Es ist schon Mitte Mai, und ich habe das 49-Euro-Ticket für diesen Monat noch kaum genutzt.
Wobei der Hauptnutzen dieser Bahn-, Bus- und Bim-Flatrate ja darin besteht, dass man nicht mehr aus Versehen von einem Verkehrsverbund in einen anderen fährt und dort zwar nicht ganz fahrscheinlos, aber mit einem falschen, um diese Uhrzeit oder gerade an diesem Tag oder mit Hund oder ohne Fahrrad oder mit Fahrrad aber ohne Helm nicht geltenden Fahrschein erwischt und anschließend eingeknastet wird. Ehrlich, das ist nicht übertrieben, in Deutschland sitzen Tausende von Menschen im Gefängnis, weil sie von dem Fahrscheinautomaten, den Tarifzonen und dem Bedienen des einen sowie dem Verständnis der anderen überfordert waren.

Ich habe mit Flatrates immer ein Problem, weil ich zu wenig konsumiere. Für ein Netflix-Abo sehe ich viel zu wenig von deren Schnulzen. Für Telefon-Flatrates kenne ich zu wenige Leute, mit denen ich stundenlang quatschen möchte. Und beim All-you-can-eat-Buffet bin ich schon nach zwei Vorspeisen satt. („All you can eat“ und „Flatrate“ darf man übrigens bald nicht mehr sagen, weil die italienische Regierung alle englischen Begriffe verbieten will.)
Also dachte ich mir eines schönen Sonntagmorgens im Mai: Heute fahre ich den ganzen Tag kreuz und quer durch Deutschland. Ganz ohne Plan. Ich nehme einfach immer den ersten Bus oder Zug, der des Weges kommt.
Als ich aus der Haustür trete, steht da schon ein Bus der Leipziger Verkehrsbetriebe. Linie 70. Die mag ich gerne, weil sie von Leipzig über Connewitz nach Markkleeberg führt. Darin komme ich mir immer vor wie in einem Bus, der in New York über die Bronx in die Hamptons fährt.


Am S-Bahnhof in Markkleeberg verlasse ich den Bus gleich wieder, denn so ein Bahnhof eröffnet ganz andere Welten, Dimensionen und Kapazitäten. Träume von Samarkand oder Singapur schlage ich mir erst aus dem Kopf, als mir einfällt, dass es Deutschlandticket und nicht Weltticket heißt. Selbst wenn die NPD versucht, mit der Forderung nach einem Deutschlandticket in den Grenzen von 1937 neue Wählerschichten zu erschließen, ganz so weit ginge es dann doch nicht.
Zwei Züge werden angezeigt, die S6 nach Geithain und die S4 nach Torgau.
Von Geithain habe ich noch nie gehört.
Torgau hingegen, na klar: Die Stadt an der Elbe, das Zusammentreffen sowjetischer und amerikanischer Truppen am 25. April 1945, das den endgültigen Sieg über Nazi-Deutschland und die Befreiung symbolisierte, und an das man sich in den Jahrzehnten des Kalten Krieges oft zurücksehnte.

In Torgau waren auch das Reichskriegsgericht und ein Wehrmachtsgefängnis, heute eine Gedenkstätte. Eine weitere Gedenkstätte in einem ehemaligen Heim, in dem die DDR Kinder und Jugendliche einsperrte. Schloss Hartenfels, das politische Zentrum der Reformation, die Geburtsstätte der Torgauer Artikel. Die Festung Torgau, Napoleon, und so weiter. So viel Geschichte an einem Ort, ich bin begeistert und voller Vorfreude. Und all das wegen des Plans, den erstbesten Zug zu nehmen. Ein Lob auf das Zufallsprinzip!
Am Bahnsteig ertönt eine Durchsage: „Die S4 nach Torgau muss wegen kurzfristigen Personalmangels leider ausfallen.“
Da kommt auch schon der Zug nach Geithain. Ich verfluche den Zufall, aber steige ein.
Das Fensterbrett, oder wie immer das im Zug heißt, ist mit einer abwischbaren Landkarte versehen, die anzeigt, dass in Geithain nicht nur die Fahrt, sondern auch die eisenbahnlich erschlossene Zivilisation endet.

Außerdem erspähe ich das etwas beunruhigende Wort „Mitteldeutschland“. Geografisch kann ich dazu nichts sagen, das ist wahrscheinlich ebenso umstritten wie beim Mittelpunkt Europas. Aber mich erinnert dieser Begriff immer an die Atlanten im Westdeutschland der 1950er Jahre, als man dort noch auf den Anschluss der Ostgebiete hoffte. Da war ja nach zwei verlorenen Weltkriegen einiges an Flurstücken flöten gegangen. Von diesen revanchistischen Gedanken kommt übrigens das beliebte deutsche Sprichwort: „Aller guten Dinge sind drei.“
Der Zug hält in Großdeuben, von dem man gar nichts sieht. Lärmschutzwand heißt das, aber vielleicht sollen auch die Passagiere vor dem Anblick von Großdeuben, das so groß nicht sein kann, geschützt werden. Ich bleibe sicherheitshalber sitzen.
In Böhlen blasen allerlei Kraft- und Chemiewerke irgendwelche giftigen Gase in die Luft, da steige ich besser auch nicht aus.

