Heute mal ein praktischer Tip für vielfliegende Geheimagenten.
Immer wieder hastet man sich nach erfolgreich beendeter Mission erschöpft zum Flughafen und bucht zur Verwirrung der Verfolger einen Flug nach Slowenien und einen nach Slawonien. Bei der Gepäckaufgabe wird einem die Liste verbotener Gegenstände vor die Nase gehalten, die auf keinen Fall in ein Flugzeug dürfen: Plutonium, Sprengstoff, Mineralwasser, das nicht im überteuerten Flughafenbereich erstanden wurde, und – oh Schreck – Schusswaffen.
Rein aus Reflex ist man ehrlich und gibt zu, eine Pistole dabeizuhaben. „Tur mir leid“, sagt der Aeroput-Angestellte dann ungerührt und unflexibel, „Schusswaffen sind an Bord verboten.“ Wohin also mit der Wumme? Nur selten sind die Toilettenspülungen ausreichend stark, um eine Beretta hinunterzuspülen (die Toiletten am Flughafen Mehrabad sind die ungeeignetsten, kann ich Euch sagen), und nicht an allen Flughäfen gibt es praktische Topfpflanzen zum Vergraben des ansonsten so nützlichen, aber plötzlich umständlich gewordenen Agentenwerkzeugs. Man denkt kurz daran, sich den Weg freizuschießen, erinnert sich aber gerade noch rechtzeitig, dass das Töten Unschuldiger verboten ist. Steht irgendwo im Arbeitsvertrag, glaube ich.
Und so endete die Flucht vieler geschätzter Kollegen, die ihren Flug verpassten und dafür von Idi Amins Schergen eine verpasst bekamen.
„Und das alles wegen irgendeiner Verordnung aus Brüssel“ rufen die, die immer „Brüssel“ für alles verantwortlich machen, weil sie die EU-Kommission, das EU-Parlament, den Europarat, den Europäischen Gerichtshof und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nicht auseinander halten können.
Aber nein, daran kann es nicht liegen. Denn in Tschechien (nicht Tschetschenien, also mitten in der EU) gibt es eine Fluggesellschaft, die kein Problem mit bewaffneten Passagieren hat. Als ich bei dem mir bis dahin unbekannten Travel Service nach den Gepäckgebühren suchte, fiel mein Blick auf dieses einmalige Angebot:
59 Euro sind zwar happig, aber andererseits bekommt man für die gleiche Gebühr nur ein Kind oder ein lebendes Tier, beide bekanntermaßen weit nervigere Reisegenossen. Da der Aggregatszustand beim Tier hervorgehoben wird, gehe ich übrigens davon aus, dass man Kadaver kostenfrei in den Koffer packen kann. Auch das ziemlich kulant.
Jetzt ist also die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) in Kraft getreten, und im ganzen Land bricht Panik aus, wie wenn vorher kein Datenschutzgesetz gegolten hätte. Die zweijährige Vorbereitungszeit hat anscheinend jeder verschlafen.
Ich sollte mich eigentlich nicht beschweren, denn als Jurist und Übersetzer für Deutsch und Englisch habe ich dank der DSGVO derzeit Arbeit bis unters Dach. Andererseits habe ich Arbeit gar nicht so besonders gern, denn sie hält mich von wichtigeren Dingen ab. Und irgendwie ist es doch traurig, wie jetzt im Internet jeder jeden anlügt: Die Unternehmen heucheln, dass sie am Schutz unserer Daten interessiert seien und diese niemals missbrauchen würden. Und die Nutzer klicken jedes Mal blind auf „Ja, ich habe die Nutzungsbedingungen dieser Website/App gelesen und stimme zu“. Niemand hat die je gelesen!
Was will man auch erwarten von Menschen, die sich Geräte ins Schlafzimmer stellen, die jedes Wort (und andere Laute) aufzeichnen und an ein Unternehmen übermitteln? Dafür zahlen Leute sogar noch! Oder sie kaufen sich sündteure Armbanduhren, um nicht nur alle privaten Daten und jederzeit ihren Aufenthaltsort, sondern sogar ihre Blut-, Puls- und Leberwerte ständig an ein Unternehmen zu übertragen. Armbanduhr ist eigentlich sowieso die falsche Bezeichnung für das Ausforschungsteil, denn eine Uhr, die nicht einmal 24 Stunden hält, ohne dass man die Batterie aufladen muss, verfehlt doch ihren Zweck. Und wieviele hochwichtige Geschäftsverhandlungen konnte ich schon im Zug belauschen, wieviele Excel-Tabellen mitlesen, weil Leute mit Mobiltelefon und Laptop niemals warten können, bis sie zuhause sind.
Welche Daten erhebe ich von Euch?
Gar keine. Wozu auch?
Ihr könnt/sollt natürlich kommentieren, und die Kommentare werden gespeichert und angezeigt. Das ist der Sinn von Kommentaren. Aber ich wette, das war Euch vorher schon klar.
Ganz selten kommt es vor, dass mich jemand bittet, einen früher abgegebenen Kommentar zu löschen. Ich lösche dann meist nur den Namen und lasse den Kommentar stehen. Kommentare sind so etwas wie Leserbriefe. Wenn Ihr es Euch nach drei Jahren anders überlegt, werden auch nicht alle alten Zeitungen vernichtet.
Statistiken
Ich kann bei WordPress abrufen, wieviele Leute welche Artikel lesen und aus welchen Ländern sie kommen (deshalb die interessante Aufstellung der Flaggen/Länder rechts). Das kann ich aber keiner bestimmten Person zuordnen. Ich weiß also nicht, wer von Euch meinen Blog liest oder nicht. (Das erfahre ich eher dadurch, dass Leute den Kontakt zu mir abbrechen.)
Außerdem gucke ich mir die Statistiken sowieso nicht oft an, weil es nur deprimierend ist.
Cookies und Plugins
Ach ja, sowas gibt es hier wahrscheinlich auch, denn die sind ja überall im Internet. Was die machen, könnt Ihr bei WordPress, Facebook, Twitter und YouTube nachlesen.
Auf jeden Fall empfehle ich Euch, sich impfen zu lassen.
Widerspruch
Ich widerspreche hiermit ausdrücklich Kommentaren und Nachrichten, die dumm, langweilig oder belanglos sind oder die grammatikalisch nicht korrekt formuliert sind. Zuwiderhandlungen können zu Blockieren, Ignorieren und Respektverlust führen.
E-Mails
Ich bin nicht der Meinung, dass A durch das Schreiben einer E-Mail an B einen Anspruch darauf erwirbt, dass B antwortet.
Es ist gar nichts Persönliches (wie auch, oft lese ich sie ja nicht einmal), aber ich habe einfach nicht die Zeit, alle E-Mails zu lesen oder gar darauf zu antworten. Wenn ich antworten will, nehme ich mir aber gerne ausreichend Zeit und Muße, so dass es durchaus mal ein halbes Jahr dauern kann. Am besten nutzt Ihr die Wartezeit für Bücher und lange Spaziergänge.
Material für den Blog
Wer mit mir per E-Mail, persönlich oder sonstwie interagiert oder ohne eigenes Zutun in mein Blickfeld gerät oder mein Interesse auf sich zieht, muss damit rechnen, sich in einem Artikel auf diesem Blog oder auch mal in einem Buch wiederzufinden.
Das ist alles?
Ja. Beim Datenschutz ist es wie beim Autokauf oder bei der Heirat: Wenn Euch jemand im letzten Moment einen Vertrag mit 20 Seiten zur Unterschrift vorlegt, will er/sie Euch bescheißen. Ich finde, dass AGB und Datenschutzerklärungen von über zwei Seiten Länge verboten sein sollten. Oder man sollte die jeweiligen Seiten/Apps erst nutzen dürfen, wenn man den gesamten Text laut vorgelesen hat (aber bitte nicht im Zug), um zu bestätigen, dass man ihn wirklich gelesen hat.
So, anscheinend kann ich jetzt Spanisch. Zumindest auf dem (Fortgeschrittenen-)Niveau B1. Aber wenn man bedenkt, dass zur Erlangung der spanischen Staatsbürgerschaft nur das A2-Niveau erforderlich ist, ist das nicht einmal so schlecht.
Allerdings war ich enttäuscht, dass ich den schriftlichen Teil nur knapp bestanden habe. Vielleicht habe ich das Thema verfehlt und über etwas komplett anderes geschrieben. Oder es reflektiert die Art, wie ich Spanisch gelernt habe: Hauptsächlich durch Unterhaltungen und Diskussionen, nicht im Unterricht. Allerdings habe ich auch die Bücher von Pons und Assimil verwendet.
Dass ich fürs Sprechen mehr Punkte als fürs Zuhören bekommen habe, wird niemanden überraschen, der mich kennt. 😉 Vielleicht habe ich hier auch nur die volle Puntkzahl erreicht, weil die Prüfer nicht wussten, wie sie mich sonst zum Schweigen bringen konnten. Oder das Instituo Cervantes erkannte, dass ich mit bolivianischem Akzent sprach und dachten sich: “Was für ein wunderschönes, reines, klares und perfektes Spanisch! Nicht so wie bei uns in Spanien.”
Das B1-Niveau genügt jedoch nicht zum Studium an einer spanischsprachigen Universität, also werde ich wohl noch weiterlernen müssen. Wenn es doch nur interessantere Fernsehserien auf Spanisch gäbe als diese verdammten Telenovelas…
Bücher über Wanderungen durch Deutschland gibt es wie Wanderwege in diesem wanderfreudigen Land: an jeder Ecke schon einen, und trotzdem werden jeden Monat neue eröffnet. Aber drei dieser kürzlich erschienenen Bücher habe ich mir mal für Euch angesehen.
Der ZEIT-Journalist Henning Sußebach hat es sich in Deutschland ab vom Wege zur Aufgabe gemacht, abseits der Städte und sogar abseits von Straßen von Nord nach Süd zu wandern. Was wie ein ökologisch motivierter Trip auf der Suche nach unversiegelter, unbetonierter Fläche beginnt, wird zu einer Entdeckungsreise des flachen Landes, der Provinz und der Menschen in diesen Dörfern.
Hier begegnet Sußebach den Menschen, die ansonsten nie als Einzelpersonen, sondern als Protestwähler, Abgehängte oder Jammerossis auftauchen. Beeindruckend, erhellend und auch motivierend finde ich, wie offen Sußebach für die Sichtweisen von Menschen ist, mit denen er politisch oder weltanschaulich nicht viel gemein hat. Niemals ist er abwertend, nicht einmal bewertend.
Von Nord nach Süd wird Deutschland etwas unfreundlicher und in Bayern dann regelrecht kommerziell. Wo man Wanderer als Touristen gewöhnt ist, scheint es nicht (mehr) üblich zu sein, Fremde einfach so zum Abendessen hereinzubitten oder ihnen gar ein Bett anzubieten.
Ein ruhiges, nachdenkliches, schönes Buch, das mir Lust darauf gemacht hat, auch mal unsere deutsche Provinz kennenzulernen. Und wieder habe ich gemerkt, dass ich den Osten Deutschlands weniger kenne als viele andere Länder.
Auf die wichtigste Frage, die ich nach der Lektüre von Deutschland ab vom Wege hatte, antwortete der Autor übrigens prompt – aber leider negativ:
Trotzdem bleibe ich ein eifriger Spaziergänger, teils aus Notwendigkeit, weil ich kein Auto habe, aber auch, weil ich gemerkt habe, dass es die intensivste Art ist, die Umwelt zu beobachten. Uli Hauser, Journalist beim Stern, sieht es zudem als „Widerstandsakt gegen eine Form von Ungeduld und Geschwindigkeit, die mir zunehmend auf den Geist geht“.
Auch er ging von Nord nach Süd: von Hamburg nach Rom. Sein Buch Geht doch! handelt etwas weniger von dem durchwanderten Land, als vielmehr von der positiven Wirkung des Gehens selbst, wie schon der Untertitel Wie nur ein paar Schritte mehr unser Leben besser machen verrät.
