsten Menschen wären, die er je getroffen habe, und meine Freunde darauf bestanden, dass er Süßigkeiten für seine Kinder kaufen solle, die sicher die herzallerliebsten Kinder wären, die je auf dieser Welt gelebt haben.
“Ich werde meinen Kindern von den wunderbaren Menschen berichten, denen ich heute begegnet bin“, sagte der Fahrer schließlich, mit Tränen in den Augen, und akzeptierte den Gegenwert eines Euros.
Ich nahm nie mehr ein Taxi in Teheran.
Meine Freunde erklärten mir immer wieder die Spielregeln, aber ich versagte weiterhin. Ich aß Früchte, die mir die Händler auf der Straße schenkten, ich surfte kostenlos in Internetcafés, ich nahm Einladungen zu Tee und Kuchen an, und jedes Mal hätte ich die Offerten höflich zurückweisen sollen. Zumindest ein paar Mal.
Taarof gilt in allen Bereichen der Gesellschaft, sogar unter Freunden. (Wenn man verheiratet ist, kann man nach etwa fünf Jahren langsam daran denken, die Gewohnheit schrittweise aufzugeben. Aber nur, wenn niemand zusieht.) Wenn Euch Freunde zum Abendessen einladen, müsst Ihr einige Male ablehnen, um herauszufinden, ob es sich um eine aufrichtige Einladung oder nur um verwirrende Höflichkeit handelt. Auf keinen Fall dürft Ihr sofort zuschlagen, wenn Euch ein Nachschlag, Nachtisch oder Wein angeboten wird. Und man fragt auch nicht nach dem Weg zur Toilette, sondern man beginnt mit: „Ihr habt ein sehr schönes Haus!“
Als Deutschen, getrimmt auf Effizienz und Direktheit, treibt mich Taarof in den Wahnsinn. Viel zu spät fiel mir auf, dass die Einladung von Sitznachbarn im Flugzeug, eine Woche in ihrem Haus zu verbringen, vielleicht auch Taarof war. Die Perser finden uns Westler ein bisschen, ähm, ungehobelt.
Auch in ernsten Situationen finden die Iraner noch Zeit für Taarof. Wenn jemand vom Dach fällt und sich das Bein bricht, ruft er den Arzt an, um sich nach dem Wohlergehen von dessen Kindern zu erkundigen. Der Arzt weiß natürlich, dass es sich um Taarof handelt, und fragt, was das Problem sei. „Ach, eigentlich nichts, ich will Sie nicht behelligen“, sagen die Leute dann. Das geht ein bisschen hin und her, bis der Verblutende kurz vor der Ohnmacht zugibt: “Wissen Sie, mein Fuß juckt ein bisschen, und ich habe mich gefragt, ob Sie vielleicht eines Tages, wenn Sie mal Zeit haben, einen Blick darauf werfen könnten?“
Ich sah im Iran viele Menschen, denen ein Bein amputiert worden war.
Das mit den Amputationen war kein Witz. Leider. Der blau-gelbe Kasten neben dem Taxi (fotografiert in Schiras) ist für Spenden für Veteranen aus dem Krieg mit dem Irak in den 1980er Jahren. Ähnlich meinem Spendenaufruf, wenn ich darauf mit meiner direkten Art, die Anhänger des Taarof als so roh wie das Rohöl im Persischen Golf empfinden, hinweisen darf.
Puno, eine Kleinstadt in Peru. Gelegen auf 3827 Metern über dem Meeresspiegel. Deshalb ist es ziemlich kalt. Ich gehe mit Jacke ins Bett und morgens zum Joggen, um aufzutauen.
Den Menschen hier sind die 3827 Meter egal. Der Ozean ist weit weg. Außerdem haben sie ihr eigenes Meer, direkt vor der Haustür: den Titicaca-See. Man nennt ihn See, weil man das Wasser trinken kann, aber er ist so groß wie ein Meer. So groß wie 15 Bodenseen, drei Saarländer oder neun Berlins.
Auf der Suche nach dem Bahnhof folge ich den Eisenbahnschienen. Stattdessen komme ich zum Hafen. Macht auch nicht viel Unterschied, Dampflok oder Dampfschiff.
