Nicht so übertrieben wie der Nil. Nicht so begradigt wie der Rhein-Main-Donau-Kanal. Nicht so reißend wie der Sambesi. Aber auch nicht so langweilig wie die Vils.
Einfach ein Fluss mit vielen Schleifen und Schlaufen, mit steilen Weinbergen am Ufer, und hier und da ein kleiner Ort mit hübschen Fachwerkhäusern.
Am Vormittag ist schönes Wetter, und ich wandere am Westufer dieses Wasserlaufs flussaufwärts, irgendwo zwischen Heilbronn und Bietigheim-Bissingen-Besigheim. So genau weiß ich das nicht, denn das Schöne am Flusswandern ist ja, dass man sich nicht verlaufen kann, also auch nicht auf den Weg achten muss.
Gegen Nachmittag wird das Wetter grau und ungemütlich, so dass ich mich zum Umkehren entschließe. Weil ich nach dem West- auch das Ostufer kennenlernen will, wandere ich noch zur nächsten Brücke in Kirchheim, überquere den noch immer nicht tosenden Fluss und mache mich auf den Rückweg.
Eigentlich hatte ich es von der anderen Seite schon gesehen, aber irgendwie verdrängt: Da steht ein Kraftwerk. Ein Atomkraftwerk. Direkt am Fluss, denn diese Kraftwerke brauchen ständig frisches Wasser, um den Reaktor zu kühlen.
Eine Landkarte habe ich nicht dabei, denn wie gesagt: Wie soll man sich am Fluss schon verlaufen? Allerdings wird der Weg immer schmaler, immer unterholziger, immer versteckter, immer verwucherter. Beschilderung habe ich schon lange keine mehr gesehen, andere Wanderer auch nicht.
Aber da kommt mir ein Angler entgegen. (Angler fischen gerne im Abwasser von Kernkraftwerken, wie mir in der Ukraine jemand erzählte. Da sind nämlich die Fische größer.)
„Entschuldigen Sie, mein Herr“, inquiriere ich,“wenn ich diesem Weg folge, kann ich da am Kraftwerk vorbeilaufen?“ Ich denke daran, dass in zivilisierten Ländern selbst bei Militäranlagen ein Küstenstreifen für Wanderer freigehalten wird. (Siehe Kapitel 37 meines Artikels über Cornwall.) Oder dass in fortschrittlichen Bundesländern das Wandern am Fluss sogar Verfassungsrang genießt. (Siehe Kapitel 131 dieses Artikels über eine Wanderung zu den bayerischen Königsschlössern.)
„Vorbeilaufen können Sie nicht“, sagt der ortskundige Angler. „Aber Sie können am Tor klingeln, dann kommt jemand und führt Sie über das Gelände.“
„Ah“, sage ich, erstaunt und baff. „Vielen Dank.“
Mir ist es eigentlich unangenehm, den Kraftwerksbetreiber aus seinem Büro herauszuklingeln. Überhaupt bin ich sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, andere Menschen zu inkommodieren. Ich bin so jemand, der lieber stirbt, als den Nachtdienstapotheker vom Kreuzworträtsel wegzuholen. Jemand, der an der Fußgängerampel mit dem Drücken wartet, bis alle Autos vorbei sind. Und 30 Minuten vor Ladenschluss gehe ich nicht mehr Einkaufen, weil ich weiß, dass die Angestellten langsam aufräumen wollen. Wahrscheinlich fühle ich mich deshalb in Japan oder in Persien wohler.
Außerdem kann es ja sein, dass sich der Angler einen Scherz erlaubt hat.
Zumindest letzteres klärt sich auf, als ich kurz darauf vor einer Betonmauer mit Stacheldrahtrollen und mit einem schweren Eisentor stehe. Ein kleines Schild lädt tatsächlich zur Störung der Mittagsruhe ein: „Benutzer des Uferwegs bitte läuten.“
Na gut. Der Umweg um das ganze Gelände wäre tatsächlich zu weit. Also läute ich.
„Ja, guten Tag?“ erklingt eine freundliche Stimme.
„Hallo, guten Tag, ich stehe hier am südlichen Eingang Ihres sympathischen Kraftwerks und würde gerne nach Norden, Richtung Lauffen, weiterwandern.“
„Haben Sie einen Impfausweis dabei?“
„Ja, klar.“ (Super, vielleicht kann man hier atomar geimpft werden. Das hält länger.)
„Und einen Personalausweis oder so?“
„Ja, den habe ich auch dabei.“ (Ich habe beim Wandern sogar Visitenkarten dabei, aber danach fragt der Herr leider nicht.)
„Und einen Hund?“
„Nein“, sage ich unschuldig, wie wenn man den Hund schon mal zuhause vergessen kann.
„Okay, dann schicke ich einen Kollegen vorbei. Aber es kann ein paar Minuten dauern, ist das in Ordnung?“
„Ja klar, absolut kein Grund zur Eile“, antworte ich. Nicht nur aus Höflichkeit und weil ich tatsächlich nie in Eile bin, sondern weil man in einem Kernkraftwerk nun wirklich nicht will, dass jemand hetzt und schludert.
Nach ein paar Minuten kommt ein Wachmann, und – weil ich keinen eigenen habe – bringt er sogar einen Hund mit. Das ist ein Service! Hunde wirken in Kernkraftwerken anscheinend als Frühindikatoren für Strahlung, so wie Kanarienvögel im Bergwerk.
Durch das Gittertor kontrolliert er meinen Impf- und meinen Personalausweis und gibt dann über Funk ein paar Codewörter durch, bei denen ich höflich weghöre und die das Tor ferngesteuert öffnen.
Und schwupp, bin ich das erste Mal in meinem Leben in einem Kernkraftwerk.
„Das liegt daran, dass hier am Neckar ein Jahrhunderte altes Wegerecht für einen Treidelpfad besteht“, erklärt der bewaffnete Wachmann auf meine Frage. „Als das Kernkraftwerk geplant wurde, war die Erhaltung des Wegerechts eine Bedingung für die Baugenehmigung.“ Als historisch interessierter Wandersmann finde ich es faszinierend, dass ich aufgrund eines Feldservituts aus der Zeit des Heiligen Römischen Reichs vorbei an Druckwasserreaktoren, Zellenkühlern, Hybridkühlturmen, Dampferzeugern und Blitzvernebelungsanlagen spazieren kann. Schon erstaunlich, wie eine mittelalterliche Grunddienstbarkeit die Jahrhunderte mit all ihren Kriegen und Revolutionen überstanden hat.
„Im Sommer ist natürlich mehr Betrieb“, erzählt der Wachmann. „Da kommen manchmal ganze Wandergruppen, auch Fahrradfahrer und sogar Reiter.“ Und fügt hinzu: „Das mit den Pferden ist schon ein bisschen übertrieben, die könnten ja wirklich außenrum reiten.“ Vielleicht vertragen sich auch Hund und Pferde nicht besonders. Tja, aber so ist es eben. Denn das Wegerecht wurde ausdrücklich auch für Pferde gewährt. Ist ja auch logisch, wenn es ein Treidelpfad war. Denn wie sonst soll man die Kähne von Rotterdam nach Reutlingen ziehen?
Und deshalb können jetzt ohne Dispens des Reichskammergerichts in Wetzlar, das 1806 voreilig aufgelöst wurde, Pferde nicht vom Durchqueren dieser ansonsten hochgesicherten Anlage ausgeschlossen werden.
Nach 440 Metern sind wir am nördlichen Ende des Atomkomplexes angekommen. Der Wachmann funkt wieder, das Tor öffnet sich, und er wünscht mir, dass ich noch vor Dunkelheit und Regen nach Lauffen gelange. Und das war sie, meine erste Begegnung mit der Atomkraft, durchaus freundlich, aber auch irgendwie kurios.
Wälzt doch mal das Grundbuch in Eurer Gemeinde! Vielleicht findet Ihr auch ein altes Wegerecht.
Links:
Ein weiteres altes Rechtsinstitut, das sich beim Wandern als nützlich erweisen kann.
