Eisenhüttenstadt, die vielleicht schönste Stadt Deutschlands

Es gibt Orte, an die will man schon allein wegen ihres klangvollen Namens: Samarkand. Timbuktu. Isfahan. Konstantinopel. Cochabamba. Und Eisenhüttenstadt.

Die Zeit, als diese Perle der Lausitz einen weniger klangvollen Namen hatte und Stalinstadt hieß, währte nur kurz, von 1953 bis 1961. Dann wurde dieser Fehlgriff bei der Namenswahl prompt korrigiert und die Stadt erhielt ihren jetzigen Namen. (Die Sowjetunion bestrafte die DDR daraufhin mit dem Bau der Mauer.)

Aber auch wenn der ursprüngliche Name nicht zu überzeugen vermochte, das Konzept konnte es sehr wohl: Eine komplett neue Stadt. Geplant und gebaut für das namensgebende Hüttenwerk, das Eisenhüttenkombinat Ost.

Für 30.000 Menschen wurde die Stadt gebaut. 10.000 davon Arbeiter und Arbeiterinnen im Hüttenwerk, aber dazu kamen ja noch Kinder, Omas, vielleicht sogar Katzen.

Am Morgen nehme ich den Zug von Guben nach Eisenhüttenstadt, immer der Oder entlang, auf wahrscheinlich in Eisenhüttenstadt hergestellten Schienensträngen. Aber als ich aus dem Fenster etwas erblicke, was ich vielleicht in Bayern, vielleicht auf der anderen Seite der Oder, aber niemals in Brandenburg erwartet hätte, drücke ich instinktiv den Halteknopf und steige schon am nächsten kleinen Bahnhof aus. Diese Spontanität ist schließlich der große Vorteil des Alleinreisens.

Der Ort heißt Neuzelle und wird dominiert von einem wunderbaren Barockkloster mit einem herrlichen Park, wo man den ganzen sonnigen Tag lang entspannen könnten. Wenn nicht in der Ferne die Schlote, Kamine, Industrietürme und mit ihnen das Zeitalter der Moderne lockten.

Ich werde später, zu gegebener oder überraschender Zeit, auf Neuzelle zurückkommen, aber jetzt wollt Ihr das eingangs versprochene Eisenhüttenstadt kennenlernen. Ich auch. Schließlich bin ich hier, um den Osten zu verstehen, so als Wessi. Da nutzen mir die Zisterzienser gar nichts.

Also spaziere ich zurück zum Bahnhof, wo zwar in 15 Minuten der nächste Zug kommt, ich aber nicht weiß, ob ich mit dem gleichen Fahrschein die einmal unterbrochene Fahrt fortsetzen darf. (Diese Geschichte spielt in der dunklen, alten Zeit vor dem 9-Euro-Ticket.)

Kein Problem, dann versuche ich es eben per Anhalter.

Ein paar Autos ignorieren mich, aber nach wenigen Minuten hält eine freundliche Frau: „Wollen Sie nach Hütte?“ fragt sie, und schon habe ich gelernt, wie man Eisenhüttenstadt auf Cool sagt.

„Ja“, sage ich und steige ein.

„Wo müssen Sie denn hin?“ fragt sie.

„Ach, einfach so in die Innenstadt. Ich will nur ein bisschen herumspazieren und mir die Stadt ansehen.“ (Es war einer dieser Tage, an denen der reisende Reporter vergessen hatte, einen genauen Plan zu machen.)

Die Fahrerin blickt mich misstrauisch an. Autofahrer finden es grundsätzlich verdächtig, wenn der Tramper kein genaues Ziel hat. Dann glauben sie, man wolle sie ausrauben oder so.

Also präzisiere ich: „Außerdem würde ich mir gerne das Museum zur Alltagskultur der DDR ansehen.“ (Der reisende Reporter ist so belesen, dass er, selbst wenn er sich nicht vorbereiten möchte, unterbewusst doch immer vorbereitet ist.)

Die Frau fährt mich direkt zum Museum, sperrt die Tür auf und sagt: „Ich arbeite hier.“

Das Museum ist in einem ehemaligen Kindergarten untergebracht. Ach, was sage ich, einem wahren Kinderpalast! Im Obergeschoss verfügen alle Klassenzimmer über einen der Sonnenseite des Lebens zugewandten Balkon. Jede Tür verfügt über ein Fenster, damit die Pädagoginnen ihre Klienten beaufsichtigen können, ohne die Kinderkollektive in ihrer freien und selbstverantwortlichen Entwicklung und Entfaltung stören zu müssen. Den Treppenaufgang schmücken Glasmosaike eines der größten Künstler des Landes. Die Kinder blicken auf einen wunderbaren Park mit einer Weltkugel, die sie auf ihr zukünftiges Leben in Paris, Buenos Aires und Havanna vorbereitet.

Das ist schon besser als diese Hinterhofkaschemme, in der ich in der BRD in den Kindergarten musste. (Ich habe mir damals mit 5 Jahren selbst das Lesen beigebracht, um vorzeitig aufs Gymnasium befördert zu werden. Aber es hat niemanden interessiert. Im Westen gab es keine Begabtenförderung, weil man sowieso nur Kanonenfutter für Vietnam produzieren wollte.)

In Eisenhüttenstadt sind alle Schulen und Kindergärten großzügig angelegt, mit viel Grünfläche, jede Bildungseinrichtung mit ihrem eigenen Park. Der Pestalozzi-Kindergarten sieht aus wie ein Golfhotel. Um den Springbrunnen unter schattenspendenden Bäumen tanzen die Kinder ein Loblied auf die 16 Grundsätze des sozialistischen Städtebaus. Die Schüler des Wilhelm-Pieck-Gymnasiums können vor ihrer Schule im Heinrich-Heine-Park lustwandeln und Gedichte aufsagen.

Gerne wurde und wird die sozialistische Architektur als Massenware verspottet, meist ohne sie selbst begutachtet oder gar bewohnt zu haben. Böse und bürgerliche Zungen behaupten, es sei eine Architektur der Gleichmacherei. Dabei sind die Plattenbauten, die ich von Vilnius bis Wladiwostok, von Bukarest bis Baikonur bewohnt habe, wesentlich individueller (und gemütlicher!) aus- und umgestaltet als die Zigmillionen von sterilen weißen Würfeln, die der Kapitalismus in der gleichen Zeit auf die Wiese gesetzt hat.

Aber seht für Euch selbst. Ich nehme Euch mit auf einen Spaziergang. Denn es ist ein sonniger Tag, wie ihn nur der späte Oktober hervorbringt. Ins Museum können wir auch später noch.

Erkennt Ihr die Großzügigkeit der Stadtplanung? Die Weite der Grünflächen? Den Raum für Kunst? Den Platz für Begegnungen im Grünen, ohne trennende Gartenzäune, die zwischenmenschliche Beziehungen mit dem Unterschied zwischen mein und dein überfrachten, ja oft genug zerstören? Wie die Wohngebiete vom Durchgangsverkehr freigehalten werden, aber durch Hofdurchgänge geschickt miteinander vernetzt und verbunden werden?

Und vergesst nicht, für wen diese palastartigen Straßenzüge gebaut wurden. Hier wohnen Schlosser in Schlössern, Putzfrauen in Palästen, jeder Busfahrer hat einen Balkon, jeder Werktätige einen weiten Blick und jeder Arbeiter eine Arkade vor dem Haus.

Die Hauptflanierstraße, die Champs-Élysées von Eisenhüttenstadt, mit Eiscafés, Blumenläden und Fotostudios für glückliche Kleinfamilien, ist auf den Motor, den Ernährer, ja die Existenzberechtigung dieser Stadt ausgerichtet: auf das Stahlwerk.

Als ich im Park vor dem Krankenhaus sitze, erklärt mir ein Patient, dass man auch vom Krankenhausbett aus das Stahlwerk sehen kann, so dass man weiß, wofür man schnell gesunden muss. „Oder warum man lieber länger krank bleibt“, wirft ein zweiter Patient ein und zündet sich eine Zigarette an.

