Der Mythos vom Azorenhoch

Jahrelang kann man durch mehr als 60 Länder tingeln, und es juckt keinen.

Aber wenn man auf einer Insel ist, dann melden sich plötzlich alte Bekannte und Unbekannte: „Oh Andreas, ich habe gerade zufällig an dich gedacht.“ Wenn Leute schon so anfangen, wollen sie immer etwas, meist juristischen Rat. „Was, wo bist du? Ach, auf einer Insel. Da komme ich dich doch gleich besuchen!“ Diese Inselfaszination ist selbst ein Faszinosum, denn Siebenbürgen oder Montenegro wären eigentlich viel interessanter als so ein Vulkan im Meer.

Und jetzt, wo ich auf den Azoren bin, kommt die Assoziation mit dem Azorenhoch dazu. Diesem Hochdruckgebiet schieben die Europäer gerne die Schuld für das schöne Wetter in die Sandalen.

Aber ich, unermüdlich recherchierend, kann Euch sagen: Das Azorenhoch wohnt gar nicht auf den Azoren! Es entsteht gewöhnlich viel weiter südlich, in den Subtropen. Nur weil es im Nordatlantik außer den Azoren weit und breit keine anderen Bezugspunkte gab, wurde es eben nach der Inselgruppe benannt.

azorenhoog

Was das für die Azoren bedeutet, könnte ich jetzt anhand von Rossby-Wellen, dem Polarjetstrom, Zyklonen und Druckgradienten erklären, aber ich bringe es lieber auf den Punkt: Die Vorstellung vom ewig schönen Wetter auf den Azoren ist Mumpitz!

Klar, oft sieht es so aus:

Piedade walk (1)

clouds on Faial (3)

Wellen

Aber dann kommt wieder so eine Woche.

Azorenhoch

Beziehungsweise so eine Wettervorhersage. Das muss man abgrenzen, denn beides hat nicht viel miteinander zu tun. Man merke sich einfach, dass man jeden Tag alles erleben kann, und zwar mehrfach. Heute lag ich zum Bespiel mittags in der Wiese und habe die Sonne genossen und die Wolken bewundert. Jetzt schüttet es gerade wie wild. Und am Abend gibt es vielleicht wieder einen herrlichen Sonnenuntergang mit Pizza am Strand.

An einem anfänglich wunderschönen Tag bin ich mal auf den Vulkan gestiegen. Als ich oben war, sah es so aus:

Weil die Wolken an den Vulkanbergen hängenbleiben, kann man dem Regen gewöhnlich entkommen, indem man auf die andere Seite der Insel fährt. Aber wenn man langsam ist, hat sich alles schon wieder gedreht, bis man vom Norden in den Süden gefahren ist.

Aber mir passt das Wetter hier. Es ist nie zu kalt, nie zu heiß, und nie eintönig. Selbst wenn man mal nass wird, trocknet einen die Sonne bald wieder. Und wenn man denkt „uff, ist das heiß“, schieben sich wie auf Bestellung ein paar Wolken vor die Sonne.

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In der Fremdenlegion

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Vor ein paar Jahren schien mal wieder der Bildungsbürger in mir durch, erinnerte sich dunkel an das vor Dekaden absolvierte Gymnasium und bereute, der Sprache unseres westlichen Nachbarlandes niemals die gleiche Aufmerksamkeit gewidmet zu haben wie dem sich ironischerweise den romanischen Begriff lingua franca unter den Nagel gerissen habenden Englisch.

Nun wohne ich in der tiefsten Provinz in Bayern, wo sich die Menschen sowieso schon gegen alles Internationale, aber erst recht gegen alles Französische sträuben, weil 1796 unsere kleine Stadt dem napoleonischen Heer im Wege lag und ein bisschen beschossen wurde. So haben in Amberg seither weder das Institut français, noch die Alliance française, noch eine Baguettebäckerei Fuß fassen können.

Wenn ich also mein Französisch reaktivieren, renovieren, emendieren, avancieren und polieren wollte, so musste ich in die Ferne ziehen. Am besten nach Frankreich.

Aber wie finanziert man solch ein Unterfangen? Die Beantragung von Stipendien war mir immer zu viel Papierkramaufwand. Und selbst wenn ich in Frankreich allein durch tägliches Hören, Lesen und Sprechen Fortschritte machen würde, so müsste ich doch irgendwo schuften für Kost, Logis und Gauloises. Dass die Arbeitsbedingungen in Frankreich trotz der Revolution miserabel sind, hatte ich aber noch aus Germinal in Erinnerung.

Und dann, vielleicht war gerade Vietnam-, Golf- oder ein anderer Krieg, kam mir die Fremdenlegion in den Sinn. Dieses dritte unter den französischen Kultur- und Sprachinstituten, das seinen Eleven nicht nur die oben aufgezählten Grundbedürfnisse, sondern sogar die Arbeitskleidung und ein Salär bezahlt.

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Also stieg ich in den Zug nach Marseille. Beziehungsweie viele Züge, über Nürnberg, Stuttgart, Karlsruhe, Basel, Dijon und Lyon. Etwa 30 Stunden. Viel Zeit zum Nachdenken, wenig Zeit zum Schlafen. Im Zug waren sonst Touristen, die zum Schwimmen, Segeln und Schatzsuchen an die Côte d’Azur fuhren. Ganz unbeschwert. Zwei Wochen Urlaub, alles schon bezahlt. Aber danach mussten sie wieder zurück, in die Zeche in Dortmund oder die Schule in Klagenfurt, deshalb beneidete ich sie kein bisschen.

Vormittags kam ich an.

Am Bahnhof fragte ich mich durch nach der Légion étrangère. Chemin de Génie Nr. 18, sagte mir jemand, und der Straßenname wehte wie ein Wind des Schicksals. Was für eine passende Adresse. Niemals würde ich aufhören können, verschmitzt zu lächeln, wenn ich meine Postadresse unbescheiden mit „Weg des Genies“ angäbe.

Es waren ein paar Kilometer Fußmarsch vom Bahnhof, aber nach der langen Zugfahrt wollte ich sowieso frisch werden. Die Sonne, die Seeluft, die Bewegung und vor allem das Licht, dieses Licht am Mittelmeer, das mich darüber wundern ließ, warum die gleiche Sonne nicht überall gleich scheint. Ich musste ganz in den Westen von Marseille. Fast wie eine Halbinsel lag der Stadtteil da, von dem aus man der Monte-Christo-Insel mit dem Château d’If am nähesten ist.

Mein Herz schlug schneller, mein Mund wurde trocken, als ich die Nummern am Straßenrand abzählte. 12, 14, 16, da war es. Chemin de Génie Nr. 18. Schöne Wohnungen hatten die Jungs hier! Mit Blick auf die Insel, genau eine Seemeile entfernt. Ich klingelte und will die folgende Unterhaltung abkürzen, da sie viel Peinliches enthüllen würde. Kurz gesagt: Man hatte mich zum Centre des convalecents et des permissionnaires de la Légion étrangère geschickt, zum Alters- und Pflegeheim der Legion. Ob das ein Scherz war oder ob der Mann im Bahnhof es nicht besser wusste, ich fand es nie heraus.

Aber immerhin konnten mir die Kameraden von der Konvaleszenzabteilung die richtige Adresse mitteilen: „Zur Rekrutierung müssen Sie in die Kaserne in Aubagne.“ Das liegt etwa 10 Kilometer vor Marseille, der Zug war durchgefahren. Wenn ich es gewusst hätte, wäre ich dort abgesprungen.

Nach Aubagne ging ich nicht zu Fuß. Die Buslinien 69 und 100 führen dorthin, ich erwähne das nur, falls jemand den gleichen Plan hat. Mittlerweile war es nachmittags geworden, und ich hätte etwas essen sollen. Oder schlafen. Oder essen und danach schlafen. Aber ich wollte direkt zur Legion, gleich am ersten Tag, um nicht ziellos durch die Stadt zu spazieren und aus Versehen gar an einer Universität oder in einer Beziehung zu enden.

In Aubagne war das Centre de présélection in der Route de la Légion, das ergab schon mehr Sinn als der Wahnsinn mit den Genies. Aber es war weit weniger nobel. Eher so verfallendes Landschulheim oder alter Kibbutz. Der Aschenbecher vor der Tür war ein umgedrehter Stahlhelm. Eine Armee mit Humor, immerhin, vielleicht würde es tatsächlich wie beim braven Schweijk werden.

Nachdem es gewissermaßen schon mein zweiter Versuch an jenem Tag war, war ich weniger nervös, als ich durch die mit Information – Recrutement überschriebene Glastür trat. Kaum hatte ich jedoch meinen ersten Satz gesprochen, stand der Sergent auf und wies mich zu der Tür, durch die ich eben erst hereingeschneit war. „Warum?“ fragte ich, noch nicht gelernt habend, dass dieses Wort beim Militär tabu ist. Weil ich ohne Termin aufgetaucht war? Oder gab es keine offenen Stellen? War mein Französisch zu schlecht? Gerade um dies zu reparieren war ich doch hier.

Aber der Feldwebel war gar nicht unfreundlich, er ging mir voraus durch die Tür, in den Garten und zu etwas, das aussah wie ein Kinderspielplatz. Da waren Klettergerüste, von Balken hängende Seile mit einem dicken Knoten untendran und waagerechte Metallstangen, vielleicht um Schaukeln anzubringen. Nur der Boden war nicht so schön wie das jetzt bei modernen Spielplätzen ist, die mit so federndem Gummi ausgelegt sind, damit die Kinder, wenn sie von der Wippe plumpsen, die Mama nicht stören, die während dessen auf der Bank sitzt und lieber mit ihrem Handy als mit ihrem Sohn spielt. Dort war nur staubiger, harter, dreckiger, schmutziger Sand. Wahrscheinlich gab es sogar Schlangen.

Der Sergent ging geradewegs auf die Metallstangen zu, an denen die Schaukeln abmontiert waren, deutete darauf und sagte: „Quatre tractions.“ Nun habt Ihr schon mitbekommen, dass mein Französisch eher an Proust als auf dem Pausenhof geschult worden war. Ich verstand nicht, was „tractions“ sein sollten. Anscheinend war das aber schon öfters vorgekommen, denn der Franzose, der, wie mir erst später kam, gar kein Franzose gewesen sein muss, weil wir ja schließlich bei der Fremden- und nicht bei der Franzosenlegion waren, ließ sich kurzzeitig zum Gebrauch des Englischen herab: „Four pull-ups“, vier Klimmzüge also.

Die habe ich nicht geschafft.

Ich bin dann nach Marseille in den Hafen gefahren, auf ein Schiff gestiegen, nach Südamerika ausgewandert und habe Spanisch gelernt. Ist sowieso ’ne schönere Sprache. Und weniger Befehl und Gehorsam und Fallschirmspringen und so Scheiß.

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Fremde im Park

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Mir blieben noch zwei Tage in Boston, bevor ich nach Deutschland zurückfliegen musste, aber ich kannte niemanden in der Stadt. Es war 2009, und das Internet war, soweit mir damals bekannt war, noch nicht erfunden.

Zum Abendessen kaufte ich eine Pizza sowie eine Ausgabe des Boston Globe. Ich ging zum Boston Common, einem Park, um mich auf eine Bank zu setzen, zu essen und zu lesen. Alleine, wie ich das oft mache. Die Hälfte der Pizza hatte ich schon verspeist und die andere Hälfte der späteren Verwendung vorbehalten (amerikanische Pizzas sind für amerikanische Mägen gemacht), als ein junger Mann vorbeikam. Er ging noch ein paar Meter weiter, hielt inne, wandte sich um und kam auf mich zu. Blitzschnell analysierte ich die Situation. Es war dunkel geworden, der Park hatte sich geleert, und ich hatte aus der Pizzeria nicht einmal ein Plastikmesser mitgenommen. In Boston werden jedes Jahr etwa 50 Menschen ermordet.

“Entschuldigen Sie, Sir. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie störe.” Er klang und wirkte höflich. Ich war vollkommen bereit, ihm den Rest der Pizza auszuhändigen, sollte er eine Waffe zücken. (Amerikaner sind verrückt nach Waffen und Pizzas.)

In dem Repertoire meiner Gesichtsausdrücke habe ich einen, der sagt: “Ich gewähre dir ein paar Sekunden, um zu erklären was du willst, und abhängig von deiner Antwort werde ich dein bester Freund sein oder dich in Stücke reissen.” Mir schien der Moment gekommen, ihn anzuwenden.

Der junge Mann, dessen Namen ich leider vergessen habe und den ich aus Gründen journalistischer Integrität nicht einfach Tom, Samuel oder Harry nennen kann, obwohl dies die Geschichte viel lesbarer machen würde als diese komplizierten Einschübe, war entweder sehr ehrlich oder ziemlich schlau in seiner Herangehensweise. “Ich hatte gehofft, dass ich Ihnen eine Frage stellen dürfte, weil Sie intelligent aussehen.”

Ich musste lachen, bevor ich mich aus vollem Herzen bedanken konnte. “Wie kommst du darauf, dass ich intelligent aussähe?”

“Weil Sie so vertieft in der Zeitung lesen, Sir.”

Ich lächelte noch immer und wies darauf hin, dass die Lektüre einer Zeitung mich nicht zum Beantworten aller Fragen qualifizierte, aber ich bat den jungen Mann, Platz zu nehmen. Von der Pizza bot ich noch nichts an, denn das würde von der Art der Frage abhängen. Falls es eine dumme sein sollte – ja, es gibt tatsächlich dumme Fragen, egal was man Euch in der Schule Konträres erzählt -, wollte ich ihn so schnell wie möglich abschütteln können und zu den Seiten zurückkehren, die mich so gelehrt erscheinen ließen.

“Also, es geht um ein Problem mit einem Mädchen”, begann er. Wie praktisch, dass ich Fachanwalt für Familienrecht war, obwohl er das oder überhaupt die Tatsache, dass ich Rechtsanwalt war, kaum hätte wissen können. Würden die Anwälte von Boston Legal spätnachts im Park sitzen und eine Pizza essen? Wohl kaum. Egal, ich war jedenfalls erleichtert. Das war mein Spezialgebiet, und ich hatte schon Hunderten von Männern beim Rückweg in die Freiheit geholfen. Vielleicht könnte ich auch diesen jungen Mann befreien.