Ihr erinnert Euch hoffentlich an den träumerischen Plan der längstmöglichen Zugreise? Von Portugal über Spanien und Frankreich durch Mitteleuropa nach Russland, dann abbiegen in die Mongolei, durch China und schließlich nach Vietnam bis nach Saigon, wo sich die älteren unter Euch noch an das erleichternde Gefühl erinnern, 1975 den letzten Helikopter aus der Stadt erhascht zu haben.
Halt, nein, das war Afghanistan 2021. Ach, man verwechselt so viel, wenn sich die Geschichte ständig wiederholt.
Jedenfalls, zurück zum Zugfahren, war bei der schienengebundenen Weltreise bisher Schluss in Vietnam, weil man von dort nicht mit dem Zug nach Kambodscha oder Laos kam.
An dieser Stelle sollte ich eine Karte einfügen, denn für europäische Augen sehen alle südostasiatischen Dschungel gleich aus. Also, erst einmal orientieren in diesem Orient:
Man kommt immer noch nicht mit dem Zug von Vietnam nach Kambodscha oder Laos.
Aber China, das als Land so etwas ist wie der Typ, der aus Langeweile ständig in den Baumarkt rennt, um neue Carports, Dachgauben, Gartenlauben, Dachkapfer und Lukarne zu bauen, überzieht nicht nur das eigene Land, sondern auch die – sehr großzügig definierte – Nachbarschaft mit Großprojekten, die den Heimwerker an seinem neuen, gemauerten und wetterfesten Gartengrill vor Neid in Flammen aufgehen lassen.
Vor ein paar Tagen wurde eine neue Bahnverbindung zwischen China und Laos eröffnet. Man kommt also jetzt von Kunming über die Grenzstadt Boten bis nach Vientiane, ganz im Süden von Laos. Alles mit dem schnuckeligen Schnellzug!
Wie Ihr seht, kann man dann von Vientiane mit dem Zug nach Thailand fahren, wo man die Reise für ein paar Jahre unterbrechen muss, weil man wegen Majestätsbeleidigung ins Gefängnis kommt. Aber wenn man das überlebt, geht die Bummelbahn weiter nach Malaysia und schließlich nach Singapur, der kleinen, unabhängigen Spitze dieser langen Halbinsel.
In Singapur war ich übrigens schon einmal, auf einem Zwischenstopp nach Australien. Das war 1992. Damals waren Flugzeuge noch in der Gewerkschaft, weshalb sie auf langen Flügen Pause machen mussten. Die langweiligen Passagiere gingen in den Duty-Free-Shop und wunderten sich über diese neuen Telefone ohne Kabel. Die mutigen Passagiere, wie ich, verloren sich im Gewimmel von unterirdischen Märkten, auf denen Affen, Schildkröten und Fledermäuse mit allerlei zoonotischen Krankheiten verkauft wurden, schauten in Opiumhöhlen vorbei und fanden ganz ohne Smartphone rechtzeitig den Weg zum Flughafen zurück. Alles in ständiger Angst vor der berüchtigt strengen singapureanischen Polizei.
Diese strenge singapureanische Polizei wird mich dann wahrscheinlich festnehmen, wenn ich nach 20.000 Meilen im Zug einfach nur im Park sitzen und endlich eine Zigarre genießen will. Aber Leute sind schon wegen langweiligerer Geschichten auf dem elektrischen Stuhl ge- und verendet. (Eine Leserin informiert mich, dass man in Singapur nicht elektrifiziert, sondern gehängt wird. Danke.) Außerdem, in Singapur ist die Reise sowieso zu Ende, weil es keinen Zug nach Indonesien oder Australien gibt. Noch.
Mal ehrlich, ist das nicht fantastisch, wie weit man kommt, ohne von der umweltfreundlichen, gemütlichen und romantischen Bahn absteigen zu müssen?
Und selbst wenn Ihr im letzten Kaff wohnt, solange es einen Bahnhof hat, seid Ihr mit der Welt verbunden. Von Buxtehude nach Bangkok, von Königs Wusterhausen nach Kuala Lumpur, von Straubing nach Singapur, alles ist möglich!
Jetzt muss sich nur noch eine Zeitung finden, die das im Austausch gegen eine wöchentliche Reportage finanziert…
Eine nützliche Seite zum Planen von Fernreisen mit der Eisenbahn ist Seat 61.
Wenn Ihr meine Eisenbahn-Geschichten kennt, könnt Ihr Euch vorstellen, was ich in etwa aus so einer Weltreise machen würde. Und wenn Ihr das für ein sinnvolles Projekt haltet, freue ich mich über Eure Unterstützung!
Deshalb stehen in Italien überall Festungen, Schützengräben und Bunker.
Wenn Euch das bisher noch nicht aufgefallen ist, dann nur deshalb, weil in Italien auch sonst allerhand interessantes Zeug herumsteht. Oder weil Ihr nur an den Strand wollt, was eigentlich eine Italienverschwendung darstellt und wofür Ihr den Platz im Reisebus für historisch interessierte Urlaubswillige freimachen solltet. Oder weil Ihr noch nie in Italien wart, in welchem Fall ich empfehle, diesen Missstand zu beheben.
Die meisten dieser Bunker sitzen einfach nur rum und warten auf ihren nächsten Einsatz. Aber im Vinschgau bin ich auf ein paar Exemplare gestoßen, die einer zivilen Bunkerzweitnutzung zugeführt wurden. So wie dieser Bunker, der in eine Apfelplantage integriert wurde. Das sind aber auch ganz besondere Äpfel hier in Mals, die sind ständig vor Gericht wegen Pestizidstreitigkeiten und so. Vielleicht müssen sie deshalb vor dem Zugriff der Luftstreitkräfte des Landesgerichts geschützt werden.
Auf dem Weg von Mals nach Schluderns hatte ich mich zwischen Wäldern, Feldern und Apfelplantagen irgendwie verlaufen. Das machte aber nichts, denn erstens bin ich ein großer Verfechter des Verlaufens. Wer sich nie verläuft, hat ein fades Leben. Zweitens war ich zum ersten Mal im Vinschgau, so dass es überall neu und interessant für mich sein würde, egal wohin ich käme.
Und plötzlich stand ich oberhalb von Tartsch vor einem Bunker, so etwas habt Ihr noch nicht gesehen!
„Ein Künstler“, tippe ich detektivisch scharf, nicht nur wegen des Wohnwagens und der kreativen Dachterrasse mit Palisadenzaun und Spielplatz, sondern auch weil am späten Vormittag noch niemand auf mein Klingeln reagiert. Diese Künstler schlafen ja oft bis mittags. (Mit Ausnahme der Reiseblogger, die schon frühmorgens über Stock und Stein wandern, um Material zu sammeln.)
Auf der anderen Seite des Tals, über Tartsch, erblicke ich ein romanisches und romantisches Kirchlein, das ich zum nächsten Wanderziel auserkore und ausnahmsweise nicht verfehle.
Dort kommt, als ich vor der eigentlich verschlossenen Kirche sitze und eine am Morgen in Mals erstandene italienische Toscano-Zigarre rauche, zufällig ein Herr vorbei, der nicht nur den Schlüssel zur Kirche, sondern auch ein enzyklopädisches Wissen und viel Geduld mit mir Ungebildetem hat. Er zeigt mir, nachdem ich die Zigarre vor der Tür gelassen habe, die Fresken in der Kirche und erzählt über die Geschichte von St. Veit, über den Tartscher Bichl, über Romanik, Gotik und den Engadiner Krieg.
Das überspringe ich jedoch für den Moment und hebe es für den umfassenden Vinschgau-Artikel auf, der, so Gott will, in den kommenden Monaten erscheint. Der Kirchenmann kennt sich nämlich auch mit den Bunkern auf der gegenüberliegenden Seite des Tals aus.
„Die stammen aus dem Zweiten Weltkrieg“, korrigiert er meine Fehlannahme, dass es Überbleibsel aus dem Alpenkrieg im Ersten Weltkrieg wären.
