„Couchsurfing in Russland“ von Stephan Orth

Oje, jetzt ist es passiert: Die Staatsmacht hat sich Wissarion geschnappt, und Gott hat nicht eingegriffen, um seinen zweiten Sohn, den Jesus Sibiriens, den Messias der Taiga zu retten. Wird auch Wissarion am Kreuz enden?

Fragen über Fragen, vor allem: Wer zum Teufel ist überhaupt dieser Wissarion?

Das und vieles mehr über Russland erfährt man in dem Buch „Couchsurfing in Russland“. Der deutsche Journalist und Autor Stephan Orth fährt und fliegt darin kreuz und quer durch Russland. Wie der Name des Buches nahelegt, spart er sich die Kosten fürs Hotel und übernachtet bei Menschen, die eine freie Couch oder ein Gästezimmer haben. (Auch ich nütze diese Methode des Reisens gerne.)

Der Sektenführer Wissarion, der mit bis zu 4000 Anhängerinnen und Anhängern in einer Kommune im sibirischen Sajangebirge lebt, ist dabei einer der schillerndsten Typen. Anscheinend bin ich bisher zu vorsichtig bei der Auswahl meiner Gastgeber gewesen. Denn Couchsurfing hat Vor- und Nachteile. Zum einen lernt man ein Land natürlich schneller, intensiver und anders kennen als wenn man von Hotel zu Hotel reist. Zum anderen ist man Gast in jemandes Wohnung. Orth muss ein betrunkenes Beziehungsdrama miterleben. Ich habe schon Hunderte von schönen Morgenstunden vergeudet, weil die Gastgeber keine Frühaufsteher waren.

Und manchmal muss man sich einen Abend lang krude Theorien anhören. In Russland ist das anscheinend schlimmer als anderswo, und im Sektendorf Tiberkul am allerschlimmsten. Zum Glück für die Leser setzt sich Orth kritisch mit der Jesus-Reinkarnation, mit der Filterblase in der religiösen Kommune, mit der Propaganda von RT und Sputnik auseinander. Der Autor ist ein guter Beobachter und ein guter Zuhörer, aber man merkt, dass er auch den Informationsrahmen hat, um nicht alles glauben zu müssen. (Ein Grund, warum ich nicht viel davon halte, unvorbereitet in ein Land zu fahren. Wenn man nichts weiß, werden einem nämlich oft ziemlich krasse Mythen aufgetischt.)

Auf seiner Reise durch Russland fährt Orth nicht nur in die Großstädte, sondern besucht auch abgelegene Republiken und Dörfer, einschließlich Krim und Nordkaukasus. So wird er zum Russlandversteher im eigentlichen, positiven Sinn des Wortes,.

Ein Buch darüber, wie viel man verpasst, wenn man sich für Sehenswürdigkeiten und Fotos anstatt für Menschen und Gespräche interessiert. – Jetzt müssen wir nur noch warten, bis alle gegen Covid-19 geimpft sind, und dann geht das Reisen wieder los! Apropos Impfstoff, ich glaube, da gibt es auch so eine kuriose Behauptung aus Russland.

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König-Ludwig-Weg – Praktische Tipps

Wenn Euch die vorangegangenen Artikel Lust darauf gemacht haben, den König-Ludwig-Weg oder Teile davon zu wandern, dann gibt es hier – ganz ungewöhnlich für diesen ansonsten eher nutzlosen Blog – ein paar praktische Tipps, alle persönlich für Euch erprobt:

  • Die Gesamtstrecke beträgt etwa 110 km. Das kann man an fünf Tagen gehen, wenn man nicht so viele und lange Pausen und Umwege macht wie ich.
  • Ich empfehle von Norden nach Süden zu gehen, weil Ihr dann immer die Alpen im Blick habt und am Ende die Schlösser als Belohnung warten.
  • Der Weg ist markiert mit einem blauen K mit Krone. Weitestgehend ist die Markierung ganz gut, aber an einigen Stellen hätte ich sie ohne Landkarte verloren. Ich bin auch manchmal absichtlich vom Weg abgewichen, z.B. um zur Erdfunkstelle in Raisting zu gelangen.
  • Der Wanderführer von Christel Blankenstein ist kompakt und hat eigentlich alle Informationen, die man braucht. Nur die Karten sind nicht so detailliert und die Wegbeschreibungen helfen wenig, aber Ihr nehmt ja wahrscheinlich eh ein GPS-Teil mit. Und wenn man weiß, was der nächste Ort ist, findet man immer hin. Notfalls könnt Ihr fragen.
  • Ich denke, man kann den Weg das ganze Jahr über gehen. Nur in der Ammerschlucht wäre ich nach starkem Regen oder Schneefall skeptisch. Da besteht ernsthafte Rutschgefahr. Man kann die Schlucht aber umgehen.
  • Ebenfalls umgehen kann man den Hohen Peißenberg, wenn man sich den mühsamen Aufstieg ersparen möchte.
  • Wer kein Vertrauen in Schiffe hat, kann natürlich auch um die Seen herumgehen, aber ich fand die Bootsfahrten entspannend und interessant. Unter www.seenschiffahrt.de findet Ihr die Fahrpläne für den Starnberger See, für den Ammersee und für einige andere bayerische Seen.
  • Wenn Ihr günstige Übernachtungen sucht, empfehle ich neben Couchsurfing vor allem die Webseiten der jeweiligen Gemeinden. Dort sind Unterkünfte aufgelistet, die sonst nirgendwo im Internet stehen, vor allem nicht bei den üblichen Buchungsportalen wie AirBnB oder Booking. Da gibt es Zimmer ab 20 €. Im oben erwähnten Reiseführer sind etliche aufgeführt, aber diese Informationen und Preise sind auf dem Stand von 2015.
  • Unterstützern dieses Blogs übersende ich auch gerne die genauen Koordinaten für die Walden-Hütte (Kapitel 104).
  • Orte, an denen es sich lohnt, einen Tag Pause einzulegen, sind definitiv Dießen und eventuell Rottenbuch.
  • Ich bin mit dem Zug von München nach Starnberg gefahren. Aber wer will, kann auch direkt in München loslaufen, dann folgt Ihr dem Jakobsweg. Angeblich ist das schon ein ziemlich schöner Weg, immer an der Isar entlang. Außerdem kommt Ihr so durch das hochgeheime Pullach.
  • Eintrittskarten für die Königsschlösser kann man vorbestellen unter shop.ticket-center-hohenschwangau.de. Wer spontan nach Tickets fragen will, muss zum Ticket-Center in Hohenschwangau, nicht direkt zu den Schlössern.
  • Zur historischen Einführung empfehle ich das Büchlein „Ludwig II. von Bayern“ aus der Reihe C.H.Beck Wissen. Das ist kompakt, gut erklärt und bietet auch eine gute Einführung in die bayerische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert.

Und wenn es sonst noch Fragen oder auch eigene Berichte und Anmerkungen gibt, dann hinterlasst mir diese doch in den Kommentaren!

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„Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute“ von Daniela Dahn

Dass ich 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung ein Buch aus ostdeutscher Perspektive lese und (als Westdeutscher) viel Neues – interessanterweise auch über Westdeutschland – erfahre, zeigt, wie wichtig solche Bücher noch immer sind.

Daniela Dahn legt gleich zu Beginn den Ton fest:

Die Einheit war eine feindliche Übernahme auf Wunsch der Übernommenen. Für die Sieger war das schönste an der friedlichen Revolution, dass sie nichts revolutionierte.

Okay, subtil wird es hier also nicht. Das stört mich nicht. Was allerdings ein bisschen stört ist, dass die Autorin für ihr Buch „Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute: Die Einheit – eine Abrechnung“ die Methode des Gedankenstroms wählt, von dem sie selbst zugesteht, dass dieser gelegentlich in Stromschnellen, Strudel oder Seitenarme gerät.

Was man schon bei Swetlana Alexijewitsch lesen konnte, und was sich Viele im Westen bis heute nicht vostellen können, bestätigt Dahn: Der Wunsch nach Demokratie ging nicht unbedingt mit dem Wunsch nach Kapitalismus einher. Sogar Lothar de Maizière, der Vorsitzende der Ost-CDU, hatte sich nach dem Mauerfall für einen – natürlich reformierten – Sozialismus ausgesprochen. Ein schöner Satz diesbezüglich: „Die Zweitrangigkeit von Geld war unser Kapital.“ Es erleichterte den gesellschaftlichen Zusammenhalt und sparte Zeit und Lebensenergie, die man anderweitig, z.B. in Abenteuerreisen, investieren konnte.

Sehr instruktiv fand ich die Ausführungen zur unterschiedlichen Geschichtspolitik in Ost und West sowie ab 1990. Man kann die ostdeutsche Wut schon verstehen, wenn man liest, wie mit Ost-Professoren umgegangen wurde, nur um sie dann durch West-Professoren mit SS-Vergangenheit zu ersetzen. Warum musste der DDR-Rundfunk unbedingt durch einen ehemaligen Wehrmachtsoffizier abgewickelt werden? Und warum mussten alle antifaschistischen Straßennamen getilgt werden, während Bundeswehrkasernen nach Nazi-Generälen benannt blieben? Warum kürzte das vereinigte Deutschland den Kämpfern gegen den Faschismus die in der DDR ausbezahlte Sonderrente, zahlte (und zahlt) aber Renten an ausländische ehemalige SS-Kämpfer?

Auch mit dem Mythos, in der DDR habe es keine Aufarbeitung des Holocaust gegeben, räumt Dahn auf, nicht zuletzt unter Verweis auf Tausende von Büchern und Filmen, schon lange bevor 1979 die Serie „Holocaust“ westdeutsche Fernsehzuschauer wachrüttelte. Nach der Wiedervereinigung wurde der staatlich verordnete Antifaschismus gestrichen. Stattdessen wurden die Ostdeutschen der Hitler-Obsession von Guido Knopp, Stern und Spiegel ausgesetzt, schreibt Dahn provokant, aber ich glaube, da ist etwas Wahres dran.

Zum Teil repräsentiert Dahn die Fakten aber tendenziös oder missversteht absichtlich etwas. Naturgemäß fällt mir dies am ehesten auf, wenn es um juristische Aspekte geht:

So war § 1300 BGB (Entschädigung für Geschlechtsverkehr nach Auflösung des Verlöbnisses) tatsächlich antiquiert. Nur verschweigt die Autorin, dass er genau deshalb seit den 1970er Jahren nicht mehr angewendet und 1998 gestrichen wurde.

Die Behauptung, die deutsche Einheit wäre fast an der Debatte um den § 218 StGB (Schwangerschaftsabbruch) gescheitert, erscheint mir auch überzogen. Dieser galt in den fünf neuen Ländern anfangs gar nicht. Nach dem Einigungsvertrag galt das DDR-Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft weiter. Das verschweigt die Autorin.

Mit der Aussage, Westdeutschland sei „der einzige Staat, der das Völkerstrafrecht gegen den Nazismus nie anerkannt hat“, kann ich gar nichts anfangen. Und dass die Alliierten in Westdeutschland die Diskussion um die Wirtschaftsordnung quasi verboten haben, stimmt auch nicht. Dazu muss man nur in Art. 15 des Grundgesetzes schauen. Das Grundgesetz war und ist einer sozialistischen Wirtschaftsordnung gegenüber ausdrücklich offen, was leider wenig bekannt ist.

Ein aufmerksames Lektorat hätte vieles ausbügeln können, aber dafür ist im Kapitalismus anscheinend kein Geld mehr da.

Dabei kritisiert Dahn durchaus zu Recht den westdeutschen Umgang mit dem Nationalsozialismus, die immer verspätete, halbherzige, zögerliche und oft nicht aufrichtige Aufarbeitung. Sie gesteht auch zu, dass sich beide deutschen Staaten nicht mit Ruhm bekleckert haben. Die DDR verspürte keine Verpflichtung gegenüber den nach Israel oder in den Westen ausgewanderten Juden. Und die BRD verweigerte Zahlungen an die Opfer in Osteuropa.

Nach zwei sehr interessanten ersten Teilen folgt im dritten Teil leider viel außenpolitische Schwurbelei mit Sympathien für 9/11-Verschwörungstheoretiker, für russische Propagandasender und für Slobodan Milošević. Der Gedankenstrom gerät teilweise in dubioses Fahrwasser (wie sich auch Daniela Dahn in dubiose Gesellschaft begibt). Den letzten Teil könnt Ihr aber auch getrost ignorieren, denn ich glaube irgendwie nicht, dass der Krieg im Jemen für das Verhältnis von Ost- und Westdeutschen besonders wichtig ist.

Trotz vereinzelter Kritik empfand ich dieses Buch insgesamt als Gewinn.

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Auf den Spuren des Königs (Tag 9) Schloss Neuschwanstein

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Neuschwanstein liegt hoch über dem Tal, auf einem Felsen, der sich eigentlich gar nicht zur Bebauung eignet. Das hätte die Baubehörde niemals genehmigen dürfen. Was da an Schmiergeld geflossen sein mag? Zu Fuß braucht man deshalb vom Tal zum Schloss mindestens 30 Minuten.

Man könnte natürlich die Pferdekutsche nehmen, wobei in der Pferdekutsche heimlich der Elektromotor summt.