“Sie mag mich und sie hat gesagt, dass sie mit mir zusammen sein möchte. Ich mag sie auch, aber nur auf freundschaftlicher Ebene. Ich fühle mich einfach nicht zu ihr hingezogen.” Bis dahin klang es eher nach einem Teenager-Problem, was mich überraschte, denn er sah mindestens wie 21 oder 22 Jahre aus. “Aber ich fühle mich zu einem anderen Mädchen hingezogen. Und jetzt wird es kompliziert: Das Mädchen, das mich mag, ist weiß. Und das Mädchen, das ich mag, ist schwarz. Das weiße Mädchen nennt mich jetzt einen Rassisten. Und dieser Gedanke bedrückt mich, ehrlich gesagt, denn ich habe mich bisher noch nie als Rassisten gesehen.” Und, um mit einer Frage wie in der Aufgabenstellung eines Schulfaufsatzes zu schließen: “Denken Sie, dass es rassistisch von mir ist, dass ich mit dem schwarzen Mädchen zusammen sein will, aber nicht mit dem weißen?”

Das war mal eine neue Frage, was mir gefiel. (Ein Grund, warum ich noch im gleichen Jahr meinen Anwaltsberuf aufgab war, dass Mandanten nur mehr selten mit wirklich neuen Fragen kamen. Es wurde ein bisschen langweilig.) Eine Frage, über die man eigentlich eine Weile nachdenken sollte, aber ich konnte den jungen Mann nicht warten lassen, sonst würde er beim falschen Mädchen anheuern. Und, um ehrlich zu sein, ich wollte ihm eine positive Antwort geben, so dass meine Gedanken nicht ganz so unteleologisch umherschwirrten, wie sie es eigentlich hätten tun sollen. Außerdem hatte ich bemerkt, dass er einen praktischen Rat suchte, keine soziologische Diskussion über Rassismus. Schließlich könnte man argumentieren, dass jeder ein bisschen rassistisch ist, zumindest manchmal. (Ihr könnt ja mal kurz innehalten und Euch bewusst machen, in welchen Hautfarben Ihr Euch mich und den jungen Mann aus dieser Geschichte vorgestellt habt, obwohl ich keinen Hinweis auf die Farben der Beteiligten gegeben habe.)

“Ich glaube nicht, dass das rassistisch ist. Erstens bin ich mir nicht einmal sicher, ob es deine Entscheidung ist, wenn du verliebt bist. Manchmal passiert es einfach, und wir haben keine Kontrolle darüber.” Im 16. Jahrhundert wurde Liebe teilweise als Krankheit angesehen, die medizinischer Behandlung bedurfte. Und wer hat sich noch nie gewünscht, dass es eine Impfung dagegen gäbe?

“Und dann nehme ich an, dass du von dem fraglichen Mädchen nicht wegen ihrer Hautfarbe begeistert bist, sondern wegen ihres Charakters, ihres Lächelns, ihres Intellekts, wegen dem, was sie sagt, tut und denkt”, schloß ich von mir auf ihn. “Vielleicht von der Art, wie sie küsst”, dachte ich, erwähnte es aber nicht, weil mir schien, dass es bei den beiden noch nicht so weit gekommen war.

“Und schießlich könntest du das weiße Mädchen fragen, ob es nicht genauso rassistisch gegenüber allen anderen Farben wäre, wenn du ihr Freund würdest. Wenn wir uns für eine Person entscheiden, enttäuschen wir immer Dutzende von anderen. Beziehungen sind nicht der Anwendungsbereich für Antidiskriminierungsgesetze.”

“Sag mal, möchtest du ein Stück von der Pizza?” fragte ich, viel zu spät.

“Oh, vielen Dank, aber ich sollte schon auf dem Weg sein. Ich übernachte in einem Wohnheim für obdachlose Veteranen und muss um 22 Uhr dort sein.” Es war schon zehn nach zehn. Er dankte mir nochmals, sichtbar erleichtert.

Die Nacht war mild, und ich war wieder hungrig geworden. Während ich den Rest der Pizza vertilgte, wälzte ich Gedanken über Rassismus, über Liebe und darüber, wie ein reiches Land seine Kriegsveteranen behandelt.

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Ich weiß nicht, was aus dem jungen Mann und den Mädchen aus Boston wurde, und die Chancen, dass jemand von ihnen über diesen Artikel stolpert, sind gering. (Außer Ihr schickt die englische Fassung an all Eure Freunde dort.) Aber noch jetzt, zehn Jahre später, wo wir Couchsurfing und Tinder und Facebook und all diese Programme haben, um Menschen kennenzulernen, bin ich noch immer dankbar für diese zufällige Begegnung. Denn sie erteilte mir eine Lektion, die ich zu einer regelrechten Strategie entwickelt habe.

Seitdem gehe ich immer, wenn ich etwas länger in einer Stadt weile (und wenn das Wetter es zulässt), in einen Park, lasse mich für ein paar Stunden nieder und warte offen und gespannt auf die Überraschungen, die das Schicksal meines Weges schicken wird. Ich lese dann gerne ein Buch oder eine Zeitung, so dass die Leute sehen, dass ich nicht in Eile bin. Man sieht das nicht mehr oft, dass Menschen in der Öffentlichkeit lesen, also macht mich das auch ein bisschen interessanter, kann ich mir vorstellen. Und wenn jemand neugierig ist, dann ist ein Buch oder eine Zeitung ein guter Aufhänger für ein Gespräch.

In Belgrad saß ich mal im Studentski Park, genoß ein paar sonnige Stunden und die Süddeutsche Zeitung, die ich bei dem gut-sortierten Zeitschriftenladen auf der anderen Straßenseite erworben hatte, der immer mein erster Anlaufpunkt ist, wenn ich nach ein zwei nachrichtenlosen Wochen im Sandschak oder im Durmitor in die Zivilisation zurückkehre. Miro und Maia, zwei Chemieingenieure, beide in den 60ern und miteinander verheiratet, erkannten so, dass ich Deutsch sprach, und begannen mit der Erzählung der gemeinsamen Lebensgeschichte, einschließlich ihrer Arbeitsaufenthalte im sozialistischen Deutschland. Sie waren so froh, auf jemanden zu treffen, der ihnen zuhörte, dass sie fast darum stritten, wer von ihnen welche Geschichte erzählen durfte. (Sie waren sich auch sehr uneinig, was den genauen Inhalt ihrer Erinnerungen anging, sowie über die Industriepolitik der DDR.)

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In Targu Mures saß ich draußen, wieder lesend, Auf der Bank gegenüber war ein älterer Mann, der so aussah, wie wenn er gerade einen langen Arbeitstag im Kombinat hinter sich gebracht hatte. Anstatt eines Buches hielt er eine Bierflasche in den Händen. Nach einer Weile, in der er mich anscheinend als Ausländer erkannt hatte, fragte er, ob ich Rumänisch, Ungarisch, Englisch, Französisch oder Russisch spräche, weil er mir gerne eine Frage stellen würde, falls ich dies zuließe. Wir einigten uns auf Englisch, und er sagte: “Mich hat eigentlich nur interessiert, welches Buch Sie lesen, weil mir aufgefallen ist, dass Sie immer mal wieder lächeln oder schmunzeln.” Das Buch war “Scoop” von Evelyn Waugh, eine wahrhaft amüsante Lektüre.

Der Herr stellte sich als sympathischer und humorvoller Ingenieur im Ruhestand heraus, der selbst einen Band mit Erzählungen veröffentlicht hatte. (Rumänen lieben Bücher und Schreiben so sehr wie Amerikaner Pizzas und Waffen.) Wir unterhielten uns prächtig, fanden heraus, dass wir fast Nachbarn waren, und als wir, wie altmodische Menschen es zu tun pflegen, Visitenkarten austauschten, erfuhr ich erst, dass Vasile zudem der Vorsitzende der örtlichen Jüdischen Gemeinde war. Er bemerkte mein Interesse und sagte ohne zu zögern: “Wenn Sie diesen Samstag Zeit haben, kommen Sie doch um 10 Uhr morgens zu unserer Synagoge. Ich gebe Ihnen eine Führung durch das Gebäude, es ist gerade neu restauriert worden, und dann können Sie Schabbat mit uns feiern.” Ich hielt es für angebracht, darauf hinzuweisen, dass ich kein Jude bin, aber er unterbrach mich sofort, “Und warum sollte uns das stören?”, wie wenn es die dümmste Ausrede war, die er je gehört hatte.

Ich ging natürlich hin und traf auf eine sehr gastfreundliche Gemeinschaft überwiegend älterer Herren sowie auf eine junge Familie aus den USA, die damals in Rumänien lebte. Um diese wendungsreiche Geschichte abzukürzen, diese Familie zog später nach Wien und sie heuerte mich als Haus- und Katzenhüter an. Wenn ich also an jenem Sommerabend in Targu Mures zuhause geblieben wäre, oder mit meinem Telefon gespielt hätte anstatt ein Buch zu lesen, oder wenn ich die Frage des Herrn ignoriert hätte, dann hätte ich niemals die Chance gehabt, zwei wunderbare Sommer in Wien zu verbringen und meine neue Lieblingsstadt kennenzulernen.

Eine Stadt, die übrigens auch ein paar nette kleine Parks aufweist.

Brunnen von oben mit Figur Schönbrunn

Die Menschen, die mich ansprechen, sind meist älter und alleine, manchmal mit Hund, eben die Leute, die Zeit zum Reden haben. Aber ich habe auf diese Art und Weise auch schon junge Menschen kennengelernt. Es sind oft intelligente Zeitgenossen, die den Anblick von jemandem schätzen, der liest oder schreibt. Und dann gibt es natürlich noch die Obdachlosen und die Bettler, aber das sind sowieso die interessantesten Menschen.

Nur die Zeugen Jehovas können nervig werden. Als ich in Cochabamba lebte, unterhielt ich mich jedoch sogar mit den Jesus-Freaks und nutze sie als Spanischtutoren, die der Himmel geschickt hatte, so sehr sie mir auch mit der Hölle drohten.

14 Septiembre lively evening

Es gibt einen Grund, weshalb ich mich jetzt an all das erinnere. Wahscheinlich werden wir für die nächsten ein oder zwei Jahre nicht mehr kreuz und quer durch die Welt reisen können. Aber, wie Ihr gesehen habt, man muss gar nicht kreuz und quer durch die Welt reisen. Wenn die Parks wieder offen sind, nehmt Euch doch mal ein paar Stunden Zeit und hört den Menschen zu. Vielleicht werdet Ihr überrascht davon, was für interessante Menschen und Geschichten die ganze Zeit in Eurer unmittelbaren Nachbarschaft auf Euch gewartet haben.

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Gedenken mit Döner: Babi Jar

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Babi Jar, ein Name der vage Erinnerungen an den Geschichtsunterricht oder an TV-Dokumentationen wachruft. Irgendwas war da. Irgendwas Schlimmes.

Deshalb kurz zur Erinnerung, damit nicht jeder gleich zu Wikipedia eilen muss: Babi Jar war eine Schlucht bei Kiew, in der die deutschen Besatzer an zwei Tagen im September 1941 fast alle Juden und Roma aus der ukrainischen Hauptstadt erschossen. Der Holocaust fand nämlich nicht nur in Konzentrationslagern und Gaskammern statt. Etwa ein Drittel der Opfer wurde bei Massenerschießungen getötet. Diese gab es in ganz Osteuropa, aber Babi Jar trug den traurigen Rekord als Ort des größten Massakers.

Man erwartet von einem solchen Ort, dass er etwas abgeschieden liegt, wie der Wald von Paneriai bei Vilnius. Oder so wie Buchenwald einen Anstandsabstand von ein paar Kilometern zu Weimar hält, damit die (Noch-)Nichtermordeten ungestört von Schreien und Schüssen hoffen können, dass es sie schon nicht treffen wird.

Nach Babi Jar hingegen kommt man mit der U-Bahn. Zwei Stationen von der Stadtmitte. Zugegeben, die U-Bahn gab es 1941 noch nicht, und Kiew war nicht so groß wie jetzt. Babi Jar lag damals tatsächlich am Stadtrand, jenseits der Friedhöfe, aber so richtig weit weg und außer Sicht- oder Hörweite war es nicht. „Wir haben von nichts gewusst“ zieht auch hier nicht. Einer der Beobachter war ein 12-jähriger Junge, der in unmittelbarer Nachbarschaft wohnte und der sich Notizen in seinen Schreibblock machte. Die Erinnerungen ließen Anatoli Kusnezow nie mehr los, und 1966 veröffentlichte er den autobiographischen Roman Babij Jar – Die Schlucht des Leids.

Jetzt steigt man also bei der U-Bahn-Station Dorohoschytschi aus und findet sich in einem Wohngebiet. Verkehr tost über die breiten Straßen. Bäcker verkaufen Süßigkeiten. Menschen verstecken sich in Bushaltestellen vor dem Regen.

Die zweite Erwartung war eine Gedenkstätte. Mit vielen Besuchern, Touristen, Studenten, Schülergruppen. Ein Museum, mehrsprachig und multimedial, das alles über das Massaker berichtet und erklärt. Falls es das gibt, weist kein Schild darauf hin.

Stattdessen gibt es einen Park, einen ziemlich großen sogar. Ich bin hier im Winter, es regnet, schneit und gefriert. Aber an sonnigen Tagen wird hier wahrscheinlich gejoggt, gepicknickt, geflirtet und geküsst.

Das erste Denkmal, das für die erschossenen Kinder, ist schon ziemlich eindrücklich. Eine geschickte Idee des Künstlers, den Mord an Kindern nicht zu plastisch darzustellen, sondern durch die lebensgroße aber tot wirkende Kasperlpuppe zu symbolisieren.

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Gleich neben dem Kinderdenkmal trainiert eine Hundeschule. „Sitz!“ und „Platz!“ hallen die Rufe, wie einstmals für die deutschen Polizeihunde. Hunde machen mir immer Angst, deshalb gehe ich lieber schnell weiter, die immer dunkler werdende Allee entlang.

Der Planwagen soll wohl ganz klischeemäßig die Roma symbolisieren, die in Babi Jar eine Woche vor den Kiewer Juden erschossen wurden. Diesen Völkermord, den Porajmos, konnten die Nazis ganz offen durchziehen, ohne dass sonst jemanden eine üble Vorahnung beschlich. „Es sind ja nur die Zigeuner“, dachten die Leute, und viele denken auch heute noch so.

