Auf dem Dorf in Ungarn

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Einer der Aspekte, der mir am meisten am Housesitting gefällt, ist der Zufallsfaktor.

Manchmal werde ich in Großstädte wie WienBerlin oder Stockholm eingeladen. Orte, die jeder mindestens einmal im Leben besuchen möchte. Wo es eine Menge zu sehen gibt, mit einem reichhaltigen kulturellen Angebot, und wo man neue Leute kennenlernt. (Na gut, vielleicht nicht in Stockholm.) Städte, in denen sich niemand wundert, dass man dorthin fährt.

Aber genauso oft werde ich in kleine Dörfer eingeladen. Orte wie OberstenfeldVenta Micena oder Chastre. Gemeinden, von deren Existenz ich zuvor noch nie gehört hatte. Dörfer, die ich ansonsten niemals besucht hätte. Wo sich jeder fragt, was zum Henker ich dort mache.

Mir gefallen beide Katzegorien gleichermaßen, vor allem, wenn sie sich abwechseln.

“Das Wortspiel war zum Fremdschämen.”

Zuerst sauge ich das Großstadtleben auf, mit allem, was es zu bieten hat. Dann ziehe ich mich aufs Land zurück, wo ich den ganzen Tag im Garten sitze und lese.

Diesen Monat ist mal wieder Landleben angesagt, und zwar in Lepsény. Das ist in Ungarn.

Hier werde ich kaum etwas Berichtenswertes erleben. Nicht zuletzt, weil Ungarisch für mich eine undurchdringbare Sprache ist. Fast keines der Wörter hat irgendeine Ähnlichkeit mit einer der Sprachen, die ich kann oder zumindest kenne. (Dabei hatte Ungarisch ursprünglich viel mehr Lehnwörter aus dem Lateinischen und dem Deutschen. Aber im 18. und 19. Jahrhundert, dem Zeitalter des Nationalismus, erfanden ungarische Sprachwissenschaftler Zehntausende von neuen Wörtern, die jene ersetzen sollten, die auch nur im entferntesten fremdsprachig klangen. Dankeschön!) Wenn ich in den Supermarkt gehe, kann ich nur Sachen erwerben, die offen verkauft werden, oder auf deren Packung ein Bild prangt. Wie ein Analphabet. Heute brauchte ich zum Beispiel Milch, also musste ich nach einem Karton suchen, auf dem eine Kuh abgebildet war.

Statt Geschichten gibt es aber ein paar Fotos, so dass Ihr Euch das Leben in einem typischen ungarischen Dorf vorstellen könnt.

Mich stört es gar nicht, eine Zeitlang in einem Dorf zu verbringen, solange mir die Gastgeber ein Auto zur Verfügung lassen oder – noch besser – wenn der Ort über einen Bahnhof verfügt. Da ich in einem kleinen Dorf in Bayern mit miserabler ÖPNV-Anbindung aufgewachsen bin, erstarre ich jedes Mal in Ehrfurcht, wenn ähnlich kleine Dörfer mit einem Bahnhof gesegnet sind.

Lepsény, mit einer Bevölkerung von gerade einmal 3.000 Menschen, hat nicht nur einen Bahnhof. Es hat sogar, und das hat mich echt umgehauen, eine Direktverbindung nach Budapest, nach Zagreb und natürlich in eine Menge anderer hübscher Städte.

Außerdem kann ich von hier aus jederzeit zum Plattensee spazieren.

Links:

  • Mehr Artikel über Ungarn.
  • Mehr zum Housesitting. Nach Kiew ist das erst mein zweites Katzensitting in Osteuropa. Dabei würde ich gerne öfter diesen Teil der Welt besuchen. Nur so als Hinweis, falls jemand jemanden kennt, der/die jemanden sucht, um auf Haus und Hof und Tiere aufzupassen.
  • Und mehr Fotos.
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Vor hundert Jahren wurde König Ferdinand befördert – Oktober 1922: Großrumänien

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In manchen Monaten drängt es sich geradezu auf, über das hundertjährige Jubiläum eines historischen Ereignisses zu schreiben. Im Oktober 1922 kam Benito Mussolini mit seinen Faschisten an die Macht in Italien. Genau 100 Jahre später wird in Italien eine Frau aus der Nachfolgepartei der Faschisten zur Ministerpräsidentin gewählt. Senatspräsident wird ein offener Mussolini-Verehrer. Das Grab des Diktators ist ein Pilgerort.

Aber erstens hatten wir Italien in dieser Reihe schon einmal, und zwar mit den Proto-Faschisten von Fiume. Zweitens habt Ihr das jetzt alle schon den ganzen Monat in den Zeitungen gelesen und im Radio gehört. Diese Reihe lässt jedoch das Naheliegende gerne links liegen und lenkt stattdessen den Blick auf die weniger ausgeleuchteten Ecken der Weltgeschichte.

Eines der vollkommen zu Unrecht übersehen Länder ist Rumänien. 

Das gibt mir endlich die Möglichkeit, diese Geschichtsreihe mit einem Reisebericht zu verknüpfen. Und in den letzten Monaten war ich nun einmal leider nicht in Bozen oder in Rom, dafür aber in Alba Iulia. Auf Deutsch heißt die Stadt Karlsburg, aber weil die Stadt mittlerweile unbestritten in Rumänien und nicht mehr in Österreich liegt, verwende ich im Folgenden den rumänischen Namen. Wir wollen ja nicht so sein wie die Ungarn, die für alle Städte, auf die sie irredentistische Ansprüche erheben, ihre unaussprechlichen ungarischen Namen, im Fall von Alba Iulia also Gyulafehérvár oder Károlyfehérvár oder Erdélyifehérvár, verwenden. Es ist jedes Mal eine Tortur, wenn ich in Ungarn ein Zugticket in eine Stadt in einem Nachbarland kaufen will, weil das Bahnpersonal auf der Verwendung des ungarischen Namens besteht. Wien heißt Bécs, aber wenn man es falsch ausspricht, landet man in Pécs. Eigentlich lebt der ganze ungarische Tourismussektor von Ausländern, die Ungarn nie mehr verlassen können, weil sie nicht wissen, dass Bratislava Pozsony und Neumarkt Marosvásárhely heißt.

Aber zurück nach Alba Iulia und damit gleich wieder nach Italien. Denn was steht in Alba Iulia?

Die Kapitolinische Wölfin mit dem kleinen Romulus und dem kleinen Remus!

Es ist nämlich so, dass Rumänien – etwas vereinfacht zusammengefasst – der eigentliche Nachfolger des Römischen Reiches ist. Hier ließen sich die Römer nieder, nachdem sie mit den Dakern erst gestritten, sich bald aber vertragen und verbrüdert hatten. Deshalb bildet Rumänien diese romanische Sprachinsel mitten in Osteuropa, und wer Italienisch oder Spanisch kann, wird überrascht davon sein, wie viel er oder sie in Rumänien verstehen oder zumindest lesen kann.

Das Ganze ist übrigens keine wilde Behauptung von mir oder von Rumänien, sondern wird auch von Italien so anerkannt. Die Wölfinnenstatuen, die vor fast jedem Rathaus in Rumänien stehen, sind nämlich Geschenke Italiens. Und zwar aus der Zeit Mussolinis! Frappierend, wie immer alles mit allem zusammenhängt, aber um das zu erklären, fehlt uns jetzt die Zeit.

Denn wir wollen uns auf den 15. Oktober 1922 fokussieren, an dem König Ferdinand I. zum König von Großrumänien gekrönt wurde. 

Dieser Ferdinand kam aus Sigmaringen und hieß deshalb Ferdinand von Hohenzollern-Sigmaringen. Nun wird sich jeder fragen, wie man so dämlich sein kann, freiwillig einen Hohenzollern-Prinzen zu seinem König zu wählen, insbesondere 1922, also nachdem die Hohenzollern ganz Europa in Schutt und Asche gelegt, Kriegsverbrechen und Völkermorde begangen und das deutsche Volk ausgeraubt hatten.

Diesen Fehler hätten die Rumänen 1922 natürlich nicht begangen.

Ferdinand war aber bereits seit 1914 König von Rumänien. Den Job hatte er geerbt von seinem Onkel Karl, der als Carol I. seit 1866 Fürst und seit 1881 König von Rumänien war und keine überlebenden Kinder hatte.

