Im Schlafentzug nach Schweden

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Ich habe schlecht geschlafen. Fast überhaupt nicht. Obwohl ich ständig auf Reisen bin, auf fünf Kontinenten in 64 Ländern – oder umgekehrt – war, schlafe ich noch immer schlecht, wenn am nächsten Morgen die große Reise losgeht. Umso mehr, wenn ich in unbekannte Gefilde muss. Ich stehe vor meiner ersten Reise nach Skandinavien.

Außerdem konnte ich nicht einschlafen, weil ich den großen Fehler beging, spätabends noch bei Facebook und Twitter reinzusehen. Von ersterem erfuhr ich vom Tod einer Freundin in Bolivien, von zweiterem vom blitzkriegartigen Vormarsch der Taliban in Afghanistan. Vielleicht hat die Bundeswehr aus Versehen die falsche Seite ausgebildet, ausgerüstet und aufgebaut?

Mein Ratschlag, zwei Stunden vor dem Einschlafen keine E-Mails, kein Facebook, kein Twitter, keine Nachrichten, eigentlich gar nichts mehr mit Bildschirmen zu konsumieren, sondern das Gehirn in dieser Zeit nur mehr mit Literatur zu verwöhnen, bleibt trotz punktueller Nichtbefolgung gültig. Überhaupt hängen gute Ratschläge nicht von der Person des Ratgebers ab. Wenn ein Raucher sagt, Rauchen sei ungesund, und ein Nichtraucher sagt, Rauchen sei gesund, hat der Raucher trotzdem Recht. Aber in Zügen darf man gar nicht mehr rauchen, glaube ich.

So meine wirren Gedankengänge, als ich um 4:17 Uhr unausgeschlafen am Bahnhof von Sulzbach-Rosenberg stehe.

Es ist erstaunlich warm an diesem sehr frühen Augustmorgen, und ich bin nicht einmal der einzige Passagier, der auf den ersten Zug des Tages Richtung Nürnberg wartet. Es ist ein ganz besonderer Zug. Nämlich der erste nach Beendigung des Bahnstreiks um 2 Uhr, wie mich ein asiatisch aussehender Mann aufklärt. Er habe deshalb die letzten zwei Tage zuhause bleiben müssen. Kein Home-Office. Er arbeitet nämlich etwas richtiges, nicht so einen Sesseljob, den man von überall aus erledigen kann. Mich wundert immer, wie viele von den Sesseljobbern nicht in ein Land oder zumindest eine Region mit günstigeren Lebenshaltungskosten ziehen. Das ist doch Unsinn, in München oder Hongkong Miete zu zahlen, wenn man auch von Pilsen oder Dniepropetrowsk aus e-mailen könnte.

„Wegen der Kinder“, sagen die Leute dann, und ich frage mich: „Was haben die Kinder davon, dass Ihr Euch krumm und bucklig schuftet, um den Vermieter reicher zu machen?“ Außerdem, wenn Ihr Euer Leben kaputt machen wollt, geht das auch ohne solche CO2-Schleudern in die Welt zu setzen. Und ich muss jetzt Zug fahren, damit wir das Pariser Klimaabkommen noch erfüllen können. Naja, im Moment wäre ich sowieso zu müde zum Autofahren. Früher, als ich noch ein Auto hatte und viel und weit gefahren bin, musste ich manchmal anhalten und eine Stunde schlafen. Einmal wäre ich fast erfroren dabei. Aber das war wahrscheinlich nicht im August. Früher war es aber auch kälter. Eben wegen des Klimawandels. Und so hängt alles mit allem zusammen.

Er arbeite in einem Getränkemarkt, sagt der Mann am Bahnsteig.

„Und da müssen Sie so früh anfangen?“ frage ich entsetzt.

„Nein, aber vom Bahnhof in Hersbruck muss ich noch ein paar Kilometer laufen.“

Ich blicke in den dunklen Nachthimmel und denke mir, dass ein Spaziergang zu so früher Stunde gar keine schlechte Art ist, den Tag zu beginnen. Zudem schläft man so abends sicher besser ein.

Als reisender Reporter sollte ich immer wach sein, immer Gespräche anzetteln oder Telefonate belauschen, aus dem Fenster beobachten, kombinieren und beschreiben. Aber alle Leute im Regionalexpress nach Nürnberg fahren zur Arbeit und schlafen. Draußen ist es noch stockdunkel.