Eines der Schiffe will gerade ablegen. Das Schiffshorn röhrt. Ein Mann an Deck ruft mir zu: „Wollen Sie noch mitfahren?“
„Wo geht’s denn hin?“
„Zu den Uros.“
Aha. Ein schwimmender Urologenkongress also. Na gut, vielleicht kann ich eine Gratisprostatavoruntersuchung abstauben. Ich gehe an Bord, Sekunden bevor mir die Gangway unter den Füßen weggezogen wird.
Ganz gratis ist es dann doch nicht, denn Hernan, der anscheinend so etwas wie ein Reiseleiter ist, knöpft mir 70 Soles (= 15 Euro) ab. Na gut, dafür werde ich mich am Buffet satt essen.
Hernan, der Gedanken lesen kann, sagt: „Das Mittagessen auf der Insel kostet 20 Soles extra.“ Na gut, die Aussicht auf eine Insel stimmt mich spendabel. Hernan stellt mir seine Söhne vor: Lionel und Cristobal. Der Junge mit dem Fußballervornamen trägt einen Trainingsanzug mit DFB-Logo. Mit den Kindern zu reden kostet nichts extra.
Es wird ein schöner, sonniger Tag. So ein Tag, der auf Fotos viel wärmer aussieht als er in echt ist. Aber wenigstens kein Sturm. Das Schiff tuckert durch ruhiges, wellenloses Wasser. Wenn man so einen See vor der Tür hat, braucht man echt kein Meer. (Nur die Bolivianer machen immer Drama, seit sie das Meer verloren haben. Dabei gehört ihnen doch die Hälfte des Titicaca-Sees.)
Wir fahren durch Schilf. Beziehungsweise durch einen Kanal, der durch das Schilf führt. So gerade, dass er wohl künstlich angelegt wurde. Wie in Venedig.
An einem Checkpoint, der ganz aus Schilf gebastelt ist, hält das Boot kurz an. Hernan reicht einen Stapel peruanischer Soles hinunter, und wir dürfen passieren. Klar, kein Kanal ohne Kanalgebührenkassiererkontrollpunkt.
„Jetzt sind wir im Gebiet der Uros“, erklärt Hernan.
„Einst lebten sie an Land, aber als die Spanier kamen und die einheimische Bevölkerung zur Arbeit in den Silberminen zwangen, flohen die Uros aufs Wasser.“ Kann ich verstehen, seit ich selbst in einer dieser Minen war.
Sie bauten sich Schiffe aus Schilf und lebten fortan auf dem See, ungestört von den Spaniern. (Die Europäer konnten damals noch nicht schwimmen.) Nachdem sie merkten, dass die Spanier nicht so schnell wieder abzogen, bauten sie sich ganze Inseln aus Schilf. Schwimmende Inseln. Mit Schilfhütten drauf. Keine Ahnung, wie das hält, aber es sieht hübsch aus.
„Ursprünglich hatten sie eine eigene Sprache, Urukilla, das sich aber dann mit Aymara vermischt hat und schließlich ausgestorben ist“, fährt Hernan fort. Das ist traurig, aber besser es stirbt die Sprache als der Mensch. Die Römer haben auch nichts mehr vom Latein.
Andererseits, wenn mehr Menschen ausstürben, wäre es besser für die Umwelt und der Meeresspiegel wäre nicht schon auf über 3800 Meter angestiegen. Aber dafür sind die Uros die falschen Ansprechpartner. Von ihnen gibt es nämlich gar nicht so viele. Etwa 1200 Uros auf 87 Inseln, sagt Hernan.
Jetzt halte sich ihre Population konstant, weil sie pro Familie zwei bis drei Kinder haben, von denen nicht alle auf den Inseln blieben. „Vor fünzig Jahren bekam jede Familie noch eine Fußballmannschaft als Nachwuchs.“
Aha, deshalb ist der schwimmende Fußballplatz verwaist. Vielleicht traut aber auch keine gegnerische Mannschaft dem wackeligen Untergrund.
An einer relativ kleinen Insel legen wir an. Sechs einfache Hütten stehen drauf. Und ein Turm. Der dient der Kommunikation mit den anderen Inseln, mithilfe von Rauch, Flaggen und Spiegeln.