„Aber im Zweiten Weltkrieg war doch hier gar keine Front?“
„Mussolini hat die gebaut, weil er der Allianz mit Hitler nicht traute. Man nennt diesen Alpenwall deshalb auch ‚linea no mi fido‘, also ‚Ich-trau-dir-nicht-Linie‘.“ Wenn ich wüsste, wo ich schauen muss, könnte ich hier oben in den Bergen noch viel mehr Bunker und Panzersperren finden. Eine größenwahnsinniger als die andere, wie es bei faschistischen Großprojekten so üblich ist.
Im Zweiten Weltkrieg waren die Bunker allerdings nicht so leicht zu erkennen wie jetzt, sondern waren – landschafstypisch – als Bauernhöfe oder Scheunen getarnt.
Der künstlerisch gestaltete Bunker gehörte tatsächlich einem Künstler, der jedoch vor drei Jahren beim Hantieren mit alter Munition ums Leben kam. Seither steht das Riesenatelier leer. Vielleicht könnte man daraus eine Herberge für vagabundierende Schriftsteller machen, winke ich mit einem der Zaunpfähle von der Dachterrasse.
In Mals übernachte ich gewissermaßen auch in einem Bunker. Die ehemalige Kaserne der Finanzpolizei hat gerade als Hostel eröffnet. Die Finanzpolizei in Italien ist eine Kombination aus Zoll und Polizei zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität, aber militärisch organisiert und ausgestattet, mit Fregatten, U-Booten, Flugzeugen, Helikoptern, Fallschirmspringern, Gebirgsjägern, Kampftauchern, Scharfschützen und sogar Juristen.
(Foto aus La Maddalena, einer Insel im Norden von Sardinien. Ach, von dort hätte ich eigentlich auch noch zu erzählen… Aber bleiben wir erst einmal in Norditalien.)
Nun, und deshalb hat die Finanzpolizei eben Kasernen für ihre Finanzpolizisten, für ihre Waffenlager und um die beschlagnahmten illegalen Reichtümer (und welcher Reichtum ist nicht illegal?) zu lagern. Die Wände des Gebäudes sind so massiv, dass sie dem Beschuss von Panzerfäusten standhalten, erklärt mir Sascha, der Herbergsvater, und weil er auch ansonsten noch allerhand erklärt und mich zum Abendessen einlädt, bleibe ich ein paar Tage, in denen ich mich wie zuhause fühle. Sascha erzählt so viel, das muss dem endgültigen Vinschgau-Artikel vorbehalten bleiben, denn heute geht es nur um die bauliche Nachnutzung von militärischen Gebäuden.
Die FinKa, wie die ehemalige Finanzkaserne jetzt wortspielerisch heißt, schafft es, ihre einstige Nutzung nicht zu verleugnen, aber dennoch urgemütlich zu sein und dabei den 08/15 Hostel-Flair zu vermeiden. Im Eingangsbereich stehen noch die alten Holzklappstühle, in den Fluren quietschen noch die Gittertüren. Der Polizistenspeisesaal ist jetzt ein Gästespeisesaal, der Polizistenrumlümmelraum ist jetzt der Gästeausruhraum, und so weiter. Eigentlich brauchen Touristen ja auch nichts anderes als Polizisten, was man sich in der Marktwirtschaft kaum zu schreiben traut, weil sonst bald eine der beiden Gruppen wegrationalisiert wird.
Tja, zu spät. Die Finanzkaserne in Mals wurde tatsächlich 2005 aufgelassen. Wegen des Schengener Abkommens waren in den Bergen keine Grenzkontrollen mehr notwendig. Und so können sogar Anfänger wie ich Zigarren nach Österreich schmuggeln. Die Finanzpolizei düst jetzt nämlich hauptsächlich in der Adria herum, um fettere Fische zu fangen.
Ach ja, die Schmuggelroute von Albanien nach Apulien bin ich auch schon mal gefahren, allerdings in vollkommen unschuldiger Absicht und harmlos auf dem Deck des Dampfers dösend.
Vor kurzem saß ich unter einem Baum und rauchte eine Zigarre.
Da kam ein junger Mann des Weges, so ein cooler Typ mit Kapuze und sympathischem Lächeln: „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, deutete er auf eine zweite Bank. „Das ist nämlich mein Bodhi-Baum.“
Natürlich sagte ich ja und bot ihm Lebkuchen an. Ich hatte eh mehr gekauft als ich essen wollte. Die große Packung ist ja viel billiger als die kleine. Das ist bei vielen Sachen so, ist Euch das schon mal aufgefallen? Man fühlt sich da als Kunde ein bisschen verarscht, finde ich.
Er bot an, seinen Döner zu teilen, was ich dankend ablehnte. Denn mal ehrlich, wie soll man einen Döner teilen? Da fällt ja alles runter. Und dann schnappt sich das ein Maulwurf und bekommt davon Cholesterin oder so.
„Wissen Sie, was ein Bodhi-Baum ist?“ fragte er und hatte mich in meiner Unkenntnis ertappt. Er erklärte etwas von Erwachen und Erkenntnis und Erleuchtung und Erlösung und dass Buddha Siddharta Gautama all dies unter einem Bodhi-Baum gefunden hätte. Ja, man findet allerhand, wenn man so unter einem Baum sitzt, das kann ich schon bestätigen.
Irgendwie war es sympathisch, jemanden auf Schwäbisch über Buddha reden zu hören. Auch wenn ich nicht alles auf Anhieb kapiert habe. Aber es gibt so Dialekte, da hört man den Leuten einfach gerne zu, egal was sie erzählen. Schwäbisch, Schweizerisch, Nord- und Südtirolerisch.
Er war auch keineswegs aufdringlich, nicht so jemand mit 84.000 Belehrungen für den Weg von Samsara nach Bodhi, wie man das von anderen Buddhisten kennt. Eigentlich erzählte er mehr über sein eigenes Leben, was ich hier nicht wiedergebe, denn das geht ja niemanden etwas an. Das ist meine Regel: Wenn ich wo sitze und am Schreiben bin und jemand kommt dazu und erzählt mir seine Lebensgeschichte, dann darf ich das verwerten. Denn mal ehrlich, was denken sich die Leute, was ich mache, wenn ich mit Notizblock und Stift im Park rumlungere? Aber wenn ich einfach nur Lebkuchen mampfe, um zumindest körperlich zum Buddha zu werden, dann kann wirklich niemand ahnen, dass unter dem Bodhi-Baum ein reisender Reporter sitzt.
Der junge Mann meinte übrigens, dass ich aussähe wie ein Spion. Das habe ich noch weniger kapiert als das mit den vier edlen Wahrheiten, denn wir saßen auf einem Hügel über einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg. Da gibt es echt nichts zu spionieren.
Es war November und echt nicht warm, aber irgendwie kamen plötzlich alle fünf Minuten Leute vorbei. Spaziergänger mit Hund, Spaziergängerinnen mit Mann, Spaziergänger die hallo sagten, Spaziergänger, die nichts sagten, Spaziergänger die stehen blieben und ebenfalls aus ihrem Leben erzählten. Es erinnerte mich an den Film „Immer Ärger mit Harry“, wo sich die Wege aller Protagonisten immer wieder auf einem Hügel über dem Dorf kreuzen. Kennt Ihr den? Ist ein Hitchcock-Film, aber ein lustiger. Manche Leute haben ja Angst vor Hitchcock, weil sie denken, der sei grausam oder so. Keineswegs. Den können sogar sanftmütige Buddhisten schauen.
Dann fuhr er mich nach Hause, denn der Buddhist hatte ein Auto und ich hatte keins. Und er sagte, ich solle zum Dönerladen unterhalb des Lotto-Geschäfts gehen und dort sagen, ich sei ein Freund von Yalçin. Dann bekäme ich einen Döner gratis.
Den muss ich bald abholen. So ein Döner wird mit der Zeit ja nicht besser. Insofern eigentlich ein eher unbuddhistisches Nahrungsmittel.
