Die Situation an der deutsch-polnischen Grenze

Read this in English.


Wie Ihr wisst, halte ich Aktualität für überbewertet, weshalb meine Reportage aus Guben irgendwann in den nächsten Wochen oder Monaten erscheinen wird.

Aber die aktuellen dramatischen Entwicklungen will ich Euch nicht vorenthalten: Der polnische Ministerpräsident droht mit einem „dritten Weltkrieg“. Polen kündigt die Verdoppelung seiner Streitkräfte an. Und die Bundespolizei hat über Nacht die Grenzbrücken über die Neiße gesprengt.

Schlauer Schachzug oder Eskalation?

Meine Versuche, rechtsextreme Bürgerwehren zu infiltieren – rein zu Reportagezwecken natürlich – sind bisher daran gescheitert, dass ich einfach nicht dick, dumm und hässlich genug dafür bin. Ich fliege immer gleich auf.

Veröffentlicht unter Deutschland, Fotografie, Militär, Polen, Politik | Verschlagwortet mit , | 13 Kommentare

Guben 2021

Read this in English.

Dunkle, nebelverhangene Straßen. Jede Minute fährt ein Polizeiauto vorbei. Das Herbstlaub schimmert im Schein der Laternen. Nur wenige Autos schleichen durch die Straßen und stellen Motor und Licht ab, sobald die Polizei um die Ecke biegt. Der Fluss trennt die Stadt in Ost und West. Jede Nacht versuchen verzweifelte Menschen, ihn zu durchqueren. Manche schaffen es, manche nicht. Im Volkshauspark zwischen Bahnhof und Leichenschauhaus sitzt ein dubioser Mann und raucht Zigarre.

Guben 2021 ist wie Berlin 1948.

Ein Leser fragte, ob Guben überhaupt für einen Artikel reiche. So viel gäbe es da nicht. Doch schon nach dem ersten, kurzen abendlichen Spaziergang, weiß ich, dass keine Einschätzung falscher sein könnte. Deshalb bleibe ich erst einmal eine Woche hier, um diese Stadt im Zentrum der Weltgeschichte, aber natürlich auch das nahe Eisenhüttenstadt, Neuzelle, Forst und andere zu erkunden.

Wie immer: Falls jemand von Euch hier in der Gegend wohnt und Lust auf einen Plausch oder einen Spaziergang hat, meldet Euch!

Veröffentlicht unter Deutschland, Fotografie, Polen | Verschlagwortet mit | 9 Kommentare

Wie Fotografen ums Leben kommen

Ja, ja, ich weiß schon, dass man sich nicht mitten auf die Bundesstraße stellen soll.

Aber wie kann man der Versuchung widerstehen, wenn man an einem schönen Herbsttag wie heute auf der B168 von Peitz nach Lieberose fährt? (Die älteren von Euch kennen die Lieberoser Heide noch als sowjetischen Truppenübungsplatz.)

Außerdem kam es mir so vor, wie wenn die Menschen heute sowieso langsamer gefahren sind, um die buntbebäumten Alleen und magischen Farbenspiele zu genießen.

Habt Ihr Appetit auf mehr Herbstfotos aus der Lausitz? Ich muss mich dabei ja nicht unbedingt wieder in die Mitte von Verkehrswegen stellen.

Veröffentlicht unter Deutschland, Fotografie | Verschlagwortet mit | 4 Kommentare

Warum nerven die Hohenzollern noch immer? Und waren sie nun Nazis oder nicht?

Für regelmäßige Leser der Klatschpresse ist es nichts Neues. Der Rest von uns wurde hingegen völlig überrascht, als vor ein paar Jahren die Hohenzollern wieder auf die Bühne traten. „Sind die nicht schon alle tot?“ rieb man sich verwundert die Augen. Leider nein, musste die Republik zur Kenntnis nehmen.

Wie die meisten Untoten, die über ihr eigentliches Ablaufdatum hinaus durch die Weltgeschichte geistern, sind auch die Hohenzollern eher lästig, nervig und blutsaugend. Nur dass sie jetzt, wahrscheinlich gelangweilt von den verursachten Weltkriegen, Völkermorden und Hungersnöten, nicht mehr nach schnödem Menschenblut, sondern nach Gold, Schlössern und anderen Schätzen lechzen.

Bevor wir in die verkorkste Materie einsteigen, sollte ich fairerweise sagen, dass es hierzu auch einen Podcast gibt. Wer nicht lesen will, muss also hören. Der Kollege Ralf Grabuschnig vom Déjà-vu-Geschichte-Podcast hat mich – nach der beliebten Reichsbürger-Folge schon zum zweiten und hoffentlich nicht zum letzten Mal – als Gast eingeladen. Es gab sogar Käsekrainer. Zu meinem Entsetzen musste ich (links) feststellen, dass Ralf (rechts) ein Kaiserbild (mitte) in seinem Palast hängen hat.

Wie immer bei so einem unorganisierten Typen wie mir, weichen jedoch Hörspiel und Textfassung ziemlich voneinander ab, so dass sich der Konsum beiderlei Medien durchaus lohnt.

Solche Sofa-Fotos können übrigens sehr verhängnisvoll werden, wenn die Hohenzollern-Familie beim Sportschaugucken von einem Fotografen überrascht wird. Aber dazu später mehr …

Warum zum Henker reden wir mehr als 100 Jahre nach dem Sturz der Monarchie noch immer über die Hohenzollern?

„Zum Henker“ ist ein gutes Stichwort.

Die kurze Antwort: Weil die deutsche Revolution 1918/19 eine Wischi-Waschi-Revolution war. Und das, obwohl Russland 1917 eigentlich vorgemacht hatte, wie eine richtige Revolution abzulaufen hat.

So wie wir dich kennen, gibt es auch eine Langfassung. [vorsorgliches Gähnen]

Aber klar!

Und keine Sorge: Ich beschränke mich auf die wesentlichen Punkte.

Also, die deutsche Revolution von 1918/19 überwand zwar die Monarchie und beglückte Deutschland mit Demokratie, Republik, allgemeinem Wahlrecht und so. Aber im Revolutionsfreudentaumel wurde übersehen, dass politische Veränderungen ihre Ziele kaum zu erreichen vermögen, solange die der alten Machtstruktur zugrundeliegenden wirtschaftlichen Verhältnisse nicht ebenfalls reformiert werden. (Merkt Euch das für zukünftige Revolutionen! Und für die anstehenden Koalitionsverhandlungen.)

Die Österreicher haben die Kaiser und Fürsten nach der Revolution weitgehend enteignet. So mutig waren die Deutschen nicht. Wie überhaupt die ganze Weimarer Republik ein billiger Abklatsch der höchstspannenden österreichischen Zwischenkriegszeit war.

In Deutschland wurde jeglicher Gedanke an Enteignung vom Verfassungsschutz als „linksextrem“ eingestuft, verboten und sicherheitshalber niedergeschossen. Und genau deshalb haben die Großgrundbesitzer noch immer Hunderte an Wohnungen und Ihr zahlt zu viel Miete! (Übrigens kein neues Problem.)

Der Verfassungsschutz sieht sich auch 100 Jahre später Monarchie und Militarismus verpflichtet, wie das Auftreten des damaligen Präsidenten des Thüringischen Landesamtes für Verfassungsschutz, Helmut Roewer, bei einer Veranstaltung mit dem Titel „Von Rechts droht keine Gefahr“ zeigt. Das war übrigens, während er die Rechtsterroristen vom NSU finanzierte.

Das ist interessant, aber du schweifst ab.

Entschuldigung!

Also: Am Beginn der Weimarer Republik gab es gewissermaßen eine Übereinkunft zwischen der jungen Demokratie und dem alten, diskreditierten Preußendeutschland. Die Hohenzollern und die anderen Fürstenhäuser verzichteten auf den Thron, verzogen sich am besten ins Ausland, wie z.B. Kaiser Wilhelm II. nach Doorn in den Niederlanden und versicherten, in keinen Talkshows aufzutreten und dort gegen die Maßnahmen zur Bekämpfung der Spanischen Grippe zu wettern.

