Das Mädchen mit dem Buch

Lissabon, im Garten des Palácio Fronteira, spätnachmittags.

Unter einem Baldachin aus Blauregen sitzt ein Mädchen und liest ein Buch. Es ist gleichzeitig ein schöner und beruhigender Anblick. Wie gut, dass Menschen die Muße haben, sich dem Alltagsstress zu entziehen. Wie weise, dass ihnen solitäre Lektüre wichtiger ist als oberflächliche Gesellschaftigkeit. Ach, wenn doch mehr Menschen erkennen würden, dass ein Buch die eigene Attraktivität viel mehr steigert als teure Handys oder Schuhe.

Verstohlen mache ich ein Foto.

Palacio Fronteira girl with book

Ich will sie nicht stören, aber das Fräulein hat mich inspiriert, und unter dem Glyziniendach versteckt sich die einzige Sitzgelegenheit im Park. Rücksichtsvoll setze ich mich ganz ans andere Ende der Bank, packe ebenfalls ein Buch aus und lese den romantischen Schluss von Remarques „Die Nacht von Lissabon“.

Wir wechseln kein Wort.

Wir wechseln keinen Blick.

Dabei würde mich interessieren, was sie liest.

Nur einmal höre ich, wie ihre Handykamera klickt. Wahrscheinlich hat sie ein Foto von mir gemacht, ebenfalls verstohlen, weil ihr sonst niemand glaubt, dass es noch mehr öffentliche Leseratten gibt. Ich tue so, wie wenn ich es nicht gemerkt habe, und lese unbewegt weiter.

So verbringen wir eine halbe Stunde in der nicht mehr allzu starken, aber noch ausreichend wärmenden Sonne. Jeden Strahl und jede Seite saugen wir auf. Bis die Dame, der das Schloss gehört, vorbeikommt und verkündet, dass sie den Park nun schließen werde, weil es gleich 17 Uhr sei.

Das Mädchen geht vor mir durch das Labyrinth aus Hecken und dreht sich noch einmal neugierig um, als sie durch das große Tor auf die Straße tritt. Wieder gebe ich vor, es nicht zu bemerken. Dann geht sie in die eine, ich in die andere Richtung.

Selten gehen Mann und Frau so glücklich und erfüllt auseinander. Vielleicht sollten wir all unsere Kontakte so abwickeln. Dann gäbe es auch keine Überbevölkerung.

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Jeder kann zum Flüchtling werden

Auf Reisen nehme ich gerne Lektüre mit, die in dem jeweiligen Land spielt.

So sitze ich im prächtigen Garten des Palácio Fronteira in Lissabon, zwischen noch winterlich eingemotteten Springbrunnen aber unter schon sommerlich warmer Sonne, mit dem Blick auf ein hübsches Schlösschen, und lese „Die Nacht von Lissabon“ von Erich Maria Remarque.

Palacio Fronteira water fountain in front of palace

Der Erzähler blickt sehnsüchtig auf ein Schiff, das im Tejo liegt:

Jedes Schiff, das in diesen Monaten des Jahres 1942 Europa verließ, war eine Arche. Der Berg Ararat war Amerika, und die Flut stieg täglich. Sie hatte Deutschland und Österreich seit langem überschwemmt und stand tief in Polen und Prag; Amsterdam, Brüssel, Kopenhagen, Oslo und Paris waren bereits in ihr untergegangen, die Städte Italiens stanken nach ihr, und auch Spanien war nicht mehr sicher. Die Küste Portugals war die letzte Zuflucht geworden für die Flüchtlinge, denen Gerechtigkeit, Freiheit und Toleranz mehr bedeuteten als Heimat und Existenz. Wer von hier das Gelobte Land Amerika nicht erreichen konnte, war verloren. Er musste verbluten im Gestrüpp der verweigerten Ein- und Ausreisevisen, der unerreichbaren Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen, der Internierungslager, der Bürokratie, der Einsamkeit, der Fremde und der entsetzlichen allgemeinen Gleichgültigkeit gegen das Schicksal des einzelnen, die stets die Folge von Krieg, Angst und Not ist. Der Mensch war um diese Zeit nichts mehr; ein gültiger Pass alles.

Noch wenige Jahre zuvor saß der deutsche Flüchtling in seinem Häuschen, ging in die Arbeit und konnte sich nicht vorstellen, dass er jemals fliehen müsste. So schnell kann es gehen. Kein Land ist davor gefeit, genauso wenig wie bestimmte Länder immer nur Flüchtlinge verursachen und keine aufnehmen.

Zu eben jener Zeit, in der der Emigrationsroman von Remarque spielt, hätte es neben Nord- und Südamerika noch weitere sichere Häfen gegeben: Hunderttausende Europäer fanden im Mittleren Osten, unter anderem in Syrien und im Iran, Zuflucht vor den Nazis und Sowjets.

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Per Anhalter durch die Corona-Krise

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Letzte Woche, als das Coronavirus sich rasant verbreitete, war ich auf Pico, einer der Azoren-Inseln mitten im Atlantik. Dort gibt es zwei Busverbindungen, die jeweils zweimal am Tag fahren, was nicht genug war. Also musste ich per Anhalter fahren. Ich hatte mich schon darauf gefreut, denn auf kleinen Inseln ist Trampen normalerweise gang und gäbe und funktioniert ganz gut.

Und tatsächlich hielt der erste Wagen, nachdem ich weniger als eine Minute gewartet hatte. So ging es weiter. Gewöhnlich hielt schon das zweite oder dritte Auto, und die Fahrer fuhren mich oft genau dorthin, wo ich hin musste, auch wenn es einen Umweg für sie bedeutete. „Das ist im Service inbegriffen“, sagten einige von ihnen, wie wenn sie besonders stolz auf die Gastfreundschaft der Menschen auf den Azoren waren.

Aber dann erreichte die Vorsicht vor dem Virus auch das ferne Archipel. Von Tag zu Tag wurde es spürbar schwieriger. Ich musste länger warten, und die meisten Autos fuhren jetzt an mir vorbei. Oft schüttelten die Fahrer traurig den Kopf. Natürlich wurde es nicht einfacher dadurch, dass ich wie ein Ausländer aussehe, so dass Menschen mich mit dem bedrohlichen Virus assoziierten, weil beide vom Kontinent kommen. Wenn ich asiatisch aussähe, wäre es wahrscheinlich noch schwieriger gewesen.

Aber irgendwann hielt immer jemand, auch wenn ich 30 Minuten warten musste. Am letzten Tag war es wirklich schwer und fast schon deprimierend. Die erste Mitfahrgelegenheit bekam ich in einem LKW, wo die Fahrerkabine so breit war, dass ich dem Fahrer nicht nahe kam. Der zweite hilfsbereite Mensch war Nuno, Manager einer Reinigungsfirma. So kam es, dass meine letzte Fahrt per Anhalter in Zeiten des Coronavirus in einem Lieferwagen voller Desinfektionsmittel, Gesichtsmasken und Küchenrollen stattfand.