Dass neu entstandene Staaten einen Fürsten aus dem Ausland einluden, war nichts Ungewöhnliches. Im 19. Jahrhundert (und in Großbritannien bis heute) konnte man sich noch nicht so richtig vorstellen, wie man ohne König einen Staat macht. Also gingen Staaten wie Griechenland, Bulgarien, Finnland oder eben Rumänien auf die Suche nach einem Prinzen, am besten einem zweit- oder drittgeborenen, der sich zuhause keine Hoffnung auf die Thronfolge machen konnte. So jemanden wie Prinz Harry. Oder Ernst August von Hannover. Falls der nicht gerade im Gefängnis ist.

Die Rumänen fragten zuerst beim belgischen Königshaus an, dort hatte aber niemand Lust. Ein absoluter Glücksfall der Geschichte, wenn man bedenkt, wie Belgien beispielsweise den Kongo regiert hat. Wobei die Kolonialgeschichte Rumäniens auch nicht viel ruhmreicher ist.

Die Hohenzollern hingegen waren noch nie von zu wenig Selbst- und Sendungsbewusstsein geplagt, und so meldete sich Prinz Karl Eitel Friedrich Zephyrinus Ludwig von Hohenzollern-Sigmaringen für den Job. 

König Carol I. regierte mal recht, mal schlecht. Große Infrastrukturprojekte, Eisenbahnen, Donau-Brücken und eines der schönsten Königsschlösser der Welt, Schloss Peleș.

Aber auch ein paar Korruptionsskandale, die gewalttätige Niederschlagung des letzten Bauernaufstandes in Europa 1907 und, der größte Fehler, ein geheimes Militärbündnis mit Österreich-Ungarn.

Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, wollte König Carol I. mit Rumänien auf der Seite der Mittelmächte in den Krieg eintreten. Zum einen wegen des Geheimvertrages mit Österreich-Ungarn, zum anderen war der deutsche Kriegskaiser Wilhelm II. sein Cousin.

Aber Rumänien ist ein friedfertiges und ein frankophiles Land. (Wegen des gemeinsamen lateinischen Ursprungs fällt es Rumänen sehr leicht, Französisch zu lernen. Und wenn sie nach Paris kommen, denken sie: “Ach, das sieht ja fast so schick aus wie zuhause in Bukarest.” Weil die Westeuropäer aber den kulturellen Diskurs dominieren, nennt man Bukarest das “Paris des Ostens” anstatt umgekehrt.)

Die Rumänen hatten keine Lust auf Krieg, und schon gar nicht auf Krieg gegen Frankreich. Außerdem hatten sie keine allzu großen Sympathien für Österreich-Ungarn, weil die dort (hauptsächlich in Siebenbürgen) lebenden Rumänen unter der Magyarisierungspolitik litten. Also verweigerten sie den Kriegsdienst. Landesweit. Der deutschpreußische König war über diese Befehlsverweigerung so erzürnt, dass er im Oktober 1914, zwei Monate nach Kriegsbeginn, aus Protest verstarb.

Daraufhin wurde eben sein Neffe Ferdinand I. zum König von Rumänien. 

Der war jedoch mit einer britischen Frau verheiratet (die aus Gleichberechtigungsgründen ebenfalls zur Königin von Rumänien gekrönt worden war), so dass Krieg gegen Großbritannien eher schlecht für den Familienfrieden gewesen wäre.

König Ferdinand I. beugte sich also dem Volkswillen, blieb bis 1916 neutral und führte Rumänien dann auf Seiten der Entente in den Ersten Weltkrieg. 

Kaiser Wilhelm II. war darüber so wütend, dass er Ferdinand aus dem Familienstammbaum der Hohenzollern tilgen ließ, was letzteren wahrscheinlich ziemlich kalt ließ. Insbesondere als klar wurde, dass Deutschland und Österreich-Ungarn den Ersten Weltkrieg verlieren würden.

Um die Folgen jenes Krieges für Rumänien zu demonstrieren, sollte ich jetzt endlich mal eine Landkarte einfügen.

Das schweinchenrosa markierte Gebiet war Rumänien vor dem Ersten Weltkrieg, praktisch die Vereinigung der Fürstentümer Moldawien und Walachei. Das war das Gebiet, wovon Carol I. zuerst Fürst und dann König war.

All die fliederfarbenen Gebiete wollten nach dem Ersten Weltkrieg auch zu diesem sympathischen Land gehören: Siebenbürgen (das ist übrigens identisch mit Transsilvanien, auch wenn Ihr dabei immer an Vampire denkt), Teile des Banats, der Maramuresch, des Kreischgebiets und von Sathmar, der südliche Teil der Bukowina und Bessarabien (das ist die heutige Republik Moldawien/Moldau).

Plötzlich war Rumänien doppelt so groß wie vorher. Das kommt davon, wenn man im Weltkrieg auf der richtigen Seite steht und viele Fremdsprachen beherrscht, so dass man auf den Friedenskonferenzen in Versailles, Trianon und so weiter gut verhandeln konnte.

Apropos Trianon: Ich verbringe diesen Monat in Ungarn, und hier steht echt in jedem kleinen Dorf ein Mahnmal, das verlautbart, dass man diesen Vertrag auf keinen Fall, niemals und unter keinen Umständen anerkennen werde. Das Trianon-Trauma sitzt hier so tief bzw. wird von der Regierung beständig reaktiviert, dass ich dem mal einen gesonderten Artikel widmen muss.

Ferdinand I. war zwar bereits König von Rumänien, aber weil sich sein Arbeitsgebiet nun erheblich vergrößert hatte, fanden die Rumänen es nur fair, ihn zu fragen, ob er weiterhin König sein wolle. Schließlich sollte niemand gegen seinen Willen gezwungen werden, allabendlich Überstunden zu machen. Außerdem verlängerte sich ja auch der Weg für seine Dienstreisen mit der notorisch langsamen rumänischen Eisenbahn. Der König sagte: “Das schaffe ich schon”, und die Rumänen waren so glücklich darüber, dass sie sagten: “Dann machen wir aber noch einmal eine Krönung!”

Weil man dazu eine neue Krönungskathedrale bauen wollte, dauerte es bis zu jenem 15. Oktober 1922, als Ferdinand I. und Maria, König und Königin von Rumänien, erneut zum König und zur Königin von Rumänien gekrönt wurden. Ich finde das grundsätzlich gut. Manchmal muss man im Leben innehalten und sich fragen “Will ich das eigentlich noch?” anstatt gedankenlos Jahr für Jahr im gleichen Job weiterzuwursteln.

Und weil ich diesen Sommer in Alba Iulia war, kann ich Euch ein paar Fotos von der Krönungshalle und der Krönungskirche zeigen. In letzterer hängt noch immer die (wegen Großrumänien) überdimensionierte Krone von der Decke.

Ich gehe an heißen Tagen gerne in Kirchen, um mich auszuruhen. In der rumänisch-orthodoxen Kirche gibt es jedoch keine Sitzbänke. Zum Glück ist gleich daneben die römisch-katholische, also die ungarische Kirche. Denn die Ungarn (ebenso wie die Deutschen und andere ethnische Minderheiten) durften natürlich weiterhin in Siebenbürgen leben, auch wenn sie seit 1920 rumänische Staatsbürger waren. Man hört in diesem Landesteil beide Sprachen, und es gibt Städte, z.B. Târgu Mureș / Marosvásárhely, wo die Hälfte der Bevölkerung Ungarisch spricht. Und Landschaften wie das Szeklerland, wo 90% Ungarisch sprechen. Wichtig ist nur, wie hier in Alba Iulia, dass die ungarisch-katholische Kirche niemals höher ist als die rumänisch-orthodoxe.

“Unterstützen Sie nicht das Betteln!” steht groß am Ausgang der Krönungskirche. Das ist lustig, weil die orthodoxe Kirche die größte Bettlerin von allen ist. 

Aber wegen der Kirchen kommt man nicht nach Alba Iulia. Auch nicht wegen der Krönungshalle. Ja, nicht einmal wegen des sehr ausführlichen Museums. Nein, man kommt wegen der Festung, in der sich all diese Gebäude und überhaupt die gesamte Altstadt befinden. Eine riesige, siebeneckige Festung, die, um Streitigkeiten zwischen Rumänen und Ungarn zu vermeiden, von den Habsburgern erbaut wurde. Solche Festungsanlagen gab es früher viele, aber nur selten sind sie so gut erhalten und – weil sich die Neustadt in respektvollem Abstand etabliert hat – so deutlich erkennbar wie in Alba Iulia.

