Vor hundert Jahren rief ein baltischer Baron nur ungern ein Königreich in der Mongolei aus – März 1921: Roman von Ungern-Sternberg

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Mit der fulminanten Auftaktfolge zu dieser historischen Reihe wollte ich darauf hinweisen, dass der Erste Weltkrieg weder mit dem Waffenstillstand, noch mit dem Friedensvertrag zu Ende war. Allerorten wurde weiter geschossen, gekämpft, erobert, besetzt und befreit. Die Nachwirkungen des Großen Krieges werden uns noch für viele Folgen beschäftigen. Vor genau hundert Jahren, im März 1921, besetzten z.B. französische und belgische Truppen Duisburg und Düsseldorf, der polnisch-russische Krieg wurde durch den Rigaer Frieden beigelegt, und Kaiser Karl I. von Österreich-Ungarn versuchte sich zurück an die Macht zu putschen.

Alles interessante Themen, aber wir gehen heute weit in den Osten, dorthin, wo nicht nur die Nachwehen des Ersten Weltkriegs, sondern auch der russischen Oktoberrevolution toben. Und wie sie toben!

Ihr kennt das aus Doktor Schiwago, aber anders als vermutet, geht das Gemetzel nicht auf den Streit zwischen Tonya und Lara zurück. Russland, das den Ersten Weltkrieg zwar nicht unbedingt gewonnen, auf jeden Fall aber nicht verloren hatte, und mit einer, eigentlich sogar zwei Revolutionen beschenkt worden war, schaffte es irgendwie nicht, sich auf diesen Lorbeeren auszuruhen. Stattdessen schloss sich unmittelbar an die Oktoberrevolution 1917 der Russische Bürgerkrieg an, der sich noch quälende fünf Jahre hinzog. Länger als der Weltkrieg gedauert hatte. Und komplizierter.

Ganz stark vereinfachend und nicht eingehend auf die Heterogenität der Kampfparteien, die militärische Einmischung von Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den USA, Japan, dem Osmanischen Reich sowie den sich nach Sibirien verlaufen habenden tschechoslowakischen Legionen, die nationalen Unabhängigkeitsbewegungen in Finnland, in Estland, in Lettland, in Litauen, in der Ukraine, in Abchasien, in Bessarabien und in der Volksrepublik Tannu-Tuwa, sowie auf die wechselnden Allianzen, war es so: Es gab die Roten und die Weißen. Die Roten waren die Bolschewisten. Die Weißen waren alle, die gegen die Roten waren, also Monarchisten, Demokraten, Nationalisten und gemäßigte Sozialisten.

Alles klar?

Ein Tipp fürs Geschichtsstudium: Besucht niemals, niemals die Vorlesung über den Russischen Bürgerkrieg! Das ist wie ein vierdimensionales Labyrinth mit spiegelverkehrten Wurmlöchern. Ihr findet da nicht mehr raus.

Um uns nicht zu verzetteln, was auf diesem Blog eine ständige Gefahr darstellt, gehen wir vom großen Ganzen ins ganz Kleine. Wir nehmen uns nur eine Person vor und folgen ihr ein paar Jahre durch den Russischen Bürgerkrieg und ein paar hundert Kilometer durch die Steppe. Na gut, es sind ein paar tausend Kilometer, denn Russland ist groß.

Diese eine Person ist, nein, nicht Doktor Schiwago. Es ist ein deutschbaltischer Baron, also ein Angehöriger jener deutschsprachigen Oberschicht in Estland und Lettland, die als Nachfahren der Kreuzritter die Esten und Letten knechteten. Roman Nikolai Maximilian Feodorowitsch von Ungern-Sternberg war sein Name. (Die Geschichte der Deutschbalten böte Stoff für hundert Exkurse, aber darüber schreibe ich, wenn ich mal wieder im Baltikum bin.) Weil die Deutschbalten gerne Leute schindeten, wurden sie vom russischen Zaren liebend gerne für die Verwaltung oder das Militär rekrutiert.

Auch Roman zog es, weil er nichts Vernünftiges gelernt hat, in die Armee. Er kämpfte im Russisch-Japanischen Krieg 1904/05, übrigens dem ersten Krieg, den ein europäischer Staat gegen einen außereuropäischen Staat verlor. Danach bummelte er ein bisschen rum, diente bei einem Kosakenregiment in Transbaikalien, betrank sich zu oft, kündigte, ritt mit dem Pferd in die Mongolei, lernte dort mangels richtiger Aufgaben Mongolisch und las sich in tibetanische, hinduistische und buddhistische Lehren ein. Er kehrte rechtzeitig nach Estland zurück, um beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 mit der russischen Armee in Ostpreußen einzufallen. (Volkszugehörigkeit war zur Zeit der Vielvölkerreiche noch nicht so wichtig, und auch an anderen Fronten kämpften Deutsche gegen Deutsche. Jeder für seinen Kaiser oder Zaren, die dafür sicher dankbar waren.)

Und als der Weltkrieg aus war, war da diese blöde Revolution, die dem Baron so gar nicht ins Konzept passte. Zum einen weil er als Adliger treu zum Zaren stand. Zum anderen, weil die Esten nun unabhängig waren und sich gegen die deutschen Ausbeuter auflehnten.

Roman von Ungern-Sternberg schlug sich auf die Seite der Weißen, keine Frage. Die Treue zum Zaren war zwar ein fragwürdiges Konzept geworden, nachdem der Zar samt Familie ermordet worden war. Aber mit dem Bolschewismus, wo Barone genauso viel verdienen sollen wie Busfahrer, konnte sich der Adlige keinesfalls anfreunden. Außerdem war er sauer, dass ihm das Revolutionsvolk den Herrensitz angezündet hatte und er in eine Plattenbauwohnung ziehen sollte.

Was macht ein Kavallerieoffizier, wenn ihm alles auf den Keks geht? Klar: Er nimmt ein Pferd und reitet nach Osten. Er überfiel Züge, unter dem Vorwand, so den Nachschub für die Bolschewiken abzuschneiden. Er überfiel fahrende Händler, um ihnen „Zoll“ abzuknöpfen. Und bald war er wieder in Transbaikalien, wo er eine Asiatische Kavalleriedivision aufbaute. Es meldeten sich Mongolen, Burjaten, Kirgisen, Mandschuren, Tibeter, Kasachen, Ewenken, Uiguren, Barguten.

Bei all den Übeln, die fortan von diesem Mann ausgingen, weiß man gar nicht, wo man beginnen soll. War der Russische Bürgerkrieg bis dahin schon äußerst brutal, so legte Ungern-Sternberg noch eine Schippe drauf und wurde zum furchterregendsten Feldherr der Weißen. Mit blutrünstiger Brutalität ermordete er Gegner, vermeintliche Gegner, Gefangene, eigene Soldaten, Zivilisten, und vor allem Juden. Bei Juden gab er kein Pardon, die wurden gejagt, bis auch das letzte Kind erschlagen war.