„Mama, ich habe Seitenstiche“, beklagt sich ein kleines Mädchen.

„Macht nichts“, antwortet die Mama herzlos. Sie will zum Schloss, das Kind nervt jetzt nur.

Ein Restaurant am Wegesrand bietet Quarkbällchen als „something like a sweet donut“ an.

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An den Aussichtspunkten machen die Paare Paarfotos, die sie nach der Trennung wegwerfen können. Nur manche sind gewieft genug, Fotos von sich selbst zu verlangen. Da ist die Beziehung schon auf dem absteigenden Ast. Am kompliziertesten sind die lateinamerikanischen Frauen, die ganz genaue Vorstellungen und Instruktionen für ihre Männer haben, die sie anscheinend nur zu diesem Zweck mitgenommen haben. Kitsch-Schlösser ziehen Möchtegern-Prinzessinnen magisch an.

Am glücklichsten sieht der alte Mann aus, der keine Kamera, kein Telefon, gar nichts zückt. Er genießt einfach die Blicke auf Schloss Hohenschwangau, den Alpsee und die Alpen. Und er grinst von einem Ohr zum anderen, wie wenn er sich einen lebenslangen Traum erfüllt hat.

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Hinter und über dem Schloss spannt sich die Marienbrücke über die Pöllatschlucht.

Für diesen akrophobischen Blick muss man aber selbst in diesem Coronavirus-Sommer anstehen.

Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie das in normalen Jahren aussieht, wenn 1,5 Millionen Touristen kommen. Und ich kann auch nicht ganz verstehen, wieso sich das jemand antut, nur um danach auf einer wackeligen Konstruktion zu stehen, wo man doch einfach auf den Wanderwegen durch die Berge schlendern kann und so das Schloss aus jedem Blickwinkel betrachten kann.

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Das Schloss sieht irgendwie falsch aus, wie aus Gips. Die Kanten noch scharf, die Wände ohne Dellen oder Flecken, niemals beschossen und wie niemals bewohnt. Schön geplant, aber seelenlos, wie so ein überkandidelter, überschnörkelter und übererkerter Neubau in Beverly Hills.

Oder wie der Prospekt eines chinesischen Reiseanbieters schreibt:

Unter blauem Himmel und weißen Wolken, von Dunst umhüllt, werfen milchfarbene Mauern güldenes Licht zurück, und graue Spitzen recken sich ins Firmament – dies ist Neuschwanstein, das Vorbild für Disneyland!

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Die Führungen finden im 5-Minuten-Takt statt. Auf einer Leuchttafel werden die Gruppennummern angezeigt. Zudem werden sie aufgerufen wie am Bahnhof.

Während ich im Innenhof und in der Hitze auf die 13:30-Uhr-Tour warte, kann ich noch ein paar Fotos machen, aber im Schloss ist es wieder verboten. Vielleicht, weil es ziemlich unaufgeräumt aussieht. Kabeltrommeln und Staubsauger stehen herum. Teile des Mobiliars sind mit Plastikplanen abgedeckt. Gerüste stehen in den Fluren. Ich fühle mich wie bei einer Baustellenbesichtigung.

Und eigentlich passt das ja, denn Neuschwanstein ist nur zu einem kleinen Teil ausgebaut. Von den geplanten mehr als 200 Räumen sind 15 fertiggestellt und möbliert worden. Der Rest steckt in einem Zwischenstadium wie die Rohbauten, die man im Kosovo sieht und bei denen man nicht weiß, ob das Geld ausging oder die Eigentümer erschossen wurden. Genauso wie bei König Ludwig II.

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Wenn Ihr angesichts der obigen Fotos gedacht habt, dass das Schloss ein bisschen übertrieben aussieht mit all seinen Türmchen und Erkerchen, dann lasst Euch gesagt sein, dass dies die abgespeckte Version ist.

Ursprünglich war es noch größer und bombastischer geplant:

Und wozu das alles?

Das Besondere an Schloss Neuschwanstein ist, dass es ohne jegliche politische, staatsmännische oder repräsentative Zielsetzung gebaut wurde, sondern als ganz privater Rückzugsort beabsichtigt war. So behauptete es zumindest Ludwig II., wobei ich mich frage was dann der Thronsaal sollte. Oder habt Ihr so etwas bei Euch zuhause?

Ganz wichtig war auch der allerneueste technische Schnickschnack, also Telefon, eine Heißluft-Zentralheizung, eine elektrische Rufanlage für Diener, eine Seilbahn und ein Landeplatz für das Flugtaxi.

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Die Räume, die in Neuschwanstein fertig wurden, wirken auf mich viel düsterer und dunkler als die in Schloss Hohenschwangau.

Der Thronsaal ist, ganz bescheiden, der Hagia Sophia nachempfunden.

Obwohl Bayern schon parlamentarisiert war und eigentlich das Kabinett und nicht der König regierte, sah sich Ludwig II. als König von Gottes Gnaden. Die Wände werden gesäumt von Bildern heiliggesprochener Könige. Der Leuchter hat die Form einer byzantinischen Kaiserkrone. Den Boden ziert das aufwendigste Mosaik Deutschlands, mit 1,5 Millionen Einzelteilen.

Einen „Rückzugsort aus der Realität“ nennt die Führerin den Raum, und man fragt sich, ob der König jemals überhaupt in der Realität weilte. Andere Könige mischen sich angeblich verkleidet und unerkannt unters Volk, um herauszufinden, was die Umfragen des ZDF-Politbarometers verschweigen. Ludwig II. wäre beim Gedanken daran wohl vor Angst gestorben.

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Im Thronsaal hängt ein Gemälde, das Sankt Georg beim Drachenschlachten zeigt. Im Hintergrund sieht man eine Burg, die man natürlich als Neuschwanstein identifiziert.

Und schon wieder liegt man falsch.

Das ist nicht Neuschwanstein, sondern Falkenstein, ein weiteres von Ludwig II. geplante Schloss. Warum man noch mehr Schlösser braucht, obwohl man schon eines hat, und warum man schon neue Schlösser plant, solange die bisherigen nicht fertig sind, das ergibt keinen Sinn. Vielleicht war der König tatsächlich verrückt. Andererseits hat sich gerade dieser Immobilienwahn bis heute gehalten. Dabei ist Privateigentum an Grund und Boden, den niemand geschaffen hat, ein vollkommen absurdes Konzept. Wer an diesen Schabernack glaubt, sollte wirklich entmündigt wurden.

Auf dem Falkenstein steht jetzt nur eine Ruine, die allerdings immer wieder von Schatzssuchern heimgesucht wird. Zum einen gibt es die Legende, dass Ludwig II. vor seiner Entführung (siehe Kapitel 170) dort einen Schatz vergraben hat. Zum anderen hat angeblich die SS von Oktober 1944 bis März 1945 den Zugang zum Berg abgesperrt und einen Nazischatz von München auf Deutschlands höchstgelegene Burgruine (auf 1267 m) gebracht.

Nazi-Schätze gab es natürlich auch auf Schloss Neuschwanstein, aber dazu mehr in Kapitel 181.

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Ach, das Schloss auf dem Falkenstein sollte nach den Wünschen von Ludwig II. übrigens so aussehen:

Als der Architekt wagte, darauf hinzuweisen, dass auf den kleinen Felsen kein monströses Schloss passt, wurde er gefeuert.

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Überhaupt muss ich irgendwann auf die ganzen anderen Schlösser und Schlösserpläne von Ludwig II. kommen. Nicht nur, um gegen die ungerechtfertigte Dominanz von Neuschwanstein anzukämpfen, sondern weil der Bauwahn für das Ende des Königs entscheidend war (siehe Kapitel 135-138).

Weil die Leserschaft auf die Fortsetzung des Rundgangs im hiesigen Schloss drängt, deshalb nur im Schnelldurchlauf ein kurzer Überblick über die neben Neuschwanstein keinesfalls verblassen sollenden Hinterlassenschaften des bayerischen Königs:

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Auf dem Schachen ließ Ludwig II. ein bescheidenes Königshaus bauen. Von außen sieht es aus wie eine etwas größere Holzhütte, in die sich der König insbesondere zu seinen Geburtstagen gerne zurückzog – eine Marotte, die ich während dieser Geburtstagswanderung gut nachvollziehen kann und zur Nachahmung empfehle.

Innen sieht es in der Königshütte dann aber doch anders aus als in meiner Walden-Hütte von vorvorgestern (Kapitel 104). Der Türkische Saal wurde nach dem Vorbild von Schloss Eyüp bei Istanbul gestaltet.

Bauen ohne Kitsch war des Königs Stärke nicht.

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Schloss Linderhof war für Ludwigs Verhältnisse richtig klein, fast putzig, schaffte es dafür aber auch zur Fertigstellung. Es ist das einzige Schloss, in dem Ludwig II. tatsächlich längere Zeit wohnte.

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Schloss Herrenchiemsee auf einer Insel im Chiemsee hingegen sollte das bayerische Versailles werden. Nur größer, natürlich. Bei diesem Schloss sticht es weniger ins Auge, aber es wurde ebenfalls nicht fertig.

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Und dann gab es noch die Bauprojekte, die mit dem König zusammen beerdigt wurden und womöglich der Grund für seinen frühen Tod waren:

Schloss Falkenstein habe ich schon in den Kapiteln 155 und 156 angesprochen.

Darüber hinaus verfolgte Ludwig II. Pläne für einen byzantinischen Palast, der sich wunderbar in die alpine Umgebung einfügen würde,

und ein chinesisches Schloss, das dem Pekinger Winterpalast nachempfunden war.

Nicht auszudenken, wie viele Chinesen dann erst kämen!

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Apropos chinesische, japanische, amerikanische und andere Touristen: Ich zähle die Alternativschlösser auch deshalb auf, um die von weit anreisenden Besucher darauf hinzuweisen, dass Ihr nicht unbedingt nach Neuschwanstein fahren müsst. Immer wieder erhalte ich Fragen, wie man von Hamburg oder Rostock an einem Tag nach Neuschwanstein und zurück kommt. Lasst das, es wäre der pure Stress! Deutschland ist voll von Burgen und Schlössern, alle 20 km steht eins. Mietet Euch einfach ein Auto, fahrt gemütlich eine Landstraße entlang, und Ihr werdet links und rechts genügend Burgen sehen.

Bei den anderen Burgen müsst Ihr auch nicht um Tickets anstehen. Oft ist der Eintritt sogar frei.

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Die Verwegenen unter den Verzweifelten, die keine Eintrittskarten mehr bekommen haben, springen mit Fallschirmen ab, um so ins Schloss zu gelangen oder, falls ihnen dieses Kunststück nicht gelingt, zumindest die Aussicht zu genießen.

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Aber jetzt wollt Ihr mehr über Neuschwanstein erfahren, also weiter im Rundgang, den man wahrscheinlich mehr zu schätzen weiß, wenn man sich in Wagners Opern auskennt, was beim Autor dieser Zeilen aufgrund seines guten Musikgeschmacks nicht der Fall ist.

Das Schlafzimmer ist gestaltet wie eine gotische Kathedrale. An den Wänden und am Kachelofen wird die tragische Liebesgeschichte von Tristan und Isolde ausgewalzt, die sich Ludwig II. dergestalt zu Herzen genommen hat, dass er niemals geheiratet hat. (Ein oft übersehener Faktor, der zugunsten der geistigen Klarheit des Königs spricht.)

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Das Thema des Wohnzimmers ist die Lohengrin-Saga. Überall flattern, schwimmen und drohen Schwäne. Schwäne auf der Tapete. Schwäne auf der Suppenterrine. Schwäne auf dem Teppich. Schwäne auf den Gemälden. Türklinken in Schwanenform.

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Man verlässt das Wohnzimmer durch eine künstlich angelegte Tropfsteinhöhle, angeblich eine Hommage an die Tannhäuser-Oper.

Von Tannhäuser zur Wartburg ist es nur ein kleiner logischer Sprung, und da der König ein Mann der eher kurzen Gedankensprünge war, ist der größte Saal im Schloss, der Sängersaal, eine Kopie der Wartburg.

Umrahmt von Bildnissen des Parzival wollte der König hier Privatvorstellungen seiner Lieblingsfilme genießen. Ludwig II. wird oft als Förderer von Kultur und Kunst dargestellt, aber in Wirklichkeit ging es ihm um sein Privatvergnügen. Das Volk hatte nichts davon, wenn Hunderte von Schauspielern für einen Mann sangen und tanzten und operten. Auch das Nationaltheater in München blockierte Ludwig II. mehr als 200 Mal für Separatvorstellungen.

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Und das war’s. Eine recht kurze Führung, wesentlich kürzer als dieser Artikel. Aus Shanghai würde ich dafür nicht herfliegen. Vor allem jetzt, wo es meinen Blog auch auf Chinesisch gibt.

Als ich mir das Schloss nochmal von außen ansehe, fällt mir ein, wie man Neuschwanstein beschreiben könnte: „Das Ganze lebt überhaupt nicht: es ist zusammengesetzt, gerechnet, künstlich, ein Artefakt.“ So hatte Nietzsche über Wagner geurteilt.

Und dafür mussten beim Bau 39 Menschen sterben.

