Wenn Mandanten bei mir nach mehreren Stunden aus der erbrechtlichen Beratung kommen, dann schwirrt ihnen der Kopf.
Vorerbschaft, Zwischenerbschaft und Nacherbschaft. Apostille und Kodizill. Trusts, Stiftungen und Familienfideikommisse. Pflichtteil und Noterbrecht. Autonomes Kollisionsrecht oder Europäische Erbrechtsverordnung? Sächsisches Anerbenrecht oder römische Realteilung? Was sagt das Foralrecht des Königreichs Aragón zur Vererbbarkeit von Katzen? Warum hat das Gesetz des Großherzogtums Baden über geschlossene Hofgüter im Hochschwarzwald Vorrang vor dem Bürgerlichen Gesetzbuch? Aber gut, das Niederlassungsabkommen zwischen dem Deutschen Reich und dem Kaiserreich Persien von 1929 gilt ja auch noch, obwohl beide Staaten nicht mehr existieren. Darf man seine Cannabis-Pflanzen an Minderjährige vererben? Gelten die alten DDR-Testamente noch? Und immer wieder die Frage: Machen wir ein Damnationslegat oder ein Vindikationslegat?
Kein Wunder, dass niemand mehr durchblickt. Ich selbst übrigens auch nicht.
Manche Mandanten fragen dann ganz schüchtern: „Geht das nicht auch einfacher?“
Die gute Nachricht: Ja, es geht.
Weil § 2247 BGB das handschriftliche Testament erlaubt, könnt Ihr Euch einfach einen Zettel und einen Stift nehmen und über Millionen und Milliarden verfügen. Ein Satz, Datum, Unterschrift, das reicht. Ihr müsst das Testament auch nirgendwo registrieren oder eintragen. Einfach an die Pinnwand in der Küche heften, und gut ist die Sache.
So hat es jetzt das bürgerfreundliche Oberlandesgericht Oldenburg bestätigt.
Der Wirt einer Dorfkneipe schrieb eines Abends auf einen Kneipenblock, auf dem sonst die Bier- und Schnitzelbestellungen notiert werden: „Gabi kriegt alles“, Datum, Unterschrift.
Den Zettel legte er hinter den Tresen, zu einem anderen Haufen ähnlicher Zettel, auf denen ausstehende Zahlungen für Biere und Schnäpse notiert waren.
Die im Testament genannte Gabi war seine Lebensgefährtin gewesen. Durch ihre Einsetzung als Alleinerbin wurden die vier Neffen und Nichten des Erblassers – ob bewusst oder unbewusst – enterbt. Die gingen, nachdem sie sich vorher jahrelang nicht blicken haben lassen, erbost zum Amtsgericht Westerstede, das den Kneipenzettel nicht als wirksames Testament anerkannte. Angeblich sei kein ernsthafter Testierwille erkennbar. Außerdem genüge die Kurzbezeichnung „Gabi“ nicht, um jemanden als Erbin zu identifizieren.
Zum Glück hatte Gabi aber noch die Puste und die Knete, um in die nächste Instanz zum Oberlandesgericht Oldenburg zu gehen. Der Unterschied zwischen Amtsgericht und Oberlandesgericht ist, dass bei letzterem die älteren Richter sitzen. Die mit Lebenserfahrung. Die solche Kneipen noch aus der Jugend kennen. Und die wissen: Was der Wirt auf den Kneipenblock notiert, das ist Gesetz.
Das Oberlandesgericht Oldenburg entschied deshalb: Ja, der Schrieb auf dem Brauereiblock ist ein wirksames Testament. Als Argument wurde herangezogen, dass der Wirt auch andere wichtige Notizen (insbesondere die Ausstände säumiger Stammgäste) auf diesen Zetteln notierte und die dementsprechenden Urkunden ebenfalls hinter dem Tresen lagerte. Außerdem stellte das Gericht durch Nachfragen fest, dass der Erblasser generell ein eher unkomplizierter Typ gewesen war. Und weil es neben der Lebensgefährtin keine andere „Gabi“ im Leben des Erblassers gab, genügte auch diese Kurzbezeichnung zur wirksamen Einsetzung als Alleinerbin.
Ihr seht also: Testieren ist kein Hexenwerk. Aber macht es dem Gericht doch bitte ein bisschen einfacher und verwendet auch die Nachnamen der Bedachten. Und schreibt sicherheitshalber „Testament“ darüber.
Wenn Ihr ganz und gar zu faul zum Schreiben seid, dann hilft nur mehr das Nottestament. Dazu müsst Ihr entweder mit drei Freunden auf eine Bergtour gehen und Euch in Lebensgefahr bringen (§ 2250 II BGB) oder auf einem deutschen Kreuzfahrtschiff in internationalen Gewässern herumtuckern und die drei Tischnachbarn als Zeugen heranziehen (§ 2251 BGB). Ich finde es beruhigend, dass der Gesetzgeber von 1896 an alles gedacht hat, was uns heute noch das Leben (und Sterben) erleichtert.
Der Himmel tobt, und ganz Deutschland ist aus dem Häuschen.
Ein großes Spektakel, noch dazu kostenlos und ohne Parkplatzsuche. Das verspricht Spaß für die gesamte Patchworkfamilie.
Wenn alle begeistert sind, werde ich immer skeptisch. Besonders vor dem Hintergrund der deutschen Erfahrung mit Massenhysterie. Aber dann dachte ich mir: Locker bleiben! Nicht jeder Sonnensturm muss gleich mit der Faschismuskeule bekämpft werden.
Außerdem hatte ich gehört oder gelesen, dass es diese Polarlichter sonst nur in Norwegen gibt. Das ist weit weg und auf absehbare Zeit unerschwinglich. Zumindest für mich. Viele wissen das nicht, aber ich bin ein armer Student. Ich frage mich, wie sich norwegische Studenten das Leben in Norwegen leisten. Wahrscheinlich gibt es da Bæføg.
Ich hatte mich also schon damit abgefunden, dass ich nie im Leben ein Polarlicht sehen würde. Aber wenn man um die 50 Jahre alt und auf dem absteigenden Ast des Lebensbaumes ist, findet man sich mit allerlei Dingen ab, die man nie mehr im Leben sehen wird. Pjöngjang, Port-au-Prince, Paderborn und eben auch die Polarlichter.
Dafür lebe ich in Chemnitz. Das ist auch eine ziemlich coole Stadt. Fast wie Pjöngjang.