Der anfängliche Rat des Autors könnte meiner Anleitung entnommen sein: „Gehen ist keine Zauberei: Man braucht dafür keine Warnweste und keine bunten Schuhe, auch keine Extrahose mit Leuchtstreifen.“ Leider wird Hauser dann zunehmend besessen, was seinen Gang und die Gehwerkzeuge angeht, und verbringt immer mehr Zeit bei Schuhmachern, in Schuhgeschäften, bei Orthopäden und bei Gehtrainern, schreibt über Klumpfuß, Stoßdämpfung, Faszien und Einlegesohlen. Das nimmt einen zu breiten Raum im Buch ein. (Wer davon überrascht ist, dass Gehen die Füße beansprucht und dass eine Wanderung von mehr als 1000 km anstrengend ist, sollte diese Überraschung vielleicht besser für sich behalten. Bei Sußebach kann ich mich nicht daran erinnern, dass er einmal gejammert hätte. Andere Schriftsteller gingen durch ganz Europa, ohne sich einmal dazu herabzulassen, über eine Blase oder eine wundgelaufene Ferse zu schreiben.)
Dennoch gebe ich auch für Geht doch! eine Empfehlung ab. Schon allein wegen der Sprache. Genauso pedantisch, wie Hauser gerne den perfekten Schuh entwerfen würde, hat er an diesem Buch geschliffen, bis jeder Satz sitzt und jedes Wort wirkt. Außerdem sind einige der thematischen Ausflüge durchaus interessant, zum Beispiel auf der Altstraßenkarte von Professor Dietrich Denecke, die noch Standorte von Galgen oder die Orte zum Pferdewechseln markiert, oder dem „Raißbüchlin“, dem ersten deutschen Reiseführer von 1563.
Das dritte Buch gehört keinesfalls mit auf die Wanderung. Nicht weil es schlecht wäre, sondern weil es ein 1,6 kg schwerer, prächtig gestalteter Band ist, den man eher kapitelweise während der Winterpause vor dem Kamin liest: Das Buch der Deutschlandreisen.
Mit dieser Anthologie reist man nicht nur geographisch, sondern auch historisch durch Deutschland, von Cäsar und Tacitus über Montesquieu, Hume, Stendhal, Twain und Fermor bis zu Frisch, Forsyth, Noteboom und Stasiuk. Auch unbekanntere Autoren sind dabei, bzw. Menschen, die eher für anderes als für ihre Deutschlandbeobachtungen bekannt sind, wie der Schah von Persien (es geht um den Besuch von 1873, nicht den von 1967) oder John F. Kennedy (es geht um seine Deutschlandreise als Student, nicht als Präsident). Aber allesamt sind es Ausländer, die als Besucher auf unser Land blicken.
Das Buch ist opulent gestaltet und hochwertig verarbeitet, mit Karten, Zeichnungen, Stichen oder Fotos auf fast jeder Seite. Ein Genuss für Bibliophile und perfekt zum Schmökern. Dabei geht es keineswegs nur um das romantische Schloss- , Schwarzwald- und Wanderdeutschland, sondern auch um Kriege, Politik und die Berliner Mauer.
Aufgrund des Preises von 48 Euro ist Das Buch der Deutschlandreisen wohl eher etwas für Geburtstage oder Weihnachten. Aber wenn Ihr es verschenken wollt, bestellt es sicherheitshalber ein paar Monate vor dem Fest, um ausreichend Zeit für die eigene Lektüre zu haben.
Für mich kommt das leider zu spät (verdammte Altersdiskriminierung), aber vielleicht sind einige von Euch 18 oder haben Kinder in dem Alter. Dann habt ihr Glück! Denn die Europäische Union finanziert 15.000 Reisen für Einzelpersonen oder Gruppen von bis zu fünf Personen.
Ihr müsst Euch zwischen dem 12. und 26. Juni 2018 online bewerben. Das Bewerbungsformular wird dann auf dem Europäischen Jugendportal bereit stehen. Als kleine Hürde gibt es ein Quiz über europäisches Kulturerbe zu bestehen. Ebenso wird erwartet, dass die Reiseroute mindestens einen Ort des Kulturerbes beinhaltet. Zufällig ist 2018 auch das Europäische Kulturerbejahr, so dass es dazu noch Tausende von Veranstaltungen gibt.
Ihr könnt Euch bewerben, wenn Ihr am 1. Juli 2018 im Alter von 18 Jahren seid und die Staatsbürgerschaft der Europäischen Union habt. Liebe Teenager aus dem Vereinigten Königreich, das ist Eure letzte Chance. 😉 Beachtet, dass Ihr zwar eine EU-Staatsbürgerschaft benötigt, aber nicht in der EU leben müsst. Das ist ein weiterer Grund, mal Euren Familienstammbaum zu erforschen und nach einem deutschen oder spanischen Großvater oder einer niederländischen oder irischen Großmutter zu suchen, von der Ihr Eure EU-Staatsbürgerschaft ableiten könnt.
Die Gewinner werden Anfang Juli 2018 benachrichtigt und können die Reise dann zwischen Juli und September 2018 durchführen. Ihr habt dafür bis zu 30 Tage Zeit, und ich empfehle Euch, das bis zum letzten Tag auszuschöpfen!
Eure Route muss mindestens ein weiteres Land über das Startland hinaus beinhalten, und Ihr könnt bis zu vier Länder bereisen. Dabei würde ich nicht dorthin fahren, wo sowieso schon jeder immer hinfährt (London, Rom, Paris), sondern diese Möglichkeit nützen, mal etwas vollkommen Neues zu erforschen. Lublin statt London, Rumänien statt Rom, Piran statt Paris.
Die EU bezahlt die Zugtickets (oder falls nötig die Fähre oder andere Verkehrsmittel, aber es gibt doch kein entspannenderes und romantischeres Reisen als das mit der Eisenbahn). Unterkunft und Essen werden nicht bezahlt, und auch deshalb empfehle ich Euch eher eine Route abseits von den Touristenschwärmen. Wenn Ihr zum Beispiel aus West- oder Nordeuropa nach Osteuropa kommt, werdet Ihr überrascht sein, wie lange Ihr dort mit Eurem Taschengeld überleben könnt. Und denkt auch an Couchsurfing, wo Ihr Einheimische findet, bei denen Ihr kostenlos wohnen könnt und die Euch sogar noch ihre Stadt zeigen. So wird die Reise zu einem richtigen Erlebnis! Schließlich geht es bei #DiscoverEU genau darum, dass man seine Mit-Europäer besser kennenlernt.
Visitenkarten scheinen aus der Mode gekommen zu sein. Egal, um Mode habe ich mich noch nie gekümmert. Mögen andere ihre Handys „swipen“ oder „bluetoothen“, ich händige weiter Karten aus Papier aus.
Die Auswahl der Fotos fiel nicht leicht, aber schließlich konnte ich mich für sechs Orte entscheiden, die mir aus den vergangenen beiden Jahren besonders im Gedächntis geblieben sind.
Und das zeigen die Fotos:
Die Chapada Diamantina, ein Nationalpark in Brasilien. Ich bin tatsächlich in diese Schlucht hinabgeklettert, dort zwei Tage gewandert, und musste dann die Felswand wieder hochklettern.
Der zentrale Platz von Cochabamba in Bolivien. Von all den Städten, in denen ich gelebt habe, war Cochabamba die freundlichste und der Ort, wo ich mich am wohlsten gefühlt habe. Oft saß ich auf der Plaza 14 de Septiembre unter dem Schatten von Palmen, las ein Buch oder eine Zeitung, hörte einem Geschichtenerzähler zu, beobachtete eine Demonstration, bewunderte die schöne Architektur, genoß das perfekte, milde Klima der „Stadt des Ewigen Frühlings“ und diskutierte mit Wildfremden über das Verfassungsreferendum.
Eigentlich wollte ich kein Land zweimal auswählen, aber der Titicaca-See ist einfach ein Wanderparadies. Das Foto zeigt eine Inkastraße auf dem Weg von Copacabana nach Yampupata auf der bolivianischen Seite des Sees. Eine Wanderung um den ganzen Titicaca-See ist noch immer einer meiner großen Träume.
Extrovertiertere Selfies als dieses von der Osterinsel gibt es von mir nicht. Außerdem wollte ich den Hut aus Rumänien unterbringen, der mich um die ganze Welt begleitet hat und mich vor Sonne, Regen, Steinschlag, Schnee, Hagel, Blitzen, Hunden, Schlangen, Mordanschlägen und Wildschweinen geschützt hat.
Der Bahnhof in Sochumi, der Hauptstadt von Abchasien. Eine sehr schöne Stadt und die größte Überraschung auf meiner ersten Kaukasus-Reise. Ich habe das Land auch deshalb aufgenommen, weil viele gar nicht wissen, dass es existiert, oder es für gefährlich halten. Es ist überhaupt nicht gefährlich.
Solche Visitenkarten sind hoffentlich gute Aufhänger für ein Gespräch. Die vorherigen Karten haben mir sogar mal das Leben gerettet. In Bolivien hatte ich mich mal wieder vollkommen verlaufen und war schon am Verdursten, als mich ein junger Hirte entdeckte und mich in eine Schlucht führte, wo es Wasser zum Trinken gab.
Er zeigte großes Interesse an meiner Kamera, wollte dass ich ein Foto von uns mache, und wollte den Apparat dann am liebsten behalten. Entsprechend meiner Überzeugung lehnte ich dieses Ansinnen ab. Der Junge hob einen schweren Kieselstein auf, mit dem er mir den Schädel einschlagen hätte können, und erweiterte seine Forderung auf Bargeld. „Ich habe doch kein Geld bei mir, wenn ich in die Wildnis laufe“, log ich und zog stattdessen ein paar Visitenkarten aus der Hemdtasche. „Ich habe nur diese Karten mit Fotos aus Europa. Schau, ich zeig Dir mal, wie es bei uns aussieht.“
Als ich ihm Fotos aus Estland und Mazedonien, Litauen und Italien zeigte, ließ er den Stein wieder fallen. Ich gab ihm all die Karten, die ich dabei hatte.
Wenn Ihr auch lebensrettende Visitenkarten wollt, könnt Ihr diese bei MOO bestellen.
Von Amberg aus ist Pilsen ein im buchstäblichen Sinn naheliegendes Reiseziel. Dass sich dennoch nur wenige auf den Weg dorthin machen, mag an dem in den (west)deutschen Köpfen sich anscheinend auf Ewigkeiten festgesetzten Eisernen Vorhang liegen. Vielleicht ist aber auch Prag zu verlockend, und man rauscht gedankenlos an Pilsen vorbei, obwohl man sich auch dort einen anständigen Rausch holen könnte. Aber dazu später mehr.
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Der verflixte Bus begeht den gleichen Fehler und fährt von Amberg zwar günstig nach Prag, hält aber Pilsen für keines Haltes wert. Da in Deutschland losfahrende Züge immer etwas teuer sind, galt mein nächster Versuch der Mitfahrzentrale, jetzt BlaBla-Car genannt. Der erste Fahrer verschob die Abfahrt mehrfach und kurzfristig, der zweite fuhr gleich gar nicht. Auf diese jungen Leute ist kein Verlass. Also endete ich doch im Zug. Es war ein grauer, regnerischer, kalter Tag und die Provinz zwischen Furth im Wald und Domažlice sah so deprimierend aus, dass ich verstand, wieso es hier ein Drogenproblem gibt. Wobei die Gegend nichts dafür kann, dass sich der Frühling 2018 ziemlich viel Zeit ließ und es deshalb noch eisiger war, als es Ende März sein sollte.
Den Jugendlichen an der Nadel oder an der Flasche oder wie immer man Drogen nimmt (ich kenne mich da nicht aus) lege ich stattdessen die Auswanderung ans Herz. Eine Fluchtalternative, die in dieser Grenzregion eine lange Tradition aufweist: Auch aus meiner Familie bin ich nicht der Erste. Schon in den 1920ern hielten es zwei Verwandte nicht mehr im Bayerischen Wald aus und zogen in die USA. Hoffentlich betreiben sie dort jetzt kein Crystal-Meth-Labor, sonst wäre die Moral der Geschichte hinüber.