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Und dann finde ich zwar kein Museum, aber an einem der breiteren Wege sind immerhin ein paar Informationstafeln angebracht, die auf Ukrainisch und Englisch die wichtigsten Daten und Fakten erzählen. Es hat zu nieseln begonnen, aber ich weiß, Ihr wartet auf Informationen, also harre ich in der Kälte und Nässe aus.

So lerne ich nicht nur etwas über die deutsche Besatzung und das Massaker am 29. und 30. September 1941, bei dem innerhalb von 36 Stunden 33.771 Menschen erschossen wurden. Man weiß das so genau, weil exakt Buch geführt wurde. Der Satz von Oskar Lafontaine über Sekundärtugenden kommt mir in den Sinn. In den Jahren danach schluderten aber sogar die ordnungsverliebten Deutschen, und es ist unklar ob in Babi Jar insgesamt 65.000, 100.000 oder 150.000 Menschen umgebracht wurden.

Die Schlucht von Babi Jar wurde trotz iher Nähe zur ukrainischen Hauptstadt auch aus topographischen Gründen ausgewählt. Für die große Anzahl der Opfer hätten anderswo so rasch keine Massengräber ausgehoben werden können.

Babi Jar/

Die Aufnahmen des deutschen Militärfotografen Johannes Hähle zeigen nicht die eigentlichen Erschießungen, sondern die Einebnung des Geländes durch sowjetische Kriegsgefangene. Hähle lieferte diesen Film nicht bei seiner Einheit ab, und so haben wir fotografische Beweise, um es den Holocaustleugnern wenigstens ein bisschen schwerer zu machen.

Und eine Überlebende gab es: Dina Pronitschewa war Schauspielerin und ließ sich genau vor den Schüssen in die Grube fallen. Als die deutschen Soldaten durch die Reihen der Opfer auf dem Grund der Schlucht gingen, um die noch Lebenden zu erschießen, stellte sie sich tot. In der Nacht konnte sie aus der Grube klettern und entkommen.

So ist ihr Zeugnis überliefert.

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Wenn man heute durch den Park spaziert, findet man nur an wenigen Stellen noch Reste der ehemals tiefen Einschnitte, die erahnen lassen, wie zerfurcht das Gelände früher aussah.

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Die Wehrmacht sprengte nämlich nach dem Massaker die Ränder der Schlucht, um die Leichenberge zu begraben. Nach dem Weltkrieg wurde hier der Schutt der zerschossenen Häuser entsorgt und 1961 brach noch der Damm einer Abraumhalde, so dass der Rest der sandigen Täler mit einer Schlammlawine geflutet wurde. Wenn man die historische Karte über den aktuellen Stadtplan legt, bekommt man vielleicht einen Eindruck, wie sehr das Gebiet verändert wurde.

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Nicht nur aus Wissbegier nach mehr Informationen, sondern auch um etwas von der eisigen Kälte zu pausieren, irre ich durch den weitflächigen Park, um endlich das Museum zu finden.

Unter Bäumen, an versteckten Ecken oder an der vielbefahrenen Straße entdecke ich kleine Denkmale, wie dieses für die 3 Millionen ukrainischen Zwangsarbeiter, die nach Deutschland verschleppt wurden,

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oder dieses für Tatjana Markus, eine Widerstandskämpferin, die Sabotageakte ausführte und sich mit deutschen Soldaten zu romantischen Treffen verabredete, um sie dann zu erschießen oder zu erstechen. Als Tatjana gefasst und in Babi Jar getötet wurde, war sie erst 21 Jahre alt. (Ich erwähne das, um junge Menschen zu ermutigen, auch mal andere als stromlinienförmige Karrierewege einzuschlagen.)

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Es wirkt so, wie wenn jede Opfergruppe irgendwann einen noch freien Platz gesucht hat, um ihre Stele aufzustellen. Irgendwo soll es sogar ein Denkmal für die ermordeten Fußballspieler von Dynamo Kiew geben, aber das finde ich nicht.

Dabei gab es zur Sowjetzeit ziemlich lange gar kein Denkmal. Stattdessen wurde auf dem Gebiet der Fernsehturm und eben neue Wohnviertel gebaut.

Über Babij Jar, da steht kein Denkmal.
Ein schroffer Hang – der eine unbehauene Grabstein.

schrieb 1961 der sowjetische Dichter Jewgeni Jewtuschenko und erinnerte damit nicht nur an die Massaker der Nazis, sondern forderte auch die Sowjetunion zum Gedenken an das weitgehend Verschwiegene auf. Dimitri Schostakowitsch vertonte das Gedicht als seine 13. Symphonie.

Aus der Zivilgesellschaft wurden immer wieder Gedenkmärsche organisiert, aber das offizielle Mahnmal wurde erst 1976 eingeweiht. Groß, wuchtig, sowjetisch steht es auf einer treppenförmig ansteigenden Rampe und ragt über die Senke, die wohl die einstige Schlucht symbolisieren soll.

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Um die Größe des Monuments zu verdeutlichen, haben sich dankenswerterweise zwei Jugendliche genau dort zum abendlichen Treffen verabredet. Wenn man in einem der Apartmentblöcke in der Nähe wohnt, ist das hier wohl ein ganz normaler Ort. Oder es sind Geschichtsstudenten, die vor Ort diskutieren wollen.

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Gewidmet war das Mahnmal übrigens den „mehr als 100.000 Sowjetbürgern der Stadt Kiew und den kriegsgefangenen Soldaten und Offizieren der Roten Armee“. Dass die meisten der „Sowjetbürger“ Juden waren und genau deshalb ermordet wurden, blieb unerwähnt.

Aber 1991 wurde die Ukraine unabhängig und die Inschrift konnte geändert werden. Sie lautet jetzt: „In den Jahren 1941-1943 wurden an diesem Ort über 100.000 Kiewer Stadtbewohner und Kriegsgefangene von deutsch-faschistischen Eindringlingen erschossen.“ Ups, schon wieder die Juden vergessen. Und natürlich die ukrainischen Mittäter verschwiegen.

Tja, die Kollaboration. Ein heikles Thema in der Ukraine, dessen Erwähnung allein zu Protestnoten aus Kiew und noch mehr aus Kyiv oder Kyjiw führen wird. Aber ansprechen muss ich es, denn, etwas verschämt hinter dem Gebüsch versteckt, stoße ich auf ein Holzkreuz für die von den Deutschen in Babi Jar erschossenen Mitglieder der OUN, der Organisation Ukrainischer Nationalisten.

Babi Yar OUN

Diese kämpften für die Unabhängigkeit der Ukraine und damit gegen die Sowjetunion. Wie so viele Volksgruppen in Osteuropa fanden sie daher den Angriff Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion ganz toll, meldeten sich in Bataillonsstärke zur Wehrmacht und in Divisionsstärke zur SS. Dass man dabei nicht nur gegen die Rote Armee kämpfte, sondern auch einen Völkermord an Juden und Roma beging, nahmen manche in Kauf, andere fanden das ganz gut, weil diese Volksgruppen in ihren Augen „sowieso keine echten Ukrainer“ waren, und wieder andere waren zwiespältig, weshalb sich die OUN auch bald wieder zwiespaltete und gegeneinander und gegen alle kämpfte. Also alles ein ziemliches Schlamassel oder Tohuwabohu, wie man auf Ukrainisch sagt.

Die meisten Historiker stufen die OUN als rassistisch, antisemitisch und/oder faschistisch ein. Und jetzt wird es besonders heikel: An den Massenerschießungen in Babi Jar im September 1941, bei der fast die gesamte jüdische Bevölkerung Kiews getötet wurde, nahmen auch Einheiten der OUN mit etwa 1200 Ukrainern als Mittäter teil. Von den Deutschen wurden die OUN-Mitglieder, für die das Holzkreuz steht, erst ab 1942 erschossen, als sie sich gegen die deutsche Besatzung wandten.

Als die überlebenden ukrainischen Juden sahen, wem hier jetzt gedacht wird, ging ihnen endgültig der Schtreimel hoch. Es war offensichtlich, dass sich niemand ihrer erinnern wollte, sondern sie im sowjetisch-russisch-ukrainischen Deutungsstreit gnadenlos zerrieben wurden. Und so bauten auch sie 1991 ihr eigenes Mahnmal.

Babi Yar menorah

Von hier führt ein mit jüdischen Grabsteinen gesäumter Weg zu einem Gebäude, das aus der Ferne Hoffnung darauf macht, das gesuchte Museum zu sein, diese Hoffnung jedoch mit jedem in seine Richtung unternommenen Schritt im fallenden Schnee leise ersterben läßt. Es ist das richtige Gebäude, aber noch nicht der richtige Zeitpunkt.

Babi Yar memorial center

Babi Jar, wie es sich heute präsentiert, hinterlässt den Besucher irgendwie ratlos. Zumindest wer nicht schon über die deutsche Besatzungs- und Vernichtungspolitik in Osteuropa sowie über die sowjetische Erinnerungspolitik Bescheid weiß, wird diesen Ort mit vielen Fragen verlassen. Jene alle aufzuklären würde diesen kurzen Artikel überfordern, und vielleicht vermittelt es auch ein besseres Bild vom Park in Babi Jar, wenn bei Euch ein paar Fragezeichen hängenbleiben. In ein paar Jahren, wenn Ihr selbst mal nach Kiew kommt oder mich wieder als Reporter dorthin schickt, wird die Gedenkstätte endlich fertig sein. Vielleicht.

Mein Spaziergang führt mich wieder zu dem bewegendsten Denkmal, dem für die Kinder. Passanten haben einen Schnuller, einen Kinderhandschuh und einen Stoffball abgelegt. Eine kleine Geste, aber durchdachter als immer Blumen und Kerzen und Steine.

Babi Yar Schnuller

Zurück bei der U-Bahn-Station Dorohoschytschi sehe ich ein Schild an der Dönerbude Big-Burger: „Volunteer Center for the period of the events of memory in the Babi Yar“. Immerhin ein Aufenthaltsraum für Freiwillige der Gedenkstättenarbeit, wenn auch in überraschender und etwas unpassender Behausung. Neugierig trete ich ein.

Babi Yar volunteer center (2)

Das „Freiwilligenzentrum“ besteht aus vier Metalltischen mit wackligen Stühlen. Ein Fernseher plärrt viel zu laut. Neben der Theke steht ein Schränkchen mit ein paar Büchern auf Hebräisch. Da wo in Dönerbuden sonst Fotos von Istanbul hängen, sind kleine schwarz-weiß-Fotografien zu sehen. Es sind die bekannten und beklemmenden Fotos im Zusammenhang mit den Massenerschießungen.

Babi Yar volunteer center (1)

„Guten Appetit!“ wünscht die freundliche Dame und reicht mir einen Dürüm-Döner.

Wenn man in Babi Jar fertig ist – mit dem Besuch und mit den Nerven -, fährt man mit der U-Bahn eine Station weiter, nach Syrez.

mtro station Syrets

Das ist der Name des ehemaligen Konzentrationslagers, an das hier fast gar nichts mehr erinnert. Das ganze Viertel wurde überbaut. Nur am Eingang zum Park mit der Kindereisenbahn erinnert ein kleines Denkmal: „Während der deutsch-faschistischen Besatzung wurden hinter den Gittern des Konzentrationslagers Syrez Zehntausende sowjetischer Patrioten ermordet.“ Niemand außer mir bleibt stehen.

Babi Yar memorial KZ Syrez

Es ist traurig, wie schnell alles vergessen wird. Dabei findet man, wenn man mit offenen Augen durch Europa geht, fast überall ehemalige Konzentrationslager, Arbeitslager, Ghettos, Orte von Erschießungen, Kriegsgefangenenlager, Tötungsanstalten, Gedenktafeln und Stolpersteine.

Ich gehe wieder zur U-Bahn-Station mit dem Namen, der auch mir bis gestern nichts sagte, und auf dem Rückweg lese ich mehr über das Massaker von Babi Jar.

Da absehbar war, dass die Exekution viele Stunden dauern würde, ließen die Organisatoren Küchenwagen bereitstellen, die warme Mahlzeiten und Getränke, einschließlich Schnaps, für 400 Mann boten.

Da kommt mir der Döner fast wieder hoch.

Links:

Mich würde interessieren, was Ihr vorher von Babi Jar wusstet. Obwohl ich eingangs den Schulunterricht erwähnt habe, bin ich mir nämlich fast sicher, damals gar nichts über den „Holocaust durch Kugeln“ gelernt zu haben. Aber zum Auffüllen dieser Wissenslücken gibt es ja diesen Blog. Falls Ihr daran Interesse habt, werde ich mich an meine Aufzeichnungen aus Auschwitz machen, das wird dann aber ein etwas längerer Artikel. Und natürlich bin ich immer dankbar um Unterstützung für diese Arbeit.

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Wandern trotz Ausgangssperre – dieser Trick macht es möglich!

Je nach Bundesland darf man noch in den Garten oder in den Wald. Mal allein, mal zu zweit. Das ist besser als nichts, aber die Nachbarschaft wird bald langweilig. Außerdem kennt einen die Polizei schon, so dass man nicht viermal am Tag nach draußen gehen kann.

Als Fern-, Weit- und Wildwanderer ist mir der heimatliche Radius bald zu eng geworden. Ich finde die Regelungen zur Eindämmung des Coronavirus insgesamt sinnvoll, aber wenn ich jetzt zu Fuß die Alpen überquere und draußen schlafe, besteht weniger Ansteckungsgefahr als wenn ich ins Büro oder aufs Spargelfeld gehe.

So habe ich nachgedacht, sinniert und gegrübelt, bis mir die Lösung gekommen ist, die ich hiermit ganz uneigennützig und menschenfreundlich weitergebe: Ihr dürft Euch durch ganz Deutschland bewegen, wenn Ihr behaupten könnt, auf einer Pilgerreise zu sein.

Das geht natürlich nur zu Fuß. (Und vielleicht noch im Rollstuhl.)

Apropos Fuß, einen teuflischen Pferdefuß hat die Sache: Ihr müsst katholisch sein. Wobei man das einfach behaupten kann, zumindest wenn man, wie ich, den Namen eines der zwölf Weisen aus der Tafelrunde trägt.

„Warum nur Katholiken?“ protestieren die Protestanten. Tja, der Grund ist ein juristischer: Der Heilige Stuhl schloss 1933 ein Konkordat mit dem Deutschen Reich ab, in das die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin eingetreten ist.