Für die Erkenntnishungrigen und Wissensdurstigen gibt es auf diesem Blog noch mehr Religion und Philosophie.
Und wenn Ihr Euch für Buddhismus interessiert, folgt mir doch auf meinem Spaziergang durch Nepal. Ach ja, den nächsten Dalai Lama habe ich auch schon kennengelernt. Und dann fällt mir noch Timo ein, aber der ist Taoist, auch aus Schwaben.
Aber dann kam – eigentlich passend zum Jubiläum der Spanischen Grippe – eine kleine Pandemie dazwischen, was mein Weltreisen ziemlich eingeschränkt hat. Wie wenn ich es jedoch geahnt hätte, hatte ich mir beizeiten einen Fundus an Reiseerfahrungen zurechtgelegt, aus dem ich mich jetzt bedienen kann. So zum Beispiel diesen Monat, den ich mit auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs in Flandern höchstselbstgemachten Fotos illustrieren kann. Dabei ist – weil ich wieder mal nicht rechtzeitig fertig geworden bin – diese ungewöhnlich, ja fast schon auf frivole Weise knappe Episode nur ein Vorgeschmack auf den, so sei es hiermit feierlich zugesichert, demnächst erscheinenden Reisebericht aus Ypern.
Aber heute geht es um Blumen.
Um Mohnblumen.
Wer schon einmal im November in Großbritannien war, dem wird aufgefallen sein, dass plötzlich überall klatschrote Mohnblumen auftauchen. In der U-Bahn, im Parlament, bei den Abendnachrichten im Fernsehen. Und wer sich ohne Mohnblume am Revers auf die Straße traut, wird von Soldaten angehalten, die einen zum patriotischen Tragen einer Mohnblume auffordern. Weil Soldaten gut organisiert sind, haben sie auch immer eine Extramohnblume dabei, die sie für einen kleinen Obolus gerne abgeben. Wenn man alt ist und sich nicht wehren kann, ist es durchaus möglich, dass man mit bis zu fünf von den Ansteckpflanzen nach Hause kommt, obwohl man nur kurz den Hund ausführen wollte.
Höhepunkt dieser Blumenpflückerei ist um den 11. November, den Jahrestag des Waffenstillstands, der 1918 die Kampfhandlungen beendete. Aber das wusste ich anfangs nicht, weshalb ich mir kein „poppy“, wie das auf Englisch heißt, anstecken ließ. Ich bin von Natur aus skeptisch, wenn alle das Gleiche machen. Und noch skeptischer gegenüber demonstrativ zur Schau gestelltem Patriotismus. Also gab ich mein Geld lieber den Obdachlosen, die – passend wie die Faust aufs patriotische Auge – oft Kriegsveteranen waren. Anscheinend Kollegen des Herrn Lawrence von Arabien, weil sie vom Irak und Wüstenkrieg und so erzählten.
Aber nicht nur in Großbritannien, sondern auch in vielen Mitgliedsländern der Commonwealth-Familie wird dieser Brauch allnovemberlich begangen. Diese Staaten waren 1914 nämlich noch zu jung und unerfahren und wurden von König George V. zum Eintritt in den Weltkrieg „überredet“. Aber gut, Großbritannien kann ja auch nicht immer alles alleine machen. Außer beim Brexit natürlich, aber das ist ein anderes Thema.
Das Symbol der Mohnblume wurde schon während des Krieges durch ein Gedicht des kanadischen Militärarztes John McCrae, In Flanders Fields, berühmt. Im Mai 1915 begrub er einen Kameraden und Freund, der während der Zweiten Flandernschlacht bei Ypern gefallen war. Um das Grab sprossen sobald die blutroten Mohnblumen, und schwupp, war das Gedicht geboren, das zum populärsten englischsprachigen Gedicht des Ersten Weltkriegs werden sollte. In Kanada ist es so etwas wie ein Nationalgedicht.
In Flanders Fields, the poppies blow Between the crosses, row on row, That mark our place; and in the sky The larks, still bravely singing, fly Scarce heard amid the guns below.
We are the dead. Short days ago We lived, felt dawn, saw sunset glow, Loved and were loved, and now we lie, In Flanders fields.
Take up our quarrel with the foe: To you from failing hands we throw The torch; be yours to hold it high. If ye break faith with us who die We shall not sleep, though poppies grow In Flanders fields.
John McCrae selbst starb im Januar 1918. Aber nach dem Krieg hatten zwei Frauen, Moina Michael und Anne Guérin, die Idee, die im Gedicht genannten Mohnblumen als Symbol für die Erinnerung an die alliierten Kriegstoten zu nutzen. (Frauen hatten während des Ersten Weltkriegs ein bisschen Selbständigkeit und Freiräume erkämpft. Leider hielt das nur an, solange die Männer weg waren bzw. die Wirtschaft die Arbeitskraft der Frauen benötigte. Sobald die Männer zurückkamen, mussten die Frauen wieder an den Herd. Als kleine Entschädigung dafür gab es das Wahlrecht und – in Westdeutschland seit 1977 – das Recht, ohne Zustimmung des Ehemannes einen Arbeitsvertrag einzugehen. Juhu!)
Zu den Festivitäten im November 1921 wurden die Ansteckblumen zum ersten Mal massenweise produziert und von Veteranenverbänden verkauft. Die chinesischen Fabrikarbeiterinnen, die die Plastikblumen mittlerweile herstellen, denken wahrscheinlich, das sei für ein Neujahrsfest oder eine Geburtstagsparty. Diese Arbeitsteilung ist übrigens auch nichts Neues, wie ich im „In Flanders Fields Museum“ (benannt nach dem Gedicht) in Ypern erfahren habe.
Etwa 140.000 Chinesen dienten an der Westfront. Nicht als Soldaten, sondern als Arbeiter für die britischen und französischen Streitkräfte. Der Erste Weltkrieg war tatsächlich viel mehr Weltkrieg als man als Europäer so glaubt.
Aber das und vieles mehr erzähle ich dann im ausführlichen Bericht aus Ypern. Wie Ihr den Fotos schon entnommen habt, geht es dabei viel um Krieg und Tod und Gedenken. Aber auch um eine nach der vollkommenen Zerstörung wieder originalgetreu aufgebaute Stadt und um die Menschen, die jetzt in dieser Stadt leben.
Und um eine Horde sich am belgischen Bier berauschender Studenten der Fernuniversität in Hagen. Mit Ausnahme des einen, der sich verstohlen absonderte und einen geheimen unterirdischen NATO-Kommandobunker entdeckte.
Wenn Euch das alles interessiert, gebt mir noch ein oder zwei Wochen, Monate oder Jahre Zeit. Bald kommt aus dem Westen viel Neues!
Eben habe ich ein Haus-und Hasen-Sitting für eine Familie begonnen, die für drei Monate nach Tansania fliegt, um dort in einem Krankenhaus zu arbeiten.
Nachdem die fünfköpfige Familie für ein Vierteljahr sieben Koffer – davon zwei mit Sachspenden für die Menschen in Liuli – gepackt hatte, stand die etwa 10-jährige Tochter nachdenklich davor und sagte: „Krass. Da ist jetzt alles drin, was wir zum Leben brauchen“, wobei Stofftiere und Schulsachen schon mit eingerechnet waren.
„Und unsere Schränke sind noch immer voll“, fuhr sie fort. „Eigentlich brauchen wir das alles gar nicht.“
Nur ein Symbolbild. Das ist NICHT das hiesige Haus.
Richtigen Minimalismus lernt man eben erst auf Reisen. Je öfter man den Rucksack aus- und einpackt und mühsam die steilen Stufen zur Jugendherberge in der Burg hochschleppt, umso deutlicher wird einem, dass Eigentum und Besitz eher belastend denn befreiend wirken.
„Haben Sie die kleine Douglasie gesehen?“ fragt ein Mann und steigt außer Atem vom Fahrrad. Die Sonnenbrille nimmt er ab, Helm und gelbe Warnweste behält er an. Wer so durch einen Park radelt, hat wahrscheinlich auch einen Alarmknopf am Fahrrad, um den Rettungshubschrauber zu rufen, der auf dem Dach des nahen Carl-Thiem-Klinikums schon die Rotoren wetzt.
