Fastenzeit: Wann verzichten die Kirchen?

Gerade haben die Hohenzollern ihren Verzicht auf Millionenforderungen gegen uns unschuldige deutsche Staatsbürger bekannt gegeben, und die meisten Reaktionen lauteten: „Na, endlich!“

Die seit der deutschen Revolution und der Entmachtung dieser Familie mittlerweile vergangenen 105 Jahre erscheinen tatsächlich wie eine lange Zeit. – Bis man erfährt, dass die christlichen Kirchen (und in geringerem Umfang andere Religionsgemeinschaften) in Deutschland noch immer jedes Jahr Staatsgeld einsacken, und zwar basierend auf Ansprüchen, die sie auf die Säkularisation von 1802 zurückführen. Das sind 221 Jahre.

Und nein, ich meine nicht die Kirchensteuer. Wer die noch zahlt, um damit die Vertuschung sexuellen Missbrauchs zu finanzieren, der ist selber schuld. Das Erzbistum Köln hat beispielsweise doppelt so viel an Rechtsanwälte, Medien- und Kommunikationsberater bezahlt wie an die Opfer des Missbrauchs. Bei diesen Prioritäten könnte man fast meinen, es ginge bei den geringen Zahlungen an die Opfer auch nur um Public Relations.

„Kirche oder Mafia, manchmal erkenne ich selbst den Unterschied nicht.“

Nein, ich meine die sogenannten Staatsleistungen.

Das sind Zahlungen, die die deutschen Bundesländer aus dem allgemeinen Steueraufkommen (also auch dem von Atheisten und Agnostikern, Heiden und Häretikern, ja sogar von gar nicht religionsfähigen juristischen Personen, falls diese sich bequemen, in Deutschland Steuern zu bezahlen) bezahlen.

Im vergangenen Jahr waren das 687 Millionen Euro. Zusätzlich zur Kirchensteuer und zusätzlich zu zweckgebunden Subventionen an die Religionsgemeinschaften. (Zum Vergleich: Das Bundesamt für Verfassungsschutz, das sich immerhin mit so Kleinigkeiten wie Extremismusbekämpfung, Verhinderung von Terroranschlägen und Spionageabwehr beschäftigen soll, kostete im gleichen Jahr 488 Millionen Euro.)

Warum und wofür bezahlen wir das?

Das Wofür ist einfach: Die Kirchen können mit dem Geld machen, was sie wollen. Sie müssen keine Rechenschaft ablegen. – Aber gut, die werden das sicher irgendwie sinnvoll verwenden und sich keinen geschmacklosen Klimbim davon kaufen. Die Bescheidenheit unserer Kirchen ist schließlich sprichwörtlich, nicht wahr?

Beim Warum hingegen wird es historisch und kompliziert.

Ich habe das schon einmal am Beispiel Bayerns ausgeführt, und zwar in den Kapiteln 49 und 50 meiner Wanderung zu den Königsschlössern, die ich deshalb einfach zitiere. Wenn es gut ist, Joghurtbecher und Altpapier zu rezyklieren, dann kann es nicht falsch sein, Blogbeiträge mehrfach zu verwenden.

49

Vom Schiff aus erblicke ich das Kloster Andechs, dem ich erst gestern einen Besuch abgestattet habe, und erinnere mich an das dort (Kapitel 24-26) gegebene Gelübde, etwas aus der guten alten Zeit der Säkularisation zu berichten.

Säkularisation bezeichnet die staatliche Einziehung kirchlichen Eigentums, meist von Grundbesitz und Klöstern, aber auch von Kunstschätzen oder Bibliotheken. Das ging bis zur Annexion und Einverleibung ganzer kirchlicher Fürstentümer.

Einzelne Bestrebungen dazu gab es schon vorher, aber ab 1802 machte Bayern richtig Tabula rasa. Fast alle Klöster, Hochstifte, Reichsabteien und Fürststifte wurden aufgelöst, ihr Eigentum wurde verstaatlicht. (Das war die Erfindung des Kommunismus, noch weit vor Marx und Lenin!) Nur einige Klöster wurden als sogenannte Aussterbeklöster belassen. Dort durften die bisherigen Mönche noch ergebnislos beten, aber das Kloster war vom Transfermarkt ausgeschlossen und konnte keine neuen Mitspieler aufnehmen.

Das Projekt wurde generalstabsmäßig durchgezogen. Zuerst waren die Klöster der Bettelorden dran, für die sich natürlich niemand einsetze. („Selbst schuld, dass sie arm sind“, denken Reiche oft über Arme.) In die reichen Prälatenorden entsandte Bayern Kommissare, die auflisteten, was alles an Gold, Weihrauch und Myrrhe da war. 1803 kam es zu dem zumindest dem Namen nach bekannten Reichsdeputationshauptschluss, in dem das Heilige Römische Reich den Gliedstaaten freie Hand gegenüber den Klöstern ließ. Bayern schlug sofort zu und enteignete gnadenlos wie das Landgewinnungskomitee zum Bau der Baikal-Amur-Magistrale. Ein Beweis, dass Beten nicht hilft.

50

Nur leider hatte diese Säkularisation zwei Mängel:

Zum einen wurden nur die selbständigen Klöster und Fürstbischöfe enteignet, nicht aber die katholischen oder protestantischen Kirchen als solche. Die gewöhnlichen Pfarrkirchen und Kathedralen blieben also bestehen. Eine verpasste Chance.

Zweitens haben sich die Kirchen mittlerweile fette Entschädigungszahlungen für die einstigen Enteignungen gesichert. Ich könnte jetzt viel verwirren mit dem Konkordat zwischen dem Königreich Bayern und dem Heiligen Stuhl von 1817, warum Bayern die Bischöfe besoldet, dem Konkordat des Freistaats Bayern von 1924, der Einführung der Kirchensteuer, dem Konkordat des Deutschen Reichs von 1933, den Konkordatslehrstühlen, sowie der Frage, warum auch heute noch die Religionsverfassungsartikel der Weimarer Reichsverfassung gelten.

Artikel 138 der Weimarer Reichsverfassung von 1919 verlangte, dass die Länder die Entschädigungszahlungen durch einmalige Zahlung ablösen, wofür das Deutsche Reich aber die Rahmengesetzgebung verabschieden sollte. Das geschah nie. Als 1949 das Grundgesetz die Möglichkeit zum Neuanfang gegeben hätte, war die Sache schon so unübersehbar kompliziert geworden, dass man in Artikel 140 des Grundgesetzes einfach die teilweise Weitergeltung der Weimarer Reichsverfassung anordnete und hoffte, dass es niemandem auffallen würde. Es scheint tatsächlich nie jemandem aufgefallen zu sein, denn auch in der Geschichte der Bundesrepublik kam es nie zu der geforderten Ablösung.

Und so zahlen deutsche Steuerzahler seit mehr als 100 Jahren Staatsleistungen an die katholischen und protestantischen Kirchen wegen der Säkularisation von vor 200 Jahren. Wohlgemerkt aus dem allgemeinen Steueraufkommen; das hat nichts mit der Kirchensteuer zu tun. Hier zahlen auch die Atheisten mit. Aber gut, in diesem Jahr sind es nur 656 Millionen Euro, und die Kirche revanchiert sich dafür, indem sie staatliche Behörden nicht mit Anzeigen wegen Kindesmissbrauchs belastet, sondern die kriminellen Angelegenheiten kostengünstig intern klärt.

Wie Ihr seht, sind es seither ein paar Millionen mehr geworden.

Aber die neue Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag versprochen, dass es in dieser Legislaturperiode zu einer endgültigen Regelung kommen soll, um die unendlichen Zahlungen zu beenden. Und wie wir wissen, werden alle Punkte aus dem Koalitionsvertrag zügig und einvernehmlich umgesetzt, so dass Hoffnung besteht. Wem das nicht reicht, der muss halt doch beten.

Oder die Kirchen könnten, wenn es sogar die Hohenzollern können, einfach verzichten.

Schließlich ist gerade Fastenzeit.

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Die Hohenzollern geben auf

Das waren harte Monate für die deutschen Fürstenhäuser.

Zuerst wurde Heinrich XIII. Prinz Reuß verhaftet, vorgeführt und weggesperrt, obwohl er doch so gerne König, Kaiser oder Reichspräsident geworden wäre.

Weil er bei der Festnahme eine FFP2-Maske trug, verscherzte sich das fast zukünftige Staatsoberhaupt sogleich die Sympathien mindestens der Hälfte seiner Unterstützer, die nicht an Viren glauben, den Gesundheitsminister ermorden wollen und in allen Stoffen außer Tweed (nur echt, wenn von unterdrückten schottischen Leibeigenen gewebt) eine Freiheitsbeschränkung sehen. Deshalb gab es bisher wohl keinen Versuch der „Patriotischen Union“, ihren Vorzeige-Clown aus dem Gefängnis freizubomben.

Auf diesem Blog findet Ihr natürlich alle Hintergründe zu den Reichsbürgern. Wie immer sachlich fundiert, vollkommen objektiv und total neutral. Denn mit der deutschen Geschichte macht man keine Witze.

Und jetzt hat Georg Friedrich Prinz von Preußen, Clan-Chef der Hohenzollern-Bande, klein beigeben müssen. Rechtzeitig vor dem auf den 13. und 14. Juni 2023 anberaumten Gerichtstermin beim Verwaltungsgericht Potsdam, für den ich mir schon extra freigenommen hatte, hat der von seinem Naturell (oder vom BWL-Studium her) eigentlich eher geldgeile Prinz erklärt, auf millionschwere Forderungen gegen ostdeutsche Bundesländer zu verzichten.

Man verzichtet aber halt auch leichter, wenn die entscheidende Frage die ist, ob die Vorfahren mit den Nazis unter einer Decke gesteckt haben und eben jene Vorfahren ganz freiwillig, offen, regelmäßig, dauerhaft und lautstark in die Nazi-Kiste gehüpft waren. So ein Pech, dass es damals schon Fotos und Zeitungen gab.

Auch zu dem Hohenzollern-Nazi-Entschädigungskomplex, der wirklich ein bisschen kompliziert ist, gibt es auf diesem wunderbaren Blog einen sachlich-objektiven, historisch und juristisch fundierten Erklär-Artikel. Letzteres ist auch besser so, denn andernfalls wird man ziemlich schnell verklagt.