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Eine Besucherin, die sich auch mehr Informationen wünscht, fragt, wer den ganzen Firlefanz finanziert hat.

„Das hat Ludwig II. alles persönlich bezahlt“, sagt die Führerin.

„Naja“, wage ich einzuwerfen, und sie wird ein bisschen konkreter.

„Er hat es aus seiner Apanage bezahlt“, also aus Steuergeldern, „und er benötigte natürlich Kredite, die die Wittelsbacher nach seinem Tod alle zurückgezahlt haben.“

Die Zahlungen von Bismarck (Kapitel 87 und 137) erwähnt sie nicht.

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Die Zeitgenossen nahmen die Finanzen nicht so auf die leichte Schulter. Ganz im Gegentum, der Bauwahn brach dem König das Genick, im wörtlichen Sinn.

In der letzten Episode (Kapitel 137 und 138) fasste ich zusammen, wie die bayerische Regierung plante, Ludwig II. loszuwerden und zu welch schäbigen Tricks sie dabei griff. Wir waren am 7. Juni 1886, als der Ministerrat ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag gab, das der Psychiater Gudden praktischerweise am 8. Juni 1886 fertig hatte.

Wir steigen am 9. Juni 1886 wieder in die Geschichte ein. Eine Regierungskommission begibt sich nach Schloss Neuschwanstein, um dem König mitzuteilen, dass seine Dienste fürderhin nicht mehr benötigt würden. Sie dringt jedoch nicht zu Ludwig II. vor. Anscheinend weiß das königstreue Lager, was gespielt wird, und das königliche Personal, örtliche Gendarmen und die Feuerwehr verwehren der Regierungskommission den Zutritt zum König und sperren die Vertreter der Regierung, darunter den Außenminister, sogar für einige Stunden ein.

Ludwig II. berät sich mit seinen Leuten, die ihm empfehlen, entweder nach München zu reisen und direkt zum Volk zu sprechen, oder ins Ausland zu fliehen. Der König bleibt trotzig: „Hier ist mein Schloss, und hier sind meine Spielsachen. Hier bleibe ich.“ Man kennt das ja, so Leute, die sich lieber im Unglück suhlen, als sich helfen zu lassen.

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Am Abend des 11. Juni 1886 reist eine zweite Regierungskommission nach Neuschwanstein, diesmal mit einem verschärften Auftrag, weshalb sie auch als „Fangkommission“ bezeichnet wird. Diese besteht nicht mehr aus Beamten und Ministern, sondern aus Ärzten und Pflegern, für ihre Brutalität und Erbarmungslosigkeit berüchtigte Berufsgruppen. Chef dieser Einsatzgruppe ist der uns schon bekannte Bernhard von Gudden.

Wir wissen nicht genau, was auf Schloss Neuschwanstein vorging und wieviel Gewalt notwendig war, aber in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1886 entführt dieses Sonderkommando Ludwig II. nach Schloss Berg am Starnberger See, das Ihr noch aus den Kapiteln 2, 3 und 10 erinnert.

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„Ist ja okay, dass Ihr mich entmachten wollt. Aber wieso darf ich nicht auf Schloss Neuschwanstein wohnen bleiben und Wagner-Opern gucken?“ fragte Ludwig II. und fragt sich die Leserschaft.

Der Gründe sind mindestens zweierlei:

Zum einen war der König sehr besitzergreifend bezüglich Schloss Neuschwanstein. Nicht nur sollte niemand anders es jemals betreten oder gar bewohnen. Es ging auch das Gerücht um, Ludwig II. hätte verfügt, Schloss Neuschwanstein sei nach seinem Tod zu sprengen. Da deutsche Führer gerne etwas durchdrehen, wenn sich die Karriere dem Ende neigt, war solch eine Überreaktion nicht auszuschließen.

Zum anderen fand die bayerische Regierung Neuschwanstein zwar ästhetisch und finanziell grauenvoll, hatte aber schon neue Pläne für den Prunkbau.

Bis dahin waren Burgen Zweckbauten gewesen, die der Verteidigung, dem Wohnen, dem Regieren, zumindest aber dem Repräsentieren dienten. In einer alten Burg konnte man notfalls ein Amtsgericht oder ein Gymnasium unterbringen. Neuschwanstein war jedoch für keinen dieser Zwecke geeignet, weil die Grenze nach Österreich schon durch die Alpen verteidigt wurde – außerdem: wer hat schon Angst vor Österreich? -, und weil in der Nähe des Schlosses niemand wohnte. Außerdem war ein Gericht oder eine andere Behörde, die für ein paar Monate wegen tiefen Schnees nicht erreichbar war, unpraktisch.

Was sollte man also mit Neuschwanstein anfangen? Als Filmkulisse vermieten, war die naheliegende und gute Idee, bis ein langweiliger Beamter einwarf, dass der Film 1886 noch nicht erfunden war.

Wie schon beim Sängersaal (Kapitel 166) diente auch bei der Nachnutzungsfrage die Wartburg als Inspiration. Diese war, obwohl nur teilweise für Besucher zugänglich, ein beliebtes Ausflugs- und Reiseziel geworden. Ein paar Jahre vorher hatte in jener Burg ein Gasthof eröffnet. Fremdenzimmer beherbergten Besucher aus ganz Europa, die ab 6 Uhr morgens durch die Burg geführt wurden.

Es war die Geburtsstunde des Burgentourismus.

Was uns jetzt vollkommen normal erscheint, kam damals einer Revolution gleich. Menschen aus dem gewöhnlichen Volk, ja sogar Ausländer, konnten durch fürstliche und königliche Gemächer wandeln. Und die Fürsten- und Königshäuser waren von den Eintrittsgeldern abhängig. Sie mussten Schlüsselanhänger und Schnitzel verkaufen, um ihren Lebenssstil zu wahren. Der Tourismus war der Vorläufer der Revolution, kann man sagen.

Und die bayerische Regierung erkannte diese Chance.

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Die bayerische Regierung erkannte auch, dass ein Schloss mit Mythos sich noch besser vermarkten ließe als ein reines Schloss. Und spätestens damit war das Todesurteil gefällt.

Am Abend des 13. Juni 1886, also nur einen Tag nach seiner Entführung, geht Ludwig II. angeblich am Ufer des Starnberger Sees spazieren. Angeblich in Begleitung von Dr. Gudden.

Wieso jemand friedlich mit dem Psychiater spazieren gehen sollte, der ihm den Thron, seine Macht und sein Schloss entrissen hat, das erschließt sich mir nicht. Aber uns bleibt nicht viel Zeit, über dieser Frage zu sinnieren, denn schon fällt ein Schuss.

Ihr erinnert Euch an die Stelle am Starnberger See, wo Ludwig II. angeblich ertrunken ist (Kapitel 4). Schon verdächtig, dass man gerade dort freies Sicht- und Schussfeld hat, nicht war?

Wenn sich jemand selbst ertränken wollte, wieso täte er das gerade an so einer weit einsehbaren Stelle? Außerdem ist der See an der Stelle wirklich flach. Man kann im Wasser stehen. Und es war Juni, das Wasser war also auch nicht zu kalt.

Nein, wahrscheinlich war Ludwig II. nicht sofort tot, sondern schleppte sich noch zum See und wollte – man handelt in solchen Situationen ja nicht immer ganz rational – fortschwimmen. Aber bald gingen ihm die Kräfte aus.

Und Dr. Gudden? Hatte er den König wissentlich zu dieser Stelle geführt? Oder war er selbst geschockt und verstand plötzlich, dass auch er eine Marionette war? Um dies zu überlegen bleibt ihm und uns keine Zeit, denn da fällt ein zweiter Schuss. Der Psychiater ist tot.

Sechs Wochen später wird Schloss Neuschwanstein für Besucher geöffnet.

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Das Tragische an der Geschichte ist, dass die Schlösser, für die der König hingerichtet wurde, mittlerweile eine lukrative Einnahmequelle für den Freistaat Bayern sind. Auf lange Sicht haben sie sich rentiert. Aber dafür musste ihr Erbauer erst sterben. Nur 15 Jahre nach seinem Tod waren die Schulden alle abbezahlt.

Heute sind die Steine des Anstoßes das bekannteste Bild Bayerns, ja sogar Deutschlands, in der Welt. Niemand will das Hohenzollern-Schloss sehen, und nach Bismarck ist nur ein Fisch benannt. Ludwig II. würde darüber süffisant lächeln.

Wenn Wagner so talentiert wie Shakespeare gewesen wäre, hätte er ein Königsdrama daraus gemacht.

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Nach dem pompösen Schloss und der dramatischen Geschichte steht mir der Sinn nach Natur. Das Wasser im Alpsee ist glasklar. Man kann bis zum Grund sehen. Meine morgendliche Wäsche gestern (Kapitel 116) hat keine bleibende Gewässerverunreinigung hinterlassen.

Aber sogar beim König-Ludwig-II-Gedächtnis-Selbstmord-in-den-See-Springen muss man Schlange stehen. Dieser Harakiri erfreut sich insbesonderen bei japanischen Touristen großer Beliebtheit.

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Umgetrieben von offenen Fragen und der Furcht, diese der detailverliebten Leserschaft nicht beantworten zu können, gehe ich an das am Alpsee gelegene Haus der Bayerischen Könige.

In diesem Museum herrschen Einschränkungen, wie wenn man den König selbst besucht. Sogar die Kamera muss ich wegsperren, bevor ich die Ausstellung betreten darf. Was ich auf den Führungen in den Schlössern noch vollkommen verstand, ärgert mich in einem weit weniger frequentierten Museum. Ich fotografiere nämlich gerne die Tafeln mit den Erklärungen, um sie später in Ruhe zu lesen. Stattdessen muss ich mir jetzt alles aufschreiben, wozu ich bald die Lust verliere.

Und es ist schade, weil man von der Galerie im ersten Stock einen schönen Blick auf den Alpsee und auf Schloss Hohenschwangau hat.

Auch das Gebäude an sich ist interessant, außen alt, innen modern. 2012 erhielt es den Preis des deutschen Stahlbaus.

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Im Hausmuseum der Wittelsbacher wird natürlich stolz darauf hingewiesen, dass es sich dabei um eine der ältesten Dynastien der Welt handelt, die seit dem 11. Jahrhundert in der Politik mitmischt.

Durch eine zielstrebige Heiratspolitik herrschten sie als Könige von Schweden, Norwegen, Dänemark, Griechenland und Ungarn und als Kaiser des Heiligen Römischen Reichs. Wittelsbacherinnen saßen auf dem Thron von Frankreich, Österreich, Schweden, Böhmen, Neapel (nicht Nepal) und Brasilien.

Könige von Bayern wurden sie allerdings erst 1806 dank Napoleon. Die Leute, die Angst vor einem Bundeskanzler aus Bayern haben, müssen sich also erst Sorgen machen, wenn sich Emmanuel Macron ebenso in die deutsche Politik einmischt wie er es im Libanon macht.

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Aber das Museum ist kein Ort der unreflektierten Lobhudelei. Über Ludwig II. heißt es: „Der sachlich unvorbereitete Monarch stieß bald an die Grenzen seiner politischen Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten“.

Der übertriebene Schlösserbau wird im Museum ebenso dargestellt, wie weitere Hirngespinste des Monarchen, z.B. der fliegende Pfauenwagen, der ihn über den Alpsee zu Schloss Hohenschwangau bringen sollte.

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Wer nur wegen des Kitsch-Schlosses hier ist, hat schon lange abgeschaltet, und so kann ich für die verbleibenden Geschichtsfreaks unter den Leserinnen und Lesern noch etwas über die Wittelsbacher im 20. Jahrhundert lernen. Aber vorher fällt mir ein, dass ich nachsehen wollte, was es mit dem angeblichen Nero-Befehl (Kapitel 171) auf sich hat.

„Gibt es hier ein Archiv?“ frage ich einen der königlichen Aufseher.

„Ja, aber das ist geheim.“

„Was?“

„Das Geheime Hausarchiv der Wittelsbacher ist zwar organisatorisch eine Abteilung des Bayerischen Hauptstadtarchivs, aber die Bestände gehören dem Wittelsbacher Ausgleichsfonds oder stehen im Privatbesitz von Mitgliedern des königlichen Hauses.“

Er sagt tatsächlich „königliches Haus“. Vielleicht musste ich beim Eintritt die Kamera abgeben, um den Mittelaltermief nicht zu stören.

„Wenn Sie darin Akten einsehen möchten, benötigen Sie nach der Sondervereinbarung zwischen dem Haus Wittelsbach und dem Freistaat Bayern von 1923 die Zustimmung des Familienobersten des Hauses Wittelsbach.“

„Und wer hat den gewählt?“ bin ich versucht, zu fragen, aber ich gebe verzweifelt auf. Kein Wunder, dass der Tod von König Ludwig II. noch nicht aufgeklärt ist, wenn die Verwandten die Daumen auf den Akten halten. Gibt es eigentlich andere Länder, die so doof waren, ihren früheren Herrschern nach der Revolution Sonderrechte nicht nur über Grundbesitz und Schlösser, sondern sogar über die Geschichtsschreibung einzuräumen?