Ich breche zu einem Spaziergang auf. Einerseits ist es dumm, dies genau mittags in der größten Hitze zu tun. Andererseits, aber das kann ich noch nicht wissen, ist es gut, weil ich nur so vor Einbruch der Nacht zurück bin.

Die Umrundung der Zitadelle von Alba Iulia ist nämlich eine Herkulesaufgabe. (Wahrscheinlich musste deshalb Herkules nach diesem Spaziergang in das nahe gelegene Heilbad, das nach ihm benannt wurde.) Von der Ferne sieht man nicht, wie verwinkelt und weit die Wege sind, aber wenn man im Burggraben wandelt, dann machen einem die turmhohen Mauern klar, wie gefangen und verloren man ist.

Ich will den Architekten zugute halten, dass es darum ging, die Verteidigungsfähigkeit zu erhöhen, und nicht darum, harmlose Spaziergänger in den Tod zu führen. Aber man sollte zumindest Warnschilder aufstellen, dass eine Umrundung der Altstadt mehrere Stunden dauert. Der Weg verwinkelt sich nämlich immer wieder. Aus den sieben Ecken bilden sich Zwischenecken, Unterecken, Nebenecken, Seitenecken. Ich habe bald keine Ahnung mehr, wie weit ich schon bin. Zum Glück steht etwa jede Stunde ein Trinkwasserspender im ansonsten ziemlich ausgestorbenen Graben.

Diese Festung muss der größte Befestigungsbau der Welt sein. Oder knapp der zweitgrößte nach der Chinesischen Mauer. Aber nicht einmal da bin ich mir sicher, denn die Chinamauer ist nicht in so trickreiche Falten gelegt, die über ihre Länge optisch täuschen. Vor jeder Ecke schöpfe ich Hoffnung, danach die Treppe zu erspähen, über die man wieder in die Altstadt kommt. Aber hinter jeder Ecke wartet nur die Enttäuschung. Aber auch die Begeisterung über die schiere Größe und Unverwüstlichkeit dieses Bauwerks.

Ferdinand I. ging es mit Großrumänien ähnlich wie mit meinem Spaziergang. Auch er hatte sich zu viel vorgenommen und starb schon 1927 an Erschöpfung. Neuer König wurde sein damals 5-jähriger Enkelsohn Michael I., der ein ziemlich bewegtes Leben hatte: Als Kind schon König, dann vom eigenen Vater hinweggeputscht, erneute Ausrufung zum König während des Zweiten Weltkriegs, Diktatur, königlicher Staatsstreich gegen die Diktatur mit Seitenwechsel im Zweiten Weltkrieg (von Deutschland zu den Alliierten), Absetzung durch die Kommunisten, Exil, Rückkehr nach Rumänien nach dem Sturz Ceaușescus, Verhaftung, erneute Verbannung für fünf Jahre, erneute Rückkehr nach Rumänien. 

Die Geschichte Rumäniens ist so spannend und vielseitig, ich verstehe wirklich nicht, wieso sich kaum jemand dafür interessiert. Und wie Ihr an den Fotos seht: Eine oder besser mehrere Reisen ist das Land sowieso wert.

Mittlerweile ist Rumänien wieder ein bisschen kleiner geworden, weil sich die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg ein kleines Stück abzwackte, das jetzt als Moldawien unabhängig ist. Man spricht dort noch immer Rumänisch, auch wenn es Moldawisch heißt. Aber die einzigen Leute, die behaupten, dass es große Unterschiede zwischen den beiden gäbe, sind diejenigen, die noch nie im jeweils anderen Land gewesen sind. Ganz ehrlich, die Unterschiede zwischen Deutsch und Österreichisch sind größer.

In beiden Ländern sieht man auch immer wieder Graffiti, das die Zugehörigkeit Bessarabiens (die historische und geographische Bezeichnung für das Gebiet Moldawiens) zu Rumänien postuliert. Und manchmal marschieren diesbezügliche Forderungen von Chișinău nach Bukarest oder umgekehrt.

Sogar der moldawische Beitrag zum diesjährigen Eurovision Song Contest, „Trenulețul„, thematisiert eine Zugfahrt zwischen beiden Hauptstädten und spielt mit dem kaum merkbaren Unterschied zwischen beiden Ländern.

Ich habe auch einmal den Zug nach Moldawien (und weiter nach Transnistrien) genommen, und dort fahren tatsächlich so schöne alte Züge mit Wohnzimmerlook. Jeder Waggon hat einen eigenen Schaffner, der während der Fahrt an der Theke mit Blümchendecke gegen geringes Entgelt Frikadellen, Essiggurken und Wodka verkauft. Den Wodka braucht man, weil er gegen Plutonium hilft, und das wird in Transnistrien ziemlich viel geschmuggelt. (Deshalb habe ich relativ wenig Angst vor russischen Atomwaffen. Ich glaube, das meiste Plutonium wurde bereits heimlich verscherbelt.) 

Auf der Rückfahrt nahm ich den Bus, und der Busfahrer steckte jedem Passagier Schmuggelware zu. Weil niemand sonst aufmuckte, wollte ich nicht der Spielverderber sein und nahm ebenfalls eine große Flasche mit klarer Flüssigkeit sowie eine Stange Zigaretten unter meine Fittiche.

Die Vereinigung von Moldawien und Rumänien ist gar keine schlechte Idee. Auf jeden Fall wäre es der schnellste Weg für Moldawien in die EU. Sie müssten es nur so machen wie die DDR 1990 und einfach dem EU-Mitglied Rumänien beitreten. So geht das ganz ohne Mitgliedschaftsantrag, ohne langwierige Verhandlungen, schwuppdiwupp, von einem Tag auf den anderen.

Andererseits wären die Schmuggler dann arbeitslos.

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Bratislava – erster Eindruck

Auf der Reise nach Kremnica musste ich einen Zwischenstopp in Bratislava einlegen, war aber nicht in der Stimmung zum Schreiben.

Deshalb gibt es diesmal nur ein paar Fotos:

Ich hatte nicht viel Zeit. Nur ein langer Spaziergang am Nachmittag und ein kürzerer am nächsten Morgen. Aber es war genug, um zu merken, dass mir die Stadt sympathisch ist. Und von den vier Hauptstädten entlang der Donau – die anderen sind Wien, Budapest und Belgrad – ist es vielleicht die am Wenigsten prätentiöse.

Also, wenn jemand aus Bratislava mal einen Katzensitter benötigt, ich helfe gerne aus!

Praktische Hinweise:

  • Wenn Ihr am Bahnhof ankommt, könnt Ihr ein Tagesticket für die Zonen 100+101 oder eine „für das ganze Netz“ lösen. Weil ich nicht sicher war, wie weit raus ich mit der Straßenbahn fahren würde, kaufte ich letztere, was 6,90 € anstatt 4 € kostete. Es stellte sich heraus, dass die günstigere Variante für den gesamten Großraum Bratislava absolut ausreicht. (Die teurere war ein Tagesticket für die ganze Slowakei, was sich dann bei der Weiterfahrt als praktisch erwies.)

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Per Anhalter zum Fröhlichen Friedhof

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Ich gehe gerne auf Friedhöfe. Sie sind oft ruhiger und gemütlicher als der Park. Manche sind künstlerisch wertvoll. Zudem lerne ich dabei ein bisschen über die örtliche Kultur und Geschichte.

In Rumänien wurde mir ein Friedhof empfohlen, der sogar amüsant sein soll: der fröhliche Friedhof von Săpânța.

Von Sighet aus sind es nur 20 km. Das sollte doch per Anhalter zu schaffen sein. Aber an der Abzweigung nach Satu Mare stehe ich 25 Minuten genauso erfolglos wie die Zeugen Jehovas auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Deprimierend. Wie gemacht für einen Tag auf dem Friedhof. Aber ich will noch nicht aufgeben. Stattdessen gehe ich ein paar hundert Meter weiter stadtauswärts, bis nach dem Krankenhaus, und versuche es erneut. Schon das dritte Auto hält.

Der Fahrer ist aus der Slowakei, lebt aber in der Maramureș. Oder er ist von hier, aber ethnisch Slowake. Das habe ich nicht so genau verstanden. Ich glaube, das ist hier auch nicht so wichtig, weil die Menschen noch immer in den Habsburgerregionen wie Ruthenien oder Wolhynien oder Galizien denken. Diese ganzen Nationalstaaten, die nach dem Ersten Weltkrieg gegründet wurden, das ist doch eine recht neumodische Sache.

Sehr neumodisch ist auch die übertrieben große und übertrieben deplatzierte Betonkirche in Sarasău.

