Überall auf der Welt kommt der Heilige Nikolaus am 6. Dezember. Nicht so in Bari, einer Stadt im Süden Italiens. Hier kommt er im Mai und bleibt gleich eine ganze Woche.
19:40 Uhr. Mittwoch, 7. Mai 2014. Der Hafen von Bari. Kleine Fischerboote in allen Farben genießen ihren Feierabend. Segelschiffe warten auf den Sommer. Gegen Abend wird es windig und kühlt etwas ab, aber der ansonsten sonnige, fast heiße Tag hängt noch in der Luft. Das Licht der untergehenden Sonne spiegelt sich für ein paar Minuten auf der gegenüberliegenden Mole.
Darsteller von historischen Figuren mit Trommeln und Hellebarden stehen neben einem aus Holz aufgebauten und mit einem dicken roten Teppich bezogenen Steg. Auf ihren Umhängen prangt ein großes, goldenes N, für den Star des heutigen Abends. Daneben Marinesoldaten, Polizisten, Carabinieri, die Umweltpolizei. Einige der aktuellen Uniformen sehen historischer aus als die der auf alt getrimmten Ritter. Zwei weiß uniformierte Polizistinnen tragen Säbel. Einer der Ritter telefoniert mit seinem Mobiltelefon.
In die Dämmerung hinein schieben sich in der Ferne blinkende Blaulichter. Vom Meer her kommen fünf Polizeiboote und ein Boot der Marine mit einer Geschwindigkeit, die mit den Lichtsignalen und Sirenen nicht in Einklang steht. Nur langsam kommt der Schwarm an Schiffen näher, fast vorsichtig, so wie wenn er eine wertvolle Fracht beschützt. Und tatsächlich: Im Zentrum dieser Armada ragt das größte Boot heraus. Es ist mit Aufbauten versehen, die wiederum mit Girlanden, Blumen und Fahnen geschmückt sind. Die bunten Bänder wehen im Wind, genauso wie die italienische und die EU-Flagge. Manchmal heult eine Sirene auf.
Das im Zentrum dieses Zugs stehende Schiff wendet etwa 10 Meter von der Kaimauer entfernt, um dann rückwärtig an den Steg anzudocken. Dabei wird der Name des Bootes sichtbar: Nicolaus. An Bord steht ein Bild auf einer Staffelei. Es ist die Ikone des heiligen Nikolaus, die hier in Bari feierlich an Land getragen wird.
Warum ausgerechnet Bari? Weil vor 927 Jahren süditalienische Kaufleute die Gebeine des Heiligen Nikolaus aus seiner Grabstätte in Myra in der heutigen Türkei entwendeten und nach Bari entführten, wo dann zur weiteren Lagerung der Beute eigens die Basilika San Nicola errichtet wurde. Dort ruhen die Gebeine noch heute.
Zwei kräftige Männer nehmen die Ikone in ihre Mitte und machen sich zwischen Uferpromenade und Stadtmauer auf den Weg. Vorweg laufen die beiden uniformierten Damen, die ihre Säbel jetzt gezückt haben und mit ausgestreckten Armen vor sich halten, um sowohl ihre Bereitschaft zur Verteidigung des eben angelangten Gemäldes auszudrücken, als auch um sich den Weg zu bahnen. Etwa 10 Meter davor eine Anordnung von mittelalterlich gekleideten Trommlern, die die Prozession ankündigt und den Weg weist. Neben den Ikonenträgern laufen etliche Marineoffiziere und Polizisten, dahinter folgt wer immer schnell genug ist, um Schritt zu halten. Denn diese Prozession geht nicht, sie läuft.
Durch ein Tor in der Stadtmauer, durch enge Gassen, immer mit dem dröhnenden Trommelwirbel vornweg. Da ich Fotos mache, falle ich manchmal zurück, komme dann nicht mehr an der Prozession vorbei und muss durch Seiten- und Parallelgassen sprinten, um ihr wieder zuvorzukommen. Die Trommler weisen mir den Weg. Einige Bareser schaffen es, die vorbeigetragene Ikone kurz zu berühren und dann ihre Hand zu küssen. Sie sind vor Freude außer sich. An der weißgetünchten Kathedrale vorbei geht es zum Schwäbischen Schloss, so benannt nach Kaiser Friedrich II. Hier wird das Nikolausbild auf ein enormes, hölzernes Boot gehievt, das jetzt allerdings nicht im Hafen liegt, sondern auf einem langen Heuwagen aufgebaut ist. Badathea ist der Name dieses Bootes. Der entführte Nikolaus kann hier eine Verschnaufpause einlegen. Unter den Palmen und im orientalischen Gewirr der engen Altstadtgassen von Bari muss er sich richtig heimisch fühlen.
Aber ein Schiff, das steht, macht keinen Sinn. Zwei dicke Taue gehen von dem Heuwagen ab, auf jeder Seite postieren sich acht kräftige Männer. Noch können sie sich die eine oder andere Zigarette gönnen, denn sie bilden nur das Ende des kilometerlangen Zuges. Vor ihnen natürlich wieder Trommler, Darsteller verschiedener historischer Figuren, von Bauern bis zu Bischöfen, Fahnenträger, Akrobaten, Sänger, Posaunenchöre, und dazwischen immer wieder Trommler, Trommler, Trommler. Den ganzen Abend wird die Stadt beben vor dumpfen Schlägen.
Ich postiere mich auf dem Viktor-Emanuel-Boulevard, der breiten Prachtstraße Baris, um dort auf die Prozession zu warten. Ich bin jetzt ca. 250 Meter von meiner Wohnung entfernt, könnte aber nicht nach Hause gelangen, so dicht stehen die Nikolaus-Fans gedrängt. Dann muss ich eben ein paar Stunden ausharren. Dort wo ich stehe, haben die Teilnehmer des Zuges schon zwei Stunden hinter sich wenn sie vorbeikommen. Manchen sieht man die Erschöpfung an. Nur ein Chor von Kindern im Grundschulalter ist fit wie beim ersten Lied. Aus voller Kehle versetzen sie die Stadt in Begeisterung. Erst ganz am Ende des Zuges, nach vier Stunden, kommt das Holzschiff mit der Ikone des Heiligen um die Ecke gebogen, gezogen von erwachsenen Männern, denen man die Energie des Kinderchores wünscht.
Ich laufe zurück zum Hafen, um dort noch eine andere Perspektive auf das Spektakel zu erheischen, aber dort ist der Zug noch gar nicht angekommen. Auf dem Weg dorthin gönnt er sich nämlich noch einen Umweg, um wirklich das meiste aus dem Abend rauszuholen.
Es ist 23 Uhr, ich muss mich endlich stärken. Die Küstenstraße ist auf Kilometer hinaus beidseitig gesäumt von Ständen, die Gebratenes, Frittiertes, Süßes, Gegrilltes, Eisgekühltes, Salziges, Klebriges, Buntes, Schmackhaftes, Kalorienreiches aber nicht allzu viel Gesundes verkaufen. Die verschiedenen Gerüche vertragen sich gut miteinander, die aus den Lautsprechern der Buden dröhnenden Bässe und Gesangseinlagen weniger. Die Einwohner von Bari werden dank dieses Festes insgesamt geschätzte 1 Million Kilos zunehmen. Als integrationswilliger Neubürger trage ich zu dieser gemeinsamen Kraftanstrengung gerne meinen Teil bei. Der Heilige Nikolaus ist der Schutzpatron vieler (u.a. Seeleute, Rechtsanwälte, Apotheker, Bäcker) aber bestimmt nicht derer, die auf Diät sind. Während des Abendessens höre ich noch das Trommeln aus den fernen Straßenzügen.
Morgen um 6:45 Uhr gibt es die nächste Prozession. Ab 4:30 Uhr macht die Basilika auf, und ab 5 Uhr gibt es stündlich eine Messe. Es wird in dieser Woche so viele Gottesdienste geben, dass man noch leichter das christliche Jahrespensum absolvieren kann als zu Ostern oder Weihnachten.
9:45 Uhr. Donnerstag, 8. Mai 2014. Auf der Mole Sant’Antonio. In 15 Minuten findet auf der gegenüberliegenden Mole San Nicola (natürlich ist auch ein Teil des Hafens nach dem Schutzpatron benannt, genauso wie das Fußballstadion, Schulen und die meisten der männlichen Einwohner Baris) ein Gottesdienst statt, aber für mich beginnt der Tag mit Böllerschüssen. Zehn Minuten lang donnert es ununterbrochen, und der helle Himmel über dem Hafen färbt sich grau vor Rauch. Ältere Einwohner fühlen sich womöglich an die Bombardierung Baris durch die deutsche Luftwaffe am 2. Dezember 1943 erinnert. Jene Nacht brachte Bari die fragwürdige Auszeichnung ein, als einzige Stadt in Europa während des Zweiten Weltkriegs die Folgen der chemischen Kriegsführung zu erfahren.
10 Uhr. Mole San Nicola. Egal was gefeiert wird, es ist auch ein normaler Donnerstagvormittag. Also arbeiten die Fischer an und auf ihren Booten. Im Klang der Choräle und Posaunen werden frische Muscheln, Seesterne, Tinten- und andere Fische feilgeboten. Die Kleriker versuchen mit möglichst viel Weihrauch dagegen zu halten.
Abends wieder ein feierlicher Umzug. Der mehrstündige Trommelwirbel vom Vortag scheint auch die letzten Bareser auf das mehrtägige Fest aufmerksam gemacht zu haben. Das Gedränge ist doppelt so dicht wie am Tag zuvor. Heute wird anstatt der Nikolaus-Ikone eine lebensgroße Statue des Heiligen mit goldenem Umhang und Heiligenschein vom Hafen aus aus durch die Stadt getragen. Die Gläubigen bekreuzigen sich, wenn die Statue an ihnen vorbeigetragen wird.