Außerdem: Ich kann nicht zweieinhalb Tage wachbleiben. Und lieber schlafe ich jetzt als wenn wir die Öresund-Brücke überqueren oder Rentiere vor den Fenstern vorbei galoppieren, so sie die deutsche Fünfkampf-Trainerin noch nicht totgeprügelt hat. Das war jetzt eine allzu aktuelle Bemerkung und noch dazu eine, die diejenigen, die, und darüber sei niemandem ein Vorwurf zu machen, die Sportberichterstattung von den Olympischen Pandemiespielen in Tokio nicht verfolgt haben, nicht einmal ein müdes Lächeln zu entlocken vermag.

Apropos müde, das bin ich immer noch, deshalb werden die Gedanken zusammenhangloser und die Sätze länger. Wer die bereinigte Fassung lesen will, muss auf das Buch warten. Wobei es von dieser Reise keines geben wird, dazu ist sie zu unspektakulär. Samarkand statt Stockholm, Seidenstraße statt Schweden, ja das wäre was! Schade, dass man jetzt nicht mehr nach Afghanistan fahren kann. Ein lange gehegter Traum, den ich zu lange gehegt anstatt ausgelebt habe.

Nach Nürnberg steigt Nebel von den Wiesen auf, noch bevor die Sonne über den Horizont lupft. Babys fangen an zu brabbeln. Es wird echt Zeit, dass sich die Klimadiskussion auf diese kleinen CO2-Emittenten fokussiert.

Schon in Erlangen ist der Zug rappelvoll. Der Streik hat die Bahn anscheinend keine Sympathien gekostet. So interessante Geschichten wie auf der eisenbahnlichen Kanada-Durchquerung sind im ICE durch Deutschland nicht zu sammeln. In Deutschland erzählt dir keiner die Lebensgeschichte. Hier wird entweder wichtig getan oder mürrisch geguckt.

Am schlimmsten sind die Spießer, die einen bestimmten Sitzplatz reservieren und dann andere Passagiere aufwecken, anblaffen und verscheuchen. Ich weiß nicht, was das soll. Es gibt Sitze für jeden. Sogar im Flugzeug habe ich noch nie gesehen, dass jemand stehen muss. Außerdem macht es doch viel mehr Vergnügen, durch den Waggon zu spazieren und sich neben den am sympathischsten oder interessantesten erscheinenden Mitreisenden zu setzen. Ich setze mich zum Beispiel gerne zu Leuten, die Bücher lesen. Die Reservierungsfetischisten sind so doof, die setzen sich sogar direkt hinter ein Baby, nur weil die Nummer auf dem Ticket steht. Und auf der Suche nach der Nummer schleppen sie ihren Koffer durch den ganzen Zug, anstatt den ihnen nächstliegenden Platz zu okkupieren.

Gepäck ist auch nervig. Früher hatten die Züge dafür einen extra Waggon, so dass es nicht die Flure und Sitze vollstellte. Zwischen Sucre und Potosí, in Bolivien, gibt es einen Zug, bei dem das Gepäck mit einem zu einer Draisine umgebauten Dodge-Pick-Up vorausgeschickt wird und entsprechend den Adressaufklebern auf die Hotels und Häuser verteilt wird. Wenn die Passagiere nach Potosí kommen, steht der Koffer schon im Schlafzimmer.

Zugegeben, das war lange her und die Draisine steht jetzt im inoffiziellen Eisenbahnmuseum in Sucre, zu dem Euch der Stationsvorsteher Miguel mit einem großen Schlüsselbund Zutritt verschafft, wenn er an dem Tag nichts zu tun hat, was, als ich in Sucre war, zum Glück oder Unglück der Fall war, weil die Brücke zwischen Sucre und Potosí eingestürzt war. In Sucre wurde übrigens der Zebrastreifen erfunden. Und Potosí war mal die reichste Stadt der Welt. Ist aber nicht mehr viel übrig davon, ich habe nachgeschaut.