Mit Bedauern verneine ich, aber biete ihm an, bei der Suche behilflich zu sein.
„Wo haben Sie sie denn zuletzt gesehen?“ frage ich. Ein guter Profiler beginnt immer am Tatort.
„Man hat mir gesagt, sie wäre hier irgendwo“, blickt er verzweifelt auf den künstlichen Teich, die geschwungenen Hügel, die herbstlichen Farben des Fürst-Pückler-Parks in Cottbus-Branitz.
„Weit kann sie nicht sein,“ fährt er fort, „sie ist ja gerade erst aus der Baumschule gekommen.“
Erst da verstehe ich, dass er kein Mädchen, sondern ein Bäumchen sucht. Gut, jeder soll suchen, wonach ihm der Sinn steht, aber damit behellige man bitte keinen Poirot, keinen Maigret und auch nicht mich.
Ich wünsche ihm viel Erfolg und widme mich wieder der Lektüre eines Buches, das wahrscheinlich dafür verantwortlich ist, dass ich sogleich an ein entlaufenes Mädchen dachte. Denn von einem solchen handelt „Die Reise nach Jarosław“ von Rolf Schneider.
Dieses Jugendbuch aus der DDR war eine Zufallsentdeckung. In Neuendorf, wo ich gerade auf eine Katze aufpasse, befindet sich eine zum öffentlichen Bücheraustauschschrank umfunktionierte Telefonzelle. „Stellen Sie Bücher in die Schmökerlaube, geben Sie Ihre Eigentumsrechte nach § 959 BGB auf“, steht an der Tür, und dem historisch interessierten Juristen wird bewusst, dass in diesen Breiten das BGB schon zum zweiten Mal eine vorherige Kodifikation des Zivilrechts verdrängt hat. (Obwohl das Zivilgesetzbuch der DDR mit § 32 Absatz 1 die gleiche Regelung enthielt.)
Meine Skepsis gegenüber diesen Fundgruben ist bekannt, aber die Neugier siegt. Außerdem bekommt man durch ihre entsorgten Bücher einen ersten Einblick über die geistige Struktur des Dorfes, das für eine Woche mein Zuhause sein wird. „Lockendes Gold“ von Jack London, wahrscheinlich wird deshalb hier überall so tief gebuddelt. „Zelte in Afrika“ von Hans Schomburgk, einem Afrika-Forscher, der die Wiedervereinigung vorwegnahm und seine Expeditionen von beiden deutschen Staaten finanzieren ließ. Max Burghardts „Briefe, die nie geschrieben wurden“ und wahrscheinlich nie mehr gelesen werden. „Das stille Haus“, das Ingeburg Siebenstädt unter dem Pseudonym Tom Wittgen veröffentlichte, weil das mehr nach Kriminalautor klang. „Eine undurchsichtige Affaire“ von Rainer Kerndl steht gleich zweimal im Regal.
Nur ein Buch erweckt mein Interesse, eben „Die Reise nach Jarosław“. Reisen ist mein Metier. Durch Jarosław bin ich immerhin mal durchgefahren. Und im Klappentext steht, es ginge um eine Sommerreise per Anhalter.
Und so sitze ich im fürstlichen Park in Cottbus, genieße die Sonne, lese ein Jugendbuch von 1974 und muss immer wieder lachen oder verständnisvoll nicken. Gitte, die Protagonistin, packt zum 18. Geburtstag ihre Tasche, um über den Sommer nach Polen zu trampen. Von Ost-Berlin nach Jarosław, die Stadt, aus der ihre Oma kam.
Daraus entwickelt sich ein schönes Road-Movie, und der amerikanische Begriff passt ganz gut. Von einem in der DDR erschienenen Buch hätte ich das nicht erwartet, aber Gitte orientiert sich kulturell ziemlich am Westen. Ernest Hemingway, Jimi Hendrix, Marlon Brando. Nur mit Esoterik hat sie wenig am Hut, wie man an dieser Begegnung mit einem schwedischen Reisenden erkennt:
Anschließend erzählte er, seine Mama in Malmö habe drei Brotfabriken, aber er pisse, sagte der Kerl, auf die Mama und ihren Reichtum, und für ihn sei Buddha das Höchste. Ich konnte keine Logik in dieser Feststellung erkennen, aber ich unterbrach ihn nicht. Er fing an, sich über die elementaren Gegensätze von Yin und Yang auszulassen.
Ich hatte keine Ahnung, was das war. Ich sagte es, und der Kerl lachte erst mal höhnisch, dann legte er mir dar, dass Yin und Yang zwei enorm wichtige Dinge seien, mit deren Hilfe sich die gesamte Welt im Gleichgewicht halte und zwischen denen sich das gesamte Leben ausbalanciere. Oder so. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Der Kerl teilte mir mit, dass er makrobiotisch lebe, was mit Yin und Yang zu tun hatte, und dass ungeschälter Reis, außer Buddha, für ihn das Höchste sei.
Wirklich haargenau die gleichen Geschichten muss man sich auch heutzutage von Möchtegern-Hippies anhören. Und auch das Trampen verläuft heute wie 1974. Schnellstraßen sind schlecht, weil die Leute mit ihren PS angeben wollen. Der Standort ist das wichtigste, wozu man meist ewig aus der Stadt laufen muss. Frauen werden eher mitgenommen als Männer.
Was mich an dem in der DDR publizierten Buch zudem überraschte, war das Ausmaß der Kritik an Staat und Wirtschaft. Der Grund für Gittes Ausreißen ist, dass sie mangels familiärer Kontakte nicht auf die Erweiterte Oberschule darf. Sie kritisiert Umweltverschmutzung, Mangelwirtschaft und macht sich im Geschäft darüber lustig, dass man wohl selbst auf einen Schlafsack vier Jahre warten müsse.
Ziemlich frech. Aber immer sympathisch frech, mit jugendlicher Unbekümmertheit. Zum Beispiel als Gitte eine Nacht im Park verbringt und frühmorgens von einem Polizisten aufgelesen wird:
Er sagte mir noch, es sei mehr als riskant, wenn ein junges Mädchen völlig allein in dieser Gegend und nachts auf einer Bank säße.
Ich sagte ihm, nach meiner persönlichen Erfahrung in den letzten Stunden könnte ich ihm da überhaupt nicht zustimmen.
An der Grenze trifft Gitte auf Jan, einen polnischen Studenten. Die beiden reisen fortan gemeinsam zuerst durch Deutschland und dann durch Polen. Jarosław ist das Ziel, aber es ist weit, und dazwischen kann man allerhand Umwege einlegen. Es ist genau die Art von Reisen, die ich liebe. Man übernachtet mal im Strandkorb, mal im Wald. Manchmal laden einen die Autofahrer zu sich nach Hause ein. Und wenn das Geld ausgeht, muss man eben ein bisschen arbeiten. (Das scheitert bei mir immer an vermarktbaren Talenten.)
„Die Reise nach Jarosław“ hat mich an den „Fänger im Roggen“ erinnert. Nur halt aus Mädchenperspektive. Und eher lustig als melancholisch. Und mit mehr Trampen. – Ein sehr sympathisches Buch! Also, fahrt in den Osten und durchstöbert die Antiquariate. Oder die alten Telefonzellen. Oder, im äußersten Notfall, dieses neumodische Interweb.
Warum der Typ auf dem Fahrrad in einem Park voller Bäume einen ganz bestimmten sucht, habe ich aber immer noch nicht kapiert. Vielleicht fährt der auch einfach nur den ganzen Tag herum, um Touristen zu veräppeln. Ist auch ein Hobby. Besser als nur vor dem Computer zu sitzen.