Langsam dünkt mir, dass ich auf einer schwimmenden Kaffeefahrt gelandet bin und dass die etwa 25 Passagiere jetzt die arme Familie auf ihrer kleinen Insel behelligen. Aber die Insel geht nicht unter. Der Boden ist angenehm weich und gibt bei jedem Schritt ein bisschen nach. Dazu das ganz leichte Schwanken. Ich würde mich am liebsten hinlegen und einschlafen.
Aber ich muss aufpassen, denn jetzt erklärt der Inselchef. Auf seiner Insel lebten fünf Familien. Wenn es mal zehn Familien gäbe, erklärt der vom Expansionsdrang getriebene Mann, dann müsse man neuen Lebensraum in Form einer neuen Insel schaffen.
Kein Problem, sagt er, Totora-Schilf gäbe es genug. Man hole es sich aus dem Nationalpark. Er baut ein kleines Modell einer Insel, schwuppdiwupp, so einfach gehe das. Aber weil das Wasser das Schilf angreift, müsse man die Insel alle drei Monate erneuern. Während man darauf wohnt. Das ist so, wie wenn man bei einem Auto während der Fahrt den Motor austauscht.
Apropos Auto: Der Inselchef ist ganz stolz auf seine zwei Boote. Ein kleines und ein großes, prächtiges. „Das sind mein Volkswagen und mein Mercedes-Beng“, wie er ihn nennt.
Außerdem haben sie Solaranlagen. Für Fernseher, Radio, Licht. Das ist auf jeden Fall schlauer, als ein Lagerfeuer anzuzünden.
Wofür das Gewehr sei, frage ich, und hoffe auf Geschichten von Piratenüberfällen oder dem Kampf gegen den Kolonialismus.
„Damit schieße ich Vögel“, sagt er martialisch. Er gefällt sich in der Rolle als Verteidiger, Beschützer, Ernährer und Anführer der kleinen Insel. Am Ende werde ich ihn nach seinem Namen fragen und bin kein wenig überrascht, dass er Adolfo heißt. Die anderen Inseln können froh sein, dass er sie noch nicht überfallen hat.
Besonders begehrt ist eine Sorte Vögel, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe. Wegen ihrer großen Eier. Für Omeletts. In der Ecke der Insel finde ich nur einen toten Vogel. Anscheinend verhungert. Mit einem letzten verzweifelten Schrei im Schnabel.
Als Adolfo beiläufig erwähnt, dass Schilf essbar sei, kann ich mich nicht zurückhalten. Ich hatte kein Frühstück.
Schmeckt wie Sellerie. Es wäre eintönig, aber zur Not könnte ich mich durch eine ganze Insel essen. Ups, jetzt habe ich vergessen, zwischen totem Vogel und Schilfstick die Hände zu waschen. Das passiert mir jedes Mal.
Adolfo bittet uns auf sein Boot. Das große, den „Mercedes-Beng“. Und plötzlich kommen aus allen Hütten die Kinder, die mitfahren wollen.
Ein Verkehr ist hier wie auf den Kanälen von Venedig. Und alles wegen der Touristen. Auch das wie in Venedig.
Wir setzen über zur Hauptinsel des Uro-Gebiets. Hier gibt es Läden, Restaurants, sogar Ferienwohnungen. Und für einen Sol einen Stempel im Pass. Alles auf einem wabernden Stück Schilf. Ein Sturm, und die Hauptstadt ist weg.
Außerdem gibt es ein öffentliches Telefon. Falls man die Kinder erreichen will, die zu weit weg für Rauchzeichen oder Spiegelsignale leben.
Rauchzeichen würde am liebsten auch Hernan geben, denn wir müssen weiter. Strenger Zeitplan. Also zurück aufs motorisierte Schiff und weiter hinaus in den See.
Ich sitze neben Ryan aus Alaska. Er ist bei den Adventisten des Siebenten Tags und zeigt mir stolz eine Schule, die seine Sekte auf einer der schwimmenden Inseln betreibt.
„Wir sind in über 200 Ländern vertreten“, sagt er stolz, wie wenn er von einem globalen Konzern spräche. Aber vielleicht trifft es das auch am Besten.