In Eisenhüttenstadt wird die Industrie nicht verschämt versteckt, sondern die Kinder können stolz den ganzen Tag auf die Fabrik blicken, um zu sehen, wo Mama und Papa am Fortschritt arbeiten und Stahl für Panzer, Wohnmobile und Raumstationen schmieden. Am zweiten Sonntag im April wird der Tag des Metallarbeiters und am dritten Sonntag im November der Tag des Metallurgen gefeiert. Wer, wie ich, den Unterschied zwischen den beiden Berufsbildern nicht kennt, feiert sicherheitshalber zweimal.

Zu Hochzeiten der Produktion verlief in Eisenhüttenstadt das Leben im Rhythmus des Schichtbetriebs. Die Läden und Bibliotheken waren so geöffnet, dass man vor oder nach der Schicht noch eine Bulette und ein Buch holen konnte. Die Busse waren natürlich auf die Arbeitsschichten abgestimmt. Die Abendvorstellung im Theater begann so, dass nach der Schicht im Stahlwerk noch eine Stunde Zeit zum Umziehen und Duschen blieb. Und sogar die Kindergärten und Schulen richteten ihren Stundenplan nach den Arbeitsschichten der Eltern. (Aber gut, das ist im Kapitalismus nicht anders. Oder warum, glaubt Ihr, müssen Kinder um Punkt 8 Uhr in der Schule stramm stehen?)

Die bourgeois-hochnäsigen Leser mögen sich über die Erwähnung von Theater und Literatur im Zusammenhang mit Stahlarbeitern wundern. Aber wenn man ihnen, wie im Sozialismus, die Möglichkeit bietet, dann gehen auch der Baggerfahrer und die Verfahrensmechanikerin gerne ins Friedrich-Wolf-Theater, holen sich für romantische Leseabende ganz unironisch „Helle Nächte“ oder „Roheisen“ aus der Betriebsbücherei oder stehen stundenlang für ein gutes Buch an.

Wo bitteschön baut der Kapitalismus Theater und Bibliotheken für seine Arbeiter?

Das ist auch so eine Sache, die den DDR-Betrieben nach 1990 zum Vorwurf gemacht wurde: „Ihr benötigt 10.000 Arbeiter, um 17 Millionen Tonnen Stahl zu produzieren. Im Westen schaffen wir das mit einem Drittel der Belegschaft.“ Dabei wurde bei der wirtschaftlichen Bewertung der ostdeutschen Industrie vollkommen übersehen, dass die Kombinate auch die Wohnungen, Kindergärten, Kulturhäuser, Theater, Ferienheime, Restaurants, Kegelheime, Bibliotheken und Polikliniken für ihre Arbeiter und deren Familien – und sogar einen professionellen Fußballverein – betrieben.

Von den Gaststätten sind nur mehr der „Balkan“ und der „Aktivist“ geblieben. Letzteren nennt Ihr aber, wenn Ihr cool klingen wollt, nur den „Akki“.

Die Wohnblöcke sind übrigens gar nicht alle gleich. Da gibt es Erker, Durchbrüche, individuelle Torgestaltungen, verschiedenste Verzierungen, Mosaike, Gemälde, und natürlich unterschiedlich große Wohnungen, je nach Kinderzahl.

Das mit den Kindern ist allerdings so eine Sache. Daran, dass der ehemals schönste Kindergarten jetzt ein Museum beherbergt, könnt Ihr schon erkennen, dass es an Kindern ein bisschen mangelt. Überhaupt sehe ich nur wenige Kinder, Jugendliche oder sogar Menschen in meinem Alter (46 zum Zeitpunkt der Reise). Eisenhüttenstadt sieht ein bisschen aus wie ein Sanatorium im Grünen, mit verdächtig vielen Geschäften für orthopädische Schuhe und für Bestattungen, Einäscherungen und Särge. Ein ehemaliges Reisebüro bietet Seebestattungen an. „Einmal sterben und das Meer sehen“ statt „einmal das Meer sehen und sterben“.

Seit 1990 hat sich die Bevölkerungszahl der Stadt mehr als halbiert. Von 53.000 auf 24.000. Solche Bevölkerungsrückgänge gab es nicht einmal im Zweiten Weltkrieg. Die Frau aus dem Museum schildert mir später ihre Erinnerungen an diese Zeit, an die dramatischen Umwälzungen, an die Unsicherheit: „Die Einschläge kamen links und rechts. Plötzlich kannte jeder jemanden, der arbeitslos war. Das war etwas vollkommen Neues für uns.“ Und jede Woche verlor man Freunde, Bekannte, Verwandte, Kinder, weil alle wegzogen.

Auch sie hatte im Stahlwerk gearbeitet, „als Maurer“. (Ostdeutsche Frauen verwenden, wenn sie über diese Zeit sprechen, nie die weibliche Berufsbezeichnung, ist mir aufgefallen.) Als sie gekündigt wurde und zum Arbeitsamt ging, fragte man sie vorwurfsvoll: „Warum sind Sie überhaupt noch hier?“ Für den Wegzug gab es eine Prämie von 500 Euro. Egal wohin man zog, egal was man dort machte, Hauptsache raus aus der örtlichen Statistik.

Und so wirkt Eisenhüttenstadt ausgestorben wie eine süditalienische Stadt zur vierstündigen Mittagspause. Oder wie eine Filmkulisse, nachdem der Film bereits abgedreht wurde. Oder das ganze Filmprojekt wegen fehlender Fördermittel abgesagt wurde. Die paar Ampeln, die es gibt, kann man getrost ignorieren. Man kann sich hier auch mitten auf der Hauptstraße die Schuhe binden. Das eine Auto, das jede Viertelstunde mal vorbeifährt, wartet gerne, um die Abwechslung zu bestaunen.

Das Stahlwerk gehört jetzt zu ArcelorMittal und beschäftigt nur noch 2500 Arbeiter. Architekturtourismus scheint (noch) kein großes Zugpferd zu sein und könnte den wirtschaftlichen Rückgang sowieso nicht auffangen. Im größten Hotel am Ort, dem Lunik, ist tote Hose.

Das sind Fotos, von denen mir jeder abnehmen würde, sie in Sarajewo oder Mogadischu gemacht zu haben. Aber das ist mitten in einer deutschen Kreisstadt. Zentral gelegen, direkt gegenüber dem Rathaus, das größer ist als das Weiße Haus in Washington.

Im Rathaus zeigt eine Mutter ihrer Tochter das Mosaik im Treppenaufgang: „Das war der Sozialismus: Überall Menschen, die arbeiten.“ Ihrer Tonlage kann ich nicht entnehmen, ob sie das gut oder schlecht fand. Und eigentlich sieht sie gar nicht alt genug aus, um eigene Erinnerungen an die DDR zu haben.

Aber dafür kommt man jetzt auch nicht mehr wegen Nichtarbeitens als „Asozialer“ ins Gefängnis wie in der DDR nach § 249 StGB oder zuvor im Deutschen Reich nach § 361 StGB. Und neben der Karl-Marx-Straße, der Friedrich-Engels-Straße, der Karl-Liebknecht-Straße und der Rosa-Luxemburg-Straße gibt es eine Eichendorffstraße. Das überrascht mich dann schon. Der Autor des „Taugenichts“ in einer der Arbeit, dem Fleiß, dem Fortschritt verschriebenen Stadt?

Die Skepsis gegenüber dem nichtsnutzigen Herumlungern haben die Eisenhüttenstädter anscheinend verinnerlicht, denn wenn ich hier auf einer Parkbank sitze, fotografiere, schreibe und vor mich hin murmele, wie wahnsinnig schön diese Stadt sei, werde ich immer wieder verdächtig beäugt. Ein paar junge Männer mit Bierflaschen, kurzen Hosen und Tätowierungen bis über die hasserfüllten Augen hetzen ihre Kampfmöpse auf mich. Aber dann ziehen sie weiter, „das christliche Abendland verteidigen“.

In Eisenhüttenstadt ist die Erstaufnahme für Asylsuchende in Brandenburg.

Zur Zeit (Oktober 2021) kommen hier jeden Tag um die hundert Menschen an. Das wären gerade genug, um den Bevölkerungsschwund auszugleichen. Aber die Menschen, die den langen Fußweg von Afghanistan hinter sich haben, werden hier durch ein Wechselbad der Gefühle geschleudert: Zuerst die Ankunft in dieser schönen, grünen, perfekt arrangierten Stadt, wie das Klischee des organisierten Deutschlands, um dann in absolut chaotische Städte wie Berlin, Nürnberg oder gar Frankfurt verteilt zu werden.