Von den Orten unterwegs blieb mir nur einer im Gedächtnis: Babylon. Das böhmische Holzfällerdorf bekam den Namen im 15. Jahrhundert wohl wegen seiner ethnographischen und linguistischen Vielfalt an der Sprachgrenze zwischen Tschechen und Deutschen. Multikulti im ausgehenden Mittelalter.
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Am Hauptbahnhof in Pilsen wird man empfangen von Osteuropaklischees.
Palastartiges Bahnhofsgebäude,
Wandschmuck im sozialistischem Realismus, sowohl mit den typischen glücklichen, starken und produktiven Bauern,
als auch in Erinnerung an die von den deutschen Besatzern zwischen 1939 und 1945 getöteten Eisenbahnangehörigen,
und ein bettelnder Obdachloser. Weil er höflich war, gab ich ihm ein paar Kronenmünzen, über deren Wert ich mir mangels Erfahrung im tschechischen Wirtschaftskreislauf noch nicht ganz klar geworden war. Später erkannte ich, dass ich ihm weit mehr als den angefragten Euro gegeben hatte. Na, hoffentlich hat er es gut investiert.
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In der Wohnung von Jan, dem Vermieter, angekommen, traf ich auf den einzigen Menschen in Europa, der sich über die anhaltende Kältewelle freute. Er fuhr nämlich am nächsten Morgen für eine Woche zum Skifahren und war angesichts des sich teilweise und zaghaft vorgewagt habenden Frühlings schon besorgt.
Ich hingegen hatte mich für den 24. März für den ersten Halbmarathon der Saison angemeldet und milde Temperaturen erwartet.
Die Wohnung von Jan ist übrigens hervorragend geeignet für einen Pilsen-Besuch: Gut gelegen, geräumig, komfortabel, für 17 Euro pro Nacht. Und wer sich über diesen Link bei AirBnB anmeldet, bekommt bei der ersten Buchung 30 Euro Rabatt (auch bei anderen Wohnungen in anderen Städten).
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Als ich Jan danach fragte, wie das so mit den Fahrscheinen für Bus und Straßenbahn funktioniere, sagte er: „Am einfachsten verwendest Du eine kontaktlose Kreditkarte.“ Wieder ist Osteuropa technisch voraus.
Ich wusste nicht einmal, dass es solche Karten gibt, und stand dumm da. Zwar gibt es für die Westopis in den Zeitschriftenläden noch Fahrscheine aus Papier, aber am nächsten Morgen merkte ich, dass ich tatsächlich so eine Karte besitze, ohne es gewusst zu haben.
In der knallgelben Straßenbahn probierte ich es gleich mal aus: Das 24-Stunden-Ticket wählen, Karte an den Automaten halten, und schon wird der Fahrschein ausgedruckt. 24 Stunden Bus und Straßenbahn kosten übrigens nur 60 Kronen = 2,35 Euro.
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Zum Abendessen orderte ich einen Salat mit Rucola und Rote Beete, eigentlich nur weil rukolovýdas einzige auf der Karte was, das dem deutschen Wort einigermaßen ähnlich war, das ich deshalb identifizieren konnte, und das ich aussprechen konnte.
Als die Kellnerin fragte, welches Fleisch ich zum Salat wolle, war ich mir sicher, in Tschechien zu sein.
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Am Freitagabend ging ich zu einem Dokumentarfilmfestival in einem alten Bahnhofsgebäude, das als Moving Station jetzt ein Kulturzentrum und Theater ist. Bis zur Renovierung sah es so aus:
Jetzt sieht es etwas einladender aus:
Die Umgestaltung begann schon bevor entschieden wurde, dass Pilsen im Jahr 2015 Europäische Kulturhauptstadt sein würde, aber seither ist regelmäßiger etwas los.
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Mir gefällt die Idee der Europäischen Kulturhauptstädte, vor allem wenn es kleinere Städte trifft, die sonst nicht so viel Aufmerksamkeit und Tourismus abbekommen. (Deswegen empfinde ich es als einfallslos, wenn Länder ihre Hauptstadt nominieren, so wie Malta dieses Jahr mit Valletta.)
In Pilsen wollte ich vor allem herausfinden, wieviel von dieser Auszeichnung drei Jahre später noch zu spüren war. Dass es nicht immer so weiter gehen kann wie im prallvollen Jahr 2015 ist logisch, denn die Fördermittel gibt es ja nur einmal. Aber es wäre schön, wenn ein Teil des Geldes für nachhaltige Projekte verwendet würde.
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Zum Glück konnte ich schon an jenem Abend einiges darüber erfahren, denn als ich etwas verloren auf den Beginn des Film wartete, sprach mich Andrea, eine der Organisatorinnen des Filmfestivals an. Das Festival laufe nun schon seit 20 Jahren und allein in Tschechien in 37 Städten.
Jener Freitag war der letzte Tag des Festivals, also würde es danach eine Abschlussparty geben. Andrea lud mich ein.
Aber jetzt erst mal zum Film. Oder Ihr spult zu Kapitel 10 vor.
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Auf dem Programm stand Mečiar, ein Film über den früheren aber mehrfachen Premierminister der Slowakei, sowie The Cleaners, ein Film über die Menschen, die bei YouTube, Facebook u.s.w. entscheiden, was gelöscht wird und was nicht. Ich wollte keine Enthauptungsvideos von ISIS sehen, und außerdem war die Slowakei gerade in den Nachrichten wegen Korruption und Journalistenmorden, also genau den Dingen, die man mit der Regierungszeit von Vladimír Mečiar verbindet.
So dachten anscheinend viele, denn trotz der Konkurrenz war der Kinosaal voll. Vielleicht waren aber auch alle Besucher Slowaken. Ich kann die beiden Sprachen nicht auseinanderhalten. Der Film war glücklicherweise englisch untertitelt, den Trailer gibt es anscheinend nur auf Tschechisch und Slowakisch.
Mečiar war die prägende Figur der Slowakei nach dem Fall des Kommunismus, Ministerpräsident in den Jahren 1990-91, 1992-94 und 1994-98 und verhandelte die Auflösung der Tschechoslowakei. Je länger er im Amt war, desto autokratischer, korrupter und nationalistischer wurde er. Obwohl er die Unabhängigkeit der Slowakei erst als „absoluten Nonsense“ abgetan hatte, wurde er zu deren stärksten Verfechter.
Dabei, und man sieht das vielleicht auch schon an dem obigen Ausschnitt, ist Mečiar durchaus charismatisch, kann sogar sympathisch sein. Wie so eine Mischung aus Horst Seehofer und Heydar Aliyev, über die man politisch kein gutes Wort verlieren kann, die aber persönlich durchaus ein einnehmendes Wesen haben. Zu dem seltenen Interview taucht er in seinem Garten mit über der Hose hängendem Hemd auf, zeigt einem den Papagei, die Feuerstelle zum Grillen und das Blümchenbild im Spießerheim.
Aber auch für jemanden wie mich, der von der Slowakei so gut wie gar nichts weiß, ist der Film sehr gut. Man erfährt über
die Dramatik des Generalstreiks 1989 (Mečiar war erst auf Arbeitgeberseite, wechselte aber die Seiten als der Streik erfolgreich war),
die demokratische Naivität der Revolutionäre (für die zu besetzenden Ministerposten hielten sie Wettbewerbe ab – Mečiar wurde Innenminister, weil er alle Fragen beantworten konnte; erst später fragten sich einige, ob das nicht darauf hindeutete, dass er schon zu kommunistischen Zeiten mit dem Staat verstrickt war),
die Absurdität der tschechoslowakischen Scheidung (kulminierend im Streit darüber, ob man Tschechoslowakei ohne oder Tschecho-Slowakei mit Bindestrich und im anderen Landesteil nicht Slowako-Tschechien schreiben sollte),
den Ablauf der Privatisierungen („Ach, Mirko hat noch gar keine Firma bekommen, obwohl er so ein netter Kerl ist. Geben wir ihm die Erdölraffinerie.“),
Morde an Journalisten,
und die Entführung des Sohnes von Präsident Kováč durch den slowakischen Geheimdienst.
Zuletzt schlägt der Film einen Bogen zum jetzigen Premierminister Fico, wohlgemerkt einen Bogen, den auch dessen Anhänger begeistert schlagen. Und trotz des Themas musste ich immer wieder herzhaft lachen. Information und gute Unterhaltung in einem, fast wie in diesem Blog.
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Jetzt also zur Abschlussparty. Der Diskjockey war Akademiker, zumindest nannte er sich DJ Profesor Ikebara und versprach Balkanmusik.
Ich aber hatte den Halbmarathon am nächsten Tag als guten Grund, um mich vor Einsetzen des südosteuropäischen Lärms zu verabschieden. Mit Andrea verabredete ich mich für die darauffolgende Woche.
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Übrigens, wer Bahnhöfe nützlicher findet als Kulturzentren muss nicht traurig sein. Denn obwohl ein Teil des (Stadtteil-)Bahnhofs umgewidmet wurde, ist noch immer genug Bahnhof übrig.
Das Gebäude rechts hinten ist die Moving Station, das Schloss im Vordergrund der Bahnhof.
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Der Halbmarathon fand in Těškov, etwa 30 km östlich von Pilsen statt. Zu weit zum Laufen, und mit dem Bus oder Zug nicht ganz zu erreichen. Ich schrieb also eine E-Mail an die Veranstalter und fragte, ob mich jemand aus Pilsen mitnehmen könne. Innerhalb kürzester Zeit meldeten sich zuerst Jan, dann Jiří, aber beide mussten schon zum Start des vollen, nicht erst des halben Marathons dort sein, also ziemlich früh losfahren. Mich hätte das nicht gestöret, ich war froh über das Angebot. Aber Jiří telefonierte herum, bis er Marek und Tereza fand, die bei mir in der Nähe wohnten und ebenfalls den Halbmarathon laufen wollten.
Der Lauf begann erst um 11:30 Uhr, eine humane Zeit. Wetter und Temperatur passten auch. Jetzt hätte ich mich nur noch vorbereiten müssen. Der letzte erfolgreiche Halbmarathon lag fast drei Jahre zurück, und jedes Mal beim Trainieren merke ich, dass ich eher ein Spaziergänger als ein Läufer bin.
Aber alle Anzeichen deuteten auf einen entspannten Lauf: Eine niedrige Startgebühr (200 Kronen = 7,80 Euro), ein großzügiges Zeitfenster für den Marathon von 9 bis 16 Uhr und die Läufer weder mit Zeitmessern und anderer Elektronik überfrachtet, noch abstruse Dehnübungen durchführend. Ich mag diese kleinen Rennen, die weder kommerziell noch kompetitiv sind, wo man sich beim Laufen unterhält, wo man mal ein Stück gehen kann, wo allerdings auch manchmal die Strecke nicht so ganz ausgeschildert ist, so dass man sich verläuft.
Und jeder schien jeden zu kennen. Jan und Jiří freuten sich, dass es mit dem Transport geklappt hatte, als sie mich sahen. Marek und Tereza stellten mir ihre Mutter vor, die das Rennen letztes Jahr gelaufen war und dieses Mal Getränke und Essen verteilt. Nach dem Lauf würde mich diese sportliche Familie nicht nur nach Hause fahren, sondern mir ganz mütterlich die übrig gebliebenen Bananen mitgeben.
Der exotischste Gast war ich übrigens nicht, denn eine Großfamilie aus Indien war extra aus Prag angereist. Sie waren dann auch die letzten, die ins Ziel kamen und mussten sich wie auf einer Himalaya-Expedition gefühlt haben. Denn die Laufstrecke ging über Stock und Stein, Schnee und Eis, Wurzeln und zugefrorene Pfützen.
Bestzeiten sind auf solch einer Strecke nicht zu schaffen, also genießt man besser die Aussicht. Davon gab es reichlich, denn wo ein Hügel war, führte die Strecke darüber.