Ich bin gespannt, wie es anderen Anhaltern derzeit ergeht. Es würde mich nicht wundern, wenn es fast unmöglich geworden ist. Aber meine Erfahrung auf Pico zeigte auch eine Möglichkeit, die immer bleiben wird: Als ich die Insel vom Süden nach Norden, von Lajes nach São Roque, überqueren wollte, hielt ein altes Paar in einem Pick-up-Truck und bot mir eine aussichtsreiche Panoramafahrt an. Da sprang ich natürlich sofort auf!

Es war fantastisch! Und ja, der Typ fuhr wirklich ziemlich schnell.

Andreas Moser Pico hitchhiking pick-up (1)
Andreas Moser Pico hitchhiking pick-up (2)

Irgendwie passiert das immer auf Inseln. Die erste Fahrt in einem Pick-up genoß ich auf der Osterinsel:

Also, Leute, kauft Euch keine SUVs mehr, sondern Pick-up-Trucks!

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  • Mehr Geschichten vom Trampen.
  • Und weil ich jetzt auf der Insel Faial feststecke, werdet Ihr in den kommenden Monaten wahrscheinlich noch mehr über die Azoren lesen.
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Die Auswirkungen des Coronavirus auf den Tourismus

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Dass ein sich rasant verbreitendes und ziemlich tödliches Virus nicht gerade fördernd für den Tourismus sein würde, das war klar. Zu wenige Leute dachten daran, dass man sich gerade durch Reisen in Sicherheit bringen könnte. Jetzt ist es zu spät. Zu viele glauben – oft fälschlich -, dass es zuhause sicherer sei oder wollen, wenn sie schon sterben, damit noch die Verwandtschaft nerven anstatt ganz romantisch in der Fremde das letzte Licht auszuknipsen.

Aber wie dramatisch die Lage ist, das hat mich dann doch überrascht.

Letzte Woche war ich auf der Azoreninsel Pico und hatte mir, da es noch preisgünstige Nebensaison war, das Hotel Pico gegönnt. „Es macht wirklich einen sehr nebensaisonalen Eindruck“, dachte ich mir noch vergnügt, als ich in Madalena die Straße vom Hafen hoch lief. Bis ich vergebens an der Tür rüttelte. Sie war verschlossen.

Hotel Pico frontal

„Mittagspause“, vermutete ich und ging ein wenig spazieren, die geschlossenen Geschäfte und die Schlangen vor den Apotheken bewundernd. Aber als ich zwei Stunden später zur begehrten Unterkunft zurück kam, war diese noch verschlossener und noch verwaister.

Ich ging um das Gebäude herum, um einen alternativen Eingang zu finden. Da ich einen einwöchigen Übernachtungsgutschein erworben hatte, fühlte ich mich nicht als Hausfriedensbrecher als ich über die Hecke in den Garten sprang. Ah, dort glitzerte schon der Pool, also war alles in Ordnung.

Hotel Pico pool far

Bis ich näher kam:

Hotel Pico pool empty

Hoppla, hier war gar nichts in Ordnung. Nun fiel mir auch der verwilderte Garten auf, der mir persönlich zwar zusagte, von dem ich aber nicht annahm, dass er so geplant war.

Hotel Pico garden

Zu hören war gar nichts, außer dem Zwitschern der Vögel. Kein Gärtner, Bademeister oder anderer Angestellter weit und breit. Also konnte ich mich genauer umsehen. Ich will es mal so sagen: Selbst während des Völkermords in Ruanda gab es Hotels, in denen mehr Leben war.

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Hotel Pico deserted (2)

Die Büros sahen so aus, wie wenn sie zwar überstürzt, aber erst vor kurzem verlassen wurden. Der Obermanager, der Customer-Relations-Manager, der IT-Coordination-Supervisor, die Marketing-Managerin sowie der Human-Resources-Manager sind wahrscheinlich alle direkt zur Universität gelaufen, um sich, geläutert von der Krise, für Philosophie, Literatur oder Geschichte einzuschreiben. Oder zum Arbeitsamt.

Hotel Pico office 1
Hotel Pico office 2

Eine Maus versuchte noch wegzulaufen, um dem marktwirtschaftlichen Massaker zu entgehen. Vergebens.

Hotel Pico mouse

Und wenn das am Anfang des Coronavirus schon passiert, dann könnt Ihr Euch vorstellen, wie dieser Sommer für die Tourismusbranche aussehen wird: Konkurse, Bankrotte, Pleiten, Insolvenzen, Schließungen, Kündigungen und Selbstmorde wie zuletzt in der Tourismusflaute des Zweiten Weltkriegs.

Nur mehr die Tauben wohnen jetzt hier und scheißen auf die drei Sterne neben der Eingangstür und die Bewertungen in den Buchungsportalen.

Hotel Pico birds

Und selbst die Vögel verhungern oder sterben vor Langeweile.

Hotel Pico dead bird

Apropos Zweiter Weltkrieg: Genauso wie damals der Staat in die Bresche sprang und Reisen nach Ägypten, Kreta und in die Normandie finanzierte, so rufen jetzt Hoteliers, Gastwirte, Fluggesellschaften und sogar der Eisverkäufer im Park nach staatlicher Unterstützung. Denn in einer freien Marktwirtschaft müssen es die Steuerzahler ausbaden, wenn Fluggesellschaften und Reisende jahrelang glauben, für 15 € quer durch Europa fliegen zu können, dabei die Umwelt zerstören, und bei der kleinsten Krise – oh, welch Überraschung – keine Rücklagen da sind.

Ich reise bekanntlich sehr viel, wenn auch ganz aufopfernd mehr für die Leser dieses Blogs als für mich, aber eigentlich fände ich es gut, wenn die Tourismusindustrie mal so richtig kollabieren würde. Vielleicht sollten wir die derzeitige Ansteckungsgefahr zum Anlass nehmen, zu hinterfragen, ob man wirklich zehnmal im Jahr für ein paar Tage in eine europäische Großstadt fliegen muss, wo alle anderen schon waren oder ebenfalls hinfliegen. Verpasst man eigentlich viel, wenn man das nicht macht? Ich glaube nicht.

Lasst uns doch die Quarantäne nutzen, um mal wieder über Quantität versus Qualität nachzudenken. Ich finde Reisen enorm wichtig für die Persönlichkeitsbildung, für das Verständnis der Welt, für die Begegnung mit dem Fremden und Neuen. Aber das alles geschieht nicht oder kaum auf Kurztrips, Pauschalreisen oder Kreuzfahrten.

Dazu muss man, so widersprüchlich das klingt, sich einerseits durch Lektüre und das Erlernen von Sprachen vorbereiten, sich aber andererseits auf das Unbekannte, auf das Abenteuer einlassen. Das muss nicht teuer sein, ganz im Gegentum: Mit wenig Geld reist man am gewinnbringendsten.

Zeit braucht man allerdings. Aber das haben wir doch in der Quarantäne schon gelernt oder werden es noch lernen: Wir sollten nicht so viel Lebenszeit mit Arbeit, in Besprechungen, mit Excel-Tabellen und am Telefon vergeuden, weil das alles nicht wichtig ist (außer Ihr arbeitet bei der Müllabfuhr oder im Krankenhaus). Die Welt läuft weiter, auch ohne Internetmarketingstrategiesitzungen oder Markenrechtsverletzungsabmahnungen. Also kein Grund, sich für den Chef oder die Firma oder das Bruttoinlandsprodukt kaputt zu arbeiten.

