Vogelsang, die Nazi-Burg in der Eifel

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Eigentlich will ich nur zur Abwechslung trampen. Ein bisschen weiter weg, weil ich die grünen Hügel um Bad Münstereifel schon ausreichend zu Fuß erkundet habe. Egal wohin. Weil man aber in einer zielorientierten Gesellschaft, in der ein Plan mehr zählt als Plan- und Ziellosigkeit, schief angesehen und am Straßenrand stehen gelassen wird, habe ich mir auf der Karte ein mittelweites Ziel ausgesucht: den Urftsee.

Das ist ein durch die Urfttalsperre künstlich geschaffener See, was zu einem entspannenden Spaziergang unter gleichzeitiger Bewunderung des von 1900 bis 1905 erschaffenen Staudamms einlädt. Ein Wunderwerk der Technik, das noch heute von vielen Elektrizitätsempfängern tagtäglich geschätzt wird, ob beim Bügeln, Fernsehen oder Mikrowellen.

Weniger geschätzt wird anscheinend die Mitfahrbank in Bad Münstereifel, die – dem belgischen Vorbild entsprechend – blau angemalt ist und Autofahrer zum Anhalten für wartende Passagiere verleiten soll.

Fünfzehn Minuten stehe ich jedoch, bis der erste Autofahrer diese ökologisch sinnvolle Einrichtung nicht ignoriert, sondern mich immerhin nach Pesch mitnimmt. In der Nähe liegt im Wald eine wunderschöne römische Tempelanlage, aber dazu mehr in einem anderen Artikel, denn, so viel hat die Überschrift bereits verraten, dieser Artikel wird schon von ausreichend Geschichte überfrachtet werden.

Heute bleibe ich jedoch an der Straße stehen und komme mit dem nächsten Fahrer in wenigen Minuten nach Zingsheim, wo ich mich an den Kreisverkehr nach Norden, Richtung Kall, Schleiden oder Gemünd stelle. Die genaue Route ist mir egal, solange nur die Richtung stimmt.

Dem dritten Fahrer, der zur Begutachtung von Wasserschäden in die Eifel gekommen ist, ist die genaue Route ebenfalls egal, denn er hat seinen ersten Termin um 10 Uhr und bis dahin noch genug Zeit. Und das, obwohl er nach dem Unwetter vom vergangenen Wochenende voll ausgebucht ist. 181 Anrufe über Wasserschäden hat er bekommen, normal seien so etwa 20 am Tag. Aber selbst ohne Unwetter gehe ihm die Arbeit nicht aus, sagt er vergnügt, weil die Leute so schnell und billig bauen. Das räche sich dann eben nach 10 oder 20 Jahren.

Eigentlich muss er nach Hellenthal, aber er ist so nett, mich den ganzen Weg nach Gemünd zu fahren. „Dann kann ich gleich noch meine Schwester auf einen Kaffee besuchen, die wohnt da irgendwo“, gibt er sich ganz entspannt. Als ich sage, dass Gemünd ein prima Ausgangspunkt für meine Wanderung sei, weil ich dort noch etwas zu essen kaufen könne, fährt er mich bis vor eine Bäckerei.

„Wenn Sie noch mehr Wasserschäden brauchen, kann ich die Urfttalsperre für Sie sabotieren“, biete ich zum Abschied an. „Das wäre was!“ sagt er begeistert, und so stehe ich in der Pflicht, die Operation Chastise zu wiederholen.

In Gemünd entdecke ich, dass da ein kleiner Fluss namens Urft durchfließt. Der muss logischerweise zum Urftsee fließen, sonst dürfte er sich kaum so nennen. Also beschließe ich, das Wässerchen entlang zu wandern. Flüsse sind prima zur Orientierung, wenn man zu einem See oder zum Meer will. Da kann man sich eigentlich gar nicht verlaufen. (Außer die Anfänger, die Roten Nil und Weißen Nil verwechseln. Aber da schickt der New York Herald dann früher oder später einen reisenden Reporter, der einen sucht. Zumindest früher, als Redaktionen noch Mut, Geduld und Geld für Spesen hatten. Ach, was hätte alles aus mir werden können, wenn ich in der guten alten Zeit geboren worden wäre…)

„10 km zur Urfttalsperre“ bestätigt ein Wegweiser meinen durch weltweites Herumstreunen gestählten Orientierungssinn. Und ein weitgehend schattiger Weg unter grünem Blätterdach bestätigt meine Entscheidung für den Fußweg.

Aber was ist das, was da am linken Ufer aus den Bäumen lugt?

Ein paar Kilometer weiter kommt auch schon die nächste Brücke, ich quere den mittlerweile ziemlich breiten Fluss, und wundere mich, wie steil, mühsam und lange der Weg zu dem mysteriösen Turm im Wald ist. Immer wieder muss ich pausieren, meine gesamten Colavorräte trinken, alle Bäckereierzeugnisse verspeisen.

„Ach, du Scheiße“, entfährt es mir dann aber nicht vor Erschöpfung, sondern weil mitten im Wald ein Fackelträger steht. Am hellichten Tag. Aber aus dunklen Zeiten, wie man am Design und spätestens an der Inschrift erkennt: „Ihr seid die Fackelträger der Nation. Ihr tragt das Licht des Geistes voran im Kampfe für Adolf Hitler.“

Davon fühle ich mich nun gar nicht angesprochen. Ich eile davon, will nur mehr heraus aus dem teutonischen Wald. Aber als dieser sich lichtet, wartet die nächste Überraschung: Ein Sportplatz, offensichtlich schon lange nicht mehr genutzt, der am Fuße einer monströsen Anlage liegt.

Irgendwie, aber vielleicht bin ich da übersensibel, erweckt das alles einen leicht faschistischen Eindruck. Ich werde Stunden benötigen, um alles zu erkunden. Aber weil ich weiß, dass Geduld nicht Eure Stärke ist, gewähre ich Euch schon jetzt den Gesamtüberblick, den ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht habe.

Das, verehrte Leserinnen und Leser, ist die Ordensburg Vogelsang, ein Monumentalbauwerk, das Machtanspruch und Megalomanie gleichermaßen verkörpert. Mit 100 Hektar Fläche nach Nürnberg die zweitgrößte architektonische Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus. Beeindrückend, würde ich sagen, wenn ich Vogelsang mit einem Wort(spiel) zusammenfassen müsste.

„Sogenannte Ordensburg“, korrigiert Jürgen Spekl, der Referent, der nach acht Monaten Coronapause zum ersten Mal wieder eine Gruppe über das Gelände führt. „Das war keine Burg, und die jungen Männer waren keine Ordensbrüder. Es ist ein Wort aus der Sprachküche des Nationalsozialismus, und wir sollten es nicht unreflektiert übernehmen.“ Er wird noch bei vielen Wörtern ein „sogenannt“ davorsetzen: Ordensjunker, Burgkommandant, Burgschänke, Elite, Herrenmenschen.

Man merkt, dass ihm der Kontakt mit Besuchern gefehlt hat. Engagiert und eloquent führt er über das Gelände und leitet vom konkreten Ort immer wieder geschickt auf verschiedene Aspekte des Nationalsozialismus über – von der Bezugnahme auf den Deutschritterorden über die Arbeitsbeschaffungspropaganda durch absichtlichen Verzicht auf Baumaschinen, bis zu den religiösen Anleihen und die ganze „Theatralik, Mummenschanz und Hokuspokus“.

Es beginnt damit, dass der Führerstaat gar nicht so monolithisch war, wie er sich gerne präsentierte. Eine Selbstdarstellung, die nach 1945 nicht nur aus Gründen der Einfachheit gerne übernommen wurde. Aber innerhalb der nationalsozialistischen Organisationen entbrannte ein Kompetenzgerangel, wie man es sich im bundesdeutschen Föderalismus nicht schlimmer vorstellen könnte. Unter Aufsicht des Reichserziehungsministeriums entstanden ab 1933 die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (Napola), die mit Kriegsbeginn zunehmend unter den Einfluss der SS gerieten. Daneben hatte die Hitlerjugend eigene HJ-Gebietsführerschulen. Auch die SS wollte den nationalsozialistischen Nachwuchs ausbilden und baute SS-Führerschulen auf, die später in SS-Junkerschulen umbenannt wurden. Bereits seit 1931 hatte die SA die Reichsführerschule in München und später die Nationalsozialistische Oberschule am Starnberger See betrieben.

Daneben wollte aber auch Robert Ley, seit 1932 Reichsorganisationsleiter der NSDAP, also so etwas wie ein Generalsekretär der Partei, die Kontrolle über die Nachwuchsausbildung gewinnen. Seine Idee waren die sogenannten Ordensburgen und später die Adolf-Hitler-Schulen. Ley wurde ab 1933 zusätzlich Führer der Deutschen Arbeitsfront, die das Vermögen der zerschlagenen bzw. verbotenen Gewerkschaften übernommen hatte. Mit Geld kommen große Pläne und, wie Ihr von den Neureichen in der Verwandtschaft wisst, oft ein schlechter architektonischer Geschmack.

Dem abiturlosen Führer war der Kompetenzkonflikt um die Ausbildung der jungen Männer übrigens egal, solange sie für ihn auf Minen traten oder anderweitig in den Tod gingen. Deshalb setzte sich keines der Konzepte gegenüber den anderen durch, sondern alle konkurrierten miteinander.

Die Ordensburgen waren keine staatlichen oder militärischen, sondern Parteischulen, falls das in einem Einparteienstaat einen großen Unterschied macht. Es gab ihrer drei, und in der dreijährigen Ausbildung sollte je ein Jahr in einer der Ordensburgen absolviert werden. Weiter als drei musste niemand zählen können, und das war vielleicht besser so. Der erste Jahrgang diente der Aufnahme der „alten Kämpfer“, also, wie Herr Spekl sagt, „der Männer, die sich in der Weimarer Republik durch die Säle und Straßen geprügelt hatten“. Und unter denen auch nur diejenigen, die es anderswo zu nichts gebracht hatten, also nicht in der Verwaltung, beim Militär oder einer anderen NS-Organisation untergekommen waren.

Unter den ca. 2200 jungen Männern, die von 1936 bis 1939 in Vogelsang ausgebildet wurden, waren die meisten einfache Arbeiter, Handwerker und Arbeitslose. Manche waren wahrscheinlich funktionale Analphabeten. „Verkrachte Existenzen“ nennt sie der Referent. Die Voraussetzungen waren: größer als 1,60 m, keine Brillenträger, keine Erbkrankheiten in der Familie, Ahnenpass bis zum 1. Januar 1800 und Parteimitglied vor 1933. Am Ende stand die persönliche Begutachtung durch Robert Ley, der von sich behauptete, mit einem Blick feststellen zu können, ob jemand ‚ein ganzer Kerl‘ war. „So wie heute Dieter Bohlen bei Deutschland sucht den Superstar.“ Schul- oder Berufszeugnisse wurden ausdrücklich nicht verlangt.

Und dann kamen die Jungs auf so eine Burg, auch wenn es eine Fake-Burg war, und wurden behandelt wie die Elite. Wie einer der ehemaligen „Junker“ bei einem späteren Besuch einmal sagte: „Hier hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben ein eigenes Bett.“ Da war es nicht so schlimm, den Schlafsaal mit 19 Kameraden teilen zu müssen.

Von den drei Ausbildungsjahren hatte ein jedes sein eigenes Motto. In der Ordensburg Krössinsee ging es hauptsächlich um Sport.

Der zweite Ausbildungsabschnitt in Vogelsang diente der ideologischen Bildung, wobei hier auch noch verdächtig viele Sportstätten, Rennbahnen und Schwimmbäder herumstehen. Zu viel Theorie konnte der sogenannten Elite anscheinend nicht zugemutet werden. Der dritte Ausbildungsabschnitt in Sonthofen stand unter dem Motto „Opferbereitschaft“.

Krössinsee und Sonthofen werden noch heute als Kasernen der polnischen Streitkräfte bzw. der Bundeswehr genutzt, womit Vogelsang die einzige frei zugängliche ehemalige NS-Ordensburg ist. Aber auch das erst seit 2006; bis dahin war es eine belgische Kaserne.

So überdimensioniert die Anlage Vogelsang auch erscheint und den Besucher durch ihre Wucht und Monstrosität fast erschlägt: Was man hier sieht, ist nur 30% dessen, was eigentlich geplant war. Es fehlen das 2000-Betten-Hotel, das größte Sportstadion Europas (das würde die UEFA freuen), ein Reitstadion, ein Flugplatz sowie eine 100 m hohe Bibliothek, genannt Haus des Wissens, ausgelegt mit schwarzem Marmor, so dass Besucher das Gefühl haben würden, über die Flure zu schweben.

Architekt war Clemens Klotz, der mit dem Spruch „nicht kleckern, sondern klotzen“ bleibenden Eingang in die deutsche Sprache gefunden hat. (Er war auch der Architekt beim Seebad Prora.) Nach 1945 baute er noch ein paar Wohn- und Geschäftshäuser, bekam aber nie mehr so viel Beton in die Hände wie bei seinen Großprojekten.

Willy Meller hingegen, der Bildhauer, der neben weiterer Nazi-Kunst den Fackelträger entwarf, konnte sich wie so viele Deutsche schnell anpassen. Für das Palais Schaumburg funktionierte er seine Reichsadler zum Bundesadler um. Außerdem baute er plötzlich Mahnmale für die Opfer des Zweiten Weltkriegs sowie für den Widerstand gegen die NS-Diktatur. Wie Max Czollek schreibt: Wenn es in der Bundesrepublik Deutschland ein Beispiel für gelungene Integration gibt, dann ist es die Integration der ehemaligen Nazis in die Nachkriegsgesellschaft.

Der Fackelträger ist, weil das Gelände frei zugänglich ist, noch immer ein Anziehungspunkt für Neonazis, die regelmäßig Geschenke, Grablichter und anderes Gruselzeug hinterlassen.

Diese späten Bewunderer der Ordensburgen wissen wahrscheinlich gar nicht, dass dies eine Geschichte vom Scheitern hochfliegender Pläne ist. Nicht nur blieben Abschluss, Ziel und Funktion der Ausbildung immer schwammig und unbestimmt. Nachdem Vogelsang 1936 die ersten Männer aufnahm, wurden die Tore 1939 schon wieder geschlossen. Kein einziger Schulungsteilnehmer durchlief wie geplant das gesamte Programm. Die Männer wurden im Krieg benötigt, wo sogenannte Ordensjunker an etwa 300.000 Mordtaten beteiligt waren, das Baumaterial am Westwall.

Zur Verantwortung gezogen wurden nur wenige von ihnen. In der Ausstellung und in der Führung werden exemplarisch einige „Karrieren“ dargestellt. Das Verdrängenwollen durch Gesellschaft und Justiz in Nachkriegsdeutschland und -österreich ist offensichtlich. Robert Ley, der mit einem Blick feststellen konnte, wer ein harter, deutscher Mann ist, erhängte sich am Spülkasten der Toilette in Nürnberg.

Herr Spekl entschuldigt sich, dass er die Führung um 30 Minuten überzogen hat, dabei hat sich keiner der Teilnehmer darüber beschwert. Ich könnte noch stundenlang zuhören und streune nach Auflösung der Gruppe allein über das Gelände. Ich vergesse die Zeit, denn als ich nach Hause trampen will, merke ich, dass hier heute niemand mehr vorbeikommt. Auch an der Tankstelle scheint schon lange Büroschluss zu sein.

Schade. Mit einem der alten Schlitten wäre ich gerne mitgefahren, egal wohin. Zum Glück erwische ich noch den letzten Bus.

Zurück in Bad Münstereifel, erschöpft, ratlos, den Kopf voller Informationen, Gedanken und Fragen, will ich nur mehr eine Currywurst. Während ich auf deren Zubereitung warte, schweifen meine Augen auf die umliegenden Geschäfte – und können nicht fassen, was sie sehen: Ein Modegeschäft, benannt nach Robert Ley. Unbekümmert tragen die Kundinnen Einkaufstüten mit dem Namen des hochrangigen Nazis aus dem Laden.