Irgendwann hatte das mit dem Russischen Bürgerkrieg, der für die Weißen aussichtslos steht, gar nichts mehr zu tun. Unsympath-Sternberg lebte einfach nur mehr seinen hasserfüllten Antisemitismus aus. Er benahm sich wie ein Warlord mit einer Privatarmee.

Weil uns das zu brutal wird, wechseln wir ein bisschen den Schauplatz und ziehen gen Süden, in die Mongolei. Die liegt grob zwischen Russland und China und war zum Zeitpunkt unserer Geschichte schon seit 200 Jahren eine chinesische Provinz. Aber China hatte ein bisschen innenpolitische Probleme (ein Virus, Produktionsengpässe beim I-Phone oder Ärger mit den Studenten in Hongkong, was weiß ich), und die mongolischen Fürsten dachten: „Wenn sich so Pipifax-Staaten wie Litauen oder die Tschechoslowakei unabhängig machen, dann können wir das auch.“ (Die Mongolei ist, auch wenn Ihr sie bisher übersehen habt, ziemlich groß.)

Nun muss man wissen, dass die Mongolen hauptsächlich Buddhisten sind und daher einen Chef-Lama haben, der Bogdo Gegen heißt. Das ist der Titel, nicht der Name. So wie beim Dalai Lama, der den gleichen Job bei den Tibetern innehat. Genau, das ist der Typ, der immer grundlos grinst, harmlose Kalendersprüche abgibt und null komma null für sein Volk erreicht.

Die Mongolen kannten die Chinesen, wie gesagt, schon seit 200 Jahren und wussten: „Mit Grinsen kommen wir nicht weit.“ Stattdessen wählten sie den achten Bogdo Gegen zum Bogdo Khan, also dem Herrscher der sich damit für unabhängig erklärt habenden Mongolei. Die Mongolen nahmen Kontakt zum russichen Zaren auf (das war vor seiner Ermordung, logisch) und erhielten einen fetten Kredit, den sie in einen Winterpalast investierten, der noch heute in Ulan Bator steht.

Dort beteten sie für die Unabhängigkeit.

Als das nichts half und auch noch der russische Sponsor abgeknallt wurde, schickten die Mongolenfürsten verzweifelte Bitt- und Bettelbriefe in die Welt. (So wie heute die Prinzen aus Nigeria.) Zweihundert Briefe, dreihundert Briefe, vierhundert Briefe. Alle mit pompösem Siegel, geschrieben mit Kamelblut und ausgeliefert von mongolischen Adlern. Sehr beeindruckend.

Aber niemand konnte die Briefe lesen. Denn niemand verstand Mongolisch.

Halt! Ihr erinnert Euch an die Jugendzeit des Barons, als er Buddhismus und Mongolisch studierte? Ständig wurde er dafür verspottet, was er sich mit so fernöstlichem Tamtam abgebe, anstatt etwas Solides wie Bauingenieurwesen oder Multimedia-Marketing zu studieren, aber nun besiegelte es das Schicksal. Sein Schicksal und das der Mongolen: Baron Roman von Ungern-Sternberg erhielt einen dieser Briefe, rief seine Vielvölkerkavallerie zusammen, sagte dem (eh schon hoffnungslosen) Kampf gegen die Bolschewisten adieu und ritt im August 1920 Richtung Mongolei. Natürlich nicht, ohne unterwegs noch alles kurz und klein zu schlagen.

Dummerweise war seit dem Absenden des Briefes einige Zeit verflogen, die in der Mongolei nicht so ereignislos verstrichen ist, wie überhebliche Westler sich vorstellen, dass dort die Zeit verstreicht. 1919 hatten chinesische Truppen wieder die Kontrolle über die Mongolei erlangt und 1920 den Bogdo Khan abgesetzt. Dessen ungeachtet fasste Ungern-Sternberg während des langen Ritts den Plan, alle mittelasiatischen Völker (Tibeter, Burjaten, Uiguren, Mongolen, Kirgisen u.s.w.) zu einem „Großmongolischen Reich“ zu vereinen, das für immer und auf alle Zeiten das monarchistische Bollwerk gegen Europa sowie das zivilisatorische Bollwerk gegen China sein sollte. Baron von Ungern-Sternberg kämpfte nominell noch immer für den toten Zaren, aber eigentlich sah er sich schon selbst als den neuen Dschingis Khan.

Im Oktober 1920 kam die Asiatische Kavalleriedivision in Urga (heute Ulan Bator und noch immer die Hauptstadt der Mongolei) an, wurde zweimal von den zahlenmäßig überlegenen Chinesen geschlagen, bis Roman von Ungern-Sternberg feststellte: „Wenn uns die Chinesen überlegen sind, muss ich so lange überlegen, bis wir überlegen sind.“ Er überlegte also ein paar Monate, wobei er sich die Zeit gewohnheitsgemäß mit dem Plündern von Dörfern und Klöstern vertrieb. Im Februar 1921 schließlich erinnerte er sich an eine Kriegslist Dschingis Khans: Auf den Hügeln rings um Urga ließ er Feuer entfachen, um ein großes Heer vorzutäuschen. Die Chinesen warfen seiner Kavallerie daher nicht die volle Verteidigungsmacht entgegen, und die Kavalleristen ritten in die Stadt ein, wo sie den Bogdo Khan befreiten und die chinesischen Truppen in die Flucht schlugen. (Um die Wiederholung solch eines Fiaskos zu vermeiden hat China seither die Große Mauer gebaut und Drohnen entwickelt.)

Bogdo Khan und Roman von Ungern-Sternberg stritten sich in der Folge darum, wer nun der wichtigere Macker ist. Der Mongolensturm war dem Baron nämlich zu Kopf gestiegen, und er sah sich mittlerweile als Reinkarnation von Dschingis Khan. Auch das mit dem Großmongolischen Reich schmeckte dem Bogdo Khan eigentlich nicht, die Mongolei allein war ihm groß genug. Schließlich einigten sich die beiden darauf, dass von Ungern-Sternberg den Bogdo Khan im März 1921, und damit vor genau 100 Jahren, als Herrscher des neu ausgerufenen Königreichs Mongolei einsetzt. Im Gegenzug erkannte der neue König den Baron als Staatsgründer, als Heldengeneral und als Inkarnation der tibetischen Schutzgottheit Jamsarang, einer besonders zornigen Gottheit, an.