Noch zwei Stunden bis zum abendlichen Feuerwerk. Angesichts der Menschenmengen und dem noch zu erwartenden Zuwachs derselben muss ich mir also schon jetzt einen guten Aussichtspunkt suchen. Klare Sicht ist wichtiger als Nähe, also dränge ich mich durch zur nächsten Mole, um zu eruieren, wie von dort aus der Blick über den Hafen aussieht. Was vernehmen meine Ohren da? An der Spitze der Mole findet schon wieder ein Gottesdienst statt, neben der golden leuchtenden Nikolausstatue. Wie kam die so schnell hier her? Oder gibt es gleich mehrere von diesen Nikoläusen? Der Bischof, der die Mütze trägt, die der den Anlass zum Fest gebende Bischof von Myra modern gemacht hat, spricht darüber wie Nikolaus als Bindeglied zwischen Ost und West (im Italienischen verwendet man dafür die schönen altertümlichen Begriffe Orient und Okzident) dienen kann. Dass aus der Türkei die Reliquien zurückgefordert werden, erwähnt er nicht. Den Raubzug bezeichnet er durchgehend als “traslazione”, also als Überführung. So wird kein öst-westlicher Dialog zustande kommen.
Unterhalb der Mole, wo ich es mir gemütlich zu machen versuche, ist leider der Platz, der von Jugendlichen den ganzen Abend über zum Pinkeln benützt wird, nachdem sie sich in der Hafenbar mit Bier versorgt haben. Hier werden heute Hektoliter an Peroni-Bier ins Meer fließen. Ich merke mir vor, morgen keine frisch gefangenen Fische zu kaufen. Der Gestank von Marihuana konkurriert mit dem Weihrauch. Ich ziehe also an der Uferpromenade weiter nach Süden, bis es etwas lichter wird und finde so, ganz zufällig, den perfekten Platz um das Feuerwerk zu bewundern. Es spiegelt sich so im Hafen, dass es den Effekt verdoppelt. Ab jetzt wird für mich jedes Feuerwerk ohne Wasser nur mehr ein halbes Feuerwerk sein.
Ein 15-minütiges Feuerwerk, das wäre doch ein perfekter Ausklang für ein Fest. Aber es ist noch lange nicht vorbei. Morgen werden wieder etliche Messen, Umzüge und am Abend nochmal ein Feuerwerk stattfinden. Zur Sicherheit, falls heute jemand keine Zeit hatte. Die nächsten beiden Samstage gibt es noch jeweils eine feierliche Prozession, und bis zum 13. Mai dauert die Ausstellung der “Biere des Heiligen Nikolaus”.
Dagegen ist ein Stiefel vor der Tür richtig schäbig.
Seit Jahren kämpfe ich gegen das Vorurteil, dass jeder, der um die Welt reist, auf einem Selbstfindungstrip ist. Und dann erscheinen ständig Bücher von Leuten, die auf der Suche nach sich selbst um die Welt trampen. Zuletzt hatte ich „Warm Roads“ von Stefan Korn rezensiert, der auf seiner Weltumrundung weder einen entspannten, noch einen besonders sympathischen Eindruck gemacht hat.
Wesentlich entspannter und lockerer lässt es Nic Jordan angehen, die in „aWay“ von London nach Australien trampt. Eile hat sie eigentlich nur, wenn ein Visum abläuft. Ansonsten macht sie gerne Umwege, z.B. durch ganz Skandinavien, bleibt auch mal ein paar Wochen an einem Ort hängen, und steigt unterwegs aus, wenn ihr ein Ort spontan zusagt.
Und sie nimmt sich Zeit, um die Menschen kennenzulernen. Nicht nur aus Interesse, sondern auch, um mit Gesprächen, Aufmerksamkeit und Unterhaltung etwas zurückzugeben im Austausch gegen eine Fahrt oder eine Unterkunft. (So halte ich es auch.) Wenn sie auf bedürftige Menschen trifft, dann teilt sie ihr Essen mit dem Obdachlosen und steckt ihm noch unbemerkt einen Geldschein in die Tasche.
Mit so einer Herangehensweise (und mit etwas Mut) ergeben sich bewegende Geschichten, wie von dem Mann, der sie an einem Winterabend in Finnland von der Straße aufliest, wortlos ihren Rucksack ins Auto packt und ihr bedeutet, einzusteigen. Mangels gemeinsamer Sprache können sie nicht kommunizieren, und bald bemerkt sie, dass dem Fahrer eine frische Narbe über das gesamte Gesicht läuft. Nic Jordan schließt mit ihrem Leben ab, vermutet das Schlimmste, greift schon zum Pfefferspray in der Jackentasche, als der Fahrer bei einem Haus einbiegt, wo seine Frau, zwei Kinder und ein süßer Hund sie freudig begrüßen. „Es wundert mich, dass du bei meinem Papa eingestiegen bist“, sagt die Tochter auf Englisch, „viele Menschen haben Angst vor ihm.“ Die Narbe rührt von einem Feuer, bei dem der Vater mehrfach ins Haus rannte, um seine Familie zu retten. Als er auch noch die Katze retten wollte, verletzte er sich lebensgefährlich.
Gerade für mich als männlichen Tramper, für den Regen eigentlich schon das Unangenehmste ist, war die Perspektive einer Frau erhellend. Manche Fahrer benehmen sich widerlich. Andere Fahrer machen sich besonders wichtig. Und in China sagt ihr ein Gastgeber, sie solle weniger essen, weil sie schon zu dick sei. Das wird mir als Mann wohl nie passieren.
Das Kapitel über China fand ich übrigens am besten. Wie mir schon andere Tramper berichtet haben, scheint das ein Anhalterparadies zu sein. (Vielleicht mit Ausnahme des Smogs, der so schlimm ist, dass die Autorin in Peking in die U-Bahn geht, um durchzuatmen.) An einer Raststätte sammeln die Gäste ungefragt Geld für sie und überreichen ihr mehr als 50 €. Andere Fahrer bezahlen ihr ein Hotel. Und die Polizei errichtet kurzerhand eine Straßensperre, um ein Auto zu finden, das sie nach Nanping mitnimmt. Da muss ich endlich mal hin!
Was mir an „aWay“ weniger gefallen hat, ist der Stil. „Das Tagebuch einer Vagabundin“ steht auf der Rückseite, und wie ein Tagebuch liest es sich. Viel zu viele Details. Welchen Kaffee sie wo trinkt. An welchen Ex-Freund sie wann denkt. Und ganz viel Flow und Vibe und esoterische Selbstfindung. Die 408 Seiten hätte man drastisch kürzen können.
Die andere Seite der Spontanität ist die Planlosigkeit. Nic Jordan will unbedingt am 24. Dezember in Moskau ankommen, um dort Weihnachten zu feiern. Mit nur etwas Vorbereitung wüsste man, dass orthodoxe Christen am 7. Januar Weihnachten feiern. Ich glaube, das fällt ihr während ihres ganzen Aufenthalts in Russland nicht auf, weil sie sich beklagt, dass es „im fernen Russland Weihnachten in unserem Sinne nicht gab“. Auch das kyrillische Alphabet müsste nicht unbedingt eine schockierende Überraschung darstellen.
Aber die Autorin ist eher instagraphisch als intellektuell unterwegs.
So passiert es, dass sie in Thailand die „Liberalität“ preist, ohne mit einem Wort die Militärdiktatur im Land zu erwähnen. Aber ich glaube, liberal wird hier rein hedonistisch und pharmazeutisch interpretiert. Selbst wenn ich nur einmal durch Deutschland oder nach Österreich trampe, gibt es bei mir mehr Sozialkritik als bei dieser Weltreise.
„aWay“ von Nic Jordan ist wie „Eat Pray Love“ für Abenteurerinnen. Für mich hat das zu wenig Tiefgang. Aber dafür habe ich wieder mal erfahren, wie viele herzensgute und hilfsbereite Menschen es überall auf der Welt gibt. Und das ist doch das Wichtigste.
Das Buch hat mir riesige Lust gemacht, selbst wieder ein Pappschild zu beschriften und mich an die Straße zu stellen. Wo es wohl nach der Pandemie als erstes hingeht?
Als Kind fand ich die Bücher von Karl May so spannend, dass ich den Orientzyklus sogar in Frakturschrift verschlang. Die dadurch erworbene Fähigkeit sollte mir Jahrzehnte später im Wilden Westen das Leben retten. In Winnipeg war ich in eine Gruppe von Mennoniten geraten, die testen wollten, ob ich, wie ich vorgab, wirklich aus dem gleichen alten Kontinent wie sie kam. Gespannt gab mir einer der Brüder eine ledergebundene Bibel und forderte mich auf, daraus vorzulesen – mit voller Gewissheit, dass mich die altdeutsche Fassung der Heiligen Schrift sogleich als Aufschneider und Heiden überführen würde. Ich schlug das Buch, das vor Jahrhunderten mit den Auswanderern über den Atlantik gesegelt war, auf und las so fließend aus dem Johannes-Evangelium vor, wie wenn ich direkt aus dem 19. Jahrhundert käme. Die Mennoniten nahmen mich auf in ihren Kreis, und ich überlebte die Reise durch die Prärie.
Als ich 2016 in Cochabamba in Bolivien lebte, entdeckte ich im Viertel Queru Queru zu meiner freudigen Überraschung eine deutsche Bibliothek. Die verwaltete anscheinend die Nachlässe von anderen deutschen Auswanderern, die bei der Flucht vor den Nazis auch ihre Bücher für schützenswert befunden hatten.
Dort fand ich den Karl-May-Band „In den Kordilleren“, dessen Handlung im Gran Chaco spielt, einem unwirtlichen Gebiet, das nach einem unsinnigen Krieg – übrigens mit deutscher Beteiligung – zwischen Paraguay, Bolivien und den Mennoniten aufgeteilt wurde. Ich kannte diese Gegend, hatte dort nach Gold gesucht, aber nur Gräber gefunden.
Gespannt las ich also nach 30 Jahren zum ersten Mal wieder ein Buch von Karl May. Es war nicht schlecht, aber nicht so fesselnd wie früher. Der besondere Reiz ergab sich eher daraus, ein Buch über das Land zu lesen, in dem damals lebte. Es war beeindruckend, wie treffend May die Landschaft des Gran Chaco beschrieb, obwohl er bekanntermaßen nie dort war.
Aber jetzt gibt es Abhilfe für alle von Karl-May-Nostalgie Befallenen! Philipp Schwenke hat einen Roman über den Meister verfasst. „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ nimmt Karl May, relativ nah an den wahren Begebenheiten, auf seine erste Orientreise, die er im letzten Lebensabschnitt endlich antrat, noch immer behauptend, dass er schon oft durch die Wüsten gezogen sei, mit Beduinen gekämpft habe und 1200 Sprachen spreche. In Wirklichkeit steigt er in Beirut im „Deutschen Hof“ ab.