Ach ja, Ihr wolltet noch mehr Fotos vom Fürst-Pückler-Park. Hier sind sie:
Wer mehr über den Park und über Fürst Pückler erfahren will, kann, und das ist nun wirklich ein Zufall, zu einem anderen Buch des äußerst produktiven Rolf Schneider greifen: „Fürst Pückler in Branitz“. Aber ich glaube, das Buch über die junge Ausreißerin ist amüsanter.
Letzte Woche, als ich auf einem Schiff wohnte (habe ich davon schon erzählt?), muss die Kamera einen Wasserschaden abbekommen haben. Denn bei einer und zum Glück nur bei dieser einen Rolle Film haben alle Fotos einen schwarzen Rand an ein oder zwei Seiten.
Ich werde versuchen, die Bilder zu reparieren. Aber im Moment stelle ich sie einfach mal in der Rohfassung online und lasse Euch selbst fantasieren, was an dem Tag in und um Beeskow alles so passiert ist.
Ich bin gespannt auf Eure Geschichten!
Und irgendwann, wenn ich die Fotos repariert haben werde, gibt es dann die echte Geschichte von meinen Versuchen als Seefahrer und vor allem von der verlorenen Stadt im Urwald.
Nach dem Ersten Weltkrieg waren vier Weltreiche kaputt. Die einstigen Herrscher gingen ganz unterschiedlich mit der plötzlichen Arbeitslosigkeit um. Der russische Zar Nikolaus II. ließ sich erschießen. Der osmanische Großwesir Talât Pascha ließ sich erschießen. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. entdeckte seine kleinbürgerliche Ader, ging ins Exil nach Holland und widmete sich fortan dem Holzhacken. Und der Unterstützung für die Nationalsozialisten.
Nur Kaiser Karl I. von Österreich war mit seinen 31 Jahren zu jung und ungestüm zum Aufgeben. Beziehungsweise, um die wahre Urheberin dieses Dramas zu benennen, seine Frau, die noch jüngere und ungestümere Ex-Kaiserin Zita Maria delle Grazie Adelgonda Micaela Raffaela Gabriella Giuseppina Antonia Luisa Agnesewar von Habsburg-Lothringen, geb. von Bourbon-Parma, war nicht bereit, den Thron aufzugeben. Sie hatte schon getobt, als Karl nach der Revolution im November 1918 – realistisch gesehen alternativlos – auf die Ausführung seiner Amtsgeschäfte verzichtet hatte.
„Was soll der Schmarrn, Kalle? Ich will Kaiserin sein, nicht Hausfrau.“ Nicht, dass Madame jemals selbst einen Finger in der Küche gerührt hätte, aber als Italienerin war sie ein bisschen melodramatisch veranlagt.
Außerdem hatte sie, als sie sich einen Kaiser geangelt hatte, eher so einen Napoleon-Typen vorgestellt, der ganz Europa in Schutt und Asche legen würde.
„650 Jahre Monarchie, und du wirfst das einfach weg?“
„Aber Zita, wir sind doch noch jung und können etwas Neues anfangen.“
Zita hing viel mehr an dem Job als ihr Mann, der sich eigentlich freute, mehr Zeit zum Reisen zu haben. Außerdem könnte er so sein unterbrochenes Jurastudium wieder aufnehmen, hoffte er. (Österreichische Kaiser und Bundeskanzler kommen oft ein bisschen verfrüht ins Amt und müssen dann das Studium schleifen lassen.)
„In der Schweiz ist es auch schön“, versuchte Karl ihr das Exil in Prangins schmackhaft zu machen, wohin die Kaiserfamilie im März 1919 ausreiste. Womit er objektiv Recht hatte.
Aber wenn in einer Beziehung mal der Wurm drin ist, dann hilft auch ein Urlaub nur kurz. Zita nervte weiter: „Sag mal, du bist doch nicht nur Kaiser Karl I. von Österreich, sondern auch König Karl IV. von Ungarn und König Karl III. von Böhmen.“ Irgendwann, wahrscheinlich in einem Erbfolgekrieg, war die Habsburgernummerierung durcheinander geraten, und der arme Karl musste das ausbaden.
„Ja, aber das war ich nur Kraft des Amtes als österreichischer Kaiser. Und da habe ich doch die Kündigung unterschrieben.“ Manchmal wünschte sich Karl, dass er damit auch die ehrgeizige Kaiserin losgeworden wäre.
„Du hast aber nur in Österreich gekündigt, nicht in Böhmen und Ungarn“, wandte die findige Kaiserin ein.
„Böhmen gibt es nicht mehr, Schatz“, erklärte Karl die neue weltpolitische Lage, „das ist jetzt die Tschechoslowakei, und die wollen sicher keinen König, der nicht Tschechisch kann.“ Tschechisch zu lernen ist bekanntlich unmöglich, weil die Sprache ganz ohne Vokale auskommt: Chrt zdrhl z Brd. Vtrhl skrz strž v tvrz srn, v čtvrť Krč. Blb! Prskl, zvrhl smrk, strhl drn, mrskl drn v trs chrp. Zhltl čtvrthrst zrn skrz krk, pln zrn vsrkl hlt z vln. Chrt brkl, mrkl, zmlkl. (Mir persönlich tut das besonders leid, weil ich in Deutschland nicht weit von Tschechien lebe und sehr gerne die Sprache dieses sympathischen Nachbarlandes lernen würde. Aber dafür fehlt es an Talent.)
Eines Morgens kam Zita ganz aufgeregt ins Zimmer, die druckfrische Zeitung in der Hand, und rief: „Ungarn ist wieder Monarchie!“ Tatsächlich hatte Ungarn, nach einem kurzen Intermezzo, das wir im August 1921 gestreift haben, sich wieder zum Königreich erklärt. Allerdings ohne eigenen König. Stattdessen mit dem uns schon aus besagter Folge bekannten Miklós Horthy als Reichsverweser. Reichsverweser ist so eine Art Statthalter, ein Strohmann, jemand, der den Sessel warm hält, während der Chef gerade weg ist.
„Die warten nur auf dich!“, war die Kaiserin Feuer und Flamme, und Karl musste zugeben, dass man das so interpretieren könne. Nun war das Problem, dass Österreich nicht nur dem Ex-Kaiser und der Ex-Kaiserin, sondern allen Habsburgern verboten hatte, jemals wieder das Land zu betreten. Das Flugzeug war damals, im Frühjahr 1921, noch nicht erfunden. Also klebte sich Karl einen falschen Bart an, besorgte sich einen falschen Pass (wahrscheinlich in Malta, da ist das ganz einfach, wenn man Geld hat) und fuhr heimlich und unerkannt von der Schweiz durch Österreich nach Ungarn.
Die Habsburger hatten zwar schon einiges Pech bei Autofahrten erlebt, aber an Ostern 1921 ging alles glatt. Bis zu Ankunft in Ungarn.
Eine Sache hatte der Kaiser nämlich vergessen: Er hatte Horthy nicht informiert. Und der Reichsverweser, der den ungarischen Thron für den König warmhalten sollte, war ziemlich verdutzt, als es eines Tages klingelte wie bei einem bösen Halloweenstreich, und Karl I. bzw. aus ungarischer Sicht Karl IV. oder sogar, wenn man die Unterbrechung der Monarchie berücksichtigte, mittlerweile Karl V. vor der Tür stand.
„Hallo, ich bin’s, die Majestät.“
„Na sowas, damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Aber kommen Sie doch bitte herein. Wir haben leider nur noch ein bisschen Suppe.“
Karl teilte seinen Plan mit, den ungarischen Thron zu übernehmen, und war ganz verdutzt, dass Horthy diesen nicht freiwillig räumen wollte.
„Horthy, Sie haben einen Eid auf mich geschworen!“
„Ja schon, Herr König, aber sehen Sie, die weltpolitische Lage …“ Und Horthy erklärte seine Angst, die Entente würde Ungarn angreifen, wenn wieder ein Habsburger den Thron besteigen würde. Das war natürlich ein fadenscheiniger Vorwand. In Wirklichkeit hatte sich Horthy einfach daran gewöhnt, als König ohne Titel ein Königreich ohne König zu regieren. Da er auch Admiral ohne Flotte, ja sogar ohne Hafenstadt war, passte das ganz gut.