Wenn die Menschen hier Frankfurt sagen, meinen sie übrigens ein anderes Frankfurt als der Rest der welt. Schade eigentlich, dass Frankfurt/Oder keinen Flughafen hat, sonst würden sich mehr Menschen verfliegen. Wusstet Ihr, dass viele Ausländer glauben, das „Main“ in Frankfurt/Main sei Englisch und bedeute Haupt-Frankfurt oder Frankfurt Hauptbahnhof?

Aber ich schweife ab. Ein sicheres Zeichen dafür, dass es Zeit für die Mittagspause ist. In Osteuropa gehe ich dazu und zum anschließenden Zigarrenrauchen am liebsten zum sowjetischen Ehrenmal.

Hier spricht sogar die Cola-Cola-Dose Russisch.

Manche Deutsche wird stören, dass ich einen Teil unseres Landes als Osteuropa bezeichne. Aber wenn Marienbad, Pilsen oder Laibach für Euch Osteuropa sind, dann sind es Rostock, Bautzen und Görlitz ebenso.

Der Platz vor dem sowjetischen Ehrenmal hat eine hervorragende Akustik. Das angetrunkene Stiefvater-Stieftochter-Paar, das sich auf einer Bank am anderen Ende des fußballfeldgroßen Platzes lallend unterhält, schallt bis zu mir. Schade, dass die sowjetische Ehrenwache nicht mehr da ist. Die hätte die beiden abgeknallt. Oder zumindest abgeführt.

Zum Mittagessen gehört natürlich eine Zeitung. Die Märkische Oderzeitung schreibt, dass das einstige Backwarenkombinat verfällt. (Das kommt davon, wenn es mehr Bhagwan- als Backwarenanhänger gibt.) Außerdem verfallen die Bettenhäuser am Kanal und in der Cottbuser Straße. Ebenso die Konsumgenossenschaft in der Beeskower Straße. Bei der Kegelbahn in der Waldstraße ist das Dach eingestürzt.

Und das sind nur die Meldungen von einem Tag.

Wenn Ihr also noch etwas von Eisenhüttenstadt sehen wollt, kommt schnell! Sonst wird das nur mehr etwas für Lost-Places-Fotografen sein.

Gestärkt mit Currywurst und Pommes, Cola und Zigarre ist es endlich Zeit für das Museum, wo ich die freundliche Frau wieder treffe, die mich heute Morgen mit nach Hütte genommen hat. Sie erzählt mir sehr persönlich von ihrer Geschichte, ich hatte ja oben schon auszugsweise berichtet.

Auch 30 Jahre später ist sie noch immer erbost darüber, wie das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO Stahl) arm gerechnet wurde. Klar hatten die Unternehmen in Ostdeutschland Verbindlichkeiten, aber das waren doch keine richtigen Schulden, klärt sie mich auf. Es waren nur Verrechnungseinheiten, die der Allokation von Produktionsfaktoren dienten. Insbesondere Verbindlichkeiten gegenüber dem Staat waren ja eigentlich irrelevant, weil die Unternehmen dem Volk und damit dem Staat und irgendwie alles allen gehörte.

Die Firmen waren nicht überschuldet oder unproduktiv, wie die nicht über ihren bürgerlichen Eigentumshorizont denkenden Westmanager gerne behaupteten, bevor sie die gleichen Firmen für ’n Appel und ’n Ei kauften.

Nur die Appel- und Ei- und sonstigen Lebensmittelproduzenten, die gingen tatsächlich pleite: „Von einem Tag auf den anderen war das Westsortiment in unseren Läden, und niemand kaufte mehr die alten Produkte.“ Dabei war das Westbrot auch nicht besser, sogar teurer. Aber es war halt neu.

Wen hingegen die Ostalgie nach den alten Plastesachen packt, der ist in diesem Museum richtig. Es geht hier, wie der Name sagt, um die Alltagskultur. Nicht um die schweren Themen wie Stasi, Mauer, Schießbefehl. Dafür gibt es andere Museen. (Ein Artikel über das Stasi-Gefängnis in Bautzen wird folgen. Erinnert mich notfalls in ein paar Wochen daran!)

Hier gibt es alte Telefone. Alte Schallplatten. Altes Spielzeug. Alte Küchenutensilien. Alte Plakate („Freiheit für unsere Angela Davis!“). Alte Schulbücher (das Kapitel 4.1.3 des Lehrbuches für den Geschichtsunterricht in der 10. Klasse ist mit „Errichtung der materiell-technischen Grundlagen des Sozialismus und der Kampf um den Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse“ überschrieben, und man sieht die Schüler förmlich mit dem Schlaf ringen). Der Vorläufer des Thermomix-Küchengeräts.

Die Besucher aus dem Osten schwelgen in Kindheitserinnerungen.

Interessant sind auch die Kontaktanzeigen aus der Wochenpost (Heft 17/1987).

Bibelkundiger Handw., 41/1,67, gesch., NR, NTR, sucht treue Frau aus der gr. Volksmenge. Zuschr. an 1439 dlb-Anz.-Ann., PSF 734, Bautzen, 8600

„Bibelkundiger Handwerker“, das könnte eigentlich Jesus sein.

Apropos Handwerker: Die Frau aus dem Museum erzählt, dass für sie der größte Freiheitsgewinn nach der Wende das Auftauchen von Baumärkten war. Ich verstehe nicht, aber sie erklärt es: „Bei uns konnte man privat keine Baumaterialien kaufen. Deshalb genossen Handwerker gesellschaftlich eine ganz hohe Stellung.“ Ich verstehe immer noch nicht. „Das haben sie sich anmerken lassen. Es war nicht angenehm, von denen abhängig zu sein,“ ergänzt sie, „vor allem als alleinerziehende Mutter.“ Ah, ich glaube, jetzt verstehe ich.

Er, 30/1,80, dkl.-bld., gesch., marx-len. WA, handwerkl. begabt, nicht ortsgeb., vielseit. Int., sucht gutauss., natürl. Mädchen od. Frau, v. 25-35 J. m. Kd. angen. Zuschr. an 5652 dlb-Anz.-Ann., Breite Str. 7, Hettstedt, 4270

Dieser junge Mann weiß, worauf es ankommt. Ohne „marxistisch-leninistische Weltanschauung“ kann eine Beziehung gar nicht langfristig funktionieren. Glaubt einem erfahrenen Scheidungsanwalt, der miterleben muss, wie viele Ehen der Kapitalismus zerstört!

Christl. jg. Mann, 25/1,86, möchte ein charm. begeisterungsfähiges, schlk. Mädchen m. fundiertem christl. Glauben kennenlernen. Jede Bildzuschr. wird beantw. (Foto zur.). FO 2689 „Freiheit“-Anz-Ann., PSF 67, Halle, 4010

Diese ganzen Christen haben wohl doch nicht so richtig an Gott geglaubt. Sonst hätten sie ja einfach dafür gebetet, ihren Traumpartner kennenzulernen.

In Eisenhüttenstadt war das mit dem Beten allerdings besonders schwierig. Denn nicht nur hat die sozialistische Planstadt alles, was man braucht. Sie hat auch genau das nicht, was niemand braucht, was aber in den meisten anderen deutschen Städten frech den besten Platz wegnimmt: Hier gibt es keine Kirche.

Deshalb hat die DDR-Opposition etwa 10 Kilometer außerhalb heimlich das Kloster Neuzelle gebaut, das ich Euch eingangs gezeigt habe. Aber weil das hier schon wieder ziemlich lang geworden ist, schreibe ich darüber ein anderes Mal.

Ein Raum im Museum widmet sich den unabhängigeren, oppositionellen und an den Rand gedrängten Milieus und Subkulturen. Neben dem „Beatles- und Gammlerunwesen“, der Umweltbewegung und der Friedensbewegung, Punks und Homosexuellen finden sich hier auch die Tramper, wie ich zu meiner persönlichen Betroffenheit feststellen muss. Das wundert mich, gab es in der DDR doch andererseits Tramperliteratur, Tramperfilme und eine richtige Tramperkultur.