Plötzlich lief ich mitten im Wald auf einer aufgeschütteten Steinmauer entlang. „Was macht der Limes hier?“, wunderte ich mich, bis ich auf einem Schild las, dass es eine Burgruine war.
Beim ersten Getränke- und Essensstopp nahm ich mir einen Becher mit scheinbarer Apfelsaftschorle, die sich als Bier entpuppte. Ich habe in Osteuropa schon öfter erlebt, dass es am Ziel Bier gibt, aber sich schon unterwegs zu betrinken, ist mir neu. Am zweiten Stopp wurde mir dann gleich eine ganze Flasche Bier angeboten. Außerdem gab es jeweils Obst, Schokolade, Brote und überhaupt genug Essen, um ein paar Minuten zu verweilen. „Das ist der beste Teil des Rennens“, stimmten mir die anderen Läufer zu, die sich gleichzeitig stärkten.
Rundherum also ein gut organisierter Lauf mit angenehmer Streckenführung und freundlicher Atmosphäre, und das für einen Bruchteil der Gebühren, die man hinblättern muss, wenn man sich auf dem Asphalt von New York oder Berlin die Knie kaputtläuft.
Nach 2 Stunden und 26 Minuten war ich endlich im Ziel, und nur dank der Inder, die zum ersten Mal im Leben Schnee sahen, war ich nicht der Allerletzte. Ich dachte mir, dass es bei dieser Witterung und dem Streckenprofil unmöglich sein könnte, weniger als zwei Stunden für 21 km zu benötigen. Aber als ich im Ziel Marek traf, erfuhr ich, dass er schon seit einer Dreiviertelstunde auf mich gewartet hatte.
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Die gleichen Organisatoren veranstalten dieses Jahr zwei weitere (Halb-)Marathons, am 2. Juni 2018 und am 10. November 2018, jeweils in schöner landschaftlicher Umgebung und zu den gleichen günstigen Teilnahmegebühren.
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Die Kategorie für Teilnehmer über 40 Jahren hieß „veteráni“, und am nächsten Morgen, nach zwölf Stunden gutem Schlaf, fühlte ich mich immer noch wie ein Invalide. Aber es war der schönste Tag einer ansonsten grauen Woche, also der Tag für ausgiebig humpelnde Spaziergänge.
In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag waren die Uhren umgestellt worden und damit alle Pilsener so verwirrt, dass am Vormittag noch kaum jemand unterwegs war. In manchen Stadtteilen war es so ruhig, dass ich die Schritte anderer Personen hörte, bevor diese ums Eck kamen.
Zu dieser ausgestorbenen Ruhe passte es, dass an der Kneipe auch Ende März noch die Wünsche zum Neuen Jahr standen.
Nur am Fluss übertönten die Enten alles.
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Dort wagten sich auch die Wassersportler ins Freie, sowohl die aktiven wie die passiven.
Letztere waren eindeutig in der Mehrzahl.
Später habe ich übrigens noch zwei Angler gesehen, die an Schnüren befestigte Magneten in den Fluss warfen. Einer holte damit mal einen Stein herauf. Keine Ahnung, was das war. Wird so vielleicht Eisenerz gefördert?
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Pilsen wirkt sehr großzügig geplant und angelegt, mit breiteren Straßen und Gehwegen als notwendig, mit Grünflächen und Parks wie wenn man ein Millionenpublikum erwartet, und mit reichlich Abstand, Spielplätzen und Sportgeräten zwischen den Wohnblocks. Stadtplanung konnten die Sozialisten wirklich gut. Wenn mal der Frühling kommt, muss es ganz schön sein. Wobei ich auch in der Kälte immer wieder auf stahlharte Jogger traf. Wahrscheinlich trainierten sie bereits für die nächsten Halbmarathons.
Insbesondere der Bezirk Slovany, in dem ich wohnte, schien den Stadtplanern die Freude gemacht zu haben, sich irgendwann – wahrscheinlich im Zweiten Weltkrieg – komplett zerstören zu lassen, so dass ungehindert von altem Habsburgerschmarrn Neues erschaffen werden konnte.
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Die Architektur entspricht in Teilen dem Klischee der grauen Stadt mit Mietskasernen, die teils noch immer in Rußgrau gestrichen, teilweise schon etwas farbenfroher übertüncht sind. Ein eckiger Klotz nach dem anderen, aber nicht das schöne Art-Deco-eckig, sondern Kommunistenkubus (nicht zu verwechseln mit dem Kubismus in Prag).
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Andererseits gibt es auch äußerst hübsche Straßenzüge.
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Und manchmal stehen Barock und Beton gleich nebeneinander.
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Die Stadtplanung machte in Pilsen auch schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts etwas Kreatives: Sie riss die Stadtmauer ein und baute die so freigewordene Fläche zu einem die Altstadt umrundenden Park aus. Eine gute Idee, denn Städte mit Stadtmauern gibt es genug, Parks gibt es nie genug.
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An den Straßenbahnhaltestellen stand ich immer wieder fasziniert vor den Anschlagtafeln, die Theater, Kino, Musik, Ausstellungen u.s.w. anpriesen. Zwar konnte ich kaum etwas verstehen (Tři billboardy kousek za Ebbingem war der einzige Filmtitel, der mir etwas sagte), aber es war offensichtlich, dass kulturell noch immer enorm viel geboten ist in Pilsen. Die Smetana-Tage, die eigentlich drei Smetana-Wochen sind, hatte ich gerade verpasst.
Mit Smetana und dem aus dem Exil zurückgekehrten Dirigenten Rafael Kubelík wurde 1990 übrigens auch die Samtene Revolution und die wiedererlangte Freiheit gefeiert.
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Anhänger der Tschechoslowakei findet man kaum mehr. Eher beschweren sich einige Tschechen, dass ihr jetziger Ministerpräsident Andrej Babiš eigentlich Slowake ist und manchmal nicht richtig Tschechisch spricht.
So etwas wie Ostalgie findet man allenfalls in Bezug auf Jugoslawien. Ganz in der Nähe meiner Wohnung hieß eine Straße zum Beispiel noch immer Jugoslávská.
Die zwei unterschiedlichen Nummern hat übrigens fast jedes Haus.
Die ältere der Hausnummern (meist die höhere) stammt aus der Zeit Österreich-Ungarns. Warum man diese sogenannten Konskriptionsnummern auch 100 Jahre nach Ende des Habsburgerreiches noch stehen lässt, ist mir allerdings unklar. Die Chance, dass jemand nach so langer Zeit aus dem Urlaub oder der Kriegsgefangenschaft zurückkommt und ohne diese Erinnerungsstütze sein Haus nicht mehr fände, dürfte gering sein.
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Außerdem finden sich an vielen Häusern Hinweise auf die darin ausgeübten Berufe, zum Beispiel Jäger,
Schankwirt,
der Typ, der IKEA-Schränke zusammenbaut,
das Theater
und ein Gymnasium.
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Warum sind eigentlich alle Tante-Emma-Läden in Tschechien in asiatischer Hand?
Vielleicht liegt es daran, dass sich die Tschechen lieber auf den Drogenhandel konzentrieren. Der findet alles andere als versteckt statt:
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Zum Mittgessen wollte ich mir eine tschechische Spezialität gönnen: Mährisches Rauchschweinfleisch mit böhmischen Knödeln.
Naja. Fett und deftig, aber nicht so meins. Kein Wunder, dass Pilsen mehr für Bier als fürs Essen bekannt ist.
Auch eine weitere örtliche Spezialität war kulinarisch eher enttäuschend. Im Restaurant der Familie Kroc war alles ein bisschen stressig, fast wie in einer Fabrik, und dann kam das Essen mit einer Unmenge an Verpackungsmüll. Man wurde voll, aber nicht satt.
Trotzdem ist dies eine der erfolgreichsten tschechischen Unternehmensgründungen. Alois Kroc aus der Nähe von Pilsen wanderte in die USA aus, wo sein Sohn Ray Kroc Fast Food, Franchising, Drive-Through und überhaupt alles erfand, was Amerika ausmacht.
Herr Kroc war damit so erfolgreich, dass er seinem tschechoslowakischen Landsmann Andy Warhol empfahl, sein dahinsiechendes Künstlerschaffen ebenfalls mit den Methoden der Automatisierung und der Herstellung großer Stückzahlen zu Produktivität und Profit zu treiben.
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Gleich gegenüber von McDonalds geht es zum Tempel der tschechischen Lebensmittelindustrie, der Pilsner-Urquell-Brauerei, der Bedeutung entsprechend durch ein majestätisches Tor.
Die Brauerei bietet Führungen an und hat ein eigenes Museum. Da ich selbst kein Bier trinke, habe ich mir das erspart, aber der Anzahl der an- und abfahrenden Reisebusse nach zu urteilen, gehört ein Besuch dieser Hopfenanstalt zu den Höhepunkten eines Pilsen-Besuchs.
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Für eher kulturell Interessierte bieten sich stattdessen vielleicht das Westböhmische Museum
und das Museum für Kirchenbaukunst im Franziskanerkloster an. Letzteres war aber noch geschlossen und öffnet erst im April. Wie wenn es ein Badeort am Mittelmeer wäre, ist in Pilsen nämlich vieles, ehrlich gesagt fast alles, von November bis März geschlossen.
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Wer kein Bier trinkt, wird in Pilsen übrigens als äußerst suspekt behandelt. Für Montag Abend verabredete ich mich mit Andrew, der mich aber schon am Samstag anrief, um mir für die verbleibenden Tage Geheimtipps bezüglich Biersorten und Schankstellen zu geben.
Als ich wahrheitsgemäß kundtat, dass ich gar kein Bier trinke, trat ein Schweigen in die Leitung, wie wenn ich etwas richtig Schlimmes (oder Dummes) gesagt hätte. Nach ein paar Schocksekunden sagte Andrew: „Ehm, ok, also ich habe viel zu tun diese Woche, aber ich gebe Dir dann am Montag Bescheid.“
Wenn Ihr in Tschechien Freunde finden wollt, müsst Ihr Bier trinken!
Zum Glück siegte Andrews Neugier auf den komischen Kauz, und so trafen wir uns vor der Papírna, einer alten Papierfabrik, die jetzt natürlich auch ein Kulturzentrum ist und neben Café, Galerien, Werkstätten und Konzertsälen sogar eine Kart-Bahn beherbergt.
„Wein trinkst Du aber schon, oder?“, begrüßte er mich, und man sah, was ihn die Tage umgetrieben hatte. Als ich das ebenfalls verneinte, war er sichtlich enttäuscht, so dass ich schnell erklärte, dass ich aber Cocktails trinke. „Es ist halt nur leider so, dass mir Bier und Wein nicht schmecken.“
Erleichterung trat in sein Gesicht: „Es ist also nichts Religiöses?“
In der Papírna gab es an jenem Abend einen Vortrag über Bali, was den Räucherstäbchengeruch erklärte. Auf der Leinwand brachte ein verlockenedes Foto Wärme und Sonne in den kalten Tag, Palmen und Strand in die graue Stadt. Der Saal war fast voll. Gleich würde es losgehen.
Weil Andrew und ich uns aber in Ruhe unterhalten wollten, schlug er stattdessen das Depo2015 vor. (Wer sich mehr für Andrew als für Andrea interessiert, kann bis Kapitel 31 vorblättern.)
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Das Depo2015 ist das Vorzeigeprojekt des Kulturhauptstadtjahres. Jeder, den ich in Pilsen kennenlernte, schlug es als Treffpunkt vor, fast so wie wenn es nichts anderes gäbe.
Dabei war es eigentlich eine Notlösung. Ursprünglich hätte die Světovar-Brauerei zur Kulturfabrik umgebaut werden sollen, erzählte mir Andrea, als wir uns im Depo2015 zum Mittagessen trafen, aber 2014, also kurz vor Schluss, fand man Asbest in dem Gebäude.