Für den geräusch- und kampflosen Thronverzicht wurden die Hohenzollern belohnt. Einerseits materiell, indem sie einen Großteil ihrer Schlösser und Ländereien und Raubkunstsammlungen behalten, ja diese, soweit es sich um bewegliche Güter handelte, sogar ins Exil mitnehmen oder bei Geldnot versteigern durften. Wenn dem Kaiser das Geld ausging, rief er in Preußen an, jammerte ein bisschen rum, und der Finanzminister ging zum Western Union im Späti. Allein im Jahr 1919 flossen 66 Millionen Reichsmark an die Hohenzollern.

Aber auch geschichtspolitisch wurden die Hohenzollern belohnt, indem die Weimarer Republik auf eine dezidiert antimonarchistische Erinnerungskultur verzichtete. Wie man das eben so macht in Deutschland: Schwamm drüber, in die Hände spucken, Trümmer wegräumen, Bruttosozialprodukt steigern. (Das mit den Trümmerfrauen ist übrigens nur ein Mythos, eine Wunscherzählung.)

Und es gab niemanden, der fand, dass die Kaiser- und Königsfamilien da ein bisschen billig weggekommen wären?

Doch. Es gab sogar einen Volksentscheid zur entschädigungslosen Fürstenenteignung. 1926 war das, initiiert von der Linken, die damals noch KPD hieß, und unterstützt von der SPD, aber auch von Wählern bis weit ins bürgerlich-konservative Lager hinein. (Die Grünen enthielten sich. Sie befürchteten, dass brachliegendes Junkerland in emsiger Bauernhand zu mehr Nitraten im Grundwasser führen würde. Außerdem hofften sie, mit den Adeligen über einen Einstieg in die ökologische Landwirtschaft verhandeln zu können [„Green New Deal“]. Aber das war naiv.)

96% der Wählerinnen und Wähler stimmten für die Enteignung der deutschen Adelshäuser. Das sollte reichen, könnte man meinen. Aber Reichspräsident Paul von Hindenburg, der Ersatzkaiser, stufte das Volksbegehren als verfassungsändernd ein, womit es nicht nur die Mehrheit der abgegebenen Stimmen, sondern auch ein Quorum von 50% der Wahlberechtigten benötigt hätte. (Während der gesamten Weimarer Republik gab es keinen erfolgreichen Volksentscheid auf Reichsebene. Nicht einmal das Volksbegehren gegen SUVs in deutschen Innenstädten von 1928.)

Aber 96% Zustimmung, das ist doch ein politischer Auftrag. Die Diskussion ist sicher nicht einfach so verstummt?

Genau. Und um das Thema vom Tisch zu bekommen, wurde verhandelt. In Hinterzimmern und vollkommen undurchsichtig. Ausnahmsweise kann ich mich hier kurz fassen und auf Kapitel 125 dieses Artikels verweisen, in dem ich den Aushandlungsprozess anhand des bayerisch-wittelsbacher Beispiels erläutere. Das Deutsche Reich hielt sich nämlich zurück und ließ die Länder mit ihren ehemaligen Landesherren verhandeln. 26 separate Verträge zur Vermögensauseinandersetzung waren die Folge.

Natürlich ist jeder Vertrag im einzelnen unterschiedlich, aber im Wesentlichen verlief es so: Die Fürsten, Könige und Kaiser behielten den Großteil ihrer Ländereien, insbesondere jene, die Ertrag abwarfen, also Felder, Wiesen und Wälder sowie Vergnügungsparks (siehe das Beispiel Neuschwanstein unter dem obigen Link). Der Staat bekam Schlösser, Burgen und Parks, also Objekte, die man hegen und pflegen und sanieren musste. Museen, Kunstsammlungen und Archive wurden oft in neue Stiftungen überführt, bei denen sich die Adelsfamilien teilweise noch erhebliche Mitspracherechte sichern konnten.

Kurz gesagt: Dafür, dass die Hohenzollern einen Weltkrieg vom Zaun gebrochen und den deutschen Karren in den Dreck gefahren hatten, wurde ihnen ganz schön der Arsch gepudert.

Das heißt, den Hohenzollern geht es auch heute noch ziemlich gut?

Das würde ich meinen. So wohnen sie z.B. auf Burg Hohenzollern.

Und das ist nur eine ihrer vielen Burgen und Schlösser.

Und warum, um endlich zur aktuellen Diskussion zu kommen, stellen die Hohenzollern dann Ansprüche auf weitere Burgen, Schlösser, Gemälde und so weiter?

Weil der kleine Prinz Nimmersatt den Hals nicht voll bekommt.

„Nur eine Burg, wie soll man denn da angemessen wohnen?? Ich habe vier Kinder!“

Das ist Georg Friedrich Ferdinand Prinz von Preußen, aktueller Hohenzollernhäuptling, Ururenkel des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. und damit Prätendent auf den Thron. „Wenn Deutschland mich nicht als Kaiser will, dann soll es wenigstens finanziell bluten“, hält der sympathische junge Mann die Familientradition aufrecht.

Okay, wenn dieser Königsknilch absahnen will, ist das seine Sache. Dafür hat er ja BWL studiert. Aber wieso verhandelt der deutsche Staat ernsthaft mit ihm, anstatt zu erklären, dass die Monarchie aus und vorbei ist?

Vorsicht, jetzt wird es kurz juristisch.

Also, wir waren stehengeblieben in den 1920er Jahren. Die deutschen Länder und die Adelshäuser hatten sich über die Aufteilung des fürstlichen Vermögens geeignet. Dann kamen bekanntlich die Nazis, Zweiter Weltkrieg, deutsche Niederlage und deutsche Teilung. Zu der Rolle, die die Hohenzollern dabei spielten, kommen wir noch. Aber weil das hier ein juristischer Abschnitt ist, bleiben wir mal systematisch und bei der Eigentumsfrage.

Relevant ist hier die sowjetisch besetzte Zone, die spätere DDR. Die Adeligen und der Verfassungsschutz waren geflohen, nach Westen, nach Argentinien und nach Syrien. Die Sowjets sahen riesige Ländereien, dachten sich, dass das nicht mit rechten Dingen zuginge, und enteigneten das allermeiste Fürstenland. Inklusive Schlösser. Schwuppdiwupp. Ganz ohne Volksabstimmung oder so. Daraus wurden im Rahmen der Bodenreform die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, woher heute Eure Milch und Rindersteaks kommen.

Bodenreform auf dem königlichen Rittergut Helfenberg (bei Dresden)

Ab 1949, mit Gründung der DDR, wurde auch noch ein bisschen enteignet. Dem einstigen Großgrundbesitzer war es wahrscheinlich egal, wer ihm das Lehen wegnahm, aber juristisch macht das einen großen Unterschied. Denn – unverhofft kommt oft – 1990 haben sich die beiden deutschen Staaten wieder vereinigt. Im Rahmen des Einigungsprozesses kam auch die Frage auf den Tisch, was man mit den einst enteigneten Ländereien in Ostdeutschland machen sollte.

Und da kamen die unterschiedlichen Enteignungszeiträume zum Tragen: Für Enteignungen nach 1949, also denen durch die DDR, wurde grundsätzlich die Rückerstattung, ersatzweise die Entschädigung, festgeschrieben. Für die zwischen 1945 und 1949 durch die sowjetische Besatzungsmacht durchgeführten (flächenmäßig umfangreicheren) Enteignungen hingegen sollte gelten: „Tja, Pech gehabt. Da kann man nichts mehr machen.“ Das ergab durchaus Sinn. Denn warum sollte ein deutscher Staat, egal welcher der beiden, für Handlungen eines dritten Staates (der Sowjetunion) einstehen? Außerdem wollte die DDR-Regierung der deutschen Wiedervereinigung nicht zustimmen, wenn die Ergebnisse der Bodenreform angetastet würden. Auch die Sowjetunion erklärte mehrfach, dass ihre Zustimmung zur deutschen Wiedervereinigung von der Nichtantastung der Bodenreform abhänge.

Aber das heißt, dass die Enteignungen durch die Sowjetunion nicht rückgängig gemacht werden, oder? Damit wäre das Thema erledigt, und die Hohenzollern hätten keinen Anspruch auf Schlösser, Ländereien oder Entschädigung für Güter in Ostdeutschland.

Gut aufgepasst!

Aber so einfach lassen sich königlich-kaiserliche Kapitalisten nicht abspeisen. Ab 1991 merkten auch die Hohenzollern, dass Deutschland wiedervereinigt war, wobei sie sehr enttäuscht waren, dass das Elsass, Königsberg, Danzig, Dänemark, das Memelgebiet und Kurland nicht von dieser Wiedervereinigung umfasst waren.