Ein Aspekt, den ich bei all meiner Schwärmerei für Eisenhüttenstadt nicht übersehen darf: Diese beruht hauptsächlich auf dem vielen Grün und den Bäumen. Als die Stadt neu gebaut wurde, waren die Bäume noch klein, und es sah wesentlich kahler aus.

Andererseits fanden die Leute das damals modern. Und wenn im Westen nicht alle paar Jahre etwas pleite gehen, eingerissen und neu gebaut würde, wäre der Unterschied zwischen Ost- und Weststädten gar nicht so groß. In Eisenhüttenstadt kommt die Besonderheit hinzu, dass die ganze Stadt als Denkmal geschützt ist. Das größte Denkmal Deutschlands!

Und so kann man hier wunderbar in die 1950er und 1960er Jahre zurückversetzt werden und in die gleichen Postämter und Konsumläden gehen wie einst die Großeltern.

Im Supermarkt steht noch die Losung „Für ein fortschrittliches Verhältnis von Angebot und Nachfrage“, was immer das bedeuten soll. Hoffentlich nicht das aktuelle Überangebot an Flitter und Tand, den niemand braucht.

Da ich eh kein Geld habe, schaue ich mir lieber noch etwas von der öffentlichen Kunst an.

Eine Sache fehlt dann doch in Eisenhüttenstadt. Und das wundert mich bei einer sonst so perfekt geplanten Stadt: Es gibt keinen Eisenbahnanschluss.

Der Bahnhof, der sich frech Eisenhüttenstadt nennt, ist in Wirklichkeit in Fürstenberg . Und weil in dieser tollen Marktwirtschaft nach 18 Uhr kein Bus mehr fährt, muss ich die paar Kilometer dorthin zu Fuß gehen.

Nicht sehr einladend, dieser Empfang am Bahnhof. Aber wie Ihr gesehen habt, der erste Eindruck täuscht, und Euch erwartet die vielleicht schönste Stadt Deutschlands.

Oder fand ich Eisenhüttenstadt nur so wunderbar, weil ich es an einem farbenfrohen Herbsttag besuchte?

Da ist es ja überall schön. Vielleicht sogar im Ruhrgebiet. (Zum Ruhrgebiet erscheint übrigens im Januar 2023 ein Artikel in meiner Geschichtsreihe „Vor hundert Jahren…“, in der es bereits einmal um eine andere Planstadt ging.)

Andererseits muss ich schon gestehen, dass ich ein Faible für sozialistische Planstädte habe. Das bisher beeindruckendste Beispiel fand ich in Nowa Huta in Polen. (Der Artikel darüber kommt irgendwann, mit jahrelanger Verspätung, wie das so ist bei mir.) Weitere Traumziele wären Dunaújváros in Ungarn und Magnitogorsk in Russland.

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Weihnachtsgedicht

Zu Weihnachten werde ich immer ganz poetisch, aber niemand brachte die Stimmung besser auf den Punkt als Erich Mühsam in seinem Gedicht „Heilige Nacht“ von 1914:

Geboren ward zu Bethlehem
ein Kindlein aus dem Stamme Sem.
Und ist es auch schon lange her,
seit’s in der Krippe lag,
so freun sich doch die Menschen sehr
bis auf den heutigen Tag.
Minister und Agrarier,
Bourgeois und Proletarier –
es feiert jeder Arier
zu gleicher Zeit und überall
die Christgeburt im Rindviehstall.
(Das Volk allein, dem es geschah,
das feiert lieber Chanukah.)

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Schach – auch ein Opfer der Wende

Wer von Euch schon einmal in Osteuropa war, kennt die Szene: Ein paar Tische im Park, ein Haufen alter Männer, alle vertieft in Schachpartien. Manche aktiv, manche als Kiebitze. Wortlos, ernst, Tag für Tag.

Selbst in bitterster Kälte, wie hier in Odessa.

Auch Ostdeutschland war Osteuropa.

Aber jetzt verwaisen dort die Schachbretter, wie hier in Guben.

Mit der Wiedervereinigung wurden den Ostkindern die Schachfiguren abgenommen und durch Monopoly-Geldscheine ersetzt. (Siehe Nr. 14 Absatz 1 Ziffer 3 des Abschnitts II von Sachgebiet B in Kapitel IV der Anlage I zum Einigungsvertrag.)

Nachdenken, Strategie und Geduld waren nicht mehr gefragt. Nur mehr Geld, Geld, Geld.

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Jura-Studium in Bolivien

In Bolivien ist sogar der Irredentismus putzig.

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Wenn Ihr wissen wollt, warum die Juristenausbildung in Bolivien bereits im Kindergartenalter beginnt, lest einfach meinen Artikel über Bolivien und das Meer.

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Wintereinbruch

Plötzlich lag überall dieses weiße Zeug herum.

Aber wenigstens wurde dadurch die Kälte ein bisschen erträglicher.

Ihr findet mehr

wenn Ihr auf die jeweiligen Links klickt. So funktioniert das Internet.

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Warntag 2022

„Es geht los!“, freute sich Prinz Heinrich XIII., als am Morgen nach seiner Verhaftung ein kühler Ostwind – wie damals in Stalingrad, dachte der Prinz – laute, stolze und unverkennbar deutsche Sirenenklänge durch die Gitterstäbe wehte.


Aus aktuellem Anlass. – Natürlich gibt es auf diesem fundierten Blog auch eine juristische und historische Auseinandersetzung mit den Argumenten der Reichsbürger.

Ich selbst konnte am bundesweiten Sirenen-, Alarm-, Weckruf- und Warntag übrigens nicht partizipieren. Ich wohne nämlich derzeit in einem Dorf, das daran nicht teilgenommen hat, „weil das die Kühe erschrecken würde“.

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Gespräch unter Kollegen

Treffen sich ein KSK-Mann und ein GSG-9-Mann:

„Oh, hallo. Bist du wegen der Waffen hier oder wegen des Staatsstreichs?“

„Staatsstreich.“

„Zur Teilnahme oder Festnahme?“

„Heute Festnahme, sorry.“

„Tja. Kann man nichts machen, Kumpel.“


Aus aktuellem Anlass. – Natürlich gibt es auf diesem fundierten Blog auch eine juristische und historische Auseinandersetzung mit den Argumenten der Reichsbürger.

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Reizüberflutung am Bahnhof

„Entschuldigen Sie“, spricht mich eine ältere Frau an, „wo geht es denn hier zu den Bahnsteigen?“

Eine auf den ersten Blick absurde Frage. Denn wir stehen im Hauptbahnhof zu Nürnberg. Mitten in der großen Halle.

Aber dann blicke ich um mich und erkenne, dass es für Nichteingeweihte tatsächlich schwierig ist, die dem Bahnhof seine Existenz- und Daseinsberechtigung gebenden Schienenstränge und die darauf hoffentlich noch wartenden Züge zu finden, weil der Bahnhof vor lauter Kommerz und Geschäften und Business und Offerten und Angeboten und Discount nur so glitzert und ablenkt und die unschuldigen Passagiere mit hunderterlei Reizen überflutet, die vom eigentlichen Zweck des Bahnhofsbesuchs ablenken sollen.

Treppe hoch: Da gibt es Mc Donald’s, Kentucky Fried Chicken, eine Spielhalle, den Burger King, eine Sport-Bar (die eher eine Sport-im-Fernseh-anschau-Bar ist), ein Café, eine noch dubiosere Bar, wo man nicht hinter die Vorhänge blicken kann (und eigentlich gar nicht will), die Drogerie Müller, ein Nagelstudio, aber keine Bahnsteige, keine Gleise, keine Züge.

Treppe runter: Da gibt es Bäckereien, Brauereien, Brezelbuden bis zum Abwinken, eine Textilreinigung, eine Bank, einen Autoverleih (für die Reisenden, die die Suche nach dem Zug aufgegeben haben), einen Blumenladen, Döner-, Asia-, Mittelmeer-, Fisch- und sonstige Imbisse, einen Zeitschriftenladen, eine Buchhandlung, ein Zigarrengeschäft, eine Pizzeria, ein paar Bars, ein Kosmetikstudio, eine Metzgerei, den REWE, den Lidl, den Tschibo, aber keine Bahnsteige, keine Gleise, keine Züge.