Aber auch damit soll jetzt Schluss sein, hat der Prinz von Preußen versprochen. Anscheinend ist sogar das Geld für Anwälte knapp, was mir als Jurist natürlich besonders leid tut. Denn wenn man schon bei den Juristen sparen muss, tja, dann wird Preußen niemals auferstehen. (Wenn Euch der verarmte Adel so richtig leid tut, könnt Ihr zur Feier des Tages ein Hohenzollern-Bier bestellen. Freibier gibt es leider keines, wir sind ja nicht in Bayern.)

Ach ja, zu den beiden Komplexen, Reichsbürger und Hohenzollern, gibt es auch jeweils einen Podcast, zu finden unter den angegeben Links.

Lang lebe die Republik!

Jetzt müssten nur noch die Kirchen nachziehen.

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Mit dem Flugzeug zum Müggelsee

Der Artikel über die Flaschenpost im Müggelsee, von der ich nach nur wenigen Tagen kaum annehmen darf, dass sie diesen schon verlassen hat, enthält zwei Fotos, die die etwas jüngeren Menschen unter der Leserschaft in Erstaunen versetzt haben. Viele wissen gar nicht, dass man den Lieblingssee aller Berlinerinnen und Berliner nicht nur mit dem Bus, zu Fuß, mit dem Fahrrad, auf einem Kanu, Ruder-, Paddel-, Tret- oder Hausboot und notfalls wohl auch mit dem Automobil erreichen kann, sondern dass man einst mit dem Flugzeug anreiste.

Das Foto muss am Steg vor dem Ausflugslokal „Rübezahl“ an der Südseite des Sees aufgenommen worden sein, denn dort sieht es noch immer genauso aus.

Die Landung der Dornier Do-X auf dem Müggelsee am 24. Mai 1932 war der Schluss-, End- und Höhepunkt einer 18-monatigen Welttournee des seinerzeit größten Flugzeuges der Menschheitsgeschichte.

Früher sahen die Flugzeuge nicht nur besser aus, man hatte auch viel mehr Platz und Komfort. Und man durfte an Bord noch rauchen.

Ich in so alt, an letzteres kann ich mich noch aus eigener Erfahrung erinnern. Vielleicht muss man das für die Kinder hier mal erzählen: Damals wurde bei Flug-, aber auch bei Bahnreisen beim Ticketkauf gefragt, ob man lieber im Raucher- oder Nichtraucherbereich sitzen möchte. Im Flugzeug saßen die Raucher dann hinten, die Nichtraucher vorne. Manchmal gab es einen Vorhang zwischen den beiden Abschnitten, manchmal nicht.

Auf langen Flügen (nach Singapur oder so) war das aber egal, weil die gesamte Kabine voller Qualm und Gestank und Gift und Tod war.

Das war ziemlich eklig. Deshalb sind damals viel mehr Menschen getrampt. Da gerät man zwar auch oft an Raucher, aber man kann das Fenster öffnen. Oder einfach unterwegs aussteigen, wenn es einem zu viel wird.

Hier noch ein paar Fotos von der Do-X am Müggelsee:

Und, ein ganz besonderes Schmankerl, eine Filmaufnahme von jenem freudigen Tag im Mai 1932:

Das Flugschiff wurde wirtschaftlich kein Erfolg, obwohl es so großzügig aus dem geheimen Rüstungsfonds der Weimarer Republik finanziert wurde, über dessen Machenschaften meine Leser bereits umfassend informiert sind. Von der Dornier Do-X wurden nur drei Stück gebaut, die bald alle im Museum beziehungsweise bei Altmetallhändlern landeten.

Und deshalb muss man jetzt wieder mit dem Bus zum Müggelsee fahren. Mit der Nr. 169 von Köpenick bis zur Haltestelle „Rübezahl“. Von dort spaziert Ihr schnurstracks nach Norden zum Müggelsee oder nach Süden zum Teufelssee. Seen und Wasser allenthalben und überall, fast wie in Finnland.

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Flaschenpost vom Müggelsee

Viele Leute kennen Müggelheim und insbesondere den Müggelsee nicht aus eigener Anschauung oder von meinem kleinen Reiseblog, sondern aus dem preisgekrönten Hollywood-Blockbuster-Erfolgsfilm „Hai-Alarm am Müggelsee“.

Der Film ist so naja, auch wenn er durchaus ein paar lustige Anspielungen aufweist, unter anderem auf das Vorbild aller Hai-Filme, aber auch auf die Schabowski-Pressekonferenz sowie die Westerwelle-Pressekonferenz und wahrscheinlich einiges mehr, welches ich als Ortsfremder nicht verstanden habe.

Die interessanteste Erkenntnis des Films war aber, dass der Müggelsee über alle möglichen Wasserstraßen mit den Weltmeeren, ja sogar mit Hawaii, verbunden ist.

Als Freund der völkerverständigenden Kommunikation, insbesondere der nicht-elektronischen, wofür ich manchmal, um zur naheliegenden Meeresmetapher zu greifen, als vorsintflutlich beschimpft werde, kam mir natürlich sofort eine Idee: eine Flaschenpost!

Nun ist diese Idee keine neue, nicht einmal für mich.

Bereits vor fast drei Jahren habe ich von den Azoren, mitten im Atlantik, wo diese Idee naheliegender als am östlichen Stadtrand von Berlin erscheinen mag, etliche in leere Glasflaschen und – mangels ausreichenden Alkoholkonsums – Gurkengläser gepackte, natürlich handgeschriebene Botschaften dem Meer, den Wellen, den Gezeiten und dem Schicksal überantwortet und auf eine Reise entlassen. Leider habe ich auf diese Briefe bis heute keine Rückmeldung erhalten, obwohl ich, aller Abneigung gegenüber jeglichem modernen Klimbim zum Trotz, neben meiner Post- sogar meine E-Mail-Adresse angegeben habe.

Der Müggelsee ist – in Fließrichtung – über die Müggelspree, die Spree, die Havel und die Elbe an die Nordsee angebunden, von wo aus einst die kaiserliche Hochseeflotte die Welt mit allen möglichen unsinnigen und sinnigen Missionen terrorisierte bzw. beglückte.

Das ist eine Karte von Berlin. Die markierten Flughäfen sind irrelevant, die funktionieren nicht mehr. Zur Nordsee geht es nach Norden, klar. Das ist oben. Aber man sagt bei Karten nicht „oben“ oder „unten“, zumindest nicht, wenn man bei den Pfadfindern oder ähnlichem war. Außerdem ist der Wasserweg zur Nordsee äußerst kurvig und verworren, so dass Berlin niemals zur wichtigen Hafenstadt wurde und niemand weiß, ob die hier den Naturgewalten übergebene Flasche jemals die raue See erblicken wird.

Mindestens eine Geschichte einer im Müggelsee erfolgreich versandten Flaschenpost scheint es zu geben, auch wenn mir wegen der Bezahlschranke der Märkischen Allgemeinen Zeitung die Details verschlossen bleiben. Eine Frau, die während eines Ausflugs an den Müggelsee eine Flaschenpost ins Wasser warf, hat dadurch und durch eine Antwort aus Paris (anscheinend haben die da auch Wasser, auch wenn sie immerzu Wein trinken) ihre große Liebe, ihren Mann und das Joch der Ehe gefunden. Wer Zugang zur MAZ hat, kann ja vielleicht Details beisteuern. Danke!

Von so hochtrabenden Hoffnungen bin ich gar nicht geleitet, als ich auf einem meiner vielen Spaziergänge, die in Müggelheim unweigerlich zum Wasser führen, eine Bouteille-Botschaft auf den Weg bringe. Ich habe extra einen regnerischen und windigen Tag ausgewählt, um wenig Zuschauer, aber mehr Strömung zu haben. Außerdem wollte ich es vor dem morgigen Feiertag erledigen, wenn wieder Millionen von Badegästen aus aller Welt einfliegen und die Strände von Köpenick, Friedrichshagen und Müggelheim bevölkern.

Gleich der erste Wurf gelingt. Schwungvoll und in weitem Bogen. Kraftvoll wie von einem gedopten Olympioniken. Elegant wie der Pinselstrich von Salvador Dalí (wahrscheinlich auch gedopt). Und dann dümpelt die Flasche im See, wabert auf und ab mit dem sanft plätschernden Wellengang, lässt sich treiben, ziellos, planlos, antriebslos. Sie kommt nicht recht vom Fleck. Wie eine hämische Metapher auf das Leben des Postabsenders und Flaschenwerfers.

Eine Zigarrenlänge, also eine gute halbe Stunde, verbleibe ich an dem Stück Strand, von dem aus das Kommunikationsband geknüpft ist und seine Finger und Fühler in die große, weite Welt ausstreckt. In dieser Zeit macht die Flasche vielleicht 10 Faden oder Klafter, also höchstens 60 Fuß. (Auf dem Wasser darf man nicht in Metern rechnen, das stört die Fische.) Noch enttäuschender als die Distanz ist die Richtung. Es ist nämlich die falsche.

Vielleicht hätte ich auf Ost- statt auf Westwind warten sollen, denke ich, und dass es vielleicht besser war, dass meine Bewerbung an der Marine-Akademie gescheitert ist.

Hoffentlich schafft es die Flasche zumindest durch Berlin und wird nicht schon in Kreuzberg abgefangen und im nächsten Späti zu schnödem Flaschenpfand umgewidmet. Denn an 25 Cent sollte eine Weltumrundung wahrlich nicht scheitern.

Links:

  • Es gibt einen ganzen Blog, der sich den Buddelbriefen widmet.
  • Schade, dass ich auf meinen Atlantiküberquerungen keine Flasche zur Hand hatte. Aber damals war ich so knapp bei Kasse, dass ich mir nicht einmal ein Bier leisten konnte.
  • Hier gibt es noch mehr Geschichten vom Meer.
  • Wenn man im Wasser versucht, in Metern und Kilometern zu messen, verunsichert man nicht nur die Meeresbiologie. Man verfährt sich auch leichter. So wie einst Kolumbus.

Falls Ihr nicht auf den Zufall vertrauen wollt, meine Flaschenpost zu finden, oder nicht am Meer wohnt, schicke ich Unterstützern dieses Blogs auch gerne eine Postkarte.

