Schon 1885 war Friedrich Nietzsche von den gerade erst erfundenen Nationalstaaten genervt.
Wir sind mitten im gefährlichen Karneval des Nationalitäten-Wahnsinns, wo alle feinere Vernunft sich bei Seite geschlichen hat und die Eitelkeit der ruppigsten Winkel-Völker nach den Rechten der Sonder-Existenz und Selbstherrlichkeit schreit.
Und:
Der Nationalitäten-Wahnsinn und die Vaterlands-Tölpelei sind für mich ohne Zauber: „Deutschland, Deutschland über Alles“ klingt mir schmerzlich in den Ohren.
Bereits 1887 sah Nietzsche, dass man die wirklichen Probleme nur auf europäischer Ebene lösen kann:
Gibt es irgend einen Gedanken hinter diesem Hornvieh-Nationalismus? Welchen Wert könnte es haben, jetzt wo Alles auf größere und gemeinsame Interessen hinweist, diese ruppigen Selbstgefühle aufzustacheln?!
Weil der kleine aber feine Unterschied zwischen Radeberg, Radeburg und Radebeul verwirrend genug ist, lest bitte vor diesem Artikel den ersten Teil dieser Wanderung. Wenn wir uns schon in den sächsischen Wäldern verlaufen, dann wollen wir es in der richtigen Reihenfolge tun.
Ordnung muss sein, es ist ja schließlich ein deutscher Wald.
Ihr erinnert Euch: Wir waren irgendwie in einen dubiosen Wald nördlich von Radeberg geraten.
Zusätzlich zu den herumstreunenden Killerhunden höre ich das Kreischen von Kettensägen. Verlassene Häuser tauchen auf. Es raschelt im Gebüsch. Eine Glasscheibe birst. Die Amseln, Finken und Meisen verstummen unter dem drohenden Gekrächze eines pechschwarzen Raben.
In den Fenstern hängen Dosen und stehen Kerzen. In einem Horrorfilm wären das Warnsignale, bei denen das Publikum entsetzt ausruft: „Geh da nicht rein!“ Aber ich habe kein Publikum, und wenn, dann erfreut es sich gewöhnlich an meinen Kalamitäten.
Ich bin ziemlich neugierig, das muss ich zugeben.
Andererseits bin ich noch ganz am Anfang der Wanderung. Jetzt schon aufgehängt oder zerstückelt zu werden, das wäre doof. So etwas hebt man sich doch lieber für den späten Nachmittag auf.
Natürlich treibt mich die Frage um, was das hier war. Es sind erkennbar keine Wohnhäuser, sondern irgendetwas Großes, Besonderes, Mysteriöses. Normale Leute würden jetzt googeln. Aber ich bin nicht normal. Wenn ich aus dem Haus gehe, nehme ich kein Internet mit. Ich will mich bewusst auf etwas Neues und Unbekanntes einlassen, selbst erkunden oder einfach Leute fragen, die des Weges kommen. Außerdem will ich, wenn ich mir einen Tag in der Natur vornehme, nicht hören oder lesen, was in der Bundeshauptstadt oder im Nahen Osten vor sich geht.
Das Folgende habe ich also erst herausgefunden, als ich abends nach Hause kam: Diese Gebäude mitten im Wald sind die Überbleibsel von Augustusbad. Ein Heilbad, das mir bisher vollkommen unbekannt war, obwohl ich mich durchaus für einen Bäderexperten halte (Beispiel 1, Beispiel 2, Beispiel 3). Augustusbad wurde schon 1719 gegründet, und bald entwickelte sich ein reger Medizintourismus.
Wenn ich mir die Postkarte aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ansehe, bereue ich doch ein bisschen, nicht tiefer in den Komplex eingedrungen zu sein. Da sind riesige Hotels, wie beim Zauberberg. Und ein See!
Ich weiß nicht warum, vielleicht lag es an der fehlenden Anbindung durch die Eisenbahn, aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts geriet Augustusbad ins Hintertreffen unter den Heilbädern dieser Hemisphäre. Plötzlich waren Marienbad, Karlsbad, Baden-Baden und Bad Ischl angesagter. Augustusbad musste sich etwas Neues einfallen lassen.
„Wenn die Könige und Kaiser wegbleiben, muss man sich eben um Kinder kümmern“, dachten sich die eifrigen Kurmanager. So konnte man sich einen sozialen Anstrich geben, und die AOK würde alles bezahlen. 1875 wurde hier mit dem Bethlehemstift das erste Kindererholungsheim Deutschland errichtet.
Ich weiß nicht, wie es konkret in Augustbad zuging, aber grundsätzlich werde ich skeptisch, wenn ich „Kindererholung“ höre. Das ist ja oft eher Kindesmisshandlung, was dann leider immer erst 50 Jahre später ans Licht kommt. Und dann glauben alle, dass es aktuell sicher viel besser abläuft, bis in 50 Jahren die nächste Generation von dem in ihrer Kindheit erlittenen Missbrauch berichtet. Eigentlich muss man klipp und klar sagen: Wer Kinder wirklich mag, der bekommt erst gar keine.
Wahrscheinlich aus genau diesem Gedanken verfügte die kinderfreundliche Rote Armee 1945 die Schließung der Einrichtung. Später übernahm die Volkspolizei der DDR, die hier eine Ausbildungsstätte betrieb. Ein Teil des Geländes war ein Altenheim. Das stelle ich mir eigentlich ganz nett vor, so mitten im Wald.
Nach dem Ende der DDR wurden diese beiden Einrichtungen geschlossen, das Gelände an die Nachfolger der früheren Eigentümer restituiert, und verfiel. Fast alles, was in Ostdeutschland verfällt, ist die Schuld von Wessis, die sich nach 1990 altes Familieneigentum zurück übertragen ließen, die bis dahin bestehende Nutzung beendeten, und dann nichts Neues anfingen. In Augustusbad gab es tatsächlich Pläne für die Wiederaufnahme des Kurbetriebs, aber dann kam 1996 die Gesundheitsreform, schränkte die Gewährung und Finanzierung von Kuren gewaltig ein, und das war’s.
Aber wir sind nicht zum Lamentieren über die Vergangenheit hier, sondern zum Wandern.
Bald endet der Wald, und man kommt nach Kleinwachau. Das strahlt noch etwas von Kurort aus, obwohl die Gäste längst weg sind.
Nur ein Doldi hat die Deutschlandfahne falsch herum aufgehängt. Der Weg vom Patrioten zum Patridioten ist halt doch kürzer als der Weg von Radeberg nach Radeburg.
Dafür ist mein Weg umso schöner, denn er führt jetzt durch ein weites Tal in einem Buchen- und Birkenwald, immer an der Großen Röder entlang. Die Große Röder ist nicht so groß, wie sie behauptet, aber bei Gewässernamen wird ja viel getrickst und gelogen. Das Schwarze Meer ist zum Beispiel gar nicht schwarz, das Rote Meer nicht rot. Nur das Tote Meer, das ist echt bald tot. Fast hätte ich gesagt: Wenn Ihr es noch sehen wollt, fahrt schleunigst hin. Aber dann fiel mir ein, dass die Eisenbahnlinie gerade gesprengt wurde. Schade.
Wanderwege, die an einem Fluss entlang führen, gefallen und behagen mir. Nicht nur optisch, sondern auch, weil man die Wanderkarte wegstecken und einfach dem Wasserlauf folgen kann. Einen Schritt vor den anderen, und irgendwann kommt man zum Meer. Oder zur Quelle, wenn man falschherum läuft. Aber ganz so doof bin ich dann doch nicht.
Vielleicht heißt die Große Röder auch so, weil hier eine Mühle an der anderen steht. 80 Mühlen an einem gerade mal 100 km langen Fluss. Und das sind ja doch mehr als an so manch anderem Fluss von Weltruhm. Am Nil oder am Amazonas gibt es fast gar keine Mühlen, soweit ich gesehen habe. Die bauen lieber Pyramiden und wundern sich dann, dass sie verhungern.
Apropos Pyramiden: Wusstet Ihr, dass die ältesten Pyramiden der Welt in Bosnien zu finden sind? Und nach Visoko kommt man sogar mit der Eisenbahn. Das Deutschlandticket gilt da leider nicht, aber dafür noch immer die D-Mark.
Und dann wandelt sich das Tal plötzlich in einen Landschaftspark: das Seifersdorfer Tal, einen der ältesten deutschen Landschaftsgärten. Die Idee dafür kam, wie für so vieles, aus England. Die sogenannten englischen Gärten setzten einen bewussten Kontrast zu den geometrisch perfekten, aber irgendwie unnatürlichen Barockgärten französischer Machart.
Die englischen Landschaftsparks sind zwar auch künstlich angelegt, aber sie fügen sich in die Begebenheiten der Natur wie Hügelketten oder Flussläufe ein, anstatt alles absolutistisch plattzumachen. Durchsetzt wird das ganze mit Staffagebauten wie Tempeln, Einsiedeleien, Brücken, Grotten. Manchmal, wie im Fürst-Pückler-Park Branitz in Cottbus, taucht sogar in diesen Parklandschaften eine Pyramide auf.
Aber ich will nicht weiter theoretisieren und erklären, wenn ich Euch stattdessen einfach ein paar Fotos aus diesem wunderschönen Tal zeigen kann.
Angeblich wurde das Tal von Christina von Brühl geschaffen, die hier ab 1775 lebte. In Ostdeutschland waren die Frauen schon immer ein bisschen emanzipierter, und auch die Gräfin wollte nicht nur Hausfrau sein. Stattdessen schnappte sie sich einen Spaten und eine Kelle und begann zu buddeln und zu mauern.
