Unser Zwangsarbeiter

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Vor kurzem weilte ich mal wieder bei meinem Vater in Bayern, wo es sehr formlos zugeht und man die Füße auf den Tisch legen und in der Wohnung rauchen darf. Wir waren beide in die Lektüre vertieft, mein Vater in die der Süddeutschen Zeitung, ich in die eines Buches über das Ende der Sowjetunion, als ich mir eine Zigarre aus der auf dem Wohnzimmertisch stehenden Schatulle angelte.

Es ist ein Holzkästchen, filigran verarbeitet, mit Intarsien aus Bernstein, wie ich immer annahm, das sich aber beim näheren Hinsehen als Stroh herausstellte. Die Schatzkiste ist schon ein bisschen abgegriffen, aber man erkennt, dass sich hier liebevolle Handarbeit mit auf generationenübergreifende Qualität angelegter Handwerkskunst gepaart haben.

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„Schöne Kiste“, sagte ich anerkennend, zum einen weil sie mir wirklich gefällt, zum anderen weil Eltern gerne hören, dass einige der Gebrauchsgegenstände, für deren Erwerb sie einst am Fließband standen oder in den Kohlenschacht einfuhren, von den nachfolgenden Generationen geschätzt werden anstatt unmittelbar nach dem Ableben des Ersterwerbers dem Wertstoffhof oder der Tante, die Nachlässe auf dem Flohmarkt verkauft, zugeführt werden.

„Die Kiste stammt von Dimitri“, sagte mein Vater kryptisch. Wir haben zwar Schreiner und andere Holzkünstler, aber keinen Dimitri in der Verwandt- oder Bekanntschaft. Meine Verwunderung bemerkt habend, fuhr er fort: „Das war ein sowjetischer Kriegsgefangener, der auf dem Bauernhof meiner Großeltern im Bayerischen Wald lebte.“

Das klingt so nach Urlaub auf dem Bauernhof, aber mich täuscht das nicht: „Also ein Zwangsarbeiter?“

„Ja, gewissermaßen“, gibt mein Vater zu, der, und das muss man bei Angehörigen dieser Generation ja mittlerweile lobend erwähnen, durchaus kein Geschichtsrevisionist ist.

Wir reden uns beide ein, dass die Familie nichts dafür konnte, weil die Kriegsgefangenen vielleicht als Zwangsarbeiter zugewiesen wurden, und dass es Dimitri, von dem sonst gar nichts bekannt ist, auf dem Bauernhof bei Kötzting sicher besser ging als in einem Bergwerk, einem Rüstungsbetrieb oder einem Konzentrationslager. Aber schockierend finde ich es schon. Wenn sogar eine kleine Bauernfamilie mit ein paar Kühen einen Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs hatte, wieviele andere Familien und Betriebe im Deutschen Reich hatten dann welche? Ich glaube, die Keksprinzessin ist nicht allein mit ihrer Unwissenheit.

Und wie immer beim Thema Nationalsozialismus: Je mehr man darüber liest, umso schlimmer wird es. Erstens wurden nicht nur Kriegsgefangene zur Arbeit verpflichtet, sondern auch Millionen von osteuropäischen Zivilisten ins Deutsche Reich verschleppt.

Zweitens führte Deutschland den rassistisch motivierten Vernichtungskrieg gegen sowjetische Kriegsgefangene weiter. Diese wurden systematisch unterernährt und schlechter behandelt als westeuropäische oder nordamerikanische Gefangene. Etwa die Hälfte von ihnen kam in deutscher Gefangenschaft ums Leben.

Drittens wurden die überlebenden sowjetischen Kriegsgefangen nach ihrer Befreiung im Mai 1945 in der Sowjetunion stigmatisiert, als Verräter und Kollaborateure betrachtet und kamen oft erneut in Arbeitslager. Die Gefangenschaft war ein lebenslanger Makel und wurde sowohl öffentlich als auch in den Familien tabuisiert.

Und viertens verweigerten die Nachfolgestaaten des Deutschen Reichs bis in die 1990er Jahre jede Entschädigung für zivile Zwangsarbeiter. Erst im Jahr 2000 wurde die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ für diese Aufgabe gegründet. Da waren die meisten schon verstorben. Die Kriegsgefangenen wurden überhaupt nie entschädigt.

Was wohl aus Dimitri geworden ist?

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Zwei Kätzchen in Kiew

Nachdem ich den vergangenen Winter in Kanada verbracht habe, würde man es mir verzeihen, wenn ich dieses Jahr ein wärmeres Ziel ausgesucht hätte, wie Zypern oder Ceylon. Aber dann erhielt ich einen Anruf von zwei Kätzchen in der Ukraine, denen ich nicht widerstehen konnte.

Stella & Stuart

Stella und Stuart sind erst fünf Monate alt, ich übernehme also eine viel größere Verantwortung als bei der Pflege von erwachsenen Katzen. Sie befinden sich noch in den prägenden Monaten, und ich werde ihnen ein gutes Beispiel sein müssen: gesunde Ernährung, fleißig studieren, früh zu Bett gehen und ein rundherum anständiger Lebenswandel.

Ich freue mich besonders über diesen Auftrag, weil es nur selten Housesitting-Angebote aus Osteuropa gibt, obwohl ich gerne mehr Zeit dort verbringen würde. Und in der Ukraine war ich noch nie, es wird also alles neu und spannend für mich!

Vom 14. Dezember bis 5. Januar werde ich in Kiew sein, und danach habe ich hoffentlich noch Zeit, ein bisschen mehr von der Ukraine zu sehen. Weil ich mit dem Zug oder per Anhalter fahre, werde ich auf der Hinreise auch einen Halt in Lemberg einlegen.

Für diejenigen, die sich in Kiew auskennen, die Wohnung ist in der Nähe der Metro-Station Schytomyrska. Mir ist aufgefallen, dass das ziemlich in der Nähe von Babi Jar liegt, was schon ein grausamer Gedanke ist. Aber andererseits studiere ich Geschichte mit einem besonderen Interesse am 20. Jahrhundert und an Osteuropa, so dass ich mich langsam an das gewöhnen sollte, woran man sich nie gewöhnen kann.

Mit Katzen, Schreiben und Studium werde ich ziemlich beschäftigt sein, aber falls jemand aus Kiew mitliest, würde ich mich über einen Kontakt freuen. Schließlich will ich in den freien Stunden nicht nur planlos durch die Stadt laufen, sondern vor allem etwas über das Leben in der Ukraine erfahren, über Geschichte und Politik diskutieren, und am Ende mehr verstehen als am Anfang.

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Und jetzt muss ich Kyrillisch lernen

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Möchtest du eine Postkarte?

Ihr wärt überrascht, herauszufinden, wie schwer es vielerorts geworden ist, noch Postkarten zu finden. Aber für Euch, geschätzte Leserinnen und Leser, mache ich mich auf die Suche nach diesen Relikten vergangener Zeiten.

€10,00

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„Alleinsein“

„Ich will einfach mal ein bisschen allein sein“, sagte die Freundin, bevor sie sich durch außerordentliche Kündigung zur Ex-Freundin machte und sogleich ins Fitness-Studio rannte, einen Stadtbummel machte, zum Abendessen in ein belebtes Restaurant ging, sich zum Spanischkurs anmeldete, einen Flug nach Lissabon buchte, dazwischen whatsappte und instagrammte und am Abend noch Mama, Schwester, Freundinnen und Kolleginnen anrief, um von ihrem Tag zu erzählen.

Ich ging währenddessen allein durch den Wald. Das war immer etwas, das die Ex-Freundin, die jetzt „Zeit für sich selbst braucht“, ganz sonderbar fand.

Andres Moser forest WHW

Vielleicht sollte man – wenn überhaupt – nur eine Beziehung eingehen mit einem Menschen, der wirklich allein sein kann. Bei allen anderen weiß man nie, ob man nicht nur zum Zeitvertreib während einer Krise dient. Wenigstens dauerte diese aufgrund meiner geschätzten Analysefähigkeit und meinen einleuchtenden Ratschlägen nicht zu lange. Gern geschehen.

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Morgens schaurig, nachmittags schön

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Unter den verwunderten Augen derer, die in warme Büros, Schulen und Geschäfte fahren, steige ich am Signal de Botrange als einziger aus dem Bus. Weil die Uhr am vergangenen Wochenende durchgedreht hat, weiß die Sonne noch nicht so recht, ob sie aufstehen oder nochmals den Snooze-Button drücken soll. Hinter den Wolken wabert sie in einem Interimszustand.

694 Meter hören sich nicht nach viel an, aber ich bin am höchsten Punkt Belgiens. Und deshalb ist es nicht nur eiskalt, sondern auch extrem windig. Im Frühjahr hatte ich die dicke Jacke, Mütze und Handschuhe übermütig in Kanada zurückgelassen, weil ich dachte, dass es in Europa niemals so kalt werden würde. Dafür schlottere ich jetzt wie am Nordpol. Bald werden die Hände rot, die Finger frieren ein, und ich kann den Kugelschreiber kaum mehr halten, geschweige denn leserlich schreiben.

Auf einer Aussichtsplattform steht ein deutlich besser ausgestatteter und in Wolle einpackter Mann, der nach Vögeln Ausschau hält. Sogar seine Ferngläser sind besser gegen den Wind geschützt als ich.

Ornithologe Hohes Venn

„Heute ist kein guter Tag“, erklärt er. Ein schlechtes Omen. „Die letzten Tage hatten wir zu viel Westwind. Jetzt fliegen die Vögel über die Eifel. Aber am Donnerstag haben wir hier 12.000 Kraniche gesehen.“ Die Vögel sind nämlich schlauer, die ziehen jetzt in den Süden.

Als der Ornithologe hört, dass ich zum ersten Mal im Hohen Venn bin, geht er mit mir zur nächsten Holztafel mit Wanderkarte, auch auf die Gefahr hin, Tausende von Vögeln zu verpassen. Er empfiehlt eine Umrundung des Kerngebiets des Hohen Venn. „Sie sind ja gut zu Fuß“, schätzt er mich richtig ein und übersieht großzügig meinen unzureichenden Schutz gegen die beissende Kälte.

Eigentlich wollte ich ganz woanders hin, aber: „Auf diesem Weg bekommen Sie den besten Eindruck vom Venn.“ Der Begriff kommt vom niederländischen Wort für Moor, und das Hohe Venn ist naheliegenderweise ein Hochmoor. Diese sind bekanntlich noch gefährlicher als Tiefmoore, so wie der Sturz aus einem Hochhaus tödlicher ist als der Sturz in der Tiefgarage.

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Da der Vogelmann anscheinend öfter hier ist, erkundige ich mich nach der besten Zeit für Wanderungen. „Jetzt ist es eigentlich am schönsten“, antwortet er, während ich vor Kälte bibbernd auf nebelverhangene Wiesen blicke. „Im Frühjahr ist zu viel gesperrt. Im Sommer herrscht Brandgefahr. Jetzt im Spätherbst sieht das Venn so aus, wie es sein soll.“

Ich ändere meinen Tagesplan, denn wer weiß, wohin wieviele Vögel an welchem Tag fliegen, der kennt auch die besten Wanderwege.

Besonders farbenfroh ist die Landschaft nicht. Vielleicht ziehen die Vögel nur aus Langeweile nach Sizilien oder Marokko.

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Nur die Aasgeier können eigentlich hier bleiben. Immer wieder stoße ich auf Kreuze, die von Wanderern berichten, die erfroren sind, erschossen wurden oder deren Skelette im Sumpf stecken.

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Letzteres Kreuz gilt den Verlobten Maria Solheid und François Reiff, die im Januar 1871 alle Warnungen in den Wind schlugen und sich mit unzureichender Kleidung auf den Weg durch das Hohe Venn machten. Der Plan kommt mir bekannt vor. Die Leichen der beiden wurden erst im März 1871, nach der Schneeschmelze, gefunden.

Auf der Informationstafel am Kreuz der Verlobten steht: „Im Notfall rufen Sie die Nr 112 an. Um Ihre genaue Position anzugeben, teilen Sie die RVP-Nr 430007 mit.“ Alles sehr organisiert und durchdacht, aber das Handy hat keinen Empfang.

Ich in mir nicht sicher, ob ich die Verlobtenstory glaube, denn das Kreuz steht verdächtig nah am Grenzstein Nr. 151, auf dessen einer Seite ein großes B für Belgien und auf der anderen ein großes P für Preussen steht. Vielleicht waren es Schmuggler? Oder Spione?

Grenze Belgien
Grenze Preussen 2

Die kaum bewohnte Landschaft bot sich schon immer für Grenzen an, zwischen den Fürstentümern von Lüttich und Stavelot-Malmedy, zwischen den Herzogtümern von Luxemburg, Limburg und Jülich, zwischen den Niederlanden und Preussen, dann zwischen Belgien und Preussen und schließlich zwischen Belgien und Deutschland.