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Gastronom Nr. 4

Falls Ihr Euch den Besuch im Feinkostladen Gastronom Nr. 1 nicht leisten könnt oder aus politisch-moralischen Gründen derzeit nicht gerne nach Moskau fahrt, so kann ich Euch stattdessen den Gastronom Nr. 4 in Solotwino in der Ukraine empfehlen.

Ist nicht ganz so piekfein wie der Flagship-Store, aber man bekommt alles, was man braucht.

Ich persönlich finde es auch sympathisch, wenn Läden, Restaurants, Schulen, Universitäten und meinetwegen auch Anwaltskanzleien einfach durchnummeriert werden, anstatt dass sich Marketingfuzzis irgendwelche Namen aus den Fingern saugen müssen oder historische Vorbilder bemüht werden, wegen derer die Schule oder Universität dann Jahrzehnte später eine Umbenennungsdebatte durchlebt.

Links:

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Müggelheim, wo Berlin so schön wie Schweden ist

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Weil ich gerade für zwei Monate in Berlin residiere, bekomme ich eine Menge Anrufe von Fans und Followern, von Freunden und Feinden, die in der Hauptstadt wohnen und mich nun persönlich kennenlernen wollen.

„Wo genau in Berlin bist du denn?“ fragen sie.

„In Müggelheim“, antworte ich.

Die meisten haben niemals davon gehört.

Dann blicken sie auf eine Landkarte oder was immer das elektrische Äquivalent einer Landkarte ist, das der modernde Mensch heutzutage verwendet, und sagen „oh, das ist aber weit“. Was für sich genommen keine sehr sinnvolle Aussage ist, denn „weit“ ist relativ, und Müggelheim ist z.B. näher als Samarkand oder Saigon. (Obwohl ich zugeben muss, dass man die beiden letzteren Orte immerhin mit dem Zug erreichen kann, wohingegen man nach Müggelheim ab Köpenick in den Bus Nr. 169 umsteigen muss.)

Jedenfalls sind die Anrufer dann plötzlich sehr beschäftigt, verlieren das Interesse oder haben einen dringenden medizinischen Notfall in der Familie.

Das stört mich eigentlich nicht, denn so habe ich mehr Ruhe und Zeit, um diesen Teil von Berlin zu genießen, in den die meisten Berliner noch nie einen Fuß gesetzt haben. Und was für ein Genuss es ist! Ein Naturschutzgebiet mit Kiefern- und Birkenwäldern, alles dabei von tiefen Seen bis zu den höchsten Hügeln, durchzogen von Kanälen, und alles so friedlich, dass man gar nicht glauben kann, in einer Stadt mit 3,6 Millionen Einwohnern zu sein.

Jedes Mal, wenn ich aus dem Haus trete (und der Wald beginnt gleich vor der Tür), fühle ich mich nach Schweden oder auf die Kurische Nehrung zurückversetzt.

Um die Ähnlichkeit mit der Ostsee zu vervollkommnen, gibt es hier sogar Wikinger, die zum Raubzug nach Rahnsdorf rudern.

Aber natürlich haben sie keine Chance gegen die Wasserschutzpolizei.

Auch der öffentliche Nahverkehr geschieht teilweise auf Fähren, wie in Stockholm.

Und das beste an allem?

Es gibt zwar eine Wasserschutz-, aber keine Modepolizei, so dass man sogar zur Arbeit mit Jogginghose erscheinen kann. (Ja, im Wald zu sitzen und Bücher zu lesen ist ernsthafte Arbeit.)

Viele Landbewohner erzählen mir, dass sie niemals in einer Großstadt wie Berlin leben könnten, mit all dem Lärm und Verkehr, mit der Gewalt und den Drogen. Keine Ahnung, was die für Vorstellungen haben. Jedenfalls keine realistischen.

Das einzig gefährliche hier ist der Haifisch im Müggelsee.

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Leserpost: „Ein vermutlich bezahlter Reporter“ verhindert die Lösung aller Menschheitsprobleme

Das Schönste am Bloggen sind die Kommentare, die Briefe, E-Mails und sogar Buchgeschenke, die begeisterte Leserinnen und Leser aus aller Welt schicken.

Weniger schön sind die Bombenanschläge und Terroranrufe, aber bisher habe ich alles überlebt. Die Drohungen, mich zu verklagen, sind eh lächerlich. Aber am nervigsten sind die Menschen, die sowohl meinen Blog als auch sich selbst viel zu ernst nehmen.

Man weiß vorher nie, welcher Artikel solch eine Stimme anlockt, und so war ich überrascht, dass es gerade meine leicht technikkritische Auseinandersetzung mit einem kleinen Bauprojekt in der Wüste war. Es ging um den Plan, die Sahara zu fluten und zu begrünen. Und zwar mit dem Einsatz von Atombomben.

Ziemlich verrückt also. Der Plan ist zurecht in der Schublade und in der Kattara-Versenkung verschwunden.

Aber nicht, wenn es nach dem Wunsch von Dr. Antonio Mascolo geht, der unter besagtem Artikel nicht nur fleißig kommentiert und auf seine eigene Website hinweist, sondern auch heftig kritisiert, dass ich mich zu seinen eigenen verwegenen Wüstenplänen nicht äußere.

Jetzt habe ich eine E-Mail bekommen, von der ich gar nicht sicher bin, ob sie an mich gerichtet war, oder ob ich sie nur zufällig erhalten habe. Denn adressiert war sie an den Bundeskanzler, an verschiedene Zeitungen und Fernsehanstalten, an einige Universitäten und Hochschulen, an Ingenieursbüros, an die Bischofskonferenz und an Luisa Neubauer.

Ein Tipp für die Organisation Eures E-Mail-Postfachs: Nachrichten mit mehr als zwei Empfängern könnt Ihr getrost ungelesen löschen. Oder auf Eurem Blog veröffentlichen, weil sie sowieso für die Weltöffentlichkeit bestimmt sind.

—–Original-Nachricht—–
Betreff: Geoengineering

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin ein italienischer, promovierter Germanist, der seit mittlerweile 1960 in der BRD lebt und bis 2000, praktisch Fachfremd, gearbeitet hat.

Das ist generell ein Problem: Die Leute, die fachfremd sind, wissen gar nicht, was sie alles nicht wissen. Und unterschätzen eigentlich immer die Komplexität des fremden Faches. Wir kennen das z.B. von den Reichsbürgern, die einfach nicht glauben können, dass man ein Jura-Studium nicht in einem 30-minütigen YouTube-Kurs durchziehen kann.

Mittlerweile marschiere ich auf die 88 zu. Seit meiner frühesten Jugend habe ich mich für den Kriegsschiffbau interessiert, erleichtert durch das Vorhandensein einer einschlägigen Werft vor den Augen. Mit 10 Jahren bekam ich ein zerfleddertes Exemplar des „Weyers Flottentaschenbuchs 1940“, das mein erster Deutsch-Lehrer wurde.

Mit solcher Kriegsschiffbegeisterung muss man ja schon froh sein, dass sich da kein Nelson- oder Tirpitz-Komplex entwickelt hat.

Mit 50, wie so oft im Leben, begann ich, mich auch etwa für Umweltthemen zu interessieren. Mit der Zeit tun es auch viele andere Leute. Nur, anstatt nach Lösungen zu suchen, wird, meistens, nur auf die Folgen, aber praktisch nicht, eben, auf Lösungen hingewiesen. Der menschliche Erfindungsgeist, seine Neugier, seine Gier, haben die Erde vielfach am Rande der Unbewohnbarkeit gebracht, und nicht nur für uns Menschen. Anstatt nur zu protestieren, manchmal mit sehr fragwürdigen Methoden, sollten wir, mit unserem Erfindungsgeist, anfangen, die Folgen unseres Fortschritts zumindest zu lindern/ zu verlangsamen.


Damals erinnerte ich mich an den II Weltkrieg

Wer denkt nicht an den Zweiten Weltkrieg, wenn es um die Lösung der dringenden Umweltprobleme geht?

und an die zwei Schlachten von El Alamein, in Ägypten, und an die Rolle, die die südlich davon vorhandene Qattara Senke spielte. Ich fing an zu sammeln und Lösungen zu suchen, mit ganz anderen Methoden, Mitteln und Zwecken als Penk, Ball und Bassler hier vorgesehen hatten. Wer sich mit der neueren Geschichte Ägyptens beschäftigt, dem Nil und den Geburtsraten dort weiß, wie dringend hier Lösungen sind. Ich kontaktierte, damals, Ludwig Bölkow, den pensionierten AEG-Manager, den Vater der mittlerweile gebauten Solaranlage in Marokko, Eolik-Fachleute wie ein Prof der Uni Kassel, den ersten GF der NORDEX, gerade als selbstständige Firma gegründet. Alle sehr interessiert, aber ohne Folgen. Mittlerweile hatte ich die Fa. EUROWIND UK entdeckt, die H-Windanlagen mit senkrechter Achse mit bereits 10 MW konstruierte, als die mit waagrechter Achse noch bei 2-3 MW krebsten. Aber keiner bestellte und die englischen Wissenschaftler gaben auf. Seit einem Paar Jahren ist eine einschlägige schweizerische Fa. in das Geschäft eingestiegen. Sie sind der Erste gewesen, der ein Bild ihrer (mickrigen) Anlage veröffentlicht hat. Aber diese Anlagen sind, konstruktiv, fast ins Unendliche skalierbar. Und das ist der Grund, warum „man“ mit allen Mitteln diese Lösungen totschweigt. Würden sie in den möglichen Größen gebaut, wäre das Ende für Kohle, Öl, Gas und Atom.

1995 publizierte ich, im Eigenverlag, ein Buch mit dem Titel „Die Kattara Utopie“, das ich an unzählige Redaktionen, Botschaften, Ministerien sandte. Resonanz: Null. Die Lobbyisten waren am Werk.

Solche Leute sind der Grund, warum die Begriffe „Eigenverlag“ oder „Selbstverlag“ negativ konnotiert sind.

Eine erweiterte Version erschien 20 Jahre später, nur im Internet, mit dem gleichen Titel, wo sie noch zu finden ist, samt Zeichnungen. Auch hier, keine Meldung. Ganz im Gegenteil.

Jetzt kommt’s:

Ein vermutlich bezahlter Reporter hat eine zwar völlig berechtigte Kritik an dem Projekt Bassler veröffentlicht, ohne meine Lösungen zu erwähnen, obwohl er sie kannte. Wer nur die Überschriften liest, muss annehmen, dass „meine“ Kattara Utopie gemeint ist.