Aber die Storchennester auf jedem zweiten oder dritten Strommasten bewahren den dörflichen Charakter auf der Strecke. Pro Nest tummeln sich drei oder vier Störche. Vielleicht sind die Vögel anderswo gefährdet, hier nicht. Und die Kinderbringervögel passen ja auch irgendwie zu einem Land, wo Abtreibung und Verhütung bis 1989 verboten waren und wo Kinderlose eine jährliche Strafsteuer in Höhe etwas eines Monatseinkommens bezahlen mussten.

Erinnert Ihr Euch an die Fotos von den überfüllten Waisenhäusern, die nach dem Sturz des Abtreibungsgegners Nicolae Ceaușescu kurzzeitig die Spendenscheckbücher der Welt erweichten? Tja, jetzt wisst Ihr, woher die ganzen Kinder kamen. Aber wozu so eine Politik führt, die Frauen zum Gebären zwingt, wird man ja bald wieder in Polen und in den USA beobachten können.

Der freundliche Fahrer muss zufällig zu einem Baustoffhandel in Săpânța, der gleich unterhalb des Friedhofs liegt. So ist das oft beim Trampen: Erst denkt man, dass gar niemand mehr hält. Dann kommt ein Fahrer, und bringt einen punktgenau ans Ziel. Ich glaube, das ist der erste Friedhof, für den ich an Souvenirständen und Imbissbuden vorbei muss und einen kleine Gebühr von 5 Lei (= 1 Euro) begleiche.

Dieser Friedhof ist deshalb so bekannt, weil hier jede(r) Verstorbene eine Holztafel mit einem persönlichen Bild und einem meist amüsanten Gedicht über sein/ihr Leben erhält.

Jetzt bereue ich, dass ich kein Rumänisch kann. Eine Weile kann ich zuhören, wie ein rumänischer Besucher seiner spanischen Ehefrau übersetzt, aber ich kann den beiden ja nicht ständig auf Schritt und Tritt folgen.

So bin ich, wie einst die Analphabeten vor den Fresken der moldawischen Klöster, auf die Bilderzählung angewiesen. Viele Schnitzereien scheinen sich um den Beruf der Protagonisten zu drehen. Ein Arzt mit Flugzeug bedeutet, dass er einst den Impfstoff ins Dorf brachte. Jäger, Holzfäller und Metzger werden bei der Arbeit gezeigt. Allerdings weiß ich nicht, warum bei einem Jäger die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei so prominent hervorgehoben wird.

Einige Schnitzereien beziehen sich auf die Art des Todes. Manche bieten regelrechte Kriminalfälle dar, von fahrlässiger Tötung im Straßenverkehr bis zur Selbstjustiz durch Kopfabhacken bei auf frischer Tat erwischten Viehdieben.

Jetzt müssen sich nur aus der Leserschaft die des Rumänisch Mächtigen melden, um die Limericks zu übersetzen. Mulțumesc!

Wahrscheinlich gibt es weltweit kein anderes Dorf, dessen Geschichte so detailliert dokumentiert ist. Eine Fundgrube für Ethnologen und Mikrohistoriker.

Die Kirche ist, wie Ihr seht, auch ziemlich putzig. Die Künstler, die deren Innenraum ganz ernst und konventionell ausgeschmückt haben, bekommen allerdings nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit und Anerkennung. Vielleicht hätte man das auch lieber Stan Ioan Pătraș machen lassen sollen.

Was bei all den auf den Gräbern abgebildeten Berufen leider fehlt, ist ein Kammerjäger. Denn genau zur Mittagszeit überfallen Schwärme von großen Insekten den Friedhof und das ganze Dorf.

Vor dieser biblischen Plage – ich glaube, es ist die dritte oder die vierte – fliehe ich in den nahen Wald. Wenn Ihr jemals in diesen Wald und dort zu diesem mysteriösen Tor kommt, so empfehle ich Euch, hindurch zu gehen und dem Pfad zu folgen.

So gelangt Ihr nämlich zum höchsten Holzturm der Welt. 75 Meter hoch ist der Kirchturm, der sich in einer für seine Konstruktion abgeholzten Lichtung im Wald präsentiert. Das neu errichtete Peri-Peri-Kloster daneben zeigt deutlich, welche Institution in Rumänien wahrlich nicht unter Geldmangel leidet.

Für den Rückweg stelle ich mich wieder an die Hauptstraße, und diesmal hält bereits das zweite auto. Der Fahrer nimmt mich gerne nach Sighet mit, will aber 10 Lei dafür. Das sind 2 Euro für 20 km, ein moderater Preis. In Osteuropa ist es nicht unüblich, dass Privatfahrzeuge Benzingeld nehmen. Dessen Höhe deckt sich normalerweise mit dem Preis eines Bustickets für die gleiche Strecke.

Und als die Frau auf dem Rücksitz auf halber Strecke aussteigt und dem Fahrer ebenfalls Geld zusteckt, merke ich, dass er das quasi beruflich macht. Mit den 10 Lei könne er sich sowieso nur einen Liter „petrol combustibil“ leisten, klagt er und deutet auf die Anzeige einer Tankstelle, die wir eben passieren. Er hat Recht. Dabei hat Rumänien sogar eigene Ölfelder, um die im Zweiten Weltkrieg heftig gekämpft wurde.

Das einzige, was mich grämt an dieser Art des Autostoppens, ist die Ökobilanz. Denn der Fahrer musste eigentlich gar nicht nach Sighet. Und zuhause wartet seine ukrainische Frau, mit der er zusammen eine Pension betreibt. Ob er damit meint, dass sie aus der Ukraine ist oder ob sie eine ethnische Ukrainerin aus Rumänien ist, das wird nicht klar. Aber wie oben schon ausgeführt, ist das eigentlich auch egal, weil die modernen Nationalstaaten, die es erst seit 100 bis 150 Jahren gibt, die grenzüberschreitende Karpaten-Identität noch lange nicht verdrängt haben. Aber dazu kann ich praktischerweise auf meinen kürzlichen Artikel verweisen.

Als ich in Sighet aussteige, merke ich, dass ich eigentlich nicht verstehe, wenn sich Menschen so viele Gedanken um ein Grab machen. Mir persönlich wäre es peinlich, mich so wichtig zu nehmen oder so wichtig genommen zu werden, egal ob geschnitzt, gemalt oder gedichtet. Nein, da lasse ich mich lieber irgendwo verscharren, wo mich niemand kennt.

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Das geheime jugoslawische Weltraumprogramm

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Nachdem mein Bruder und ich in Montenegro unverhofft und eher zufällig einen geheimen jugoslawischen U-Boot-Hafen entdeckt hatten (bitte lest jene Geschichte zuerst, sonst ergibt diese hier keinen Sinn), waren wir noch den ganzen Abend vollkommen begeistert und aus dem Häuschen. Wahrscheinlich tranken wir sogar ein Gläschen Rakija oder Amaro Montenegro. Beziehungsweise jeder ein halbes, denn wir sind ja vernünftige Jungs.

Am nächsten Abend traf ich mich mit einer montenegrinischen Freundin, der aus unerfindlichen Gründen noch nicht aufgefallen war, wie cool und abenteuerlustig ich bin. Also erzählte ich stolz, begeistert, ausgiebig und womöglich ausschmückend von unserem Abenteuer im U-Boot-Hafen, auf den Kriegsschiffen und im Visier der montenegrinischen Marinescharfschützen

Weil meine Vorstellung von romantischen Beziehungen allein auf James-Bond-Filmen basiert, dachte ich, dass sie sagen würde: „Oh, Andreas, du bist so ein Held! Aber wenn jetzt die Montenegrinische Marine hinter dir her ist, dann musst du untertauchen. Zum Glück habe ich eine Hütte in den Bergen, wo wir uns ein paar Jahre verstecken können.“

In Wirklichkeit sagte sie: „Ach, die U-Boot-Tunnel bei Luštica? Zu denen schwimme ich im Sommer manchmal raus.“ Und zwar in einem Ton, wie man eben erzählt, dass man auf dem Nachhauseweg zum Edeka gegangen ist, um Milch zu holen.

Ich war froh, dass Winter war, sonst hätte sie mich womöglich noch eingeladen und gemerkt, dass ich gar nicht schwimmen kann.

Und dann schlug sie vor: „Wenn dich solche Orte interessieren, solltest du mal den Militärflughafen bei Željava besuchen. Das war der größte unterirdische Luftwaffenstützpunkt der Welt.“

„Wie kann ein Flughafen unterirdisch sein?“ fragte ich, reichlich unerfahren in Flughafen- und anderen Dingen.

