Flucht nach Colditz (Teil 1 von 3)

Es ist schon Mitte Mai, und ich habe das 49-Euro-Ticket für diesen Monat noch kaum genutzt.

Wobei der Hauptnutzen dieser Bahn-, Bus- und Bim-Flatrate ja darin besteht, dass man nicht mehr aus Versehen von einem Verkehrsverbund in einen anderen fährt und dort zwar nicht ganz fahrscheinlos, aber mit einem falschen, um diese Uhrzeit oder gerade an diesem Tag oder mit Hund oder ohne Fahrrad oder mit Fahrrad aber ohne Helm nicht geltenden Fahrschein erwischt und anschließend eingeknastet wird. Ehrlich, das ist nicht übertrieben, in Deutschland sitzen Tausende von Menschen im Gefängnis, weil sie von dem Fahrscheinautomaten, den Tarifzonen und dem Bedienen des einen sowie dem Verständnis der anderen überfordert waren.

Ich habe mit Flatrates immer ein Problem, weil ich zu wenig konsumiere. Für ein Netflix-Abo sehe ich viel zu wenig von deren Schnulzen. Für Telefon-Flatrates kenne ich zu wenige Leute, mit denen ich stundenlang quatschen möchte. Und beim All-you-can-eat-Buffet bin ich schon nach zwei Vorspeisen satt. („All you can eat“ und „Flatrate“ darf man übrigens bald nicht mehr sagen, weil die italienische Regierung alle englischen Begriffe verbieten will.)

Also dachte ich mir eines schönen Sonntagmorgens im Mai: Heute fahre ich den ganzen Tag kreuz und quer durch Deutschland. Ganz ohne Plan. Ich nehme einfach immer den ersten Bus oder Zug, der des Weges kommt.

Als ich aus der Haustür trete, steht da schon ein Bus der Leipziger Verkehrsbetriebe. Linie 70. Die mag ich gerne, weil sie von Leipzig über Connewitz nach Markkleeberg führt. Darin komme ich mir immer vor wie in einem Bus, der in New York über die Bronx in die Hamptons fährt.

Leipzig-Connewitz
Markkleeberg

Am S-Bahnhof in Markkleeberg verlasse ich den Bus gleich wieder, denn so ein Bahnhof eröffnet ganz andere Welten, Dimensionen und Kapazitäten. Träume von Samarkand oder Singapur schlage ich mir erst aus dem Kopf, als mir einfällt, dass es Deutschlandticket und nicht Weltticket heißt. Selbst wenn die NPD versucht, mit der Forderung nach einem Deutschlandticket in den Grenzen von 1937 neue Wählerschichten zu erschließen, ganz so weit ginge es dann doch nicht.

Zwei Züge werden angezeigt, die S6 nach Geithain und die S4 nach Torgau.

Von Geithain habe ich noch nie gehört.

Torgau hingegen, na klar: Die Stadt an der Elbe, das Zusammentreffen sowjetischer und amerikanischer Truppen am 25. April 1945, das den endgültigen Sieg über Nazi-Deutschland und die Befreiung symbolisierte, und an das man sich in den Jahrzehnten des Kalten Krieges oft zurücksehnte.

In Torgau waren auch das Reichskriegsgericht und ein Wehrmachtsgefängnis, heute eine Gedenkstätte. Eine weitere Gedenkstätte in einem ehemaligen Heim, in dem die DDR Kinder und Jugendliche einsperrte. Schloss Hartenfels, das politische Zentrum der Reformation, die Geburtsstätte der Torgauer Artikel. Die Festung Torgau, Napoleon, und so weiter. So viel Geschichte an einem Ort, ich bin begeistert und voller Vorfreude. Und all das wegen des Plans, den erstbesten Zug zu nehmen. Ein Lob auf das Zufallsprinzip!

Am Bahnsteig ertönt eine Durchsage: „Die S4 nach Torgau muss wegen kurzfristigen Personalmangels leider ausfallen.“

Da kommt auch schon der Zug nach Geithain. Ich verfluche den Zufall, aber steige ein.

Das Fensterbrett, oder wie immer das im Zug heißt, ist mit einer abwischbaren Landkarte versehen, die anzeigt, dass in Geithain nicht nur die Fahrt, sondern auch die eisenbahnlich erschlossene Zivilisation endet.

Außerdem erspähe ich das etwas beunruhigende Wort „Mitteldeutschland“. Geografisch kann ich dazu nichts sagen, das ist wahrscheinlich ebenso umstritten wie beim Mittelpunkt Europas. Aber mich erinnert dieser Begriff immer an die Atlanten im Westdeutschland der 1950er Jahre, als man dort noch auf den Anschluss der Ostgebiete hoffte. Da war ja nach zwei verlorenen Weltkriegen einiges an Flurstücken flöten gegangen. Von diesen revanchistischen Gedanken kommt übrigens das beliebte deutsche Sprichwort: „Aller guten Dinge sind drei.“

Der Zug hält in Großdeuben, von dem man gar nichts sieht. Lärmschutzwand heißt das, aber vielleicht sollen auch die Passagiere vor dem Anblick von Großdeuben, das so groß nicht sein kann, geschützt werden. Ich bleibe sicherheitshalber sitzen.

In Böhlen blasen allerlei Kraft- und Chemiewerke irgendwelche giftigen Gase in die Luft, da steige ich besser auch nicht aus.

Vor Petergrube stehen die Plattenbauten im gelben Rapsfeld, richtig romantisch! Überhaupt ist die DDR-Architektur weit besser als ihr Ruf. Und wesentlich besser als die hässlichen Neubauwürfel, die der Kapitalismus überall hinklotzt und auskotzt.

In Frohburg befürchte ich als erklärter Gegner des Frohsinns schon das Schlimmste. Aber zum Glück steigen keine Clowns ein. Die sind im Osten ja gefährlich.

Und dann kommt schon Geithain. „Sie haben folgende Anschlussmöglichkeiten,“ macht sich eine Lautsprecherdurchsage daran, meine Weiterreiseoptionen aufzufächern, darzulegen und anzupreisen: „S6 nach Leipzig“.

„Und sonst?“ frage ich.

Nichts. Es ist eine richtige Endstation. So sieht sie auch aus. Der Bahnhof ist verfallen, abgesperrt und zugenagelt. „Sieg Heil“ hat ein Graffitiunkünstler an die Wand gesprüht.

Liebe Deutsche Bahn AG, es ist wunderbar, dass Ihr so viel Geld in neue Züge, knackige Werbesprüche und vor allem in astronomische Vorstandsgehälter investiert, aber insbesondere für Menschen, die Ihr zum ökologischen Um- und Einsteigen bewegen wollt, ist der nächstgelegene Bahnhof entscheidend für den ersten Eindruck.

Wenn jemand wegen des Klimawandels denkt, „okay, ich sehe mir diese Bahn mal an“, und dann zu einem Bahnhof kommt, wo keine Angestellten auffindbar sind, wo man weder Currywurst noch Tageszeitung erhält, und wo man es durchaus mit der Angst bekommen kann, dann machen diese Leute schnurstracks kehrt und assoziieren die Bahn fortan und fürderhin mit Sodom und Gomorrha.

Und die Bahnhöfe in den Metropolen sind nicht viel besser.

Aus Leipzig komme ich gerade, da will ich nicht gleich wieder hin. Also laufe ich ein paar Meter durch Geithain und merke recht schnell, dass die im Vergleich zu Endbahnhöfen wie Wladiwostok oder Ushuaia geringere Bekanntheit von Geithain nicht ganz unberechtigt ist. Selbst an der Endhaltestelle der Trambahn 71 in Wien ist mehr Leben.

Da sehe ich an der Straße einen Wegweiser: „Colditz 11 km“

„That rings a bell“, denke ich mir, solange man noch auf Englisch denken darf. Ich weiß nicht genau, was dort war. Aber es muss irgendetwas Geschichtig-Wichtiges sein, sonst hätte ich nicht davon gehört.