Ähm, ich kannte die Website von Dr. Mascolo nicht, ich habe immer noch nicht in sein Buch geblickt, und würde die ganzen Zeichnungen auch gar nicht verstehen. Und es ist nicht meine Pflicht, alle möglichen Projekte zu erwähnen. Meine Kritik ist außerdem ganz grundsätzlich technikkritischer Natur, wie ich sie auch anderweitig vorgebracht habe (Beispiel 1, Beispiel 2).

Und bezahlt wurde und werde ich für meine Bloggerei leider nicht bzw. nur ganz bescheiden.

Ich weiß nicht, woher dieser Glaube kommt, dass jeder, der anderer Meinung als man selbst ist, „bezahlt“ sein müsse, am besten noch von irgendwelchen dunklen Mächten wie der Erdöl-Mafia, der jüdischen Weltverschwörung oder der Antifa.

Mittlerweile sind mehrere Jahre vergangen und sind weitere Lösungen dazu gekommen, bzw. bekannt geworden, u.a. ein grosser Trimaran (etwa 300x 110m) für die fahrende Thunfischzucht, samt Nahrungsketten, das Sammeln, Sortieren und Verwerten des schwimmenden Mülls, das Aufsaugen der auf der Meeresoberfläche schwimmenden Öle und das möglichst schonungsvolle Sammeln der Manganknollen, dazu die Produktion und Verteilung von Bakterien, die sich von Mikroplastik ernähren.

Diese Schwimmkörper könnten als Universitäten für viele Fakultäten, bzw. als Hilfsschiffe der jeweiligen Marine dienen. Ein 300 x 300m grosser H-VAWT-Rotor und ein dreifaches Dach, bestehend aus GRIN- (GRIN= Gradient Refractive INdex) GLASS, Peroskowit-Photovoltaik, die nicht nur die Strahlung, sondern auch die Sonnenwärme nutzt, Lichtleiter und, darunter, eine Meerwasser-Entsalzungskammer unter Vakuum, zur Gewinnung von Süßwasser und Salz. Das Salz werden wir bitter nötig haben, um die Thermohaline des Golfstroms auszugleichen, bevor ganz Nord- und Mitteleuropa unbewohnbar werden. Aber es gibt etliche, weitere, verifizierte Lösungen und Vorschlage, die noch auf eine Realisierung warten.

All das – was immer es auch bedeuten soll – wird der Welt also durch den reisenden Reporter vorenthalten! Nahrungsmittelproblem, Klimakollaps, Salzproblem (von dem ich noch gar nichts wusste), alles könnte schon lange gelöst sein.

Vielleicht interessieren Sie diese Argumente und sind bereit, nicht nur „Haltet den Dieb!“, wie all die Anderen zu rufen, sondern bereit zu laufen, um ihn zu fangen? Entschuldigen Sie den Ton und die Länge.

Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Antonio Mascolo,

P.S. Keine der gegenwärtigen Schiffswerften dürfte in der Lage sein, solche breiten Rümpfe zusammenzubauen. Aber allein im Mittelmeer gibt es eine Werft der Fincanteri, die seit Jahrzehnten auf eine Modernisierung wartet. Und dort gibt es, hinter der Außenmole, genug Platz, um einen entsprechenden Baudock herzurichten, worin nicht nur eigene Bauten zusammenmontiert werden könnten, sondern auch anderswo gebaute Schiffsteile.

Na so ein Zufall: Der Weltenretter hat auch gleich die passende Schiffswerft für seine Pläne an der Hand.

Jedenfalls habt Ihr jetzt – wie von ihm gewünscht – die Website und den Plan von Dr. Mascolo, und wenn Ihr mal solarbetriebe Thunfische oder salzgetriebene Kriegsschiffe braucht, dann wisst Ihr, an wen Ihr Euch wenden könnt.

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Reise zum Mittelpunkt Europas – Kremnica, Slowakei

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Für das Projekt „Reise zum Mittelpunkt Europas“ besuche ich alle Orte, die jemals von sich behauptet haben, der Mittelpunkt Europas oder der Europäischen Union zu sein. Und schreibe darüber.

Dieses Mal geht es in ein Land, das die Hälfte von Euch beim Roadtrip durch Europa nicht finden, sondern mit Slowenien verwechseln wird. Aber wir fahren in die Slowakei. Andererseits, eigentlich ist es fast egal, wenn Ihr Euch verfahrt, denn beide Länder gehören zu den schönsten Europas.


Viele der Orte, die von sich behaupten, der geografische Mittelpunkt Europas zu sein, sind erstaunlich abgelegen.

Die Zugfahrt nach Kremnica in der Slowakei zelebriert diese Abgeschiedenheit regelrecht. Mit etwa 50 km/h schnauft die Eisenbahn eine kurvenreiche Strecke steil bergauf. Ich bin tief im Gebirge und bald über den Wolken. Der Zug hält an einsamen Bahnhöfen, von wo aus die Passagiere noch mehrere Kilometer zu ihrem Dorf gehen müssen. Jedes Mal, wenn sich die Zugtüren öffnen, fühlt sich die hereinwehende Bergluft ein paar Grad kälter an. Ein Paar wickelt eine schützende Decke um seinen Hund.

Nach einer Stunde Fahrt sind die 35 km von Zvolen nach Kremnica geschafft.

Der Fußweg vom Bahnhof in die Stadt nimmt eine weitere Stunde in Anspruch und ist noch steiler als die Bahnstrecke. Allerdings geht es jetzt bergab, denn die Stadt liegt im Tal, während die Eisenbahn in einer Ingenieursmeisterleistung wie bei der Semmeringbahn von Gipfel zu Gipfel dampft. Ich weiß nicht, ob das praktisch ist, aber es erlaubt einen Gesamtüberblick über die Stadt und die sie umgebende Landschaft. Beides optisch durchaus ansprechend.

Der Höhenunterschied zwischen der Stadt und dem zu ihr gehörigen Bahnhof beträgt fast so viel wie in La Paz, wo man zwischen dem niedrigst- und dem höchstgelegenen Stadtteil einen gesamten Kilometer an Höhen- und damit auch an Temperatur-, ja sogar klimatischem Unterschied überwindet. Aber in La Paz gibt es dafür Seilbahnen, in Kremnica nicht. Die Menschen hier müssen ziemlich sportlich sein.

Der Weg vom Bahnhof in die Stadt ist so lang, steil und weit, dass er von kleinen Rasthäuschen gesäumt ist. Leider ohne Bewirtschaftung. Erfahrene Reisende hätten sich Proviant mitgebracht, aber ich bin der Beleg dafür, dass man viel und weit reisen und dennoch immer wieder den gleichen Fehler begehen kann.

Es ist Samstag Nachmittag, und alle Geschäfte haben bereits geschlossen. Der Supermarkt: geschlossen. Die Bäckerei: geschlossen. Der kleine Lebensmittelladen auf der anderen Seite eines kleinen Rinnsals: geschlossen. Die ganze Stadt wirkt wie ausgestorben.

Nur in zwei Häusern brennt Licht. Es sind das Rathaus und das Kulturzentrum. Und nur auf einem Haus raucht der Schornstein. Das ist das Kino. Sympathisch, insbesondere weil ausweislich eines Reliefs an der Giebelwand des Lichtspieltheaters noch immer kommunistische Partisanenfilme gezeigt werden.

Hier könnte ich sogleich die örtliche Intelligenzija kennenlernen. Aber, wie schon der Kollege Brecht formulierte: Vor der Kultur kommt die Nahrungsaufnahme. Ein Rundgang durch die leere Stadt, der vor vielen verschlossenen Ladentüren und mit verzweifeltem Blick auf die dort annoncierten Öffnungszeiten endet, offenbart, dass in den Bergen ein anderer Biorhythmus herrscht. Die Geschäfte öffnen hier ab 5:30 Uhr, aber schließen bereits am frühen Nachmittag.

Ich richte mich schon darauf ein, einen Abend allein von der frischen Bergluft und den mitgebrachten Büchern zehren zu müssen, als mir auf dem Weg in die Unterkunft noch ein kleiner Laden auffällt, der über die ansonsten hier gesellschaftlich akzeptierten Arbeitszeiten hinaus seine Waren offeriert. Es ist das Alkoholgeschäft. Beziehungsweise dasjenige der Alkoholgeschäfte, das heute den 24-Stunden-Notdienst übernommen hat.

„Besser ein Bier als gar keine Kalorien“, denke ich mir, im Vertrauen darauf, dass der Kollege Brecht das sicher auch einmal so gesagt hat. Und dann findet die Verkäuferin zwischen all den Wässerchen und Fässchen sogar noch eine Tüte Chips. Halleluja!

Am nächsten Morgen haben sich die Wolken verzogen, der Regen ist verdampft, die Kälte ist gewichen, und Kremnica liegt vor mir wie eine Märchenstadt im Sonnenschein.

Das ist er, der goldene Oktober, die vielleicht letzten schönen Tage im Jahr. Ich sollte eigentlich den geografischen Mittelpunkt Europas suchen, deshalb bin ich hier, dafür seid Ihr mir gefolgt. Bei einer kleinen Kirche, ein paar Kilometer außerhalb von Kremnica soll es liegen, das Zentrum unseres Kontinents. Und zwar ganz offiziell, bestätigt von Romano Prodi. (Wer den nicht mehr kennt, ist zu jung für diesen Blog. Sorry.)

Dieser höchst bedeutsame Ort muss jedoch warten. Denn ich verspüre so viel Energie wie schon seit Wochen nicht mehr, und eine unbändige Lust auf Natur, auf Bewegung. Kremnica ist umgeben von Bergen, einer verlockender als der andere.

Aber nur einer heißt Kalvária.

Ein Wort, das man in jeder Sprache versteht, der Lateini- und Christianisierung sei Dank. Ich will hier nicht vom hohen intellektuellen Ross auf schnöde Wandertipps herabsteigen, aber das eine habe ich bei meiner Weltenbummelei gelernt: Wo Kalvarienberg drauf steht, da steige man empor und genieße die geistige Erbauung (für die Christen) oder die schöne Aussicht (für die Atheisten, Agnostiker, Heiden und Häretiker). Wobei, die Christen dürfen sich natürlich ebenfalls an der Aussicht laben, solange sie nur keine Puritaner sind.