Es ist fast so, wie wenn die Deutsche Bahn AG ihre Großbahnhöfe nur mehr zur Immobilienspekulation betreibt und die angeblichen Züge, die genauso potemkisch zu sein scheinen wie anderswo die Panzerkreuzer, nur dazu dienen, zahlungskräftige Menschen in ein Labyrinth zu locken, aus dem sie nie mehr herausfinden und am Ende all ihr Geld, mit dem sie eigentlich eine Weltreise mit der Eisenbahn finanzieren wollten, beim Döner-Imbiss lassen. Dabei wäre es, wenn man denn einen Zug fände, angesichts der dramatisch gestiegenen Dönerpreise (6-10 Euro!) wahrscheinlich günstiger, zum Mittagessen gleich nach Saint-Tropez zu fahren.

Und selbst wenn man (ebenerdig, Westtunnel) die Schließfächer findet und sich vor diesem Marktwirtschaftswahnsinn wegsperren will, so kostet das 2 Euro die Stunde.

In diesem Konsum- und Kommerztempel mit 20.000 Quadratmetern und über 150.000 durchgeschleusten Fahrgästen täglich gibt es übrigens (im Obergeschoss, zwischen Kentucky Fried Chicken und den – kostenpflichtigen – Toiletten) acht kostenlose Sitzgelegenheiten. Acht! In einem der größten und wichtigsten Bahnhöfe Deutschlands. Noch dazu ekelhaft unbequeme Metallbänke. – Denn sitzen soll hier anscheinend nur, wer kauft und konsumiert. Wer kein Geld hat, ist kein Mensch. (Und dann wundert sich die Bahn, wenn ich lieber zum Güterbahnhof gehe und auf einen Frachtzug klettere.)

Außerdem sind die Bahnhöfe in Deutschland immer arschkalt.

Dabei geht es auch anders, wie jeder Bahnweltreisende weiß. Von großzügigen Wartehallen in Kanada, wo es auch im Winter wohlig warm ist und einem die Eisenbahnangestellten Bonbons schenken,

bis zu majestätischen Wartehallen wie in Kiew, wo es warme Suppe und einen Ofen in der Ecke gibt, der signalisiert: „Hier bist du willkommen, Reisender, lass dich nieder, ruh dich aus, fühl dich wie zuhause.“

Oder man nehme als positives Gegenbeispiel den Bahnhof von Baia Mare in Rumänien, wo einen keinerlei Kommerz bedrängt und wo es für die durch- und abreisenden Studenten sogar Schreibtische gibt, an denen sie während der Wartezeit promovieren können.

Das einzig frivole Angebot ist der Bahnhofsfriseur, bei dem man sich im Falle von Verspätungen die Zeit vertreiben kann. Das ist praktisch, denn in Rumänien sind die Züge oft so verspätet, dass man sonst mit vollkommen anderer Frisur und Vollbart nach Hause käme. Außerdem kann man so, wenn man auf der Flucht vor dem Geheimdienst ist, rechtzeitig sein Äußeres verändern.

Am Bahnhof von Breslau in Polen gibt es nicht nur einen Warteraum mit warmen Getränken und Spielzeug für Kinder, sondern sogar eine öffentliche Bibliothek!

Wenn die Deutsche Bahn sich so etwas erlauben würde, dann stünden ihre Ladenmieter erbost vor der Tür und würden sich darüber beschweren, dass man Menschen kostenlos Lesestoff, einen Sitzplatz, Wärme, Strom und eventuell sogar noch die Luft zum Atmen lässt, obwohl sich doch mit alledem Geld verdienen ließe. Wo soll das hinführen?!

Aber, liebe Deutsche Bahn AG, es gibt Wichtigeres im Leben als Geld.

Ich habe die alte Frau am Bahnhof in Nürnberg dann persönlich zum Gleis geführt. Hoffentlich wird sie im Zug nicht von Supermärkten, Ferienwohnungsverkäufern, Lottoannahmestellen und Versicherungsvertretern belästigt.

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Nichtsesshafte Randgruppen – am Beispiel von Vagabunden und Roma

Meine Artikel zur Geschichte wurden bereits als schnoddrig, „dümmster Blog aller Zeiten“, „absolut widernatürlich und beispiellos“, ignorant, „völlig unangemessen“, nestbeschmutzend, mühsam, vor Halbwahrheiten strotzend, Schlamassel, Clickbait und sogar als „Aufruf zum Mord“ kritisiert.

Zu einer gewissen Schnoddrig- und Flapsigkeit, fein dosiert auch bei ernsten Themen eingesetzt, stehe ich. Die anderen Vorwürfe weise ich aufs Entschiedenste zurück und fordere die Beleidiger zum Blog-Duell auf. Diesen Samstag im Morgengrauen, in den Donauauen.

Aber ich kann auch anders als flapsig. Notgedrungen. Denn im Geschichtsstudium an der Fernuniversität in Hagen geht es sehr ernst zu. Das ist wie bei den Marines in Full Metal Jacket: „Hier wird nicht gelacht!“

Apropos Marines, Fremdenlegion und Studium:

Dieses Sommersemester nahm ich an einem Seminar mit dem Titel “Randgruppen und Außenseiter in den Gesellschaften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit” teil. Da ging es um Henker und Hexen, Aussätzige und Adelige, und so weiter.

Weil die beiden Dozentinnen anscheinend um meinen unsteten Lebenswandel wussten, wiesen sie mir als Referatsthema den Themenkomplex „fahrendes Volk“ zu.

Landstreicher bei der Rast, Mitteleuropa, Anfang des 21. Jahrhunderts

Von diesem Referat gibt es eine schriftliche Fassung, die ich, damit sie nicht sinnlos auf dem Semesterserver schlummert, Euch hiermit zum – zur Abwechslung – ernsten Lesen darbiete. Gerade die Aspekte der Kriminalisierung von Armut sind ja durchaus zeitgemäß. Überhaupt fällt einem beim Studium der Geschichte oft auf, welch lange Vorläufe und Kontinuitäten es bei angeblich ganz neuen Entwicklungen gibt.


Sesshaftigkeit als Norm

Obwohl es ohne Wanderungsbewegungen keine Menschen in Europa gäbe, war Sesshaftigkeit im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit schon zur Norm geworden. Ja, die Sesshaftwerdung des Menschen ab der Jungsteinzeit, also vor ca. 12.000 Jahren, wurde und wird gleichgesetzt mit dem Beginn der Zivilisation.

Die meisten Menschen hatten die meiste Zeit einen festen Wohnsitz, und die Abwesenheit für Geschäftsreisen, zur Teilnahme an Kriegen, an saisonaler Arbeit, an Pilgerfahrten oder Gesellenwanderungen war vorübergehend und führte im Regelfall an den Wohnsitz zurück.2

Auch die dauerhafte Abwanderung führte nicht zur Nichtsesshaftigkeit, sondern verlagerte den Wohnsitz an einen neuen Ort, sei es durch Auswanderung aus ökonomischen, politischen oder religiösen Gründen, durch die Arbeit in einem Handelskontor der Hanse oder dem im Seminar bereits erwähnten Fondaco dei Tedeschi in Venedig oder für eine der ostindischen Kompanien oder in anderen Kolonialisierungszusammenhängen.3

Aber es gab auch Gruppen, bei denen die Nichtsesshaftigkeit unfreiwillige Begleiterscheinung von Armut war und mit dieser in einem sich gegenseitig bedingenden Kausalverhältnis stand. Zwei dieser Gruppen sollen hier einführend vorgestellt werden, wobei es mir auch darum geht, die beiden Gruppen nicht zu vermengen, obwohl dies zeitgenössisch unter dem weit gefassten Begriff “fahrendes Volk” häufig getan wurde.4

Zum einen soll es gehen um Landstreicher, Vagabunden oder Vaganten, wobei die Begriffe austauschbar sind.

Zum anderen möchte ich einen Überblick geben über die Volksgruppe(n) der Roma und Sinti, auch bekannt unter der Fremdbezeichnung “Zigeuner”.