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Nach diesem Konkordat in Verbindung mit den Canones 1230 und 1233 des Kodex des kanonischen Rechts sichert Deutschland den römisch-katholischen Pilgern das freie Geleit auf den als traditionell anerkannten Pilgerwegen zu.

Und davon gibt es eine Menge. Allein die ganzen Jakobswege führen aus jedem Winkel Deutschlands bzw. Europas nach Santiago de Compostela am Atlantik. Wenn Ihr Euch die Liste anseht, werdet Ihr überrascht feststellen, dass auch bei Euch zuhause eine der Zubringertrassen vorbeiführt. In meinem Fall ist es zB der Fränkische Jakobsweg, der dann an den Fränkisch-Schwäbischen und den Oberschwäbischen Jakobsweg anschließt. Und schwupp bin ich von Bayern zum Bodensee gewandert.

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Und jetzt kommt der Clou: Weil das Konkordat mit dem Deutschen Reich bzw. kraft Rechtsnachfolgerschaft mit der Bundesrepublik Deutschland geschlossen wurde, können die Ausgangsbeschränkungen, die von den Bundesländern erlassen wurden, dieses nicht brechen. Für völkerrechtliche Verträge ist der Bund zuständig (Artikel 32 Absatz 1 des Grundgesetzes), nicht die Bundesländer. Und Bundesrecht bricht Landesrecht (Artikel 31 des Grundgesetzes).

Außerdem erlaubt Artikel 1 Absatz 2 des Reichskonkordats von 1933 die Einschränkung der Rechte der Kirche und der Gläubigen nur durch Gesetz. Die Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote der Bundesländer sind jedoch nicht durch Gesetz, sondern durch Verordnungen oder Allgemeinverfügungen erlassen worden. Auch aus diesem formellen Grund bleiben die Pilgerrechte unberührt. (Als Jurist und angehender Historiker darf ich nicht verschweigen, dass die Lage in einigen Bundesländern dadurch verkompliziert wird, dass der Heilige Stuhl bereits 1924, 1929 und 1932 Konkordate mit Bayern, Preußen und Baden abgeschlossen hatte, die durch das Reichskonkordat 1933 nicht aufgehoben wurden. Aber das würde jetzt zu sehr ins Detail führen und den preußichen Leserinnen und Lesern schmerzlich den Untergang ihres einstigen Ländchens vor Augen führen.)

Zudem gilft für (ernsthafte) Pilger die Freiheit der Religionsausübung aus Artikel 4 Absatz 2 des Grundgesetzes, der das Bundesverfassungsgericht schon in der jüngsten Corona-Rechtsprechung einen besonderen Stellenwert eingeräumt hat. Um auf Nummer sicher zu gehen, solltet Ihr also religiöse Texte wie die Bibel oder den Codex Iuris Canonici mitschleppen. Auch der traditionelle schwarze Pilgerhut würde nicht schaden.

Hut von hinten Western

Ich wünsche eine gute Reise.

Gott sei mit Euch!

Links:

Für einen Juristen untypisch, streue ich diesen Rat kostenlos unters Volk, wie einst Jesus am See Genezareth. Aber natürlich freue ich mich über Anerkennung und Unterstützung für diesen Blog und verspreche im Gegenzug weiterhin juristisch und theologisch fundierte Ratschläge für alle Lebenslagen.

Und schickt diesen Hinweis doch an Eure Wanderfreunde, denen zuhause schon die Decke auf den Kopf fällt!

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Luftbrücke für den Spargel

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In Rumänien wurde zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie eine fast umfassende Ausgangssperre verhängt, die von Polizei und Militär kontrolliert wird. Jetzt ist glücklich, wer auf dem Land lebt oder wer zumindest einen Balkon hat, von dem er in den derzeit abgasfreien Himmel blicken kann.

Doch heute blicken die Menschen in Rumänien verwundert nach oben: Was sollen all diese Flugzeuge? Wohin? Woher? Warum? Was ist mit den Ausgangs- und Reisebeschränkungen?

Selbst auf einem kleinen Flughafen wie Cluj (Klausenburg) sieht der Abflugplan für heute wieder ganz voll aus, wenn auch mit verdächtig einseitigen Zielen. Und so geht es die nächsten Tage weiter.

Spargelflüge

Hier, liebe deutsche Leserinnen und Leser, kommen die Menschen, die Euch den diesjährigen Spargel retten. Denn Spargel ist anscheinend sehr wichtig. Oder vielleicht ist nur der Profit der Spargelbauern wichtig, weshalb sie auf die Angebote deutscher Erntehelfer verzichtet haben und lieber Flugzeuge chartern, um Arbeiter aus Rumänien und Bulgarien auf ihre Plantagen zu fliegen.

Die sind nämlich schon daran gewöhnt, hart zu arbeiten, viel zu arbeiten, mies untergebracht zu werden und mies bezahlt zu werden. Die Spargelbauern sagen dazu, dass die Rumänen schon „erfahren“ sind. Das übrige Obst und Gemüse, das wir so billig im Supermarkt kaufen, ist ebenfalls nur deshalb so billig, weil es unter Bedingungen geerntet wird, die sich seit „Die Früchte des Zorns“ nicht viel verbessert haben.

Das einzig Gute daran? Wenn Ihr Gemüse noch nie mochtet, habt Ihr jetzt einen moralischen Grund, um es zu verweigern. Hoffen wir, dass die Bedingungen auf den Schokoladen- und Tabakplantagen besser sind.

So sieht es heute auf dem Flughafen in Cluj aus.

Spargelpassagiere

Wenn es um Spargel geht, sind die Abstands- und Sicherheitsregeln anscheinend egal. Aber wenn die Rumänen in Deutschland ins Krankenhaus kommen, dann können sie sich dort wenigstens auf Rumänisch gut verständigen, weil ohne rumänische Ärzte und Krankenschwestern auch unser Gesundheitssystem schon lange zusammengebrochen wäre.

Mit welcher Selbstverständlichkeit ganze Völker oder Staaten als Arbeitskraftreserve für Deutschland (und als sonst nichts) betrachtet werden, lässt ihn mir den Verdacht erstärken, dass das Bild der „Ostarbeiter“ noch in vielen Köpfen steckt.

Gruppe von Ostarbeitern vor Fahrt nach Deutschland

Irgendwie hinterlässt das alles einen schlechten Nachgeschmack. Wie der Spargel selbst.

Links:

Jetzt wo Ihr den Spargel boykottieren werdet, könnt Ihr vielleicht ein paar der so gesparten Euros zur Unterstützung dieses Blogs aufwenden? Denn meine Artikel sind garantiert nahrhafter als das meist zu weich gekochte Gemüse.

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Weltliteratur aus Playmobil

Keine Zeit zum Lesen?

Ich glaube das ja eigentlich nicht, denn jeder Mensch hat jeden Tag 24 Stunden und davon kann man ein paar Stunden mit den interessantesten Zeitgenossen verbringen, die die Welt hervorgebracht hat: Bücher. Es gibt wohl keine bessere Kombination aus Unterhaltung, Bildung und Entspannung als diese praktischen und dazu oft nicht einmal teuren Drucksachen.

Und jetzt, wo viele nicht mehr in die Arbeit gehen müssen und diejenigen, die noch müssen, den Zug dorthin für sich alleine haben, wo man sich nicht mehr mit den ewig gleichen Leuten in den ewig gleichen Restaurants treffen muss, um sich gegenseitig zu langweilen und Ziegenkäsesalat zu bestellen, nur weil man dann gesünder wirkt als man wirklich ist, jetzt ist erst recht die Zeit für Bücher gekommen! Den Büchern ist es auch egal, wenn Ihr dazu Schokolade esst, raucht oder trinkt.

reading Moby Dick on Faial

Aber ich fürchte, dass unsere marktwirtschaftlich verdorbenen Mitbürger uns auch diesen Spaß madig machen werden und uns einst, in fernerer Zukunft als es sich die meisten bewusst sind, ganz kompetitiv fragen werden, wieviele Bücher aus dem Corona-Quarantäne-Klassiker-Kanon wir gelesen haben werden.

Noch schlimmer wird der Druck diejenigen treffen, die in diesem Unglücksjahr vor dem sommerlichen Notabitur stehen. Druck ist unmenschlich, egal ob er von der Schule, vom Chef oder von den Kollegen kommt, also darf man schummeln.

Und hier kommt Michael Sommer ins Spiel. Er ist Literaturwissenschaftler und Dramaturg und anscheinend alt genug, um noch mit biologisch nicht abbaubarem Plastikspielzeug aufgewachsen zu sein. Seine alten Playmobil-Figuren setzt er allwöchentlich ein, um Literatur auf die kleine Bühne des Schreibtischs und die große Bühne von YouTube zu bringen.

Das ersetzt in den seltensten Fällen die Lektüre der Bücher, aber wenn die (Zeit-)Not groß ist, dann kann man sich so den Faust, den weisen Nathan oder Macbeth in jeweils 10 bis 15 Minuten zu Gemüte führen. Und Ihr kennt mich, ich würde nichts aus reinen Effizienzgründen empfehlen. Aber bei Sommers Weltliteratur to go, wie der YouTube-Kanal heißt, wird – ganz anders als in diesem eher der Abschweifung und Weitschweifigeit fröhnenden Blog – auf prägnante, intelligente und kreative Art auf das Wesentliche fokussiert.

Bei der Aufgabe, Euch eine Auswahl aus den bisher etwa 300 Videos zu zeigen, fühle ich mich von der Wahl sehr gequält. Klickt Euch einfach selbst durch den YouTube-Kanal von Michael Sommer und verbringt so viele lustige Literaturabende. Ich fand die Videos übrigens immer viel besser, wenn ich das Buch schon gelesen hatte.

Na gut, die Odyssee muss man sich nicht unbedingt antun. Da ist die Kurzfassung sehr praktisch und für den Plausch an der Gyros-Bude vermutlich ausreichend.

Ich habe das Playmobil-Projekt über die Dramatisierung dieses romantischen Büchleins, das meine Lebensauffassung ganz gut wiedergibt, kennengelernt:

Auf dem obigen Bild blicke ich von der Walfängerinsel Faial über den Atlantik und lese, da war die Wahl mal keine Qual, vom gequälten Wal in „Moby Dick“. Deshalb habe ich mir das Video noch gar nicht angesehen. Aber wenn Ihr keine Zeit für 700 Seiten Seemannsgarn habt, könnt Ihr ja mal reinsehen.

Und jetzt bin ich gespannt auf Euer Lieblingsvideo!

Links:

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Pico ohne Pico, aber mit Corona

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Jeder, der auf die Insel Pico kommt, will den Berg Pico besteigen. Klar, es ist der höchste Berg der Insel. Der höchste Berg der Azoren sogar. Ach, was sage ich, der höchste Berg Portugals!

Pico (1)

Nun bin ich eher Genießer als Rekordsucher, weshalb der Berg in meinen Planungen für Pico eine untergeordnete Rolle spielt. Ich möchte lieber gemütlich wandern, an der Küste sitzen, die kleinen Städte entdecken und mit den Menschen sprechen – und Euch hiermit auf diese Reise mitnehmen. Eine Reise, die vom 11. bis zum 17. März in jenem ominösen Jahr 2020 stattfand, als sich das Coronavirus in ganz Europa ausbreitete. Ob man auf den Azoren etwas davon mitbekommen würde?

1

Den ersten Bus vom Hafen in Madalena nach São Roque habe ich verpasst. Der zweite geht erst am Abend. Also ist Trampen angesagt. Je kleiner die Insel, umso einfacher funktioniert das gewöhnlich. Pico misst von West nach Ost 46 km, das ist so Inselmittelmaß, es müsste also ganz gut klappen mit dem Daumen.

map of Pico

Eine Minute stehe ich am Kreisverkehr. Schon das zweite Auto hält. Zwei ältere Herren fahren nach São Roque und nehmen mich gerne mit. Die beiden stammen von dort und sind Freunde von Kindheit an, wie sie betonen. Der Fahrer erzählt das alles mit einem amerikanischen Akzent, so dass ich nicht umhin komme, zu fragen, ob er mal in Nordamerika gelebt hat.

„Ich wohne eigentlich in Kalifornien, in San Diego“, erklärt er. „Aber jedes Jahr komme ich für ein paar Monate zurück nach Pico.“ Auf die kleinen portugiesischen Inseln im Atlantik gibt es täglich Flüge aus New York, Boston und Toronto, so viele Azoreaner sind dorthin ausgewandert. „Und letztes Jahr hat mich mein Freund für einen Monat in Kalifornien besucht“, fügt er stolz hinzu.

Wir sprechen über dies und das und halten hier und dort. Sie zeigen mir, wo es Wanderwege zum Meer gibt, wo es am Morgen frisches Brot gibt und halten am Supermarkt, so dass ich mir Vorräte kaufen kann. Außerdem informieren sie mich, dass sie mich keinesfalls mitgenommen hätten, wenn sie gewusst hätten, dass ich mal Rechtsanwalt war. („Das kann ich gar nicht glauben, Sie sehen so ehrlich aus!“)

São Roque ist nicht groß. Ich könnte auch zur Jugendherberge laufen, wenn sie mich irgendwo absetzen, aber die beiden Herren bestehen darauf, mich zu dem ehemaligen Kloster zu fahren.

„Hier waren früher all die Behörden untergebracht, erinnerst du dich?“ fragt der Fahrer seinen Freund. Und dann erzählt er, dass er sich in diesem Gebäude einst zum Militär gemeldet hat.

„Hoffentlich weckt das jetzt keine schlimmen Erinnerungen für Sie“, scherze ich.

„Oh nein, ganz im Gegenteil. Es war eine wunderbare Zeit. Ich war 27 Monate in Afrika, aber ich kann kein schlechtes Wort darüber verlieren.“ Was wohl die Angolaner oder Mosambikaner dazu sagen?

2

Ganz so lange plane ich nicht, hierzubleiben, aber das ehemalige Kloster zur Jugendherberge umzufunktionieren war eine gute Idee. Es liegt am Rande des Städtchens, mit einem Blick über das Meer. Es ist ein schöner, ruhiger Ort. Gerade jetzt, mit der Kombination von Nebensaison und eingeschränktem Reiseverkehr, ist nicht viel los. Nicht viel ist eigentlich noch euphemistisch. Ganz allein wandele ich durch den Kreuzgang oder sitze unter den Bäumen. Leute, die nicht allein sein können und deshalb in Hostels gehen, würden jetzt verzweifeln. Aber ich bin schlau genug, nie ohne Bücher zu verreisen.