Zum Glück war gerade das Straßenbahndepot freigeworden, das sogar noch zentraler lag. Asbest gab es dort nicht (oder es hatte niemand Zeit gehabt, um es zu überprüfen), also wurde es flugs umgebaut zu Ausstellungshallen, Workshops, einem Café, einem Fitnesszentrum, Vortragsräumen, Ateliers und einem Garten im Hof, in dem man für kleines Geld ein Beet mieten kann, um sein eigenes veganes, CO2-neutrales, fair gehandeltes Marihuana anzubauen.
Aber trotz Hipsterflair war das Mittagessen ziemlich gut. Wenn die Vorräte nicht reichen, kommen manchmal noch ein paar Trucks mit Extraessen.
Mich interessierte vor allem, was drei Jahre später noch von der Kulturhauptstadt geblieben war. „Eigentlich nicht viel“, sagte Andrea, obwohl wir in einem ziemlich akiven Objekt saßen, das es ohne dieses Projektjahr niemals gegeben hätte. „Der bleibendste Effekt war vielleicht der, dass sich all die Kulturschaffenden und Kreativen, all die Aktiven und Tatkräftigen mal gegenseitig kennenlernen konnten. So entstanden viele Kontakte, aus denen Ideen und weitere Projekte entstanden. Das ist eigentlich das einzige, was bleibt.“
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Pilsen hatte 2015 den Anspruch, die eigene Bevölkerung in das Kulturjahr einzubeziehen. So gab es Spaziergänge mit Pilsenern, die Besuchern nicht die ohnehin bekannten Sehenswürdigkeiten, sondern ihre Stadtviertel und Kellerkneipen zeigten.
Das Ganze gibt es natürlich auch als App, was mir mangels Smartphone nichts nützt. (Smarte Menschen dürfen nicht zusätzlich ein Smartphone besitzen, weil das einen unfairen Wettbewerbsvorteil brächte.)
Apropos App, irgendeines dieser teuflischen Teile hatte anscheinend eine Menge Menschen zur gleichen Zeit an den gleichen Ort bestellt, denn im Stadtpark fanden sich Dutzende von Menschen ein, um auf ihre Telefone zu starren.
Vielleicht wurden wieder neue Pokemons freigelassen.
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Aber zurück zu dem Abend mit Andrew, der eigentlich Ondřej heißt, aber weiß, dass das niemand aussprechen kann. So trafen sich also zwei Andrews, die eigentlich nicht so hießen.
Auf dem kurzen Fußweg von der Papírna zum Depo2015 erzählte er mir, dass das Busdepot zufällig rechtzeitig zum Asbestdesaster freigeworden war, weil die Stadt für 10 Milliarden Kronen ein neues Busdepot gebaut hatte. „Zehn Milliarden für eine Garage!“ Andrew konnte sich gar nicht einkriegen angesichts dieser Verschwendung. „Na gut, die Stadt hat es damit gerechtfertigt, dass es dort auch eine Waschanlage für die Busse gäbe, aber zehn Milliarden, das ist doch hirnrissig!“
Um zu beweisen, dass ich ein normaler Mensch bin, musste ich eine Flasche Kingswood Apple Cider bestellen, die sogar ziemlich gut war. Allerdings war eine Flasche auch genug, um mich betrunken zu machen.
„Hier kannst Du sehen, wieviel in Pilsen los ist“, scherzte Andrew als wir uns setzen. Nur ein weiterer Tisch in dem bekanntesten Treffpunkt der Stadt war besetzt, mit einer Person und einem Laptop. Na, wenigstens war es ruhig, und man konnte sich hervorragend unterhalten. Was gut war, denn es wurde der lustigste Abend der ganzen Woche.
Andrew war Dozent für Philosophie und Wirtschaft an der Westböhmischen Universität, hatte den Job aber gerade gekündigt, weil ihm ein Beratungsunternehmen das dreifache Gehalt angeboten hat. Dafür muss er leider nach Prag ziehen.
Ich hatte schon den Eindruck gehabt, dass viele Pilsener entweder nach der Schule oder spätestens nach der Uni nach Prag ziehen, denn im Stadtbild fehlten diese jungen Erwachsenen. Man sieht junge Kinder und dann hauptsächlich erst wieder Leute ab 40. Darauf angesprochen, bestätigte Andrew, dass das tatsächlich ein Problem ist.
Kein Problem, sondern etwas Positives ist in meinen Augen ein Jobwechsel. Immer das gleiche zu machen, wäre ja langweilig. So denken anscheinend viele in Tschechien, denn ich traf in der Woche auch noch eine Geophysik-Studentin, die das Studium aufgeben wird, um im Hotelgewerbe zu arbeiten, eine ehemalige Stewardess, die jetzt Medizin studiert, und eine Politikwissenschafts-Absolventin, die lieber um die Welt zieht und sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Auch Andrew hatte schon im Techmania Science Center in Pilsen und für ein Jahr als Barkeeper in Schottland, natürlich in St Andrews, gearbeitet. Wenn ich vielen solcher Lebensläufe begegne, weiß ich, dass eine Volkswirtschaft boomt. Denn diesen Mut zum Wandel, zu Pausen, zum Neuanfang haben Menschen meist, wenn ein Grundvertrauen besteht, dass man schon irgendetwas finden wird, mit dem man sich über Wasser halten kann. Und tatsächlich liegt die Arbeitslosenquote in Tschechien unter 3 %, es herrscht praktisch Vollbeschäftigung.
Früher oder später kamen wir natürlich auf unsere Reisen zu sprechen, und es stellte sich heraus, dass Andrew auch schon in meinem Lieblingsland war und genau in dem Tal, in dem ich den Artikel über Abenteuerreisen geschrieben habe, meine Ratschläge beherzigt hat und sogar noch auf den Gipfel getrieben hat. Ohne Bergsteigererfahrung bzw. nur mit in Tschechien erworbener, also kaum nennenswerter, Bergsteigererfahrung wollte er mit seiner Freundin den Huyana Potosí besteigen. Die Freundin wurde dann auch ziemlich höhenkrank, ein Schneesturm zog auf, der Bergführer verirrte sich und fiel in eine Gletscherspalte, aus der ihn Andrew herausziehen musste. Dann setzte zum Glück der Überlebensinstinkt ein, und sie kehrten ein paar hundert Meter unterhalb des Gipfels um.
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Als wir so von unseren Abenteuern erzählten, sagte Andrew plötzlich: „Hey, komm doch zu unserem Roadmovie-Festival und erzähle eine Deiner Geschichten!“ Denn, wie anscheinend jeder in Pilsen, organisiert auch er ein Filmfestival, das natürlich im Depo2015 stattfinden wird.
Das wäre tatsächlich genau die Art von Filmen, die mir gefällt, aber leider werde ich vom 18. bis 20. Juni noch in Krakau sein. So ein Pech! Aber Euch empfehle ich dieses Festival schon mal als guten Anlass, endlich selbst Pilsen zu besuchen. Alle Filme werden auf Englisch oder mit englischen Untertiteln gezeigt.
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Zum Abschluss – Andrew musste seine Wohnung ausräumen, sich auf den neuen Job vorbereiten und hatte außerdem gerade die höhenkranke Freundin geheiratet, konnte also nicht die ganze Nacht durchmachen – schenkte er mir noch ein Mila, eine Waffel mit Schokoladenüberzug, und eine Erklärung dazu: Es sei die beliebteste Schokolade in Tschechien. Jeder war sich einig, dass es die beste Schokolade überhaupt sei und dass man, einmal angefangen, gar nicht zu essen aufhören könne. Bis vor ein paar Jahren herauskam, dass die Schokolade Stoffe enthielt, die tatsächlich süchtig machen, und das Rezept geändert werden musste.
Ich habe es natürlich getestet, aber gegen Milka hat Mila keine Chance.
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Ein Highlight von Pilsen ist die Große Synagoge, erbaut am Ende des 19. Jahrhunderts im maurisch-romanischen Stil. Einfach dem roten Turm folgen,
bis Ihr vor dem Tempel in seiner ganzen Pracht steht.
Wenn man um das Gebäude bzw. den Block herumläuft, erkennt man erst den kirchengleichen Grundriss und Aufbau.
Die Juden haben eigentlich ihren eigenen Mondkalender, nach dem der Frühling schon begonnen hätte, aber in Tschechien sind sie so assimiliert, dass sie die allgemeine Winterpause mitmachen. Auch die Große Synagoge öffnet also erst im April (jeden Sonntag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr). An der Tür hing zwar ein Zettel mit Telefonnummer und E-Mail-Adresse, unter der man auch außerhalb der Sommersaison einen Besuch anmelden kann, aber ich wollte den Rabbi nicht stören.
Für einen Besuch böte sich insbesondere der 7. Mai 2018 an, an dem eine Swing-Band im Saal der Synagoge auftreten wird. So wie schon im vergangenen Jahr:
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Überhaupt ist Anfang Mai die beste Zeit für Liebhaber der Musik, die uns in die 1940er Jahre zurückversetzt. Auch Count Basie wird wieder auferstehen und am 4. Mai 2018 mit seinem Orchester vorbeikommen.
Warum alljährlich im Mai amerikanische Musik in Pilsen einfällt und die ganze Stadt dazu tanzt, erfahrt Ihr ab Kapitel 46.
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In der Altstadt kam ich an einigen Antiquariaten vorbei, die schon von außen sehr verlockend aussahen, wo ich mich aber nicht hineinwagte. Sonst hätte ich ganz sicher hunderte von Kronen gegen etliche Kilos eingetauscht – und hauptsächlich einen Artikel über Buchhandlungen geschrieben.
So weise ich nur auf eines der Bücher hin, das ich durchs Schaufenster erspähte. Viele wissen nicht, dass die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright in der Tschechoslowakei geboren wurde und in ihrem Leben gleich zweimal floh: 1939 vor den Nazis nach London und – nach der Rückkehr in die Tschechoslowakei – 1948 vor den Kommunisten in die USA.
Obwohl seither schon eine Menge Zeit vergangen war, konnte Frau Albright ihr Buch, das auf Deutsch als Winter in Prag erschienen ist, 2012 selbst auf Tschechisch vorstellen:
Das war schön, als es noch Außenminister gab, die Fremdsprachen beherrschten.
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Die Tram Nr. 4 fährt zur Endhaltestelle Borsky Park. Das hört sich fast so an wie Gorki Park. Also fuhr ich da einfach mal hin, in der Hoffnung, Spione zu treffen. Ich setzte mich auf eine Bank und las – quasi als Erkennungsmerkmal – A Walk in the Woods von Lee Blessing, ein Theaterstück über einen US-amerikanischen und einen sowjetischen Unterhändler im Kalten Krieg.
Aber auch die Spione waren in der Nebensaison noch nicht tätig, und niemand steckte mir einen Umschlag mit brisanten Dokumenten zu.
Dafür war der Borsky Park der schönste Park der Stadt. Eine Mischung aus Park und Wald. Weitflächig und großzügig. Große Bäume für den Schatten, weite Rasenflächen für die Sonne, weiche Waldwege für gelenkschonendes Joggen.
Falls ich mal nach Pilsen ziehe, werde ich versuchen, dort in der Nähe eine Wohnung zu finden.
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Praktischerweise – insbesondere für Wohnungssuchende – liegt gleich neben dem Park das Gefängnis von Pilsen in Form eines auf Stadtplänen sehr markanten achtzackigen Sterns, wo unter anderem Václav Havel, der spätere Präsident der Tschechoslowakei und der Tschechischen Republik, inhaftiert war.
Mittlerweile war ich schon daran gewöhnt, dass bis April alles geschlossen ist, also versuchte ich erst gar nicht, das Gefängnis zu besuchen.
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Aber noch etwas anderes hatte ich auf dem Stadtplan gesehen, das mein Interesse weckte: ein Meditationsgarten. Es war zwar ein ziemlicher Fußmarsch, aber der Weg ging durch mehrere zusammenhängende Parks, über kleine Brücken und an Flüssen entlang und führte mich in eine Gegend Pilsens, die so überhaupt nicht zu den Betonblocks passen wollte: Holzhäuser und Ausläufe für Rinder und Cowboys, fast wie in Montana.
Aber auch die Rinder waren noch im Winterschlaf.
