Neue Visitenkarten

Visitenkarten scheinen aus der Mode gekommen zu sein. Egal, um Mode habe ich mich noch nie gekümmert. Mögen andere ihre Handys „swipen“ oder „bluetoothen“, ich händige weiter Karten aus Papier aus.

Nachdem die erste Auflage an Fotokarten verbraucht war – und weil sich meine Telefonnummer und die Adressen meiner Blogs geändert haben –, war es Zeit für eine zweite Auflage.

Die Auswahl der Fotos fiel nicht leicht, aber schließlich konnte ich mich für sechs Orte entscheiden, die mir aus den vergangenen beiden Jahren besonders im Gedächntis geblieben sind.

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Und das zeigen die Fotos:

  • Die Chapada Diamantina, ein Nationalpark in Brasilien. Ich bin tatsächlich in diese Schlucht hinabgeklettert, dort zwei Tage gewandert, und musste dann die Felswand wieder hochklettern.
  • Der zentrale Platz von Cochabamba in Bolivien. Von all den Städten, in denen ich gelebt habe, war Cochabamba die freundlichste und der Ort, wo ich mich am wohlsten gefühlt habe. Oft saß ich auf der Plaza 14 de Septiembre unter dem Schatten von Palmen, las ein Buch oder eine Zeitung, hörte einem Geschichtenerzähler zu, beobachtete eine Demonstration, bewunderte die schöne Architektur, genoß das perfekte, milde Klima der „Stadt des Ewigen Frühlings“ und diskutierte mit Wildfremden über das Verfassungsreferendum.
  • Eigentlich wollte ich kein Land zweimal auswählen, aber der Titicaca-See ist einfach ein Wanderparadies. Das Foto zeigt eine Inkastraße auf dem Weg von Copacabana nach Yampupata auf der bolivianischen Seite des Sees. Eine Wanderung um den ganzen Titicaca-See ist noch immer einer meiner großen Träume.
  • Extrovertiertere Selfies als dieses von der Osterinsel gibt es von mir nicht. Außerdem wollte ich den Hut aus Rumänien unterbringen, der mich um die ganze Welt begleitet hat und mich vor Sonne, Regen, Steinschlag, Schnee, Hagel, Blitzen, Hunden, Schlangen, Mordanschlägen und Wildschweinen geschützt hat.
  • Der Bahnhof in Sochumi, der Hauptstadt von Abchasien. Eine sehr schöne Stadt und die größte Überraschung auf meiner ersten Kaukasus-Reise. Ich habe das Land auch deshalb aufgenommen, weil viele gar nicht wissen, dass es existiert, oder es für gefährlich halten. Es ist überhaupt nicht gefährlich.
  • Persische Architektur in Tiflis. Die Hauptstadt von Georgien bietet fast alle denkbaren architektonischen Stile.

Solche Visitenkarten sind hoffentlich gute Aufhänger für ein Gespräch. Die vorherigen Karten haben mir sogar mal das Leben gerettet. In Bolivien hatte ich mich mal wieder vollkommen verlaufen und war schon am Verdursten, als mich ein junger Hirte entdeckte und mich in eine Schlucht führte, wo es Wasser zum Trinken gab.

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Er zeigte großes Interesse an meiner Kamera, wollte dass ich ein Foto von uns mache, und wollte den Apparat dann am liebsten behalten. Entsprechend meiner Überzeugung lehnte ich dieses Ansinnen ab. Der Junge hob einen schweren Kieselstein auf, mit dem er mir den Schädel einschlagen hätte können, und erweiterte seine Forderung auf Bargeld. „Ich habe doch kein Geld bei mir, wenn ich in die Wildnis laufe“, log ich und zog stattdessen ein paar Visitenkarten aus der Hemdtasche. „Ich habe nur diese Karten mit Fotos aus Europa. Schau, ich zeig Dir mal, wie es bei uns aussieht.“

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Als ich ihm Fotos aus Estland und Mazedonien, Litauen und Italien zeigte, ließ er den Stein wieder fallen. Ich gab ihm all die Karten, die ich dabei hatte.

Wenn Ihr auch lebensrettende Visitenkarten wollt, könnt Ihr diese bei MOO bestellen.

(Read this article in English.)

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Pilsen im Winterschlaf

Von Amberg aus ist Pilsen ein im buchstäblichen Sinn naheliegendes Reiseziel. Dass sich dennoch nur wenige auf den Weg dorthin machen, mag an dem in den (west)deutschen Köpfen sich anscheinend auf Ewigkeiten festgesetzten Eisernen Vorhang liegen. Vielleicht ist aber auch Prag zu verlockend, und man rauscht gedankenlos an Pilsen vorbei, obwohl man sich auch dort einen anständigen Rausch holen könnte. Aber dazu später mehr.

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Der verflixte Bus begeht den gleichen Fehler und fährt von Amberg zwar günstig nach Prag, hält aber Pilsen für keines Haltes wert. Da in Deutschland losfahrende Züge immer etwas teuer sind, galt mein nächster Versuch der Mitfahrzentrale, jetzt BlaBla-Car genannt. Der erste Fahrer verschob die Abfahrt mehrfach und kurzfristig, der zweite fuhr gleich gar nicht. Auf diese jungen Leute ist kein Verlass. Also endete ich doch im Zug. Es war ein grauer, regnerischer, kalter Tag und die Provinz zwischen Furth im Wald und Domažlice sah so deprimierend aus, dass ich verstand, wieso es hier ein Drogenproblem gibt. Wobei die Gegend nichts dafür kann, dass sich der Frühling 2018 ziemlich viel Zeit ließ und es deshalb noch eisiger war, als es Ende März sein sollte.

Den Jugendlichen an der Nadel oder an der Flasche oder wie immer man Drogen nimmt (ich kenne mich da nicht aus) lege ich stattdessen die Auswanderung ans Herz. Eine Fluchtalternative, die in dieser Grenzregion eine lange Tradition aufweist: Auch aus meiner Familie bin ich nicht der Erste. Schon in den 1920ern hielten es zwei Verwandte nicht mehr im Bayerischen Wald aus und zogen in die USA. Hoffentlich betreiben sie dort jetzt kein Crystal-Meth-Labor, sonst wäre die Moral der Geschichte hinüber.

Sobald man in Domažlice in den tschechischen Zug umsteigt, gibt es übrigens reibungs-, kosten- und passwortloses Internet. Osteuropa ist oft technologischer Vorreiter.

Von den Orten unterwegs blieb mir nur einer im Gedächtnis: Babylon. Das böhmische Holzfällerdorf bekam den Namen im 15. Jahrhundert wohl wegen seiner ethnographischen und linguistischen Vielfalt an der Sprachgrenze zwischen Tschechen und Deutschen. Multikulti im ausgehenden Mittelalter.

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Am Hauptbahnhof in Pilsen wird man empfangen von Osteuropaklischees.

Palastartiges Bahnhofsgebäude,

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Wandschmuck im sozialistischem Realismus, sowohl mit den typischen glücklichen, starken und produktiven Bauern,

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als auch in Erinnerung an die von den deutschen Besatzern zwischen 1939 und 1945 getöteten Eisenbahnangehörigen,

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und ein bettelnder Obdachloser. Weil er höflich war, gab ich ihm ein paar Kronenmünzen, über deren Wert ich mir mangels Erfahrung im tschechischen Wirtschaftskreislauf noch nicht ganz klar geworden war. Später erkannte ich, dass ich ihm weit mehr als den angefragten Euro gegeben hatte. Na, hoffentlich hat er es gut investiert.

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In der Wohnung von Jan, dem Vermieter, angekommen, traf ich auf den einzigen Menschen in Europa, der sich über die anhaltende Kältewelle freute. Er fuhr nämlich am nächsten Morgen für eine Woche zum Skifahren und war angesichts des sich teilweise und zaghaft vorgewagt habenden Frühlings schon besorgt.

Ich hingegen hatte mich für den 24. März für den ersten Halbmarathon der Saison angemeldet und milde Temperaturen erwartet.

Die Wohnung von Jan ist übrigens hervorragend geeignet für einen Pilsen-Besuch: Gut gelegen, geräumig, komfortabel, für 17 Euro pro Nacht. Und wer sich über diesen Link bei AirBnB anmeldet, bekommt bei der ersten Buchung 30 Euro Rabatt (auch bei anderen Wohnungen in anderen Städten).

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Als ich Jan danach fragte, wie das so mit den Fahrscheinen für Bus und Straßenbahn funktioniere, sagte er: „Am einfachsten verwendest Du eine kontaktlose Kreditkarte.“ Wieder ist Osteuropa technisch voraus.

Ich wusste nicht einmal, dass es solche Karten gibt, und stand dumm da. Zwar gibt es für die Westopis in den Zeitschriftenläden noch Fahrscheine aus Papier, aber am nächsten Morgen merkte ich, dass ich tatsächlich so eine Karte besitze, ohne es gewusst zu haben.

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In der knallgelben Straßenbahn probierte ich es gleich mal aus: Das 24-Stunden-Ticket wählen, Karte an den Automaten halten, und schon wird der Fahrschein ausgedruckt. 24 Stunden Bus und Straßenbahn kosten übrigens nur 60 Kronen = 2,35 Euro.

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Zum Abendessen orderte ich einen Salat mit Rucola und Rote Beete, eigentlich nur weil rukolový das einzige auf der Karte was, das dem deutschen Wort einigermaßen ähnlich war, das ich deshalb identifizieren konnte, und das ich aussprechen konnte.

Als die Kellnerin fragte, welches Fleisch ich zum Salat wolle, war ich mir sicher, in Tschechien zu sein.

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Am Freitagabend ging ich zu einem Dokumentarfilmfestival in einem alten Bahnhofsgebäude, das als Moving Station jetzt ein Kulturzentrum und Theater ist. Bis zur Renovierung sah es so aus:

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Jetzt sieht es etwas einladender aus:

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Die Umgestaltung begann schon bevor entschieden wurde, dass Pilsen im Jahr 2015 Europäische Kulturhauptstadt sein würde, aber seither ist regelmäßiger etwas los.

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Mir gefällt die Idee der Europäischen Kulturhauptstädte, vor allem wenn es kleinere Städte trifft, die sonst nicht so viel Aufmerksamkeit und Tourismus abbekommen. (Deswegen empfinde ich es als einfallslos, wenn Länder ihre Hauptstadt nominieren, so wie Malta dieses Jahr mit Valletta.)

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In Pilsen wollte ich vor allem herausfinden, wieviel von dieser Auszeichnung drei Jahre später noch zu spüren war. Dass es nicht immer so weiter gehen kann wie im prallvollen Jahr 2015 ist logisch, denn die Fördermittel gibt es ja nur einmal. Aber es wäre schön, wenn ein Teil des Geldes für nachhaltige Projekte verwendet würde.

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Zum Glück konnte ich schon an jenem Abend einiges darüber erfahren, denn als ich etwas verloren auf den Beginn des Film wartete, sprach mich Andrea, eine der Organisatorinnen des Filmfestivals an. Das Festival laufe nun schon seit 20 Jahren und allein in Tschechien in 37 Städten.

Jener Freitag war der letzte Tag des Festivals, also würde es danach eine Abschlussparty geben. Andrea lud mich ein.

Aber jetzt erst mal zum Film. Oder Ihr spult zu Kapitel 10 vor.

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Auf dem Programm stand Mečiar, ein Film über den früheren aber mehrfachen Premierminister der Slowakei, sowie The Cleaners, ein Film über die Menschen, die bei YouTube, Facebook u.s.w. entscheiden, was gelöscht wird und was nicht. Ich wollte keine Enthauptungsvideos von ISIS sehen, und außerdem war die Slowakei gerade in den Nachrichten wegen Korruption und Journalistenmorden, also genau den Dingen, die man mit der Regierungszeit von Vladimír Mečiar verbindet.

So dachten anscheinend viele, denn trotz der Konkurrenz war der Kinosaal voll. Vielleicht waren aber auch alle Besucher Slowaken. Ich kann die beiden Sprachen nicht auseinanderhalten. Der Film war glücklicherweise englisch untertitelt, den Trailer gibt es anscheinend nur auf Tschechisch und Slowakisch.

Mečiar war die prägende Figur der Slowakei nach dem Fall des Kommunismus, Ministerpräsident in den Jahren 1990-91, 1992-94 und 1994-98 und verhandelte die Auflösung der Tschechoslowakei. Je länger er im Amt war, desto autokratischer, korrupter und nationalistischer wurde er. Obwohl er die Unabhängigkeit der Slowakei erst als „absoluten Nonsense“ abgetan hatte, wurde er zu deren stärksten Verfechter.

Dabei, und man sieht das vielleicht auch schon an dem obigen Ausschnitt, ist Mečiar durchaus charismatisch, kann sogar sympathisch sein. Wie so eine Mischung aus Horst Seehofer und Heydar Aliyev, über die man politisch kein gutes Wort verlieren kann, die aber persönlich durchaus ein einnehmendes Wesen haben. Zu dem seltenen Interview taucht er in seinem Garten mit über der Hose hängendem Hemd auf, zeigt einem den Papagei, die Feuerstelle zum Grillen und das Blümchenbild im Spießerheim.