Und jetzt schauen hier diese Polarlichter vorbei. Vielleicht weil wir nächstes Jahr Europäische Kulturhauptstadt sind. Na gut, dachte ich mir, wenn sich dieses Wetterleuchten schon auf den weiten Weg macht, dann sollte ich ihm guten Tag sagen. Beziehungsweise gute Nacht, denn die Dinger kommen ja immer reichlich spät, nach den Tagesthemen.
Ich habe also gut gegessen, ein paar Zigarren und einen Likör zurecht gelegt, und mich voller Vorfreude auf den Balkon gesetzt. Vierter Stock, super Aussicht übers ganze Erzgebirge. Das tolle am Leben im vierten Stock ist neben der Aussicht, dass es hier oben keine Mücken gibt. Außerdem kommen weniger Hausierer vorbei, weil sie das Hundegebell im zweiten Stock schon abschreckt.
Kamera hatte ich keine dabei, denn ich denke mir immer: Die Profis machen sowieso bessere Bilder, und ich selbst kann den Moment ohne diesen technischen Schnickschnack besser genießen. Ehrlich, ich kapiere nicht, wieso jeder Mensch von jedem Ereignis ein eigenes Foto braucht. Dafür gibt es doch am nächsten Tag die Zeitung. Außerdem geht viel von der Unmittelbarkeit des Erlebens verloren, wenn man ständig Metall und Plastik und Glas zwischen sich und die Welt hält. Mich nervt das zum Beispiel volle Kanne, wenn Menschen mich treffen und als erstes ein Foto machen wollen. Wie so ein Kopfgeldjäger.
Ein paar Stunden vergingen. Uhr hatte ich keine, aber drei Zigarren habe ich geraucht. So hat man früher die Zeit gemessen. Zumindest seit 1492, vorher gab es in Europa ja keinen Tabak. Deshalb nannte man es das finstere Mittelalter. Ist Euch schon einmal aufgefallen, dass das Mittelalter genau dann zu Ende ging, als Tabak und Schokolade nach Europa kamen?
Irgendwann wurde ich müde und ging ins Bett.
Gesehen hatte ich nichts.
Am nächsten Tag das gleiche Spiel. Irgendwann fragte ich mich, wie ich mir als armer Student so viele Zigarren leisten kann, und torkelte verwirrt ins Bett.
Gesehen hatte ich wieder nichts.
Am dritten Tag fiel mir in der prallen Mittagssonne auf, dass mein Balkon nach Süden zeigt. Diese komischen Lichter sind aber wohl eher im Norden zu sehen. Kein Wunder, dass das nicht funktioniert hat.
Aber egal. Es gibt Schlimmeres, als ein paar Stunden in den Himmel geguckt und die milde Frühlingsnacht genossen zu haben.
Seit ich wieder als Rechtsanwalt arbeite, werde ich ständig zu extravaganten Veranstaltungen eingeladen. Normalerweise mache ich mir daraus nichts. Außerdem habe ich keine Zeit.
Aber als ich sah, an welchem Ort die Sächsische Rechtsanwaltskammer ihren jährlichen Empfang abhalten würde, war mir sofort klar: Das war eine kodierte Einladung in den exklusivsten Klub der Welt. Also ging ich hin.
Wenn ich mein äußeres Erscheinen betrachte, verstehe ich gar nicht, warum meine Einladung und mein Ausweis am Eingang doppelt und dreifach überprüft wurden. (Ich meine, seit meiner Zeit als Landstreicher habe ich mich doch durchaus präsentabel gemacht.) Aber am Ende öffnete mein Charme doch alle Türen.
Möglicherweise habt Ihr noch nicht viel über die Bilderberg-Konferenz gehört. So sollte es auch sein, denn die Konferenzen sind höchstgeheim. Keine Fotos, keine Zitate, gar nichts darf nach außen dringen. Man tauscht dort nicht einmal Visitenkarten aus.
Er erzählte, wie er vor vielen Jahren dem Burnout gefährlich nahe war. Über den Jahreswechsel nahm er sich ein paar Tage frei, um über seine Optionen nachzudenken und zu entscheiden, ob er weiter als Rechtsanwalt tätig sein wollte. Er erkannte, dass es eigentlich nur eine Handvoll Mandanten waren, die all den Stress und die negativen Gefühle verursachten. Der Rest war in Ordnung, manche sogar ganz nett.
Als er zurück in die Kanzlei kam, schrieb er all den nervigen Mandanten, dass er nicht mehr für sie arbeiten wollte.
Natürlich verlor er dadurch Geschäft und Umsatz. Aber er wiedererlangte die Freude an der Arbeit, neue Energie, eine innere Ruhe. Und das sind ja dann doch alles wichtigere Dinge als Arbeit und Geld.
Er erzählte weiter, dass er seither jedes Quartal die Liste aller offenen Fälle durchgeht und die nervigsten 10% der Mandate kündigt. Das ist bei uns Rechtsanwälten nicht anders als in den meisten Branchen: Ein kleiner Teil der Kundschaft bereitet einen Großteil der Kopfschmerzen. (Und oft sind es auch noch diejenigen, die Probleme mit dem Bezahlen haben.)
Kurioserweise fallen die Mandanten oft aus allen Wolken, wenn ich ihnen kündige. „Das können Sie nicht machen“, echauffieren sie sich dann, wie wenn sie ein Anrecht auf einen ganz bestimmten Rechtsanwalt hätten. Ich kenne sogar Kollegen, denen diese Möglichkeit nicht so richtig bewusst ist und die glauben, dass man einmal begonnene Sachen auf Teufel komm raus zu Ende bringen müsse.
Mit der Erfahrung wird man außerdem ziemlich gut darin, die Querulanten zu identifizieren, bevor man sich mit ihnen einlässt. Im Privat- und im Geschäftsleben ist das Wort „nein“ wirklich eines der wichtigsten. Aber, wie in Beziehungen, erscheinen manche Menschen am Anfang ganz normal und stellen sich erst mit der Zeit als ein bisschen ballaballa heraus.
Lektion zwei:
Als es an die Nachspeise ging, empfahl mir eben jener Anwaltskollege eine mir bis dahin unbekannte Spezialität aus dem Erzgebirge: Quarkkeulchen.