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Endlich am Meditationsgarten angekommen, war dieser – Ihr ahnt es schon – geschlossen. Andererseits ist eine den ganzen Winter andauernde Pause vielleicht die höchste Form der Meditation.
Für nachahmende Besucher sei gesagt, dass der Garten ab dem 18. April 2018 wieder geöffnet ist. Allerdings habe ich herausgefunden, dass er von der Kirche betrieben wird und damit gar nicht so unterstützenswürdig ist.
Ihr geht also besser in den Borsky Park oder einfach in den Wald.
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Ein Weg durch den Wald führt nach Zruč, etwa 6 km nördlich von Pilsen (wer nicht wandern will, nimmt die Buslinie 20), wo ich durch das Dorf spazierte, bis ich in einem Garten den Hinweis auf die etwas überdurchschnittlich ausgeprägte Sammelleidenschaft seines Eigentümers sah. Dort stapelten sich Busse, Autos, Panzer, Helikopter, Flugzeuge und alles notwendige Zubehör und Ersatzteile.
Da nimmt jemand sein Hobby sehr ernst.
Das wahre Ausmaß erkennt man erst auf dem Luftbild.
Das Tor war auch hier verschlossen, aber das Sammelsurium war einfach zu interessant. Also läutete ich ein paar Mal an einer altmodischen Glocke mit Schnur, bis ein Mann, der nur der Eigentümer sein konnte, herbeischlurfte und mir für nur 100 Kronen (= 4 Euro) Eintritt in sein Reich gewährte und dazu noch allerhand erklärte. Karel Tarantík spricht nämlich hervorragend Deutsch.
Ich hatte ihn bei der Arbeit an seiner neuesten Erwerbung gestört, einem T-55-AM2, dem er in liebevoller Handarbeit einen neuen Anstrich verpasste. „Fahrbereit!“, wie er stolz anfügte. Nur um die Straßen nicht zu beschädigen, wurde der über 30 Tonnen wiegende Panzer mit einem Schwertransporter nach Zruč gebracht.
Manchmal bekäme er alte Stücke zum Schrottpreis, erzählte Herr Tarantík, aber für den Panzer hatte er 20.000 Euro hinlegen müssen. Der Eintrittspreis im Verhältnis zu nur dieser einen Anschaffung zeigt, dass das Museum nicht auf Gewinn ausgelegt ist. Ein viel größeres Problem sei aber die Fläche, denn – wie ich nach einem Rundgang bestätigen kann – es gibt nicht mehr viele freie Stellen im Garten. Der Nachbar würde seine Wiese zwar verkaufen, wolle dafür aber den Preis für Baugrund. „Unverschämt“, waren wir uns beide einig.
Wer ein superscharfes Auge hat, bemerkt bei dem obigen Bild ganz rechts, dass der hintere rechte Flügel der französisch beflaggten Spitfire Mk II abgebrochen ist und darunter etwas verdächtig Weißes zum Vorschein kommt. Tatsächlich war dieses Flugzeug nicht ganz echt, sondern aus Styropor und Pappmaché.
Damit sollte aber niemand getäuscht werden, vielmehr wies ein Schild darauf hin, dass diese Ikone des Luftkampfes für den Film Dark Blue World nachgebaut wurde. Der Film handelt von tschechoslowakischen Piloten, die im Zweiten Weltkrieg in der britischen Luftwaffe flogen.
Neben zwei weiteren Nachbauten (Me-109 und Curtiss P-40), sind aber alle anderen Flugzeuge, Helikopter und Panzer echt. Man findet hier eigentlich alles, von der schnittigen MiG-15 bis zum selbstzerstörenden Starfighter, vom Einsitzer Let Z-37 bis zum Passagierjet Tupolew Tu-104, vom T-34-Panzer bis zum Mi-24-Helikopter.
Sogar eine Stalinstatue hat sich der Sammler unter den Nagel gerissen. Die wollte sonst aber wahrscheinlich wirklich niemand haben (außer dem Grutas-Park in Litauen, aber der hat schon mehr als genug davon).
Was ich an dem Tag sah, war nur der allgemein zugängliche Teil des Museums Air Park. Es gibt noch einen „speziellen Teil“, auf dem obigen Luftbild rechts zu sehen, sowie ein Lager, wo noch einmal mindestens 100 weitere Flugzeuge, Panzer und andere Fahrzeuge lagern. Das kann man mit einer gesonderten Führung besuchen, die aber an jenem kalten Märztag mangels Besucheranstrom und Personal nicht angeboten wurde.
Aber wenigstens ist dieses private Museum das einzige, das rund ums Jahr und jeden Wochentag geöffnet hat.
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Wem allein das Bestaunen von Kampfjets nicht ausreicht, der kann in Tschechien in einer MiG-15, L-29 oder L-39 mitfliegen. Das ganze gibt es schon ab 1.250 €. Hört sich erst einmal nach viel an, aber wie oft haut man unsinnig 1.250 € für einen langweiligen „Wellness-Urlaub“, eine neue Küchenzeile oder eine künstliche Hüfte raus?
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Ich selbst hatte keine 1.250 €, sondern konnte mir gerade mal den Bus zurück nach Pilsen leisten. Der Bus Nr. 20 führte doch tatsächlich an einem griechischen Restaurant (Akropolis) vorbei und ich dachte mir „endlich mal wieder gutes Essen“ und sprang sofort ab.
Aber – man glaubt es kaum – sogar Restaurants haben in Pilsen Winterpause!
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Der Zoo wäre vielleicht schon geöffnet gewesen, denn die Tiere müssen sowieso gefüttert werden (versichern möchte ich es nicht). Aber als ich auf dem Plakat sah, dass dort hauptsächlich Reptilien und gar Schlangen für einen „closer look“ präsentiert werden, stellte ich lieber sicher, dass ich nicht einmal in die Nähe dieses Ungeheuerzoos kommen würde.
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Sympathischere Tierchen gab es im Homolka-Park (sehr praktisch gelegen für die Bewohner des Viertels Slovany).
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Auf einem meiner Spaziergänge erregte dieser Wegweiser zum Denkmal „Danke, Amerika“ mein Interesse. Ich versuchte wirklich alles, um das Denkmal zu finden, war aber nicht erfolgreich. Vielleicht haben es die Russen gehackt.
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Dafür fand ich etwas viel Aufschlussreicheres zu diesem Thema, nämlich das General-Patton-Museum. Im Geiste der 3. US-Armee, die in der Ardennenschlacht und beim Kampf um Bastogne auch nicht vor dem Schnee gekniffen hatte, war dieses Museum sogar im Winter geöffnet. Ich war so begeistert, dass ich glatt vergaß, den Studentenrabatt in Anspruch zu nehmen, der den Eintrittspreis von 60 auf 40 Kronen verringert hätte. Dabei hätte hier sogar mal ein Bezug zu meinem Geschichtsstudium bestanden.
Hier lernte ich tatsächlich eine Menge (für mich) Neues. Für die Bewohner von Pilsen sah es nach dem Zweiten Weltkrieg nämlich zuerst mal gar nicht nach einem Leben im Ostblock aus. Befreit wurde die Stadt von der US-Armee (übrigens der östlichste Punkt in Mitteleuropa, an den diese vorstieß). Wie der Zweite Weltkrieg ausgehen würde, war schon seit Monaten klar gewesen, und die Bevölkerung hatte die Amerikaner schon herbeigesehnt.
Zuerst, im April 1945, kamen jedoch die Bomber. Ziele waren die Eisenbahn, Straßen und in Pilsen vor allem die Škoda-Werke, nach Krupp der größte Waffenhersteller im Deutschen Reich. Bei einem dieser Angriffe kam es anscheinend zu einem Fehler und das etwas südlich des Haupbahnhofs gelegene Wohnviertel Slovany wurde weitestgehend zerstört. Jetzt verstand ich, wieso dort alles neu gebaut war.
Ich kann mich allerdings des Verdachts nicht erwehren, dass der Bahnhof absichtlich verschont wurde, weil dieser gleich neben der Pilsner-Urquell-Brauerei liegt. Und die Piloten wussten ja, dass ihre Kollegen von der Infanterie den langen Marsch von der Normandie nur durchhielten, weil am Ende ein frisch gezapftes Pils wartete.
Schon einige Tage vor Kriegsende, am 4. Mai 1945, hatte die 11. Panzerdivision der Wehrmacht in Všeruby (Neumark) gegenüber der 90. US-Infanteriedivision die Kapitulation erklärt und war nach Kötzting in Kriegsgefangenschaft gegangen.
Als die Wehrmacht kapituliert hatte, war es auch endlich Zeit für den tschechischen Aufstand gegen die deutschen Besatzer. Dieser begann am 5. Mai 1945, die Aufständischen übernahmen tatsächlich das Rathaus und den Rundfunk in Pilsen, aber am nächsten Tag kam ja schon die US-Armee.
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Um ein Gefühl für diese letzten Kriegstage zu bekommen, sei der Hinweis auf die „Operation Cowboy“ gestattet, bei der die US-Armee einige hundert Pferde, darunter wertvolle Lipizzaner, aus der Gefangenschaft durch die Nazis befreite.
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Das alles und viel mehr erfuhr ich im Patton-Museum, das ein bisschen ein ungeordnetes Sammelsurium von alten Fotos, Uniformen, Waffen, Blechdosen, Zeitschriften ist, aber andererseits doch bewegend ist, weil es die Geschichten der Verbrüderung der US-amerikanischen (und netterweise nicht übergangenen belgischen) Soldaten mit den Tschechen in den Vordergrund stellt. Insbesondere die Lebensmittelhilfe und die Unterstützung des Wiederaufbaus, aber natürlich auch die vielen persönlichen Beziehungen mit mehr als 100 Eheschließungen zwischen Soldaten und tschechischen Mädchen, und vielleicht auch die beiderseitige Erleichterung über das Ende des Krieges ließen diese Epoche in guter Erinnerung bleiben.
Doch das Glück währte nur kurz. Denn bei einer Konferenz in Jalta hatte Stalin beim Pokern mit Churchill und Roosevelt die Tschechoslowakei gewonnen. Und so mussten die US-Soldaten im November 1945 abziehen, und die etwas weniger geschätzten Kollegen von der Roten Armee übernahmen das Ruder. 1947 boten die USA auch der Tschechoslowakei Hilfe aus dem Marschall-Plan an, aber Stalin brachte die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei dazu, ihr ursprünglich gegebenenes Einverständnis zu widerrufen. Statt kostenloser Hilfe aus dem Westen sollte lieber Getreide von der Sowjetunion gekauft werden. Von 1948 bis 1953 war die Tschechoslowakei dann eine stalinistische Diktatur unter Klement Gottwald.
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Was ich mich die ganze Zeit fragte: Wie gingen die Tschechen, die, wenn auch nur für ein halbes Jahr, die US-Armee erlebt und weitestgehend willkommen geheißen hatten, damit um, dass die USA ab 1948 zum Feind erklärt wurden?
Denn dass die US-Soldaten nicht mehr als Befreier gefeiert wurden, konnte ich diesen beiden Büchern entnehmen, ohne sie lesen zu können.
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Zur Rückfahrt suchte ich mir bei BlaBla-Car den ältesten Fahrer aus, weil ich dachte, wir Älteren sind zuverlässiger.
Olaf (74 Jahre) war Tscheche (das hätte ich mir eigentlich schon denken können, als er die Pilsner-Urquell-Brauerei als Treffpunkt vorschlug), lebte aber seit 1980 in Nürnberg. Damals war er vor den Kommunisten geflohen und wollte eigentlich nach England, das er bereits von einem Studienafenthalt kannte. Aber da seine Mutter schon in Deutschland lebte und sein Vater nicht mehr lebte, blieb er ihr zuliebe in Deutschland hängen. „Dabei war Deutsch die zweitletzte Sprache auf der Welt, die ich lernen wollte.“ Auf meinen verwunderten Blick löste er das Rätsel auf: „Die letzte war Chinesisch“. Gelernt hat er es natürlich trotzdem, und mittlerweile ist er sogar Dolmetscher und Übersetzer.