Wenn ich müde bin, aber nicht einschlafen kann, komme ich leicht ins pausen- aber zusammenhanglose Erzählen. Das erste Mal wurde mir das im Pfadfinderlager bei Luminy, außerhalb von Marseille, bewusst. Die ganze Gruppe lag in einem Zelt, denn Zeltaufbau erfordert Ressourcen, die wir lieber der Waldbrandbekämpfung widmeten, wofür wir schließlich von den französischen Pfadfinderkollegen und -kolleginnen eingeladen worden waren. Diese Erfahrung verschaffte mir viel später die Gelegenheit, brasilianischen Feuerwehrleuten bei der Bekämpfung von Waldbränden im Nationalpark Chapada Diamantina zu helfen. Nachdem ein anderer Feuerwehrmann verlustig gegangen war, durfte ich beim Rückflug nach Lençois sogar dessen Platz im Helikopter einnehmen. Das war wie bei „Black Hawk Down“. Bahia, der brasilianische Bundesstaat, sieht ja auch aus wie Somalia.

Jedenfalls kann ich nicht leicht einschlafen, wenn ich mit anderen Leuten im Zimmer, im Zelt, in der Zelle oder im Zug bin. Ich weiß nicht, was das Problem ist, denn ich habe keine Angst, dass mich jemand beklaut oder ermordet. Im Zelt im südfranzösischen Zedern- und Zypressenwald machte mich die Insomnia ganz hyperaktiv, und ich begann zu erzählen. Ganz unterhaltsam anscheinend, vielleicht sogar lustig, denn bald war der ganze Trupp alkoholisierter Pfadfinder wach vor Begeisterung. Oder vor Überraschung, weil ich bis dahin immer ruhig und schüchtern gewesen war und keinerlei Talent zum Late-Night-Entertainer gezeigt hatte. Das muss vor genau 30 Jahren gewesen sein, denn wir lauschten damals auf Kurzwelle gespannt den Nachrichten aus Moskau, von dem uns bekannten Gorbatschow, dem uns noch unbekannten Jelzin, den Panzern vor dem Parlament, und schließlich den Bürgern auf den Panzern. Währenddessen spann der uns damals vodka-absolut unbekannte Putin in Dresden seine ersten kriminellen Fäden. Der Absolut-Vodka kommt übrigens gar nicht aus Russland, sondern aus Schweden.

Aber das hat jetzt nichts mehr mit der Eisenbahn zu tun. Obwohl, doch: Denn nach Marseille fuhren wir mit dem Zug. Damals dachte man noch, Ausland sei gefährlicher als Inland. Irgendwie hatte sich die Geschichte verbreitet, dass in Frankreich Banditen ins Abteil kämen und die schlafenden Passagiere mit KO-Tropfen bestäuben und sie sodann ausrauben würden. Anstatt uns zu fragen, wer so blöd wäre, Pfadfinder zu beklauen, hielten wir abwechselnd Wache. Nach Marseille bin ich später übrigens noch einmal gefahren, zu einem Vorstellungsgespräch. Hat aber nicht geklappt.

Nördlich von Coburg zieht ein Heißluftballon durch den Morgenhimmel. So ein Bahnstreik macht die Leute kreativ. Ich bin zu müde zum Fotografieren. Nur Schreiben geht immer. Naja, Ihr seht ja, was für ein Gonzo-Quark dabei raus kommt. Immerhin ist mein Quark konsequent linksdrehend. Oder dreht nur Joghurt? Ganz ehrlich, ich konnte da nie einen Unterschied schmecken. Und wenn man den Becher auf den Kopf stellt, dreht er plötzlich andersrum, oder was? Und was, wenn man den Joghurt auf die Südhalbkugel mitnimmt? Angeblich fließt da auch das Wasser andersrum in den Abfluss. Ich habe ein paar Jahre auf der Südhalbkugel gelebt, aber das habe ich nie überprüft. Interessiert doch auch niemanden, solange der Abfluss überhaupt funktioniert. In Bolivien war eher der Zufluss das Problem. Manchmal gab es ein paar Tage kein Wasser. Kennt Ihr vielleicht aus dem Film „Quantum of Solace“. Ist aber ne echte Geschichte. So ungefähr wie in dem Filmausschnitt sieht der oben erwähnte Bahnhof von Sucre aus. Immerhin der Hauptstadt Boliviens. Nein, das ist nicht La Paz. Schaut doch nach, wenn Ihr es nicht glaubt: Artikel 6 Absatz 1 der bolivianischen Verfassung. Die Verfassung zu lesen, sollte eigentlich dazu gehören, wenn man ein Land kennenlernen will. Aber naja, ich mache mir die Mühe, damit Ihr es nicht tun müsst.