Anstatt fünf- oder sechsmal im Jahr irgendwo hinzuhetzen, ein paar Fotos vom Eiffelturm oder von der Freiheitsstatue auf Instagraph zu stellen, und genau das vorzufinden was Ihr erwartet habt, fände ich es viel wertvoller, alle paar Jahre oder meinetwegen auch nur einmal im Leben eine richtige Reise anzutreten. So wie Patrick Leigh Fermor, der als 18-Jähriger zu Fuß durch Europa wanderte. Oder wie Nicolas Bouvier, der in einem Fiat von der Schweiz nach Afghanistan fuhr. Oder wie Heinrich Barth, der sechs Jahre durch Afrika reiste. Oder wie Dumitru Dan, der zu Fuß die Welt umrundete – oder auch nicht. Oder die längstmögliche Zugreise der Welt. Oder wie Carsten Niebuhr, der sieben Jahre lang durch Arabien, Persien und Indien reiste. Oder einfach eine Wanderung von zu Hause aus.

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Die kommenden Monate/Jahre der Quarantäne lassen sich ideal zum Sparen, Planen, Vorfreuen und Armenischlernen nutzen!

Weil Bequemlichkeit verlockend und Abenteuer gefährlich erscheinen, müssen wir uns manchmal zu unserem Glück zwingen. Und deshalb fände ich es ganz gut, wenn es keine (Billig-)Flüge mehr gibt, so dass man langsamer reisen oder trampen muss. Meinetwegen können auch all die Hotels schließen, dann trifft man halt am Bahnhof in Sochumi wieder die alten Omas mit dem Schild „Zimmer zu vermieten“, und man geht zu derjenigen, die für 5 € auch noch ein deftiges Frühstück verspricht. Am wichtigsten wäre aber, dass Trip Advisor und Google Maps pleite gehen, damit man sich einfach wieder verläuft und Einheimische fragen muss, die einen dann aus der Favela in Salvador führen.

Und die ganzen Spekulanten, die Wohnungen gekauft haben, um über AirBnB überteuerte Zimmer an Touristen zu vermieten, die sollen meinetwegen so in die Miesen rutschen, dass sie sich mitsamt ihrer Immobilie in die Luft sprengen müssen. Es wäre so schön, wenn man nichts vorher buchen könnte und wie einstmals nachts an schlecht beleuchteten Türen in der Altstadt von Jerusalem klopfen muss, um zu fragen, ob man zumindest auf dem Dach des Hauses schlafen darf.

Ach, diese ganze Scheißmoderne hat das Reisen so langweilig und berechenbar gemacht. Danke an das Coronavirus, dass es dieses Roboterleben zumindest ein bisschen durcheinander wirbelt! Warum alle Touristen so schnell wie möglich nach Hause wollen, habe ich übrigens nicht kapiert. Ich sitze jetzt auf einer Insel im Atlantik fest, weil weder Flüge noch Fähren gehen. Die letzte habe ich knapp verpasst, weil mich die Wellen so faszinierten.

Klippen Wellen Fähre

Ich finde das super. Endlich eine neue Situation, auf die man sich einstellen muss. Für ein paar Monate, vielleicht sogar Jahre. Mal sehen, wie lange die Versorgungsschiffe noch kommen. Danach muss ich fischen lernen. Und vielleicht kappt noch jemand das Internetkabel, dann wird es richtig spannend.

Ach ja, auf Pico, wo die Hotels in der Insolvenz waren, bin ich dann übrigens in einem Kloster untergekommen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Pousada Sao Roque frontal

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Ein kleines Darlehen

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Nach einem anstrengenden aber sonnigen Tag auf Pico führt mich am Abend der Weg zum Quarantänekloster vorbei an der Bowlingbar. Vor dieser bittet mich ein verlottert und zwielichtig aussehender Mann aufgeregt um 5 Euro, um sein Auto betanken zu können. Dann würde er nach Hause fahren, das Geld holen und mir zurückbringen. Viel Sinn ergibt das nicht, für mich noch weniger als für ihn, und ich höre schon zwei Lager aus der Leserschaft rufen: „Sei doch nicht so doof!“ und „Ach, was sind denn 5 Euro?“, wobei Letztere meine finanziellen Verhältnisse überschätzen.

Außerdem habe ich nur einen 10-Euro-Schein.

Den würde der Benzinfuchs natürlich auch annehmen, kein Problem: „In fünf oder zehn Minuten komme ich wieder zurück, ganz sicher. Du kannst die Leute in der Bar fragen, die kennen mich alle.“ Ich frage mich eher, wieso er sich mit seiner Darlehensanfrage nicht an die Freunde richtet. Da ich mir die Antwort schon denken kann, frage ich nach seinem Namen, ohne dessen Richtigkeit überprüfen zu können.

„Immanuel“.

Er kann kaum gewusst haben, dass ich Philosophie studiert habe, aber da spule ich natürlich sofort den Kategorischen Imperativ ab und gebe ihm die 10 Euro.

Die Leute in der Bar sehen mich mitleidig an, während ich draußen auf der Bank sitze und betont lässig über Wissenschaft im Kolonialismus lese.

Fünf Minuten vergehen.

Wie konnte er eigentlich mit dem Auto wegfahren, wenn er doch angeblich Benzin brauchte?

Zehn Minuten vergehen.

Wenn er genug Benzin hatte, um zur Tankstelle zu kommen, wieso fuhr er dann nicht zuerst nach Hause und holte das Geld?

Fünfzehn Minuten vergehen.

Und außerdem ist auf der anderen Straßenseite von der Bar ein Geldautomat.

Zwanzig Minuten vergehen.

Ich hatte nicht einmal daran gedacht, mir das Nummernschild zu merken.

Fünfundzwanzig Minuten vergehen.

Da ich gerade über Bronisław Malinowski und seine Feldstudien auf der Trobriand-Insel lese, betrachte ich die selbstverschuldete Situation als wissenschaftliches Experiment über die Ehrlichkeit der Picorianer.

Da fährt Immanuel mit seiner dunkelblauen Klapperkiste an mir vorbei, biegt ab, so dass er mich kaum übersehen haben kann, und düst den Berg hoch.

Dreißig Minuten vergehen.

Wollte er vielleicht sehen, ob ich wirklich so gutgläubig bin, zu warten? Wenn ich schon aufgegeben hätte, wäre er wahrscheinlich zu seinen Freunden in der Bar gegangen, und sie hätten sich im ganz wörtlichen Sinne auf meine Kosten amüsiert.

Aber da kommt er wieder den Berg herunter gerauscht, ruft „Ach, da bist du!“, wie wenn er mich auf der ganzen Insel gesucht hätte, und erklärt: „Du bekommst gleich dein Geld, keine Sorge. Ich muss nur noch zur Bank.“

Wieso fährt er dann stattdessen ständig durch die Stadt? Und wollte er das Geld nicht von zuhause holen?

Mir reicht es jetzt: „OK, dann fahre ich am besten mit zur Bank“, sage ich und steige einfach ein.

Damit hat er nicht gerechnet.