Dazwischen verwebt Schwenke geschickt die Lebens- und Publikationsgeschichte, wobei für meinen Geschmack das Ehedrama zu breit ausgewalzt wird. Interessanter ist das Drama des Schriftstellers, der selbst an seine Geschichten glaubt, obwohl sich unaufhaltsam die Gerüchte vom Gegenteil verdichten. Die Leserbriefe dazu, die Schwenke aus der Frankfurter Zeitung von 1899 ausgegraben hat, sind zum Schreien komisch.
Überhaupt ist der Roman wunderbar witzig, etwas das beim Original-Karl-May kläglich fehlt. Schwenke trifft immer den richtigen Ton, macht den Protagonisten nie lächerlich, spricht manchmal die Leser direkt an, und versetzt sogar seinen Humor in die Zeit um die Jahrhundertwende. Auf dem Schiff nach Ägypten fordern einige der Passagiere May zum Beleg seiner angeblichen Sprachkenntnisse auf. Die Lage eskaliert, Köpfe werden hochrot, Beleidigungen fliegen hin und her. Schwenke kommentiert trocken: „Ähnlich hätte wohl nur die Anwesenheit von Sozialdemokraten die erste Klasse erregen können.“
Aber dann gibt es auch wieder kleine Seitenhiebe auf den Orientalismus und den heutigen Tourismus. „Na gut, dass die Beduinen Postkarten verkaufen und tanzen, dachte Karl, das stört schon ein wenig die Ursprünglichkeit.“ Außerdem stören natürlich die anderen Touristen, wie bei denen, die heute ihre ganz individuellen Instagraph-Fotos machen wollen.
„Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ ist so spannend und witzig, dass es mich einige Abende bis spät in die Nacht wachgehalten hat. Und da ist es dann wieder, das wohlige alte Karl-May-Gefühl.
Eine absolute Empfehlung!
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Was werdet Ihr als erstes machen, wenn die Corona-Pandemie zu Ende sein wird?
Ich weiß es: Sobald das Vakzin in meinen Arm injiziert wurde, werde ich mich an die Landstraße stellen und eben jenen Arm dazu nutzen, um nach Brest-Litowsk, Babylon oder zumindest Buxtehude zu trampen.
Die Wartezeit überbrücke ich mit Tramperliteratur, heute mit „Warm Roads“ von Stefan Korn. Eines Nachmittags steht er in Leipzig am Straßenrand, um am nächsten Morgen wacht er in Südfrankreich auf. So schnell kann das gehen, und so beginnt die Weltumtrampung.
Korn macht Sachen, von denen ich nur träumen kann: Segeltrampen über den Atlantik! (Nichts für mich.) Flugzeugtrampen in Alaska! Güterzugtrampen!
Passend zu den Güterzügen schreibt Korn ziemlich zügig. Das Tempo reißt einen auch beim Lesen mit. Aber andererseits ist das Tempo auch das Problem: Als er nach Manaus kommt, sieht er im Hafen ein Schiff, das in 20 Minuten abfährt. Also düst er weiter nach Uruguay. Wie kann man eine Stadt wie Manaus links liegen lassen? Da kommt man doch nie mehr hin!
In Südamerika denkt er sich: „4000 km von Peru nach Kolumbien, das sollte ich in drei Tagen schaffen.“ Ja, kann man schaffen, aber warum sollte man? Warum diese Eile, junger Mann?
Man merkt, dass Korn nicht auf der Suche nach Begegnungen, nach Erkenntnis, nach Geschichten ist, sondern Trampen als Extremsport begreift. So schnell wie möglich will er einmal um die Welt, so schnell wie möglich von Feuerland nach Alaska, so schnell wie möglich in die vier Ecken Chinas. Alles schnell, schnell, schnell.
Seitenweise gibt es Aufzählungen von Uhrzeiten, Fahrtzeiten, Kilometern, was er isst und wie wenig Geld er ausgibt. Manche Leute glauben, dass sich ihr Tagebuch zum Buch eignet. Hier war es nicht einmal ein Tagebuch, sondern eher ein Logbuch. Der Wettbewerbstramper kommt wie ein Workaholic rüber, der an seinen Statistiken feilen muss. Mit Freiheit und Abenteuer hat das gar nicht so viel zu tun.
Selbst wenn ich nur 500 km oder 900 km trampe, erlebe ich mehr Menschliches als in diesem teilweise fast buchhalterischen Bericht. Ich weiß zwar nichts über meine durchschnittliche Wartezeit oder Reisegeschwindigkeit, aber dafür unterhalte ich mich auf dem Autobahnrastplatz bis 23 Uhr mit einem Linguisten über finno-ugrische Sprachen, obwohl ich merke, dass sich der Rastplatz Hunsrück gefährlich leert und ich bald keine Mitfahrgelegenheit mehr finde.
Apropos Sprache: Die etwas häufige und manchmal unpassende Verwendung von „Pisser“, „Scheiße“, „verfickt“ u.s.w. lässt die Gereiztheit ahnen, mit der Korn wegen des ihm selbst auferlegten Zeitdrucks unterwegs ist. Er ist sauer auf Fahrer, die ihm zu langsam fahren oder zu viele Pausen machen. Und er lässt es die Fahrer merken. Manchmal habe ich mich richtig fremdgeschämt, denn als Tramper ist eine Sache für mich klar: Ich bin Gast in einem fremden Auto. Niemand schuldet mir etwas. Und ich bin dankbar für jeden Kilometer.
Außerdem frage ich mich, was Begriffe wie „Blockwart“ oder „Alltags-Hitler“ bei der Schilderung eines Protests in Peru zu suchen haben, insbesondere von einem deutschen Autor. Straßenblockaden sind in Südamerika eben ein gängiges Mittel des Protests. Na und? Dann wartet man halt ein paar Tage. Oder geht zu Fuß.
Aber dann gibt es auch wieder lustige Geschichten, von einer Fahrt im Leichenwagen, direkt neben dem Sarg, Polizisten, die sich mit einem Becher Kaffee bestechen lassen, und dem bolivianischen Polizisten, der dem Reisenden seine Militärjacke schenken will und voller Vertrauen vorschlägt: „Du kannst mir dafür ja etwas anderes schicken, wenn du wieder in Deutschland bist.“
Und es gibt viele Momente, in denen deutlich wird, wie freundlich und hilfsbereit die Menschen sind, für mich die wichtigste Erkenntnis beim Trampen. In Kanada fährt ihn ein Polizist nach einem Verkehrsunfall 400 km weit. In Alaska wird er in Hotels eingeladen und die Fluglinie nimmt ihn kostenlos mit. Und immer wieder Leute, die ihm Essen, Wasser und Geld schenken, von Mexiko bis China.
Es ist ein ständiges Auf und Ab beim Lesen. Und das passt ja dann wieder zur Erfahrung beim Trampen, denn auch da schwankt man von Höhen zu Tiefen und zurück. Und dankbar bin ich dem Autor auf jeden Fall für die Klarstellung, dass man auch ohne Smartphone um die Welt kommt.
Ich selbst werde weiterhin lieber langsam unterwegs sein und mir Zeit für die Menschen nehmen, die sich Zeit für mich nehmen. Ich glaube, dass so die besseren Geschichten entstehen als bei einer In-80-Tagen-um-die-Welt-Raserei.
„Es wird sich nicht viel verändert haben“, dachte ich mir und hatte für die Reise in die Tschechische Republik einen etwas älteren Reiseführer eingepackt.
Wenn Ihnen Karlsbad zu betriebsam ist und Sie der immer gleichen Begegnungen beim Flanieren in den Kolonnaden überdrüßig sind, so empfehlen wir, nach Kyselka auszuweichen. Dieser Kurort ist klein, aber nicht weniger fein.
Der Mineralwasserfabrikant Mattoni hat hier einen exklusiven Erholungsort geschaffen, an den sich schon das Kaiserpaar, der Erzherzog sowie ausländische Regenten wie König Otto von Griechenland, der Schah von Persien und der Kaiser von Abessinien zurückgezogen haben.
Nun bin ich eher Republikaner als Monarchist, worin mir die seit Erscheinen des Reiseführers für Österreich-Ungarn ins Land – beziehungsweise die seither neu entstandenen Länder – gestrichene Zeit Recht gegeben hat, aber dieses Kyselka hört sich interessant an.
Und es ist nur eine Halbtageswanderung von Karlsbad entfernt. Man geht dazu hinter der Synagoge und der Marienstatue in den Wald, bis man die weiß-rot-weiße Markierung findet und folgt dieser, scheinbar immer bergauf. Es ist einer der schönsten Wanderwege rund um Karlsbad, oft auf ganz engen, kaum ausgetretenen Pfaden, dann auf in den Berg gehauenen Wegen, auf denen linker Seite steile Abhänge zum Fluss Eger abfallen.
Immer wieder schöne Ausblicke und von Zeit zu Zeit ein Schild, das anzeigt, dass man auf dem richtigen Weg ist, dass von Kyselka ein Bus zurückführt, und dass man noch 10 km vor sich hat. Der Weg windet sich jedoch dermaßen um Berge, über Anhöhen und um die Biegungen des Flusses, dass sich die Entfernungsangabe über mehrere Stunden nicht verringert.
Ich friere, hungere und dürste, aber egal. In Kyselka werde ich mir ein königliches Mahl an einem warmen Kachelofen gönnen.
Nach vielen Stunden Klettertour erblicke ich durch den Wald die ersten noblen Anzeichen von Kyselka. Je näher ich komme, umso mehr bestätigt sich das Prädikat als ruhigster aller böhmischen Kurorte. Ich höre keinen Laut, keinen Menschen, keine Autos, nicht einmal Hunde.
Herr Mattoni, der Gründer dieses exklusiven Ortes, ist anscheinend im Winter nicht zu Hause, denn seine Villa sieht etwas verlassen aus.
„Vielleicht ist er in der Mineralwasserfabrik“, denke ich mir, doch auch dort sprudelt nichts mehr.
Um es kurz zu machen: Die ganze Stadt sieht inaktiv und verlassen aus.
Hier werde ich nichts zu essen bekommen, dämmert mir langsam. Nur in der Grotte oberhalb des künstlich angelegten Wasserfalls gibt es noch Wasser, und sogar eine Tasse steht neben dem Becken. Wahrscheinlich hat der König von Montenegro zum letzten Mal aus ihr getrunken. Oder die Kobolde und Gnome, die Kyselka jetzt anstelle der Könige und Grafen bewohnen. Aber es schmeckt.