In Leipzig wird sogar dem Kapitän die Reservierungsraserei zu bunt. Ganz freundlich sagt er durch: „Nehmen Sie einfach den nächstgelegenen Platz. Jeder Sitz ist genauso bequem wie die anderen.“ Danach rast er mit 200 km/h durch die Landschaft, aber es bleibt bequem. Schon toll, so ein Zug. Im Auto hingegen bekommt man bei 200 km/h Panik. Vor kurzem fuhr ich per Anhalter von Italien nach Deutschland zurück. Auf der A6 nahm mich ein junger Mann mit, der so schnell, unvorsichtig und aggressiv fuhr, dass ich an der nächsten Raststätte wieder ausstieg, obwohl er weiter in die gewünschte Richtung fuhr.

Lutherstadt Wittenberg, das ist so eine Namenskombination, die ich immer mit dem ICE verbinde. Genauso wie Kassel-Wilhelmshöhe oder Berlin-Gesundbrunnen. An jeder Station steigen mehr Leute ein als aus. Das kann nicht immer so weitergehen, weder linear, noch exponentiell. Erst am Hauptbahnhof in Berlin wird sich das Verhältnis umkehren. Ein beliebtes Städtchen, anscheinend. Aber hässlicher Bahnhof. Im Keller, wie ein Bombenbunker. Selbst die tatsächlich zerbombten Bahnhöfe in Nürnberg und Leipzig wurden wieder schön und grandios, wie es der Bahn als dem besten Verkehrsmittel aller Zeiten angemessen ist, wieder aufgebaut.

Einen der Klapptoptypen, der laut herumposaunt hat, dass er IT-Mensch ist und deshalb dringend und wichtig nach Hamburg muss, um dort etwas zu kalibrieren, installieren, rekonfigurieren oder desinfizieren, ereilt die gerechte Strafe, als die ihm gegenüber sitzende Oma ihr Handy herausholt und ihn bittet: „Wenn Sie in IT machen, können Sie mir mal mit meiner Corona-App helfen?“

Salat hilft noch mehr gegen die Müdigkeit als Coca-Cola. Das Problem bei meiner Müdigkeit ist, dass das Gehirn noch schneller läuft. Wie wenn der müde Körper es nicht mehr im Zaum halten kann. Ich komme kaum mit dem Schreiben mit. Gut, dass das später niemand lesen muss. Heinrich Schliemann hat seine Notizen übrigens immer in der Sprache des Landes aufgeschrieben, in dem er gerade war. Aber damals waren ja auch die Züge langsamer. Außerdem sprach er dreißig Sprachen, und ich nur drei. Aber ich glaube, das war auch so ein Karl-May-Typ. Karl May, nicht Karl Marx. Den Jüngeren muss man erklären, wer das war. Oder liest den noch jemand?

Paare finden es anscheinend vollkommen normal, nebeneinander zu sitzen und jeweils in einen separaten Bildschirm zu glotzen. Oder sie sind auf dem Rückweg von der Hochzeitsreise, und die Beziehung ist eh schon kaputt.

Nach Berlin ist Deutschland vollkommen flach, wie geschaffen für Panzerschlachten. (Je langweiliger das Terrain, umso mehr entscheiden Technik und Taktik.) Schade, dass sich die Reenactment-Gruppen nicht an so etwas wagen, sondern nur mit ihren Holzschwertern rumkloppen. Was ja auch meist nur ein einstündiger Vorwand ist, um sich anschließend den ganzen Abend die Wampe vollzuschlagen. Von den Hungersnöten im Mittelalter haben die Typen anscheinend noch nie gehört.

