Unerkannt durch Freundesland

30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung scheint mir das im Westen vorhandene Wissen über das Leben in der DDR – soweit diesbezüglich überhaupt Interesse besteht – weiterhin von unergiebigen Diskussionen über Schlagwörter wie „Unrechtsstaat“ oder von wenig ausdifferenzierten Täter-Opfer-Schemata geprägt zu sein. Aber zwischen FDJ-, SED- und Stasi-Leuten auf der einen und Oppositionellen und Republikflüchtlingen auf der anderen Seite muss es auch eine Menge Zwischenstufen gegeben haben.

Von einer interessanten Gruppe habe ich gerade erst erfahren: den UdF-Reisenden. Das waren DDR-Bürger, die die geographischen und ideologischen Grenzen ihres Staates überwanden, aber ohne allzu offenen Widerstand, und ohne ins Gefängnis oder in den Westen zu gehen, zumindest in den meisten Fällen. Sie brachen die Regeln auf kreative und gewitzte Weise. Sie waren entweder sehr mutig oder sehr sorglos. Sie demonstrierten nicht für Freiheit, sie nahmen sie sich einfach.

UdF, als Abkürzung durchaus eine Anspielung auf KdF, steht für „Unerkannt durch Freundesland“, und so heißt auch das absolut empfehlenswerte Buch mit 29 Geschichten über illegale Reisen in die Weiten der Sowjetunion.

Die Möglichkeit zu diesem Regelverstoß bot ironischerweise die sozialistische Bürokratie: DDR-Bürger benötigten für Privatreisen in die Sowjetunion eigentlich eine Einladung, eine exakte Reiseroute und eine Genehmigung. Das war kompliziert. Leichter war es, nach Bulgarien oder Rumänien zu fahren, meist mit dem Zug durch die Tschechoslowakei. Als dort 1968 der Prager Frühling zuerst blühte und dann von Panzern niedergewalzt wurde, richtete man für die DDR-Urlauber eine Ausweichroute über Polen und die Sowjetunion ein. Dafür gab es unkompliziert ein Transitvisum, mit dem man 48 Stunden durch die Sowjetunion reisen durfte, um nach Rumänien und am Ende des Urlaubs wieder zurück zu gelangen.

Was taten die findigen Abenteurer aus der DDR? Sie planten vorgeblich eine Reise nach Rumänien, besorgten sich das Transitvisum für die Sowjetunion, und stiegen dann am ersten Bahnhof in der UdSSR aus dem Zug und verliefen sich. War ja auch ein großes Land.

Wer nicht nach Westen kann, fährt halt in den fernen Osten: Baltikum, Ural, Kaukasus, Sibirien, Altai-Gebirge, Samarkand, Pamir-Gebirge, bis nach Kamtschatka. Insbesondere die Bergsteiger waren, nachdem sie die Herausforderungen des Erzgebirges schon gemeistert hatten, ganz wild darauf, den Elbrus (5642 m) oder den Pik Kommunismus (7495 m) zu besteigen. Andere wollten mit einem selbstgebauten Segelschlitten über den zugefrorenen Baikalsee flitzen.

Und nach einem Monat fuhr man wieder zurück in die DDR, wie wenn nichts geschehen wäre. Das war zwar nicht ganz legal, aber wie Michael Beleites über seine Reisen ins Baltikum schreibt:

Das Risiko war überschaubar: Es konnte zwar passieren, dass man von der Miliz gestoppt wurde und eine Strafe zahlen musste – aber nie mehr, als man dabei hatte. Und man konnte des Landes verwiesen werden – was aber nicht schlimmer ist, als wenn man gar nicht erst hinfährt.

So eine Einstellung gefällt mir!

Von der Miliz, der Polizei oder dem KGB wurden dann tatsächlich viele der Reisenden gestoppt, auch mal für eine Nacht festgenommen. Aber all diese Begegnungen verliefen überraschend milde, manchmal richtig humorvoll.

Wenn die Deutschen erzählten, dass sie sich verlaufen hatten oder dass sie trampten, wurde der KGB-Offizier immer weich und fragte fürsorglich: „Haben Sie heute schon gegessen?“ Daraufhin wurde das Verhör ins Restaurant verlegt und der Delinquent eingeladen, bis alle betrunken waren. Selbst in eigentlich verbotenen Städten wie Königsberg oder dem Schwarzmeerhafen Sewastopol konnten sie sich herausreden, wobei in letzterem Fall wohl half, dass die Dolmetscherin nicht wahrheitsgemäß übersetzte, dass der Reisende per Anhalter auf einem Schiff übers Schwarze Meer fahren wollte. Manchmal gab einem der KGB auch noch ein bisschen Geld für die Weiterreise mit.

Die Flüge waren in der Sowjetunion anscheinend spottbillig, denn etliche Reisende flogen kreuz und quer durchs Land, aber natürlich gehört auch das Trampen zu so einem Reisestil. Und nicht nur mit Autos:

Es kam auch vor, dass wir mit dem Helikopter getrampt sind. Da hat man einen Piloten angequatscht, mit ihm Wodka getrunken, und schon konnte man mitfliegen,

schreibt Ulrich Henrici, der vor allem in Mittelasien unterwegs war.

Wenn das Geld ausging, war es auch kein Problem. Wie die Herausgeberin Cornelia Klauß schreibt:

Es war im damaligen Ostblock machbar, mit kaum Geld in der Tasche loszuziehen. Nie wurde man als Schnorrer wahrgenommen, sondern stets als junger abenteuerlustiger Mensch, der seinem natürlichen Recht auf das Sammeln von Erfahrungen nachging.

Wo man auch hinkam, es wurde immer alles geteilt, Essen, Trinken und natürlich die Wohnung. Wie das so war in der guten alten Zeit vor dem Internet: Man hatte über Bekannte von Bekannten einen Namen und eine Adresse in Vilnius oder in Tiflis bekommen, tauchte spontan auf, und konnte so lange bleiben, wie man wollte. (In Tiflis wurden sie sogar eingeladen, als sie auf der Suche nach der Adresse bei völlig Unbekannten klingelten.)

Manche der Geschichten sind regelrechte Schwejkiaden. Die Reisenden fälschten Einladungen zu Sportfesten und nahmen so an der Elbrusiade und an einem Triathlon in der Ukraine teil (den sie auch noch gewannen). Ein anderer hatte kein Geld für den Zug nach Turkmenistan. Er ging zur Miliz und sagte, dass er seine Reisegruppe verloren habe und ihr schnellstmöglich nachreisen müsse. Die Miliz organisierte ihm eine Fahrkarte für den nächsten Zug, der eigentlich schon ausverkauft war. Drei Studenten wollten nach Kamtschatka und hatten sich dafür eine „Einladung zur Eröffnung eines Karl-Marx-Denkmals“ gefälscht. Das flog zwar auf, aber da waren sie schon am Japanischen Meer. Nach ein paar Tagen Haft wurden sie zurückgeschickt.

Aber ich will gar nicht mehr erzählen. Lest einfach selbst! „Unerkannt durch Freundesland“ ist ein Genuss für Freunde des Ostens, für Abenteurer und vor allem für Nostalgiker, die dem Reisen ohne Internet, Vorabbuchung und GPS hinterhertrauern.

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Auf den Spuren des Königs (Tag 7) Füssen

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Die Nacht war trocken und windstill, dank der Hütte. Diesmal war es nur kühl, nicht kalt.

Trotzdem konnte ich bis nach Mitternacht nicht einschlafen. Wahrscheinlich war ich gestern einfach nicht weit genug gewandert. Weniger als 10 km, das ist ja wirklich nichts. Das könnte ich sogar schlafwandeln.

Wenn ich nur schlafen könnte. Es ist nett, dass Bänke in der Hütte sind, aber 25 cm sind so schmal, dass ich bei jedem Umdrehen Angst habe, herunterzufallen. Die Decke ist nicht groß genug, um mich gleichzeitig von oben wie von unten zu wärmen. Einen Schlafsack habe ich bekanntlich nicht. Jedes Mal, wenn ich mich umdrehe, um die Schmerzen gleichmäßig zu verlagern, will mein Skelett auseinanderbrechen.

Manchmal habe ich gedankenlos den Begriff „obdachlos“ für meine Existenz verwendet, aber ich habe keine Ahnung, wie wirkliche Obdachlose das jede Nacht aushalten. Es wird ja noch kälter. Und nicht überall stehen so Hütten herum. Dazu kommt das soziale Stigma. Eigentlich ist das absurd: Wenn ich sage, ich bin auf Wanderung und schlafe notfalls draußen, dann laden mich die Leute in ihre Häuser ein (Kapitel 14 und 15, Kapitel 33, Kapitel 46 und 52, Kapitel 58) und hören sich meine Geschichten an. Wenn jemand arm ist und aus Not draußen schläft, dann lädt ihn niemand ein, und die Leute gucken weg.

Um 3:30 Uhr schmerzen die Glieder und Knochen unerträglich, selbst wenn ich mich nicht mehr bewege. Noch Monate später werde ich die bleibenden Schäden spüren, und damit ist genau in dieser 45. Geburtstagsnacht mein Lebenszenit markiert. Ab jetzt geht es körperlich bergab, und wenn ich nicht den Heiligen Gral entdecke, dann ist der Verfall nicht aufzuhalten.

An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Also packe ich meine Sachen und mache mich auf den Weg, anstatt sinnlos herumzusitzen und zu frieren. Der Vollmond leuchtet, soweit ihn die Wolken freigeben, und der Weg zur Wieskirche ist nicht weit. Die Bewegung tut den Gelenken gut.

Ein Vollmond reicht als Laterne übrigens vollkommen aus. Von mir aus hätte man die Elektrizität gar nicht erfinden brauchen.

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Und was ist das für ein Anblick: Als erster Mensch an diesem Tag, ganz allein, sehe ich die berühmteste Kirche Bayerns im Schein des Vollmonds.

Angeblich ist sie „die lichtreichste aller deutschen Barockkirchen des 17./18. Jahrhunderts“, ein „Wunder an Licht und Raum“. Dabei wird sie nicht einmal richtig angestrahlt. Diese Ehre wird nur dem gegenüberliegenden Geldautomaten zuteil. Ein paar windige Laternen stehen um die Kirche und verwirren die an der Südseite angebrachte Sonnenuhr.

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Da ist schon wieder ein Fuchs, diesmal ganz in schwarz. Richtung Wieskirche flitzt er davon, verstört durch einen Spaziergänger außerhalb der regulären Besuchszeiten.

Als ich um die Ecke biege, sitzt er da.

Oh. Dann war der Fuchs von vorgestern (Kapitel 78) vielleicht auch eine fette Katze.

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Es ist 4:30 Uhr. Die Kirche öffnet erst um 8 Uhr. Wie man mit so lausigen Öffnungszeiten UNESCO-Weltkulturerbe wird, ist mir schleierhaft. So lange werde ich nicht in der Kälte herumstehen. Das Café, das auf der Speisekarte mit Currywurst lockt, wird kaum eher öffnen.

Also ziehe ich weiter.

So cool bin ich nämlich. 100 km wandern und dann ein UNESCO-Weltkulturerbe links liegen lassen. Kirchen haben wir ja wirklich genug gesehen auf dieser Wanderung. Und falls doch jemand die Wieskirche von innen sehen will, gibt es ein Foto von Wikipedia und den Link zur virtuellen Tour.

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Aber ich habe jetzt einfach mehr Lust auf einen Spaziergang im Vollmond, in den Sonnenaufgang hinein. Ich habe die Landstraße für mich allein, und bald schallen die Vogelkonzerte aus allen Richtungen.

Ein Blick zurück lässt die hinter der Kirche aufgehende Sonne erahnen.

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Eigentlich sollte ich nach etwa zwei Stunden schlechten Schlafs und ohne Essen seit der gestrigen Hans-im-Glück-Schokolade gar nicht mehr gehen können, aber ab Schober öffnet sich der Blick auf die Alpen. Das Ziel ist nah!

Es war die richtige Entscheidung, den gestrigen Regentag auszusetzen.

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Unterhalb von Unterreithen setzt sich die Sonne endgültig gegen die Wolken durch. Ich lege mich auf eine Bank am Wegesrand, um Schlaf nachzuholen. Vorbeiziehende Hunde stupsen mich neugierig an. Eine Radwandergruppe hält an, um die Aussicht zu bewundern und zu fotografieren. Als ich mich aufsetze, entschuldigt sich ihr Anführer, mich aufgeweckt zu haben. Ein anderer erkundigt sich mitfühlend, ob mir nicht kalt sei. Dabei ist die Sonne eine wärmende Wohltat.

Und die Radfahrer haben Recht, gerade hier die Aussicht zu bewundern. Zum ersten Mal tritt das Ziel der Wanderung ins Blickfeld.

Erkennt Ihr es?

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Ich könnte noch 20 km wandern und von Wiesen und Kühen und Wolken und so erzählen, aber ich merke, dass es die Leserinnen und Leser zu dem Märchenschloss zieht. Außerdem würde der weitere Wanderweg durch einige Sümpfe und Moore führen, und seit Kapitel 6 habe ich panische Angst vor Schlangen. Also stelle ich mich in Trauchgau hoffnungsfroh an die Bundesstraße, die direkt nach Füssen führt.

Anstatt eines Autos hält ein Bus der Linie 72. Der ist zwar nicht so kostenlos wie meine bisherigen Mitfahrgelegenheiten, aber weil er nur für mich angehalten hat, leiste ich mir den Luxus. Die Fahrt ist es wert, denn der Busfahrer spendiert mir eine Panoramarundfahrt um den Forggensee, mit fantastischen Ausblicken. Er fährt durch kleine und pittoreske Dörfer, wo nirgendwo jemand einsteigt, weil bei dem schönen Wetter alle mit dem Rad unterwegs sind.

Es ist wie Landschaftskino. Eine Idylle!

Später werde ich in der Allgäuer Zeitung lesen, dass gestern ein Mann seine Ex-Frau in einem dieser Busse erstochen hat. „Beziehungstat“ heißt das dann, weil der Boulevard nicht weiß, wie man Femizid buchstabiert. Oder weil es einfacher ist, auf die Herkunft des Täters zu rekurrieren als zu erwähnen, dass Männer die mit Abstand gefährlichste Gruppe in unserem Land sind. Fast die Hälfte aller in Deutschland ermordeten Frauen stirbt durch die Hand des Partners oder Ex-Partners.

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Je näher wir Füssen kommen, umso mehr sehe ich, dass der innerdeutsche Tourismus boomt. Auf den Fahrradwegen kommen sich die Radfahrer in die Quere. Die Campingplätze sind voll belegt. Spontanreisende irren frustriert und stellplatzlos herum.

Vor einem Monat war ich noch in Lissabon, auf dem Rückweg von meinem Coronavirus-Exil, und da war ich teilweise der einzige Mensch, selbst auf den bekanntesten Plätzen der Stadt.

Dann wird in der Provinz in Bayern erst recht wenig los sein, hatte ich gedacht.

Falsch gedacht. Füssen ist voll. Die Straßen voll, die Busse voll, die Cafés voll, die Eisdielen voll. Mir schwant Böses, denn ich habe nichts gebucht, weder Übernachtung noch Schloss. Wie sollte ich auch, schließlich wusste ich nicht, wie schnell oder langsam ich vorankommen würde. In Füssen hatte sich keiner der angeschriebenen Couchsurfing-Gastgeber gemeldet, komisch.

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Zum Waschen und Rasieren muss ich deshalb, was sicher einen Verstoß gegen irgendwelche übertriebenen Gesetze darstellt, den Alpsee nutzen.

Ahhh, nach dem Bad fühle ich mich wieder ganz frisch und attraktiv. Kaltes Wasser am Morgen ist wichtiger als ein Bett in der Nacht.

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So traue ich mich in die Tourismusinformation.

„Haben Sie noch Eintrittskarten für die Schlösser?“

„Bei uns ist gibt es keine Tickets mehr, und online ist auch schon alles ausgebucht.“

„Oje! Ich bin mehr als 100 km hierher gewandert.“

Das erweicht die Dame etwas: „Wenn Sie früh aufstehen, können Sie versuchen, morgen ein Ticket zu ergattern. Nehmen Sie den Bus Nr. 73 oder 78 nach Hohenschwangau, und dort gehen Sie zum Ticket-Center.“ Sie streicht mir alles auf einer Karte an, während sie geduldig das erklärt, was sie wahrscheinlich jeden Tag hundertfach auf Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch erklärt. „Das öffnet um 8 Uhr, und wenn noch Karten übrig sind, bekommen Sie dort welche. Für Schloss Hohenschwangau sind normalerweise immer noch Plätze frei.“

Das arme Schloss Hohenschwangau, das immer hinter Schloss Neuschwanstein zurückstehen muss. Wenigstens das werde ich und werdet damit Ihr sehen.

„Und da Sie gut zu Fuß sind,“ fügt das Fräulein fröhlich hinzu, „können Sie auch einfach um die Schlösser herumwandern, wenn Sie keine Eintrittskarten mehr bekommen. Das ist sowieso viel schöner.“

Sie vermittelt mir dann noch ein Zimmer in einem Hostel zu 40 € pro Nacht, plus 2,20 € Tourismusabgabe. Dafür kann man allerdings alle Busse und sogar den Zug kostenlos benützen, was ein ziemlich guter Deal ist. Ich glaube, es ist auch eine gute Vorgehensweise gegen illegale AirBnB-Wohnungen, so die Touristen denn wissen, dass ihnen die freien Busfahrten vorenthalten werden. Wer glaubt, modern zu sein, und statt ins Fremdenverkehrsamt ins Internet geht, der verpasst diese Information vielleicht.