Ein Bus fährt nicht. Also stelle ich mich an die Straße, halte den Daumen raus und lächle freundlich in die Mai- und Morgensonne.

Mit wenig Erfolg. In 15 Minuten hält nur ein einziges Auto, aber die Fahrerin muss irgendwo anders hin.

Eine Viertelstunde war genau das Zeitlimit, das ich mir gegeben habe. Ansonsten würde ich die 11 km halt zu Fuß gehen. Ist ja nicht weit.

Aber das eine Auto warte ich noch ab, denn das sieht nach einem typischen Anhaltermitnehmer aus: Sehr alter Audi, offene Fenster statt Klimaanlage, junger Mann mit Bart.

Und tatsächlich: Er hält.

Er ist auf dem Weg, um seine Tochter abzuholen. Die hat die Nacht bei einer Freundin verbracht, weil in Colditz gestern Frühlingsfest war. Ah, deshalb ist heute endlich schönes Wetter! Jetzt fehlt nur noch die ukrainische Frühjahrsoffensive, und der Mai ist perfekt.

Der Fahrer erzählt, dass er früher in München gearbeitet habe, aber froh sei, jetzt wieder zuhause in Sachsen zu sein. Ostdeutsche ziehen nur für ein paar Jahre zum Geldverdienen nach Westdeutschland, so wie die Filipinos auf den Kreuzfahrtschiffen arbeiten, bis sie sich vom Ersparten ein Haus bauen können. (Auf den Philippinen, nicht auf dem Kreuzfahrtschiff. Obwohl diese Schiffe eigentlich groß genug wären.)

Irgendwie kommen wir, das passiert mir oft, auf Rumänien zu sprechen. Auch mein Chauffeur ist ein Fan dieses sympathischen Landes. Jeden Sommer fährt er zum Enduro-Fahren dorthin: „Da kann man noch kreuz und quer durch den Wald jagen, ohne dass man auf Mountainbiker aufpassen muss. Hier bei uns trifft man ja alle paar Meter jemanden mit Hund. Oder die Nordic Walker, die nicht rechtzeitig zur Seite springen.“ Die Rumänienreise als Motocross-Kolonialismus, sozusagen.

„Und was machen Sie in Colditz?“

Jetzt darf ich nicht die Wahrheit sagen. Denn wenn man als Tramper sagt, dass man kein bestimmtes Ziel hat oder einfach nur so zum Spaß rumgurkt, dann denken die Leute, man wolle sie ausrauben.

„Ach, ich wollte das schöne Wetter für einen Ausflug nutzen“, sage ich. Und dann, weil ein bisschen Risiko beim Wachwerden am frühen Morgen hilft: „Ich wollte mir die Burg ansehen. Und dann Spazieren gehen, immer am Fluss entlang.“ In Deutschland hat eigentlich jede Stadt einen Fluss und eine Burg.

„Das passt“, sagt er, „dann lasse ich sie an der Brücke raus.“

Na, da hatte ich aber Glück mit meiner Burg-und-Fluss-Wette. – Denkt mal an die Städte in Eurer Umgebung, das funktioniert fast überall in Deutschland und in Österreich. Lediglich in der Schweiz ersetze man die Burg durch einen Berg, weil Wilhelm Tell die Habsburger zum Teufel jagte und alle Burgen zerstörte. Aber wenn man in der Schweiz autostöppelt, macht man wahrscheinlich auch nichts falsch, wenn man sagt, man müsse zur Bank, um etwas aus dem Schließfach zu holen.

Die Ausstellung im Hof des Oase-Getränkemarktes ist wohl Teil des Festes.

Man merkt, dass man alt ist, wenn Autos, die man aus der Kindheit als ganz normale Autos kennt, mittlerweile als Oldtimer durchgehen. Und wenn ich das Publikum ansehe, kommen mir die Statistiken vom hiesigen Männerüberschuss in den Sinn. Ostdeutschland hat einen wesentlich krasseren Männerüberschuss als China oder Indien, obwohl dort weibliche Föten regelmäßig abgetrieben werden. Interessanterweise sind es gerade die von Abwanderung am stärksten betroffenen Regionen, in denen die Menschen am meisten gegen Zuwanderung protestieren. Vielleicht sind sie – ganz tief im Unterbewusstsein – sauer auf diejenigen, die weggezogen sind, und richten diesen Hass auf alles und jeden, was irgendwie mobil ist, seien es Migranten, Kosmopoliten oder Zugvögel.

Nein! Kosmopoliten sagte ich, nicht Kosmonauten.

Mein Versuch, an der Wanderkarte im Ort einen kleinen Spaziergang durch die Umgebung zu planen, scheitert daran, dass die Karte seit mehr als 200 Jahren nicht mehr aktualisiert wurde.

Eine traditionsbewusste Stadt, wie es scheint. Mit ein paar trostlosen, aber auch sehr schmucken Ecken. Hier aufgegebene Detailgeschäfte, dort liebevoll instandgehaltene Fachwerkhäuser.

Huch, was ist das? Aus dem Hof eines Häuschens, ja vielleicht eines Schlosses, düst eine Mercedes-Limousine. Die gleiche, die James Bond einst fuhr. Sogar mit der Ziffernfolge 007 im Kennzeichen.

Wenn das mal kein verstecktes Zeichen ist, dass ich mir dieses Schloss näher ansehen soll! Um das Ergebnis vorwegzunehmen: In diesem Gemäuer steckt mindestens so viel Geschichte wie in Torgau. Vielleicht ist das in Deutschland auch überall so, genauso wie die Burgen und die Flüsse.


Weil aus der überforderten Leserschaft schon oft die Auf- und Unterforderung kam, meine ausufernden Artikel in kleine und leicht genießbare Häppchen aufzuteilen, setze ich hier einen brutalen Cliffhanger ein. Die Geschichte des Spuk- und Geisterschlosses gibt es demnächst in Teil 2.

Bedankt Euch bei denen, die nicht eine Stunde am Stück stillsitzen und konzentriert lesen können.

Praktische Tipps:

  • Solange der Bahnhof in Colditz nicht reaktiviert wird, kommt man z.B. von den Bahnhöfen Grimma oder Bad Lausick mit dem Bus nach Colditz.
  • Man kann auch direkt im Schloss in der dortigen Jugendherberge übernachten. Trotz des Namens ist das auch für Erwachsene zulässig, nur ein bisschen teurer.
  • Das Schloss ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet und frei zugänglich. Eintritt (4 Euro) muss man nur für das Fluchtmuseum zahlen.
  • Führungen finden im Sommer um 10:30, 13 und 15 Uhr sowie im Winter um 11 und 14 Uhr statt. Das kostet 10 Euro extra, aber wenn Ihr die Chance habt, lasst Euch das nicht entgehen! Dabei kommt Ihr nämlich in die Teile des Schlosses, die sonst nicht frei zugänglich sind.
  • Wenn Ihr Euch richtig gruseln wollt, könnt Ihr noch ins Dentalmuseum gehen. Krankenkassenbonusheft nicht vergessen, denn das Museum zählt wie ein Zahnarztbesuch.

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Der Klimawandel ist in Leipzig angekommen.

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Vor hundert Jahren fanden die Faschisten, dass Deutsch eine hässliche Sprache ist – April 1923: Italienisierung

Das Projekt dieser kleinen Geschichtsreihe, die sich jedes Mal freut wie ein Schnitzel, wenn aktuelle Ereignisse den Anlass geben, die Geschehnisse von vor genau hundert Jahren zu erörtern, wird tatkräftig unterstützt von der Republik Italien. (Leider nicht von der ebenfalls aus Italien stammenden weltbesten Zigarrenmanufaktur, obwohl diese neben Coca-Cola der passendste Sponsor für diesen gesundheitsbewussten Blog wäre.)