Selbst hier, wo es nicht viel zu sehen gibt, fährt der Zug viel zu schnell für meinen Geschmack. Die kleinen Bahnhöfe, die verfallenen Kolchosen, die Windmühlen, überall würde ich gerne aussteigen, um zu erkunden. Wenn der Zug mal kurz stehen bleibt, ertönt eine entschuldigende Durchsage. Wie wenn es schlimm wäre, den Schafen auf der Weide zuzusehen. Besser als der Weidel beim Schaffen zuzusehen. Anstatt Schafzucht machen die Leute hier aber jetzt mehr in Windenergie, wie es aussieht. Soll mir recht sein, Lammfleisch ist nicht mein Ding. Nicht meine Tasse Tee, wie der Engländer sagt, aber was nutzt das denen, die sich nichts aus Tee machen? Schweife ich ab? Nicht mehr als sonst? Okay, dann ist ja gut.

Außerdem steige ich jetzt um, damit mal ein bisschen Abwechslung reinkommt. Hamburg Hauptbahnhof. Viel zu klein für die vielen Leute. Ich kann nicht sagen, was das für die Stadt bedeutet, weil ich nicht weiß, ob die Menschen ankommen oder weg wollen.

Der Zug nach Flensburg ist jedenfalls voll wie eine Sardinendose. Fährt ja auch zum Meer. Ich bekomme nur einen Platz neben der Toilette. Zwei Stunden lang Tür auf, Tür zu, strunz, pinkel, blubber, Spülung, Tür auf, Tür zu. Da müsste selbst ein Stein aufs Klo, wenn er das immerzu hörte. Macht die Toilette halt schalldicht, liebe Deutsche Bahn AG. Aber wahrscheinlich ist die gar nicht zuständig dafür, sondern irgendein Tochterunternehmen. DB Rail Passenger Sanitary Services GmbH & Co KG oder so. Verschachtelt wie bei den Panama Papers. Durch Panama fährt übrigens auch ein Zug. Vom Pazifik zum Atlantik. Oder umgekehrt. Je nach Tageszeit. Da war ich aber noch nicht. Müsste ich mal hin. Vielleicht, der Gedanke kam mir schon oben bei der bolivianischen Eisenbahn, für ein Buch über Eisenbahnen in Süd- und Mittel-, also Lateinamerika. Nicht so ein langweiliges Eisenbahnbuch über Lokomotiven und Spurweiten, sondern etwa so wie meine Trilogie über die Kanada-Durchquerung. Gespräche mit den Menschen im Zug. Gedanken über die völkerverbindende Eisenbahn. Interessante Zwischenstopps. Banditenüberfälle. Naja, was einen selbst interessiert, interessiert meist niemand anderen. Deshalb sind die Zeitungen voll mit Fußball und Bitcoin, und meine Geschichten will niemand drucken. Deprimierend ist das.

Ein sehbehinderter Mann tappst herum. Ich helfe ihm auf die Toilette.

„Das haben Sie sehr gut gemacht“, sagt ein scharfäugiger älterer Mann, der mir gegenüber sitzt und mit dem Flixtrain von München nach Hamburg gefahren ist. 24 Euro, billiger geht’s nicht. Außer Trampen, aber das ist arg, wenn man so viel Gepäck hat wie er oder ich. Er fährt nur bis Rendsburg, wo er ein Wohnmobil abholt. Mit dem fährt er dann zurück, sagt er, nicht mit dem Zug. Das ergibt Sinn, denke ich. Danach will er nach Dalmatien, Dubrovnik und überhaupt überall hin auf unserem schönen Kontinent. Zeit hat er, denn er ist Frührentner. Bis dahin war er Bauingenieur, Projektleiter für Flughäfen, später Leiter der Bauabteilung bei Siemens. In Cuxhaven hat er eine Riesenfabrik gebaut, wo Masten für Windräder zusammengeschraubt werden. Nicht die großen, die ich oben fotografiert habe, sondern die megasuperdupergroßen, die im Meer stehen. Da gibt es weniger Protest von Anwohnern, sagt er. Wahrscheinlich weil es weniger Anwohner gibt, denke ich mir. Aber was weiß ich schon.

In Rendsburg steht eine Moschee neben den Bahngleisen. Wartet wahrscheinlich auf den Orient-Express, haha.