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Wem diese Wanderung zu kurz war, der muss nicht verzagen: In der Tourismus-Information gibt es allerhand Vorschläge für jene, die das schöne Wetter nützen und noch ein paar hundert Kilometer spazierengehen wollen.

Nur 966 km bis zum Triglav in Slowenien, das klingt verlockend. Mit meinem bisherigen Tempo komme ich dort in zwei Monaten an.

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Im sehr zentral gelegenen Bavaria City Hostel muss ich die Zeit des Formularausfüllens irgendwie überbrücken und frage, wie denn der Touristenansturm in diesem Sommer sei.

„Es ist schlimm. Alles ist voll,“ sagt die Frau, wie wenn sie nicht davon leben würde. „Nur die Schlitzis bleiben dieses Jahr weg.“

Mir hingegen bleibt fast der Atem weg ob dieser rassistischen Wortwahl. Wieso arbeitet so jemand im Tourismus?

Und es ist nicht das einzige Mal, dass ich so etwas höre. Ein befreundeter Lehrer war vor einem Monat in Berlin und freute sich, dass es dieses Jahr „keine Japsen“ gäbe.

Später, im August, just zum Jahrestag der Atombombenabwürfe, wird eine Bekannte über Neuschwanstein sagen: „Abgesehen von den Unmengen Japanern in der Tat sehr, sehr schön.“

Liegt der offene Rassismus gegen Asiaten auch am Coronavirus? Oder suchen sich die Leute ein anderes Ziel, weil Rassismus gegenüber Schwarzen gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert ist?

Darauf angesprochen, sagen sie dann, dass sie es nicht so meinen und dass halt wirklich viele Touristen aus Asien hier sind. Na und? Wenn ein Schloss überlaufen ist, dann ist es doch egal, ob die Besucher aus Peking oder aus Paris kommen. Vielleicht verkaufen die Schlösser einfach zu viele Eintrittskarten? Und warum sind ausländische Touristen in Deutschland ein Ärgernis, aber Deutsche können die Strände rund ums Mittelmeer belagern? Überhaupt kommen all die Klagen über „zu viele Touristen“ meist von Leuten, die am gleichen Ort selbst touristisieren.

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Auch in Füssen begehen Menschen den Fehler ihres Lebens und vermählen sich. Dieses Paar hat sich, passend zu dem, was ihnen bevorsteht, eine Ruine als Kulisse für ihre Freiheitsabschiedsfeier ausgewählt.

Der Bräutigam blickt verstohlen-neidisch zu mir herüber, der ich in der Wiese liege, den Rucksack als Kopfkissen, die Schuhe ausgezogen, und die Zigarre im Mund. Und für einen Moment träumt er von einem Leben, in dem ihm niemand das Rauchen verbietet. Von einem Leben, in dem ihm niemand verbietet, in der Wiese zu liegen, weil man davon angeblich Tuberkulose bekommt. Von einem Leben, in dem ihn niemand drangsaliert, weil er nicht arbeiten und kein Haus kaufen will. Von einem Leben, in dem er nicht angerufen und vorwurfsvoll gefragt wird, wieso er noch nicht zuhause ist. Von einem Leben, in dem Überraschungen, Unwägbarkeiten und Abenteuer etwas Positives sind. Kurz: von einem richtigen Leben.

Tja, zu spät, junger Mann. Bald schiebst du geknickt den Kinderwagen durch die Kleinstadt.

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Geknickt dürfte auch die Kleinstadt selbst sein. Denn obwohl sie ziemlich putzig ist, kommen die Besucher aus Asien und aller Welt nur wegen der beiden Königsschlösser im Nachbarort Schwangau. Dabei gäbe es auch in Füssen selbst einiges zu sehen.

Aber ich muss jetzt erst einmal Döner und Schlaf nachholen.

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Morgen geht es endlich zu den Schlössern, versprochen!

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Auf den Spuren des Königs (Tag 6) Walden

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Der Geburtstag beginnt damit, und das ist eine passende Metapher auf mein ganzes Leben, dass ich verschlafe.

Rottenbuch hat, das ist nicht überraschend für die Gegend, eine hübsche Kirche und ein Kloster. Das Kloster scheint ausnahmsweise noch aktiv zu sein, denn über den Dorfplatz mit riesigen Bäumen huschen vereinzelt Nonnen.

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Nur eine Hochzeitsfeier vor dem Rathaus stört die Idylle und propagiert das bayerische Dirndl- und Lederhosenklischee.

Christina und Cordula hatten gestern erzählt, dass dieser Kitsch, für den man Kühen die Haut abzieht, zu Oktoberfestzeiten sogar in den Hansestädten verkauft wird. Bei Aldi.

Apropos Aldi, was viele nicht wissen, weil sie nie in staubigen Archiven stöbern: Die Aufteilung Deutschlands zwischen Aldi Nord und Aldi Süd geht auf den Westfälischen Frieden von 1648 zurück. Aber dieser Artikel leidet wahrlich nicht unter zu wenigen historischen Exkursen, weshalb dieser hiermit jäh abgebrochen wird wie ein von der Wettbewerbsaufsicht per einstweiliger Verfügung untersagtes Sonderangebot.

Erlaubt sei jedoch eine persönliche Erklärung, die, so steht zu vermuten, nicht lange benötigt, um den Bogen zu historischen Erklärungen zu schlagen. Und zwar werde ich, wenn ich sage oder wenn Leute anderweitig erfahren, dass ich aus Bayern bin, oft gefragt, ob ich manchmal Lederhosen trage. „NEIN!“ ist die klare Antwort.

Warum?

Das will ich gerne erklären:

Erstens aus ästhetischen Gründen. Kurze Hosen sind in Ordnung für Kinder, beim Sport und vielleicht noch bei Briefträgern. Ansonsten ist diese aus dem Afrikakorps übernommene Unsitte einfach nur hässlich.

Zweitens verbinde ich Lederhosen nicht gerade mit der Intelligenzia, um es vorsichtig zu sagen. Ich habe zumindest noch nie gehört, dass Jungs mit Lederhosen, die fast immer eine Bierflasche in der Hand halten, währenddessen über Dekolonialisierung oder über Pierre Bourdieu diskutieren, obwohl gerade letzterer in diesem Zusammenhang interessant wäre. Ich glaube, das sind eher schlichte Gemüter, die Fußball mögen. Das mag ein Vorurteil sein, im Einzelfall sogar ein unberechtigtes, aber ich sehe keinen Grund, meinen Habitus so zu verunstalten und zu verderben.

Drittens sind die Trachten, wie sie heute getragen werden, insbesondere das übersexualisierte Dirndl, ein Überbleibsel aus dem Nationalsozialismus. Das glaubt Ihr nicht? Dann lest oder hört es halt nach.

Nur als Kind wurde ich gezwungen, so eine blöde Hose zu tragen:

Entschuldigt haben sich meine Eltern bis heute nicht.

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In der Kirche hängt ein Stempel, den man in einen Pilgerpass pressen kann. Wenn man den vollgestempelten Pass einschickt, bekommt man einen Pilgerpokal oder so etwas.

Und, so habe ich gehört, in manchen Herbergen bekommt man ohne Pilgerausweis weder Einlass noch Eintopf. Das scheint mir nicht nur bürokratisch und unchristlich zu sein, sondern auch unfair. Denn manchmal kommt man gerade dann durch einen Ort, wenn alle Kirchen, Klöster und sonstige Stempelstellen geschlossen sind.

„Wie läuft das beim Jakobsweg?“ muss ich hiermit offen in die Runde fragen und um Erfahrungsberichte von Erfahreneren bitten. Ist so eine Stempelkarte wirklich Voraussetzung für Unterkunft?

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In der Brot- und Feinbäckerei gibt es tatsächlich feine Sachen. Weil Geburtstag ist, gönne ich mir eine Tafel Schokolade. Es sind mehrere im Angebot, alle mit unterschiedlichen Märchenmotiven. Ich greife zu der mit „Hans im Glück“, denn Glück brauche ich. Und die Fabel vom Glück durch Überwindung materiellen Besitzes passt ja irgendwie zu mir.

Als ich aus der Bäckerei trete, erspähe ich einen süßen kleinen Hoppelhasen. Da ist es schon, das kleine Glück.

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Unter den großen Bäumen lasse ich mich noch eine Weile nieder. Wie in so vielen Dörfern, durch die ich komme, fällt mein Blick dabei auf ein Denkmal für die aus diesem Ort in den Kriegen Entfleuchteten.

Diese Dörfer sind nicht groß, vielleicht hundert oder zweihundert Häuser. Aber auf den Obelisken stehen oft mehr als 50 Namen von Männern, die jetzt bei Verdun, Ypern, Uman oder El-Alamein das Grundwasser verseuchen. Zum Glück kamen sie aus einem Landstrich, in dem sie nur nach dem Reinheitsgebot gebrautes Bier zu sich nahmen.

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Über diesen schweren Gedanken werden die Wolken dunkel.

Nachdem ich gestern nicht weit gekommen bin, will ich heute mindestens 20 km nach Trauchgau gehen. Auf halber Strecke liegt die Wieskirche, einem der Highlights auf der Wanderung, was sogar die UNESCO anerkennend bestätigt hat.

Weil Regen droht, versuche ich es mit Trampen. (Am Geburtstag soll man sich nicht totmarschieren wie die Männer, die am Denkmal in der Dorfmitte endeten.) Aber es klappt nicht. Dutzende von Autos, aber niemand hält. Komisch, denn ich sehe ausgeruht und sauber aus. Und dabei hatte Rottenbuch so einen sympathischen Eindruck gemacht. Der leidet mit jedem Fahrer, der mich ignoriert, bis ich den Ort verfluche und ihm ein höllisches Gewitter wünsche.

Nicht einmal die Schokolade beschert mir Anhalterglück. Geschlagen und deprimiert muss ich per Fuß weiterziehen. Aber die Ausblicke sind wundervoll.

Manchmal sieht Bayern tatsächlich aus wie ein Märchen. Von diesen Kühen kommt wahrscheinlich die Milch für die Schokolade, die ich mir gerade schmecken lasse.

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Der nächste Ort ist Wildsteig.

Unterhalb der Kirche ist eine künstliche Grotte eingegraben, für Heilige und Maria und Jesus und so. Zwei Bauarbeiter sitzen darin und machen Mittagspause. Ziegen grasen den steilen Hang unterhalb der Kirche ab.

Sonst ist hier nichts los.

Das für den kleinen Ort riesige Kriegerdenkmal legt nahe, dass tatsächlich ein Großteil der Bevölkerung verstorben oder verschollen ist.

Akribisch werden die Anlässe aufgelistet, zu denen die Männer des Dorfes aufs Pferd, aufs Fahrrad und in den Zug stiegen, um die weite Welt zu erobern: österreichischer Feldzug 1800-1809, preußischer Feldzug von 1807, russischer Feldzug von 1812, französischer Feldzug von 1813, deutsch-deutscher Krieg von 1866, deutsch-französischer Krieg 1870-1871, Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg. Zuletzt wird noch den Gefallenen der Bundeswehr gedacht, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob sich die Bundeswehr in solcher Traditionslinie sieht.

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Auch die Kirche in Wildsteig bietet Pilgerstempel und Gästebuch. Ich blättere neugierig und entdecke viel Bla-Bla, so wie früher in Poesiealben und heute auf Facebook. Eine Frau hat ihren Eintrag über Wolken und Glück mit „Uta Hahn, Lyrikerin“ unterschrieben, ganz unbescheiden.

Was hier fehlt, ist etwas konstruktive Kritik. Dem helfe ich ab:

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Manchmal ist die Markierung des König-Ludwig-Weges nicht ausreichend. Oder ich übersehe sie, weil ich erschöpft oder abgelenkt bin. Außerdem habe ich die Brille zuhause vergessen.

„Wollen Sie zur Wies?“ ruft eine Frau aus dem Fenster.

„Jawohl.“

„Dann laufen’s in die falsche Richtung. Da obe geht’s.“ Wieder so ein Wort, dass Norddeutsche in die Irre schicken würde. Wie soll man darauf kommen, dass „obe“ nicht nach oben, sondern nach unten bedeutet? Ich habe schon Leute kennengelernt, die keine Deutschen sind, aber die Deutsch besser (aus)sprechen als viele meiner Landsleute.

„Oh, vielen Dank!“

Das war wirklich nett.

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Aber die Wolken werden dunkler und drohender.

Das mit meinem Gewitterfluch (Kapitel 98) hat geklappt. Aber anscheinend geographisch ungenau, denn jetzt schlägt das Gewitter mich selbst in die Flucht. Verfluchte Anfängerflucherei!

Und das, wo ich gerade auf einem Feldweg im offenen Gelände anstatt im schützenden dichten deutschen Wald bin.

Aber da vorne: Eine Kapelle! Schneller!

Oh. Gerade diese Kapelle hat, entgegen den baugesetzlichen Vorschriften für Kapellen neben Wanderwegen, kein Vordach, das vor Regen schützt. Da wollte wohl jemand sparen. Und dabei schüttet es wie in Genesis 7:11.

Doch dann lese ich den Hinweis neben dem Türknauf: „Knopf nach links drehen.“ Es funktioniert, und ich trete ein in das Heiligtum. Es ist klein, sehr klein, weil ein Gitter den Zugang zu den Sitzbänken und zum Altar versperrt. Zusammen mit meinem Rucksack fülle ich den kleinen Vorraum komplett aus. Wenn noch andere Wanderer Schutz suchen, werden wir stehen müssen wie die Kerzen in einer Kapelle.

Der Regen prasselt an die Tür, aufs Dach, an die Fenster. Es ist ein Monsterregen, der mir gründlich den Tag und die Laune versaut hätte, wenn ich nicht gerade just an der Dreifaltigkeitskapelle in Holz vorbeigegangen wäre.

Eine Broschüre mit dem Titel „Kirche in Not“ liegt aus, und jetzt passt es mal. Vielleicht war mein Kommentar im Gästebuch der Kirche in Wildsteig (Kapitel 100) doch zu undankbar, und ich sollte froh sein über die offenen Türen.

Hans im Glück!

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Nach etwa einer halben Stunde ist der Platzregen vorbei, ich werfe ein paar meiner mickrigen Finanzkraft entsprechende armselige Münzen in die Spendenbox und ziehe weiter.

Aber nicht lange, denn der Himmel verdüstert und verdunkelt sich erneut. Nach dem letzten Regen ist es kaum zu glauben, aber da oben ist noch Wasser vorrätig. Und das will, wahrscheinlich wegen der verdammten Schwerkraft, irgendwann nach unten.

Soll ich zurück zu der schützenden Kapelle?

Nein. Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Und spätestens bei der Wieskirche kann ich mich wieder unterstellen. Ich verlasse den markierten Wanderweg, weil ich auf der Karte eine Abkürzung durch den Wald erspähe.

Von dem am Wegrand stehenden Galgen lasse ich mich nicht abschrecken.

Ach so, das ist für Geier, die hier die Toten einsammeln.

Möglichst leise schleiche ich weiter.

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Unverhofft kommt zwar nicht so oft, wie das Sprichwort verspricht, aber eben doch manchmal. Aus dem Nebel taucht eine vom Schicksal gestiftete Schutzhütte auf. Eine richtig große Hütte, mit überdachten Bänken vor dem Häuschen, wo ich mich sogleich niederlasse, denn es hat schon wieder zu regnen begonnen.

Auch hier gibt es ein Gästebuch, allerdings kommen anscheinend nur wenige Besucher vorbei. Der letzte ausführliche Eintrag stammt vom 5. Juni, also von vor einem Monat:

Pascal Perkams & Henning Beckhoff hatten nach ihrer mehrwöchigen Tour „Mit 5 Gängen durchs Alpenland“ eine wundervolle Nacht in dieser rustikalen Hütte. Bei Kerzenlicht erinnerten sich die beiden Männer an vergangene Reisen wie „Down to Greece“ oder „Onekickonly“ und philosophierten über den Sinn des Lebens. Als stets kapitalismuskritische Geister waren sie dankbar für diese Nacht in Abwesenheit von jeglicher Zivilisation.

Die Kerzen haben die Kollegen Kapitalismuskritiker zwar nicht zurückgelassen, aber als ich in die Hütte eintrete und sogar einen Schreibtisch erblicke, entscheide ich, dass ich hier bleiben werde.

Ich packe Henry David Thoreaus Schmöker aus dem Rucksack und kann mein Glück kaum fassen. An meinem Geburtstag habe ich, ohne danach zu suchen, die Walden-Hütte gefunden.

Hans im Glück!

Anstatt eines Teichs liegt eine Kuhweide hinter der Hütte, und die Kühe kommen ganz neugierig angetrabt.

Einen herzlichen Dank an Bauer Neu aus Morgenbach, der sein Grundstück und die Hütte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, sowie an Leonhard Hitzl und Johann Niggl, die sie errichtet haben. Ihr habt mir die Nacht gerettet, denn das wäre ziemlich ungemütlich geworden im Freien.