Der Ausblick von Golgota ist wunderbar, das wusste schon Jesus. Ein Meer aus Wolken zieht sich nur langsam zwischen die perfekt geschwungenen Hügel zurück, wie wenn es dem Betrachter ganz sorgfältig die Schönheit der Slowakei preisgeben will, auf dass er – und vermutlich ein Teil der Leserschaft – sich fragt, warum er nicht schon früher die Kremnitzer Berge, die Große Fatra, die Westkarpaten und überhaupt die Slowakei besucht hat, vor allem wo sie doch so gut erreichbar, wie auf dem Präsentierteller, genau im Mittelpunkt Europas liegt.

Ach ja, der Mittelpunkt Europas, deshalb sind wir schließlich hier: Ganz entfernt am Horizont, weit im Norden, erspähe ich ein kleines Kirchlein, das verdächtig nach dem aussieht, wo der exakt und geodätisch determinierte Punkt liegen soll, ohne den ich vermutlich nie in diese berauschend schöne Ecke gekommen wäre.

Was man mit bloßem Auge erspähen kann, kann man auch an einem Tag erwandern. Die Fotos vermitteln Euch hoffentlich einen Eindruck von den folgenden Stunden, die ich bergauf und bergab, aber tendenziell und vor allem am Ende nur mehr bergauf in Richtung Kremnické Bane gelaufen bin.

In der kleinen Kirche dort erfahre ich, dass der Ort auch Johannesberg heißt. Die Beschriftung des Kreuzweges ist zweisprachig, slowakisch und deutsch. Der Abriss über die „Historick“ der Kirche ist zweisprachig, slowakisch und deutsch. Das Kriegerdenkmal ist einsprachig, nur deutsch. Es waren die Deutschen und Österreicher, die den Ersten Weltkrieg wollten, aber die Tschechen und Slowaken, die am Ende dadurch ihr eigenes Land bekamen.

Die Deutschen und Österreicher waren es auch, die den Zweiten Weltkrieg wollten. An dessen Ende wurden sie dafür aus der Tschechoslowakei vertrieben. Zumindest weitgehend. In der Nähe von Kremnica soll es ein Dorf geben, in dem noch immer so viele Deutsche leben, dass Deutsch die zweite Amtssprache ist: Krahule bzw. Blaufuss.

Aber zuerst geht es an den letzten Aufstieg zu der kleinen Kirche, wo ich den geografischen Mittelpunkt Europas vermute. Ich bin aufgeregt, aber erwarte nicht zu viel, denn einige dieser sorgfältig gemessenen Mittelpunkte sind reichlich unspektakulär. Wahrscheinlich so, wie den Nord- oder Südpol zu erreichen, nachdem man sich 2.000 km durch Eis und Schnee gekämpft hat. Und dann steht da einfach ein kleiner Hinkelstein auf einem Feld.

Aber was für eine Aussicht!

Ganz genau genommen, falls man an solch verdächtige Zufälle glauben will, liegt der geografische Mittelpunkt Europas jedoch in der Kirche. Details werden nicht verlautbart, aber ein Schild behauptet, dass es sich hierbei um den ältesten Mittelpunkt Europas handelt. Also wahrscheinlich aus einer Zeit, als man noch gar nicht wusste, wie weit Europa in alle möglichen Himmelsrichtungen ragt, womöglich vor der Entdeckung der Kanarischen Inseln oder der Azoren.

Die Kirche selbst ist auch ein Mittelpunkt: Sie steht auf freiem Feld, weil sich die fünf umliegenden Dörfer im 14. Jahrhundert keine eigene Kirche leisten konnten/wollten und deshalb eine gemeinsame Kirche auf diesem äquidistanten Punkt errichteten. Solch Sparsamkeit und Kooperation lobe ich mir. Besser als heutzutage, wo nicht nur jedes Dorf, sondern auch Katholiken, Protestanten, Unitarier, Mormonen, Baptisten, Adventisten des Siebten Tages, Zeugen Jehovas, Neuapostoliker und die Bruderschaft des Heiligen Geistes jeweils eine eigene Kirche haben wollen.

Sogar die Esoteriker waren schon hier, denn eine weitere Tafel vor der Kirche warnt:

Hier kannst du dich so sehen, wie du wirklich bist. Als Zentrum deines Lebens. Als Zentrum aller Geschehnisse um dich, der stofflichen und der spirituellen. Dein Leben ist nur dein. Lebe es. Hör auf, auf besseren Augenblick zu warten. Der beste Moment ist jetzt. Der beste Ort ist hier. Fange an. Lebe. So wie Barbara lebte. Ihre Entscheidungen hatten Folter und Tod zur Folge. Deine Entscheidung kann für dich den Beginn des neuen Lebens bedeuten. Es wird vielleicht mit Kampf erfüllt. Dem Kampf mit deinen fest verankerten Verhaltensmustern.

Unter allen Esoterikern nerven die christlichen Esoteriker am meisten. Ständig wollen sie jemanden kreuzigen oder foltern oder steinigen. Und Menschen, die sich selbst für das Zentrum aller Geschehnisse halten, von denen haben wir nun wirklich mehr als genug.

Aber es gibt auch einen offiziellen Gedenkstein. Und einen Brunnen, der Euros sprudeln lässt, aber leider schon für den Winter abgestellt ist. Finanziell habe ich immer Pech auf meinen Reisen. Naja, dann gibt es eben wieder nur ein Landstreicher-Lunch. Aber es ist ja auch gemütlich, einfach in der Wiese zu liegen, dem Zwölfuhrläuten zu lauschen, die Sonne zu genießen und alle Zweifel über die Begründetheit des hiesigen Mittelpunktanspruchs mit den Wolken ziehen zu lassen, weil man sich einfach freut, durch dieses absurde Projekt einen der schönsten Orte Europas entdeckt zu haben.

Auf der Karte sehe ich, dass das oben erwähnte Dorf Krahule/Blaufuss nur ein paar Kilometer entfernt liegt, allerdings immer weiter bergauf. Ich versuche zu trampen, aber die Autofahrer halten nicht. Der Fahrradfahrer hält nicht. Das Mädchen auf dem Pferd hält nicht.

So gelange ich schließlich zu Fuß nach Krahule/Blaufuss, wo ich feststellen muss, dass meine Informationen überholt zu sein scheinen. Ich erblicke keine deutschsprachigen Ortsschilder. Das Schild mit der Geschichte des Ortes ist ausschließlich auf Slowakisch. Auch das Hinweisschild auf den Streichelzoo. Nur die Grabsteine auf dem Friedhof sind etwa zur Hälfte auf Deutsch.

Das Schild mit dem Bären kann ich nicht lesen, aber ich vermute, dass es die Wanderer darum bittet, diesen netten Tieren etwas Futter mit in den Wald zu bringen. Deshalb – und weil ich selbst schon ziemlich hungrig bin – suche ich einen Laden oder ein Restaurant. Fehlanzeige. Lediglich eine kleine Kneipe entdecke ich. Zwei Männer sitzen über dem, was weder ihr erstes noch ihr letztes Bier des Tages zu sein scheint. Auf dem Fernseher im Gastraum läuft der James-Bond-Film „Quantum of Solace“ auf Slowakisch oder Tschechisch. Ich weiß gar nicht, ob zwischen den beiden Sprachen ein großer Unterschied besteht. Wohl kaum, schließlich müssen sich die beiden Völker und Landesteile vor der gütlichen Trennung im Jahr 1992 gut verstanden und verständigt haben. Vielleicht ist das auch so ein Übersetzerbeschäftigungsprogramm wie die Aufspaltung von Serbokroatisch in vier Sprachen.

Jedenfalls frage ich, ob es etwas zum Essen gibt.

„Nein“, sagt das Mädchen hinter der Theke.

„Schade“, sage ich, aber dieser dezente Hinweis auf meinen leeren Magen führt nicht dazu, dass das Fräulein ihr gastronomisches Angebot überdenkt.

„Haben Sie eine Cola?“ frage ich, um wenigstens ein paar Kolarien zu mir zu nehmen.

„Nein,“ sagt die Bardame, „hier gibt es nur alkoholische Getränke.“

Die beiden James-Bond-Fans lachen.

„Ich sehe da eine Flasche Cola hinter Ihnen“, bemerke ich mit meinem auf das Entdecken von Coca Cola in den entlegensten Winkeln dieser Welt geschulten Blick.

„Die ist für Whisky-Cola“, antwortet die Getränkefachfrau in einem Ton, wie wenn der Konsum von ungepanschter Cola gegen das Gesetz verstieße. Der grimmige Blick der beiden Männer im Holzfällerhemd lässt zumindest auf die Verletzung ungeschriebener kommunaler Vorschriften schließen. „Kanun“ nennen wir Fachleute das, und es kann tödlich enden.

Nur mein Verweis auf die mehrstündige Wanderung, die ich sowohl hinter als noch vor mir habe, erweicht die Regeln, und mir wird eine kleine Ration Cola zugestanden. Wahrscheinlich gibt es am Abend dafür etwas mehr Whisky in der Whisky-Cola. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sich daran jemand stören wird.

Krahule/Blaufuss ist ein kleines Dorf. Viel los ist hier nicht, aber die Skilifte versprechen, dass sich das in den Wintermonaten ändert.

Falls der Klimawandel nicht dazwischen funkt und die Skier nur mehr der Dekoration dienen.

Wer meinen Blog kennt, der weiß, fürchtet und verflucht des Öfteren, dass meine Herumwanderei nur ein Vorwand für historische Exkurse ist. Die Geschichte der Tschechoslowakei habe ich schon anderswo touchiert (z.B. in Pilsen oder beim Schweik). Gerade in Kremnica, dessen Bevölkerung vor dem Ersten Weltkrieg zu einem Drittel aus Slowaken, zu einem Drittel aus Ungarn und zu einem Drittel aus Deutschen bestand, böte sich die Möglichkeit, über die deutsch-tschechoslowakischen Beziehungen von der Sudetenkrise bis zu den Vertreibungen nach den sogenannten Beneš-Dekreten zu erzählen.

Aber weil sich eine erstaunliche Anzahl von Mittelpunkten Europas auf dem Gebiet der Tschechischen Republik befindet, wird es dazu noch genügend Anlass geben. Und das ungarische Trianon-Trauma bekommt sowieso bald einen eigenen Artikel.