Aber auch für jemanden wie mich, der von der Slowakei so gut wie gar nichts weiß, ist der Film sehr gut. Man erfährt über

  • die Dramatik des Generalstreiks 1989 (Mečiar war erst auf Arbeitgeberseite, wechselte aber die Seiten als der Streik erfolgreich war),
  • die demokratische Naivität der Revolutionäre (für die zu besetzenden Ministerposten hielten sie Wettbewerbe ab – Mečiar wurde Innenminister, weil er alle Fragen beantworten konnte; erst später fragten sich einige, ob das nicht darauf hindeutete, dass er schon zu kommunistischen Zeiten mit dem Staat verstrickt war),
  • die Absurdität der tschechoslowakischen Scheidung (kulminierend im Streit darüber, ob man Tschechoslowakei ohne oder Tschecho-Slowakei mit Bindestrich und im anderen Landesteil nicht Slowako-Tschechien schreiben sollte),
  • den Ablauf der Privatisierungen („Ach, Mirko hat noch gar keine Firma bekommen, obwohl er so ein netter Kerl ist. Geben wir ihm die Erdölraffinerie.“),
  • Morde an Journalisten,
  • und die Entführung des Sohnes von Präsident Kováč durch den slowakischen Geheimdienst.

Zuletzt schlägt der Film einen Bogen zum jetzigen Premierminister Fico, wohlgemerkt einen Bogen, den auch dessen Anhänger begeistert schlagen. Und trotz des Themas musste ich immer wieder herzhaft lachen. Information und gute Unterhaltung in einem, fast wie in diesem Blog.

Profesor Ikebara

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Jetzt also zur Abschlussparty. Der Diskjockey war Akademiker, zumindest nannte er sich DJ Profesor Ikebara und versprach Balkanmusik.

Ich aber hatte den Halbmarathon am nächsten Tag als guten Grund, um mich vor Einsetzen des südosteuropäischen Lärms zu verabschieden. Mit Andrea verabredete ich mich für die darauffolgende Woche.

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Übrigens, wer Bahnhöfe nützlicher findet als Kulturzentren muss nicht traurig sein. Denn obwohl ein Teil des (Stadtteil-)Bahnhofs umgewidmet wurde, ist noch immer genug Bahnhof übrig.

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Das Gebäude rechts hinten ist die Moving Station, das Schloss im Vordergrund der Bahnhof.

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Der Halbmarathon fand in Těškov, etwa 30 km östlich von Pilsen statt. Zu weit zum Laufen, und mit dem Bus oder Zug nicht ganz zu erreichen. Ich schrieb also eine E-Mail an die Veranstalter und fragte, ob mich jemand aus Pilsen mitnehmen könne. Innerhalb kürzester Zeit meldeten sich zuerst Jan, dann Jiří, aber beide mussten schon zum Start des vollen, nicht erst des halben Marathons dort sein, also ziemlich früh losfahren. Mich hätte das nicht gestöret, ich war froh über das Angebot. Aber Jiří telefonierte herum, bis er Marek und Tereza fand, die bei mir in der Nähe wohnten und ebenfalls den Halbmarathon laufen wollten.

Der Lauf begann erst um 11:30 Uhr, eine humane Zeit. Wetter und Temperatur passten auch. Jetzt hätte ich mich nur noch vorbereiten müssen. Der letzte erfolgreiche Halbmarathon lag fast drei Jahre zurück, und jedes Mal beim Trainieren merke ich, dass ich eher ein Spaziergänger als ein Läufer bin.

Aber alle Anzeichen deuteten auf einen entspannten Lauf: Eine niedrige Startgebühr (200 Kronen = 7,80 Euro), ein großzügiges Zeitfenster für den Marathon von 9 bis 16 Uhr und die Läufer weder mit Zeitmessern und anderer Elektronik überfrachtet, noch abstruse Dehnübungen durchführend. Ich mag diese kleinen Rennen, die weder kommerziell noch kompetitiv sind, wo man sich beim Laufen unterhält, wo man mal ein Stück gehen kann, wo allerdings auch manchmal die Strecke nicht so ganz ausgeschildert ist, so dass man sich verläuft.

Und jeder schien jeden zu kennen. Jan und Jiří freuten sich, dass es mit dem Transport geklappt hatte, als sie mich sahen. Marek und Tereza stellten mir ihre Mutter vor, die das Rennen letztes Jahr gelaufen war und dieses Mal Getränke und Essen verteilt. Nach dem Lauf würde mich diese sportliche Familie nicht nur nach Hause fahren, sondern mir ganz mütterlich die übrig gebliebenen Bananen mitgeben.

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Der exotischste Gast war ich übrigens nicht, denn eine Großfamilie aus Indien war extra aus Prag angereist. Sie waren dann auch die letzten, die ins Ziel kamen und mussten sich wie auf einer Himalaya-Expedition gefühlt haben. Denn die Laufstrecke ging über Stock und Stein, Schnee und Eis, Wurzeln und zugefrorene Pfützen.

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Bestzeiten sind auf solch einer Strecke nicht zu schaffen, also genießt man besser die Aussicht. Davon gab es reichlich, denn wo ein Hügel war, führte die Strecke darüber.

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Plötzlich lief ich mitten im Wald auf einer aufgeschütteten Steinmauer entlang. „Was macht der Limes hier?“, wunderte ich mich, bis ich auf einem Schild las, dass es eine Burgruine war.

Beim ersten Getränke- und Essensstopp nahm ich mir einen Becher mit scheinbarer Apfelsaftschorle, die sich als Bier entpuppte. Ich habe in Osteuropa schon öfter erlebt, dass es am Ziel Bier gibt, aber sich schon unterwegs zu betrinken, ist mir neu. Am zweiten Stopp wurde mir dann gleich eine ganze Flasche Bier angeboten. Außerdem gab es jeweils Obst, Schokolade, Brote und überhaupt genug Essen, um ein paar Minuten zu verweilen. „Das ist der beste Teil des Rennens“, stimmten mir die anderen Läufer zu, die sich gleichzeitig stärkten.

Rundherum also ein gut organisierter Lauf mit angenehmer Streckenführung und freundlicher Atmosphäre, und das für einen Bruchteil der Gebühren, die man hinblättern muss, wenn man sich auf dem Asphalt von New York oder Berlin die Knie kaputtläuft.

Nach 2 Stunden und 26 Minuten war ich endlich im Ziel, und nur dank der Inder, die zum ersten Mal im Leben Schnee sahen, war ich nicht der Allerletzte. Ich dachte mir, dass es bei dieser Witterung und dem Streckenprofil unmöglich sein könnte, weniger als zwei Stunden für 21 km zu benötigen. Aber als ich im Ziel Marek traf, erfuhr ich, dass er schon seit einer Dreiviertelstunde auf mich gewartet hatte.

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Die gleichen Organisatoren veranstalten dieses Jahr zwei weitere (Halb-)Marathons, am 2. Juni 2018 und am 10. November 2018, jeweils in schöner landschaftlicher Umgebung und zu den gleichen günstigen Teilnahmegebühren.

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Die Kategorie für Teilnehmer über 40 Jahren hieß „veteráni“, und am nächsten Morgen, nach zwölf Stunden gutem Schlaf, fühlte ich mich immer noch wie ein Invalide. Aber es war der schönste Tag einer ansonsten grauen Woche, also der Tag für ausgiebig humpelnde Spaziergänge.

In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag waren die Uhren umgestellt worden und damit alle Pilsener so verwirrt, dass am Vormittag noch kaum jemand unterwegs war. In manchen Stadtteilen war es so ruhig, dass ich die Schritte anderer Personen hörte, bevor diese ums Eck kamen.

Zu dieser ausgestorbenen Ruhe passte es, dass an der Kneipe auch Ende März noch die Wünsche zum Neuen Jahr standen.

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Nur am Fluss übertönten die Enten alles.

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Dort wagten sich auch die Wassersportler ins Freie, sowohl die aktiven wie die passiven.

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Letztere waren eindeutig in der Mehrzahl.

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Später habe ich übrigens noch zwei Angler gesehen, die an Schnüren befestigte Magneten in den Fluss warfen. Einer holte damit mal einen Stein herauf. Keine Ahnung, was das war. Wird so vielleicht Eisenerz gefördert?

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Pilsen wirkt sehr großzügig geplant und angelegt, mit breiteren Straßen und Gehwegen als notwendig, mit Grünflächen und Parks wie wenn man ein Millionenpublikum erwartet, und mit reichlich Abstand, Spielplätzen und Sportgeräten zwischen den Wohnblocks. Stadtplanung konnten die Sozialisten wirklich gut. Wenn mal der Frühling kommt, muss es ganz schön sein. Wobei ich auch in der Kälte immer wieder auf stahlharte Jogger traf. Wahrscheinlich trainierten sie bereits für die nächsten Halbmarathons.

Insbesondere der Bezirk Slovany, in dem ich wohnte, schien den Stadtplanern die Freude gemacht zu haben, sich irgendwann – wahrscheinlich im Zweiten Weltkrieg – komplett zerstören zu lassen, so dass ungehindert von altem Habsburgerschmarrn Neues erschaffen werden konnte.

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Die Architektur entspricht in Teilen dem Klischee der grauen Stadt mit Mietskasernen, die teils noch immer in Rußgrau gestrichen, teilweise schon etwas farbenfroher übertüncht sind. Ein eckiger Klotz nach dem anderen, aber nicht das schöne Art-Deco-eckig, sondern Kommunistenkubus (nicht zu verwechseln mit dem Kubismus in Prag).

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Andererseits gibt es auch äußerst hübsche Straßenzüge.

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Und manchmal stehen Barock und Beton gleich nebeneinander.

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Die Stadtplanung machte in Pilsen auch schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts etwas Kreatives: Sie riss die Stadtmauer ein und baute die so freigewordene Fläche zu einem die Altstadt umrundenden Park aus. Eine gute Idee, denn Städte mit Stadtmauern gibt es genug, Parks gibt es nie genug.

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An den Straßenbahnhaltestellen stand ich immer wieder fasziniert vor den Anschlagtafeln, die Theater, Kino, Musik, Ausstellungen u.s.w. anpriesen. Zwar konnte ich kaum etwas verstehen (Tři billboardy kousek za Ebbingem war der einzige Filmtitel, der mir etwas sagte), aber es war offensichtlich, dass kulturell noch immer enorm viel geboten ist in Pilsen. Die Smetana-Tage, die eigentlich drei Smetana-Wochen sind, hatte ich gerade verpasst.

Mit Smetana und dem aus dem Exil zurückgekehrten Dirigenten Rafael Kubelík wurde 1990 übrigens auch die Samtene Revolution und die wiedererlangte Freiheit gefeiert.

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Anhänger der Tschechoslowakei findet man kaum mehr. Eher beschweren sich einige Tschechen, dass ihr jetziger Ministerpräsident Andrej Babiš eigentlich Slowake ist und manchmal nicht richtig Tschechisch spricht.

So etwas wie Ostalgie findet man allenfalls in Bezug auf Jugoslawien. Ganz in der Nähe meiner Wohnung hieß eine Straße zum Beispiel noch immer Jugoslávská.

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Die zwei unterschiedlichen Nummern hat übrigens fast jedes Haus.

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Die ältere der Hausnummern (meist die höhere) stammt aus der Zeit Österreich-Ungarns. Warum man diese sogenannten Konskriptionsnummern auch 100 Jahre nach Ende des Habsburgerreiches noch stehen lässt, ist mir allerdings unklar. Die Chance, dass jemand nach so langer Zeit aus dem Urlaub oder der Kriegsgefangenschaft zurückkommt und ohne diese Erinnerungsstütze sein Haus nicht mehr fände, dürfte gering sein.

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Außerdem finden sich an vielen Häusern Hinweise auf die darin ausgeübten Berufe, zum Beispiel Jäger,

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Schankwirt,

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der Typ, der IKEA-Schränke zusammenbaut,

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das Theater

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und ein Gymnasium.

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Warum sind eigentlich alle Tante-Emma-Läden in Tschechien in asiatischer Hand?

Vielleicht liegt es daran, dass sich die Tschechen lieber auf den Drogenhandel konzentrieren. Der findet alles andere als versteckt statt:

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Zum Mittgessen wollte ich mir eine tschechische Spezialität gönnen: Mährisches Rauchschweinfleisch mit böhmischen Knödeln.

Naja. Fett und deftig, aber nicht so meins. Kein Wunder, dass Pilsen mehr für Bier als fürs Essen bekannt ist.

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Auch eine weitere örtliche Spezialität war kulinarisch eher enttäuschend. Im Restaurant der Familie Kroc war alles ein bisschen stressig, fast wie in einer Fabrik, und dann kam das Essen mit einer Unmenge an Verpackungsmüll. Man wurde voll, aber nicht satt.

Trotzdem ist dies eine der erfolgreichsten tschechischen Unternehmensgründungen. Alois Kroc aus der Nähe von Pilsen wanderte in die USA aus, wo sein Sohn Ray Kroc Fast Food, Franchising, Drive-Through und überhaupt alles erfand, was Amerika ausmacht.

Herr Kroc war damit so erfolgreich, dass er seinem tschechoslowakischen Landsmann Andy Warhol empfahl, sein dahinsiechendes Künstlerschaffen ebenfalls mit den Methoden der Automatisierung und der Herstellung großer Stückzahlen zu Produktivität und Profit zu treiben.

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Gleich gegenüber von McDonalds geht es zum Tempel der tschechischen Lebensmittelindustrie, der Pilsner-Urquell-Brauerei, der Bedeutung entsprechend durch ein majestätisches Tor.

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Die Brauerei bietet Führungen an und hat ein eigenes Museum. Da ich selbst kein Bier trinke, habe ich mir das erspart, aber der Anzahl der an- und abfahrenden Reisebusse nach zu urteilen, gehört ein Besuch dieser Hopfenanstalt zu den Höhepunkten eines Pilsen-Besuchs.

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Für eher kulturell Interessierte bieten sich stattdessen vielleicht das Westböhmische Museum

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und das Museum für Kirchenbaukunst im Franziskanerkloster an. Letzteres war aber noch geschlossen und öffnet erst im April. Wie wenn es ein Badeort am Mittelmeer wäre, ist in Pilsen nämlich vieles, ehrlich gesagt fast alles, von November bis März geschlossen.