Außerdem hat er Psychologie und Soziologie studiert, promoviert und noch etliche Zeit mehr an Hochschulen verbracht. Als ich erzählte, dass ich mit 42 gerade wieder zum Studieren begonnen habe, blitzten seine Augen merklich auf. Jura würde er noch gerne studieren, sagte er. „Nach dem Abitur habe ich am Aufnahmetest für Jura teilgenommen und erreichte Platz 9 – landesweit! Studieren durfte ich es in der Tschechoslowakei trotzdem nicht, weil ich nicht aus einer regimetreuen Familie kam.“
Und schon waren wir beim Prager Frühling 1968. Begeistert erzählte er mir vom Zusammenhalt der Menschen, der Hoffnung, der Einheit des Volkes, der Zuversicht. Doch dann kamen „die Russen“, wie er die Truppen des Warschauer Paktes bezeichnete, mit denen sich trotz Russischkenntnissen nicht über Politik und Freiheit diskutieren ließ.
Bei einem erklärten Antikommunisten wie Olaf konnte ich endlich die Frage anbringen, wie die Erinnerung an die Befreiung von Pilsen während der Tschechoslowakei gehandhabt wurde. „Man durfte die Amerikaner nicht erwähnen“, erinnerte er sich an seine Schulzeit. Offiziell hatten sich die Pilsener selbst befreit bzw. die sowjetischen Brüder waren zur Hilfe geeilt (nach einer Version zur Täuschung des Feindes in US-Uniformen gekleidet). „Es war verwirrend, denn unsere Eltern erzählten von den Amerikanern, und in der Vorratskammer standen noch die großen Blechdosen mit amerikanischer Beschriftung. Aber in der Schule wurde gelehrt, dass allein die Sowjets die Nazis besiegt hatten.“ Um die Erinnerung an die persönlichen Bekanntschaften mit US-Soldaten auszulöschen, wurde sogar das perfide Gerücht in die Welt gesetzt, dass die einst in Pilsen stationierten Einheiten alle bei der Überfahrt nach Japan gesunken wären.
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Erst ab 1990 sind die Veteranen aus Übersee wieder willkommen. Wie die Unterschriften im Patton-Museum zeigen, sind zumindest einige von ihnen alt genug geworden, um noch zu erleben, wie die Tschechoslowakei erneut „befreit“ wurde.
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Seit 1990 findet jährlich in der ersten Maiwoche das Befreiungsfestival statt. Auch das ein guter Anlass für eine Reise nach Pilsen!
Die noch lebenden Veteranen aus den USA und aus Belgien werden gefeiert (wieso wird das eigentlich in Deutschland nirgendwo gemacht?), alte Jeeps und Panzer rollen mal wieder durch die Stadt, und überhaupt wird alles getan, um einen in die Zeit zurückzuversetzen, als Musik tanzbar, die Hot Dogs gesund und Zigarren noch nicht krebserregend waren.
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Fazit:
Pilsen ist eine gemütliche, freundliche, interessante Stadt. Bei weitem nicht so überwältigend schön wie Prag, aber dafür noch viel tschechischer als das internationale Prag. Wegen des Wegzugs junger Leute und der Intelligenzija wirkt es vielleicht manchmal ein bisschen ausgestorben, andererseits ist dafür doch einigermaßen etwas geboten. Und Prag ist ja nur 90 Minuten Zugfahrt weg. Außerdem hat so eine ruhige Stadt auch Vorteile, insbesondere wenn man mal eine Doktorarbeit oder ein Buch schreiben will.
Und denkt bei Eurer Reiseplanung daran: Von November bis April ist fast alles geschlossen.
„Justizpalast“ von Petra Morsbach wird als Justizroman verkauft, was das einzige war, das mein Interesse erweckte. Dafür wurde er hochgelobt und mit Preisen bedacht, die immer wieder die mühsame, über neun Jahre dauernde Recherchearbeit der Autorin betonten, mit der sie angeblich ein treffendes Bild der Justiz zeichne. Aber über weite Strecken kam mir „Justizpalast“ eher vor wie ein Frauenroman:
Er kam ihr also aus der Kantine entgegen, während sie auf dem Weg dorthin war. Jahrelang hatte sie ihn nicht gesehen und erkannte ihn doch sofort. Er war mit den Jahren etwas schwerer geworden, aber so eigenartig unkörperlich wie je. Alfred, grauer Cord-Anzug, weißes Hemd, anthrazitfarbene Krawatte, wandelte mit seinem weichen Schritt über das Linoleum des Kantinengangs wie eine Erscheinung, eingesponnen in einen Kokon aus Intelligenz und Würde. Herzklopfen!
Oder sollte ich sagen wie das Klischee eines Frauenromans, denn über Erfahrung verfüge ich in diesem Metier nicht wirklich? Genug Erfahrung mit Gerichten habe ich allerdings, um zu wissen, dass Richter weiße Krawatten tragen. Das hätte einem aber auch auffallen können, wenn man sich bei der Recherche ein paar Verhandlungen angesehen hätte.
Ganz klischeemäßig erlebt die Protagonistin eine überdramatische Kindheit (Nazi-Opa, Schauspielerhalodri-Vater, Brustkrebs-Mama, Restkrebs-Tanten), wie überhaupt alle im Roman Erwachsenen Traumata aus ihrer Kindheit herumschleppen, die alle Probleme und Macken erklären sollen.
Die holzschnittartigen Personen, einschließlich der Protagonistin, die Richterin wird, weil ihr Opa Richter war, lassen keine Begeisterung aufkommen. Sprachlich lief mir kaum etwas über den Weg, was mich vom Hocker gehauen hätte. Bleiben also Handlung und Inhalt. Da zieht der Roman zielstrebig, aber gemächlich durch das Spießerleben der Richterin Thirza Zorniger. Spätestens ab der Hälfte merkt man, dass Morsbach einerseits überrecherchiert hat und zu viele Notizen hat, die sie irgendwie noch unterbringen muss, dass aber andererseits neun Jahre Recherche kein Jurastudium ersetzen.
Denn das Buch strotzt vor Fehlern. Morsbach schreibt wie eine Studentin im zweiten Semester, die Fachbegriffe und Floskeln aufgeschnappt hat und diese in einer Klausur panisch unterbringen will, damit zumindest dem erfahrenen Leser aber nur ihre Unkenntnis demonstriert. Man wundert sich allerdings, wieso der Verlag keinen Juristen lektorieren hat lassen. (Ich hätte Zeit gehabt.)
Geht es um die Schenkung einer Ferienwohnung, schreibt Morsbach:
Den Verwaltungsakt hatte die Witwe vollzogen.
Das tut weh! Eine Schenkung ist kein Verwaltungsakt. Letzterer erfordert, wie man schon ahnen kann, ein Handeln der Verwaltung, nicht der Witwe (die, wenn überhaupt in ihrer Rolle als Erbin, nicht als Witwe rechtlich relevant wäre).
Zur Abschaffung des Verschuldensprinzips bei Ehescheidungen schreibt Morsbach, dass sich „die Rechtsprechung geändert“ habe. Falsch. Das Gesetz wurde geändert.
Ein weiteres Beispiel:
In den fünfziger Jahren erkannte die herrschende Meinung, dass schrankenlose Vertragsfreiheit den Wettbewerb ruiniert.
So wurde eine eigene Gesetzgebung geschaffen,
womit sie UWG und GWB meint. Erstens werden Gesetze verabschiedet und nicht die „Gesetzgebung geschaffen“, denn die Gesetzgebung ist der Akt oder bei wohlmeinender Auslegung vielleicht noch die Legislative als Organ. Eine „eigene Gesetzgebung“ wäre also ein Sonderparlament. Zweitens erkennt „die herrschende Meinung“ nicht plötzlich etwas, sondern es werden verschiedene Meinungen vertreten, von denen vielleicht irgendwann eine langsam zur herrschenden wird. Diese Meinung ist für Studenten wichtig, aber für die Gesetzgebung vollkommen irrelevant. Der BGH hingegen vertritt laut Morsbach „verschiedene Mindermeinungen“, womit schon wieder Kategorien aus Lehre und Judikative vermengt werden.
Wenn es
bei Meldung eines Ordnungsgeldes
statt, wie es richtig wäre, „bei Meidung eines Ordnungsgeldes“ heißt, kann das ein Flüchtigkeitsfehler sein. Oder es zeigt, dass Morsbach die Funktion eines Ordnungsgeldes nicht mal erahnte.
Laut Klappentext hat Morsbach mit mehr als 50 Juristen für ihr Buch gesprochen. Vielleicht waren es die falschen. Wobei mich die Aussage, dass man für das Staatsexamen
tausend Paragrafen […] und alle Artikel des Grundgesetzes
im Kopf haben müsse, daran zweifeln lässt, ob es diese Gespräche gab. Denn dass man im Jurastudium keine Paragrafen auswendig lernt, hätte der Autorin wirklich jeder Student im ersten Semester erzählen können. Warum sollte man auch, wo man die Gesetzestexte doch in der Prüfung dabei hat?
Fazit: Für Nichtjuristen sterbenslangweilig und unverständlich, für Juristen extrem ärgerlich. Wer gute Bücher über die Justiz lesen will, muss weiterhin zu Werken von Juristen greifen. Selbst bei John Grisham oder Scott Turow lernt Ihr mehr. Und auf diesem Blog sowieso.
So, so, dieser Carles Puigdemont läuft also wieder frei herum.
Wo bleiben die Rufe nach „Recht und Ordnung“, nach harten Strafen, nach Abschiebung?
Im Jahr 2017 war ich anscheinend ziemlich träge, denn ich bin keinen einzigen Halbmarathon gelaufen. Da weltweit die Kriegsgefahr steigt, will ich sicherheitshalber wieder fitter werden. Den Anfang machte vorletztes Wochenende ein Halbmarathon bei Pilsen in Tschechien.
Und weil ich schon einmal in der EuropäischenKulturhauptstadt von 2015 war, bin ich gleich eine ganze Woche in Prag geblieben. An dem Artikel darüber arbeite ich schon.
Danke an Dieter Schuffenhauer für Ein Spaziergang im Hindukusch von Eric Newby. Dieser Klassiker der Reiseschriftstellerei ist zurecht einer.
Wenn wir alle gleichzeitig zum Rauchen aufhörten, würden wir soviel an Gewicht zunehmen, dass die Erde aus der Umlaufbahn geriete.
Oft will man per Anhalter fahren, hat aber kein Pappschild zum Anzeigen des gewünschten Ziels dabei. In letzter Zeit habe ich immer einen Studienbrief der Fernuniversität in der Tasche, dessen Rückseite sich zu diesem Zweck hervorragend eignet:
Masern sind das Mittel der Evolution gegen Waldorf-Kindergärten.
Es dürfte auf diesem Blog noch nicht vorgekommen sein, dass ich die CSU lobe. Aber die erneute Nominierung von Gerd Müller als Minister für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit finde ich gut.
Die weiteren CSU-Entsendungen ins Bundeskabinett sind allerdings unter jeder Kanone. Gibt es eigentlich einen Automatismus, dass der größte Dampfplauderer immer Verkehrsminister wird ?
Ich hoffe, Ihr habt nicht vergessen, am 23. März den Tag des Meeres zu feiern?
Innenminister, die mit „der Islam gehört nicht zu Deutschland“ ihr Amt antreten, tragen mehr zur Radikalisierung deutscher Muslime bei als ISIS oder Al-Qaida.
Und gehört der Atheismus eigentlich zu Deutschland?
Wenn Menschen aus Bolivien oder Tibet in die Niederlande kommen, bekommen sie dann negative Höhenkrankheit?
Universitäten, die Studenten erlauben, „Daten“ für Abschlussarbeiten durch Umfragen bei ihren selbstgewählten Facebook-Freunden einzusammeln, gehören eigentlich bombardiert. – Dann könnten die Studenten wenigstens anhand von Flächenbombardements etwas über echte Statistik lernen.