Die Hohenzollern traten mit drei Vorschlägen an die Bundesregierung heran:

Erstens, ob es nun nicht an der Zeit sei, in Deutschland wieder die Monarchie zu etablieren. Der damalige Klanchef, Louis Ferdinand Prinz von Preußen, schmiss sich an Helmut Kohl ran (hier bei einem symbolischen Begräbnis der Demokratie) und war maßlos enttäuscht als Kohl erklärte: „Du, mit dem Richard [von Weizsäcker] haben wir doch praktisch schon einen König.“

Zweitens verlangten sie einen Einmarsch nach Polen, um ehemalige deutsche Ostgebiete zu „befreien“.

Drittens schlugen die Hohenzollern und andere Adelige vor, den Einigungsvertrag in die Tonne zu treten, da man die DDR und die Sowjetunion schließlich besiegt habe. Jetzt könne die BRD machen, was sie wolle, und sie wolle ja wohl ihre Prinzen, Fürsten und Herzöge reich beschenken.

Die waren ja vollkommen realitätsfremd!

Schon immer. Aber wenn jemand drei überzogene Forderungen stellt, wird das Gegenüber die am wenigsten dreiste erfüllen, um Ruhe vor dem Querulanten zu bekommen. (Ehrlich, probiert das mal beim nächsten Vorstellungsgespräch!) Helmut Kohl war Historiker und Pazifist, wollte also weder Monarchie noch Krieg. Grundstücke und Geld waren für ihn nur „Bimbes“, die allenfalls den Weg der Weltgeschichte pflastern, aber keine eigenständige Bedeutung haben.

Also beschloss der erste gesamtdeutsche Bundestag 1994 das „Gesetz über die Entschädigung nach dem Gesetz zur Regelung offener Vermögensfragen und über staatliche Ausgleichsleistungen für Enteignungen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage“ (Entschädigungs- und Ausgleichsleistungsgesetz EALG).

Dieses Gesetz von 1994 sieht das Gegenteil dessen vor, was im Einigungsvertrag vereinbart wurde, nämlich die Entschädigung der von der Sowjetunion durchgeführten Enteignungen durch den bundesdeutschen Steuerzahler.

Das heißt, die Hohenzollern haben rechtlich fundierte Ansprüche, so gierig und maßlos sie uns auch erscheinen mögen?

So einfach ist es nicht. Denn jetzt kommen endlich die Nazis ins Spiel.

Juhu! (Also nicht wegen der Nazis, sondern weil es jetzt spannend wird.)

In § 1 Absatz 4 des Ausgleichsleistungsgesetzes wurde nämlich eine sogenannte Unwürdigkeitsklausel versteckt:

Leistungen nach diesem Gesetz werden nicht gewährt, wenn der nach den Absätzen 1 und 2 Berechtigte oder derjenige, von dem er seine Rechte ableitet, oder das enteignete Unternehmen gegen die Grundsätze der Menschlichkeit oder Rechtsstaatlichkeit verstoßen, in schwerwiegendem Maße seine Stellung zum eigenen Vorteil oder zum Nachteil anderer missbraucht oder dem nationalsozialistischen oder dem kommunistischen System in der sowjetisch besetzten Zone oder in der Deutschen Demokratischen Republik erheblichen Vorschub geleistet hat.

Oh. Lass mich raten: Das mit dem Kommunismus stellt bei den Adelshäusern kein Problem dar?

Nein, unter den Fürsten befand sich kein Roter Baron. Nur ein Weißer Baron, aber das ist eine andere Geschichte.

Bei den Hohenzollern findet man aber natürlich Verstöße gegen die Grundsätze der Menschlichkeit, vom deutschen Kolonialismus bis zu den Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg. Deswegen hatte Kaiser Wilhelm II. Angst, vor Gericht gestellt zu werden, und beantragte Asyl in den Niederlanden. Und deshalb wurden die Leipziger Prozesse, die Kriegsverbrecherprozesse nach dem Ersten Weltkrieg, nie so ein Spektakel wie die Nürnberger Prozesse.

Warte mal. Bedeutet das, dass der aktuelle Prinz Nimmersatt keine Schlösser und Millionenzahlungen erhalten soll, nur weil seine Großeltern sich daneben benommen haben? Dafür kann er doch gar nichts. Das erscheint mir unfair.

Etwas nicht zu bekommen, weil die Großeltern Verbrecher waren, erscheint mir wesentlich fairer als etwas zu bekommen, nur weil seine Großeltern deine Großeltern ausgebeutet und unterdrückt haben. Es ist ja nicht so, wie wenn die Hohenzollern sich irgendetwas eigenhändig erarbeitet hätten. Das waren Raubritter.

Außerdem funktionieren so nun einmal Eigentum und Erbrecht. Du profitierst davon, wenn deine Vorfahren brutal und geizig waren oder einfach nur Glück hatten. Und du leidest darunter, dass sie arm waren oder Pech hatten. Wenn dein Opa den Hof beim Pokern verzockt hat, bist du eben heute kein Großgrundbesitzer und musst Miete zahlen an den Enkel dessen, der damals beim Pokern geschummelt hat. Das Ganze reden sich die Leute dann schön mit Begriffen wie „Leistungsgesellschaft“ oder „freie Marktwirtschaft“. Alles Mumpitz!

Wenn das mit den Verstößen gegen die Grundsätze der Menschlichkeit so klar ist, warum diskutieren wir dann noch darüber, ob die Hohenzollern Nazis waren oder nicht?

Weil das höhere Einschaltquoten als Kaiserreich und Kolonialismus garantiert.

Und weil wir damit nicht ganz so viele Generationen zurückgehen müssen. Denn Kaiserreich und Kolonialismus endeten ja 1918 mit Kaiser Wilhelm II., wohingegen wir bei der Nazi-Paktiererei die nachfolgende Generation unter die Lupe nehmen können.

Und? Haben die Hohenzollern nun „dem nationalsozialistischen System erheblich Vorschub geleistet“, wie die gesetzliche Formulierung lautet?

Hm. Schwierige Frage.

Wenn ich anfange zu erzählen, komme ich immer vom Hundertsten ins Tausendste, also lasse ich besser zuerst die Fotos sprechen.

August Wilhelm als Wahlkampfredner für die NSDAP im Februar 1932
Kronprinz Wilhelm bei einem Abendessen des NSKK, einer paramilitärischen Unterorganisation der NSDAP
Kronprinz Wilhelm nimmt im Oktober 1933 eine Parade der SA in Breslau ab

Naja, was sollten sie machen, die armen Prinzen? In der Öffentlichkeit mussten sie vielleicht das Hakenkreuz tragen. Das war doch damals Diktatur.

Auch schon vor 1933? Und du meinst, den Hohenzollern-Prinzen wäre irgendetwas zugestoßen, wenn sie im neutralen Anzug aus dem Haus gegangen wären? Und außerdem: Warum hängen die Prinzen prominent auf Veranstaltungen von NSDAP, NSKK und SA herum?

Hm, das schaut tatsächlich nicht gut aus. Aber vielleicht waren sie nur einfache Mitläufer? Wie Millionen von Deutsche?

Klar, deshalb auch die öffentlichen Auftritte mit Hermann Göring, Ernst Röhm, Joseph Goebbels und Adolf Hitler.

Oh. Was war da los? Und warum guckte Hitler so hocherfreut, den Kronprinzen zu sehen?

Das war der 21. März 1933, der als „Tag von Potsdam“ in die Geschichte einging. Dort zelebrierten die Nationalsozialisten kurz nach der Machtübernahme, die Verbindung der preußischen Tradition des Kaiserreichs mit dem Neuen des Nationalsozialismus. In der Potsdamer Garnisonkirche. Mit viel Pomp und Gloria. Mit Repräsentanten des alten Reichs, von Reichspräsident Paul von Hindenburg bis eben zum Kronprinzen der Hohenzollern, die den Anspruch auf den deutschen Thron keinesfalls aufgegeben hatten. Und mit Hitler ausnahmsweise mal ganz in zivil.