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Zwar bin ich noch weit entfernt vom eigentlich für heute vorgesehenen Ziel, aber so einen tollen Schlafplatz gibt man nicht auf. Vor allem, weil es immer noch regnet, nur kurzzeitig von Regenbögen aufgelockert.

Wenn ich weiterzöge, würde ich nur patschnass, verärgert und krank. Da bleibe ich lieber in der Hütte.

Die Holztür lässt sich nicht absperren. Ist ja logisch. Schließlich soll sie auch anderen Wanderern Unterschlupf bieten.

Ob noch jemand auftauchen wird?

Wenn ja, haben sie hoffentlich Essen dabei. Denn ich war so schlau, heute kein Essen einzupacken, weil ich dachte: „Ach, am Mittag bin ich bei der Wieskirche, da gibt es auf jeden Fall etwas zu essen.“ Tja, jetzt sitze ich da mit einem kümmerlichen Rest Schokolade.

Hans bleibt hungrig.

Aber er ist zufrieden und freut sich noch immer über sein Glück. Statt Abendessen gibt es Zigarren. Endlich ein Hotel, wo man im Bett rauchen darf!

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Und dann ist es dunkel. Zappenduster.

Wenn sich die Wolken kurz lüften, schimmert der Vollmond durch die Ritzen in der Holzwand. Aber ansonsten sehe ich nichts, höre nur zu. Regen. Wind. Kuhglocken.

Waren das Stimmen? Ich bewege mich nicht. Wenn sie in die Hütte wollen, werden sie sich genauso vor mir erschrecken wie ich mich vor ihnen. – Aber es waren Radfahrer, die schon wieder vorbei sind.

Vor der Hüte steht ein Wegkreuz, das mich an den Anfang von „The Hateful Eight“ erinnert. In dem Film war es kein gutes Zeichen für das, was denen drohte, die sich vor dem Schneesturm in die einsame Hütte retteten.

Vielleicht ist das Gästebuch so leer, weil kaum jemand die Nacht hier überlebt?

Wäre die Schokoladentafel mit Hänsel und Gretel passender gewesen?

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Die Heiligen Geister der Azoren

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„Die Azoreaner sind zu annähernd 90% katholisch“, postuliert der ansonsten sehr ausführliche Reiseführer über die Azoren und glaubt, dass die Angelegenheit damit erledigt sei. Aber wer die christliche Welt aus eigener Anschauung oder durch meinen theologisch fundierten Blog kennt, weiß, dass katholisch nicht gleich katholisch bedeutet.

Und wenn man über die Insel Faial spaziert, so kommen einem doch Zweifel an der starken Position der Katholischen Kirche. Denn ihre Gebäude sind verfallen. Die Menschen beachten die Gotteshäuser gar nicht. Nur mehr Bäume wachsen darin, und Pferde weiden auf dem ehemaligen Kirchgrund. Manchmal, wenn man genau hinblickt, sieht man einen alten Mann ausspucken, wenn er an der religiösen Ruine vorbeigeht.

Mittel- und Nordeuropäer glauben, dass die Kirche in Südeuropa (beginnend in Bayern) erheblichen Einfluss hat. Und wenn man sich die farbenfrohen Prozessionen zu jedem klitzekleinen Heiligengeburtstag in Apulien oder auf Malta ansieht, so ist da etwas dran.

Ähnliche Spektakel hatte ich auf den Azoren erwartet, insbesondere zu Ostern, dem angeblich höchsten Fest im liturgischen Jahreskreis, auch wenn die Materialisten unter den Christen dem Jahresendgeschenkefest mehr Aufmerksamkeit widmen.

Aber sogar an Ostern blieb die Kirche kalt.

Meine Neugier wuchs, fast so unaufhaltsam wie das Sündenregister eines Priesters. Der hat jedoch wenigstens die Möglichkeit, sich selbst zu vergeben und – nach Versetzung in einen neuen Amtsbezirk – immer wieder von vorne zu beginnen. Ich jedoch war, auch weil ich die wissbegierige Leserschaft im Nacken verspürte, gezwungen, der Sache auf den Grund zu gehen.

Also begann ich zu fragen.

Selbst die Leute, die sonst alles wissen, wo wann welches Schiff gesunken ist, welche Art von Walen in welchem Monat zu welchem Zweck zu jagen sind, welche Bananen essbar und welche Kastanien nicht essbar sind, wo der beste Tabak wächst, wie viel Prozent des Energiebedarfs die Windräder liefern, wer die nächste Bürgermeisterwahl gewinnen wird und warum Pedro am Dienstag so spät nach Hause gekommen ist, selbst diese Alleswisser antworteten auf meinen Fragen immer: „Mit Religion kenne ich mich gar nicht aus“, und mussten dann plötzlich dringend zu einer Besprechung oder wieder aufs Meer hinausfahren.

Es schien so ein Tabu zu sein, wie wenn man in Jugoslawien fragt, „und, was hast du im Krieg gemacht?“ Die Leser mögen hier immer bedenken, dass ich der Fremde auf der Insel war und meine Haustür nicht abschließen konnte. Ich wollte mich also nicht unbeliebt machen. Schon viele neugierige Reporter sind von Inseln nicht mehr zurückgekommen. Egon Erwin Kisch konnte sich einst nur durch einen beherzten Sprung auf das Schiff retten.

In Jugoslawien hatte ich gelernt, dass Alkohol die Zungen lockert. Also ab an die Theke. Vage erinnerte ich mich, dass nach Ostern Pfingsten ansteht, das theologisch kompliziertere und deshalb weniger beliebte Fest. Nach dem dritten Glas Maracujalikör wagte ich die Frage, ob Pfingsten ein normaler Arbeitstag sei.

„Wenn du nicht in der Bruderschaft bist, musst du normal arbeiten, nehme ich an“, sagte der eine spöttisch.

„Welche Bruderschaft?“ wollte ich schon fragen, sah aber noch rechtzeitig, wie der andere das blutige Steakmesser so fest umklammerte, wie wenn er den Verräter erdolchen wollen würde. Sein Blick war finsterer als eine aus Mexiko herübergezogene Gewitterfront, die sich endlich entladen wollte.

Ich bin eher ein sonniges als ein gewittriges Gemüt, legte also schnell die paar Escudos für die Drinks auf den Tisch und ging. Erreicht hatte ich nicht viel, außer den Hinweis auf eine Bruderschaft, aber den letzten Bus hatte ich verpasst.

Als ich aus der Taverne torkelte, bemerkte ich zum ersten Mal direkt neben der Bar eine Art Kapelle. Knallgelb angestrichen, verziert mit einer weißen Königskrone, auf der eine Taube thront. Auf dem Dach ein Kreuz, also irgendwie christlich. Aber kein Turm, keine Glocken und keine Öffnungszeiten. Und die Tür war abgeschlossen. Das war komisch, denn auf Faial schließt eigentlich niemand etwas ab.

Die örtliche Kirche konnte es nicht sein, denn die stand nebenan, so verlassen wie alle Kirchen auf den Azoren.

Ein älterer Herr, der wohl meine fragenden Blicke bemerkt hatte, kam von der anderen Straßenseite und erklärte: „Das ist das Império do Divino Espírito Santo, das Reich des Göttlichen Heiligen Geistes“, was ich für eine reichlich blumige Umschreibung für ein kleines Kirchlein hielt.

„Ist das die neue Kirche?“ fragte ich, mit dem Kopf in Richtung des alten und zerstörten Gebäudes zeigend.

„Oh nein“, lachte der Alte. „Der Imperium des Heiligen Geists hat rein gar nichts mit der Kirche zu tun.“

Ich blickte verwirrt.

„Die Bruderschaft nimmt sich des Imperiums an.“

Jetzt war ich fasziniert.

Aber da kamen die beiden Männer, mit denen ich zusammen gesessen hatte, aus der Kneipe.

„Der Heilige Geist ist omnipräsent. Er sieht alles. Er weiß alles“, lallte der betrunkenere der beiden, als er mich vor dem Tempel erblickte.

Der weniger betrunkene der beiden wollte seinen Kumpan zum Auto ziehen.

„Wir haben keine Geheimnisse vor dem Heiligen Geist“, rief jener.

„Die Bruderschaft“, ermahnte mich der Alte, „besteht seit über 700 Jahren. Das ist schwierig, an einem Tag zu verstehen.“

„Besonders, wenn die Brüder betrunken sind“, dachte ich mir, sagte aber nichts.

„Ich wünsche Ihnen einen sicheren Weg nach Hause“, sagte der Alte und drehte sich um. Auf Portugiesisch klang der Satz fast genauso wie „Passen Sie auf, dass Sie nicht in einen Vulkan stolpern und im Höllenschlund des Fegefeuers versinken.“

Was folgte, waren wochenlange Recherchen in Bibliotheken, Herumstreunen in Ruinen, unzählige Gespräche in wahrscheinlich jeder Kneipe auf der Insel, und natürlich die Suche nach den Heilig-Geist-Tempeln, von denen es noch mehr gab als Kneipen. Immer tiefer geriet ich in den Strudel mysteriöser Geheimbünde und theologischer Dogmatik. Für ein paar Monate glich mein Leben einem Robert-Langdon-Roman. Nur ohne Audrey Tautou.

Um die Leser, die hier mit einem vollkommen neuen Thema konfrontiert werden, nicht übermäßig zu schockieren, werde ich die Recherche abkürzen, die Umwege und Sackgassen auslassen und mich auf die harten Fakten konzentrieren. Insbesondere werden wir das Gerücht ignorieren, dass es sich bei den Jüngern des Heiligen Geistes in Wahrheit um die Hüter der Heiligen Grals handelt, auch wenn sich der Name der Insel Faial verdächtig auf Gral reimt.

An der nordöstlichen Küstenstraße steht dieser Tempel, auch er in hübschem Gelb gehalten. Auf dem Giebel thronen Taube und Krone, Zeichen für den Heiligen Geist und für das Königshaus. Gegenüber ist ein kleiner Laden, vor dem ein paar junge Leute in Ermangelung einer anderen Lokalität (oder weil sie anderswo rausgeflogen waren) eine lautstarke Versammlung abhielten.

Ich erwarb ein Kaltgetränk und mischte mich unverdächtig unter das Jungvolk. Weder musikalisch, noch phänotypisch schien es sich dabei um die örtliche Intelligenzia zu handeln. Ich konnte also, soweit diese Metapher bei einem auf offener Straße stattfindenden Zusammentreffen anwendbar ist, mit der Tür ins Haus fallen.

„Weiß jemand von Euch, was das gelbe Häuschen da drüben ist?“

„Klar doch, Alter.“ Letzteres ist im Portugiesischen eine Respektsbekundung gegenüber namentlich noch nicht bekannten Fremden.

Der Junge schien redselig, ganz anders als die Bruderschaftler, also ließ ich ihn erzählen.

„Da geht jedes Jahr ne fette Party ab. Wir schlachten einen Ochsen, und dann wird richtig aufgetischt. Jeder ist eingeladen. Zuerst gibt es Suppe, dann so ein pappsüßes Brot, und dann Steak.“

„Und das geht jede Woche so“, ergänzte jemand.

„Genau. Von Ostern bis Pfingsten.“ Nur dieses Jahr blieb wegen des Coronavirus die Küche kalt und der Ochse am Leben.

„Und jedes Wochenende gibt es eine Prozession, wo der Imperator die Krone nach Hause trägt.“

Da musste ich doch nachfragen: „Wer ist der Imperator?“

„Das ist der älteste aus der Bruderschaft.“

„Unsinn“, fuhr jemand dazwischen, „mein Bruder war letztes Jahr Imperator, und der ist erst 14.“

Huch, das wurde immer obskurer.

„Ja, vielleicht bei Euch in Almoxarife. Bei uns machen das immer die Alten.“

„Bei uns wird jedes Mal ein anderer Imperator gewählt. Aber es sind oft Junge. Die müssen dann jeden Sonntag mit der Krone rumlaufen und müssen sich Reden anhören und so. Ätzend.“

„Aber du bekommst ne Menge Kuchen.“

„Scheiß auf den Kuchen, ich hol mir noch ein Bier.“ Damit ging er in den Laden.

Ich selbst wäre Kuchen gegenüber sehr aufgeschlossen gewesen, aber ich hatte viele Fragen.

„Was hat das mit dem Heiligen Geist zu tun?“ wollte ich wissen.

„Das weiß ich doch nicht“, bekam ich als Antwort, wie wenn ich nach den Lotto-Zahlen der nächsten Woche gefragt hätte.

Ich lehnte die angebotenen Drogen ab und zog von dannen. Wirklich verstanden hatte ich den Kult noch nicht, aber von Jugendlichen anderswo hätte ich auch keine theologischen Ausführungen erhalten, wenn ich nach dem Hintergrund von Chanukka oder Fronleichnam gefragt hätte.

Das ist in etwa das Niveau der Informationen, die öffentlich zugänglich sind. Überall hörte ich von Festen, von Umzügen, von geopferten Ochsen, von Suppe für alle, von Prozessionen, von Musik, und von einer Krone, die mal hier, mal da aufbewahrt und dazwischen feierlich herumgetragen wird.

Bald dämmerte mir, dass der Brauch in jedem Dorf und in den größeren Orten in jedem Imperium anders gefeiert wird. Mal wird der Imperator gewählt, mal wird ein Kind dazu bestimmt, oft wird er ausgelost. Neben den Imperatoren gab es noch Mordomos, Foliões, Trinchantes, Briadores, Copeiros und Aguadeiros, deren Titel schwer zu übersetzen sind, weil sie in jedem Reich eine andere Funktion erfüllen. Jedenfalls gibt es genug Posten, damit niemand leer ausgeht. Und die Frauen kochen.

Geschriebene Regeln gibt es nicht, alles ist mündlich überliefert.

Seit Jahrhunderten.

Und wenn die Azoren nicht so weit weg von Europa, insbesondere von Rom, lägen und damit vor Inquisition und der Katholischen Kirche sicher waren, dann gäbe es auch hier, an ihrem letzten Zufluchtsort, keine Brüder des Heiligen Geistes mehr. Und der Heilige Gral wäre für immer verschollen.

Nur hier, auf diesen neun Inseln mitten im Atlantik, auf den Vulkangipfeln des untergegangenen Atlantis, hat der wahre Glaube überlebt. Apropos Atlantis: Man sieht das ganz deutlich in Farrobim, wo der Tempel mit der schönsten Aussicht steht. Man blickt auf die Nachbarinsel Pico und auf den höchsten Berg des Atlantischen Ozeans.

Nur mit dem Selbstbewusstsein derjenigen, die mehr wissen als alle anderen, lässt sich die in diesem Tempelchen zu Tage tretende Bescheidenheit erklären. „Lasst die Katholiken goldene Kirchen und Kathedralen bauen, sie sind doch auf einem Irrweg“, sagen sich die azoreanischen Brüder.

Ganz wichtig für die Bruderschaften des Heiligen Geistes ist die Autonomie von der Amtskirche. Sie haben mit der katholischen Organisationsstruktur nichts zu tun. Zwischen den Gläubigen und dem Göttlichen sehen sie keinen Bedarf für Mittelsmänner. Wie man an den Telefonkabeln sieht, glauben sie an den direkten Draht zu Gott.

Wenn die Katholische Kirche doch eine Kirche baut bzw. immer wieder neu errichten muss, weil die Bewohner sie niederbrennen (man beachte die vierfache Jahreszahl auf dem nachstehenden Beispiel), dann machen die Azoreaner durch den Ort des nächstgelegenen Imperiums deutlich, welcher Kult in der lokalen Hierarchie höher steht.

In manchen Dörfern wird der örtliche katholische Priester zwar eingeladen, bei der Heilig-Geist-Zeremonie eine Messe zu feiern oder die Speisen zu segnen, aber alles erfolgt auf Einladung des Imperators (oder des Mordomo oder des Trichante). Es ist eher eine öffentliche Relegation des Kirchenvertreters.

Aber was soll der Vatikan machen? Wie der georgische Theologe Josef Dschugaschwili einst bemerkte, hat der Papst keine Divisionen. Und erst recht keine Schiffe, würden die Azoreaner ergänzen. Wenn der Priester nicht kooperiert, ist er vollkommen unten durch. Wenn er sich auflehnt, verschwindet er durch einen unglücklichen Unfall.

Außerdem hat die Katholische Kirche mit ihrer Drei-Hypostasen-Hypothese selbst den Grundstein für die Verehrung des Heiligen Geistes gelegt, wie ich in einem sehr aufschlussreichen Gespräch mit drei wegen der Corona-Pandemie gerade arbeitslosen Priestern lernte, die ich in der Bar am Ende der Welt traf. Sie sprachen ziemlich offen mit mir, wahrscheinlich weil sie schon viel vom hochprozentigen Geist zu sich genommen hatten.

„Die Verehrung des Heiligen Geistes geht zurück auf das 13. Jahrhundert…“, wollte Padre Moreno gerade ansetzen, aber schon unterbrach ihn Padre Castanho:

„In Portugal. In Frankreich hat sich schon 1160 der Ordre du Saint-Esprit gegründet.“

„Natürlich in Portugal. Wir sind ja hier in Portugal, oder?“ fragte Padre Moreno streitlustig zurück.