Apropos Facebook: Jetzt, wo mal wieder rauskommt wie schlampig bis kriminell dort gearbeitet wird, hoffe ich auf ein Comeback für Blogs. Auf diesen gibt es meist mehr Substanz, bessere Diskussionen, und man kann besser aufeinaner verlinken. Außerdem findet man bei Facebook, geschweige denn bei Instagraph, kaum etwas (wieder), das mehr als ein paar Tage zurückliegt. Dieser Aktualitätswahn geht auf Kosten der Qualität.
Ich empfehle selten andere Blogs, weil ich nicht will, dass die Leser abwandern. Aber der Geschichte-Blog von Ralf Grabuschnig ist top!
Für meine Frühjahrswanderung spiele ich mit dem Gedanken, den Limes entlang zu wandern. Hat das schon mal jemand von Euch gemacht?
Wenn ich Lehrling wäre, würde ich auch meine Ausbildung abbrechen. Studieren ist doch viel schöner.
Wenn mich etwas nervt, dann sind das Leute, die einem einen Kuchen oder so schenken und sich nach zwei Wochen melden: „Hey, wo ist mein Teller/die Tupperbox?“
Woher soll ich wissen, dass Ihr die Verpackung wieder zurück haben wollt? Die ist natürlich schon lange im Müll. Packt den Kuchen halt in Zeitungspapier ein, verdammt nochmal! Spießerpack!
Vor ein paar Tagen gab es in Amberg-Sulzbach so einen Sonnenuntergang, dass ich schon dachte, ein Atomkraftwerk sei explodiert.
Ich war von den Paralympischen Spielen viel mehr beeindruckt als von den Olympischen Spielen.
Aber Bolivienfeierte den größten Erfolg in seiner olympischen Wintersportgeschichte: Platz 32 im Slalom. Bis dahin hatte Platz 34 im Riesenslalom (erreicht 1984 in Sarajevo) für den Nationalstolz herhalten müssen. Zu den Trainingsbedingungen befragt, erklärt der Athlet, dass Schnee und Berge in Bolivien super sind, aber dass ein Skilift fehlt. – Dabei hatten die Österreicher doch einst den höchstgelegenen Skilift der Welt in Bolivien erbaut.
Im vergangenen Jahr bin ich ganz schön herumgekommen. Am Ende fiel sogar mein Pass auseinander, so oft habe ich ihn vorzeigen müssen. Aber anstelle von exotischen Souvenirs habe ich nur Notizbücher mitgebracht, prall gefüllt mit Geschichten, die erzählt werden wollen, und dazu ein paar Fotos. (Ein paar von Euch haben tatsächlich Souvenirs bekommen, aber das ist dem elitären Zirkel der Unterstützer dieses Blogs vorbehalten.)
2018 wird ein viel ruhigeres Jahr werden, mit einem Schwerpunkt auf dem Studium und der Veröffentlichung von Artikeln über vergangene Reisen. Hier gebe ich Euch einen Überblick über das, was 2017 so passiert ist, und Ihr könnt mir gerne mitteilen, was Euch am meisten interessiert.
Begonnen habe ich das Jahr 2017 an einem der schönsten Orte der Welt, am Titicaca-See in Südamerika. Zuerst in Puno auf peruanischer Seite, dann in Copacabana auf der bolivianischen Seite.
Und Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie glücklich ich war, wieder in Bolivien zu sein. Es bleibt bis heute mein Lieblingsland. Wenn ich mich jemals entscheiden müsste, mein ganzes Leben in einer Stadt zu verbringen, fiele die Wahl auf Cochabamba. Aber da ich diese Stadt des ewigen Frühlings schon gut kannte, zog ich 2017 für ein paar Monate nach La Paz. Dort habe ich zwar ewig gefroren, aber wohl gefühlt habe ich mich trotzdem.
In die Zeit meines dortigen Aufenthalt fiel auch der 21. Februar, der Jahrestag des Verfassungsreferendums, mit Demonstrationen von beiden Seiten. Ich war natürlich mittendrin.
Überhaupt habe ich noch nie so viele Proteste, Demonstrationen und Streiks erlebt wie in La Paz. Jeden Tag gab es zwei oder drei davon, und da ich ziemlich zentral wohnte, wurde ich oft von Trommelschlägen und Feuerwerk geweckt bzw. am Einschlafen gehindert.
Leider fast zu spät hingegen fand ich eine sympathische Wandergruppe, Free Trek, mit der ich deshalb nur einmal unterwegs war. Das Valle de las Animas sieht aus wie aus einer anderen Welt, dabei beginnt es nur einen kurzen Fußmarsch von der Stadt entfernt.
Im April flog ich dann nach Kolumbien, wo mich Bogotá wirklich überraschte. Eine fahrradfreundliche, grüne und kulturell reichhaltige Stadt voller Buchhändler, Ausstellungen und Schachspielern auf den Straßen.
Da ich Kolumbien und Südamerika mit dem Schiff verlassen würde, musste ich noch nach Cartagena, der Hafenstadt in der Karibik. Cartagena sieht schön aus, ist aber das genaue Gegenteil von Bogotá: heiß und schwül statt mild und angenehm, hedonistisch statt intellektuell, oberflächlich statt kultiviert. Was in Bogotá die Schachspieler sind, sind in Cartagena die Schönheitsköniginnen.
Im Mai freute ich mich dann schon wieder auf Europa und auf die Kreuzfahrt. Zwei Wochen auf hoher See waren ein verlockender Ausblick, aber es war dann nicht so entspannend wie meine erste Kreuzfahrt. Vielleicht war es zu viel Cartagena und nicht genug Bogotá.
Aber so kam ich immerhin auf ein paar Inseln, die ich ansonsten niemals besucht hätte. Auf Sint Maarten/Saint Martin empfing mich sogar eine Freundin, die mir die Insel zeigte und eine Menge Informationen über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und damit einen Blick hinter die Fassade von Sandstrand und Palmen bot. Als wir die Grenze von Sint Maarten nach Saint Martin überfuhren, war ich schon in der EU – und das mitten in der Karibik!
Ein paar Wochen darauf zerstörte der Hurrikan Irma alles.
Fast das gleiche Schicksal befiel Antigua, wo ich überrascht war, wie britisch-kolonial alles noch aussah, obwohl fast alle Bewohner Nachfahren von Sklaven sind, die übrigens in den 1730er Jahren eine Revolte anzettelten. Das erfuhr ich im Museum in St. John’s, wohin ich mich auf der Flucht vor der Mittagshitze verzogen hatte.
Der letzte Inselstopp auf der Kreuzfahrt war Madeira. Die Rückkehr nach Europa war so schön wie erhofft, mit einem milden Klima, blühenden Bäumen und endlich einer Stadt, in der man im Park die Zeitungen lesen konnte, ohne der Wumm-wumm-wumm-Musik aller umliegenden Nachbarn in unmenschlicher Lautstärke ausgesetzt zu sein. Am liebsten hätte ich die Kreuzfahrt da schon beendet und wäre länger in Funchal geblieben.
Aber dann blieb ich doch an Bord, bis wir das Festland von Portugal erreichten. Von Lissabon bekam ich nur einen kurzen aber positiven Eindruck, aber Sintra verschlug mir den Atem. Schlösser, Burgen und Klöster, versteckt im Wald oder auf Bergkuppen thronend, alle verbunden mit Wanderwegen, und mit wunderschönen Parks, romantischen Teichanlagen und mysteriösen Tunnels. Ein magischer Ort!
Und dann war ich plötzlich wieder in Deutschland. Naja, wenigstens war Sommer, so dass es sonnig, grün und perfekt zum Wandern war. Es war schon eine Erleichterung, dabei einmal nicht auf Anacondas und Piranhas achten zu müssen. Dass manche Leute hier vor Wölfen Angst haben, zeigt ja, dass es keine ernsthaften Gefahren gibt.
Aber immer, wenn ich ein paar Wochen in Bayern bin, erkenne ich mit Erschaudern, dass ich schon disproportional viel Lebenszeit dort verbracht habe. Dann muss ich wieder weg, denn nichts ist mir so unangenehm wie das Gewohnte und Bekannte. Im Juli bot mein Geburtstag den passenden Anlass für eine Reise in den Kaukasus.
In Tilis in Georgien hatte ich das Glück, in einem Stadteil zu wohnen, der noch nicht modernisiert geworden war. Schöne Innenhöfe mit großen Bäumen, Holzbalkone, Elemente persischer Architektur.
Es kam mir sofort wie eine Stadt vor, in der ich mir vorstellen könnte, eine Weile zu leben. Aber auch Kutaisi und Zugdidi waren sehr nett.
Jerewan war mehr Beton als grün, hatte aber auch eine sehr kulturelle Atmosphäre. Das Wanderparadies in Armenien war jedoch Dilijan.
In Ganja in Aserbaidschan war ich fast erschlagen von der Wucht und dem Kontrollwahn der Familienautokratie, während Göygöl, das ehemalige Helenendorf, vollkommen anders war und mich allerfreundlichst empfing.
Aber die größte Überraschung während der Kaukasusreise war Abchasien. Die Hauptstadt Sochumi verfügt noch immer über die Pracht eines Badeortes am Schwarzen Meer mit langer Tradition. Wegen Krieg, Flucht und Vertreibung ist die Bevölkerung allerdings so dezimiert, dass es selbst zum Höhepunkt der Touristensaison im Sommer niemals überfüllt war.
Schon länger spiele ich mit dem Gedanken, in ein russischsprachiges Land zu ziehen, um Russisch zu lernen. Da niemand in Abchasien von Ausländern erwartet, dass sie Abchasisch lernen und fast niemand Englisch spricht, erscheint es mir als der perfekte Ort für solch ein Sprachstudium. (Transnistrienwäre eine Alternative.)
Zurück in Deutschland traf ich einen ehemaligen Klassenkameraden, der damals in Großbritannien lebte. Es war schön, zu sehen, wie gut man sich noch verstehen kann, auch wenn man sich mehr als zehn Jahre nicht gesehen und gesprochen hat, und er lud mich ein, ihn in Lytham St. Annes zu besuchen.
Dieser kleine Ort in Lancashire ist laut seinen Worten eine „Blase der Glückseligkeit“, aber wir hatten auch Zeit, uns das etwas zwielichtige Blackpool und eine Flugschau in Southport anzusehen
sowie im Lake District Wandern zu gehen.
Erneut fiel mir auf, wie perfekt Großbritannien für Wanderungen ist. Nicht nur die sanft geschwungene Landschaft, sondern auch eine gute Infrastruktur mit Bus- und Bahnverbindungen an fast jedem Ort, Pubs selbst im kleinsten Dorf, und sogar entlang der Wege stellen freundliche Menschen Aufputschmittel für die Wanderer bereit.
Im Oktober wurde ich dann Student, und es war aus mit dem Reisen. Zumindest mit den Fernreisen. Immerhin kam ich so mal für eine Woche nach Hagen, angeblich die langweiligste Stadt Deutschlands. Ich fand es ehrlich gesagt gar nicht so schlecht. Aber das lag wahrscheinlich daran, dass ich die ganze Woche Geschichtsvorlesungen- und Seminare hatte.
Jetzt wo sie Rentnerin ist, findet meine Mutter wieder mehr Gefallen am Reisen. So schlug sie spontan vor, im Herbst ein paar Tage nach Prag zu fahren. Es stellte sich als die perfekte Zeit heraus: noch spätsommerlich warm, aber schon alles voll goldener und roter Herbstblätter. Prag ist eine der Städte, die mir nie langweilig wird, egal wie oft ich schon da war.
In Deutschland hingegen wurde es ab November zunehmend deprimierender. Ich musste mal wieder die Flucht ergreifen, und zog für drei Monate nach Kotor in Montenegro. Es hatte mir bei einem früheren Tagesausflug gut gefallen, aber dieser längere Aufenthalt bestätigte, dass Kotor tatsächlich eine der schönsten Städte der Welt ist – sogar im Winter.
So, und jetzt seid Ihr gefragt. Schreibt mir, was Euch am meisten interessiert, und ich mache mich an die Artikel,Fotos und Videos.