Letzten Oktober beging Italien den hundertsten Jahrestag der Machtübernahme Mussolinis, indem es eine Frau aus der Nachfolgepartei der Faschisten zur Ministerpräsidentin und einen offenen Mussolini-Verehrer zum Senatspräsidenten wählte. Das ist halt einfach ein Land mit Geschichtsbewusstsein!

Jetzt will ein Abgeordneter der Regierungspartei den Gebrauch englischer Begriffe im offiziellen, geschäftlichen und akademischen Bereich verbieten und unter Strafe stellen. Das lässt einerseits aufhorchen, als Touristen aus aller Welt bestätigen können, dass in Italien sowieso niemand Englisch spricht. Und andererseits nutzt es wieder eines jener geschichtsträchtigen Jubiläen. Denn vor genau 100 Jahren, im April 1923, begann der Kampf gegen die deutsche Sprache in Norditalien.

Ganz kurz zur Vorgeschichte, und ich verspreche, es diesmal wirklich kurz zu halten: Das einstmals große, stolze und wunderbare Tirol wurde am Ende des Ersten Weltkriegs (den Tirol verloren hatte) zwischen Österreich und Italien geteilt.

Österreich behielt Nordtirol und Osttirol, Italien bekam Südtirol.

Eigentlich sollte nach dem Ersten Weltkrieg das Selbstbestimmungsrecht der Völker gelten, weswegen überall Volksabstimmungen zur Frage der nationalen Zugehörigkeit (und zu wichtigeren Themen) durchgeführt wurden. Aber dieser einer der wilsonschen 14 Punkte galt nicht für Südtirol, weil man Italien irgendwie dafür belohnen musste, im Ersten Weltkrieg auf der richtigen Seite gestanden und in 12 vollkommen sinnlosen Isonzoschlachten gekämpft zu haben. Und jeder weiß, wie Italiener auszucken, wenn derartige Versprechen nicht eingehalten werden.

Die Grenze zog man einfach durch die Alpen, weil es am Brenner schon eine Tankstelle gab, die man leicht zu einem Grenzposten ausbauen konnte.

Und das war’s auch schon mit der Vorgeschichte, ungewohnt knapp und graubündig. Italien hatte jetzt also eine Region, die zwar landschaftlich wunderschön, aber wirtschaftlich nicht so der Hit war.

Und noch dazu waren 90% der Bevölkerung deutschsprachig. (Ich muss unbedingt erwähnen, dass es in Südtirol noch eine dritte Sprache gab und gibt, nämlich das Ladinische. Der Vereinfachung zuliebe und weil dessen Verbreitung auch innerhalb Südtirols auf einige finstere Täler begrenzt ist, ignoriere ich das heute jedoch vollständig. Purdenanza!) Ist ja auch logisch, schließlich waren sie bis vor kurzem Österreicher gewesen. Und wie die Leute so sind, zu allen Zeiten und überall auf der Welt, sie dachten sich: „Ach geh, Italienisch brauchen wir gar nicht erst zu lernen, wir kommen eh bald wieder zu Österreich.“ Wenn man zu faul ist, eine neue Sprache zu lernen, redet man sich gerne ein, die Weltgeschichte würde nach der eigenen Pfeife tanzen.

Tat sie aber nicht. Stattdessen gab Mussolini den Ton an, beziehungsweise in seinem Auftrag der italienische König, der am 27. April 1923 ein Dekret erließ, mit dem alle Ortschaften, Berge, Flüsse, Waldstücke, Bahnhöfe und Wirtshäuser in Südtirol italienische Namen erhielten.

Die Liste ging zurück auf ein schon vor dem Ersten Weltkrieg erstelltes Werk von Ettore Tolomei, der mit italienischen Bezeichnungen für jeden Stock und Stein südlich der Alpen den italienischen Anspruch auf diesen hübschen Landstrich untermauern wollte.

Teilweise italienisierte er einfach die deutschen Ortsnamen (Meran -> Merano, Brenner -> Brennero), teilweise griff er auf die lateinischen Namen früherer römischer Siedlungen zurück (Sterzing -> Vipiteno), teilweise übersetzte er die deutschen Namen (Mittewald -> Mezzaselva), und wo das nicht ging, zauberte er einfach einen neuen Namen aus dem Hut (Schlutzkrapfen -> Ravioli).

Gut, das sind bloß Namen, könnte man meinen. No big deal, wie man sagt, solange man noch Englisch sprechen darf. Schließlich heißt Karl-Marx-Stadt jetzt auch Chemnitz, und Stalinstadt wurde zu Eisenhüttenstadt. Die Post kommt trotzdem an, solange die Postleitzahl stimmt.

Aber es war natürlich nur der Anfang. Als nächstes wurden deutschsprachige Kindergärten und der deutschsprachige Schulunterricht verboten. Deutschsprachige Zeitungen wurden verboten. Italienisch wurde zur einzigen Behördensprache. Deutschsprachige Beamte wurden entlassen. Auf Grabsteinen waren keine deutschsprachigen Inschriften mehr erlaubt. Neubauten mussten im italienischen Stil erfolgen.

Zudem wurden Zehntausende von Italienern aus dem Süden in den Norden umgesiedelt, auch nicht immer ganz freiwillig. Die Italienischsprachigen bildeten zwar nie die Mehrheit in Südtirol, aber sie besetzten überwiegend alle wichtigen Funktionen, vom Briefträger bis zum Bürgermeister, vom Förster bis zum Finanzinspektor, von der Telefonistin bis zur Tierärztin.

Selbst in aktuellen Produktionen des italienischen Fernsehens ist es noch immer so, dass auch in Südtirol all diese Positionen von italienischen Muttersprachlern besetzt werden. Für die deutschsprachigen Südtiroler bleiben die Rollen der Holzfäller und Wilderer, sie sind ein bisschen tumb und haben keinerlei Gespür für Mode. (Okay, da ist was dran.)

„Aber der Bozen-Krimi!“ denkt Ihr jetzt, bis Euch einfällt, dass das eine deutsche Produktion ist. Die Deutschen behandeln Südtirol genauso von oben herab wie die Italiener und schicken eine Kommissarin aus Frankfurt, die natürlich alles besser weiß. Alle Italiener sind Mafiosi, und alle Südtiroler sind Terroristen. (Okay, da ist auch was dran, aber dazu später.)

Diese Fernsehserien sind schon grausam, aber noch härter traf die Bevölkerung in den 1920er Jahren das Verbot deutschsprachiger Kindergärten und Schulen. Viele Kinder sprachen zuhause nur Deutsch, hatten es also im italienischsprachigen Unterricht schwerer. Die deutschsprachigen Lehrerinnen und Lehrer konnten nicht immer ausreichend Italienisch, um ihre Stellen zu behalten. Sie wurden zu großen Teilen durch italienischsprachiges Lehrpersonal ersetzt.

Und da setzte eine beeindruckende Gegenbewegung ein: Die Südtiroler fingen an, parallel zum staatlichen ein geheimes Bildungssystem aufzubauen. Die Kinder gingen vormittags in die italienische Schule und nachmittags oder am Wochenende in die deutschsprachigen Geheimschulen, die sogenannten Katakombenschulen, weil sie oft im Keller eines Bauernhofs oder eines Pfarrhauses stattfanden. Immer gut versteckt und getarnt.

Die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer erfolgte unter dem Vorwand von Nähkursen, von landwirtschaftlicher Fortbildung oder von kirchlichen Zusammentreffen. Deutsche und österreichische Schulbücher wurden über die Grenze geschmuggelt.

All das war natürlich illegal. Immer wieder flogen solche Geheimschulen auf, und die Organisatoren wurden zu Geldstrafen, Haftstrafen oder Verbannung nach Süditalien verurteilt.