Was Horthy verschwieg, war, dass er bereits einen neuen besten Freund gefunden hatte. Auch einen Österreicher.
Das Gespräch an Horthys Küchentisch verlief ergebnislos, und am Ende musste der Kaiser in seinem eigenen Palast in Budapest um ein Gästezimmer bitten. Nur gut, dass der Palast nicht einer der kleinsten war. Andererseits, vielleicht wollten die Horthys gerade deshalb so ungern ausziehen.
Karl, der I./III./IV./V. blieb noch eine Woche, diskutierte jeden Abend mögliche Wege zu seiner Reinthronisierung, aber merkte irgendwann, dass es doch eine Schnapsidee gewesen war, so ganz ohne Plan, ohne Absprachen, ohne Verbündete nach Budapest zu fahren.
Man verblieb gesichtswahrend vage, und nach einer Woche fuhr der Kaiser geknickt zurück in die Schweiz. Ganz ehrlich, die Furie seiner Frau machte ihm größere Sorgen als der vakante Thron und der fremdbewohnte Palast.
Kurzum: Die Zeit in der Schweiz war für Karl noch unerträglicher als sich im Gästezimmer seines eigenen Palastes zu langweilen. Zita machte jetzt fast täglich Stress, zog ihn auf, erwähnte manchmal sogar frech, dass sie sich ja einen anderen Kaiser suchen könne. (Haile Selassie, der Schah von Persien und der Kaiser von Kalifornien waren damals bei europäischen Prinzessinnen hoch im Kurs.) Und wenn er es recht überlegte, musste Karl zugeben, dass ihn dieser Horthy irgendwie an der Nase herumführte.
Also auf zum zweiten Anlauf! Im Oktober 1921 und damit – passend für diese kleine Serie – vor genau 100 Jahren.
„Dieses Mal komme ich mit!“ insistierte Zita, die nicht mehr das volle Vertrauen in den unbedingten Karrierewillen ihres Mannes hatte. Gar kein Vertrauen hatten beide zu Admiral Horthy, dem sie deshalb wiederum nicht vorzeitig Bescheid gaben. Praktischerweise war mittlerweile das Flugzeug erfunden worden, die beiden kauften sich eine Junkers F-13 und flogen nach Ungarn.
Diesmal hatten die Habsburger sogar ein paar Truppen vorbereitet, die sogenannten Legitimisten. Weil Fliegen neu und ungewohnt war, verpassten sich Kaiserpaar und Legitimisten aber ein bisschen und benötigten eine Weile, um sich im Westen Ungarns in die Arme zu laufen.
Nun war der Westen Ungarns, man glaubt es kaum, wenn man heute über die öden Felder dort wandert, damals ein heißes Pflaster. Jeden Monat zu lesen, dass der Erste Weltkrieg nicht 1918 endete, ist womöglich so ermüdend wie ein langer Spaziergang über die Puszta, aber auch zwischen Österreich und Ungarn gab es Ende 1921 noch offene territoriale Fragen.
Das war besonders vertrackt, denn bei den Friedensverhandlungen in Paris bzw. den namensgebenden Schlössern um Paris (Neuilly, Sèvres, Saint-Germain, Trianon, Versailles) war Österreich-Ungarn anfangs noch ein unterlegener Staat, der sich dann schnell in mehrere Staaten aufspaltete, die mit Österreich-Ungarn, das den Weltkrieg ausgelöst hatte, absolut rein gar nichts mehr zu tun haben wollten. „Österreich? Noch nie gehört“, sagten die Ungarn. „Wir waren eigentlich das erste Opfer„, sagten die Österreicher und kamen damit überraschenderweise durch. Also schlugen die Siegermächte den zwischen den beiden Staaten umstrittenen Grenzstreifen (im Wesentlichen das heutige Burgenland) Österreich zu, nicht zuletzt, weil Wien sonst sehr nah an der Grenze zu Ungarn gelegen hätte und in seinem Umland nicht über ausreichend landwirtschaftliche Fläche zur Ernährung der mit gutem Appetit ausgestatteten Hauptstadtbevölkerung verfügt hätte. Außerdem war, ein unglücklicher Zufall, Ungarn just zu jenem Zeitpunkt kurzzeitig kommunistisch (Ihr erinnert Euch), was ihm bei den Siegermächten keine Sympathie einbrachte.
Wien liegt übrigens trotz des Burgenlandes noch immer ziemlich nah an der Grenze, weshalb das eine der wenigen Möglichkeiten ist, an einem Tag zu Fuß von der Hauptstadt eines Landes (Wien) in die Hauptstadt eines anderen Landes (Bratislava) zu wandern, wie ich mal spaßeshalber spontan bewiesen habe. Nicht einmal zwischen Ost- und West-Berlin war das möglich, weil letzteres keine Hauptstadt war. Jerusalem und Ramallah fallen mir noch ein, aber da hagelt es gleich wieder Protestkommentare von Leuten, die dem einen die Staats- und dem anderen die Hauptstadtqualität absprechen wollen.
Aber zurück zum Konflikt um das Burgenland, dem Nahostkonflikt der Großelterngeneration. Obwohl, lasst mich das abkürzen, denn ich blicke ja selbst nicht durch zwischen Saint-Germain und Trianon, zwischen Wieselburg, Ödenburg und Eisenburg, zwischen dem Verein zur Erhaltung des Deutschtums in Ungarn, der Verbindung der Deutschen Landsleute aus West-Ungarn und dem Aktionskomitee für die Befreiung West-Ungarns, zwischen der Österreichischen Legion, den Königlich-Ungarischen Westungarischen Aufständischen, den Legitimisten, den Friedrich-Freischärlern, dem Osztenburg-Detachement und der Interalliierten Generalskommission. All diese Parteien kämpften gegeneinander, miteinander, untereinander.
Um ein paar Felder. (Das Burgenland ist ungefähr so groß wie Französisch-Polynesien. Oder wie Kap Verde. Oder wie Südgeorgien und die Südlichen Sandwichinseln. Das sagt einem alles nichts, was wiederum beweist, wie klein das Burgenland ist.)
Man denkt, die Menschen wären nach vier Jahren Weltkrieg kriegsmüde gewesen. Aber dem war nicht so. Überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, in Österreich ging es erst richtig los.
Und in dieses Chaos, in diesen Hexengulaschkessel, in dieses Pusztapulverfass, sprang seine kaiserlich-königliche Hoheit Karl I. mit Gemahlin aus dem Flugzeug, um Anspruch auf den Thron zu erheben.
Er benötigte erst einmal ein paar Tage, um überhaupt herauszufinden, wer für ihn und wer gegen ihn war. Im Zuge der dadurch ausgelösten Diskussionen spalteten sich viele der Brigaden, Parteien und Freischärlerkorps in anti-monarchistische, monarchistische, revanchistische, legitimistische, gemäßigte royalistische, konstitutionelle, magyaristische und Dutzende von anderen Gruppen. Aber immerhin hatte das eine befriedende Wirkung, weil jetzt nicht mehr geschossen, sondern debattiert wurde. (Das ist der Grund, warum es über diesen Ausläufer des Ersten Weltkrieges keinen Hollywood-Film gibt. Was wiederum der Grund ist, warum Ihr noch nie davon gehört habt.)
Für ein Foto am Bahnhof in Ödenburg fanden sich immerhin eine Handvoll Soldaten, die Karl I./III./IV./V. huldigten.
Die Frau mit dem Blumenstrauß ist Zita, die, weil man schon an einem Bahnhof war, auf die Fahrt nach Budapest, in das große Schloss drängte. Also stieg das Kaiserkönigspaar in den Zug, zusammen mit ein paar Gefährten, von denen es den meisten wahrscheinlich weder um Karl, noch um die Monarchie ging, sondern die sich dachten: „Oh, super, endlich mal nach Budapest! Allemal besser als das Burgenland.“ Denn in Budapest gab es damals schon Kinos, Kneipen und hübsche Studentinnen, weil George Soros eine neue Universität eröffnet hatte.