Padre Castanho setzte ein entschuldigendes Lächeln auf, bevor er Kontra gab: „Die Heilige Elisabeth war Prinzessin von Aragonien, bevor sie Königin von Portugal wurde.“

„Sie war die Frau von Dionysos“, rief Padre Marrom begeistert. „Darauf eine Runde Wein!“

Ich musste mittrinken.

Jedenfalls war Königin Elisabeth, als sie von Spanien nach Portugal zog, schockiert von der extremen Armut. (Portugal war damals noch nicht in der EU.) Sie gründete die Tafel, die nicht verbrauchte Lebensmittel, derer es an einem Königshof gewöhnlich viele gibt, an die Armen verteilte. Das Logo dieser Einrichtung wurde die Königskrone und die den Heiligen Geist symbolisierende Taube.

Um die Armen zu verhöhnen, setzte ihnen die Königin zu Pfingsten die Krone auf den Kopf. Daher stammt sowohl der Brauch des öffentlichen Essenfassens sowie der Krönung von Nichtkönigen an den Heilig-Geist-Festen.

„Wie immer bei christlichen Ritualen gibt es eine vorchristliche Vorgeschichte“, seufzte Padre Castanho, und nur der Stolz über sein Wissen konnte die Verzweiflung über die fehlende Originalität seiner Religion etwas in Schach halten. „Bei den Griechen gab es ebenfalls ein Ochsenofper, die Buphonia, bei der das Fleisch an die Armen verteilt wurde.“

„Pfingsten ist ja auch nichts anderes als Schawuot“, ergänzte Padre Moreno, und alle drei blickten traurig in ihre leeren Gläser.

„Einen Caipirinha!“ orderte Padre Marrom.

„Das ist schon Ihr vierter heute“, mahnte der Barkeeper.

„Vier ist eine heilige Zahl“, erklärte Padre Marrom ernst, und die Stimmung am Theologenstammtisch heiterte sich auf, als sie reihum Belege für diese Behauptung aufzählten.

„Vier Evangelisten.“

„Vier Erzengel.“

„Vier Flüsse im Paradies.“

„Vier Patriarchalbasiliken in Rom.“

„Vier apokalyptische Reiter.“

Wie gut, dass ich durch mein Hinzukommen das Glückskleeblatt ergänzt hatte.

„Aber eigentlich“, sagte Padre Moreno, der erkannt hatte, dass ich auf der Suche nach ernsthaft verwertbaren Informationen war, „geht der Kult des Imperiums des Göttlichen Heiligen Geists auf millenaristisch-mystische Christen zurück, insbesondere auf die Joachimiten.“

Laien stellen sich immer vor, dass Unterhaltungen in einer Fremdsprache komplizierter sind, je abstrakter das Thema ist. Das Gegenteil ist der Fall. Wörter wie Prämillenarismus, Dispensationalismus oder eschatologischer Messianismus sind eigentlich in jeder Sprache gleich. Nur die Endungen und die Aussprache sind ein bisschen anders. Aber von Wörtern wie Brot, Tisch oder Fahrkarte kann man niemals auf deren Pendants in einer Fremdsprache schließen. Deshalb kann ich in anderen Sprachen über Verfassungsrecht diskutieren, aber keine Speisekarten lesen.

So lernte ich, dass die Anbetung des Heiligen Geistes auf Joachim von Fiore zurückgeht, einen millenaristischen Propheten, der die Geschichte entsprechend der Dreifaltigkeit in drei Zeitalter teilte. Nach dem Zeitalter des Vaters (Altes Testament) und des Sohnes (Neues Testament) sollte ab dem Jahr 1260 das Zeitalter des Heiligen Geistes anbrechen. Der Heilige Geist würde die Hierarchie der Kirche überflüssig machen, und man würde zum Urchristentum zurückkehren Dieses Dritte Zeitalter, unglücklich auch Drittes Reich genannt, sollte tausend Jahre bestehen, und schon wisst Ihr, woher die Nazis ihre Terminologie bezogen.

Wie jeder Prophet, der sich nicht lächerlich machen will, starb Joachim weit vor 1260. Trotz seines Dahinscheidens fand er noch Anhänger, eben die Joachimiten. Die spirituale Strömung der Franziskaner nahm die Lehre anfangs auf, aber Papst Alexander IV. verbat sie, sicherheitshalber noch 1256, also vier Jahre vor dem prophezeiten Eintrittsdatum. Praktisch, wenn man die Zukunft einfach so verbieten kann.

Auf dem Kontinent wurden die Joachimiten katholisch-konsequent ausgerottet, aber zufälligerweise gehörten zu den ersten Besiedlern der Azoren die spiritualen Franziskaner. Und so geschah es, dass diese Inseln der einzig sichere Rückzugsort der joachimitischen Doktrin wurden und bis heute blieben.

Ob das alles den Leuten, die sich eine kostenlose Suppe holen oder mit der Krone nach Hause gehen, bewusst ist, weiß ich nicht.

„Übrigens hatte Joachim von Fiore durchaus noch einen Fürsprecher im Vatikan“, schloss Padre Moreno. „Wenn du im Lexikon für Theologie und Kirche den Beitrag zu Joachim von Fiore liest, wirst du den Autor sicher kennen. Joseph Ratzinger hieß er damals.“

„Aber nur in der zweiten Auflage von 1960“, ergänzte Padre Castanho. „Als 1996 die dritte Auflage erschien, war er schon Präfekt der Inquisitionsabteilung. Da war er nur mehr auf Karriere aus.“

„Und als 2013 der alte Aufsatz auftauchte, musste er als Papst zurücktreten. Das war der wirkliche Grund“, sagte Padre Moreno traurig.

„Benedikt XVI. war aus Bayern“, rief Padre Marrom unberührt. „Darauf eine Runde Bier!“

Ich hatte genug erfahren – und vor allem genug getrunken – und verabschiedete mich dankend. Auf dem Weg nach Hause fiel mir bei dem Tempel in São Pedro das Kreuz mit den drei Balken auf. Das Papstkreuz. Die drei Priester hatten also keinen Stuss erzählt.

Allerdings, und das zeigt, dass auch die verschiedenen Imperien vollkommen unabhängig voneinander sind, war dies der einzige Tempel auf Faial mit diesem Symbol. Manche haben einfache Kreuze auf dem Dach, andere die Taube, andere die Krone, andere wiederum eine Krone mit Taube.

Und bei manchen wehte die Flagge, was wohl bedeutete, dass die Krone im Haus war. Oder dass gerade gelost wurde, wer der nächste Imperator sein würde. Oder dass beratschlagt wurde, wer in die Bruderschaft aufgenommen werden sollte.

Ach ja, die Bruderschaft, darüber hatte ich noch herzlich wenig erfahren.

Ist Euch aufgefallen, dass sich, wenn man die Namen der beiden Azoren-Inseln Graciosa und Faial zusammenzieht, das Wort „Graal“ ergibt, Portugiesisch für Gral? Also, wenn das kein Hinweis ist…

Bald merkte ich, dass niemand mit mir in Anwesenheit Dritter über die Bruderschaft sprechen wollte. Anscheinend gibt es da einen Schweigekodex, wie bei den Kartäusern und den Mafiosi. Ich wanderte mehrfach über die Insel, machte immer wieder unauffällig bei den Imperien Rast, und traf manchmal einen einzigen Bruder an, der unvorsichtig ein paar Worte äußerte, weil er sich dachte: „Dieser komische Deutsche sieht aus wie ein abgesoffener Pirat, der hat sowieso alles vergessen, bis er nach Hause kommt.“ Wer recherchieren will, muss sein Licht – entgegen der Empfehlung von Bruder Jesus in Matthäus 5:15 – unter den Scheffel stellen.

Die Brüder, deren Zunge locker wurde, legten Wert darauf, dass in der Bruderschaft jeder die gleichen Rechte und Pflichten hat. „Vom Kuhhirten bis zum Grafen“, wie einer sagte. Vielleicht ist das aber nur in den kleinen Dörfern so, denn in der Inselhauptstadt Horta sah ich ein „Imperium der Adligen“

und ein „Imperium der Arbeiter“ unterhalb der alten Fischverarbeitungsfabrik.

Halt. Diese Flagge gehört zu einer anderen Geschichte aus Horta.

Wie man Mitglied wird in einer Bruderschaft, das erfuhr ich übrigens nie.

„Das ist in jedem Dorf anders“, war die Standardantwort.

„Und wie läuft es hier?“

„Naja, wenn du nicht willst, kann dich keiner zwingen.“

Und das war’s dann auch schon. Mehr Auskunft war niemandem zu entlocken.

Dafür gibt es von mir noch eine brisante Auskunft: Während des Zweiten Weltkriegs hatte das größenwahnsinnige Deutschland auch einen Plan zur Eroberung der Azoren, das sogenannte „Unternehmen Isabella“. Die deutschen Expansionspläne in Europa, Nordafrika und in Asien deckten sich genau mit der Landkarte aller vermuteten Verstecke des Heiligen Grals. Sicher kein Zufall…

Gegen Ende meiner Recherche und weil ich merkte, dass diese Geschichte sehr männerlastig ist, traf ich vor einem Imperium an der Südküste auf eine Frau, die ich ebenfalls nach dem Zweck des Gebäudes ausfragte.

„Ach, das ist für die Männer. Die spielen da Karten.“

„Aber,“ stammelte ich, „ich dachte, es geht um den Heiligen Geist? Um die Bruderschaft?“

Sie blickte mich entheiliggeistert an: „Sie dürfen nicht alles glauben, was man Ihnen erzählt.“

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„Deutschland 89“ – eine eher durchwachsene Geschichte

Pünktlich zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung bringt Amazon die Fortsetzung von „Deutschland 83“, das ich hervorragend fand, und „Deutschland 86“, das ich auch noch ganz gut fand. Wenn Ihr Euch den letzten Teil der Spionagetrilogie ansehen wollt, macht das unbedingt in der Reihenfolge, denn die meisten Charaktere sind altbekannt, und alte Geschichten werden weitergesponnen.

„Deutschland 89“ beginnt am Tag vor der Maueröffnung, und zwar mit dem Innenblick aus der HVA, dem Auslandsgeheimdienst der DDR. Die Instruktionen aus Moskau bleiben aus, und das Chaos beginnt.

Dieser etwas andere Blick auf den Mauerfall ist ganz interessant, und zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass zu jener Zeit die Agenten der HVA, eines durchaus erfolgreichen Geheimdienstes, bei Headhuntern aus der Branche ziemlich gefragt waren.

Leider versucht die dritte Staffel krampfhaft, alte Fäden wieder aufzugreifen. Anscheinend wurde allen jemals vorgekommenen Schauspielern versprochen, auch diesmal dabei sein zu dürfen, egal ob dies der Story förderlich ist oder nicht. Wie schlechte Autoren es machen, wenn ihnen die Geschichte über den Kopf wächst, werden dann der Reihe nach alle Teilnehmer an dieser Revue erschossen. Richtige Spannung kommt bald nicht mehr auf.

Vor allem die Dialoge sind zu offensichtlich so geschrieben, dass die Protagonisten 1989 vorgeblich die Zukunft voraussehen, z.B. die Probleme nach der Wiedervereinigung, den ökologischen Kollaps, und dass sich Menschen freiwillig Spionagegeräte ins Wohnzimmer stellen. Eine kleine Anspielung wäre mal lustig gewesen, aber hier werden die Lehren, die man ziehen soll, so unsubtil plakativ wie auf einer FDJ-Schulung vorgebracht. Deshalb kommen auch 1989 schon die „black sites“ der CIA vor, die wir aus der Guantanamo-Zeit nach 2001 kennen.

Fazit: Ziemlich schwacher Abschluss der Trilogie. Kann man sich eigentlich auch sparen.

Die besseren Spionagefilme stammen wohl doch aus dem Sozialismus vor der Wende, z.B. „Balkanski špijun“ aus Jugoslawien. Nicht alles wurde 1989 besser.

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Auf den Spuren des Königs (Tag 5) Die Ammerschlucht

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Um 4:30 Uhr ist es hell. Eine Kohlmeise hat sich zum konzentrierten Konzertieren genau die Konifere über meinem Kopf ausgesucht. Anscheinend hat sie gemerkt, dass ich noch nicht ganz tot bin, wie ihre sonstigen Zuhörer. Und Zuhörerinnen. (Ist das Gendern bei Toten überhaupt angebracht?)

Viel Schlaf war das nicht, qualitativ guter schon gar nicht, aber ich folge dem Weckruf. Ein Vorteil von Friedhöfen: Es gibt dort immer Wasser zum Waschen und Zähneputzen.

Und endlich stehe ich mal rechtzeitig für den Sonnenaufgang auf. Ein paar Fotografen sind mit ihren Motorrädern schon den Berg hochgedonnert und wundern sich, wer da aus dem Friedhof torkelt und wegen der Kälte noch immer in eine Decke gehüllt ist.

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Das nicht sehr hilfreiche Gasthaus öffnet erst um 9 Uhr, so lange will ich nicht auf ein überteuertes Frühstück warten. Also mache ich mich an den steilen Abstieg, mit vor Kälte und Müdigkeit zitternden Beinen. Auf der ersten von Sonnenstrahlen beschienenen Bank mache ich Rast, genieße die relative Wärme, den Blick auf die Berge und auf frühaufstehende Ballonfahrer. Oder Ballonfahrerinnen. Bald nicke ich weg und hole eine Stunde Schlaf nach.

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Im Dorf Hohenpeißenberg finde ich auch nichts zu essen. Das ist schlecht. Denn danach geht es in die Ammerschlucht, wo es zwar schön sein soll, wo ich aber keine Bäckereien oder so vermute. Das wird ein harter Tag: Mehr als 24 Stunden nichts zu essen, kaum geschlafen.

Ich bin so früh unterwegs, dass ein Fuchs über die Wiese in den Wald huscht. Seine Nachtschicht ist vorbei, hoffentlich hat er sie erfolgreich beendet.

Im Wald steht ein Picknicktisch, den ich zum Bett umfunktioniere. Wieder schlafe ich sofort ein, schätzungsweise für eine weitere Stunde. Ich habe anscheinend eine ganze Menge nachzuholen.

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Als ich aus den Träumen erwache, bin ich ganz grummelig ob des Hungers, der Müdigkeit und der Aussicht auf die bevorstehenden Strapazen. Das wird kein angenehmer Tag, merke ich.

In dem Moment, als ich mich missmutig zum Weiterwandern aufraffe, kommt die Jakobswegpilgerin, die ich vor ein paar Tagen in Andechs getroffen habe (Kapitel 28), mit einer unterwegs aufgegabelten Pilgerkollegin vorbei. Die beiden sind frisch, fröhlich, ausgeruht und gestärkt, ein krasser Kontrast zu mir.

Trotzdem ziehen wir gemeinsam weiter, und Christina und Cordula lenken mich mit Gesprächen ab, so dass mir die Schritte leichter fallen.

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Bald rauscht auch schon der Fluss vorbei, leider in die falsche Richtung, als dass wir uns ein Floß bauen und Richtung Süden treiben lassen könnten. Aber die arme Ammer muss nach Norden, um den Ammersee zu füllen und dann als Amper weiterzufließen. Als solche macht sie ihrem Namen alle Ehre und treibt etliche Wasserkraftwerke an, darunter das älteste Deutschlands in Schöngeising. Tja, nicht einmal der Fluss kann einfach so zum Spaß dahinfließen in diesem marktwirtschaftlichen System, wo sich alles lohnen und rentieren und auszahlen muss.

Aber ich habe noch nichts von den politischen Einstellungen meiner neuen Wanderkolleginnen erfahren und will mich deshalb zurückhalten mit Agitation.

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Wahrscheinlich weil Wochenende ist, sind entlang des Flusses ziemlich viele Radfahrer und Fußgänger unterwegs. Es ist richtig trubelig im Vergleich zu den letzten ruhigen Tagen, wo ich manchmal stundenlang niemandem begegnet bin.

Am Kalkofensteg, wo die Ammer einen engen Bogen beschreibt und damit eine Badestelle schafft, trennt sich die Spreu vom Weizen. Fast alle laufen in den Fluss, sonnen sich oder treiben sonstigen Schabernack, den Menschen nahe Gewässern gerne treiben.

Wir, die Harten, klettern auf einem engen Weg die steilen und bewachsenen Hänge hinauf. Jetzt beginnt die eigentliche Schlucht, der wilde Teil.

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Halt, da ist mir ein Foto aus der Chapada Diamantina in Brasilien dazwischen gerutscht. Ein dezenter Hinweis darauf, dass es sich lohnt, auch mal die älteren Geschichten auf diesem Blog zu lesen.

Aber zurück nach Bayern:

Die Ammer ist viel breiter und wilder, der Weg durch die Schlucht gefährlicher als gedacht. Weil ich aus Ammerthal am armseligen Ammerbach bin, dachte ich immer, die Ammer sei ein ebenso seichtes Gewässer. Aber nein: Das hier ist eher wie der Mackenzie River in Kanada. Kanuten und Kajakisten stieben durch die Stromschnellen.

Der Weg durch die Schlucht ist das gefährlichste Stück der ganzen Wanderung. Teilweise nur 50 cm breit, oft unbefestigt, manchmal von umgefallenen Bäumen blockiert, so geht man an einem Abhang voran, wo man bis zu 100 m in die tödliche Tiefe stürzen könnte, wo man dann ganz effizient zu elektrischer Energie verarbeitet würde. Ein falscher Tritt, nur einmal ausrutschen, eine kleine Unachtsamkeit, und der Artikel wäre hier zu Ende.