179

So kann ich auch nicht überprüfen, was hier über die NS-Zeit behauptet wird: „Die Mitglieder der Familie Wittelsbach waren aus innerster Überzeugung Gegner der Nationalsozialisten, auch wenn sie in keiner Widerstandsgruppe aktiv waren.“ Das hört sich ein bisschen nach Durchlavieren an. Kronprinz Rupprecht gab auch während des Nationalsozialismus seine Hoffnung auf Wiedereinführung der Monarchie nicht auf.

Das wiederum fanden die Nazis nicht so toll. Sie befürchteten, dass Rupprecht zur Identifikationsfigur des Widerstandes werden würde. Der Verhaftung entzog er sich durch Flucht nach Florenz. Seine Frau Antonia, die Kinder und Erbprinz Albrecht, die er bei der Flucht irgendwie vergessen hatte, kamen in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Dachau und Flossenbürg und in das SS-Sonderlager „Alpenhotel Ammerwald“.

Aber Ihr müsst Euch keine Sorgen um die Prinzen und Prinzessinnen machen. Sie hatten Sonderhäuser in den Konzentrationslagern, wo es ihnen vergleichsweise gut ging. Alle Mitglieder der Familie überlebten, anders als die Ostjuden, deren Ausweisung aus Bayern Kronprinz Rupprecht in den 1920er Jahren angeregt hatte. So ein Anti-Nazi war der Prinz nämlich gar nicht.

Aber das erfahre ich nicht im Museum, sondern muss es mir nachher mühsam anlesen. Ein Beispiel: Rupprecht schrieb 1923 in einer von ihm selbst verbreiteten Denkschrift: „Der Antisemitismus ist gegenwärtig aus begreiflichen und nicht ungerechtfertigten Gründen stärker denn je. Die Minimalforderung ist die Ausweisung der Ostjuden, die unbedingt erfolgen muss, denn diese Elemente haben vergiftend gewirkt.“

Vielleicht kein Zufall, denn 1923 versuchte sich Rupprecht zurück auf den Thron zu putschen, vorgeblich, um den Nationalsozialisten zuvorzukommen. Das klappte nicht, aber 1946 war er schon wieder zur Stelle. Er legte der amerikanischen Besatzungsmacht nahe, dass nur ein König die Garantie gegen das Fortleben des Nationalsozialismus gewähren könne.

Da hing jemand wirklich an der Macht.

180

Den bleibendsten Eindruck scheinen die Konzentrationslager auf Prinzessin Irmingard hinterlassen zu haben. Als 19-jährige hatte sie noch versucht, allein über die Alpen in die Schweiz zu fliehen, wurde aber von der Gestapo verhaftet. Ihre Erlebnisse verarbeitete sie als Autorin und in Gemälden.

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Die Nazis hatten nicht nur ein Auge auf die Königsfamilie, sondern auch auf deren Schlösser geworfen.

Neuschwanstein diente während des Zweiten Weltkriegs als Depot für Beutekunst. Es war perfekt dafür geeignet, weil es hunderte von leerstehenden Räumen gab, weil eine Heizung installiert war, und weil es so weit weg von der Front wie nur möglich lag. Außerdem hätten amerikanische Flieger niemals Bomben auf ein Gebäude geworfen, das sie aus den Disney-Filmen als das Schloss von Cinderella erkannten.

Die Nazis raubten bekanntlich Kunst sowohl von ermordeten Juden und anderen Zivilisten, als auch aus den Museen in den besetzen Ländern. Schloss Neuschwanstein war das Hauptdepot des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg, wo hauptsächlich aus Frankreich geraubte Kunst aufbewahrt wurde.

Als sich im Mai 1945 die Westalliierten den Alpen näherten, sollte die SS Neuschwanstein sprengen, um zu verhindern, dass es in ausländische Hände fällt. (Diejenigen, die sich gegen ausländische Besucher aussprechen – siehe Kapitel 119 –, stehen also in einer unseligen Tradition.) In den allerletzten Kriegstagen merkten aber auch die allerletzten SS-Männer, dass sich der Wind gedreht hatte. Und so verweigerte der eingesetzte SS-Gruppenführer die Sprengung, und die schon herannahenden „Monuments Men“ der US-Armee konnten die Schätze in Besitz nehmen, katalogisieren und weitgehend restituieren.

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Was hingegen niemals gefunden wurde, ist der Goldschatz der Deutschen Reichsbank, der am Ende des Zweiten Weltkriegs auf Schloss Neuschwanstein eingelagert wurde, in den letzten Kriegstagen aber an einen unbekannten Ort verbracht wurde.

Deswegen wird noch immer danach gebuddelt (siehe Kapitel 155), wobei mich nicht wundern würde, wenn darauf mindestens so ein derber Fluch liegt wie auf Tutanchamun.

183

Als ich aus dem Museum trete, begegne ich wieder dem Herrn aus Fulda, den ich in der Schlange vor dem Ticket-Center kennengelernt habe (Kapitel 123). Überhaupt ist es nicht so touristenüberfüllt, fällt mir auf, denn ich erkenne immer wieder die gleichen Leute an den verschiedenen Schlössern, an den Rastplätzen, im Bus. Wahrscheinlich war 2020 wirklich die beste Möglichkeit für einen relativ entspannten Besuch in Hohenschwangau und Neuschwanstein.

Für die kommenden Jahre empfehle ich stattdessen die lange Wanderung.

Andererseits, wenn wir Glück haben, dauert die Pandemie noch einige Jahre.

E N D E

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„Desintegriert euch!“ von Max Czollek

Integrationsgipfel, Integrationsministerium, Integrationsplan und so weiter. „Fehlende Integration“ ist angeblich die Wurzel allen Übels, und Integration das Endziel von allem. Dabei ist oft Assimiliation gemeint, wenn Integration gefordert, verlangt und regelrecht befohlen wird.

Max Czollek hält davon gar nichts, wie schon der Titel seines Buches „Desintegriert euch!“ nahelegt. Stattdessen fordert er eine „Gesellschaft der radikalen Vielfalt“, was ich gar nicht so radikal finde, denn alles andere als Vielfalt wäre ja langweilig. Und wie der Autor in Erinnerung ruft:

Bis auf ein gutes Jahrzehnt Anfang der Dreißiger- bis Mitte der Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts ist Deutschland niemals eine monokulturelle Gesellschaft gewesen.

Wer eine Leitkultur will, will aber nicht nur ein langweiliges Deutschland, er will ausgrenzen. Denn früher oder später kommt der Satz „Wem es nicht passt, der kann ja gehen“, was insbesondere gegenüber Deutschen oder in Deutschland geborenen Menschen ein reichlich absurder Vorschlag ist.

Ein Problem mit dem Integrationsparadigma ist, dass es dabei immer einen erstrebenswerten „Normal“zustand und einen (noch) nicht integrierten „Außenseiter“zustand gibt, ein „wir“ und „ihr“. Das eine ist gut und richtig, das andere falsch und minderwertig.

Um nicht offen zu sagen, dass es im Kern gegen Ausländer und/oder Muslime geht, wird immer wieder die angeblich „christlich-jüdische Kultur“ bemüht, was insbesondere in Deutschland eine ziemliche Dreistigkeit ist.

Und so kommt Czollek auf das, was die Stärke des Buchs ist, nämlich die Entlarvung der „Vergangenheitsbewältigung“ als „Gedächtnistheater“, in dem es um das Begehren der deutschen Gesellschaft nach Gutwerdung geht. Und die Rolle der Juden ist dabei klar definiert: Sie sollen den Deutschen bitte den Erfolg der „Wiedergutmachung“ bestätigen.

Seine eigene Sicht auf die Dinge ist pointiert anders:

Will man für die Jahrzehnte nach 1945 von einer Integrationsleistung sprechen, dann bestand sie in der Integration ehemaliger Nationalsozialist*innen. […] Die frühe Bundesrepublik sorgte sich weitaus intensiver um das Schicksal verurteilter nationalsozialistischer Straftäter*innen als um die Opfer des untergegangenen verbrecherischen Systems.

Tja, Nationalsozialismus war anscheinend nicht unvereinbar mit der deutschen Leitkultur.

Seine kritische Sicht der Weizsäcker-Rede von 1985 hingegen teile ich nicht unbedingt, denn ich bin mir nicht sicher, ob man aus dem Zusammenhang der Rede interpretieren kann, Weizsäcker hätte mit dem Wort „Befreiung“ insinuiert, die Deutschen wären (nur) Opfer gewesen. Schließlich kann man auch unfreiwillig befreit werden. Oder aus einer selbstverschuldeten Lage befreit werden.

Wirklich wild wird es dann bei der Vermutung, dass die DDR gerade dann zusammenbrach, als die Nazigeneration am Abtreten war:

Die Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung hatte den kommunistischen Antifaschismus anscheinend nur so lange gebraucht, wie er sie vom Nationalsozialismus abschirmte […]. 1989 hatte der sozialistische Staat seine Aufgabe schließlich erfüllt.

Wer das Ende der DDR aus der deutschen Geschichte und ohne Blick auf das weltweite Revolutionsjahr 1989 erklären will, der greift wirklich zu kurz. Da spielten Gorbatschow, Tiananmen und Solidarność schon eine größere Rolle als (fehlender) deutscher Antifaschismus.

Und so geht es eigentlich durch das ganze Buch. Viele interessante Punkte, wichtige Einwürfe, aber dann wieder provokante Polemik. Und ich sage das durchaus als Teilzeit-Polemiker. Aber zu viel davon eingesetzt, und es nützt sich ab. Manchmal sticht die feine Feder besser als der Rammbock.

Was vollkommen außen vor bleibt, in diesem Buch sowie in fast jeder Debatte um Integration und/oder Ausgrenzung, ist die Klassenfrage. Dabei wäre das durchaus interessant. So störten Frauen mit Kopftuch anscheinend niemanden, solange sie „nur“ Toiletten putzten oder am Markt Gemüse verkauften. Erst wenn sie Anwältinnen oder Lehrerinnen werden, dann regt sich Protest. Und Ausländer, die sich weigern, Deutsch zu lernen, scheinen auch kein Problem zu sein, wenn sie für dubiose Investmentbanken oder IT-Unternehmen arbeiten.

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Ist das nicht ironisch? (16) BND-Cookies

Der Bundesnachrichtendienst schöpft den gesamten Internetverkehr in Deutschland ab und leitet ihn an die NSA weiter, spioniert deutsche Diplomaten aus, hört deutsche Journalisten ab, schützt amerikanische Geheimdienste, wenn diese deutsche und europäische Regierungen ausspionieren, und setzt sich über so gut wie alle Gesetze und Urteile zum Datenschutz hinweg.

Aber wenn man auf die Internet-Seite des Geheimdienstes gelangt, wird man scheinheilig auf das Platzieren von Cookies hingewiesen und gefragt, ob man dies „erlauben“ möchte.

Verdammt noch mal, ich möchte vor allem nicht, dass Ihr mein Telefon abhört und meine E-Mails lest! Scheiß auf die Cookies, das ist doch Kinderkram im Vergleich zu dem, was Ihr sonst so treibt. (Und ich will gar nicht wieder davon anfangen, dass Ihr uns den Irak-Krieg 2003 eingebrockt habt.)

Diese ganzen Datenschutzbestimmungen sind in der Praxis ziemlich dämlich (einzige Ausnahme), aber dass der BND so tut, wie wenn ihm etwas an Datenschutz läge, das ist schon frech.

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Auf den Spuren des Königs (Tag 8) Schloss Hohenschwangau

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123

Der Bus Nr. 78 zeigt das Fahrtziel nur auf Englisch an: „Hohenschwangau Castles“. Das muss diese Überfremdung sein, vor der viele in Deutschland Angst haben.

Neben mir sitzen allerdings keine internationalen Touristen, sondern schlaftrunkene Schüler.

Am Pulverturm steigt ein Mädchen ein: „Ich habe meine Busfahrkarte vergessen.“

Der Fahrer knöpft ihr kein Geld ab, macht ihr keinen Vorwurf, sondern druckt zwei Karten aus: „Da hascht no eine zum Heimfahrn.“ Die Leute hier sprechen gemütlich, einen Dialekt, den ich eher mit Baden-Württemberg als mit Bayern assoziiere.

„King – Castle – wonderful“, ruft der Busfahrer die Haltestelle in Hohenschwangau aus. Ich glaube, er vermisst die Touristen.

Um 7:30 bin ich losgefahren, damit ich rechtzeitig vor 8 Uhr vor dem Ticket-Center eintreffe. Etwa 15 Leute stehen vor mir in der Schlange, das könnte klappen. Vor mir ist ein Mann aus Fulda, der sofort nach Bayern gefahren ist, als die FAZ schrieb „Neuschwanstein ist wieder offen“. Auch er muss anmerken: „Dieses Jahr sind keine Chinesen und Japaner hier.“ Dabei wären Australier und Neuseeländer noch umweltschädlicher.

Sehr nervig, vor allem so früh am Morgen, ist die Frau etwas hinter mir in der Schlange, die am Telefon ganz laut und wichtig ihre anscheinend Untergebenen wegen Terminplänen, Raumbelegungsplänen, Excel-Tabellen und sonstigem Unwichtigem anschreit. Ihre beiden Töchter haben kein Telefon, wahrscheinlich ist die Mutter abschreckendes Beispiel genug.