Dabei sei darauf hingewiesen, dass beiden Gruppen das Problem zu eigen ist, dass die Quellen nicht von ihnen selbst stammen. Oft sind es staatliche, polizeiliche oder politische Quellen, die zu einem verzerrten Bild beitragen.5 Andererseits literarische Erzählungen, deren (negative wie positive) Stereotype dann in vermeintlich objektive Lexika Eingang fanden. Und in der Neuzeit kommen – ebenfalls von außen – (pseudo-)wissenschaftliche, hygiene- und erbbiologische6 sowie rassenanthropologische Diskurse dazu.

Landstreicher / Vagabunden

Vagabunden, Landstreicher oder Vaganten waren Menschen ohne festen Wohnsitz, die sich aus den armen und landlosen Unterschichten rekrutierten und umherstreiften. Ihre Zahl nahm mit dem Bevölkerungswachstum, aufgrund von Missernten7, Kriegsvertreibungen oder Brand- und Naturkatastrophen8 sowie durch “die fortbestehenden Ausgrenzungsmechanismen der feudalen Institutionen (Zünfte, Bruderschaften, kommunale und landesherrliche Vorschriften)” zu.9

Frauen wie Männern waren von der unfreiwilligen Wanderschaft gleichermaßen betroffen.10 Für die Kinder gab es in der Regel kein Entrinnen aus diesem Milieu; sie waren mit dem “Stigma der Nichtsesshaftigkeit” behaftet.11

Zwar handelte es sich dabei um eine unfreiwillige, aus der Not geborene Randgruppe, jedoch war die Zahl der von Subsistenzmigration12 Betroffenen gar nicht so gering. Für das 18. Jahrhundert wird sie auf 4% an der Gesamtbevölkerung13, für Bayern sogar auf bis zu 10% der Bevölkerung geschätzt14.15 Damit dürfte die Schwelle dessen überschritten gewesen sein, was an Not durch gelegentliche Almosen aufgefangen werden konnte, so dass die Vaganten zum Regelungsgegenstand der Obrigkeit wurden. Dies wiederum führte zu einem Teufelskreis aus Armut und Repression.

Kriminalisierung der Vaganten durch die Obrigkeit

Mit dem 15. und 16. Jahrhundert begann ein Prozess der Verrechtlichung, in dem die Obrigkeit bzw. der Staat eine wesentliche Rolle in der Definition von Norm und Normabweichung übernahmen.16 Die bis dahin erfolgte gesellschaftliche Ausgrenzung oder eventuelle religiöse Missbilligung wurde zur Kriminalisierung und Verfolgung. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden in immer größerer Zahl Policey-Ordnungen und andere “policeyliche Mandate und Regelungen” gegen Vagabunden und Bettler erlassen.17 Und zwar nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern in ganz Europa.18

Im 16. Jahrhundert bedeutete der Begriff “Policey”19, so die zeitgenössische Schreibweise, die “gute Ordnung und Verwaltung des Staatswesens”.20 Die heutige Aufteilung in Zivil-, Straf- und öffentliches Recht wurde zu dem Zeitpunkt nicht eingehalten, und die Policey-Ordnungen regelten verschiedenste Aspekte des Alltagslebens, sozusagen das Recht des kleinen Mannes.21

Das Vorgehen gegen nichtsesshafte Arme spiegelte “eine seit dem Spätmittelalter einsetzende Neubewertung von Armut wider, die grundlegend von einer Polarisierung zwischen Armut und Arbeit ausging”.22 Armut wurde nicht mehr als Schicksalsschlag, sondern “als Folge von Nicht-Arbeit bewertet”.23 Damit wandelte sich die Reaktion von Gesellschaft und Obrigkeit von Mitleid zu einer vorwurfsvollen, repressiven Vorgehensweise. “Die Entstehung der Unbarmherzigkeit” nennt es Schindler.24

Neben die Unterscheidung zwischen “würdigen” Armen (z.B. Blinden) auf der einen und arbeitsfähigen “starken” Armen auf der anderen Seite25, wurde auch eine Unterscheidung zwischen einheimischen und fremden Armen getroffen.26 Nur wer der jeweils ersteren Gruppe angehörte, verdiente Fürsorge.27 “Starke” Bettler wurden aus der Gemeinde oder dem Land verwiesen28, womit sie erstmals oder erneut zu Vagabunden wurden.

Wer einmal in das Milieu der Vaganten abgerutscht war, “konnte als Recht- und Ehrloser kaum mehr sesshaft werden”.29 Denn “ein ehrbares Leben war unter den dauernden Anstrengungen und Gefahren des Wanderns gar nicht möglich. Es ging allein um das Überleben.”30

Der Vorwurf des Müßiggangs und der mangelnden Arbeitsmoral wurde mit dem Hang zur Wanderlust kombiniert31, so dass das Wandern selbst strafbar war32, auch wenn ansonsten keinerlei Straftaten begangen wurden. Strafen waren Körperstrafen (auch Brandmarkung), Ausweisung/Deportation (sogenannte Bettelfuhren oder Bettlerschübe33) und Zwangsarbeit.34

Dabei ist das Landstreichen ein klassischer Fall der “opferlosen Straftat”, also eines Delikts, bei deren Begehung niemand an Leib, Leben, Eigentum, Besitz, Ehre oder sonstigen Rechtsgütern verletzt wird.35

Die Kriminalisierung des Umherziehens ging zeitlich einher mit einer beginnenden (National-)Staatlichkeit, im Rahmen derer auch andere Politiken zur Kontrolle der Bevölkerung eingeführt wurden, wie z.B. Volkszählungen, die Wehrpflicht oder die Sesshaftmachung von Nomaden (im Osmanischen Reich).

Auch für die langsam einsetzende Ausbildung des Kapitalismus war die Verinnerlichung von Sekundärtugenden wie Fleiß, Zuverlässigkeit, Disziplin erforderlich36, wofür die Policeygesetzgebung die langfristige mentale Prägung herstellte37 und wogegen die Vagabunden (ob vorsätzlich oder aus Not) verstießen.

Roma / Sinti / ”Zigeuner”

Nicht zuletzt, weil manche Leute darauf beharren, ihre Meinungsfreiheit hinge davon ab, das Paprikaschnitzel als Zigeunerschnitzel zu bezeichnen, verdient die Bezeichnung dieser ethnischen Gruppe einen kleinen Exkurs.

In Deutschland herrscht diesbezüglich etwas mehr Problembewusstsein als in vielen anderen Ländern, wahrscheinlich weil der “Zentralrat deutscher Sinti und Roma” zu einer festen Größe im politischen Diskurs geworden ist. Dennoch wird im Alltag, aber auch in der Fachliteratur bis in die jüngste Zeit immer wieder gedankenlos der Begriff “Zigeuner” verwendet.

Zigeuner” ist eine Fremdbezeichnung, die negativ konnotiert ist, deren Etymologie aber unklar ist.38 In spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Quellen werden sie auch als “Heiden”, ”Tartaren” oder “Ägypter” bezeichnet.39 Von letzterem leitet sich das englische “gypsy” ab.

Die Eigenbezeichnung lautet je nach Gruppe Roma (jeweils Plural des Maskulinums), Sinti, Jenische, (Irish) Travellers, Manouches u.s.w. Als Sammelbegriff kann man auch Rom-Völker verwenden.

“Sinti” kam als Selbstbezeichnung der deutschsprachigen Roma erst ab dem Ende des 18. Jahrhunderts auf40. Im Folgenden verwende ich meist den Oberbegriff Roma, weil ich auch auf die Entwicklung außerhalb der deutschsprachigen Territorien eingehe.

Ankunft der Roma in Europa

Woher kamen nun die Roma?