Ich habe nicht viele Fotos von dieser Strecke, weil die beiden Frauen zügig pilgern und sowieso schon immer auf mich warten müssen.

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Ein Grund dafür ist, dass ich den schwersten Rucksack trage. Insbesondere Cordula scheint sehr erfahren (gut, das wäre ich auch) und hat aus der Erfahrung gelernt (das ist allerdings meine Schwachstelle). Mit Wasser und Essen wiegt ihr Rucksack maximal 7,5 kg. Sie schneidet einen Block Seife so klein, dass er genau für die Tage der Wanderung reicht. Sie bewahrt Zahnpastatuben und Schampooflaschen mit Rest für einige Tage auf, die sie dann auf Wanderungen mitnimmt. Das zweite Hemd dient auch als Handtuch.

Hier kann ich noch etwas lernen.

Nur bei Büchern, da werden wir alle schwach. Christina hat auf ihrem E-Book-Reader eine ganze Bibliothek, aber auch den Wanderführer für den Münchner Jakobsweg in Papierform. Selbst die gewichtsparende Cordula hat drei Bücher dabei. „Natürlich zu viel“, wie sie zugibt, aber das geht wohl jedem lesenden Wanderer so. Man stellt sich immer vor, dass man stundenlang am See sitzen und lesen wird, aber in Wirklichkeit ist man abends einfach kaputt. Oder man unterhält sich. Und ich muss ja auch noch schreiben, weil Ihr aus sadistischen Gründen an meinem Leiden teilhaben wollt.

Diesmal habe ich mich selbst nicht daran gehalten, aber für Bücher auf Reisen empfehle ich, solche mitzunehmen, die Ihr nach dem Lesen nicht mehr braucht. Ich lasse sie dann in Herbergen oder auf Parkbänken liegen und hoffe, dass sich jemand anders freut. Cordula macht das genauso, und weil sie organisierter ist, hat sie dafür eine Kiste in ihrer Wohngemeinschaft, die „vergängliche Literatur“ heißt.

Und ich empfehle Reclam-Hefte sowie Bände aus der Reihe C.H.Beck Wissen. Da bekommt man ziemlich viel Inhalt für wenig Gewicht. Ein oder zwei Dramen von Schiller, Strindberg oder Shakespeare in die Hosentasche, und man hat genug für eine Woche.

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Als wir hoch über der Ammerschlucht und dem tosenden Fluss Rast machen, teilt Christina, die sich als Theologin wahrscheinlich an Sankt Martin erinnert, ihr einziges Käsebrot mit mir.

Das hat mir wirklich den Tag gerettet.

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Die Frauen sind froh, endlich mit einem Bayern sprechen zu können, den sie auch verstehen. „Die Frau in der Unterkunft in Hohenpeißenberg habe ich echt nicht verstanden, selbst wenn sie es zweimal wiederholte. Wahrscheinlich hielt sie mich für dumm, weil ich immer nur gelächelt habe und nicht antworten konnte.“

Christina und Cordula sind aus Hamburg und Bremen. Sie sind jetzt in Süddeutschland, weil die Nord- und Ostsee voll mit Süddeutschen ist. Wegen der Einschränkungen im internationalen Reiseverkehr lernen die Deutschen endlich ihr eigenes Land kennen. (Bei mir ist es genauso. Ohne das Coronavirus wäre ich diesen Sommer wieder in Kiew gewesen.) Hoffentlich gibt es genauso viel Austausch zwischen West- und Ostdeutschland, denn da wäre das gegenseitige Kennenlernen noch wichtiger.

Das Sprachproblem gibt es bei uns nicht, dafür fehlt es mir teilweise an Kenntnis über bayerisches Brauchtum. Sie fragen mich nach der Bedeutung der Maibäume, die verlassen in den Dörfern stehen, und meine vagen Erklärungen sind so offensichtlich defizitär, dass Christina sagt: „Ich muss das nochmal bei Wikipedia nachlesen.“

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Dafür kann ich mit dem Klischee aufräumen, dass alle Bayern biertrinkende und CSU-wählende Oktoberfestbesucher sind. Als ich erzähle, dass ich nicht den Jakobsweg, sondern den König-Ludwig-Weg wandere, sehe ich schon, was sie vermuten, obwohl sie die Frage diplomatisch formulieren:

„In Bayern wünschen sich viele Leute wieder einen König, oder?“

„Also ich bestimmt nicht“, stelle ich sofort klar. Wie die Prinzessinnen und Prinzen unter der Leserschaft schon furchterfüllt gemerkt haben, könnte ich kaum antimonarchistischer sein. „Aber ich glaube, es ist gar kein aktiver Wunsch, sondern eher eine diffuse Nostalgie.“

„Ich verstehe es selbst nicht, denn ich habe definitiv keine Lust auf undemokratische Könige. Wobei Bayern“, das muss ich dann doch erwähnen, „zur Amtszeit Ludwigs II. (1864-1886) schon eine konstitutionelle Monarchie war. Hier gab es schon seit 1806 eine Verfassung mit Grundrechten, und seit 1818 ein Parlament mit Wahlen. Der König war kein uneingeschränkter Herrscher mehr, seine Entscheidungen bedurften der Gegenzeichnung durch die Minister, die er übrigens durchgehend aus dem liberalen Lager rekrutierte.“

Kein Land ist wohl jetzt in Europa, wo freier gesprochen, freier geschrieben, offener gehandelt wird als hier in Bayern,

jubelte damals der ansonsten ziemlich kritische Paul Johann Anselm von Feuerbach. Und Bayern war wirklich in vielen Dingen Vorreiter. Aus aktuellem Anlass ein virologisches Beispiel: Bayern war 1807 das erste Land der Welt, das eine Impfpflicht einführte, und zwar gegen die Pocken. So etwas wie Bismarcks Sozialgesetzgebung gab es in Bayern schon 30 Jahre früher.

Da staunen die Frauen aus dem sich seit der grausamen Wikingerzeit für fortschrittlicher haltenden Norden, obwohl es die südlich der Donau gelegenen deutschen Landstriche waren, die einst von römischer Zivilisation schnupperten.

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„Leider“, fahre ich fort, denn wenn man mir einmal eine Frage gestellt hat, gibt es kein Halten, „wird von Bayern selbst ein nostalgisierendes Bayernbild vertreten, vor allem im Tourismus, aber auch in Museen und Ausstellungen. Und so kennt jeder die Schlösser, die Berge, das Bier, die Trachten und andere, teils erfundene Traditionen. Aber niemand weiß, dass Bayern 1919 kurzzeitig sozialistisch war. Auch die Rolle Bayerns bei der Etablierung des Nationalsozialismus bleibt gerne unerwähnt. Stattdessen zelebriert man – zum Beispiel in den Landesausstellungen – einen König, der Bayern mit seinem Bauwahn in den Bankrott getrieben hat.“

„Woher kam überhaupt das Geld für die ganzen Prunkschlösser?“ fragen sie. Denn Ludwig II. baute nicht nur das bekannte Schloss Neuschwanstein, sondern auch Schloss Linderhof, das Königshaus am Schachen und Schloss Herrenchiemsee, eine veritable Versailles-Nachbildung. Pläne für drei weitere Schlösser lagen schon in der Schublade.

„Ihr werdet es nicht erraten. Das Geld kam von Bismarck, aus Preußen.“

„Was?“ rufen sie gleichzeitig erstaunt aus, und ich merke, dass ich schnell eine Begründung nachliefern muss, sonst glaubt mir niemand mehr irgendetwas.

„Ludwig II. war König von Bayern während des deutsch-deutschen Krieges, während des deutsch-französischen Krieges und während der deutschen Reichsgründung 1871. Alles waren Ereignisse, von denen er recht wenig hielt, weil sie ihn vom Theater und von der Oper abhielten. Insbesondere die deutsche Reichsgründung unter Führung der piefigen Hohenzollern war den Bayern und ihrem König nur schwer zu vermitteln. Ludwig II. schlug vor, die deutsche Kaiserkrone solle zwischen den Wittelsbachern und den Hohenzollern alternieren, etwa so wie zwischen Realos und Fundis bei den Grünen. Vergeblich.“

Bayern verlor mit der Reichsgründung an Bedeutung, und Ludwig II. war das schmerzlich bewusst.

Wehe, dass gerade ich zu solcher Zeit König sein musste,

schrieb der bayerische Monarch 1871,

Ich habe seit dem Abschluss jener unseligen Verträge [zur Reichsgründung] selten frohe Stunden, bin traurig und verstimmt.

Er war so deprimiert wie ein britischer Premierminister, der sein Land in der EU vorfindet. Trotzig blieb Ludwig II. der Proklamation des deutschen Kaisers in Versailles fern.

„Erst als Bismarck jährliche Zahlungen von 300.000 Mark und etliche Sonderrechte für das Königreich Bayern anbot, stimmte auch Bayern der Gründung des Deutschen Reiches zu.“

Verkürzt könnte man sagen: Ohne Schloss Neuschwanstein hätte es kein vereintes Deutschland gegeben.

Aber die Bauten und die Bande mit Bismarck werden den bayerischen König am Ende das Leben kosten. Das erzähle ich aber erst später, nicht dass sich eine der Zuhörerinnen aus Verzweiflung in die Schlucht stürzt.

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Die Sonderrechte für Bayern umfassten den Erhalt einer eigenen Armee (noch im Ersten Weltkrieg kämpften bayerische Truppen neben deutschen), einer eigenen Eisenbahn, Unabhängigkeit von Post, eigene Steuerhoheit für (ganz dem Klischee entsprechend) Bier und Branntwein, und die Eigenständigkeit der CSU von der CDU.

Und wenn die Bundeskanzlerin beim bayerischen Ministerpräsidenten zu Gast ist, dann wird sie natürlich in eines der von Ludwig II. erbauten Schlösser eingeladen. Das ist die bayerische Großkotzigkeit, die dem Rest der Republik manchmal auf den Senkel geht.

Dieses Schloss Herrenchiemsee, die Spiegelung von Versailles, spielte dann eine Rolle bei der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Aber das gehört in einen separaten Artikel, nicht nur, um den vorliegenden nicht ausufern zu lassen, sondern auch, um die Notwendigkeit einer Reise an den Chiemsee zu begründen.

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Weil wir den engen Pfad am Abgrund der Ammerschlucht entlanggehen, können die beiden Pilgerinnen nicht aus und müssen sich meinen Einführungskurs in bayerischer Geschichte anhören, was sie wahrscheinlich mehr ermüdet als die Wanderung an sich.

Merke: Niemals mit mir auf eine Wanderung gehen, wenn man einfach nur entspannen will!

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Die beiden Frauen haben ihre Etappen vorgeplant und gehen heute nur bis Rottenbuch, das wir am frühen Nachmittag erreichen sollten. Ich hingegen habe gar nichts geplant, will mich aber auch nicht verausgaben. Die ganze Zeit erzählen sie von einem Kunstcafé, das es dort gäbe, und wo sie sich schon auf einen Kuchen freuen. Die Aussicht darauf treibt mich an, weiter will ich gar nicht denken.

Und als wir dort eintreffen und eintreten, hängen an der Wand Fotos aus Bolivien, bekanntermaßen meinem Lieblingsland. Die Mutter der Chefin war einen Monat in Bolivien und hat die Fotos und die besten Erinnerungen mitgebracht. Die Entscheidung ist gefallen: In diesem hübschen Etablissement bleibe ich gerne eine Nacht.

Im Biergarten langweile ich die Wanderkolleginnen mit Anekdoten aus dem Andenstaat, aber wenigstens gibt es jetzt Apfelschorle und Apfelkäsekuchen dazu.

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Als ich beim Ausfüllen des Meldezettels meinen Wohnort Ammerthal eintrage, fragt mich die Rezeptionistin, wieso ich nicht zuhause übernachte. Das finde ich eine ziemlich übergriffige Frage, denn eigentlich kommt die Gestapo ja erst am Abend, um sich die Meldezettel durchzusehen. Aber als sie die Postleitzahl sieht, klärt sich das Missverständnis auf: Es gibt tatsächlich zwei Dörfer in Deutschland, die den orthographisch falschen Namen Ammerthal tragen. In einem davon friste ich, wenn ich nicht unterwegs bin, mein trauriges Dasein, der andere liegt einen Kilometer von Rottenbuch entfernt.

So ein Zufall!

Wenn da noch jemand wohnt, der Andreas Moser heißt, dann weiß ich jetzt, wer all die Pakete bekommt, die nie bei mir ankommen.

Leider übersieht die Rezeptionistin über diesen Zufall das von mir ebenfalls gewissenhaft und wahrheitsgemäß vermerkte Detail, dass morgen mein Geburtstag ist. Deshalb bekomme ich keine kostenlose Übernachtung angeboten, wie es eigentlich den – allerdings unverbindlichen – Richtlinien des Hotel- und Gaststättenverbandes entspräche.

Über die Nacht kann ich nur sagen, dass es sich in einem Bett deutlich besser schläft als auf einem Friedhof. Aber man kann sich halt nicht jeden Tag Luxus leisten.

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Morgen, so viel sei verraten, wird es dagegen richtig ungemütlich. Schnallt Euch schon mal warm an!

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Ein Gesetz für die Ewigkeit

Dass der Bundestag manchmal Gesetze verabschiedet, die über seine Legislaturperiode hinaus wirken, kann man demokratietheoretisch wunderbar diskutieren, lässt sich aber kaum vermeiden, wenn man nicht nach jeder Wahl bei Null anfangen möchte. (Obwohl sich die These von der Stunde Null in Deutschland eigentlich historischer Beliebtheit erfreut.) Aber das Gesetz zur Suche und Auswahl eines Standortes für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle (kurz: Standortauswahlgesetz – StandAG) von 2017 setzt neue Maßstäbe für langfristiges (Wunsch-)Denken.

Nach § 1 Abs. 2 Satz 2 StandAG soll das deutsche Endlager die „bestmögliche Sicherheit für den dauerhaften Schutz von Mensch und Umwelt […] für einen Zeitraum von einer Million Jahren“ gewährleisten.

Wenn Leute Planungen für die Zukunft, z.B. für ihre Rente in 30 Jahren machen, frage ich sie immer, ob sie, wenn sie vor 30 Jahren das Heute vorhergesagt hätten, irgendetwas richtig getroffen hätten. Die meisten wären vollkommen daneben gelegen. (Wer nie von seinem 30-Jahresplan abweicht, muss einen langweiligen Beamtenjob, eine langweilige Ehe und ein kleinbürgerliches Leben haben.)

Auf die eine Million Jahre angewendet, in denen die Auswahlkommission denken muss, bringt dieses Gedankenexperiment gar nichts. Denn niemand kann sich vorstellen, was vor einer Million Jahren war. Zur Erinnerung: Vor etwa 300.000 Jahren entwickelte sich der Homo Sapiens in Afrika, und erst seit etwa 45.000 Jahren wurde Europa besiedelt. (Ja, wir sind alle Nachfahren von Migranten.)

Vor diesem Hintergrund auf eine Million Jahre planen zu wollen, erscheint mir wie ein vollkommen verzweifelter Versuch, den ionisierenden Geist wieder in die Castorflasche zurückzustopfen.

Wegen der Unbegreifbarkeit dieses Zeitraums hat der Bundestag noch einen wesentlichen näheren Termin in § 1 Abs. 4 Satz 2 StandAG aufgenommen: Bis 500 Jahre nach dem geplanten Verschluss soll die Möglichkeit vorbehalten werden, den Atommüll wieder zu bergen. Erst danach soll der Schlüssel endgültig weggeworfen werden.

Das ist auch ziemlich lange, aber immerhin lässt sich hier das Gedankenexperiment anwenden, das ich oben skizziert habe. Im Jahr 2020 bis zum Jahr 2520 zu planen ist genauso, wie wenn im Jahr 1520 jemand für heute geplant hätte.

Wenn ich mich richtig erinnere, wurden damals Karl V. zum Kaiser des Heiligen Römischen und Süleyman der Prächtige zum Sultan des Osmanischen Reichs gekrönt, Magellan segelte in 80 Tagen um die Welt, und Luther war fleißig am Bloggen.

Wenn damals jemand ein hochgiftiges Problem mit dem Zeithorizont von einer Million Jahren hätte lösen sollen, glaubt Ihr, das wäre heute noch sicher? Nein, selbst die angeblich einbruchsicheren Pyramiden wurden geknackt! Ganz zu schweigen davon, dass keines der damals bestehenden Reiche noch besteht (nicht einmal das tausendjährige), dass Dokumente untergegangen, verbrannt oder verschollen sind, dass Kriege und Seuchen dazwischengefunkt haben. Ich wage deshalb ganz keck eine Vorhersage: Das deutsche Standortauswahlgesetz wird in 500 Jahren niemanden interessieren. Falls überhaupt noch Menschen leben werden, die es interessieren könnte.

Jetzt wird jemand einwenden, dass wir mittlerweile viel entwickelter sind, dass wir heutzutage wissenschaftlich denken, und so weiter. Nur, das dachten die Wissenschaftler 1520 auch. Und hört Euch doch mal an, was ein Atomnobelpreisträger noch 1955 zur Endlagerfrage sagte. Diese schockierende Naivität liegt nur 65 Jahre zurück, und auch seither mangelt es nicht an Beispielen für atomare Hybris.