Pousada Sao Roque frontal

Pousada Sao Roque corridor

Pousada Sao Roque external

Andreas Moser in Pousada Juventud Pico

Pousada Sao Roque front

Nur die Tür zur Kirche ist leider verschlossen. Ich muss mal fragen, ob jemand einen Schlüssel hat. (Wer das nicht erwarten kann, möge zu Kapitel 28 springen, kehre aber danach bitte umgehend wieder zurück.)

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Beim Frühstück am nächsten Morgen treffe ich auf den derzeit einzigen anderen Gast, einen Jungen aus Deutschland, wie wir feststellen, nachdem wir uns etwa 10 Minuten auf Englisch unterhalten haben. Er sollte nach Lissabon zu einer Konferenz über die Normierung von Elektroladestationen, die wegen des Coronavirus abgesagt wurde. Also machte er das Beste daraus und flog kurzerhand auf die Azoren.

Gestern war er auf dem Gipfel des Pico, auf 2351 m, und er erzählt vom anstrengenden, aber nicht schwierigen Aufstieg. Man muss sich bei der Bergwacht am Fuße des Berges registrieren und bekommt ein GPS-Gerät mit Sender, das überwacht wird. „Ich bin mal ziemlich vom Weg abgekommen, weil ich im Nebel die Markierung aus den Augen verloren hatte. Dann klingelt das Funkgerät und man wird auf den rechten Weg zurückgeführt.“

Totalüberwachung, sogar am Berg. Das entspricht nicht ganz meinem Sinn von Abenteuer. Da wandere ich doch lieber unbeaufsichtigt und entspannt die Küste entlang, wo ich mich sowieso nicht verlaufen kann.

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Ganz Verrückte besteigen den Gipfel übrigens nicht gemächlich, sondern laufen ihn im Rahmen eines Ultramarathons mal flugs hoch.

Das findet gewöhnlich im Frühsommer statt, und ich hatte schon die Turnschuhe dafür eingepackt, aber wegen des Coronavirus wurde der Lauf in den Spätherbst verschoben. So ein Pech. Schon wieder ein Sommer mit mehr Schokolade als Sport.

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Ein Pfad an der Nordküste führt direkt an den Klippen entlang, mal nur ein Stolperweg im Lavagestein, mal ausgebaut wie eine Römer- oder Inkastraße.

Inka or Roman street on Pico

Inka or Roman 2

Die Wellen klatschen an die Insel, wie wenn sie furchtbar wütend auf etwas wären. Ein Wunder, dass nicht jeden Tag ein paar große Brocken abbrechen.

Wellen (2)

Wellen

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Die Naturkatastrophen kommen jedoch nicht aus dem Meer, sondern von oben, vom Pico. Immer wieder, meist wenn man ihn am wenigsten bräuchte, bricht er aus und sprüht Lava, Gestein und Asche, auf deren Resten ich jetzt wandere. Einige Steine zeigen noch die Fließ- oder Schiebespuren der langsam an der Oberfläche gleitenden und schließlich erstarrenden Glut aus dem Höllenschlund.

Lavagestein

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Pico war über Jahrhunderte ein Weinanbaugebiet, das beste der Welt. Der Verdelho-Wein wurde in die Königshäuser Europas exportiert, und Tolstoi fand ihn in „Krieg und Frieden“ schleichwerbungswert. Die Wälle, die aus den Lavasteinen aufgeschichtet wurden, um die Reben vor dem Wind zu schützen sowie die Wärme zu speichern, stehen noch. Hunderte, Tausenden von ihnen unterteilen die Landschaft wie ein Schachbrett. Und noch immer strahlen sie wohlige Wärme aus, wenn man sich anlehnt oder draufsetzt.

Jetzt sehen die Weingärten ziemlich brach aus, aber dafür sind sie UNESCO-Weltkulturerbe. Der international anerkannte Trostpreis für zerstörte Industrien. Na, wenigstens etwas, worauf sich die Lausitz freuen kann.

Weingarten (2)

Weingarten

Einige Weinkeller stehen noch, mit knallroten Türen, wie wenn sie als Fotomotive am Leben gehalten werden.

wine cellar with red door Pico

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Von dem Rot sind anscheinend mal ein paar Farbeimer zu viel bestellt worden, denn überall auf Pico werden Türen, Fenster, Zäune und sogar Schiffe damit angestrichen.

red

red (3)

red (2)

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Zurück zur Vulkanwüstung an der Nordküste. Hier und da steht noch eine Kirche als Zeichen verschütteter Dörfer.

church on north coast (1)

church on north coast (2)

Auf dem Rückweg schlage ich mich querfeldein durch die Weinberge, einfach in die Richtung, die ich als die richtige vermute, und stoße zufällig auf eine alte Straße. Wie wenn die Lava sie direkt dafür gegossen hätte, sieht sie aus. Und danach, dass sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt wurde.

lava path (1)

lava path (2)

Wahrscheinlich könnte man hier mit einer Landkarte aus dem 18. Jahrhundert die besten Wanderwege – und verlassene Bauernhöfe und vergrabene Piratenschätze – entdecken.

10

Den Vorfall von diesem Abend habe ich, weil es so kurios war, bereits als gesonderte Geschichte veröffentlicht. Falls Ihr es schon gelesen habt, springt einfach zu Kapitel 11. Falls nicht, macht Euch auf etwas gefasst!

Nach einem anstrengenden aber sonnigen Tag auf Pico führt mich am Abend der Weg zum Quarantänekloster vorbei an der Bowlingbar. Vor dieser bittet mich ein verlottert und zwielichtig aussehender Mann aufgeregt um 5 Euro, um sein Auto betanken zu können. Dann würde er nach Hause fahren, das Geld holen und mir zurückbringen. Viel Sinn ergibt das nicht, für mich noch weniger als für ihn, und ich höre schon zwei Lager aus der Leserschaft rufen: „Sei doch nicht so doof!“ und „Ach, was sind denn 5 Euro?“, wobei Letztere meine finanziellen Verhältnisse überschätzen.

Außerdem habe ich nur einen 10-Euro-Schein.

Den würde der Benzinfuchs natürlich auch annehmen, kein Problem: „In fünf oder zehn Minuten komme ich wieder zurück, ganz sicher. Du kannst die Leute in der Bar fragen, die kennen mich alle.“ Ich frage mich eher, wieso er sich mit seiner Darlehensanfrage nicht an die Freunde richtet. Da ich mir die Antwort schon denken kann, frage ich nach seinem Namen, ohne dessen Richtigkeit überprüfen zu können.

„Immanuel“.

Er kann kaum gewusst haben, dass ich Philosophie studiert habe, aber da spule ich natürlich sofort den Kategorischen Imperativ ab und gebe ihm die 10 Euro.

Die Leute in der Bar sehen mich mitleidig an, während ich draußen auf der Bank sitze und betont lässig über Wissenschaft im Kolonialismus lese.

Fünf Minuten vergehen.

Wie konnte er eigentlich mit dem Auto wegfahren, wenn er doch angeblich Benzin brauchte?

Zehn Minuten vergehen.

Wenn er genug Benzin hatte, um zur Tankstelle zu kommen, wieso fuhr er dann nicht zuerst nach Hause und holte das Geld?

Fünfzehn Minuten vergehen.

Und außerdem ist auf der anderen Straßenseite von der Bar ein Geldautomat.

Zwanzig Minuten vergehen.

Ich hatte nicht einmal daran gedacht, mir das Nummernschild zu merken.

Fünfundzwanzig Minuten vergehen.

Da ich gerade über Bronisław Malinowski und seine Feldstudien auf der Trobriand-Insel lese, betrachte ich die selbstverschuldete Situation als wissenschaftliches Experiment über die Ehrlichkeit der Picorianer.

Da fährt Immanuel mit seiner dunkelblauen Klapperkiste an mir vorbei, biegt ab, so dass er mich kaum übersehen haben kann, und düst den Berg hoch.

Dreißig Minuten vergehen.

Wollte er vielleicht sehen, ob ich wirklich so gutgläubig bin, zu warten? Wenn ich schon aufgegeben hätte, wäre er wahrscheinlich zu seinen Freunden in der Bar gegangen, und sie hätten sich im ganz wörtlichen Sinne auf meine Kosten amüsiert.

Aber da kommt er wieder den Berg herunter gerauscht, ruft „Ach, da bist du!“, wie wenn er mich auf der ganzen Insel gesucht hätte, und erklärt: „Du bekommst gleich dein Geld, keine Sorge. Ich muss nur noch zur Bank.“

Wieso fährt er dann stattdessen ständig durch die Stadt? Und wollte er das Geld nicht von zuhause holen?

Mir reicht es jetzt: „OK, dann fahre ich am besten mit zur Bank“, sage ich und steige einfach ein.

Damit hat er nicht gerechnet.

„Das ist keine gute Idee“, erklärt er, „denn ganz ehrlich, die Bank ist meine Mama.“ Er sieht etwa so alt wie ich aus, womit die Mutter eine Bank wäre, die auch im Rentenalter noch ihre Geschäftstätigkeit entfaltet.

„Kein Problem, dann fahre ich eben mit zu deiner Mama“, sage ich, betont so, wie wenn ich den ganzen Abend Zeit hätte.

„Das wird ihr aber nicht gefallen.“

„Du kannst doch um die Ecke parken, und ich warte im Auto.“

„Ich könnte dich auf den Berg fahren. Von dort oben gibt es einen fantastischen Blick über die Insel.“

„Nein danke, fahren wir lieber zu deiner Mama.“

„Ich kann dich auch nach Madalena fahren. Ich kann dich überall hin fahren, für wenig Geld. Viel günstiger als ein Taxi. Du kannst mich jederzeit anrufen, und ich hole dich ab.“

„Danke, aber jetzt fahren wir doch erst einmal zu deiner Mama.“

„Meine Mama ist schwerkrank. Ich kümmere mich schon seit Jahren um sie.“ Das sagt er betont rührselig, wie in einer Seifenoper.

„Hauptsache, sie hat noch 10 Euro“, denke ich, sage es aber nicht.

„Hast du schon zu Abend gegessen?“

Das hätte ich besser nicht verneinen sollen.

„Ich fahre dich zum Hafen, da gibt es ein gutes Lokal. All meine Freunde essen dort.“

„Nein danke“, sage ich, aber er fährt trotzdem zum Hafen. Zum Glück ist das Restaurant geschlossen. Übrigens fährt Immanuel wie der Henker, über Bordsteine, immer mit Höchstbeschleunigung. Aber er ist der einzige Fahrer, den ich auf Pico erlebt habe, der keinen Wert darauf legt, dass ich mich anschnalle. Vielleicht hofft er auf einen Unfall und das Ableben seines hartnäckigen Gläubigers.

„Ich fahre dich zum Supermarkt, da ist es sowieso viel billiger.“

„Nein danke, ich brauche echt nichts.“

Er fährt trotzdem hin. Zum Glück ist da auch schon geschlossen.

„Wenn du immer so planlos herumfährst, wundert es mich nicht, dass dir oft das Benzin ausgeht.“ Diesmal denke ich es nicht nur, sondern sage es auch. Langsam werde ich sauer.

Er fährt zu einer weiteren Bar, die ich schon vom Vorbeigehen kenne und wo immer die absolut dubiosesten Charaktere rumhängen, trinken und grölen. „Das sind meine Freunde“, stellt er mir drei Typen vor, die alle nach Drogen und Gefängnis aussehen. „Bleib doch ein paar Minuten hier und trink einen Kaffee. Ich komme gleich wieder.“

„Ich trinke abends keinen Kaffee, danke.“

„Einen Tee?“

„Ne, ich hätte jetzt echt lieber die 10 Euro.“

Er merkt, dass er mich nicht so leicht los wird. Wir gehen zu einem kommunal aussehenden aber heruntergekommenen Gebäude. „Hier wohnt meine Mama. Oje, das Haus ist leider geschlossen!“

„Was ist das hier?“ will ich wissen.

„Das Altersheim. Aber jetzt fällt mir ein, dass sie auf eine Party gehen wollte. Das kann sehr spät werden. Ich fahre dich besser in die Herberge und bringe das Geld dann später vorbei.“

Schön, dass die Mama wieder gesund ist.

„Ruf deine Mama halt an und frag sie, wo sie ist.“ São Roque ist nicht groß, weit kann die Alte nicht sein.

„Ich habe mein Telefon zu Hause vergessen.“

„Kein Problem, du kannst meins verwenden.“ Ich hoffe, so an eine Nummer zu kommen, falls ich wegen des Falles doch die Polícia Judiciária bemühen muss.

„Ich weiß die Nummer nicht.“

„Du weißt die Nummer von deiner Mama nicht, um die du dich so liebevoll kümmerst, weil sie schwerkrank ist, obwohl sie auf Partys geht?“

Jetzt fällt ihm nichts mehr ein. Zumindest für zwei Sekunden. Dann fährt ein Pickup-Truck mit abgeschnittenen Stauden auf der Ladefläche vorbei.

„Hey, das ist mein Cousin.“ Er ruft dem Fahrer nach, der tatsächlich stehenbleibt.

Die beiden unterhalten sich durchs offene Fenster. Mit Immanuel habe ich immer Englisch gesprochen, so dass er nicht vermutet, ich verstünde etwas Portugiesisch.

Der Mann im Wagen ist anscheinend Landwirt oder so. Die beiden vereinbaren, dass Immanuel morgen für ihn arbeiten wird und sich 10 Euro vorstrecken lässt. Der Fahrer zückt den gebügelt glatten 10-Euro-Schein. Immanuel händigt ihn mir zeremoniös aus, und als er mich zum Abschied umarmt, achte ich sehr darauf, meine Geldbörse festzuhalten.

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Das ganze Leben auf Pico spielt sich an der Küste ab. Aber ich will auch wissen, wie es im Inneren des Eilands aussieht. Das ist gar nicht so leicht, denn da fährt niemand hin, da lebt niemand, steile Bergwände beschützen den Zugang, und die Wolken verbergen das Ziel.