Ein Auto hält, und eine Familie steigt aus. Vater, Mutter, Kind und ein Plastikeimer mit Spielsachen. Das Kind läuft ein bisschen herum. Nach fünf Minuten packen sie alles wieder ins Auto und düsen davon, offensichtlich schwer enttäuscht von diesem deprimierenden Ort. Schon wieder ein Familienausflug, der in die Hose gegangen ist.
Das einzige andere Auto ist ein Feuerwehrauto, das allerdings schon lange nichts mehr gelöscht oder getütatat hat. Aus den Reifen ist genauso die Luft raus wie aus dem hiesigen Unterhaltungsprogramm.
Es wird dunkler. Es wird kälter. Und obwohl ich gehört habe, dass sich Städte, die sonst nichts zu bieten haben, als Luftkurort anpreisen, werde ich von der Luft allein kaum überleben können.
Der versprochene Bus kommt heute nicht, weil Samstag ist.
Also stelle ich mich an die Straße, strecke den Daumen raus und hoffe, dass sich einer der Kurgäste aus dem frühen 20. Jahrhundert bei der Abreise dermaßen verspätet hat, dass er erst heute nach Karlsbad zurückfährt. Und in der Tat, bald hält ein Auto mit einem tschechisch-russischen Ehepaar, die noch weiter hinten im Egertal wohnen und Altglas in die Bezirksstadt bringen. Wie es sich in einer von Herrn Mattoni gegründeten Stadt gehört, entpuppt sich Italienisch als der kleinste gemeinsame linguistische Nenner im kosmopolitischen Kleinwagen.
Apropos Sprache: Die war wohl der Grund, warum Kyselka nie die Berühmtheit der anderen Kurstädte erreichte. Auf Deutsch heißt der Ort nämlich Giesshübl Sauerbrunn, und das macht sich auf Ansichtskarten einfach nicht so gut wie Marienbad, Karlsbad oder Franzensbad.
Links:
Wenn Euch Geisterstädte interessieren, dann folgt mir doch nach Humberstone!
Kyselka nähe Karlsbad ist nicht zu verwechseln mit Bílina-Kyselka, wo ebenfalls ungenutzte Kurschlösser herumstehen.
Oje, jetzt ist es passiert: Die Staatsmacht hat sich Wissarion geschnappt, und Gott hat nicht eingegriffen, um seinen zweiten Sohn, den Jesus Sibiriens, den Messias der Taiga zu retten. Wird auch Wissarion am Kreuz enden?
Fragen über Fragen, vor allem: Wer zum Teufel ist überhaupt dieser Wissarion?
Das und vieles mehr über Russland erfährt man in dem Buch „Couchsurfing in Russland“. Der deutsche Journalist und Autor Stephan Orth fährt und fliegt darin kreuz und quer durch Russland. Wie der Name des Buches nahelegt, spart er sich die Kosten fürs Hotel und übernachtet bei Menschen, die eine freie Couch oder ein Gästezimmer haben. (Auch ich nütze diese Methode des Reisens gerne.)
Der Sektenführer Wissarion, der mit bis zu 4000 Anhängerinnen und Anhängern in einer Kommune im sibirischen Sajangebirge lebt, ist dabei einer der schillerndsten Typen. Anscheinend bin ich bisher zu vorsichtig bei der Auswahl meiner Gastgeber gewesen. Denn Couchsurfing hat Vor- und Nachteile. Zum einen lernt man ein Land natürlich schneller, intensiver und anders kennen als wenn man von Hotel zu Hotel reist. Zum anderen ist man Gast in jemandes Wohnung. Orth muss ein betrunkenes Beziehungsdrama miterleben. Ich habe schon Hunderte von schönen Morgenstunden vergeudet, weil die Gastgeber keine Frühaufsteher waren.
Und manchmal muss man sich einen Abend lang krude Theorien anhören. In Russland ist das anscheinend schlimmer als anderswo, und im Sektendorf Tiberkul am allerschlimmsten. Zum Glück für die Leser setzt sich Orth kritisch mit der Jesus-Reinkarnation, mit der Filterblase in der religiösen Kommune, mit der Propaganda von RT und Sputnik auseinander. Der Autor ist ein guter Beobachter und ein guter Zuhörer, aber man merkt, dass er auch den Informationsrahmen hat, um nicht alles glauben zu müssen. (Ein Grund, warum ich nicht viel davon halte, unvorbereitet in ein Land zu fahren. Wenn man nichts weiß, werden einem nämlich oft ziemlich krasse Mythen aufgetischt.)
Auf seiner Reise durch Russland fährt Orth nicht nur in die Großstädte, sondern besucht auch abgelegene Republiken und Dörfer, einschließlich Krim und Nordkaukasus. So wird er zum Russlandversteher im eigentlichen, positiven Sinn des Wortes,.
Ein Buch darüber, wie viel man verpasst, wenn man sich für Sehenswürdigkeiten und Fotos anstatt für Menschen und Gespräche interessiert. – Jetzt müssen wir nur noch warten, bis alle gegen Covid-19 geimpft sind, und dann geht das Reisen wieder los! Apropos Impfstoff, ich glaube, da gibt es auch so eine kuriose Behauptung aus Russland.
Wenn Euch die vorangegangenen Artikel Lust darauf gemacht haben, den König-Ludwig-Weg oder Teile davon zu wandern, dann gibt es hier – ganz ungewöhnlich für diesen ansonsten eher nutzlosen Blog – ein paar praktische Tipps, alle persönlich für Euch erprobt:
Die Gesamtstrecke beträgt etwa 110 km. Das kann man an fünf Tagen gehen, wenn man nicht so viele und lange Pausen und Umwege macht wie ich.
Ich empfehle von Norden nach Süden zu gehen, weil Ihr dann immer die Alpen im Blick habt und am Ende die Schlösser als Belohnung warten.
Der Weg ist markiert mit einem blauen K mit Krone. Weitestgehend ist die Markierung ganz gut, aber an einigen Stellen hätte ich sie ohne Landkarte verloren. Ich bin auch manchmal absichtlich vom Weg abgewichen, z.B. um zur Erdfunkstelle in Raisting zu gelangen.
Der Wanderführer von Christel Blankenstein ist kompakt und hat eigentlich alle Informationen, die man braucht. Nur die Karten sind nicht so detailliert und die Wegbeschreibungen helfen wenig, aber Ihr nehmt ja wahrscheinlich eh ein GPS-Teil mit. Und wenn man weiß, was der nächste Ort ist, findet man immer hin. Notfalls könnt Ihr fragen.
Ich denke, man kann den Weg das ganze Jahr über gehen. Nur in der Ammerschlucht wäre ich nach starkem Regen oder Schneefall skeptisch. Da besteht ernsthafte Rutschgefahr. Man kann die Schlucht aber umgehen.
Ebenfalls umgehen kann man den Hohen Peißenberg, wenn man sich den mühsamen Aufstieg ersparen möchte.
Wer kein Vertrauen in Schiffe hat, kann natürlich auch um die Seen herumgehen, aber ich fand die Bootsfahrten entspannend und interessant. Unter www.seenschiffahrt.de findet Ihr die Fahrpläne für den Starnberger See, für den Ammersee und für einige andere bayerische Seen.
Wenn Ihr günstige Übernachtungen sucht, empfehle ich neben Couchsurfing vor allem die Webseiten der jeweiligen Gemeinden. Dort sind Unterkünfte aufgelistet, die sonst nirgendwo im Internet stehen, vor allem nicht bei den üblichen Buchungsportalen wie AirBnB oder Booking. Da gibt es Zimmer ab 20 €. Im oben erwähnten Reiseführer sind etliche aufgeführt, aber diese Informationen und Preise sind auf dem Stand von 2015.
Orte, an denen es sich lohnt, einen Tag Pause einzulegen, sind definitiv Dießen und eventuell Rottenbuch.
Ich bin mit dem Zug von München nach Starnberg gefahren. Aber wer will, kann auch direkt in München loslaufen, dann folgt Ihr dem Jakobsweg. Angeblich ist das schon ein ziemlich schöner Weg, immer an der Isar entlang. Außerdem kommt Ihr so durch das hochgeheime Pullach.
Eintrittskarten für die Königsschlösser kann man vorbestellen unter shop.ticket-center-hohenschwangau.de. Wer spontan nach Tickets fragen will, muss zum Ticket-Center in Hohenschwangau, nicht direkt zu den Schlössern.
Zur historischen Einführung empfehle ich das Büchlein „Ludwig II. von Bayern“ aus der Reihe C.H.Beck Wissen. Das ist kompakt, gut erklärt und bietet auch eine gute Einführung in die bayerische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert.
Und wenn es sonst noch Fragen oder auch eigene Berichte und Anmerkungen gibt, dann hinterlasst mir diese doch in den Kommentaren!
Dass ich 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung ein Buch aus ostdeutscher Perspektive lese und (als Westdeutscher) viel Neues – interessanterweise auch über Westdeutschland – erfahre, zeigt, wie wichtig solche Bücher noch immer sind.
Daniela Dahn legt gleich zu Beginn den Ton fest:
Die Einheit war eine feindliche Übernahme auf Wunsch der Übernommenen. Für die Sieger war das schönste an der friedlichen Revolution, dass sie nichts revolutionierte.
Okay, subtil wird es hier also nicht. Das stört mich nicht. Was allerdings ein bisschen stört ist, dass die Autorin für ihr Buch „Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute: Die Einheit – eine Abrechnung“ die Methode des Gedankenstroms wählt, von dem sie selbst zugesteht, dass dieser gelegentlich in Stromschnellen, Strudel oder Seitenarme gerät.
Was man schon bei Swetlana Alexijewitsch lesen konnte, und was sich Viele im Westen bis heute nicht vostellen können, bestätigt Dahn: Der Wunsch nach Demokratie ging nicht unbedingt mit dem Wunsch nach Kapitalismus einher. Sogar Lothar de Maizière, der Vorsitzende der Ost-CDU, hatte sich nach dem Mauerfall für einen – natürlich reformierten – Sozialismus ausgesprochen. Ein schöner Satz diesbezüglich: „Die Zweitrangigkeit von Geld war unser Kapital.“ Es erleichterte den gesellschaftlichen Zusammenhalt und sparte Zeit und Lebensenergie, die man anderweitig, z.B. in Abenteuerreisen, investieren konnte.