Oh, wo wir gerade bei langfristiger Planung sind: Das letzte Standortauswahlgesetz stammte übrigens von 2013. Auch das war für die Ewigkeit gedacht. Es blieb vier Jahre in Kraft.

Eine wesentliche Neuerung ist, dass jetzt auch Granit für das atomare Endlager in Betracht kommt. Damit würden sich die hässlichen Stein- und Schottergärten eigentlich anbieten.

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Hiiumaa, die Insel der Abenteuer

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Ich war schon auf vielen Inseln, manche davon so weit entfernt wie Australien oder wie die Osterinsel. Nachdem die Reisen dorthin eine Menge Geld kosteten und eine Menge Luft verpesteten, stellte sich irgendwann die Frage, ob es das überhaupt wert ist. Und als Europäer bin ich geneigt, zu sagen: Eher nicht. Denn um unseren eigenen Kontinent herum liegen Tausende von Inseln, die wir leichter und günstiger erreichen können, und die auch nicht weniger interessant sind.

Leider kennen die meisten Europäer Inseln wie Sark oder Caprera nicht einmal. Und deswegen gehen sie jahrelang in ein langweiliges Büro, um sich einmal eine Reise auf die Galapagos-Inseln zu leisten, obwohl sie einfach aus der Wohnungstür treten und nach Hiiumaa trampen könnten.

Hiiumaa?

Seht, auch Ihr habt noch nie von der zweitgrößten Insel Estlands gehört!

Aber ich will ehrlich sein: Bis ich 2012 im Baltikum lebte, hatte ich auch noch keine Ahnung davon. Rasmus, ein junger Mann aus Estland, wollte seine Großtante auf der Insel Hiiumaa besuchen. Er fragte herum, ob jemand Lust hätte, für ein Wochenende mitzukommen. Wie das so ist bei Ausflügen auf unbekannte Inseln in den kälteren Breitengraden während der kälteren Jahreszeit (es war Ende Oktober), gab es nur wenige Interessenten. Ich war der eine. Der andere war Rolando aus Costa Rica, der ganz sicher ein Spion war, weil er Estnisch sprach. „Was gibt es auf so einer Insel zu spionieren?“ fragt Ihr Euch, aber Ihr werdet überrascht sein.

Die beiden Jungs fuhren mit der Fähre. Ich war damals noch nicht so ein Öko wie jetzt und hatte einen Flug von Tallinn nach Hiiumaa für weniger als 20 Euro gefunden. Aber just am Tag des Fluges kam der Wintereinbruch. Ein richtiger Schneesturm, der einfach nicht nachlassen wollte. Auf keinen Fall könnte das Flugzeug bei so einem Wetter abheben. „Das war’s dann mit der Reise“, dachte ich enttäuscht.

Aber ich war in Estland, und der Flughafen war bestens vorbereitet. Vor dem startenden Flugzeug fuhr einfach ein Schneepflug und räumte die Startbahn frei.

Als wir, schon im Dunkeln, auf das Rollfeld gingen, erfror ich fast und wurde gleichzeitg fast vom Wind hinweggefegt. Es war ein kleines Flugzeug, für 17 Passagiere. Ich war anscheinend der einzige Ausländer, so dass die Stewardess nach jeder Durchsage zu meinem Sitz kam und für mich persönlich übersetzte. Das Flugzeug wackelte und wankte und sprang durch die Luft. Ich musste mich mit beiden Händen am Sitz vor mir festhalten. Normalerweise blicke ich in solchen Situationen auf die anderen Passagiere und denke mir: „Die fliegen diese Route öfter als ich, und sie sind vollkommen ruhig. Also ist das nichts Ungewöhnliches.“ An diesem Tag sahen die estnischen Passagiere aber genauso verängstigt aus.

Aber wir kamen an.

Der Flughafen auf Hiiumaa bestand aus nur einem Gebäude, in dem die Familie, die den Flughafen betrieb, anscheinend auch wohnte. Denn als ich mein Gepäck abholte, kam es mir vor, wie wenn ich durch ihr Wohnzimmer lief. Sie hatten eine schöne Katze, die herumstreunte, dick und orange, wie Garfield. Vor dem Flughafen wartete ein Bus, und der Fahrer brachte jeden genau dorthin, wo man hinwollte.

Rasmus‘ Großtante hatte nicht genug Platz für all die Besucher, also hatte ich woanders ein Zimmer gebucht. Eine Familie in Kärdla, was man als die Hauptstadt der Insel bezeichnen könnte, obwohl diese Bezeichnung den Ort größer erscheinen lässt als er ist, hatte ein zweites Gebäude neben ihrem Haus und zeigte mir mein Bett im Obergeschoss. Als ich nach dem Schlüssel fragte, sagten sie: „Du brauchst keinen Schlüssel. Wir schließen die Häuser hier nicht ab.“ Dafür liebe ich Inseln.

Früh am nächsten Morgen traf ich Rasmus und Rolando.

„Wie war der Flug?“ fragte Rasmus.

Ich erzählte es ihm, vor allem, dass alle anderen genauso angsterfüllt ausgesehen hatten wie ich.

„Natürlich hatten sie Angst. Denn sie erinnern sich noch an letztes Jahr, als der Flug in der ersten Nacht des Schneefalls abstürzte.“

Dankenswerterweise hatte die dolmetschende Stewardess diese Information für sich behalten. Und zum Glück hatte ich für die Rückfahrt schon vereinbart, dass ich zusammen mit Rasmus und Rolando das Auto und die Fähre nehmen würde. Nur keine Flüge mehr.

Über die Flugzeugabstürze hinaus schien es auf Hiiumaa eine Vielzahl an mysteriösen Todesfällen zu geben, denn in jedem Wald waren Friedhöfe, weit von der Straße weg und gut versteckt. Rasmus, der seine Kindheit auf der Insel verbracht hatte, fand den Weg anhand bestimmter Bäume, die für mich aussahen wie all die anderen Millionen Bäume.

Damals fiel es mir nicht auf, aber eines der Kreuze markierte das Grab für einen ähnlichen Ausflug nach Hiiumaa zwei Jahre zuvor. Hätte ich es bemerkt, so hätte ich eine Menge Fragen gehabt. Und ich wäre vorsichtiger gewesen.

Während der Sowjetunion war Hiiumaa militärisches Sperrgebiet. Ausländer und sogar die meisten sowjetischen oder estnischen Bürger durften also nicht auf die Insel. Diejenigen, die schon auf der Insel lebten, konnten jedoch dort wohnen bleiben. Zumindest theoretisch, denn praktisch wurden viele Esten nach Sibirien deportiert.

Es gab noch genug Anzeichen aus der sowjetischen Zeit.

Wie bei den meisten Häusern auf der Insel standen auch bei den Bunkern die Türen offen, was wir als herzliche Einladung interpretierten. Rasmus, ein Organisationstalent, hatte uns aufgetragen, Taschenlampen mitzubringen.

Mir gelangen keine guten Fotos da unten, aber in manchen Bunkern stiegen wir bis zu vier Stockwerke hinab, zwängten uns durch schmale Öffnungen im Beton und klettertern rostige Leitern hinab. „Vorsicht, dass Ihr Euch keinen Nagel einreißt. Sonst könnt Ihr Tetanus bekommen“, warnte uns Rasmus, und ich fragte mich: „Besteht nicht viel mehr Gefahr, dass wir uns verlaufen? Oder dass wir steckenbleiben? Oder dass die Decke herunterfällt? Oder dass wir ersticken?“ Ich hatte keine Ahnung, dass dies alles nichts war im Vergleich zu den Situationen, in die wir uns später begeben würden.

Aber zuerst ein paar Leuchttürme.

Bei denen stand die Tür leider nicht offen.

Ebensowenig beim Militärmuseum. Aber Rasmus kannte den zuständigen Herrn und holte den Schlüssel bei ihm zuhause ab. Wir führten uns selbst durchs Museum und hinterließen ein paar Münzen auf dem Tresen. Wie fast jeder Ort in Europa war Hiiumaa zweimal von der deutschen Armee besetzt worden, einmal im Ersten Weltkrieg und einmal im Zweiten Weltkrieg. Und wie jeder dieser unglücklich zwischen Deutschland und der Sowjetunion gelegenen Landstriche war es während des Zweiten Weltkrieg immer wieder Kriegsschauplatz. Weil die zweite der sowjetischen Besatzungen viel länger dauerte und noch im aktuellen Gedächtnis war, hatte ich den Eindruck, dass die Zeit der Besatzung durch die Nazis (und insbesondere die estnische Kollaboration beim Holocaust) manchmal etwas zu bereitwillig übersehen wurde.

Aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs ist das Meer rund um die Insel noch voller versunkener Schiffe, U-Boote und wahrscheinlich auch Schätze, aber es sind die Geister eines jüngeren Seeunglücks, die noch am Strand spuken. 1994 sank die Fähre MS Estonia nordwestlich von Hiiumaa, und 852 Menschen starben. „Für einige Jahre nach dem Unfall kam es immer wieder vor, dass Leichen an Land gespült wurden“, erinnerte sich Rasmus. In der Richtung des maritimen Massengrabes steht eine einfache Gedenkstätte.

Am Abend gingen Rasmus und Rolando in die Sauna, was ich, nachdem sie mir das Konzept erklärt hatten, für eine eher zweifelhafte Art der Freizeitgestaltung hielt. Also ging ich allein und durch die kalte Nacht zu meiner Unterkunft, geführt vom leuchtenden Vollmond, was andere Menschen für eine eher zweifelhafte Art der Freizeitgestaltung halten mögen.

Es passiert mir selten, aber an jenem Abend war mir der Lesestoff ausgegangen. Als ich wach lag und nichts zu tun hatte, schrieb ich meine erste Geschichte mit einem etwas kreativen Anspruch. Und so erfuhr ich, dass ein abgeschiedener Ort, kaltes Klima und Mangel an Ablenkung wichtige Faktoren beim Schreiben sind, eine Lektion, die ich seither viel zu selten angewendet habe.

Nachdem wir am Tag vorher im Untergrund gewesen waren, wollten die zwei jungen, energiegeladenen Herren irgendwelche Türme besteigen. Sie konnten ja nicht wissen, dass ich Höhenangst habe. Auf der Insel muss jemand eine Menge Zeit (und Holz) gehabt haben, denn er hatte eine Replik des Eiffelturms gebaut. Er war nicht zuhause, aber am Eingang stand ein Glas, in das wir jeweils einen Euro warfen.

Sieht ein bisschen wackelig aus, oder? Und dazu blies ein heftiger Wind. Aber dann dachte ich mir, dass diese Konstruktion hunderte, wenn nicht tausende von Kilos wiegen müsse, und dass drei schlanke Jungs wohl kaum einen Unterschied ausmachten.

Je höher wir kletterten, umso mehr dämmerte mir, dass der kreative Holzfäller nicht nur den Eiffelturm, sondern ein ganzes Disneyland aus Holz nachbaute.

Ich wollte schon zu einer Tirade gegen den Raubbau an den Wäldern ansetzen, bis ich, endlich ganz oben, sah, dass ich mir diesbezüglich keine Sorgen zu machen brauchte. Da standen noch genügend Bäume.

Dieser Turm war weder der letzte, den wir bestiegen, noch der furchteinflössendste.

Nein, der war ganz in Ordnung.

Aber der nächste, der Betonturm, der hatte sein Mindesthaltbarkeitsdatum weit überschritten und stand kurz vor dem Zusammenbruch.

Große Teile der inneren Treppe fehlten, und wir mussten über Abgründe springen oder mit Hilfe von herumliegenden Brettern auf die nächste Stufe gelangen. Dann mussten wir durch ein Fenster ins Freie kriechen, außen von einer Holzplanke zur nächsten hüpfen, um schließlich an einer rostigen Metallleiter nach oben zu klettern, wo wir vom „Balkon“ die Aussicht genossen.

Ich kann immer noch nicht fassen, wie ich da hoch gekommen bin. Aber wenn ich jetzt, acht Jahre später, diese Fotos sehe, kann ich wenigstens sagen, dass ich erwachsener und vorsichtiger geworden bin.

Eigentlich lernte ich diese Lektion ziemlich schnell, denn schon beim nächsten Turm, am Meer, weigerte ich mich, bis ganz nach oben zu klettern. Der sah wirklich zu fragil aus.

Und der Ausblick aus dem Bunker war schön genug.

Wo wir schon beim Meer sind, kann ich Euch ganz unerwartet mit etwas Geschichte erschrecken. Wenn man den Eisernen Vorhang erwähnt, denken Leute immer an die Berliner Mauer. Aber auch hier verlief der Eiserne Vorhang, durch die Ostsee.

Und das ist ein Grund, weshalb die ganze Insel durchzogen ist von Schützengräben, Bunkern, Aussichts- und Wachtürmen und Kasernen, die jetzt alle leer stehen.

Ebenso findet man Überbleibsel von Dörfern, aber auch ohne Volkszählung hatte ich das Gefühl, dass die Bevölkerung eher im Schrumpfen begriffen war.

Einige der Kirchen waren aber ganz gut erhalten.

Na gut, das letzte Foto zeigt keine Kirche, aber dieses nützliche Gebäude war auf einem Friedhof neben der Kirche untergebracht.

Seit dem letzten Besuch von Rasmus hatte auch die Tankstelle geschlossen.

Aber, wie bei allen anderen Einrichtungen auf der Insel, bedeutete das nur, dass wir in einem Glas neben der Zapfsäule etwas Geld hinterließen. Und schon konnten wir weiterdüsen, auf die Fähre zum Festland, in Gedanken bei der MS Estonia.

„Wenn Ihr in ein paar Monaten wieder kommt, können wir das Geld für die Fähre sparen“, sagte Rasmus zur Verwirrung seiner Freunde aus wärmeren Klimazonen. Im Winter gefriert das Meer, und die Fähren werden nutzlos. Die 26 km zwischen Hiiumaa und Estland bilden dann die längste Eisstraße in Europa.

„Wenn man ein bisschen vorsichtig ist, sollte nichts passieren“, erklärte Rasmus. „Radio abschalten, nicht anschnallen, Rucksack auf dem Schoß und die Fenster offen. Man hört auf das Eis, und wenn man ein Knacken hört oder das Gefühl hat, dass man einsinkt, schnappt man sich seine Tasche und rennt vom Auto weg.“

„Passiert es wirklich, dass Autos versinken?“ fragte ich ungläubig.

„Ja, klar“, sagte Rasmus, wie wenn er über eine nebensächliche Unannehmlichkeit spräche.

„Und was dann?“

„Dann meldest du den Verlust bei der Versicherung.“

Zurück auf dem Festland tobte noch immer der Schneesturm.

Aber unser Gastgeber hatte noch eine letzte Idee während des Wegs nach Hause: „In Haapsalu war eine sowjetische Luftwaffenbasis, die wurde genauso verlassen wie alles, was Ihr auf Hiiumaa gesehen habt. Ich will nur mal nachsehen, ob das Tor offen ist.“

Natürlich war es offen, und im Schutz der Dunkelheit und des dichten Schneetreibens nutzte Rasmus das Rollfeld, um Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit seines Autos auszutesten. Auf dem Glatteis. Es war unmöglich, weiter als ein paar Meter durch den Vorhang aus Schneeflocken zu sehen, aber ich glaube, es ging so bis 180 km/h.

„Keine Sorge, Jungs“, sagte er, „ich weiß, dass die Startbahn genau 2500 Meter lang ist, und ich habe ein Auge auf den Kilometerzähler.“ Es funktionierte, aber es war knapp.

Wir fuhren noch ein paar Runden, eine mit ausgeschalteten Scheinwerfern, und Rasmus erklärte, was jedem sowieso schon aufgefallen war:

„Eigentlich wollte ich immer Rennfahrer werden.“

„Und was arbeitest du stattdessen?“ fragte ich den turmbesteigenden, tunnelerforschenden, autorennfahrenden, eisbrechenden, todesmutigen und risikobereiten jungen Mann und erwartete, dass er Stuntman oder Kampftaucher bei den Spezialkräften war.

„Ich arbeite bei einer Bank, ich bin da zuständig für die Einschätzung von Risiken.“

Da fühlte ich mich nachträglich gleich viel sicherer.

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„Dimensionen der Mittäterschaft: Die europäische Kollaboration mit dem Dritten Reich“ von Klaus Kellmann

Endlich ein umfangreiches Buch, das die lokale Kollaboration mit Nazi-Deutschland bei der Durchführung des Holocaust darstellt, unterteilt in 24 Länderkapitel, so dass man sich – insbesondere vor Reisen, auf denen man manchmal erschreckend wenig (oder Verharmlosendes) über die Kollaboration erfährt – einlesen kann.

Dachte ich mir.

Aber die Enttäuschung begann schon bei den ersten beiden Sätzen des Vorwortes.

Dieses Buch hätte eigentlich von einem Franzosen, Norweger, Litauer oder Kroaten geschrieben werden müssen. Aber sie schrieben es nicht.