Geschmuggelt wird dank der Europäischen Zollunion nicht mehr, aber im Moor versinken kann man noch immer.

Warnung

Ich passe also ein bisschen besser auf als sonst und gucke mehr auf den Boden als in den grauen Himmel. An besonders gefährlichen Stellen sind Holzstege verlegt, flankiert von selbst bereits versinkenden und verfallenden Wegen. Zwei Arbeiter bessern den aktuellen Weg aus und erklären mir, dass besonders beim großen Feuer im April 2011 viele Pfade zerstört wurden. Gut, dass ich gerade keine Zigarre im Mund habe, als ich ihnen begegne.

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Gearbeitet wird übrigens nicht nur an den Wegen. Die ganze Landschaft wurde umgestaltet, um sie (wieder) sumpfig zu machen. Zwischen 2007 und 2012 wurden etwa 3000 Hektar renaturiert. Fichten wurden abgeholzt. Die oberste Bodenschicht wurde abgetragen, damit wieder Heidekräuter wachsen. Alte Moore wurden wiedervernässt. Man fühlt sich ein bisschen wie auf einer Baustelle, nicht wie in der Natur. Aber was ist schon Natur? Vor 2000 Jahren war die Gegend mit Wald bedeckt, und erst ab dem Mittelalter führte die agropastorale Bewirtschaftung zu einer Heidelandschaft. Das so entstandene Moor wurde später entwässert, um Torf zu stechen. Renaturierung ist also meist das Herstellen eines willkürlich aus der Zeit gegriffenen Zustands, keinesfalls aber eines natürlichen Urzustandes.

Der Rundweg von mehreren Stunden verläuft ereignislos. Keine Moorleichen. Keine Irrlichter. Und dem Hund von Baskerville ist das Betreten sowieso verboten.

Hunde verboten

Wandern ist zwar nicht ganz verboten, aber durch die Holzplanken ist der Weg ziemlich vorgegeben. Für ansonsten Orientierungslose mag das hilfreich sein. Ich selbst, der ich gerne wild wandere, fühle mich dabei zu sehr geführt, geleitet, wie ein Zug auf Schienen.

Ohne wirklich eine andere Wahl zu haben, lande ich so an der Baraque Michel, wieder an der Hauptstraße durch das Hohe Venn. Das Haus stand allerdings schon lange vor der Straße. Damals war das Hohe Venn noch wirklich gefährlich. 1794 versank beinahe ein Michael Schmitz und gelobte für den Fall seines Überlebens, dass er sich um die Errettung von Mooropfern kümmern wolle. Er überlebte tatsächlich und baute eine einfache Behausung, die Baraque Michel genannt wurde. Seine Kinder setzten die Arbeit fort, und im Laufe der Zeit wurden mehr als hundert Menschen gerettet. Durch Spenden von Geretteten wurde das Haus immer größer, und mit dem Geld wich die Barmherzigkeit dem Kapitalismus. Verirrte Wanderer werden jetzt nicht mehr gerettet, sondern um 28 € für ein flambiertes Hirschkalbsteak mit Cognac- und Sahnesoße erleichtert.

An der Fischbach-Kapelle erkennt man noch, dass es neben dem Glockenturm auch einen Leuchtturm gab, beides zur Orientierung gedacht.

Kapelle Fischbach

Weniger optimistische oder leidensfähigere Zeitgenossen würden den Tag jetzt abschließen. Es ist kalt, es ist grau, es ist Mittagszeit, und von hier fährt der Bus zurück nach Eupen. Ich hingegen mache mich an den ursprünglichen Plan, die westliche Hälfte des Naturparks zu erkunden und vage nach Süden, gen Malmedy, zu wandern.

Und siehe da: Die Sonne tritt hervor. Es wird warm. Es wird grün und blau und rot und gelb. Die Bächlein blubbern glücklich. Die Zigarre erglimmt fröhlich. Die Hasen und Rehe tanzen auf den Wiesen. Der Autor springt von Stein zu Stein, um nicht zu versinken.

Nachmittag1
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Allee Herbstfarben 1
Allee Herbstfarben 2
Bach mit Herbstfarben 1

Das alles hätte ich verpasst, wenn ich nach dem miesen Vormittag die Flinte ins Korn geworfen hätte. Wer will, kann daraus irgendeine Lehre ziehen.

Apropos Flinte: Für Donnerstag ist eine Jagd angekündigt.

Jagd

So funktioniert also die natürliche Auslese. Tiere, die lesen können und einen Terminkalender haben, fahren an diesem Tag in den Urlaub. Die anderen landen in der Baraque Michel auf dem Teller.

Irgendwo im Wald steht ein verwittertes Holzschild, das den Weg zur Burg Reinhardstein weist. Weil ich sowieso nicht mehr weiß, ob ich auf dem richtigen Pfad nach Malmedy bin, begeistere ich mich spontan für die Burg. Vorbei an einem zugewachsenen Bachlauf geht es immer nach oben, bis ich einen Abhang hinaufklettern muss, der so steil und gerodet ist, dass ein falscher Schritt das komplette Zurückpurzeln und den Sturz in den Bach bedeuten würde. Eine Burg kann ich nirgendwo erkennen.

Erschöpft setze ich mich auf einen Baumstumpf, zünde eine Zigarre an und sauge Sonnenschein und Tabakschmauch auf. Und da erblicke ich sie auf der anderen Seite der Schlucht: die Burg Reinhardstein, ursprünglich aus dem Jahr 1354. Ganz bombastisch thront sie über dem Tal, im herbstfarbenen Kleid.

Reinhardstein lomo
Burg Reinhardstein nah

Gerne würde ich mir die Burg näher ansehen, die Neugier der Leser im Hinterkopf, aber je näher ich schleiche, umso mehr Schreie ertönen, einer schrecklicher als der andere. Und noch schlimmer: Es sind Kinderschreie! Wahrscheinlich die Haimonskinder, die sich noch immer vor den Häschern Karls des Grausamen verstecken.

Halloween Party Burg Reinhardstein

Durch den schon dunkel gewordenen Wald nehme ich reißaus, voller Panik. Dafür kenne ich jetzt die schönsten Orte im Hohen Venn. Das Geheimnis werde ich hüten wie das Venn die seinen.

Praktische Tipps:

  • Von Eupen fährt der TEC-Bus 394 durchs Hohe Venn. Aussteigen könnt Ihr z.B. bei der Baraque Michel oder am Signal de Botrange. Eine Fahrt kostet 3,50 €.
  • Auch per Anhalter kommt man in Ostbelgien gut voran.
  • Für Radfahrer ist der Vennbahn-Radweg interessant. Auf 125 km könnt Ihr von Aachen über Belgien nach Luxemburg radeln. Die Strecke führt entlang einer alten Bahntrasse und auch durchs Hohe Venn.
  • Auch der „Weg des Gedenkens“, ein Geschichtswanderweg, führt durchs Hohe Venn. Die 96 km sollte ich mir als Geschichtsstudent eigentlich mal gönnen.

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Goldener Herbst

Zur Zeit habe ich eine Menge für die Universität zu tun. Aber letzten Sonntag war es so warm, so sonnig und so bunt, dass ich, spontan wie ich bin, zu einem Wandersabbat aufbrach. Von Schnaittenbach nach Ammerthal, zwei unbedeutenden Dörfern in Bayern, wanderte ich etwa 30 km. Es geschah nichts Berichtenswertes. Nur ein paar Fotos habe ich mitgebracht, um Euch daran zu erinnern, raus in die Natur zu gehen, bevor es kalt und dunkel wird.

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Für die 30 km benötgte ich den ganzen Tag, vor allem weil ich mich immer wieder zu einer Rast verführen ließ.

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Bei diesem Haus am See war die Verlockung gar groß, die ganze Nacht zu bleiben. Es war leer, aber die Tür stand einladend offen. Nur die kitschigen Herzen haben mich abgeschreckt.

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Der deutsche Weltraumbahnhof im Kongo

Manchmal ist es schlau, in einem Entwicklungsprozess einzelne Schritte bewusst auszulassen, um auf der nächsten Stufe einzusteigen. So haben z.B. etliche Länder, die man früher Entwicklungsländer genannt hätte, gar nicht erst in den Ausbau eines Telefonfestnetzes investiert, sondern gleich den Mobilfunk flächendeckend ausgebaut. Ebenso haben die meisten Staaten Osteuropas besseres Internet als in Westeuropa, weil sie nach 1990 moderne Kabel verlegten, anstatt das Internet durch den Kupferdraht zu treiben.

Auch für Deutschland 2019 bietet sich dieser Gedanke an, denn offensichtlich wird es mit dem Flughafenbau in Berlin nichts mehr. Die deutsche Industrie will stattdessen einen Weltraumbahnhof.

Dabei ist das keine neue Idee. Es gab schon mal einen deutschen Weltraumbahnhof. Bereits vor 40 Jahren. Damals nutze man noch Globen anstatt Google Maps, so dass mehr Leute wussten, dass die Erde um die Taille heftiger schwingt und Raketen von dort weniger Energie brauchen, um die Erdumlaufbahn zu verlassen. Deshalb baute man den deutschen Weltraumbahnhof damals nicht in Peenemünde, sondern im Kongo.

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Wetten, das wusstet Ihr nicht?

Die Orbital Transport- und Raketen-Aktiengesellschaft (OTRAG) aus Stuttgart pachtete 1977 ein Gebiet von 100.000 km² im kongolesischen Urwald. Diktator Mobutu übertrug dem deutschen Unternehmen für 50 Millionen DM und das Versprechen, einen Überwachungssatelliten ins All zu schießen, die vollständige Verfügungsgewalt über fast 5% des kongolesischen Staatsgebiets.

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Heutige private Weltraumunternehmen können von den Kompetenzen ihres Vorläufers nur träumen: Die OTRAG konnte walten wie ein Kolonialherr, sie hatte Zoll- und Steuerfreiheit, juristische Immunität, und das Unternehmen durfte sogar Einheimische umsiedeln, wenn sie im Weg waren.

Vergangenes Jahr kam darüber der Film Fly Rocket Fly ins Kino:

Der dritte Teststart schlug jedoch fehl.

Und jetzt wissen wir, weshalb es sinnvoll ist, ein Gebiet etwa in der Größe der DDR für einen Raketenstart zu pachten. Am besten weitgehend unbewohnt. Wo in Deutschland Platz für einen Raketenbahnhof sein sollte, erschließt sich mir nicht. Und wie soll das funktionieren in einem Land, in dem Anwohner sogar gegen Windräder protestieren?

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Marienbader Eloge

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Es war eine spontane Entscheidung, aus der Not geboren, aber sie zeigte, dass das Gute oft recht nah liegt. Zumindest wenn man kurz vor dem ehemaligen Eisernen Vorhang lebt, der vielen Westeuropäern noch immer wie der Schleier des Nichtwissenwollens die Reiseoptionen begrenzt. Nicht so bei mir. Ich setzte mich also in den Zug und fuhr in die nächste Kleinstadt in der Tschechischen Republik, nach Marienbad.

Bevor es richtig losgeht, ein paar Worte zum Namen. Natürlich heißt Marienbad jetzt Mariánské Lázně. Das ist nicht schwer auszusprechen, aber ohne tschechoslowakischen Computer schwer zu tippen. Also verwende ich für die deutschsprachigen Leser den deutschen Namen, ohne dass damit irredentistische Ansprüche auf Großdeutschland oder Großösterreich impliziert werden sollen.

Marianske Lazne Schild

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Mein erster Eindruck von Marienbad ist, dass es eigentlich gar keine Stadt ist, sondern eine riesige Parkanlage mit Häusern dazwischen.

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Na gut, eher Villen und Schlösser statt Häuser.

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Das Postamt sieht wie ein Palast aus.

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Von hier habe ich Eure Postkarten verschickt.

Die Bibliothek residiert in einer Burg, wie es Bibliotheken zum Schutz vor Bücherverbrennungen überall tun sollten.

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Wahrscheinlich sieht hier sogar das Gefängnis majestätisch aus. Leider schaffe ich es während meines Aufenthalts in Marienbad nicht, verhaftet zu werden, so dass ich Euch diesbezüglich nichts berichten kann.

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Pavel, von dem ich für ein paar Tage eine Wohnung gemietet habe, kam selbst vor mehr als zehn Jahren mit seiner Mutter aus Moskau zu Besuch nach Marienbad. Der Mutter gefiel der Kurort so gut, dass sie bleiben wollte. Dazu musste sie ein Haus kaufen, das sie in eine Pension umwandelte. Als guter Sohn kam Pavel mit. Es liegt etwas Wehklang in seiner Stimme, als er dies erzählt.