Sehr instruktiv fand ich die Ausführungen zur unterschiedlichen Geschichtspolitik in Ost und West sowie ab 1990. Man kann die ostdeutsche Wut schon verstehen, wenn man liest, wie mit Ost-Professoren umgegangen wurde, nur um sie dann durch West-Professoren mit SS-Vergangenheit zu ersetzen. Warum musste der DDR-Rundfunk unbedingt durch einen ehemaligen Wehrmachtsoffizier abgewickelt werden? Und warum mussten alle antifaschistischen Straßennamen getilgt werden, während Bundeswehrkasernen nach Nazi-Generälen benannt blieben? Warum kürzte das vereinigte Deutschland den Kämpfern gegen den Faschismus die in der DDR ausbezahlte Sonderrente, zahlte (und zahlt) aber Renten an ausländische ehemalige SS-Kämpfer?
Auch mit dem Mythos, in der DDR habe es keine Aufarbeitung des Holocaust gegeben, räumt Dahn auf, nicht zuletzt unter Verweis auf Tausende von Büchern und Filmen, schon lange bevor 1979 die Serie „Holocaust“ westdeutsche Fernsehzuschauer wachrüttelte. Nach der Wiedervereinigung wurde der staatlich verordnete Antifaschismus gestrichen. Stattdessen wurden die Ostdeutschen der Hitler-Obsession von Guido Knopp, Stern und Spiegel ausgesetzt, schreibt Dahn provokant, aber ich glaube, da ist etwas Wahres dran.
Zum Teil repräsentiert Dahn die Fakten aber tendenziös oder missversteht absichtlich etwas. Naturgemäß fällt mir dies am ehesten auf, wenn es um juristische Aspekte geht:
So war § 1300 BGB (Entschädigung für Geschlechtsverkehr nach Auflösung des Verlöbnisses) tatsächlich antiquiert. Nur verschweigt die Autorin, dass er genau deshalb seit den 1970er Jahren nicht mehr angewendet und 1998 gestrichen wurde.
Mit der Aussage, Westdeutschland sei „der einzige Staat, der das Völkerstrafrecht gegen den Nazismus nie anerkannt hat“, kann ich gar nichts anfangen. Und dass die Alliierten in Westdeutschland die Diskussion um die Wirtschaftsordnung quasi verboten haben, stimmt auch nicht. Dazu muss man nur in Art. 15 des Grundgesetzes schauen. Das Grundgesetz war und ist einer sozialistischen Wirtschaftsordnung gegenüber ausdrücklich offen, was leider wenig bekannt ist.
Ein aufmerksames Lektorat hätte vieles ausbügeln können, aber dafür ist im Kapitalismus anscheinend kein Geld mehr da.
Dabei kritisiert Dahn durchaus zu Recht den westdeutschen Umgang mit dem Nationalsozialismus, die immer verspätete, halbherzige, zögerliche und oft nicht aufrichtige Aufarbeitung. Sie gesteht auch zu, dass sich beide deutschen Staaten nicht mit Ruhm bekleckert haben. Die DDR verspürte keine Verpflichtung gegenüber den nach Israel oder in den Westen ausgewanderten Juden. Und die BRD verweigerte Zahlungen an die Opfer in Osteuropa.
Nach zwei sehr interessanten ersten Teilen folgt im dritten Teil leider viel außenpolitische Schwurbelei mit Sympathien für 9/11-Verschwörungstheoretiker, für russische Propagandasender und für Slobodan Milošević. Der Gedankenstrom gerät teilweise in dubioses Fahrwasser (wie sich auch Daniela Dahn in dubiose Gesellschaft begibt). Den letzten Teil könnt Ihr aber auch getrost ignorieren, denn ich glaube irgendwie nicht, dass der Krieg im Jemen für das Verhältnis von Ost- und Westdeutschen besonders wichtig ist.
Trotz vereinzelter Kritik empfand ich dieses Buch insgesamt als Gewinn.
Links:
„Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute“ beim erzkapitalistischen Amazon. Ach, früher bei Samisdat war alles besser.
Neuschwanstein liegt hoch über dem Tal, auf einem Felsen, der sich eigentlich gar nicht zur Bebauung eignet. Das hätte die Baubehörde niemals genehmigen dürfen. Was da an Schmiergeld geflossen sein mag? Zu Fuß braucht man deshalb vom Tal zum Schloss mindestens 30 Minuten.
Man könnte natürlich die Pferdekutsche nehmen, wobei in der Pferdekutsche heimlich der Elektromotor summt.
„Mama, ich habe Seitenstiche“, beklagt sich ein kleines Mädchen.
„Macht nichts“, antwortet die Mama herzlos. Sie will zum Schloss, das Kind nervt jetzt nur.
Ein Restaurant am Wegesrand bietet Quarkbällchen als „something like a sweet donut“ an.
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An den Aussichtspunkten machen die Paare Paarfotos, die sie nach der Trennung wegwerfen können. Nur manche sind gewieft genug, Fotos von sich selbst zu verlangen. Da ist die Beziehung schon auf dem absteigenden Ast. Am kompliziertesten sind die lateinamerikanischen Frauen, die ganz genaue Vorstellungen und Instruktionen für ihre Männer haben, die sie anscheinend nur zu diesem Zweck mitgenommen haben. Kitsch-Schlösser ziehen Möchtegern-Prinzessinnen magisch an.
Am glücklichsten sieht der alte Mann aus, der keine Kamera, kein Telefon, gar nichts zückt. Er genießt einfach die Blicke auf Schloss Hohenschwangau, den Alpsee und die Alpen. Und er grinst von einem Ohr zum anderen, wie wenn er sich einen lebenslangen Traum erfüllt hat.
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Hinter und über dem Schloss spannt sich die Marienbrücke über die Pöllatschlucht.
Für diesen akrophobischen Blick muss man aber selbst in diesem Coronavirus-Sommer anstehen.
Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie das in normalen Jahren aussieht, wenn 1,5 Millionen Touristen kommen. Und ich kann auch nicht ganz verstehen, wieso sich das jemand antut, nur um danach auf einer wackeligen Konstruktion zu stehen, wo man doch einfach auf den Wanderwegen durch die Berge schlendern kann und so das Schloss aus jedem Blickwinkel betrachten kann.
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Das Schloss sieht irgendwie falsch aus, wie aus Gips. Die Kanten noch scharf, die Wände ohne Dellen oder Flecken, niemals beschossen und wie niemals bewohnt. Schön geplant, aber seelenlos, wie so ein überkandidelter, überschnörkelter und übererkerter Neubau in Beverly Hills.
Oder wie der Prospekt eines chinesischen Reiseanbieters schreibt:
Unter blauem Himmel und weißen Wolken, von Dunst umhüllt, werfen milchfarbene Mauern güldenes Licht zurück, und graue Spitzen recken sich ins Firmament – dies ist Neuschwanstein, das Vorbild für Disneyland!
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Die Führungen finden im 5-Minuten-Takt statt. Auf einer Leuchttafel werden die Gruppennummern angezeigt. Zudem werden sie aufgerufen wie am Bahnhof.
Während ich im Innenhof und in der Hitze auf die 13:30-Uhr-Tour warte, kann ich noch ein paar Fotos machen, aber im Schloss ist es wieder verboten. Vielleicht, weil es ziemlich unaufgeräumt aussieht. Kabeltrommeln und Staubsauger stehen herum. Teile des Mobiliars sind mit Plastikplanen abgedeckt. Gerüste stehen in den Fluren. Ich fühle mich wie bei einer Baustellenbesichtigung.
Und eigentlich passt das ja, denn Neuschwanstein ist nur zu einem kleinen Teil ausgebaut. Von den geplanten mehr als 200 Räumen sind 15 fertiggestellt und möbliert worden. Der Rest steckt in einem Zwischenstadium wie die Rohbauten, die man im Kosovo sieht und bei denen man nicht weiß, ob das Geld ausging oder die Eigentümer erschossen wurden. Genauso wie bei König Ludwig II.
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Wenn Ihr angesichts der obigen Fotos gedacht habt, dass das Schloss ein bisschen übertrieben aussieht mit all seinen Türmchen und Erkerchen, dann lasst Euch gesagt sein, dass dies die abgespeckte Version ist.
Ursprünglich war es noch größer und bombastischer geplant:
Und wozu das alles?
Das Besondere an Schloss Neuschwanstein ist, dass es ohne jegliche politische, staatsmännische oder repräsentative Zielsetzung gebaut wurde, sondern als ganz privater Rückzugsort beabsichtigt war. So behauptete es zumindest Ludwig II., wobei ich mich frage was dann der Thronsaal sollte. Oder habt Ihr so etwas bei Euch zuhause?
Ganz wichtig war auch der allerneueste technische Schnickschnack, also Telefon, eine Heißluft-Zentralheizung, eine elektrische Rufanlage für Diener, eine Seilbahn und ein Landeplatz für das Flugtaxi.
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Die Räume, die in Neuschwanstein fertig wurden, wirken auf mich viel düsterer und dunkler als die in Schloss Hohenschwangau.
Der Thronsaal ist, ganz bescheiden, der Hagia Sophia nachempfunden.
Obwohl Bayern schon parlamentarisiert war und eigentlich das Kabinett und nicht der König regierte, sah sich Ludwig II. als König von Gottes Gnaden. Die Wände werden gesäumt von Bildern heiliggesprochener Könige. Der Leuchter hat die Form einer byzantinischen Kaiserkrone. Den Boden ziert das aufwendigste Mosaik Deutschlands, mit 1,5 Millionen Einzelteilen.
Einen „Rückzugsort aus der Realität“ nennt die Führerin den Raum, und man fragt sich, ob der König jemals überhaupt in der Realität weilte. Andere Könige mischen sich angeblich verkleidet und unerkannt unters Volk, um herauszufinden, was die Umfragen des ZDF-Politbarometers verschweigen. Ludwig II. wäre beim Gedanken daran wohl vor Angst gestorben.
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Im Thronsaal hängt ein Gemälde, das Sankt Georg beim Drachenschlachten zeigt. Im Hintergrund sieht man eine Burg, die man natürlich als Neuschwanstein identifiziert.
Und schon wieder liegt man falsch.