Hang mit Wolken (1)

Hang mit Wolken (2)

Dennoch mache ich mich auf den Weg und finde im tropischen Wald bald ein Netzwerk von Pfaden, die so vermoost und verwittert sind, dass sie schon lange nicht mehr benutzt worden zu sein scheinen. Wahrscheinlich seit Einführung des Automobils auf der Insel, seitdem die Picorianer lieber einmal um die Insel fahren als schnurstracks über den Berg zu laufen.

path with moss

way to top 2

Andreas Moser walking top Pico

Ganz schön steil ist der Weg, und weil ich mitten im Dickicht stecke, erkenne ich nicht, wie viel ich schon geschafft habe und wie viel noch vor mir liegt, Etwa drei Stunden bin ich so unterwegs, immer bergauf. Wenn es mal ein paar Meter flach ist, muss ich durch Wasser waten. Egal, solange sich im Tümpel keine Tümmler tummeln, werde ich es überleben.

swamp

Ich zweifle schon an der Sinnhaftigkeit der Wanderidee, aber ich bin kein Umkehrer.

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Und dann erreiche ich tatsächlich das Hochplateau, wo sich ein fast minütlich wechselndes Schauspiel von wolkenverhangener Düsternis und dagegen ankämpfender Sonne bietet.

plateau1

plateau2

plateau3

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plateau5

Nur die Lagoa do Capitão, die Lagune des Kapitäns, bleibt beharrlich im Nebel und gibt sein Schiff nicht frei.

Lagoa do Capitao

Lagoa do Capitao trees

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Der Abstieg zieht sich genauso lang hin, fällt aber etwas leichter, vor allem weil sich immer wieder der Blick zum Meer öffnet. Und die Wolken scheine ich durch meinen schnellen Schritt auch abgeschüttelt zu haben.

descent (1)

descent (2)

Eine meiner Wanderregeln ist es, immer einen anderen Rück- als Hinweg zu wählen, und so komme ich beim mit Blumen und wunderbarem Ausblick geschmückten Parque Florestal da Prainha raus, einem Picknickplatz, wo es zwar Trinkwasser, aber leider keine Hamburger auf dem Grill gibt. Wie so oft in diesen Tagen sitze ich ganz allein in diesem Paradies.

Parque Florestal

Aber zurück nach São Roque will ich nicht auch noch zu Fuß laufen. Ich habe Glück, schon das dritte Auto hält. Zwei Brasilianerinnen nehmen mich mit und bestehen auch wieder darauf, mich bis zur Jugendherberge zu fahren. Sie arbeiten im Restaurant Adega Açoriana in Prainha de Baixo und laden mich dorthin ein. Allerdings sind auf dem Flugzettel, den sie mir geben, diese komischen Krebse abgedruckt, die mich schon in den Tagen zuvor immer wieder erschreckt haben.

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Ach ja, das mit den Tieren muss ich mal erklären:

Die Azoren waren mir sympathisch, weil es hier angeblich keine Schlangen gibt. Dafür gibt es jedoch etwas viel Schlimmeres. Immer wieder sehe ich sie unter Steine und in Mauerritzen huschen, und eine kriecht sogar in meinen Rucksack als ich ihn unverschlossen abstelle: kleine Schlangen mit vier Beinen, schwarz und superflink.

Und wenn man oben auf der Klippe sitzt und eine große Welle die Gischt ins Haar sprüht, landen manchmal Krebse und Muscheln auf meinem Kopf. Igitt.

Krebse

Wenn man genug Muscheln sammelt, kann man sich davon allerdings ein Haus bauen. Nicht im übertragenen Sinn, sondern buchstäblich:

Muschelhaus Pico (1)

Muschelhaus Pico (2)

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Am nächsten Morgen weckt mich die Sonne. Es ist ein Bilderbuchtag, und schon aus dem Badezimmerfenster sehe ich den Pico. Es wäre ein guter Tag, ihn zu erklimmen, wenn ich denn ehrgeizig oder sportlich wäre.

Pico (2)

Beim Frühstück treffe ich wieder nur einen weiteren Gast, einen Jungen aus Ungarn, der in 12 Tagen alle Inseln des Archipels besucht und deshalb einen knappen Reisetakt hat. Gleich muss er zum Hafen, um nach São Jorge überzusetzen.

Ich will noch einmal die Insel überqueren, nach Lajes, aber ein zweites Mal mache ich das nicht zu Fuß. Am Kreisverkehr in São Roque hält gleich das erste Auto. Ein junger Mann, der beim Wasserwerk arbeitet und eine der Lagunen auf dem Hochplateau inspiziert oder was immer man mit einer Lagune machen muss, nimmt mich auf den Höhenrücken mit. Dort, wo er zu seinem abgeschiedenen Arbeitsplatz abzweigt, setzt er mich ab: „Folge einfach immer dieser Straße, und du kommst nach Lajes!“

Es hört sich so an, wie wenn er nicht glaubt, dass hier noch ein Auto vorbeikommt. Es sieht auch nicht danach aus. Aber schön ist es, ringsherum grün, die Vögel singen, und die Sonne scheint.

road across Pico

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Also mache ich mich auf den Weg. Ein Stein neben der Straße zeigt 9 km an, das ist in zwei Stunden zu schaffen, schließlich geht es jetzt immer bergab. Wenn doch ein Auto vorbeikommt, werde ich natürlich den hilfesuchenden Daumen raushalten.

Ein Lieferwagen fährt vorbei, er ist voll besetzt. Aber schon das nächste Auto, nach etwa 15 Minuten, hält. Ein junger Mann und sein Vater räumen die Rückbank frei. Wir haben ziemlich viel gemeinsam, stellt sich schnell heraus. Pedro ist Übersetzer für Portugiesisch und Englisch, allerdings mit interessanteren Aufträgen als meine juristischen Übersetzungen. Er übersetzt Dialoge und Untertitel für Fernsehsendungen.

Als ich erzähle, dass ich zum Housesitting auf Faial sein werde, nickt er verständnisvoll: „Kenne ich, das habe ich auch gemacht, in Europa, in Asien, in Südamerika.“ Auch er hatte jahrelang keine eigene Wohnung, blieb zwischen den Reisen immer wieder bei seinem Vater in Porto, hielt es aber nie lange aus. Jetzt hat er sich allerdings mit seiner Frau auf Pico niedergelassen, weil sie ein Baby haben. Wie ich Euch immer sage: Wenn das Baby auftaucht, ist das Leben zu Ende.

Dafür kommt jetzt der Vater auf Besuch, er ist zum ersten Mal auf den Azoren. Das ist auch meine Erfahrung: Wenn man auf einer Insel wohnt, melden sich plötzlich alle für einen Besuch an, die sich sonst jahrelang nicht melden. Diese weitverbreitete Inselfaszination muss ich irgendwann mal ergründen, denn eigentlich sind die Karpaten oder der Kaukasus doch viel interessanter.

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Pedro erzählt noch, dass Lajes einst die wichtigste und größte Stadt auf Pico war. Wegen des Walfangs. In Lajes begann 1460 die Besiedlung der Insel. Jetzt sei es nach Madalena und São Roque nur noch an dritter Stelle.

Wir sprechen hier über Orte von ein paar Tausend Einwohnern, die sich aber – wie in so vielen Ländern – hundertmal belebter anfühlen als ein gleich großer Ort in Deutschland. São Roque zum Beispiel hat 1300 Einwohner, aber einen Hafen, ein Museum, mehrere Parks mit WLAN, etliche Gaststätten, Bars, Kneipen, Restaurants, ein Fußballstadion, Supermärkte, Tankstellen, Bäckereien, Metzgereien, einen Helikopterlandeplatz, Banken, eine Bibliothek, ein Postamt, ein Krankenhaus, eine Tierfutterhandlung, Geschäfte für Malereibedarf, für Heimwerkerbedarf, eigentlich für alles, was man braucht, eine Jugendherberge, eine Radiostation und Land- sowie Seepolizei.

Sao Roque frontal

In Deutschland hat ein Dorf dieser Größe nicht einmal mehr ein Postamt.

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Und sogar Schwimmbäder gibt es an vielen Orten:

swimming pool

Da musste man früher aus dem Wasser, wenn im nahen Hafen ein Buckelwal zerlegt wurde, weil das viele Blut die Haie anlockte.

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Lajes sieht aber wirklich so aus, wie wenn die Blütezeit vorbei ist.

Der Walfängerhafen ist fast zugewachsen, bleibt aber der Hafen auf der Insel mit der schönsten Aussicht.

Lajes port

Lajes port view of Pico in clouds

Nur der Pico ist schon wieder wolkenverhangen. Gut, dass ich mir diese (Tor-)Tour nicht angetan habe.

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Die Türen zum Kloster Nossa Senhora da Conceição sind schon seit Jahrzehnten nicht mehr geöffnet worden.

Lajes monastery

Die Fabriken, die einst Wale zu Lebertran und Öl verarbeiteten, sind zu.

Lajes factory

Die Häuser verfallen.

Lajes old house 1

Lajes old house 2

Am Friedhof hat die Hälfte der Gräber nicht einmal einen Stein mit Namen. Wahrscheinlich anonyme Seeleute, die beim Walfang umgekommen sind. Aus Respekt vor den ungetauften Quiquegs verzichtet man im Zweifel auf das Kreuz.

Lajes cemetery (2)

Lajes cemetery (1)

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In jedem noch so kleinen Ort auf der Insel steht ein Denkmal mit den Namen der örtlichen Soldaten, die in Angola, Guinea, Mosambik und Timor gekämpft haben, was mich jedes Mal an die beiden netten Herren aus Kapitel 1 erinnert.

Soldatengedenken

Und der eine von ihnen, der Kalifornier, ist auch symptomatisch für das, wodurch die Azoren weit mehr Einwohner verloren haben als durch den Dschungelkrieg: die Auswanderung. Auf Pico leben noch weniger als 14.000 Menschen. Vor 200 Jahren waren es fast doppelt so viele.

Obwohl die Azoren seit ihrer Entdeckung – und da hier vorher niemand lebte, kann man ausnahmsweise wirklich mal von Entdeckung sprechen – mit nur 60 jähriger Unterbrechung (dazu jetzt aber gar nichts, weil ich sonst wieder in einen meiner gefürchteten historischen Exkurse abgleite) zu Portugal gehörten, gingen die Auswanderer oft in die USA und nach Kanada. Zuerst durch die amerikanischen Walfänger und später durch die amerikanische Kriegsmarine hatte man schon immer enge Kontakte zu den USA, und verlockender erschien das Ziel im Westen anscheinend auch. Die Auswanderungswellen stiegen jedes Mal an, wenn ein Vulkan ausbrach oder ein Erdbeben einen Ort zerstörte.

Überall auf der Insel stehen die leeren Häuser und vermissen ihre fernen Eigentümer, die nicht einmal mehr Postkarten schicken.

old house

old houses (1)

old houses (2)

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Das Walmuseum hat ebenfalls geschlossen, seit gestern um 14 Uhr, auf unbestimmte Zeit, wegen des Coronavirus. Verdammt. Einen Tag zu spät.

Ob es deshalb oder wegen Samstag am Hafen so menschenleer ist, kann ich nicht sagen.

Andreas Moser Lajes Pico

Wenn das Museum sich weigert, mir behilflich zu sein, muss ich eben das mitgebrachte Walfangkompendium auspacken. Schon in dem 1851 erschienenen „Moby Dick“ werden die Walfänger von den Azoren erwähnt und als harte Kerle gelobt, mit denen die während der Atlantikfahrt hier anlegenden amerikanischen Walfangschiffe gerne ihre Mannschaft ergänzen. Übrigens ein tolles Buch!

Moby Dick

Ich könnte Euch ein Geheimnis verraten. Viele Reiseblogger oder Autoren von Reiseführern würden jetzt einfach Informationen von der Website des Museums abschreiben und so tun, wie wenn sie es besucht haben. Manchmal lese ich Blogs, bei denen das geübte und weitgereiste Auge erkennt, dass die Autoren niemals an dem beschriebenen Ort waren.

Auf meinem Blog gibt es das nicht. Hier gibt es keinen Lug und Trug, keinen Schmu und Schmäh. Hier wird der Wahrheit so eiskalt ins Auge gesehen, wie der Harpunier ins Auge des Schwertwals blickt, bevor der Vergleich schwer verwundet in die Tiefen des Atlantiks abtaucht.

Deshalb erwähne ich nur der Vollständigkeit halber das Museum der Walfänger sowie das Zentrum der Künste und der Meereswissenschaften.

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Nur die Kirche ist noch offen. Die glauben wohl, sie können das Virus wegbeten. Und wenn es nicht klappt, schieben sie wieder den Juden die Schuld in die Schuhe.

Beim Stadtbummel treffe ich erneut auf Pedro und seinen Vater, die mich auch noch gerne in ihr Dorf mitnehmen würden, falls ich in die Richtung möchte. „Das ist etwa 3 km östlich von hier. Aber dort gibt es wirklich gar nichts.“ Dann schlendere ich lieber weiter durch die Stadt, die auch ziemlich schöne und vor allem bunte Ecken hat.

Lajes colorful

Und die Bäckerei Aromes e Sabores fertigt die knusprigsten und leckersten Brötchen mit eingebackener Salami, die ich je gegessen habe.

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Seit fünf Minuten stehe ich an der Abzweigung nach São Roque, erfolglos trampend, als der Ungar vom Frühstück vorbeikommt. Das Boot nach Velas ging heute nicht, weil der Fährfahrplan ausgedünnt wurde, also bleibt er einen Tag länger auf Pico. „In der Jugendherberge werden sie sicher noch ein Bett frei haben“, scherzen wir. Meine Einladung, zusammen zu trampen, lehnt er ab. Er will die 20 km über den hohen Bergrücken zu Fuß gehen. So fit wie er aussieht, nimmt er auch noch den Umweg über den Vulkan.

Die nächste halbe Stunde fahren dutzende Autos an mir vorbei, ohne anzuhalten. Was ist da los? Das ist ganz untypisch für Pico.

Aber, wie so oft, je länger man wartet, umso besser die Überraschung: Ein altes Paar mit Pickup-Truck lässt mich hinten aufspringen und mich ins Stroh auf der Ladefläche setzen. Es wird eine luftige, wunderschöne Panoramafahrt.

Ein Tramper-Traum!

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Samstagabend um 17 Uhr sitze ich im Park vor der Gemeindeverwaltung. Park und Büro sind vollkommen leer, hier lässt sich die Abendsonne bei einem Buch genießen. Aber plötzlich kommen von überall her Autos mit Wappen und Abzeichen und Menschen mit Uniformen und Papiermappen. Eine Krisensitzung. Wahrscheinlich wird die Insel bald komplett abgesperrt.