Weil sie literarisch, künstlerisch und musikalisch gebildet war, enthielt der Park allerlei Tempel, Statuen und Schnörkeleien, die auf die Epoche der Empfindsamkeit anspielten. Aber auch konkrete Personen aus jener Zeit wurden gewürdigt, von Herder bis Klopstock, Goethe bis Caspar David Friedrich.
Viele der Künstler schauten gerne vorbei. Als Künstler lebt man ja immer verarmt in einer Dachgeschosswohnung, da ist es praktisch, wenn Freunde einen großen Garten haben.
Andererseits kommt natürlich auch keiner von den schöngeistigen Schnöseln vorbei, wenn er im Wald übernachten muss. (Ich wäre da anders.) Deshalb gibt es oberhalb des Tals den Ort Seifersdorf und in diesem Ort ein Schloss.
Eigentlich muss ich dringend nach Radeburg und Radebeul und wollte deshalb allen unterwegs lauernden Ablenkungen entsagen. Aber dieses eine Schloss gönnen wir uns, auch wenn es ein beschwerlicher Umweg ist. Irgendwann laufe ich mir noch die Füße platt, nur weil die weltweite Leserschaft unersättlich nach Schlössern gelüstet.
Schloss Seifersdorf bekommt gerade ein frisches Make-Up verpasst, weshalb es nicht so gut aussieht wie sonst. Aber ein schöner Park gehört zum Schloss, ganz so wie wenn das Seifersdorfer Tal nicht schon genug wäre. Kein Wunder, dass die Menschen in der Sowjetischen Besatzungszone für eine Bodenreform votierten, um gegen die ungleiche Parzellierung ihres Landes zu protestieren.
Von diesem kleinen Schloss in Sachsen stammt übrigens die britische Königsfamilie.
Das habt Ihr wahrscheinlich nicht gewusst, weil die Leserschaft meines Blogs kaum Schnittmengen mit der Leserschaft der Klatsch- und Tratschpresse hat. Ich muss gestehen, ich habe noch nie eine von diesen gelben Zeitungen gelesen, die zu Hunderten an den Supermarktkassen ausliegen. Aber irgendwie habe ich den Eindruck, die haben in der Redaktion einen Zettelkasten mit hundert Prominenten (Katarina Witt, Boris Becker, der Hund vom Moshammer, und so weiter) und einen zweiten Zettelkasten mit hundert Schlagwörtern (Ehedrama, Gehirntumor, Insolvenz, und so weiter). Kurz vor Redaktionsschluss muss der Praktikant aus jeweils einem der beiden Kästen blind einen Zettel nehmen. Durch diese zufällige Kombination entstehen die Geschichten: „Ehedrama auf dem Eis: Der Mann rutscht immer aus“ „Boris Becker erleichtert: Kein Gehirn(tumor)“ „Moshammer: Ist jetzt auch der Hund pleite?“ Und so weiter, Woche für Woche. Passt einfach mal auf, wenn Ihr wieder an diesen Papierverschwendungsmagazinen vorbeigeht.
Jedenfalls ging das so: Friedrich Hauke war Sekretär beim Grafen von Brühl (das war der Mann von der Gärtnerin). Der Sekretär bekam 1775 auf Schloss Seifersdorf einen Sohn, Hans Moritz Hauke. Dieser wiederum hatte eine Tochter, nämlich Julia Hauke. Diese Julia heiratete Prinz Alexander von Hessen, der wegen der Heirat mit einer Nichtprinzessin enterbt wurde und daraufhin ein neues Adelsgeschlecht gründete, nämlich das Haus Battenberg.
Die Kinder aus dieser Familie zogen in alle Welt, um Unheil zu verbreiten, z.B. nach Bulgarien, nach Schweden, nach Spanien, nach Burma, nach Indien und auch nach Großbritannien. Während des Ersten Weltkriegs waren die Deutschen irgendwie nicht so gut angesehen, also änderte die Familie den deutschen Namen Battenberg in das englische Mountbatten.
Die Sprösslinge dieser Familie wurden alle Königinnen von Spanien und Schweden, Könige von Burma und Indien, Admiräle und Generäle. Nur einer, Philip Mountbatten, hatte keinen Bock und wollte einfach nur als Marineoffizier um die Welt fahren. Leider lernte er dabei Königin Elisabeth II. kennen. Die stammte ebenfalls aus einer sächsischen Familie (Sachsen-Coburg und Gotha), die ebenfalls im Ersten Weltkrieg einen englischen Namen angenommen hatte (Windsor). Jedenfalls verliebte sich Elisabeth in Philip und wollte ihn heiraten. Das ist eigentlich das Schlimmste, was dir im Leben passieren kann.
Philip dachte angestrengt nach, wie er aus der Nummer rauskäme. Ihm fiel nur eins ein: „Das geht nicht, ich bin Ausländer!“ Er hatte nämlich nur den griechischen, den dänischen und den deutschen Pass. Leider darf die Königin, weil sie von Gott eingesetzt ist, alles. Sogar die britische Staatsbürgerschaft verleihen. Also drückte sie dem verdutzten Leutnant einen Pass in die Hand und sagte: „Wenn der Krieg vorbei ist, findet die Hochzeit statt.“ Philip hoffte auf einen Dreißigjährigen oder gar Hundertjährigen Krieg, aber leider war zwischenzeitlich die Atombombe erfunden worden, was Kriege erheblich verkürzte. Das Uran dafür kam übrigens aus Sachsen, und so schließt sich der Schaltkreis.
Das war etwas verkürzt, aber wir haben hier nicht ewig Zeit.
Zurück im Seifersdorfer Tal schlage ich an dieser Gabelung natürlich den gefährlicheren der beiden Wege ein. Überhaupt sollte man immer im Leben so handeln, dass es eine bessere Geschichte ergibt.
Das versprochene Hochwasser zeigt sich nicht, wahrscheinlich hat es anderswo zu tun. Aber dieser Abschnitt des Seifersdorfer Tals, der nach Grünberg führt, ist noch einmal wunderschön.
Grünberg ist ein Kuhdorf.
Das soll jetzt kein despektierliches Verdikt eines Großstädters (der selbst aus einem kleinen Kaff stammt) sein. Nein, es ist einfach nur eine Feststellung. Denn die Grünberger und Grünbergerinnen scheinen sich wirklich sehr mit Kühen zu identifizieren. Überall sitzen, stehen, liegen und lauern Kühe. In den Gärten, auf dem Spielplatz, am Wertstoffhof, auf dem Verteilerkasten und sogar auf dem öffentlichen Bücherschrank.
Es ist nur eine Kleinigkeit, aber so wird der Spaziergang durch das Dorf zum Vergnügen. Man erfreut sich an jeder weiteren Kuh, die man erspäht. Und man wundert sich (bis heute), was es damit auf sich hat.
Am Ortsausgang steht ein Kirchlein. Als ich näher komme, denke ich mir: „Nein, die werden doch nicht etwa …“
Aber sie haben es getan.
In Grünberg triumphiert die Kunstfreiheit. Das ist ja mal eine kuhle Gemeinde!
In dieser lustigen Kirche wirkten die Pfarrer Magnus Adolph Blüher und Samuel David Roller, die eine Schule zur Vorbereitung auf die Mission betrieben. Zwischen 1837 und 1848 wurden junge Männer aus Sachsen zur Mission nach Australien verschifft. Die meisten von ihnen kehrten nicht zurück, sondern wurden Goldschürfer, Opalschleifer und Surflehrer. Allerdings scheint es noch regen Postverkehr zu geben, denn neben dem normalen gelben Postkasten gibt es einen für Briefe nach down under.
Außerdem ist Australien nicht so schön zum Wandern wie Mitteleuropa, wo gleich nach Grünberg der Hermsdorfer Park folgt. Dieser Park fängt wild und verwegen an, wird dann immer organisierter und gepflegter, bis man irgendwann merkt: Hoppla, der gehört ja schon wieder zu einem Schloss. Das ist auch so eine Sache, die mir in Australien fehlen würde. Da kannst du 2000 Kilometer wandern und findest kein einziges Schloss. Außer so nachgebaute Kitschschlösser.
Zum Glück tobt bei Schloss Hermsdorf gerade ein Fest, sonst wäre ich da auch wieder eine Stunde abgehangen und hätte weitverzweigte Ahnengalerien ausgegraben. Aber mit Festen kann man mich jagen, weil ich alles, wo mehr als zwei Leute fröhlich beisammen sind, als unangenehm empfinde. Wenn es nicht fröhlich sein muss, dann geht es. So wie an der Universität, im Zug oder auf Demonstrationen. Geburtstage, Fasching und ähnlich hirnloses Halligalli sind mir hingegen ein Graus.
Außerdem wird es langsam spät, ich bin ja schon seit dem frühen Morgen und seit Radeberg unterwegs. Nach Radeburg muss ich es mindestens schaffen, denn von dort fährt der Zug zurück nach Dresden und nach Hause.
Also lege ich einen Zahn zu, höre auf zu labern bzw. zu schreiben und mache nur hier und da ein kleines Foto. Gegen Ende des Tages verfliegen leider die Begeisterung und die Aufnahmefähigkeit. Ich kämpfe mich nur mehr Kilometer um Kilometer über Feldwege und durch Wälder, einen Schritt vor den anderen, im ständigen Kampf gegen Erschöpfung und Hunger.