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Wer kein Bier trinkt, wird in Pilsen übrigens als äußerst suspekt behandelt. Für Montag Abend verabredete ich mich mit Andrew, der mich aber schon am Samstag anrief, um mir für die verbleibenden Tage Geheimtipps bezüglich Biersorten und Schankstellen zu geben.

Als ich wahrheitsgemäß kundtat, dass ich gar kein Bier trinke, trat ein Schweigen in die Leitung, wie wenn ich etwas richtig Schlimmes (oder Dummes) gesagt hätte. Nach ein paar Schocksekunden sagte Andrew: „Ehm, ok, also ich habe viel zu tun diese Woche, aber ich gebe Dir dann am Montag Bescheid.“

Wenn Ihr in Tschechien Freunde finden wollt, müsst Ihr Bier trinken!

Zum Glück siegte Andrews Neugier auf den komischen Kauz, und so trafen wir uns vor der Papírna, einer alten Papierfabrik, die jetzt natürlich auch ein Kulturzentrum ist und neben Café, Galerien, Werkstätten und Konzertsälen sogar eine Kart-Bahn beherbergt.

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„Wein trinkst Du aber schon, oder?“, begrüßte er mich, und man sah, was ihn die Tage umgetrieben hatte. Als ich das ebenfalls verneinte, war er sichtlich enttäuscht, so dass ich schnell erklärte, dass ich aber Cocktails trinke. „Es ist halt nur leider so, dass mir Bier und Wein nicht schmecken.“

Erleichterung trat in sein Gesicht: „Es ist also nichts Religiöses?“

„Nein, nein, ich bin Atheist.“

Von da an verstanden wir uns prächtig. Tschechien ist ein sehr atheistisches Land.

In der Papírna gab es an jenem Abend einen Vortrag über Bali, was den Räucherstäbchengeruch erklärte. Auf der Leinwand brachte ein verlockenedes Foto Wärme und Sonne in den kalten Tag, Palmen und Strand in die graue Stadt. Der Saal war fast voll. Gleich würde es losgehen.

Weil Andrew und ich uns aber in Ruhe unterhalten wollten, schlug er stattdessen das Depo2015 vor. (Wer sich mehr für Andrew als für Andrea interessiert, kann bis Kapitel 31 vorblättern.)

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Das Depo2015 ist das Vorzeigeprojekt des Kulturhauptstadtjahres. Jeder, den ich in Pilsen kennenlernte, schlug es als Treffpunkt vor, fast so wie wenn es nichts anderes gäbe.

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Dabei war es eigentlich eine Notlösung. Ursprünglich hätte die Světovar-Brauerei zur Kulturfabrik umgebaut werden sollen, erzählte mir Andrea, als wir uns im Depo2015 zum Mittagessen trafen, aber 2014, also kurz vor Schluss, fand man Asbest in dem Gebäude.

Zum Glück war gerade das Straßenbahndepot freigeworden, das sogar noch zentraler lag. Asbest gab es dort nicht (oder es hatte niemand Zeit gehabt, um es zu überprüfen), also wurde es flugs umgebaut zu Ausstellungshallen, Workshops, einem Café, einem Fitnesszentrum, Vortragsräumen, Ateliers und einem Garten im Hof, in dem man für kleines Geld ein Beet mieten kann, um sein eigenes veganes, CO2-neutrales, fair gehandeltes Marihuana anzubauen.

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Aber trotz Hipsterflair war das Mittagessen ziemlich gut. Wenn die Vorräte nicht reichen, kommen manchmal noch ein paar Trucks mit Extraessen.

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Mich interessierte vor allem, was drei Jahre später noch von der Kulturhauptstadt geblieben war. „Eigentlich nicht viel“, sagte Andrea, obwohl wir in einem ziemlich akiven Objekt saßen, das es ohne dieses Projektjahr niemals gegeben hätte. „Der bleibendste Effekt war vielleicht der, dass sich all die Kulturschaffenden und Kreativen, all die Aktiven und Tatkräftigen mal gegenseitig kennenlernen konnten. So entstanden viele Kontakte, aus denen Ideen und weitere Projekte entstanden. Das ist eigentlich das einzige, was bleibt.“

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Pilsen hatte 2015 den Anspruch, die eigene Bevölkerung in das Kulturjahr einzubeziehen. So gab es Spaziergänge mit Pilsenern, die Besuchern nicht die ohnehin bekannten Sehenswürdigkeiten, sondern ihre Stadtviertel und Kellerkneipen zeigten.

Das Ganze gibt es natürlich auch als App, was mir mangels Smartphone nichts nützt. (Smarte Menschen dürfen nicht zusätzlich ein Smartphone besitzen, weil das einen unfairen Wettbewerbsvorteil brächte.)

Apropos App, irgendeines dieser teuflischen Teile hatte anscheinend eine Menge Menschen zur gleichen Zeit an den gleichen Ort bestellt, denn im Stadtpark fanden sich Dutzende von Menschen ein, um auf ihre Telefone zu starren.

Pokemons Pilsen

Vielleicht wurden wieder neue Pokemons freigelassen.

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Aber zurück zu dem Abend mit Andrew, der eigentlich Ondřej heißt, aber weiß, dass das niemand aussprechen kann. So trafen sich also zwei Andrews, die eigentlich nicht so hießen.

Auf dem kurzen Fußweg von der Papírna zum Depo2015 erzählte er mir, dass das Busdepot zufällig rechtzeitig zum Asbestdesaster freigeworden war, weil die Stadt für 10 Milliarden Kronen ein neues Busdepot gebaut hatte. „Zehn Milliarden für eine Garage!“ Andrew konnte sich gar nicht einkriegen angesichts dieser Verschwendung. „Na gut, die Stadt hat es damit gerechtfertigt, dass es dort auch eine Waschanlage für die Busse gäbe, aber zehn Milliarden, das ist doch hirnrissig!“

Um zu beweisen, dass ich ein normaler Mensch bin, musste ich eine Flasche Kingswood Apple Cider bestellen, die sogar ziemlich gut war. Allerdings war eine Flasche auch genug, um mich betrunken zu machen.

„Hier kannst Du sehen, wieviel in Pilsen los ist“, scherzte Andrew als wir uns setzen. Nur ein weiterer Tisch in dem bekanntesten Treffpunkt der Stadt war besetzt, mit einer Person und einem Laptop. Na, wenigstens war es ruhig, und man konnte sich hervorragend unterhalten. Was gut war, denn es wurde der lustigste Abend der ganzen Woche.

Andrew war Dozent für Philosophie und Wirtschaft an der Westböhmischen Universität, hatte den Job aber gerade gekündigt, weil ihm ein Beratungsunternehmen das dreifache Gehalt angeboten hat. Dafür muss er leider nach Prag ziehen.

Ich hatte schon den Eindruck gehabt, dass viele Pilsener entweder nach der Schule oder spätestens nach der Uni nach Prag ziehen, denn im Stadtbild fehlten diese jungen Erwachsenen. Man sieht junge Kinder und dann hauptsächlich erst wieder Leute ab 40. Darauf angesprochen, bestätigte Andrew, dass das tatsächlich ein Problem ist.

Kein Problem, sondern etwas Positives ist in meinen Augen ein Jobwechsel. Immer das gleiche zu machen, wäre ja langweilig. So denken anscheinend viele in Tschechien, denn ich traf in der Woche auch noch eine Geophysik-Studentin, die das Studium aufgeben wird, um im Hotelgewerbe zu arbeiten, eine ehemalige Stewardess, die jetzt Medizin studiert, und eine Politikwissenschafts-Absolventin, die lieber um die Welt zieht und sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Auch Andrew hatte schon im Techmania Science Center in Pilsen und für ein Jahr als Barkeeper in Schottland, natürlich in St Andrews, gearbeitet. Wenn ich vielen solcher Lebensläufe begegne, weiß ich, dass eine Volkswirtschaft boomt. Denn diesen Mut zum Wandel, zu Pausen, zum Neuanfang haben Menschen meist, wenn ein Grundvertrauen besteht, dass man schon irgendetwas finden wird, mit dem man sich über Wasser halten kann. Und tatsächlich liegt die Arbeitslosenquote in Tschechien unter 3 %, es herrscht praktisch Vollbeschäftigung.

Früher oder später kamen wir natürlich auf unsere Reisen zu sprechen, und es stellte sich heraus, dass Andrew auch schon in meinem Lieblingsland war und genau in dem Tal, in dem ich den Artikel über Abenteuerreisen geschrieben habe, meine Ratschläge beherzigt hat und sogar noch auf den Gipfel getrieben hat. Ohne Bergsteigererfahrung bzw. nur mit in Tschechien erworbener, also kaum nennenswerter, Bergsteigererfahrung wollte er mit seiner Freundin den Huyana Potosí besteigen. Die Freundin wurde dann auch ziemlich höhenkrank, ein Schneesturm zog auf, der Bergführer verirrte sich und fiel in eine Gletscherspalte, aus der ihn Andrew herausziehen musste. Dann setzte zum Glück der Überlebensinstinkt ein, und sie kehrten ein paar hundert Meter unterhalb des Gipfels um.

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Als wir so von unseren Abenteuern erzählten, sagte Andrew plötzlich: „Hey, komm doch zu unserem Roadmovie-Festival und erzähle eine Deiner Geschichten!“ Denn, wie anscheinend jeder in Pilsen, organisiert auch er ein Filmfestival, das natürlich im Depo2015 stattfinden wird.

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Das wäre tatsächlich genau die Art von Filmen, die mir gefällt, aber leider werde ich vom 18. bis 20. Juni noch in Krakau sein. So ein Pech! Aber Euch empfehle ich dieses Festival schon mal als guten Anlass, endlich selbst Pilsen zu besuchen. Alle Filme werden auf Englisch oder mit englischen Untertiteln gezeigt.

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Zum Abschluss – Andrew musste seine Wohnung ausräumen, sich auf den neuen Job vorbereiten und hatte außerdem gerade die höhenkranke Freundin geheiratet, konnte also nicht die ganze Nacht durchmachen – schenkte er mir noch ein Mila, eine Waffel mit Schokoladenüberzug, und eine Erklärung dazu: Es sei die beliebteste Schokolade in Tschechien. Jeder war sich einig, dass es die beste Schokolade überhaupt sei und dass man, einmal angefangen, gar nicht zu essen aufhören könne. Bis vor ein paar Jahren herauskam, dass die Schokolade Stoffe enthielt, die tatsächlich süchtig machen, und das Rezept geändert werden musste.

Ich habe es natürlich getestet, aber gegen Milka hat Mila keine Chance.

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Ein Highlight von Pilsen ist die Große Synagoge, erbaut am Ende des 19. Jahrhunderts im maurisch-romanischen Stil. Einfach dem roten Turm folgen,

Synagoge Turm

bis Ihr vor dem Tempel in seiner ganzen Pracht steht.

Synagoge

Wenn man um das Gebäude bzw. den Block herumläuft, erkennt man erst den kirchengleichen Grundriss und Aufbau.

Synagoge hinten.JPG

Die Juden haben eigentlich ihren eigenen Mondkalender, nach dem der Frühling schon begonnen hätte, aber in Tschechien sind sie so assimiliert, dass sie die allgemeine Winterpause mitmachen. Auch die Große Synagoge öffnet also erst im April (jeden Sonntag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr). An der Tür hing zwar ein Zettel mit Telefonnummer und E-Mail-Adresse, unter der man auch außerhalb der Sommersaison einen Besuch anmelden kann, aber ich wollte den Rabbi nicht stören.

Für einen Besuch böte sich insbesondere der 7. Mai 2018 an, an dem eine Swing-Band im Saal der Synagoge auftreten wird. So wie schon im vergangenen Jahr:

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Überhaupt ist Anfang Mai die beste Zeit für Liebhaber der Musik, die uns in die 1940er Jahre zurückversetzt. Auch Count Basie wird wieder auferstehen und am 4. Mai 2018 mit seinem Orchester vorbeikommen.

Count Basie.JPG

Warum alljährlich im Mai amerikanische Musik in Pilsen einfällt und die ganze Stadt dazu tanzt, erfahrt Ihr ab Kapitel 46.

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In der Altstadt kam ich an einigen Antiquariaten vorbei, die schon von außen sehr verlockend aussahen, wo ich mich aber nicht hineinwagte. Sonst hätte ich ganz sicher hunderte von Kronen gegen etliche Kilos eingetauscht – und hauptsächlich einen Artikel über Buchhandlungen geschrieben.

So weise ich nur auf eines der Bücher hin, das ich durchs Schaufenster erspähte. Viele wissen nicht, dass die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright in der Tschechoslowakei geboren wurde und in ihrem Leben gleich zweimal floh: 1939 vor den Nazis nach London und – nach der Rückkehr in die Tschechoslowakei – 1948 vor den Kommunisten in die USA.

Madeleine Albright.JPG

Obwohl seither schon eine Menge Zeit vergangen war, konnte Frau Albright ihr Buch, das auf Deutsch als Winter in Prag erschienen ist, 2012 selbst auf Tschechisch vorstellen:

Das war schön, als es noch Außenminister gab, die Fremdsprachen beherrschten.

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Die Tram Nr. 4 fährt zur Endhaltestelle Borsky Park. Das hört sich fast so an wie Gorki Park. Also fuhr ich da einfach mal hin, in der Hoffnung, Spione zu treffen. Ich setzte mich auf eine Bank und las – quasi als Erkennungsmerkmal – A Walk in the Woods von Lee Blessing, ein Theaterstück über einen US-amerikanischen und einen sowjetischen Unterhändler im Kalten Krieg.