Vor Petergrube stehen die Plattenbauten im gelben Rapsfeld, richtig romantisch! Überhaupt ist die DDR-Architektur weit besser als ihr Ruf. Und wesentlich besser als die hässlichen Neubauwürfel, die der Kapitalismus überall hinklotzt und auskotzt.
In Frohburg befürchte ich als erklärter Gegner des Frohsinns schon das Schlimmste. Aber zum Glück steigen keine Clowns ein. Die sind im Osten ja gefährlich.
Und dann kommt schon Geithain. „Sie haben folgende Anschlussmöglichkeiten,“ macht sich eine Lautsprecherdurchsage daran, meine Weiterreiseoptionen aufzufächern, darzulegen und anzupreisen: „S6 nach Leipzig“.
„Und sonst?“ frage ich.
Nichts. Es ist eine richtige Endstation. So sieht sie auch aus. Der Bahnhof ist verfallen, abgesperrt und zugenagelt. „Sieg Heil“ hat ein Graffitiunkünstler an die Wand gesprüht.
Liebe Deutsche Bahn AG, es ist wunderbar, dass Ihr so viel Geld in neue Züge, knackige Werbesprüche und vor allem in astronomische Vorstandsgehälter investiert, aber insbesondere für Menschen, die Ihr zum ökologischen Um- und Einsteigen bewegen wollt, ist der nächstgelegene Bahnhof entscheidend für den ersten Eindruck.
Wenn jemand wegen des Klimawandels denkt, „okay, ich sehe mir diese Bahn mal an“, und dann zu einem Bahnhof kommt, wo keine Angestellten auffindbar sind, wo man weder Currywurst noch Tageszeitung erhält, und wo man es durchaus mit der Angst bekommen kann, dann machen diese Leute schnurstracks kehrt und assoziieren die Bahn fortan und fürderhin mit Sodom und Gomorrha.
Und die Bahnhöfe in den Metropolen sind nicht viel besser.
Aus Leipzig komme ich gerade, da will ich nicht gleich wieder hin. Also laufe ich ein paar Meter durch Geithain und merke recht schnell, dass die im Vergleich zu Endbahnhöfen wie Wladiwostok oder Ushuaia geringere Bekanntheit von Geithain nicht ganz unberechtigt ist. Selbst an der Endhaltestelle der Trambahn 71 in Wien ist mehr Leben.
Da sehe ich an der Straße einen Wegweiser: „Colditz 11 km“
„That rings a bell“, denke ich mir, solange man noch auf Englisch denken darf. Ich weiß nicht genau, was dort war. Aber es muss irgendetwas Geschichtig-Wichtiges sein, sonst hätte ich nicht davon gehört.
Ein Bus fährt nicht. Also stelle ich mich an die Straße, halte den Daumen raus und lächle freundlich in die Mai- und Morgensonne.

Mit wenig Erfolg. In 15 Minuten hält nur ein einziges Auto, aber die Fahrerin muss irgendwo anders hin.
Eine Viertelstunde war genau das Zeitlimit, das ich mir gegeben habe. Ansonsten würde ich die 11 km halt zu Fuß gehen. Ist ja nicht weit.
Aber das eine Auto warte ich noch ab, denn das sieht nach einem typischen Anhaltermitnehmer aus: Sehr alter Audi, offene Fenster statt Klimaanlage, junger Mann mit Bart.
Und tatsächlich: Er hält.
Er ist auf dem Weg, um seine Tochter abzuholen. Die hat die Nacht bei einer Freundin verbracht, weil in Colditz gestern Frühlingsfest war. Ah, deshalb ist heute endlich schönes Wetter! Jetzt fehlt nur noch die ukrainische Frühjahrsoffensive, und der Mai ist perfekt.
Der Fahrer erzählt, dass er früher in München gearbeitet habe, aber froh sei, jetzt wieder zuhause in Sachsen zu sein. Ostdeutsche ziehen nur für ein paar Jahre zum Geldverdienen nach Westdeutschland, so wie die Filipinos auf den Kreuzfahrtschiffen arbeiten, bis sie sich vom Ersparten ein Haus bauen können. (Auf den Philippinen, nicht auf dem Kreuzfahrtschiff. Obwohl diese Schiffe eigentlich groß genug wären.)
Irgendwie kommen wir, das passiert mir oft, auf Rumänien zu sprechen. Auch mein Chauffeur ist ein Fan dieses sympathischen Landes. Jeden Sommer fährt er zum Enduro-Fahren dorthin: „Da kann man noch kreuz und quer durch den Wald jagen, ohne dass man auf Mountainbiker aufpassen muss. Hier bei uns trifft man ja alle paar Meter jemanden mit Hund. Oder die Nordic Walker, die nicht rechtzeitig zur Seite springen.“ Die Rumänienreise als Motocross-Kolonialismus, sozusagen.