Außerdem, die Aufmerksamen unter Euch haben es bereits auf der Wanderung erspäht, bietet sich in und um Kremnica ein anderes Thema von herausragender historischer Bedeutung an: der Bergbau.

Aber bevor wir in die dunklen und feuchten Tiefen des Erdballs hinabsteigen, noch ein paar Fotos von der Wanderung von Krahule/Blaufuss zurück nach Kremnica/Kremnitz/Körmöcbánya.

In dieser Gegend kann man in jede Richtung laufen, auf jeden Berg klettern, man findet einfach keinen hässlichen Fleck! Nur von den versprochenen Bären habe ich keinen gesehen. Schade, denn ich komme ganz gut aus mit diesen kuschligen Tierchen. Aber das sollte ich auch, schließlich arbeite ich hauptberuflich als Tierpfleger.

Auf weniger gutem Fuß stehe ich mit dem Konzept des Schnell-auf-den-Punkt-Kommens, denn erst jetzt, nach mehr als 2000 vergossenen und verflossenen Wörtern erwähne ich, warum Kremnica so wichtig ist. Oder wichtig war. Damals, im Mittelalter, in der guten alten Zeit, als man noch nicht mit Bitcoin genervt wurde, sondern bei jeder Transaktion die Münzen in der Tasche klimperten. Denn Kremnica war nicht irgendein x-beliebiges Montandorf wie Recklinghausen oder Manchester. Nein, im „goldenen Kremnitz“, wie die Stadt damals bezeichnet wurde, baute man das richtig wertvolle Zeug ab: Gold und Silber.

Und zwar tonnenweise.

Aus 170 Schächten, 110 Stollen und 205 Kilometern an Tunneln wurde in der produktivsten Zeit so viel Gold gefördert, dass pro Jahr bis zu 500.000 Golddukaten in Kremnica geprägt wurden. Mitte des 14. Jahrhunderts kam 80 % des europäischen Goldes aus den Bergstädten im damaligen Königreich Ungarn, von denen die meisten in der heutigen Slowakei liegen. Nach der Stadt Florenz hießen die Münzen Florentiner, praktisch so etwas wie der Euro des 14. Jahrhunderts. In der heutigen ungarischen Währung Forint lebt das Wort weiter, wenn auch mit leichten Inflationsproblemen.

Eine dieser Städte, Banská Štiavnica (auf Deutsch: Schemnitz), ist sogar UNESCO-Weltkulturerbe.

Keine Ahnung, wieso Kremnica nicht die gleiche Ehre zuteil wurde. Denn hübsch genug ist die Stadt, wie ich mich auf meinen Spaziergängen immer wieder überzeugen kann.

Einen besonders guten Ausblick hat man vom Turm der Stadtburg, die auf einem Hügel innerhalb der Stadt liegt, umgeben von einem voll erhaltenen Mauerring. Um die 127 engen Stufen zu erklimmen, sperrt mir eine Angestellte des Museums ein eisernes Tor auf – und gleich nach mir wieder zu. „Wenn Sie raus wollen, ziehen Sie an der Glocke. Aber in 20 Minuten mache ich eine Stunde Mittagspause. Wenn Sie das verpassen, müssen Sie halt auf dem Turm warten.“

Ich beeile mich, denn in so windigen und luftigen Höhen fühle ich mich überhaupt nicht wohl. Deshalb gibt es auf diesem Blog auch keine Berichte von Ballonfahrten, Reisen mit Luftschiffen und nur selten einen Ausflug ins Hochgebirge. Ich bleibe lieber auf dem Boden, ganz meinem bescheidenen Charakter entsprechend. (Mit der einen Ausnahme, wo mich die Feuerwehrmänner in Brasilien im Helikopter mitgenommen haben. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Apropos Geschichte: Der Bergbau in dieser Region florinierte, machte zuerst die Könige von Ungarn und dann die Habsburger reich, vergoldete Kirchen und Paläste in ganz Europa und begründete in Kremnica die Tradition der Münzprägung, die bis heute andauert.

Gold wird zwar nicht mehr gefördert, aber hier wurden die Münzen der Tschechoslowakei, seit 1993 die slowakischen Kronen und seit 2008 bereits 500.000.000 slowakische Euro-Münzen geprägt. (Vielleicht ist Euch das noch nicht aufgefallen, weil Ihr nur mit Buch-, Giral- oder Papiergeld bezahlt, aber die Euro-Münzen werden auf der Rückseite von jedem Euro-Land selbst geprägt. Außer im Kosovo und in Montenegro, aber die nutzen den Euro ja auch nur so halblegal.)

Außerdem hat die örtliche Prägeanstalt bereits Münzen für Polen, Rumänien, Griechenland, Kuba, Mongolei, Algerien, Tunesien, Guinea, Sudan, Senegal, Mali, Kap Verde, Libanon, Irak, Slowenien, Bangladesh, Indien, Mauretanien, Zypern, Albanien, Russland, die Vereinigten Arabischen Emirate, Israel, Katar, Nepal, Somalia, Andorra, Kongo, Panama, die Cook-Inseln, Nordkorea, Namibia, Liberia, Hongkong, Belgien, Spanien, Frankreich, das Vereinigte Königreich, die USA, Norwegen, Argentinien und Malaysia und angeblich sogar für Deutschland hergestellt.

Dabei ging es mit dem Bergbau in Kremnica schon seit dem 16., spätestens seit dem 17. Jahrhundert bergab. Je tiefer gebohrt wurde, umso komplizierter wurde es. (Wie beim Zahnarzt.) Schächte und Stollen liefen mit Wasser voll. Und auch politisch wurde es kompliziert.

Bekanntlich begann der Dreißigjährige Krieg im Jahr 1618, weil sich die Stände Böhmens ein bisschen mehr Autonomie innerhalb des Habsburgerreiches wünschten. Der Kaiser sagte „so ein Schmarrn“ und setzte lieber ganz Europa in Brand.

Krieg kostet Geld, und ein Dreißigjähriger Krieg kostet noch viel mehr Geld. Wenn es nach den Leuten von Kremnica (und der anderen Bergstädte in Böhmen, Mähren und Schlesien) gegangen wäre, so hätten sie dem Kaiser und dem Reich natürlich die Finanzierung des gegen sie gerichteten Krieges verwehrt. Man kann so eine Goldmine ja auch „aus Versehen“ fluten. Oder sprengen. Oder in den Bummelstreik gehen und Protestlieder singen.

Mit anderen Worten: Hier, in dieser Stadt, hätte der Dreißigjährige Krieg verhindert werden können.

Wenn nicht leider kurz zuvor Amerika und in Amerika wiederum riesige Gold- und vor allem Silbervorkommen entdeckt worden wären. Das krallten sich zwar die Spanier, aber der spanische König Philipp III. war auch ein Habsburger und Cousin oder so etwas von Kaiser Ferdinand II. Also finanzierte das spanische Gold und Silber aus der neuen Welt die dreißig Jahre Krieg in der alten Welt.

Das goldene Kremnitz wurde in seiner Bedeutung für die Weltwirtschaft abgelöst von Potosí im heutigen Bolivien, das ich im Rahmen dieser Recherche deshalb ebenfalls für Euch ausgekundschaftet habe. Ich war dort sogar selbst im Bergwerk, unter gefährlichsten Bedingungen, mit einem Rucksack voll Dynamit auf dem Rücken und umgeben von Bergleuten, die unter dem Einfluss von Alkohol und Coca-Blättern sprengten, hämmerten und ihr und mein Leben riskierten.

In Kremnica sollte ich jetzt eigentlich auch in verlassene Stollen einfahren und nach Gold und Geschichten schürfen. Oder gar, wie die eher wissenschaftlich motivierten Kollegen aus der „Reise zum Mittelpunkt der Erde“, nach rhomboedrischen Kristallisationen, retinasphaltischen Harzen, Gheleniden, Fangasiden, Bleimolybdaten, Mangantungstaten und Zirkontitaniaten suchen. Allermindestens sollte ich das Archiv, das Museum und die örtliche Bibliothek besuchen.

Aber es ist ein warmer, sonniger Tag Ende Oktober. Wahrscheinlich der letzte in diesem Jahr, bevor die Nebelschwaden heraufziehen und der Winter kommt.

Also gehe ich einfach in den Park.

Eine Lehrerin flüstert ihren Kindergartenkindern etwas zu, und als sie an der von mir okkupierten Bank in Zweierreihen vorüberziehen, sagen sie alle gleichzeitig, wie aus einer Kehle, „dobrý deň“. Und es ist tatsächlich ein guter Tag. Man braucht auch solche Tage, an denen man nur liest, raucht, die Sonne genießt und sich dem Diktum der Chrematistik entzieht und verweigert. Ein Tag, an dem das Telefon ausgeschaltet und die Uhr keines Blickes gewürdigt wird. Ein Tag, an dessen Ende man nichts vorzuweisen hat, nichts erledigt und geschafft hat, außer dass man mal wieder glücklich war.

Aber macht Euch keine Sorgen, in den kommenden Folgen geht es gewohnt detailreich in die Geschichte, von Kaiser Barbarossa zum Vichy-Regime, vom Deutschen Orden zur Polnisch-Litauischen Union.

Am nächsten Morgen, als ich um 5:40 Uhr den Bus nach Žiar nad Hronom nehmen will, sehe ich, wie wichtig der Bergbau in der Region noch immer ist. Die meisten Verbindungen sind mit Schlägel und Eisen markiert und damit den Bergleuten vorbehalten. Aber der Busfahrer würdigt mein frühes Aufstehen, ist großzügig und lässt mich zwischen all den Helden der Arbeit einsteigen.


Das war also der zweite Stopp auf der „Reise zum Mittelpunkt Europas“. Wie bereits beim ersten Mittelpunkt war ich überrascht, wieviel europäische Geschichte in einem kleinen, abgelegenen Tal aufzuspüren ist.

Danach ging es in die Winterpause, aber ab dem Frühjahr 2023 wird es so richtig losgehen mit diesem großen Europaprojekt. Werft doch mal einen Blick auf die Karte und die Liste aller Mittelpunkte. Wenn Ihr in der Nähe eines dieser Punkte lebt, würde ich mich nämlich freuen, Euch kennenzulernen!