„Das ist keine gute Idee“, erklärt er, „denn ganz ehrlich, die Bank ist meine Mama.“ Er sieht etwa so alt wie ich aus, womit die Mutter eine Bank wäre, die auch im Rentenalter noch ihre Geschäftstätigkeit entfaltet.

„Kein Problem, dann fahre ich eben mit zu deiner Mama“, sage ich, betont so, wie wenn ich den ganzen Abend Zeit hätte.

„Das wird ihr aber nicht gefallen.“

„Du kannst doch um die Ecke parken, und ich warte im Auto.“

„Ich könnte dich auf den Berg fahren. Von dort oben gibt es einen fantastischen Blick über die Insel.“

„Nein danke, fahren wir lieber zu deiner Mama.“

„Ich kann dich auch nach Madalena fahren. Ich kann dich überall hin fahren, für wenig Geld. Viel günstiger als ein Taxi. Du kannst mich jederzeit anrufen, und ich hole dich ab.“

„Danke, aber jetzt fahren wir doch erst einmal zu deiner Mama.“

„Meine Mama ist schwerkrank. Ich kümmere mich schon seit Jahren um sie.“ Das sagt er betont rührselig, wie in einer Seifenoper.

„Hauptsache, sie hat noch 10 Euro“, denke ich, sage es aber nicht.

„Hast du schon zu Abend gegessen?“

Das hätte ich besser nicht verneinen sollen.

„Ich fahre dich zum Hafen, da gibt es ein gutes Lokal. All meine Freunde essen dort.“

„Nein danke“, sage ich, aber er fährt trotzdem zum Hafen. Zum Glück ist das Restaurant geschlossen. Übrigens fährt Immanuel wie der Henker, über Bordsteine, immer mit Höchstbeschleunigung. Aber er ist der einzige Fahrer, den ich auf Pico erlebt habe, der keinen Wert darauf legt, dass ich mich anschnalle. Vielleicht hofft er auf einen Unfall und das Ableben seines hartnäckigen Gläubigers.

„Ich fahre dich zum Supermarkt, da ist es sowieso viel billiger.“

„Nein danke, ich brauche echt nichts.“

Er fährt trotzdem hin. Zum Glück ist da auch schon geschlossen.

„Wenn du immer so planlos herumfährst, wundert es mich nicht, dass dir oft das Benzin ausgeht.“ Diesmal denke ich es nicht nur, sondern sage es auch. Langsam werde ich sauer.

Er fährt zu einer weiteren Bar, die ich schon vom Vorbeigehen kenne und wo immer die absolut dubiosesten Charaktere rumhängen, trinken und grölen. „Das sind meine Freunde“, stellt er mir drei Typen vor, die alle nach Drogen und Gefängnis aussehen. „Bleib doch ein paar Minuten hier und trink einen Kaffee. Ich komme gleich wieder.“

„Ich trinke abends keinen Kaffee, danke.“

„Einen Tee?“

„Ne, ich hätte jetzt echt lieber die 10 Euro.“

Er merkt, dass er mich nicht so leicht los wird. Wir gehen zu einem kommunal aussehenden aber heruntergekommenen Gebäude. „Hier wohnt meine Mama. Oje, das Haus ist leider geschlossen!“

„Was ist das hier?“ will ich wissen.

„Das Altersheim. Aber jetzt fällt mir ein, dass sie auf eine Party gehen wollte. Das kann sehr spät werden. Ich fahre dich besser in die Herberge und bringe das Geld dann später vorbei.“

Schön, dass die Mama wieder gesund ist.

„Ruf deine Mama halt an und frag sie, wo sie ist.“ São Roque ist nicht groß, weit kann die Alte nicht sein.

„Ich habe mein Telefon zu Hause vergessen.“

„Kein Problem, du kannst meins verwenden.“ Ich hoffe, so an eine Nummer zu kommen, falls ich wegen des Falles doch die Polícia Judiciária bemühen muss.

„Ich weiß die Nummer nicht.“

„Du weißt die Nummer von deiner Mama nicht, um die du dich so liebevoll kümmerst, weil sie schwerkrank ist, obwohl sie auf Partys geht?“

Jetzt fällt ihm nichts mehr ein. Zumindest für zwei Sekunden. Dann fährt ein Pickup-Truck mit abgeschnittenen Stauden auf der Ladefläche vorbei.

„Hey, das ist mein Cousin.“ Er ruft dem Fahrer nach, der tatsächlich stehenbleibt.

Die beiden unterhalten sich durchs offene Fenster. Mit Immanuel habe ich immer Englisch gesprochen, so dass er nicht vermutet, ich verstünde etwas Portugiesisch.

Der Mann im Wagen ist anscheinend Landwirt oder so. Die beiden vereinbaren, dass Immanuel morgen für ihn arbeiten wird und sich 10 Euro vorstrecken lässt. Der Fahrer zückt den gebügelt glatten 10-Euro-Schein, Immanuel händigt ihn mir zeremoniös aus, und als er mich zum Abschied umarmt, achte ich sehr darauf, meine Geldbörse festzuhalten.

Sao Roque frontal

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Flucht vor dem Corona-Virus – auf eine Insel mitten im Atlantik

Ganz ehrlich, Leute, dieses Corona-Virus wird langsam gefährlich. Jeden Tag kommt es näher, und zwar nicht schleichend, sondern mit richtigem Katatstrophenkaracho. Schon hat es meine Heimatprovinz erfasst, obwohl diese sonst niemand freiwillig besucht. Und dann sind die Leute noch immer so dämlich, in die Arbeit, zum Fußball oder in die Kirche zu gehen – natürlich alles, ohne sich richtig die Hände zu waschen.

Nein, mir wird das alles zu heikel.

Ich flüchte lieber.

Zum Glück bot sich gerade ein Housesitting mit Katzenhüten auf der Insel Faial an. Wenn Ihr nicht wisst, wo Faial ist, dann ist das ein gutes Zeichen. Denn dann weiß es das Virus auch nicht.

Es liegt ganz, ganz weit im Atlantischen Ozean und ist Teil der Azoren, die dank portugiesischer Seefahrt- und Staatskunst sogar zur Europäischen Union gehören.

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Dort leben zwei Katzen, Maxie und Whitey, um die ich mich zu kümmern habe und die sich hoffentlich um mich kümmern werden. Abgesehen davon hat die kleine Insel eine ganz erstaunliche Geschichte hinter sich, von der ich Euch bald das Seemansgarn erzählen werde, das ich von Fischern und Piraten oder deren Papageien aufschnappe.

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Faial ist bekannt für Tauchen und Walfang, was beides nicht zu meinen Hobbies zählt, aber es sieht auch nach einem Wanderparadies aus. Und ohne allzu viele Ablenkungen komme ich wohl auch zum Arbeiten, Schreiben und Studieren. Wie immer, lasst es mich wissen, wenn Ihr eine Postkarte möchtet!

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Das einzige Corona auf Faial sollte das Bier sein, wobei ich mehr gespannt auf Kima und Laranjada bin. Und bitte gebt mir Bescheid, wenn sich die Pandemie totgelaufen hat und eine Rückkehr auf den Kontinent wieder sicher sein wird.