Ich ärgere mich, dass ich nicht früher ins Walfangmuseum in São Roque gegangen bin. Jeden Tag hat es gelockt, jeden Tag dachte ich: „Ach, heute ist es so schön, das Museum hebe ich mir für einen regnerischen Tag auf.“ Jetzt ist es zu spät. Vielleicht lässt sich daraus etwas lernen.

Das wurmt mich wirklich, denn dieses Museum ist in einer alten Fabrik untergebracht, in der einst die Bartenwale, Blauwale und Belugawale zerlegt und zu Öl, Wachs und Tran verarbeitet wurden, so dass man sich alles im Original ansehen kann. Das Öl wurde dann exportiert und hauptsächlich zur Herstellung von Seife und Margarine verwendet. Das hört sich nach lange vergangener Zeit an, aber die letzten Wale vor den Azoren wurden 1987 erlegt.

Für den Fall, dass das Coronavirus zum Einbruch des internationalen Handels führt und keine Versorgungsschiffe mehr auf die Azoren kommen, finde ich den Gedanken ganz beruhigend, dass noch Männer unter uns leben, die wissen, wie man Grau-, Grönland- und Glattwale fängt. Ich selbst werde dabei weniger nützlich sein, kann als Jurist allenfalls am Internationalem Übereinkommen zur Regelung des Walfangs von 1946 heruminterpretieren, um den Anschein der Legalität zu verschaffen. Ob ich mir damit ein Narwalsteak verdienen kann?

Whaler Sao Roque

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Von den Walen lebt Pico gewissermaßen noch immer, nur dass jetzt die Touristen zu den Entenwalen, Schnapsnasenwalen und Eisbergwalen rausgeschippert werden, um sie zu beobachten und zu fotografieren.

Wegen des Virus haben alle Wale, vom Amboßkopfwal bis zum Zahnwal, jetzt aber endlich mal Ruhe. Mir bleibt also nur, von Land aus die Augen offen zu halten, bis eine Fontäne aus dem Meer spritzt und die Position eines Pottwals verrät.

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Ob es Sinn ergibt, die Museen zu schließen, wo sich um diese Jahreszeit wahrscheinlich vier oder fünf Besucher pro Tag einfinden, aber Bars und Kneipen offen zu lassen? Vor allem, weil in Museen weit weniger umarmt und geküsst wird als in Spelunken.

Am nächsten Tag wird sogar der Stadtpark abgesperrt, wo ich immer der einzige war, der auf einer Bank saß und las. Der Park vor dem Rathaus wird nicht abgesperrt, weil es kein offizieller Park ist, sondern nur Bänke unter Bäumen. Da ist schon ein bisschen sinnloser Aktionismus im Spiel.

park Sao Roque

Und wenn wirklich mal jemand wegen Covid-19 umfällt, dann steht die halbe Stadt herum, diskutiert und raucht.

Covid-19 death on Pico

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Um 18:50 Uhr klopft die Dame von der Jugendherberge ganz freudig an meine Tür. Zum Glück war ich weder schon im Schlafanzug, noch in die Hafenkneipe gegangen, sondern sitze am Schreibtisch und lese über die wissenschaftlichen Aspekte des Napoleon-Feldzugs in Ägypten. „Sie hatten doch nach der Kirche gefragt, nicht wahr?“

Das stimmt. Wahrscheinlich denkt sie, dass ich Christ sei, dabei habe ich nur kulturelles Interesse an der Kirche des Klosters, in dem ich jetzt eine Woche verbringe und bei Unterbindung des Schiffsverkehrs noch einige Monate verbringen werde.

„Gerade sind ein paar Leute gekommen, es findet also scheinbar eine Messe statt.“ Schnell packe ich Kamera, Notizblock und Stift ein, und schon bin ich unterwegs.

Ich setze mich in die letzte Reihe, um Aufstehen, Niedersetzen und Bekreuzigung der anderen imitieren zu können. Trotzdem falle ich auf, weil ich der einzige bin, der nicht alt genug ist, um an den Kolonialkriegen mitgekämpft haben zu können. Außerdem kennt hier sicher jeder jeden.

Zehn alte Menschen sind gekommen. Die Kirche ist so überdimensioniert geplant wie die Jugendherberge. Ob das Kloster wohl einst voll war? Als zwei Frauen zu spät kommen, knarzt der Holzboden, dass die Mäuse darunter in die vor der Tür aufgestellten Fallen fliehen. Gott ist nicht wählerisch, was den Nachschub an toten Seelen für sein Fegefeuer angeht.

Pousada Sao Roque church

Der Altarraum ist prächtig golden gestaltet, ein krasser Gegensatz zum schlichten Franziskanerkloster. Zwei Kronleuchter hängen tief von der Holzdecke, die relativ neu aussieht. Vielleicht ist die alte mal eingestürzt. An den Wänden prangen Kacheln statt Fresken. Aber leider kein Kachelofen. Es ist so kalt, dass ich hier zwar nicht das Coronavirus, aber wahrscheinlich eine Erkältung bekomme.

Der Pfarrer im purpurnen Mantel und sein Assistent im weißen Mönchsgewand spulen das ganz normale katholische Programm ab. Irgendwas über Schafe und Schlangen und das Meer (Buch Micha 7:14-20). Die Predigten von Pfarrer Mapple sind besser.

Eine Frau geht mit einem Stoffbeutel an einer langen Angelroute durch die Reihen. Ich will nicht der einzige sein, der sich der Finanzierung der Show entzieht. So werde ich endlich mein Kleingeld los. Geld überträgt übrigens ganz viele Viren.

Um noch mehr Viren unters Volk zu bringen, verteilt der dazwischen hustende Pfarrer aus seinen ungewaschenen Händen Oblaten. Ich bin der einzige, der sitzen bleibt und sich nicht vergiften lässt, wofür mich vergiftende Blicke der Christen treffen. Dabei bin ich über das langatmige Genuschel so hungrig geworden, dass ich für ein Stück Pizza jede Vorsicht fallen ließe. Aber nicht für ein windiges Stück geschmacklosen Gebäcks.

Erst ganz zum Ende spricht der Pfarrer tatsächlich über die Epidemie. Der Assistent verteilt Merkzettel für die zweite, dritte, vierte und fünfte Fastenwoche, woraus ich schließe, dass sie nicht von weiteren Gottesdiensten ausgehen. Das portugiesische Wort für Fastenzeit, quaresma, klingt schon fast so wie Quarantäne, und man wünscht sich, dass mehr Menschen auf die Idee kämen, auf Arbeit, Fußball, Gottesdienste und – da fasse ich mich selbstkritisch aber virenübertragend an die eigene Nase – aufs Reisen zu verzichten. Letztbezüglich habt Ihr es gut, weil Ihr einfach auf diesen Blog rekurrieren könnt, während Ihr Euch auskuriert.

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Die Dame von der Jugendherberge erzählte mir, dass das Kloster São Pedro de Alcântara aus dem 17. Jahrhundert stamme. Aber schon im 18. Jahrhundert verschwanden die Mönche von einem Tag auf den anderen wieder.

Manche vermuten einen Piratenüberfall. Aber warum ist dann der goldene Altar noch hier?

Vielleicht sind sie nach Nordamerika ausgewandert, wie so viele Azoreaner.

Oder sie wurden von einem Virus dahingerafft. Ein schlechtes Omen.

Das Geheimnis treibt mich um und ich schleiche mich nachts, als ich mal wieder als einziger Gast in dem historischen Gebäude weile, über einen Geheimgang in die Bibliothek. Aber die aktuellste Chronik, die ich im Licht des Mondes finden kann, datiert von 1717 und enthüllt nichts über das Schicksal der Mönche. Vielleicht haben sie die heraufziehende Aufklärung geahnt und sich selbst säkularisiert.

Pousada Juventud Pico at night (1)

book 1717

Pousada Juventud Pico at night (2)

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Am Sonntag will ich nach Osten, zum Aussichtspunkt bei Terr’alta. Das Trampen läuft zäh. Wie ausgestorben sind die Straßen heute. Schließlich hält eine sehr alte, verrunzelte Frau in Gummistiefeln. Zweimal hält sie unterwegs an, bedeutet mir sitzenzubleiben, lässt den Autoschlüssel stecken, und trägt einen Eimer mit Krebsen oder so in ein Haus an der Straße. Das ist also ihr harter Job.

Dabei sollte sie gar nicht mehr fahren. Inner- wie außerorts fährt sie gleich schnell. In den Kurven bremst sie nicht, sondern schimpft über die Straßenführung. Anstelle von Leitplanken stehen Hecken mit Hortensien am Straßenrand, der direkt in eine steile Klippe mündet.

Wir können uns nicht richtig verständigen, ich sage nur immer wieder, wo ich hin will, und bedanke mich. In einem Dorf hält sie an, um mir zu zeigen, wo sie wohnt, fährt dann aber weiter. „Für Sie, sonst kommen Sie zu spät.“ Wozu auch immer, ich wollte ja eigentlich nur aufs Meer gucken.

So fährt mich die arme Meerestiersammlerin eine halbe Stunde, und ich merke, dass die Rückfahrt schwierig werden wird. Zumindest sonntags ist der Ostteil der Insel kaum befahren.

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Als wir in Piedade anhalten, merke ich, dass wir zu weit gefahren sind. Sie hat mich so weit östlich wie möglich gebracht und muss jetzt wieder eine halbe Stunde zurück nach Hause fahren. „Gute Reise!“ wünscht sie mir herzlich. Hoffentlich fährt sie beim Rückweg nicht von der Steilküste.

Piedade ist ganz offensichtlich weniger vom Tourismus heimgesucht. In der Bar hängen rustikalere Gestalten herum. Ich bestelle eine Cola, und die Wirtin muss ganz tief im Schrank kramen, um zwischen all den Bier- und Rumflaschen etwas leichteres zu finden. Die Männer, die einst ihr Glück beim Walfang versuchten, lösen jetzt in der Bar ein Lotterielos nach dem anderen.

Gerüchte auf der Insel besagen übrigens, dass in den Wäldern um Piedade das beste Marihuana auf den Azoren wächst. Da fällt mir die Geschichte ein, wo ich in Bolivien aus Versehen einen ganzen langen Tag durch die Berge lief, wo die Kokainproduzenten arbeiteten und mich immerzu wunderte, wieso die Leute so anders als im Rest des Landes waren, misstrauischer und feindseliger irgendwie. Aber das gehört nicht hierher. Ich glaube, die Marihuanamafia ist nicht so schlimm.

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Da die hilfsbereite alte Dame übers Ziel hinausgeschossen ist, muss ich jetzt eben zurück wandern. Calhau und Baixa und Ribeirinha heißen die Dörfer, durch die ich komme. Gegenüber dem Gedenkstein für die örtlichen Kolonialkrieger hängt an jedem Gemeindehaus ein Rekrutierungsposter der portugiesischen Luftwaffe („Werde Teil dieser Familie“). Dazwischen viele Felder, viele Kühe, schöne Ausblicke.

Piedade walk (1)

Piedade walk (2)

Piedade walk (3)

Aber auch ein ziemlich langer Weg bis nach Terr’alta, wo es laut Reiseführer einen besonders tollen Blick aufs Meer geben soll. Wieso ich mir das antue, weiß ich nicht so genau, denn eigentlich habe ich auch unterwegs überall schöne Blicke.

Aber gut, an dem Aussichtspunkt direkt neben der Hauptstraße geht es wirklich besonders steil ins Meer, 415 Meter tief. Jetzt sehe ich erst, wie gut es war, auf den Wegen durch den Wald nicht auszurutschen.

Leider hat es mittlerweile zu regnen begonnen, so dass ich nicht lange etwas von dem Blick habe. Nicht dramatisch, aber auch nicht das Wetter, um etwa 25 km zu Fuß bis nach São Roque zu wandern. Also wieder den Daumen raus, die Straße führt ja genau dahin, wo ich hin muss.

Andreas Moser hitchhiking in the rain

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Wie vermutet, es ist schwierig.

Und wer erbarmt sich schließlich? Zwei Deutsche. „Wir haben uns schon gedacht, dass Du ein Deutscher bist, denn wer sonst steht im Regen neben der Straße?“, scherzen sie. Wir sind anscheinend bekannt dafür, kein Geld für Mietwagen oder Taxis entbehren zu können.

Der Herr wohnt in Piedade, schon lange genug, um dort in der Fußballmannschaft zu spielen. Das Mädchen war ein paar Tage zu Besuch. Sie machte Workaway, das ist so etwas ähnliches wie Housesitting, bricht den Inselaufenthalt jetzt aber ab, weil es in ihrer Familie in Schleswig-Holstein einen Coronafall gibt. Warum man freiwillig zu Corona und Familie fliegt, verstehe ich allerdings nicht. Ich bin gerne mitten im Atlantik, weit weg von beiden.

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Am nächsten Morgen erfreut mich der Anblick eines Frachtschiffes im Hafen. Die Leser und Leserinnen mögen sich sorgen um Busse, Eisen- oder U-Bahnen. Aber Frachttransporte sind viel wichtiger als Reisen zum Arbeiten oder zum Vergnügen.

Frachtschiff

Ich will nach Madalena, in die Inselhauptstadt, und merke, dass es schon schwieriger wird, mitgenommen zu werden. Als offensichtlicher Ausländer werde ich viel eher mit dem Virus assoziiert als ein einheimisch Aussehender.

Ein LKW-Fahrer nimmt mich schließlich mit. Er hat gerade Sachen vom Hafen abgeholt und hält die Insel so am Laufen und am Leben. Was er geladen hat, frage ich, in der Hoffnung auf Zigarren oder Zeitungen. „Oh, alles mögliche: Bier, Fließen, Batterien, Toilettenpapier.“ Wenn er letzteres hortet, kann er es bald zum doppelten Preis verkaufen.

LKW

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In Madalena haben die meisten Läden geschlossen. Vor den Apotheken stehen lange Schlangen, genauso vor den Geldautomaten. Bei einem Friseur hängt das „geschlossen“-Schild an der Glastür, aber drinnen schneidet er einem Kunden die Haare.

Madalena (1)

Madalena (2)

Nur der Bioladen hat seine Pforten weit geöffnet, von der Pandemiepanik profitierend und irgendwelche „Vitamine“ und „alternativen Abwehrkräfte“ zu horrenden Preisen verkaufend.