Der rüstige Rentner steigt aus und wird durch eine rüstige Radfahrerin ersetzt. Sie fährt auch bis nach Flensburg und will von dort die Ostsee abradeln. Hoffentlich immer mit Westwind, aber ohne Orkan. Im Regionalzug sind die Leute viel gesprächiger. Sie erzählen aus ihrem Leben, von ihren Reisen, von ihren Plänen. Aber sie scheint in Eile zu sein. Denn als sich die Verspätungen wegen gestörter Signalanlagen und blockierter Gleise aufsummieren, wird sie immer unruhiger: „Schon 46 Minuten Verspätung!“

„Ich finde das gut,“ entgegne ich vergnügt, „je langsamer wir fahren, umso mehr sehe ich von der Gegend.“

Alle Umstehenden lachen, zur Hälfte aus Heiterkeit, zur Hälfte aus Verbitterung. Letztere sind jene, die jeden Tag die gleiche Strecke fahren. Das ist halt auch kein gewinnversprechender Lebensentwurf.

„Ich fahre ja zum ersten Mal durch diesen schönen Landstrich“, versuche ich, die örtlichen Gemüter zu beruhigen. So weit im Norden war ich noch nie in Deutschland. In anderen Ländern schon, in Schottland, in Litauen, in Lettland, in Estland. Wie so viele habe ich zuerst die Welt und erst später mein eigenes Land kennengelernt. Ein Großonkel oder Urgroßonkel war mal in Norwegen. Mit der Wehrmacht. Diese Generation ist echt viel rumgekommen.

Kurz darauf fährt der Zug auf eine Eisenkonstruktion. Eine Brücke, aber auf ganz dünnen Stelzchen, und einen kompletten Kreis beschreibend. Wie auf einer Achterbahn. Faszinierend.

Die wagemutige Brücke dient der Überbrückung eines Kanals.

„Was ist das?“ fragt die Radlerin verwundert.

„Das ist der Kaiser-Wilhelm-Kanal“, wage ich einen vorlauten Versuch.

„Ich dachte, Sie sind zum ersten Mal in dieser Gegend?“

„Ja, aber was soll es sonst sein?“

Sie glaubt mir nicht, guckt bei Google Maps nach, und es stellt sich heraus, dass der Kaiser-Wilhelm-Kanal jetzt Nord-Ostsee-Kanal heißt. Schon wieder so eine Umbenennung aus political correctness. Dabei wurde der Kanal einst für die Wikinger erbaut, damit diese schneller von der Ost- in die Nordsee segeln und rauben und brandschatzen konnten. Diese Ingenieursmeisterleistung war wohl auch das Vorbild für den Panamakanal. Oh, ein Wort mit fünf gleichen Vokalen. Jetzt fühle ich mich herausgefordert: Panamakanalrand. Panamakanalrandsandstrand. Panamakanalrandsandstrandananas. Panamakanalrandsandstrandananassaftbar! Leute, die mit mir im Zug sitzen, wundern sich oft, warum ich beim Schreiben lachen muss. Aber sogleich folgt auf die manische die depressive Erkenntnis, dass diese und andere Spielereien meinen englisch- und anderssprachigen Lesern vorenthalten bleiben. So wird die Welt nie erfahren, was ich eigentlich kann. Ganz ehrlich, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man ein glückliches Leben führen soll, wenn man nicht Deutsch kann. Baut mehr Goethe-Institute, von Kandahar bis Samarkand!

Kaiser Wilhelm II. hat wahrscheinlich auch die Moschee in Rendsburg erbaut, denn seiner Meinung nach gehörte der Islam ganz sicher zu Deutschland.

Harry Martinson schrieb: „Nord-Ostsee-Kanal heißt ein langweiliger, altväterlicher Kanal, der immer irgendwie an Onkel Bräsig erinnert. […] Der Suezkanal, der in gerader Richtung durch die öde Wüste verläuft, hat mehr zu bieten als dieser militärische Ackergraben in Holstein. Ein paar hohe, imponierende Brücken sind das Einzige. Aber die sind auch wirklich stattlich.“ Ich habe sein Buch „Reisen ohne Ziel“ im Gepäck, denn in Schweden lese ich gerne schwedische Autoren. Martinson war ein ziemlicher Herumtreiber, gewann aber 1974 den Nobelpreis für Literatur. Erinnert sich kein Mensch mehr daran. Anscheinend sind diese Preise gar nicht so wichtig.