Diese Dinger sind der absolute Hochgenuss. Ein Fest für die Augen, den Gaumen, den Magen und die Seele. Eine kulinarische Offenbarung. Ein Feuerwerk der Glückseligkeit. (Wenn Ihr Kaiserschmarrn kennt, seid Ihr schon in der richtigen Richtung. Wenn Ihr den auch nicht kennt, ist Euer Leben traurig und trist, trost- und hoffnungslos, leer und lausig.)
Vielleicht sollte ich diese zwei Lektionen verknüpfen und nur mehr mit Mandanten arbeiten, die mich zur Erstberatung zu einem großen Teller Quarkkeulchen einladen.
Ich finde es gut, wenn Leute ihre kleinen Racker nicht immer über den grünen Klee loben, sondern einsehen, dass der Nachwuchs für die Mitmenschen eine echte Plage darstellen kann.
So habe ich dieses Schild in Arnsberg verstanden:
Danke für die Warnung!
In Südkorea, seit jeher einem fortschrittlichen Land, ist man noch weiter. Da gibt es Schutz- und Rückzugsräume für Erwachsene, die sich einfach mal in Ruhe unterhalten wollen, ohne dass ihnen ständig jemand zwischen den Beinen herumkrabbelt.
Ach ja, und weil mir jetzt sicher gleich jemand belehrend mitteilen will, dass ich doch auch einmal ein Kind war: Die Tatsache, dass X früher (und gegen seinen Willen) Y war, bedeutet nicht, dass X nicht gegen Y sein darf. Wenn ein früherer Auftragskiller für ein mexikanisches Drogenkartell jetzt sagt, dass Mord keine gute Sache ist, dann hat er ja trotzdem Recht, oder? Na also.
Trotz meiner Abneigung gegen Kinder habe ich erstaunlich viel Spaß an Sorgerechts- und Umgangsverfahren. Den Widerspruch kann ich selbst nicht auflösen.
Die Idee hat mir sofort gefallen. Radeberg – Radeburg – Radebeul, das hört sich mystisch-märchenhaft an. Wie Rapunzel – Rhabarber – Radieschen. Rattenfänger – Rabensuppe – Rasenmäher. Rabauke – Rachitis – Ragnarök. Wie ein Dreiklang aus den Merseburger Zaubersprüchen. Die wollen jetzt übrigens UNESCO-Weltdokumentenerbe werden, was unweigerlich die Frage aufwirft: „Wenn Ihr echte Zaubersprüche seid, wieso zaubert Ihr Euch nicht einfach auf die UNESCO-Liste?“
Die UNESCO ist aber auch sehr streng, das muss man zugestehen. Dresden zum Beispiel wurde wieder von der Liste genommen und verödet seither.
Als ich am Hauptbahnhof in Dresden umsteige, befeuern sie gerade die Dampfloks. Hier ist das Leben echt noch wie vor 100 Jahren, was, wenn man die Geschichte von damals kennt, etwas beunruhigend sein könnte.
Eigentlich ignoriere ich so kulturlose Orte. Aber wer nach Radeberg, Radeburg oder Radebeul will, muss notgedrungen durch Dresden, um das herum sich das zu erwandernde Triptychon auffächert.
Der Karte kann man nicht nur die Etappenziele entnehmen, sondern auch, dass ich es auf einen Tag nicht schaffen werde. Die Kilometer- und Stundenangaben bei Onlinekarten unterschätzen immer die Umwege, Ausflüge und Exkursionen, die ich – absichtlich und unabsichtlich – einbaue. Also fahre ich mit dem Zug nach Radeberg, obwohl der Wanderweg von Dresden nach dorthin fast gänzlich durch die Dresdner Heide führen würde.
Wenn ich Pech habe, ist dieser Abschnitt, den ich auslasse und überspringe, der schönste Teil der ganzen Strecke. Aber ich habe selten Pech, das ist das Schöne an meinem Leben.
Radeberg also. Das kennt man eigentlich nur vom Bier. So wie Kulmbach oder Pilsen.
Sehr beliebt scheint die Stadt nicht zu sein, zumindest nicht an einem Samstagmorgen um 8 Uhr. Ich bin der einzige, der in Radeberg aussteigt. Aber gut, der Zug fährt ja auch weiter nach Görlitz, der angeblich schönsten Stadt Deutschlands. (Ich war schon mal da und kann das bestätigen, aber weil ich den Artikel darüber noch nicht geschrieben habe, muss ich so tun, wie wenn ich es noch nicht wüsste. Mit dieser ständigen Prokrastination wird man noch ganz kirre im Kopf.)
Der erste Eindruck von Radeberg ist, nun ja.
Die Lebensmittelausgabe der Tafel wirbt mit dem Slogan „das Original“. Es muss also noch weitere Armenspeisungen in der Stadt geben, die sich um die verhungernde Klientel balgen.
Aber dann, ums Eck, entfaltet sich die ganze Pracht und Existenzberechtigung Radebergs: Brauereien, Biergaststätten, Bierkneipen, Bierbars, ein Biertheater, ein Bierkino, Schnapsbrennereien, Likörläden, Spirituosenhandlungen.
Die ganze Stadt ist vom Alkohol geprägt. Ich gehe in die gerade erst geöffnete Elefanten-Apotheke, um sicherheitshalber Tabletten gegen Heuschnupfen zu erwerben, aber die Apothekerin empfiehlt: „Jetzt trinken Sie erst einmal einen Schnaps.“ Die Bierstadt Radeberg wirbt mit dem Slogan: „Entfliehen Sie bei uns dem Alltag.“
Im Fenster der Stadtbibliothek stehen „König Alkohol“ von Jack London, „Weinprobe“ von Dick Francis und „Der Trinker“ von Hans Fallada. Bierkästen dienen als Sitzgelegenheit, Dekorationselemente, Blumenkästen und als Poller in der Fußgängerzone.
Vor dem Rathaus hängt ein Aushang, der informiert, welche Fundsachen in der vergangenen Woche abgeliefert wurden. Es sind mehrere Seiten, die von Handschuhen bis zu Fahrrädern alles aufzählen, was halt so verloren geht, wenn man ständig alkoholisiert ist. Und am Ende der Hinweis: „Die Fundsachen können im Rathaus abgeholt werden. Kraftfahrzeuge können bei der Polizei abgeholt werden. Kinder können in der Ausnüchterungszelle des Jugendamtes abgeholt werden.“
In normalen Städten hat man in der ersten Reihe die Prunk-, Repräsentations- und religiösen Bauten, und die Destillerien sind irgendwo im Industriegebiet versteckt. In Radeberg ist es umgekehrt. Hier sind die Prachtstraßen und Fußgängerzonen gesäumt von Biertempeln, und die evangelische Stadtkirche ist versteckt auf einem Hinterhof in einer Seitenstraße.