„Željava liegt in den Plješevica-Bergen. Die Start- und Landebahnen sind natürlich oberirdisch, aber die Hangars sind in den Berg gebaut. Und die Piloten können unterirdisch mit dem Start beginnen, um oberirdisch möglichst kurz am Boden zu sein.“ Das ist praktisch, wenn man feindlichen Raketenbeschuss fürchtet.

Željava ist die tatsächliche Grundlage für die fiktive feindliche Militärbasis tief in den Bergen in „Top Gun: Maverick“.

„Wir können da mal hinfahren, das ist ja mittlerweile alles verlassen. Allerdings liegt das Gebiet genau auf der Grenze zwischen Kroatien und Bosnien, deshalb ist alles vermint.“ Weil Kroatien etwas abweisend gegenüber Flüchtlingen ist, überwintern jetzt Hilfesuchende aus Afghanistan in diesen Betonbunkern. Von Zeit zu Zeit tritt einer von ihnen auf eine Landmine und explodiert. Immer wieder traurig, zu sehen, wie abweisend Länder gegenüber Flüchtenden sind, deren Bevölkerung vor wenigen Jahren selbst Schutz vor einem Krieg suchen musste.

Und dann sagte sie, ganz unvermittelt: „In dem Komplex in Željava war auch der Sitz des jugoslawischen Raumfahrtprogramms.“

Ich sagte gar nichts, aber man sah mir wohl an, dass die Existenz eines jugoslawischen Raumfahrtprogramms einen gewissen Neuigkeitswert für mich hatte. Wie für Euch wahrscheinlich auch.

Und so erfuhr ich, dass Jugoslawien das drittgrößte Raumfahrtprogramm nach den USA und der UdSSR hatte. Dass Jugoslawien aber Geld brauchte und sein Raumfahrtprogramm deshalb an die USA verkaufte. Dass den Familien der jugoslawischen Ingenieure gesagt wurde, dass ihre Väter, Ehemänner oder Söhne ums Leben gekommen wären, diese aber in Wirklichkeit nach Florida zogen. Und dass die NASA nur Dank jugoslawischer Technologie und Experten zum Mond fliegen konnte.

Falls ich es nicht glaubte, solle ich einfach nachsehen, welches Land die Astronauten von Apollo 11 nach ihrer Rückkehr als erstes besucht hatten. Genau: Jugoslawien. Und warum waren Tito und Kennedy so gute Freunde?

Allerdings gab es wohl ein Problem. Manche sagen, Jugoslawien hätte die Berechnungen geschönt, weshalb etliche Apollo-Missionen schon beim Start explodierten. Andere sagen, die CIA wäre gegen die Zusammenarbeit mit Jugoslawien gewesen, weshalb es kein Zufall sei, dass Kennedy einen Monat nach seinem letzten Treffen mit Tito erschossen worden sei. Manche sagen, dass die USA die bezahlten Milliarden von Jugoslawien zurückforderten, und dass genau dies zum Bankrott und damit zum Zerfall Jugoslawiens geführt hat. Andere dichten den USA, angeblich aus Rache über den Raketenbetrug, eine aktivere Rolle beim Ende Jugoslawiens an.

Jetzt wollt Ihr sicher mehr darüber wissen. Dann empfehle ich den Film „Houston, we have a Problem!“

Allerdings weiß ich nicht, wo der Film läuft. Anscheinend ist er im westlichen Interweb nirgendwo zu sehen. Das ist auch ziemlich verdächtig. Gut, dass ich ihn damals in Montenegro gesehen habe…

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Mobilmachung in Russland

Nachdem die russische Regierung die Mobilmachung verkündet hatte, entdeckten tatsächlich viele Russen, vor allem junge Männer, ganz spontan den patriotischen Wunsch zu mehr Mobilität.

Wenn man bedenkt, dass solche Mobilmachungen einst den Ersten Weltkrieg ausgelöst haben, ist das allerdings etwas beunruhigend.

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Podcast übers Haus- und Katzensitting

Immer wieder melden sich Leserinnen und Leser mit dem Wunsch nach einer Podcast-Fassung dieses Blogs.

Die wird es nicht geben.

Zum einen stehe ich mit allem auf Kriegsfuß, was noch mehr technische Geräte, Technologie, Apps oder Satelliten benötigt. Eigentlich ist mir auch schon dieses Bloggen zu elektronisch, aber auf die Dauer war es arg ineffizient, meine Artikel auszudrucken und an Bushaltestellen zu kleben. Die sind ja oft ziemlich weit weg.

Zum zweiten gibt es wirklich genügend Podcasts. Ich höre schon beim Spazierengehen, im Zug, beim Abspülen und zum Einschlafen, aber ich komme trotzdem kaum hinterher. Und dann entdeckt man irgendwann einen neuen Podcast und hat schon wieder 300 alte Folgen auf-, nach- und einzuholen. Das ist dann ein Gefühl, wie es die glücklichen Menschen haben müssen, die meinen Blog erst jetzt entdecken und sich durch 851 alte Artikel schmökern können. Das müsste eigentlich für den kommenden kalten Winter reichen.

Drittens schreibe ich gerne, weil man da länger an einem Satz feilen kann. Weil man wieder löschen kann. Weil man im Wörterbuch oder Lexikon nachschlagen kann, bevor man Unsinn verzapft. Weil man komplexere Grammatik verwenden und der Schönheit der deutschen Sprache huldigen kann.

Viertens: Schließlich gibt es andere Podcaster und sogar Radiostationen, die mich von Zeit zu Zeit, nämlich in der sogenannten Sauregurkenzeit, einladen.

Letztens war ich beim Sonntagsspaziergang des Deutschlandfunks zu Gast und habe aus meinem Leben als Haus- und Katzensitter erzählt:

Viel Spaß beim Zuhören!

Links:

  • Podcast-Auftritte gab es beim Déjà-Vu-Geschichte-Podcast, einmal zu den Reichsbürgern, einmal zu den Hohenzollern.
  • Ganz selten trete ich sogar mit Video auf. Ich hatte mal eine Freundin, die hat sich das jeden Abend angehört, um besser einschlafen zu können.
  • Und hier gibt es mehr Artikel zum Housesitting, einschließlich der häufigsten Fragen, insbesondere für Nachahmungswillige.
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Liegen für die Wissenschaft

Vor kurzem habe ich von der Meisterschaft im Herumliegen aus Montenegro berichtet.

Und jetzt besteht auch für Euch die Möglichkeit, im Liegen nicht nur berühmt zu werden und eine Menge Geld zu verdienen, sondern zudem einen wichtigen Beitrag zur Wissenschaft zu leisten:

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR sucht Probanden, die 30 Tage am Stück im Bett verbringen und nicht aufstehen dürfen. Dafür gibt es dann 11.000 Euro.

Bewerben könnt Ihr Euch noch bis Mitte Dezember 2022.

Allerdings ist die Aufgabe durchaus nicht ohne. Schließlich ist es kein einfaches Schlaflabor, sondern die „Spaceflight-Associated Neuro-Ocular Syndrome Countermeasures Study“, die Erkenntnisse für den Flug zum Mars oder so liefern soll.

Man muss die 30 Tage nicht nur im Bett, sondern in 6-Grad-Kopftieflage verbringen. Ohne Kopfkissen. Der Tages- und Nachtrhythmus ist einzuhalten, ein Nickerchen am Nachmittag ist verboten. (Ich frage mich, was einem Astronauten droht, wenn er auf dem langen Flug zum Mars mal eine Pause macht. Ich meine, die werden ihm kaum kündigen, oder?)

Zum Essen gibt es Astronautennahrung, die nicht durch mitgebrachtes Essen ergänzt oder ersetzt werden darf und vollständig aufgegessen werden muss. Außerdem muss man natürlich ständig irgendwelche Tests über sich ergehen lassen: Blutabzapfen. Ergometer. Sehtest. Wahrscheinlich kommt auch noch so ein Psychologe, der einen nach zwei Wochen fragt, ob man schon einen Hass auf die Luft- und Raumfahrt im Allgemeinen und auf Wernher von Braun im Besonderen verspürt.

Aber dafür gibt es am Ende ein Zertifikat als „Terrestrischer Astronaut“, was sich unabhängig vom weiteren Karriereweg super im Lebenslauf macht. Und eben die 11.000 Euro.