Aber auch die Spione waren in der Nebensaison noch nicht tätig, und niemand steckte mir einen Umschlag mit brisanten Dokumenten zu.

Dafür war der Borsky Park der schönste Park der Stadt. Eine Mischung aus Park und Wald. Weitflächig und großzügig. Große Bäume für den Schatten, weite Rasenflächen für die Sonne, weiche Waldwege für gelenkschonendes Joggen.

Borsky Park

Falls ich mal nach Pilsen ziehe, werde ich versuchen, dort in der Nähe eine Wohnung zu finden.

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bird-s-eyeview

Praktischerweise – insbesondere für Wohnungssuchende – liegt gleich neben dem Park das Gefängnis von Pilsen in Form eines auf Stadtplänen sehr markanten achtzackigen Sterns, wo unter anderem Václav Havel, der spätere Präsident der Tschechoslowakei und der Tschechischen Republik, inhaftiert war.

Mittlerweile war ich schon daran gewöhnt, dass bis April alles geschlossen ist, also versuchte ich erst gar nicht, das Gefängnis zu besuchen.

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Aber noch etwas anderes hatte ich auf dem Stadtplan gesehen, das mein Interesse weckte: ein Meditationsgarten. Es war zwar ein ziemlicher Fußmarsch, aber der Weg ging durch mehrere zusammenhängende Parks, über kleine Brücken und an Flüssen entlang und führte mich in eine Gegend Pilsens, die so überhaupt nicht zu den Betonblocks passen wollte: Holzhäuser und Ausläufe für Rinder und Cowboys, fast wie in Montana.

Montana.JPG

Aber auch die Rinder waren noch im Winterschlaf.

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Endlich am Meditationsgarten angekommen, war dieser – Ihr ahnt es schon – geschlossen. Andererseits ist eine den ganzen Winter andauernde Pause vielleicht die höchste Form der Meditation.

Für nachahmende Besucher sei gesagt, dass der Garten ab dem 18. April 2018 wieder geöffnet ist. Allerdings habe ich herausgefunden, dass er von der Kirche betrieben wird und damit gar nicht so unterstützenswürdig ist.

Meditationsgarten

Ihr geht also besser in den Borsky Park oder einfach in den Wald.

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Ein Weg durch den Wald führt nach Zruč, etwa 6 km nördlich von Pilsen (wer nicht wandern will, nimmt die Buslinie 20), wo ich durch das Dorf spazierte, bis ich in einem Garten den Hinweis auf die etwas überdurchschnittlich ausgeprägte Sammelleidenschaft seines Eigentümers sah. Dort stapelten sich Busse, Autos, Panzer, Helikopter, Flugzeuge und alles notwendige Zubehör und Ersatzteile.

AirPark Garten

Da nimmt jemand sein Hobby sehr ernst.

Das wahre Ausmaß erkennt man erst auf dem Luftbild.

2015

Das Tor war auch hier verschlossen, aber das Sammelsurium war einfach zu interessant. Also läutete ich ein paar Mal an einer altmodischen Glocke mit Schnur, bis ein Mann, der nur der Eigentümer sein konnte, herbeischlurfte und mir für nur 100 Kronen (= 4 Euro) Eintritt in sein Reich gewährte und dazu noch allerhand erklärte. Karel Tarantík spricht nämlich hervorragend Deutsch.

Ich hatte ihn bei der Arbeit an seiner neuesten Erwerbung gestört, einem T-55-AM2, dem er in liebevoller Handarbeit einen neuen Anstrich verpasste. „Fahrbereit!“, wie er stolz anfügte. Nur um die Straßen nicht zu beschädigen, wurde der über 30 Tonnen wiegende Panzer mit einem Schwertransporter nach Zruč gebracht.

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Manchmal bekäme er alte Stücke zum Schrottpreis, erzählte Herr Tarantík, aber für den Panzer hatte er 20.000 Euro hinlegen müssen. Der Eintrittspreis im Verhältnis zu nur dieser einen Anschaffung zeigt, dass das Museum nicht auf Gewinn ausgelegt ist. Ein viel größeres Problem sei aber die Fläche, denn – wie ich nach einem Rundgang bestätigen kann – es gibt nicht mehr viele freie Stellen im Garten. Der Nachbar würde seine Wiese zwar verkaufen, wolle dafür aber den Preis für Baugrund. „Unverschämt“, waren wir uns beide einig.

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Wer ein superscharfes Auge hat, bemerkt bei dem obigen Bild ganz rechts, dass der hintere rechte Flügel der französisch beflaggten Spitfire Mk II abgebrochen ist und darunter etwas verdächtig Weißes zum Vorschein kommt. Tatsächlich war dieses Flugzeug nicht ganz echt, sondern aus Styropor und Pappmaché.

Spitfire 1
Spitfire 2

Damit sollte aber niemand getäuscht werden, vielmehr wies ein Schild darauf hin, dass diese Ikone des Luftkampfes für den Film Dark Blue World nachgebaut wurde. Der Film handelt von tschechoslowakischen Piloten, die im Zweiten Weltkrieg in der britischen Luftwaffe flogen.

Neben zwei weiteren Nachbauten (Me-109 und Curtiss P-40), sind aber alle anderen Flugzeuge, Helikopter und Panzer echt. Man findet hier eigentlich alles, von der schnittigen MiG-15 bis zum selbstzerstörenden Starfighter, vom Einsitzer Let Z-37 bis zum Passagierjet Tupolew Tu-104, vom T-34-Panzer bis zum Mi-24-Helikopter.

Sogar eine Stalinstatue hat sich der Sammler unter den Nagel gerissen. Die wollte sonst aber wahrscheinlich wirklich niemand haben (außer dem Grutas-Park in Litauen, aber der hat schon mehr als genug davon).

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Was ich an dem Tag sah, war nur der allgemein zugängliche Teil des Museums Air Park. Es gibt noch einen „speziellen Teil“, auf dem obigen Luftbild rechts zu sehen, sowie ein Lager, wo noch einmal mindestens 100 weitere Flugzeuge, Panzer und andere Fahrzeuge lagern. Das kann man mit einer gesonderten Führung besuchen, die aber an jenem kalten Märztag mangels Besucheranstrom und Personal nicht angeboten wurde.

Aber wenigstens ist dieses private Museum das einzige, das rund ums Jahr und jeden Wochentag geöffnet hat.

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Wem allein das Bestaunen von Kampfjets nicht ausreicht, der kann in Tschechien in einer MiG-15, L-29 oder L-39 mitfliegen. Das ganze gibt es schon ab 1.250 €. Hört sich erst einmal nach viel an, aber wie oft haut man unsinnig 1.250 € für einen langweiligen „Wellness-Urlaub“, eine neue Küchenzeile oder eine künstliche Hüfte raus?

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Ich selbst hatte keine 1.250 €, sondern konnte mir gerade mal den Bus zurück nach Pilsen leisten. Der Bus Nr. 20 führte doch tatsächlich an einem griechischen Restaurant (Akropolis) vorbei und ich dachte mir „endlich mal wieder gutes Essen“ und sprang sofort ab.

Aber – man glaubt es kaum – sogar Restaurants haben in Pilsen Winterpause!

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Der Zoo wäre vielleicht schon geöffnet gewesen, denn die Tiere müssen sowieso gefüttert werden (versichern möchte ich es nicht). Aber als ich auf dem Plakat sah, dass dort hauptsächlich Reptilien und gar Schlangen für einen „closer look“ präsentiert werden, stellte ich lieber sicher, dass ich nicht einmal in die Nähe dieses Ungeheuerzoos kommen würde.

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Sympathischere Tierchen gab es im Homolka-Park (sehr praktisch gelegen für die Bewohner des Viertels Slovany).

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Auf einem meiner Spaziergänge erregte dieser Wegweiser zum Denkmal „Danke, Amerika“ mein Interesse. Ich versuchte wirklich alles, um das Denkmal zu finden, war aber nicht erfolgreich. Vielleicht haben es die Russen gehackt.

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Dafür fand ich etwas viel Aufschlussreicheres zu diesem Thema, nämlich das General-Patton-Museum. Im Geiste der 3. US-Armee, die in der Ardennenschlacht und beim Kampf um Bastogne auch nicht vor dem Schnee gekniffen hatte, war dieses Museum sogar im Winter geöffnet. Ich war so begeistert, dass ich glatt vergaß, den Studentenrabatt in Anspruch zu nehmen, der den Eintrittspreis von 60 auf 40 Kronen verringert hätte. Dabei hätte hier sogar mal ein Bezug zu meinem Geschichtsstudium bestanden.

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Hier lernte ich tatsächlich eine Menge (für mich) Neues. Für die Bewohner von Pilsen sah es nach dem Zweiten Weltkrieg nämlich zuerst mal gar nicht nach einem Leben im Ostblock aus. Befreit wurde die Stadt von der US-Armee (übrigens der östlichste Punkt in Mitteleuropa, an den diese vorstieß). Wie der Zweite Weltkrieg ausgehen würde, war schon seit Monaten klar gewesen, und die Bevölkerung hatte die Amerikaner schon herbeigesehnt.

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Zuerst, im April 1945, kamen jedoch die Bomber. Ziele waren die Eisenbahn, Straßen und in Pilsen vor allem die Škoda-Werke, nach Krupp der größte Waffenhersteller im Deutschen Reich. Bei einem dieser Angriffe kam es anscheinend zu einem Fehler und das etwas südlich des Haupbahnhofs gelegene Wohnviertel Slovany wurde weitestgehend zerstört. Jetzt verstand ich, wieso dort alles neu gebaut war.

Ich kann mich allerdings des Verdachts nicht erwehren, dass der Bahnhof absichtlich verschont wurde, weil dieser gleich neben der Pilsner-Urquell-Brauerei liegt. Und die Piloten wussten ja, dass ihre Kollegen von der Infanterie den langen Marsch von der Normandie nur durchhielten, weil am Ende ein frisch gezapftes Pils wartete.

US Army beer

Schon einige Tage vor Kriegsende, am 4. Mai 1945, hatte die 11. Panzerdivision der Wehrmacht in Všeruby (Neumark) gegenüber der 90. US-Infanteriedivision die Kapitulation erklärt und war nach Kötzting in Kriegsgefangenschaft gegangen.

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Als die Wehrmacht kapituliert hatte, war es auch endlich Zeit für den tschechischen Aufstand gegen die deutschen Besatzer. Dieser begann am 5. Mai 1945, die Aufständischen übernahmen tatsächlich das Rathaus und den Rundfunk in Pilsen, aber am nächsten Tag kam ja schon die US-Armee.

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Um ein Gefühl für diese letzten Kriegstage zu bekommen, sei der Hinweis auf die „Operation Cowboy“ gestattet, bei der die US-Armee einige hundert Pferde, darunter wertvolle Lipizzaner, aus der Gefangenschaft durch die Nazis befreite.

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Das alles und viel mehr erfuhr ich im Patton-Museum, das ein bisschen ein ungeordnetes Sammelsurium von alten Fotos, Uniformen, Waffen, Blechdosen, Zeitschriften ist, aber andererseits doch bewegend ist, weil es die Geschichten der Verbrüderung der US-amerikanischen (und netterweise nicht übergangenen belgischen) Soldaten mit den Tschechen in den Vordergrund stellt. Insbesondere die Lebensmittelhilfe und die Unterstützung des Wiederaufbaus, aber natürlich auch die vielen persönlichen Beziehungen mit mehr als 100 Eheschließungen zwischen Soldaten und tschechischen Mädchen, und vielleicht auch die beiderseitige Erleichterung über das Ende des Krieges ließen diese Epoche in guter Erinnerung bleiben.

Doch das Glück währte nur kurz. Denn bei einer Konferenz in Jalta hatte Stalin beim Pokern mit Churchill und Roosevelt die Tschechoslowakei gewonnen. Und so mussten die US-Soldaten im November 1945 abziehen, und die etwas weniger geschätzten Kollegen von der Roten Armee übernahmen das Ruder. 1947 boten die USA auch der Tschechoslowakei Hilfe aus dem Marschall-Plan an, aber Stalin brachte die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei dazu, ihr ursprünglich gegebenenes Einverständnis zu widerrufen. Statt kostenloser Hilfe aus dem Westen sollte lieber Getreide von der Sowjetunion gekauft werden. Von 1948 bis 1953 war die Tschechoslowakei dann eine stalinistische Diktatur unter Klement Gottwald.

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Was ich mich die ganze Zeit fragte: Wie gingen die Tschechen, die, wenn auch nur für ein halbes Jahr, die US-Armee erlebt und weitestgehend willkommen geheißen hatten, damit um, dass die USA ab 1948 zum Feind erklärt wurden?

Denn dass die US-Soldaten nicht mehr als Befreier gefeiert wurden, konnte ich diesen beiden Büchern entnehmen, ohne sie lesen zu können.

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Zur Rückfahrt suchte ich mir bei BlaBla-Car den ältesten Fahrer aus, weil ich dachte, wir Älteren sind zuverlässiger.

Olaf (74 Jahre) war Tscheche (das hätte ich mir eigentlich schon denken können, als er die Pilsner-Urquell-Brauerei als Treffpunkt vorschlug), lebte aber seit 1980 in Nürnberg. Damals war er vor den Kommunisten geflohen und wollte eigentlich nach England, das er bereits von einem Studienafenthalt kannte. Aber da seine Mutter schon in Deutschland lebte und sein Vater nicht mehr lebte, blieb er ihr zuliebe in Deutschland hängen. „Dabei war Deutsch die zweitletzte Sprache auf der Welt, die ich lernen wollte.“ Auf meinen verwunderten Blick löste er das Rätsel auf: „Die letzte war Chinesisch“. Gelernt hat er es natürlich trotzdem, und mittlerweile ist er sogar Dolmetscher und Übersetzer.