Das ist nicht Neuschwanstein, sondern Falkenstein, ein weiteres von Ludwig II. geplante Schloss. Warum man noch mehr Schlösser braucht, obwohl man schon eines hat, und warum man schon neue Schlösser plant, solange die bisherigen nicht fertig sind, das ergibt keinen Sinn. Vielleicht war der König tatsächlich verrückt. Andererseits hat sich gerade dieser Immobilienwahn bis heute gehalten. Dabei ist Privateigentum an Grund und Boden, den niemand geschaffen hat, ein vollkommen absurdes Konzept. Wer an diesen Schabernack glaubt, sollte wirklich entmündigt wurden.
Auf dem Falkenstein steht jetzt nur eine Ruine, die allerdings immer wieder von Schatzssuchern heimgesucht wird. Zum einen gibt es die Legende, dass Ludwig II. vor seiner Entführung (siehe Kapitel 170) dort einen Schatz vergraben hat. Zum anderen hat angeblich die SS von Oktober 1944 bis März 1945 den Zugang zum Berg abgesperrt und einen Nazischatz von München auf Deutschlands höchstgelegene Burgruine (auf 1267 m) gebracht.
Nazi-Schätze gab es natürlich auch auf Schloss Neuschwanstein, aber dazu mehr in Kapitel 181.
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Ach, das Schloss auf dem Falkenstein sollte nach den Wünschen von Ludwig II. übrigens so aussehen:
Als der Architekt wagte, darauf hinzuweisen, dass auf den kleinen Felsen kein monströses Schloss passt, wurde er gefeuert.
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Überhaupt muss ich irgendwann auf die ganzen anderen Schlösser und Schlösserpläne von Ludwig II. kommen. Nicht nur, um gegen die ungerechtfertigte Dominanz von Neuschwanstein anzukämpfen, sondern weil der Bauwahn für das Ende des Königs entscheidend war (siehe Kapitel 135-138).
Weil die Leserschaft auf die Fortsetzung des Rundgangs im hiesigen Schloss drängt, deshalb nur im Schnelldurchlauf ein kurzer Überblick über die neben Neuschwanstein keinesfalls verblassen sollenden Hinterlassenschaften des bayerischen Königs:
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Auf dem Schachen ließ Ludwig II. ein bescheidenes Königshaus bauen. Von außen sieht es aus wie eine etwas größere Holzhütte, in die sich der König insbesondere zu seinen Geburtstagen gerne zurückzog – eine Marotte, die ich während dieser Geburtstagswanderung gut nachvollziehen kann und zur Nachahmung empfehle.
Innen sieht es in der Königshütte dann aber doch anders aus als in meiner Walden-Hütte von vorvorgestern (Kapitel 104). Der Türkische Saal wurde nach dem Vorbild von Schloss Eyüp bei Istanbul gestaltet.
Bauen ohne Kitsch war des Königs Stärke nicht.
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Schloss Linderhof war für Ludwigs Verhältnisse richtig klein, fast putzig, schaffte es dafür aber auch zur Fertigstellung. Es ist das einzige Schloss, in dem Ludwig II. tatsächlich längere Zeit wohnte.
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Schloss Herrenchiemsee auf einer Insel im Chiemsee hingegen sollte das bayerische Versailles werden. Nur größer, natürlich. Bei diesem Schloss sticht es weniger ins Auge, aber es wurde ebenfalls nicht fertig.
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Und dann gab es noch die Bauprojekte, die mit dem König zusammen beerdigt wurden und womöglich der Grund für seinen frühen Tod waren:
Schloss Falkenstein habe ich schon in den Kapiteln 155 und 156 angesprochen.
Darüber hinaus verfolgte Ludwig II. Pläne für einen byzantinischen Palast, der sich wunderbar in die alpine Umgebung einfügen würde,
und ein chinesisches Schloss, das dem Pekinger Winterpalast nachempfunden war.
Nicht auszudenken, wie viele Chinesen dann erst kämen!
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Apropos chinesische, japanische, amerikanische und andere Touristen: Ich zähle die Alternativschlösser auch deshalb auf, um die von weit anreisenden Besucher darauf hinzuweisen, dass Ihr nicht unbedingt nach Neuschwanstein fahren müsst. Immer wieder erhalte ich Fragen, wie man von Hamburg oder Rostock an einem Tag nach Neuschwanstein und zurück kommt. Lasst das, es wäre der pure Stress! Deutschland ist voll von Burgen und Schlössern, alle 20 km steht eins. Mietet Euch einfach ein Auto, fahrt gemütlich eine Landstraße entlang, und Ihr werdet links und rechts genügend Burgen sehen.
Bei den anderen Burgen müsst Ihr auch nicht um Tickets anstehen. Oft ist der Eintritt sogar frei.
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Die Verwegenen unter den Verzweifelten, die keine Eintrittskarten mehr bekommen haben, springen mit Fallschirmen ab, um so ins Schloss zu gelangen oder, falls ihnen dieses Kunststück nicht gelingt, zumindest die Aussicht zu genießen.
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Aber jetzt wollt Ihr mehr über Neuschwanstein erfahren, also weiter im Rundgang, den man wahrscheinlich mehr zu schätzen weiß, wenn man sich in Wagners Opern auskennt, was beim Autor dieser Zeilen aufgrund seines guten Musikgeschmacks nicht der Fall ist.
Das Schlafzimmer ist gestaltet wie eine gotische Kathedrale. An den Wänden und am Kachelofen wird die tragische Liebesgeschichte von Tristan und Isolde ausgewalzt, die sich Ludwig II. dergestalt zu Herzen genommen hat, dass er niemals geheiratet hat. (Ein oft übersehener Faktor, der zugunsten der geistigen Klarheit des Königs spricht.)
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Das Thema des Wohnzimmers ist die Lohengrin-Saga. Überall flattern, schwimmen und drohen Schwäne. Schwäne auf der Tapete. Schwäne auf der Suppenterrine. Schwäne auf dem Teppich. Schwäne auf den Gemälden. Türklinken in Schwanenform.
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Man verlässt das Wohnzimmer durch eine künstlich angelegte Tropfsteinhöhle, angeblich eine Hommage an die Tannhäuser-Oper.
Von Tannhäuser zur Wartburg ist es nur ein kleiner logischer Sprung, und da der König ein Mann der eher kurzen Gedankensprünge war, ist der größte Saal im Schloss, der Sängersaal, eine Kopie der Wartburg.
Umrahmt von Bildnissen des Parzival wollte der König hier Privatvorstellungen seiner Lieblingsfilme genießen. Ludwig II. wird oft als Förderer von Kultur und Kunst dargestellt, aber in Wirklichkeit ging es ihm um sein Privatvergnügen. Das Volk hatte nichts davon, wenn Hunderte von Schauspielern für einen Mann sangen und tanzten und operten. Auch das Nationaltheater in München blockierte Ludwig II. mehr als 200 Mal für Separatvorstellungen.
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Und das war’s. Eine recht kurze Führung, wesentlich kürzer als dieser Artikel. Aus Shanghai würde ich dafür nicht herfliegen. Vor allem jetzt, wo es meinen Blog auch auf Chinesisch gibt.
Als ich mir das Schloss nochmal von außen ansehe, fällt mir ein, wie man Neuschwanstein beschreiben könnte: „Das Ganze lebt überhaupt nicht: es ist zusammengesetzt, gerechnet, künstlich, ein Artefakt.“ So hatte Nietzsche über Wagner geurteilt.
Und dafür mussten beim Bau 39 Menschen sterben.
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Eine Besucherin, die sich auch mehr Informationen wünscht, fragt, wer den ganzen Firlefanz finanziert hat.
„Das hat Ludwig II. alles persönlich bezahlt“, sagt die Führerin.
„Naja“, wage ich einzuwerfen, und sie wird ein bisschen konkreter.
„Er hat es aus seiner Apanage bezahlt“, also aus Steuergeldern, „und er benötigte natürlich Kredite, die die Wittelsbacher nach seinem Tod alle zurückgezahlt haben.“
Die Zahlungen von Bismarck (Kapitel 87 und 137) erwähnt sie nicht.
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Die Zeitgenossen nahmen die Finanzen nicht so auf die leichte Schulter. Ganz im Gegentum, der Bauwahn brach dem König das Genick, im wörtlichen Sinn.
In der letzten Episode (Kapitel 137 und 138) fasste ich zusammen, wie die bayerische Regierung plante, Ludwig II. loszuwerden und zu welch schäbigen Tricks sie dabei griff. Wir waren am 7. Juni 1886, als der Ministerrat ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag gab, das der Psychiater Gudden praktischerweise am 8. Juni 1886 fertig hatte.
Wir steigen am 9. Juni 1886 wieder in die Geschichte ein. Eine Regierungskommission begibt sich nach Schloss Neuschwanstein, um dem König mitzuteilen, dass seine Dienste fürderhin nicht mehr benötigt würden. Sie dringt jedoch nicht zu Ludwig II. vor. Anscheinend weiß das königstreue Lager, was gespielt wird, und das königliche Personal, örtliche Gendarmen und die Feuerwehr verwehren der Regierungskommission den Zutritt zum König und sperren die Vertreter der Regierung, darunter den Außenminister, sogar für einige Stunden ein.
Ludwig II. berät sich mit seinen Leuten, die ihm empfehlen, entweder nach München zu reisen und direkt zum Volk zu sprechen, oder ins Ausland zu fliehen. Der König bleibt trotzig: „Hier ist mein Schloss, und hier sind meine Spielsachen. Hier bleibe ich.“ Man kennt das ja, so Leute, die sich lieber im Unglück suhlen, als sich helfen zu lassen.
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Am Abend des 11. Juni 1886 reist eine zweite Regierungskommission nach Neuschwanstein, diesmal mit einem verschärften Auftrag, weshalb sie auch als „Fangkommission“ bezeichnet wird. Diese besteht nicht mehr aus Beamten und Ministern, sondern aus Ärzten und Pflegern, für ihre Brutalität und Erbarmungslosigkeit berüchtigte Berufsgruppen. Chef dieser Einsatzgruppe ist der uns schon bekannte Bernhard von Gudden.
Wir wissen nicht genau, was auf Schloss Neuschwanstein vorging und wieviel Gewalt notwendig war, aber in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1886 entführt dieses Sonderkommando Ludwig II. nach Schloss Berg am Starnberger See, das Ihr noch aus den Kapiteln 2, 3 und 10 erinnert.
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„Ist ja okay, dass Ihr mich entmachten wollt. Aber wieso darf ich nicht auf Schloss Neuschwanstein wohnen bleiben und Wagner-Opern gucken?“ fragte Ludwig II. und fragt sich die Leserschaft.