Das mit dem Zorn passte bekanntlich. Und auch im Innenverhältnis stellte der Baron klar, dass er der eigentliche Chef und der König nur das Aushängeschild sei. Er ließ Listen von allen Juden anfertigen, die in der Mongolei leben. Viele von ihnen waren während des Russischen Bürgerkriegs in die vermeintliche Sicherheit des Fernen Ostens geflohen. Aber nun zog Baron von Ungern-Sternberg mit antisemitischer Besessenheit von Haus zu Haus, um auch in der Mongolei das Judentum auszurotten. Selbst die bekanntlich äußerst fanatischen deutschen Besatzer kamen 20 Jahre später nicht so weit nach Osten.

Und zwar nur aus einem Grund nicht: Weil Roman von Ungern-Sternberg bereits tot war. Sonst hätte er selbstverständlich mit der Wehrmacht paktiert, um gegen Juden und Bolschewisten, seine liebsten Feinde, zu kämpfen. Davor bewahrt hat uns letztendlich eine Rebellion seiner eigenen Leute, als der Baron davon schwadronierte, dass man eigentlich als nächstes nach Tibet ziehen müsse. Das war dann doch zu weit und beschwerlich (damals ging noch kein Zug nach Lhasa), und die Jungs nahmen ihren Anführer fest und übergaben ihn den Bolschewisten.

Der Prozess war einer der sprichwörtlich kurzen, wahrscheinlich aus Mangel an Juristen. Genervt von den antisemitischen Tiraden des Barons („den Bolschewismus haben die Hebräer schon vor 3000 Jahren in Babylon erfunden“), schlug der Richter vor, ob man ihn vielleicht einfach erschießen solle. Im Vergleich zu anderen Hinrichtungsarten war das ein ziemliches Zugeständnis. (Merkt Euch das, falls Ihr mal in ähnlicher Situation seid.)

„Nur ungern“, entgegnete Roman von Ungern-Sternberg, aber das Wortspiel verstarb ebenso im Kugelhagel der Kalaschnikows wie der deutsche Dschingis Khan.

Die Mongolei blieb übrigens unabhängig. Heute gibt es noch immer Stimmen, die Baron von Ungern-Sternberg als Staatsgründer verehren. Viel wichtiger ist aber die Frage, wo der Baron seinen sagenhaften Goldschatz vergraben hat. Deshalb wird in der Mongolei überall gegraben und gebuddelt.

Gar nicht so tief graben muss man, um auch in der Mongolei Leute zu finden, deren Faszination für Geschichte, für den deutschen Baron und für alles, was Deutschland seither in die weite Welt exportiert hat, von jeglicher historischen Einordnung ungetrübt ist.

So viel zu den Hakenkreuz-Apologeten, die immer behaupten: „Also, im Buddhismus hat das ja eine gaaaanz andere Bedeutung.“

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Eine Postkarte aus Málaga

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Vor dem Rathaus steht Antonio mit einem, nein, gleich mehreren Schildern gegen hohe Steuern und Abgaben.

Gegen welche, frage ich.

„Alle!“

Ich bohre weiter und erfahre, dass es um so etwas wie eine Immobilienwertzuwachssteuer geht, die er dafür zahlen muss, dass er jetzt in der Wohnung seiner vor zwei Jahren verstorbenen Mutter wohnt. Und wenn man nicht bezahle, werde einem die Wohnung weggenommen. Er habe nur 436 Euro Rente im Monat und könne sich das nicht leisten.

Deshalb steht er jeden Tag vor dem Rathaus. Seit zwei Jahren. Nur nicht am Wochenende, da geht er in die Kirche.

Was mit der Wohnung passiert ist, frage ich besorgt.

„Da wohne ich noch immer. Ich kann die Steuern in Raten abbezahlen.“

Und nach Hause fährt er wahrscheinlich mit dem steuersubventionierten Bus. (Rentner, die weniger als 800 Euro im Monat verdienen, können den Bus kostenlos nutzen.)

Arriba España!“ ruft er zum Abschied einen Schlachtruf der Franco-Diktatur. Vielleicht geht es Antonio gar nicht um die Steuern.

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Weltfrauentag

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Heute ist der Weltfrauentag, aber viele scheinen nicht so richtig zu wissen, was sie damit anfangen sollen.

  • Es ist KEIN Tag für diejenigen, die den Valentinstag vergessen haben,
  • EBENSOWENIG eine zweite Chance für diejenigen, deren Objekt der Begierde sich seitdem schon wieder geändert hat.
  • Es ist KEIN Tag, um Blumen, Herzchen oder andere kitschige Bilder an seine Facebook-Freundinnen zu schicken.
  • Es ist NICHT der Muttertag.
  • NICHTS wird dadurch erreicht, dass man einen „Fröhlichen Frauentag“ wünscht.
  • Und es ist absolut KEIN Tag, an dem Unternehmen „Sonderangebote zum Frauentag“ offerieren sollten.

Dieser Tag ist ein Tag des Kampfes!

Partisans Italy.jpg

Wie diese italienischen Partisaninnen zeigen, könnt Ihr dabei ja immer noch modisch auftreten, wenn Ihr wollt, aber die Waffen und der Kampf sind das Wichtige.

Der 8. März ist ein politischer Tag, ein Tag der Gleichberechtigung, der gleichen Teilhabe, sowohl politisch wie auch wirtschaftlich und sozial. Sonderangebote von Schminksets oder Geschirrspülmittel zum Frauentag sind eher kontraproduktiv, wenn man will, dass Frauen über den Status von Barbiepuppen hinauskommen.

Nur in Bolivien scheint man verstanden zu haben, worum es geht:

WomensDay

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Eine Postkarte aus Ulm

Der Bahnhof von Ulm versucht, durch willkürlich hohe Gleisnummern und durch Unterteilung von Bahnsteigen nach Nord, Süd, West und Ost den Eindruck zu erwecken, man wäre in New York.

Anstatt Weltläufigkeit stellen sich Verwirrung und Hektik ein, die zum Hin- und Herhasten zwischen Bahnsteigen, Bahnsteigabschnitten und Bahnsteigenden führen, anstatt dass man die Wartezeit nutzt, um eine Ulmer Spezialität zu genießen, falls es so etwas gibt. Aber endlich versteht man, wieso es „in Ulm und um Ulm und um Ulm herum“ heißt.

Wie das wohl erst in New Ulm sein wird?

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Schlachtfeldtourismus damals und heute

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Tagesausflüge nach Tschernobyl. Touren durch eine brasilianische Favela. „Dark Tourism“ nennt sich das, und viele werden es als die makabre Idee einer Zeit abtun, in der selbst das Unglück und das Leiden vermarktet werden. Aber so neu ist da Phänomen gar nicht.