Außerdem hat er Psychologie und Soziologie studiert, promoviert und noch etliche Zeit mehr an Hochschulen verbracht. Als ich erzählte, dass ich mit 42 gerade wieder zum Studieren begonnen habe, blitzten seine Augen merklich auf. Jura würde er noch gerne studieren, sagte er. „Nach dem Abitur habe ich am Aufnahmetest für Jura teilgenommen und erreichte Platz 9 – landesweit! Studieren durfte ich es in der Tschechoslowakei trotzdem nicht, weil ich nicht aus einer regimetreuen Familie kam.“

Und schon waren wir beim Prager Frühling 1968. Begeistert erzählte er mir vom Zusammenhalt der Menschen, der Hoffnung, der Einheit des Volkes, der Zuversicht. Doch dann kamen „die Russen“, wie er die Truppen des Warschauer Paktes bezeichnete, mit denen sich trotz Russischkenntnissen nicht über Politik und Freiheit diskutieren ließ.

Bei einem erklärten Antikommunisten wie Olaf konnte ich endlich die Frage anbringen, wie die Erinnerung an die Befreiung von Pilsen während der Tschechoslowakei gehandhabt wurde. „Man durfte die Amerikaner nicht erwähnen“, erinnerte er sich an seine Schulzeit. Offiziell hatten sich die Pilsener selbst befreit bzw. die sowjetischen Brüder waren zur Hilfe geeilt (nach einer Version zur Täuschung des Feindes in US-Uniformen gekleidet). „Es war verwirrend, denn unsere Eltern erzählten von den Amerikanern, und in der Vorratskammer standen noch die großen Blechdosen mit amerikanischer Beschriftung. Aber in der Schule wurde gelehrt, dass allein die Sowjets die Nazis besiegt hatten.“ Um die Erinnerung an die persönlichen Bekanntschaften mit US-Soldaten auszulöschen, wurde sogar das perfide Gerücht in die Welt gesetzt, dass die einst in Pilsen stationierten Einheiten alle bei der Überfahrt nach Japan gesunken wären.

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Erst ab 1990 sind die Veteranen aus Übersee wieder willkommen. Wie die Unterschriften im Patton-Museum zeigen, sind zumindest einige von ihnen alt genug geworden, um noch zu erleben, wie die Tschechoslowakei erneut „befreit“ wurde.

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Seit 1990 findet jährlich in der ersten Maiwoche das Befreiungsfestival statt. Auch das ein guter Anlass für eine Reise nach Pilsen!

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Die noch lebenden Veteranen aus den USA und aus Belgien werden gefeiert (wieso wird das eigentlich in Deutschland nirgendwo gemacht?), alte Jeeps und Panzer rollen mal wieder durch die Stadt, und überhaupt wird alles getan, um einen in die Zeit zurückzuversetzen, als Musik tanzbar, die Hot Dogs gesund und Zigarren noch nicht krebserregend waren.

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Fazit:

Pilsen ist eine gemütliche, freundliche, interessante Stadt. Bei weitem nicht so überwältigend schön wie Prag, aber dafür noch viel tschechischer als das internationale Prag. Wegen des Wegzugs junger Leute und der Intelligenzija wirkt es vielleicht manchmal ein bisschen ausgestorben, andererseits ist dafür doch einigermaßen etwas geboten. Und Prag ist ja nur 90 Minuten Zugfahrt weg. Außerdem hat so eine ruhige Stadt auch Vorteile, insbesondere wenn man mal eine Doktorarbeit oder ein Buch schreiben will.

Und denkt bei Eurer Reiseplanung daran: Von November bis April ist fast alles geschlossen.

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„Justizpalast“ von Petra Morsbach

„Justizpalast“ von Petra Morsbach wird als Justizroman verkauft, was das einzige war, das mein Interesse erweckte. Dafür wurde er hochgelobt und mit Preisen bedacht, die immer wieder die mühsame, über neun Jahre dauernde Recherchearbeit der Autorin betonten, mit der sie angeblich ein treffendes Bild der Justiz zeichne. Aber über weite Strecken kam mir „Justizpalast“ eher vor wie ein Frauenroman:

Er kam ihr also aus der Kantine entgegen, während sie auf dem Weg dorthin war. Jahrelang hatte sie ihn nicht gesehen und erkannte ihn doch sofort. Er war mit den Jahren etwas schwerer geworden, aber so eigenartig unkörperlich wie je. Alfred, grauer Cord-Anzug, weißes Hemd, anthrazitfarbene Krawatte, wandelte mit seinem weichen Schritt über das Linoleum des Kantinengangs wie eine Erscheinung, eingesponnen in einen Kokon aus Intelligenz und Würde. Herzklopfen!

Oder sollte ich sagen wie das Klischee eines Frauenromans, denn über Erfahrung verfüge ich in diesem Metier nicht wirklich? Genug Erfahrung mit Gerichten habe ich allerdings, um zu wissen, dass Richter weiße Krawatten tragen. Das hätte einem aber auch auffallen können, wenn man sich bei der Recherche ein paar Verhandlungen angesehen hätte.

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Ganz klischeemäßig erlebt die Protagonistin eine überdramatische Kindheit (Nazi-Opa, Schauspielerhalodri-Vater, Brustkrebs-Mama, Restkrebs-Tanten), wie überhaupt alle im Roman Erwachsenen Traumata aus ihrer Kindheit herumschleppen, die alle Probleme und Macken erklären sollen.

Die holzschnittartigen Personen, einschließlich der Protagonistin, die Richterin wird, weil ihr Opa Richter war, lassen keine Begeisterung aufkommen. Sprachlich lief mir kaum etwas über den Weg, was mich vom Hocker gehauen hätte. Bleiben also Handlung und Inhalt. Da zieht der Roman zielstrebig, aber gemächlich durch das Spießerleben der Richterin Thirza Zorniger. Spätestens ab der Hälfte merkt man, dass Morsbach einerseits überrecherchiert hat und zu viele Notizen hat, die sie irgendwie noch unterbringen muss, dass aber andererseits neun Jahre Recherche kein Jurastudium ersetzen.

Denn das Buch strotzt vor Fehlern. Morsbach schreibt wie eine Studentin im zweiten Semester, die Fachbegriffe und Floskeln aufgeschnappt hat und diese in einer Klausur panisch unterbringen will, damit zumindest dem erfahrenen Leser aber nur ihre Unkenntnis demonstriert. Man wundert sich allerdings, wieso der Verlag keinen Juristen lektorieren hat lassen. (Ich hätte Zeit gehabt.)

Geht es um die Schenkung einer Ferienwohnung, schreibt Morsbach:

Den Verwaltungsakt hatte die Witwe vollzogen.

Das tut weh! Eine Schenkung ist kein Verwaltungsakt. Letzterer erfordert, wie man schon ahnen kann, ein Handeln der Verwaltung, nicht der Witwe (die, wenn überhaupt in ihrer Rolle als Erbin, nicht als Witwe rechtlich relevant wäre).

Zur Abschaffung des Verschuldensprinzips bei Ehescheidungen schreibt Morsbach, dass sich „die Rechtsprechung geändert“ habe. Falsch. Das Gesetz wurde geändert.

Ein weiteres Beispiel:

In den fünfziger Jahren erkannte die herrschende Meinung, dass schrankenlose Vertragsfreiheit den Wettbewerb ruiniert.

So wurde eine eigene Gesetzgebung geschaffen,

womit sie UWG und GWB meint. Erstens werden Gesetze verabschiedet und nicht die „Gesetzgebung geschaffen“, denn die Gesetzgebung ist der Akt oder bei wohlmeinender Auslegung vielleicht noch die Legislative als Organ. Eine „eigene Gesetzgebung“ wäre also ein Sonderparlament. Zweitens erkennt „die herrschende Meinung“ nicht plötzlich etwas, sondern es werden verschiedene Meinungen vertreten, von denen vielleicht irgendwann eine langsam zur herrschenden wird. Diese Meinung ist für Studenten wichtig, aber für die Gesetzgebung vollkommen irrelevant. Der BGH hingegen vertritt laut Morsbach „verschiedene Mindermeinungen“, womit schon wieder Kategorien aus Lehre und Judikative vermengt werden.

Wenn es

bei Meldung eines Ordnungsgeldes

statt, wie es richtig wäre, „bei Meidung eines Ordnungsgeldes“ heißt, kann das ein Flüchtigkeitsfehler sein. Oder es zeigt, dass Morsbach die Funktion eines Ordnungsgeldes nicht mal erahnte.

Laut Klappentext hat Morsbach mit mehr als 50 Juristen für ihr Buch gesprochen. Vielleicht waren es die falschen. Wobei mich die Aussage, dass man für das Staatsexamen

tausend Paragrafen […] und alle Artikel des Grundgesetzes

im Kopf haben müsse, daran zweifeln lässt, ob es diese Gespräche gab. Denn dass man im Jurastudium keine Paragrafen auswendig lernt, hätte der Autorin wirklich jeder Student im ersten Semester erzählen können. Warum sollte man auch, wo man die Gesetzestexte doch in der Prüfung dabei hat?

Fazit: Für Nichtjuristen sterbenslangweilig und unverständlich, für Juristen extrem ärgerlich. Wer gute Bücher über die Justiz lesen will, muss weiterhin zu Werken von Juristen greifen. Selbst bei John Grisham oder Scott Turow lernt Ihr mehr. Und auf diesem Blog sowieso.

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Unsortierte Gedanken (22)

  1. So, so, dieser Carles Puigdemont läuft also wieder frei herum.
    Wo bleiben die Rufe nach „Recht und Ordnung“, nach harten Strafen, nach Abschiebung?
  2. Im Jahr 2017 war ich anscheinend ziemlich träge, denn ich bin keinen einzigen Halbmarathon gelaufen. Da weltweit die Kriegsgefahr steigt, will ich sicherheitshalber wieder fitter werden. Den Anfang machte vorletztes Wochenende ein Halbmarathon bei Pilsen in Tschechien. Laufen im Wald.jpg
  3. Und weil ich schon einmal in der Europäischen Kulturhauptstadt von 2015 war, bin ich gleich eine ganze Woche in Prag geblieben. An dem Artikel darüber arbeite ich schon.
  4. Danke an Dieter Schuffenhauer für Ein Spaziergang im Hindukusch von Eric Newby. Dieser Klassiker der Reiseschriftstellerei ist zurecht einer. 51khey6j3kl-_sx298_bo1204203200_
  5. Wenn wir alle gleichzeitig zum Rauchen aufhörten, würden wir soviel an Gewicht zunehmen, dass die Erde aus der Umlaufbahn geriete.
  6. Oft will man per Anhalter fahren, hat aber kein Pappschild zum Anzeigen des gewünschten Ziels dabei. In letzter Zeit habe ich immer einen Studienbrief der Fernuniversität in der Tasche, dessen Rückseite sich zu diesem Zweck hervorragend eignet: Autostop
  7. Masern sind das Mittel der Evolution gegen Waldorf-Kindergärten.
  8. Es dürfte auf diesem Blog noch nicht vorgekommen sein, dass ich die CSU lobe. Aber die erneute Nominierung von Gerd Müller als Minister für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit finde ich gut.
  9. Die weiteren CSU-Entsendungen ins Bundeskabinett sind allerdings unter jeder Kanone. Gibt es eigentlich einen Automatismus, dass der größte Dampfplauderer immer Verkehrsminister wird ?
  10. Danke an Cindy Lewyn für Verschwundene Reiche: Die Geschichte des vergessenen Europa von Norman Davies und vor allem für das Buch ihres Vaters Bert Lewyn, Versteckt in Berlin: Eine Geschichte von Flucht und Verfolgung 1942-194525898092z
  11. Danke an Ana Alves für die Bücher Der stolze Turm: Ein Portrait der Welt vor dem Ersten Weltkrieg 1890-1914 von Barbara Tuchman, Zigeuner: Begegnungen mit einem ungeliebten Volk von Rolf Bauerdick und Rückkehr nach Lemberg: Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit von Philippe Sands.Zigeuner von Rolf Bauerdick
  12. Ich hoffe, Ihr habt nicht vergessen, am 23. März den Tag des Meeres zu feiern?
  13. Innenminister, die mit „der Islam gehört nicht zu Deutschland“ ihr Amt antreten, tragen mehr zur Radikalisierung deutscher Muslime bei als ISIS oder Al-Qaida.
  14. Und gehört der Atheismus eigentlich zu Deutschland?
  15. Wenn Menschen aus Bolivien oder Tibet in die Niederlande kommen, bekommen sie dann negative Höhenkrankheit?
  16. Danke an Emmily für eine erneute Büchersendung, diesmal Deutschland ab vom Wege: Eine Reise durch das Hinterland von Henning Sußebach und Auf Jesu Spuren: Eine Wanderung durch Israel und Palästina von Nils Straatmann. csm_produkt-13513_2636f031d4
  17. Universitäten, die Studenten erlauben, „Daten“ für Abschlussarbeiten durch Umfragen bei ihren selbstgewählten Facebook-Freunden einzusammeln, gehören eigentlich bombardiert. – Dann könnten die Studenten wenigstens anhand von Flächenbombardements etwas über echte Statistik lernen.
  18. Apropos Facebook: Jetzt, wo mal wieder rauskommt wie schlampig bis kriminell dort gearbeitet wird, hoffe ich auf ein Comeback für Blogs. Auf diesen gibt es meist mehr Substanz, bessere Diskussionen, und man kann besser aufeinaner verlinken. Außerdem findet man bei Facebook, geschweige denn bei Instagraph, kaum etwas (wieder), das mehr als ein paar Tage zurückliegt. Dieser Aktualitätswahn geht auf Kosten der Qualität.
  19. Ich empfehle selten andere Blogs, weil ich nicht will, dass die Leser abwandern. Aber der Geschichte-Blog von Ralf Grabuschnig ist top!
  20. Für meine Frühjahrswanderung spiele ich mit dem Gedanken, den Limes entlang zu wandern. Hat das schon mal jemand von Euch gemacht? image
  21. Wenn ich Lehrling wäre, würde ich auch meine Ausbildung abbrechen. Studieren ist doch viel schöner.
  22. In Bhutan darf man nur fürs Parlament kandidieren, wenn man einen Universitätsabschluss hat.
  23. Wenn mich etwas nervt, dann sind das Leute, die einem einen Kuchen oder so schenken und sich nach zwei Wochen melden: „Hey, wo ist mein Teller/die Tupperbox?“
    Woher soll ich wissen, dass Ihr die Verpackung wieder zurück haben wollt? Die ist natürlich schon lange im Müll. Packt den Kuchen halt in Zeitungspapier ein, verdammt nochmal! Spießerpack!
  24. Vor ein paar Tagen gab es in Amberg-Sulzbach so einen Sonnenuntergang, dass ich schon dachte, ein Atomkraftwerk sei explodiert. Feuerhimmel MO_DSC4949
  25. Ich war von den Paralympischen Spielen viel mehr beeindruckt als von den Olympischen Spielen.
  26. Aber Bolivien feierte den größten Erfolg in seiner olympischen Wintersportgeschichte: Platz 32 im Slalom. Bis dahin hatte Platz 34 im Riesenslalom (erreicht 1984 in Sarajevo) für den Nationalstolz herhalten müssen. Zu den Trainingsbedingungen befragt, erklärt der Athlet, dass Schnee und Berge in Bolivien super sind, aber dass ein Skilift fehlt. – Dabei hatten die Österreicher doch einst den höchstgelegenen Skilift der Welt in Bolivien erbaut.