Der Gründe sind mindestens zweierlei:
Zum einen war der König sehr besitzergreifend bezüglich Schloss Neuschwanstein. Nicht nur sollte niemand anders es jemals betreten oder gar bewohnen. Es ging auch das Gerücht um, Ludwig II. hätte verfügt, Schloss Neuschwanstein sei nach seinem Tod zu sprengen. Da deutsche Führer gerne etwas durchdrehen, wenn sich die Karriere dem Ende neigt, war solch eine Überreaktion nicht auszuschließen.
Zum anderen fand die bayerische Regierung Neuschwanstein zwar ästhetisch und finanziell grauenvoll, hatte aber schon neue Pläne für den Prunkbau.
Bis dahin waren Burgen Zweckbauten gewesen, die der Verteidigung, dem Wohnen, dem Regieren, zumindest aber dem Repräsentieren dienten. In einer alten Burg konnte man notfalls ein Amtsgericht oder ein Gymnasium unterbringen. Neuschwanstein war jedoch für keinen dieser Zwecke geeignet, weil die Grenze nach Österreich schon durch die Alpen verteidigt wurde – außerdem: wer hat schon Angst vor Österreich? -, und weil in der Nähe des Schlosses niemand wohnte. Außerdem war ein Gericht oder eine andere Behörde, die für ein paar Monate wegen tiefen Schnees nicht erreichbar war, unpraktisch.
Was sollte man also mit Neuschwanstein anfangen? Als Filmkulisse vermieten, war die naheliegende und gute Idee, bis ein langweiliger Beamter einwarf, dass der Film 1886 noch nicht erfunden war.
Wie schon beim Sängersaal (Kapitel 166) diente auch bei der Nachnutzungsfrage die Wartburg als Inspiration. Diese war, obwohl nur teilweise für Besucher zugänglich, ein beliebtes Ausflugs- und Reiseziel geworden. Ein paar Jahre vorher hatte in jener Burg ein Gasthof eröffnet. Fremdenzimmer beherbergten Besucher aus ganz Europa, die ab 6 Uhr morgens durch die Burg geführt wurden.
Es war die Geburtsstunde des Burgentourismus.
Was uns jetzt vollkommen normal erscheint, kam damals einer Revolution gleich. Menschen aus dem gewöhnlichen Volk, ja sogar Ausländer, konnten durch fürstliche und königliche Gemächer wandeln. Und die Fürsten- und Königshäuser waren von den Eintrittsgeldern abhängig. Sie mussten Schlüsselanhänger und Schnitzel verkaufen, um ihren Lebenssstil zu wahren. Der Tourismus war der Vorläufer der Revolution, kann man sagen.
Und die bayerische Regierung erkannte diese Chance.
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Die bayerische Regierung erkannte auch, dass ein Schloss mit Mythos sich noch besser vermarkten ließe als ein reines Schloss. Und spätestens damit war das Todesurteil gefällt.
Am Abend des 13. Juni 1886, also nur einen Tag nach seiner Entführung, geht Ludwig II. angeblich am Ufer des Starnberger Sees spazieren. Angeblich in Begleitung von Dr. Gudden.
Wieso jemand friedlich mit dem Psychiater spazieren gehen sollte, der ihm den Thron, seine Macht und sein Schloss entrissen hat, das erschließt sich mir nicht. Aber uns bleibt nicht viel Zeit, über dieser Frage zu sinnieren, denn schon fällt ein Schuss.
Ihr erinnert Euch an die Stelle am Starnberger See, wo Ludwig II. angeblich ertrunken ist (Kapitel 4). Schon verdächtig, dass man gerade dort freies Sicht- und Schussfeld hat, nicht war?
Wenn sich jemand selbst ertränken wollte, wieso täte er das gerade an so einer weit einsehbaren Stelle? Außerdem ist der See an der Stelle wirklich flach. Man kann im Wasser stehen. Und es war Juni, das Wasser war also auch nicht zu kalt.
Nein, wahrscheinlich war Ludwig II. nicht sofort tot, sondern schleppte sich noch zum See und wollte – man handelt in solchen Situationen ja nicht immer ganz rational – fortschwimmen. Aber bald gingen ihm die Kräfte aus.
Und Dr. Gudden? Hatte er den König wissentlich zu dieser Stelle geführt? Oder war er selbst geschockt und verstand plötzlich, dass auch er eine Marionette war? Um dies zu überlegen bleibt ihm und uns keine Zeit, denn da fällt ein zweiter Schuss. Der Psychiater ist tot.
Sechs Wochen später wird Schloss Neuschwanstein für Besucher geöffnet.
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Das Tragische an der Geschichte ist, dass die Schlösser, für die der König hingerichtet wurde, mittlerweile eine lukrative Einnahmequelle für den Freistaat Bayern sind. Auf lange Sicht haben sie sich rentiert. Aber dafür musste ihr Erbauer erst sterben. Nur 15 Jahre nach seinem Tod waren die Schulden alle abbezahlt.
Heute sind die Steine des Anstoßes das bekannteste Bild Bayerns, ja sogar Deutschlands, in der Welt. Niemand will das Hohenzollern-Schloss sehen, und nach Bismarck ist nur ein Fisch benannt. Ludwig II. würde darüber süffisant lächeln.
Wenn Wagner so talentiert wie Shakespeare gewesen wäre, hätte er ein Königsdrama daraus gemacht.
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Nach dem pompösen Schloss und der dramatischen Geschichte steht mir der Sinn nach Natur. Das Wasser im Alpsee ist glasklar. Man kann bis zum Grund sehen. Meine morgendliche Wäsche gestern (Kapitel 116) hat keine bleibende Gewässerverunreinigung hinterlassen.
Aber sogar beim König-Ludwig-II-Gedächtnis-Selbstmord-in-den-See-Springen muss man Schlange stehen. Dieser Harakiri erfreut sich insbesonderen bei japanischen Touristen großer Beliebtheit.
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Umgetrieben von offenen Fragen und der Furcht, diese der detailverliebten Leserschaft nicht beantworten zu können, gehe ich an das am Alpsee gelegene Haus der Bayerischen Könige.
In diesem Museum herrschen Einschränkungen, wie wenn man den König selbst besucht. Sogar die Kamera muss ich wegsperren, bevor ich die Ausstellung betreten darf. Was ich auf den Führungen in den Schlössern noch vollkommen verstand, ärgert mich in einem weit weniger frequentierten Museum. Ich fotografiere nämlich gerne die Tafeln mit den Erklärungen, um sie später in Ruhe zu lesen. Stattdessen muss ich mir jetzt alles aufschreiben, wozu ich bald die Lust verliere.
Und es ist schade, weil man von der Galerie im ersten Stock einen schönen Blick auf den Alpsee und auf Schloss Hohenschwangau hat.
Auch das Gebäude an sich ist interessant, außen alt, innen modern. 2012 erhielt es den Preis des deutschen Stahlbaus.
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Im Hausmuseum der Wittelsbacher wird natürlich stolz darauf hingewiesen, dass es sich dabei um eine der ältesten Dynastien der Welt handelt, die seit dem 11. Jahrhundert in der Politik mitmischt.
Durch eine zielstrebige Heiratspolitik herrschten sie als Könige von Schweden, Norwegen, Dänemark, Griechenland und Ungarn und als Kaiser des Heiligen Römischen Reichs. Wittelsbacherinnen saßen auf dem Thron von Frankreich, Österreich, Schweden, Böhmen, Neapel (nicht Nepal) und Brasilien.
Könige von Bayern wurden sie allerdings erst 1806 dank Napoleon. Die Leute, die Angst vor einem Bundeskanzler aus Bayern haben, müssen sich also erst Sorgen machen, wenn sich Emmanuel Macron ebenso in die deutsche Politik einmischt wie er es im Libanon macht.
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Aber das Museum ist kein Ort der unreflektierten Lobhudelei. Über Ludwig II. heißt es: „Der sachlich unvorbereitete Monarch stieß bald an die Grenzen seiner politischen Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten“.
Der übertriebene Schlösserbau wird im Museum ebenso dargestellt, wie weitere Hirngespinste des Monarchen, z.B. der fliegende Pfauenwagen, der ihn über den Alpsee zu Schloss Hohenschwangau bringen sollte.
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Wer nur wegen des Kitsch-Schlosses hier ist, hat schon lange abgeschaltet, und so kann ich für die verbleibenden Geschichtsfreaks unter den Leserinnen und Lesern noch etwas über die Wittelsbacher im 20. Jahrhundert lernen. Aber vorher fällt mir ein, dass ich nachsehen wollte, was es mit dem angeblichen Nero-Befehl (Kapitel 171) auf sich hat.
„Gibt es hier ein Archiv?“ frage ich einen der königlichen Aufseher.
„Ja, aber das ist geheim.“
„Was?“
„Das Geheime Hausarchiv der Wittelsbacher ist zwar organisatorisch eine Abteilung des Bayerischen Hauptstadtarchivs, aber die Bestände gehören dem Wittelsbacher Ausgleichsfonds oder stehen im Privatbesitz von Mitgliedern des königlichen Hauses.“
Er sagt tatsächlich „königliches Haus“. Vielleicht musste ich beim Eintritt die Kamera abgeben, um den Mittelaltermief nicht zu stören.
„Wenn Sie darin Akten einsehen möchten, benötigen Sie nach der Sondervereinbarung zwischen dem Haus Wittelsbach und dem Freistaat Bayern von 1923 die Zustimmung des Familienobersten des Hauses Wittelsbach.“
„Und wer hat den gewählt?“ bin ich versucht, zu fragen, aber ich gebe verzweifelt auf. Kein Wunder, dass der Tod von König Ludwig II. noch nicht aufgeklärt ist, wenn die Verwandten die Daumen auf den Akten halten. Gibt es eigentlich andere Länder, die so doof waren, ihren früheren Herrschern nach der Revolution Sonderrechte nicht nur über Grundbesitz und Schlösser, sondern sogar über die Geschichtsschreibung einzuräumen?
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So kann ich auch nicht überprüfen, was hier über die NS-Zeit behauptet wird: „Die Mitglieder der Familie Wittelsbach waren aus innerster Überzeugung Gegner der Nationalsozialisten, auch wenn sie in keiner Widerstandsgruppe aktiv waren.“ Das hört sich ein bisschen nach Durchlavieren an. Kronprinz Rupprecht gab auch während des Nationalsozialismus seine Hoffnung auf Wiedereinführung der Monarchie nicht auf.