Die Schlachtfelder von Waterloo (Belgien, 1815) und Gettysburg (USA, 1863) zogen schon im 19. Jahrhundert Besucher an. Bereits während des Ersten Weltkriegs kamen Besucher an die Westfront, hauptsächlich Schriftsteller, aber auch neugierige Touristen. Und mit dem Ende der Kampfhandlungen setzte der Massentourismus an die Orte ein, wo vier Jahre lang gekämpft worden war. In diesem Beitrag werde ich mich auf Ypern in Belgien konzentrieren, weil dies bis heute eine der wichtigsten “Pilgerstätten” an der Westfront ist – und weil ich im Februar 2020 mit einer Exkursion der Fernuniversität in Ypern war. Dieser Artikel basiert auf einem Referat, das ich dort gehalten habe.

Schlachtfeldtourismus während des Ersten Weltkriegs und unmittelbar im Anschluss daran

Auch wenn, wie in der Einleitung erwähnt, der Schlachtfeldtourismus nach 1918 kein neues Phänomen war, so erfuhr er doch ab dem Ersten Weltkrieg ein exponentielles Wachstum. Ein Grund darin liegt im zeitlichen Zusammenfallen mit dem einsetzenden Massentourismus. Technische Veränderungen bedingten ein stärkeres Interesse und mehr Möglichkeiten, angefangen von Kameras, mit denen Soldaten Bilder schossen, die wiederum zuhause Interesse weckten, bis zu den aufkommenden Pauschalreisen.

Der britische Leutnant J. W. Gamble prognostizierte im Dezember 1915:

Ypres will be flooded with tourists and sight-seers after the war, and they will be amazed by what they see.

Schon während des Krieges wagten sich vor allem Fotografen, Maler, Journalisten und Schriftsteller an die Front oder zumindest nahe genug, um zu behaupten, “dabei” gewesen zu sein. Einige der Buchtitel klingen durchaus wie die Ermutigung zum eigenen Reisen: Durch Belgien zur Westfront von Ludwig Ewers [1915], Reise zur deutschen Front von Ludwig Ganghofer [1915], Reise in den belgischen Krieg von Heinrich Eduard Jacob [1915], Im Auto durch Feindesland von Paul Grabein [1916], Mit Rucksack und Wanderstab durch Belgien an die Westfront von Karl Straub [1916], A Visit to Three Fronts, Glimpses of the British, Italian and French Lines von Arthur Conan Doyle [1916], Mit dem Auto an der Front: Kriegserlebnisse von Anton Fendrich [1917], Aus den Pampas Argentiniens nach Ypern. Eine abenteuerliche Kriegsfahrt zur Front von Leo Toelke [1918].

Ab 1919 erschienen die ersten Reiseführer, z.B. der Illustrated Michelin Guide to the Battlefields (1914-1918), was auf eine rege Reisetätigkeit schon unmittelbar nach Kriegsende hinweist. Thomas Cook war eines der bekanntesten Reisebüros, das solche Touren anbot, aber beileibe nicht das einzige. Dabei war das Reisebüro immerhin zurückhaltend genug, die Touren nicht schon während des Krieges anzubieten, trotz diesbezüglicher Nachfragen. Im März 1915 ließ Thomas Cook in The Times verlauten, dass es aufgrund von Widerständen aus Frankreich zumindest während der laufenden Kampfhandlungen noch keine Fahrten an die Westfront offerieren würde.

Aber 1919 fuhren die ersten Busse nach Flandern. In seinen Prospekten gab Thomas Cook an, dass das unmittelbare Erfahren der Schlachtfelder und Schützengräben unerlässlich sei, um ein authentisches und vollständiges Bild des “Great War” zu bekommen. Die Werbung richtete sich an alle, die “dem Andenken der glorreichen Verstorbenen Tribut zollen wollen”. Thomas Cook stellte die Westfront-Reise in seinem Reiseführer von 1920 wie eine staatsbürgerliche Pflicht dar:

We do not know – and we cannot know – what war really means until we have visited the battlefields and the ruined towns and devastated miles upon miles in the north of France and Belgium. And it is our duty to visit them.

Das Schlachtfeld wird zum Symbol eines ganzen Krieges stilisiert, wo Geschichte erlebbar, spürbar, fühlbar werden soll. Man darf dabei nicht vergessen, dass die Landschaft in Flandern unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg tatsächlich von den Verwüstungen gezeichnet war.

Durch diese vernarbte Landschaft führte 1919 auch ein Radrennen, die „Rundfahrt der Schlachtfelder“, bei der natürlich keine deutschen Teilnehmer zugelassen waren.

Auch deutsche Reisebüros boten solche Fahrten an, wie dieses Beispiel von Anfang der 1930er Jahre zeigt:

Insbesondere in den Dekaden unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg wollten die Besucher oft mehr als nur Fotos oder Erinnerungen mit nach Hause nehmen. Granaten, Helme, Kochgeschirr, alles was nicht niet- und nagelfest war wurde eingepackt, unter anderem vom ersten Kurator des 1917 gegründeten Imperial War Museum. Aus heutiger Sicht erscheint das pietätlos, fast wie Grabräuberei, aber wie wurden diese Reisen nach 1918 von den Teilnehmern und Daheimgebliebenen gesehen?

Zeitgenössische Rezeption dieser Reisen

Zwiespältig, ist die eindeutige Antwort. Bezüglich der Westfrontreisenden kam es schnell zu einer Ausdifferenzierung zwischen der Meinung über “legitime” Westfrontbesucher wie Veteranen und Angehörige einerseits und den als schau- und schauderlustig bezeichneten “Touristen” andererseits.

Eine der schärfsten Kritiken gegen letztere Gruppe ist die Polemik Reklamefahrten zur Hölle von Karl Kraus, in der er sich 1921 über die Westfront-Fahrten der Basler Nachrichten echauffiert und ihnen Kaffeefahrtcharakter unterstellt.

Auch in englischsprachigen Zeitungsartikeln, Gedichten und der Literatur der Zeit wurde immer wieder die Dichotomie zwischen aus ehrenwerten Motiven reisenden “Pilgern” und “profanen Touristen” reproduziert. Dass man sich über die Bezeichnung der Reisen durchaus Gedanken machte, zeigt ein Bericht in The Times vom 7. Juni 1920:

The French have a better term for what are described in this country as battlefield tours. They call them pilgrimages.

Selbst den Reisebüros war der dünne Grat des gerade noch guten Geschmacks bewusst, auf dem ihre Reisebusse nach Flandern fuhren. Thomas Cook stellte in seinen Publikationen explizit klar, dass die Reisen keinesfalls der Faszination des Grauens oder anderer niedriger Beweggründe dienen sollte.

In Wirklichkeit dürfte es diese klare Trennung zwischen Reisezwecken nicht gegeben haben. Insbesondere Besucher aus Übersee, die sich nur einmal im Leben eine Europareise leisten konnten, verbanden Gräberbesuch und Gedenken mit anschließendem Strandurlaub oder mit belgischem Bier. 