Und dann ist es endlich da: Radeburg. Nur ein Zwischenziel, aber für heute reicht es. Verwechseln werde ich die beiden Orte jedenfalls nicht mehr!
Ich bin mir sicher, Radeburg hat höchstinteressante Sehenswürdigkeiten und Kuriositäten zu bieten, aber die sich unaufhörlich dem Horizont zuneigende Sonne signalisiert: Jetzt ist Schicht im Schacht!
Mit letzter Energie marschiere ich zum Bahnhof und hoffe auf das Glück, das mir gewöhnlich stets hold ist und einen innerhalb weniger Minuten abfahrbereiten Zug in die gewünschte Richtung bereithält.
Leider gibt es auf diesem Bahnhof weder Glück noch Züge.
„Kulturbahnhof“ steht da. Das ist schön, aber es bringt mich nicht nach Hause. Es gibt keinen Informationsschalter, keinen Fahrkartenautomaten, keinen Bahnhofsvorsteher und überhaupt nichts, was einen Bahnhof zu einem Bahnhof machen würde.
Nur ein kleiner Aushang informiert mich, dass die Strecke von Radeburg nach Dresden nicht von der Deutschen Bahn, sondern von der Lößnitzgrundbahn und von den Dampfloks, die ich am Morgen im Hauptbahnhof gesehen habe, betrieben wird. Der letzte Zug fuhr um 16:06, vor etlichen Stunden.
Leichte Verzweiflung macht sich breit.
Schon denke ich darüber nach, wo ich die Nacht verbringen werde. Einen Pullover habe ich dabei, vielleicht genügt das gegen das Erfrieren. Ich könnte auch trampen, zumindest bis nach Dresden, von dort fährt sicher noch ein später Zug nach Chemnitz. Aber dazu muss ich an den Stadtrand, sonst nimmt mich niemand mit. Aber schnell, denn bei Dunkelheit nimmt mich erst recht niemand mehr mit. Die Verzweiflung steigt.
Auf dem Stadtplan entdecke ich einen Busbahnhof. Die letzte Chance. Schnell hin!
Ich laufe atemlos durch den Stadtpark, die örtliche Jugend mit ihren Bierdosen wundert sich. Aber es wäre wirklich ärgerlich, hier auch den letzten Bus zu verpassen. Falls überhaupt noch einer fährt an einem Samstagabend.
Auch hier hängt ein Zettel. Am Samstag fahren natürlich weniger Busse als sonst. Aber um die Leserschaft nicht unnötig auf die Folter zu spannen und um zukünftigen Ausflüglern behilflich zu sein: Selbst am Wochenende fährt um 19:09, um 20:54 und um 22:23 noch ein Bus von Radeburg nach Dresden.
Ende gut, alles gut. Und ich hätte nicht einmal so hetzen müssen.
Wann geht es weiter? Ist Radeburg vielleicht doch einen Besuch wert? Erwische ich das nächste Mal die Eisenbahn? Gibt es zwischen Radeburg und Radebeul wieder eine Menge Schlösser? Und warum kann es tödlich enden, Radeberg und Radeburg zu verwechseln?
All dies und vieles mehr beantwortet demnächst Teil 3 dieses Wanderberichts.
Links:
In der Zwischenzeit könnt Ihr Euch die Zeit mit weiteren Wandergeschichten vertreiben.
Gestern bin ich aus Versehen genau um die Uhrzeit nach Hause gegangen, zu der die Schülerinnen und Schüler aus den Lehr- und Bildungsanstalten entlassen werden, um das zu tun, was Kinder halt so mit dem Rest des Tages tun. Wahrscheinlich irgendwas mit Computern und Pokemon. Keine Ahnung, ich kenne schließlich keine Kinder.
Auf dem Weg durch eine der vielen als Kleingärten getarnten Cannabisplantagen in Chemnitz spazierten zwei Schülerinnen in den wohlverdienten Nachmittag. Sie waren sehr klein. Maximal 10 Jahre, schätze ich. Ihre Tornister waren sehr groß. Mindestens 10 Kilo, schätze ich.
Die beiden Schülerinnen schlurften gebückt, geplagt und erschöpft von ihrem Tagwerk, und ich dachte nur: „Haltet durch! Wenn Ihr erst einmal an die Universität kommt, dann kriegt Ihr einen Spind, in den Ihr Bücher, Pausenbrote und den Laptop einsperren könnt und nicht mehr mit nach Hause nehmen müsst.“
Ich weiß nicht, warum man Kleinkinder jeden Tag das Äquivalent einer Kohlenfuhre schleppen lässt und erwachsene Studenten verwöhnt. Vielleicht weil für die einen das Kultus- und für die anderen das Wissenschaftsministerium zuständig ist. Oder die Bundeswehr will das so, um die jungen Menschen auf spätere Gewaltmärsche vorzubereiten.
Zusätzlich zu den Tornistern hatten die Schülerinnen noch Turnbeutel und Zeichenmappen umgehängt. In einer Schuhschachtel trugen sie ein Projekt aus dem Werkunterricht. Im kommenden Schuljahr müssen sie dann wahrscheinlich einen Leiterwagen hinter sich herziehen, um immer einen Globus, ein Aquarium und eine kleine Sternwarte bei sich zu haben. Für den Fall, dass gerade das Jugend-forscht-Auswahlkomitee vorbeischaut.
Da klingelte bei einer der Schülerinnen das Handy.
„Oje“, sagte sie mit einem lauten Seufzer, „das ist meine Mama. Da muss ich rangehen.“
Die Kinder heutzutage sind sehr höflich und entschuldigen sich gegenüber anderen Kindern, wenn sie ans Handy gehen. Nicht wie die verzogenen Erwachsenen, die glauben, Anrufe seien ein Beleg für ihre Wichtigkeit. In Wirklichkeit ist man erst wichtig, wenn man gar kein Telefon mehr braucht.
„Wann wird dieser Blog endlich eliminiert?“
Was die Mama sagte, konnte ich nicht hören. Es ging mich ja auch nichts an.
Aber es muss etwas Dramatisches gewesen sein. Denn das kleine Mädchen wurde laut und bestimmt: „Beruhige dich, Mama! Ich komme so schnell wie möglich, ohne Umwege. Ich bin gleich zuhause.“
Nachdem sie aufgelegt hatte, sagte sie zu ihrer Freundin, ganz sachlich und unaufgeregt: „Manchmal denke ich, es wird mir alles zu viel. Zuerst sterben meine drei Kaninchen, eines nach dem anderen. Dann bekommt meine Oma Krebs. Mein Opa wurde gerade ins Krankenhaus eingeliefert, weil er Bauchschmerzen hat. Und jetzt hat der Freund meiner Mutter versucht, sich umzubringen.“
Was das andere Mädchen antwortete, konnte ich nicht mehr hören. Denn ich war, was selten vorkommt, etwas aus der Bahn geworfen und musste mich auf die nächstbeste Bank setzen.
Die beiden Mädchen hingegen spazierten weiter durch die Gärten. Kein Lamentieren, kein Wehklagen, kein Geheule, keine zur Schau gestellten Mitleidsbekundungen. Sie gingen nur ein bisschen zügiger, um hoffentlich noch rechtzeitig zur Mama zu kommen.
Manchmal sind diese kleinen Kinder erwachsener als die offiziell Erwachsenen.
Wenn Mandanten bei mir nach mehreren Stunden aus der erbrechtlichen Beratung kommen, dann schwirrt ihnen der Kopf.
Vorerbschaft, Zwischenerbschaft und Nacherbschaft. Apostille und Kodizill. Trusts, Stiftungen und Familienfideikommisse. Pflichtteil und Noterbrecht. Autonomes Kollisionsrecht oder Europäische Erbrechtsverordnung? Sächsisches Anerbenrecht oder römische Realteilung? Was sagt das Foralrecht des Königreichs Aragón zur Vererbbarkeit von Katzen? Warum hat das Gesetz des Großherzogtums Baden über geschlossene Hofgüter im Hochschwarzwald Vorrang vor dem Bürgerlichen Gesetzbuch? Aber gut, das Niederlassungsabkommen zwischen dem Deutschen Reich und dem Kaiserreich Persien von 1929 gilt ja auch noch, obwohl beide Staaten nicht mehr existieren. Darf man seine Cannabis-Pflanzen an Minderjährige vererben? Gelten die alten DDR-Testamente noch? Und immer wieder die Frage: Machen wir ein Damnationslegat oder ein Vindikationslegat?
Kein Wunder, dass niemand mehr durchblickt. Ich selbst übrigens auch nicht.
Manche Mandanten fragen dann ganz schüchtern: „Geht das nicht auch einfacher?“
Die gute Nachricht: Ja, es geht.
Weil § 2247 BGB das handschriftliche Testament erlaubt, könnt Ihr Euch einfach einen Zettel und einen Stift nehmen und über Millionen und Milliarden verfügen. Ein Satz, Datum, Unterschrift, das reicht. Ihr müsst das Testament auch nirgendwo registrieren oder eintragen. Einfach an die Pinnwand in der Küche heften, und gut ist die Sache.
So hat es jetzt das bürgerfreundliche Oberlandesgericht Oldenburg bestätigt.
Der Wirt einer Dorfkneipe schrieb eines Abends auf einen Kneipenblock, auf dem sonst die Bier- und Schnitzelbestellungen notiert werden: „Gabi kriegt alles“, Datum, Unterschrift.