Praktische Hinweise:

  • Der Komplex Vogelsang ist so groß (und größenwahnsinnig), dass Ihr für den Besuch mindestens einen halben Tag einplanen solltet.
  • Die Wanderung von Gemünd dauert ca. zwei Stunden und ist bis auf den sehr steilen Anstieg am Ende ganz gemütlich.
  • Wer nicht wandern will, kann trampen, autofahren oder den Bus Nr. 82 von Gemünd oder Nr. 63 von Aachen über Simmerath nehmen.
  • Wie Ihr wahrscheinlich bemerkt habt, kann ich die etwa 90-minütige Geländeführung absolut empfehlen. Vorher oder danach kann man sich auf dem Gelände aber auch frei bewegen. Dazu muss man nicht einmal Eintritt bezahlen.

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Vor hundert Jahren bewahrte der Alkohol den Weltfrieden – Juni 1921: Åland

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Wo einst Hannibal mit seinem Elefanten Gassi ging, verlaufen heute die Autobahnen nach Italien.

Wo die Römer nicht mehr expandieren wollten und eine Mauer zu den Nachbarn hochzogen, streiten sich heute Schotten und Engländer oder Flamen und Wallonen genau entlang dieser willkürlichen Linien.

Der Westfälische Friede, der 1648 den Dreißigjährigen Krieg beendete, legte – unter anderem – die noch heute gültige Grenzziehung zwischen Aldi Nord und Aldi Süd fest.

Der Zweite Weltkrieg führte zur Teilung Deutschlands und Europas. Teilungen, die trotz ihrer Überwindung noch immer nachwirken.

Geschichte ist für mich dort am interessantesten, wo sie ins Hier und Jetzt wirkt. Und deshalb werfe ich in dieser kleinen Reihe „Vor hundert Jahren …“ gerne den Blick auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Denn, so wichtig die oben erwähnten Ereignisse alle waren: Die Landkarte Europas und des Nahen Ostens, wie wir sie heute kennen, wurde maßgeblich nach dem Ersten Weltkrieg gezeichnet. Ein paar Staaten, die in jener Zeit entstanden: Irland, Estland, Lettland, Litauen, Jugoslawien, Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei, Syrien, Irak, Jordanien und – entscheidend für diese Episode – Finnland.

Das ist alles zu viel für einen kleinen Blog, also konzentrieren wir uns – wie so oft -auf einen Nebenschauplatz: Über Jahrhunderte hatten Wikinger, Schweden, Finnen, Dänen, Russen, Franzosen und Deutsche um die Åland-Inseln gestritten. Die liegen zwischen Schweden und Finnland, und wenn Ihr noch nie davon gehört habt, ist das in Ordnung. Den Blick auf die übersehenen Kapitel der Weltgeschichte zu werfen, ist schließlich das Ziel dieser Reihe.

Warum man um ein paar kleine Inselchen mit Kiefern und Elchen Kriege führen muss, weiß ich nicht. Schließlich war der Tourismus damals noch nicht erfunden, die 6757 felsigen Inseln mithin nutzlos.

Die Ausgangslage im Ersten Weltkrieg war, dass die Åland-Inseln – wie ganz Finnland – zu Russland gehörten. Am 6. Dezember 1917 waren die Finnen dermaßen enttäuscht, nichts in ihren Nikolausstiefeln vorzufinden, dass sie die Unabhängigkeit erklärten. (Dabei handelte es sich um ein Missverständnis aufgrund des in Russland verwendeten julianischen Kalenders, der zwei Wochen nachgeht.)

Aber Finnland ist Finnland und kann nicht einfach friedlich unabhängig werden. Nein, es brauchte 1918 einen komplizierten Bürgerkrieg, über den Ihr nachlesen könnt, wenn Ihr ähnliches Kopfweh bekommen wollt wie vom Verzehr eines Hektoliters Finnland-Wodka in einer finnischen Sauna, in der Euch der finnische Bademeister mit finnischem Birkenreisig verprügelt, während er finnischen Heavy Metal grölt.

Das Tohuwabohu – übrigens ein finnisches Wort, wie Ihr unschwer erkennen könnt – schwappte auf die Åland-Inseln über, und mit ihm die verschiedenen Bürgerkriegsparteien. Aber die größte Gefahr kam aus Schweden, das nach der positiven Erfahrung im Dreißigjährigen Krieg keinesfalls wollte, dass der Erste Weltkrieg nach nur vier mickrigen Jahren schon wieder vorbei war. Am 20. Februar 1918 besetzten schwedische Kriegsschiffe die Åland-Inseln, angeblich zum Schutz der dortigen Bevölkerung, die angeblich Schwedisch sprach. Da nie jemand die Inseln besuchte, konnte das nicht unabhängig überprüft werden.

Finnland bzw. eine der Bürgerkriegsparteien hatte sich gefragt „Wer ist noch schärfer auf Krieg als die Schweden?“ und bat die Deutschen um Hilfe. Deutschland, das 1918 mit dem Weltkrieg auch nicht so ganz ausgelastet war, sagte sofort zu. Schon am 5. März 1918 landeten deutsche Truppen auf Åland und vertrieben die Schweden.

Aber – so ist das, wenn man die Deutschen einlädt – die Inseln waren den Germanen zu klein und zu wenig. Sie besetzten lieber gleich ganz Finnland und wollten Prinz Friedrich Karl von Hessen-Kassel-Rumpenheim als finnischen König installieren. Der schaffte es allerdings bis Ende 1918 nicht, den finnischen Amtseid auswendig zu lernen (es ist auch eine schwere Sprache, zugegeben) und verzichtete am 14. Dezember 1918 schließlich entnervt auf den Thron. So wurden die Finnen eine Republik und leben glücklich bis heute und in alle Zeiten.

Nach der Revolution in Deutschland im November 1918 zogen die deutschen Truppen aus Finnland und von den Åland-Inseln ab.

Ihr ahnt schon, was jetzt kam. Genau: die Schweden. Sie gaben einfach nicht auf. Schweden unterstützte Separatisten auf Åland, überschwemmte Finnland mit beim ersten Rausch zusammenbrechenden Sperrholzmöbeln und versuchte 1919, bei der Friedenskonferenz von Versailles die Åland-Inseln zugesprochen zu bekommen. Ohne Erfolg. Schweden rüstete auf und war bereit, zum Äußersten zu gehen.

Der atomare Inselkrieg wurde in letzter Minute verhindert durch eine erst im Jahr zuvor gegründete und segensreiche Institution: den Völkerbund, so etwas wie der Vorläufer der UNO. Der entschied am 24. Juni 1921 – und damit sind wir endlich beim hundertjährigen Jubiläum -, dass die Åland-Inseln bei Finnland verbleiben, aber wegen der ganz überwiegend schwedischsprachigen Bevölkerung einen Autonomie- und Sonderstatus erhalten sollen. Seither ist Åland zwar irgendwie Teil Finnlands, aber mit Schwedisch als einziger Amtssprache, mit eigenem Parlament und eigenen Briefmarken, ohne finnische Militärpräsenz, mit eingeschränkten Rechten für nicht aus Åland stammende finnische Staatsbürger (z.B. beim Grunderwerb oder der Unternehmensgründung) und Steuerfreiheit für Alkohol.

Der letzte Punkt war der eigentliche Grund, warum Finnland die einschneidenden Bedingungen des Völkerbundes akzeptierte. Zwar hat Finnland praktisch die Kontrolle über die Inseln aufgegeben, aber dafür können auch Finnen auf der Fahrt mit der Fähre nach Åland steuerfrei trinken. Bei 6757 Inseln kann man den ganzen Urlaub so verbringen.

Womit bewiesen ist: Alkohol ist gut für die Diplomatie. – Kein Wunder, dass gerade die Antialkoholiker wie Saudi-Arabien und Iran immer wieder Ärger auf der Weltbühne bereiten.


Die Åland-Folge sollte eigentlich eine Episode der Reihe „Vor hundert Jahren …“ sein, die ich mit einer Reise verknüpfe. Aber nach aktueller Planung werde ich erst im Herbst in Stockholm weilen. Ab Oktober hätte ich dann Zeit, diese autonomen Inseln zu erkunden. Also, falls jemand von dort mitliest, gebt Bescheid! Gerne würde ich meinen Bericht über die Åland-Inseln auf fundiertere Füße stellen. Und dazu nimmt Euer reisender Reporter sogar die beschwerlichsten Reisen auf sich.

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Sekundärtugenden

Bei einem Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen in Österreich las ich an einer der Häftlingsbaracken diesen Spruch:

Es gibt einen Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine heißen: Gehorsam, Fleiß, Ehrlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Nüchternheit, Wahrhaftigkeit, Opfersinn und Liebe zum Vaterland.

Das ist an so einem Ort – die Heinrich Himmler zugeschriebene Parole ist auch in Dachau, Sachsenhausen und Neuengamme zu finden – an Zynismus kaum zu übertreffen.

Daran muss ich immer denken, wenn mir die kleinbürgerlich-spießige Verherrlichung von Sekundärtugenden wie Ordnung, Fleiß oder Sauberkeit sauer aufstößt. Allenthalben begegnet man ihnen, den Menschen, die öfter ihr Auto waschen als ein Buch lesen. Die peinlich darauf bedacht sind, dass ihre Wohnung picobello sauber ist, aber sich nicht stören, wenn in jener Wohnung rassistischer Unsinn gefaselt wird. Die Diktaturen loben, weil dort die Straßen so sauber sind. Und all die oberflächlich-dämlichen Lebensregeln, denen man bei Instagraph, LinkedIn und Jordan Peterson begegnet.

Den Leuten, die auf Letzteres stehen, könnte man wahrscheinlich sogar obigen Spruch unterjubeln, ohne dass sie es merken.

Nein danke, ich bleibe lieber ungehorsam, faul, trinke von Zeit zu Zeit, und lasse Schreibtisch, Wohnung und mein Leben unaufgeräumt. Und das Vaterland, das kann mir sowieso gestohlen bleiben.

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Eine Postkarte aus Bad Münstereifel

Ich weile, weil ich endlich wissen wollte, wo der gleichnamige Turm herkommt, gerade für zwei Wochen in der Eifel. Daraus wird, soviel sei versprochen und angedroht, ein längerer Bericht, aus dem ich vorab ein Kapitel teile.

Weil die Statuten der Eifelreiseberichterstattervereinigung verlangen, dass aus jedem Eifelbericht ein Eifelkrimi wird, habe ich mich beim Wandern in ein militärisches Sperrgebiet verlaufen, von wo ich mit Waffengewalt vertrieben wurde.

Um den Schusswechsel nicht vorwegzunehmen und die Spannung aufrecht zu erhalten, setzt diese kurze Episode erst danach ein:


Also ziehe ich weiter durch Felder und Wälder, über Hügel und Wiesen, bis ich – zielsicher wie ein Marschflugkörper – ein weiteres militärisches Geheimprojekt entdecke. Nur notdürftig getarnt steht mitten auf einem Feld ein Betonpfeiler. Die meisten Wanderer würden sich täuschen lassen und an eine langweilige landwirtschaftliche Nutzung denken, aber meine Kenneraugen erspähen sofort die fünfeckige Form. (Pentagon!)

Vorsichtig nähere ich mich, aber dieses Objekt scheint unbewacht. Als ich ankomme, merke ich warum: Montag ist hier Ruhetag.

Der Betonbunker ist nämlich eine Kapelle. Und zwar trotz seines Standortes nicht irgendeine Feld-, Wald- und Wiesenkapelle, sondern die architektonisch einzigartige Bruder-Klaus-Kapelle.

Auf der Bank hinter der Kapelle, im betongespendeten Schatten, sitzt ein urlaubendes Ehepaar aus dem sympathischen Süden unserer Republik, das zum Glück nicht ganz so weit wie ich gewandert, aber auch von der Nichtrundumdieuhrgeöffnetheit des dem allzeit präsenten Gott gewidmeten Bauwerks enttäuscht ist. Die beiden waren jedoch früher schon einmal da und schwärmen mir von der Innenarchitektur vor: Aus Bäumen wurde ein Gerüst aufgebaut, um das der Beton herumdrapiert wurde. Dann wurde ein Mottfeuer entfacht, wie bei einem Köhler, vielleicht durch eine unachtsam hinterlassene Zigarre, vielleicht mit Plan, Absicht und dolus directus, so dass die Innenwand durch die verkokelten, rußschwarzen Bäume in die Finsternis getaucht wurde, die bis zu Genesis 1:3 der Aggregatzustand allen Daseins war. Den einzigen Licht- (und Regen-)Einlass bietet das nicht vorhandene Dach.

Weil das Ehepaar äußerst freundlich und interessant ist und weil es auch mich in den Schatten drängt, setze ich mich zu ihnen. Die beiden kommen seit 20 Jahren in die Eifel, und das ist nicht so langweilig, wie es sich anhört. Es gibt da die Vulkaneifel, die Schneeeifel, die Kalkeifel, die Waldeifel, die Hocheifel, die Rureifel, und allein anhand der Ratschläge, die sie mir für die nähere Umgebung geben, lässt sich die Vielfalt dieser Region erahnen: Das Freilichtmuseum in Kommern. Das Westwall-Museum in Irrel. Quellfassungen und Wasserleitungen aus der Römerzeit. Die Tuchfabrik in Euskirchen. Eine V1-Abschussrampe bei Kelberg. Das Eifel-Literatur-Festival, unter anderem mit der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Ruinen des Führerhauptquartiers Felsennest bei Rodert. Und vieles mehr, das zu memorieren ich vergessen habe.

Irgendwie will keiner von uns wirklich aufstehen und weiterwandern, und so verquatschen wir uns. Der Mann erzählt von Reisen nach Indien, wo er als Arzt bei Mutter Teresa gearbeitet hat. Die Frau erzählt, wie sie ein Jahr mit dem Rucksack durch Europa gewandert ist, bis ihr in Málaga das Geld ausging. Wir alle schwärmen von der Gastfreundschaft gerade der ärmeren Leute, die uns überall aufgefallen ist. Wir tauschen Erfahrungen aus dem Baltikum und Reisepläne für Kaliningrad aus. Wir reden über das, was das Leben ausmacht und dass Karriere, Konsum und Kapitalismus nicht zwingend dazu gehören. Wir sprechen über Bücher, Bildung und die Philosophie Einsteins.

Nach schätzungsweise eineinhalb Stunden schlägt der freundliche Herr vor: „Jetzt haben wir Sie so lange aufgehalten, fahren Sie doch mit uns zurück nach Bad Münstereifel.“ Die beiden müssen sowieso in die Richtung, und dankend – auch wegen der Möglichkeit, die höchst interessante Konversation zu verlängern – nehme ich an.

„Unsere zufällige Begegnung und unser Gespräch waren der Höhepunkt des heutigen Tages“, versichern wir uns gegenseitig zum Abschied. Ich meine das ehrlich, kann ich doch zu jenem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass dieser sich dem Ende zuneigende Tag eine weitere überraschende Begegnung in petto haben wird.


Aber dazu mehr im endgültigen Eifelbericht.

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Vor hundert Jahren konnten die Weißen nicht ertragen, dass Schwarze erfolgreich waren – Mai 1921: Black Wall Street

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Eine weiße Durchschnittsfamilie in den USA verfügt über ein Nettovermögen von 171.000 $, eine farbige Durchschnittsfamilie über 17.150 $. Dass da etwas faul ist und dass diese Vermögenskluft nicht an individuellem Fleiß oder Faulheit liegt, leuchtet jedem ein.

Es wird Euch nicht überraschen, dass ich im Rahmen dieser kleinen Geschichtsreihe die wagemutige These vertrete, dass historische Unterdrückung und Ungleichbehandlung die Grundlagen der noch immer deutlichen Vermögensunterschiede darstellen. Denn so Dinge wie die Verschleppung und Versklavung von Afrikanern nach Nord-, Mittel- und Südamerika hören nicht einfach auf, ihre Wirkung zu entfalten, nur weil in den USA 1865 nach dem Ende des Bürgerkriegs die Sklaverei aufgehoben wurde. Um es auf den Punkt zu bringen: Es nützt dir nicht allzu viel, wenn du von einem Tag auf den anderen rechtlich frei bist, aber Reichtum, insbesondere Landbesitz, politische Macht und Zugang zu Bildung weitgehend unerreichbar bleiben.