Und schon sind wir in Flensburg. In zehn Stunden quer durchs Land, von Bayern bis in die nördlichste Stadt Deutschlands. Die Stadt, von der aus das Deutsche Reich in seinen letzten Tagen und Atemzügen regiert wurde. Von Admiral Dönitz, der von Hitler als Nachfolger eingesetzt worden war und diesen Job noch drei Wochen ausführte, bis ihn britische Soldaten ins Altersheim abführten.

Es gibt ja jene, die behaupten, dass Dönitz nie kapituliert oder abgedankt habe, dass deshalb das Deutsche Reich fortbestehe und die BRD ein illegitimer Staat sei, und so weiter. Falls Ihr so jemanden kennt, schickt ihm diesen Artikel. Darin räume ich mit all den Falschdarstellungen und Fehlinterpretationen auf.

Jetzt tritt aus dem Bahnhof Flensburg eine dunkelhaarige Bundeswehr-Soldatin in Uniform und küsst innig ihre blonde Freundin, um sodann Hand in Hand in die Stadt zu spazieren. Es hat sich wahrlich etwas getan in Deutschland seit Dönitz. Hier, wegen der nahen Grenze zu Dänemark, vielleicht mehr als anderswo.

Auf zweisprachigen Denkmälern werden dänische und deutsche Soldaten beweint, die 1864 gegeneinander gekämpft haben. Jetzt hängen in der Stadt Wahlplakate des Südschleswigschen Wählerverbandes, einer dänischen Partei, die zur deutschen Bundestagswahl antritt. Die Dänen haben Minderheitenrechte in Schleswig-Holstein, eigene Schulen, eigene Bibliotheken, eigene Kirchen. Parallelgesellschaft würde man es nennen und bekämpfen, wenn es nicht um eine Arierrasse, sondern um Türken, Kurden oder Araber ginge.

Aus der Zeit jener Kriege oder allerhöchstens der des Kaisers stammt auch der Bahnhof von Flensburg. Ohne dass seither irgendetwas modifiziert oder modernisiert wurde. Auf dem „Abort“ gibt es keine Seife, keinen Trockner, kein Toilettenpapier.

Die Stadt an sich, naja.

Ein Bus fährt vorbei, Linie 21. Fahrtziel: Glücksburg. Spontan halte ich die Hand raus, spontan hält er an.

„Einen Fahrschein nach Glücksburg, bitte.“ Der Name gefällt mir, egal, was es dort gibt. Und der Zug nach Dänemark geht erst am Abend, ich habe also Zeit für eine spontane Exkursion. Am Bahnhof gibt es so große Schließfächer, in die sogar ein Seesack passt, also kann ich unbeschwert herumstreunen und Seeluft schnuppern.

„Möchten Sie zum Schloss?“ fragt der Busfahrer.

„Ja, gerne“, sage ich, begeistert, was ich für ein Glückskeks bin. Ein Zufallsbus, und er fährt direkt zu einem Schloss! Das muss das Schloss von Tucholsky sein, erinnere ich mich vage an eine Episode aus des Meisters Leben.

Am Straßenrand steht ein Blitzgerät, und das ist wahrscheinlich, wofür Flensburg den meisten Deutschen ein Begriff ist. Hier werden die Punkte addiert und nur ganz selten subtrahiert, die man durch Rasen und andere Verkehrsverstöße sammelt.

Wenn die Bonuskarte voll ist, steht ein Monat Fahrrad- oder Zug- statt Autofahren auf dem Programm. Alles für den Klimaschutz!

Die Glücksburg ist eine in einer kleinen Burg untergebrachte Stadtbibliothek. Denke ich zuerst. Denn für mich sind Bibliotheken tatsächlich ein Hort des Glücks. Wissen, Information, Zerstreuung, gemütliche Sessel, alles kostenlos und ohne Konsumzwang. Außerdem trifft man dort meist andere schlaue Leute.

Mit dem Schloss meinte der Busfahrer jedoch das Wasserschloss des Prinzen zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, der scheinbar ein Faible für deskriptive Burgnamen hatte. Das Bundesland Schleswig-Holstein hieße auch heute noch Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, wenn nicht die Dänen die letzten beiden Burgen erobert hätten, weil der dänische König darin wohnen wollte. Dänemark hatte wohl keine eigenen Burgen. Das kommt davon, wenn man nur Windmühlen, Atlantikwälle, Öresundbrücken und so praktisches Zeug baut.