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Als ich an der Reihe bin, blicke ich zurück. Jetzt stehen schon mindestens 150 Leute hinter mir. Der Aufruf des Bundesgesundheitsministers, dieses Jahr lieber in Deutschland zu verreisen, zeigt Wirkung. Wer lange schläft oder auf einem Frühstück besteht, verliert.

Alles ist streng getaktet und effizient, etwa so wie am U-Bahn-Schalter in Tokio. Vielleicht kommen die Japaner deshalb so gerne? Wenn ich mich beeile, könnte ich auf Schloss Hohenschwangau sogar die erste Führung des Tages genießen, offeriert die Ticketverkäuferin.

Ich will mich aber nicht beeilen.

Na gut, dann 9:40 Uhr?

Okay.

„Und um 11 Uhr Neuschwanstein? Das können Sie schaffen, wenn Sie zügig gehen.“

Neuschwanstein liegt auf einem Berg, es sind etwa 40 Minuten zu Fuß, und ich habe überhaupt gar keine Lust, mich zu beeilen.

„Also 11:30 Uhr?“

Ich muss mir die Langsamkeit, den Genuss und die Pausen regelrecht erstreiten, bis ich ein Ticket für 13:30 Uhr bekomme. Man hat hier anscheinend hauptsächlich mit Besuchern zu tun, die am Nachmittag noch nach München oder Hallstatt müssen.

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Der Blick auf die Rechnung führt zu zweierlei Entsetzen, einmal finanziell, einmal historisch.

30 € kosten die zwei Schlösser, was ich mir ohne die großzügigen Spenden der Leserinnen und Leser gar nicht hätte leisten können. Wenn Euch die kommende Führung durch die prächtigen Königsschlösser gefallen wird, bedankt Euch also bei den edlen Spendern.

Und zweitens, die Rechnung wurde nicht vom Freistaat Bayern, sondern vom Wittelsbacher Ausgleichsfonds ausgestellt. Das hört sich so schön antiquiert und fair an, aber in Wirklichkeit bedeutet es, dass der Freistaat Bayern bzw. die Gemeinde Schwangau die Arbeit haben, aber das Geld der Familie der einstigen Könige zufließt.

Diese komische Konstruktion ist eine Folge der milde verlaufenen bayerischen Revolution von 1918. Während anderswo die Könige und Kaiser exiliert, füsiliert und guillotiniert wurden, setzte man sich in Bayern bei einem Bier zusammen und schacherte aus, was dem Freistaat und was der Familie Wittelsbach gehören sollte.

Wie im friedfertigen Bayern so üblich, mündeten die Verhandlungen 1923 in einen Kompromiss, nach dem ein Teil der Schlösser und Liegenschaften Staatsbesitz wurde, der andere Teil den Wittelsbachern verblieb. Diese recht offensichtlich willkürliche, wahrscheinlich beim Kartenspiel gefundene Lösung war nicht kompliziert genug, um die mehrjährigen Verhandlungen zu rechtfertigen. Also gründete man noch ein paar Stiftungen, die sich um die Kunstschätze kümmerten und diese wiederum an Museen ausliehen. Man berief Verwaltungsräte und Staatskommissare. Und man erfand Wörter wie Domanialfideikommisspragmatik und Pinakoglyptohypothek, damit sich niemals jemand nachzufragen trauen würde.

Für den heutigen Tag genügt es, zu wissen, dass Schloss Neuschwanstein im Staatsbesitz ist, aber das Museum der bayerischen Könige und Schloss Hohenschwangau im Eigentum der Wittelsbacher stehen. Deswegen gibt es bei letzteren keinen Studentenrabatt. Die Könige brauchen jeden Euro.

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Ein kleiner Umweg führt mich zum Schloss Frauenstein.

Oh, es ist schon kaputt. Nur mehr ein Gedenkstein steht im Wald.

Gut, dass ich nicht auf den Betrug mit den Online-Tickets für anscheinend nicht mehr existente Schlösser reingefallen bin.

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Aber als ich mich umdrehe, sehe ich sie doch: Zwei Schlösser, brutal in die Landschaft gepflanzt.

Ich finde es immer sehr provinziell, wenn das Kind (oberes Schloss) in unmittelbarer Nachbarschaft der Eltern (unteres Schloss) baut. „Naja, hier hatte ich halt den Baugrund“, sagt der verzogene Sohn dann und bringt die Wäsche noch immer zur Mama zum Bügeln. Wer schon in jungen Jahren nicht weg will, wen es nie nach Timbuktu treibt, nach London lockt oder nach Ceylon zieht, der hat doch einen Knacks.

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Erst später wollte er weg, als er von Bayern die Nase voll hatte. Oder besser gesagt von Deutschland. Die Gründung des Deutschen Reichs 1871 hat König Ludwig II. als bayerische und als persönliche Niederlage empfunden. Er war nicht mehr der oberste, unumschränkte Herrscher, sondern eingehegt und relativ irrelevant in diesem neuen Reich, das zu allem Überfluss auch noch von den verabscheuten (und tatsächlich verabscheuungswürdigen) Hohenzollern regiert wurde.

Aber König Ludwig II. wollte nicht einfach ins Exil gehen und schreiben wie Ovid, die Gebrüder Mann oder Anna Seghers. Nein, er war richtig eingeschnappt und wollte sich trotzig ein anderes Land suchen, wo er Alleinherrscher mit unbeschränkter Macht werden konnte.

Dazu sandte er Kolumbusse aus und setzte eine Kommission ein. Von königlichen Beamten wurden zu diesem Zweck die Kanarischen Inseln, Zypern und Kreta bereist und erkundet. Dass es unbedingt Inseln sein mussten, sagt schon einiges aus.

Die königliche Kommission unter Admiral Kanaris erwählte die Kanarischen Inseln zum geeignetsten Ort, kalkulierte die Kosten für den Erwerb der Inseln, plante die Verhandlungen mit Spanien und England und setzte schon mal eine Verfassung für das „Kanarische Inselreich“ auf.

Und dann verlief alles im Sandstrand.

Ein Glück für die Kanaren, die dem Schicksal einer Königskolonie gerade noch mal entkommen konnten und seither ein entspanntes Leben führen.

Andererseits haben die Kanaren dafür jetzt die Bourbonen an der Backe. Bei diesen ganzen Dynastien weiß man gar nicht, welche schlimmer sind. Obwohl, doch: Das sind immer noch die Hohenzollern.

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Dieser Kanaren-Plan, der übrigens in vielen Berichten, Ausstellungen und Filmen über Ludwig II. verschwiegen wird, erscheint aus jetziger Sicht natürlich hanebüchen.

Aber es gab genug Beispiele, dass deutsche Adelige auswanderten, um anderswo König zu werden. Der Onkel von Ludwig II., Otto, wurde 1832 erster König von Griechenland. Das griechische Parlament tagt heute in dem einst für den Bayern erbauten Palast, und das Blau-Weiß in der griechischen Flagge sind die bayerischen Farben.

Allerdings endete dieser Auslandseinsatz nicht gut. 1862, also nach immerhin 30 Jahren Regentschaft, gab es einen Aufstand bzw. einen Militärputsch, und König Otto musste ins Exil gehen. Er zog zurück nach Bayern, wo er verfügte, dass jeder Ort ein griechisches Restaurant haben solle, weil er Souvlaki und Gyros vermisste.

Die Griechen wählten einen Prinzen aus Dänemark als Nachfolger, ein Fehler, den niemand begangen hätte, der Shakespeares „Hamlet“ gelesen hat. Aber die Griechen bildeten sich schon immer viel auf ihre eigenen Dramen und Tragödien ein und ließen alle ausländische Literatur links liegen.

Ich glaube jedoch, ich schweife ab wie Hamlet, und Ihr wollt endlich ins Schloss.

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Ludwig II. wird immer mit Schloss Neuschwanstein in Verbindung gebracht, dabei hat er dort nur 172 Tage verbracht. Wenn man seinem Denken und Fühlen näher kommen will, muss man aber ins Schloss Hohenschwangau gehen und dort Schloss und Landschaftskulisse auf sich wirken lassen, die den späteren König in seiner Kindheit geprägt haben.

Das Auf-sich-wirken-Lassen könnte schwierig werden, denn die nervige Telefonfrau aus der Warteschlange ist ebenso in der Führung um 9:40 Uhr, und sie ist auch ohne Telefon nervig. Jetzt will sie ständig Fotos von ihren Töchtern machen und ist ganz außer sich, dass man im Schloss nicht fotografieren darf. Mir ist das ganz recht, denn so kann ich mich aufs Beobachten und Schreiben konzentrieren.

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An der Stelle des Schlosses stand schon lange eine Raubritterburg, die immer wieder belagert und zerstört wurde, zuletzt von Napoleon, der sich anscheinend nicht einmal von der entspannenden Bergseekulisse beruhigen hat lassen. (Komisch, dass sich jeder über Japaner und Chinesen, aber niemand über Franzosen echauffiert.) Danach wurde die Burg 30 Jahre vergessen, bis Kronprinz Maximilian auf einer Wanderung die Ruine entdeckte, was, wie ich als erfahrener Wanderer bestätigen kann, durchaus mal passiert. Der spätere König Maximilian II., der Vater von Ludwig, kaufte die Burg und ließ sie als königliches Ferienhäuschen herrichten, was, wie ich Euch als erfahrener Wanderer sagen kann, sehr selten passiert.

Zu dieser grundbuchrechtlichen Überreaktion besteht aber auch kein Anlass, denn die Aussicht und das Rauschen der Blätter kann man, wie diese Wanderung unter Beweis gestellt hat, ohne Eigentum und Besitz genießen. In Bayern hat der ungetrübte Genuss der Naturschönheiten sogar Verfassungsrang, postuliert im poetischen Artikel 141 Absatz 3 der Landesverfassung:

Der Genuss der Naturschönheiten und die Erholung in der freien Natur, insbesondere das Betreten von Wald und Bergweide, das Befahren der Gewässer und die Aneignung wildwachsender Waldfrüchte in ortsüblichem Umfang ist jedermann gestattet. Dabei ist jedermann verpflichtet, mit Natur und Landschaft pfleglich umzugehen. Staat und Gemeinde sind berechtigt und verpflichtet, der Allgemeinheit die Zugänge zu Bergen, Seen, Flüssen und sonstigen landschaftlichen Schönheiten freizuhalten und allenfalls durch Einschränkungen des Eigentumsrechtes freizumachen sowie Wanderwege und Erholungsparks anzulegen.

Ein Grundrecht auf Wandern und am-See-Sitzen, das ist doch toll.

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Hohenschwangau ist ganz im Geist der historisierenden Spätromantik gehalten. Aus Angst, dass die Kinder keine Bilderbücher lesen, haben die Königseltern die Wände aller Räume mit Bildgeschichten aus der mittelalterlichen Sagenwelt und der Familiengeschichte verziert.

Der Speisesaal ist der Schwanenrittersaal. Der Komponist Richard Wagner, dessen größter Fan und Förderer Ludwig II. war, weilte öfter auf Schloss Hohenschwangau. Wagner bekam ein Piano und das Gästezimmer mit dem schönsten Ausblick über den Alpsee. Leider sah der Komponist nicht aus dem Fenster, sondern auf die kitschigen Gemälde. Deswegen haben wir vom ihm jetzt diesen Heldenscheiß anstatt die Landschaft vertonende Musik wie von Smetana oder Čiurlionis.

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Weil Ludwig II. Geld und schlechten Geschmack hatte, kam Richard Wagner immer wieder gerne vorbei. Durch die Beschäftigung mit Ludwig II. zieht sich die Frage, ob er ein guter oder ein schlechter König war, ob er verrückt oder nur speziell war. Das kann man, so hoffe ich in dieser Artikelserie darzustellen, hin und her diskutieren. Aber eine Sache ist unstrittig: Der schwarze Fleck in der Vita des Königs ist die Förderung des dubiosen Komponisten. Ohne Ludwig II. wäre Wagner pleite gewesen und uns wären stundenlange schwülstige Gesänge erspart worden. Oder er hätte, wofür er schon im Gefängnis gesessen hatte, weiter Hip-Hop gemacht.

Aber sogar an dieser dunkelsten Stelle des Monarchen muss ich auf die Ambivalenz hinweisen, die Ludwig II. jeder eindeutigen Bewertung entzieht. Als Wagner 1881 für die Erstaufführung des „Parsifal“ in Bayreuth das Hoforchester des Königs anfragte, aber davon ausdrücklich den Dirigenten Hermann Levi ausnahm, weil dieser jüdisch war, reagierte der König ehrenhaft und konsequent. Er schrieb Wagner, dass er das Orchester bekäme, aber nur mit dem Dirigenten. Er dulde „keinen Unterschied zwischen Christen und Juden“, denn: „Nichts ist widerlicher, unerquicklicher als solche Streitigkeiten. Die Menschen sind ja im Grunde genommen doch alle Brüder, trotz der konfessionellen Unterschiede.“ Das muss den Antisemiten Wagner heftig gewurmt haben.