„Es ist doch eine wunderschöne Stadt“, versuche ich ihn aufzumuntern, denn diesen Eindruck hatte ich in den ersten Stunden bereits gewonnen.

„Naja, wenn du aus Moskau kommst, ist es schon verdammt klein und ruhig hier.“

Ich finde ruhig ganz schön, aber wenn jetzt im Juni Hochsaison sein soll, kann ich mir schon vorstellen, dass es im Winter etwas öde werden kann. In Tschechien machen bekanntlich viel größere Städte Winterschlaf.

Auf die Frage nach den saisonalen Schwankungen führt Pavel aus: „Januar und Februar sind ganz schlecht. März ist auch ganz schlecht.“ Und, nach einer Überlegungspause: „April ist eigentlich auch noch ganz schlecht. Mai ist ein bisschen besser. Und ab Oktober wird es wieder ganz schlecht. Am wichtigsten sind die religiösen Feste, dann kommen viele Pilger.“

Das hätte ich an einem Kurort im überwiegend atheistischen Tschechien nicht erwartet, aber man muss wohl diversifizieren.

„Die meisten Leute kommen zu dem Fest, an dem Jesus geboren wurde. Wie heißt das auf Deutsch?“

„Weihnachten.“

„Nein, das andere. Das, wo er zuerst gestorben ist und dann wieder geboren wurde.“

Ah, Ostern!

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Also, wenn Religion hier so wichtig ist, dann gehe ich natürlich auch gleich in die Kirche, und zwar in die orthodoxe.

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Weil der Eintrittspreis so niedrig angesetzt ist und weil die Kirche nicht von Besuchern überrannt wird, verzichte ich sogar darauf, meinen Studentenausweis zum Erlangen eines Rabatts zu zücken. Hoffentlich verwendet die russisch-orthodoxe Kirche den eingenommenen Euro nicht zur Segnung von Waffen im Donbass.

Die Kirche ist klein, aber schmuck. Besonders stolz ist sie auf die Ikonostase, die dreitürige Bilderwand, aus Porzellan, angeblich das größte Porzellanstück der Welt.

Noch beeindruckender finde ich aber eine Ikone, die etwa auf DIN-A4-Größe alle Heiligen der orthodoxen Kirche im Jahreskalender aufführt. Da muss jemand eine sehr ruhige Hand und einen nanometerdünnen Pinsel gehabt haben. Neben dem Bild liegt dankenswerterweise eine Leselupe, und ich entziffere den Heiligen Simeon Stylites und seine Mutter, die Heilige Martha, den Märtyrer Aithalas von Persien, die Heiligen 40 Märtyrerinnen und Ammon, den Diakon und ihren Lehrer in Herakles in Thrakien, die Märtyrerin Kallista und ihre Brüder Evodios und Hermogenes aus Nikomedia, den Gerechten Josua, den Sohn des Heiligen Meletios von Griechenland, den Neo-Märtyrer Angelis aus Konstantinopel, die Heilige Evanthia und den Heiligen Mönch Nikolaus von Kreta. Das sind nur die Stars des 14. September, des ersten Tages im orthodoxen Kirchenjahr. Und so geht es weiter, 365 mal, alles in Millimetergröße. Wer immer das gemalt hat, er war mehr Pedant als Künstler.

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Das Foto ist leider unscharf, weil man in der Kirche nicht fotografieren darf und ich dieses elfte Gebot nur verstohlen aus dem Handgelenk verletzen wollte.

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Nicht ganz so heilig, aber auch wichtig waren die Könige und Kaiser, die Marienbad einstmals seinen Glanz gaben. Am Hotel Weimar hängt noch immer ein Schild, demzufolge hier der britische König Edward VII. etliche Urlaube verbracht hat. Der kannte Europa also gut genug, um gegen den Brexit gewesen zu sein.

Klebelsberg
Klebelsberg Edward VII

Dieser Palast steht jetzt übrigens leer, nicht als einziger in der Stadt. So sehen in Marienbad die Ruinen aus, auch verlassen und verkommen noch hundertmal schöner als das, was uns kontemporäre Architekten als Wohnung oder Hotel vorsetzen. Schämen sollten sie sich, diese Betonpfuscher!

Auch Napolen III., Otto I. von Griechenland, der Schah von Persien und Kaiser Franz Joseph I. kamen nach Marienbad. Da jeder Königstross im Rampenlicht stehen wollte, musste zwischen den Häusern koordiniert werden, wer wann wo Urlaub macht. Darin liegt übrigens der historische Ursprung von Reisebüros. Vorher war man einfach wild darauf losgefahren („Völkerwanderung“).

Einmal, im August 1904, gab es jedoch ein Missverständnis oder eine Fehlbuchung, vielleicht war es auch Bosheit. Der englische König und der österreichische Kaiser hatten gleichzeitig die Fahrt nach Marienbad gebucht, beide im Hotel Weimar. Als aus zwei verschiedenen Richtungen zwei Eisenbahnen mit großem Tamtam antrafen, kam der Herr an der Rezeption ganz schön ins Schwitzen. Franz Joseph I. war nicht nur Kaiser von Österreich und schon deswegen Herrscher über Marienbad, sondern explizit König von Böhmen, und deshalb ganz klar der vorrangig mit Kaiserschmarrn und Logis zu bewirtende Gast. Andererseits war Edward VII. ein Stammgast, er hatte die weitere Anreise hinter sich, und er gab großzügiger Trinkgeld.

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Zehn Jahre später sollten die sich aus diesem Zusammentreffen ergebenden Misstöne in den Ersten Weltkrieg münden. Man kennt das ja selbst: Ein kleiner Streit um den Liegeplatz im Freibad oder um den Parkplatz eskaliert, dann spricht man zehn Jahre nicht miteinander, und plötzlich bringt einer den anderen um.

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Die ganze Stadt ist sehr großzügig angelegt, mit breiten Alleen und Radwegen, riesigen Parks und genügend Sitzbänken für alle 12.000 Einwohner gleichzeitig. Stadtplanung konnten die Kommunisten, das muss man ihnen lassen.

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Fernuni

Hier lässt es sich gut lesen, lernen und Zigarren rauchen. Wobei letzteres teilweise verboten ist, wahrscheinlich weil die wasserverkaufenden Kliniken die Konkurrenz des Heiltabaks nicht dulden.

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Pavel hatte mich vor dem Heilwasser gewarnt. Denn obwohl es heilen soll, kann es auch töten, wenn man nicht haargenau dossiert. „Das Wasser hier ist so stark, du darfst auf keinen Fall zu viel davon trinken. Am besten, du besprichst das vorher mit deinem Arzt.“

Aber mit richtiger Anwendung würde man hier auf jeden Fall gesund. Die Rudolfquelle und die Ambrosiusquellen helfen angeblich gegen Blutarmut und urologische Beschwerden. Das Wasser aus dem Kreuzbrunnen und der Ferdinandsquelle wirkten sowohl abführend als auch gegen Allergien. Karolinenbrunnen und Marienquelle verhinderten Blasensteine. Die Waldquelle mache die Lunge wieder frei.

„Und dann musst du eine Schnabeltasse verwenden, denn sonst greift das Eisen im Wasser deine Zähne an, und du läufst einen Monat mit braunen Zähnen herum.“ Ein Strohhalm würde es wahrscheinlich auch tun, aber daran ersticken bekanntlich die Wale und Kormorane. Oder ein findiger Tassenfabrikant hat das erfunden.

Tassen

Das Leitungswasser ist aber vollkommen in Ordnung, was mich stutzig macht. Kommt all das Wasser nicht aus dem gleichen Grundwasser? Wie kann es 200 Meter weiter Krebs heilen, wenn es zuhause ganz normal aus dem Hahn blubbert?

An manchen Brunnen finden sich Tafeln mit Werten verschiedener Elemente, die mir gar nichts sagen, weil ich nicht weiß, ob 141 Magnesium oder 0,103 Zink im Wasser gut oder schlecht ist, welche Werte normal sind, und welche Maßeinheit das eigentlich ist. Mir erscheint es wie Scharlatanerei aus Charaden und Logogryphen.

Wasserwerte

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Für alle, die nicht an Heilwasser glauben, gibt es das „Beer Spa„, ein dekadentes Bad im Bier.

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Für mich ist das nichts, weil ich weder Bier noch Werbung mit halbnackten Menschen mag. (Die Dame in der Badewanne werde ich dann allerdings in Kapitel 38 doch noch kennenlernen.)

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Die Besucher in Marienbad scheinen zu jeweils etwa 45% aus Deutschland und aus Russland zu kommen, der Rest aus aller Welt. Und es sind hauptsächlich ältere Besucher. Nur die Asiaten senken den Altersschnitt und bringen nebenbei ein bisschen Stil unter die zu kurz behosten Deutschen und Russen.

Wenn ich im Ausland bin, das mal von den Nazis besetzt war (mithin fast ganz Europa), habe ich immer ein wenig Hemmungen auf Deutsch loszusprechen, also wechsle ich nach den tschechischen Begrüßungsfloskeln ins Englische. Meist wird mir dann direkt auf Deutsch geantwortet. Mangelnde Sprachkenntnis sollte also wirklich kein Grund sein, auf einen Urlaub in Marienbad zu verzichten.

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Zur vollen Stunde erschreckt einen der Brunnen vor der Kolonnade mit kitschiger Musik. Eher badeort- als hauptstadtkitschig, also nicht so schlimm wie in Skopje. Aber seichte Brunnenmusik eben.

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Das Gebäude hinter dem Brunnen, die Kolonnade, ist wohl so etwas wie das Wahrzeichen von Marienbad. Wenn sich auch ihr Zweck nicht so ganz erschließt, so zieht es mich doch immer wieder zu ihr. Es ist eine langezogene, leicht geschwungene Halle, die zu einer Seite hin weitgehend offen ist. Wenn man darin flaniert oder einen Café trinkt, fühlt man sich halb drinnen und halb im Freien, ein schönes Zwischengefühl. Und die Metallkonstruktion gibt einem ein Eiffelturm-Gefühl, ganz ohne Warteschlangen, teure Eintrittspreise und Höhenangst.

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An einem Tag ist irgend etwas los, wovon ich nicht verstehe, was es ist. Gruppen von Mädchen treten in einer Art Zirkusrevue auf, wirbeln Stöckchen durch die Luft. Den Häubchen nach zu rteilen sind sie Bäckereifachverkäuferinnen oder eine kommunistische Jugendorganisation.

Bäckerinnen

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In einem traditionsreichen und gediegenen Kurort mit Besuchern, die sich überwiegend im dritten Lebensabschnitt befinden, würde man es nicht erwarten, aber der Bürgermeister in Marienbad gehört der Piratenpartei an.

Und während in Deutschland krampfhaft versucht wird, mit Geldgeschenken den Anteil der Elektromobilität zu erhöhen, werden in Marienbad sowohl die Stadtbusse als auch die Polizeiautos elektrisch betrieben.

Bus Elektro Marienbad
Polizei E-Auto

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Der wichtigste Orientierungspunkt in Marienbad, wenn man nach dem Weg fragt oder, was öfter vorkommt, gefragt wird, ist die Ampel an der Kreuzung Chebská mit der Hauptstraße. Es gibt in der ganzen Stadt nämlich nur eine Ampel, die auch stolz im Stadtplan eingetragen ist.

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Die Heilquellen wirken zwar allesamt Wunder, werden aber unterschiedlich vermarktet. Die Kreuzquelle ist beispielsweise mit einem klassizistischen Tempel überdacht, der nur tagsüber geöffnet wird. Das ist wohl eher das Heilwasser für reiche Privatpatienten.

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Rund um die Uhr geöffnet ist hingegen die Alexandra-Quelle, die damit so etwas wie der Apothekennotdienst unter den Heilsprudeln ist. Außerdem ist sie kostenlos, hier kann ich also auch mal probieren.

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Aarghhh! Wenn nicht Kranke um den Brunnen herumstünden, deren letzte Hoffnung in diesen Schlucken ruht, würde ich es wieder ausspucken. So schrecklich schmeckendes Wasser habe ich noch nie getrunken! Das Wasser trieft vor Schwefel. Teufelsquelle wäre ein passenderer Name.

Der einzig wohlschmeckende Brunnen in der Stadt, soweit ich probiert habe, und meine Lust auf weitere Versuche war nach der Schwefelquelle nicht sehr ausgeprägt, sondern nur vom journalistischen Auftrag motiviert, ist der Brunnen, der am Eingang zum großen Park gegenüber den K.u.K.-Statuen (siehe Kapitel 5) steht. Hier prickelt und schmeckt das Wasser wie Mineralwasser, hier kann man sich die Flaschen füllen.