Schon 1714 hatte dort ein Pfarrer die Stadt Radeberg mit Sodom und Gomorrha verglichen, woraufhin die erzürnten Radeberger die Kirche in Brand steckten. Schon ein paar Jahre später tat ihnen das allerdings leid, und sie wollten die Kirche wieder aufbauen. Um an die nötigen Finanzmittel zu kommen, veranstalteten sie ein Bierfest mit einer Lotterie. Denn mit nichts tritt man dem Sodom-und-Gomorrha-Vorwurf so entschieden entgegen wie mit Saufen und Glücksspiel.
In der Innenstadt ist Radeberg dann doch ganz hübsch. Die anfänglichen Fotos waren zugegebenermaßen etwas unfair, denn welche Stadt wirkt in unmittelbarer Bahnhofsumgebung schon ansehnlich? (Na gut, vielleicht Palermo. Und in der Nähe des Hauptbahnhofs in Wien gibt es wenigstens den Schweizergarten, wo ich immer gerne ein paar Stunden Pause einlege, meine Füße in den Teich stecke und eine Zigarre qualme.)
Auf dem Marktplatz steht, wie eigentlich überall in Sachsen, eine Postmeilensäule, die angibt, wie weit und lange es in die nächsten Orte dauert. Leider befindet sich Radeburg nicht auf der Liste der beliebten Destinationen, so dass ich mich vollkommen uninformiert und desorientiert auf die Wanderschaft machen muss.
Hier wurde 1757 August Friedrich Ernst Langbein geboren, der Jurist und Advokat war, aber lieber Schriftsteller sein wollte. Weil er davon nicht leben konnte, nahm er schließlich eine Stelle als staatlicher Zensor an. Diese Position nutzte er, um seine eigenen Werke auf den Index zu setzen, damit sie aus den Leihbüchereien entfernt wurden und er sie selbst zu Höchstpreisen verkaufen konnte.
Das Volk öffnet seine Börse jedoch lieber für Bier als für Bücher, und so verstarb Langbein enttäuscht und verarmt. Ein grausiges Schicksal, das all jenen droht, die sich zwischen Jura und Schreiben nicht entscheiden können.
Von Schloss Klippenstein führt ein Drei-Schlösser-Wanderweg über Schloss Wachau zu Schloss Seifersdorf. Das klingt verlockend, aber ich habe ein festes Ziel für diesen Tag: Radeburg. Da muss es ja auch eine Burg geben, sonst dürfte die Stadt nicht so heißen.
Außerdem, wenn man im Schlösserland Sachsen wohnt, dann sind Schlösser gar nichts Besonderes mehr. Die stehen hier an jeder Ecke. Man geht da nur vorbei und denkt sich: „Ach, sieh an, noch ein Schloss.“ Wahrscheinlich so wie Leute in Texas über Tankstellen denken. Die machen ja auch nicht an jeder davon Halt und Fotos und großes Getöse.
Der Weg von Radeberg nach Radeburg führt, wie es der Stabreim verlangt, durch raffiniert raschelnde Rapsfelder. Und tatsächlich kommt mir ein rasender Radfahrer entgegen, der sich schon auf das Radler in Radeberg und auf einen radikalen Rausch freut.
Diese Felder sehen zwar schön aus, wenn man mit dem Zug daran vorbei fährt. Aber wenn man mittendurch wandert, dann merkt man erst, wie die stinken. Wenn Ihr es schön gelb haben wollt, baut doch lieber Sonnenblumen an. Wie in Transnistrien.
Transnistrien ist eigentlich wie Sachsen. Ein Landstrich im fernen, ja allerfernsten Osten Europas bzw. Deutschlands, über den jeder eine Meinung hat, obwohl die wenigsten je selbst dort gewesen sind. In der Vorstellung gefährlich und unwirtlich, voller Separatisten, die eine unverständliche Sprache sprechen. Wenn man sich dann endlich dorthin wagt, wird man positiv überrascht. Aber auch ein latenter Konfliktherd, an dem irgendwann wieder das Fass der Geschichte überlaufen wird, wenn niemand darauf achtet, wie es sich Tropfen für Tropfen füllt.
Auch architektonisch ist es manchmal schwer zu sagen, ob man gerade in Sachsen oder in Transnistrien ist. Ihr könnt ja mal raten:
Nördlich von Radeberg beginnt der Wald. Ein solider deutscher Wald, ohne willkürliche Vergleiche, ohne schiefe Metaphern, ohne weitere Ausflüge auf Nebengleise. Nur gesunde Eichen, Buchen und Ahornbäume. Zwitschernde Vögel, hüpfende Eichhörnchen, grunzende Wildschweine.
Und ein Schild: „Vorsicht: freilaufender Hund!“
Der Sinn solcher Schilder erschließt sich mir nicht. Was soll man mit solch einer Warnung anfangen? Wenn irgendwo im Wald ein Schild vor Landminen warnt, dann bleibe ich auf dem Weg. Wenn vor Zügen oder Straßenbahnen gewarnt wird, dann blicke ich nach links und rechts, bevor ich den Schienenstrang überquere. Wenn vor herabfallendem Eis gewarnt wird, dann spaziere ich im Winter nicht unter dem Eiffelturm durch.
Aber was soll ich gegen den Hund unternehmen? Die Eigentümer können ja kaum wollen, dass ich ihn erschieße.
Außerdem, wenn jemand Geld für so ein überflüssiges Schild hat, dann hat er auch Geld für eine Kette. Oder für eine Hundehütte, damit das arme Wuzerl nicht frei herumlaufen und einsame Wanderer in Wirrnis und Wahnsinn versetzen muss.
Zusätzlich zu den herumstreunenden Killerhunden höre ich jetzt das Kreischen von Kettensägen. Verlassene Häuser tauchen auf. Es raschelt im Gebüsch. Eine Glasscheibe birst. Die Amseln, Finken und Meisen verstummen unter dem drohenden Gekrächze eines pechschwarzen Raben.