Die rechtliche Freiheit bedeutete noch lange keine rechtliche, geschweige denn wirtschaftliche oder gesellschaftliche Gleichheit. Statt Friede, Freude, Eierkuchen gab es Rassentrennung, Lynchmorde und den Ku Klux Klan.

Dabei begann alles mit einer visionären Idee: Im Januar 1865 ordnete die siegreiche Armee der Nordstaaten an, den Grundbesitz der Sklavenhalter in den Südstaaten zu konfiszieren und an die ehemaligen Sklaven zu vergeben. Jede Familie sollte bis zu 16 Hektar Land und ein Maultier zur selbständigen Bewirtschaftung erhalten. (Ja, sozialistische Bodenreform ist eigentlich eine US-amerikanische Erfindung, auch wenn die Herren Guevara und Castro das nicht hören wollen.)

Dummerweise wurde aus dieser Idee nichts, weil US-Präsident Abraham Lincoln bekanntlich im April 1865 erschossen wurde. Sein Nachfolger Andrew Johnson war nach einhelliger Meinung einer der schlechtesten Präsidenten in der US-amerikanischen Geschichte und damit das erklärte Vorbild von Donald Trump.

Außerdem war Andrew Johnson ein Rassist und fand, dass Schwarze intellektuell und moralisch nicht zum Landbesitz oder zum Führen einer Landwirtschaft in der Lage wären. Im Herbst 1865 hob er die Anordnung von General William Sherman auf. Viele Schwarze mussten, auch weil ihnen der Zugang zu etlichen anderen Berufen verboten war, wohl oder übel wieder auf die Baumwollplantagen und als Pflücker schuften. Was hätten sie sonst tun sollen? Gut, eine Rebellion wäre eine Möglichkeit gewesen, aber mit „Spartacus“ kam diese Idee erst hundert Jahre später ins Kino.

Apropos hundert Jahre: Weil sich diese Folge um Ereignisse vor genau hundert Jahren, also im Mai 1921 drehen soll, müssen wir einen Zahn zulegen und die weitere Vorgeschichte so rasend schnell abhandeln, dass sie vor Auslassungen und Ungenauigkeiten so strotzt wie ein Geschichtsbuch in Oklahoma.

Also, in den Südstaaten war es für die Schwarzen weiterhin ungemütlich. Zum Glück fanden die USA im Westen immer neues Land, das sie den Ureinwohnern wegnahmen. Nach Westen zogen nicht nur Weiße, sondern auch Schwarze und (unfreiwillig) aus dem Osten vertriebene Ureinwohner. Im Westen war das Leben auch nicht frei von rechtlicher und gesellschaftlicher Diskriminierung, aber dort konnten die Schwarzen Land bewirtschaften oder als Cowboys arbeiten.

Und stellenweise, also dort, wo die Weißen das Land für zu schlecht befanden und sich eine ausreichend starke schwarze Gemeinschaft zusammenfand, entstanden kleine Zentren schwarzer Geschäftstätigkeit. Eine dieser Gemeinden war der Stadtteil Greenwood in Tulsa, Oklahoma.

Nördlich der Bahnlinie gelegen, wurde das Viertel von der weißen Mehrheit in Tulsa abschätzig „Little Africa“ genannt. Dort blieben die Schwarzen unter sich, und mit der Zeit eröffneten sie eigene Geschäfte, zwei Kinos, zwei Zeitungen, Restaurants, Nachtclubs, Banken, etliche Kirchen, eine Bibliothek. Schwarze Anwälte, Ärzte, Buchhalter, Fotografen und andere Dienstleister siedelten sich an. Als Öl entdeckt wurde, waren auch Schwarze unter den Eigentümern von Bohrtürmen.

Aus „Little Africa“ war die „Black Wall Street“ geworden.

Und das war ein Problem für viele Weiße. Denn die Rassentrennung, in den USA bis in die 1960er Jahre in vielen Bundesstaaten Gesetz, basierte auf der Idee, dass Schwarze den Weißen geistig und moralisch unterlegen seien. Wenn Weiße sehen, dass Schwarze auch Anwälte und Lehrer werden, nach Öl bohren und diesen ganzen Kapitalismuszauber abziehen, dann wackelt das weiße Weltbild.

Und, alter Südstaatenspruch, „wenn das Weltbild wackelt, wird ein Schwarzer abgefackelt“. Der Ku-Klux-Klan war auch in Tulsa höchst aktiv. Immer wieder wurden Farbige misshandelt und getötet. Die Weißen waren auch scharf auf das Schwarzenviertel. Sie wollten die Grundstücke für ihre eigenen Geschäfte und die Schwarzen aus der Stadt drängen.

Übrigens, ich wollte schon lange erwähnen, dass wenn ich „Weiße“ schreibe, natürlich nicht alle Weißen meine. Sicher gab es darunter auch Nichtrassisten. Aber dann sehe ich solche Fotos, die als Postkarten gedruckt und verschickt wurden, wie Ansichtskarten von den Niagarafällen. Und dann finde ich passiven Nichtrassismus wieder ziemlich schwach. Manchmal muss man aktiv Antirassist sein.

Tulsa war im Mai 1921 ein Pulverfass.

Den Funken an die Lunte legten zwei unvorsichtige Teenager.

Am 30. Mai 1921 fuhr Dick Rowland, ein 19-jähriger, farbiger Schuhputzer mit dem Aufzug in das oberste Stockwerk eines Gebäudes, wo sich weit und breit die einzige Toilette befand, die Farbige benutzen durften. Der Aufzug wurde betrieben von Sarah Page, einer 17-jährigen Weißen. Irgendwas passierte. Oder auch nicht. Jedenfalls rannte Rowland aus dem Gebäude, Fräulein Page machte angeblich einen erschrockenen Eindruck, und eine Verkäuferin benachrichtigte die Polizei. Obwohl die Fahrstuhlschaffnerin aussagte, dass Rowland sie nur am Arm berührt habe und dass sie keine Anzeige erstatten wolle, wurde Rowland am nächsten Tag verhaftet und in eine Zelle im Gerichtsgebäude gebracht. (Seither steigen amerikanische Männer nicht mehr mit einer Frau in den gleichen Fahrstuhl.)

Am gleichen Tag, den 31. Mai 1921, erschien in der Nachmittagsausgabe der „Tulsa Tribune“ eine verzerrte Darstellung unter der Überschrift „Schnappt Euch den Neger, der das Mädchen im Fahrstuhl angegriffen hat“ und mit dem Hinweis auf den Aufenthaltsort Rowlands im Gerichtsgebäude.

Das brachte das Pulverfass zum Überlaufen.

Ein weißer Mob zog bewaffnet zum Gericht, um die Herausgabe des jungen Mannes zu fordern. Schwarze bewaffneten sich ebenfalls und zogen zum Gericht, um das Gebäude vor einer Erstürmung zu schützen. Die Situation war zum Zerbersten gespannt. Als ein Weißer einem Schwarzen die Waffe entwenden wollte, löste sich ein Schuss, und ab da war der Teufel los.

Es folgten 16 Stunden mit Schießereien, Gewalt, Plünderung, Brandstiftung.

Die Feuerwehr tat, wie das Protokoll bei Pogromen verlangt, nichts. Die Polizei verteilte Dienstmarken und Waffen an die weißen Plünderer. Bis zu 300 Menschen wurden erschossen, Tausende Farbige wurden interniert.

Erst die Nationalgarde, die am 1. Juni 1921 eintraf, konnte den weißen Mob unter Kontrolle bringen. Aber „Black Wall Street“, die erfolgreiche schwarze Gemeinde, war komplett zerstört.

Jetzt wäre das Land billig zu haben, hofften die weißen Bürger Tulsas. Doch die Schwarzen wollten ihr Viertel wieder aufbauen, obwohl ihnen allerhand Steine in den Weg gelegt wurden. Versicherungen zahlten nicht, weil es sich um „Rassenunruhen“ gehandelt habe. Dieses Wort, das heute noch manchmal gedankenlos in den Mund genommen wird, verschleiert, von wem die Gewalt ausgeht, wer die Opfer sind und dass ein Pogrom keine „Unruhe“ zwischen zwei Gruppen ist.

Der weiße Stadtrat veränderte die Bauleitplanung und die Bauvorschriften, um den Wiederaufbau zu erschweren. Staatliche Unterstützung für den Wiederaufbau erhielten nur wenige. Aber die „Black Wall Street“ entstand von Neuem.

Und niemand sprach mehr über das Massaker von 1921. Niemand wurde verurteilt. Kaum jemand erfuhr von den Gewalttaten, aber genauso wenig, und vielleicht ist das der wichtigere Aspekt, von „Black Wall Street“, von erfolgreichen schwarzen Geschäftsleuten. Denn erfolgreiche Schwarze, ja auch nur ebenbürtige Schwarze, das passte den Weißen nicht ins Konzept. Nicht nur in Tulsa.

Die fortgesetzte Diskriminierung erfolgte teilweise ganz offen, bei der Rassentrennung in Schulen, im öffentlichen Nahverkehr, in Restaurants, in Parks. Es gab Heiratsverbote zwischen Weiß und Schwarz, und vielen Schwarzen wurde das Wahlrecht verwehrt. Ersteres ist abgeschafft, letzteres wird noch immer versucht.

Auch das Strafrecht war eine beliebte Methode, die Sklaverei faktisch fortzusetzen. Schwarze wurden auf Basis banaler oder erfundener Vorwürfe zu Haftstrafen verurteilt und dann zur Zwangsarbeit an Baumwollplantagen, Sägewerke und Minen weitergereicht.

Aber, auch wenn es sich nicht so dramatisch anhört wie Sklaverei oder Zwangsarbeit, für die eingangs angesprochene Vermögensungleichheit zwischen Weißen und Schwarzen ist eine andere Form der Diskriminierung wahrscheinlich relevanter: der unterschiedliche Zugang zu Hypothekendarlehen, zu Bankkonten, zu Kreditkarten und anderen Finanz- und Versicherungsdienstleistungen.

Denn ein wesentlicher Grundstock der Vermögensbildung (nicht nur) in den USA ist Eigentum an Immobilien sowie das Erben derselben. Wer aus der Arbeiterklasse oder der Mittelschicht Immobilieneigentum erwerben will, benötigt dazu im Normalfall einen Kredit, der gewöhnlich durch eine Hypothek auf das Grundstück gesichert wird. In der Theorie richtet sich die Darlehensgewährung nach dem Einkommen der hausbauenden/-kaufenden Familie und dem Wert des Grundstücks bzw. den zu erwartenden Wertsteigerungen.

In der Praxis wurden während der Boomjahre nach dem Zweiten Weltkrieg und bis in die jüngste Zeit Stadtpläne in verschiedene Risikozonen eingeteilt, die entlang der alten Rassentrennungsgrenzen verliefen. So wurden überwiegend von Schwarzen und Latinos bewohnte Wohnviertel mit so einem hohen Risiko bewertet, dass der Staat keine Garantie für Hypotheken abgab, womit kaum eine Bank dort Darlehen vergab. (Sogenannte rote Zonen, deshalb der Begriff „Redlining“.)

Und das geschah selbst dann, wenn diese Viertel im Durchschnitt wohlhabender waren als manche weiße Viertel! Ärmere Weiße bekamen also leichter eine Hypothek als gutverdienende Farbige. Und weil Wohlstand fast automatisch zu mehr Wohlstand führt, werden die Weißen über die Generationen immer reicher, während die Schwarzen mit ihrem Einkommen nur die Vermieter reich machen. (Ja, natürlich gibt es Ausnahmen, aber die sind in den oben erwähnten Mittelwerten ja schon eingerechnet.)

Und jetzt kommt das Perfide: das Zusammenspiel von Rassismus und Kapitalismus.

Weil Zuzug von Farbigen in ein Viertel die Chance auf Hypotheken reduziert, sinken dadurch die Immobilienwerte in der Nachbarschaft. Die weißen Hauseigentümer und Immobilienmakler müssen also gar nicht rassistisch sein, sondern „nur“ aus rein finanziellem Interesse handeln, um schwarze Nachbarn abzulehnen. Das Ergebnis von früherem Rassismus wird durch die Marktwirtschaft perpetuiert, selbst wenn niemand mehr rassistisch motiviert handeln würde. (Was nicht der Fall ist, wie Verfahren aus dem Jahr 2015 zeigen.)

Und so ist auch diese Geschichte, obwohl sie vor 100 Jahren spielt, noch lange nicht vorbei.

Ach ja, letztes Jahr – 99 Jahre nach den Ereignissen – wurde die „Black Wall Street“ und der Pogrom endlich in den Lehrplan der Schulen in Oklahoma aufgenommen. Noch heute werden in Tulsa Massengräber von 1921 entdeckt. – Aber gut, Deutschland braucht ja auch mehr als 100 Jahre, um einen Völkermord anzuerkennen. Und mit der Anerkennung allein ist es nicht getan, denn auch in Namibia sind die gegenwärtigen Landbesitzverhältnisse die Fortschreibung des Kolonialismus.

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Autostöppeln, eine Odyssee mit 50 Ave Marias (Teil 3 von 3)

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Praktischerweise lest Ihr vor diesem Artikel Teil 1 und Teil 2 der Autostöppel-Odyssee.

Ihr erinnert Euch, ich hatte es nicht auf die Autobahn geschafft, die Sonne war untergegangen und ich stand ohne Plan B an einer kaum frequentierten Tankstelle außerhalb von Ulm.

Weiter geht’s:


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„Selber schuld“, „tut mir leid“ oder „nicht mein Problem“ würde jeder andere denken. Aber die Frau, die aussieht wie ein junges Mädchen, ist ernsthaft besorgt, auch weil sie selbst oft getrampt ist, wie sich herausstellt, und die Situation deshalb richtig einschätzt: „Du kannst hier nicht die ganze Nacht bleiben, hier kommt niemand mehr vorbei.“

„Wenn ich nach Hause fahren würde,“ fährt sie fort, „könntest du mit zu mir kommen. Aber ich bin auf dem Weg zu meinen Eltern, und wenn ich da einen fremden Mann mitbringe und sage, dass der für eine Nacht ein Bett braucht, …“

Ja, ich hatte mir vorgenommen, den ganzen Weg zu trampen. Aber nicht nur, um Geld zu sparen. Nicht nur wegen des Abenteuers. Sondern vor allem, um zu sehen – und darüber zu berichten -, dass es überall gute, hilfsbereite Menschen gibt. Und die habe ich getroffen. Es waren dumme Zufälle, die mich immer nur ein paar Kilometer voran brachten, die mich an unpassenden Stellen warten ließen, aber es mangelte nicht am guten Willen der Menschen.

„Eigentlich wollte ich es unbedingt per Anhalter schaffen,“ sage ich zu der jungen Frau, „aber ganz ehrlich: Wenn du mich zum Bahnhof in Ulm fahren könntest, das wäre auch lieb.“ Dann gebe ich eben auf und nehme den Zug nach Hause.

Sie fährt die 20 km Umweg, und erst im warmen Auto merke ich, wie kalt es schon geworden war. Das wäre eine ungemütliche, vielleicht sogar tödliche Nacht geworden. Gerettet hat mich eine junge Frau, die in ihrem Auto Kisten mit Marmeladengläsern umräumt, um Platz für mich und meinen Rucksack zu schaffen.

In Ulm zum Bahnhof zu finden, ist gar nicht so einfach. Ulm ist die reinste Unübersichtlichkeit. Die Stadt ist so miserabel geplant und ausgeführt, dass das Projekt einst aufgegeben und als Neu-Ulm „relaunched“ wurde. Ulm 2.0, sozusagen. Jetzt ist beides ein Konglomerat aus unübersichtlichen Auf- und Abfahrten, Baustellen und Sackgassen. Schrecklich zum Trampen.

Schließlich am Bahnhof angekommen, ist es 21:15 Uhr. Schnell in die Schalterhalle.

„Gibt es heute noch einen Zug nach Amberg?“

„Nein.“

„Nach Schwandorf vielleicht?“

„Nein.“

„Aber zumindest nach Nürnberg?“

„Nein.“

„Gibt es hier ein Hotel?“

„Sie können es nebenan im Intercity-Hotel versuchen.“

Dort sagt die Rezeptionistin, dass sie tatsächlich eine Menge Zimmer frei habe, aber nur für Passagiere der Deutschen Bahn, die einen Gutschein vorweisen können. Kann ich nicht.