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Wenn man an einen Kurort fährt, muss eine Zigarrenkiste ins Gepäck, so viel ist vom Zauberberg hängengeblieben.

Zigarren im Rucksack

Wenn ich mit einer duftenden Maria Mancini im Park sitze, sollte das die russichen Oligarchen anlocken, die jetzt von der FPÖ verschmäht werden. Das ergibt dann interessante Gespräche, die diesem Bericht den nötigen Pfeffer geben. So der Plan.

Tatsächlich lockt es nur eine junge Dame an, die sich sogleich mit unerbetenen Ratschlägen unbeliebt macht: „Das ist aber nicht gesund!“

„Es macht mich glücklich, und Glücklichsein ist ein wichtiger Baustein der Gesundheit“, erkläre ich.

Es stellt sich heraus, dass sie doch mehr von Gesundheit  versteht als ich. Sie ist als Ärztin gerade ins nahe Cheb/Eger versetzt worden und ist zum ersten Mal in Marienbad. Ich kann mich also mit den eben erst gewonnenen Ortskenntnissen ungefragt beliebt machen.

Außerdem habe ich endlich eine kompetente Ansprechpartnerin, der ich die mich ständig plagende Frage stellen kann: „Sagen Sie, das mit dem angeblichen Heilwasser hier, ist das wissenschaftlich fundiert oder nur ein Marketinghokuspokus?“

„Die Leute hier glauben, dass Wasser sie heilt?“ fragt sie entsetzt.

„Oh ja. Die ganze Stadt basiert darauf.“

„Und ich dachte, nur bei uns zuhause glauben die Menschen so Quatsch. Dass es das in Europa noch gibt…“ Ipeleng ist aus Botswana, das im Rahmen der Entwicklungshilfe Ärzte in alle Welt entsendet. (Angesichts dessen, dass Botswana weniger korrupt und demokratischer als Tschechien ist, wäre die Entsendung von Politikern, Beamten und Richtern auch eine willkommene Aktion.)

Eger ist zwar etwas weit von Gaborone, aber wer in dem südafrikanischen Land im öffentlichen Dienst arbeitet, ist das gewohnt. Die europäischen Kolonialstaaten hatten willkürliche Grenzen gezogen, in denen Menschen unterschiedlicher Völker, Sprachen und Kultur plötzlich ein Staat waren, aber keine gemeinsame Identität hatten. Als Botswana 1966 unabhängig wurde, hatte es die Erfahrungen des Kongo, von Mali, von Nigeria im Kopf, wo nach der Unabhängingkeit Konflikte und Bürgerkriege ausbrachen. Deshalb kam die Regierung von Botswana auf eine einfache Idee: Lehrer, Ärzte, Polizisten würden alle paar Jahre in andere Gebiete des Landes versetzt werden, damit Menschen unterschiedlicher Volksgruppen miteinander in Kontakt kommen, vielleicht Familien gründen und so ein botswanisches Volk entsteht.

„Ich wurde mal in ein Krankenhaus versetzt, das neun Stunden von meinem Heimatort entfernt war“, erzählt die Medizinerin. „Im Einzelfall ist das schon hart, vor allem für Beziehungen. Aber für das Land und die Gemeinschaft ist es gut, denn so lernen wir uns gegenseitig kennen, anstatt Vorurteile übereinander zu hegen.“ Vielleicht hätten wir das nach der Wiedervereinigung in Deutschland auch machen sollen.

Im späteren Verlauf des Gesprächs fordert mich Ipeleng dann aber doch immer wieder auf, an so einem heißen Tag Wasser anstatt Cola zu trinken, weil das erfrischende Brausegetränk angeblich diuretisch sei. Anscheinend ist sie also auch tief in die Wasserindustrie verstrickt, wie jeder hier.

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Der angesproche Zauberberg von Thomas Mann ist übrigens hervorragend geeignet für einen Aufenthalt in Marienbad. Dort verkauft ein findiger Arzt, der mehr Geschäftsmann als Mediziner ist, frische Luft. Hier verkaufen die Kurärzte Leitungswasser. Hier wie dort ergibt sich die Heilwirkung des Aufenthalts, wenn überhaupt, aus dem Aufenthalt an einem naturnahen, etwas abgeschiedenen Ort. Hier wie dort wird selbst die theoretischste Heilwirkung durch üppige Torten überkompensiert.

Nur dass in Marienbad auch noch das Glücksspiel hinzukommt. Kur und Kasino, dafür stand das K.u.K. im alten Österreich schließlich. Mangels Geld für den Einsatz muss ich auf die Erkundigung dieser Finanzinstitute verzichten. In Karlsbad gäbe es einen Brunnen, der angeblich gegen Armut hilft, da hätte ich zuerst hinfahren sollen.

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Da ich den Zauberberg schon kenne, habe ich mir als Lektüre von Thomas Mann seinen Goethe-Roman Lotte in Weimar mitgenommen. Darin lässt er den Dichter sagen:

Heiliges Wasser, kalt und rein, heilig nicht minder in deiner Nüchternheit als die sonnenfeuerbindende Labegabe des Weins! Heil dem Wasser!

Goethe war tatsächlich einige Male in Marienbad, und die Stadt stellt absolut sicher, dass man das auf keinen Fall übersieht: Der Platz vor dem palastartigen Königshotel heißt Goetheplatz, und davor sitzt eine Goethestatue, wenn auch nicht mehr das Original, das im Zweiten Weltkrieg zu Kanonen geschmolzen wurde.

Goethestatue fern
Goethestatue nah
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Auf den sogenannten Goetheblick am Goethesitz weist eine Goethestele hin.

Goethe Säule

Das Stadtmuseum residiert im Goethe-Haus, aber dazu mehr in Kapitel 37. Und überall wird erwähnt, wann Goethe hier was gemacht, was gegessen und was gesagt hat. Kein Wunder, dass ihm der Trubel zu viel wurde, und er im darauffolgenden Jahr lieber einen Pauschalurlaub nach Italien buchte.

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Goethe hatte die für einen Blogger tyische Angewohnheit, alles was ihm widerfuhr, zu einem Artikel zu verwurschteln. Wenn also ein Date schlecht lief, machte er daraus ein schwülstiges Gedicht, die Marienbader Elegie. Da ihm die ständigen Fragen, wie es denn in Marienbad gewesen sei, auf den Keks gingen, schrieb er eben einen Artikel, nicht ohne auf sein Hobby einzugehen, das ansonsten niemanden interessierte: „Marienbad überhaupt und besonders in Rücksicht auf Geologie“ hieß das Ergebnis. Bei mir ist es halt die Geschichte anstelle der Erdwissenschaft.

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Die abgoethische Aufmerksamkeit und Wertschätzung lässt Marienbad allerdings gegenüber den anderen Künstlern vermissen, die sich hier gegenseitig inspirierten, vielleicht noch mit Ausnahme von Fryderyk Chopin, für den es immerhin jeden August ein Festival gibt. Das hätte Richard Wagner auch haben können, der neben Bayreuth auch Marienbad in der Endauswahl für den Austragungsort seiner Festspiele hatte. Aber in Böhmen gab es keine Subventionen, weil die sich alle schon Andrej Babiš unter den Nagel gerissen hatte.

Anton Bruckner, Johann Strauß und Antonín Dvořák waren ebenfalls in Marienbad. Letzterer schrieb sogar ein Stück für die singende Fontäne.

Und Schriftsteller kamen ohne Ende, allerdings situationsbedingt eher in der preisgünstigen Nebensaison. Weniger Ablenkung ist besser zum Schreiben. Neben dem Übergoethe waren Adalbert Stifter, Henrik Ibsen, Arthur Schnitzler, Stefan Zweig (der der Marienbader Elegie ein Kapitel in den Sternstunden der Menschheit widmet, was mir leicht übertrieben vorkommt, aber vielleicht hat ihm Goethe das beim Pokerabend abgerungen), Maxim Gorki, Nikolai Gogol, Iwan Gontscharow, Hugo von Hofmannsthal, Jan Neruda, Rudyard Kipling und Mark Twain vor mir in Marienbad, wobei mich nicht wundern würde, wenn letzterer sich ebenso spöttisch über die Wasserkur äußerte.

Noch skeptischer war naturgemäß Franz Kafka:

Dann in Marienbad sehr lieb von F. vom Bahnhof abgeholt, trotzdem verzweifelte Nacht in häßlichem Hofzimmer. Unglückliche Nacht. Unmöglichkeit, mit F. zu leben. Unerträglichkeit des Zusammenlebens mit irgend jemanden. Nicht Bedauern dessen; Bedauern der Unmöglichkeit, nicht allein zu sein.

Montag Übersiedlung in ein außerordentlich schönes Zimmer, wohne jetzt nicht geringer als im „Schloß Balmoral“. Und darin werde ich versuchen den Urlaub zu bewältigen, fange mit der bisher nicht ganz gelungenen Bearbeitung des Kopfschmerzes an.

Dass man besser allein reist und lebt, sollte für Schriftsteller sowieso klar sein.

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Freitagabend ist um 20 Uhr tote Hose, wie Pavel es beklagt hat. Die Jugendlichen sitzen wahrscheinlich alle im Expresszug nach Pilsen oder Prag. Und die älteren Kurgäste sind schon im Bett.

Ich liege altersmäßig genau zwischen den beiden Gruppen und habe die Stadt für mich allein.

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Marienbad ist einer der wenigen Orte, an denen vor hundert Jahren mehr Touristen waren als heute.

Touristen vor 100 J
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Und das in einer Stadt, die vielleicht bald UNESCO-Weltkulturerbe sein wird.

UNESCO Kandidatur Marienbad

So etwas gibt es wirklich nur in Osteuropa. Wobei auch in Marienbad die Reisebüros mit Fotos von Neuschwanstein und Paris anstatt von Nowy Afon und Peleș werben und damit die Menschen in die falsche Richtung treiben. Seid schlauer als die Masse!

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Der einzige, der sich mit mir am Park erfreut, ist General Patton, der alte Haudegen.

Patton

Wenn Euch dessen Anwesenheit verdutzt, weiß ich, dass Ihr meinen Artikel über Pilsen (insbesondere Kapitel 46-53) nicht gelesen habt. Aber auch die Bürger und Besucher Marienbads sollten zu tschechoslowakischen Zeiten nicht erfahren, dass sie von der US-Armee anstatt von der Roten Armee befreit worden waren. So wurde 1976 ein Denkmal für die sowjetischen Befreier errichtet, die hier gar niemanden befreit hatten.

Traut also nicht allem, was Ihr seht.

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Ein weiteres Beispiel:

Hamelika

Die Burgruine Hamelika, die über Marienbad thront, ist gar keine echte Burgruine, sondern wurde 1876 schon als solche erbaut. Zerfallende Gemäuer und Ruinen waren damals in Mode, galten als romantisch. Deshalb kam man auch bald auf die Idee mit dem Ersten Weltkrieg.

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Die Hauptstraße hieß damals noch Kaiserstraße.

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Links oben sehr Ihr die russisch-orthodoxe Kirche, und das größere Gebäude links unten mit den beiden Türmen, tja, das steht heute nicht mehr. Es war die Synagoge, die beim Novemberpogrom 1938 vollständig abbrannte. Nur einen Monat vorher war Marienbad und das Sudetenland im Münchner Abkommen dem Deutschen Reich zugesprochen worden.

Gegenüber dem ehemaligen Standort der Synagoge erinnert ein Gedenkstein, wenn auch erst seit 2015.

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Ein viel wirksameres Denkmal finde ich allerdings das, was Marienbad mit dem Ort der ehemaligen Synagoge gemacht hat. Es hat auf der Prachtstraße eine Baulücke gelassen. Das ist einerseits einfach, symbolisiert andererseits das Fehlende auf wirksame Weise.

Baulücke

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Die Sudetendeutschen benötigten übrigens nicht den Einmarsch der Wehrmacht 1938, um Nazis zu werden. Wie viele Auslandsdeutsche waren sie das ganz freiwillig und ganz begeistert.

Eines der ersten bekannten Opfer des Nationalsozialismus, der Schriftsteller Theodor Lessing, wurde schon im August 1933 in Marienbad von drei Attentätern erschossen.

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Aber ich merke schon, Euch steht der Sinn nicht nach Attentaten und Antisemitismus, sondern nach Wald und Wandern.

Gleich außerhalb von Marienbad beginnt der Kaiserwald, ein riesiges Gebiet mit Wanderwegen in alle Richtungen, wie immer in Tschechien gut beschildert.

Wegweiser

Zwischen den Wäldern liegen Lichtungen und Seen, auch Moorlandschaften, manchmal eine kleine Kapelle oder ein Häuschen im Grünen.