Die Verwandtschaft des Romanes, der Sprache der Roma, mit dem Sanskrit41 deutet auf eine Herkunft vom indischen Subkontinent. Persische, türkische und griechische Anteile im Wortschatz zeigen die vermutliche Wanderungsbewegung auf, die sich über Jahrhunderte abgespielt haben muss.42

Über Südosteuropa43 und den Balkan kamen die ersten Roma im 14./15. Jahrhundert nach Mitteleuropa. Die Ankunft der Roma wurde z.B. dokumentiert für folgende Orte und Jahre: Belgrad 1323, Basel 1414, Kronstadt/Brașov (Siebenbürgen) 1416, Konstanz 1417, Hildesheim 1417, Lübeck 1417, München 1418, Frankfurt am Main 1418, Straßburg 1418, Antwerpen 1419, Bologna 1422, Paris 1427, Barcelona 1447, Stockholm 1512, woraus sich wiederum der Zug der Wanderungsbewegung ableiten lässt.44

Rezeption der Roma durch die Mehrheitsgesellschaft

Das plötzliche Auftauchen von auch phänotypisch andersartigen Menschen war offenbar wichtig genug, um seit dem 15. Jahrhundert in den Chroniken Erwähnung zu finden.45 Die Chroniken deuten auf organisierte Gruppen unter Führung jeweils eines “Herzogs” oder “Grafen”46 und erwähnen, dass Schutzbriefe präsentiert wurden47, in denen den Roma freies Geleit zugesichert wurde.

Zuerst wurden die Roma als Pilger bestaunt.48 Man vermutete eine Verdammung zur Bußfahrt wegen unchristlicher Lebensführung49 oder eine Flucht der christlichen Roma vor den Osmanen.50

Bald jedoch wurden sie als Bettler, Heiden, Spione (für das Osmanische Reich) und Diebe diffamiert51 oder für Seuchen verantwortlich gemacht52. Ihre Mobilität wurde nicht als Folge von Vertreibung oder Armut anerkannt, sondern “als eine Strategie der Arbeitsverweigerung” angesehen.53

Womöglich hatten die Roma einfach Pech, dass sie zu einer Zeit nach Mitteleuropa kamen, als diese Region unter Hungersnöten, Kriegen und dem Wiederaufflackern der Pest litt54, als das bestehende lokale und klösterliche Wohlfahrtssystem kollabierte55, und als staatliche und religiöse Gewissheiten ins Wanken gerieten.56 Als Beispiele seien genannt die Niederlage des Deutschen Ordens in Tannenberg 1410, die Hinrichtung des Reformators Jan Hus 1415, die Hussitenkriege 1419-1436, die Eroberung Konstantinopels durch das Osmanische Reich 1453.

In dieser Übergangsphase vom Mittelalter zur Neuzeit wurden die fremden Neuankömmlinge als “Strandgut aus einer vergangenen Zeit am Ufer der Moderne”57 gesehen.

Auch in der Literatur tauchten die “Zigeuner” bald auf und standen negativ für das Wilde, das Unzivilisierte, das Fremde, aber in positiver Weise für ein angeblich freies, sorgenloses und naturverbundenes Leben (“Zigeuner-Romantik”).58 In fast allen europäischen Sprachen gibt es hierzu einen reichhaltigen Fundus aus allen Text- und Kunstgattungen.59

Sowohl positive wie negative Stereotype “verweisen […] auf einen Verstoß gegen das vorherrschende Arbeitsethos”.60

Kriminalisierung und Verfolgung der Roma durch die Obrigkeit

Zum einen gilt für die Roma eigentlich alles, was ich oben zu den Vaganten dargestellt habe. Denn bis zur Frühen Neuzeit unterschied die Obrigkeit nicht immer zwischen Landstreichern, den Roma und anderen Angehörigen des “fahrenden Volkes”.61 Wenn in den historischen Quellen der Begriff “Zigeuner” verwendet wird, ist also nicht immer klar, ob es sich dabei um die ethnische Minderheit oder um alle wohnsitzlosen sozialen Randgruppen handelt.62

Allerdings wurden die Roma als ethnische Gruppe mit einer Härte und Vehemenz verfolgt, die über die normale Policeygesetzgebung hinausging.63 So erklärte sie der Reichstag von 1498 für “vogelfrei”, falls sie das Reichsgebiet nicht sofort verließen.64 In Frankreich befahl Ludwig XII. 1504 die Landesverweisung. 1514 begann die Vertreibung aus den Schweizer Städten, 1525 aus Flandern, 1530 aus England, 1541 aus Schottland, 1549 aus Böhmen, 1557 aus Polen.65 Portugal deportierte die Roma ab 1583 zur Zwangsarbeit auf Galeeren und in die Kolonien.66

Mit dem Vordringen des territorialen Denkens, mit der Entwicklung hin zu (Proto-)Nationalstaaten wurde Identität zunehmend aus der geographischen Herkunft abgeleitet.67 Die Roma konnten solch eine territoriale Herkunft nicht vorweisen. Es gab kein Gebiet, in dem sie die Bevölkerungsmehrheit stellten. Sie waren nicht nur wohnsitz-, sondern auch herkunftslos. So gab es niemanden, der ihnen Schutz gewähren, niemanden, der für sie eintreten konnte.

Die Sinti und Roma waren überproportional von Strafen und insbesondere von der Todesstrafe, aber auch von örtlichen Pogromen, sogenannten “Zigeunerjagden” oder “Heidenjagden” betroffen.68

Bogdal argumentiert, dass das Ziel der Maßnahmen gegen die Roma die Tötung und die Ausrottung war und sieht hier den Beginn einer grausamen Tradition: “Die Zigeuneredikte der Frühen Neuzeit bringen die Idee in eine Rechts- und Verwaltungssprache, dass als unnütz und schädlich angesehene Glieder aus dem Gesellschaftskörper ausgestoßen werden müssen.”69

Andererseits gab es teilweise Versuche, die Roma “umzuerziehen” und zu einer sesshaften Lebensweise zu bewegen. Insbesondere in der Habsburgermonarchie unter Kaiserin Maria Theresia (Verordnungen erlassen zwischen 1758 und 1774) wurde die bis dahin praktizierte Verfolgung zugunsten einer Zwangsassimilation aufgegeben.70 Diese umfasste nicht nur die erzwungene Sesshaftmachung (und damit Zurverfügungstellung als Arbeitskräfte für die Landwirtschaft), die Unterrichtung im katholischen Glauben, das Verbot der Muttersprache, sondern auch die Wegnahme der Kinder.71 Die Ähnlichkeit zum Vorgehen europäischer Kolonialstaaten in Übersee sticht ins Auge.

Ein Sonderfall bestand in den Fürstentümern Moldau und Walachei (jeweils heutiges Rumänien), wo die Roma bis 1856 rechtlich den Status von Sklaven hatten.72 Nach der Aufhebung der Sklaverei wurden – wie bei Sklavenbefreiungen üblich – nicht die einstigen Sklaven, sondern ihre früheren Eigentümer entschädigt.

Kontinuität der Verfolgung bis in die Moderne

Die Geschichte der Ausgrenzung und Verfolgung sowohl von Landstreichern, aber insbesondere der Sinti und Roma, endete nicht in der Frühen Neuzeit. Ganz im Gegenteil, sie gipfelte während des Nationalsozialismus in Deutschland und im von Deutschland besetzten Europa im Völkermord gegen die Sinti und Roma.73 Auf Romanes wird dieser als “Porajmos” bezeichnet.

Vagabunden, Landstreicher, Bettler und Arbeitslose wurden im Nationalsozialismus als “Asoziale” oder “Arbeitsscheue” verfolgt, interniert und ermordet.

Dass diese beiden Gruppen nach 1945 noch über Jahrzehnte nicht als Opfer des Faschismus anerkannt wurden, zeigt, wie tief die Vorurteile und Stereotype saßen und sitzen. Die BRD erkannte den Völkermord an den Sinti und Roma erst 1982 an.74

Trotz der von der EU 2005 ausgerufenen Roma-Dekade sind die Roma noch immer die sozioökonomisch am meisten benachteiligte Minderheit in Europa. Auch die staatliche Dikriminierung (Ghettoisierung, segregierte Schulen, Zwangssterilisation75) hielt bis ins 21. Jahrhundert an.

Landstreicherei blieb in der BRD bis 197476 und in der DDR bis 199077 strafbar.78


2 Melville/Staub, Band I, S. 162; Vogler, S. 311.

3 Ein Teil der Beispiele nach Vogler S. 311.

4 Fings, S. 43.

5 Fings, S. 21, die jedoch auch auf Ulrich Opfermanns Auswertung neuer, einen anderen Blickwinkel eröffnender Quellen hinweist: “Seye kein Zigeuner, sondern kayserlicher Cornet” – Sinti im 17. und 18. Jahrhundert – Eine Untersuchung anhand archivalischer Quellen, 2007.