Wenn der Zug verspätet ist, bekommt man also ein Zimmer. Wenn der Zug erst gar nicht fährt, bekommt man keins, obwohl Nichtfahren doch eigentlich den Gipfel der Verspätung darstellt. Aber die Rezeptionistin ist nicht offen für derlei Argumente. Sie hat Vorschriften, und die befolgt sie.

In einem zivilisierten Land würde sie jetzt sagen: „Ach, geben Sie mir 20 Euro. Sie müssen allerdings morgen um 8 Uhr weg sein, wenn die nächste Schicht zur Arbeit kommt.“

Aber Ulm ist keine zivilisierte Stadt, weswegen sie 1944 zurecht in Schutt und Asche gebombt wurde, was seither im fünfjährigen Abstand zu wiederholen leider versäumt wurde.

Auf der Suche nach einem wohnlichen Park ziehe ich durch die Stadt, doch so etwas gibt es hier nicht. Nur Beton und Hässlichkeit, Betrunkene und Haschischverkäufer.

Im Ibis-Hotel brennt noch Licht. Erneut versuche ich mein Glück und habe ebensolches: Der Nachtportier hier führt den Beruf nicht aus, weil er beim Finanzamt nicht genommen wurde, sondern weil er gerne Gäste hat.

„Haben Sie eine Bestätigung, dass Sie auf Geschäftsreise sind?“

Man braucht das zur Zeit, weil der Pandemiebekämpfungsplan touristische Übernachtungen verbietet.

„Ich bin auf der Rückreise von der Arbeit in der Schweiz und bin mangels Zugverbindung in Ulm hängengeblieben.“

„Haben Sie ein Auftragsschreiben oder so etwas?“

Eigentlich nicht. Also gar nicht, um ehrlich zu sein. Aber jetzt heißt es, kreativ statt ehrlich zu sein, sonst droht Obdachlosigkeit für eine Nacht.

„Ich schreibe Reisereportagen und war zu diesem Zweck in der Schweiz und am Bodensee, wo ich dann wegen des schönen Wetters länger in Friedrichshafen hängen blieb als geplant und deshalb …“

Der Rezeptionist scheint mir wohlgesonnen, hat aber kein Interesse an meiner ganzen Lebensgeschichte. Er schiebt mir einen Zettel und einen Stift zu und sagt: „Schreiben Sie mir das einfach kurz auf, so dass ich es zu den Unterlagen nehmen kann.“ Und fügt, als er mich schon mit Verve zu schreiben beginnen gesehen hat, hinzu: „Ein Satz genügt.“

Nur ein Satz? Das kann ich. Und so schreibe ich:

Sehr geehrte Damen und Herren des Ibis-Hotels in Ulm,

mein kurzfristiges, spontanes und ungeplantes Eintreffen in Ihrem hochgeschätzten Hotel begründet sich insofern mit geschäftlichen Gründen, als ich mich auf der Rückreise aus der Schweiz und vom Bodensee befinde, wo ich als selbständig tätiger Reiseschriftsteller für Reiseberichte recherchiert, beobachtet, fotografiert und geschrieben habe, was sich vor Fertigstellung des Ergebnisses naturgemäß nur schlecht und schon gar nicht in Form eines einfachen, eindeutigen, am besten noch amtlich abgestempelten Dokuments darlegen lässt,

und das ungeplante mit dem Ende des Tages und damit der Notwendigkeit für ein Bett und dem zugegeben etwas dekadenten Wunsch nach einer Dusche koinzidierende Ende der Tagesreise sich ohne jegliche Vorhersehbarkeit aus dem Mangel an sinnvollen Zugweiterreiseoptionen aus dieser verkehrstechnisch mit dem Rest der Republik nur rudimentär verbundenen Stadt ergibt,

was einem insbesondere negativ auffällt, wenn man eben aus der Schweiz kommt, wo selbst kleine Orte mit lustigen Namen wie Pfäffikon, Witzwil oder Tinizong über eine bis Mitternacht funktionierende perfekte öffentliche Verkehrsanbindung verfügen, was wieder einmal den deutschen Fokus auf den Bau von immer mehr Autostraßen, von denen man, wie ich heute erleben musste, auch nicht weg-, weiter- und insbesondere nicht dort hinkommt, wo man hin will, in Frage zu stellen geeignet wäre,

weswegen in gnädiger Erwartung Ihrer Entscheidung, in der Hoffnung auf Aufnahme in Ihrem Beherbergungsinstitut und mit Dankbarkeit, meinen Wunsch persönlich vortragen zu dürfen, untertänigst verbleibt:

Andreas Moser

„Sie sind wirklich Schriftsteller“, sagt er, als er das Blatt entgegennimmt, und wir beide lächeln unter der FFP2-Maske.

Und so habe ich mich mit einer dreisten Behauptung in die Pflicht gebracht, diese Geschichte tatsächlich aufzuschreiben und zu veröffentlichen, um somit im Nachhinein eine Notlüge zur Wahrheit werden zu lassen. Ich verkünde mit Freude, dass ich ohne Gewissensbisse und sogar mit freudigem Ausblick auf diese neue Karriere eingeschlafen bin.

Am nächsten Morgen finde ich endlich einen schönen Park in Ulm. Es ist der Alte Friedhof. Zwischen Grabsteinen und Denkmälern gönne ich mir ein Vagabundenbaguette.

Es scheint ein weiterer schöner Tag zu werden, denn die Hunde führen ihre Eigentümer, die Kinder ihre Eltern und die Altenpflegerinnen ihre Patienten aus der nahegelegenen Seniorenresidenz Elisa aus.

Hin- und hergerissen bin ich zwischen dem ursprünglichen Plan, dem Festhalten an diesem und dem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen einerseits, sowie andererseits der Nichtbegeisterung über die Vorstellung, diesen schönen Tag schon wieder sonnenbrandbekommend und davon abgesehen ergebnislos an einer Autobahnauffahrt zu verbringen, um am Abend einem Repräsentanten des Hotelgewerbes in einem kurzen Satz wie diesem mein Unterfangen und meine Unterbringungsberechtigung darlegen und mein Schicksal in dessen literaturkritische Hände legen zu müssen. Hin- und hergerissen zwischen thomasmannschen Syntaxmäanderungen, die in ihrer erratisch scheinenden Ziellosigkeit meinen Zufallsbewegungen auf der Landstraße gleichen, die jedoch, auch das eine passende Metapher, schließlich doch immer punktgenau auf denselben beziehungsweise ins Ziel kommen, und dem knappen journalistischen Stil andererseits.

So oder so, Schreiben benötigt Material, und das Material liegt auf der Straße. Gut, auch der Schienenstrang kann Material abgeben, aber den Regionalzügen von Ulm nach Amberg traue ich nicht die gleiche Fruchtbarkeit zu wie einer eisenbahnlichen Kanada-Durchquerung oder dem Orient-Express.

Also entscheide ich schweren Herzens und den Leserinnen und Lesern zuliebe, es noch einmal mit dem Daumen zu versuchen. Etwa 10 km nördlich von Ulm liegt eine andere Autobahnauffahrt als die, die gestern mein Unglück bedeutete. Ich mache mich zu Fuß auf den langen Weg dorthin, aber halte immer den Daumen raus, wenn ein Auto kommt. Ein junger Mann fährt zuerst an mir vorbei, kehrt dann aber um und kommt zurück, um mich aufzulesen. Er fährt die ganze Strecke zur Autobahn, super!

Während der Fahrt unterhalten wir uns hauptsächlich über Reisen nach Israel und Jordanien, über die Vor- und Nachteile von Festanstellung versus Selbständigkeit, aber zum Glück auch über das Ziel meiner Fahrt.

„Na, dann kann ich dich auch bis nach Heidenheim mitnehmen.“ Von Jesusjüngern nach Heidenheim, das freut den Alliterationsautor.

Auch hier steige ich an der Autobahnauffahrt aus. Dass Heidenheim und damit der nächste Bahnhof 6 km entfernt sind, beunruhigt den jungen Mann so sehr, dass er mir seine Telefonnummer gibt: „Ruf an, wenn du von hier nicht wegkommst. Dann hole ich dich ab.“

Er hätte sich keine Sorgen machen müssen, denn hier hält ein Auto nach dem anderen. Schönes Wetter und entspannter Sonntag versetzen die Menschen in gute Laune. Die ersten Angebote fahren nicht weit genug. Diesmal will ich etwas wählerischer sein, als in der Pampa mit unverständlichem Dialekt zu enden.

Bald nimmt mich ein Paar auf dem Weg nach Erfurt mit. Sie schwärmen so von der diesjährigen Bundesgartenschau, dass ich am liebsten mitkäme.

Aber dem Plan entsprechend lasse ich mich an der Raststätte Ellwanger Berge aussetzen. Endlich eine riesige Autobahnraststätte, mit Hunderten von Autos aus allen Richtungen. Ab jetzt wird der Verkehrsfluss flutschen.

Denke ich.

Aber die Raststätte sieht aus wie zur Erdölkrise 1973. Das einzige, was hier aktiv ist, ist die Sonne, wie wenn sie beweisen will, dass Petroleum tatsächlich obsolet wird.

Ein paar Trucks lungern herum, aber die dürfen am Sonntag nicht fahren. Ein paar Rentner picknicken, aber schenken mir weder Wurstbrot, noch Aufmerksamkeit. Ein paar Jungs putzen ihre Autos, aber Autofetischisten nehmen nie jemanden mit.

Nur ein junges Paar spricht mich an: „Wo musst du hin?“

„Auf die A6 Richtung Ansbach, Nürnberg, Amberg.“

„Wir fahren nur nach Rothenburg, tut uns leid.“

Die beiden gehen in die Raststätte, um Kaffee zu tanken, was mir ein paar Minuten zum Nachdenken gibt. Das ist gut, denn Spontanität will gut überlegt sein. Als sie wieder herauskommen, fange ich sie ab:

„Wisst Ihr was? Wenn Ihr mich mitnehmt, werfe ich meinen Plan über den Haufen. Schließlich will die ganze Welt nach Rothenburg, und endlich habe ich die Chance dazu.“ Falls es der eine oder die andere noch nicht gehört haben sollte: Rothenburg ob der Tauber ist die schönste Stadt Deutschlands.

Heiko und Saskia machen Platz im Auto und wir unterhalten uns über Archäologie, über die Neumayer-Station in der Antarktis (einer ihrer Arbeitskollegen arbeitet dort für ein Jahr als Arzt und will am liebsten gar nicht mehr weg) und über Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg, die man in dieser Gegend noch immer findet, wenn man ein Haus baut.

Ein bisschen bebombt im Zweiten Weltkrieg wurde auch Rothenburg, wenn auch nur aus Zufall, weil das Öllager in Ebrach am 31. März 1945 wolkenverhangen war und sich unter diesem Vorwand weigerte, das Bombenpaket in Empfang zu nehmen. Irgendwo mussten die Bomben aber hin. Und in einer Stadt, wo 83% die NSDAP wählten, hat es sicher keine falschen getroffen. Ganz im Ernst, liebe Rothenburger: Man darf nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Wenn Deutschland im März 1945 nicht mehr bombardiert werden wollte, hätte es halt früher kapitulieren müssen.

Jetzt sieht aber alles wieder hübsch aus, wie eine Stadt aus den Grimmschen Märchen. Genau so wie man sich Deutschland in der Welt vorstellt. Es wird Euch nicht überraschen, dass Deutschland nicht überall so aussieht, aber ein paar so Städtchen gibt es doch: Dinkelsbühl, Landsberg am Lech, Beilstein an der Mosel, Hornburg, Tecklenburg und eben Rothenburg ob der Tauber, um nur ein paar zu nennen.

Ich sitze im relativ ruhigen Burggarten, blicke auf die Stadtmauer und das Taubertal, und schreibe über die Nachfahren der Piloten von einst, die jetzt mit Bussen statt mit Bombern kommen und Banknoten statt Bomben dalassen. Während ich mich an meinen alliterativen Assoziationen labe, spricht mich ein junger Mann an, der auf der Burgmauer sitzt und so gar nicht wie ein Tourist, sondern wie ein tiefenentspannter Tagträumer aussieht.

„Entschuldigen Sie, darf ich fragen, worüber Sie schreiben?“

Klar, gerne, und so kommen wir ins Gespräch. Timo ist ein taiwanesischer Taoist, und ich schwöre, ich habe das nicht wegen der Alliteration erfunden. Aus Sorge um meine ungesunde Ernährung (er hat mich beim Rauchen beobachtet) schenkt er mir einen großen Apfel, und weil er selbst auch einen isst, glaube ich trotz der Märchenkulisse nicht an einen Schneewitchenvergiftungsplan.

Wir sprechen über Spontanität, übers Trampen natürlich, über die Unbill der Erwerbsarbeit, den Traumberuf Landstreicher, über Indien, über Paraguay, fernöstliche Spiritualitäten, neuro-linguistisches Programmieren, Schwertkampf, die Vorzüge von Merinowolle sowie über Worldbuilding (was ich gar nicht kann) und das Schreiben generell (das geht schon besser).

Es kommt wie es kommen muss, und wir verquatschen uns, bis außer uns niemand mehr im Burgpark und in der untergehenden Sonne sitzt. Eine Stadt, die hauptsächlich vom Tagestourismus lebt, hat man abends fast für sich allein. Nur ein paar Rothenburger im Unterhemd und mit Bierflasche in der Hand trauen sich jetzt raus. Wenn die Fotografen weg sind, muss man nicht mehr auf Disneyland machen.

Um die von uns hochgehaltene Spontanität zu zelebrieren, würde mich Timo eigentlich nach Hause einladen. Aber solange er noch kein eigenes Kloster hat, wohnt er bei den Eltern in Schwäbisch Hall, das eigentlich auch auf die obige Liste der pittoresken Städte gehört.

Trampend komme ich heute nicht mehr nach Hause, das ist klar, also haste ich durch die leere Altstadt zum hässlichsten Bahnhof der hübschesten Stadt Deutschlands. Auf den zweieinhalb Stunden Zugfahrt lerne ich niemanden kennen, keine interessanten Gespräche, gar nichts. Reisen kann so langweilig sein, wenn man es nicht richtig macht.

Praktische Tipps:

  • Wenn Ihr schneller voran kommen wollt, hilft ein bisschen Planung. So hätte ich mich in St. Gallen an einem besseren Ort absetzen lassen können. Und am deutschen Ufer des Bodensees wäre ich besser nach Lindau getrampt, wo die A96 beginnt. Aber Schnelligkeit ist nicht alles.
  • Die Kosten für Bus, Fähre, Hotel und Zugticket lagen zusammen immer noch unter dem, was mich eine Zugfahrt für die ganze Strecke gekostet hätte. Aber natürlich wäre es schlauer gewesen, auf etwa halber Strecke eine Unterkunft, z.B. über Couchsurfing, zu organisieren.
  • Je früher am Tag Ihr startet, umso besser.
  • Folgende Städte sind definitiv einen Besuch wert: Friedrichshafen, Bad Waldsee und Rothenburg ob der Tauber.

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Der Antagonismus zwischen Arbeitsamt und Auslandsaufenthalt

Aufmerksamen Lesern wird nicht entgangen sein, dass ich trotz meiner Weltreisen knapp bei Kasse bin. Zu zeigen, dass Reisen nicht viel kosten muss, ist ja gerade eines der Hauptanliegen dieses Blogs. Das kann ich nur glaubwürdig vertreten, wenn ich selbst unterhalb der Armutsgrenze lebe.

Bei mir ist die Situation so prekär, dass ich mir jahrelang nicht einmal eine Krankenversicherung leisten konnte. Das ist blöd, wenn sich die Weisheitszähne entzünden oder Nierenkoliken bemerkbar machen (alles er- und überlebt). Endgültig zu blöd wurde es mir im Januar 2020, als Vorausschauende schon erkannten, dass Covid-19 die Welt für ein paar Jahre in Atem halten würde.