In den Fenstern hängen Dosen und stehen Kerzen. In einem Horrorfilm wären das Warnsignale, bei denen das Publikum entsetzt ausruft: „Geh da nicht rein!“ Aber ich habe kein Publikum, und wenn, dann erfreut es sich gewöhnlich an meinen Kalamitäten.
Was ist hier los? Wer lebt da mitten im Wald? Warum machen Menschen so grausame Dinge? Gibt es noch immer Hexen? Was hat die Stasi damit zu tun? Soll ich meiner Neugier folgen und nachsehen?
All dies und vieles mehr beantworte ich in Teil 2 und Teil 3 dieses Wanderberichts.
Links:
In der Zwischenzeit könnt Ihr Euch die Zeit mit weiteren Wandergeschichten vertreiben.
Zu einer gewissen Schnoddrig- und Flapsigkeit, fein dosiert auch bei ernsten Themen eingesetzt, stehe ich. Die anderen Vorwürfe weise ich aufs Entschiedenste zurück und fordere die Beleidiger zum Blog-Duell auf. Diesen Samstag im Morgengrauen, passend zum Caspar-David-Friedrich-Jubiläum.
Oben die Kopie, unten das Original aus der Sierra Maria in Andalusien. Leider habe ich für den Aufstieg so lange gebraucht, dass der Nebel schon weg war. Dafür gab’s dann später ein Gewitter.
Letztes Wintersemester nahm ich an einem Seminar zur Geschichte des Waldes im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit teil. Weil ich sowieso einen Großteil des Geschichtsstudiums im Wald verbringe, dachte ich mir: „Endlich mal etwas, wo ich mitreden kann“, war dann aber, wie meist im Studium, überrascht, wie wenig ich wusste.
Menschen, die glauben, dass man im Geschichtsstudium die Namen aller englischen, britischen und schottischen Könige oder alle Schlachten aus dem Hundertjährigen Krieg auswendig lernt, werden sich jetzt vielleicht wundern: „Geschichte des Waldes, was soll das sein? Da stehen halt Bäume.“
Aber ich finde solche Seminare super, denn geht es um alles: Der Wald als Ressource, als Zufluchtsraum, als mythischer Ort in Malerei, Sagen und Literatur. Die Holzgewinnung, die Proto-Industrialisierung, die Wald- und Forstwirtschaft, Flößerei, Köhlerei. Die Allmende, die Markgenossenschaften und später die Idee des Privateigentums. Forstgesetzgebung und Forstverwaltung als Beginn der Staatlichkeit. Verteilungskämpfe, Ressourcenknappheit, Umweltprobleme, alles schon vor Hunderten von Jahren. Der Wald in den Märchen und die Angst vor den Wölfen. Die Wiederbelebung des Mythos der waldnahen Germanen während der Befreiungskriege gegen Napoleon und natürlich im Faschismus, bis hin zu einem Begründungsstrang für den Antisemitismus, der die angebliche Andersartigkeit der Juden auf ihre „Waldlosigkeit“ zurückführte. Dass die Deutschen dann im 20. Jahrhundert auch zum Massenmorden gerne in die Wälder gingen, war nicht mehr Thema des Seminars, ist aber etwas, was mir insbesondere in den Wäldern Osteuropas auch immer wieder durch den Kopf geht.
Als Jurist versuche ich im Geschichtsstudium immer, die rechtshistorischen Themen zu besetzen. Man muss ja Synergien nutzen. Aber die Forstordnungen und die Forstgesetzgebung waren schon an Kommilitonen vergeben, und mir blieb nur mehr die Entdeckung der Nachhaltigkeit.
Von diesem Referat gibt es eine schriftliche Fassung, die ich, damit sie nicht sinnlos auf dem Semesterserver schlummert, Euch hiermit zum – zur Abwechslung – ernsten Lesen darbiete.
Einleitung
Wenn man den Werbeaussagen und Selbstbezichtigungen glauben will, so ist seit einiger Zeit alles “nachhaltig”: von der Kreuzfahrt bis zur Kapitalanlage, vom Raumfahrtprogramm bis zur Rüstungsindustrie, von Fischstäbchen bis zum Fernstudium.
Wenn ein Begriff so inflationär gebraucht und praktisch inhaltsleer wird1, liegt der Verdacht nahe, dass es sich dabei um eine Erfindung von Werbefuzzis handelt. Aber weit gefehlt: Die Nachhaltigkeit kommt, wie so vieles, aus den Tiefen der Wälder und blickt auf eine mindestens 300-jährige Geschichte zurück.2
Den Großteil dieser Zeit verblieb der Nachhaltigkeitsbegriff in ebendiesen Wäldern bzw. in den kleinen, aber feinen Kreisen der Forstwirt- und -wissenschaft.3 Erst 1987, durch den Brundtland-Bericht der UNO, wurde die “nachhaltige Entwicklung” zum ökologischen und ökonomischen Leitbegriff:4
“Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.”
Im Rahmen eines historischen Seminars interessieren uns aber natürlich die Anfänge, deshalb: ad fontes beziehungsweise, wie wir hier im Erzgebirge sagen: back to the roots!