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Wenn ich Vitamine will, gehe ich lieber zur Walfabrik im Hafen in São Roque. Denn anscheinend werden die kleinen Gesundheitsdinger auch aus den großen Meeressäugern rausgequetscht.

Vitaminfabrik

Dort hole ich mir jeden Tag eine große Portion, denn gesunde Ernährung ist sehr wichtig während einer Coronaviruskrise. Und nach der Empfehlung von Herman Melville nutze ich „Tabaksqualm als eine Art desinfizierende Kraft gegen alle irdischen Drangsale“.

Andreas Moser smoking vitamins (1)

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Das größte Hotel am Ort sieht auch geschlossen aus.

Hotel Pico frontal

Hotel Pico pool empty

Dazu habe ich bereits einen gesonderten Artikel geschrieben, der die Auswirkungen auf den Tourismus an- und ein paar bescheidene Hoffnungen meinerseits ausspricht. Ganz objektiv und neutral empfehle ich die Lektüre. Aber wer ein Abonnement für diesen Blog hat, hat den ja schon erhalten. Die Abonnements gibt es während der Coronakrise übrigens kostenlos, damit niemand der Zwangsisolierten auf Unterhaltung und Informationen verzichten muss. Über zuwendende Unterstützung freue ich mich aber umso mehr.

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Beim Postamt wird nur jeweils ein Kunde eingelassen und danach die Tür von innen verriegelt. Einen Meter vor dem Schalter ist am Boden eine Linien gezogen. Als ich mich nähere, schnauzt mich der Postbeamte an: „Stay behind the line!“ Seine Kollegin gibt mir dann aber das Wechselgeld direkt in die Hand.

Was ich alles riskiere, um Euch eine Postkarte zukommen zu lassen!

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Im Hafen ist auch nichts los.

old man in the harbour

Die Thunfischfangboote werden noch repariert oder gestrichen. Natürlich in Rot, der Farbe, von der trotz der in Kapitel 8 gezeigten inselweiten Verwendung noch immer genug für ein paar Jahre übrig ist.

boat Madalena

Die Schiffe laufen erst im Mai aus, wenn überhaupt. Ab 2008 wurde der Mittelatlantik zu einem Meeresschutzgebiet, und die EU-Verordnung 2016/2336 verbietet Bodenschleppnetze. Die Ausfahrt rentiert sich immer seltener. Vor allem, wenn man stattdessen auch auswandern oder in den Krieg ziehen kann (siehe Kapitel 21).

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Die Häuser in Madalena sind nicht so bunt wie in Lajes, dafür sind Dutzende von Wänden kunstvoll bemalt. Wenn die Tourismus-Information geöffnet wäre, gäbe es dort einen Stadtplan mit Informationen zu den Kunstwerken.

mural Madalena

Man darf diese Orte nicht unterschätzen, nur weil sie klein sind. Jedes Jahr gibt es hier eine Menge Kulturprojekte und Kunstfestivals, am berühmtesten das Fringe Festival.

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Ein Spaziergang an der Küste offenbart einen Blick auf Faial, die Insel, auf der ich die nächsten drei Monate verbringen werde. Mit Horta scheint es dort sogar eine richtige Stadt zu geben.

Faial seen from Pico

Das Verhältnis der beiden Inseln, die nur 6 km voneinander entfernt sind, scheint übrigens nicht zu harmonisch zu sein. Immer, wenn ich mit Menschen aus Pico länger spreche, erwähne ich natürlich, dass ich die nächsten Monate auf der Nachbarinsel Faial verbringen werde. Eine begeisterte Reaktion darauf vernehme ich nie, eher ein Grummeln oder ein eisiges Schweigen. Wenn ich frage, ob sie schon mal auf Faial waren, verneinen viele, obwohl die Fähre nur 30 Minuten dauert und 3,60 € kostet (für Azoreaner sogar günstiger, soweit ich weiß).

Man bleibt anscheinend lieber unter sich. Vielleicht sind aber auch die Dialekte auf den Inseln so unterschiedlich, dass man nur schwer kommunizieren kann. Freunde aus Lissabon hatten mir erzählt, dass die Azoreaner mit Untertiteln versehen werden müssen, wenn sie im portugiesischen Fernsehen auftreten. Das ist wahrscheinlich die Arbeit von Pedro aus Kapitel 16.

Vielleicht ärgert sich Pico darüber, dass mit Horta die Distriktshauptstadt auf einer anderen Insel liegt und dass man nach Faial übersetzen muss, wenn man zum Parlament oder zur Universität will. Bis 1982 gab es nicht einmal einen Flughafen auf Pico. (Heute hat jede der Azoreninseln einen Airport, selbst die klitzekleinen wie Corvo mit 430 Einwohnern.)

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Und dann – erspäht Ihr es schon in der Ferne? – habe ich die bekannteste Bar der Insel gefunden, die Cella Bar, gestaltet wie ein Weinfass. Oder wie ein Boot. Oder ein Wal. Jedenfalls cool.

Cellar Bar Madalena Pico (1)

Cellar Bar Madalena Pico (2)

Cellar Bar Madalena Pico (3)

Aber geschlossen.

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Am Nachmittag, als ich zurück nach São Roque trampen will, sehe ich den Unterschied, den das Coronavirus verursacht. Vor einer Woche hielt genau hier gleich das zweite Auto, jetzt fahren hunderte vorbei.

Erst nach einer halben Stunde hält ein Lieferwagen, ironischerweise randvoll mit Atemschutzmasken, Plastikhandschuhen, Reinigungs- und Desinfektionsmitteln.

„Woher bist du?“

„Aus Deutschland“, antworte ich, vielleicht zu ehrlich.

„Na gut. Ich hatte schon befürchtet, du seist aus Italien.“

Nuno ist Manager bei einer Reinigungsfirma und hat derzeit alle Hände voll zu tun. Ständig klingelt sein Handy mit einem neuen Auftrag oder einer Anfrage nach Masken oder Mitteln „Dabei ist es schon zu normalen Zeiten schwierig genug, Reinigungspersonal zu finden, weil jeder in einem Büro arbeiten will. Jetzt ist es gänzlich unmöglich geworden.“

Er erklärt, dass man auf den Inseln zwar ganz gut isoliert sei, so dass die Gefahr der Ansteckung geringer als auf dem Festland sei. Aber wenn das Virus die Inseln erreicht, dann sind die Auswirkungen gravierender, weil das Gesundheitssystem davon vollkommen überfordert wäre. Portugal hat die geringste Dichte an Intensivbetten in ganz Europa.

Am Ende drückt mir der freundliche Desinfektionsspezialist ganz herzhaft die Hand.

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Manchmal sehen die Wolken um den Pico so aus, wie wenn er kocht und kurz vor der Eruption steht.

Pico kocht über

Es wäre mal wieder an der Zeit. Der letzte große Ausbruch auf den Azoren war 1957 auf Faial. Vielleicht ist auch das ein Grund für Neid und Missgunst zwischen den Inseln? Aber keine Sorge, der Berg und die Insel Pico sind geologisch so jung, dass da noch viel ausbrechen und erdbeben wird.

Der Aufstieg auf den Berg wurde jetzt auch untersagt. Wo da die Ansteckungsgefahr liegen soll, ist mir echt nicht ganz klar.

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Am nächsten Morgen steht vor der Apotheke schon ein bewaffneter Polizist.

In einer Bar werde ich zwar misstrauisch beäugt, bekomme aber noch ein Sandwich. Dann läuft im Fernseher die Meldung, dass ein niederländischer Tourist das Coronavirus nach Madeira, eine andere portugiesische Atlantikinsel, eingeschleppt hat. Unter den Blicken, die jetzt auf mich geworfen werden, fühle ich mich etwa so wie ein Kaffer mit Kippa in der Ku-Klux-Klan-Kneipe in Kentucky.

„Woher kommst du?“ fragt einer der Männer an der Bar.

„Deutschland.“

Man merkt, dass sie im Kopf die Nachrichten der letzten Tage und die Europakarte durchgehen.

„Ist keine gute Zeit für Tourismus“, sagt der gleiche Mann, und es klingt wie eine Aufforderung, mich aus dem Staub zu machen. Damit sie mich nicht lynchen, sollte ich jetzt den harten Mann markieren und einen Spruch vom Stapel lassen wie: „Ich bin gerade mit dem Schiff aus Neufundland angekommen. Gibt’s hier vielleicht Arbeit für Harpuniere?“ Aber ich gucke nur auf das Fernsehgerät, wie wenn ich selbst entsetzt bin von den verantwortungslosen Touristen.

Beim Abkassieren trägt die Bedienung schon blaue Plastikhandschuhe.

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Als ich den Schlüssel in der Jugendherberge zum letzten Mal abgebe, schließen die beiden Damen das schwere Tor und stecken das Gebäude in Brand.

fire on Pico

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Von der letzten Fähre werfe ich einen letzten Blick auf Pico, wo ich mich wohler gefühlt habe als sich die Einheimischen mit mir. Aber wenn das mit dem Virus vorbei ist, komme ich gerne wieder. Dann besteige ich vielleicht sogar noch den Gipfel.

leaving Sao Roque

Klippen Wellen Fähre

Praktische Tipps:

  • Die Jugendherberge im ehemaligen Kloster ist wirklich toll, und sie wird nach der Dekontamination (siehe Kapitel 45) sicher wieder aufgebaut. Ihr könnt entweder direkt oder über Booking.com buchen. Dort gibt es 15 € Rabatt, wenn Ihr Euch über diesen Link registriert.
  • Wandervorschläge gibt es auf der Seite von Azores Trails.
  • Die Fährverbindungen findet Ihr auf der Seite von Atlânticoline.
  • Ein Auto braucht Ihr nicht, wie Ihr gemerkt habt. In normalen Zeiten ist es kein Problem, per Anhalter um und über die Insel zu kommen. Und interessanter ist es auch.
  • Der Azoren-Reiseführer aus dem Michael-Müller-Verlag ist zwar nicht gerade klein oder leicht, hat aber wirklich alle Informationen, die man braucht. Insbesondere für eine längere Reise empfehlenswert, und andere als längere Reisen rentieren sich auf diese Entfernung sowieso nicht.

Links:

Manchmal wird mir vorgeworfen, meine Artikel seien so ausführlich, dass man sich nach der Lektüre die eigene Reise sparen kann. Seid doch froh! Flugzeuge stürzen ab, Schiffe versinken, Vulkane explodieren, alles sehr gefährlich. Und mit einem Teil der eingesparten Millionen könnt Ihr vielleicht diesen Blog unterstützen, auf dass ich Euch noch mehr von der Welt ins Wohnzimmer hole.

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Vorschau auf Pico

Nachdem ich Euch mit auf eine luftige Fahrt über die ganze Insel genommen habe, Ihr eine lustige Geschichte genossen habt, die mir zu jener Zeit gar nicht so lustig erschien, und nicht so recht wisst, was Ihr mit meinem Beobachtungen über den Tourismus auf den Azoren und anderswo anfangen sollt, habt Ihr schon auf den vollständigen Bericht über Pico gewartet.

Und ich habe daran gearbeitet. Fieberhaft sogar, um ein zeitgemäßes Wort zu verwenden. Der Artikel liegt in den letzten Zügen, bevor er in die Öffentlichkeit entgleitet. Es wird wohl wieder einer jener längeren, vor denen Ihr Euch so graut, tut mir leid.

Ein paar Tage dauert es noch. Aber um die Wartezeit abzukürzen gewähre ich Euch schon mal eine Vorschau auf die Insel Pico. Genießt sie großzügig, denn alle Inselurlaube sind dieses Jahr gestrichen.

Pico preview

Pico preview (10)

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Hotel Pico pool empty

Pico preview (17)

Andreas Moser smoking vitamins (2)

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Pico preview (15)

Pico preview (4)

Das sind ein paar der Fotos, die es nicht in den Artikel geschafft haben. Dort wird es noch bunter, noch meeriger, noch wolkiger. Wie gesagt, bis in ein paar Tagen!

Links:

  • Falls Ihr gerade erst entdeckt habt, dass man auf meinem Blog nicht jedes Mal einen kurzen Roman lesen muss, hier gibt es noch mehr Fotos.
  • Um diese und zukünftige Wartezeiten zu überbrücken, habe ich dem Blog einen innovativen Zufallsgenerator hinzugefügt. Probiert ihn doch mal aus!
  • And as always, you can have the same in English.
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Blumige Warnungen auf den Blumeninseln

Click here for the English version of this article.


Die Azoren gelten als Blumeninseln, wahrscheinlich wegen der Belladonnalilien, der Bougainvilleas, der Hortensien, der Paradiesblumen, der Schmucklilien, der Strandgoldrute und des Hibiscus.

flowers purple

flowers purple sea

Aber mindestens genauso blumig ist die Sprache. Wo überall auf der Welt derzeit Schilder mit der Information „Wegen Coronavirus geschlossen“ bzw. in Deutschland einfach „Betreten verboten!“ hängen, da wird in Portugal schachtelsatzmäßig über den Grund, die Grundlage und das Zustandekommen der Entscheidung, den Park zu schließen, informiert:

Angesichts der Bedeutung präventiver Maßnahmen zur Minimalisierung des kollektiven Risikos, das dem Ausbruch und der Ausbreitung von COVID-19 in der Region inhärent ist, sowie der Bedeutung des Schutzes der Bevölkerung hat sich die Autonome Regierung der Azoren dazu entschlossen und teilt hiermit der Bevölkerung mit, dass dieses der Erholung dienende Waldschutzgebiet bis zum 31. März 2020 dem Zugang der Öffentlichkeit entzogen bleiben wird.

Covid 19 warning Faial

Covid 19 warning Pico

Die für die Sicherheit und Information der Bevölkerung verantwortlichen Beamten hätten gerne noch mehr geschrieben, doch leider musste es auf ein DIN-A4-Blatt passen. Wenn man aber die Verlautbarungen der Azorenregierung in den Zeitungen liest, da wird noch ausschweifend formuliert wie einst am Hofe Johanns VI.

Übrigens: Der Großteil des Waldes, der nicht ausdrücklich zur Erholung vorgesehen und mit Sitzbänken und Grillplätzen ausgestattet ist, ist weiterhin frei zugänglich. Man kann hier, solange man nicht in einem besonders betroffenen und deshalb gesperrten Dorf wohnt, also ganz wild und stundenlang spazieren gehen – und dabei kuriose Entdeckungen machen:

Links:

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