Verschiedene Funktionen des Schlachtfeldtourismus im Wandel der Zeit

Je zeitlich näher man noch am Kampfgeschehen lag, umso direkter und unmittelbarer fühlten sich die Besucher dem Massensterben an der Front verbunden. Solange Schützengräben und Gefechtsmüll noch deutlich sichtbar waren, bedurfte es keiner Vermittlung durch Reiseleiter oder Museen.

Insbesondere für die Angehörigen und ehemaligen Kameraden von Gefallenen waren Orte wie Ypern der Friedhof, auf dem sie das Grab besuchen konnten. Idealerweise war dies ein namentlich gekennzeichnetes Grab, andernfalls ein Ehrenmal für unbekannte Soldaten. Diese Verbundenheit auch der Hinterbliebenen mit einem bestimmten Ort dürfte an der Westfront stärker ausgeprägt sein als an anderen Schauplätzen oder in anderen Kriegen, denn die Soldaten waren im Stellungskrieg lange Zeit an einem Ort, von wo aus sie immer wieder nach Hause schrieben. Orte wie Ypern oder Verdun wurden so auch an der Heimatfront zu festen Begriffen.

Die überlebenden Veteranen konnten ihren Familienangehörigen oft erst anlässlich von Front- und Gräberbesuchen ihre Erinnerungen vermitteln. Auch in der Literatur stößt man auf die Figur des ehemaligen Soldaten, der (mit Familie) an die Front zurückkehren muss, um das Trauma zu überwinden (Josefs Frau von Erich Maria Remarque, Douaumont oder die Heimkehr des Soldaten Odysseus von Eberhard Möller).

Mochten die Familien der Gefallenen während des Krieges noch auf eine anschließende Umbettung gehofft haben, so war doch bald klar, dass dies aus logistischen und finanziellen Gründen keine veritable Option darstellte. Dies betraf deutsche Familien besonders, weil deren Angehörige ganz überwiegend im “Feindesland” lagen. Die Reichsregierung erlaubte 1921 zwar die “Heimschaffung Gefallener”, jedoch unter der Auflage, dass die Angehörigen sämtliche Kosten zu tragen haben. 

Der 1919 gegründete Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) übernahm die Aufgabe der Betreuung deutscher Soldatenfriedhöfe im Ausland und hatte gar kein Interesse an Leichenrückführungen. Als selbsternannter Fürsprecher der Gefallenen äußerte der VDK den Appell, “dass alle, die im Kampfe nebeneinander standen und starben, auch im Tode vereint bleiben.” Die Funktion als Soldat sollte also auch im Tod die eines Vaters, Bruders, Ehemannes oder Freundes überlagern.

Die Verbandszeitschrift Kriegsgräberfürsorge ist eine Fundgrube von Berichten Angehöriger, die im Ausland gelegene Gräber besuchten. Praktische Hinweise wie zur Passbeschaffung, zur Übernachtung, zu den zu erwartenden Kosten nehmen einen breiten Raum ein, genauso wie man es bei “normalen” touristischen Reisen erwarten würde. Als Beispiel die eher negative Bewertung des Reisebüros Thomas Cook durch einen deutschen Reisenden im Jahr 1924:

Aber auch pathetische Berichte im nationalistisch-militaristischen Geist wurden abgedruckt, so wie dieser 1925:

Und auch den deutschen Touristen, der überall in der Welt mit Verbesserungsvorschlägen auftritt, gab es schon früher. Ein wichtiger Hinweis aus dem Jahr 1931:

Für die Nationalsozialisten wurden Soldatenfriedhöfe zu symbolischen Orten, an denen man gelobte, die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg wettzumachen. Der Ort Langemark nördlich von Ypern war schon während des Ersten Weltkriegs zu einem Mythos im Deutschen Reich geworden. 1933 schrieb die VDK-Zeitschrift, dass man endlich den dortigen Toten zurufen könne: “Seht: Wir marschieren wieder, froh und opferfreudig!”

1940 wurde tatsächlich wieder in Belgien (ein)marschiert. Im Herbst 1940 fanden im mittlerweile deutsch besetzten Langemark militärische Gedenkfeiern statt. Aus deutscher Sicht war der Erste Weltkrieg erst jetzt zu seinem richtigen Ende gekommen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, der eigentlich ausreichend schlachtfeldtouristisch interessante Novitäten geschaffen hätte, z.B. in der Normandie, nahm der Tourismus nach Flandern wieder an Fahrt auf, anfänglich jedoch ohne die Besucher aus Deutschland.

Der 1946 wieder zugelassene VDK brach mit der überkommenen Heroisierung des Kriegstodes, der das Gedenken zwischen den beiden Weltkriegen dominiert hatte. Er bekannte sich zur Versöhnung in Europa, schwieg sich aber andererseits über deutsche Kriegsverbrechen in den beiden Weltkriegen aus. Damit bestärkte der VDK das in der frühen Bundesrepublik weitverbreitete Opferbewusstsein und das Leitbild des angeblich “unpolitischen Soldatentums”, das letztlich bis zur Wehrmachtsausstellung 1995 anhielt.

Die Kriegsgräberfahrten waren für die Erinnerungskultur in Westdeutschland auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil es weder ein nationales Denkmal für gefallene Soldaten, noch eine nationale Zeremonie für sie gab. Der Volkstrauertag war nicht auf die gefallenen Soldaten beschränkt, anders als z.B. der Memorial Day in den USA oder der 11. November als Remembrance Day im Vereinigten Königreich und anderen Commonwealth-Staaten. Öffentliches Soldatengedenken in der Bundesrepublik fand entweder im kommunalen Rahmen oder eben im Ausland statt.

Seit dem Ersten Weltkrieg und nochmals seit den 1960er Jahren hat sich der Totenkult gewandelt. Mit dem Übergang vom sakrifiziellen zum viktimologischen Opferverständnis wurde das Leiden und Sterben der Soldaten immer weniger glorifiziert, mehr als Mahnung verstanden und zunehmend distanziert und teils mit Unverständnis betrachtet. Dass diese Entwicklung zur Zeit des Vietnam-Krieges eine spürbare Wende nahm, zeigt, dass das Gedenken der Vergangenheit nie losgelöst von den jeweils aktuellen Diskursen verstanden werden kann.