Also bemühte ich mich um Wiederaufnahme in die hochgeschätzte gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland, was gar nicht so einfach ist, wenn man die letzten zehn Jahre im Ausland gewohnt hat. Aber dafür ist es sehr aufschlussreich: Bei einem Monatseinkommen von 250 € muss man davon 185 € Krankenkassenbeitrag zahlen. (Bei einem Einkommen von 150 € oder auch 0 € kostet es absurderweise ebenfalls 185 €.) Kann man das nicht bezahlen, fallen zusätzlich Säumnisgebühren, Rückstandzuschläge u.s.w. an. Da eine Krankenversicherung bei Wohnsitz in Deutschland verpflichtend ist (§ 193 III 1 VVG), befindet man sich ein einem unauflösbaren Zwiespalt zwischen juristischen und mathematischen Gesetzen.

Mit Mathematik kenne ich mich nicht aus, mit Jura schon, also wälzte ich ein paar Nächte lang Gesetze, während der Rest der Bevölkerung sich mit Toilettenpapier und Nudeln eindeckte. Ich fand zwei Lösungen:

  • Zum einen gibt es die Künstersozialkasse, die eine günstigere Krankenversicherung anbietet, wenn man Künstler ist. Nun ja, Lebenskünstler bin ich, aber das meinen die nicht. Schreiben kann ich, aber die Künstlersozialkasse verlangt, dass ich damit Geld verdiene, weshalb ich seither regelmäßig um Spenden betteln muss. Das ist nervig, aber so verlangt es das Gesetz.
  • Während das Aufnahmeverfahren bei der Künstlersozialkasse lief, blieb mir keine andere Möglichkeit, als Arbeitslosengeld II zu beantragen. Das ist das, was die älteren von Euch als Sozialhilfe, die jüngeren als Hartz IV kennen.

Also ging ich zum Arbeitsamt, das in Amberg, vielleicht weil Bayern einst unter US-amerikanischer Besatzung stand, „Jobcenter“ heißt. Die Leute dort waren überwiegend nett und hilfsbereit, aber etwas verdutzt, dass jemand kein Geld, sondern nur eine Krankenversicherung wollte.

„Das geht nicht.“

„Ich brauche aber nicht mehr Geld. Ich komme mit ein paar hundert Euro im Monat ganz gut über die Runden.“

„Wenn Sie keine Leistungen beziehen, bekommen Sie keine Krankenversicherung.“

„Kann ich einfach ein höheres Einkommen angeben, so dass ich nur ganz geringe Leistungen erhalte?“

Verdutzte Blicke bei den Sachbearbeitern.

Ich hab es dann einfach so gemacht, denn Eigeninitiative war, so glaube ich mich zu erinnern, eines der Ziele der Hartz-Reformen.

Wie gesagt, die Leute bei der Arbeitsagentur sind eigentlich ganz nett. Aber eine schreckliche Obsession haben sie: Sie wollen, dass man sich nicht unerlaubt vom Wohnort entfernt, erlauben es aber auch nicht, wenn man um Erlaubnis bittet. Ehrlich, man kann mit den Leuten vom Jobcenter über alles diskutieren, aber wenn man mal eine Nacht außer Haus verbringen will, dann reagieren sie, wie wenn sie einem Klosterinternat vorstünden.

Das Ganze ist, wie so vieles im heutigen Kapitalismus, eine nur wenig verbrämte Fortschreibung des Mittelalters. Wer arm war, sollte abhängig und auf der ihm zugewiesenen Scholle bleiben. Der Rest der Welt war ihm versperrt, außer der Grundherr stimmte zu, was eigentlich nur zum Verheizen im Krieg geschah. – Für Arme ist der Unterschied zwischen Mittelalter und heute gar nicht so gravierend, nur dass mittlerweile auch Paketdienste, Schlachthöfe und Pflegeheime die Menschen verheizen.

Nun bin ich bekanntlich kein Freund von Nationalismus, Patriotismus, Heimatliebe oder anderer Beschränktheit auf ein Stück Boden. Die Welt ist groß und interessant, und ich bin frei und neugierig. Als sich im März 2020 die Corona-Pandemie unaufhaltsam nach Mitteleuropa vorarbeitete, floh und flog ich deshalb auf die Azoren.

Meine Offenheit, dies dem Arbeitsamt durch regelmäßige Blogberichte (und die Übersendung meiner Kontoauszüge) mitzuteilen, wurde dort nicht geschätzt, sondern zum Anlass genommen, mir für die drei Monate nachträglich alle Leistungen – und damit den Krankenversicherungsschutz – zu streichen.

Gegen diese Bescheide legte ich am 29. Oktober 2020 Widerspruch ein, dem am 12. Mai 2021 – mithin nur ein bisschen mehr als ein halbes Jahr später – „in vollem Umfang entsprochen“ wurde.

Weil juristische Themen bei einer kleinen Teilmenge meiner Fangruppe auf reges Interesse stoßen, und weil ich finde, dass die Mühe, die ich liebevoll in den Schriftsatz investiert habe, nicht umsonst gewesen sein soll, veröffentliche ich nachfolgend mein Widerspruchsschreiben.

Zwar sind meine Situation und die Corona-Lage nicht verallgemeinerungsfähig, aber vielleicht hilft es dem einen oder anderen, der das Joch der ständigen und sinnlosen Ortsanwesenheitspflicht im SGB II abwerfen will. Außerdem will ich aufzeigen, wie schwierig es für Nichtjuristen ist, sich gegen Kürzungsbescheide des Arbeitsamtes erfolgreich zur Wehr zu setzen, egal wie falsch oder gar rechtswidrig die Bescheide sind.


An das

Jobcenter Amberg

29. Oktober 2020

Widerspruch gegen Bescheide vom 6. Oktober 2020

Sehr geehrte Frau U.,

sehr geehrter Herr H.,

gegen die drei Bescheide vom 6. Oktober 2020, namentlich

  • den Ablehnungsbescheid mit Ihrem Az. 709,
  • die abschließende Bewilligung von Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts mit Ihrem Az. 709, und
  • die Erstattung von Leistungen bei endgültiger Festsetzung des Leistungsanspruches, Ihr Az. 709.3-743D190600,

die mir am 10. Oktober 2020 zugingen, lege ich innerhalb der Monatsfrist des § 84 I 1 SGG Widerspruch ein, den ich wie folgt beschränke und begründe:

I. Beschränkung und Ziel des Widerspruchs

1.

Mein Widerspruch beschränkt sich auf die Ablehnung von Leistungen ab dem 6. März 2020 wegen der angeblichen Verlegung meines gewöhnlichen Aufenthalts außerhalb der Bundesrepublik Deutschland (so die Formulierung im Ablehnungsbescheid und in dem Schreiben über die Erstattung von Leistungen) bzw. weil ich mich vom 6. März 2020 nicht im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland aufgehalten habe (so die nicht auf den gewöhnlichen Aufenthalt rekurrierende Formulierung in dem Schreiben über die abschließende Bewilligung von Leistungen).

2.

Der Widerspruch richtet sich ausdrücklich nicht gegen die Kürzung von Leistungen, weil meine Einnahmen höher als erwartet ausfielen, und nicht gegen die Aufrechnung des Erstattungsbetrages mit zukünftigen Leistungen.

3.

Wie ich schon bei der Antragstellung im Februar 2020 erläutert hatte, geht es mir weniger um die Gewährung von ALG 2 als vielmehr um die Übernahme der Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung, die meine eigenen finanziellen Mittel in den meisten Monaten übersteigen. Ausweislich S. 2 des Ablehnungsbescheids verliere ich durch die Versagung von ALG 2 nachträglich die Krankenversicherung, was in mir nicht nur die Angst vor Rückforderungen der Krankenkasse, sondern auch vor damit zusammenhängender weiterer Bürokratie weckt.

Dass es mir nicht um höhere direkte Zahlungen an mich geht, vermögen Sie daraus zu ersehen, dass ich in dem von Ihnen aus der Berechnung herausgenommenen Monat April 2020 weit überdurchschnittlich und jenseits jeder Bedarfsgrenze verdient habe, so dass die Einbeziehung der von Ihnen herausgerechneten Monate bzw. Wochen vom 6. März 2020 bis zum 17. Juni 2020 sich womöglich, was ich nicht vorab zu berechnen imstande war, finanziell zu meinen Lasten auswirken könnte, wobei dies nicht nur diesen schon langsam an die Grenzen der Verständlichkeit geratenden Satz, sondern auch das Widerspruchsverfahren durch die zusätzlich Pflicht der Berücksichtigung des Verbots der reformatio in peius, an das hier – ohne auf die ins Uferlose führenden Einzelheiten dieses Rechtsgrundsatzes einzugehen – erinnert sei, verkomplizieren würde.

4.

Zweites Ziel dieses Widerspruchs ist, klarzustellen, ob mein Antrag auf ALG 2 nur für den Zeitraum vom 6. März 2020 bis zum 17. Juni 2020 abgelehnt wurde (wie es im Schreiben zur abschließenden Bewilligung steht) oder ob ab dem 6. März 2020 ohne weitere zeitliche Beschränkung alle Leistungen versagt werden (wie es im Ablehnungsbescheid sowie im Schreiben über die Erstattung von Leistungen steht). Die in den beiden letztgenannten Bescheiden verwendete Formulierung “weil Sie ab dem 06.03.2020 Ihren gewöhnlichen Aufenthalt außerhalb der Bundesrepublik Deutschland haben” ließ mich diesbezüglich stutzig werden, insbesondere weil die Bescheide vom 6. Oktober 2020 stammen, obwohl ich bereits Mitte Juni 2020 nach Deutschland zurückgekehrt bin.

5.

Zuletzt erhoffe ich mir von dem Widerspruchsverfahren klare Kriterien, was wann warum einen “gewöhnlichen Aufenthalt” darstellt, da sich aufgrund meiner Tätigkeit als (unter anderem) Reiseblogger Reisen und Auslandsaufenthalte nicht vermeiden lassen und auch in Zukunft vorkommen werden. 

II. Begründung des Widerspruchs

1.

Nach Nr. 1.1 (1) der Fachlichen Weisungen der Bundesagentur für Arbeit zu § 7 SGB II ist “grundsätzlich […] davon auszugehen, dass am angemeldeten Wohnsitz auch der gewöhnliche Aufenthalt begründet wird”. Auch § 30 I SGB I, auf den § 7 I 1 Nr. 4 SGB II Bezug nimmt (so ausdrücklich Nr. 1.1 (1) der Fachlichen Weisungen zu § 7 SGB II) legt durch die Formulierung “Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt” nahe, dass ein Wohnsitz für die Anwendung der deutschen Sozialgesetzbücher ausreicht.

2.

Ich hatte während meines temporären und von Anfang an temporär angelegten Aufenthalts auf den Azoren meinen Wohnsitz in Ammerthal rechtlich und faktisch beibehalten.

a) Ich bin während der gesamten Reise in Ammerthal gemeldet geblieben.

b) Ich habe das Zimmer, das ich in Ammerthal bewohne, behalten, und zwar samt der kompletten Einrichtung, inklusive Bücher, Unterlagen, Dokumente, Kleidung. Ich habe nichts eingelagert oder nach Portugal verschifft. Ich habe nichts verkauft. Es blieb bei meiner Abreise einfach alles so, wie wenn ich kurz auf einen Ausflug gehen würde.

c) Ich habe keinen Nachsendeauftrag gestellt, mein deutsches Konto nicht gekündigt, mich bei niemandem verabschiedet und auch sonstwie weder objektiv noch subjektiv zu erkennen gegeben, dass ich etwas anderes als eine kurze Reise vorhabe.

d) Ich habe weiterhin für deutsche Kunden als Übersetzer gearbeitet, habe Rechnungen auf mein deutsches Konto ausgestellt und gehe davon aus, für die fraglichen Monate in Deutschland steuerpflichtig zu sein.

3.

Ab Februar 2020 war klar, dass das Coronavirus eine ernsthafte Bedrohung darstellte, die spätestens am 5. März 2020 den Landkreis Amberg-Sulzbach erreichte. Von einem Ehepaar auf der Insel Faial hatte ich die Einladung erhalten, dort als unbezahlter Housesitter auf ihr Haus und auf die Katzen aufzupassen. Eine weit entfernte und nicht allzu bevölkerte Insel kam mir angesichts der bedrohlich heranrollenden Pandemie wie gerufen.

Da ich meinen Computer mitnehmen und auf Faial meine Arbeit als Übersetzer und Blogger wie in Ammerthal verrichten konnte und da das Jobcenter für persönliche Vorsprache auf absehbare Zeit geschlossen wurde, erschien mir das kein Problem.

4.

Die Reise auf die Azoren diente gleichzeitig der Recherche für Reisegeschichten, die ich bereits teilweise auf meinem Blog veröffentlicht habe.

5.

Die Begründung eines gewöhnlichen Aufenthalts im Sinne von § 7 I 1 Nr. 4 SGB II erfordert ein zeitliches Element, den Willen als subjektives Element und die objektiven Gegebenheiten. Entscheidend ist dabei eine vorausschauende Betrachtung künftiger Entwicklungen (Knickrehm/Kreikebohm/Waltermann, Kommentar zum Sozialrecht, 4. Auflage 2015, § 7 SGB II Rn. 4). Deshalb führen Auslandsreisen und andere Auslandsaufenthalte nicht automatisch zum Ausschluss von der Leistungsberechtigung (Knickrehm/Kreikebohm/Waltermann a.a.O.). Bei vorausschauender Betrachtung kann auch während eines Auslandsaufenthalts das Inland weiterhin Lebensmittelpunkt bleiben (Knickrehm/Kreikebohm/Waltermann a.a.O.). Dies kann sogar bei mehrjähriger Abwesenheit aus der Bundesrepublik Deutschland gelten (Mrozynski, SGB I, 2. Auflage 1995, § 30 Rn. 19). 

Entscheidend ist die Prognose, ob ich – aus damaliger Sicht – nicht nur vorübergehend auf den Azoren verweilen wollte, wobei alle subjektiven und objektiven Umstände zu würdigen sind (Mrozynski § 30 Rn. 20).

Eine Verlegung des gewöhnlichen Aufenthalts fand nur statt, wenn die Prognose aus damaliger Sicht ergibt, dass mein Aufenthalt auf Faial von Dauer sein würde (Knickrehm/Kreikebohm/Waltermann, § 30 SGB I Rn. 6). “Dauerhaft ist ein Aufenthalt, wenn und solange er nicht auf Beendigung angelegt und daher ‘zukunftsoffen’ ist”, meint das Bundessozialgericht (zitiert nach Knickrehm/Kreikebohm/Waltermann a.a.O.).

6.

Unter Anwendung dieser Maßstäbe und unter Berücksichtigung der nachfolgend aufgeführten Details zu meiner Reise dürfte sich herausstellen, dass mein Aufenthalt auf Faial keinen gewöhnlichen Aufenthalt auf jener Insel begründete, sondern, ganz im Gegentum, ein höchst ungewöhnlicher Aufenthalt war.

7.

Sowohl subjektive als auch objektive Elemente sprechen dagegen, dass ich für unbestimmte Zeit, dauerhaft oder, wie es das Bundessozialgericht ausdrückt, “zukunftsoffen” auf Faial bleiben wollte:

a) Ich verreiste mit nur einem Rucksack und ließ den allergrößten Teil meines Besitzes, inklusive meiner Bibliothek sowie aller wichtiger Unterlagen (bis auf den Personalausweis) in Ammerthal zurück. Ich nahm nicht einmal meinen Reisepass mit, weil ich wusste, dass ich bald wieder nach Deutschland zurückkehren würde. Wenn ich die Azoren zu meinem Lebensmittelpunkt auserkoren hätte, so hätte ich ganz bestimmt meinen Reisepass mitgenommen, um von dort, wenn man schon auf halber Strecke ist, mal wieder nach Nord- oder Südamerika zu reisen. Wenn ich einen längeren Aufenthalt geplant hätte, so hätte ich auch viel mehr als nur drei oder vier Bücher mitgenommen.

b) Ich nahm in Portugal keine Anmeldung vor, bemühte mich nicht um eine portugiesische Krankenversicherung, bemühte mich um keine Arbeit vor Ort, besorgte mir keine portugiesische Telefonnummer, eröffnete kein portugiesisches Bankkonto.

c) Ich lernte nicht einmal Portugiesisch, weil immer klar war, dass ich bald wieder nach Deutschland zurückkehren würde.

d) Auch während der Zeit in Portugal arbeitete ich weiter für bestehende Kunden in Deutschland und betrieb meinen Blog auf Deutsch und auf Englisch. Ich entfaltete keinerlei wirtschaftliche Tätigkeiten in Portugal, für portugiesische Kunden oder auf Portugiesisch.

e) Außerdem wäre es unmöglich gewesen, länger oder gar zukunftsoffen auf Faial zu bleiben, weil ich dort keine eigene Unterkunft hatte. Ich lebte in dem Haus einer befreundeten Familie als temporärer Gast, um während deren Abwesenheit auf die Katzen aufzupassen. Bei der Rückkehr der Hauseigentümer musste ich abreisen. Das ist Besuch, kein gewöhnlicher Aufenthalt.