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„Die Bezirksstadt“ von Karel Poláček

Menschen, die das Glück haben, in einer Großstadt aufzuwachsen, haben zwar irgendwie eine Vorstellung davon, nicht in der Provinz leben zu wollen, aber wie groß dieses Glück ist und wie schrecklich jenes Schicksal wäre, das können sie nicht annähernd erahnen. Dafür gibt es Kleinstadtromane, wobei großstädtische Leser diese wie einen skurrilen Tagesausflug genießen können. Für mich hingegen sind sie eine erschreckende Darstellung dessen, woher man kommt, wovon man entflieht und wohin man nur zeit- und notweise zurückkehrt, wenn Obdachlosigkeit die einzige Alternative ist. Und selbst dann nur im Winter.

Man könnte meinen, dass diese Bücher am erschreckendsten sind, wenn sie aus der eigenen Gegend und Zeit stammen, wie im Fall von Thomas Klupps Wie ich fälschte, log und Gutes tat, das in Weiden in der Oberpfalz spielt. Aber nein, noch viel erschreckender sind jene, die in fernen Gefilden und Epochen spielen, weil man merkt, dass sich nichts, wirklich nichts, verändert hat.

Ein sehr gutes Beispiel dafür ist Die Bezirksstadt von Karel Poláček, einem tschechischen Autor, der bereits 1936 auf den Punkt brachte, was mich in meinem Umfeld noch heutzutage peinigt. Es geht gar nicht darum, dass ein Ort klein oder langweilig oder öde ist. Es muss auch Orte geben, wo man sich vor den Auftragskillern des FSB verstecken oder ohne Ablenkung aufs Staatsexamen lernen kann. Aber wenn man ganz dezent und gefühlsschonend, wie es meine Art ist, darauf hinweist, dass Amberg nicht Amsterdam ist, dann springen die Heimatpfleger im Dreieck. Oder wie Poláček es beschreibt:

Die Bezirksstadt, die man selbst mit der allerschärfsten Lupe vergeblich auf einer Weltkarte suchen würde, die jedoch eitel auf ihrer Einmaligkeit beharrte und niemand anderen ehrte und anerkannte als nur sich selbst.

Wie das Leben in einer Kleinstadt, so ist auch der Roman repetitiv. Immer wieder wird das gleiche Wetter beschrieben, so wie man sich mangels anderer Themen eben immer wieder über Wolken unterhält. Immer wieder bestaunt der Kaufmann Štědrý sein Haus, wie heutzutage die Kleinbürger allen Stolz aus ihren hässlichen Häuschen und den davor geparkten Kraftfahrzeugen beziehen.

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Auch die Unterhaltungen der Bürger sind floskelhaft, wiederholen sich ständig und erwartbar, so wie man bei Begegnungen mit den immer gleichen Menschen schon vorher weiß, was sie sagen und antworten werden. Der Bettler bekommt sein Geld nicht etwa, weil er arm ist, sondern nur dann, wenn er einen andressierten Spruch aufsagt. Sogar die Spießigkeit hat auf den Bettler abgefärbt, der sich das Erbettelte nicht auszugeben traut, sondern anspart. Wofür auch immer.

Die Personen sind Stereotype, könnte man meinen, weil sie meist nur mit ihrer Berufsbezeichnung genannt werden: der Wirt, der Lehrer, der Postmeister (dessen antisemitisches Verschwörungsgeschwurbel ihn heute als AfDler im Wirtshaus poltern ließe), der Handelsvertreter. Aber so ist das meiner Erfahrung nach. Der Beruf spielt überall auf der Welt eine zu bedeutende Rolle, aber wenn man vor Ort der einzige Rechtsanwalt, der einzige Metzger oder der einzige Pfarrer ist, dann wird man entsprechend eindimensional wahrgenommen. Und ohne Beruf ist man ein Nichts.

Die einzige Familie, die etwas näher geschildert wird, ist die des Kaufmanns Štědrý, und da habe ich dann nicht nur meine Heimat, wie die Zuhausegebliebenen den Flecken Erde so gerne verklärend nennen, sondern sogar meine Familie wiedererkannt. Die (Stief-)Eltern machen sich eigentlich nur zwei Sorgen um die Söhne: Dass sie der Familie „keine Schande machen“, wozu schon Fabrikarbeit, Arbeitslosigkeit oder ein abweichender Kleidungsstil genügen, und dass sie immer genug essen, wenn sie zuhause sind. Menschen werden wie Mastvieh behandelt, das dreimal täglich zu essen hat. Wenn man keinen Hunger hat, wird es als persönlicher Angriff verstanden. Und wenn man im Gasthaus isst, könnten die anderen Leute denken, dass es zuhause nicht genug zu essen gäbe, oh gar schreckliche Vorstellung!

Hier ist der Alltag so banal, dass es schon böse ist. Wer ihm jedoch entflieht, freiwillig gar in die weite Welt geht, der ist unten durch:

Er war in Russland gewesen, im Kaukasus, ja sogar bis nach Turkestan hatte er sich verirrt. Von seinen Reisen in die Bezirksstadt zurückgekehrt, war er wie ein halber Irrer empfangen worden. Die Einwohner konnten nicht begreifen, wie sich jemand in fremden Ländern herumtreiben kann, wenn er die Möglichkeit hat, schön zu Hause zu hocken.

Dennoch habe ich Die Bezirksstadt mit großem Genuss gelesen. Vielleicht lag es am Wiedererkennungseffekt, vielleicht an der bissigen aber doch liebevollen Schilderung, jedenfalls auch an der gelungenen Übersetzung von Antonín Brousek, der in einem umfangreichen Anmerkungsapparat all die Referenzen auf die Vorkriegszeit und auf tschechisch-österreichisch-ungarische Kultur ausführlich erklärt.

Und, um den Bogen zu einem versöhnlichen Abschluss hinzubekommen, so banal und langweilig die Welt 1913/14 gewesen sein mag, danach ging es erst einmal bergab in Tschechien. Wenn man an den Ersten und Zweiten Weltkrieg, die deutsche Besatzung, den Holocaust (Karel Poláček starb 1945 im Konzentrationslager) und die kommunistische Diktatur denkt, dann erscheint die Zufriedenheit der Spießbürger mit ihrem friedlichen Kleinstadtleben gar nicht so abwegig. Nur dem Antisemiten hätten sie besser mal rechtzeitig eins auf die Mütze gegeben.

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„Martin Eden“ von Jack London

Jack London ist bekannt für Geschichten über Schatzsucher, Walfänger und Vagabunden. Sein schönstes Werk ist jedoch ein feinfühliger Roman über einen Seemann, der merkt, dass mehr in ihm steckt und der sich deshalb um Bildung und sozialen Aufstieg bemüht und schließlich zum Schriftsteller wird.

Während Der Ruf der Wildnis oder Wolfsblut fast jedem deutschen Leser ein Begriff sind, ist Martin Eden, wie der junge Mann sowie das Buch heißt, im Westen eines der unbekannteren Werke Jack Londons. Das verwundert, denn in anderen Sprachkreisen ist es ein Kultbuch. Von Armenien bis Albanien, von Russland bis in die Türkei habe ich immer wieder begeisterte Leser getroffen.