Auch aus Sicht der örtlichen Kommunen, Einrichtungen und Tourismusverbände hat sich der Fokus vom Schlachtfeldtourismus, einem Wort das gar nicht mehr gerne gehört wird, hin zum Kulturgut-Tourismus (einschließlich eines Antrags auf Anerkennung der Schlachtfelder in Flandern, in der Wallonie und in Frankreich als UNESCO-Weltkulturerbe) und zu Versöhnungsreisen verschoben. Nicht mehr die morbide Faszination des tausendfachen Todes oder militärgeschichtliche Detailversessenheit, sondern die Mahnung und die Lehren daraus stehen im Vordergrund. Man blickt zurück, um sich als Europäer des seither Erreichten zu erfreuen.

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Spannender als ein Krimi

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Im Kino kommt schon seit Monaten kein Film mehr, der mich vom Hocker gehauen hat. Im Fernsehen läuft jeden Tag die Wiederholung von „Outbreak“, „Pandemie“ oder sonstigen Katastrophenfilmen. Und die Bundesliga wird von Staffel zu Staffel langweiliger. Am Ende gewinnt ja doch wieder der von den Steuerhinterziehern geführte Verein aus München.

Aber, apropos Korruption, zum Glück gibt es da diesen russischen Rechtsanwalt und Korruptionsaufdecker, Alexei Nawalny. Der produziert unter Lebensgefahr einen Film nach dem anderen. Und die meisten davon sind spannender, besser recherchiert und besser produziert als das, was uns sonst auf der Leinwand vorgesetzt wird.

Ich weiß, Nawalny ist umstritten, und ich bin der letzte, der seine nationalistischen und fremdenfeindlichen Aussagen goutiert. (Wenn er sich seither weiterentwickelt hat, dann soll er sich endlich distanzieren.) Aber seine Filme sind echt gut.

Der mittlerweile bekannteste Film ist „Ein Palast für Putin“. In Spielfilmlänge geht es allerdings um viel mehr als um den 100 Milliarden Rubel teuren (und potthässlichen) Palast von Putin, dessen Grundstück 39-mal so groß ist wie das Fürstentum Monaco. Es geht um das System der Korruption auf höchster Ebene, wer wo was wie abzweigt, über die Mittelsmänner und Strohmänner (bzw. Strohgroßmütter, deren Enkelinnen zufällig Affären mit Putin haben). Und es geht um die Anfänge dieses größten Raubzugs der modernen Geschichte – in Dresden.

Falls Euer Russisch seit der Perestroika etwas Rost angesetzt hat, keine Sorge. Die Filme haben englische, teilweise sogar deutsche Untertitel.

Ebenso akribisch recherchiert ist der Film, in dem der genaue Ablauf, die langjährige Planung und die Täter des Nowitschok-Anschlags (und vorheriger Anschlagsversuche) auf Nawalny enthüllt werden:

Das ist wirklich wie ein Krimi. Noch unfassbarer wird es dann, als Nawalny die Telefonnummern der Killer herausbekommt und sie der Reihe nach anruft. Alle legen auf. Nur einer ist unvorsichtig genug, mit Nawalny, der sich als Vorgesetzter aus dem Staatsapparat ausgibt, zu besprechen, was bei dem Giftanschlag falsch lief und wie er Beweismittel verschwinden ließ.

All diese Beweise führen in Russland nicht einmal zur Einleitung eines Ermittlungsverfahrens. Stattdessen sitzt Nawalny jetzt im Gulag. Nach Prozessen, die der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte als rechtswidrig und willkürlich eingestuft hat.

Ob man mit so einem Regime unbedingt eine Gaspipeline bauen muss? Ich weiß nicht. Aber so wie ich Deutschland kenne, werden sich die Sanktionen auf irgendeinen von Gazprom finanzierten Turn- oder Fußballverein beschränken. Wundert Euch also nicht, wenn Schalke 04 am Ende dieser Saison so schnell aus der Bundesliga fliegt, wie in Russland kritische Journalisten aus dem Fenster fallen.

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Vor hundert Jahren hielt jemand zwar seine Neujahrsvorsätze ein, kümmerte sich aber einen Dreck um das Leben Anderer – Februar 1921: Winston Churchill

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Es ist Ende Februar. Wenn es Euch wie mir geht, haben sich die meisten Neujahrsvorsätze bereits in Luft aufgelöst, wurden vergessen oder auf März oder April verschoben. Die Klügeren unter Euch werden erst gar keine Vorsätze gefasst haben.

Aber wenn Ihr Euch wirklich schlecht fühlen wollt, bedenkt die Neujahrsvorsätze des jungen Winston Churchill, wie er sie in seiner Autobiographie Meine frühen Jahre erzählt:

Ich plante daher den Ablauf des Jahres 1899 wie folgt: Nach Indien zurückzukehren und das Poloturnier zu gewinnen; meine Papiere einzuschicken und die Armee zu verlassen; meine Mutter von der Zahlung meines Unterhalts zu befreien; mein neues Buch und die Briefe an den Pioneer zu schreiben; und nach einer Möglichkeit Ausschau zu halten, ins Parlament einzuziehen.

Diese Pläne wurden, wie wir sehen werden, im Wesentlichen ausgeführt.

Schließlich hat ein Jahr 365 Tage. Warum also sollte man sich auf regelmäßigen Sport, eine Diät oder das Erlernen einer neuen Sprache beschränken?

Wie wir alle wissen, ging Churchills Karriere tatsächlich steil nach oben, sowohl in der Literatur (er gewann einen Nobelpreis) als auch in der Politik (er gewann einen Weltkrieg). Offenbar war er so vielseitig begabt, dass er nicht nur Abgeordneter und schließlich Premierminister wurde, sondern auch als Handelsminister, Innenminister, Erster Lord der Admiralität, Munitionsminister, Luftfahrtminister, Verteidigungsminister, Schatzkanzler und Kolonialminister fungierte.

Auf das letztgenannte Amt wollen wir uns konzentrieren, weil Winston Churchill es im Februar 1921, also vor genau 100 Jahren, übernahm. Ich möchte mich auch deshalb darauf konzentrieren, weil es ein etwas anderes Licht auf den „Retter der freien Welt“ wirft. Wie immer in dieser Reihe dient das hundertjährige Jubiläum lediglich als Ausgangspunkt, und wir werden Churchills Sicht auf den Kolonialismus davor und danach erkunden.

Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi, das Ergebnis von Churchills oben genanntem Vorsatz, war, ziemlich schockierend für einen 24-Jährigen, bereits sein drittes Buch. Und es war, was noch schockierender ist, voll von rassistischen und anti-islamischen Passagen. Das war keine Jugendsünde, die er mit fortschreitendem Alter und zunehmender Verantwortung zu korrigieren gedachte. Ganz im Gegenteil.