6 Härter/Sälter/Wiebel, S. 19.

7 Wadauer, Vagabund, 4. Absatz.

8 Fata, S. 156 f.

9 Boehncke, S. 70.

10 Fata, S. 158.

11 Fata, S. 158.

12 Den Begriff verwendet Fata, S. 153, unter Verweis auf Peter Clark (Fußnote 164).

13 Boehncke, S. 70 mit Verweis auf Sachße/Tennstedt: Bettler, Gauner und Proleten. Armut und Armenfürsorge in der deutschen Geschichte (Fußnote 2 auf S. 362).

14 Boehncke, S. 362 in Fußnote 2, unter Verweis auf Küther: Menschen auf der Straße. Vagierende Unterschichten in Bayern, Franken und Schwaben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

15 Fata, S. 153, ist skeptisch gegenüber Versuchen, einen statistischen Anteil zu ermitteln.

16 Härter/Sälter/Wiebel, S. 10; Schulze, S. 80.

17 Fata, S. 153; Härter, Landstreicherei, 1. Absatz.

18 Sehr ausführlich zu England, mit Kapiteln zu Schottland, Irland, Wales, der Isle of Man, den Kanalinseln, Schweden, Dänemark, Belgien, den Niederlanden, Frankreich, dem Deutschen Reich, Österreich, Italien, Russland, Portugal und der Türkei: C. J. Ribton-Turner, A History of Vagrants and Vagrancy and Beggars and Begging, Chapman & Hall, 1887, Nachdruck bei Patterson Smith, 1972.

19 Zurückgehend auf Platons “politeia”.

20 Schröder, S. 58.

21 Schröder, S. 58.

22 Fata, S. 153; ebenso Bogdal, S. 49; Korge, S. 308.

23 Fata, S. 153.

24 Norbert Schindler: Die Entstehung der Unbarmherzigkeit. Zur Kultur und Lebensweise der Salzburger Bettler am Ende des 17. Jahrhunderts, in: Norbert Schindler: Widerspenstige Leute. Studien zur Volkskultur in der frühen Neuzeit, 1992, S. 258-313.

25 Althammer, S. 415; Korge, S. 308.

26 Fata, S. 162.

27 Fata, S. 162.

28 Fata, S. 162; Härter, Landstreicherei, 1. Absatz.

29 Boehncke, S. 70.

30 Melville/Staub, Band I, S. 162.

31 Fata, S. 154.

32 Boehncke, S. 70.

33 Boehncke, S. 71; Fata, S. 163.

34 Boehncke, S. 70; Fata, S. 163; Wadauer, Vagabund, 5. Absatz.

35 Althammer, S. 438 f.

36 Behrisch, Sozialdisziplinierung, 1. Absatz.

37 Behrisch, Sozialdisziplinierung, 3. Absatz.

38 Einige mögliche etymologische Erklärungen bei Fings, S. 14.

39 Fings, S. 14.

40 Fings, S. 11.

41 Bogdal, S. 13, 154 ff.; Fings, S. 15 f.

42 Fings, S. 34.

43 Bogdal, S. 30.

44 Fings, S. 36 sowie Karte auf der hinteren inneren Umschlagseite.

45 Fings, S. 18.

46 Bogdal, S. 35; Fings, S. 37.

47 Fata, S. 166; Fings, S. 37.

48 Bogdal, S. 36; Fings, S. 18, 38.

49 Fings, S. 39.

50 Fings, S. 39.

51 Bogdal, S. 54 f.; Fings, S. 18.

52 Bogdal, S. 55.

53 Fings, S. 31.

54 Bogdal, S. 49; Fings, S. 38.

55 Bogdal, S. 49.

56 Bogdal, S. 44, 47.

57 Bogdal, S. 13.

58 Fings, S. 19.

59 Beispiele bei Fings, S. 19, aber vor allem bei Bogdal S. 87 ff., 177 ff.

60 Fings, S. 26.

61 Fings, S. 43.

62 Bogdal, S. 48; Fata, S. 163 f.

63 Bogdal, S. 56; Fata, S. 166.

64 Fata, S. 166; Fings, S. 41.

65 Bogdal, S. 44.

66 Bogdal, S. 44.

67 Bogdal, S. 44 f., 47.

68 Fings, S. 45.

69 Bogdal, S. 56.

70 Bogdal, S. 122; Fata, S. 169, Fings, S. 49 ff.

71 Fata, S. 169; Fings, S. 50.

72 Bogdal, S. 30; Fings, S. 40 f.

73 Fings, S. 62 ff.

74 Fings, S. 107.

75 Letzteres in der Tschechischen Republik bis 2012 praktiziert.

76 § 361 I Nr. 3 StGB-BRD in der bis 1974 geltenden Fassung: “Mit Geldstrafe bis zu fünfhundert Deutsche Mark oder mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Wochen wird bestraft, wer als Landstreicher umherzieht.”

77 § 249 I StGB-DDR in der bis zum Ende der DDR geltenden Fassung: “Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung und Sicherheit beeinträchtigt, indem er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit entzieht, obwohl er arbeitsfähig ist, wird mit Verurteilung auf Bewährung, Haftstrafe oder mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft.”

78 Zur praktischen Relevanz der “Asozialen”-Verfolgung in der DDR siehe Markovits, S. 155-163.


Literatur

Beate ALTHAMMER: Der Vagabund. Zur diskursiven Konstruktion eines Gefahrenpotentials im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, in Härter/Sälter/Wiebel, S. 415-453.

Lars BEHRISCH: Sozialdisziplinierung, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Stand vom 1. Juni 2022.

Heiner BOEHNCKE: Bettler, Gaukler, Fahrende. Vagantenreisen, S. 69-74 und Fußnoten auf S. 362, in: Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus, herausgegeben von Hermann Bausinger, Klaus Beyrer, Gottfried Korff, C. H. Beck, 1991.

Klaus-Michael BOGDAL: Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung, Suhrkamp, 2014.

Márta FATA: Mobilität und Migration in der Frühen Neuzeit, UTB [Vandenhoeck & Ruprecht], 2020.

Karola FINGS: Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit, C. H. Beck Wissen, 2019 (2. Auflage).

Karl HÄRTER: Landstreicherei, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte (HRG) online, Stand vom 23. November 2017.

Karl HÄRTER, Gerhard SÄLTER, Eva WIEBEL: Repräsentation von Kriminalität und öffentlicher Sicherheit, Vittorio Klostermann, 2010.

Marcel KORBE: Unterstützung, Abweisung, Sanktionierung. Vom genossenschaftlichen Umgang mit arbeitslosen Gesellen in vorindustrieller Zeit, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 4/2022, S. 301-314.

Inga MARKOVITS: Gerechtigkeit in Lüritz. Eine ostdeutsche Rechtsgeschichte, C. H. Beck, 2014.

Gert MELVILLE, Martial STAUB: Enzyklopädie des Mittelalters, Band I, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2008.

Rainer SCHRÖDER, Rechtsgeschichte, Alpmann & Schmidt, 1992 (4. Auflage).

Winfried SCHULZE: Einführung in die Neuere Geschichte, UTB [Ulmer], 2010 (5. Auflage).

Günter VOGLER: Europas Aufbruch in die Neuzeit 1500-1650, UTB [Ulmer], 2003.

Sigrid WADAUER, Vagabund, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Stand vom 31. Dezember 2020.


Und jetzt seht Ihr hoffentlich ein, dass schnoddrig schon besser ist.

Standes- und studentengemäß bin ich zu und von dem Landstreicherseminar übrigens per Anhalter gefahren. – Ich weiß nicht, ob ich je zum zweiten und dritten Teil dieser Anhaltersaga komme. Leider habe ich mir damals keine Notizen gemacht, und so langsam verblassen die Erinnerungen. Schade eigentlich, es waren wirklich tolle Begegnungen dabei!

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Ein sowjetisches Ehrenmal, ein Storchennest und ein paar offene Kabel, Leitungen und Drähte; was braucht man mehr?

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