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Dem dtv-Verlag sei gedankt für die Neuauflage, die Martin Eden hoffentlich auch hierzulande bekannter macht. Die Neuübersetzung durch Lutz-W. Wolff bleibt viel näher am englischsprachigen Original, allerdings fand ich die alte Übersetzung von Erwin Magnus fast besser, auch wenn er sich einige Freiheiten herausgenommen hatte.

Obwohl es mir wahrlich nicht an Lesestoff mangelt, lese ich diesen Roman alle paar Jahre. Es ist eines der wenigen Bücher, wo ich mich mit dem Protagonisten weitgehend identifizieren kann. Und so ist es auch eine nützliche Lektüre für diejenigen Leser und Leserinnen, die mich verstehen wollen.

Wichtig an Martin Eden ist der Klassenaspekt und dass dieser überwiegend mit Bildung, nicht mit Materiellem, gezeichnet wird. Martin will der Arbeiterklasse nicht deshalb entfliehen, weil sie rauh und arm ist und er schuften muss, sondern weil ihn die Arbeit und die ewig gleichen Unterhaltungen geistig nicht fordern. Als er durch eine Zufallsbekanntschaft in die Schichten gelangt – allerdings immer nur als Gast -, in denen man Bücher liest und Gedichte rezitiert, lebt er auf und beginnt, sich fieberhaft und im Selbststudium fortzubilden.

Dazu kommt das Schreiben, das von seinen Zeitgenossen als sinnlos angesehen wird, weil es kein Geld einbringt. „Such dir doch eine Anstellung“, ist die ständige und einfallslose Empfehlung seiner Familie und der Freundin, die ihn letztendlich verlässt, weil er sich kein Haus leisten kann, wo sie zusammenziehen könnten. Selbst unter den Leuten, die vorgeben, ihn zu verstehen, bleibt er vollkommen unverstanden. Dabei müssten sie nur seine Artikel lesen. Aber sie sind ausschließlich daran interessiert, wieviel er damit verdient. Erst am Ende, als es zum schriftstellerischen Durchbruch kommt, stehen die bis dahin abschätzige Familie und die Freundin wieder auf der Matte, mit all der Verlogenheit, die Bourgeoisie und Arbeiterklasse in diesem Fall vereint.

Martin selbst findet schon lange bei niemandem mehr Halt. Bei der Arbeiterklasse nicht, weil ihm Alkohol und Boxkämpfe nicht ausreichen, aber auch beim Bildungsbürgertum nicht, weil deren Wissen nur theoretisch und angelesen ist, und die Anwälte und Richter und Banker nichts von der Welt gesehen haben und nichts vom Leben des Großteils der Bevölkerung wissen (wollen). Martin, der Seeman und Bücherwurm, vereint beides, aber damit ist er allein.

Dieses Dilemma kann nicht aufgehen, aber dennoch ist das Buch nicht deprimierend, was vor allem an der wunderbaren Sprache und der Poesie liegt, die allerdings im englischen Original noch weit besser zur Geltung kommt als in den beiden deutschen Übersetzungen.

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Nur ein Satz zum Faschingsdienstag

Mit guten, aufrichtigen und angesichts des sich schon längere Zeit ohne das Ablegen von Prüfungsleistungen hinziehenden Geschichtsstudiums durchaus notwendigen Vorsätzen im Herzen, im Kopf oder wo auch sonst Vorsätze sitzen, wenn sie sich nicht verstecken, sowie mit Unterlagen zur Geschichte der Arbeit im vorindustriellen Europa, die ein gutes Beispiel dafür sind, was universitäre Studien im besten Fall erreichen, weil sie über Homer und Hesiod, Cato und Cicero, die Benediktiner und Berthold von Regensburg, Menius und Marx hinausgehend und epochenübergreifend immer wieder die Rolle von Arbeit in der Gesellschaft zu thematisieren versuchen, was durchaus nicht unaktuell ist, in der Hand

mache ich mich auf den Weg in die Provinzialbibliothek in Amberg, die dank der Säkularisation eine staatliche Bibliothek geworden und es seither geblieben ist, so dass ich mich in der Pracht des einst kirchlich durch Vorgaukelung des Bestehens von Himmel und Hölle und des vollkommen unseriösen Angebots, einen Weg in ersteren zu bieten, das mit der tatkräftig geschürten Furcht vor letzterer einherging, finanzierten und unten abgebildeten Lesesaals jetzt ganz ohne Ordens-, Kirchen- oder Sektenzugehörigkeit wohlfühlen kann beziehungsweise könnte,

wenn nicht meine zielgerichteten Schritte wenige Zentimeter vor der Tür durch ein an derselben angebrachtes und das Nichtöffnen derselben erklärendes Schild gestoppt würden und ich mich stattdessen mit der Erklärung zufrieden geben muss, dass das Bücherdepot am Faschingsdienstag ganztägig geschlossen sei, was mich zuerst erschaudern lässt, weil ich „Faschistendienstag“ gelesen und eine feindliche Übernahme der Bibliothek befürchtet habe, dann ratlos darüber lässt, was der Zusammenhang zwischen Fasching und Bibliotheksschließung sein soll, wo doch gerade an Tagen mit so nervigen und absurden Umzügen, Kostümen und Tralala ein Refugium der Vernunft dringend geboten wäre,

und mir schließlich und glücklicherweise einfällt, dass der 25. Februar auch ein viel höherer und in meinem Wertesystem sogar meinen eigenen Geburtstag weit übertreffenden allerhöchsten Feiertag beherbergt, nämlich den Tag der Hypotaxe oder, um hier nicht mit Fremdwörtern zu prahlen und Sprache als Distinktionsmerkmal zu missbrauchen, den Tag des Schachtelsatzes, dieses Meisterwerks, das, soweit ich es überblicken kann und worin ich durch weitgereiste und vielsprachige Leserinnen und Leser gerne korrigiert würde, in der deutschen Sprache sein willkommendstes Zuhause gefunden hat,

woraufhin der Entschluss fällt, anstatt in die als Option sowieso ausscheidende Bibliothek in den nahegelegenen Malteserpark zu gehen und ganz unabgelenkt von in meiner Heimatstadt leider nicht vorhandenen mobilen Currywursteinzelhändlern dem Star des heutigen Tages eine kleine, sich bescheiden auf einen Satz beschränkende Eloge darzubieten,

was mangels Vorbereitung, Plan oder Drehbuch unweigerlich nur in der vorliegend bereits als Ergebnis zu betrachtenden „stream of consciousness“-Methode zu bewerkstelligen ist, weshalb jegliche Hoffnung auf Spannung, sinnvollen Inhalt oder gar zielorientierte Struktur sogleich fallen zu lassen ist,

und stattdessen, so zumindest die unverbindliche Empfehlung des Autors, dieser Text wie eine Jazz-Symphonie von Schostakowitsch zu genießen ist, bei der man während des Konzertbesuchs manchmal innerlich vor Freude jauchzt, aber sich andere Male ebenso innerlich und heimlich fragt, wie lange es denn noch dauern wird, sich aber immer sicher sein kann, dass es ein Ende geben wird bevor die Musiker beziehungsweise der Schreibende vom Stuhl fallen beziehungsweise fällt,