Ihr kennt den „Tag von Potsdam“ vor allem wegen dieses Fotos:

Halt, ich meinte natürlich dieses Foto:

Aber die Ähnlichkeit dürfte kein Zufall sein. Schließlich ist Björn Höcke Geschichtslehrer und Thomas Kemmerich prahlte im Wahlkampf mit seiner Geschichtskenntnis. Das ist das ewige deutsche Dilemma: Die „bürgerliche Mitte“, die aus Angst vor einem Tempolimit oder einer Vermögenssteuer lieber mit den Nazis paktiert. Ich will Euch nicht beunruhigen, aber diese Gefahr ist noch nicht ausgestanden.

Eine Sache verwirrt mich: Du hast gesagt, die Hohenzollern erhoben noch immer einen Anspruch auf den Thron. Wieso dann die Zusammenarbeit mit den Nazis?

Kaiser Wilhelm II. selbst, der noch bis 1941 lebte, aber auch seine zweite Frau und seine Nachkommen, waren besessen von der Wiederherstellung des deutschen Kaiserreichs. Das war ihr Ziel, und dem ordneten sie alles unter.

Bei Sozialdemokraten und Kommunisten stießen sie damit natürlich auf taube Ohren, aber ansonsten versuchten die Hohenzollern, sich bei jedem anzubiedern, von dem sie glaubten, er brächte sie zurück auf den Thron und in den Palast. Das waren hauptsächlich Frontkämpfervereinigungen wie der Stahlhelm, Monarchistenvereine, nationalkonservative Parteien und ab Ende der 1920er Jahre zunehmend die NSDAP.

Aber es war doch klar, dass Hitler neben sich keinen Kaiser dulden würde.

Im Nachhinein erscheint immer alles klar. Aber damals stand den Hohenzollern ein anderes Modell vor Augen, nämlich Italien, mit dem Nebeneinander eines faschistischen Führers und eines Königs. Benito Mussolini, seit 1922 Ministerpräsident und innerhalb von wenigen Jahren Diktator, regierte formell unter dem König Viktor Emanuel III.

Wobei die Hohenzollern so machtversessen waren, dass sie sich sogar zur Teilnahme an Wahlen herabließen.

Was? Die Hohenzollern stellen sich einer Wahl? Das gab es doch seit dem Heiligen Römischen Reich nicht mehr. (Und selbst da gewannen die Hohenzollern niemals auch nur einen Blumentopf.)

Ja, zweimal sogar.

1932 stand die Wahl des Reichspräsidenten an. Hitler kandidierte gegen Hindenburg und Thälmann. Kronprinz Wilhelm, der Sohn Kaiser Wilhelms II. bot nun Hitler einen Deal an: Er, der Kronprinz, würde anstelle Hitlers kandidieren (und die Wahl ganz sicher gewinnen, nicht zuletzt weil er sich sicher war, auch Hindenburg zum Verzicht auf die Kandidatur gegen den Thronfolger überzeugen zu können). Im Gegenzug würde der Hohenzollernprinz dann Hitler zum Reichskanzler ernennen. Wie gesagt, italienisches Modell, nur eben in kleinen Schritten zur Wiedereinführung der Monarchie.

Und Hitler sagte ab?

Hitler sagte zu.

Warum wurde dann nichts daraus?

Weil Kaiser Wilhelm II. seinem Sohn die Kandidatur verbot.

Nicht wegen der Zusammenarbeit mit Hitler, die störte den Kaiser überhaupt nicht, sondern weil der Kronprinz als gewählter Reichspräsident einen Eid auf die republikanische Verfassung ablegen hätte müssen. „Wir Hohenzollern hassen die Demokratie und die Republik“, bläute er seinem Sohn ein, und diese Warnung wird seither auf Familienfeiern der Hohenzollern alljährlich erneuert, während man das Blut von Leibeigenen trinkt und das Grundgesetz den Flammen übergibt. Aber nur die Taschenbuchausgabe, die man kostenlos bei der Bundeszentrale für Politische Bildung bestellen kann, denn die Hohenzollern haben keine Mark zu verschenken.

Der Sohn gehorchte, sprach aber eine ausdrückliche Wahlempfehlung für Hitler aus. Auch er selbst werde für Hitler stimmen, tat er landauf, landab kund.

Der Kronprinz trat in die SA ein, hielt Reden auf Massenkundgebungen der NSDAP und schrieb pro-nationalsozialistische Artikel für in- und ausländische Zeitungen. Nicht nur auf Parteiveranstaltungen und bei öffentlichen Auftritten lief er in Uniform und mit Hakenkreuzbinde herum, sondern auch zuhause setzte er sich – und seine Söhne Hubertus und Friedrich – bewusst in die Pose der Hohenzollern, die dem NS-Staat zur Verfügung standen.

Das sind also keine unangenehmen Schnappschüsse wie bei Prinz Harry. Das war alles Teil eines Pakts, in dem die Hohenzollern der NSDAP Stimmen aus dem „bürgerlichen“ Lager brachten, denn wenn – so das Kalkül – sogar die edlen Prinzen bei den Nazis mitmachten, dann konnten diese ja nicht so schlimm sein. Außerdem waren die Hohenzollern äußerst aktiv in der internationalen Presse, insbesondere um zu beschwichtigen, als die ersten Meldungen über Konzentrationslager auftauchten. Sie wetterten dann gegen die „antideutsche Propaganda“, bezeugten, dass Herr Hitler ein ganz feiner Herr sei, und dass außerdem die Juden, Sozialisten und Kommunisten irgendwie selbst an etwaiger Verfolgung schuld seien, weil sie hinter der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg und hinter der Weltwirtschaftskrise steckten.

Auch Kaiser Wilhelm II. radikalisierte sich zusehends, sah überall die jüdische Weltverschwörung und forderte „die Ausrottung des verhassten Stamm Juda“. „Ich glaube, das Beste wäre Gas“, schrieb er dazu 1927, ein Vorschlag, der bekanntlich dankbar aufgegriffen wurde. Mit jedem Sieg im Blitzkrieg schickte der alte Kaiser Glückwunschtelegramme an Hitler, verbunden mit der Hoffnung, „dass die Juden ihre unheilvollen Positionen in allen Ländern verlieren, die sie seit Jahrhunderten zur Feindlichkeit getrieben haben“. Die Herren Hohenzollern standen hinter dem Holocaust.

Krass. Wenn ich aus so einer Familie stammte, würde ich mich schämen. Entweder würde ich ganz ruhig sein oder mich entschuldigen (wie es der Enkel des italienischen Faschistenkönigs tat). Keinesfalls würde ich fett auf die Pauke hauen und zusätzliche Schlösser, Parks, Gemäldesammlungen und Millionen fordern.

Tja, das ist eben der Unterschied zwischen moralischen Menschen und Prügelprinzen. (Der bekannteste dieser Mehrfachstraftäter ist übrigens auch ein Urenkel von Kaiser Wilhelm II.)

Wo wir schon bei Alliterationen sind, die prolligen Prinzen sind übrigens auch ziemlich produktive Prozesshansel. Prinz Nimmersatt, der aktuelle Hohenzollernchef, hat die Position nur inne, weil sich Dutzende von Familienmitgliedern in jahrzehntelangen Rechtsstreiten bekriegten, sich gegenseitig aufgrund angeblich nicht standesgemäßer Ehen enterbten und mehrfach das Bundesverfassungsgericht nervten, das den hohen Herren (Frauen können bei ihnen eh nichts erben) 2004 schließlich klar machen musste, dass wir nicht mehr in einer Monarchie leben und dass man heiraten darf, wen man will.

Wen dieses ekelhafte Gezänk interessiert, der kann hier die Kurzzusammenfassung lesen. Jedenfalls ist es ziemlich gewagt von dem kleinen Prinzen, sich jetzt so hinzustellen, wie wenn er die ganze Familie vertrete. Da rappelt es nämlich noch gewaltig in der innerfamiliären, intriganten und inzestuösen Krisenkiste.

Tolle Alliterationen! Aber du hattest vorhin neben Kronprinz Wilhelm noch ein weiteres Beispiel der Kollaboration mit den Nazis versprochen.

Ach ja, stimmt. Und auch dabei ging es um eine Wahl.

August Wilhelm, der vierte Sohn des Kaisers, hatte früh Verbindungen zur NSDAP und trat 1930 in die Partei sowie ein Jahr später in die SA ein. Im Wahlkampf 1932 trat er mehrfach als Redner bei Großveranstaltungen auf, und zwar explizit als Hohenzollern-Prinz, der sich wie alle Volksgenossen hinter Hitler einreiht.