Und die hochgeschätzten Unterstützerinnen und Unterstützer dieses Blogs bekommen von unterwegs eine Postkarte. In der Johannes-Kapelle gab es sogar noch welche von diesen Relikten aus vorvergangenen Zeiten. Das ist ja leider nicht mehr selbstverständlich.

Möchtest du eine Postkarte?

Ihr wärt überrascht, herauszufinden, wie schwer es vielerorts geworden ist, noch Postkarten zu finden. Aber für Euch, geschätzte Leserinnen und Leser, mache ich mich auf die Suche nach diesen Relikten vergangener Zeiten.

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Vor hundert Jahren wollten sich Frankreich und Belgien eine Scheibe von Deutschland abschneiden – Januar 1923: Ruhrbesetzung

Nachdem es für den Januar 1923 bereits eine lustige Folge aufgrund eines traurigen Anlasses gab, präsentiere ich heute eine ernste Folge über einen ernsten Anlass.

Damit fehlt nur noch eine ernste Folge über einen lustigen Anlass, aber im Januar 1923 war leider gar nichts lustig. Außer vielleicht das Testament von Lenin, der in seinen letzten Atemzügen die Absetzung von Stalin empfahl, weil jener charakterlich nicht geeignet sei. Naja, da ist aber auch nur die vorsichtige Formulierung

„Genosse Stalin hat, nachdem er Generalsekretär geworden ist, eine unermessliche Macht in seinen Händen konzentriert, und ich bin nicht überzeugt, dass er es immer verstehen wird, von dieser Macht vorsichtig genug Gebrauch zu machen.“

amüsant, sonst nichts.

Und dann erschien im Januar 1923 noch die erste Ausgabe der Zeitschrift MERZ, herausgegeben von Kurt Schwitters. Aber dazu kann, darf und sollte ich mich als Kunstnichtsachverständiger nicht äußern.

Außerdem war das ein dadaistisches Projekt, was so gar nicht in diesen höchst seriösen, den klassischen Formen der Literatur stringent verpflichteten Blog passt. Deshalb gibt es hier auch keine „weißlackierte Tüte“, wie sie das Inhaltsverzeichnis von MERZ verspricht. Sorry. Für Freunde von Tüten, Beuteln, Taschen und Säcken gibt es aber ein anderes dadaistisches Blogprojekt. Im Internet gibt es nämlich alles.

Man könnte jetzt eine Menge Scherze über Friedrich Merz (und Tüten) machen, aber ich kann nicht ausschließen, dass unter den Leserinnen und Lesern CDU-Mitglieder sind. Und dieser Blog kann es sich nicht erlauben, von der an einer polydaktylen Hand abzuzählenden Leserschaft jemanden zu verlieren. Außerdem muss man ja schon froh sein, wenn die Leute nicht bei der NPD, bei den Republikanern oder bei der Brexit-Partei sind. Mich wundert übrigens, wie wenige Menschen überhaupt in einer politischen Partei sind. Ich meine, das kostet ja nur ein paar Euro im Monat, weniger als eine Currywurst oder ein Döner. Und Ihr müsst deshalb auch nicht gleich für den Bundestag kandidieren oder so. Sogar Kurt Schwitters war bei der SPD. Allerdings musste er deshalb (oder wegen des Dadaismus) 1937 vor den Nazis fliehen.

Und damit kommen wir endlich – stören Euch eigentlich diese langen Einleitungen? – zur ernsthaften Geschichte, die sich im Januar 1923, mithin vor genau hundert Jahren zugetragen hat. In den Jahren 1920, 1921 und 1922 war die Konstante dieser kleinen Geschichtsreihe, dass der Erste Weltkrieg im November 1918 nicht wirklich zu Ende gegangen war, sondern vielerorts noch weitertobte, wieder aufflammte und seine Nachwirkungen entfaltete.

Leider gilt das auch noch für das Jahr 1923. Gleich zu Beginn, direkt nach den Weihnachtsferien. Und richtig massiv, mit großem Wumms. Einem Doppel-Wumms sogar: Am 11. Januar 1923 marschierten 60.000 französische und belgische Soldaten, schwer bewaffnet mit Artillerie und Panzern, über den Rhein und besetzten das Ruhrgebiet.

„Mais pourquoi?“ fragt Ihr Euch, denn was zum Teufel will man mit einem Ruhrgebiet? So Städte wie Essen, Gelsenkirchen oder Bochum sind ja nun wirklich nicht gerade hübsch.

Wenn also Frankreich und Belgien ein Riesen-Tamtam um so eine hässliche Region machen, kann man sich vorstellen, wie schlimm, wüst und trostlos es in diesen beiden Ländern aussehen muss. Gerade Frankreich hat zwar den Ruf, très jolie zu sein, aber in Wirklichkeit ist es das Oktoberfest unter den Ländern: Jeder will mal hin, das Marketing ist toll, aber wenn man dort war, fragt man sich, wofür, warum und wozu.

Eine andere Erklärung sieht man auf obigem Foto: Möglicherweise ging es unseren beiden Nachbarländern damals weniger um touristische Höhepunkte, sondern um Kohle, Eisenerz und Stahl. Und die wirklich schönen deutschen Industriestädte wie Eisenhüttenstadt oder Sulzbach-Rosenberg existierten damals noch nicht, also musste man nehmen, was halt da war.

Ganz kurz zur Vorgeschichte: Erster Weltkrieg. Deutschland griff (unter anderem) Frankreich und Belgien an, machte viel kaputt, verlor aber schließlich den Krieg. Versailler Vertrag. Deutschland musste Reparationen zahlen. Das ist so etwas wie Schadensersatz, nur eben auf völkerrechtlicher Ebene.

Deutschland sah eigentlich nie richtig ein, warum es Reparationen bezahlen sollte.

„Wir dachten, wenn wir Europa in Schutt und Asche legen, werden wir mit einem Marshall-Plan belohnt?“

„Erst beim zweiten Mal.“

„Ach so.“

Jedenfalls gab es ständig Zwist und Zank, wie immer, wenn es um Kohle geht. Im Januar 1923, nachdem weniger als die vereinbarte Menge an Baumstämmen zur Produktion von Telegraphenmasten an Frankreich geliefert wurden, nutzen unsere westlichen Nachbarn diesen Vorwand, um die vereinbarten Maastricht-Kriterien knallhart durchzusetzen und ins Ruhrgebiet einzumarschieren. „Sicherung produktiver Pfänder“ nannten sie das, und das Ziel war hauptsächlich der Abtransport von Kohle, Erz, Stahl und allem, was Mutter Erde sonst noch freigibt, wenn man sie freundlich bittet oder tief genug gräbt.

„Mit diesen Briketts backen wir Baguettes.“

Man muss wissen: Der ganze Weststreifen Deutschlands und das Rheinland, also zufällig alle Weinanbaugebiete, waren zu jener Zeit sowieso schon durch die Alliierten besetzt (auf der Karte farbig markiert), der Weg ins Ruhrgebiet (schraffiert) war also nicht weit. Von der Fläche eher zu vernachlässigen, wie Ihr seht, aber eben wirtschaftlich bedeutsam. Und auch von hohem symbolischen Wert, schließlich befanden sich hier die Waffenschmieden wie Krupp, Thyssen und Rheinmetall, aus deren Produktpalette sich auch heute noch jeder stolze Haushalt für seine Küchengeräte bedient. Oder ist das Krups? Ich habe ja selbst keine Küche und deshalb keine Ahnung von diesen Dingen.

Die Amerikaner hatten sich just ein paar Tage zuvor aus Deutschland zurückgezogen, weil sie dachten: „Hier ist jetzt alles friedlich und stabil bis in alle Ewigkeit. Wir werden nicht mehr gebraucht.“ Das war, wie wir wissen, ein Trugschluss. Zum Glück waren unsere amerikanischen Freunde nicht nachtragend und retteten uns 20 Jahre später erneut aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Beim zweiten Mal blieben sie länger. Sicher ist sicher. (Auch wenn das den Reichsbürgern nicht gefällt.)

Aber zurück zum Januar 1923. Die Zahl der französischen und belgischen Besatzungstruppen stieg auf 100.000 Mann, die in Schulen, Büros, Hotels, Bauernhöfen, Amtsgebäuden und auch Privatwohnungen einquartiert wurden. Die deutsche Polizei wurde entwaffnet. Deutsche mussten die französische Fahne grüßen. (Darauf spielt der Gesslerhut in Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ an.) Deutsche Beamte, die sich weigerten, für die Besatzungsmacht zu arbeiten, wurden aus dem Ruhrgebiet ausgewiesen. Das Ruhrgebiet wurde vom Rest Deutschlands abgeriegelt.

Das Ruhrgebiet wurde praktisch verwaltet wie eine Kolonie. Und das ist ja auch logisch, denn mit Kolonien hatten der französische Staat und seine Armee jahrhundertelange Erfahrung. Von Kanada bis Vietnam. Da mussten dann schon wieder die USA eingreifen. Diesmal weit weniger ehrenvoll. Naja, man kann nicht immer auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. (Das kann nur Giuseppe Garibaldi.)

Den Deutschen stank das jedenfalls gewaltig.

Dabei übersahen sie geflissentlich, dass nach dem vorvergangenen Krieg, dem Preußisch-Französischen Krieg von 1870 Deutschland Frankreich genauso behandelt hatte: Deutschland hatte sich Elsass-Lothringen und damit den größten Teil der französischen Eisenerzvorkommen unter den Nagel gerissen. Deutschland forderte von Frankreich Reparationen und hielt Teile Frankreichs bis zur vollständigen Zahlung dieser Reparationen im Jahr 1873 besetzt. Eine der französischen Familien, in deren Haus noch drei Jahre lang deutsche Besatzungstruppen einquartiert waren, war die Familie Poincaré. Deren Sohn war 1923 französischer Ministerpräsident und Außenminister und die treibende Kraft hinter der Ruhrbesetzung. Französische Politiker sind, wie wir später noch sehen werden, ein bisschen nachtragend.

Aber es gab da noch etwas, das die Deutschen mehr entzürnte, erboste, aufregte und zur Weißglut brachte als alles andere: die Tatsache, dass Frankreich zur Besetzung des Ruhrgebietes Ausländer geschickt hatte.