Es gibt einen hervorragenden Roman aus der Sicht einer dieser Lehrerinnen, „Ich bleibe hier“ von Marco Balzano. Wesentlich besser als alles, was Ihr im Fernsehen zu Südtirol findet, und eine uneingeschränkte Empfehlung für die nächste Südtirol-Reise!

Aber zuerst einmal reisen wir noch nicht über den Reschen- oder Brennerpass, sondern weiterhin kreuz und quer durch die Geschichte. Österreich, die natürliche Mutter- und Vaternation der Südtirolerinnen und Südtiroler, hatte in der Zwischenkriegszeit genug mit sich selbst zu tun, als dass es sich – über die Unterstützung der Katakombenschulen hinaus – tatkräftig in Italien eingemischt hätte. Aber 1938 wurde Österreich vom Deutschen Reich geschluckt, und plötzlich grenzte Südtirol an Nazi-Deutschland (weshalb Mussolini sogleich eine massive Grenzbefestigung bauen ließ).

Es gibt in der Geschichte der Menschheit zwei Staaten, mit denen man keine gemeinsame Grenze haben will: Nazi-Deutschland und Russland. Wenn du dich in dieser geografischen Lage befindest, kannst du dich gleich aufhängen.

Aber wir wollen nicht so weit vorgreifen.

Deutschland hatte sich also im März 1938 Österreich einverleibt – trotz heldenhaften Widerstands aller Österreicherinnen und Österreicher, wie wir wissen. Im Oktober 1938 hatte sich Deutschland das tschechische Sudentenland einverleibt. (Weil die Weltgemeinschaft beim Minsker, äh Münchner Abkommen der Meinung war, man müsse dem Aggressor auch ein bisschen entgegenkommen, um einen Zweiten Weltkrieg zu vermeiden.) Im März 1939 besetzte Deutschland den Rest Tschechiens. Im September 1939 griff Deutschland Polen an, und die ganzen leserbriefschreibenden Appeasement-Strategen waren entsetzt, dass ein Diktator das tut, was er jahrelang angekündigt hatte.

Die Deutschgesinnten unter den Südtirolern malten schon Hakenkreuzfahnen, um die „Befreier“ zu begrüßen, denn sicher würde die Wehrmacht auch sie „heim ins Reich“ holen.

Hitler hätte das Deutsche Reich tatsächlich gerne um Südtirol vergrößert, aber für Mussolini gab es kein zurück hinter die Alpengrenze, ja nicht einmal hinter die Zwangsitalienisierung. Das ganze wurde ein bisschen verkompliziert, weil Mussolini und Hitler ziemlich beste Freunde waren. Immerhin hatte Hitler seine politische Laufbahn als Mussolini-Imitator begonnen und den Maestro immer wieder kopiert, vom Marsch auf die Feldherrnhalle (dem voraussichtlich im November 1923 eine Episode dieser Geschichtsreihe gewidmet werden wird) bis zu den Uniformen und der Architektur. Ja, sogar die Idee, Dörfer von ethnischen Minderheiten umzubenennen, übernahmen die Nazis in Deutschland, hier gegen die Sorben gerichtet.

„Wenn ich groß bin, will ich auch Diktator werden!“

Um einen Krieg zwischen Deutschland und Italien zu vermeiden, vereinbarten die beiden im Sommer 1939 einen Deal, den man in Italien bald nicht mehr Deal nennen darf: Südtirol bleibt bei Italien, und Mussolini darf so viel italienisieren, wie er will. Dafür bekommen die deutschsprachigen Südtiroler die Option, bis zu einem bestimmten Stichtag ins Deutsche Reich auszuwandern.

Diese Frist war zuerst auf Dezember 1942, also mit drei Jahren Bedenkzeit, festgelegt worden, wurde dann aber nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs hopplahopp auf Dezember 1939 vorgezogen.

Damit begann ein großes Drama in Südtirol, nämlich die Spaltung zwischen „Optanten“ und „Dableibern“. Auch dieses Thema wird in dem Roman von Marco Balzano ganz gut dargestellt, unter anderem an der Familie der Protagonistin, die deutschsprachig und keinesfalls eine Freundin der Italienisierung ist, die aber ihren Hof nicht für eine ungewisse Zukunft in einem Land, in dem sie noch nie war, aufgeben will. Es ist halt doch nicht alles Politik im Leben.

Außerdem fühlten sich viele Südtirolerinnen und Südtiroler verraten, weil mit der Option der Traum vom wiedervereinigten Tirol (sei es unabhängig, autonom, österreichisch oder deutsch) ganz offiziell aufgegeben wurde.

Die Nazis mussten also die Propagandamaschine heftig anwerfen, um eine möglichst hohe Quote an Heim-ins-Reich-Optanten zu gewinnen. Wegen der bereits durchgeführten Italienisierungspolitik Mussolinis war es nicht allzu schwer, den Teufel an die Wand zu malen. So wurde das Gerücht verbreitet, dass die „Dableiber“ nicht in Südtirol verbleiben dürften, sondern nach Süditalien, Sizilien oder gar ins italienisch besetzte Afrika umgesiedelt würden. (Mussolini garantierte, dass dies nicht passieren würde.) Außerdem wurden die „Dableiber“ als Vaterlandsverräter und Verräter am Deutschtum verhetzt, ausgegrenzt und teilweise verprügelt und terrorisiert.

Das Deutsche Reich versuchte, die Südtiroler mit einem weiteren Versprechen zu locken: Sie sollten nämlich als homogene Volksgruppe gemeinsam in einem für sie reservierten Gebiet angesiedelt werden, anstatt irgendwo in Pommern oder im Ruhrgebiet assimiliert zu werden. Als Gebiet dafür war, man glaubt es kaum, die Krim-Halbinsel im Schwarzen Meer ausersehen.

Na gut, ist sicher schön dort.

Aber ob das jetzt das Richtige für Südtiroler Bergbauern ist, ich weiß ja nicht. Und erstmal zur Krim kommen, das ist auch etwas komplizierter, als sich in den Zug nach München zu setzen. Außerdem – mich wundert, dass das niemandem auffiel – lag die Krim in der Sowjetunion, nicht in Deutschland.

Egal, die Nazis versprachen jedem das Blaue vom Himmel, da fielen auch ganz andere Volksgruppen darauf rein (siehe z.B. Kapitel 33 dieses Artikels).

Insgesamt entschieden sich 85% der Südtiroler für die Option zur Umsiedlung ins Deutsche Reich, allerdings geriet die tatsächliche Umsiedlung bald ins Stocken. Die Südtiroler merkten, dass an den vollmundigen Versprechungen eines zusammenhängenden Siedlungsgebiets nichts dran war. Stattdessen wurden sie verteilt und in hässlich-spießige Reihenhäuser gesteckt. Und die Männer wurden zur Wehrmacht eingezogen.

Und dann gab es da noch ein kleines Problem, nachdem ab Juli 1943 alliierte (und brasilianische) Truppen in Italien Urlaub machten und die Italiener in langen, aber freundlichen Gesprächen davon überzeugten, dass Faschismus doof ist. (Außerdem brachten sie vom Afrika-Feldzug die Camel-Zigaretten und aus den USA die vermaledeiten Anglizismen mit.)

Damit hatte nicht nur Italien die Seiten gewechselt. Jetzt standen sich auch Südtiroler aus dem gleichen Dorf, von denen der eine in der italienischen Armee, der andere bei der Wehrmacht diente, als Feinde gegenüber. Und gegenüber ist durchaus wörtlich zu verstehen, denn sie waren ja oft in der gleichen Kaserne, schließlich waren sie bis September 1943 Verbündete. Bis man eines Morgens in der Zeitung las, dass man jetzt verfeindet sei.

Alles sehr verwirrend, ich weiß.

Aber die Deutschen hatten eine Lösung. Die gleiche, die sie immer haben: Sie erschossen die italienischen Soldaten, ermordeten sie in Konzentrationslagern oder brachten sie durch Zwangsarbeit um.