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Und dann taucht in Kladská (Glatzen) ein kleines Schlösschen im Alpenstil auf, das vorläufige Ziel der mehrstündigen Wanderung. Im 19. Jahrhundert hatte es Fürst Schönburg-Waldenburg errichtet, um Rehe, Hirsche und Wildschweine zu jagen.

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Groß gejagt wird hier nicht mehr, aber im Wirtshaus U Tetřeva (Zum balzenden Auerhahn) kann man immerhin noch speisen und sogar übernachten. Ein Einzelzimmer kostet 30 €, entnehme ich der Speisekarte. Leider ist für den Rest der Woche Regen angekündigt, sonst würde ich hier ein paar internetfreie Tage mitten im Wald verbringen.

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Ganz in der Nähe liegt ein See, um den herum ein Weg aus Holzplanken führt. Immer so nah wie möglich am Ufer, breit wie eine Promenade und rollstuhlgerecht. Als ich den Holzweg zu verlassen versuche, merke ich sogleich, wie wichtig er ist. Der Boden gibt etliche Zentimeter nach, und wenn ich mich noch weiter entfernte, so würde ich wahrscheinlich im Moor versinken.

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Dann entdecke ich doch noch ein für den Aufenthalt geeignetes Uferstück, mit Blick auf eine Insel, die gerade groß genug zum Leben wäre. Zumindest für einen genügsamen Menschen wie mich. Dumm nur, dass ich nicht schwimmen kann.

Insel

Hier lasse ich mich nieder, um die Beobachtungen und Gedanken der letzten Stunden ins Notizbuch zu übertragen, auf dass sie die weltweite Leserschaft erquicken, anstatt sich am Abend, wenn ich erschöpft ins Bett fallen werde, heimlich, still, leise und auf Nimmerwiedersehen davon zu machen wie schon Tausende ihrer untreuen Gedankenkollegen zuvor.

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Eine tschechische Dame führt Freunde aus Deutschland um den See und erzählt, dass tschechische Universitäten die Lehrpläne für türkische Studenten strecken, um die Studiendauer zu verlängern: „Wir tun alles, damit die nicht zu Erdoğan zurück müssen.“ Vom Belauschen fremder Gespräche lernt man manchmal mehr als aus Zeitungen.

Als die Gruppe an mir vorbei geht, sagt die Professorin stolz: „Seht Ihr, die jungen Menschen in Tschechien sind kreativ, sie schreiben, sie malen, sie machen Musik.“ Ansonsten immer schonungslos auf der Seite der Wahrheit, kann ich die Fehlannahme über mein Alter und meine Herkunft in dieser Situation nicht berichtigen, weil sonst herauskäme, dass ich mich, wenn auch passiv, so doch unbefugt in die Unterhaltung eingeklinkt hatte. Das könnte Stasi-Traumata wecken.

Zigarre am Glatzen-See

Und sie hat ja Recht. Mir ist auch schon aufgefallen, dass sich in unserem Nachbarland weniger Menschen als in Deutschland davon treiben lassen, möglichst viel zu arbeiten, um möglichst große Autos und Häuser zu kaufen. Vielen geht es um andere Dinge, um künstlerische oder intellektuelle Betätigung, um gesellschaftliches Engagement, was sich zur Zeit eindrucksvoll bei den Demonstrationen gegen Machtmissbrauch und Korruption zeigt, oder sie gehen gerne Wandern, Angeln und Autostoppen. In Kapitel 31 meines Artikels über Pilsen hatte ich schon vermutet, dass die niedrige Arbeitslosenquote zu einer gewissen Lockerheit bei der Lebensplanung beiträgt. Aber es muss noch etwas Anderes sein, eine Wertschätzung des Geistigen, die mir auch schon in anderen postkommunistischen Gesellschaften aufgefallen ist.

Bücher auf Balkon

Zwar ist die Zeit des Schriftstellerpräsidenten vorbei, aber bei der diesjährigen Leipziger Buchmesse kamen 60 tschechische Autoren neu auf den deutschen Markt, manche in Übersetzung, manche schrieben gleich auf Deutsch. Ein weiteres Beispiel, das weiter in die Fläche wirkt: Seit 1919 musste in der Tschechoslowakei jede Kommune, egal wie klein das Dorf war, mindestens eine öffentliche Bibliothek bereitstellen. Zwar gilt das seit 2001 nicht mehr, aber noch immer hat Tschechien die höchste Bibliotheksdichte der Welt. Und, zu guter Letzt: In Tschechien werden sogar Restaurants nach literarischen Figuren benannt.

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Plötzlich höre ich lautes Grunzen und Schmatzen im Gebüsch.

Ein Wildschwein!

Aber nein, es war nur jemand, der auf einer der Informationstafeln den Knopf für den Wildschweinsound gedrückt hat. Die vorbeilaufenden Hunde erschrecken sich noch mehr als ich. Zum Glück hat er nicht den für die Klapperschlange betätigt.

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Um aus dem geographischen Teufelskreis des Immer-um-den-See-Herumlaufens herauszukommen, schlage ich mich bei einem der abzweigenden Bäche in die Büsche, gespannt, wohin mich der Wasserlauf führen wird.

Schnell stellt sich der Bach als Kanal heraus, schnurgerade und mit einem erhöhten und deutlich sichtbaren Pfad auf der rechten Seite. Nur vereinzelt blockieren umgestürzte Bäume mein ungestümes Wandern, aber dann hüpfe ich einfach auf die andere Seite des Kanals, womit Ihr auch schon dessen Breite erahnen könnt.

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Lange ist er allerdings schon. Der Kaiserwald ist durchzogen von einem System aus Kanälen, das mit der Zinnförderung, dem Betrieb von Mühlen und dem Transport von Holz zu tun hat. Das Ingenieursmeisterwerk von insgesamt über 30 km weit verzweigter Länge und kommunizierender Kanäle wurde schon im 16. Jahrhundert angelegt.

Etwa zwei Stunden gehe ich so an den noch funktionstüchtigen aber nicht mehr genutzten Kanälen entlang und treffe trotz sonnigen Sonntagsausflugswetters keine Menschenseele. Nur ein paar Rehe blicken neugierig auf und laufen weg. Und einen Kuckuck höre ich, diesmal den echten, nicht den vom Band.

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Langsam öffnet sich der Wald, und ich blicke über weite Felder, schön hügelig, und die Gräser und lila Blumen wiegen sich im kühlenden Wind.

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Wo ich bin, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr, bis ich einen markanten Hügel mit drei Kreuzen entdecke. Der müsste doch auf der Karte verzeichnet sein. Tatsächlich: tři kříže. Verdammt, ich bin immer weiter von Marienbad weg gewandert. Jetzt sind es 14 km zurück, dabei bin ich schon für den Feierabend bereit. Es war ein heißer Tag.

Drei Kreuze

Aber wenn ich schon mal hier bin, besteige ich zuerst den Golgothahügel. Eine tschechische Familie versucht die Inschrift zu entziffern, die von 1849 stammt und auf Deutsch ist.

Drei Kreuze detail

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Prameny ist eines der Dörfer, durch das ich komme, und es zeigt, wie Marienbad aussehen würde, wenn es nach dem Kommunismus nicht renoviert worden wäre.

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Auch dem Heiligen an der Brücke sind die Hände schon abgefallen, ansonsten ist er aber gut erhalten. Die Inschrift auf Deutsch klärt mich darüber auf, dass der Ort einst Sangerberg hieß. Das ist also einer jener Orte, aus denen ab 1945 die Deutschen vertrieben wurden und die danach teilweise verfielen. Nicht weil ein Fluch auf ihnen lag, sondern weil das grenznahe Gebiet in der Tschechoslowakei oft eher dem Militär als dem Wohnen diente.

Nepomuk

So ist die Einwohnerzahl geschrumpft von einstmals über 2000 auf heute noch 109, die die viel zu großen Häuser bewohnen. Wie die umliegenden Kurorte, so wollte auch Prameny eine Mineralquelle anzapfen, übernahm sich dabei finanziell und blieb auf 1,2 Millionen Euro Schulden sitzen. Das ist viel für 109 Einwohner. Bei den Wahlen im Dezember 2009 fand sich unter diesen Umständen kein Kandidat für den Bürgermeisterposten, und das Dorf wurde einem Amtsverweser unterstellt. Die Sudetendeutschen wollten komischerweise doch nicht zurück in die Heimat, deren Verlust sie seit 70 Jahren beklagen. Vielleicht ist die angebliche Verbundenheit von Menschen mit der Scholle der Urahnen halt doch ein komisches Konzept.

Ich jedenfalls ziehe schnell weiter, nicht dass mich jemand erspäht und ausruft: „He, da ist jemand, der so aussieht, wie wenn er keine Arbeit hat. Machen wir ihn zum Bürgermeister!“

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Nach Marienbad sind es noch zehn Kilometer, die Sonne steht hoch am Himmel, und um das Auffüllen meiner Wasserflasche habe ich mich in Prameny/Sangerberg nirgendwo fragen trauen, denn eines ist dann doch sehr deutsch an dem Dorf: Jeder Garten wird von einem aggressiven Hund bewacht.

Also stelle ich mich an die Straße und versuche mich im Autostopp. Schon das vierte Auto hält, allerdings nicht wegen mir. Zwei Mädchen sehen auf der Landkarte nach, wohin sie fahren sollen. Als ich am Nummernschild den erstaunlichen Zufall bemerke, dass sie wie ich aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach sind, gehe ich auf sie zu und frage, wohin sie denn wollen,

„Wir suchen den einfachsten Weg zurück nach Hirschau.“

Tja, der geht eigentlich nicht über Marienbad. Aber ein großer Umweg wäre es auch nicht. Ich erkläre meine Lage, und die beiden Mädchen sagen tatsächlich: „Dann fahren wir Sie eben nach Marienbad!“ Wie gut die Welt doch ist.

Sie sind öfter in dieser Gegend, stellt sich schnell heraus, und die Großeltern der einen von ihnen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus dieser schönen Gegend in die öde Oberpfalz vertrieben.

Diesmal sind sie in den Kaiserwald gekommen, um den Gasthof in Nimrod zu suchen, von dem die Großeltern erzählt haben. Seit dem 18. Jahrhundert habe er bestanden und sogar königlicher Besuch habe dort Kaiserschmarrn gekostet.

Als sie ihn fanden, lag ein enormer Schutthaufen im Wald. Der Baggerfahrer erklärte, dass sie drei Tage zu spät gekommen sind. Gerade wurden die historischen Gebäude abgerissen.

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Nimrod Ruine

Wir sind uns einig, dass das schade ist. Ebenso konsentieren wir übrigens darin, wie beschämend es für uns Deutsche ist, dass viele Tschechen sehr gut Deutsch sprechen, und auf der anderen Seite der Grenze kaum eine Schule die Sprache des Nachbarlandes lehrt. (Wobei immerhin die Volkshochschule Amberg Tschechisch-Kurse anbietet.)

Nach dem Namen haben wir uns auf der kurzen Fahrt gar nicht gefragt, aber von hier aus nochmal ein großes Dankeschön an die beiden jungen Damen, die mir etwa drei Stunden beschwerlichen Marsch erspart haben!

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Nach der Tageswanderung gönne ich mir abends im Park eine Churchill-große Zigarre.

Eine deutsche Familie geht vorbei (man erkennt die Deutschen übrigens auch daran, dass der Mann den Kinderwagen schiebt), und der Vater äußert ganz entsetzt zu Frau und Tochter, denen er anscheinend keine eigene Beobachtungsgabe zutraut: „Seht Euch den an, der raucht eine Zigarre.“

„Möchten Sie auch eine?“ biete ich an.

„Nein,“ ruft er wie zum Protest, „das stinkt ja grauenvoll.“

Zehn Minuten später setzt sich ein Mann neben mich auf die Bank, obwohl ringsherum etliche Bänke frei sind.

„здравствуйте“ begrüßt er mich. Er ist etwa so alt wie ich, mit gepflegtem Bart und freundlicher, attraktiver Erscheinung.

„здравствуйте.“ Ein Händedruck signalisiert, dass ich mich über die Gesellschaft freue und die Lektüre gerne für eine Unterhaltung unterbreche.

In einem Gemisch aus Russisch, Tschechisch und Deutsch, wie es in Mitteleuropa üblich ist, radebrechen wir. Er hat sichtbar Interesse an der Zigarre, und ich biete ihm einen Zug an. Er besteht darauf, dass ich im Gegenzug an seiner Marlboro ziehe.

Leider kann ich auf Russisch nicht erklären, dass man Zigarren nicht inhaliert. Er hört gar nicht mehr auf, zu husten, droht fast zu sterben. Wo ist jetzt die Ärztin, wenn man sie braucht? Ich bemerke, dass sie vergessen hat, mir ihre Telefonnummer zu geben. Der Kollege bedeutet, dass ihm schwindelig sei.