Dass er voll bei der Sache war, sieht man nicht nur an seinen Autogrammkarten.

August Wilhelm war 1932 sogar Spitzenkandidat der NSDAP bei den Wahlen zum Preußischen Landtag, später Reichstagsabgeordneter für die NSDAP. Aber Reden und Agitieren allein reichten ihm nicht, schließlich war er bei der SA. Im September 1933 beteiligte er sich an der Ermordung eines Gestapo-Gefangenen.

Mit solchen Vorfahren, wie glauben die Hohenzollern da, dass sie mit ihren Forderungen durchkommen?

Durch heimlich still und leises Verhandeln. Und dabei geht es nicht nur um Schlösser und Sammlungen und Geld. Es geht auch um die deutsche Geschichte.

Die Hohenzollern dachten, dass die Zeit für sie spielt. Die Glorifizierung von Preußen ist in Mode. Die Deutschen lechzen nach der „guten alten Zeit“ vor dem Dritten Reich, am besten vor dem Ersten Weltkrieg, als man noch alle Kriege gewann, gegen Frankreich, gegen Dänemark, gegen Napoleon, gegen die Römer, und wahrscheinlich hätte die Bundeswehr damals sogar in Afghanistan gesiegt. Wer nationale Größe verspüren will, wer stolz sein will auf sein Land, weil er sonst nichts hat, was zum Stolz taugt, der freut sich über eine Königsfamilie, über Schlösser, über Prunk und Glanz und Macht und Größe. Auch wenn er selbst überhaupt nichts davon hat, sondern beim Besuch von Burg Hohenzollern 45 Euro für die Familienkarte blechen muss.

Auf dieser Linie wollte man sich irgendwie einigen. Heimlich, still und leise. Es war nur ein Zufall, dass die Verhandlungen zwischen den Hohenzollern und den ostdeutschen Bundesländern publik wurden. Aber auf das Licht der Öffentlichkeit sind die Fürsten der Finsternis in ihren Vampirschlössern gar nicht scharf.

Tja, zu spät, oder? Irgendwie ist es dann doch öffentlich geworden.

Aber seither klagen die Hohenzollern jeden kurz und klein, der ihnen in den Weg kommt, egal ob Journalisten, Historiker, Wissenschaftler, Verlage und sogar Parteien und Bundesländer. Die Prinzen wollen das Geld der Steuerzahler, aber ohne öffentliche Debatte. Der Historikerverband hat versucht, eine Übersicht über all die rechtlichen Schritte zu erstellen, kommt aber kaum noch hinterher.

Wahrscheinlich ist das so eine Kompensationshandlung der jungen Prinzen. Kann man ja verstehen. Die Opas konnten noch Millionen Männer in den sinnlosen Tod schicken, und jetzt muss man sich sogar Kritik anhören, wenn man illegal Bären abknallt. Wie viele Leute mit zu viel Geld, kauft man sich dann eben Anwälte, um im Volk Furcht und Terror zu säen. Massenabmahnungen statt Massenmord.

Deshalb folgender Ratschlag: Druckt diesen Artikel aus, bevor er verboten wird. E-mailt ihn an Eure Freunde, bevor er verboten wird. Teilt ihn auf Facebook und Twitter, bevor er verboten wird. Klebt ihn an die Litfaßsäulen, bevor er verboten wird (und bevor die Litfaßsäulen wegen ihres allgemeinen revolutionären Potentials verboten werden).

Und denkt immer daran: Wir sind das Volk! Wir sind der Souverän!

Links:

  • Auf diesem Blog gibt es noch viel mehr Geschichte.
  • Eine gute Einführung und Übersicht in diesen fast uferlosen Komplex, einschließlich einer Auflistung etlicher Klagen und Abmahnungen der Hohenzollern, findet Ihr beim Historikerverband.
  • Die vier Gutachten von Historikern, die Jan Böhmermann dankenswerterweise öffentlich gemacht hat.
  • Die Anhörung der Historiker im Kulturausschuss des Bundestages.
  • Zu dem Thema gibt es Unmengen an Literatur. Nur zwei Beispiele: „Der Kaiser und das ‚Dritte Reich'“, das vom Museum Haus Doorn herausgegeben wurde und auch die Restitutionsansprüche der Hohenzollern auf das Schloss in den Niederlanden anspricht. (Ja, die Hohenzollern sind grenzüberschreitend unersättlich.) Und ganz aktuell „Die Hohenzollern und die Nazis“ von Stephan Malinowski.
  • Wenn Ihr etwas gelernt (oder zumindest gelacht) habt, freue ich mich über eine Spende für diesen kleinen Blog. Jeder Taler hilft beim Kapf gegen die Geschichtsverfälschung.
  • Und vergesst nicht, dass Ihr noch den Podcast von Ralf Grabuschnig und mir anhören wolltet.
Veröffentlicht unter Deutschland, Erbrecht, Geschichte, Politik, Presserecht, Recht, Verfassungsrecht | Verschlagwortet mit | 35 Kommentare

Hej Hej

Read this in English.

Schweden ist schön. Sehr schön. Wunderschön. Viel Wald und Wasser und bunte Holzhäuschen. Wie in Bullerbü.

Dennoch wird es von hier relativ wenig Geschichten geben. Denn meine Geschichten leben von den Begegnungen mit Menschen. Und die gibt es hier nicht. Also, Menschen gibt es schon, zehn Millionen sogar. Aber die reden nicht mit einem. Das liegt nicht an der Xenophobie (die ist hier verboten). Die Schweden reden auch untereinander nicht.

Ich habe eigentlich eine erprobte Methode, um Menschen kennenzulernen: Ich setze mich in den Park, lese ein Buch oder die Zeitung, schreibe, rauche Zigarren und signalisiere so, dass ich entspannt und kommunikativ bin, dass ich Zeit habe und dass ich (wegen Buch oder Zeitung) interessant und intelligent bin. Das funktioniert überall auf der Welt: Früher oder später fragt jemand, was man liest, was man schreibt oder ob ich ein Feuerzeug habe. Dann mache ich Platz auf der Bank, man kommt ins Gespräch, und bald diskutiert man über den neuen James-Bond-Film, über Max Webers Fehlinterpretation der protestantischen Ethik und ob in den Kaiserschmarrn Rosinen gehören oder nicht. Die Älteren erzählen vom Krieg, die Jüngeren von Problemen in Familie und am Arbeitsplatz.

In Schweden funktioniert das nicht. Niemand spricht einen an. Die Menschen holen, sobald sie mich aus der Ferne erblicken, panisch ein Elektrogerät aus der Tasche und spielen damit herum oder sprechen wichtig und dringend auf das Gerät ein. Das muss man sich mal vorstellen: Die Menschen hier sind so soziophob, dass sie die ganze Zeit einen kleinen Fernseher oder was immer das ist, mit sich herumschleppen, nur um für den Fall der Fälle einen Vorwand zu haben, sich mit niemandem unterhalten zu müssen.

Wer smart ist, braucht kein Smartphone.

Na gut, dann gehe ich stattdessen spazieren. Schließlich ist es grün und wunderschön. Das habe ich, glaube ich, schon erwähnt.

Die Schweden gehen auch gerne spazieren. Beim Wandern sind die Leute entspannt, haben Zeit und freuen sich auf ein bisschen Abwechslung. Da kommt man leicht ins Gespräch. Man fragt, woher man kommt, wohin man geht, und teilt die Brotzeit.

Dachte ich.

Aber so funktioniert das nicht.

Die Natur in Schweden ist anscheinend nicht zum Flanieren da, sondern zum zielgerichteten Laufen, Joggen, Mountainbiken und auf Langlaufski Rollen. Manchmal laufen Leute in farbigen Anzügen wie wild querfeldein. Dann findet ein Orientierungslauf statt, bei dem die Teilnehmer bestimmte Punkte abklappern und einen Zettel abknipsen müssen.