8.

Nun geschah es aber zu jener Zeit, noch im März 2020, dass die Regierung der Azoren eine ganz strenge Quarantäne verhängte. Jeglicher Flug- und Fährverkehr von den Inseln, auf die Inseln und sogar zwischen den Inseln wurde unterbunden. Die Azoren waren von der Außenwelt abgeschnitten (was sich in einem relativ kontrollierten Infektionsgeschehen niederschlug).

So kam ich nicht mehr wie geplant nach Deutschland.

Es war im März, im April, im Mai und bis Mitte Juni 2020 einfach physisch unmöglich, die Insel Faial zu verlassen. Das war von mir weder so geplant, noch vorhersehbar gewesen. Ja, ich würde sogar sagen, dass es überhaupt niemand vorhersehen konnte. So eine Ausnahmesituation, die es seit Menschengedenken nicht mehr gab, auf einer kleinen Insel 1500 km vom Festland entfernt festzusitzen, das ist doch kein “gewöhnlicher” Aufenthalt. Ganz im Gegentum: Viel ungewöhnlicher ist kaum vorstellbar.

Ich traue mich wetten, dass dies unter all den Kundinnen und Kunden Ihrer geschätzten Einrichtung eine der ungewöhnlichsten Geschichten ist.

Die Lage war so un- und außergewöhnlich, dass andere Leute daraus einen Roman wie “Robinson Crusoe” oder einen Film wie “Cast Away” gemacht hätten. Auch meine Verzweiflung und mein Schiffbrüchigenbart wuchsen von Tag zu Tag, wie bei den bekannteren auf einer Insel gestrandeten Kollegen, bei denen ich mir gar nicht ausmalen möchte, wie jene reagieren würden, wenn ihnen eine Behörde vorwürfe, ihr Aufenthalt sei ein “gewöhnlicher” gewesen.

9.

Aber ich war mir, und das ist ein weiterer Beleg für meine fortgesetzten Bindungen an die Bundesrepublik Deutschland, meiner Verpflichtung und Obliegenheit gegenüber der Agentur für Arbeit stets bewusst.

Deshalb habe ich am 18. März 2020 die Deutsche Botschaft in Lissabon kontaktiert, um für den Fall von Evakuierungsflügen berücksichtigt zu werden.

Anlage: Bestätigung der Deutschen Botschaft Lissabon vom 18. März 2020

Wie Sie dieser E-Mail entnehmen können, wurde ich von der Deutschen Botschaft als Urlauber (“Kurzzeitaufenthalt”) in die Liste aufgenommen, nicht als Auslandsdeutscher mit Wohnsitz oder gewöhnlichem Aufenthalt in Portugal.

Das Auswärtige Amt organisierte aus Portugal jedoch keine Flüge. Private Reiseveranstalter führten nur Evakuierungen aus Madeira, nicht jedoch aus den Azoren (und erst recht nicht von einer der kleineren Inseln wie Faial) durch.

Anlage: E-Mail der Deutschen Botschaft vom 19. März 2020

Der kommerzielle portugiesische Flugverkehr und die Fährschiffe (die sowieso nur zwischen den Inseln und nicht bis nach Europa fahren) waren, wie erwähnt, eingestellt. Nach Faial kam lediglich einmal in der Woche ein Frachtschiff, das Lebensmittel, Bier und Toilettenpapier brachte. Die Insulaner melkten Kühe, machten Käse und fingen Fische und teilten die so gewonnene Nahrung großzügig mit mir, dem mit zwei für derartige Unternehmungen viel zu linken Händen ausgestatteten Besucher. 

Ich weiß nicht, wer sich willentlich und auf Dauer auf so eine Situation einließe, wie es die Definition des gewöhnlichen Aufenthalts erfordern würde. Naturgemäß gibt es seit dem Ende der Pestepidemien keine Rechtsprechung des Bundessozialgerichts mehr zu ähnlich gelagerten Fällen, doch kann ich mir nicht vorstellen, dass wegen weltweiter Seuchengefahr unfreiwillig und mit ungewissem Ausgang verlängerte Reisen, die man, so sehr man es auch möchte, nicht abbrechen kann, als “gewöhnlicher Aufenthalt” angesehen würden. 

10.

Ich verfolgte die Nachrichten und insbesondere die Mitteilungen auf der Website der Fluglinie SATA, die immer auf den jeweils folgenden Monat vertröstete. Ich e-mailte hin und her, Flüge wurden gebucht, storniert umgebucht, ausgesetzt, geändert, aber eigentlich waren alles Luftbuchungen, denn die Flugzeuge blieben auf dem Boden. 

Ich hatte SATA mehrfach mitgeteilt, dass ich gerne den erstmöglichen Flug nach Lissabon nehmen würde. (Von dort würde ich schon irgendwie nach Deutschland kommen, dachte ich mir damals noch, reichlich naiv und die auf dem Kontinent bestehenden Reisebeschränkungen nicht berücksichtigend.)

Auch dadurch wird deutlich, dass mein Aufenthalt auf Faial nicht auf Dauer angelegt war, in dieser Länge nicht freiwillig war, und dass ich dort weder Wohnsitz noch einen gewöhnlichen Aufenthalt begründen wollte.

Aber der erste mögliche Flug ging erst am 9. Juni 2020.

Ich hatte in jener Zeit unzähligen Schriftverkehr mit SATA, den ich nicht allen aufgehoben habe. Aber ich lege in Anlage einen E-Mail-Verkehr vom 24. Mai 2020 bis zum 11. Juni 2020 bei, aus dem das damalige Chaos sowie mein konsistenter Wunsch auf baldmöglichste Rückkehr auf den Kontinent deutlich werden.

11.

Aber das Chaos war noch nicht zu Ende, als ich am 9. Juni 2020 im Flugzeug saß: Schon während wir in der Luft waren, erfolgte eine Durchsage, dass die Regierung Portugals dem Flugzeug keine Landeerlaubnis erteilen würde. Anscheinend gab es damals Kompetenzkonflikte zwischen der Zentralregierung in Lissabon und der Regierung der Autonomen Region der Azoren. Das Flugzeug musste auf São Miguel, einer anderen Azoreninsel, notlanden, wo ich eine weitere Woche gefangen war und langsam aber sicher den Spaß an dieser Odyssee verlor, nicht zuletzt wegen der ständig steigenden Kosten für Umbuchungen und Stornierungen für die Weiterreise von Lissabon nach Deutschland.

12.

Der erste Flug von São Miguel nach Lissabon ging am 15. Juni 2020. Dort musste ich noch bis zum 18. Juni 2020 warten, bis ein leider sehr teurer Flug nach München ging. Aber ich hatte dann echt keine Nerven mehr, per Anhalter über etliche gesperrte Grenzen zu reisen. Auch der internationale Zugverkehr war in Portugal und Spanien komplett deaktiviert.

13.

Wenn Sie diese gesamte Reise als gewöhnlichen Aufenthalt ansehen, so ergeben sich daraus einige Fragen:

a) War der Aufenthalt in Lissabon für wenige Tage (sowohl bei der Hin- als auch bei der Rückreise) Teil des gewöhnlichen Aufenthalts? Ich denke, das ist offensichtlich nicht der Fall, weil ich dort nur wenige Tage festhing, bis die Weiterreise stattfinden konnte. 

b) Vor der Ankunft auf Faial war ich eine Woche auf Pico unterwegs, wieder zur Recherche für Reisegeschichten. Dort hatte ich von Anfang an nur ein Bett in der Jugendherberge für eine Woche gebucht. Ein von Anfang an auf eine Woche begrenzter Aufenthalt kann eigentlich keinen gewöhnlichen Aufenthalt begründen und müsste daher herausgerechnet werden.

c) Falls Sie trotz allem davon ausgehen, dass ich auf Faial einen gewöhnlichen Aufenthalt begründet hatte, stellt sich die Frage, wann dieser endete: Als ich die Deutsche Botschaft mit der Bitte um Aufnahme im Falle einer Evakuierung kontaktierte? Als ich den Rückflug bei SATA buchte? (Wobei ich schon gerne viel früher gebucht hätte, aber nicht konnte.) Begründet eine Notlandung mit einwöchigem Zwangsaufenthalt einen gewöhnlichen Aufenthalt? Oder beendet spätestens diese den gewöhnlichen Aufenthalt auf Faial? Können mehrere Aufenthalte in verschiedenen Orten unter ganz unterschiedlichen Vorzeichen zu einem gewöhnlichen Aufenthalt zusammengerechnet werden? Ich denke nicht. Dass in Ihren Bescheiden einmal auf den “gewöhnlichen Aufenthalt” und einmal auf den “Aufenthalt” rekurriert wird, legt nahe, dass eine intensive Beschäftigung mit diesen Begriffen nicht stattgefunden hat.

14.

Letzteres hätte sich vielleicht vermeiden lassen, wenn ich in der telefonischen Anhörung durch Herrn H. am 17. September 2020 darauf hingewiesen worden wäre, dass Sie meine kleine Abenteuerreise als Verlagerung des gewöhnlichen Aufenthalts ansehen, und dementsprechend reagieren hätte können.

Aber Herr H. äußerte in diesem Telefonat ausschließlich Bedenken anderer Art:

a) Er erinnerte daran, dass ich gemäß der Eingliederungsvereinbarung vom 4. Februar 2020 eine Ortsabwesenheit genehmigen zu lassen habe.

Das habe ich nicht gemacht, und zwar aus den oben unter II. 3. angeführten Gründen.

Dieser Vorhalt lässt in mir den Verdacht reifen, dass der Bescheid in Wirklichkeit eine Sanktion wegen eines Verstoßes gegen die Eingliederungsvereinbarung ist, der sich, weil Sanktionen während der Corona-Pandemie ausgesetzt wurden und Kürzungen um 100% nur in absoluten Ausnahmefällen erlaubt sind, im Gewand einer Entscheidung aufgrund meines angeblich verlagerten gewöhnlichen Aufenthalts kleidet.

b) Der zweite Vorhalt bezog sich auf meine Erreichbarkeit. Konkret fragte Herr H., was ich gemacht hätte, wenn ich während meiner Zeit auf Faial eine Vorladung ins Jobcenter bekommen hätte.

Das ist zum einen eine hypothetische Frage, also irrelevant. 

Zum anderen war schon zum Zeitpunkt meiner Reise bekannt, dass es auf absehbare Zeit keine persönliche Vorsprache bei der Agentur für Arbeit mehr geben würde. Da dies wohl noch für einige Monate so bleiben wird, könnte ich eigentlich schon wieder den Rucksack packen, wenn nicht epidemiologische Vorsicht und Vernunft mich davon abhielten.

15.

Die Rechtsprechung zum Zivilrecht hat, insbesondere wegen der Bedeutung des gewöhnlichen Aufenthalts für das Internationale Privatrecht, diesen Begriff noch weiter konkretisiert als die sozialgerichtliche Rechtsprechung.

Dort wird für die Begründung eines neuen gewöhnlichen Aufenthalts verlangt, dass der Aufenthalt am neuen Ort auf eine längere Dauer angelegt ist und dass der neue Aufenthaltsort künftig anstelle des bisherigen Daseinsmittelpunkt sein soll (Bamberger/Roth, BGB, Band 3, Art. 5 EGBGB Rn. 14 m.w.N. in Fn. 43). Beides war bei mir weder subjektiv noch objektiv der Fall. Der Rückkehrwille nach Deutschland und konkret nach Ammerthal stand nie außer Frage. Ich hatte auf Faial keinerlei soziale oder wirtschaftliche Integration, sondern blieb während des gesamten Aufenthalts Gast.

Als zeitliche Faustregel für die Eingliederung in eine neue Umwelt werden 6 Monate angesehen (Bamberger/Roth Art. 5 EGBGB Rn. 14 m.w.N. in Fn. 44). Solch eine lange Abwesenheit habe ich nicht einmal annähernd geplant, und selbst die unfreiwillige Dauer meiner Reise betrug nur die Hälfte davon.

Wie im Sozialrecht ist auch im Zivilrecht geklärt, dass selbst längere Auslandsaufenthalte, die von vornherein zeitlich begrenzt sind, nicht notwendig einen gewöhnlichen Aufenthalt begründen (Bamberger/Roth Art. 5 EGBGB Rn. 14). Das gleiche gilt für Zwangsaufenthalte (Bamberger/Roth, BGB, Band 1, § 7 BGB Rn. 13).

16.

Ich halte es nicht für hilfreich, wenn sozialrechtlich mein gewöhnlicher Aufenthalt in Portugal festgestellt wird, während das Finanzamt sicher nicht davon ausgeht, dass ich durch Auslandsreisen in dieser Zeit nicht in Deutschland steuerpflichtig wäre (das wäre allzu einfach). So ergäben sich sozialrechtlich und steuerrechtlich vollkommen unterschiedliche Einkommen. Und würde sich die Krankenkasse an Ihre Entscheidung gebunden fühlen und von mir für diese Zeit keine Beiträge verlangen bzw. diese an die Agentur für Arbeit zurückerstatten? Was ist mit den Stimmen, die ich bei der Kommunalwahl in Bayern abgegeben habe, die am 15. März 2020 und mithin während meines Aufenthalts in Portugal stattfand? Muss die Wahl wiederholt werden? 

Solch eine Entscheidung ist wie das Öffnen der Büchse der Pandora. Und das ist das letzte, was die Menschheit in diesem Jahr braucht, denn aus jener Büchse kommt selten etwas Gutes. Im konkreten Fall fürchte ich, dass daraus ein Bürokratiemonster herauskriecht, das gleich der Hydra für jeden abgeschlagenen zwei neue paragraphenspeiende Köpfe bildet.

Meine fortgesetzte Hochachtung versichernd, verbleibe ich mit den freundlichsten Grüßen,

Andreas Moser


Na, das liest sich doch gar nicht so trocken wie befürchtet, oder? Und erfolgreich war es auch. Für die drei Monate bekam ich 43,20 € zurückerstattet. Mittlerweile hat mich übrigens die Künstlersozialkasse nach einem ähnlich kreativen Schriftwechsel als Lebenskünstler anerkannt und aufgenommen. Dafür muss ich aber jedes Jahr ein Buch schreiben und veröffentlichen. Schade eigentlich, dass ich der Hilfe durch das Arbeitsamt jetzt nicht mehr bedarf, denn spätestens wenn sie mich zu den berüchtigten Fortbildungsmaßnahmen schicken würden, ergäben sich die absurden Geschichten ganz von selbst. So ein System muss von Zeit zu Zeit mit Menschen konfrontiert werden, die es nicht allzu ernst nehmen.

Falls jemand hier ist, um sich eine Anleitung zu einem erfolgreichen Widerspruch gegen das Arbeitsamt oder andere Behörden zu holen, gebe ich gerne ein paar Tipps:

  • Studiert Jura. Aber richtig, mit zwei Staatsexamen. Nicht so Fachhochschule oder Aufbaukurs im Völkerrecht. Das ist ein Unterschied wie zwischen Navy SEALs und THW.
  • Bleibt höflich.
  • Eine klare Gliederung im Schriftsatz zwingt zum strukturierten Denken. Wer nicht strukturiert denkt, soll andere nicht mit den halbgaren Ergebnissen behelligen.
  • Macht es dem Leser so einfach wie möglich. Dokumente, auf die Ihr Euch bezieht, werden beigefügt. Paragraphen oder Urteile werden konkret zitiert.
  • Ihr habt gemerkt, dass ich kein einziges Mal auf das Grundgesetz, Grund- oder Menschenrechte rekurriert habe. Vielleicht verstößt die Ortsanwesenheitspflicht im SGB II gegen Art. 11 I GG, aber das wird der Sachbearbeiter nicht entscheiden. Hebt Euch das fürs Bundesverfassungsgericht auf.
  • Humor! Die armen Leute bei den Behörden lesen manchmal jahrelang nichts Lustiges, keine einzige Seite. Mit ein bisschen Humor stecht Ihr aus der Menge der Antragsteller hervor. (Mit Humor bin ich sogar an einen frühen Impftermin gekommen.)
  • Argumentiert so konkret wie möglich. Nicht „das ganze Gesetz ist ein ungerechter Scheiß“, sondern „das Gesetz findet in diesem konkreten Fall keine Anwendung, weil erstens, zweitens, drittens.“ Kein Sachbearbeiter wird ein Gesetz für nichtig erklären. (Außer dieser eine blöde Richter in Weimar.) Zeigt den Weg auf, die Nichtanwendung des Gesetzes aus dem Gesetz selbst abzuleiten.