Das Unerklärlichste am 20. Jahrhundert ist für mich, wie unbekümmert die Deutschen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in die Länder zum Urlauben fuhren, die sie vorher in Schutt und Asche gelegt hatten und wo sie reihenweise Massaker an der Zivilbevölkerung begangen hatten. Schade eigentlich, dass die Partisanen ihre Waffen schon an den Nagel gehängt hatten, die hätten durchaus noch ein paar Nazis am Strand erwischen können.

Aber zurück nach Südtirol: Im September 1943, nach dem Bruch des deutsch-italienischen Bündnisses, besetzte die Wehrmacht Nord-, Mittel- und Teile Süditaliens, also auch Südtirol.

Die Frage der Option und der Auswanderung war damit erledigt. Jetzt kam es allerdings durch die Gestapo und den ganzen Nazi-Apparat zu noch stärkeren Repressionen gegen die „Dableiber“.

Zusammenfassend kann man sagen: War echt ne blöde Zeit für die Südtiroler.

Aber am Ende siegt immer das Gute. Italien wird befreit. Der Marschall-Plan zahlt. Italien ist Gründungsmitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Alle werden gute Freunde. Sogar die Optanten und ihre Kinder dürfen wieder nach Südtirol, als sogenannte Rückoptanten.

Und, am wichtigsten, Südtirol bleibt zwar bei Italien, bekommt aber nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehende Autonomie. Deutsch ist neben Italienisch Amtssprache, und jeder Bürger kann mit den örtlichen und regionalen Behörden sowie vor Gericht auf Deutsch kommunizieren. Kindergärten und Schulen gibt es auch auf Deutsch, und an der Freien Universität Bozen kann man auf Italienisch, Deutsch und Englisch studieren. – Obwohl, das mit Englisch soll ja bald abgeschafft werden, wie wir eingangs erfahren haben.

Mittlerweile findet man an vielen Orten in Südtirol Schilder mit dem zweisprachigen Text:

8000 ‚Namen‘ von Dörfern, Bergen, Flüssen u.s.w. wurden im Südtirol im Prozess der Italianisierung des Landes von der faschistischen Diktatur gefälscht, um Südtirol gewaltsam zu italianisieren. Wir Italiener des 21. Jahrhunderts sind nicht mehr aggressiv, sondern moderat und europäisch. Wir distanzieren uns vom Nationalismus und Imperialismus unserer Vorfahren. Bei den Südtirolern entschuldigen wir uns für das Kulturverbrechen Italiens durch die Fälschung tausender Namen in ihrem Land.

Also alles leiwand und ein wunderbares Beispiel für das friedliche Zusammenleben in der Europäischen Union.

Naja, nicht ganz.

Denn auch die italienische Republik nach dem Zweiten Weltkrieg setzte manche der faschistischen Projekte weiter um. Zum einen die Ansiedlung von Süditalienern, vor allem im Zusammenhang mit Industrieansiedlungen. Zum anderen Großprojekte, die ohne Konsultation der örtlichen Bevölkerung durchgezogen wurden, am bekanntesten die Flutung des Reschensees.

Genau um dieses Dorf Graun (bzw. Curon) geht es in dem Roman von Marco Balzano.

Ich selbst halte grundsätzlich wenig von so lokalen Protesten gegen Infrastrukturprojekte. Man kann eine Gesellschaft halt nicht ohne Eisenbahnstrecken, Kanäle, Stromtrassen und wahrscheinlich auch nicht ohne Stauseen entwickeln. Und da muss bitteschön nicht jedes Dorf so tun, wie wenn es ein Weltkulturerbe wäre, das keinesfalls umgesiedelt werden darf. (Das Dorf Graun gibt es heute auch noch, nur eben hundert Meter weiter.)

Diese Überbetonung von „Heimat“ ist ja doch sehr provinziell. Und eigentlich auch verlogen, denn natürlich nutzen die Betroffenen gerne die Elektrizität, solange sie nur anderswo produziert wird. Oder haben ein Haus voll Plastik- und Elektroschrott, der über Eisenbahnschienen oder über den Rhein-Main-Donau-Kanal zu ihnen ins Haus geliefert wird.

Aber in Südtirol wurden manche Leute richtig fuchtig gegen den Fortschritt, sauer auf Stauseen, böse auf Bahnlinien und erbost auf die Elektrizität. Südtiroler Terroristen sprengten bevorzugt Strommasten, einmal 37 in einer einzigen Nacht. Den Sprengstoff dafür bekamen sie wohl aus Österreich, das sich in diesem Punkt ausnahmsweise nicht – wie sonst immer – auf seine vorgebliche Neutralität berief.

Der „Freiheitskampf“ (keine Ahnung, was Freiheit ohne Strom bringen soll) eskalierte in den 1960er Jahren und zog allerhand Gesindel an. Rechtsextreme aus Österreich und Deutschland glaubten hier, die Schmach der verlorenen Weltkriege wettmachen und für ein pangermanisches Reich kämpfen zu können. Es kam zu Attentaten, Mordanschlägen, Folter in der Haft, gegenseitiger Unterwanderung, fast so schlimm wie in Nordirland.

Und dann kam 1968, die Studentenproteste, auch hier wieder Radikalisierung (diesmal waren die Drogen schuld). Terrorismus wurde von einer regionalen zu einer gesamtitalienischen Angelegenheit, was die Südtiroler sehr wurmte. Sie entschieden: „Wenn die Italiener jetzt auch Terrorismus machen, dann machen wir halt Tourismus.“ Die beiden Konzepte sind gar nicht so grundverschieden, aber das eine hat einen wesentlich besseren Ruf als das andere. Und nur für eines davon gibt es EU-Fördermittel.

So wurde Südtirol tatsächlich zu der wunderbaren Region, die wir heute kennen, mit immer mehr Autonomierechten seit den 1970er Jahren, mit glücklichen Kühen und mit ungespritzten Äpfeln.

Italienisierungsbestrebungen gibt es kaum mehr. Dafür nerven jetzt die Ultraseparatisten, die – ähnlich wie ihre Kollegen in Katalonien – Nationalisten in klein und genauso blind gegenüber ökonomischen, verfassungsrechtlichen und europarechtlichen Realitäten sind.

Wenn solche Leute sagen „ich will aber kein Italiener sein“, dann kann ich nur antworten: „Glückwunsch, du hast das Prinzip des Staatsbürgerschaftsrechts verstanden.“ Niemand von uns sucht sich aus, wo, wann und mit welcher Staatsbürgerschaft er/sie geboren wird. Erst recht absurd wird es, wenn der gleiche Typ findet, dass man Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen kann, weil sie keine Italiener sind.

Und solange die Welt weitestgehend in Staaten organisiert ist, braucht man halt irgendeine Staatsbürgerschaft. Außerdem ist es doch jetzt wirklich Janker wie Hose, ob man italienischer oder österreichischer EU-Bürger ist. Man darf sich eh niederlassen, wo man will, wie ich schon oft bewiesen habe. Die Grenzen sind offen. Selbst das imposante Grenzhäuschen am Reschenpass steht heute sinnlos herum.

Ihr müsst beim Grenzübertritt in Zukunft nur darauf aufpassen, dass Ihr nicht aus Versehen ein englisches oder ein englisch klingendes Wort verwendet. Also kein hitchhiking oder Trampen mehr, sondern autostop.

Aber das funktioniert in Italien angeblich sowieso nicht so gut.

Ob das auch eine Hinterlassenschaft des Faschismus ist? Wir werden es bald erfahren, wenn die italienische Regierung sich weiter an der Politik von vor hundert Jahren orientiert.

„100 Jahre? Das ist doch kein Alter!“

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Hauptbahnhof Leipzig

Wahrscheinlich der schönste Bahnhof in Deutschland:

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Der Name ist Programm

Das ist mal eine stimmige Corporate Identity:

Fotografiert im sonst sehr schnieken und mondänen Markkleeberg in Sachsen.