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Wo war ich 2017 eigentlich überall?

Im vergangenen Jahr bin ich ganz schön herumgekommen. Am Ende fiel sogar mein Pass auseinander, so oft habe ich ihn vorzeigen müssen. Aber anstelle von exotischen Souvenirs habe ich nur Notizbücher mitgebracht, prall gefüllt mit Geschichten, die erzählt werden wollen, und dazu ein paar Fotos. (Ein paar von Euch haben tatsächlich Souvenirs bekommen, aber das ist dem elitären Zirkel der Unterstützer dieses Blogs vorbehalten.)

2018 wird ein viel ruhigeres Jahr werden, mit einem Schwerpunkt auf dem Studium und der Veröffentlichung von Artikeln über vergangene Reisen. Hier gebe ich Euch einen Überblick über das, was 2017 so passiert ist, und Ihr könnt mir gerne mitteilen, was Euch am meisten interessiert.

Begonnen habe ich das Jahr 2017 an einem der schönsten Orte der Welt, am Titicaca-See in Südamerika. Zuerst in Puno auf peruanischer Seite, dann in Copacabana auf der bolivianischen Seite.

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Und Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie glücklich ich war, wieder in Bolivien zu sein. Es bleibt bis heute mein Lieblingsland. Wenn ich mich jemals entscheiden müsste, mein ganzes Leben in einer Stadt zu verbringen, fiele die Wahl auf Cochabamba. Aber da ich diese Stadt des ewigen Frühlings schon gut kannte, zog ich 2017 für ein paar Monate nach La Paz. Dort habe ich zwar ewig gefroren, aber wohl gefühlt habe ich mich trotzdem.

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In die Zeit meines dortigen Aufenthalt fiel auch der 21. Februar, der Jahrestag des Verfassungsreferendums, mit Demonstrationen von beiden Seiten. Ich war natürlich mittendrin.

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Überhaupt habe ich noch nie so viele Proteste, Demonstrationen und Streiks erlebt wie in La Paz. Jeden Tag gab es zwei oder drei davon, und da ich ziemlich zentral wohnte, wurde ich oft von Trommelschlägen und Feuerwerk geweckt bzw. am Einschlafen gehindert.

Leider fast zu spät hingegen fand ich eine sympathische Wandergruppe, Free Trek, mit der ich deshalb nur einmal unterwegs war. Das Valle de las Animas sieht aus wie aus einer anderen Welt, dabei beginnt es nur einen kurzen Fußmarsch von der Stadt entfernt.

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Aber das größte Abenteuer in dieser Zeit war mein Aufstieg auf den Chacaltaya.

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Im April flog ich dann nach Kolumbien, wo mich Bogotá wirklich überraschte. Eine fahrradfreundliche, grüne und kulturell reichhaltige Stadt voller Buchhändler, Ausstellungen und Schachspielern auf den Straßen.

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Aber nach ein paar Tagen musste ich weiterziehen, weil ich schon ein schnuckliges Häuschen im Grünen gemietet hatte.

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Da ich Kolumbien und Südamerika mit dem Schiff verlassen würde, musste ich noch nach Cartagena, der Hafenstadt in der Karibik. Cartagena sieht schön aus, ist aber das genaue Gegenteil von Bogotá: heiß und schwül statt mild und angenehm, hedonistisch statt intellektuell, oberflächlich statt kultiviert. Was in Bogotá die Schachspieler sind, sind in Cartagena die Schönheitsköniginnen.

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Im Mai freute ich mich dann schon wieder auf Europa und auf die Kreuzfahrt. Zwei Wochen auf hoher See waren ein verlockender Ausblick, aber es war dann nicht so entspannend wie meine erste Kreuzfahrt. Vielleicht war es zu viel Cartagena und nicht genug Bogotá.

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Aber so kam ich immerhin auf ein paar Inseln, die ich ansonsten niemals besucht hätte. Auf Sint Maarten/Saint Martin empfing mich sogar eine Freundin, die mir die Insel zeigte und eine Menge Informationen über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und damit einen Blick hinter die Fassade von Sandstrand und Palmen bot. Als wir die Grenze von Sint Maarten nach Saint Martin überfuhren, war ich schon in der EU – und das mitten in der Karibik!

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Ein paar Wochen darauf zerstörte der Hurrikan Irma alles.

Fast das gleiche Schicksal befiel Antigua, wo ich überrascht war, wie britisch-kolonial alles noch aussah, obwohl fast alle Bewohner Nachfahren von Sklaven sind, die übrigens in den 1730er Jahren eine Revolte anzettelten. Das erfuhr ich im Museum in St. John’s, wohin ich mich auf der Flucht vor der Mittagshitze verzogen hatte.

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Der letzte Inselstopp auf der Kreuzfahrt war Madeira. Die Rückkehr nach Europa war so schön wie erhofft, mit einem milden Klima, blühenden Bäumen und endlich einer Stadt, in der man im Park die Zeitungen lesen konnte, ohne der Wumm-wumm-wumm-Musik aller umliegenden Nachbarn in unmenschlicher Lautstärke ausgesetzt zu sein. Am liebsten hätte ich die Kreuzfahrt da schon beendet und wäre länger in Funchal geblieben.

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Aber dann blieb ich doch an Bord, bis wir das Festland von Portugal erreichten. Von Lissabon bekam ich nur einen kurzen aber positiven Eindruck, aber Sintra verschlug mir den Atem. Schlösser, Burgen und Klöster, versteckt im Wald oder auf Bergkuppen thronend, alle verbunden mit Wanderwegen, und mit wunderschönen Parks, romantischen Teichanlagen und mysteriösen Tunnels. Ein magischer Ort!

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Und dann war ich plötzlich wieder in Deutschland. Naja, wenigstens war Sommer, so dass es sonnig, grün und perfekt zum Wandern war. Es war schon eine Erleichterung, dabei einmal nicht auf Anacondas und Piranhas achten zu müssen. Dass manche Leute hier vor Wölfen Angst haben, zeigt ja, dass es keine ernsthaften Gefahren gibt.

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Aber immer, wenn ich ein paar Wochen in Bayern bin, erkenne ich mit Erschaudern, dass ich schon disproportional viel Lebenszeit dort verbracht habe. Dann muss ich wieder weg, denn nichts ist mir so unangenehm wie das Gewohnte und Bekannte. Im Juli bot mein Geburtstag den passenden Anlass für eine Reise in den Kaukasus.

In Tilis in Georgien hatte ich das Glück, in einem Stadteil zu wohnen, der noch nicht modernisiert geworden war. Schöne Innenhöfe mit großen Bäumen, Holzbalkone, Elemente persischer Architektur.

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Es kam mir sofort wie eine Stadt vor, in der ich mir vorstellen könnte, eine Weile zu leben. Aber auch Kutaisi und Zugdidi waren sehr nett.

Jerewan war mehr Beton als grün, hatte aber auch eine sehr kulturelle Atmosphäre. Das Wanderparadies in Armenien war jedoch Dilijan.

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In Ganja in Aserbaidschan war ich fast erschlagen von der Wucht und dem Kontrollwahn der Familienautokratie, während Göygöl, das ehemalige Helenendorf, vollkommen anders war und mich allerfreundlichst empfing.

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Aber die größte Überraschung während der Kaukasusreise war Abchasien. Die Hauptstadt Sochumi verfügt noch immer über die Pracht eines Badeortes am Schwarzen Meer mit langer Tradition. Wegen Krieg, Flucht und Vertreibung ist die Bevölkerung allerdings so dezimiert, dass es selbst zum Höhepunkt der Touristensaison im Sommer niemals überfüllt war.

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Schon länger spiele ich mit dem Gedanken, in ein russischsprachiges Land zu ziehen, um Russisch zu lernen. Da niemand in Abchasien von Ausländern erwartet, dass sie Abchasisch lernen und fast niemand Englisch spricht, erscheint es mir als der perfekte Ort für solch ein Sprachstudium. (Transnistrien wäre eine Alternative.)

Zurück in Deutschland traf ich einen ehemaligen Klassenkameraden, der damals in Großbritannien lebte. Es war schön, zu sehen, wie gut man sich noch verstehen kann, auch wenn man sich mehr als zehn Jahre nicht gesehen und gesprochen hat, und er lud mich ein, ihn in Lytham St. Annes zu besuchen.

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Dieser kleine Ort in Lancashire ist laut seinen Worten eine „Blase der Glückseligkeit“, aber wir hatten auch Zeit, uns das etwas zwielichtige Blackpool und eine Flugschau in Southport anzusehen

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sowie im Lake District Wandern zu gehen.

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Erneut fiel mir auf, wie perfekt Großbritannien für Wanderungen ist. Nicht nur die sanft geschwungene Landschaft, sondern auch eine gute Infrastruktur mit Bus- und Bahnverbindungen an fast jedem Ort, Pubs selbst im kleinsten Dorf, und sogar entlang der Wege stellen freundliche Menschen Aufputschmittel für die Wanderer bereit.

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Im Oktober wurde ich dann Student, und es war aus mit dem Reisen. Zumindest mit den Fernreisen. Immerhin kam ich so mal für eine Woche nach Hagen, angeblich die langweiligste Stadt Deutschlands. Ich fand es ehrlich gesagt gar nicht so schlecht. Aber das lag wahrscheinlich daran, dass ich die ganze Woche Geschichtsvorlesungen- und Seminare hatte.

Jetzt wo sie Rentnerin ist, findet meine Mutter wieder mehr Gefallen am Reisen. So schlug sie spontan vor, im Herbst ein paar Tage nach Prag zu fahren. Es stellte sich als die perfekte Zeit heraus: noch spätsommerlich warm, aber schon alles voll goldener und roter Herbstblätter. Prag ist eine der Städte, die mir nie langweilig wird, egal wie oft ich schon da war.

In Deutschland hingegen wurde es ab November zunehmend deprimierender. Ich musste mal wieder die Flucht ergreifen, und zog für drei Monate nach Kotor in Montenegro. Es hatte mir bei einem früheren Tagesausflug gut gefallen, aber dieser längere Aufenthalt bestätigte, dass Kotor tatsächlich eine der schönsten Städte der Welt ist – sogar im Winter.

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So, und jetzt seid Ihr gefragt. Schreibt mir, was Euch am meisten interessiert, und ich mache mich an die Artikel, Fotos und Videos.

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Als Übersetzer zum Millionär

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Tivat ist anders als der Rest von Montenegro: glitzernder, glänzender, teurer, angeberischer. Lauter Eigenschaften, an denen mir nichts liegt. Ich fahre eigentlich nur regelmäßig nach Tivat, um das Marinemuseum zu besuchen. Das ist leider jedes Mal geschlossen.

Das letzte Mal, als ich vor der Busfahrt zurück nach Kotor ein paar Stunden totschlagen musste (an schönen Tagen bietet sich für diese Strecke übrigens die Wanderung über den Vrmac an), schlenderte ich den Hafen entlang und betrachtete die Schiffe. In Tivat gibt es keine richtigen Schiffe mit Kränen und Containern und Matrosen und Geschütztürmen. Es sind eigentlich nur Spielzeugboote. Teure Spielzeuge zwar, aber sie könnten es nicht einmal mit der Marine von Österreich oder Bolivien aufnehmen.

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“Wer kauft sich so ein Spielzeug?” fragte ich mich, und die Antwort ist die gleiche wie bei anderem Spielzeug wie teuren Autos, Häusern, Telefonen und einer zweiten Handtasche: Leute, die zu viel Geld und einen langweiligen Job haben. Drogenhändler, Geldwäscher, Anwälte wahrscheinlich. Dann fiel mir ein, dass ich auch Anwalt bin und dass es vielleicht ganz interessant wäre, sich mit den Bootsbesitzern zu unterhalten.