Es mag stimmen, dass noch niemand ein Gesamtwerk über die Kollaboration ganz Europa geschrieben hat – wobei auch Kellmann einige Länder auslässt -, aber gerade die Erwähnung von Litauen lässt den informierten Leser sofort an Rūta Vanagaitės Buch „Mūsiškiai“ (Die Unsrigen“) denken, das in dem baltischen Land ab 2016 eine enorme Debatte losgetreten hat. Kellmann erwähnt es am Ende des Kapitels über Litauen kurz, geht aber nicht auf den Inhalt ein, wahrscheinlich weil zum Zeitpunkt seiner Drucklegung 2018 die englische Übersetzung „Our People“ noch nicht erschienen war.

Das zeigt das erste Problem des Buches: Hier schreibt ein deutscher Historiker über 24 Länder, wozu er sich anscheinend nur deutsch- und englischsprachiger Literatur bedient, anstatt mit Kolleginnen und Kollegen in den jeweiligen Ländern (die dort oft genug allein gelassen und verfemt werden) zusammenzuarbeiten. Damit muss dieses Buch die westeuropäische Vernachlässigung von Osteuropa fast notwendigerweise perpetuieren.

Obwohl wahrscheinlich überflüssig, sei dennoch lobend erwähnt, dass Kellmann ganz eindeutig klarstellt, dass jegliche örtliche Kollaboration mit dem NS-Regime zu keinerlei „Verlagerung, Relativierung oder Abschwächung der Ausmaße und Formen des nationalsozialistischen Terrors“ führt. Egal wie viele Polen, Litauer oder Kroaten am Holocaust partizipiert haben; ohne Deutschland hätte es ihn nicht gegeben.

Die Befürchtung solcher untauglicher Entlastungsversuche mag auch der Grund gewesen sein, weshalb die Kollaboration in der deutschen Holocaust-Forschung zeitweise etwas stiefmütterlich behandelt wurde. Aber gerade das ist eben auch ein Grund dazu, solche Forschungsvorhaben in internationaler Kooperation anzugehen.

Aber richtig enttäuschend wird das Buch, wenn man sich in die Länderkapitel einliest. Diese umfassen zwischen 5 und 60 Seiten Text, und selbst das längste davon (über Frankreich) ist weder systematisch, noch zeitlich, noch örtlich strukturiert. Wer eine bestimmte Information sucht, ist verloren wie ein Partisan im Durmitor-Gebirge, der als einziger seiner Gruppe überlebt hat.

Man wünscht sich Zwischenkapitel zur Geschichte des Antisemitismus und Antiziganismus in dem betreffenden Land, der Lage während der deutschen Besatzung, der Kollaboration durch Behörden, Kirchen, Unternehmen, Privatleute, ein Kapitel zu örtlichen Wehrmachts- und SS-Verbänden, und etwas zur Aufarbeitung nach 1945. Allermindestens.

Stattdessen beginnen viele Kapitel bei Adam und Eva, wie Schulaufsätze, die den Platz füllen müssen und am Thema vorbei schreiben. Im Kapitel zu Österreich begegnen wir Kaiser Barbarossa, und das Burgtheater wird vorgestellt. Das Kapitel über die Ukraine beginnt im 10. Jahrhundert. Ja, wenn es wenigstens um Antisemitismus zu jener Zeit ginge! Aber Fehlanzeige. Es sieht ein bisschen aus wie von Wikipedia abgeschrieben, nur dass sogar dort einigermaßen gegliedert wird.

Im Kapitel „Tschechoslowakei“ werden Tschechien und die Slowakei zusammen behandelt, obwohl die Slowakei ab 1939 ein eigener, mit Deutschland verbündeter Staat war. Das faschistische Kroatien erhält kein eigenes Kapitel, sondern wird im Jugoslawien-Kapitel behandelt, obwohl sowohl Kollaboration als auch Aufarbeitung in Kroatien nun wirklich ganz andere Probleme bereiteten und bereiten als beispielsweise in Montenegro oder Mazedonien.

Hier wurde durchaus eine Menge an Informationen zusammengetragen, aber die Art der Präsentation macht es fast unmöglich, einen Nutzen daraus zu ziehen. Wenn man sich in der Geschichte eines Landes nicht schon auskennt, wird man viel mehr verwirrt als erhellt. Das Standardwerk, das Kellmann vorlegen wollte, kann dieses Buch nicht werden.

Insbesondere die Kapitel zu Osteuropa sind teilweise einfach nur ärgerlich, weil von typisch westeuropäischer Überheblichkeit und Unkenntnis geprägt.

Über Rumänien schreibt Kellmann, es sei „trotz seines EU-Beitritts 2007 immer noch nicht in Europa angekommen.“ Was das mit der Nazi-Kollaboration zu tun hat? Natürlich nichts, aber er gibt eben gerne zu jedem Land ein ungefragtes und unfundiertes Fazit zur aktuellen Lage. „Bulgarien ist ein instabiles, ökonomisch nicht gerade erfolgreiches Land.“

Ein Kapitel habe ich mir ganz angetan, weil es nur fünf Seiten umfasst, nämlich das zu Albanien. Im Resümee schreibt Kellmann, wieder vollkommen das Thema des Buches verfehlend, von Blutrache, „infrastruktureller Rückständigkeit“, „grassierender Korruption“ und „gewaltsamer Auseinandersetzung auf der Straße“.

Und zur deutschen Besatzung von Albanien? Ein bisschen etwas zur SS-Division Skanderberg und ansonsten, wer wann wen auf welchen Posten berufen hat. Holocaust in Albanien? Fehlanzeige. Juden in Albanien? Fehlanzeige? Wirklich: null!

Und gerade bei Albanien macht mich das absolut fuchtig, denn hier gab es eine einmalige Besonderheit: Das angeblich so rückständige und gefährliche Albanien war das einzige von Deutschland besetzte Land, in dem am Ende des Zweiten Weltkriegs mehr Juden lebten als am Beginn. Warum? Weil der Kanun, das Gewohnheitsrecht (dem Kellmann, wahrscheinlich basierend auf Karl May, die Blutrache entnimmt), das Konzept der Besa enthält, dem Schutz für den Gast. Und so fanden während der deutschen Besatzung in Albanien fast alle Juden des Landes bei muslimischen Nachbarn Unterschlupf. Die albanischen Behörden und Zivilisten weigerten sich, mit den Nazis zu kooperieren. Und da sich das herumsprach, flohen sogar noch Juden aus Jugoslawien nach Albanien.

Dass diese Geschichte Albaniens nicht allgemein bekannt ist, ist traurig, aber wenn sich jemand anschickt, ein Buch zu schreiben, dann könnte man schon ein bisschen Recherche erwarten. Dieses Beispiel allein zeigt, wie nutzlos, wie schlecht, wie geradezu unverschämt dieses Buch ist. Es gäbe sogar eine Ausstellung auf Deutsch zur Besa. Oder man könnte einen albanischen Kollegen fragen. Oder, wie ich es gemacht habe, einfach nach Albanien fahren. Ich mietete in Tirana ein Zimmer bei einer gebildeten Dame, die im Wohnzimmer einen Bildband über das Konzept der Besa liegen hatte. Ich wusste schon, worum es sich handelte, und blätterte interessiert darin. Sie öffnete auf den Seiten 88/89 und sagte: „Das ist mein Vater.“

„Ihre Eltern haben Juden vor den Deutschen verborgen?“ fragte ich, tief bewegt, so jemanden persönlich kennenzulernen.

„Wieso? Das ist doch normal, dass man anderen Menschen hilft. Das hätte jeder so gemacht“, sagte sie. Mir fielen auf Anhieb Millionen von Menschen ein, die es nicht gemacht haben.

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Auf den Spuren des Königs (Tag 4) Der längste Tag

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Zwei Angler stechen in See, und ich habe das gesamte Ufer für mich allein.

Um 8 Uhr habe ich mich aus dem gemütlichen Haus geschlichen, ohne meine Gastgeber zu wecken, denn ich wollte das erste Schiff erreichen, das von Breitbrunn abdampft.

Ob es für einen einzigen Passagier überhaupt kommen wird?

Es kommt, zuverlässiger als die Eisenbahn, und der Kapitän erlaubt mir über den Bordlautsprecher, die Antivirenmaske abzunehmen, da ich der einzige bin, der am Bug im Fahrtwind sitzt.

55

Von Bord hat man einen schönen Blick auf Dießen. Der Kirchturm des Münsters aus Kapitel 42 sticht hervor. Und dahinter erkenne ich den Hohen Peißenberg, den höchsten Punkt auf der Wanderung, den ich morgen erklimmen muss. Der Gedanke gefällt mir gar nicht.

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Noch etwas fällt mir auf, während ich am Ausguck stehe und froh darüber bin, kein Kapitän zu sein, weil ich mich ständig verfahren würde wie Kolumbus: In der Morgensonne glitzern außerhalb von Dießen mehrere verdächtige, riesige Anlagen, die eigentlich streng geheim sind, deren Geheimnis ich jedoch in Kapitel 60 unter Inkaufnahme aller sich daraus ergebenden Konsequenzen enthüllen werde.

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Dießen ist auch beim zweiten Besuch sehr schön, aber das Wetter ist noch schöner, und so zieht es mich weiter bis Süden. Mal sehen, wie weit, denn für heute habe ich keinerlei Unterkunft eingeplant.

Am Ortsausgang, kurz vor dem Schacky-Park, steht eine Mitfahrbank mit mehreren ausklappbaren Schildern, mittels derer man sein Fahrtziel angibt. Ich klappe die Kelle für Raisting, den nächsten Ort, um. Da führt der König-Ludwig-Weg eigentlich gar nicht hin, aber ich bin neugierig, ob es funktioniert.

Das Schild fällt gerade in Position, schon bremst das erste Auto scharf. Es ist ein junger Mann, der diese Mitfahrgelegenheit selbst oft nutzt. Wann immer er kann, nimmt er Anhalter mit. Sein kleiner Sohn hat sich schon so daran gewöhnt, dass er das ganz toll findet. Selbst wenn das Auto voll ist, findet das Kind, dass man anderen Menschen helfen muss. Er bietet dann an, in den Kofferraum zu klettern, um Platz zu schaffen.

„Und wohin soll ich dich bringen?“ fragt er.

„Wohin fährt du in Raisting?“

„Zum Metzger.“

„Da komme ich einfach mit, ich muss mir sowieso ein Frühstück kaufen.“ Und ich mag es, wenn Zufälle meinen Weg leiten statt Pläne oder Landkarten.

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Die Metzgerei Weichart, gegründet 1923, als es in Bayern mit Ausnahmezustand und Hitlerputsch drunter und drüber ging, ist sehr populär, denn es warten schon sechs hungrige Kunden vor dem Laden. Das wird ein schlechter Tag für die kleinen Schweinchen, die im Hinterhof quieken.

Aber so kommt man ins Gespräch, das sich natürlich bald um meine Wanderung dreht. Als ich auf die Frage nach der Übernachtung bekannt gebe, dass ich das für heute Abend selbst noch nicht weiß, bietet eine Frau an: „Wenn Sie nach Dießen müssen, können Sie bei mir übernachten. Das ganze Obergeschoss ist frei, da haben Sie einen wunderbaren Blick auf die Sterne.“

Wenn ich jede Einladung hier annehme, komme ich nie weg vom Ammersee. Aber wieder bin ich berührt von der herzlichen Hilfsbereitschaft. Ist das nur hier so? Oder nur dieses Jahr, womöglich als positiver Nebeneffekt einer tödlichen, aber dafür alles entschleunigenden Seuche? Haben die Menschen gemerkt, dass es wichtigeres gibt als Arbeit und Geld und Wettbewerb und Leistung? Fehlen die regulären Sozialkontakte, so dass man Fremden gegenüber offener ist?

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Auf dem weiteren Weg durch Raisting folgen mir Fotografen mit Teleobjektiven, wie wenn sich meine Durchreise schon herumgesprochen hat oder in der Ammersee-Zeitung angekündigt war.

Bis ich merke, dass sie wegen Störchen hier sind.

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Das Dorf Raisting sagt Euch bisher wahrscheinlich nichts, obwohl von hier Euer Internet, Eure Telefonverbindungen und Euer Fernsehen kommen. Zwischen den Feldern stehen Dutzende von Riesenantennen mit Durchmessern von bis zu 32 Metern, die außerdem noch nach Aliens suchen und Raketen und Satelliten steuern. Wenn ein Meteorit auf die Erde zurast, erfahren es die Leute hier zuerst. Und wenn der Meteorit genau hier einschlägt, dann müsst Ihr ohne Facebook und die Heute-Show auskommen, bis Internet und Fernsehen wieder von neuem aufgebaut worden sind (was man sich hoffentlich sparen wird).

Ein Bauer tuckert auf einem alten Traktor vorbei, wie um den Kontrast zwischen Landwirtschaft und Moderne zu verstärken.

Mitten unter den 5G-Maschinen steht – vielleicht zur Tarnung, vielleicht war es schon vorher da – ein kleines Kirchlein, das mit schattigen Bäumen, etlichen Bänken und einem Blick auf die Berge zum Verweilen einlädt. Viele Radfahrer kommen vorbei, die meisten davon elektrifiziert, wie in so einer High-Tech-Region zu erwarten.

Ein alter Mann kommt auf seinem Rollator hinterher. Seine Familie war mit den Fahrrädern voran gefahren und hatte wahrscheinlich gehofft, dass er sich im Weltraumfunkantennendschungel verfährt und von der Spionageabwehr für immer nach Guantanamo verfrachtet wird. Aber wer einst den Weg von der Ostfront nach Hause fand, der lässt sich nicht so leicht abschütteln.

61

Im Verlauf des Tages erblicke ich immer wieder Scheunen, die auf einer Seite offen sind. Hier gibt es anscheinend keine Diebstähle, vielleicht überhaupt keine Kriminalität. In solchen Unterkünften könnte ich eine trockene Nacht verbringen.

Aber es ist noch zu früh.

Also weiter.

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Während ich an die offenen Scheunen, die offenen Häuser, die offenen Autos und die offenen Menschen denke, die mich einfach so einladen, frage ich mich, warum andere Menschen Angst haben.

„Aber das ist doch gefährlich!“

„Das würde ich mich nicht trauen.“

„Oje, hoffentlich passiert da nichts.“

Das waren manche Reaktionen auf die Ankündigung dieser Wanderung. Die Menschen assoziieren Wald und Natur und draußen mit Gefahren, obwohl sich viel mehr in Büros totarbeiten, in Gaststätten totsaufen oder an Kreuzungen totfahren.

Einige Bekannte aus anderen Kontinenten kommen gar nicht mehr nach Deutschland, weil sie irgendwo gelesen haben, dass uns wilde Horden überrannt haben und hier Scharia-Gesetze gelten würden. (Was die Schweinchen aus Kapitel 58 übrigens begrüßen würden.) Diese Leute glauben, dass ein Land, das zweimal Europa in Schutt und Asche gelegt hat, plötzlich gefährlich wird, weil es jetzt auch Menschen unter uns gibt, die Ali oder Samira heißen statt Hans und Dampf.

Vielleicht sollte man sich überhaupt erst Urteile über Länder erlauben, wenn man sie wandernd durchquert hat. Aber beim Wandern immer schön auf den Wegen bleiben! Sonst reißt Euch der wilde Stier in Stücke.

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Der Weg nach Wessobrunn zieht sich, die Sonne sticht, und das lange Stück auf der geteerten Straße ist eine Tortur für die Füße.

Zeit zum Trampen.

Aber diesmal klappt es nicht. Auto für Auto rauscht an mir vorbei, die Fahrer blicken stur nach vorne, wie wenn sie mich nicht bemerkt hätten. Bis nach 20 Minuten ein freundliches Ehepaar anhält, zwei Landschaftsgärtner auf dem Weg zu einem Termin: „Wir halten immer für Anhalter, das ist doch selbstverständlich.“ Eine Selbstverständlichkeit, von der sich die vorangegangenen 57 Fahrerinnen und Fahrer eine Scheibe abschneiden könnten. Das auch am Wochenende arbeitende Ehepaar setzt mich in Wessobrunn direkt vor dem Kloster ab.

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Die kleinen Dörfer hier haben Klöster, größer als kleine Städte. Beziehungsweise hatten Klöster, denn die Säkularisation von 1803 hat einiges zerstört. Habe ich schon erklärt, was die Säkularisation war? „Jaaa, zur Genüge!“ schallt es entnervt aus der Leserschaft, unter Verweis auf die Kapitel 49 und 50.

So sah die Anlage früher aus:

Nur ein Drittel der ursprünglichen Gebäude ist noch übrig, aber selbst das Überbleibsel passt nicht auf ein Foto.

Wessobrunn war nicht nur groß, sondern auch eine der großen Kunst- und Kulturstätten des deutschen Mittelalters. Zum einen wegen der hier entwickelten Stuckkunst, die in etwa 3000 Kirchen und Paläste in ganz Europa getragen wurde. Höhepunkt dieser Schaffensperiode ist die weltbekannte Wieskirche, die auf dem weiteren Weg liegt. Zum anderen wegen eines Sprachdokuments, aber dazu komme ich beim späteren Mittagsschlaf unter den Linden (Kapitel 65).