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Reise zum Mittelpunkt Europas – Locus Perennis, Tschechien

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Für das Projekt „Reise zum Mittelpunkt Europas“ besuche ich alle Orte, die jemals von sich behauptet haben, der Mittelpunkt Europas oder der Europäischen Union zu sein. Und schreibe darüber.


Ihr erinnert Euch sicher noch an den Auftakt dieser Reihe, die wagemutige Reise in die Ukraine, über wackelige Holzbrücken und Kriegsfronten hinweg, wo ich unter Raketenbeschuss und im Geschützdonner diesen Hinkelstein von 1887 aufsuchte, der angeblich den Mittelpunkt Europas markiert.

Die Inschrift – Locus Perennis Dilicentissime cum libella librationis quae est in Austria et Hungaria confecta cum mensura gradum meridionalium et parallelorum quam Europeum – war so mysteriös wie die Runenschrift von Arne Saknussemm, die einst Professor Lidenbrock und seinem Neffen Axel den Weg zum Mittelpunkt der Erde wies. Viele lateinunkundige Leserinnen und Leser haben sich daran schon die Zähne ausgebissen.

Heute gibt es – 620 km weiter westlich – endlich die Auflösung.

Und zwar dank des Hinweises einer Leserin, die sich mit leichten Sprachen wie Latein gar nicht erst abgibt, sondern gleich Tschechisch gelernt hat. Dadurch musste ich erfahren, dass meine Mittelpunktliste unvollständig war, und dass sich auf dem Boden der Tschechischen Republik so viele Mittelpunkte Europas befinden wie im Rest Europas zusammen. Man könnte fast den Eindruck bekommen, dass die Tschechen mein Projekt nicht ganz ernst nehmen und es absichtlich mit willkürlich gesetzten Punkten torpedieren.

Ich hingegen nehme immer alles ernst, weshalb ich eines frühen Ostermorgens den Bus von Budweis nach Lišov nehme. Es ist viel zu früh und zu kalt, oder das Dorf ist einfach zu klein, jedenfalls ist hier nichts los. Nur ein paar Frühaufsteher mit Hunden, die mich hundelosen Herumstreicher erkennbar verdächtig finden.

Wenn Ihr in ähnlichen Dörfern lebt, kennt Ihr das sicher aus der Lokalzeitung. Da stehen dann Berichte wie: „Am Sonntagmorgen wurde am Blumenweg in Hunzendorf ein Unbekannter beobachtet, der interessiert die Häuser betrachtete. Die Polizei bittet die Bevölkerung um höchste Vorsicht.“ So bildschirmfixiert sind die Menschen geworden, dass es schon verdächtig ist, wenn man nur mit offenen Augen durchs Land geht und die örtliche Holzschnitzkunst bewundert.

Aber eigentlich suche ich etwas anderes.

Eine Wanderkarte.

Ein Hinweisschild.

Eine Informationstafel.

Aber nichts. Ich irre umher, bis ich an einem Gartenzaun diesen Wegweiser finde.

„Středem louky k lesu“: Quer über die Wiese geht’s in den Wald.

Na, das ist ja mal eine Überraschung! Man zeige mir die mitteleuropäische Wiese, hinter der es keinen Wald gibt. Ein vollkommen überflüssiger Hinweis, so wie Holz in den Wald zu tragen, wie man auf Tschechisch sagt. Was wahrscheinlich sinnvoller ist als unser Eulen-nach-Athen-Spruch, denn wer kennt schon die aktuelle Eulensituation in der griechischen Hauptstadt? Die wird ja auch nicht jeden Tag in der Wettervorhersage bekannt gegeben.

Aber weil ich sonst keinen Hinweis finde, folge ich dem ominösen Wegweiser. Durch Wiesen, die nach dem Dauerregen wie Sümpfe wirken. Über ein geheimes Pipeline-Projekt, dessen Betreten streng verboten ist, das aber wegen der Osterfeiertage gerade nicht bewacht wird. Und endlich im angekündigten Wald vorbei an verdächtig-düsteren Hexenhäuschen, wie bei Hänsel und Gretel.

Immer tiefer verlaufe ich mich im Wald, bis sich plötzlich eine Lichtung auftut. Sie liegt etwas tiefer und ganz flach, wie ein Weiher. Umrahmt ist sie von kleinen Felsen, die so aussehen, wie wenn die Lichtung das Ergebnis einer Sprengung ist. Hohe Bäume schirmen sie auf allen Seiten gegen neugierige Blicke ab.

Und in der Mitte der Lichtung steht prominent ein Hinkelstein, eine Stele, ein Monument, ein Altar.

Drei Rehe äsen auf der Wiese, das saftige Gras sowie die ersten zarten Sonnenstrahlen genießend. Aber sobald sie mich hören, springen sie ins Gebüsch. (Auf dem ersten Foto könnt Ihr rechts von der Stele noch die drei weißen Popos erkennen.) Sie scheinen keine Besucher gewohnt zu sein. Oder nur Besucher, die sie abknallen wollen.

Und, auch wenn er farblich anders gestaltet ist, der Kenner erspäht sofort die Baugleichheit mit dem Modell in der Karpatenukraine. Wie die Entschlüsselung der Jahreszahl MDCCCLXXXIX ergibt, stammt dieses Denkmal ebenfalls aus der Habsburger Zeit, nämlich aus 1889. Es ist also zwei Jahre jünger als die gleiche Stele in Kruhlyj.

Warum sich der geografische Mittelpunkt Europas innerhalb von zwei Jahren um mehr als 600 km verschoben haben soll? Keine Ahnung. 1887 hat Frankreich irgendwas in Indochina getrieben.1888 hat der deutsche Kolonialismus ein bisschen in Sansibar und in Nauru herumgefuhrwerkt. (Ebenfalls 1888 wurde in Brasilien die Sklaverei abgeschafft, was jedoch eher für den geografischen Mittelpunkt Brasiliens relevant war.) 1889 wurde der Kilimandscharo als höchster Berg des Deutschen Reichs zum ersten Mal bestiegen, aber das mit den höchsten Bergen aller europäischen Länder ist eine andere Geschichte.

Zum Glück ist bei der hiesigen Stele die Inschrift weit besser erhalten (oder ausgebessert) als bei dem in den Karpaten gesetzten Stein.

Und so löst sich endlich das Rätsel: Die Inschrift ist identisch, aber auf der Stele in der Ukraine fehlen die letzten beiden Wörter „vocant erectum“. Kein Wunder, dass sich Linguisten, Historiker und Geographen seit Generationen gewundert und gestritten haben!

Der Text

Locus perennis diligentisimae cum libella librationis quae est in Austria et Hungaria confecta cum mensura graduum meridionalium et parallelorum quam Europeam vocant erectum.

heißt so etwas wie

Dies ist ein dauerhafter und für die Ewigkeit festgehaltener Ort für die in Österreich-Ungarn durchgeführte Nivellierung während der Messung der europäischen Breiten- und Längengrade.

Da steht überhaupt nichts vom Mittelpunkt Europas. Es ist einfach nur ein Punkt zur Landvermessung.

Schon wieder ist ein Mythos zerstört, und eine lokale Tourismusbehörde schwer enttäuscht. Deswegen bekomme ich, im Gegensatz zu anderen Reisebloggern, niemals Einladungen zu Kreuzfahrten oder auf den neuen Wanderweg durch Bhutan. Und jetzt wisst Ihr auch, warum Ihr anderswo nie etwas Kritisches lest, sondern auf den Reiseseiten in der Zeitung immer alles schön und sonnig und wunderbar ist.

Tja, und ich stehe jetzt doof auf einer Lichtung im Wald und frage mich, was ich mit dem angebrochenen Tag machen soll. Für solche Fragen habe ich eine Standardlösung: Ich gehe zur nächsten Straße, halte den Daumen raus und sehe, wer mich mitnimmt.