Bei mir persönlich war es jedoch mit dem Interesse zu Ende, als ich las, dass man in den 30 Tagen auch das „Duschen“ und vor allem den „Toilettengang“ in 6-Grad-Kopftieflage absolvieren muss.

Links:

  • Das verlockende Stellenangebot.
  • Allerdings verstehe ich nicht, wieso man diese Tortur gerade in Köln über sich ergehen lassen muss, wo wir doch so einen schönen Weltraumbahnhof im Kongo haben.
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Ich bin kein Spion, ich bin nur neugierig

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In Albanien sind vor kurzem drei Personen festgenommen worden, als sie in eine ehemalige Munitionsfabrik eindringen wollten. Zur Erklärung gaben sie an, dass sie Blogger seien und gerne alte Gebäude fotografieren.

Menschen, die zu viele James-Bond-Filme gesehen haben, denken jetzt überheblich: „Na, eine bessere Ausrede hättet Ihr Euch schon zurechtlegen können.“

Ein welt- und balkanerfahrener Blogger wie ich weiß hingegen, dass das durchaus stimmen kann. Auf dem Berg Vrmac in Montenegro hatte ich die zufällige Bekanntschaft von zwei jungen Russen gemacht, die mich gnädig auf ihre Erkundungstour einer militärischen Festung mitnahmen. (Einen der beiden hatte ich allerdings tatsächlich unter Spionageverdacht, wenn auch aus anderen Gründen. Mehr dazu im Bericht von jenem Ausflug.)

Dach mit zwei Russen Vrmac.JPG

Entlang der Küste Montenegros, der wahrscheinlich schönsten Küste Europas, liegen Dutzende dieser mittlerweile aufgegebenen Festungen. Sie stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als Österreich noch eine Seemacht war und seine Buchten, Häfen und Schiffe in der Adria schützen wollte. (Ironischerweise wurde in der Bucht von Kotor 1918 das Ende von Österreich als Seemacht eingeleitet, aber das ist eine andere, noch zu erzählende Geschichte.)

Weil Montenegro ein lockeres, sympathisches Land mit verantwortungsbewussten Menschen ist, muss niemand diese Bunker, Tunnelanlagen und Munitionshaufen absperren oder gar Schilder aufstellen, die einem ein unhöfliches „Zutritt verboten!“ entgegenbrüllen. Ganz im Sinne des Ausgangs aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit entscheidet man einfach selbst, durch welche Ein- und Ausgänge man sich wagt.

Soweit ich gesehen habe, sind diese Militäranlagen immer mit meterdicken Mauern errichtet worden, da kann eigentlich nichts einstürzen. Also perfekte Kinderspielplätze, wie Ihr Euch für den nächsten Familienurlaub in Montenegro vormerken könnt.

Apropos Familienurlaub: Als ich in Montenegro wohnte, besuchten mich mein Bruder und meine Mutter. (Jede Familie ist froh, wenn zumindest einer aus dem ganzen Kapitalismusdingsbums aussteigt, Vagabund wird, und man ihn deshalb jedes Jahr in einem anderem Land besuchen kann.)

Und dabei passierte auch so eine Geschichte, die zeigt, wie leicht touristische Neugier als Spionage fehlinterpretiert wird. In Wirklichkeit ist es ganz natürlich, dass man sich für Ruinen, aufgegebene Flugplätze und Militäranlagen interessiert. Oder?

Jedenfalls fuhren wir die Küste entlang, als ich auf der Halbinsel Luštica schon wieder so eine österreichische Festung erspähte. Ich schlug vor, dass wir uns diese Ruine ansehen und erkunden sollten. Mein Bruder war begeistert, meine Mama überhaupt nicht. Sie mag eher Botanische Gärten, Cafés und Buchhandlungen. Außerdem wollte sie ins Krankenhaus gebracht werden.

Nun sind in der Demokratie zwei Stimmen mehr als eine, also entschieden wir, dass Mama halt kurz warten muss, damit mein Bruder auch mal eine Habsburgerfestung in Montenegro von außen, innen, unten und oben sieht. Es regnete in Strömen, so dass meine Mama nicht aussteigen wollte. Immer fürsorglich, parkte ich das Auto so, dass es gerade vor der Steilküste stand, mit perfektem Ausblick auf die stürmische See und das dort tosende Gewitter. Da würde Mama nicht langweilig werden, war ich mir sicher. Außerdem, fürsorglicher geht es wirklich nicht, ließ ich ihr ein Buch im Auto.

„Wir sind nur 15 Minuten weg.“

Mein Bruder und ich erkundeten die Festung, kletterten ein bisschen herum und machten Fotos. Diese Festungen sind allesamt ähnlich, wohl nach einem in Wien geplanten Modell gebaut. Aber diese Festung auf der Halbinsel Luštica hatte etwas, was ich bei den anderen nicht gesehen hatte: Einen Schacht, der in die Tiefe führte. Und zwar ziemlich tief. So tief, dass wir das Ende nicht sehen konnten.

In diesem Schacht befand sich eine Leiter aus Metall, die ziemlich stabil aussah. Außerdem waren wir zu zweit, also könnte einer zuerst erkunden, wohin sie führte. Wenn derjenige nicht mehr zurück käme, könnte der andere immer noch Hilfe holen. Mein Bruder ist technikaffiner als ich und hatte sogar eine Taschenlampe dabei.

Weil ich schwerer bin, stieg ich als erster hinab. Wenn die Leiter mich aushielt, würde sie ihn auch aushalten. Wie tief es hinab ging, kann ich schwer schätzen, aber ein paar Minuten war ich schon unterwegs. Unten angelangt, fand ich tote Ratten und – noch schlimmer – tote Maulwürfe.

Und dann war da etwas Verstörendes: Kabel, Metallrohre, elektrische Leitungen, Schaltkästen. Nach Erstem Weltkrieg sah das nicht mehr aus. Ganz ehrlich, mir war ziemlich mulmig zumute. Allein hätte ich mich nicht weiter getraut, aber zu zweit erkundeten wir die Gänge und Flure, verliefen uns immer tiefer in einem Labyrinth aus Kabeln, Beton und Schutt.

Weil wir tief im Bauch von Mutter Erde waren, vergaßen wir unsere eigene Mutter. Auf die Uhrzeit achteten wir nicht mehr. Dass sich der Sturm langsam zu einem Orkan entwickelte, bekamen wir so tief in der Lithosphäre gar nicht mit.

Bis wir plötzlich ein Wasserrauschen hörten.

Ein enormes, donnerndes, wuchtiges Wasserrauschen. So laut wie die Victoriafälle am Sambesi. Oder wie die Iguaçufälle in Paraná.

„Wir müssen die Leiter finden und zurück nach oben klettern“, rief ich, über den Lärm der Wassermassen, die ihr Echo durch die dunklen Gänge warfen.

Aber mein Bruder war abenteuerlustiger: „Lass uns nachsehen, woher das Wasser kommt.“ Vielleicht war er auch mutiger, weil er schwimmen kann. Ich kann das nicht. Unsere Familie ist sehr arm, da konnte nur einer das Seepferdchen machen.

Wir kämpften uns also durch die verwinkelten Flure, jetzt immer dem unüberhörbaren Geräusch der Wassermassen nach. Es wurde rhythmischer, wie ein Wasserfall, der an- und ausgeschaltet wird. Oder wie hohe Wellen, die im Sturm an eine Kaimauer klatschen.

Und plötzlich traten wir in einen Raum, nein, in eine Halle. So groß wie ein U-Boot-Hafen. Und das war es wohl auch: Wir hatten einen geheimen U-Boot-Stützpunkt der jugoslawischen Marine entdeckt.

Anhand der Fotos könnt Ihr Euch gar nicht vorstellen, wie enorm riesig und gigantisch das war. Vor allem, wenn man gerade durch kleine, dunkle Tunnel gekrochen ist und sich plötzlich in dieser Kathedrale der Seefahrt wiederfindet. Das ist so, wie wenn man durch die engen Gassen von Rom läuft und dann ins Pantheon tritt.

Am besten könnt Ihr Euch die Ausmaße des von uns entdeckten U-Boot-Hafens ausmalen, wenn Ihr Euch vor Augen führt, wie groß die Schiffe sind, die darin Platz finden:

Die „Jagd auf Roter Oktober“ ist eng mit der Familiengeschichte verwoben, denn es war der letzte Film, den ich 1990 zusammen mit meinem Opa im Kino sah. Das war zum Ende des Kalten Krieges und kurz bevor er ertrank. Das war der gleiche Opa, der in den 1940er Jahren unter dubiosen Umständen ein paar Jahre in Jugoslawien gelebt hatte. Hatte er damals diesen U-Boot-Hafen gebaut? Für wen hatte er spioniert? Warum hatte mir mein Opa – in Westdeutschland wohlgemerkt – das kyrillische Alphabet beigebracht? Sollten wir, seine Enkel, jetzt in eine Falle gelockt werden? Warum war in dieser Familie niemandem ein friedliches Leben vergönnt?