Leute, die nicht für Olympia trainieren, haben Hunde. Manchmal einen, manchmal zwei, manchmal acht. Letztere sind die professionellen Hundesitter. In Schweden ist es nämlich gesetzlich verboten, einen Hund länger als 6 Stunden allein zuhause zu lassen. Wer den Hund nicht mit zur Arbeit nehmen kann (z.B. Lokführer oder Matrosen auf Unterseebooten) oder mal ohne Hund in Urlaub fahren will, muss den Hund in ein Hundehotel geben oder einen Dogsitter engagieren. Aus ähnlichen Gründen bin ich nach Schweden gekommen, allerdings kümmere ich mich um eine Katze. Und um einen Sauerteig, den ich jede Woche anrühren muss oder wie das heißt. Für Sauerteig gibt es in Schweden übrigens auch Hotels, wo man den Teig, der sich oft schon in der dritten Generation im Familienbesitz befindet, während des Urlaubs vor dem Absterben bewahren kann. Ehrlich. (Weil man den Sauerteig nicht teilen darf, gibt es in Schweden noch den Fideikommiss, eine erbrechtliche Antiquität, die in Deutschland mit Artikel 155 Absatz 2 Satz 2 der Weimarer Reichsverfassung abgeschafft wurde.)

Aber ich schweife schon wieder ab, wie in der letzten großen Abschweifungsorgie, die mich überhaupt erst nach Schweden geführt hat. Also zurück zu den Hunden. Leute mit Hunden finden Leute ohne Hunde, die scheinbar sinnlos durch den Wald spazieren, suspekt. Weil die Menschen in Schweden viele Bücher über Verbrechen, Mord und Totschlag und so lesen (die sogenannten Schwedenkrimis), glauben sie, ich würde eine Leiche verbuddeln. Weil ich aber erkennbar keine Leiche bei mir habe, fürchten sie wohl, dass sie diesen Job übernehmen sollen, weshalb sie schnell und grußlos weiterziehen.

Apropos Gruß: Ich bin natürlich immer freundlich, lächle und sage „hej“. Das ist Schwedisch für „hallo“. Manchmal sagt ein anderer Spaziergänger ebenfalls „hej“, und ältere Menschen gucken sogar freundlich. Aber dann sind sie schon wieder weg.

Wenn schwedische Paare spazieren gehen, sprechen sie auch nicht miteinander. Eigentlich spricht im ganzen Land niemand mit niemandem (außer mit seinen Elektrogeräten). Ehrlich, hier kann man stundenlang neben jemandem im Bus oder im Zug sitzen, und die Leute sagen keinen Pieps. Nach einer Busfahrt in Bolivien kennt man die gesamte Familiengeschichte aller Mitreisenden. Nach einer Zugfahrt durch Kanada versteht man das Land viel besser. Bei Wanderungen auf dem Balkan wird man allenthalben eingeladen, bis man nicht mehr gerade laufen kann. In Schweden hingegen kann man für zwei Jahre eine Gefängniszelle mit jemandem teilen, ohne dass man mehr als seinen Namen erfährt.

Das höchste der Gefühle war bisher, dass jemand „hej hej“ sagte. „Hallo hallo“, oh, da ist jemand aber wirklich nett, dachte ich mir. Aber schon war er wieder weiter. Zuhause schlug ich im Wörterbuch nach, dass „hej“ nicht nur „hallo“, sondern auch „tschüss“ heißt.

Wie gesagt: Schweden ist ein schönes Land. Sogar sehr schön. Aber nach meinem Aufenthalt hier muss ich irgendwo hin, wo die Menschen offen und warmherzig sind. Sibirien oder Sachsen oder so.

Links:

Veröffentlicht unter Fotografie, Schweden | 45 Kommentare

Freie Fahrt für tote Bürger

Alle anderen müssen zu Fuß gehen.

(Fotografiert in Baza, Andalusien.)

Veröffentlicht unter Andalusien, Fotografie, Reisen, Spanien | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Sonnenaufgang auf dem Friedhof

To the English version.

Von den vielen Dingen, die Menschen komisch an mir finden, sind zwei der häufigsten Fragen: „Wieso gehst du freiwillig auf einen Friedhof?“ und „Warum stehst du um 5 Uhr auf, obwohl du ausschlafen könntest?“

Die Antwort liegt in diesen Fotos, die ich heute Morgen gemacht habe.

Betrachtet dies als kleine Vorschau auf den Skogskyrkogården, den Waldfriedhof von Stockholm. Bald werde ich auch enthüllen, welche Rolle die Friedhofskatze spielt.

Links:

Veröffentlicht unter Fotografie, Reisen, Schweden | Verschlagwortet mit , , , | 14 Kommentare

Vor dem Erschießungskommando, aber stilvoll

Read this in English.

Auf einem befreundeten Blog stieß ich auf dieses Foto von Hauptmann Carlos Fortino Sámano, wie er 1917, während der Mexikanischen Revolution, vor einem Erschießungskommando steht. Bitte fragt nicht nach Details zu dieser Revolution/Bürgerkrieg, denn die war noch komplizierter als die russische Revolution/Bürgerkrieg. Vielleicht war der Offizier der Konstitutionalistischen Armee selbst so verwirrt von dem 10-jährigen Kampf zwischen Föderalisten, Konstitutionalisten, Konventionisten, Carrancistas, Felicistas, Huertistas, Maderistas, Magonistas, Margaritas, Orozquistas, Porfiristas, Reyistas, Villistas, Zapatitas und den Deutschen, die, wie auf diesem Blog bereits mehrfach nachgewiesen wurde, so ziemlich für alles historische Unheil auf diesem Planeten verantwortlich zeichnen, dass er es vorzog, erschossen zu werden.

Hände in der Hosentasche, Hemd, Hut, Zigarre und cool, das erinnert frappierend an einige meiner eigenen Fotos. Zum Beispiel dieses, aufgenommen nach der Entdeckung von Clint Eastwoods Zigarrenvorrat in einer kleinen Stadt in Andalusien.

Oder als ich einmal auf dem Friedhof von Piura in Peru einem Fotografen vor die Flinte, ich meine Linse lief.

Weil ich das Foto von 1917 bisher noch nie gesehen hatte, bin ich tatsächlich erstaunt ob der Ähnlichkeiten. Habe ich endlich entdeckt, wessen Reinkarnation ich bin? Das würde erklären, wieso ich plötzlich Spanisch sprechen konnte.

Jedenfalls finde ich, dass man das Haus sowieso nur so verlassen sollte, wie wenn man auf dem Weg zum Erschießungskommando wäre. Und Ihr wollt doch nicht, dass Ihr für die Nachwelt in kurzen Hosen und Flip-Flops festgehalten werdet, oder?

Links:

Veröffentlicht unter Andalusien, Geschichte, Mexiko, Militär, Peru, Spanien | Verschlagwortet mit , , | 15 Kommentare

Vor hundert Jahren wurden Staaten gegründet, die niemand mehr kennt – August 1921: Baranya-Baja und Tannu-Tuwa

Read this article in English.

Aufmerksame Leser dieser Reihe wissen, dass die Landkarte Europas und des Nahen Ostens in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg geprägt wurde. Für manche Staaten brauchte man jedoch eine Lupe, um sie überhaupt zu finden. Zum Beispiel die Republik Baranya-Baja, gegründet am 14. August 1921 in einem dünnen Landstrich zwischen Ungarn und Jugoslawien.

Wer die ungarische oder die jugoslawische Küche kennt, weiß, dass beide etwas gegen dünne Landstriche haben.

Tito: „Dünn ist doof.“

Warum man eine Zigarre in die Pfeife steckt, verstehe ich auch nicht. Aber darum soll es hier nicht gehen. Denn das Problem für die Baranya-Baja-Bananenrepublik kam nicht aus Jugoslawien, sondern aus Ungarn. Dessen Führer, Miklós Horthy, der politische Ziehvater von Viktor Orbán, war sauer über den Vertrag von Trianon, in dem Ungarn einen großen Teil seiner Gebiete an die Nachbarstaaten verloren hatte. Das ist ein großes Trauma für alle Ungarn, weshalb sie überall in Europa so schaurige Denkmäler errichten, selbst auf eiskalten, verschneiten und windumtosten Bergen in Rumänien.