Der „Locus perennis“ liegt nicht weit von der E 49, die von Magdeburg über Tschechien nach Wien führt. Die Straße ist hier ziemlich gerade, weshalb man gut beobachten kann, wie die Autos nach links und rechts schweifen, schwanken und kurven. Normalerweise deutet das auf akuten Handykonsum hin, aber die Autos hier kommen alle aus Budweis, also kann es auch am Bier liegen. Handy oder Hopfen, eigentlich ist es gehupft wie gesprungen, beides endet oft tödlich.

Nach nur 10 Minuten hält ein Fahrer, der bei etwa 100 km/h gerade sein Frühstück einnimmt und erst einmal den Beifahrersitz von Brot, Wurst, Käse, einem Gurkenglas, Eiern, einem Salzstreuer, Senf und Besteck freiräumt. Da speist jemand im Auto üppiger als ich zuhause. Der Feinschmecker fragt gar nicht, wohin ich muss, sondern will nur besorgt wissen, wie lange ich schon gewartet habe.

„Maximal 10 Minuten“, sage ich, was echt nicht viel ist. Er aber ist sichtlich enttäuscht.

„Und das an Ostern!“ echauffiert sich der Chauffeur. „Da fahren die Menschen in die Kirche, aber lassen andere am Straßenrand stehen.“

Und dann erklärt der Tscheche, der zum Glück eine Menge Fremdsprachen, darunter Deutsch, spricht, warum auch er ein bisschen Schlangenlinien fährt: „Ich habe nur zwei Stunden geschlafen. Und das schon seit einer Woche. Jede Nacht 2 Stunden, und dann wieder arbeiten.“

Er führt ein eher untypisches Gleitzeitkonto, denn er arbeitet sieben Monate am Stück und hat dann fünf Monate frei. Seine Saison hat gerade begonnen, denn in den Frühlings- und Sommermonaten fährt er durch Tschechien und die Slowakei, durch Deutschland und Österreich, bis nach Ungarn und Italien und sammelt Pollen.

„Ich fahre bis zu 1000 km an einem Tag“, sagt er, und es klingt erschöpft, nicht stolz.

Die Pollen sammelt er für ein Pharmaunternehmen, das daraus Medizin für Allergiker macht. Er beobachtet die Wettervorhersage und vor allem den Pollenkalender und fährt dann der Sonne entgegen und dem Regen davon. Kreuz und quer, ein bisschen wie meine Suche nach dem Mittelpunkt Europas.

Wahrscheinlich hat er schon mehr von diesen Mittelpunkten gesehen oder ist zumindest daran vorbeigefahren als ich. Und mit der Entzifferung der lateinischen Inschriften hätte er auch kein Problem, denn wenn wir an Bäumen vorbeifahren, bezeichnet er diese immer mit den lateinischen Namen: Betula pendula. Fraxinus excelsior. Salix caprea. Er erspäht diese Bäume auf Hunderte von Metern, so wie andere Leute eine Pommesbude.

Also, wenn Ihr ein Antihistaminikum einnehmt, um weiter mit großspurigen Wörtern um mich zu werfen, denkt an diesen armen Mann, der dafür europaweit auf die Bäume klettert.

Ich selbst habe übrigens keine Allergieprobleme mehr, seit mir ein Inka-Medizinmann in Südamerika ein Geheimnis verraten hat: „Gegen den Fluch der Birkenpolle hilft nur der Rauch der Tabakknolle.“

Am liebsten sind dem Pollensammler Wildbäume oder Bäume in öffentlichen Parks. Aber wenn er auf einem Privatgrundstück ein Prachtexemplar sieht, dann klingelt er und bittet um die Erlaubnis zur Pollenernte. Wenn die Leute zögern, bietet er Schokolade an. Wenn sie noch immer zögern, bietet er tschechisches Bier an. Und bei ganz harten Fällen und äußerst trächtigen Bäumen bietet er notfalls Geld an.

Was mich am meisten verdutzt: Selbst dann lehnen manche Leute noch ab.

Die nächste Stadt ist Třeboň, hier stehen die Birken zwischen den Plattenbauten am Ortseingang. Also quasi öffentlich, das ist perfekt. Er fragt, ob er mich noch zu irgendeinem Schloss oder so fahren soll. Wirklich nett. Aber ich denke an die Pollen und an die zwei Stunden Schlaf und bedanke mich sehr herzlich.

Ein paar Minuten später sitze ich schon im Park und merke, dass mich die blauen Blümchen mehr faszinieren als der feine Staub hoch oben im Geäst. Ich bin halt einfach ein Romantiker.

Weil ich nicht wusste, dass ich an dem Tag in Třeboň landen würde, laufe ich ein wenig ziellos umher.

Dabei übersehe ich wahrscheinlich vieles, finde aber immerhin die Bestätigung dafür, dass die Tschechische Republik – neben Italien und Portugal – zu den Ländern gehört, wo man eigentlich in jede beliebige Kleinstadt fahren kann. Egal, wo man hinkommt, es ist überall pittoresk.

Ehrlich, ich weiß nicht, warum alle Touristen in Tschechien nur nach Prag und nach Krumau (Český Krumlov) strömen. Letzteres ist schon hübsch, ich bin auf dieser Reise auch vorbei gekommen.

Aber die Leute, die nach Prag fliegen und dann 200 km nach Krumau fahren und all die anderen Städte links und rechts liegen lassen, die verstehe ich nicht. Das ist so wie die Touristen, die in Frankfurt landen und schnurstracks nach Neuschwanstein fahren, vorbei an mindestens 250 anderen Schlössern, die sie keines Blickes würdigen. Außerdem benötigen solche Orte die zusätzlichen Touristen so wenig wie Athen einen weiteren Eulenschwarm.

Für die Rückfahrt von Třeboň nach Budweis nehme ich die Eisenbahn. Die einfache Strecke wären circa 25 km nach Westen, aber der Zug fährt zuerst nach České Velenice (Böhmisch Gmünd) im Südosten, wo ich in einen anderen Zug zurück nach Westen umsteigen muss. Der Umweg von etwa 80 km ist notwendig, weil auch 100 Jahre nach dem Ende des Habsburger-Reiches alle Bahnlinien sternförmig von Wien ausgehen. – Womit die Frage, wo der Mittelpunkt Europas liegt, eigentlich geklärt wäre.


Trotz dieses unschlagbaren Arguments für Wien werde ich die Suche nach dem Mittelpunkt Europas fortsetzen. Bis Ende Mai bin ich noch örtlich gebunden, weil ich in Markkleeberg auf zwei Katzen aufpasse, aber danach kommen der Sommer und das 49-Euro-Ticket, so dass dem Erkunden all dieser abstrusen Punkte nichts mehr im Wege steht.

Werft doch mal einen Blick auf die Karte und die Liste der behaupteten Mittelpunkte. Wenn Ihr in der Nähe eines dieser Punkte lebt, würde ich mich nämlich freuen, Euch kennenzulernen!

Und die hochgeschätzten Unterstützerinnen und Unterstützer dieses Blogs bekommen von unterwegs eine Postkarte.

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Ihr wärt überrascht, herauszufinden, wie schwer es vielerorts geworden ist, noch Postkarten zu finden. Aber für Euch, geschätzte Leserinnen und Leser, mache ich mich auf die Suche nach diesen Relikten vergangener Zeiten.

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Grüße vom Baikalsee

Birken und Wasser.

Wenn man nicht genau hinsieht, merkt man kaum den Unterschied zwischen Baikal- und Cospudener See.

Aber weil ich ungern wegen eines missverstandenen Scherzes für 10 Jahre in ein Straflager gehe oder tödlich vom Balkon stürze, verbringe ich die nächsten Wochen lieber im schönen Markkleeberg. Im Erdgeschoss. Mit zwei Katzen.