In der Zwischenzeit war die Nachricht von Karls erneutem Ausflug nach Ungarn zu Admiral Horthy vorgedrungen. Der war weniger erpicht darauf, wieder mit seinem nominellen Chef diskutieren zu müssen. Statt den Tisch zu decken und das Gästezimmer herzurichten, zog er seine Truppen zusammen, um den Zug in Budaörs, einem Vorort von Budapest, zu stoppen. Am 23. Oktober 1921 kam es dort tatsächlich zu einem Gefecht. 19 Soldaten starben. Als Karl sah, dass die Thronbesteigung kein Spaziergang werden würde, blies er die Sache ab.
Am unglücklichsten darüber war Zita. Sie selbst hatte nie auf irgendetwas verzichtet, deshalb fühlte sie sich noch immer als Kaiserin von Österreich, Königin von Ungarn, Königin von Böhmen, Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien, Königin von Jerusalem, Erzherzogin von Österreich, Großherzogin der Toskana und von Krakau, Herzogin von Lothringen und Bar, von Salzburg, Steyer, Kärnten, Krain und der Bukowina, Großfürstin von Siebenbürgen, Markgräfin von Mähren, Herzogin von Ober- und Niederschlesien, von Modena, Piacenza und Guastalla, von Auschwitz und von Zator, Teschen, Friaul, Ragusa und Zara (das hat nichts mit dem Bekleidungsgeschäft zu tun, glaube ich), gefürstete (und vielleicht auch gefürchtete) Gräfin von Habsburg und Tirol, von Kyburg, Görz und Gradisca, Fürstin von Trient und Brixen, Markgräfin von Ober- und Niederlausitz und Istrien, Gräfin von Hohenems, Feldkirch, Bregenz und Sonnenberg, Herrin von Triest, von Cattaro und auf der Windischen Mark, Großwojwodin der Woiwodschaft Serbien, Infantin von Spanien, Prinzessin von Portugal und von Parma.
Aber bevor es zum Ehekrach kommen konnte, wurden die beiden schon verhaftet, auf einen Donaudampfer gesetzt und auf Drängen Englands ganz weit weg gebracht, wo sie bitteschön keinen weiteren Unfug anrichten konnten: Madeira, eine zu Portugal gehörende Insel weit draußen im Atlantik, wo Zita feststellen musste, dass ihre „Prinzessin von Portugal“ null und nichts wert war. Portugal, seit jeher eines der fortschrittlichsten Länder Europas, hatte schon 1910 den König, den Adel und die Kirche zum Teufel gejagt.
Trotzdem besser als St. Helena, würde ich sagen.
Karl hatte nicht viel von der schönen Insel, denn er starb – weil es damals noch keine Impfung gab – an der Spanischen Grippe. Aber auch daraus hat Portugal schnell gelernt, reagierte vorbildlich auf Covid-19 und ist Impfweltmeister.
Wie schaffen die das?
In Portugal wird jeder Bürger, jede Bürgerin, der/die noch nicht geimpft ist, persönlich angeschrieben und angerufen. Und zwar von diesem Mann: Vize-Admiral Henrique Eduardo Passaláqua de Gouveia e Melo, der U-Boot-Kapitän des „Roten Oktober“.
Ergebnis? Mehr als 98% der über 12-Jährigen in Portugal sind geimpft.
Schade, dass in Deutschland alle George-Clooney-Verschnitte, falls wir so etwas überhaupt haben, Querdenker sind. Und Österreich hat nach den bösen Erfahrungen mit Admiral Horthy seine U-Boot-Flotte in der Bucht von Kotor versenkt.
Ex-Kaiser Karl wurde 2004 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen. Warum, das habe ich nicht wirklich kapiert. Echt, diese Katholiken sind komische Käuze. Die Kaiser-Karl-Gebetsliga hat Zweigstellen und Anbetungsorte in aller Welt und einen verzweifelten Aufruf auf der Website: „Gebetserhörungen bitten wir dringend zu melden!!!“ Also, wenn Menschen 2021 noch glauben, dass ein toter Kaiser bei einer Autopanne oder beim Abitur hilft, dann verbietet es sich wirklich, an den Fortschritt zu glauben.
Statt mit einem Gebet schließe ich lieber mit einem Zitat von Karl Kraus:
Gewiss, ein Monarch kann auf Regierungsdauer ein Trottel sein, das widerstreitet nicht dem monarchischen Gedanken. Wenn er sich aber auch in der Zeit, da er kein Monarch mehr ist, wie ein Trottel benimmt durch die Art, wie er wieder Monarch werden möchte, so sollte man doch meinen, dass auch die Anhänger des monarchischen Gedankens ihm die Eignung hierzu absprechen müssten.
Ach ja, Österreich bekam dann tatsächlich das Burgenland, aber ohne dessen Hauptstadt Ödenburg (Sopron auf Ungarisch), wo das kaiserliche Flugzeug niedergegangen war. So konnten sich beide Seiten als Sieger fühlen, und es herrscht seit hundert Jahren Friede, Freude, Kaiserschmarrn.
An der deutsch-polnischen Grenze ist zur Zeit viel Polizei. Wonach sie denn Ausschau halten, frage ich.
Zigarettenschmuggler, sagt die Beamtin, während ihre beiden Kollegen ostentativ der Meinung sind, dass man Fragen von Bürgern gar nicht zu beantworten habe. Vielleicht streiken sie aber auch. Machen ja zur Zeit viele. Wegen Inflation und so. Aber wenn Deflation ist, verzichtet niemand freiwillig. Homo homini inflatius.
Ob in beide Richtungen geschmuggelt würde, frage ich. Die Zöllnerin sieht mich an, wie wenn sie in Gedanken ihre rudimentären Kenntnisse des Strafrechts durchgeht, um zu prüfen, ob Dämlichkeit strafbar ist. Ist sie nicht. Sonst wären die Gefängnisse voll, sag ich Euch, vor allem am Valentinstag.
Zigaretten werden eigentlich nur von Polen nach Deutschland geschmuggelt, sagt sie in einem Ton, wie wenn man das auch von der Sendung mit der Maus wissen könnte.
Ich bedanke mich und spaziere betont unauffällig nach Polen. Das ist hier ganz einfach. Guben, deutsche Seite. Brücke. Gubin, polnische Seite. Kein Pass, keine Schranke, keine Kontrolle. Nicht einmal erschossen wird man mehr. Ist schon eine tolle Sache, diese Europäische Union. Jetzt werden Menschen nur an den Außengrenzen umgebracht, wo man das nicht mit ansehen muss.
Ich bin einer von den Deutschen, denen bei jedem Grenzübertritt bewusst wird, zumindest abstrakt, wieviel Leid Deutschland über unser sympathisches Nachbarland gebracht hat. Nicht zuletzt weil meine polnischen WG-Genossinnen in Bari mich immer wieder daran erinnert haben. Gar nicht absichtlich, nehme ich an. Aber das waren halt junge Menschen, die selbst noch nichts erlebt hatten. Also erzählten sie von ihren Großeltern. Und da kamen immer Deutsche vor, die den Bauernhof anzündeten, die Milch austranken, die Kuh schlachteten, die Oma erschreckten und den Opa erschossen.
Und jetzt schmuggeln die Deutschen den Polen auch noch die Zigaretten weg.
Ich entscheide mich, als kleine Geste der Wiedergutmachung, jeden Tag eine Zigarre auf die polnische Seite zu schmuggeln und dort zu rauchen.
Die haben dort sowieso die schöneren Parks.
Wenn Ihr in Polen übrigens einen Park sucht, fragt nach Adam Mickiewicz. Der hat in jeder Kleinstadt einen Park gepflanzt. Wirklich in jeder. Sollte eigentlich ein Nationalheld sein, dieser Typ.
Links:
Mehr Geschichten aus Polen. Wenn endlich der Winter kommt, finde ich hoffentlich Zeit, über meine Reise nach Krakau und Auschwitz zu schreiben.