Ja, das bin ich. Habe aber den Namen von dem Berg vergessen. Das Foto hat mein Bruder gemacht. Wenn der mich besucht, bekomme ich immer ein paar gute Fotos von mir. Und von der Landschaft. In Montenegro haben wir mal einen geheimen U-Boot-Stützpunkt entdeckt und wurden von der dortigen Marine hops genommen. War aber nicht schlimm. Nur unsere Mutter, die währenddessen mit einem gebrochenen Fuß im Auto wartete, das in einem Sturm gefährlich nah an einer stetig erodierenden Klippe stand, fand das alles nicht so lustig. Wahrscheinlich auch, weil sie sich den Fuß gebrochen hatte, nachdem ich mich im Gebirge verlaufen hatte. Seither besucht mich niemand mehr. Und der Bruder macht jetzt Hochzeitsfotografie und solche Sachen. Ich bin gegen Hochzeiten, aber wenn Ihr jemanden braucht, ruft ihn doch mal an.

Zwar hatte es vor dem Vertrag von Trianon gar kein unabhängiges Ungarn gegeben, sondern es war eine österreichische Provinz gewesen. Insofern war Post-Trianon besser für Ungarn als Prä-Trianon. Aber Nationalismus verträgt sich nicht gut mit historischen Tatsachen. Weder in Ungarn, noch in Jugoslawien.

In diese Grenzgegend zwischen Ungarn und Jugoslawien hatten sich vor allem ungarische Sozialisten gerettet, nachdem dieser rüpelige Horthy die Föderative Ungarische Sozialistische Räterepublik kaputt gemacht und das Land mit seinem Weißen Terror überzogen hatte. In Cochabamba in Bolivien hatte ich einen Mitbewohner aus den USA, der erzählte, dass sein Opa Volkskommissar für Finanzen in diesem kurzlebigen sozialistischen Staat gewesen sei. Das muss also einer von diesen Typen hier gewesen sein:

Ich habe versucht, Gary dazu anzustiften, der Sache auf den Grund zu gehen und mal nach Ungarn zu reisen. Aber ich bin ja der letzte, der kein Verständnis dafür haben dürfte, dass man nicht jede Idee zielstrebig verfolgen kann. Da fällt mir ein, dass ich die Suche nach Dimitri wieder aufnehmen muss.

Später, an der Grenzkontrolle von Peru nach Ecuador, traf ich noch einen Ungarn aus Siebenbürgen, also Rumänien. Das war ein lustiger Zufall, weil ich an jenem Tag einen ebenfalls aus Siebenbürgen stammenden Hut trug.

Der junge Mann lud mich ein, ihn im Dschungel in Ecuador zu besuchen, wo er als Reptilienforscher arbeitete. Das war nett, aber leider habe ich panische Angst vor Reptilien. Ich meine, einige Ängste kann ich schon überwinden, um Euch tolle Geschichten zu liefern, zum Beispiel als ich mich im Amazonas verlaufen habe. Bei Reptilien und Fallschirmspringen hört’s aber auf. Ich habe schon lange nichts mehr von ihm gehört, wahrscheinlich wurde er von einer Killerkröte verspeist.

Zurück zur Baranya-Baja-Republik. Diese wurde also am 14. August 1921 in Pécs (deutscher Name: Fünfkirchen) gegründet. Weil in der Gegend unter anderem Ungarn, Serben und Deutsche lebten, dachten sich die zeituntypisch nicht sehr national gesinnten Arbeiter und Bauern: „Lasst uns doch so etwas wie eine Vorstufe zur Europäischen Union gründen!“ Die Regierung wurde deshalb angeführt von einem Ungarn, einem Serben und einem Deutschen, die jeweils Namen trugen, wie sie typischer für ihre Volksgruppe nicht sein könnten. Magyarovics, Dobrović und Schwarz. Petar Dobrović ist der Nachwelt als einziger erhalten geblieben, weil er nicht nur Politik, sondern auch Kunst gemacht hat.

Das Ungarn unter Orbán, ich meine Horthy hatte mit europäischen Werten nicht viel am Hut, und so ritt Admiral Horthy, weil er gerade kein Schiff zur Hand hatte, nach Pécs und eroberte die friedfertige Baranya-Baja-Republik. Das war am 20. August 1921.

Der kleine Staat hatte weniger als eine Woche bestanden.

Das muss ein Rekord sein, ist man versucht, zu glauben. Aber Euer Lieblingsgeschichtsblogger kann nicht ruhen, ehe das nicht zweifelsfrei festgestellt ist.

Und tatsächlich: Es geht noch kürzer. Die Republik der Karpaten-Ukraine erklärte am 15. März 1939 ihre Unabhängigkeit, weil am Tag zuvor die Slowakei ihre Unabhängigkeit von der Tschechoslowakei erklärt hatte, um mit Nazi-Deutschland zu paktieren. Damit wollte die Karpaten-Ukraine, die bis dahin ein autonomes Gebiet im slowakischen Teil der Tschechoslowakei gewesen war, nichts zu tun haben.

Gegen die Unabhängigkeit der Karpaten-Ukraine wiederum erhob ein alter Bekannter Einwände. Genau: Ungarn unter Horthy. Diesmal wartete er keine sechs Tage, sondern marschierte noch am gleichen 15. März 1939 in das neue Nachbarland ein und brachte als Begrüßungsgeschenk Tod und Terror. Die Republik der Karpaten-Ukraine hatte weniger als einen Tag bestanden. Das muss aber wirklich Weltrekord sein.

Dieser Horthy wird uns übrigens im Oktober 1921 schon wieder begegnen.

Aber bleiben wir noch im August 1921. Der Monat war ein staatengebärfreudiger Monat, denn ein bisschen weiter östlich erblickte ein weiterer Staat das Licht der Welt: die Volksrepublik Tannu-Tuwa.

„Kein Wunder, dass ich davon noch nie gehört habe, wenn das auch wieder so ein Ein- oder Zweiwochenstaat war“, denkt Ihr Euch jetzt beruhigt. Aber diesmal liegt Ihr falsch. Denn dieser Staat bestand 23 Jahre, also doppelt so lang wie das Tausendjährige Deutsche Reich, von dem Ihr ja schließlich auch schon gehört habt.

Vielleicht liegt es an der Geographie, denn Tannu-Tuwa liegt zwischen Sibirien und der Mongolei. Wenn die Leute von Sibirien und der Mongolei hören, glauben sie, dass das weit weg sei. Dabei geht da sogar ein Zug hin. (Nach Sibirien und in die Mongolei, nicht nach Tannu-Tuwa, aber dazu später mehr.) Man kommt dort also umweltfreundlicher hin als auf die Azoren oder die Osterinsel. Und von der habt Ihr ja auch schon mal gehört. Obwohl sie kein unabhängiger Staat ist.

Klein ist Tannu-Tuwa auch nicht. 165.000 Quadratkilometer, das ist größer als Griechenland, Portugal, Bulgarien oder Ungarn. Oh, letzteres hätte ich nicht sagen sollen, sonst marschiert dieser Horthy gleich wieder ein.

Wahrscheinlich hat er das sowieso nur deshalb nicht getan, weil sich die Volksrepublik Tannu-Tuwa am gleichen Tag für unabhängig erklärte wie die Republik Baranya-Baja, am 14. August 1921. Wie wenn sie es abgesprochen hätten. Oder Telepathie.

„Unabhängig von wem?“ sollte jetzt jemand fragen, und ich will gerne darauf antworten. Oder würde gerne. Wenn ich es verstünde. Aber die Wirren zwischen Chinesischem Kaiserreich, Russischem Kaiserreich, Xinhai-Revolution, Republik Urjanchai, Russischem Protektorat Urjanchajski Kraj, der Weißen Armee unter Admiral Koltschak (was machen all diese Admiräle so weit entfernt vom Meer?) und der Roten Armee waren selbst für die Zeitgenossen so verwirrend, dass die Volksrepublik Tannu-Tuwa ihre Unabhängigkeit sicherheitshalber von Russland (sowohl von den Weißen als auch den Roten), China (sowohl von den Kommunisten als auch den Kuomintang) und der Mongolei (sowohl von der Inneren als auch der Äußeren) erklärte. Sicher ist sicher. Merkt Euch das. Wenn Ihr z.B. Euren Handyvertrag kündigen wollt, aber nicht mehr wisst, wo Ihr ihn abgeschlossen habt, könnt Ihr allen Telefonanbietern schreiben und kündigen. Solange der richtige dabei ist. Als ich noch Rechtsanwalt war, hatte ich mal eine Mandantin, die nicht wusste, wer der Vater ihres Kindes war und sich deshalb grämte. Vor allem finanziell. Also habe ich einfach alle Männer verklagt, deren Namen in des Fräuleins Telefonbuch gespeichert waren. Deshalb nutze ich kein WhatsApp. Der richtige war nicht dabei, weil es zum Austausch von Visitenkarten und dem Abspeichern der Telefonnummer anscheinend nicht gekommen war. Schade, dass Visitenkarten so aus der Mode gekommen sind. Und mit Beschreibungen wie „Er hatte ein großes Auto und war früher immer freitags in der Diskothek“ kommt man halt nicht weit. Dabei bin ich sogar relativ kreativ für einen Juristen. Ich empfahl, dass sie sich eben bei der Diskothek auf die Lauer legen und dem Mann, so sie ihn wiedererkenne, zu seinem Auto folgen und das Kennzeichen notieren müsse. Hat sie aber nicht gemacht. Die Leute wollen heutzutage, dass der Rechtsanwalt alles für sie erledigt. Am besten noch auf Prozesskostenhilfe.