Man kann nur hoffen, dass Adolfo seine Flinte bald gegen die Eindringlinge richten wird. Die Dreistigkeit von christlichen Missionaren, in Gebieten aufzutauchen, wo die Bevölkerung von Christen abgeschlachtet, versklavt und vergewaltigt wurde, verdient wirklich eine Salve aus der Schrotflinte.
Aber Ihr wollt nicht meine bösen Tiraden hören, sondern Hernans informationsreichen Ausführungen lauschen. Also: Wir fahren zur Insel Taquile. Fast wie Tequila, aber nicht verwandt oder verschwägert.
Auf der Insel fallen als erstes die Terrassenfelder auf. Die schützen den Boden vor Erosion. Dass das funktioniert, sieht man daran, dass viele Inseln ohne Terrassierung mittlerweile verschwunden sind. Zum Beispiel Atlantis. Die Salomonen und die Malediven sind als nächstes dran.
Die Terrassen stammen noch aus der Zeit der Tiwanaku. Die regierten die Insel vor den Inka. Also eigentlich vor den Kolla, aber diese dann vor den Inka. Über die Tiwanaku könnte ich auch berichten, schließlich habe ich mal ihre Hauptstadt besucht. Die heißt auch Tiwanaku, Ihr seht sie im Südosten der obigen Landkarte. Südosten ist unten rechts. Also, wenn Ihr etwas von den Tiwanaku hören wollt, gebt Bescheid. Jetzt aber zurück nach Taquile, sonst werdet Ihr noch ganz kirre vor Ungeduld.
Taquile war der letzte Flecken Südamerikas, der von den Spaniern eingenommen wurde. Erst 1580 eroberten sie die Insel, die damals zum Inkareich gehörte. Die Spanier wollten zeigen, wer der neue Eigentümer ist, und verboten die traditionelle Inkakleidung. Stattdessen mussten sich die Bewohner der Insel wie spanische Bauern anziehen. Diese Tracht tragen sie noch immer und präsentieren sie jetzt als „traditionell“, obwohl es die aufgezwungene Kleidung der Kolonisateure war.
Kleidung ist auf Taquile auf zweierlei Art wichtig. Jenseits des Offensichtlichen, meine ich.
Zum einen lebt die Insel von der Textilproduktion. Überall sieht man Frauen und Männer weben und stricken.
Zum zweiten darf man Taquile nur mit Hut betreten. Die Torbögen, die die Zugänge zu den bewohnten Teilen der Insel bewachen, machen das unmissverständlich klar.
Die von den Taquileños getragenen Kopfbedeckungen geben allerlei Auskunft. Je nach Form, Farbe und Tragewinkel zeigen sie an, ob man ledig oder verheiratet ist. Ob man ein Baby hat. Ob das Baby ein Junge oder ein Mädchen ist. Ob man ein Amt in der kommunalen Selbstverwaltung ausübt. Ob man auf der Suche nach einer Freundin ist oder nicht. Und so weiter.
Auch ich bin natürlich kultursensibel mit Hut unterwegs.
Die Insel hat einige Besonderheiten zu bieten. In den 1930er Jahren haben die Inselbewohner zusammengelegt und dem Staat das gesamte Land abgekauft. Und dann wurde das Land unter den ansässigen Familien einigermaßen gleichmäßig verteilt. Gut, das ist jetzt keine Oktoberrevolution. Aber immerhin eine kleine Landreform.
Als der Tourismus wichtiger wurde als die Landwirtschaft, setzten sich aber endlich sozialistische Ideen durch. Man organisierte sich als Genossenschaft und schwor, keine großen Restaurants oder Hotels zu bauen. Vielmehr sollte jede Familie vom Tourismus profitieren. Wenn man auf Taquile übernachten will, kommt man einfach mit dem Boot (ebenfalls von der Genossenschaft aus Taquile betrieben) und teilt an der Rezeption am Kai mit, wieviele Nächte man bleiben möchte. Dann wird man einer Familie zugewiesen, die gerade mit Beherbergen an der Reihe ist. So kommt jeder mal dran.
Auch die Läden, in denen die Textilkunst verkauft wird, gehören der Kooperative. Jeder Produzent kann dort seine Produkte anbieten. Die Preise werden gemeinsam festgelegt. Gehandelt wird nicht. Wer dabei erwischt wird, dass er sich von Touristen runterhandeln lässt, oder wer selbst einen kleinen Verkaufsstand aufbaut, dessen Produkte werden für zwei Wochen aus den Läden genommen.