Das wiederum fanden die Nazis nicht so toll. Sie befürchteten, dass Rupprecht zur Identifikationsfigur des Widerstandes werden würde. Der Verhaftung entzog er sich durch Flucht nach Florenz. Seine Frau Antonia, die Kinder und Erbprinz Albrecht, die er bei der Flucht irgendwie vergessen hatte, kamen in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Dachau und Flossenbürg und in das SS-Sonderlager „Alpenhotel Ammerwald“.
Aber Ihr müsst Euch keine Sorgen um die Prinzen und Prinzessinnen machen. Sie hatten Sonderhäuser in den Konzentrationslagern, wo es ihnen vergleichsweise gut ging. Alle Mitglieder der Familie überlebten, anders als die Ostjuden, deren Ausweisung aus Bayern Kronprinz Rupprecht in den 1920er Jahren angeregt hatte. So ein Anti-Nazi war der Prinz nämlich gar nicht.
Aber das erfahre ich nicht im Museum, sondern muss es mir nachher mühsam anlesen. Ein Beispiel: Rupprecht schrieb 1923 in einer von ihm selbst verbreiteten Denkschrift: „Der Antisemitismus ist gegenwärtig aus begreiflichen und nicht ungerechtfertigten Gründen stärker denn je. Die Minimalforderung ist die Ausweisung der Ostjuden, die unbedingt erfolgen muss, denn diese Elemente haben vergiftend gewirkt.“
Vielleicht kein Zufall, denn 1923 versuchte sich Rupprecht zurück auf den Thron zu putschen, vorgeblich, um den Nationalsozialisten zuvorzukommen. Das klappte nicht, aber 1946 war er schon wieder zur Stelle. Er legte der amerikanischen Besatzungsmacht nahe, dass nur ein König die Garantie gegen das Fortleben des Nationalsozialismus gewähren könne.
Da hing jemand wirklich an der Macht.
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Den bleibendsten Eindruck scheinen die Konzentrationslager auf Prinzessin Irmingard hinterlassen zu haben. Als 19-jährige hatte sie noch versucht, allein über die Alpen in die Schweiz zu fliehen, wurde aber von der Gestapo verhaftet. Ihre Erlebnisse verarbeitete sie als Autorin und in Gemälden.
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Die Nazis hatten nicht nur ein Auge auf die Königsfamilie, sondern auch auf deren Schlösser geworfen.
Neuschwanstein diente während des Zweiten Weltkriegs als Depot für Beutekunst. Es war perfekt dafür geeignet, weil es hunderte von leerstehenden Räumen gab, weil eine Heizung installiert war, und weil es so weit weg von der Front wie nur möglich lag. Außerdem hätten amerikanische Flieger niemals Bomben auf ein Gebäude geworfen, das sie aus den Disney-Filmen als das Schloss von Cinderella erkannten.
Die Nazis raubten bekanntlich Kunst sowohl von ermordeten Juden und anderen Zivilisten, als auch aus den Museen in den besetzen Ländern. Schloss Neuschwanstein war das Hauptdepot des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg, wo hauptsächlich aus Frankreich geraubte Kunst aufbewahrt wurde.
Als sich im Mai 1945 die Westalliierten den Alpen näherten, sollte die SS Neuschwanstein sprengen, um zu verhindern, dass es in ausländische Hände fällt. (Diejenigen, die sich gegen ausländische Besucher aussprechen – siehe Kapitel 119 –, stehen also in einer unseligen Tradition.) In den allerletzten Kriegstagen merkten aber auch die allerletzten SS-Männer, dass sich der Wind gedreht hatte. Und so verweigerte der eingesetzte SS-Gruppenführer die Sprengung, und die schon herannahenden „Monuments Men“ der US-Armee konnten die Schätze in Besitz nehmen, katalogisieren und weitgehend restituieren.
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Was hingegen niemals gefunden wurde, ist der Goldschatz der Deutschen Reichsbank, der am Ende des Zweiten Weltkriegs auf Schloss Neuschwanstein eingelagert wurde, in den letzten Kriegstagen aber an einen unbekannten Ort verbracht wurde.
Deswegen wird noch immer danach gebuddelt (siehe Kapitel 155), wobei mich nicht wundern würde, wenn darauf mindestens so ein derber Fluch liegt wie auf Tutanchamun.
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Als ich aus dem Museum trete, begegne ich wieder dem Herrn aus Fulda, den ich in der Schlange vor dem Ticket-Center kennengelernt habe (Kapitel 123). Überhaupt ist es nicht so touristenüberfüllt, fällt mir auf, denn ich erkenne immer wieder die gleichen Leute an den verschiedenen Schlössern, an den Rastplätzen, im Bus. Wahrscheinlich war 2020 wirklich die beste Möglichkeit für einen relativ entspannten Besuch in Hohenschwangau und Neuschwanstein.
Für die kommenden Jahre empfehle ich stattdessen die lange Wanderung.
Andererseits, wenn wir Glück haben, dauert die Pandemie noch einige Jahre.
Wer Neuschwanstein und Europa aus der Perspektive einer chinesischen Reisegruppe erfahren will, der kann dies mit Christoph Rehage in seinem Buch „Neuschweinstein: Mit zwölf Chinesen durch Europa“ tun.
Der Eintrittspreis ins Haus der Bayerischen Könige kostete wucherhafte 12 €, und mit der Rückfahrt nach Hause für 25 € war das Portemonnaie so leer wie die königliche Schatulle. Ohne etwas Unterstützung für diesen märchenhaften Blog wird es deshalb keine weiteren Reisen mehr geben.
Integrationsgipfel, Integrationsministerium, Integrationsplan und so weiter. „Fehlende Integration“ ist angeblich die Wurzel allen Übels, und Integration das Endziel von allem. Dabei ist oft Assimiliation gemeint, wenn Integration gefordert, verlangt und regelrecht befohlen wird.
Max Czollek hält davon gar nichts, wie schon der Titel seines Buches „Desintegriert euch!“ nahelegt. Stattdessen fordert er eine „Gesellschaft der radikalen Vielfalt“, was ich gar nicht so radikal finde, denn alles andere als Vielfalt wäre ja langweilig. Und wie der Autor in Erinnerung ruft:
Bis auf ein gutes Jahrzehnt Anfang der Dreißiger- bis Mitte der Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts ist Deutschland niemals eine monokulturelle Gesellschaft gewesen.
Wer eine Leitkultur will, will aber nicht nur ein langweiliges Deutschland, er will ausgrenzen. Denn früher oder später kommt der Satz „Wem es nicht passt, der kann ja gehen“, was insbesondere gegenüber Deutschen oder in Deutschland geborenen Menschen ein reichlich absurder Vorschlag ist.
Ein Problem mit dem Integrationsparadigma ist, dass es dabei immer einen erstrebenswerten „Normal“zustand und einen (noch) nicht integrierten „Außenseiter“zustand gibt, ein „wir“ und „ihr“. Das eine ist gut und richtig, das andere falsch und minderwertig.
Um nicht offen zu sagen, dass es im Kern gegen Ausländer und/oder Muslime geht, wird immer wieder die angeblich „christlich-jüdische Kultur“ bemüht, was insbesondere in Deutschland eine ziemliche Dreistigkeit ist.
Und so kommt Czollek auf das, was die Stärke des Buchs ist, nämlich die Entlarvung der „Vergangenheitsbewältigung“ als „Gedächtnistheater“, in dem es um das Begehren der deutschen Gesellschaft nach Gutwerdung geht. Und die Rolle der Juden ist dabei klar definiert: Sie sollen den Deutschen bitte den Erfolg der „Wiedergutmachung“ bestätigen.
Seine eigene Sicht auf die Dinge ist pointiert anders:
Will man für die Jahrzehnte nach 1945 von einer Integrationsleistung sprechen, dann bestand sie in der Integration ehemaliger Nationalsozialist*innen. […] Die frühe Bundesrepublik sorgte sich weitaus intensiver um das Schicksal verurteilter nationalsozialistischer Straftäter*innen als um die Opfer des untergegangenen verbrecherischen Systems.
Tja, Nationalsozialismus war anscheinend nicht unvereinbar mit der deutschen Leitkultur.
Seine kritische Sicht der Weizsäcker-Rede von 1985 hingegen teile ich nicht unbedingt, denn ich bin mir nicht sicher, ob man aus dem Zusammenhang der Rede interpretieren kann, Weizsäcker hätte mit dem Wort „Befreiung“ insinuiert, die Deutschen wären (nur) Opfer gewesen. Schließlich kann man auch unfreiwillig befreit werden. Oder aus einer selbstverschuldeten Lage befreit werden.
Wirklich wild wird es dann bei der Vermutung, dass die DDR gerade dann zusammenbrach, als die Nazigeneration am Abtreten war:
Die Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung hatte den kommunistischen Antifaschismus anscheinend nur so lange gebraucht, wie er sie vom Nationalsozialismus abschirmte […]. 1989 hatte der sozialistische Staat seine Aufgabe schließlich erfüllt.
Wer das Ende der DDR aus der deutschen Geschichte und ohne Blick auf das weltweite Revolutionsjahr 1989 erklären will, der greift wirklich zu kurz. Da spielten Gorbatschow, Tiananmen und Solidarność schon eine größere Rolle als (fehlender) deutscher Antifaschismus.
Und so geht es eigentlich durch das ganze Buch. Viele interessante Punkte, wichtige Einwürfe, aber dann wieder provokante Polemik. Und ich sage das durchaus als Teilzeit-Polemiker. Aber zu viel davon eingesetzt, und es nützt sich ab. Manchmal sticht die feine Feder besser als der Rammbock.
Was vollkommen außen vor bleibt, in diesem Buch sowie in fast jeder Debatte um Integration und/oder Ausgrenzung, ist die Klassenfrage. Dabei wäre das durchaus interessant. So störten Frauen mit Kopftuch anscheinend niemanden, solange sie „nur“ Toiletten putzten oder am Markt Gemüse verkauften. Erst wenn sie Anwältinnen oder Lehrerinnen werden, dann regt sich Protest. Und Ausländer, die sich weigern, Deutsch zu lernen, scheinen auch kein Problem zu sein, wenn sie für dubiose Investmentbanken oder IT-Unternehmen arbeiten.