Das mit der Telepathie oben war übrigens nicht einfach so dahin gesagt, wie überhaupt nur höchst selten irgendetwas auf diesem Blog einfach so dahin gesagt ist. Denn eines der frühen Staatsoberhäupter war Donduk Kuular, ein esoterischer und damit sicher auch telepathischer Mönch. Leider war er kein kugelsicherer Mönch, weshalb ihn Stalin 1932 erschoss.

In Tannu-Tuwa gab es nämlich ein bisschen Streit um die politische Richtung. Gegründet wurde der Staat 1921 als sozialistische Räterepublik. Das war damals sehr modern. Sogar Bremen und München sprangen kurzzeitig auf den Zug auf.

Etwas Verwirrung gab es in Tannu-Tuwa noch um die politische Symbolik, denn die erste Staatsfahne sah so aus:

Dafür gibt es eine Erklärung. Und nein, das hat nichts mit dem Buddhismus zu tun. Vielmehr sind wir hier in der glücklichen Lage, dass mein Beitrag über den März 1921 dies vollumfänglich erklären sowie weiteres Licht in jene Region zu jener Zeit bringen kann. Unbedingt (nochmals) lesen!

Die Flagge wurde regelmäßig aktualisiert, und irgendwann waren auch Besen und Sichel darauf angekommen.

Das war zu viel Fortschritt für die Religiösen, insbesondere Buddhisten, Lamaisten und Schamanisten. Zu denen gehörte der oben erwähnte Donduk Kuular, der 1924 Parlamentspräsident und 1926 Ministerpräsident der Republik Tannu-Tuwa wurde. Er wollte das Land eher in Richtung Theokratie bringen. „Denkt doch, wie viele Touristen kommen, wenn wir Klöster und Dalai Lamas und Yoga haben,“ versuchte er, die Menschen vom Sozialismus abzubringen.

Nein, der andere Lama.

Aber dummerweise fiel in seine Amtszeit ein herber Schlag. Die schwedische Autorin Astrid Lindgren hatte sich das Urheberrecht für „Taka-Tuka-Land“ gesichert und fand, dass Tannu-Tuwa-Land zum Verwechseln ähnlich klang. Sie erwirkte eine gerichtliche Verfügung beim Amtsgericht in Vimmerby. Weil der Ständige Internationale Gerichtshof erst 1922 seine Arbeit aufnehmen würde und in Tannu-Tuwa niemand Schwedisch sprach (der baltische Baron war ja hingerichtet worden), konnte sich die zentralasiatische Republik nicht wehren. Seit 1926 hieß sie deshalb Tuwinische Volksrepublik.

1929 wurde der Sowjetunion das religiöse und unsozialistische Treiben in der Tuwinischen Volksrepublik zu bunt. Das Politbüro überlegte, bis jemand auf die famose Idee kam: „Lasst es uns doch wie damals in Afghanistan machen!“ Gesagt, getan, Staatsstreich. Die Tuwinische Volksrepublik blieb formell unabhängig, wurde auch weiterhin von Tuwinen regiert, aber ab da war es eher ein sowjetischer Satellitenstaat. Aber immerhin auf der richtigen Seite, denn ab Juni 1941 kämpfte auch die tuwinische Armee auf Seiten der Alliierten gegen Nazi-Deutschland.

1944, nachdem klar war, wie der Zweite Weltkrieg ausgehen würde, stellte die Tuwinische Volksrepublik den Antrag auf Aufnahme in die Sowjetunion. Der wurde großzügig bewilligt. Zwei Wochen später wurden auf dem Gebiet von Tannu-Tuwa die ersten Uran-Vorkommen der Sowjetunion entdeckt. So ein Zufall aber auch.

Man lernt übrigens wahnsinnig viel über die Welt, wenn man Briefmarken sammelt. Als Kind war ich Philatelist, und ich glaube, ein breiter Grundstock meines geographischen, historischen und politischen Wissens geht darauf zurück. Allein anhand meiner kleinen Sammlung könnte ich zu einer Weltgeschichte ausholen.

Diese Briefmarken wurden zum Verkauf an internationale Sammler produziert. Deshalb die exotischen Formen und die exotisierende Darstellung von Nomaden. (Echte Briefmarken in einem sowjetischen Satellitenstaat würden technische Errungenschaften wie Traktoren und Satelliten zeigen. Deswegen heißen sie ja Satellitenstaaten.)

Und was machte dieses Tuwinien, als die Sowjetunion zerfiel? Na klar, es erklärte sich erneut für unabhängig. Tannu-tuwa-ta-ta-ta, ein neues Land betritt die Welt! Das bekam damals nur überhaupt niemand mit, weil die Welt im November 1991 mit dem Krieg in Jugoslawien, dem Krieg in Berg-Karabach, den Unabhängigkeitsbewegungen im Baltikum, dem Putschversuch gegen Gorbatschow und dem Krieg in Kuwait vollends beschäftigt war.

Etwas enttäuscht von dieser mangelnden Aufmerksamkeit überlegte Tuwinien es sich anders und schloss im März 1992 einen Föderationsvertrag mit Russland ab. Sicher ganz freiwillig. Man kennt ja Russland. Aber immerhin wurde ein Tuwiner russischer Verteidigungsminister. Jedenfalls ist die Republik Tuwa seither eine autonome Republik innerhalb der Russischen Föderation. Und das geographische Zentrum Asiens. Und wahrscheinlich immer noch enttäuscht von mangelnder Aufmerksamkeit.

Aber, liebe Tuwiner, spätestens wenn in Euer Land endlich die Eisenbahn fährt, die auf den Briefmarken schon vor 85 Jahren so groß- und breitspurig rumdampfte, dann schaue ich persönlich vorbei!

Links:

Veröffentlicht unter Geschichte, Politik, Ukraine, Ungarn | Verschlagwortet mit , , , | 17 Kommentare

Briefwahl

Viele Leute füllen die Unterlagen zur Briefwahl aus, während sie einen Kater haben. Bei mir will der Kater die Briefwahl gleich selbst in die Hand nehmen: „Hoffentlich kommt bald dieser Briefwal, den ich bestellt habe. Ich bin nämlich hungrig wie ein Löwe!“

In Schweden ist die Wahl im Wahllokal nicht ganz geheim. Deshalb gehe ich stattdessen zum See. Das ist ein schwedisches Grundrecht (§ 15, letzter Satz, des 2. Kapitels einer der verwirrenderweise vier Verfassungen), und dort hat man Ruhe und Zeit, um eine wohlüberlegte Entscheidung zu treffen.

Wenn Ihr nicht wisst, ob Ihr am 26. September 2021 Zeit zum Wählen habt oder was Ihr an dem Tag machen werdet, beantragt noch die Briefwahl! Die Unterlagen werden auch ins Ausland geschickt, wie Ihr seht. Sogar auf den Campingplatz, die Berghütte oder die Forschungsstation in der Antarktis.

Außerdem habt Ihr so Zeit, den ganzen Stimmzettel durchzulesen. Von der Marxistisch-Leninistischen Partei bis zur Urbanen Hip-Hop-Party müsste eigentlich für jeden etwas dabei sein. Aber auf jeder Seite des Stimmzettels nur ein Kreuz!

Veröffentlicht unter Deutschland, Politik, Schweden | Verschlagwortet mit , , | 5 Kommentare