Wegen der Akkumulation ungünstiger Umstände bin ich eine Stunde zu spät für die Führung durch den Klostertrakt gekommen, weshalb es hiervon nur ein frech geklautes Foto gibt:

Anscheinend war das 2012 aufgelassene Kloster aber billig zu haben, denn es wurde von einer Naturkosmetikfabrikantin gekauft, die darin ihren überdimensionierten Laden betreut. Andere Klöster, zum Beispiel das Malteserschloss in Heitersheim, verkaufen die Nonnen auch gerne mal an Mitglieder des Chinesischen Volkskongresses, die darin eine Kaderschmiede einrichten wollen.

Eine Herberge wäre besser, denn noch immer halte ich nach einem Schlafplatz Ausschau.

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Jedes Kloster hat eine absurde Gründungslegende.

In Wessobrunn soll sich im Jahr 753 angeblich Herzog Tassilo III. während der Jagd durstig unter einen Baum gelegt haben. Im Traum hätten ihm dann Engel den Weg zu drei Quellen gewiesen. Als er aufwachte, hörte er tatsächlich das Wasser rauschen und fand die Quellen.

Naja, den Teil mit dem Rausch glaube ich, den Rest weniger.

Aber ich probiere es aus und lege mich unter die drei Linden vor dem Kloster.

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Der erste Teil des Planes geht auf: Ich nicke sogleich ein. Allerdings erscheint unter den jahrhundertealten Bäumen kein Bier, kein Wasser, sondern ein Stein.

Der Hinkelstein mit dem Wessobrunner Gebet lenkt mich immer wieder vom Schlafen ab:

Dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meista
Dat ero ni uuas noh ufhimil
noh paum noh pereg ni uuas
ni […] nohheinig noh sunna ni scein
noh mano ni liuhta noh der mareo seo

Es ist einer der frühesten althochdeutsche Texte und das älteste christliche Gedicht in deutscher Sprache. Ich verstehe so wenig von dem Althochdeutsch, dass ich jegliche Verwandtschaft mit dem gegenwärtigen Deutsch rundherum bestreiten möchte. Hoffentlich erlebe ich keine linguistische Regression mehr, denn so möchte ich wirklich nicht sprechen.

Do dar niuuiht ni uuas enteo ni uuenteo
enti do uuas der eino almahtico cot
manno miltisto enti dar uuarun auh manake mit inan
cootlihhe geista enti cot heilac

Wie Athanasius Kirchner vor den ägyptischen Hieroglyphen liege ich unter dem grünen Blätterdach. Meine untauglichen Entzifferungsversuche sind wahrscheinlich nur ein Vorwand, nicht mehr weiterwandern zu müssen. Aber es ist erst nachmittags, zu früh für die Nachtruhe.

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Dann gehe ich eben die Quellen suchen, denn, wie mir angesichts der trüben Legende einfällt, Wasser könnte ich auch gebrauchen.

Hinter dem Kloster steht ein schmuckes Häuschen und überdacht die drei heiligen Quellen. (Hier kommt das Weihwasser her, und vielleicht finanziert sich so der klosterkonfiszierende Kosmetikkonzern.) Aber schwer zu finden waren die nun wirklich nicht. Ich weiß nicht, wieso man dazu von Engeln und göttlichen Fingerzeigen alpträumen muss.

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Das nächste Ziel ist der Eibenwald bei Paterzell, das hört sich irgendwie mystisch und verlockend an.

Aus Wanderersicht stellt er sich aber eher als ein mühsamer Aufundabwald mit tiefen Einschnitten und Bachtälern heraus.

Und die versprochenen Eiben?

Mir fällt nichts Besonderes auf. Ich bin allerdings auch kein Botaniker. Schöner oder weniger schön als die Buchenwälder, durch die ich bisher oft marschiert bin, ist dieser Wald auch nicht. Den Umweg hätte ich mir ersparen können. Außerdem sind Eiben giftig.

Am Ausgang des toxischen Waldes lädt eine Bank zum Nachtlager ein. Ich liege schon mal Probe, aber noch immer ist es zu früh.

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Das nächste Gasthaus wäre der „Bayerische Hiasl“ in Forst. Die paar Kilometer sollte ich noch schaffen, wenn ich mich beeile. Und wenn mich die Bande des Bayerischen Hiasl nicht vorher abknallt. Das war nämlich eine ziemlich brutale aber auch teilweise freigiebige Räuber- und Wilderergang im 18. Jahrhundert, deren Anführer Matthias Klostermayr, eben jener sogenannte Bayerische Hiasl, das Vorbild für Karl Moor, Robin Hood und den kugelsicheren Mönch war.

Die Leserschaft profitiert davon, dass ich schreibend abkürzen kann, was ich zu Fuß nicht abkürzen konnte, und so versetze ich uns etwa eine Stunde später nach Forst.

Das Gasthaus steht tatsächlich da, groß, eckig, massiv, unübersehbar.

Aber nicht mehr aktiv. Aus den Fenstern der oberen Etage wachsen schon die Bäume. Oder ist das eine Fata Morgana, wie sie müde Wanderer verwirrt?

Vielleicht ist das Gasthaus schon seit 1771 geschlossen, als der Bayerische Hiasl mit übertriebener Penibilität hingerichtet, nämlich erdrosselt, zerquetscht, geköpft und gevierteilt wurde.

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Immer wieder stoße ich bei Wanderungen auf solche Zeugnisse einst aktiven Lebens, die jetzt verfallen. Die Wirtshäuser okkupieren einen prominenten Platz in der Dorfmitte oder eine besonders schöne Stelle an einem rauschenden Bach. Große Linden spenden noch Schatten und Gemütlichkeit. Man kann das Bier noch zischen und das Schnitzel dampfen hören. Aber die Fensterläden sind zu, die Küche bleibt geschlossen, der Magen bleibt leer.

Das ist nicht nur wegen des ausbleibenden kulinarischen Genusses schade. Zum einen war es auf Reisen beruhigend zu wissen, dass man fast überall Rast machen und oft auch übernachten konnte. Der AirBnB-Generation mag das unglaublich erscheinen, aber früher wanderte oder fuhr man einfach, bis man nicht mehr konnte oder wollte, und dann hielt man Ausschau nach einem Nachtlager. Dort fragte man nach einem freien Zimmer. Es war immer etwas frei. Das ganze Reisen war freier.

Zum anderen bieten Gasthäuser dem Alleinwanderer die Möglichkeit, mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen. Hier sitzen ja oft jeden Abend die gleichen Leute zusammen, die sich freuen, wenn jemand mit großem Rucksack auftaucht und neue Geschichten auspackt. Einmal setzte sich, ungefragt, der Wirt zu mir an den Tisch und erzählte, ebenfalls ungefragt, warum immer mehr Gasthäuser schließen. Ausbleibende Kunden seien nicht das Problem. Es mangele am Personal.

„Niemand will mehr 16 Stunden am Tag arbeiten“, beklagte er sich.

„Ist ja auch verboten“, dachte ich mir, sagte aber nichts.

„Die jungen Leute wollen feste Freizeit. Die wollen am Montag wissen, wann sie am Freitagabend frei haben“, war er verwundert.

Ich wusste nicht, was ich denken sollte, denn ich war zwiegespalten zwischen Freude über die zunehmende Emanzipation der Arbeiterklasse, die sich nicht mehr als freie Verfügungsmasse des Kapitals sieht, aber andererseits enttäuscht davon, wie die Jugendlichen vermutlich ihren freien Freitagabend verbringen würden. Wahrscheinlich verallgemeinere ich unzulässig die punktuell gemachten Erfahrungen mit dörflicher Jugend, aber ich konnte mir die jungen Serviererinnen und Köche eher dabei vorstellen, dass sie sich betranken und anschließend gegen einen Baum fuhren, als dass sie mit ihren Freunden über Marx und Hegel diskutierten.

„Und die Gesetze werden gemacht von Leuten, die keine Ahnung haben. Nehmen Sie doch mal die Frau Nahles“, die damals Arbeitsministerin war, „die hat 32 Semester studiert, aber kein einziges Mal richtig gearbeitet.“

Ich hätte darauf hinweisen können, dass Studieren auch ziemlich anstrengend sein kann. Oder dass die Überbewertung von körperlicher gegenüber geistiger Arbeit ein Überbleibsel aus faschistischen Zeiten ist. Oder dass Gesetze vom Bundestag, nicht von Bundesministerinnen gemacht werden.

Aber ich sagte lieber nichts, denn der Wirt hatte auf der Speisekarte gerade das Zigeunerschnitzel durchgestrichen und in Paprikaschnitzel umbenannt, war also grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber Änderungen. Und er bemühte sich, bot höhere als Tariflöhne, bot Übernachtungsmöglichkeiten für auswärtige Bewerber, aber dennoch: „Die jungen Leute wollen alle im Büro arbeiten, mit Computern und so.“ Und in der Geringschätzung von Leuten, die glauben, dass Social-Media-Content-Feeder oder Instagraph-Influencer-Datenanalysten wichtiger sind als Wirte und Köche, waren sich der alte Gastwirt und ich dann doch wieder einig.

Ich hätte einen Vorschlag gegen das Wirtshaussterben, aber es ist halt auch nur die theoretische Lösung von jemandem, der schon so lange studiert, dass er die Semester nicht mehr zählt. Gaststätten als Räume öffentlicher Zusammenkunft könnten zur kommunalen Daseinsvorsorge im Sinne von Art. 57 Abs. 1 der Bayerischen Gemeindeordnung (oder ähnlicher Vorschriften in anderen Bundesländern) gerechnet werden, so dass bei fehlenden privaten Einrichtungen die Gemeinde im Sommer einen Biergarten und im Winter eine Stube mit Kachelofen betreiben und Currywurst und Kaiserschmarrn anbieten muss.

Der Freistaat Bayern hat das Problem erkannt, hat aber seit der Räterepublik von 1919 so viel Angst vor Wirtschaften im Allgemeineigentum, dass er lieber 30 Millionen Euro vergeudet, um bestehenden Wirten Geld zuzuschieben.

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Die Sonne senkt sich, die Suche nach einem Schlafplatz sollte das revolutionäre Gedankengut in den Hintergrund drängen. Enttäuscht von der mangelnden Begeisterungsfähigkeit der Volksmassen in Forst, die gerade zuhause sitzen und die Sportschau sehen (Fernsehen und Internet haben die Gaststättenkultur viel mehr zerstört als Arbeitszeitregelungen), fasse ich ein neues Ziel ins Auge. Ein hohes und weites Ziel, den höchsten Punkt der Wanderung, den Hohen Peißenberg, fast 1000 m hoch.

Da oben gibt es einen Gasthof, und bei meinem Glück hat der sicher noch ein freies Zimmer.

10 km sind es noch bis auf den Gipfel. Die Sonne macht sich schon auf den Weg ins Bett. Das wird knapp. Jedenfalls darf ich nicht mehr trödeln.

Ohne Energie, dafür mit umso mehr Verbissenheit kämpfe ich mich voran, im Kampf gegen Kilometer, im Gefecht gegen das Gewicht, im Manöver gegen die Müdigkeit, im Streit mit der Schwerkraft, im Zweikampf gegen alle Zweifel. Immer wieder ein besorgter Blick zurück: Was macht die Sonne?

Sie sinkt. Ohne Unterlass, ohne Gnade, ohne Erbarmen. Im Wald ist es schon stockdunkel, die Sonne glüht ihr letztes Rot durch die Äste und das Nadel- und Blattwerk. Meine Lunge birst fast als ich die letzten zwei Kilometer nur bergauf laufe. Wahnsinn, was man noch für Reserven aus sich herausholen kann!

Und da verglüht die Sonne endgültig, kurz bevor ich es zum Gipfel geschafft habe.

In einer Kapelle brennt eine Kerze, wie um mich zu locken: Schlaf doch hier!

Das ist zwar unheimlich, aber wenn ich hier schon gewusst hätte, wo ich die Nacht letztendlich verbringen werde, hätte ich mich vielleicht in dem spärlich beleuchteten Tempel niedergelassen. Aber noch weiß weder ich noch Ihr von dem drohenden Mitternachtsspuk.

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Die Hoffnung auf den Gipfelgasthof treibt mich weiter. Wie lange er wohl noch geöffnet sein wird? Seit der Wurstsemmel in Raisting am Morgen habe ich nichts gegessen, und dieser verdammte Berg wird immer steiler.

Zu den Schmerzen in der Lunge tritt Kopfweh, aber ich fühle mich wie der erste Marathonläufer, derjenige aus der Schlacht zwischen Athener und Persern, der um jeden Preis das „νενικήκαμεν“ übermitteln musste, weil die griechische Telegraphenbehörde gerade auf Streik, in den Sommerferien oder bei der Siesta war.

Endlich auf dem Gipfel kann ich verschnaufen und werde mit grandiosen Ausblicken belohnt.

Jetzt aber schnell zum Bayerischen Rigi.

„Haben Sie noch ein Zimmer frei?“

„Wir haben gar keine Zimmer.“

„Oje. Haben Sie noch etwas zu essen?“

„Tut mir leid, aber wir sperren gleich zu.“

„Hm. Könnten Sie meine Flasche mit Leitungswasser füllen, damit ich etwas zum Zähneputzen habe, wenn ich draußen schlafe?“

Die Dame kommt der Bitte nach, aber der dezente Hinweis auf meine drohende Obdachlosigkeit lässt sie nicht erweichen, mir irgendwelche Essensreste zuzuschustern.

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Es ist kalt geworden und der Wind pfeift. Klar, hier ist ja auch eine Wetterstation, da will das Wetter etwas bieten. Und nicht irgendeine Wetterstation. Auf dem Hohen Peißenberg steht das älteste Bergobservatorium der Welt, errichtet 1781, als Bayern noch nicht einmal Königreich war. (Apropos: Ist Euch aufgefallen, dass ich heute von der Wanderung so erschöpft bin, dass die langen Monologe über bayerische Geschichte ausfallen? Ich werde das morgen nachholen, versprochen!)

Mittlerweile geht es weniger um das Wetter, sondern um das Klima. Wegen der 240-jährigen Geschichte eignen sich die gesammelten Daten besonders gut für langfristige Vergleiche. Außerdem ist die Lage exponiert und weit weg von Ballungsräumen, die durch verstärkte Bebauung und erhöhtes Verkehrsaufkommen die Temperaturen bei anderen Messstationen verfälschen können.

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Müde und etwas verzweifelt lasse ich mich auf eine Bank fallen. Da erst erblicke ich den Vollmond.

Er lässt das Voralpenland mit seinen grünen Hügeln im Silberschein glänzen. Wie ein Nachtwächter auf seinem letzten Rundgang, der sich an der Schönheit der Landschaft und der Ruhe, die er selbst verordnet, ergötzt.

Aber auf der exponierten Bank bläst der Wind wie ein Orkan, und die Jugendlichen aus der Umgebung finden Vollmond anscheinend romantisch und kommen zum Händchenhalten. Hier ist nachts mehr los als tagsüber in manchen Städten. Eine Gruppe von blonden, also wahrscheinlich russischen, Jugendlichen hat eine große Antenne aufgebaut und sitzt mit Funkgeräten und Kopfhörern im VW Polo, um den Bundeswehrfunk abzuhören. Der KGB wird immer dreister.

Ich ziehe umher auf der Suche nach einem Schlafplatz, wenn ich schon kein Essen finde. (Die drei Pizzakartons im Mülleimer neben der Parkbank waren alle ratzefatz leer.)

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Der windgeschützteste Platz ist, so leid es mir für Freunde der ungestörten Totenruhe tut, der Friedhof. Da sogar um 22:30 noch zwei Trauernde im Kerzenschein Blumen auf einem Grab anbringen, muss ich noch eine Runde durch die Kälte drehen. Aber um 23 Uhr haben sie ihren Versuch, den Verstorbenen wieder zum Leben zu erwecken, aufgegeben, und ich habe die endgültige Ruhestätte allein für meine temporäre Rast.

Ich ziehe beide Jacken an, lege mich auf eine Bank, nutze den Rucksack als Kopfkissen und decke mich mit einer vom Hund schon löchrig gebissenen Decke zu. Schlafsack habe ich keinen, weil die Pilger vorangegangener Jahrhunderte es auch ohne dieses moderne Plastikzeug geschafft haben. Außerdem bin ich nicht gerne eingeengt, wenn plötzlich Menschen mit Schuss-, Hieb- oder Stichwaffen um mich herumstehen.

Bequem ist es nicht. Warm auch nicht. Die roten Grablichter flackern wie Geister, die mich warnen. Der fette Mond scheint mir wie ein Suchscheinwerfer ins Gesicht. „Du bist hier nicht sicher!“ scheint das blasse Mondgesicht zu signalisieren, und ich wundere mich, wie ein Himmelskörper ohne Helium so hell und heiter strahlen kann.

Aber ich schlafe ein. Bis mich ein herunterfallender Zapfen weckt.

Ich schlafe wieder ein. Bis mich mein eigenes Schlottern weckt.

Ich schlafe erneut ein. Bis mir Wassertropfen ins Gesicht fallen.

Ich drehe mich um und schlafe wieder ein.

Sogar der Mondschein weckt mich auf. Ich schlafe wieder ein.

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Werde ich die Nacht überleben? Wer besucht einen nachts auf dem Friedhof? Kommen zuerst die Wölfe oder die Grabräuber? Gibt es Geister?

Schaltet auch für die nächste Folge ein! Da geht es dann durch die Ammerschlucht, das angeblich spektakulärste Stück des König-Ludwig-Wegs. Und ich werde nicht mehr alleine wandern, soviel sei schon verraten.

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