Begriffsgeschichte “Nachhaltigkeit”
Die Wortschöpfung ist – zumindest im deutschsprachigen Raum – leichter zu datieren als der Beginn der Idee. Sie geht zurück auf das 1713 erschienene Buch Sylvicultura oeconomicaoder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht von Hans Carl von Carlowitz.5
“Wird derhalben die gröste Kunst / Wissenschaft / Fleiß / und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen / wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen / daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unentberliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse6nicht bleiben mag.”7
Oder im aktuellen Deutsch:
“Kunst, Wissenschaft, Fleiß und staatliche Ordnung beruhen in unserem Land auf Walderhaltung und Anbau von Bäumen. Sie gewähren kontinuierliche, beständige sowie nachhaltige Nutzungen und bewahren unser Wesen.”8
Hans Carl von Carlowitz
Hans Carl von Carlowitz (1645-1714) war zum Zeitpunkt der Publikation der Sylvicultura oeconomica Leiter der Montanverwaltung des Kurfürstentums Sachsen9 in Freiberg, eines der damaligen Zentren des europäischen Silberbergbaus.10
Die Bergwerke waren in der Frühen Neuzeit Großverbraucher von Holz11, und insbesondere vor der Erfindung und Verbreitung der Eisenbahn musste dieses aus der näheren Umgebung der Bergwerke und Verhüttungsanlagen herangeschafft werden.12 Es kam durchaus vor, dass eine noch ergiebige Mine zeitweise nicht mehr ausgebeutet werden konnte, weil es an Holz zum Bau der Stollen und/oder zur Verhüttung fehlte.13 Aufgrund der wirtschaftlichen Verflechtung von Montan- und Holzproduktion war das Forstwesen bis zur Entstehung einer eigenständigen Forstverwaltung beim Bergamt angesiedelt.14
Sylvicultura oeconomica
Die Sylvicultura oeconomica ist mit 432 Seiten das bis dahin umfangreichste deutsche Werk über die Forstwirtschaft, unter Ausschluss von Landwirtschaft und Jagd.15 Äußerst detailliert behandelt es die Auswahl der Holzarten, die Aussaat, die Pflege des Waldes, die Einbürgerung ausländischer Waldbäume, die Gefahren für die Bäume, die Bodenbearbeitung, die Wiederaufforstung von Kahlflächen und vieles mehr.16 Andererseits versprüht das Werk den Wissensdurst eines Universalgelehrten, der Vergil, Herodot, Tacitus, Cicero, Ovid, Plutarch und viele andere zitiert, sowie von dem heimischen Publikum unbekannten Bäumen aus dem Libanon, dem Orient, aus Mexiko und vom Kap der Guten Hoffnung berichtet.17 Die Sylvicultura oeconomica ist nach Umfang, Gewicht und Inhalt kein Büchlein für die Westentasche des Försters, sondern richtete sich an das gebildete Publikum an den Höfen.
Die Kernaussagen der Sylvicultura oeconomica sind eine alarmierende Schilderung des Ist-Zustandes, die Notwendigkeit eines Bewusstseinswandels, Maßnahmen zum sparsamen Verbrauch von Brenn- und Bauholz18, die Nutzung von Ersatzstoffen (namentlich Torf), und insbesondere die planmäßige Aufforstung, um dem Wald regelmäßig nicht mehr Holz zu entnehmen als nachwächst.19
Es ist fraglich, ob Carlowitz den Begriff der Nachhaltigkeit, der fürderhin die Forstwissenschaft prägen sollte, bewusst erschaffen hat.
Ulrich Grober behauptet, man spüre förmlich, wie Carlowitz nach einem passenden Ausdruck gesucht habe20, aber mir scheint, da fabuliert er etwas. Denn auf den 432 Seiten der Sylvicultura oeconomica kommt der Begriff “nachhaltende Nutzung” nur einmal vor, und das erst auf Seite 105.21 Auch das Druckbild des Originals zeigt, dass auf der gleichen Seite zwei andere Sätze, nicht jedoch jener mit der “nachhaltenden Nutzung” durch eine größere Schriftart hervorgehoben wurden.22 Wenn Carlowitz gezielt einen neuen Ausdruck in die Debatte einführen hätte wollen, so hätte er ihn sicher öfter und an prominenter Stelle in der Sylvicultura oeconomica verwendet.23
Stattdessen verwendet Carlowitz für das gleiche Konzept an anderen Stellen seines Werkes Begriffe wie “continuirlich”, „pfleglich“, “holtzgerecht” oder “perpetuirlich”.24
Ideengeschichte der Nachhaltigkeit
Außerdem war, um von der Begriffs- zur Ideengeschichte zu wechseln, das Konzept der nachhaltigen Nutzung des Waldes, also der Beschränkung des Einschlags auf die Menge von Bäumen, die nachwächst, nicht neu.25
Carlowitz selbst hat nie behauptet, die Idee der nachhaltigen Forstwirtschaft erfunden zu haben.26 Die bereits in anderen europäischen Staaten kursierenden Ideen dazu waren ihm bekannt, denn er hatte vor seinem Eintritt in die sächsische Montanverwaltung eine Grand Tour (1665-1669) absolviert, die ihn nach England, Frankreich, die Niederlande, Schweden, Dänemark, Italien und Malta führte.27
Außerdem spiegelt der Text der Sylvicultura oeconomica die gute Literaturkenntnis seines Autors wider, der neben Philosophen, Dichtern, Historikern, Reiseberichten vor allem Forstordnungen des französischen Königs sowie deutscher Fürstentümer zitiert.28
Carlowitz stellt insbesondere die Verordnungen Ludwigs XIV. als vorbildlich heraus.29 Die Ordonnances sur le fait des Eaux et Forets waren 1669 erlassen worden und gründeten auf der Sorge vor drohendem Holzmangel.30
Unterschiede zwischen damaliger Nachhaltigkeitsidee und heutigen Nachhaltigkeitsbegriff
Dass eine schwer lesbare forstwirtschaftliche Anleitung von 1713 dreihundert Jahre später ausgiebig und allenthalben rezipiert wird31, liegt wohl weniger am Interesse für die frühneuzeitliche Umweltgeschichte, sondern an der Aktualität, ja Dringlichkeit der Diskussion um den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen und Energieträgern.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass der damalige Nachhaltigkeitsbegriff nur wenig mit dem heutigen und noch weniger mit Umweltschutz zu tun hat, auch wenn manche gerne eine direkte Linie ziehen würden.32 Die rationale Nutzung von Ressourcen war eine wirtschaftliche Notwendigkeit, die die Fürsten und Forstverwaltungen aus finanziellem Eigennutz propagierten.33 Der Wald war Kapital, aus dem Profit gezogen werden sollte. Der Schutz des Waldes diente – ganz profan – dem Erhalt des Kapitalstocks.
Andererseits findet man in der Sylvicultura oeconomica auch durchaus ethische Bekenntnisse34 “zur Beförderung des allgemeinen Bestens”35, was man heute als “Gemeinwohl” bezeichnen könnte, eine Verantwortung vor Gott und dessen Schöpfung36, sowie Hinweise auf die ästhetische und gesundheitliche Wirkung des Waldes.37
Die wirtschaftliche Interessenlage wird auch sichtbar bei einem zeitgenössisch diskutierten Thema, der (angeblichen) Holznot.