Im Jahr 1937 zum Beispiel, als er die Welt bereits vor den Nazis warnte, sagte Churchill:

Ich gebe zum Beispiel nicht zu, dass den Indianern in Amerika oder den Schwarzen in Australien großes Unrecht angetan wurde. Ich gebe nicht zu, dass diesen Menschen dadurch Unrecht getan wurde, dass eine stärkere Rasse, eine höherwertige Rasse, eine weltklügere Rasse, um es so auszudrücken, gekommen ist und ihren Platz eingenommen hat.

Immer wieder offenbart sein Denken den Glauben an eine Hierarchie der Rassen, wobei weiße Protestanten den weißen Katholiken (d.h. den Iren), Juden den Muslimen und Angelsachsen allen anderen überlegen sind.

Apologeten werden sagen, dass dies halt nunmal das Denken der Zeit war. Aber das war es nicht. Viele Menschen dachten ganz anders. Sogar in Großbritannien, sogar zu jener Zeit und sogar innerhalb seiner eigenen Konservativen Partei galt Churchill als ein extremer Rassist.

Und noch 1954 sagte er über die Chinesen:

Ich hasse Menschen mit Schlitzaugen und Zöpfen. Ich mag nicht, wie sie aussehen oder wie sie riechen.

Sicherlich kein Ausrutscher bei jemandem, der für seine begnadete Redekunst bekannt war.

Unter all den Menschen, die beleidigt, gedemütigt und grausam behandelt wurden, möchte ich den Fokus auf Indien richten, das bis 1947 eine britische Kolonie war.

Churchill sagte seinem Staatssekretär für Indien ausdrücklich, dass er „die Inder hasse“ und sie für „ein bestialisches Volk mit einer bestialischen Religion“ halte. (Ich bin mir nicht sicher, ob er nicht wusste, dass es Inder mit verschiedenen Religionen gibt, oder ob es ihm egal war.) Besonders hasserfüllt war er gegen Mahatma Gandhi und schlug vor, dass dieser „an Händen und Füßen gefesselt vor den Toren Delhis liegen und dann von einem riesigen Elefanten zertrampelt werden sollte, auf dessen Rücken der neue [britische] Vizekönig sitzt.“

Als die von Churchill und US-Präsident Roosevelt 1941 proklamierte Atlantik-Charta das Selbstbestimmungsrecht der Völker als eines der Leitprinzipien für die Nachkriegswelt benannte, erklärte Churchill ausdrücklich, dass dies nicht für Indien gelten würde. Und das, obwohl die Inder zu den Kriegsanstrengungen der Alliierten mit über 2,5 Millionen Mann beitrugen, damals die größte Freiwilligentruppe der Welt.

Der Tiefpunkt in einem Leben voller Tiefpunkte war wohl die bengalische Hungersnot von 1943. Mehr als 3 Millionen Menschen verhungerten, während Churchill anordnete, Getreide von hungernden Indern an britische Soldaten umzuleiten und Reserven in Griechenland und Jugoslawien anzulegen.

„Das Verhungern von ohnehin unterernährten Bengalis ist weniger schlimm als das von stämmigen Griechen“, wandte Churchill seine Rassentheorie an. Und, so sagte er, die Inder seien selbst schuld, weil sie sich „wie die Kaninchen vermehrten“. (Churchill hatte selbst fünf Kinder.)

Nochmals, dies ist keine rückwirkende Anwendung moderner Moralvorstellungen. Die Menschen zu der Zeit erkannten die Unmenschlichkeit. Britische Beamte flehten Churchill an, aber ohne Erfolg. Kanada und die USA boten an, Hilfe zu schicken, aber Churchill lehnte das Angebot ab. Die indische Kolonie durfte ihre eigenen Geldmittel nicht ausgeben und keine eigenen Schiffe benutzen, um Lebensmittel zu importieren. Schiffe, die Weizen aus Australien brachten, durften nicht in indischen Häfen entladen und wurden stattdessen nach Europa weitergeleitet.

Wenn man bedenkt, dass die britische Herrschaft mit der Begründung gerechtfertigt wurde, dass sie „die Menschen davon abhält, sich gegenseitig umzubringen“, war das ziemlich zynisch. Und deswegen macht es mich stutzig, wenn Menschen, Schulbücher, Romane und Filme den Kolonialismus noch immer romantisieren, was im Übrigen kein auf das Vereinigte Königreich beschränktes Problem ist. Oder vielleicht macht es mich doch nicht stutzig, weil es einfach noch das gleiche alte europäische Gefühl der rassischen Überlegenheit ist. („Aber wir haben dort Straßen und Schulen gebaut.“) Deshalb begrüße ich jede Debatte, und wenn dafür ein paar Statuen umgestürzt oder mit Graffiti besprüht werden müssen, dann soll es so sein.


Selbstverständlich ist eine Hungersnot kein monokausales Ereignis. Aber wenn ich versucht hätte, tiefer in deren Verlauf und die Ursachen einzusteigen, wäre meine völlige Unkenntnis über Indien noch deutlicher zu Tage getreten.

In diesem Artikel habe ich mich auf Inglorious Empire: What the British did to India von Shashi Tharoor verlassen. Danke an Dieter, der mir das Buch geschickt hat! Weitere Bücher sind immer willkommen, ebenso wie ein Experte für mongolische Geschichte, für die Geschichte des Schachspiels und für österreichische Geschichte – vor allem solche, die bereit sind, für eine Folge dieser Serie einzuspringen.

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Frühling ist doof

Es ist noch zu kalt zum Schwimmen, aber schon zu warm, um übers Eis zu laufen.

eiskalt

Das Foto habe ich letzten Januar im Sofia-Park von Uman in der Ukraine gemacht, womit ich geschickt auf den damaligen Artikel hinweisen möchte.

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Ein kurzer Hinweis, in dessen Kürze, so hofft der Autor, ohne hierfür die Haftung oder gar eine Garantie übernehmen zu wollen, die sprichwörtlich versprochene Würze zu finden ist

Ich erlaube mir, daran zu erinnern, dass am 25. Februar und damit, soweit ich mich in dem ständigen Umherreisen zwischen Julianischem und Gregorianischem Kalender nicht hoffnungslos verheddert, verzettelt und verirrt habe, genau heute der Tag des Schachtelsatzes stattfindet und mit Freude im Herzen und in der Feder, die, soviel soll der sogenannten, sich aber zumindest selbst als solche begreifenden Moderne zugestanden sein, nur als ein Beispiel für jegliches in Frage kommende Schreibwerkzeug genannt sein will, begangen werden sollte, insbesondere in einem Jahr, in dem dieser Höhepunkt des syntaktischen Jahreszyklus sich nicht, wie sonst, der Konkurrenz durch andere angeblich des Zelebrierens würdige Nichtanlässe, die auf niederträchtige Art und Weise durch Alkohol und allerhand karnevaleske Verlockungen das Volk von diesem Höhepunkt, den nur die deutsche Sprache in solcher Eleganz hervorzubringen vermag, womit bewiesen ist, dass diese, egal was die Freunde des Französischen, die Anhänger des Angelsächsischen oder die Claqueure des Chinesischen sagen, den Gipfel der babylonischen Sprachentwicklung darstellt, abzulenken versuchen, erwehren muss.