Den Zettel legte er hinter den Tresen, zu einem anderen Haufen ähnlicher Zettel, auf denen ausstehende Zahlungen für Biere und Schnäpse notiert waren.
Die im Testament genannte Gabi war seine Lebensgefährtin gewesen. Durch ihre Einsetzung als Alleinerbin wurden die vier Neffen und Nichten des Erblassers – ob bewusst oder unbewusst – enterbt. Die gingen, nachdem sie sich vorher jahrelang nicht blicken haben lassen, erbost zum Amtsgericht Westerstede, das den Kneipenzettel nicht als wirksames Testament anerkannte. Angeblich sei kein ernsthafter Testierwille erkennbar. Außerdem genüge die Kurzbezeichnung „Gabi“ nicht, um jemanden als Erbin zu identifizieren.
Zum Glück hatte Gabi aber noch die Puste und die Knete, um in die nächste Instanz zum Oberlandesgericht Oldenburg zu gehen. Der Unterschied zwischen Amtsgericht und Oberlandesgericht ist, dass bei letzterem die älteren Richter sitzen. Die mit Lebenserfahrung. Die solche Kneipen noch aus der Jugend kennen. Und die wissen: Was der Wirt auf den Kneipenblock notiert, das ist Gesetz.
Das Oberlandesgericht Oldenburg entschied deshalb: Ja, der Schrieb auf dem Brauereiblock ist ein wirksames Testament. Als Argument wurde herangezogen, dass der Wirt auch andere wichtige Notizen (insbesondere die Ausstände säumiger Stammgäste) auf diesen Zetteln notierte und die dementsprechenden Urkunden ebenfalls hinter dem Tresen lagerte. Außerdem stellte das Gericht durch Nachfragen fest, dass der Erblasser generell ein eher unkomplizierter Typ gewesen war. Und weil es neben der Lebensgefährtin keine andere „Gabi“ im Leben des Erblassers gab, genügte auch diese Kurzbezeichnung zur wirksamen Einsetzung als Alleinerbin.
Ihr seht also: Testieren ist kein Hexenwerk. Aber macht es dem Gericht doch bitte ein bisschen einfacher und verwendet auch die Nachnamen der Bedachten. Und schreibt sicherheitshalber „Testament“ darüber.
Wenn Ihr ganz und gar zu faul zum Schreiben seid, dann hilft nur mehr das Nottestament. Dazu müsst Ihr entweder mit drei Freunden auf eine Bergtour gehen und Euch in Lebensgefahr bringen (§ 2250 II BGB) oder auf einem deutschen Kreuzfahrtschiff in internationalen Gewässern herumtuckern und die drei Tischnachbarn als Zeugen heranziehen (§ 2251 BGB). Ich finde es beruhigend, dass der Gesetzgeber von 1896 an alles gedacht hat, was uns heute noch das Leben (und Sterben) erleichtert.
Der Himmel tobt, und ganz Deutschland ist aus dem Häuschen.
Ein großes Spektakel, noch dazu kostenlos und ohne Parkplatzsuche. Das verspricht Spaß für die gesamte Patchworkfamilie.
Wenn alle begeistert sind, werde ich immer skeptisch. Besonders vor dem Hintergrund der deutschen Erfahrung mit Massenhysterie. Aber dann dachte ich mir: Locker bleiben! Nicht jeder Sonnensturm muss gleich mit der Faschismuskeule bekämpft werden.
Außerdem hatte ich gehört oder gelesen, dass es diese Polarlichter sonst nur in Norwegen gibt. Das ist weit weg und auf absehbare Zeit unerschwinglich. Zumindest für mich. Viele wissen das nicht, aber ich bin ein armer Student. Ich frage mich, wie sich norwegische Studenten das Leben in Norwegen leisten. Wahrscheinlich gibt es da Bæføg.
Ich hatte mich also schon damit abgefunden, dass ich nie im Leben ein Polarlicht sehen würde. Aber wenn man um die 50 Jahre alt und auf dem absteigenden Ast des Lebensbaumes ist, findet man sich mit allerlei Dingen ab, die man nie mehr im Leben sehen wird. Pjöngjang, Port-au-Prince, Paderborn und eben auch die Polarlichter.
Dafür lebe ich in Chemnitz. Das ist auch eine ziemlich coole Stadt. Fast wie Pjöngjang.
Und jetzt schauen hier diese Polarlichter vorbei. Vielleicht weil wir nächstes Jahr Europäische Kulturhauptstadt sind. Na gut, dachte ich mir, wenn sich dieses Wetterleuchten schon auf den weiten Weg macht, dann sollte ich ihm guten Tag sagen. Beziehungsweise gute Nacht, denn die Dinger kommen ja immer reichlich spät, nach den Tagesthemen.
Ich habe also gut gegessen, ein paar Zigarren und einen Likör zurecht gelegt, und mich voller Vorfreude auf den Balkon gesetzt. Vierter Stock, super Aussicht übers ganze Erzgebirge. Das tolle am Leben im vierten Stock ist neben der Aussicht, dass es hier oben keine Mücken gibt. Außerdem kommen weniger Hausierer vorbei, weil sie das Hundegebell im zweiten Stock schon abschreckt.
Kamera hatte ich keine dabei, denn ich denke mir immer: Die Profis machen sowieso bessere Bilder, und ich selbst kann den Moment ohne diesen technischen Schnickschnack besser genießen. Ehrlich, ich kapiere nicht, wieso jeder Mensch von jedem Ereignis ein eigenes Foto braucht. Dafür gibt es doch am nächsten Tag die Zeitung. Außerdem geht viel von der Unmittelbarkeit des Erlebens verloren, wenn man ständig Metall und Plastik und Glas zwischen sich und die Welt hält. Mich nervt das zum Beispiel volle Kanne, wenn Menschen mich treffen und als erstes ein Foto machen wollen. Wie so ein Kopfgeldjäger.
Ein paar Stunden vergingen. Uhr hatte ich keine, aber drei Zigarren habe ich geraucht. So hat man früher die Zeit gemessen. Zumindest seit 1492, vorher gab es in Europa ja keinen Tabak. Deshalb nannte man es das finstere Mittelalter. Ist Euch schon einmal aufgefallen, dass das Mittelalter genau dann zu Ende ging, als Tabak und Schokolade nach Europa kamen?
Irgendwann wurde ich müde und ging ins Bett.
Gesehen hatte ich nichts.
Am nächsten Tag das gleiche Spiel. Irgendwann fragte ich mich, wie ich mir als armer Student so viele Zigarren leisten kann, und torkelte verwirrt ins Bett.
Gesehen hatte ich wieder nichts.
Am dritten Tag fiel mir in der prallen Mittagssonne auf, dass mein Balkon nach Süden zeigt. Diese komischen Lichter sind aber wohl eher im Norden zu sehen. Kein Wunder, dass das nicht funktioniert hat.
Aber egal. Es gibt Schlimmeres, als ein paar Stunden in den Himmel geguckt und die milde Frühlingsnacht genossen zu haben.
Seit ich wieder als Rechtsanwalt arbeite, werde ich ständig zu extravaganten Veranstaltungen eingeladen. Normalerweise mache ich mir daraus nichts. Außerdem habe ich keine Zeit.
Aber als ich sah, an welchem Ort die Sächsische Rechtsanwaltskammer ihren jährlichen Empfang abhalten würde, war mir sofort klar: Das war eine kodierte Einladung in den exklusivsten Klub der Welt. Also ging ich hin.
Wenn ich mein äußeres Erscheinen betrachte, verstehe ich gar nicht, warum meine Einladung und mein Ausweis am Eingang doppelt und dreifach überprüft wurden. (Ich meine, seit meiner Zeit als Landstreicher habe ich mich doch durchaus präsentabel gemacht.) Aber am Ende öffnete mein Charme doch alle Türen.
Möglicherweise habt Ihr noch nicht viel über die Bilderberg-Konferenz gehört. So sollte es auch sein, denn die Konferenzen sind höchstgeheim. Keine Fotos, keine Zitate, gar nichts darf nach außen dringen. Man tauscht dort nicht einmal Visitenkarten aus.
Er erzählte, wie er vor vielen Jahren dem Burnout gefährlich nahe war. Über den Jahreswechsel nahm er sich ein paar Tage frei, um über seine Optionen nachzudenken und zu entscheiden, ob er weiter als Rechtsanwalt tätig sein wollte. Er erkannte, dass es eigentlich nur eine Handvoll Mandanten waren, die all den Stress und die negativen Gefühle verursachten. Der Rest war in Ordnung, manche sogar ganz nett.
Als er zurück in die Kanzlei kam, schrieb er all den nervigen Mandanten, dass er nicht mehr für sie arbeiten wollte.
Natürlich verlor er dadurch Geschäft und Umsatz. Aber er wiedererlangte die Freude an der Arbeit, neue Energie, eine innere Ruhe. Und das sind ja dann doch alles wichtigere Dinge als Arbeit und Geld.
Er erzählte weiter, dass er seither jedes Quartal die Liste aller offenen Fälle durchgeht und die nervigsten 10% der Mandate kündigt. Das ist bei uns Rechtsanwälten nicht anders als in den meisten Branchen: Ein kleiner Teil der Kundschaft bereitet einen Großteil der Kopfschmerzen. (Und oft sind es auch noch diejenigen, die Probleme mit dem Bezahlen haben.)