Also spazierte ich in eine der Hafenbars (wiederum nicht zu vergleichen mit denen in echten Häfen wie Monrovia oder Dar-es-Salaam) und blickte mich nach Leuten um, die wie Eigentümer von Jachten aussahen: Männer, ihre Schuhe und Kleidung zu weiß, wie wenn sie ihre kulturelle Weißheit noch betonen müssten, Pullover in Burgunderrot oder Marineblau über die Schultern geworfen, scheinbar gefesselt von den kleinen Bildschirmen in ihren Händen, aber in Wirklichkeit total gelangweilt, denn sobald ich durch die Tür trat, drehten sie sich alle gleichzeitig um, in der Hoffnung, eine attraktive Frau zu erspähen. Es entging mir nicht, dass mein Aussehen enttäuschte, aber ich war zu schnell. Die Millisekunde des Blickkontakts nützend, grüßte ich sie vergnügt: „Guten Tag, die Herren!“

Zwei von ihnen blickten sofort wieder auf ihre Telefone, aber die anderen beiden waren höflich (vielleicht waren sie noch nicht so lange Millionäre) und erwiderten mit „hallo“ und sogar einem Lächeln. Ich hatte mir keine ausgeklügeltere Herangehensweise ausgedacht und fiel deshalb mit der Tür ins Haus: „Gehören Euch die Boote da draußen?“, obwohl mir klar war, dass vier Jungs kaum die etwa 60 Schiffe im Hafen ihr Eigen nennen würden.

“Ja, die gehören uns”, antworteten sie, nicht ohne Stolz. Menschen sind zum Glück recht einfach gestrickt. Wenn sie etwas besitzen, sprechen sie gerne über ihren Besitz. Ich musste also nur ein paar Fragen stellen, “welches gehört Dir?”, “wohin fährst Du damit?”, “wie lange hast Du das schon?”, “wieviele Leute können da drauf übernachten?”, und sie sprühten allesamt so vor Begeisterung, dass sie mir alles in exakten Knoten, Fäden und Meilen erzählten.

Weil ich neugierig war, wie sie sich ihre Boote leisten konnten, fragte ich: “Was arbeitet Ihr denn, so dass Ihr ständig um die Welt segeln könnt?”, obwol sich später herausstellen sollte, dass sie überwiegend nach Bar oder Herceg Novi segelten, wohin man auch mit dem Bus kommt.

“Wir sind Übersetzer”, antwortete Marko, was mich überraschte, denn auch ich bin Übersetzer, und ich kann mir nicht einmal ein Fahrrad leisten, geschweige denn eine Jacht. Ich erklärte mein Erstaunen, und Mirko, Markos Kollege, fragte mich, welche Sprachen ich übersetze.

“Nur Englisch und Deutsch”, musste ich beschämt zugeben.

Sie sahen mich so mitleidsvoll an, wie wenn sie die Berliner Philharmoniker von 1966 wären und ich ein kleines Mädchen mit einer Flöte, das an die Tür klopft und sagt “Ich möchte auch Musik machen.”

“Und welche Sprachen übersetzt Ihr?” fragte ich, innerlich vorbereitet darauf, dass jeder eine beeindruckende Liste von fünf Sprachen abspulen würde, von Isländisch bis Kasachisch. Aber wie in einem Theaterstück, das sie schon viele Male zuvor aufgeführt hatten, nannte jeder von ihnen nur eine Sprache, abgefeuert wie vier perfekt aufeinanderfolgende Schüsse.

“Kroatisch.”

“Serbisch.”

“Bosnisch.”

“Montenegrinisch.”

“Und natürlich Englisch“, fügte ich hinzu, denn das war die Sprache, in der wir uns unterhielten.

“Oh, wir sprechen auch Deutsch, Französisch und Italienisch”, ergänzte Duško nüchtern, “aber für unsere Arbeit als Übersetzer ist das nicht von Bedeutung. Wir übersetzen nur zwischen Kroatisch, Serbisch, Bosnisch und Montenegrinisch.”

“Aber”, warf ich ein, denn ich hatte mich und meine Leser vor dem Umzug nach Montenegro vorbereitet, “das ist doch alles Serbokroatisch. Jeder, der eine dieser Sprachen spricht, versteht alle anderen. Warum …”

“Halt, halt, halt!” Es war Ivo, der Kroate, der mich unterbrach. “Jede dieser Sprachen ist eine eigenständige Sprache. Jede Nation hat ihr Staatsgebiet, ihr Staatsvolk, eine eigene Geschichte und eine eigene Kultur und Sprache. Bis vor nicht allzu langer Zeit“, fügte er dramatisch hinzu, „starben Menschen im Kampf für das Recht, ihre eigene Sprache zu sprechen.” Sogar zwei seiner Freunde schienen ein bisschen beklommen. Ich dachte mir, dass Menschen oft für ziemlich dumme Dinge sterben, wollte aber niemanden verärgern, der einen Onkel, einen Vater oder ein Bein in einem der vielen jugoslawischen Kriege verloren hatte. Allerdings blickte ich wohl selbst ziemlich verloren drein.

Wummm!

Ivo schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und brach in Gelächter aus: “Hahaha, ist nur ein Scherz, Mann! Setz Dich, und wir erklären es Dir.”

Puhh! Ich war so erleichtert, wie wenn wir gerade das Friedensabkommen von Dayton unterschrieben hätten.

“Rauchst Du?” fragte Mirko und schob eine Zigarettenschachtel über den Tisch. In Montenegro darf man in Restaurants und Bars noch rauchen. “Und lies den Warnhinweis”, wies er mich an, wie wenn ich vor dem Anzünden ernsthaft das Risiko von Lungenkrebs abwägen sollte.

Pušenje ubija” stand da, “Rauchen tötet”. Aber in drei Sprachen. Oder dreimal in der gleichen Sprache?

Das erste ist Bosnisch, das zweite Kroatisch, oder vielleicht andersherum. Das weiß niemand. Könnt Ihr den Unterschied zwischen den beiden erkennen? Nein, ich auch nicht.

Das letzte ist Serbisch in kyrillischer Schrift, sagt aber genau das gleiche: “Pušenje ubija.”

“Du bist alt genug, um Dich an die Kriege in Jugslawien zu erinnern?” fragte Duško, wobei er gnädig meine grauen Haare übersah.

“Ja.”

“Nun, dann weisst Du, dass viele Menschen gestorben sind. Viele haben ihr Zuhause verloren, viele ihre Familien, manche haben sich sogar von ihren Frauen oder Männern getrennt, weil die Serben oder Kroaten waren und sie sich plötzlich nicht mehr verstanden. Bis zu einem Jahr zuvor waren sie noch alle glückliche Jugoslawen, bis sich auf einen Schlag alles änderte und sie ein wunderschönes Land zerstörten. Aber am Ende“, fuhr er fort, während die anderen betroffen ihre Blicke senkten, „blieben all die Grenzen genauso wie zur Zeit Jugoslawiens. Niemand hatte irgend etwas gewonnen.“

“Außer die Unabhängigkeit.”

“Ja, aber Jugoslawien war doch sowieso am Ende, wie die Sowjetunion oder die DDR. Es war eine wirtschaftliche Frage, dafür hätte niemand einen Krieg gebraucht. Aber Menschen kämpfen nicht gegen Inflation oder für Produktivität, sie kümmern sich nicht um Handelsbilanzen oder das Bruttosozialprodukt. Menschen kämpfen nur für Konzepte wie Vaterland oder Muttersprache, obwohl ihre Väter und Mütter zusammen mit den anderen Vätern und Müttern eine gemeinsame Nation aufgebaut hatten.”

“Es begann alles mit Kroatien“, sagte Ivo, fast stolz. “Wir waren die ersten, die das Serbokroatische beziehungsweise das Kroatoserbische, wie wir es immer genannt hatten, ablegten. Natürlich sprachen wir noch genauso wie vorher, aber wir nannten es jetzt Kroatisch und taten so, wie wenn es etwas vollkommen anderes als Serbisch wäre.”

“Und ein paar Unterschied gibt es tatsächlich“, gab Mirko zu, “regionale Variationen, wie man sie auch zwischen britischem und amerikanischem Englisch oder zwischen österreichischem Deutsch und deutschem Deutsch kennt. Man versteht sich trotzdem gegenseitig, aber während des Auseinanderbrechens versteiften sich die Nationalisten auf die paar Wörter, die anders waren. Das wäre so wie wenn jemand behauptet, Österreichisch und Deutsch wären zwei vollkommen verschiedene Sprachen, nur weil die Österreicher ‘Paradeiser’ sagen, während Ihr ‘Tomate’ sagt.”

Mir war neu, dass Österreicher ein anderes Wort für ‚Tomate‘ haben, aber ich wusste, dass das betreffende Gemüse auf Serbokroatisch ‘paradajz‘ hieß, womit der lange gehegte Verdacht, dass Österreich schon zum Balkan gehört, bestätigt war.

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“Aber wenn sich die Leute noch untereinander verstanden, wieso sollte jemand Übersetzer benötigen?” fragte ich.

“Weil Nationalisten so dämlich sind, dass sie ihren eigenen Unsinn glauben. Also konnte die kroatische Regierung plötzlich keine Dokumente oder Zeitungen aus Serbien mehr lesen. Kurz danach wollte Bosnien-Herzegowina auch unabhängig werden, nannte seine Sprache Bonisch und konnte von einem Tag auf den anderen nicht mehr Serbisch oder Kroatisch lesen und schreiben.”

“Und da waren wir zur Stelle”, fuhr Marko fort. “Wir kamen aus verschiedenen Teilen Jugoslawiens und studierten in den 1990ern Sprachwissenschaften in Nikšić. Wir waren froh, dass wir in Montenegro waren, denn es war der ruhigste und entspannteste Teil Jugoslawiens. Hier schoss kein Serbe auf einen Kroaten, kein Kroate auf einen Bosniaken, die Leute schossen nicht einmal auf Albaner. Vielleicht lag es an dem guten Bier aus Nikšić, ich weiß nicht. Aber wir standen kurz vor dem Abschluss, und wir wollten auf keinen Fall in Vukovar oder Sarajevo fallen. Rein aus Spaß, vielleicht auch aus Verzweiflung, gründeten wir unsere eigene Übersetzeragentur und boten Übersetzungen für Kroatisch, Serbisch und später Bosnisch an. Eigentlich war es eine Art Protest, um zu zeigen, wie dämlich dieser Sprachennationalismus war.”

“Und Ihr habt Aufträge bekommen?” fragte ich, aber ahnte die Antwort schon, als ich einen Blick auf die im Hafen vertäuten Boote warf.

“Ja!! Wie verrückt! Wir konnten es nicht glauben! Wir schickten unser Angebot an Behörden, Kommunen, Verlage u.s.w. und bekamen fast sofort mehr Arbeit als wir erledigen konnten. Niemand in Kroatien wollte mehr etwas auf Serbisch lesen, also übersetzen wir Gesetze, Ankündigungen, Presseerklärungen, Zeitungen. Dafür mussten wir nur die kyrillische Schrift in lateinische Schrift transkribieren. Natürlich gaben wir diese Arbeit an jüngere Studenten an der Fakultät weiter, denen wir dafür ein bisschen was bezahlten.”

“Und als sich der Krieg auf Bosnien ausweitete, wurde es noch besser. Plötzlich gab es eine dritte Sprache, die im Wesentlichen mit Kroatisch identisch ist. Manchmal veränderten wir absichtlich ein paar Wörter, nur um unsere Rechnungen zu rechtfertigen.”

“Wenn die Sprachen mittlerweile tatsächlich ein paar Unterschiede aufweisen, ist das also Eure Schuld?” scherzte ich.

“Das könnte man sagen.“ Mirko lächelte. „Aber wir haben die gleiche Ausrede wie diejenigen, die Waffen und Munition lieferten: Wenn wir es nicht gemacht hätten, hätte es jemand anders gemacht.“

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“Noch lustiger wurde es nach 1995, als IFOR und SFOR nach Bosnien-Herzegowina kamen. Wir boten unsere Dienste als Dolmetscher an, und sie mussten immer mindestens zwei von uns bezahlen, weil wir zum Beispiel behaupteten, dass einer von uns nur Bosnisch und der andere nur Serbisch verstand. Wir wurden in diesen Humvee-Jeeps rumgefahren und flogen sogar manchmal kurze Strecken mit dem Helikopter. Es war ein Riesenspaß.“

“Bis wir das erste Mal Leichen sahen“, bemerkte Ivo, und der ganze Tisch fiel ins Schweigen.

In einem Versuch, die Stimmung wieder aufzuheitern, erzählte Duško: “Erinnert Ihr Euch an den spanischen NATO-Soldaten, dessen Eltern aus Jugoslawien waren? Er hat uns unsere Geschichte natürlich nicht abgenommen. Am schlimmsten war aber, dass er glaubte, wie selbst wären Nationalisten, die sich weigerten, die anderen ‚Sprachen‘ zu verstehen. Wir mussten ihm gestehen, dass wir das nur wegen des Geldes taten.”

“Zum Glück war er cool. ‚Naja, je mehr Geld diese neuen Länder hier für Übersetzer ausgeben, umso weniger bleibt ihnen für Landminen‘, sagte er. Aber wir mussten ihm etwas abgeben.”

“Ihr müsst die einzigen Leute in Ex-Jugoslawien gewesen sein, die nicht froh waren, als der Krieg vorbei war?“, versuchte ich zu scherzen.

“Glaub mir, da gab es noch etliche, die nicht froh waren, und die haben alle viel mehr als wir verdient.“ Wie naiv meine Frage gewesen war, wie wenig ich wusste und wie verschieden unsere Leben gewesen waren, nur weil ich 1000 km weiter nördlich geboren wurde. Sie hatten Millionen verdient, aber sie hatten ihr Land, ihre Unschuld und den Glauben an die Menschheit verloren.