„Wie? Natürlich waren das Ausländer. Ist ja eine fremde Armee.“

„Nein, so richtige Ausländer.“

„Du meinst die Fremdenlegion?“

„Nein, ich meine, wie soll ich das sagen… Die haben schwarze Soldaten!“

„Ach, du Schreck!!“

Und so ward in Deutschland der Rassismus begründet.

Für die deutsche Regierung stellte sich die Frage, wie man – jenseits von natürlich aussichtslosen Protestnoten – reagieren sollte. Da besann man sich auf den alten deutschen Laienprediger Martin Luther King und sein bereits in Alabama erprobtes Konzept vom passiven Widerstand.

Martin Luther und sein Cousin Martin Luther King werden tatsächlich oft verwechselt, wie ich eines Morgens in Bolivien auf der Rätselseite der Tageszeitung feststellen musste.

Dabei lernen doch gerade die bolivianischen Kinder so viel über deutsche Geschichte, gehen in deutsche Schulen und tragen deutsche Schuluniformen!

Obwohl Potosí mit seinen Bergwerken eigentlich zum Ruhrgebiet passt, ist das jetzt zu viel der Abschweifung. Also zurück nach Deutschland ins Jahr 1923, wo die Reichsregierung die Bürgerinnern und Bürger im Ruhrgebiet zum passiven Widerstand aufrief. Die Menschen sollten den Weisungen der Besatzer keine Folge leisten, sie sollten streiken, Verkehrsschilder abmontieren (deshalb gibt es in Deutschland auch heute noch kein Tempolimit), die Eisenbahnen und Maschinen nicht mehr warten (deshalb die vielen Verspätungen bei der Deutschen Bahn), Sitzblockaden veranstalten und sich auf der Straße festkleben.

Insbesondere sollten sie verhindern, dass unter französischer oder belgischer Kontrolle neue Kohle- oder Erzvorkommen erschlossen werden. Zum 100. Jubiläum wurde deshalb von geschichtsbewussten Menschen in Nordrhein-Westfalen der damalige Ruhrkampf nachgespielt.

Außerdem, denn Deutsche sind gründlich, wurden für französische Lehnwörter deutsche Begriffe erfunden, damit man nicht mehr Trottoir oder Portemonnaie sagen musste. Wer also glaubt, weltmännisch parlieren zu müssen, anstatt Bürgersteig oder Geldbörse zu sagen, ist in Wirklichkeit ein Büttel der Besatzungsmacht.

Deutsche sind nicht nur gründlich, sondern auch ein bisschen arg aufs Geld aus. Bei anderen Völkern kann man viel erreichen, wenn man an Ehre, Patriotismus und so appelliert. Aber die Deutschen fragen, wenn der erste Überschwang abgeklungen ist: „Wer bezahlt mir das?“ (Und wenn es sich auszahlt, machen sie auch beim Völkermord mit.)

Die Antwort war einfach: Der Staat bezahlt.

Alle Arbeiter, die bei Streik keinen Lohnen bekamen. Die Unternehmen, die weniger verkauften. Die Kneipiers, die weniger Umsatz machten. Sie alle bekamen einen Bailout, um ein letztes Mal ein französisches Wort zu verwenden.

Wenn man Tag und Nacht Geld druckt, obwohl die wichtigste Wirtschaftsregion des Landes ruht, dann führt das zur Inflation. Aber das soll jetzt kein Vorwurf sein, schließlich konnte das vorher niemand ahnen. Man muss halt alles einmal ausprobieren. 1923 wurde aus der Inflation schnell eine rasende, dann eine galoppierende und schließlich eine Hyperinflation. (Das sind die offiziellen Inflationsstärken auf der Beaufort-Skala, um zum allerletzten Mal ein französisches Wort zu verwenden.)

Mit ein paar Millionen Mark konnte man immerhin eine Kanne Tee kochen.
Das war ein einfacher Inlandsbrief (Vorder- und Rückseite).
Fast so drastisch wie heutzutage die Entwicklung der Dönerpreise.

Die Inflation von 1923 war so ein Riesenthema, dass sie eine eigene Folge im Laufe des Jahres verdient hat. Interessant wird das vor allem, weil sich die Inflation zu einem nationalen Trauma in Deutschland entwickelt hat und die meisten Menschen ganz falsche Schlüsse daraus ziehen.

An dieser Stelle muss genügen, dass sich die Ruhrbesetzung für niemanden rentiert hat: Frankreich und Belgien bekamen aufgrund der Streiks und Sabotageaktionen (es gibt nämlich auch Gruppen, die mehr als passiven Widerstand leisten und Züge entgleisen lassen oder Sprengstoffattentate verüben) weit weniger an Reparationen als in den Jahren zuvor. Und für das Deutsche Reich war der passive Widerstand äußerst kostspielig. Der Staat musste Lohnersatzleistungen und entgangene Gewinne für Reichsbahn, Post und Privatunternehmen begleichen, und das zu einer Zeit, da aus dem sonst produktiven Ruhrgebiet keine Steuereinnahmen mehr erzielt wurden.

Und so musste der neue Reichskanzler Gustav Stresemann im September 1923 die Reißleine ziehen und das Ende des passiven Widerstandes verkünden. Für Deutschland kam dies einer zweiten Kapitulation gleich, und man könnte sagen, dass der Erste Weltkrieg erst da wirklich zu Ende war.

Stresemann war es auch, der mit dem neuen französischen Ministerpräsidenten Aristide Briand 1925 den Vertrag von Locarno abschloss. Darin wurde das Verhältnis der beiden Staaten normalisiert, die Grenzen festgelegt und die Entmilitarisierung des Rheinlandes festgelegt.

Es folgte die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund und der Friedensnobelpreis für Stresemann und Briand, jeweils 1926.

Naja, der Frieden hielt ja dann immerhin 14 Jahre, bis Deutschland schon wieder Frankreich überfiel. Und, weil sich alles immer wiederholt, gab es auch nach dem Zweiten Weltkrieg (Deutschland hatte wieder verloren) Zank um die Zechen. Frankreich wollte, dass das Ruhrgebiet von Deutschland abgetrennt wurde (also praktisch wie unter seiner Besatzung 1923). Die Sowjetunion wollte einen Viermächtestatus, wie für Berlin oder Wien.

Dagegen waren vor allem die Briten, in deren Besatzungszone das Ruhrgebiet lag. Und zwar interessanterweise unter ausdrücklichem Verweis „auf das verheerende Ruhr-Experiment des Jahres 1923“. Sie warfen den Franzosen vor, dass die Ruhrbesetzung zur Inflation und diese zum Aufstieg der Nazis geführt hatte. Letzteres ist auch einer jener Inflationsmythen, die entkräftet gehören, aber dazu ein anderes Mal.

Der Kompromiss nach dem Zweiten Weltkrieg war das Ruhrstatut, ein gesonderter völkerrechtlicher Vertrag über das Ruhrgebiet, die Errichtung der Internationalen Ruhrbehörde zur Aufsicht über die Montanindustrie und schon 1951 die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), der Vorläuferin der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), später Europäische Gemeinschaft (EG), jetzt Europäische Union (EU).

Charles de Gaulle, der französische Präsident, war sein Leben lang sauer und äußerst nachtragend, weil ihm, obwohl er den Zweiten Weltkrieg praktisch im Alleingang gewonnen hatte, nicht das Ruhrgebiet zugesprochen worden war. Aus Rache legte er 1961, als Großbritannien den Antrag auf Mitgliedschaft in der EWG stellte, sein Veto ein. Und ein zweites Veto bei einem erneuten Antrag Großbritanniens 1967. Erst nach de Gaulles Tod 1970 war das dritte britische Beitrittsgesuch erfolgreich. In einem Referendum votierten 67% der britischen Wähler für den Beitritt zur EG, und man ist erstaunt, wer damals auf der Insel alles pro-europäisch war.

Aber diese Schmach der zweimaligen Ablehnung Großbritanniens saß so tief, dass sich zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Vereinigten Europa nie ein entspanntes Verhältnis entwickelte. Da half nicht einmal der Eurotunnel.

Und deshalb liegen die Grundlagen des Brexit – ebenso wie die der französischen Vorliebe für Atomstrom – im Jahr 1923. Es ist also nicht ganz falsch, jenes Jahr als das Schicksalsjahr des Jahrhunderts zu bezeichnen, was ich in den folgenden Monaten in dieser kleinen Geschichtsreihe jeweils mit Verweis auf erstaunliche Langzeitwirkungen begründen werde.

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Familienausflug

Gerade in Berlin angekommen, steige ich in die S3 nach Köpenick.

Ich teile die Sitzgruppe mit einer Familie: Vater, Mutter, Sohn.

Alle drei haben ein Bier in der Hand.

„Gib mir mal dein Handy“, bittet der schätzungsweise 15-jährige Sohn die Mutter höflich. Er benötigt es, um die zweite Flasche zu öffnen. Die S-Bahn verfügt nicht einmal über die rudimentärsten Utensilien, alles muss man selbst mitbringen.

Sie diskutieren, ob die Mutter bald die angedrohte Haftstrafe antreten muss. Ich erfahre nicht, worum es geht, aber wahnsinnig besorgt scheint keiner der drei zu sein. Es ist Ende Januar, das Wetter ist grau, kalt und regnerisch, da kann man genauso gut in den Knast gehen. Vielleicht gibt es dort wenigstens Flaschenöffner.

Die anderen Passagiere erzählen von Reiseträumen in den Süden, in die Sonne, an den Strand. Thailand scheint dieses Jahr ein beliebtes Ziel zu sein.

Die eingangs erwähnte Familie war nicht in Thailand, sondern auf der „Grünen Woche“, einer Landwirtschaftsausstellung. Vielleicht haben sie von dort das Bier.

Sie unterhalten sich über die verschiedenen Stände, die Pavillons, die Ausstellungen und vor allem über all das Essen, das man überall probieren muss.

„Aber wenn man in der nächsten Halle die kleinen Schweine sieht und sich denkt, dass man die gerade gegessen hat, das ist schon komisch“, wirft der Sohn ein, der anscheinend den ganzen Nachmittag über dieses Dilemma nachgedacht hat. Denn jetzt verkündet er fest seine Entscheidung: „Ich glaube, ich werde Vegetarier.“

„Dann fahren wir das nächste Mal in den Botanischen Garten“, antwortet der Vater trocken.

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