Kurioserweise fallen die Mandanten oft aus allen Wolken, wenn ich ihnen kündige. „Das können Sie nicht machen“, echauffieren sie sich dann, wie wenn sie ein Anrecht auf einen ganz bestimmten Rechtsanwalt hätten. Ich kenne sogar Kollegen, denen diese Möglichkeit nicht so richtig bewusst ist und die glauben, dass man einmal begonnene Sachen auf Teufel komm raus zu Ende bringen müsse.
Mit der Erfahrung wird man außerdem ziemlich gut darin, die Querulanten zu identifizieren, bevor man sich mit ihnen einlässt. Im Privat- und im Geschäftsleben ist das Wort „nein“ wirklich eines der wichtigsten. Aber, wie in Beziehungen, erscheinen manche Menschen am Anfang ganz normal und stellen sich erst mit der Zeit als ein bisschen ballaballa heraus.
Lektion zwei:
Als es an die Nachspeise ging, empfahl mir eben jener Anwaltskollege eine mir bis dahin unbekannte Spezialität aus dem Erzgebirge: Quarkkeulchen.
Diese Dinger sind der absolute Hochgenuss. Ein Fest für die Augen, den Gaumen, den Magen und die Seele. Eine kulinarische Offenbarung. Ein Feuerwerk der Glückseligkeit. (Wenn Ihr Kaiserschmarrn kennt, seid Ihr schon in der richtigen Richtung. Wenn Ihr den auch nicht kennt, ist Euer Leben traurig und trist, trost- und hoffnungslos, leer und lausig.)
Vielleicht sollte ich diese zwei Lektionen verknüpfen und nur mehr mit Mandanten arbeiten, die mich zur Erstberatung zu einem großen Teller Quarkkeulchen einladen.
Ich finde es gut, wenn Leute ihre kleinen Racker nicht immer über den grünen Klee loben, sondern einsehen, dass der Nachwuchs für die Mitmenschen eine echte Plage darstellen kann.
So habe ich dieses Schild in Arnsberg verstanden:
Danke für die Warnung!
In Südkorea, seit jeher einem fortschrittlichen Land, ist man noch weiter. Da gibt es Schutz- und Rückzugsräume für Erwachsene, die sich einfach mal in Ruhe unterhalten wollen, ohne dass ihnen ständig jemand zwischen den Beinen herumkrabbelt.
Ach ja, und weil mir jetzt sicher gleich jemand belehrend mitteilen will, dass ich doch auch einmal ein Kind war: Die Tatsache, dass X früher (und gegen seinen Willen) Y war, bedeutet nicht, dass X nicht gegen Y sein darf. Wenn ein früherer Auftragskiller für ein mexikanisches Drogenkartell jetzt sagt, dass Mord keine gute Sache ist, dann hat er ja trotzdem Recht, oder? Na also.
Trotz meiner Abneigung gegen Kinder habe ich erstaunlich viel Spaß an Sorgerechts- und Umgangsverfahren. Den Widerspruch kann ich selbst nicht auflösen.
Die Idee hat mir sofort gefallen. Radeberg – Radeburg – Radebeul, das hört sich mystisch-märchenhaft an. Wie Rapunzel – Rhabarber – Radieschen. Rattenfänger – Rabensuppe – Rasenmäher. Rabauke – Rachitis – Ragnarök. Wie ein Dreiklang aus den Merseburger Zaubersprüchen. Die wollen jetzt übrigens UNESCO-Weltdokumentenerbe werden, was unweigerlich die Frage aufwirft: „Wenn Ihr echte Zaubersprüche seid, wieso zaubert Ihr Euch nicht einfach auf die UNESCO-Liste?“
Die UNESCO ist aber auch sehr streng, das muss man zugestehen. Dresden zum Beispiel wurde wieder von der Liste genommen und verödet seither.
Als ich am Hauptbahnhof in Dresden umsteige, befeuern sie gerade die Dampfloks. Hier ist das Leben echt noch wie vor 100 Jahren, was, wenn man die Geschichte von damals kennt, etwas beunruhigend sein könnte.
Eigentlich ignoriere ich so kulturlose Orte. Aber wer nach Radeberg, Radeburg oder Radebeul will, muss notgedrungen durch Dresden, um das herum sich das zu erwandernde Triptychon auffächert.
Der Karte kann man nicht nur die Etappenziele entnehmen, sondern auch, dass ich es auf einen Tag nicht schaffen werde. Die Kilometer- und Stundenangaben bei Onlinekarten unterschätzen immer die Umwege, Ausflüge und Exkursionen, die ich – absichtlich und unabsichtlich – einbaue. Also fahre ich mit dem Zug nach Radeberg, obwohl der Wanderweg von Dresden nach dorthin fast gänzlich durch die Dresdner Heide führen würde.
Wenn ich Pech habe, ist dieser Abschnitt, den ich auslasse und überspringe, der schönste Teil der ganzen Strecke. Aber ich habe selten Pech, das ist das Schöne an meinem Leben.
Radeberg also. Das kennt man eigentlich nur vom Bier. So wie Kulmbach oder Pilsen.
Sehr beliebt scheint die Stadt nicht zu sein, zumindest nicht an einem Samstagmorgen um 8 Uhr. Ich bin der einzige, der in Radeberg aussteigt. Aber gut, der Zug fährt ja auch weiter nach Görlitz, der angeblich schönsten Stadt Deutschlands. (Ich war schon mal da und kann das bestätigen, aber weil ich den Artikel darüber noch nicht geschrieben habe, muss ich so tun, wie wenn ich es noch nicht wüsste. Mit dieser ständigen Prokrastination wird man noch ganz kirre im Kopf.)
Der erste Eindruck von Radeberg ist, nun ja.
Die Lebensmittelausgabe der Tafel wirbt mit dem Slogan „das Original“. Es muss also noch weitere Armenspeisungen in der Stadt geben, die sich um die verhungernde Klientel balgen.
Aber dann, ums Eck, entfaltet sich die ganze Pracht und Existenzberechtigung Radebergs: Brauereien, Biergaststätten, Bierkneipen, Bierbars, ein Biertheater, ein Bierkino, Schnapsbrennereien, Likörläden, Spirituosenhandlungen.
Die ganze Stadt ist vom Alkohol geprägt. Ich gehe in die gerade erst geöffnete Elefanten-Apotheke, um sicherheitshalber Tabletten gegen Heuschnupfen zu erwerben, aber die Apothekerin empfiehlt: „Jetzt trinken Sie erst einmal einen Schnaps.“ Die Bierstadt Radeberg wirbt mit dem Slogan: „Entfliehen Sie bei uns dem Alltag.“
Im Fenster der Stadtbibliothek stehen „König Alkohol“ von Jack London, „Weinprobe“ von Dick Francis und „Der Trinker“ von Hans Fallada. Bierkästen dienen als Sitzgelegenheit, Dekorationselemente, Blumenkästen und als Poller in der Fußgängerzone.
Vor dem Rathaus hängt ein Aushang, der informiert, welche Fundsachen in der vergangenen Woche abgeliefert wurden. Es sind mehrere Seiten, die von Handschuhen bis zu Fahrrädern alles aufzählen, was halt so verloren geht, wenn man ständig alkoholisiert ist. Und am Ende der Hinweis: „Die Fundsachen können im Rathaus abgeholt werden. Kraftfahrzeuge können bei der Polizei abgeholt werden. Kinder können in der Ausnüchterungszelle des Jugendamtes abgeholt werden.“
In normalen Städten hat man in der ersten Reihe die Prunk-, Repräsentations- und religiösen Bauten, und die Destillerien sind irgendwo im Industriegebiet versteckt. In Radeberg ist es umgekehrt. Hier sind die Prachtstraßen und Fußgängerzonen gesäumt von Biertempeln, und die evangelische Stadtkirche ist versteckt auf einem Hinterhof in einer Seitenstraße.
Schon 1714 hatte dort ein Pfarrer die Stadt Radeberg mit Sodom und Gomorrha verglichen, woraufhin die erzürnten Radeberger die Kirche in Brand steckten. Schon ein paar Jahre später tat ihnen das allerdings leid, und sie wollten die Kirche wieder aufbauen. Um an die nötigen Finanzmittel zu kommen, veranstalteten sie ein Bierfest mit einer Lotterie. Denn mit nichts tritt man dem Sodom-und-Gomorrha-Vorwurf so entschieden entgegen wie mit Saufen und Glücksspiel.
In der Innenstadt ist Radeberg dann doch ganz hübsch. Die anfänglichen Fotos waren zugegebenermaßen etwas unfair, denn welche Stadt wirkt in unmittelbarer Bahnhofsumgebung schon ansehnlich? (Na gut, vielleicht Palermo. Und in der Nähe des Hauptbahnhofs in Wien gibt es wenigstens den Schweizergarten, wo ich immer gerne ein paar Stunden Pause einlege, meine Füße in den Teich stecke und eine Zigarre qualme.)
Auf dem Marktplatz steht, wie eigentlich überall in Sachsen, eine Postmeilensäule, die angibt, wie weit und lange es in die nächsten Orte dauert. Leider befindet sich Radeburg nicht auf der Liste der beliebten Destinationen, so dass ich mich vollkommen uninformiert und desorientiert auf die Wanderschaft machen muss.
Hier wurde 1757 August Friedrich Ernst Langbein geboren, der Jurist und Advokat war, aber lieber Schriftsteller sein wollte. Weil er davon nicht leben konnte, nahm er schließlich eine Stelle als staatlicher Zensor an. Diese Position nutzte er, um seine eigenen Werke auf den Index zu setzen, damit sie aus den Leihbüchereien entfernt wurden und er sie selbst zu Höchstpreisen verkaufen konnte.