„Und was machen Sie in Colditz?“
Jetzt darf ich nicht die Wahrheit sagen. Denn wenn man als Tramper sagt, dass man kein bestimmtes Ziel hat oder einfach nur so zum Spaß rumgurkt, dann denken die Leute, man wolle sie ausrauben.
„Ach, ich wollte das schöne Wetter für einen Ausflug nutzen“, sage ich. Und dann, weil ein bisschen Risiko beim Wachwerden am frühen Morgen hilft: „Ich wollte mir die Burg ansehen. Und dann Spazieren gehen, immer am Fluss entlang.“ In Deutschland hat eigentlich jede Stadt einen Fluss und eine Burg.
„Das passt“, sagt er, „dann lasse ich sie an der Brücke raus.“

Na, da hatte ich aber Glück mit meiner Burg-und-Fluss-Wette. – Denkt mal an die Städte in Eurer Umgebung, das funktioniert fast überall in Deutschland und in Österreich. Lediglich in der Schweiz ersetze man die Burg durch einen Berg, weil Wilhelm Tell die Habsburger zum Teufel jagte und alle Burgen zerstörte. Aber wenn man in der Schweiz autostöppelt, macht man wahrscheinlich auch nichts falsch, wenn man sagt, man müsse zur Bank, um etwas aus dem Schließfach zu holen.
Die Ausstellung im Hof des Oase-Getränkemarktes ist wohl Teil des Festes.
Man merkt, dass man alt ist, wenn Autos, die man aus der Kindheit als ganz normale Autos kennt, mittlerweile als Oldtimer durchgehen. Und wenn ich das Publikum ansehe, kommen mir die Statistiken vom hiesigen Männerüberschuss in den Sinn. Ostdeutschland hat einen wesentlich krasseren Männerüberschuss als China oder Indien, obwohl dort weibliche Föten regelmäßig abgetrieben werden. Interessanterweise sind es gerade die von Abwanderung am stärksten betroffenen Regionen, in denen die Menschen am meisten gegen Zuwanderung protestieren. Vielleicht sind sie – ganz tief im Unterbewusstsein – sauer auf diejenigen, die weggezogen sind, und richten diesen Hass auf alles und jeden, was irgendwie mobil ist, seien es Migranten, Kosmopoliten oder Zugvögel.

Mein Versuch, an der Wanderkarte im Ort einen kleinen Spaziergang durch die Umgebung zu planen, scheitert daran, dass die Karte seit mehr als 200 Jahren nicht mehr aktualisiert wurde.

Eine traditionsbewusste Stadt, wie es scheint. Mit ein paar trostlosen, aber auch sehr schmucken Ecken. Hier aufgegebene Detailgeschäfte, dort liebevoll instandgehaltene Fachwerkhäuser.









Huch, was ist das? Aus dem Hof eines Häuschens, ja vielleicht eines Schlosses, düst eine Mercedes-Limousine. Die gleiche, die James Bond einst fuhr. Sogar mit der Ziffernfolge 007 im Kennzeichen.

Wenn das mal kein verstecktes Zeichen ist, dass ich mir dieses Schloss näher ansehen soll! Um das Ergebnis vorwegzunehmen: In diesem Gemäuer steckt mindestens so viel Geschichte wie in Torgau. Vielleicht ist das in Deutschland auch überall so, genauso wie die Burgen und die Flüsse.
Weil aus der überforderten Leserschaft schon oft die Auf- und Unterforderung kam, meine ausufernden Artikel in kleine und leicht genießbare Häppchen aufzuteilen, setze ich hier einen brutalen Cliffhanger ein. Die Geschichte des Spuk- und Geisterschlosses gibt es demnächst in Teil 2.
Bedankt Euch bei denen, die nicht eine Stunde am Stück stillsitzen und konzentriert lesen können.
Praktische Tipps:
- Solange der Bahnhof in Colditz nicht reaktiviert wird, kommt man z.B. von den Bahnhöfen Grimma oder Bad Lausick mit dem Bus nach Colditz.
- Man kann auch direkt im Schloss in der dortigen Jugendherberge übernachten. Trotz des Namens ist das auch für Erwachsene zulässig, nur ein bisschen teurer.
- Das Schloss ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet und frei zugänglich. Eintritt (4 Euro) muss man nur für das Fluchtmuseum zahlen.
- Führungen finden im Sommer um 10:30, 13 und 15 Uhr sowie im Winter um 11 und 14 Uhr statt. Das kostet 10 Euro extra, aber wenn Ihr die Chance habt, lasst Euch das nicht entgehen! Dabei kommt Ihr nämlich in die Teile des Schlosses, die sonst nicht frei zugänglich sind.
- Wenn Ihr Euch richtig gruseln wollt, könnt Ihr noch ins Dentalmuseum gehen. Krankenkassenbonusheft nicht vergessen, denn das Museum zählt wie ein Zahnarztbesuch.
Links:
- Weitere Ausflüge mit der Eisenbahn und per Anhalter.
- Mehr Reisen durch Deutschland und durch die Geschichte.
- Und wenn sich ein paar barmherzige Spenderinnen und Spender für diesen Spontanitätsblog finden, kann ich mir einen weiteren Monat des Deutschlandtickets leisten. Dafür gibt’s dann Postkarten aus der sächsischen Pampa!
























































