“Und die Arbeit war ja nicht vorbei. All die neuen Staaten mussten internationale Abkommen neu verhandeln und wollten Übersetzungen der alten, von Jugoslawien abgeschlossenen Abkommen. Dann kam der EU-Beitritt von Kroatien. Und dann kam das Internet, und jede Kleinstadt wollte eine Website. Das beste Geschäft läuft in Bosnien, weil die ihre Internetseiten auf Bosnisch, Kroatisch, Serbisch und manchmal noch auf Englisch haben wollen. Wir können drei Übersetzungen berechnen.“

“Wir haben da richtige Stammkunden”, fügte Duško an. “Wir haben zum Beispiel einen Vertrag mit der Stadt Mostar. Die haben eine dieser viersprachigen Websites. Die bemerken nicht einmal, dass die Sprachen die gleichen sind, weil der bosnische Bürgermeister nur die bosnische Fassung liest, sein serbischer Kollege nur die serbische Version und der kroatische nur die kroatische Seite. Aber Bosnien-Herzegowina ist sowieso ein verrückter Staat. Wenn die im Park Bäume pflanzen wollen, müssen sie drei Gärtner aus den drei Volksgruppen dafür beauftragen.”

“Und Gott sei Dank für Montenegro!” Marko erklärte es: “2006 war Montenegro der letzte Staat, der unabhängig wurde, und 2009 ergänzten sie das Alphabet um zwei Buchstaben und nannten es ‚Montenegrinisch‘. Natürlich waren wir die ersten, die sich um die Aufträge für die ‚Übersetzungen‘ bewarben, und weil wir in Montenegro studiert hatten, bekamen wir den Zuschlag. Alles was wir machen müssen, ist dem S und dem Z Diakritika hinzuzufügen, und die Republik Montenegro ist glücklich.”

“Gott sei ebenfalls Dank für Kroatien”, fügte Ivo hinzu. “Jetzt wo Serbien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina den EU-Beitritt verhandeln, könnt Ihr dreimal raten, wer darauf bestehen wird, dass alle ihre Unterlagen ins Kroatische übersetzt werden. Wir werden noch jahrelang Arbeit haben.“

“Aber es ziehen dunkle Wolken auf!” Mirko klang beunruhigt. “Eine Gruppe von Linguisten hat gerade ein Manifest veröffentlicht, in dem sie erklären, dass unsere vier Sprachen eigentlich nur regionale Variationen einer einzigen Sprache sind. Sie wiesen sogar ausdrücklich auf die Kosten durch Übersetzungen hin und griffen damit direkt unsere Geschäftsidee an.“

“Und um ehrlich zu sein”, sponn Marko den Gedanken weiter, “sie haben Recht. Aber zum Glück für uns werden solche Entscheidungen nicht von Professoren oder Wissenschaftlern getroffen, sindern von Politikern.”

Živjeli!” Darauf erhoben sie alle ihre Gläser, und ich war froh, dass ich viel gelernt hatte und dass zumindest manche der Profiteure der ex-jugoslawischen Kriege ganz nette Jungs waren. Ich verstand allerdings noch immer nicht, wieso man sich ein Boot kaufte und dann niemals nach Fiji oder auf die Osterinsel fuhr. Aber wenn man in einem Land lebt, das sich ständig zerteilt, hat man vielleicht Angst davor, zu lange weg zu sein.

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Die Kleine wäre gerne eine Harley-Davidson

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Fotografiert in Funchal auf Madeira.

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Auch Piraten mögen es bunt

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Fotografiert in Marsaxlokk, einem Piratennest auf Malta.

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Dieser Tag verdient nur einen Satz

Den vor erst vier Tagen abgehaltenen oder, soweit ich das überblicken kann, zumindest anberaumten, aber weitgehend nicht aktiv und tatkräftig gefeierten, oder wenn, dann vom Großteil der Bevölkerung nur unwissend, aus Gewohnheit und mangels Alternative oder, gleich dem Ass im Ärmel eines Spielers, der nie oder nicht mehr zum Kartenspiel eingeladen wird, mangels Möglichkeit zur Utilisierung der vorhandenen Alternative(n) begangenen Tag der Muttersprache kann ich mich nicht erinnern, besonders gefeiert zu haben, vielleicht weil ich derzeit, wie fast immer, im Ausland weile, und zwar in einem Ausland, in dem man darüber streitet, ob die Muttersprache Serbokroatisch, Serbisch oder schon Montenegrinisch ist, was neben kuriosen Diskussionen zu angenehmen, ständig sprudelnden und durch Nationalismen angeheizten Einkommensquellen für Übersetzer führt, worüber ich, allerdings weder in meiner Muttersprache noch in einer der an diesem Konflikt als Parteien beteiligten Sprachen, sondern in der Welt- und Allerweltssprache Englisch, jüngst eine Kurzgeschichte verfasst habe, und weil man, womit ich mich selbst oder die Gruppe ähnlich geschichtsbewusster und kultursensibler Deutscher meine, in den einstmals beziehungsweise genau genommen vor erst zwei Generationen und damit durchaus noch im Erinnerungshorizont einiger lebender Zeitgenossen von deutschen Truppen angegriffenen, eroberten, besetzten, ausgeplünderten und misshandelten Ländern, Landesteilen und Landstrichen die diese Phase überlebt habende Bevölkerung nicht einen ganzen Tag mit Deutsch malträtieren möchte, aber als mich heute, am 25. Februar, der Deutschlandfunk oder das Deutschlandradio Kultur, die ich wie die ganzen angeblichen Superhelden aus den Marvel-Comics nie auseinanderhalten kann, aber, ganz anders als die Cartoonfiguren, beide gleichermaßen schätze und die in den fernen und leider weitgehend von deutschsprachigen oder überhaupt internationalen Presseerzeugnissen freien Gefilden die fortgesetzte Verbindung zur deutschen Kultur, die ich damit keinesfalls zur Leitkultur, nicht einmal zu meiner persönlichen, überhöhen möchte, gewährleisten, darüber informierte, dass dieser windige und eiskalte und daher, aber auch wegen einer gefährlich und bedrohlich nahenden Prüfung, dem Studium der Geschichte gewidmete Tag der Tag des Schachtelsatzes sei, machte mein sprachverliebtes Herz aus Freude einen ebensolchen, und der von diesem Herz bis jetzt zuverlässig wie von gewerkschaftlich nicht organisierten römischen Galeerensklaven angetriebene Verfasser ließ den wahrscheinlich sowieso nicht ganz wahrheitsgetreuen Bericht Hans Stadens über den Kannibalismus in Brasilien, einen frühen Vorläufer der Reiseblogs, der jedoch wirtschaftlich ungleich erfolgreicher war als zumindest meiner, ohne viel Widerstand liegen, packte Füller und Schreibblock ein, begab sich zum nächsten Café in Kotor, das sowieso wärmer als die eigene Wohnung war, bestellte eine Sachertorte und eine große Flasche Sprudelwasser und setzte sich mit sportlichem Ehrgeiz das Ziel, in der Zeit, die der Konsum vorgenannten Speis und Tranks benötigen würde, eine den Schachtelsatz, eine der Krönungen und, um im monarchischen Bild zu bleiben, Königsdisziplinen der deutschen Sprache feierne Eloge zu schreiben, wobei dem Autor oder mir, um die bisher nicht gerade handlungsreiche Geschichte durch erneuten Perspektivwechsel aufzulockern, auffiel, dass ich kein über die Grundidee hinausgehendes Konzept eingepackt hatte und deshalb, von der gerüchteweise gehörten Angst vor dem weißen Blatt Papier oder gar der Schreibblockade gänzlich unbehelligt, zwar einfallslos aber unverzüglich auf die Idee verfiel, die Gäste an den anderen Tischen des bei Beginn dieses Kurzprojekts voll besetzten, am Ende aber bis auf den Kellner und den Schreibtischtäter selbst leeren Cafés zu beobachten, wobei mir auffiel, dass Menschen heutzutage nur als Paar ausgehen, um immer jemanden parat zu haben, der sie fotografiert, die grässlich gestellten Spontanschnappschüsse sogleich online stellt, liked und shared, oder wie man das in unserer Muttersprache auch nennt oder schreibt, und zu diesem Zweck den geduldigen Kellner noch vor einem Blick auf die Speisekarte oder in die Kuchenvitrine mit Fragen nach Passwörtern zu sogenannten Netzwerken nerven, dass Menschen in vom Tourismus heimgesuchten Gebieten eine verzerrte Vorstellung von Mitteleuropäern und Nordamerikanern haben müssen, von denen auffallend viele allergisch gegen Eier, Laktose, Gluten und Glukose sind, aber trotzdem ein natürlich extra für sie von diesen Zutaten befreites Stück Torte wünschen, das wiederum fotografiert und auf Instagraph und SnapApp veröffentlicht wird, um anschließend alle paar Minuten die Reaktionen darauf zu verkünden, die live aus Seattle, Edinburgh oder Heilbronn eintrudeln und die ebenso erwartet wie unkreativ ausfallen („it looks amazing“), dass der dies zwangsweise mithörende Autor, der sich in solchen Momenten der Schaffenskraft trotz Unveröffentlichtheit und Brotlosigkeit seiner Passion als Schriftsteller oder zumindest als Sprachkünstler sieht und dem Vokabular und Syntax so schnell aus der Hand fließen, dass der Füller diese zu Papier zu bringen kaum hinterherkommt, nur müde lächeln kann angesichts der sprachlichen Einfältigkeit, die, wenn man länger zuhört, oft mit intellektueller Einfalt einhergeht, und ich mich nicht zum ersten Mal frage, wieso manche Leute eigentlich reisen (vielleicht für die Fotos fürs Facebook-Profil?), wie man so unvorbereitet und unbelesen sein kann (wer von weit her kommt, müsste doch im Flugzeug erst recht Zeit haben, ein Buch über den Balkan zu lesen) und wieso man sich, nachdem man Tausende von Dollars und Kilometer zurückgelegt hat, lieber über die Kinder der Nachbarn, die neue Tiefgarage beim Krankenhaus oder englischen Fussball unterhalten muss, anstatt das derzeit bereiste Land mit einem über Klischees hinausgehenden Gespräch zu bedenken, werde dann aber versöhnt, als mich zwei Nordamerikanerinnen beim Verlassen der wohlig warmen Kaffeestube mustern und eine der anderen deutlich hörbar anerkennend zuraunt „you don’t see this anymore“, wobei sie vermutlich nicht einen attraktiven Mann, sondern einen Mann, der mit nachdenklicher und angestrengter, von Zeit zu Zeit jedoch von einem für die Außenwelt unverständlichen Lächeln durchzogenen Miene mit einem antik anmutenden Instrument die aus Walblut und Baumrinde gewonnene Tinte auf mittlerweile schon acht Seiten zu einer kommadurchsetzten Symphonie werden lässt und dabei so tut, wie wenn er sie nicht gehört hätte oder kein Englisch verstünde, um den beiden Damen die Illusion eines montenegrinischen Sonderlings zu erhalten, und um sich und damit den Lesern die für diese Erzählung überflüssige Aufklärung darüber zu verweigern, wie die beiden Damen ausgesehen haben, womit ich mich ganz bewusst der Möglichkeit beraubt habe, eine der Damen auf den ersten Blick sympathisch zu finden und ihre Faszination für den Schreiberling schamlos auszunützen, um, nein, nicht was der hollywoodklischeeübersättigte Leser jetzt erwartet, sondern um ein zweites Stück Schachtelsatzsachertorte zu schnorren, womit sich die anfangs selbst gesetzte Zeitgrenze hinausschieben hätte lassen, in Ermangelung der Wahrnehmung dieser Möglichkeit die gleich einer Sanduhr unerbittlich abgelaufene 0,75-Liter-Sprudelflasche jedoch das Ende dieses kleinen Ausflugs ins Satzbaulabyrinth signalisiert, zu dem mir nur mehr bleibt, ein Hoch auf den deutschen Schachtelsatz auszurufen, auf dass er lange wird und lange währt.

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(Dieser Satz erschien auch im Freitag.)

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Kotor, auch grau eine Schönheit

Wenn die Sonne scheint, wenn alles grün ist, wenn Ferien sind und jeder glücklich ist, wenn die Blumen im Park und auf den Kleidern der Frauen blühen, die sich zudem mit saisontypischen Hüten schmücken, dann ist jede Stadt schön. Das ist keine Kunst. Wahrscheinlich hat sogar Eisenhüttenstadt zwei solcher Wochen im Jahr.

Aber wirkliche Schönheit zeigt sich, wie bei Menschen, in den unausgeschlafenen, unaufgeräumten Morgenstunden, an verregneten Tagen, an Abenden, an denen man nicht weiß, ob das noch Wolken sind oder schon die Nacht ist. Wenn ich an solchen Tagen durch die dann touristenfreie Stadt streife, fällt mir die Schönheit Kotors erst recht auf.

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Wenn ich an solchen düsteren Tagen zur Festung emporklettere und über die Bucht blicke, würde es mich nicht wundern, wenn aus dem Nebel plötzlich ein Wikingerschiff auftauchte.

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Und wenn sich dann, kurz vor Schichtende, die Sonne doch noch durch die Wolken kämpft und sich der Nebeldampf so zügig verzieht, wie wenn er weiß, dass er uns schon viel zu viel zugemutet hat, dann wird man für die Mühe des tropfnassen Aufstiegs belohnt.

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Vielleicht kommt der ganze Nebel aber auch von meinen Zigarren. Man wird ja sehen, ob es ab März, wenn ich abreise, besser wird.

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