Das Volk öffnet seine Börse jedoch lieber für Bier als für Bücher, und so verstarb Langbein enttäuscht und verarmt. Ein grausiges Schicksal, das all jenen droht, die sich zwischen Jura und Schreiben nicht entscheiden können.
Von Schloss Klippenstein führt ein Drei-Schlösser-Wanderweg über Schloss Wachau zu Schloss Seifersdorf. Das klingt verlockend, aber ich habe ein festes Ziel für diesen Tag: Radeburg. Da muss es ja auch eine Burg geben, sonst dürfte die Stadt nicht so heißen.
Außerdem, wenn man im Schlösserland Sachsen wohnt, dann sind Schlösser gar nichts Besonderes mehr. Die stehen hier an jeder Ecke. Man geht da nur vorbei und denkt sich: „Ach, sieh an, noch ein Schloss.“ Wahrscheinlich so wie Leute in Texas über Tankstellen denken. Die machen ja auch nicht an jeder davon Halt und Fotos und großes Getöse.
Der Weg von Radeberg nach Radeburg führt, wie es der Stabreim verlangt, durch raffiniert raschelnde Rapsfelder. Und tatsächlich kommt mir ein rasender Radfahrer entgegen, der sich schon auf das Radler in Radeberg und auf einen radikalen Rausch freut.
Diese Felder sehen zwar schön aus, wenn man mit dem Zug daran vorbei fährt. Aber wenn man mittendurch wandert, dann merkt man erst, wie die stinken. Wenn Ihr es schön gelb haben wollt, baut doch lieber Sonnenblumen an. Wie in Transnistrien.
Transnistrien ist eigentlich wie Sachsen. Ein Landstrich im fernen, ja allerfernsten Osten Europas bzw. Deutschlands, über den jeder eine Meinung hat, obwohl die wenigsten je selbst dort gewesen sind. In der Vorstellung gefährlich und unwirtlich, voller Separatisten, die eine unverständliche Sprache sprechen. Wenn man sich dann endlich dorthin wagt, wird man positiv überrascht. Aber auch ein latenter Konfliktherd, an dem irgendwann wieder das Fass der Geschichte überlaufen wird, wenn niemand darauf achtet, wie es sich Tropfen für Tropfen füllt.
Auch architektonisch ist es manchmal schwer zu sagen, ob man gerade in Sachsen oder in Transnistrien ist. Ihr könnt ja mal raten:
Nördlich von Radeberg beginnt der Wald. Ein solider deutscher Wald, ohne willkürliche Vergleiche, ohne schiefe Metaphern, ohne weitere Ausflüge auf Nebengleise. Nur gesunde Eichen, Buchen und Ahornbäume. Zwitschernde Vögel, hüpfende Eichhörnchen, grunzende Wildschweine.
Und ein Schild: „Vorsicht: freilaufender Hund!“
Der Sinn solcher Schilder erschließt sich mir nicht. Was soll man mit solch einer Warnung anfangen? Wenn irgendwo im Wald ein Schild vor Landminen warnt, dann bleibe ich auf dem Weg. Wenn vor Zügen oder Straßenbahnen gewarnt wird, dann blicke ich nach links und rechts, bevor ich den Schienenstrang überquere. Wenn vor herabfallendem Eis gewarnt wird, dann spaziere ich im Winter nicht unter dem Eiffelturm durch.
Aber was soll ich gegen den Hund unternehmen? Die Eigentümer können ja kaum wollen, dass ich ihn erschieße.
Außerdem, wenn jemand Geld für so ein überflüssiges Schild hat, dann hat er auch Geld für eine Kette. Oder für eine Hundehütte, damit das arme Wuzerl nicht frei herumlaufen und einsame Wanderer in Wirrnis und Wahnsinn versetzen muss.
Zusätzlich zu den herumstreunenden Killerhunden höre ich jetzt das Kreischen von Kettensägen. Verlassene Häuser tauchen auf. Es raschelt im Gebüsch. Eine Glasscheibe birst. Die Amseln, Finken und Meisen verstummen unter dem drohenden Gekrächze eines pechschwarzen Raben.
In den Fenstern hängen Dosen und stehen Kerzen. In einem Horrorfilm wären das Warnsignale, bei denen das Publikum entsetzt ausruft: „Geh da nicht rein!“ Aber ich habe kein Publikum, und wenn, dann erfreut es sich gewöhnlich an meinen Kalamitäten.
Was ist hier los? Wer lebt da mitten im Wald? Warum machen Menschen so grausame Dinge? Gibt es noch immer Hexen? Was hat die Stasi damit zu tun? Soll ich meiner Neugier folgen und nachsehen?
All dies und vieles mehr beantworte ich in Teil 2 und Teil 3 dieses Wanderberichts.
Links:
In der Zwischenzeit könnt Ihr Euch die Zeit mit weiteren Wandergeschichten vertreiben.
Zu einer gewissen Schnoddrig- und Flapsigkeit, fein dosiert auch bei ernsten Themen eingesetzt, stehe ich. Die anderen Vorwürfe weise ich aufs Entschiedenste zurück und fordere die Beleidiger zum Blog-Duell auf. Diesen Samstag im Morgengrauen, passend zum Caspar-David-Friedrich-Jubiläum.
Oben die Kopie, unten das Original aus der Sierra Maria in Andalusien. Leider habe ich für den Aufstieg so lange gebraucht, dass der Nebel schon weg war. Dafür gab’s dann später ein Gewitter.
Letztes Wintersemester nahm ich an einem Seminar zur Geschichte des Waldes im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit teil. Weil ich sowieso einen Großteil des Geschichtsstudiums im Wald verbringe, dachte ich mir: „Endlich mal etwas, wo ich mitreden kann“, war dann aber, wie meist im Studium, überrascht, wie wenig ich wusste.
Menschen, die glauben, dass man im Geschichtsstudium die Namen aller englischen, britischen und schottischen Könige oder alle Schlachten aus dem Hundertjährigen Krieg auswendig lernt, werden sich jetzt vielleicht wundern: „Geschichte des Waldes, was soll das sein? Da stehen halt Bäume.“
Aber ich finde solche Seminare super, denn geht es um alles: Der Wald als Ressource, als Zufluchtsraum, als mythischer Ort in Malerei, Sagen und Literatur. Die Holzgewinnung, die Proto-Industrialisierung, die Wald- und Forstwirtschaft, Flößerei, Köhlerei. Die Allmende, die Markgenossenschaften und später die Idee des Privateigentums. Forstgesetzgebung und Forstverwaltung als Beginn der Staatlichkeit. Verteilungskämpfe, Ressourcenknappheit, Umweltprobleme, alles schon vor Hunderten von Jahren. Der Wald in den Märchen und die Angst vor den Wölfen. Die Wiederbelebung des Mythos der waldnahen Germanen während der Befreiungskriege gegen Napoleon und natürlich im Faschismus, bis hin zu einem Begründungsstrang für den Antisemitismus, der die angebliche Andersartigkeit der Juden auf ihre „Waldlosigkeit“ zurückführte. Dass die Deutschen dann im 20. Jahrhundert auch zum Massenmorden gerne in die Wälder gingen, war nicht mehr Thema des Seminars, ist aber etwas, was mir insbesondere in den Wäldern Osteuropas auch immer wieder durch den Kopf geht.
Als Jurist versuche ich im Geschichtsstudium immer, die rechtshistorischen Themen zu besetzen. Man muss ja Synergien nutzen. Aber die Forstordnungen und die Forstgesetzgebung waren schon an Kommilitonen vergeben, und mir blieb nur mehr die Entdeckung der Nachhaltigkeit.
Von diesem Referat gibt es eine schriftliche Fassung, die ich, damit sie nicht sinnlos auf dem Semesterserver schlummert, Euch hiermit zum – zur Abwechslung – ernsten Lesen darbiete.
Einleitung
Wenn man den Werbeaussagen und Selbstbezichtigungen glauben will, so ist seit einiger Zeit alles “nachhaltig”: von der Kreuzfahrt bis zur Kapitalanlage, vom Raumfahrtprogramm bis zur Rüstungsindustrie, von Fischstäbchen bis zum Fernstudium.
Wenn ein Begriff so inflationär gebraucht und praktisch inhaltsleer wird1, liegt der Verdacht nahe, dass es sich dabei um eine Erfindung von Werbefuzzis handelt. Aber weit gefehlt: Die Nachhaltigkeit kommt, wie so vieles, aus den Tiefen der Wälder und blickt auf eine mindestens 300-jährige Geschichte zurück.2
Den Großteil dieser Zeit verblieb der Nachhaltigkeitsbegriff in ebendiesen Wäldern bzw. in den kleinen, aber feinen Kreisen der Forstwirt- und -wissenschaft.3 Erst 1987, durch den Brundtland-Bericht der UNO, wurde die “nachhaltige Entwicklung” zum ökologischen und ökonomischen Leitbegriff:4
“Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.”
Im Rahmen eines historischen Seminars interessieren uns aber natürlich die Anfänge, deshalb: ad fontes beziehungsweise, wie wir hier im Erzgebirge sagen: back to the roots!