Übrigens: Wenn Euch sauer aufgestoßen ist, dass Eure Steuergelder meine Krankenversicherung finanzieren, Ihr Euch aber nicht im geringsten daran stört, dass Ihr ebenso mein Gymnasium, mein Jura-Studium, mein Referendariat und über Prozesskostenhilfe einen erheblichen Teil meiner Anwaltskarriere finanziert habt, dann liegt das wahrscheinlich am Klassismus. Diese tief verwurzelte Diskriminierung führt dazu, dass man Reichen durchgehen lässt, was man Armen vorwirft. So regen sich die Leute z.B. über den Armen auf, der für 60 € auf die Azoren fliegt, aber nicht über die Milliardensubventionen für Flughäfen, Fluglinien und Flugzeughersteller.

Und noch eine interessante Beobachtung, die ich machte: Ab dem Moment, in dem ich selbst ALG II bezog, wurde ich gegenüber Bettlern und Obdachlosen spürbar freigiebiger.

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Autostöppeln, eine Odyssee mit 50 Ave Marias (Teil 2 von 3)

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Praktischerweise lest Ihr vor diesem Artikel Teil 1 der Autostöppel-Odyssee.

Ihr erinnert Euch, wir waren relativ problemlos in Friedrichshafen angekommen, wo es mir allerdings so gut gefiel, dass ich ein wenig versumpfte.

Weiter geht’s:


Nur mit dem festen Vorsatz, für eine Bodensee-Rundreise zurückzukommen, kann ich mich schließlich losreißen. Irgendwie muss ich jetzt nach Nordosten, Richtung Bayern trampen. Ich begebe mich an den Anfang der B30, die nach Ravensburg und Ulm führt – und kann mir noch nicht vorstellen, welche Kopfzerbrechen mir diese Bundesstraße heute bereiten wird. Es wird ein regelrechter Kreuzweg werden.

Dabei beginnt es super. Eine Minute erst stehe ich an der Ampel, als aus dem Dönerladen hinter mir ein junger Mann herauskommt: „Wo wollen Sie denn hin?“

„Richtung Ravensburg.“

„Ich fahre nur bis Meckenbeuren, aber das liegt auf dem Weg. Ich kann Sie gerne mitnehmen.“

„Das ist ja super nett! Aber essen Sie erst einmal in Ruhe fertig, ich habe Zeit.“ Tja, wenn die Sonne hoch steht, denkt man noch so.

Nach ein paar Minuten und einer Verdauungszigarette steigen wir in einen Mega-PS-Power-BMW, und der junge Vermögensberater fährt den armen Anhalter nach Norden, durch wunderbar grüne Alleen mit blühenden Bäumen und lachender Sonne. So soll es sein.

In Meckenbeuren lässt er mich, ganz Vermögensberater, an der Sparkasse raus, die direkt an der B30 liegt. Eine gute Stelle, denke ich, mit Parkbucht zum Anhalten. Wie gemacht für Bankräuber, Anhalter und andere Leute, die schnell wegmüssen. Keine gute Stelle, denken Dutzende von mich ignorierenden Autofahrern, bis ein junger Afrikaner in einem alten VW Golf anhält. Er fährt zwar auch nur ein kurzes Stück, will mich aber unbedingt mitnehmen, weil seine Frau einst per Anhalter von Deutschland nach Portugal gefahren ist. Für ihn ist es Ehrensache, etwas von dieser Hilfsbereitschaft zurückzugeben.

Ihr seht also: Wenn Ihr trampt, macht Ihr die Welt besser!

Zum Glück erwähne ich, dass ich eigentlich gar nicht nach Ravensburg mit seinem puzzle-artigen Straßengewirr, sondern weiter nach Ulm muss, da hat der ortskundige Afrikaner einen Geistesblitz. Er fährt mich zu einer Kreuzung der Bundesstraßen, wo die Autos nach Ulm an einer Ampel halten müssen. So haben die Fahrer Zeit, mich zu begutachten, zu entscheiden und mich einzuladen.

Wirklich ein perfekter Ort zum Trampen.

Theoretisch.

Praktisch stehe ich hier eine halbe Stunde in der prallen Sonne, und die meisten Fahrer blicken starr nach vorne, rollen das Fenster nach oben und ignorieren mich schlecht gespielt. Bei den mit Eheleuten besetzten teureren Autos kann ich öfter die gleiche Diskussion beobachten: Die Beifahrerin schlägt vor, mich mitzunehmen, aber der Fahrer lehnt brüsk ab. „Soll er sich doch ein Auto kaufen“, motzt er klassistisch und will keinesfalls riskieren, dass da jemand ohne Auto, ohne Eigentum und ohne Workaholic-Burnout von einem interessanteren Leben als dem im Büro erzählt. Die Frau zieht die Augenbrauen hoch und wirft mir einen entschuldigenden Blick zu. „Am Montag gehe ich zum Scheidungsanwalt“, denkt sie sich, während der Mann mit besonders viel Gas losfährt, sobald ihm die Ampel die Erlaubnis dazu gibt.

Lediglich eine hübsche Frau mit Blümchenhippiewohnmobil und Baby auf dem Beifahrersitz hält an. Sie fährt aber nicht weit und meint, dass ich von der gegenwärtigen Stelle auf jeden Fall leichter weg käme als von dort, wo sie hin muss. Weil sie so aussieht, wie wenn sie schon nach Kerala und Kathmandu getrampt ist, folge ich ihrem Rat. Und verdorre weiter in der Sonne.

Nach mehr als einer halben Stunde hält endlich ein roter Lieferwagen. Der Mann fährt immerhin 10 km weit, was ich dankend annehme. Das Radio spielt „Mr Vain“ von Culture Beat, so wie eine meiner in den 1990er Jahren für Autofahrten selbst aufgenommenen Kassetten. Jetzt habe ich kein Auto mehr, keine Kassetten, dafür einen besseren Musikgeschmack.

„Da vorne im Tunnel gilt ein Tempolimit von 100, aber vor kurzem wurde jemand mit 300 km/h geblitzt„, erzählt er. So einen Fahrer bräuchte ich jetzt.

Das Fenster ist offen, der Fahrtwind weht uns um die Nase. Wie auf der Fahrt nach Kalifornien, immer am Pazifik entlang. Statt in Berkeley lässt er mich bei Baindt raus, von wo es genauso schwer wegzukommen ist wie von Alcatraz.

An der Auffahrt zur B30 stehe ich ziemlich verloren, bis wieder ein roter Lieferwagen hält. Vielleicht der Sohn des vorherigen Chauffeurs. Er fährt mich nach Bad Waldsee und setzt mich wo ab, wo absolut niemand vorbeikommt. Es ist 16:20 Uhr, langsam wird die Zeit knapp. Also gehe ich in die Stadt und decke mich mit Wasser und Gummibärchen ein. Denn die Aussicht, die Nacht in einem Park zu verbringen, wird immer realistischer.

Bad Waldsee scheint ein hübsches Städtchen zu sein, wäre also nicht weniger als jeder andere Ort auf dieser Welt für eine Vagabundennacht geeignet. Eigentlich läuft mir die Zeit davon, aber erst einmal setze ich mich in den Park zum Schreiben, was auf begeisterte Zustimmung einer spazierenden Passantin stößt: „Das ist schön, mal wieder jemanden zu sehen, der in ein Notizbuch schreibt und nicht immer nur in sein Telefon tippt.“ Ich erwähne besser nicht, dass am Ende ein Blog daraus wird.

Im sympathischen Bad Waldsee stehe ich nur eine Minute an der Straße, bis mich eine junge Familie auf dem Weg zum Grillen ein Stück weit mitnimmt. Für eine Einladung dazu sehe ich anscheinend nicht hungrig genug aus.

An der Ausfahrt von Edeka und Tankstelle ist es schon schwieriger. Ein Angebot zur Mitnahme nach Biberach muss ich ausschlagen, weil auf dem Rücksitz zwei bärengroße Schäferhunde toben.

Aber dann hält eine Frau, die früher selbst viel getrampt ist, quer durch Deutschland, zu Festivals und Konzerten Sie nimmt mich mit Richtung Biberach, wo eine Umgestaltung der B30 alle nichtvorhandenen Pläne über den Haufen wirft. „Ich muss Sie zum Jordankreisel fahren, sonst kommen Sie hier nicht mehr weg.“

Aber auch von dem Kreisel komme ich nicht weg. Ich stelle mich wie immer bewusst dorthin, wo die Geschwindigkeit reduziert ist, aber das ist den Autofahrern egal. Für einen Blitzer würden sie sich verlangsamen, für einen Menschen nicht.

Bis wieder ein Lieferwagen hält. Deren Fahrer sind irgendwie cooler. Diesmal ist es ein früherer Investmentbanker, der jetzt Yoga-Lehrer ist. Auch ein Karriere-Aus- oder Umsteiger. Wir verstehen uns prächtig.

Anscheinend sind wir aber noch immer nicht in Ulm, sondern in Biberach oder um Biberach oder um Biberach herum, denn er setzt mich an einer praktischen Stelle aus und sagt: „Von hier kommst du sicher nach Ulm.“ Dort beginnt endlich die Autobahn, womit die 5- und 10-km-Fahrten ein Ende haben sollten und ich richtig Strecke machen werde. Und wenn ich erst einmal auf der Autobahn bin, ist es nicht schlimm, wenn es dunkel wird, weil ich von Raststätte zu Raststätte trampen kann.

Ein Auto hält, die Tür öffnet sich, ein Mann und zwei Frauen, alle über 50: „Wir sind gerade dabei, den Rosenkranz zu beten. Wenn Sie das nicht stört, steigen Sie ein!“ Das stört mich nicht im Geringsten.

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnad‘, der Herr isch mit dir. Du bisch gebenedeid under de‘ Fraue‘, und gebenedeid isch die Frucht von deim‘ Leib, Jesus“, tragen sie mantraartig vor. (Ich verzichte im Folgenden auf die laienhafte Transliteration des Schwäbischen, aber Ihr könnt jetzt die Atmosphäre im Auto besser imaginieren.) Am Rückspiegel hängt ein Rosenkranz, und die beiden Frauen halten jeweils eine dieser Gebetsketten in den Händen.

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ Anscheinend muss man das öfters aufsagen.

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ Das wird wohl die ganze Fahrt so gehen.

„Wir fahren zum Gewerbegebiet in Schwaighofen, passt das für Sie?“

„Ich kenne mich in Ulm gar nicht aus. Aber wenn man dort auf die Autobahn kommt, dann passt es.“

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ Es ist schwierig, hier eine längere Unterhaltung zu führen.

„Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ Endlich mal eine Abwechslung.

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ Aber Maria scheint doch am Wichtigsten zu sein.

„Wir könnten ihn doch zum Tempel Gottes mitnehmen. Vielleicht fährt von dort jemand in seine Richtung?“ schlägt eine der Frauen vor.

„Das ist zu riskant“, antwortet der Mann. Es bleibt unklar, ob er damit meint, dass ich vielleicht keinen Fahrer finde, oder ob ich eine Gefahr für die christliche Gemeinde bin.

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“

Am Ende entlassen sie mich mit Gottes Segen in Breitenhof, ein paar Kilometer vor der Autobahnauffahrt. Noch zwei Stunden bis Sonnenuntergang. Die Zeit zieht sich. Auto für Auto rauscht an mir vorbei, unchristlich, egoistisch, herzlos.

Der einzige, der hält, ist ein junger Vater mit drei Kindern auf der Rückbank. Er fährt sie gerade zur Mutter. Die drei Kinder sagen keinen Pieps, entweder aus Angst vor dem fremden Mann oder weil sie das Wochenende nicht bei Mama verbringen wollen.

Direkt an der Auffahrt zur A7 setzt er mich ab. Noch eineinhalb Stunden Tageslicht, das wird zu schaffen sein. Aber diese Auffahrt ist nicht gebenedeit und gesegnet, sondern verhext und verflucht.

Auto um Auto düst an mir vorbei, während ich im gold-glänzenden Licht der sich unbarmherzig senkenden Sonne immer längere, einsamere und verzweifeltere Schatten werfe. Der einzige, der anhält, ist ein kroatischer LKW-Fahrer, aber er fährt nach Stuttgart, nicht nach Nürnberg. Ich hätte trotzdem einsteigen sollen, denn – um die Tortur abzukürzen – : Ich schaffe es in dieser Nacht nicht mehr auf die Autobahn.

Als die Sonne, erschöpft vom langen Arbeitstag und weil sie anderswo auf diesem Erdball gebraucht wird, hinter dem Horizont versinkt, muss ich gehen. Hier gibt es keine Laterne, kein Licht, und niemand wird mehr halten.

In der Nähe ist eine Tankstelle, vielleicht kann ich dort Fahrer ansprechen. Je näher ich der Tankstelle komme, umso deprimierender der Anblick. Die Hoffnung schwindet, eigentlich ist sie schon tot. Genauso tot wie die triste Total-Tankstelle.

Vereinzelt kommt ein Auto vorbei. Zwei polnische LKW-Fahrer halten an, aber sie fahren in die falsche Richtung. Ich stelle mich schon ein auf eine Nacht im nahen Wald, als ein junges Fräulein auf mich zukommt: „Wo musst du denn hin?“

Ich erkläre den Plan und die Probleme bei dessen Umsetzung.

„Ich fahre zwar auf die A7, aber nach Süden, nach Illertissen“, sagt sie. Ich muss nach Norden.

Wir sehen auf der Karte nach, ob wenigstens eine Raststätte auf ihrem Weg liegt, wo ich die Nacht im Hellen und nicht ganz so Kalten verbringen könnte. Negativ.

„Selber schuld“, „tut mir leid“ oder „nicht mein Problem“ würde jeder andere denken. Aber die Frau, die aussieht wie ein junges Mädchen, ist ernsthaft besorgt, auch weil sie selbst oft getrampt ist, wie sich herausstellt, und die Situation deshalb richtig einschätzt: „Du kannst hier nicht die ganze Nacht bleiben, hier kommt niemand mehr vorbei.“

„Wenn ich nach Hause fahren würde,“ fährt sie fort, „könntest du mit zu mir kommen. Aber ich bin auf dem Weg zu meinen Eltern, und wenn ich da einen fremden Mann mitbringe und sage, dass der für eine Nacht ein Bett braucht, …“


Das ist doch ein guter Punkt für eine Pause, oder? Schließlich ist es jetzt dunkel und Ihr müsst ins Bett.

Aber bald gibt es Teil 3.

Praktische Tipps:

  • Wenn Ihr schneller voran kommen wollt, hilft ein bisschen Planung. So hätte ich mich in St. Gallen an einem besseren Ort absetzen lassen können. Und am deutschen Ufer des Bodensees wäre ich besser nach Lindau getrampt, wo die A96 beginnt, anstatt auf der B30 wie eine Schnecke voranzukommen. Aber Schnelligkeit ist nicht alles.
  • Es wäre schlauer gewesen, vorab das Ziel niedriger zu stecken und in Ulm eine Unterkunft, z.B. über Couchsurfing, zu organisieren.
  • Friedrichshafen und Bad Waldsee sind definitiv einen Besuch wert.

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Post-Pandemie-Planung

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Als Freund von Alliterationen werde ich nach der Pandemie nach Petra pilgern, nach Timbuktu trampen, nach Weimar wandern, nach Ruanda reisen, nach Genua gehen und den Zug nach Zermatt, die Bahn nach Bari sowie die Eisenbahn nach Erbil nehmen.