Leider setzten sich im weiteren Verlauf der deutschen Geschichte die Wagners durch. Die Moral von der Geschichte: Kein Geld für Antisemiten! Ludwig II. hätte sich das – und vielleicht die Entmündigung und den Tod – erspart, wenn er gewusst hätte, dass man ab nur 2 Talern im Monat meinen Blog unterstützen kann und dafür lehrreiche Artikel frei Haus erhält, garantiert ohne Fanfaren- und Posaunenklänge im Ohr.

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Ein anderer Raum im Schloss ist den Schyren gewidmet, den angeblichen Vorfahren der Wittelsbacher und zeigt Kreuzritter und Normannen und Schlachten.

Die Bilder sind sehr romantisierend. Selbst bei den heftigsten Schlachtengemälden sieht man kein Blut, keine offenen Wunden. Eben so, dass man vor dem Bild speisen kann. Bei Otto, dem Bruder von Ludwig II., führte dies zu einem bösen Erwachen, als er tatsächlich am Deutsch-Französischen Krieg teilnahm und traumatisiert wurde. Die Welt ist eben doch kein Wandgemälde.

Ludwig II. entmündigte seinen jüngeren Bruder übrigens 1878, weshalb jener nach dem Tod Ludwigs II. nur titular König von Bayern wurde, die Amtsgeschäfte aber von Prinzregent Luitpold übernommen wurden. In den letzten Tagen seines Lebens mag Ludwig II. die Entmündigung seines Bruders bereut haben, denn wer in der eigenen Familie wild herumentmündigt, der ist später in einer schwierigen Argumentationslage, wenn er sich gegen die eigene Entmündigung wehren will. Tja, anstatt mit Wagners Walküre hätte sich der junge König besser mit Kants Kategorischem Imperativ beschäftigt.

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Ach ja, die Geschichte von der Entmündigung König Ludwigs II. muss ich endlich mal erzählen:

Wenn man in so einem Schloss aufwächst und nicht mit normalen Kindern in die Schule geht, dann wird man ein bisschen komisch. (Ein weiterer Grund gegen Privatschulen.) Bei Ludwig II. kam hinzu, dass er zwischen einem absolutistischen Herrschaftsverständnis, das mit der relativ modernen bayerischen Verfassung (siehe Kapitel 86) nicht in Einklang zu bringen war, hin- und zwischen gesellschaftspolitisch eher modernen Ansichten, die in überlieferten Aussagen gipfelten, dass er eigentlich Republikaner sei und eine Monarchie, worin ihm auf jeden Fall zuzustimmen ist, eine ziemlich dämliche Idee sei, hergerissen war, was zu ähnlicher Verwirrung führte wie bei den sich in einem meiner Schachtelsätze verheddert habenden Leserinnen und Lesern, die bitte gnädig berücksichtigen wollen, dass der Autor schon weit verschachteltere linguistische Labyrinthe hervor- und unters Publikum gebracht hat.

Wie reagiert man auf solch einen Zwiespalt?

Ganz einfach: Man schaltet das Handy aus und zieht sich zurück.

Ludwig II. wurde immer menschenscheuer und zeigte sich bald kaum mehr in München. Gut, niemand mag München, aber beim König war das problematisch, weil München die Hauptstadt seines Königreichs war und weil dort Regierung und Parlament arbeiteten.

Hohenschwangau und Neuschwanstein sind mehr als 100 km weit weg, was die Zusammenarbeit mit den Ministerien und Behörden schwierig machte.

„Auch ich habe ein Recht auf Home Office“, verteidigte sich der König, der zeitlebens große Angst vor Typhus, Pest, Gelbfieber und HIV hatte. Die Minister mussten also ständig mit der Kutsche in die Berge fahren, nur um ein Dokument unterzeichnen zu lassen. (Ohne Unterschrift des Königs konnte ein Gesetz nicht Gesetz werden.)

Ab 1870 empfing Ludwig II. nicht einmal mehr seine Minister, sondern erledigte alles postalisch. Er war also praktisch nur mehr ein virtueller König, den niemand mehr zu Gesicht kam.

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Der ganze Papierkram nervte Ludwig II., was jeder verstehen kann, bei dem sich Briefe von der Bußgeldstelle und vom Finanzamt stapeln, und er rettete sich mehr und mehr in seine Hobbys: Schlösser bauen und Opern anhören.

Dass ersteres sehr teuer ist, erschließt sich von selbst. Aber der König machte auch den Musikgenuss zu einer teuren Angelegenheit. Anstatt einer Schallplatte bestellte er das gesamte Theaterensemble zu sich nach Hause oder in eines der Opernhäuser, das dann für die Öffentlichkeit gesperrt wurde. Und der König saß ganz allein im Zuhörersaal, weil er keine Freunde hatte. Das ist übrigens sehr frustrierend für die Künstler, denn Künstler – wie Blogger – wollen Publikum.

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„Follow the money“, sagen Kriminalisten, wenn sie einem Fall auf den Grund gehen wollen, und so ist es auch hier.

In Kapitel 87 hatte ich schon erwähnt, dass das bayerische Königshaus eigentlich pleite war und dass Preußen mit jährlichen Zahlungen von mindestens 300.000 Mark einsprang.

Aber jetzt wird es pikant: Diese Zahlungen waren geheim. Es war Schwarzgeld. Illegal. Korruption.

Denn Preußen zahlte nicht an das Königreich Bayern, sondern richtete einen Geheimfonds („Welfenfonds“) ein, aus dem insgesamt 5 Millionen Mark über Schweizer Banken – über wen auch sonst? – auf Privatkonten Ludwigs II. flossen.

Wir erinnern uns, dass Preußen damit vom bayerischen König die Zustimmung zur Gründung des Deutschen Reichs erkauft hatte. Mit anderen Worten: Der bayerische König hatte, wegen seines Schlösserbauwahns, die Unabhängigkeit Bayerns verkauft, ja geradezu verscherbelt und verramscht. Die Schlösser, die jetzt in aller Welt als Symbole Bayerns gelten, haben Bayern den Strick um den Hals gelegt.

Das ist ein Paradebeispiel für Hochverrat. Und darauf steht die Todesstrafe.

König Ludwig II. lebte also unter ständigen Gewissensbissen und in der Furcht, dass Preußen entweder die Zahlungen einstellen würde oder dass die finanziellen Verwicklungen publik würden.

Im April 1886 war es soweit. Bismarck, der deutsche Kanzler, hatte erkannt, dass die finanziellen Forderungen Ludwigs II. ein Fass ohne Boden waren. Vielleicht brauchte er ihn nach der erfolgten und konsolidierten Reichsgründung auch einfach nicht mehr. Und so informierte Bismarck die bayerische Regierung.

138

Der bayerische Ministerrat war sich schnell einig: Der König muss weg.

Aber nicht so wie in Frankreich, mit Guillotine und Blut in den Straßen. Nein, ganz unauffällig und hinterrücks.

Am 7. Juni 1886 erteilte der Ministerrat dem Psychiater Bernhard von Gudden den Auftrag, ein Gutachten über den Geisteszustand des Königs zu erteilen. Gudden, der bereits Otto von Bayern für geisteskrank erklärt hatte (Kapitel 134), nahm den Auftrag an.

Am nächsten Tag war das Gutachten fertig.

So schnell und effizient geht es natürlich nur, wenn man den Betroffenen entgegen aller medizinischer und juristischer Regeln nicht persönlich anhört, eine Praxis, die in Bayern noch immer angewendet wird, wenn dubiose Millionengeschäfte vertuscht werden müssen.

Bevor der Ministerrat am 10. Juni 1886 den Beschluss zur Amtsenthebung des Königs veröffentlichte, ließ er sich von Prinz Luitpold die Zusicherung geben, dass die Regierung unverändert im Amt bleiben würde. Prinz Luitpold stimmte zu, dafür wurde er Regent, also faktischer König. Alternativen, wie die freiwillige Abdankung Ludwigs II., hatten die Minister zwar erörtert, aber ausgeschlossen.

Eigentlich war das ein Putsch.

Wer würde dem König die Nachricht überbringen? Wie würde der König reagieren? Warum musste der König sterben? Und, noch viel mysteriöser: Warum musste der Psychiater Gudden sterben?

All das klären wir später. Jetzt setzen wir erst einmal unseren Rundgang in Schloss Hohenschwangau fort.

139

Im Schlafzimmer hängen Bilder einer Orientreise.

Im Festsaal wird die Wilkina-Saga gefeiert. Weil sich die Könige ihrer eigenen Bildung nicht ganz sicher waren, sind alle Gemälde beschriftet. So lerne ich, dass der fliegende Drache aus der Unendlichen Geschichte Sintram heißt.

In den Wänden verlaufen 50 cm breite Gänge für das Personal, die von hinten die Kachelöfen beheizen. Warum die Wittelsbacher das nicht selbst machen können, ist unklar, aber man kennt so etwas immer noch von versnobten Leuten, die zum Beispiel selbst keine Pizza holen können und stattdessen schlecht bezahlte Boten bei Regen durch die Stadt jagen.

140

Oben habe ich geschrieben, dass man Schloss Hohenschwangau kennen muss, um die Kindheit Ludwigs II. zu verstehen, aber eigentlich greift das zu kurz. Auch als König wohnte er noch 20 Jahre in diesem Schloss.

Notgedrungen. Denn Neuschwanstein war ein Megaprojekt, das nicht von einem Tag auf den anderen fertig war. (Tja, wenn damals schon die Chinesen gekommen wären, die hätten das in einer Woche hochgezogen. Und dazu noch die Revolution niedergeschlagen.) In einem Erker von Hohenschwangau steht ein Teleskop, mit dem Ludwig II. die Baufortschritte am Traumschloss verfolgte. Er musste 17 Jahre lang warten. Da kann man leicht verrückt werden, wenn man keine anderen Hobbys hat.

141

Wegen des Coronavirus ist die Gruppengröße bei den Führungen auf 10 Leute beschränkt, was ganz angenehm ist. „Sonst haben wir 45 Leute in der Gruppe“, sagt die Führerin, und ich kann mir das Gedränge kaum vorstellen. „Das hat zur Konsequenz, dass Sie das Schloss nicht mehr so sehen, wie es 1913 der Öffentlichkeit als Museum übergeben wurde. Wir haben den verfügbaren Platz vergrößern müssen und deshalb beispielsweise die Bücherregale von den Wänden entfernt.“

Na super, gerade das Interessanteste wurde in den Keller verbannt. Stattdessen stehen Repliken von irgendwelchen Brunnen und eine Menge Tafelsilber herum.

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Apropos Führung:

Ich habe in Kapitel 125 erwähnt, dass dieses Schloss im Privateigentum der Wittelsbacher steht. Ich hatte deshalb befürchtet, dass es eine monarchieverklärende Führung gibt und man am Ausgang zum Eintritt in den Geheimbund der Guglmänner aufgefordert wird. (Das Kapitel über die Guglmänner habe ich nach anonymen Drohungen wieder entfernt. Aber Ihr könnt ja selber gugln.)

Dem ist überhaupt nicht so. Ganz im Gegentum.

Die junge Frau weist darauf hin, dass Ludwig II. als König gar nicht so beliebt war. „Er musste zwei Kriege führen, trat dem Deutschen Reich bei, vergeudete Geld und zeigte sich dem Volk praktisch nie.“

Prinzregent Luitpold hingegen, der Nachfolger, war viel beliebter: „Er herrschte über die längste Friedensperiode und war sehr leutselig, fast normal. Man konnte ihm in München begegnen, wenn er in der Lederhose seinen Hund spazieren führte.“

Das mit dem Spazierengehen in München lag den bayerischen Königen, außer Ludwig II., anscheinend. Eine Episode zeigt, wie banal historische Ereignisse manchmal daher kommen: Die Nachricht von seinem Sturz erfuhr König Ludwig III. am 7. November 1918 während eines Nachmittagsspaziergangs im Park. Zwei Passanten, die besser informiert waren als der Herrscher, waren nett genug, ihn zu warnen: „Majestät, gehen’s besser heim. Es ist gerade Revolution.“ Der König spazierte zurück zur Residenz, wo Dienerschaft und Wachpersonal schon geflohen waren. Er packte seine Frau, seine Kinder und ein paar Sachen ins Auto und fuhr ins Exil nach Österreich. In der Eile hatte er vergessen, Unterwäsche einzupacken, die ihm der Revolutionsführer und neue Ministerpräsident Kurt Eisner ein paar Tage später nachschickte.

So einfach kann Revolution sein, wenn alle kooperieren. Man muss da nicht zehn Jahre Drama machen wie in Frankreich.

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Für die Führung sind nur 30 Minuten veranschlagt. Der Zeitplan ist knapp getaktet, weil uns die nächste Gruppe schon auf den Fersen ist. Aber dankenswerterweise bietet die Führerin an, dass man ihr danach im Garten noch Fragen stellen kann. „Wenn Ludwig II. zu Lebzeiten nicht gerade populär war,“ frage ich, „wann und warum begann denn die Verklärung und die Nostalgie, die bis jetzt andauert?“

„Eigentlich erst im Nachkriegsdeutschland“, so die verblüffende Antwort. „Das war die Zeit, zu der auch die Sisi-Filme erschienen.“

Da geht mir ein Licht auf: „Das ist ja fast so, wie wenn man krampfhaft in die Kiste der tieferen Vergangenheit griff, um die jüngere Vergangenheit zu übertünchen.“

„Klar“, sagt sie, und ich finde es schade, dass solche Aspekte nicht bei den Führungen angesprochen werden.