wobei mir bei diesem Vergleich schmerzlich bewusst wird, dass die Leserinnen und Leser viel leichter als die KonzertbesucherInnen, was eine perfekte Vorlage für einen Ausflug in die geschlechtergerechte Sprache anböte, der wegen Verästelungs- und Verirrungsgefahr in diesem sowieso schon labyrinthgleichen Text nicht eingeschlagen wird, sondern sich darauf beschränkt, anzumerken, dass mir aufzufallen scheint, dass die Vertreter und Vertreterinnen der Forderung, bei Berufs- oder anderen Menschenbezeichnungen zumindest die beiden wesentlichen Geschlechter abzubilden, dies meist bei positiv oder neutral besetzten Wörtern beziehungsweise Wortpaaren wie Schülerinnen und Schüler oder Bürgerinnen und Bürger praktizieren, aber weit weniger erpicht darauf sind, den Diktatorinnen und Diktatoren oder Terroristinnen und Terroristen den gleichen gleichberechtigenden Respekt zu erweisen, den sich eigentlich fest vorgenommenen Kulturgenuss abbrechen können und durch leichte Kost wie den Griff zu einem lustigen Taschenbuch von Disney oder einem weniger lustigen von Coelho ersetzen können,

und als weiterer Unterschied die trübe Tatsache hinzutritt, dass ich den Füller nicht in einem eleganten Konzertsaal schwinge, sondern in Kälte und Nieselregen auf einer vielleicht einen verkorksten modernistischen Designpreis gewonnen habenden aber niemals einen Gemütlichkeitspreis gewinnen würdenden Bank aus Metallrohren zu frieren beginne und daher befürchte, nicht, wie eigentlich geplant oder zumindest als mögliches Endergebnis offen gehalten habend, einen fast noch jungfräulichen beziehungsweise jungmännlichen 80-seitigen Schreibblock so vollzuschreiben, dass ich just auf dem letzten weißen Blatt mit den Gedanken und der Tinte zu Ende komme,

was mich leider ungedulds- und ablenkungsfördernd an den vor zwei Jahren in, was zugegebenermaßen im Vergleich mit Amberg im Februar kein hoher Maßstab ist, interessanteren Gefilden und gemütlicherer Umgebung zum gleichen Anlass erstmals gestarteten Versuch, dessen Ergebnis ich hiermit unverschämt selbstreferentiell verlinke, dessen Lektüre ich jedoch bitte, zur ununterbrochen fortzusetzenden Lektüre dieses Textes hintanzustellen, erinnern lässt

und die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Aufenthaltsort und Schreiben und Geschriebenem stellt, bezüglich derer ich nicht nur selbst die Beobachtung gemacht habe, dass ich an unterschiedlichen Orten unterschiedlich kreativ und produktiv bin und dass Plattenbauten in Osteuropa insbesondere im für stundenlange Spaziergänge zu kalten Winter produktionsfördernd sind,

sondern dies zu der Theorie ausgeweitet habe, dass es eben wegen der klimatischen Verhältnisse mehr gute Literatur aus Russland und Skandinavien als aus Tuvalu und Fiji gibt, nicht ohne, um aus den vielen möglichen Kritikpunkten an dieser zugegeben nicht weit, lange oder tief durchdachten These nur einen herauszugreifen, zuzugestehen, dass mich Eurozentrismus zu einer falschen Einschätzung und Bewertung der Literaturen dieser Welt verleiten mag, und mir jetzt außerdem einfällt, dass Sizilien und Israel schon ziemlich gute Literatur hervorgebracht haben, ich also keine Ausrede habe, wenn ich die nächsten Monate, die ich auf einer Insel im Atlantik verbringen werde, nicht weiterhin punktlos und kommareich schreibend produktiv sein werde, sondern umgebungsinspiriert Geschichten von Walfängern, Piraten und Vulkanausbrüchen liefern muss, falls bis dahin auf dem nichtinsulären Festland überhaupt noch jemand das aktuelle Coronavirus überlebt haben wird,

welches düstere Gedankenspiel hier nicht weiter verfolgt werden soll, weil mir schon zu oft der Vorwurf gemacht wurde, es ginge in meinen Geschichten zu düster, pessimistisch oder gar morbide zu, was bei persönlichen Begegnungen manchmal zu der überraschenden Erkenntnis beim Gegenüber führt, dass ich ganz umgänglich und sogar lustig sein kann, allerdings nur kann und nicht immer will, und in diesem Zusammenhang gleichzeitig Warnung und Entwarnung gegeben werden muss, dass ich zwar viel und gerne erzähle, dies aber gewöhnlich in gemäßigterem Satzbau tue, weil sonst auch bei mir Kopfschmerzen einsetzen würden,

wobei ich jetzt aktiv schreibend schon weiter in dieses seinen Umfang, geschweige denn sein Ende, noch nicht abzusehendes Syntaxgewirr vorgedrungen bin als ich es passiv lesend je in dem ähnlich kunstvoll verschwurbelten „Joseph und seine Brüder“ des Großmeisters Thomas Mann geschafft habe, wobei ich mich keinesfalls auf die gleiche Stufe mit dem vorgenannten und von mir hochgeschätzten Autor, dessen Radioansprachen an die deutsche Nation der Hörerschaft, womit, wie der aufmerksamen Leserschaft nicht entgangen sein wird, die oben kurz angerissene aber nicht im Ansatz zufriedenstellend beantwortete Frage nach den bei Substantiven das Geschlecht anzeigenden anzuwendenden Endungen geschickt umgangen wird, ein Maß an Aufmerksamkeit und Konzentration abverlangten, das heutzutage keine Radio- oder Fernsehsendung beim Publikum als bestehend oder aktivierbar vermutet, was doch ein trauriges Urteil über unsere Zeit ausstellt, stellen möchte, und das nicht nur, weil er schon tot ist und ich quicklebendig, wenn auch dessen manchmal überdrüssig, bin,

sondern dazu ermuntern möchte, all die Tweets und grässlich verstümmelten Kurznachrichten hinter sich zu lassen und zu richtig guter Literatur zu greifen, die Ihr wahrscheinlich auf dem Dachboden, in den Tiefen des Bücherregals, einem jener Bücherschränke, die aus den nicht mehr zu ihrem ursprünglichen Zweck genutzten Telefonzellen umfunktioniert wurden, einer öffentlichen und nach dem sehnlichst erwarteten und hoffentlich baldigen Abschluss der Faschings-, Karnevals- oder je nach Region anderweitig bezeichneter angeblich närrischer und dabei gar nicht komischer Feierlichkeiten dann wieder geöffneten Bibliothek oder notfalls bei einem der die Innenstädte aussterben und veröden lassenden Buchversandhändler findet,

wonach der Autor sich fragt, wie zum heiligen Grammatikus er noch den Bogen zum Schluss, den vermutlich die meisten Leserinnen und Leser, die die Lektüre frohgemut begonnen aber bald erschöpft aufgegeben haben, nicht erleben werden, schlagen wird, wozu ihm nur einfällt, das im Laufe dieser Niederschrift zu Tage tretende Hirngespinst in den Dank des Internets weltweiten und auch die Deutschsprachigen in Übersee erreichenden Raum zu stellen, in ebendiesem vorliegenden Stil Geschichten oder gar ein Büchlein voll derselben anzufertigen, zu drucken beziehungsweise drucken zu lassen und unter das erwartungsgemäß sehr kleine, sich dafür jedoch umso elitärer fühlen dürfende Publikum und damit selbiges zur Verzweiflung zu bringen,

einem Gemütszustand, der sich beim Autor, der damit zumindest für sich selbst überzeugend bewiesen hat, dass Schreiben Arbeit ist, womit, um unelegant darauf hinzuweisen, ganz elegant der Bogen zum Eingangs-, fast hätte ich geschrieben -satz, aber wir sind ja noch im ersten, gleichen, selbigen und einzigen, also -gedanken geschlagen ist, gastrisch niederschlägt, weshalb dieser jetzt den Schreibblock zu- und dafür den Weg zur Bäckerei einschlägt, die hoffentlich nicht vom Vortag so betrunken wie die Bibliothekare und Bibliothekarinnen ist, um ganztägig die Tore vor der zahlungs- und damit eine drohende Rezession abzuwenden bereiten Kundschaft verschließen zu müssen.