Begriffsgeschichte “Nachhaltigkeit”
Die Wortschöpfung ist – zumindest im deutschsprachigen Raum – leichter zu datieren als der Beginn der Idee. Sie geht zurück auf das 1713 erschienene Buch Sylvicultura oeconomicaoder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht von Hans Carl von Carlowitz.5
“Wird derhalben die gröste Kunst / Wissenschaft / Fleiß / und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen / wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen / daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unentberliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse6nicht bleiben mag.”7
Oder im aktuellen Deutsch:
“Kunst, Wissenschaft, Fleiß und staatliche Ordnung beruhen in unserem Land auf Walderhaltung und Anbau von Bäumen. Sie gewähren kontinuierliche, beständige sowie nachhaltige Nutzungen und bewahren unser Wesen.”8
Hans Carl von Carlowitz
Hans Carl von Carlowitz (1645-1714) war zum Zeitpunkt der Publikation der Sylvicultura oeconomica Leiter der Montanverwaltung des Kurfürstentums Sachsen9 in Freiberg, eines der damaligen Zentren des europäischen Silberbergbaus.10
Die Bergwerke waren in der Frühen Neuzeit Großverbraucher von Holz11, und insbesondere vor der Erfindung und Verbreitung der Eisenbahn musste dieses aus der näheren Umgebung der Bergwerke und Verhüttungsanlagen herangeschafft werden.12 Es kam durchaus vor, dass eine noch ergiebige Mine zeitweise nicht mehr ausgebeutet werden konnte, weil es an Holz zum Bau der Stollen und/oder zur Verhüttung fehlte.13 Aufgrund der wirtschaftlichen Verflechtung von Montan- und Holzproduktion war das Forstwesen bis zur Entstehung einer eigenständigen Forstverwaltung beim Bergamt angesiedelt.14
Sylvicultura oeconomica
Die Sylvicultura oeconomica ist mit 432 Seiten das bis dahin umfangreichste deutsche Werk über die Forstwirtschaft, unter Ausschluss von Landwirtschaft und Jagd.15 Äußerst detailliert behandelt es die Auswahl der Holzarten, die Aussaat, die Pflege des Waldes, die Einbürgerung ausländischer Waldbäume, die Gefahren für die Bäume, die Bodenbearbeitung, die Wiederaufforstung von Kahlflächen und vieles mehr.16 Andererseits versprüht das Werk den Wissensdurst eines Universalgelehrten, der Vergil, Herodot, Tacitus, Cicero, Ovid, Plutarch und viele andere zitiert, sowie von dem heimischen Publikum unbekannten Bäumen aus dem Libanon, dem Orient, aus Mexiko und vom Kap der Guten Hoffnung berichtet.17 Die Sylvicultura oeconomica ist nach Umfang, Gewicht und Inhalt kein Büchlein für die Westentasche des Försters, sondern richtete sich an das gebildete Publikum an den Höfen.
Die Kernaussagen der Sylvicultura oeconomica sind eine alarmierende Schilderung des Ist-Zustandes, die Notwendigkeit eines Bewusstseinswandels, Maßnahmen zum sparsamen Verbrauch von Brenn- und Bauholz18, die Nutzung von Ersatzstoffen (namentlich Torf), und insbesondere die planmäßige Aufforstung, um dem Wald regelmäßig nicht mehr Holz zu entnehmen als nachwächst.19
Es ist fraglich, ob Carlowitz den Begriff der Nachhaltigkeit, der fürderhin die Forstwissenschaft prägen sollte, bewusst erschaffen hat.
Ulrich Grober behauptet, man spüre förmlich, wie Carlowitz nach einem passenden Ausdruck gesucht habe20, aber mir scheint, da fabuliert er etwas. Denn auf den 432 Seiten der Sylvicultura oeconomica kommt der Begriff “nachhaltende Nutzung” nur einmal vor, und das erst auf Seite 105.21 Auch das Druckbild des Originals zeigt, dass auf der gleichen Seite zwei andere Sätze, nicht jedoch jener mit der “nachhaltenden Nutzung” durch eine größere Schriftart hervorgehoben wurden.22 Wenn Carlowitz gezielt einen neuen Ausdruck in die Debatte einführen hätte wollen, so hätte er ihn sicher öfter und an prominenter Stelle in der Sylvicultura oeconomica verwendet.23
Stattdessen verwendet Carlowitz für das gleiche Konzept an anderen Stellen seines Werkes Begriffe wie “continuirlich”, „pfleglich“, “holtzgerecht” oder “perpetuirlich”.24
Ideengeschichte der Nachhaltigkeit
Außerdem war, um von der Begriffs- zur Ideengeschichte zu wechseln, das Konzept der nachhaltigen Nutzung des Waldes, also der Beschränkung des Einschlags auf die Menge von Bäumen, die nachwächst, nicht neu.25
Carlowitz selbst hat nie behauptet, die Idee der nachhaltigen Forstwirtschaft erfunden zu haben.26 Die bereits in anderen europäischen Staaten kursierenden Ideen dazu waren ihm bekannt, denn er hatte vor seinem Eintritt in die sächsische Montanverwaltung eine Grand Tour (1665-1669) absolviert, die ihn nach England, Frankreich, die Niederlande, Schweden, Dänemark, Italien und Malta führte.27
Außerdem spiegelt der Text der Sylvicultura oeconomica die gute Literaturkenntnis seines Autors wider, der neben Philosophen, Dichtern, Historikern, Reiseberichten vor allem Forstordnungen des französischen Königs sowie deutscher Fürstentümer zitiert.28
Carlowitz stellt insbesondere die Verordnungen Ludwigs XIV. als vorbildlich heraus.29 Die Ordonnances sur le fait des Eaux et Forets waren 1669 erlassen worden und gründeten auf der Sorge vor drohendem Holzmangel.30
Unterschiede zwischen damaliger Nachhaltigkeitsidee und heutigen Nachhaltigkeitsbegriff
Dass eine schwer lesbare forstwirtschaftliche Anleitung von 1713 dreihundert Jahre später ausgiebig und allenthalben rezipiert wird31, liegt wohl weniger am Interesse für die frühneuzeitliche Umweltgeschichte, sondern an der Aktualität, ja Dringlichkeit der Diskussion um den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen und Energieträgern.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass der damalige Nachhaltigkeitsbegriff nur wenig mit dem heutigen und noch weniger mit Umweltschutz zu tun hat, auch wenn manche gerne eine direkte Linie ziehen würden.32 Die rationale Nutzung von Ressourcen war eine wirtschaftliche Notwendigkeit, die die Fürsten und Forstverwaltungen aus finanziellem Eigennutz propagierten.33 Der Wald war Kapital, aus dem Profit gezogen werden sollte. Der Schutz des Waldes diente – ganz profan – dem Erhalt des Kapitalstocks.
Andererseits findet man in der Sylvicultura oeconomica auch durchaus ethische Bekenntnisse34 “zur Beförderung des allgemeinen Bestens”35, was man heute als “Gemeinwohl” bezeichnen könnte, eine Verantwortung vor Gott und dessen Schöpfung36, sowie Hinweise auf die ästhetische und gesundheitliche Wirkung des Waldes.37
Die wirtschaftliche Interessenlage wird auch sichtbar bei einem zeitgenössisch diskutierten Thema, der (angeblichen) Holznot.
Der Holzmangel bei Carlowitz
Anders als der Begriff “nachhaltend”, der sich in der Sylvicultura oeconomica nur einmal findet, erwähnt Carlowitz in fast jedem Kapitel (und im erweiterten Titel seiner Schrift) die “Holznot” oder den “Holzmangel”.38 Diese Gefahr ist sein großes Anliegen und der eigentliche Grund für das Buch.39 Das gesamte vierte Kapitel des ersten Buches der Sylvicultura oeconomica ist dem “Holtzmangel und dessen Ursachen” gewidmet.40
Auch dies war keine Erfindung von Carlowitz. Der Holzmangel oder gar die Holznot waren ständige Drohkulissen oder Schreckensszenarien, die insbesondere in Forstordnungen, aber auch in der frühen Fachliteratur als Grund dafür angeführt wurden, dass man den Wald schützen/regulieren/verwalten müsse.41 Damit verbunden war oft der Gedanke, dass nur die Obrigkeit zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den Waldressourcen in der Lage war, während das Volk ungezügelten Raubbau an den Wäldern betreiben würde.42
Gab es tatsächlich eine Holznot?
Bis ins 20. Jahrhundert wurden die zeitgenössischen Warnungen vor der Holznot weitgehend unhinterfragt wiedergegeben43. Erst seit den 1980er Jahren hat sich eine teils heftige Debattedarüber entwickelt, ob es je eine ernsthafte Holznot gab oder ob eine solche zumindest unmittelbar bevorstand.44 Wenn man sich in die Tiefen dieses Streits hinab begibt, erkennt man, warum er so erbittert geführt wird: Es geht dabei nicht (nur) um die Wälder der Frühen Neuzeit, sondern es geht um Fragen von Ressourcenschonung und Fortschrittsglaube, um den Gegensatz von freiem Markt und staatlicher Intervention.45
In Wirklichkeit waren die Verhältnisse regional und zeitlich äußerst unterschiedlich.46
Wenn die Bevölkerungszahl z.B. infolge der Pest stark zurückging, so konnte sich der Waldbestand erholen.47 Umgekehrt führte ein Anstieg der Bevölkerung zu einer vermehrten Holzentnahme.48 Allerdings hat sich diese Entwicklung in Mitteleuropa spätestens ab 1800 entkoppelt: Die Bevölkerung stieg rasant, und der Waldbestand litt kaum mehr darunter.49 Und bereits die zwei Jahrhunderte vorher blieb der Waldbestand relativ konstant.