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Eine Postkarte aus Las Vegas

To the English version.

Wenn Leute behaupten, das Jura-Studium sei trocken, muss ich immer lachen.

Nach dem fünften Semester stand mein zweites Praktikum an, das ich bei der Staatsanwaltschaft absolvierte. In Las Vegas. Schon am ersten Tag fuhren wir in ein Indianerreservat. Danach ein paar Mordprozesse. Eine Führung durchs Gefängnis. Den Jackson-Clan vor Gericht gesehen. Die Einladung, an einer Hinrichtung teilzunehmen, quittierte ich mit „hell, no!“ Aber als mein Ausbilder vorschlug, ich könne mit der Polizei auf Streife fahren, sagte ich „hell, yes!“

Ich wählte die Nachtschicht, vorgeblich um keinen Tag vor Gericht zu verpassen. In Wirklichkeit, weil ich hoffte, dass da mehr passiert.

Um 17:30 Uhr fand ich mich bei einem Revier im Nordwesten der kriminellsten Stadt der USA ein. Die Polizisten saßen in einem Raum, der wie ein Klassenzimmer aussah. Die Tische und Stühle waren viel zu klein für die allesamt ziemlich großen und kräftigen Männer. Sie alberten herum, bis der Lieutenant herein kam und auf einem Stadtplan an der Tafel markierte, wo gerade eine Bank ausgeraubt wurde, wo ein Mann abgestochen wurde, wo eine Frau sexuell belästigt wurde und wo man eine Drogenhöhle auszuheben gedenke.

Dann stellte er mich und meine Geheimmission vor. Mike, sehr groß, sehr kräftig, mit schwarzem Schnurrbart, ein Polizist wie aus dem Bilderbuch, sagte: „Er kann bei mir mitfahren.“ In Las Vegas fahren die Polizisten gewöhnlich allein Streife, weil so gleichzeitig mehr Streifenwagen auf der Straße sind. „Die Bürger wollen etwas sehen für ihre Steuern“, hatte mir der Staatsanwalt erklärt.

Wir gingen alle in den Umkleideraum, wo ich zwar keine Uniform, aber eine kugelsichere Weste erhielt. Ich zog sie unter dem Pullover an und fühlte mich schon viel größer und kräftiger.

Auf dem Parkplatz hinter dem Revier wurden die Autos für die Nachtschicht überprüft. Reifendruck. Lichter. Sirene. Und Funkgerät. Alles klar, denn aus dem Funkgerät quiekte es schon. „Zwei Jugendliche in gestohlenem Wagen nördlich auf 95er.“

Ich dachte, es wäre ein Test, aber Mike rief mir zu: „Steig ein und schnall dich an!“

Vor uns brausten zwei Polizeiwagen davon, wir waren der dritte. Mit Sirene. Mit Blaulicht. Mit quietschenden Reifen. Mit über 100 km/h. Mitten in der Stadt. Im dichten Feierabendverkehr. In den USA lassen die Fahrer keine Gasse für Fahrzeuge mit Blaulicht, sondern man muss sich irgendwie durchschlängeln.

Mike bediente mit der linken Hand das Lenkrad, die Lichter, die Sirene und die Hupe. Mit der rechten Hand bediente er das Funkgerät und einen Computer, der vor mir auf der Beifahrerseite angebracht war. Dort gab es Informationen zu dem gestohlenen Fahrzeug. „Scheiße, all dieser Aufwand für einen Corolla!“

Mike konnte zwölf Dinge gleichzeitig bedienen, nur nicht die Bremse. Wir fuhren auf eine große Kreuzung zu, die Ampel zeigte rot. Weder die beiden Polizeiautos vor uns, noch wir wurden langsamer. Mike erkärte, dass die Polizeiautos mit einem Gerät ausgestattet waren, das die Ampelschaltung manipulieren und auf grün stellen konnte. Im letzten Moment wurde es tatsächlich grün. Zu spät für einen von rechts kommenden Zivilisten, der das zweite Polizeiauto rammte, das deshalb in einen Laternenpfahl fuhr, der umkippte und eine Reihe weiterer Autos erschlug.

Mike düste weiter mit 100 km/h, blickte nur kurz in den Rückspiegel und beruhigte mich, dass dem Kollegen nichts passiert sei. Sicherheitshalber gab er den Unfall über Funk durch. „Falls mir übrigens etwas passiert“, sagte er, „geh auf Frequenz 33 und gib durch ‚officer down, officer down‘. Und dann mach dich aus dem Staub.“ Zwischen den beiden Sitzen war eine Repetierflinte angebracht, aber die sollte ich anscheinend nicht benutzen.

Amerikanische Polizeiautos haben vorne einen Rammbock aus Metall. Der kam zum Einsatz, als wir zu dem geklauten Toyota aufschlossen. Die beiden verbliebenen Polizeiautos rammten abwechselnd den Corolla, dessen Eigentümer darüber sicherlich hocherfreut war. Ringsherum war noch immer Feierabendverkehr. (Das war 1997, da hatten die Leute noch keine Mobiltelefone zum Filmen. Mittlerweile filmen die Polizisten selbst.)

Die Polizisten versuchten, das gestohlene Fahrzeug von der Straße zu drängen, aber die Diebe fuhren stattdessen auf den Parkplatz eines Supermarktes. Unsere Autos kamen mit quietschenden Reifen zum Stehen, die beiden Polizisten sprangen mit gezogenen Waffen raus, rannten unter lautem Schreien auf das den Einsatz verursacht habende Auto zu, rissen die Türen auf und zogen zwei zitternde junge Männer raus. Ich weiß nicht, ob sie von selbst umfielen oder auf den Boden gestoßen wurden, aber sofort hatten sie Handschellen an.

Ringsherum schoben Leute Cornflakes, Cola-Flaschen und Grillfleisch in Einkaufswagen, die größer waren als der Corolla.

Die Sonne ging gerade unter. Ich genoss die letzten Strahlen warmen Lichts, grinste von einem Ohr zum anderen und dachte, weder zum ersten, noch zum letzten Mal an jenem Abend: „Das ist wie in einem Film!“

Natürlich ging die Nacht noch weiter, mit Helikoptereinsatz, einer Jagd in der Wüste, einem Selbstmörder auf dem Vulkan und vielen Donuts, aber für diese Reihe habe ich versprochen, mich kurz zu halten. Das habt Ihr jetzt von Euren Klagen über meine angeblich ausufernden Artikel.

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