„Ja, das wirkt wie Alkohol.“

„Wie eine ganze Flasche Wodka,“ präzisiert er. „Oder eher wie eine Flasche Wodka und ein paar Bier zusammen.“

Apropos Wodka, da holt er eine Flasche aus seiner Jeansjacke und bietet mir einen Schluck an. Wir trinken direkt aus der Flasche wie Jugendliche, die sich schon lange kennen.

Er will einen weiteren Zug von der Zigarre wagen und kollabiert fast wieder. Er kann gar nicht fassen, wie ich das aushalte und denkt wahrscheinlich, ich habe eine Lunge aus Stahl.

Nachdem er mir noch ein paar Wörter auf Ukrainisch beigebracht hat, muss er sich dringend verabschieden. Schade, denn der Wodka war gut. Hoffentlich wird es ihm nachts nicht zu schlecht ergehen! Sein Händedruck zum Abschied ist aber noch genauso stark wie der zur Begrüßung.

Falls diese beiden Begegnungen symptomatisch sind, dann sind mir die Russen oder Ukrainer lieber als die Deutschen.

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Kurz nachdem der Wodka gegangen ist, schlägt der Musikbrunnen wieder an. Heute Abend spielt er die Filmmusik zu Exodus.

Das erinnert mich daran, dass ich ins Museum gehen wollte, um mehr über die Menschen zu erfahren, für die die Baulücke in Kapitel 25 steht.

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Dass das Stadtmuseum im Goethe-Haus untergebracht ist, überrascht bei der hiesigen Goethe-Manie nicht mehr. Und tatsächlich hat der Schriftsteller 1823 in diesem Haus gewohnt. Einige der Räume enthalten noch das Mobiliar von damals, andere enhalten Faksimiles seiner Handschriften, und niedliche Puppen spielen historische Begegnungen nach.

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In der Abteilung zur Stadtgeschichte ist frappierend, wie klein Marienbad noch vor kurzem war. Der Ort wurde erst 1808 gegründet, vorher lag hier eine unbewohnte, unwirtliche Schlucht.

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Aber bereits 1818 wurde er Kurort und bald weltbekannt. Das ist ein rasanter Aufstieg. Oder wie Goethe 1820 schrieb:

Dann besuchte ich Marienbad, eine neue bedeutende Anstalt […]. Architekt und Gärtner verstehen ihr Handwerk und sind gewohnt, mit freyem Sinn zu arbeiten. Der Letzte, sieht man wohl, hat Einbildungskraft und Praktik, er fragt nicht, wie das Terrain aussieht, sondern wie es aussehen soll. Abtragen und Ausfüllen rührt ihn nicht. Mir war es übrigens, als wäre ich in den nordamerikanischen Einsamkeiten, wo man Wälder aushaut, um in drey Jahren eine neue Stadt zu bauen.

Einen erneuten Schub brachte die Eisenbahn, die ab 1872 den kleinen Ort direkt mit Prag verband, eine Verbindung, von der heutige Besucher noch profitieren.

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Das Museum enthält einen riesigen Kinosaal, und obwohl ich früh am Morgen der einzige Besucher bin, fragt mich die Museumsdame, ob ich einen Film über die kurze Stadtgeschichte sehen möchte. Klar, gerne!

Der Film bietet einen ganz interessanten Überblick über die Gründungsgeschichte, vielleicht ein bisschen zu ausführlich, wie dieser Artikel. Als wir im 20. Jahrhundert sind, denke ich mir: „Jetzt wird’s spannend“, aber die deutsche Besatzung wird mit der Aussage abgehandelt, dass Marienbad im Zweiten Weltkrieg Lazarettstadt war. Und dann ist der Krieg auch schon vorbei. Kein Einmarsch, kein Holocaust, kein Krieg, keine Vertreibung, nichts.

Und ab 1948 wird alles gut: „Die Heilquellen und Heilbäder wurden verstaatlicht und damit den Werktätigen der Tschechoslowakei zugänglich gemacht.“ Juhu, die Bonzenhotels sind jetzt in Arbeiterhand! Der Film datiert von 1987.

So wie im Film ist es eigentlich im ganzen Museum: viel über die Bäder, über die berühmten Gäste und natürlich über die Heilkraft des Wassers. Oh, und die Dame in der Badewanne arbeitet anscheinend nicht nur beim „Beer Spa“ (siehe Kapitel 8), sondern sie gehört schon seit Ewigkeiten zum machomäßigen Marienbad-Marketing.

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Was ich im Museum jedoch vermisst habe, waren Informationen über die einstige Synagoge und, das wäre in einem Kurort durchaus interessant, über das Phänomen des Bäder-Antisemitismus insgesamt. Denn wenn die Deutschen und Österreicher in den Urlaub fuhren, dann musste der Antisemitismus mit ins Gepäck, und das schon lange vor dem Nationalsozialismus.

In Marienbad und den anderen Kurbädern der Region (Karlsbad und Franzensbad) kam es zu einer böhmischen Besonderheit, dem sogenannten Winter-Antisemitismus. Das war der Antisemitismus der Hotel- und Restaurantbetreiber, den diese den Sommer über aus geschäftlichen Gründen verbargen und erst mit Ende der Saison wieder reaktivierten. Also etwa so wie heute in Sachsen, wo einem die Neonazis eigentlich egal wären, wenn sie doch nur nicht die Touristen abschreckten. Wenn Wagner das gewusst hätte, vielleicht wäre er doch gerne in Marienbad geblieben.

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Am Stadttheater komme ich immer nur vorbei, wenn es geschlossen ist.

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Schade, denn es wäre auch von innen ganz hübsch.

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So verpasse ich auch die Gemäldeausstellung „Meister des böhmisch-mährischen Hügellandes“, die in den Pausen der Theatervorstellungen begutachtet werden kann.

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Apropos Hügelland: Falls jemand von der langen Wanderung durch den Kaiserwald abgeschreckt sein sollte, grämt Euch nicht! Es gibt von Marienbad aus auch etliche kürzere Wanderungen im Rahmen von wenigen Kilometern. Eine, die weitgehend im Wald und damit im Schatten verläuft, ist der Metternich-Wanderweg. Es wird ein sehr entspannter Morgen in einem ruhigen Wald mit viel Moos.

Eine der Quellen entlang des Weges legt nahe, dass manche der Wässerchen tatsächlich einen hohen Eisengehalt haben. Das Wasser ist nämlich blutrot.

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Die Wanderung führt am Friedhof vorbei, der, wie es sich für ein Heilbad gehört, ausreichend außerhalb liegt, um die auf Genesung Hoffenden nicht mit der Probabilität des Ablebens zu konfrontieren. Denn mit dem Tod vor Augen würde nicht einmal mehr der Placebo-Effekt des Wassers wirken.

Im Friedhof finde ich Spuren der deutschsprachigen Vergangenheit, aber auch Anzeichen darauf, dass die Nachfahren nicht mehr in Marienbad leben, denn viele Gräber sind zugewachsen.

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Ein Kriegerdenkmal zeigt, wie nichtsnutzig Heldentum sein kann: „Den gefallenen Helden des Weltkrieges 1914-18“ gedenkt eine Säule, verschweigend, dass es den Staat, für den sie starben, zum Ende jenes Krieges nicht mehr gab.

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Ebenfalls zu Denkmälern vergangener Zeiten verfallen einige der Häuser in der zweiten und dritten Reihe hinter der Kaiserstraße.

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Die Autos aus jener Zeit bekommen mehr Pflege.

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Die ganze Woche überlege ich schon, warum mir Marienbad so gut gefällt, dass ich am liebsten hier bliebe. Es ist wunderschön grün und weitläufig. Ich mag es, all die Abstufungen des Verfalls und des Wiederaufbaus zu sehen, wie ein Querschnitt durch die Jahrhunderte. Ein Ort in Tschechien, der in Österreich groß wurde und in dem jetzt ganz selbstverständlich Deutsch und Russisch gesprochen wird, das ist auch ein Stück Europa. Und mir gefallen Orte, die mal größer, wichtiger und bedeutender waren als jetzt, wo man zwischen grandioser Architektur herumläuft wie in einem zu weiten Pullover, der dennoch gemütlicher ist als all die Pullover, die wie angegossen passen.

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Aber Marienbad bietet noch etwas Besonderes: Hier wurde eine Stadt für Könige, für Reiche und für Berühmte errichtet. Und jetzt steht sie jedem offen, sogar für relativ wenig Geld, denn die Könige sind geköpft, die Reichen finden Mitteleuropa nicht protzig genug, und die Berühmten haben keinen Geschmack mehr. Hier kann ich mich als einfacher Bürger, als Student gar, ein wenig erhaben fühlen.

Schlussfoto

Praktische Tipps:

  • Marienbad ist gut mit dem Zug zu erreichen, entweder über Marktredwitz und Eger oder von Prag oder Pilsen aus. Die Tickets in Tschechien sind übrigens wesentlich günstiger, also besser nur die Hinfahrt in Deutschland oder Österreich kaufen. Von Amberg nach Marienbad kostete die Hinfahrt z.B. 28 € (Bayern-Böhmen-Ticket, wobei der zweite Fahrgast wesentlich billiger davonkäme), und die Rückfahrt auf gleicher Strecke 259 tschechiche Kronen (ca. 10 €).
  • Von Marienbad aus gehen Busse in alle Städte und Dörfer der Umgebung, sogar nach Kladská im Kaiserwald.
  • Pavel, der äußerst hilfsbereite und auskunftsfreudige junge Mann vermietet die Ferienwohnung Maria sowie mehrere Ferienwohnungen in der Villa Shafaly. Wenn Ihr bei Booking über diesen Link bucht, bekommt Ihr 15 € Rabatt, übrigens nicht nur in Marienbad, sondern weltweit.
  • Wenn Ihr lieber AirBnB ausprobieren wollt, könnt Ihr über diesen Link 25 € sparen.
  • Reiseführer zum Bäderdreieck Marienbad-Karlsbad-Franzensbad gibt es im Trescher-Verlag und im Michael-Müller-Verlag. Beide decken auch die weitere Umgebung sowie Pilsen ab.

Links:

Ups, das ist jetzt ein bisschen lang geraten. Jetzt wisst Ihr, wieso ich in großen Städten wie Prag oder Rom besser gar nicht zum Schreiben anfange. Aber falls Euch der Artikel bei der Reiseplanung ein wenig geholfen hat, so würde ich mich über etwas Unterstützung für den Blog sehr freuen.

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„Operation Friedensquelle“

Heute beim Westpark-Grill in Aachen:

„Ich hätte gerne einen Döner im Brot.“

„Komplett?“

„Ohne Sauce bitte, aber ansonsten mit allem.“

„Auch mit Zwiebeln?“

„Ja, gerne. Und haben Sie ein scharfes Gewürz?“

„Ich habe ein scharfes Gewürz und eine scharfe Sauce.“

„Lieber das Gewürz. Bei der Sauce habe ich Angst, dass ich mich bekleckere.“ Ich will den Döner mit in den Westpark nehmen, um den voraussichtlich letzten warmen Tag des Jahres zu genießen.

„Gute Idee. Die Sauce enthält nämlich roten Paprika. Paprika und Rotkohl kennen keine Gnade. Wie die USA.“

Wahrscheinlich ist der Dönermann Kurde. Und berechtigterweise wütend.

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Tag der offenen Landstraße

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Sonntag, 8. September. Tag des offenen Denkmals. Heute sind sie geöffnet, die Burgen und Bunker, Klöster und Kathedralen, die dem Volk sonst verschlossen sind. Das muss man nutzen, denke ich. Im Veranstaltungsprogramm streiche ich einige Punkte an.

„Das kannst du streichen“, sagt die Freundin.

Ist doch nur einmal im Jahr, denke ich. Aber ich will keinen Disput. Vor allem, weil sie einen besseren Vorschlag macht: „Fahren wir per Anhalter nach Liège!“

Wir befinden uns in Aachen, das sollte ich erwähnen. Keine üble Stadt, aber das beste daran ist die Lage. Kaum ist man draußen aus der Stadt, schon ist man drüben in Belgien.

Wir haben nur einen Tag Zeit. Ich fahre nicht gerne für einen Tag in große Städte. Ist ja kein uninteressantes Kaff, dieses Liège, da kann man schon ein bisschen was sehen. Dann lieber gar nicht. Oder eben erst, wenn ich mal vier oder fünf Tage Zeit habe.

Wir einigen uns, ganz ohne Disput. Bis zur Grenze fahren wir mit dem Auto. Die Freundin hat nämlich eins. Sie will nur wissen, wie mein Vagabundenleben aussieht. Wir beide wollen wissen, ob es funktioniert, wer uns mitnimmt, wie lange wir warten müssen. Ein wissenschaftliches Experiment gewissermaßen.