Nach dem Schiff nach Sumatra, der Kreuzfahrt in die Karibik und dem Boot ins Baltikum werde ich durch Lappland laufen und danach in Russland rumlungern, aber nicht ohne Stopp in Stalingrad. Dann marschiere ich nach Marseille, eile nach Eindhoven, schlendere nach Schwerin, renne nach Rijeka, flitze nach Flensburg, hüpfe nach Hamburg, krieche nach Krakau, flaniere durch Flandern und spaziere schließlich nach Stralsund.

Nur das Schwimmen nach Schweden stelle ich mir schwierig vor.

Ich könnte auch mit dem Fahrrad nach Florenz fahren, aber das Pedalrittertum ist immer so eine Pein für den Po.

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Autostöppeln, eine Odyssee mit 50 Ave Marias (Teil 1 von 3)

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Letztes Wochenende ging es endlich mal wieder auf die Straße: per Anhalter durch die Schweizer Kantone Zürich, St. Gallen und Thurgau, über den Bodensee und durch die deutschen Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern. Zügige 500 km waren geplant.

Allerdings kam ich so oft vom Weg ab, dass eine regelrechte Odyssee daraus wurde. Dementsprechend wurde der Bericht so lang, dass ich ihn zu einer Trilogie verarbeitet habe, um diejenigen von Euch, die sich über die Länge meiner Artikel echauffieren, nicht zu überlasten.

Hier also der erste Teil:


Ich bin zwar kein Philologe, aber logophil. In der Schweiz hatte ich jeden Tag Helvetismen kennengelernt, die mein Herz erfreuten: „Bünzli“ für Spießbürger, „Legi“ (Kurzform von Legitimationskarte) für den Studentenausweis, „Cervelatprominenz“ für B-Promis. Und „Autostöppeln“ für Trampen oder per Anhalter fahren.

Mit diesem Wort war die Entscheidung schon gefallen: Was sich so putzig anhört, das muss ausprobiert werden.

Also stelle ich mich nach Beendigung eines zweiwöchigen Katzensitter-Auftrags in Waltenstein (bei Winterthur) an den Straßenrand (bzw. Strassenrand, wie man in der Schweiz schreibt) und bin gespannt wie ein Elefant auf seinen ersten Trabant.

Waltenstein ist klein, wirklich klein. Etwa 15 Häuser gibt es hier, und da sind die Baumhäuser für die Kinder schon mitgezählt.

Aber eine Bushaltestelle gibt es, an der jede Stunde das gelbe Postauto (so heißt hier der Bus) hält. Jede Stunde! Von 5 bis 23 Uhr! Auch am Sonntag! Ich bin davon so fasziniert, weil ich in Deutschland in einem hundertmal größeren Dorf wohne, wo nach 18 Uhr und am Sonntag gar kein Bus kommt. Tja, jetzt wissen wir, warum die Steuern in der Schweiz so hoch sind, aber ich finde, das ist es wert.

Aufgrund dieses vorbildlichen öffentlichen Nahverkehrs frage ich mich, ob Automobilisten überhaupt eine Notwendigkeit sehen, anzuhalten, weil sie ja wissen, dass man in diesem bergigen Land von jedem Punkt A an jeden Punkt B zuverlässig mit dem öffentlichen Bus chauffiert wird.

Mal sehen.

Kurz vor 8 Uhr stelle ich mich an die Kreuzung im Dorf. Ein sonniger Samstagmorgen. Ich muss nach Ammerthal in Bayern, habe also etwa 500 km vor mir. Und 13 Stunden Tageslicht. Das sollte eigentlich reichen.

Nach 20 Minuten hält ein Herr, der immerhin ins nächste Dorf, nach Elgg, fährt.

Er ist auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch als Verkaufsleiter für Küchen. Nach 22 Jahren sei es mal an der Zeit, den Arbeitgeber zu wechseln, findet er. Allerhöchste Zeit, finde ich.

„Das ist aber wirklich nett von Ihnen, mich an so einem wichtigen Tag mitzunehmen. Ich wäre da wahrscheinlich viel zu nervös und aufgeregt“, bedanke ich mich.

„Ach, kein Problem. Ich habe noch 12 Minuten bis zum Termin.“ Schweizer sind sehr exakt und kommen keine Minute zu spät, aber auch keine Minute zu früh.

In Elgg ist gerade Markt, also müssten eigentlich von überall her Leute zum Erwerb landwirtschaftlicher Produkte strömen, die mich anschließend auf ihrem Weg nach Hause mitnehmen können. Also stelle ich mich nur ein bisschen abseits vom Marktplatz an die richtige, also die nach Nordosten führende Ausfallstraße.

„Schwierig, ne?“ fragt ein Spaziergänger mit Kennermiene, so wie wenn auch er enttäuscht ist über die Gesellschaft aus Kontaktscheuen und Angsthasen.

Aber bald hält ein junger Mann, der sich mit festem Händedruck als Thomas vorstellt. Er fährt zwar nur nach Aadorf, etwa zweieinhalb Kilometer weiter, aber er trampt selbst manchmal und macht mir Mut: „Autostöppeln geht nicht über den Daumen, es geht über den Kopf. Es ist alles Einstellungssache. Mit dem richtigen Mindset [anscheinend auch so ein Helvetismus] schaffst du das!“ Sein Optimismus steckt mich an.

In Aadorf fährt eine junge Familie zuerst an mir vorbei, kehrt dann aber um und kommt zurück, um mich aufzulesen wie einen am Autobahnrastplatz vergessenen Hund. Der Landschaftsgärtner, seine Frau und das Baby fahren nach St. Gallen. Etwa 50 km, jetzt geht es richtig voran.

Wenn ich bei Paaren im Auto sitze, habe ich immer ein schlechtes Gewissen, von meinem Leben und meinen Abenteuern zu erzählen. Nicht, dass der junge Mann danach den Rucksack packt, Frau und Kind verlässt und nach Nepal pilgert. Andererseits, als Landschaftsgärtner hat er eh den ganzen Tag Ruhe.

Ganz dem Spontanitätsgedanken verschrieben, habe ich vorab keinen guten Ort zum Absetzen eruiert. Die beiden lassen mich an einem Einkaufszentrum in der Nähe der Autobahn raus. Da stehe ich und merke schon nach 10 Minuten, dass die Stelle nicht passt. Die Autos sind zu schnell, es gibt keinen Platz zum Anhalten, und ohne Schild weiß niemand, wohin ich will.

In der Nähe der Autobahnauffahrt steht eine kleine Kapelle für verlorene Seelen und verlorene Autostöppler. Auf den Stufen des Trampertempels breite ich die Landkarte aus und verschaffe mir einen Überblick über meine Position und Situation. Beide sind sehr schlecht, da hilft auch kein Mindset. Als der Heilige Gallus die Stadt gründete, muss er sich Los Angeles zum Vorbild genommen haben, so mit in alle Richtungen gehenden und sich gegenseitig kreuzenden und überschneidenden Straßen ist die Stadt überzogen. Ein stadtplanerisches Kuddelmuddel, eine autostöpplerische Hölle.

Da spricht mich ein älterer, sehr netter Herr an und fragt, ob er mir helfen könne. Ich erkläre die Lage und den Plan.

„Vergessen Sie es“, sagt er knallhart, aber nicht grundlos, „Sie sind auf der falschen Seite der Stadt.“ Ich sei ganz auf der Westside und müsse auf die Eastside, also einmal durch die langgezogene Stadt. „Wer hier auf die Autobahn fährt, will bestimmt nicht in Ihre Richtung.“

„Gehen Sie 300 Meter die Straße hinunter und nehmen Sie für 2 Franken den Bus durch die Stadt. Oder, noch besser, fahren Sie gleich nach Wittenbach, von da geht die Landstraße nach Romanshorn“. Letzteres ist das letzte Ziel in der Schweiz, denn von dort fährt ein Schiff nach Deutschland. Aus den Rückmeldungen der Leserschaft weiß ich, dass Ihr es mögt, wenn ich die Transportmittel ein bisschen variiere.

Es widerstrebt mir zwar, anders als autostöppelnd vorwärts zu kommen. Aber wenn ich zwei Stunden durch die ganze Stadt laufe, fehlen mir die zwei Stunden später am Bodensee. Außerdem trampe ich zum Vergnügen, nicht aus puritanischem Purismus, auch wenn St. Gallen Reformationsstadt ist.

Und da kommt auch schon der Bus Nr. 4 angefahren. Der Herr hat mir alles so freundlich und hilfsbereit erklärt, es wäre unhöflich, seinem Ratschlag nicht zu folgen.

„Und von Wittenbach können Sie den Zug nach Romanshorn nehmen“, ruft er mir noch nach, sein geringes Vertrauen in meine Anfängerautostöpplerfähigkeiten durchklingen lassend.

Nein, das werde ich bestimmt nicht tun. Wieder auf der Landstraße, werde ich allein meinem Daumen und meinem Lächeln vertrauen. Und tatsächlich, in Wittenbach hält nach wenigen Minuten ein Mann, der bis fast ans vorläufige Ziel fährt: nach Egnach, schon am Bodensee und nur einen kurzen Spaziergang von Romanshorn entfernt.

Es ist schon der zweite Fahrer heute, der sich als Corona-Verharmloser vorstellt. „Masken helfen gar nicht gegen Viren.“ „Ich weigere mich, diesen Scheiß mitzumachen.“ Und am besten: „Man darf nicht alles glauben“ von meist maturalosen Menschen, die nach 10 Minuten Studium an der YouTube-Universität glauben, sie wüssten jetzt alles besser als der breite Konsens von Virologen, Epidemiologen, Immunologen und Medizinern. Und das sind die Leute, die volksabstimmen über Unternehmenshaftung bei Lieferketten, bedingungsloses Grundeinkommen und das Rahmenabkommen mit der EU.

Corona-Verharmloser gibt es überall. Aber in der Schweiz kommt ein weiterer Aspekt hinzu: der Wunsch, sich von Deutschland abzusetzen. „Ach, Sie fahren nach Deutschland? Das ist schlimm, da gibt es ja gar keine Freiheiten mehr.“ So oder so ähnlich höre ich es immer wieder, wie wenn Deutschland Nordkorea wäre, nur weil die Fitnessstudios und Kinos geschlossen sind. Es wird immer mit vorgeblichem Mitleid geäußert („Ihr armen Deutschen“), das das schweizerische Superioritätsgefühl und die Kondeszendenz nur unzureichend zu kaschieren vermag.

Aber ich will nicht diskutieren mit den Leuten. Erstens bin ich zu Gast in ihrem Auto. Zweitens bringt es nichts. Drittens bin ich froh um jeden, der keine Angst vor Ansteckung hat und mich deshalb bereitwillig mitnimmt.

Der Fahrer lässt mich am Wander- und Radweg entlang dem See heraus, denn die letzten paar Kilometer will ich zu Fuß gehen. Es ist ein wunderschöner Tag, mit Ausblick auf den Bodensee auf der einen und die Alpen auf der anderen Seite.

Auf dem Seewanderweg spricht mich ein gestresst dreinblickender Mann mit Konstrukteursuniform und Bauplänen unter dem Arm an: „Sagen Sie, ist es schon halb zwölf?“

„Ja,“ bestätige ich, „fünf Minuten nach halb zwölf.“

„Das gibt’s doch nicht! Wo bleibt der denn?“ entzürnt sich der Wartende mit hochrotem Kopf über den 300 Sekunden verspäteten Arbeitskollegen, Chef oder Kunden. Normalerweise sind Schweizer so pünktlich, hier erscheinen sogar Frauen zuverlässig und minutengenau zum Date.

Für das Weiterstöppeln, ach ne, jetzt kann ich ja wieder Trampen sagen, in Deutschland habe ich mir gedacht, dass ich auf der Fähre nach Friedrichshafen die Autofahrer ansprechen werde, um zu eruieren, wer weitestmöglich nach Bayern fährt.

Ein toller Plan, wie ich finde.

Leider sehen der Hafen in Romanshorn und die Fähre so leer aus, wie wenn eine Seeblockade verhängt worden wäre. Hoffentlich wurden die Seeminen noch nicht verlegt.

Streckenmäßig ist der Bodensee nicht die Mitte. Ich habe 70 km hinter mir und mindestens 360 km vor mir. Aber mental mitteln das Gewässer und die Ländergrenze, die gemütliche Kreuzfahrt und die Rückkehr in die EU die Reise, so dass ich mich entspannt zurücklehne. Etwas zu entspannt, wie sich später herausstellen wird. Aber davon ahne ich noch nichts, während ich diese Blicke genieße:

Sehr zügig und sehr knapp an der Kaimauer vorbeiziehend zielt die Fähre in den Hafen von Friedrichshafen. Perfekt parkiert. Ein Gebäude im modernistischen Stil, heute das Zeppelin-Museum, und ein Hangar am Hafen offenbaren, wofür die Stadt eigentlich gebaut wurde.

Den Menschen von Friedrichshafen war der Bodensee nämlich bald zu klein, und sie wollten nicht nur ans andere Ufer, sondern in die weite Welt. Also bauten sie Luftschiffe und flogen nach New York, nach Tokio, nach Los Angeles, nach Rio de Janeiro.

Leider habe ich keinen Fahrschein für das Luftschiff, und dank dem Kino ist weithin bekannt, wie rabiat die Ticketkontrolleure in diesen fliegenden Zigarren agieren.

Weit weniger rabiat ist die deutsche Polizei, die die angeblich so strengen Coronavirusschutzmaßnahmen bei der Einreise kontrollieren soll. Ein leeres Polizeiauto bewacht die Grenze, die Polizisten sind beim Mittagessen.

Eine gute Idee! Auch ich hole mir erst einmal einen Döner. Nach zwei Wochen Abstinenz, weil dieses Grundnahrungsmittel in der Schweiz gesalzene 10 Euro kostet, wofür man in Deutschland zwei, mit Legi sogar drei Döner bekommt.

Für die Schweizer Freunde, die glauben, dass in Deutschland alles in Quarantäne erstarrt, hier ein paar Fotos von Friedrichshafen:

Die Menschen flanieren, essen, händchenhalten, küssen, tanzen, singen und springen auch hier. Und anders als in der Schweiz darf man sich hier sogar in die Wiese legen, rauchen, im Park grillieren – ach ne, ich muss jetzt wieder grillen sagen – und in die Büsche pinkeln. Es gibt gleich weniger Ge- und Verbotsschilder, dafür endlich wieder Graffiti („Gott erschuf die Menschen und die Elefanten, jedoch keine Staatsbeamten. In Gottes schwacher Stunde schuf der Teufel diese Hunde.“) und Menschen stellen ihre leeren Bierflaschen nicht in den Mülleimer, sondern bewusst daneben, damit die Flaschensammler fette Beute machen können. Selbst das Denkmal für Kaiser Wilhelm I. nimmt niemand ernst.

Die Corniche von Friedrichshafen hat ein Flair von Städten am Meer, wie Nizza oder Sochumi. Es ist so schön, auch dank des Schweizer Bergpanoramas von jenseits des Binnenmeeres, dass ich am liebsten ein paar Tage bleiben würde.

Nur mit dem festen Vorsatz, für eine Bodensee-Rundreise zurückzukommen, kann ich mich schließlich losreißen. Irgendwie muss ich jetzt nach Nordosten, Richtung Bayern trampen. Ich begebe mich an den Anfang der B30, die nach Ravensburg und Ulm führt – und kann mir noch nicht vorstellen, welche Kopfzerbrechen mir diese Bundesstraße heute bereiten wird. Es wird ein regelrechter Kreuzweg werden.


Wie bzw. ob es überhaupt weitergeht, das erfahrt Ihr demnächst in Teil 2. Darin wird dann aufgelöst, was es mit den 50 Ave Marias auf sich hat.

Praktische Tipps:

  • Wenn Ihr schneller voran kommen wollt, hilft ein bisschen Planung. So hätte ich mich in St. Gallen an einem besseren Ort absetzen lassen können. Und am deutschen Ufer des Bodensees wäre ich besser nach Lindau getrampt, wo die A96 beginnt. Aber dazu in Teil 2.
  • Friedrichshafen ist definitiv einen Besuch wert.

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