Opa 3.jpg

All das waren Fragen, die uns gar nicht in den Sinn kamen. Denn das Wasser schwappte immer wieder über den Rand des Beckens, und wir mussten mächtig aufpassen, nicht weggespült zu werden. Der Beton war glitschig und löchrig, ein Geländer gab es nicht. Natürlich wagten wir uns trotzdem ganz nach vorne, wo der Regen peitschte, der Wind blies und die See gierig nach Menschen schnappte.

Und da erspähten wir, weiter nördlich an der Küste, zwei Schiffe. Wir kletterten – ziemlich waghalsig -auf die andere Seite des U-Boot-Hafens. Im Drahtzaun war ein Loch. Und das Schild, auf dem jetzt plötzlich doch ein Betretungsverbot stand, gaben wir vor, nicht zu verstehen. Wer kann schon Montenegrinisch?

Aus der Nähe sahen die beiden Schiffe nicht mehr ganz knusprig aus.

Wir nahmen Anlauf, sprangen an Bord und sahen uns um: Munition für Flugabwehrkanonen. Das Logbuch der Kombüse, mit Einträgen aus dem Frühjahr 2006, in den letzten Tagen vor der Unabhängigkeit Montenegros. Ein Radargerät, das noch radioaktiv strahlte. Ein Helm in einem Meer von Blut. Was war hier passiert?

Gerade als ich für ein Erinnerungsfoto posierte, rief uns vom Ufer plötzlich jemand zu, dass wir verflucht nochmal von dem Schiff herunterkommen sollten. Wer immer es war, er klang mächtig sauer. Wir folgten dem Befehl, schon ahnend, dass uns ein klitzekleines Problemchen bevor stünde.

„Lass mich reden“, sagte ich meinem Bruder noch, als wir von Bord sprangen. Schließlich war ich schon öfter in solchen Situationen gewesen.

Es war ein Soldat, der wissen wollte, wie man so blöd sein könne, am helllichten Tag in einen Stützpunkt der montenegrinischen Marine zu spazieren, auf Kriegsschiffe zu klettern und dort Fotos zu machen. Dabei behielt er die ganze Zeit die Hand am Pistolenhalfter. Er sah noch wütender aus, als er geklungen hatte.

„Entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten, Genosse“, sagte ich und verwendete die Anrede „druže“, weil der Soldat alt genug aussah, um an seine nostalgischen Gefühle für Jugoslawien zu appellieren. (Lektion Nr. 1: Als Gefangener musst du versuchen, dass dich dein Aufseher sympathisch findet. Das macht es ihm viel schwerer, dich zu erschießen.)

„Wir waren an der Küste spazieren, weil ich meinem kleinen Bruder zeigen wollte, dass hier die schönste Küste der Adria ist.“ (Lektion Nr. 2: Komplimente für das Land, in dem man sich befindet. Jeder mag es, wenn Ausländer sein Land loben. – Lektion Nr. 3: Zeigen, dass man Verantwortung für andere hat und dass es sich hier nicht um eine Situation Mann-gegen-Mann handelt. Am besten eignen sich dafür jüngere Geschwister, unschuldige Katzen oder alte Omas.)

„Wir sahen zuerst die U-Boot-Tunnel und waren absolut begeistert. Wirklich faszinierend! Und dann noch die Schiffe hier, das ist alles so unglaublich! Wir dachten, das sei ein Marine-Museum.“ (Lektion 4: Es ist viel besser, wenn einen das Gegenüber für dumm und naiv als für gefährlich und gewitzt hält.)

Der Soldat nahm die Hand von der Waffe.

„Woher seid Ihr?“ fragte er.

„Aus Deutschland“, sagte ich und war froh, dass wir aus einem NATO-Staat waren. Montenegro war 2017 der NATO beigetreten, wir waren also Verbündete. Es wäre brenzliger, wenn wir Russen oder so wären. 2016 hatte es in Montenegro einen von Russland unterstützten Putschversuch gegeben, der komischerweise vom Rest Europas unbeachtet geblieben ist. Wie eigentlich alle Warnungen vor Russland, selbst wenn sie von Russland selbst ausgingen. Aber das ist ein anderes Thema.

„Zeigt mal Eure Pässe“, befahl der Soldat.

Dummerweise hatten wir die Reisepässe im Auto gelassen. Dass wir im Auto ebenfalls unsere Mutter hatten, erwähnte ich trotz Lektion Nr. 3 nicht, weil ich keinesfalls wollte, dass der Soldat oder seine Kollegen meine Mutter befragten. Denn, so cool und überlegt mein Bruder und ich auch handeln, von unserer Mutter haben wir das nicht geerbt. Und eine Eskalation war das letzte, was wir benötigten.

Der Soldat sprach in sein Funkgerät, was schon mal gut war. Wo kommuniziert wird, knallen keine Kanonen.

Der Vorgesetzte des Soldaten kam auf die gleiche Idee, auf die ich auch schon gekommen war: Einer von uns sollte zum Auto gehen, die Pässe holen und zurückkommen. Der andere blieb als Geisel zurück. Es war klar, dass ich bleiben und mein jüngerer Bruder gehen würde.

Das Foto ist von einer Übung, aber so ungefähr war das.

Mein Bruder musste sich also auf den gefährlichen Kletter-, Tunnel- und U-Boot-Weg zurück machen, allein den Weg finden, wahrscheinlich unserer Mutter erklären, warum wir doch ein bisschen länger weg waren, unsere Pässe holen und den ganzen langen Weg noch einmal machen. Im Regen.

Der Soldat bewachte mich mit Argusaugen, die Hand wieder an der Waffe. Ich blickte mit einem unschuldigen Hundeblick auf den Boden und tat so, wie wenn ich mir wahnsinnig Sorgen um meinen Bruder machte.

Bald kam ein Unteroffizier herangedüst, der zu meiner Erleichterung jünger, freundlicher und gelassener war. Zuerst einmal sagte er, dass wir doch in eine der nahen Hütten gehen sollen, weil es ja regne. Dann bot er mir eine Zigarette an. Ich lehnte dankend ab, bot ihm aber eine Zigarre an. Er lehnte dankend ab. Wir unterhielten uns ein bisschen, aber mehr über Montenegro im Allgemeinen, wie schön und interessant es sei (Lektion Nr. 2), dass ich Geschichte studiere (Lektion Nr. 1) und dass ich meinem Bruder dieses wunderschöne Land zeigen wollte (Lektion Nr. 3).

Auch dieses Foto ist von einer Übung. Aber genauso war das. Sogar das Wetter stimmt.

Weil ich nichts über Schiffe oder die Marine oder sonstwas Verdächtiges fragen wollte, ging uns bald der Gesprächsstoff aus. Mein Bruder blieb ziemlich lange weg, und ich begann zu ahnen, woran das lag. Der ältere Soldat wurde grummelig, dem jüngerem Unteroffizier wurde langweilig, und ich hoffte nur, dass sie keine Patrouille zu unserem Auto geschickt hatten.

Nach etwa 45 Minuten oder so kam mein Bruder angerannt. Er wollte zeigen, dass er sich beeilt hatte. Wir händigten dem Unteroffizier unsere Pässe aus. Er nahm ein Notizheft aus der Tasche, und ich sah, dass es schon voller Namen, Adressen und Passnummern war. Anscheinend kommen hier öfter neugierige Fotografen und Blogger vorbei. Ich war erleichtert. Es sah danach aus, wie wenn man hier erst Ärger bekam, wenn man zum zweiten Mal illegal auf eine Militärbasis eindringt. Ein lockeres Land, sehr sympathisch.

„Habt Ihr Fotos gemacht?“

„Ja“, gab mein Bruder zu und zeigte sein Handy her. Der Soldat hatte uns ja auf dem Schiff beobachtet. Es hätte keinen Sinn, zu lügen. Außerdem: Wer macht sich auf diesen gefährlichen Weg und macht dann keine Fotos?