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Weil ich mir ausreichend zeitlichen Puffer zwischen den Schlössern gegönnt habe, kann ich noch ein wenig den Garten von Schloss Hohenschwangau genießen. Auf einer Seite blickt man auf die das Königreich begrenzenden Berge, auf der anderen über das regierte Land.

Der für diese Pracht verantwortliche Gärtner erzählt, dass zur Zeit 280 Besucher am Tag kommen, ansonsten sind es täglich 3000. Er wirkt sehr entspannt und schenkt mir eine königliche Mandarine.

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Wie volksnah Prinzregent Luitpold ist, erlebe ich dann selbst auf dem Rückweg ins Tal. Gerade als ich an einer Tafel mit seinem Konterfei vorbei gehe, kommt er mir entgegen. Ohne Entourage oder Adjutant. Und es stört ihn nicht einmal, dass ich ihn auf den Zufall anspreche und ein Foto von ihm mache.

(Wenn jemand den freundlichen Herren aus Dänemark erkennt, schickt ihm doch bitte diesen Artikel.)

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Mittags stehen vor dem Ticket-Center verzweifelt weinende Touristen, die keine Karten mehr für Schloss Neuschwanstein ergattern konnten.

Frau: „Wieso hast du dich nicht um die Eintrittskarten gekümmert?“

Mann: „Weil ich mehrmals gefragt habe, zu welcher Tageszeit ich buchen soll. Und du sagtest, dass dich jede Planung einengt und dass du spontan sein willst.“

Frau: „Aber du hättest mir sagen sollen, dass dann die Karten ausverkauft sind.“

Mann: „Deshalb habe ich darauf gedrängt, dass wir früh losfahren und nicht stundenlang frühstücken.“

Frau: „Das ist doch kein Urlaub. Das ist der reinste Stress mit dir!“

Anfänger denken, dass Reisen romantisch ist, aber in Wirklichkeit gehen viele Beziehungen erst kaputt, wenn man gemeinsam verreist. (Ein Beispiel. Und noch eins.)

Wenn ich heute Morgen geschäftstüchtiger gewesen wäre, hätte ich gleich mehrere Tickets für nachmittags erworben und könnte diese jetzt zum doppelten oder dreifachen Preis verkaufen. Vor der Alhambra in Granada hat mir jemand sogar mal den fünffachen Preis für meine Eintrittskarte angeboten. Aber weil die Leser auf einen Artikel über die Alhambra warteten, musste ich ablehnen. Das war vor zwei Jahren. Zu dem Artikel bin ich immer noch nicht gekommen. 😦

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Eigentlich wollte ich Euch heute über Schloss Neuschwanstein erzählen. Aber wie Ihr seht, ist dieser Artikel schon wieder so lange geworden, dass wir das Märchenschloss auf den nächsten Artikel verschieben müssen.

Geduld! Der König wartete schließlich auch eine ganze Weile.

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Nutzt den Herbst!

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Gewöhnlich hinken meine Artikel dem tatsächlichen Geschehen Monate, Jahre oder gar Jahrzehnte hinterher. Aber heute gibt es ganz aktuell ein paar Fotos meiner gestrigen Wanderung im Landkreis Amberg-Sulzbach, um Euch zuzurufen: Nutzt den Herbst, solange die Sonne noch wärmt und das Laub noch bunt ist!

Keine Angst vor dem Frühnebel. Wie so viele Probleme wird er verschwinden, wenn man ihn nur lange genug ignoriert.

Die Burgruine Hohenburg liegt in einem US-amerikanischen Truppenübungsplatz, scheidet also als Ziel aus, wenn man nicht aus Versehen erschossen oder nach Guantanamo verfrachtet werden will.

Also auf in die andere Richtung, während sich die Sonne unaufhaltsam durchsetzt.

Huch, auch hier geht der Jakobsweg vorbei.

Die Pilger und Pilgerinnen müssen sich an den Früchten und Beeren selbst versorgen,

denn die Gasthäuser entlang der Strecke sind schon längst geschlossen. Mehr zu dieser traurigen Entwicklung lest Ihr in den Kapiteln 68 und 69 meiner König-Ludwig-Wanderung.

Und schwupp, nach etwa 30 Kilometern, bin ich wieder zuhause. Das war fast zu kurz.

Und das Gute ist: Ab heute kann man sich telefonisch krankschreiben lassen. Ein Anruf mit ein bisschen Heuchelhusten genügt, und Ihr könnt die Natur genießen. Zum Arbeiten ist im Winter noch genug Zeit. Oder im nächsten Jahr. Ehrlich, das mit dem Bruttosozialprodukt ist gar nicht so wichtig.

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Unerkannt durch Freundesland

30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung scheint mir das im Westen vorhandene Wissen über das Leben in der DDR – soweit diesbezüglich überhaupt Interesse besteht – weiterhin von unergiebigen Diskussionen über Schlagwörter wie „Unrechtsstaat“ oder von wenig ausdifferenzierten Täter-Opfer-Schemata geprägt zu sein. Aber zwischen FDJ-, SED- und Stasi-Leuten auf der einen und Oppositionellen und Republikflüchtlingen auf der anderen Seite muss es auch eine Menge Zwischenstufen gegeben haben.

Von einer interessanten Gruppe habe ich gerade erst erfahren: den UdF-Reisenden. Das waren DDR-Bürger, die die geographischen und ideologischen Grenzen ihres Staates überwanden, aber ohne allzu offenen Widerstand, und ohne ins Gefängnis oder in den Westen zu gehen, zumindest in den meisten Fällen. Sie brachen die Regeln auf kreative und gewitzte Weise. Sie waren entweder sehr mutig oder sehr sorglos. Sie demonstrierten nicht für Freiheit, sie nahmen sie sich einfach.

UdF, als Abkürzung durchaus eine Anspielung auf KdF, steht für „Unerkannt durch Freundesland“, und so heißt auch das absolut empfehlenswerte Buch mit 29 Geschichten über illegale Reisen in die Weiten der Sowjetunion.

Die Möglichkeit zu diesem Regelverstoß bot ironischerweise die sozialistische Bürokratie: DDR-Bürger benötigten für Privatreisen in die Sowjetunion eigentlich eine Einladung, eine exakte Reiseroute und eine Genehmigung. Das war kompliziert. Leichter war es, nach Bulgarien oder Rumänien zu fahren, meist mit dem Zug durch die Tschechoslowakei. Als dort 1968 der Prager Frühling zuerst blühte und dann von Panzern niedergewalzt wurde, richtete man für die DDR-Urlauber eine Ausweichroute über Polen und die Sowjetunion ein. Dafür gab es unkompliziert ein Transitvisum, mit dem man 48 Stunden durch die Sowjetunion reisen durfte, um nach Rumänien und am Ende des Urlaubs wieder zurück zu gelangen.

Was taten die findigen Abenteurer aus der DDR? Sie planten vorgeblich eine Reise nach Rumänien, besorgten sich das Transitvisum für die Sowjetunion, und stiegen dann am ersten Bahnhof in der UdSSR aus dem Zug und verliefen sich. War ja auch ein großes Land.

Wer nicht nach Westen kann, fährt halt in den fernen Osten: Baltikum, Ural, Kaukasus, Sibirien, Altai-Gebirge, Samarkand, Pamir-Gebirge, bis nach Kamtschatka. Insbesondere die Bergsteiger waren, nachdem sie die Herausforderungen des Erzgebirges schon gemeistert hatten, ganz wild darauf, den Elbrus (5642 m) oder den Pik Kommunismus (7495 m) zu besteigen. Andere wollten mit einem selbstgebauten Segelschlitten über den zugefrorenen Baikalsee flitzen.

Und nach einem Monat fuhr man wieder zurück in die DDR, wie wenn nichts geschehen wäre. Das war zwar nicht ganz legal, aber wie Michael Beleites über seine Reisen ins Baltikum schreibt:

Das Risiko war überschaubar: Es konnte zwar passieren, dass man von der Miliz gestoppt wurde und eine Strafe zahlen musste – aber nie mehr, als man dabei hatte. Und man konnte des Landes verwiesen werden – was aber nicht schlimmer ist, als wenn man gar nicht erst hinfährt.

So eine Einstellung gefällt mir!

Von der Miliz, der Polizei oder dem KGB wurden dann tatsächlich viele der Reisenden gestoppt, auch mal für eine Nacht festgenommen. Aber all diese Begegnungen verliefen überraschend milde, manchmal richtig humorvoll.

Wenn die Deutschen erzählten, dass sie sich verlaufen hatten oder dass sie trampten, wurde der KGB-Offizier immer weich und fragte fürsorglich: „Haben Sie heute schon gegessen?“ Daraufhin wurde das Verhör ins Restaurant verlegt und der Delinquent eingeladen, bis alle betrunken waren. Selbst in eigentlich verbotenen Städten wie Königsberg oder dem Schwarzmeerhafen Sewastopol konnten sie sich herausreden, wobei in letzterem Fall wohl half, dass die Dolmetscherin nicht wahrheitsgemäß übersetzte, dass der Reisende per Anhalter auf einem Schiff übers Schwarze Meer fahren wollte. Manchmal gab einem der KGB auch noch ein bisschen Geld für die Weiterreise mit.

Die Flüge waren in der Sowjetunion anscheinend spottbillig, denn etliche Reisende flogen kreuz und quer durchs Land, aber natürlich gehört auch das Trampen zu so einem Reisestil. Und nicht nur mit Autos:

Es kam auch vor, dass wir mit dem Helikopter getrampt sind. Da hat man einen Piloten angequatscht, mit ihm Wodka getrunken, und schon konnte man mitfliegen,

schreibt Ulrich Henrici, der vor allem in Mittelasien unterwegs war.

Wenn das Geld ausging, war es auch kein Problem. Wie die Herausgeberin Cornelia Klauß schreibt:

Es war im damaligen Ostblock machbar, mit kaum Geld in der Tasche loszuziehen. Nie wurde man als Schnorrer wahrgenommen, sondern stets als junger abenteuerlustiger Mensch, der seinem natürlichen Recht auf das Sammeln von Erfahrungen nachging.

Wo man auch hinkam, es wurde immer alles geteilt, Essen, Trinken und natürlich die Wohnung. Wie das so war in der guten alten Zeit vor dem Internet: Man hatte über Bekannte von Bekannten einen Namen und eine Adresse in Vilnius oder in Tiflis bekommen, tauchte spontan auf, und konnte so lange bleiben, wie man wollte. (In Tiflis wurden sie sogar eingeladen, als sie auf der Suche nach der Adresse bei völlig Unbekannten klingelten.)

Manche der Geschichten sind regelrechte Schwejkiaden. Die Reisenden fälschten Einladungen zu Sportfesten und nahmen so an der Elbrusiade und an einem Triathlon in der Ukraine teil (den sie auch noch gewannen). Ein anderer hatte kein Geld für den Zug nach Turkmenistan. Er ging zur Miliz und sagte, dass er seine Reisegruppe verloren habe und ihr schnellstmöglich nachreisen müsse. Die Miliz organisierte ihm eine Fahrkarte für den nächsten Zug, der eigentlich schon ausverkauft war. Drei Studenten wollten nach Kamtschatka und hatten sich dafür eine „Einladung zur Eröffnung eines Karl-Marx-Denkmals“ gefälscht. Das flog zwar auf, aber da waren sie schon am Japanischen Meer. Nach ein paar Tagen Haft wurden sie zurückgeschickt.

Aber ich will gar nicht mehr erzählen. Lest einfach selbst! „Unerkannt durch Freundesland“ ist ein Genuss für Freunde des Ostens, für Abenteurer und vor allem für Nostalgiker, die dem Reisen ohne Internet, Vorabbuchung und GPS hinterhertrauern.

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Auf den Spuren des Königs (Tag 7) Füssen

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Die Nacht war trocken und windstill, dank der Hütte. Diesmal war es nur kühl, nicht kalt.

Trotzdem konnte ich bis nach Mitternacht nicht einschlafen. Wahrscheinlich war ich gestern einfach nicht weit genug gewandert. Weniger als 10 km, das ist ja wirklich nichts. Das könnte ich sogar schlafwandeln.

Wenn ich nur schlafen könnte. Es ist nett, dass Bänke in der Hütte sind, aber 25 cm sind so schmal, dass ich bei jedem Umdrehen Angst habe, herunterzufallen. Die Decke ist nicht groß genug, um mich gleichzeitig von oben wie von unten zu wärmen. Einen Schlafsack habe ich bekanntlich nicht. Jedes Mal, wenn ich mich umdrehe, um die Schmerzen gleichmäßig zu verlagern, will mein Skelett auseinanderbrechen.