In Belgien beginnen wir mit dem Autostopp. Wir haben dort mal eine blaue Bank gesehen, eine Mitfahrbank. Da stellt man sich hin – oder sitzt, wenn man müde ist -, hält den Daumen raus oder nicht, und schwupp, hält ein Auto. In der Theorie. Heute machen wir den Praxistest.

Andreas Mitfahrbank sitzend

Wer’s wissen will: Die Bank steht vor einem Café. Das Café steht direkt an der Grenze. Kubus oder Kukurusa heißt es. Jedenfalls an der Eupener Straße. Wenn Eupen-Malmedy nicht zu Deutschland will, dann kommen wir eben nach Eupen.

Wir gucken freundlich. Wir lächeln, obwohl wir hinter den Windschutzscheiben nichts erkennen können. Manche Fahrer winken. Anhalten wäre besser. Na gut, manche Autos sind schon voll. Ist viel los für Sonntagmorgen. Gut, dass die Grenze offen ist. Danke, Merkel!

Etwa zehn Minuten, bis das erste Auto hält. Deutsches Kennzeichen, niederländischer Fahrer, der nach Belgien zum Einkaufen fährt. Und zum Autowaschen. „Hier bekommen Sie eine Autowäsche für 10 €. Handwäsche! Das ist in Deutschland gar nicht mehr erlaubt.“

„Gute Musik“, sagt die Freundin, um das Thema zu wechseln.

„Aber bald kommt Gesang“, warnt der Fahrer.

„Hoffentlich nicht so heftig wie bei Wagner“, werfe ich ein. Das ist riskant. Wenn es Wagner wäre, dann wäre die Stimmung im Wagen kaputt. Wer Anhalter mitnimmt, will nicht, dass die ihm das Radioprogramm diktieren.

„Oh nein, das wäre zu viel am frühen Morgen“, entwarnt der fliegende Holländer. „Aber Sie kommen von dort unten, oder?“ Er meint Bayreuth.

„Ja, aus Bayern“, gebe ich zu. Ein Niederländer, eine Georgierin und ein Deutscher sprechen Deutsch, aber der Deutsche hat den stärksten Akzent. Deprimierend.

Rechts fliegt ein Golfplatz vorbei. Der Fahrer und die Freundin unterhalten sich darüber, wen sie im Golfclub kennen. Das ist nicht meine Welt. Ich fühle mich ausgeschlossen.

Eigentlich könnte ich ein Nickerchen machen. Aber wir sind schon da. Nicht in Eupen, aber Eynatten, auf halbem Weg. „Die Familie wartet auf das Frühstück, tut mir leid. Sonst hätte ich sie gerne nach Eupen gefahren.“ Auch in Eynatten fährt der nette Herr noch weiter als er muss. Er will uns auf die richtige Straße nach Eupen setzen.

Er hat gar nicht gefragt, warum wir an der Straße stehen. Wer Autowäsche und Golfplätze empfiehlt, glaubt wohl eher nicht, dass wir ein armes autoloses Anhalterpaar sind.

Jetzt stehen wir also in Eynatten. Ohne blaue Bank. Oder wir finden sie nicht. Wieder Lächeln, Daumen, Winken. „Versuch du mal“, ermuntere ich die Freundin, „vielleicht hält dann jemand.“ Sie ist ziemlich attraktiv.

Achtmal, zehnmal, zwölfmal hält sie den hübschen Daumen raus. Aber niemand hält. „Ach Scheiße, ich kann das nicht“, gibt sie entnervt auf. „Mach du mal!“

Wir wechseln die Position. Ich stecke den Daumen raus. Gleich das erste Auto hält.

Der Fahrer ist noch am Telefon. Er winkt, dass wir einsteigen sollen.

Über das Fahrtziel sprechen wir gar nicht. „Wohin sonst als nach Eupen wollen sie wohl wollen?“ denkt er sich. „Er wird schon nach Eupen fahren“, denke ich mir. „Andreas wird schon wissen, was er tut“, denkt sich die Freundin. Sie kennt mich noch nicht lange.

Der Chauffeur ist ein gemütlicher Typ. Seine rechte Hand ruht in der Hosentasche. Auch während der Fahrt. Ganz locker. Am Spiegel baumelt ein orthodoxes Holzkreuz. Sein T-Shirt ist voller Farbspritzer.

„Sind Sie Maler?“, frage ich.

„Wir sind gerade umgezogen. Neues Haus mit sechs Zimmern. Das muss ich alles streichen.“ Er klingt stolz, aber erschöpft. Jetzt habe er genug Platz für Besuche von Verwandten, „aber meine Frau mag das nicht so gerne.“ Vielleicht will sie die zusätzlichen Zimmer mit neuen Babies füllen.

Das Gespräch kommt darauf, wo wir herkommen. Die Freundin ist aus Georgien, das habe ich schon erwähnt, glaube ich. Der Fahrer ist aus Armenien. So ein kaukasischer Zufall auf der belgischen Landstraße. Die beiden sprechen ein bisschen Russisch. Nur um zu testen, wie verrostet es ist.

Armenier und Aserbaidschanerin im gleichen Auto wäre schlimmer. Oder Abchase und Georgierin. Aber auch hier bemerke ich eine gewisse Spannung. Georgier haben einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Armeniern. Denn Armenier haben den besseren Cognac. Außerdem schlauere Schachspieler. Und jetzt sogar eine friedliche Revolution.

„Andreas war schon einmal in Armenien“, sagt die Freundin. Anscheinend liest sie meinen Blog. Das machen nicht alle Freunde. Leider.

„Aber nur in Jerewan und in Dilijan“, schränke ich ein. Vielleicht kommt er von dort. Nein. Er ist aus Karabach. Da war ich noch nicht.

Wohin wir in Eupen wollen, fragt uns der Karabacher. Wir wissen es nicht genau. Er empfiehlt einen Spaziergang an der Wesertalsperre. Er würde uns gerne dorthin fahren, aber er muss seine Frau vom Trödelmarkt abholen.

Trödelmarkt? Da kommen wir gerne mit. Schließlich soll es ein spontaner Tag werden, so der unspontane Plan.

Allein hätten wir den Markt nie erkannt. In einem Parkhaus versteckt er sich. Und was es da alles gibt! Schallplatten, Videokameras, Bücher, Geschirr natürlich. Und Kriegsklimbim. Eiserne Kreuze, Hakenkreuze, vielleicht noch etwas von den Kreuzrittern. Daneben ein T-Shirt, auf dem sich Micky Maus und Minnie Maus küssen.

Der Armenier findet seine Frau, trottet ihr hinterher. Er will endlich Mittagessen, dann mit dem Hund zur Talsperre. Aber die Frau muss sechs Zimmer einrichten. Er stellt uns vor. Die Armenierin ist nicht so begeistert, dass ihr Mann eine junge Georgierin aufgegabelt hat. Nur missionieren will sie: „Kennen Sie schon die orthodoxe Kirche in Eupen?“ Die Freundin ist aber Atheistin. Alte sowjetische Schule. Am liebsten würde sie alle Kirchen sprengen.

Wir verabschieden uns.

„Hast Du gesehen, dass er keine rechte Hand hatte?“ fragt die Freundin, als wir weg sind. Sie hat Anatomie studiert, kennt sich also aus. Mir wäre es gar nicht aufgefallen. Ich blicke eher auf die inneren Werte. Die Hand, die ich in der Hosentasche vermutete, liegt in Wirklichkeit wohl auf einem Schlachtfeld in Berg-Karabach. Armer armloser Armenier.

Eupen könnte schon interessant sein. Aber heute ist es kühl und grau. Grau ist auch das Museum für Zeitgenössische Kunst, zumindest von außen. Ein Betonklotz wie Gymnasien und Studentenwohnheime aus den 1970er Jahren. Zwischen Solarstudio und Supermarkt.

Ein streunender Hund führt uns zum schönsten Haus in Eupen. Unklar, ob noch jemand drin wohnt.

altes Haus Treppe
altes Haus

Irgendein Festival campiert in der Stadt. Der Park ist voller Zelte. Ein Mädchen putzt sich am Fluss die Zähne. Viele Leute mit Rucksäcken und Isomatten. Ein belgisches Woodstock. Aber niemanden von ihnen trampt. So cool sind nur wir.

„Fahren wir nach Limburg, dort ist es schön“, schlägt die Freundin vor. Ich dachte, Limburg sei in den Niederlanden. Oder in Deutschland. Aber die Freundin weiß es besser.

Wieder auf der Landstraße. Ein kleines Auto hält. Der Fahrer raucht. Eigentlich raucht das ganze Auto. Wir sind keine Tabakgegner, eher im Gegentum, also steigen wir ein. Der Fahrer bietet mir eine Zigarette an. Ich biete ihm eine Zigarre an. Wir lehnen beide ab. So geht das Ritual.

Der Fahrer sieht osmanisch-babylonisch aus, spricht aber Französisch. Wir haben also die germanisch-romanische Sprachgrenze überschritten. Auch er erzählt stolz vom Hauskauf. Die Wirtschaft boomt anscheinend.

Ohne zu fragen, wohin wir wollen, bringt er uns bis zum Marktplatz. Denn genau da ist sein neues Haus. Ob wir eine Wohnung mieten wollen? Nein, danke. Oder den Laden im Erdgeschoss? Eher nicht. Er ist enttäuscht.

Ich würde lieber einen der Jeeps mieten, die seit dem Zweiten Weltkrieg herumstehen.

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Aber die Jeeps fahren an die Front. Zur Ardennendefensive. Falsche Richtung. Wir wollen auf die Burg. Also müssen wir als Infanterie weiter. Vorher noch Energie tanken an der Frittenbude. Gutes Essen kann so einfach sein.

Dieses Limburg ist wirklich beeindruckend, da hatte die Freundin schon Recht. Auf einem Berg gelegen, ganz von einer Stadtmauer umgeben. Mittelalterlich. Unebene Pflastersteine. Pflanzenumrankte Häuser. Die Kirche thront über einem Abhang. Keine neuen, hässlichen Bauten. Wie geschaffen für Ritterfilme.

Aus einem der Häuser ertönt ein Chor. Etwas schief, so wie die Häuserfront. Aber er lockt uns ins Hexenhaus. Einmal über der Schwelle, und ich merke, es ist mehr Herrenhaus als Hexenhaus. Spiegel und Gemälde an den Wänden. Weicher Teppich. Kronleuchter an den Decken. Ein Piano. Und gedeckte Tafeln mit Limburger Käse.

Ambassade
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Ambassade mit Käse

Vom Käse bekommen wir nichts. Nur zwei Gläser Wein. Und einen Vortrag. Von einer niederländischen Frau, die die Geschichte Limburgs, des Hauses, ihre Funktion und vieles weitere erklärt. So schnell, dass ich nicht alles verstehe. Aber die drei Limburgs sind anscheinend verknüpft, waren alle mal Teil des Herzogtums Limburgs. Auf dieser Burg war der Hauptsitz. Auch der Bischof von Lüttich wohnte hier. Jetzt ist es ein Kulturhaus für belgisch-niederländisch-deutsche Begegnung. Im Geiste des Herzogtums Limburg, aber hoffentlich ohne Erbfolgekrieg.

Uns schwirrt der Kopf, von den Erläuterungen und vom Wein. Im Garten finden wir eine ruhige Ecke unter Rosen und Efeu. Die Freundin kippt den Inhalt ihres Glases in die Hecke. „Einen besseren Wein hätten sie schon anbieten können.“ Georgier sind etwas snobistisch beim Wein, von dem sie glauben, ihn erfunden zu haben.

Die Frau im Herzogshaus hatte von einem Wanderweg erzählt, dem „Chemin des Ducs de Limbourg“. 140 km durch die hübsche Herbstlandschaft. Ich finde das verlockend. Die Freundin hält es für eine Scheißidee.

Dafür überzeuge ich sie zu einem Abstecher in die Kirche. Ein Riesenteil, wie in Paris oder so! Aber leer, wie wenn die Wikinger gerade durchgezogen wären. Die Farbe blättert ab, im Boden sind Löcher, der Schimmel sitzt an den Wänden. Da hilft kein Gebet mehr.

Kirche 1
Kirche 2
Kirche 3

Dieser Tag des offenen Denkmals kann ganz interessant sein, da hatte ich schon Recht.