Der Unteroffizier sah sich die Fotos an und befahl, dass wir die mit den beiden Schiffen löschen mussten. Als er zu den Fotos von der U-Boot-Basis kam, sagte er: „Oh, die könnt Ihr behalten. Der U-Boot-Hafen ist kein militärisches Sperrgebiet mehr, das ist kein Problem.“ Ich weiß nicht, ob ich es schon gesagt habe, aber Montenegro ist ein sehr entspanntes und sympathisches Land.

„Und Sie, haben Sie auch ein Handy?“ fragte er mich.

Ich zog mein Handy aus der Tasche, und er musste lachen. Das passiert fast jedes Mal, wenn Leute mein Handy sehen.

„Na gut,“ sagte er, „das war’s dann. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr noch hier bleiben, damit Ihr nicht im Regen zurück laufen müsst.“ Wahrscheinlich habt Ihr es schon gemerkt, aber ich sage es noch einmal: Montenegro ist das freundlichste und sympathischste Land Europas!

Aber wir machten uns lieber sofort auf den Rückweg, denn wir hatten da ja noch unsere liebe Mama, die jetzt schon ein paar Stunden über die versprochenen 15 Minuten wartete. Und weil unsere Mama nicht aus Montenegro, sondern aus Deutschland ist, würde sie kaum so entspannt sein wie montenegrinische Unteroffiziere, die zwei Spionageverdächtige auf frischer Tat ertappt haben.

Sobald wir beide durch den Zaun gekrochen waren, sagte mein Bruder: „Ich habe so lange gebraucht, weil ich im Auto die Fotos auf den Laptop kopiert habe.“

„Das habe ich mir schon gedacht“, sagte ich grinsend und empfand Stolz auf meinen jüngeren Bruder. Vor allem war es schlau, dass er die Fotos auf dem Handy nicht gelöscht hatte, was uns nur verdächtig gemacht hätte. Es ist einfach eine Freude, mit Profis zusammenzuarbeiten.

Unsere Mama hingegen war überhaupt nicht stolz. Ganz im Gegenteil. Sie war stinksauer. Und je mehr mein Bruder und ich uns über den gelungenen Ausflug freuten, umso wütender wurde sie. Vielleicht lag es auch daran, dass der Starkregen das Geröll am Abhang gelockert hatte und das Auto schon ein Stück weit die Klippe hinabgerutscht war. Dabei war da locker noch ein Meter zwischen dem Auto und dem Meer.

„Aber ich habe dir doch ein Buch da gelassen, um die Zeit zu vertreiben“, versuchte ich, die Situation zu deeskalieren.

„Ja, von diesem scheiß Radoje Domanović, der davon schreibt, wie Menschen in die Schlucht stürzen!“

„Oh.“ Ich hatte ihr eine Anthologie jugoslawischer Erzähler gegeben, um Land und Leute kennenzulernen.

„Und dieser blöde Ranko Marinković schreibt über abgeschnittene Köpfe. Das hat’s auch nicht besser gemacht.“

„Oh.“ Ich sollte mir merken, beim nächsten Mal ein paar lustige Bücher mitzunehmen.

„Und können wir jetzt endlich ins Krankenhaus fahren?“

Ach ja, ich glaube, ich habe oben vergessen, zu erwähnen, weshalb meine Mutter ins Krankenhaus wollte. Sie hatte sich nämlich ein paar Stunden vorher den Fuß gebrochen. Ich wollte nach Zalazi, einem Dorf in den Bergen, ganz weit oben. Es ist eine Ruine, das Dorf ist verlassen, aber man hat einen fantastischen Ausblick auf die Bucht von Kotor.

Leider war ich nur einmal dort, mit einer örtlichen Wandergruppe, so dass ich mir selbst den Weg nicht gemerkt hatte. Wie verliefen uns also im hochalpinen Gelände, mussten über Stock und Stein klettern, und dabei stürzte meine Mutter unglücklich und verletzte sich so sehr, dass wir sie zurück zum Auto tragen mussten.

Für einen Tag war das wohl ein bisschen viel für sie.

Von meiner Familie hat mich seither niemand mehr besucht.

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Montenegro, wo Faulheit olympisch ist

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In Jugoslawien gibt es über jede der Teilrepubliken, von denen die meisten, wenn nicht sogar alle, mittlerweile unabhängig sind, gewisse Vorurteile: Die Slowenen seien so hochnäsig, dass sie sich gar nicht zum Balkan zählen. Die Serben sähen sich stets und immerzu als Opfer einer gegen sie gerichteten Weltverschwörung, selbst wenn sie über ihre eigenen Schuhbänder stolpern. Die Kroaten seien ein bisschen ustascha. Die Bosnier würden kein Börek mit Käse essen. Und so weiter.

Aber am hartnäckigsten halten sich die Vorurteile über Montenegriner. Die sind angeblich das faulste Volk auf der Welt.

Da ich einst im wunderschönen Montenegro gelebt habe, kann ich enthüllen: An diesem Vorurteil ist nichts dran. Wirklich gar nichts. Ganz im Gegenteil. Oft konnte ich mit eigenen Augen beobachten, wie ab 10:30 Uhr der montenegrinische Chef höchstpersönlich auf die Baustelle kam und den albanischen, mazedonischen, bosnischen und ukrainischen Arbeitern schweißtreibend Anweisungen gab. Manchmal sogar schon vor dem zweiten Frühstück im Café. Und das an drei oder vier Tagen in der Woche!

Gut, es gibt Montenegriner, die ihr Geld praktisch im Schlaf verdienen, entweder als Vermieter von Ferienwohnungen oder als Übersetzer. Und in Museen kommt man gratis, weil das Abreißen des Tickets zu aufwändig ist. Aber das ist ja auch sympathisch.

Überhaupt, mit mehr Faulheit hätte es weniger Balkankriege gegeben. Ist sicher kein Zufall, dass die angeblich fleißigen Deutschen diejenigen sind, die bisher für alle Weltkriege verantwortlich sind. Auch für die Umwelt ist es besser, wenn wir nicht ständig schuften und konsumieren. Kurz und gut: Mit mehr Faulheit wäre die Welt besser, die Menschen glücklicher, die Gesellschaft gerechter.

Aber zurück zu Montenegro:

Wie um das Stereotyp zu persiflieren, wird dort jedes Jahr ein Wettbewerb im Herumliegen abgehalten, der nur deshalb nicht olympisch ist, weil das IOC dafür keine Fernsehübertragungsrechte verkaufen konnte.

Der Wettkampf fand diesen Sommer bereits zum 12. Mal statt, und zwar in dem kleinen Dorf Brezna, weit weg von der nächsten Stadt. Ideale Bedingungen für die Athleten, um sich ohne allzu viel Ablenkung entspannen und auf ihre Disziplin konzentrieren zu können.

Wer beim Wettbewerb im Herumliegen an ein gemütliches Bett gedacht hat, muss umdenken. Weil es auch darum geht, der Welt zu zeigen, wie entspannend die montenegrinische Natur ist, liegen die Sportlerinnen und Sportler unter einem Baum. Ganz kollegial nebeneinander, so dass man sich moralisch unterstützen, Trainings- und Ernährungstipps austauschen und auf ein Bier nach der Olympiade verabreden kann.

Dieses Jahr war es so spannend wie nie, habe ich von Zuschauern gehört. Von den anfänglich neun Mutigen blieben zwei übrig, die sich nach mehreren Tagen einen packenden Zweikampf lieferten. Wie Fischer gegen Spasski. Oder Ali gegen Frazier. Nur dass keine Fäuste und keine Figuren vom Brett fliegen. Hier spielt sich alles im Kopf ab. Und in der Rückenmuskulatur.

Tagelang liegen ist nämlich gar nicht so einfach. Ihr könnt ja mal ausprobieren, wie lange Ihr durchhaltet.

Der Champion, Žarko Pejanović, humpelte nach 60 Stunden schmerzverzerrt, aber stolz vom Platz. Er hatte 350 Euro, eine Pizza und einen Sitz im Parlament (Sportausschuss) gewonnen.

Ganz so entspannt wie bei seinem Lieblingssport ist Herr Pejanović allerdings nicht, wenn er in der Zeitung lesen muss, er sei „der größte Faulenzer des Landes“. Die montenegrinische Tageszeitung Dan hatte diesen Fehler begangen. Mit all der aufgestauten Energie eines Meisterentspanners stürmte Herr Pejanović die Redaktionsräume, verprügelte die Journalisten und verwüstete die Büros.

Herr Pejanović kann jetzt versuchen, im Gefängnis seinen bisherigen Rekord im Liegen zu übertreffen.

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