Weil der Sozialismus bekanntlich bessere Menschen formt, kommen die etwa 2000 Einwohner ohne Polizei aus. Das Gefängnis steht seit 1937 leer.
Leer ist auch der Mittagstisch, denn vor dem Essen kommt die Kunst. Auftritt Ricardo. Mit Hut, mit Gitarre und mit Panflöte. Er ist anscheinend schon länger im Tourismussektor aktiv, denn er spricht ganz gut Deutsch. Oder er ist der Außenminister von Taquile, und das Musizieren ist nur sein Nebenjob. Ein Nebenjob, der, so informiert uns Hernan streng, nicht im Gesamtpreis inkludiert ist. Nachdem mein letzter Schein panflöten geht, hoffe ich inständig, dass die Rückfahrt nach Puno im Preis inbegriffen ist.
Andererseits ist es ganz schön hier. Schade, dass ich wohl nie zum Katzenhüten eingeladen werde. Denn – auch das eine Regel aus der Zeit der Tiwanaku, Kolla und Inka – Katzen und Hunde sind auf der Insel verboten. Schließlich gab es in Südamerika keine Katzen, bevor die Spanier sie mitbrachten. Wahrscheinlich gelten deshalb in Peru noch heute Katzen als Tiere, die man essen kann.
Die Rückfahrt nach Puno dauert drei Stunden. Für die Kinder bedeutet das sechs Stunden Schulweg jeden Tag. Genug Zeit für die Hausaufgaben.
Da zerreisst eine Explosion die Luft. Schwarzer Rauch steigt auf. Wahrscheinlich ein Rechenfehler bei den Chemieaufgaben.
Ich stecke die Zigarre, die ich mir gerade anzünden wollte, besser wieder weg.
Liegen bei Euch auch so viele Reiseführer von Ländern herum, in die Ihr es dann doch nicht geschafft habt? Ich habe hier einen Lonely-Planet-Reiseführer für Zentralasien. Von 2007. Anscheinend kam in den vergangenen 13 Jahren einiges dazwischen, denn noch immer war ich nicht in Kasachstan, Turkmenistan, Tadschikistan, Kirgistan oder Usbekistan.
Weil ich noch ein bisschen sparen muss, bis ich mir das Zugticket nach Samarkand leisten kann, habe ich die Wartezeit mit einem Buch über diese fünf faszinierenden Länder verkürzt. Dankenswerterweise hat die norwegische Autorin Erika Fatland die Strapazen auf sich genommen und ist für ihr Buch „Sowjetistan“ in Diktaturen, Autokratien, karge Steppen und zugige Jurten gereist.
Auch wenn ich am Ende die ganzen -stans noch immer nicht hundertprozentig auseinander halten kann (dafür ist dann doch die intensive persönliche Inaugenscheinnahme erforderlich) und wenn zwischenzeitlich die eine oder andere Revolution die Verhältnisse ein wenig verändert hat, so habe ich doch einen ganz guten Eindruck gewonnen, der das Reisefieber nur verstärkt hat. Fatland verwebt ihre eigenen Erfahrungen mit historischen Einschüben, die, wenn es seitenlang um Dschingis Khan geht, manchmal ein wenig ausufern.
Fatlands neues Buch „Die Grenze: Eine Reise rund um Russland“ setzt die Methode leicht verändert fort, leider mit weniger von dem, was an „Sowjetistan“ stark war, und mehr von dem, was weniger gut war. Hier nimmt das Dozieren überhand, wieder seitenlang über russische Sibirien-Expeditionen oder über Grenzkonflikte, und dafür reichlich wenig Gespräche mit Einheimischen.
Man bekommt bei diesem zweiten Buch den Eindruck, dass Fatland auf eine lange Reise geschickt wurde, um den Erfolg von „Sowjetistan“ auf Teufel komm raus zu wiederholen. Die Autorin gibt selbst zu, dass sie sich aus freien Stücken keine Durchquerung der Nordostpassage für 20.000 $ geleistet hätte. Am interessantesten sind die Berichte von dort, wo man selbst kaum hinkommt, z.B. aus der Donezk-Republik oder aus Südossetien.