Sogar die Sonnenuntergänge sind wie in Sibirien.

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Ostereiersuche für Grobmotoriker

Für viele Kinder ist die Ostereiersuche gar kein Spaß.

Schon am Sonntagmorgen ein enormer Erfolgsdruck, womöglich sogar noch Wettbewerb zwischen mehreren Geschwistern. Ganz ungesund für die Persönlichkeitsentwicklung.

Kein Wunder, dass viele entnervt aufgeben, den Garten in Brand setzen und aus der Kirche austreten.

Außerdem sind manche Kinder kurzsichtig. Oder treten aus Versehen auf den Schokohasen oder das zu gut getarnte Osternest.

Ein Ostererfolgserlebnis ohne all diese Probleme verspricht ein Besuch im Schlosspark von Hluboká an der Moldau.

Ach ja, und weil ich das Schloss erwähnt habe, schon mal ein Vorgeschmack:

Wenn sich jemand hier für Schlösser interessiert, gebt Bescheid, dann erzähle ich ein bisschen mehr davon.

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Schwejk und Spodium

Dieser Blog ist bekanntlich stolz darauf, Zusammenhänge zu sehen, wo andere keine erkennen. So wie zwischen Katzen, dem Bermuda-Dreieck und dem Vertrag von Rapallo. Oder zwischen den azorischen Joachimiten und der Abdankung von Papst Benedikt XVI. Oder zwischen rumänischen Erdölfeldern und dem Abtreibungsverbot. Notfalls, aber wirklich nur im äußersten Notfall, kann der These, dass alles mit allem zusammenhängt, mit etwas Kreativität nachgeholfen werden.

Umso überraschter bin ich, wenn ich auf einen tatsächlich existierenden Zusammenhang stoße, den zu knüpfen ich in meinen kühnsten Konnexträumen nicht gewagt hätte.

Noch verblüffter bin ich, wenn diese schicksalshafte Verbindung zwischen zwei bereits von mir verwursteten – und die Leserschaft wird sogleich bemerken, dass dieses Adjektiv hier durchaus passt – Themen besteht, ja in diesem ganz besonderen Fall sogar zwischen zwei meiner fast zeitgleich erschienenen Artikel, ohne dass ich damals auch nur annähernd geahnt hätte, dass tief in den hochgelobten, vielgepriesenen und Euch ans Herz gelegten Abenteuern des braven Soldaten Schwejk die Bestätigung der Knochen-Zucker-Theorie von Waterloo steckt.

Die Erkenntnis, die jetzt als neu und bahnbrechend und schockierend daherkommt, nämlich, dass die Knochen der Soldaten zu Zucker verarbeitet werden, ließ Jaroslav Hašek seinen Soldaten schon vor genau hundert Jahren sagen:

»Zudem sind wir Soldaten«, sagte Schwejk nachlässig, »dazu ham uns unsere Mütter geboren, damit man uns auf Nudeln zerhackt, bis man uns die Montur anzieht. Und wir machens gern, weil wir wissen, dass unsere Knochen nicht umsonst faulen wern. Wir wern für Seine Majestät den Kaiser und sein Haus falln, für das wir die Herzegowina erobert ham. Aus unsern Knochen wird man Spodium für die Zuckerfabriken erzeugen, das hat uns schon vor Jahren der Herr Lajtnant Zimmer erklärt. ›Ihr Schweinebande‹, hat er gesagt, ›ihr ungebildeten Säue, ihr nutzlosen, indolenten Affen, ihr verwechselt euch die Haxen, wie wenn sie keinen Wert hätten. Wenn ihr mal im Krieg fallen werdet, so macht man aus jedem Knochen von euch ½ kg Spodium, aus jedem Mann über 2 kg, Beine und Pratzen zusammengenommen, und in der Zuckerfabrik wird man Zucker durch euch filtrieren, ihr Idioten. Ihr wisst gar nicht, wie ihr euren Nachkommen noch nachn Tod nützlich sein werdet. Eure Buben wern Kaffee trinken, was mit Zucker gesüßt sein wird, was durch eure Gebeine gegangen is.‹ Einmal bin ich nachdenklich geworn, und er auf mich los, worüber ich nachdenk. ›Melde gehorsamst‹, sag ich, ›ich denk mir so, dass Spodium von den Herrn Offizieren viel teurer sein muss als aus gemeinen Soldaten.‹ Drauf hab ich drei Tage Einzel gekriegt.«

„Deshalb lieber ein Bier als so eine Zuckerbrühe!“
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Tödliche Bären in der Slowakei

Vor kurzem, als ich in der Nähe von Kremnica beim Wandern war, habe ich mich ein bisschen über dieses vor Braunbären warnende Schild lustig gemacht. Quickfidel und lebensfroh ging ich in den hinter dem Schild liegenden Wald, qualmte eine Bärenanlockungszigarre und legte nur deshalb kein die Kuscheltierchen anziehendes Futter aus, weil ich sogar meine eigene Wegzehrung vergessen hatte.

Ich war enttäuscht, dass ich keinen Bären antraf.

Dabei war ich dem Tod – mal wieder – näher, als mir bewusst war.

Es fiel mir natürlich erst nachträglich auf, als ich in der Zeitung von einem Bärenangriff in der Slowakei las. Und dann recherchierte ich und musste erkennen: Hoppla, das war kein Einzelfall.

Unklar bleibt bei den meisten dieser Meldungen, ob die Bären die Menschen angegriffen haben, weil sie eine ausgepackte Stulle rochen. Oder ob sie die Menschen angriffen, weil diese eben kein Futter für sie mitgebracht haben. Das ist wieder so ein Beispiel für sinnlosen Sensationsjournalismus (also das diametrale Gegenteil dieses Qualitätsblogs), ohne jegliche klare Anweisungen, wie man jetzt in einen Bärenwald gehen soll.

In Kanada wird das klarer kommuniziert, siehe Kapitel 23 meiner Bärenjagdgeschichte aus den Rocky Mountains. Aber da packt man ja sowieso das Bärenspray ein, wenn man aus dem Haus geht. Wie bei uns ein Mücken- oder in Malibu ein Haifischspray.

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Jetzt weiß ich auch, wieso der nationale Wanderweg durch die Slowakei „Weg der Helden“ heißt.

Ich würde übrigens jederzeit wieder in der Slowakei heldenhaft durch die Wälder streifen, denn es ist einfach traumhaft schön da. Und ich verbringe lieber ein paar wunderbare Wochen im Wald, und dann ist Schnapp-Schmatz-Schluss, als dass ich 30 Jahre lang im Büro von Universal Exports versauere und kein einziges Mal in den Karpaten war. „Ein Leben ohne Karpaten ist kacke“, wie Hemingway einst sagte und sich aus Frust über ein bärenloses Leben mit dem Bärentöter erlöste.

Persönlich habe ich bisher nur gute Erfahrungen mit Bären gemacht, die ich jedes Mal mit Alkohol und Poesie beruhigen konnte. Und als Tierpfleger habe ich sowieso einen besonderen Draht zu Tieren. So wie der heilige Franziskus.

Der Ausflug in der Slowakei war Teil der Reise zum Mittelpunkt Europas, und wenn man sich die Karte ansieht, dann lauert da hoffentlich noch der eine oder andere Bär.

Estland ist stolz auf die dichteste Bärenpopulation in Europa. Im Białowieża-Nationalpark in Polen sind bereits Bären aufgetaucht. Litauen liegt ebenfalls auf der baltischen Bärenroute. Sogar in Ungarn, nicht gerade mit dichten Wäldern gesegnet, gibt es Bären. Belarus warnt auf seinen Briefmarken und aktiviert die Luftwaffe.

Von einem atomar verstrahlten Braunbären in Belarus gefressen zu werden, während ich mich vor dem dortigen KGB im Wald verstecke, das wäre allerdings selbst für Hemingway zu dick aufgetragen.

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