Manchmal habe ich gedankenlos den Begriff „obdachlos“ für meine Existenz verwendet, aber ich habe keine Ahnung, wie wirkliche Obdachlose das jede Nacht aushalten. Es wird ja noch kälter. Und nicht überall stehen so Hütten herum. Dazu kommt das soziale Stigma. Eigentlich ist das absurd: Wenn ich sage, ich bin auf Wanderung und schlafe notfalls draußen, dann laden mich die Leute in ihre Häuser ein (Kapitel 14 und 15, Kapitel 33, Kapitel 46 und 52, Kapitel 58) und hören sich meine Geschichten an. Wenn jemand arm ist und aus Not draußen schläft, dann lädt ihn niemand ein, und die Leute gucken weg.

Um 3:30 Uhr schmerzen die Glieder und Knochen unerträglich, selbst wenn ich mich nicht mehr bewege. Noch Monate später werde ich die bleibenden Schäden spüren, und damit ist genau in dieser 45. Geburtstagsnacht mein Lebenszenit markiert. Ab jetzt geht es körperlich bergab, und wenn ich nicht den Heiligen Gral entdecke, dann ist der Verfall nicht aufzuhalten.

An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Also packe ich meine Sachen und mache mich auf den Weg, anstatt sinnlos herumzusitzen und zu frieren. Der Vollmond leuchtet, soweit ihn die Wolken freigeben, und der Weg zur Wieskirche ist nicht weit. Die Bewegung tut den Gelenken gut.

Ein Vollmond reicht als Laterne übrigens vollkommen aus. Von mir aus hätte man die Elektrizität gar nicht erfinden brauchen.

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Und was ist das für ein Anblick: Als erster Mensch an diesem Tag, ganz allein, sehe ich die berühmteste Kirche Bayerns im Schein des Vollmonds.

Angeblich ist sie „die lichtreichste aller deutschen Barockkirchen des 17./18. Jahrhunderts“, ein „Wunder an Licht und Raum“. Dabei wird sie nicht einmal richtig angestrahlt. Diese Ehre wird nur dem gegenüberliegenden Geldautomaten zuteil. Ein paar windige Laternen stehen um die Kirche und verwirren die an der Südseite angebrachte Sonnenuhr.

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Da ist schon wieder ein Fuchs, diesmal ganz in schwarz. Richtung Wieskirche flitzt er davon, verstört durch einen Spaziergänger außerhalb der regulären Besuchszeiten.

Als ich um die Ecke biege, sitzt er da.

Oh. Dann war der Fuchs von vorgestern (Kapitel 78) vielleicht auch eine fette Katze.

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Es ist 4:30 Uhr. Die Kirche öffnet erst um 8 Uhr. Wie man mit so lausigen Öffnungszeiten UNESCO-Weltkulturerbe wird, ist mir schleierhaft. So lange werde ich nicht in der Kälte herumstehen. Das Café, das auf der Speisekarte mit Currywurst lockt, wird kaum eher öffnen.

Also ziehe ich weiter.

So cool bin ich nämlich. 100 km wandern und dann ein UNESCO-Weltkulturerbe links liegen lassen. Kirchen haben wir ja wirklich genug gesehen auf dieser Wanderung. Und falls doch jemand die Wieskirche von innen sehen will, gibt es ein Foto von Wikipedia und den Link zur virtuellen Tour.

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Aber ich habe jetzt einfach mehr Lust auf einen Spaziergang im Vollmond, in den Sonnenaufgang hinein. Ich habe die Landstraße für mich allein, und bald schallen die Vogelkonzerte aus allen Richtungen.

Ein Blick zurück lässt die hinter der Kirche aufgehende Sonne erahnen.

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Eigentlich sollte ich nach etwa zwei Stunden schlechten Schlafs und ohne Essen seit der gestrigen Hans-im-Glück-Schokolade gar nicht mehr gehen können, aber ab Schober öffnet sich der Blick auf die Alpen. Das Ziel ist nah!

Es war die richtige Entscheidung, den gestrigen Regentag auszusetzen.

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Unterhalb von Unterreithen setzt sich die Sonne endgültig gegen die Wolken durch. Ich lege mich auf eine Bank am Wegesrand, um Schlaf nachzuholen. Vorbeiziehende Hunde stupsen mich neugierig an. Eine Radwandergruppe hält an, um die Aussicht zu bewundern und zu fotografieren. Als ich mich aufsetze, entschuldigt sich ihr Anführer, mich aufgeweckt zu haben. Ein anderer erkundigt sich mitfühlend, ob mir nicht kalt sei. Dabei ist die Sonne eine wärmende Wohltat.

Und die Radfahrer haben Recht, gerade hier die Aussicht zu bewundern. Zum ersten Mal tritt das Ziel der Wanderung ins Blickfeld.

Erkennt Ihr es?

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Ich könnte noch 20 km wandern und von Wiesen und Kühen und Wolken und so erzählen, aber ich merke, dass es die Leserinnen und Leser zu dem Märchenschloss zieht. Außerdem würde der weitere Wanderweg durch einige Sümpfe und Moore führen, und seit Kapitel 6 habe ich panische Angst vor Schlangen. Also stelle ich mich in Trauchgau hoffnungsfroh an die Bundesstraße, die direkt nach Füssen führt.

Anstatt eines Autos hält ein Bus der Linie 72. Der ist zwar nicht so kostenlos wie meine bisherigen Mitfahrgelegenheiten, aber weil er nur für mich angehalten hat, leiste ich mir den Luxus. Die Fahrt ist es wert, denn der Busfahrer spendiert mir eine Panoramarundfahrt um den Forggensee, mit fantastischen Ausblicken. Er fährt durch kleine und pittoreske Dörfer, wo nirgendwo jemand einsteigt, weil bei dem schönen Wetter alle mit dem Rad unterwegs sind.

Es ist wie Landschaftskino. Eine Idylle!

Später werde ich in der Allgäuer Zeitung lesen, dass gestern ein Mann seine Ex-Frau in einem dieser Busse erstochen hat. „Beziehungstat“ heißt das dann, weil der Boulevard nicht weiß, wie man Femizid buchstabiert. Oder weil es einfacher ist, auf die Herkunft des Täters zu rekurrieren als zu erwähnen, dass Männer die mit Abstand gefährlichste Gruppe in unserem Land sind. Fast die Hälfte aller in Deutschland ermordeten Frauen stirbt durch die Hand des Partners oder Ex-Partners.

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Je näher wir Füssen kommen, umso mehr sehe ich, dass der innerdeutsche Tourismus boomt. Auf den Fahrradwegen kommen sich die Radfahrer in die Quere. Die Campingplätze sind voll belegt. Spontanreisende irren frustriert und stellplatzlos herum.

Vor einem Monat war ich noch in Lissabon, auf dem Rückweg von meinem Coronavirus-Exil, und da war ich teilweise der einzige Mensch, selbst auf den bekanntesten Plätzen der Stadt.

Dann wird in der Provinz in Bayern erst recht wenig los sein, hatte ich gedacht.

Falsch gedacht. Füssen ist voll. Die Straßen voll, die Busse voll, die Cafés voll, die Eisdielen voll. Mir schwant Böses, denn ich habe nichts gebucht, weder Übernachtung noch Schloss. Wie sollte ich auch, schließlich wusste ich nicht, wie schnell oder langsam ich vorankommen würde. In Füssen hatte sich keiner der angeschriebenen Couchsurfing-Gastgeber gemeldet, komisch.

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Zum Waschen und Rasieren muss ich deshalb, was sicher einen Verstoß gegen irgendwelche übertriebenen Gesetze darstellt, den Alpsee nutzen.

Ahhh, nach dem Bad fühle ich mich wieder ganz frisch und attraktiv. Kaltes Wasser am Morgen ist wichtiger als ein Bett in der Nacht.

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So traue ich mich in die Tourismusinformation.

„Haben Sie noch Eintrittskarten für die Schlösser?“

„Bei uns ist gibt es keine Tickets mehr, und online ist auch schon alles ausgebucht.“

„Oje! Ich bin mehr als 100 km hierher gewandert.“

Das erweicht die Dame etwas: „Wenn Sie früh aufstehen, können Sie versuchen, morgen ein Ticket zu ergattern. Nehmen Sie den Bus Nr. 73 oder 78 nach Hohenschwangau, und dort gehen Sie zum Ticket-Center.“ Sie streicht mir alles auf einer Karte an, während sie geduldig das erklärt, was sie wahrscheinlich jeden Tag hundertfach auf Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch erklärt. „Das öffnet um 8 Uhr, und wenn noch Karten übrig sind, bekommen Sie dort welche. Für Schloss Hohenschwangau sind normalerweise immer noch Plätze frei.“

Das arme Schloss Hohenschwangau, das immer hinter Schloss Neuschwanstein zurückstehen muss. Wenigstens das werde ich und werdet damit Ihr sehen.

„Und da Sie gut zu Fuß sind,“ fügt das Fräulein fröhlich hinzu, „können Sie auch einfach um die Schlösser herumwandern, wenn Sie keine Eintrittskarten mehr bekommen. Das ist sowieso viel schöner.“

Sie vermittelt mir dann noch ein Zimmer in einem Hostel zu 40 € pro Nacht, plus 2,20 € Tourismusabgabe. Dafür kann man allerdings alle Busse und sogar den Zug kostenlos benützen, was ein ziemlich guter Deal ist. Ich glaube, es ist auch eine gute Vorgehensweise gegen illegale AirBnB-Wohnungen, so die Touristen denn wissen, dass ihnen die freien Busfahrten vorenthalten werden. Wer glaubt, modern zu sein, und statt ins Fremdenverkehrsamt ins Internet geht, der verpasst diese Information vielleicht.

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Wem diese Wanderung zu kurz war, der muss nicht verzagen: In der Tourismus-Information gibt es allerhand Vorschläge für jene, die das schöne Wetter nützen und noch ein paar hundert Kilometer spazierengehen wollen.

Nur 966 km bis zum Triglav in Slowenien, das klingt verlockend. Mit meinem bisherigen Tempo komme ich dort in zwei Monaten an.

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Im sehr zentral gelegenen Bavaria City Hostel muss ich die Zeit des Formularausfüllens irgendwie überbrücken und frage, wie denn der Touristenansturm in diesem Sommer sei.

„Es ist schlimm. Alles ist voll,“ sagt die Frau, wie wenn sie nicht davon leben würde. „Nur die Schlitzis bleiben dieses Jahr weg.“

Mir hingegen bleibt fast der Atem weg ob dieser rassistischen Wortwahl. Wieso arbeitet so jemand im Tourismus?

Und es ist nicht das einzige Mal, dass ich so etwas höre. Ein befreundeter Lehrer war vor einem Monat in Berlin und freute sich, dass es dieses Jahr „keine Japsen“ gäbe.

Später, im August, just zum Jahrestag der Atombombenabwürfe, wird eine Bekannte über Neuschwanstein sagen: „Abgesehen von den Unmengen Japanern in der Tat sehr, sehr schön.“

Liegt der offene Rassismus gegen Asiaten auch am Coronavirus? Oder suchen sich die Leute ein anderes Ziel, weil Rassismus gegenüber Schwarzen gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert ist?

Darauf angesprochen, sagen sie dann, dass sie es nicht so meinen und dass halt wirklich viele Touristen aus Asien hier sind. Na und? Wenn ein Schloss überlaufen ist, dann ist es doch egal, ob die Besucher aus Peking oder aus Paris kommen. Vielleicht verkaufen die Schlösser einfach zu viele Eintrittskarten? Und warum sind ausländische Touristen in Deutschland ein Ärgernis, aber Deutsche können die Strände rund ums Mittelmeer belagern? Überhaupt kommen all die Klagen über „zu viele Touristen“ meist von Leuten, die am gleichen Ort selbst touristisieren.

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Auch in Füssen begehen Menschen den Fehler ihres Lebens und vermählen sich. Dieses Paar hat sich, passend zu dem, was ihnen bevorsteht, eine Ruine als Kulisse für ihre Freiheitsabschiedsfeier ausgewählt.

Der Bräutigam blickt verstohlen-neidisch zu mir herüber, der ich in der Wiese liege, den Rucksack als Kopfkissen, die Schuhe ausgezogen, und die Zigarre im Mund. Und für einen Moment träumt er von einem Leben, in dem ihm niemand das Rauchen verbietet. Von einem Leben, in dem ihm niemand verbietet, in der Wiese zu liegen, weil man davon angeblich Tuberkulose bekommt. Von einem Leben, in dem ihn niemand drangsaliert, weil er nicht arbeiten und kein Haus kaufen will. Von einem Leben, in dem er nicht angerufen und vorwurfsvoll gefragt wird, wieso er noch nicht zuhause ist. Von einem Leben, in dem Überraschungen, Unwägbarkeiten und Abenteuer etwas Positives sind. Kurz: von einem richtigen Leben.

Tja, zu spät, junger Mann. Bald schiebst du geknickt den Kinderwagen durch die Kleinstadt.

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Geknickt dürfte auch die Kleinstadt selbst sein. Denn obwohl sie ziemlich putzig ist, kommen die Besucher aus Asien und aller Welt nur wegen der beiden Königsschlösser im Nachbarort Schwangau. Dabei gäbe es auch in Füssen selbst einiges zu sehen.

Aber ich muss jetzt erst einmal Döner und Schlaf nachholen.

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Morgen geht es endlich zu den Schlössern, versprochen!

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