Immer wieder scheinen ihre Ungeduld und ihr Missmut durch, wenn ein vereinbarter Interviewtermin sich verzögert, wenn der Taxifahrer nicht auftaucht oder wenn das Internet schlecht ist. In Urumtschi bleibt sie vier Tage nur im Hotel und guckt Serien. Da ist jemand wenig begeistert von der eigenen Reise, die laut Untertitel „durch Nordkorea, China, die Mongolei, Kasachstan, Aserbaidschan, Georgien, die Ukraine, Weißrussland, Litauen, Polen, Lettland, Estland, Finnland, Norwegen sowie die Nordostpassage“ führen muss.
Das ist einfach zu lang und zu viel für ein Buch.
Für Autoren gilt mein Rat für Reisende noch mehr: Weniger ist mehr. Lieber ein oder zwei Orte, aber dafür richtig eintauchen. Und nie mehr als 50% der Reisezeit verplanen. Der Rest muss offen bleiben für spontane Begegnungen, für Überraschungen, für das, was zu wirklich guten Geschichten führt.
Wenn man sagt, dass man aus Deutschland ist, wird man immer auf Fußball, Autos oder Nazis angesprochen. Manchmal würde ich am liebsten sagen, ich sei aus Litauen oder einem anderen wenig bekannten Land.
Aber in Peru hatte ich ein neues „Ah, du bist aus Deutschland“-Erlebnis.
In einem vegetarischen Restaurant, das den Tierschutz so konsequent nimmt wie peruanische Politiker die Korruptionsbekämpfung, bestelle ich einen mit Hackfleisch gefüllten Rocoto.
Während ich warte, setzt sich Ivan zu mir an den stabilen Holztisch. Er hat einen Bart wie Lenin, Haare wie Bob Ross, und seine dünnen Beine stecken in kurzen Hosen und Trekkingschuhen. Er scheint im Restaurant zu arbeiten oder mitzuhelfen oder einfach nur immer da zu sein.
Als er erfährt, woher ich bin, entfährt es ihm sofort:
„Ah, wie Gunter Hampel!“
Oje, keine Ahnung wo der spielt.
„Und Reinhard Giebel!“
Hm, noch nie gehört.
Ivan zählt mit zunehmender Begeisterung weitere Namen auf: Toto Blanke, Hans Koch, Werner Lüdi.
Alles typische Fußballernamen, aber mir sagt keiner etwas. Vielleicht sollte ich doch einmal im Jahr eine Ausgabe des „Kicker“ kaufen, um ein bisschen mitreden zu können.
Ich will mich gerade für meine sportliche Unkenntnis entschuldigen, als der stürmische Ivan fortfährt: „Deutschland ist die führende Jazz-Nation! Nicht Frankreich. Nicht die USA. Was da bei Euch abgeht, das ist der Wahnsinn!“
Der gefüllte Rocoto ist scharf wie ein brennender Vulkan. Ivan bemerkt meinen Schmerz und bringt dem ungebildeten Deutschen einen großen Krug Limonade.
Vor der Schah-Tscheragh-Moschee hält mich ein Wächter auf: “Sind Sie Muslim?”
Wahrheitsgemäß verneine ich.
“Ich bedaure, mein Herr, aber heute ist nur für Muslime geöffnet”, erklärt er unter Verweis auf das Aschura-Fest. Hilfsbereit fügt er hinzu, dass morgen für alle geöffnet sei.
Doch heute ist mein letzter Tag in Schiras, früh am nächsten Morgen geht der Flug nach Teheran. Schade, die Moschee mit einem Mosaik aus Millionen Spiegelscherben soll eine der schönsten im Iran sein.
Der Wächter gibt mir den Rat, doch einfach in zehn Minuten wieder zu kommen. Verdutzt wandere ich um den Block. Hat er dann etwa seine Mittagspause?
Nein, er ist noch da. Mit breitem Grinsen fragt er: “Und, sind Sie jetzt Muslim?”
Ich lächle anerkennend über seiner Raffinesse und antworte: “Allahu akbar.“
Mit einer einladenden Handbewegung bittet er mich in die Moschee.