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So wird das mit dem Klimawandel enden

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Viele große Diskussionen sind im Grunde eine Debatte zwischen Optimisten und Pessimisten – mit ein paar selbsterklärten Realisten, die irrigerweise annehmen, über diesen Kategorieren zu stehen. Das gilt auch für den Klimawandel.

Werden wir CO2-neutrale Technologien entwickeln? Oder können wir das Kohlendioxid  sequestrieren? Wo? Wie werden wir das finanzieren? Können wir Städte verlegen, die vom steigenden Meeresspiegel und von Stürmen bedroht sind? Können Wind- und Solarenergie genug Strom produzieren? Werden Öl und Kohle nicht sowieso irgendwann ausgehen? Können wir Emissionen einsparen, indem wir alle weniger Tage pro Woche arbeiten?

Tatsächlich glaube ich, dass diese Fragen nicht so relevant sind wie sie erscheinen. Die Zukunft unserer Erde wird nicht von Technologie abhängen, sondern vom menschlichen Verhalten.

Werden wir innehalten und weniger konsumieren und produzieren? Werden wir denjenigen helfen, die von Fluten und Dürre vertrieben werden? Werden wir unter der Bedrohung gleichzeitig defensiver und aggressiver werden? Oder mitfühlender und kooperativer? Werden die Reichen (darunter praktisch alle Leser dieses Blogs) sich um die Armen kümmern oder sich in ein Refugium zurückziehen?

In den letzten Jahren, während sich der Planet so schnell aufheizt wie nie zuvor, habe ich mich das öfters gefragt. Dabei werde ich immer skeptischer, je mehr die Bevölkerung wächst und die Menschen weiterhin ungezwungen fliegen und Autos fahren und Steaks essen. Dazwischen erkenne ich manchmal Hoffnungsfünkchen an Optimismus, aber diese werden gleich wieder durch den Auspufflärm der immer größer werdenden Autos überdröhnt.

Dann stieß ich auf ein Buch, ein wunderbares Buch über ein schreckliches Ereignis. Und jetzt glaube ich zu wissen, wie alles enden wird. Die lehrreiche Lektüre war das Buch von Swetlana Alexijewitsch über die Katastrophe in Tschernobyl. Alles darin läßt einem die Haare zu Berge stehen (bevor sie verfrüht ausfallen), aber am meisten die Unbekümmertheit und die absichtliche Ignoranz der Menschen, die, so fürchte ich, nicht auf diejenigen beschränkt ist, die damals in der Nähe des Atomkraftwerks lebten.

Alles ging seinen Gang: Pflügen, Säen, Ernten. Etwas Unvorstellbares war geschehen, aber die Leute lebten, wie sie immer gelebt hatten.

Es lag nicht daran, dass man nicht um die Radioaktivität wusste. Sondern das Problem war so gravierend, dass man es ausblenden musste, um überleben zu können. Auch wenn es nur mehr ein Überleben für einige Jahre sein würde.

Unsere Nachbarn legten in dem Jahr neue Fußböden aus einheimischem Holz. Man maß nach: Die radioaktive Strahlung war 100mal höher als zulässig. Keiner hat den Fußboden wieder herausgerissen, sie wohnen immer noch damit, nach dem Motto: Es wird schon irgendwie gehen, alles löst sich von selbst.

Nun werden manche einwenden, dass sich das in der Sowjetunion abspielte und in einem marktwirtschaftlichen System ganz anders laufen würde. Aber nein! Es waren gerade materielle Motive, die die Menschen die Gefahr, ihre Gesundheit, ihre Familien vergessen ließen. Jemand aus dem Tschernobyl-Museum erzählt:

Es gab einen Moment, da die Gefahr einer thermonuklearen Explosion bestand, und man musste das schwere Wasser aus dem Reaktor ablassen, damit er nicht da hineinstürzte. Schweres Wasser ist eine direkte Komponente des Kerntreibstoffes. Können Sie sich das vorstellen? Die Aufgabe lautete: Wer taucht in das schwere Wasser und öffnet den Schieber des Ablassventils? Man versprach Auto, Wohnung, Datscha und finanzielle Versorgung der Familie bis ans Lebensende. Man suchte Freiwillige. Und sie fanden sich! Die Jungs tauchten, tauchten mehrere Male, öffneten den Schieber, und die Truppe bekam 7000 Rubel dafür. …

Die Männer leben heute nicht mehr.

Gut, das könnte man noch als jugendlichen Heldenmut abtun. Aber auch weit nach der Katastrophe lassen sich die Menschen vom Geld leiten:

Der Boden war ungleichmäßig verseucht, in einer Kolchose gibt es sowohl „saubere“ als auch „schmutzige“ Felder. Die, die auf „schmutzigen“ Feldern arbeiten, bekommen mehr ausgezahlt, und alle wollen dahin. Auf den „sauberen“ will keiner arbeiten.

Wenn in einem Dorf die Evakuierung in einer Woche angekündigt wurde, dann haben die Menschen noch die ganze Woche Stroh gepresst, Gras gemäht und Gemüse geerntet.

Versuche da einer zu erklären, dass man die Gurken und Tomaten nicht essen darf! Was soll das heißen? Die schmecken doch ganz normal. Und der Mensch ißt sie, und sein Magen tut davon nicht weh.

Dabei war es nicht so, dass es keine warnenden Stimmen gab. Ein Lehrer erzählt von einer Runde von Eltern, in der eine Ärztin die anderen Eltern auffordert, wenigstens die Kinder zu Verwandten zu schicken. Weg aus Tschernobyl.

Ich glaube, alle in der Runde empfanden ähnlich: Sie bringt Unruhe hinein. …

Wie wir sie damals gehaßt haben! Sie hatte uns den Abend verdorben.

Und genauso werden sich die Menschen weiterhin verhalten. Sie werden weiter kaufen und produzieren, arbeiten und sich vermehren. Sie werden die Augen verschließen vor allem, was kompliziert ist und sich in schalen Materialismus retten. Selbst der letzte Mensch wird noch stolz Besitz zusammenraffen.

So banal wird das Ende sein.

Weil wir so dumm sind.

Und das, um auf die Eingangsfrage zurückzukommen, ist mein optimistisches Szenario.

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