Regional mag es in einer stark wachsenden Stadt oder in einer Region mit viel holzintensivem Gewerbe wie Bergbau, Verhüttung, Glasbläserei u.s.w. zu Holzknappheit gekommen sein.50 Dies jedoch durchaus mit der Möglichkeit, dass ein oder zwei Tagesreisen weiter gesunde Wälder standen. Zu berücksichtigen ist, dass Holz vor der Verbreitung der Eisenbahn in großen Mengen nur zu Wasser – und auch dort oft nur in eine (Fließ-)Richtung – zu transportieren war. Ein regionaler Holzmangel war also nicht so leicht oder schnell zu beheben, weil es zumindest für Brennholz keinen funktionierenden überregionalen Markt gab.51
Nun ist (temporäre) Knappheit etwas ganz Normales52, und selbst Mangel istnoch keine Not. Schließlich beruhten auch die dörflichen Markgenossenschaften auf der Erkenntnis, dass das verfügbare Holz begrenzt war, und organisierten diese Knappheit selbstverwaltet.53Eine wirkliche durch die Holznot verursachte Krise ist nicht nachzuweisen.54 Es gab, soweit ich weiß, keine Katastrophenwinter aus Mangel an Brennholz und keine massiven Wanderungsbewegungen aus holzarmen Regionen.
Joachim Radkau weist darauf hin, dass sich das Gefühl von Holznot möglicherweise herausbildete, als und weil das Holz, das man bis dahin zumindest für den Eigenbedarf großzügig schlagen hatte können, zu einem landesherrlich oder staatlich verwalteten Wirtschaftsgut wurde.55 Die Klage wäre insofern keine Aussage über die Menge an verfügbarem Holz, sondern eine Äußerung des Widerwillens gegen den ökonomischen Umgangdamit gewesen.56 Wenn es also Holzknappheit gab, dann war es keine ökologische, sondern eine wirtschaftliche, ja eine politisch gewollte Knappheit.57
Es verwundert ein wenig, dass es bis in die 1980er Jahre gedauert hat, bis die Annahme einer (drohenden) Holznot hinterfragt wurde. Denn zeitgenössisch gab es durchaus kritische Stimmen, die die Holznot bestritten, ja sich über die immerwährende Sorge regelrecht lustig machten.58 Schon Carlowitz verspürte die Notwendigkeit, sich mit den Kritikern auseinanderzusetzen. Die Abschnitte 5 und 6 im vierten Kapitel von Buch I der Sylvicultura oeconomica sind überschrieben mit “Der wieder den Holtzmangel gemachte Einwurff wird abgelehnet.”59
Schluss
Je mehr man über Holznot und Holzmangel liest, umso mehr beschleicht einen der Verdacht, dass diese Begriffe zu Schlagwörtern verkamen, die durch ständige Wiederholung weitgehend in ihrer Aussagekraft entwertet wurden.
Fast so wie heute die Nachhaltigkeit.
Aber auch das ist nichts Neues. In den 1880er Jahren schrieb der preußische Forstmann Bernhard Borggreve:60
“Mit den vereinzelten Definitionen [von Nachhaltigkeit], welche wir finden, lässt sich wenig oder – wenn man lieber will – alles machen.”
31 In den letzten Jahrzehnten sind mehrere Reprints (dazu Hamberger in Carlowitz, S. 12, Fn. 20) und annotierte Ausgaben der Sylvicultura oeconomica sowie unzählige Zeitungsartikel und Aufsätze zu Carlowitz erschienen.
32 So z.B. Kehnel, S. 65, nach der Carlowitz “die Nachhaltigkeitsidee des 21. Jahrhunderts vorwegnahm”.
33 Demandt, S. 270 f.; Küster, S. 185; Uekötter, S. 64.
43 Zum Teil auch in der neueren Literatur, z.B. Fuhrmann, VSWG 2013, 311; Grober, S. 83, 88 und 111; Hasel, S. 77, 109, 116, 187 und insbesondere 250; Küster, S. 193; Uekötter, S. 65. Auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft schreibt in der aktuellen 3. Bundeswaldinventur (S.5), Deutschland sei Anfang des 19. Jahrhunderts von “kahle[n] und wüste[n] Flächen” geprägt gewesen.
45 Hasel, S. 250; Radkau, S. 27, 142-145 und 150-162; Radkau, VSWG 1986, 28-31; Uekötter, S. 66 f. Weil sich diese Diskussion hauptsächlich um die beginnende Industrialisierung, die Steinkohle und das marktliberale Denken dreht, fällt sie allerdings weitgehend aus dem zeitlichen Rahmen dieses Seminars zum Spätmittelalter und zur Frühen Neuzeit. Deshalb gehe ich darauf nicht im Detail ein.
52 Radkau, S. 130 und 151; Radkau, VSWG 1986, 24 und 36. Radkau, S. 154, weist darauf hin, dass Holz anders als Getreide nicht abrupt durch Hagelschlag oder eine Missernte vernichtet werden kann.
Hans Carl von CARLOWITZ: Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht, mit einer Einführung von Joachim Hamberger, Oekom Verlag, 2013. (Soweit ich gesehen habe, ist dies die am sorgfältigsten editierte Ausgabe.)
Alexander DEMANDT: Der Baum: Eine Kulturgeschichte, Böhlau Verlag, 2. Auflage 2014.
Bernd FUHRMANN: Holzversorgung, Waldentwicklung, Umweltveränderungen und wirtschaftliche Tendenzen in Spätmittelalter und beginnender Neuzeit, Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (VSWG), 2013, S. 311-327.
Ulrich GROBER: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs, Verlag Antje Kunstmann 2010.
Karl HASEL: Forstgeschichte. Ein Grundriß für Studium und Praxis, Verlag Paul Parey, 1985.
Hansjörg KÜSTER: Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart, C.H.Beck, 1998/2003 (gebunden/broschiert).
Joachim RADKAU: Holz. Wie ein Naturstoff Geschichte schreibt, Oekom Verlag, Neuauflage 2012.
Joachim RADKAU: Zur angeblichen Energiekrise des 18. Jahrhunderts. Revisionistische Betrachtungen über die “Holznot”, Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (VSWG), 1986, S. 1-37.
Reinhold REITH: Umweltgeschichte der Frühen Neuzeit, Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Band 89, Oldenbourg Verlag, 2011.
Harald THOMASIUS / Bernd BENDIX: Sylvicultura oeconomica. Transkription in das Deutsch der Gegenwart, Verlag Kessel 2023.
Jetzt muss ich noch eine kleine schriftliche Arbeit über die Sylvicultura oeconomica verfassen, und dann geht es im Sommersemester um die europäische Expansion und außereuropäische Schriftkulturen, also Sprache und Schrift im Dienst kolonialer Macht und christlicher Mission sowie die Interaktion europäischer und außereuropäischer Sprachen. Womit man sich halt so den Sommer vertreibt, wenn man lieber in die Bibliothek als ins Freibad geht. 🤓
Der Zug von Elsterwerda nach Chemnitz legt jedes Mal einen zehnminütigen Stopp in Riesa ein, was den Ort wichtiger erscheinen lässt, als er ist.
Vielleicht muss der Lokführer aber auch einfach mal eine Zigarette rauchen.
Die meisten Tabakgegner und Bahnkritiker wissen das nicht, aber ein erheblicher Teil der Verspätungen im Zugverkehr geht darauf zurück, dass man während der Fahrt nicht mehr rauchen darf. Ist ja logisch, dass dann das gestresste Personal hin und wieder einen Halt an frischer Luft einlegen muss.
Dieses Mal steigen in Riesa tatsächlich eine ganze Menge Menschen aus, um und ein. Der Zug ist rappelvoll. Viele junge Leute mit großen Rucksäcken und wilden Bärten, die anscheinend alle an die Universität fahren und sich noch von der Schule zu kennen scheinen.
Eine Studentin wurde von ihrer Großmutter zum Zug begleitet, was ein bisschen anachronistisch, ja sogar peinlich erscheinen mag. Aber vielleicht war die Großmutter einst im Königreich Sachsen oder in der Weimarer Republik eine Vorkämpferin gleicher Bildungschancen für Mädchen, Fräulein und Frauen und freut sich, dass ihre Enkelin jetzt Physikerin oder Germanistin wird.
Der Studentin werden die 10 Minuten sichtlich lang, denn die Oma steht noch immer vor dem Fenster und winkt und winkt und winkt. Wie so eine japanische Manekinekokatze, die immer trotzig und traurig in sonst leeren Schaufenstern von schon lange aufgegeben Läden in der ländlichen Lausitz winken.
Die Studentin versucht abzulenken, indem sie – genauso stolz wie die Oma auf ihre feministische Frontkämpferinnenvergangenheit – von ihrem Auslandssemester in Schweden erzählt. Die anderen Studenten im Abteil sind höchst interessiert oder tun zumindest als ob. Das weiß man heutzutage nicht mehr so genau, weil die jungen Menschen so verdammt wohlerzogen und höflich sind.
Eine etwas ältere Frau aus der Generation, wo man noch weniger Wert auf Höflichkeit legte und stattdessen der Direktheit frönte, weist die junge Akademikerin mit leichtem Spott in der Stimme darauf hin: „Die Oma winkt immer noch.“
Ich, stets diplomatisch, versuche die Situation zu entschärfen und sage – ganz trocken und ohne den Blick von der Zeitung hochzunehmen: „Kann man verstehen. Das ist ja die Generation, die es gewohnt ist, dass Menschen, die in den Zug steigen, erst nach 5 Jahren wiederkommen.“