Der Holzmangel bei Carlowitz
Anders als der Begriff “nachhaltend”, der sich in der Sylvicultura oeconomica nur einmal findet, erwähnt Carlowitz in fast jedem Kapitel (und im erweiterten Titel seiner Schrift) die “Holznot” oder den “Holzmangel”.38 Diese Gefahr ist sein großes Anliegen und der eigentliche Grund für das Buch.39 Das gesamte vierte Kapitel des ersten Buches der Sylvicultura oeconomica ist dem “Holtzmangel und dessen Ursachen” gewidmet.40
Auch dies war keine Erfindung von Carlowitz. Der Holzmangel oder gar die Holznot waren ständige Drohkulissen oder Schreckensszenarien, die insbesondere in Forstordnungen, aber auch in der frühen Fachliteratur als Grund dafür angeführt wurden, dass man den Wald schützen/regulieren/verwalten müsse.41 Damit verbunden war oft der Gedanke, dass nur die Obrigkeit zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den Waldressourcen in der Lage war, während das Volk ungezügelten Raubbau an den Wäldern betreiben würde.42
Gab es tatsächlich eine Holznot?
Bis ins 20. Jahrhundert wurden die zeitgenössischen Warnungen vor der Holznot weitgehend unhinterfragt wiedergegeben43. Erst seit den 1980er Jahren hat sich eine teils heftige Debattedarüber entwickelt, ob es je eine ernsthafte Holznot gab oder ob eine solche zumindest unmittelbar bevorstand.44 Wenn man sich in die Tiefen dieses Streits hinab begibt, erkennt man, warum er so erbittert geführt wird: Es geht dabei nicht (nur) um die Wälder der Frühen Neuzeit, sondern es geht um Fragen von Ressourcenschonung und Fortschrittsglaube, um den Gegensatz von freiem Markt und staatlicher Intervention.45
In Wirklichkeit waren die Verhältnisse regional und zeitlich äußerst unterschiedlich.46
Wenn die Bevölkerungszahl z.B. infolge der Pest stark zurückging, so konnte sich der Waldbestand erholen.47 Umgekehrt führte ein Anstieg der Bevölkerung zu einer vermehrten Holzentnahme.48 Allerdings hat sich diese Entwicklung in Mitteleuropa spätestens ab 1800 entkoppelt: Die Bevölkerung stieg rasant, und der Waldbestand litt kaum mehr darunter.49 Und bereits die zwei Jahrhunderte vorher blieb der Waldbestand relativ konstant.
Regional mag es in einer stark wachsenden Stadt oder in einer Region mit viel holzintensivem Gewerbe wie Bergbau, Verhüttung, Glasbläserei u.s.w. zu Holzknappheit gekommen sein.50 Dies jedoch durchaus mit der Möglichkeit, dass ein oder zwei Tagesreisen weiter gesunde Wälder standen. Zu berücksichtigen ist, dass Holz vor der Verbreitung der Eisenbahn in großen Mengen nur zu Wasser – und auch dort oft nur in eine (Fließ-)Richtung – zu transportieren war. Ein regionaler Holzmangel war also nicht so leicht oder schnell zu beheben, weil es zumindest für Brennholz keinen funktionierenden überregionalen Markt gab.51
Nun ist (temporäre) Knappheit etwas ganz Normales52, und selbst Mangel istnoch keine Not. Schließlich beruhten auch die dörflichen Markgenossenschaften auf der Erkenntnis, dass das verfügbare Holz begrenzt war, und organisierten diese Knappheit selbstverwaltet.53Eine wirkliche durch die Holznot verursachte Krise ist nicht nachzuweisen.54 Es gab, soweit ich weiß, keine Katastrophenwinter aus Mangel an Brennholz und keine massiven Wanderungsbewegungen aus holzarmen Regionen.
Joachim Radkau weist darauf hin, dass sich das Gefühl von Holznot möglicherweise herausbildete, als und weil das Holz, das man bis dahin zumindest für den Eigenbedarf großzügig schlagen hatte können, zu einem landesherrlich oder staatlich verwalteten Wirtschaftsgut wurde.55 Die Klage wäre insofern keine Aussage über die Menge an verfügbarem Holz, sondern eine Äußerung des Widerwillens gegen den ökonomischen Umgangdamit gewesen.56 Wenn es also Holzknappheit gab, dann war es keine ökologische, sondern eine wirtschaftliche, ja eine politisch gewollte Knappheit.57
Es verwundert ein wenig, dass es bis in die 1980er Jahre gedauert hat, bis die Annahme einer (drohenden) Holznot hinterfragt wurde. Denn zeitgenössisch gab es durchaus kritische Stimmen, die die Holznot bestritten, ja sich über die immerwährende Sorge regelrecht lustig machten.58 Schon Carlowitz verspürte die Notwendigkeit, sich mit den Kritikern auseinanderzusetzen. Die Abschnitte 5 und 6 im vierten Kapitel von Buch I der Sylvicultura oeconomica sind überschrieben mit “Der wieder den Holtzmangel gemachte Einwurff wird abgelehnet.”59
Schluss
Je mehr man über Holznot und Holzmangel liest, umso mehr beschleicht einen der Verdacht, dass diese Begriffe zu Schlagwörtern verkamen, die durch ständige Wiederholung weitgehend in ihrer Aussagekraft entwertet wurden.
Fast so wie heute die Nachhaltigkeit.
Aber auch das ist nichts Neues. In den 1880er Jahren schrieb der preußische Forstmann Bernhard Borggreve:60
“Mit den vereinzelten Definitionen [von Nachhaltigkeit], welche wir finden, lässt sich wenig oder – wenn man lieber will – alles machen.”
31 In den letzten Jahrzehnten sind mehrere Reprints (dazu Hamberger in Carlowitz, S. 12, Fn. 20) und annotierte Ausgaben der Sylvicultura oeconomica sowie unzählige Zeitungsartikel und Aufsätze zu Carlowitz erschienen.
32 So z.B. Kehnel, S. 65, nach der Carlowitz “die Nachhaltigkeitsidee des 21. Jahrhunderts vorwegnahm”.
33 Demandt, S. 270 f.; Küster, S. 185; Uekötter, S. 64.
43 Zum Teil auch in der neueren Literatur, z.B. Fuhrmann, VSWG 2013, 311; Grober, S. 83, 88 und 111; Hasel, S. 77, 109, 116, 187 und insbesondere 250; Küster, S. 193; Uekötter, S. 65. Auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft schreibt in der aktuellen 3. Bundeswaldinventur (S.5), Deutschland sei Anfang des 19. Jahrhunderts von “kahle[n] und wüste[n] Flächen” geprägt gewesen.