Aber irgendwann müssen wir aus dem Mittelalter wieder in die Moderne. Vom Marktplatz mit Hufschmieden auf die Landstraße mit Truckern. Jetzt kommt das Dumme am Trampen: Man muss eigentlich immer an den Ortsausgang gehen. Denn im Stadtzentrum nimmt einen niemand mit. Es sind nur ein oder zwei Kilometer, ein Klacks. Aber für die Freundin gleicht es dem Kreuzzug nach Canossa. „Ich muss aufs Klo.“ „Mir ist kalt.“ „Ich bin kaputt.“ „Ich vermisse mein knuffiges Kraftfahrzeug.“

Am Ortsausgang von Limburg ist eine Bushaltestelle. Das eröffnet die Möglichkeit zum Kompromiss. Vielleicht ist die Freundschaft noch zu retten. Wir warten auf den Bus – er kommt in einer Stunde – und versuchen gleichzeitig, ein Auto zu stoppen. Jetzt lächle und grinse nur noch ich. Niemand bleibt stehen.

Ich bin auf alles vorbereitet. Wie ein Schweizermesser. Im Rucksack steckt ein Karton und ein dicker Filzstift. Die Freundin ist künstlerisch talentierter als ich. Also muss Sie malen: „EUPEN – AACHEN“, in fetten Lettern. Jeder, der Limburg nach Osten verlässt, muss in diese Richtung. Es gibt also keinen Grund, nicht für uns anzuhalten.

Keti Kikoshvili hitchhiking Aachen

In Diskussionen repräsentiert die Freundin sonst eher eine milde Form des Kapitalismus und ich den Sozialismus. Aber in der Kälte wird sie radikal: „Diese bourgeoisen Bünzlibürger in ihren Bonzenkarren würden uns erfrieren lassen. Leute, Ihr habt doch alle Platz! Bricht Euch denn ein Zacken aus der Spießerkrone, wenn Ihr eine Minute Eure Sonntagsfahrt unterbrecht?“ Das Sein bestimmt eben doch das Bewusstsein. So weit hatte Marx Recht.

Auf der Gegenfahrbahn hält ein kleines rotes Auto. Ein junges Paar kurbelt die Fenster herunter. Das Mädchen ruft herüber: „Hey, wir haben Euch gesehen und sind umgekehrt. Ihr könnt mit uns nach Eupen fahren.“ Wow. Ein fremdes Paar, auf einem romantischen Ausflug, kehrt extra um, fährt zurück, nur um uns zu helfen. Es gibt doch gute Menschen. Aber zuerst müssen sie die Rückbank leeren. Dutzende von Bier-, Wein-, Schnaps- und Whiskeyflaschen wandern in den Kofferraum. Ebenso Picknickdecken, Kissen und Rucksäcke. „Wir haben keinen Platz“, hätten andere Fahrer gesagt. Nicht diese beiden.

„Das ist doch selbstverständlich“, sagt das Mädchen. Sie war gerade in Australien. Per Anhalter hat sie die Ostküste erkundet. Freundlich und hilfsbereit waren die Menschen dort. Immer wurde sie mitgenommen.

Auch während der Fahrt trinken die beiden ein Bier. „Merde, Polizei“, ruft der Junge polyglott aus, als in Eupen ein Polizeiauto vor uns auf die Straße fährt. Das wäre echt ärgerlich, wenn sie jetzt angehalten werden. Denn extra für uns fahren sie weiter als sie müssen, um uns an der Straße nach Aachen abzusetzen.

Es ist wieder warm und sonnig geworden. Die Leute sind wieder glücklich und hilfsbereit. Bald hält eine freundliche Frau. „Wohin in Aachen müsst Ihr?“ fragt sie. „Zum Kukuk„, sagt die Freundin, die sich Ortsnamen besser merken kann als ich. „Dann steht Ihr aber an der falschen Straße“, erklärt die Frau, die nicht nur Fremden eine Fahrt offeriert, sondern auch ihre Navigationsanfängerfehler korrigiert. Vielleicht ist sie Lehrerin. „Hier geht es zur Autobahn nach Aachen, Ihr braucht die Landstraße.“

So gehen wir zurück in die Innenstadt von Eupen. Das australische Alkoholikerpaar hätte sich den Umweg sparen können. Merke: Immer genau sagen, wo man hin will. Die meisten Fahrer kennen sich aus und setzen einen an einem günstigen Punkt ab. Für Autofahrer ist oft nur ein kleiner Umweg, was dem Tramper mühevolle Stunden in sengender Sonne erspart.

Dank des „AACHEN“-Schildes können wir jetzt auch in der Mitte des Ortes stehen bleiben, denn lesen kann jeder Autofahrer. Und tatsächlich, nach wenigen Minuten hält eine junge Frau. Statt Alkoholflaschen muss sie Aktenordner vom Rücksitz räumen. „Ich bin schon einmal an Euch vorbeigefahren, aber dann umgekehrt und zurückgekommen“, erklärt auch sie.

Sie erläutert den Plan: „Ich fahre nur bis zur Grenze, zum Kukuk. Aber dort treffe ich Freunde, die fahren später nach Aachen zurück. Die können Euch den Rest des Weges mitnehmen.“ Wahnsinn, wie nett die Leute sind! Aber beim Kukuk wartet das Auto der Freundin, so dass unser Abenteuertag dort ein jähes Ende finden muss. „Schade“, denke ich mir. „Endlich“, denkt sich die Freundin.

Wenn man als Anhalter Nichtanhaltern vom Trampen erzählt, hört man komische Fragen. Nach Gefahren. Nach Massenmördern. (Wer massenmorden will, schießt doch viel lieber ein Flugzeug nach Mallorca ab.) Und manchmal kommt der Vorwurf, man sei parasitär. Aber so ist es nicht. Es ist nicht nur Nehmen, es ist Geben und Nehmen. Die Passagiere erzählen Geschichten, unterhalten, geben Reisetipps, lösen Rechtsfragen oder hören einfach nur zu. Der Fahrer bleibt wach, und zuhause hat er etwas zu erzählen. Die Zeit vergeht wie im Flug. Tramper geben dem Fahrer das Gefühl, etwas Gutes, vielleicht sogar etwas Abenteuerliches getan zu haben. Die junge Frau erzählt ganz offen: „Ich wollte schon immer mal Anhalter mitnehmen, habe aber noch nie jemanden gesehen. Ihr seid die ersten.“ Eine lupenreine Win-Win-Situation.

Was uns an diesem Tag auffällt: Mit Ausnahme der Frage, wohin wir wollen, hat uns niemand ausgefragt. Kein Fahrer hat gefragt, wieso wir nicht den Bus oder den Zug nehmen. Kein Fahrer hat gefragt, ob wir etwa arm wären. Kein Fahrer hat gefragt, was wir arbeiten, ob die Promotion schon fertig ist, ob wir Kinder haben, woher wir uns kennen, all das Zeug, das man sonst ständig gefragt wird. So eine Fahrt mit Fremden ist viel angenehmer als die meisten Familienfeiern.

Die Abendsonne taucht die ostbelgischen Hügel, Kühe und Farmhäuser in wohlig-warmes Licht. Das Grün ist saftig, das Himmelsblau kräftig, die Schafe fett und glücklich. Bei Hauset weist die Fahrerin auf das Schlemmerstübchen, „die beste Frittenbude in der DG“, der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, hin. Wieso dann keine der beiden Damen anhalten will, bleibt mir unverständlich. Aber das Ziel für die nächste Anhalterfahrt ist schon gesteckt. Recherche mit praktischem Nutzen für meine Leser ist das oberste Gebot für diesen Blog!

Und schwupps sind wir am Kukuk, an der belgisch-deutschen Grenze. Ende eines erfüllten Tages. Meine Bilanz: „Das hat ja super geklappt! Ich werde es öfter versuchen, auch mal für längere Fahrten.“ Die Bilanz der Freundin: „Nie wieder! Aber“, so gesteht sie immerhin zu, „ich werde ab jetzt immer anhalten, wenn ich jemanden am Straßenrand sehe.“

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Belgien geht in die Verlängerung

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Wer das Wetter in Belgien kennt, versteht, warum alle Belgier in den Ferien verreisen wollen. Das schafft Nachfrage nach Haushütern und Katzensittern.

Deshalb habe ich unmittelbar nach dem Housesitting in Antwerpen einen Nachfolgeauftrag erhalten, der mich bis Anfang September nach Brüssel, in unser aller europäische Hauptstadt geführt hat.

Am letzten Tag in Brüssel klingelte es an der Tür. Wider Erwarten waren es weder die Zeugen Jehovas, noch die belgische Spionageabwehr (die zum Glück auch schon im Urlaub war), sondern ein Herr, der sich als Vertreter des „Belgisch-Königlich-Föderalen Kommission für die Wahrung der gleichmäßigen Berücksichtigung aller Regionen und Gemeinschaften Belgiens“ vorstellte. Er hatte eine Visitenkarte, die man ausklappen musste, um alles – natürlich dreisprachig – lesen zu können.

„Guten Tag, bonjour, goedendag,“ begann er, was ich für die deutschen Leser im Folgenden abkürzen werde, „uns ist zu Augen und Ohren gekommen, dass ein weltbekannter Blogger in Belgien weilt, um auf belgische Katzen aufzupassen.“

„Ja“, gab ich zu, denn Bestreiten wäre zwecklos gewesen.

„Sie waren in Antwerpen?“

„Ja.“

„Und jetzt in Brüssel?“

„Offensichtlich“, denn dort befanden wir uns.

„Haben Sie schon den deutschsprachigen Teil Belgiens kennengelernt?“ fragte er streng.

„Ja,“ erklärte ich freudig, „ich war einige Tage in Kelmis. Und in Eupen.“

„Und, denken Sie nicht, dass da noch etwas fehlt?“ Man sah, dass er gerne Lehrer geworden wäre, um Schüler zu piesacken, die Pelleas und Melisande nicht auswendig aufsagen konnten.

„Da fehlt noch etliches. Natürlich möchte ich auch mal nach Mechelen, Gent, Löwen, Brügge und so weiter. Es gibt noch so viele faszinierende Orte in Belgien.“

Der Herr konnt sich nicht mehr ruhig halten: „Was würden Sie davon halten, wenn jemand über Deutschland schreiben würde, obwohl er nur in Bayern war?“

„Ich bin aus Bayern“, klärte ich ihn auf.

„Oder nur in Sachsen?“

Jetzt verstand ich.

Aber sicherheitshalber erklärte er es dem dämlichen Ausländer: „Belgien besteht aus drei Gemeinschaften und drei Regionen: die Flämische Gemeinschaft, die Französische Gemeinschaft, die Deutsche Gemeinschaft, die Flämische Region, die Wallonische Region und die Region Brüssel-Hauptstadt. Soweit ich das sehe, waren Sie bisher in der Hauptstadt, in der Flämischen Gemeinschaft, der Flämischen Region, der Deutschen Gemeinschaft, auch der Wallonischen Region, zu der die Deutsche Gemeinschaft nämlich gehört,“ – ich konnte ihm nicht mehr folgen – „aber noch nicht in der Französischen Gemeinschaft.“ Es klang wie der Vorwurf an einen Vater von sechs Kindern, dass er sich um eines davon noch nie gekümmert hätte.

„Aber hier in Brüssel spricht man doch auch Französisch“, warf ich ein.

„Brüssel-Hauptstadt hat einen Sonderstatus! Es ist das einzige zweisprachige Gebiet Belgiens. Jedenfalls, als Kommissar für die Sicherstellung der gleichmäßigen internationalen Berichterstattung über die Regionen und Gemeinschaften Belgiens ist es meine Aufgabe, Ihnen höflich aber deutlich nahezulegen, dass Sie sich nach flämischen und hauptstädtischen Katzen auch um wallonische Katzen zu kümmern haben.“

„Ja, das mache ich gerne“, sagte ich, erleichtert, dass meine unbeabsichtigte Diskriminierung fast der Hälfte des Landes auf so angenehme Weise aus der Welt zu schaffen war. „Könnten Sie mir helfen, einen entsprechenden Auftrag zu finden? Ab morgen bin ich frei.“

„Für die Einheit Belgiens machen wir alles!“ Der Kommissar, von dem sich herausstellte, dass er wegen der verzögerten Regierungsbildung derzeit nur kommissarischer Katzenkommissar ist, war fortan sehr freundlich und hilfsbereit. Nach der Erfahrung in zwei Großstädten bat ich, zur Abwechslung und Erholung im Grünen arbeiten zu dürfen.

Noch am gleichen Abend bekam ich die Mitteilung, dass ich mich am nächsten Tag in Chastre, einem kleinen Ort in der Wallonie, einzufinden habe, wo ich bis Ende September auf zwei junge Katzen mit den jegliche Sprachenpolitik transzendierenden Namen Rock & Roll aufpassen werde.

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Die Katzen verstecken sich irgendwo im Garten und spielen Gitarre.

Das mache ich gerne.

Aber ich bin froh, dass der Kongo nicht mehr belgisch ist.

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