45 Hasel, S. 250; Radkau, S. 27, 142-145 und 150-162; Radkau, VSWG 1986, 28-31; Uekötter, S. 66 f. Weil sich diese Diskussion hauptsächlich um die beginnende Industrialisierung, die Steinkohle und das marktliberale Denken dreht, fällt sie allerdings weitgehend aus dem zeitlichen Rahmen dieses Seminars zum Spätmittelalter und zur Frühen Neuzeit. Deshalb gehe ich darauf nicht im Detail ein.
52 Radkau, S. 130 und 151; Radkau, VSWG 1986, 24 und 36. Radkau, S. 154, weist darauf hin, dass Holz anders als Getreide nicht abrupt durch Hagelschlag oder eine Missernte vernichtet werden kann.
Hans Carl von CARLOWITZ: Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht, mit einer Einführung von Joachim Hamberger, Oekom Verlag, 2013. (Soweit ich gesehen habe, ist dies die am sorgfältigsten editierte Ausgabe.)
Alexander DEMANDT: Der Baum: Eine Kulturgeschichte, Böhlau Verlag, 2. Auflage 2014.
Bernd FUHRMANN: Holzversorgung, Waldentwicklung, Umweltveränderungen und wirtschaftliche Tendenzen in Spätmittelalter und beginnender Neuzeit, Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (VSWG), 2013, S. 311-327.
Ulrich GROBER: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs, Verlag Antje Kunstmann 2010.
Karl HASEL: Forstgeschichte. Ein Grundriß für Studium und Praxis, Verlag Paul Parey, 1985.
Hansjörg KÜSTER: Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart, C.H.Beck, 1998/2003 (gebunden/broschiert).
Joachim RADKAU: Holz. Wie ein Naturstoff Geschichte schreibt, Oekom Verlag, Neuauflage 2012.
Joachim RADKAU: Zur angeblichen Energiekrise des 18. Jahrhunderts. Revisionistische Betrachtungen über die “Holznot”, Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (VSWG), 1986, S. 1-37.
Reinhold REITH: Umweltgeschichte der Frühen Neuzeit, Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Band 89, Oldenbourg Verlag, 2011.
Harald THOMASIUS / Bernd BENDIX: Sylvicultura oeconomica. Transkription in das Deutsch der Gegenwart, Verlag Kessel 2023.
Jetzt muss ich noch eine kleine schriftliche Arbeit über die Sylvicultura oeconomica verfassen, und dann geht es im Sommersemester um die europäische Expansion und außereuropäische Schriftkulturen, also Sprache und Schrift im Dienst kolonialer Macht und christlicher Mission sowie die Interaktion europäischer und außereuropäischer Sprachen. Womit man sich halt so den Sommer vertreibt, wenn man lieber in die Bibliothek als ins Freibad geht. 🤓
Der Zug von Elsterwerda nach Chemnitz legt jedes Mal einen zehnminütigen Stopp in Riesa ein, was den Ort wichtiger erscheinen lässt, als er ist.
Vielleicht muss der Lokführer aber auch einfach mal eine Zigarette rauchen.
Die meisten Tabakgegner und Bahnkritiker wissen das nicht, aber ein erheblicher Teil der Verspätungen im Zugverkehr geht darauf zurück, dass man während der Fahrt nicht mehr rauchen darf. Ist ja logisch, dass dann das gestresste Personal hin und wieder einen Halt an frischer Luft einlegen muss.
Dieses Mal steigen in Riesa tatsächlich eine ganze Menge Menschen aus, um und ein. Der Zug ist rappelvoll. Viele junge Leute mit großen Rucksäcken und wilden Bärten, die anscheinend alle an die Universität fahren und sich noch von der Schule zu kennen scheinen.
Eine Studentin wurde von ihrer Großmutter zum Zug begleitet, was ein bisschen anachronistisch, ja sogar peinlich erscheinen mag. Aber vielleicht war die Großmutter einst im Königreich Sachsen oder in der Weimarer Republik eine Vorkämpferin gleicher Bildungschancen für Mädchen, Fräulein und Frauen und freut sich, dass ihre Enkelin jetzt Physikerin oder Germanistin wird.
Der Studentin werden die 10 Minuten sichtlich lang, denn die Oma steht noch immer vor dem Fenster und winkt und winkt und winkt. Wie so eine japanische Manekinekokatze, die immer trotzig und traurig in sonst leeren Schaufenstern von schon lange aufgegeben Läden in der ländlichen Lausitz winken.
Die Studentin versucht abzulenken, indem sie – genauso stolz wie die Oma auf ihre feministische Frontkämpferinnenvergangenheit – von ihrem Auslandssemester in Schweden erzählt. Die anderen Studenten im Abteil sind höchst interessiert oder tun zumindest als ob. Das weiß man heutzutage nicht mehr so genau, weil die jungen Menschen so verdammt wohlerzogen und höflich sind.
Eine etwas ältere Frau aus der Generation, wo man noch weniger Wert auf Höflichkeit legte und stattdessen der Direktheit frönte, weist die junge Akademikerin mit leichtem Spott in der Stimme darauf hin: „Die Oma winkt immer noch.“
Ich, stets diplomatisch, versuche die Situation zu entschärfen und sage – ganz trocken und ohne den Blick von der Zeitung hochzunehmen: „Kann man verstehen. Das ist ja die Generation, die es gewohnt ist, dass Menschen, die in den Zug steigen, erst nach 5 Jahren wiederkommen.“
Wenn schon Sprachpolizei, dann bitte gegen völlig überflüssige Apostrophe!
Fotografiert in Ahrensfelde, dem mit Abstand hässlichsten und deprimierendsten Stadtteil Berlins. Wie eine Missgeburt von Magnitogorsk und Mülheim, ausgesetzt hinter Marzahn.
Allerdings beginnt dort der Wuhletalweg, einer der Grünen Hauptwege von Berlin, und der war dann doch ganz akzeptabel. Ausführlicher Bericht folgt!
Ein beklemmender Moment, als ich die E-Mail eines Mandanten in einem Staatsangehörigkeitsfall öffne und schon beim ersten Überfliegen an diesem Satz hängenbleibe:
Ich habe auch die Dokumente über die Deportation meines Ururgroßvaters von Hamburg nach Lodz im Jahr 1941 und seine Sterbeurkunde von 1942 beigefügt.
Das relativiert wirklich einige der Probleme, mit denen ich sonst so konfrontiert werde.