Neben dem Schloss liegt ein See, der sich gemütlich umwandern lässt. Und mit umso mehr atheistischer Freude, wenn man erfährt, dass auf dem Grund des Sees das Rüdekloster liegt, das durch Überflutung säkularisiert wurde.

In Abwandlung eines Anwaltswitzes: Was sind tausend tote Mönche auf dem Boden eines Sees? – Ein guter Anfang.

Am See ist es so windig wie am Meer, und es wird kühl. Also zurück zum Bahnhof. Vor dem Schloss steht eine Mitfahrbank, coole Sache. Falls Ihr das nicht kennt, lest gerne in meinem Artikel über Ostbelgien oder über die Nazi-Burg nach.

Aber da kommt auch schon der Bus. Linie 22, aber der gleiche Fahrer wie vorher im 21er. Er fährt nicht in Flensburger Verkehrsverbunduniform, sondern im offenen karierten Hemd über schwarzem T-Shirt. Wie so ein Papa, der als Aushilfe den Schulbus fährt, weil der eigentliche Schulbusfahrer von dieser Behörde in Flensburg aus dem Verkehr gezogen wurde. Daher kommt übrigens die Redewendung.

Er erkennt mich und sagt: „Ach, Sie haben heute doch schon einmal einen Fahrschein von mir gekauft. Gehen Sie einfach durch.“ Sehr nett.

Eine Familie aus Bayern mit zwei Kindern und vier Fahrrädern will die 9 km zurück nach Flensburg nicht mehr strampeln und fragt, ob sie die Fahrräder mit in den Bus nehmen dürfen.

„Eigentlich nicht“, sagt der Fahrer, steigt dann aber aus und hilft ihnen, die Räder zwischen den Sitzen zu verstauen. Sehr nett.

Ein Mädchen steigt ein und fragt: „Halten Sie auch an der Post oder nur beim Bahnhof?“

„Eigentlich nur am Bahnhof, aber wenn Sie zur Post müssen, kann ich Sie da rauslassen.“ Sehr nett.

Als ich aussteige, wünscht er mir noch einen schönen Tag, ohne zu ahnen, wie sehr er dazu beigetragen hat, dass es einer geworden ist. Den schlechten Ruf hat Flensburg nicht verdient. Die Menschen in Schleswig-Holstein sind wirklich nett. Schade, dass der grüne Typ von hier nicht als Kanzler kandidiert. Aber Olaf Scholz kommt ja auch aus dem Norden. Hoffentlich schaffen es meine Briefwahlunterlagen rechtzeitig nach Stockholm.

Weil der oben erwähnte deutsch-dänische Krieg mittlerweile vergessen ist (oder wusstet Ihr etwas davon?), fährt ein flauschiger Zug von Flensburg nach Fredericia. Das „flauschig“ ist nicht nur der Alliteration geschuldet. Der dänische Zug ist gemütlicher als der deutsche. Viel mehr Platz für Gelenke, Gepäck und Gesäß. Tief wie in einem Fernsehsessel sitzt man. Und das ist nur die zweite Klasse. Vielleicht gibt es hier aber auch keine unterschiedlichen Klassen, schließlich beginnt ab hier der skandinavische Sozialismus.

In Padborg, anscheinend schon in Dänemark, stürmen dänische Polizisten den Zug und rufen „Passport! Covid test!“, aber im Ton von „This is a robbery!“ Martialisch marschieren sie durch den Zug, wie wenn sie am liebsten jemanden rauswerfen würden. Ich habe Pass, Covid-Test und einen vollständig ausgefüllten Impfpass, und plötzlich wird der Polizist ganz freundlich. Vielleicht hat er sonst viel mit Corona-Flüchtlingen zu tun, die ihm weismachen wollen, dass es das Virus gar nicht gäbe. Warum versuchen die Querdenker es eigentlich nicht mit Schmuggel? Da können sie dann erklären, dass Alkohol in Wirklichkeit gar nicht schädlich sei und dass Landesgrenzen genauso arbiträr sind wie andere Grenzwerte.

Am nächsten Halt kommen tatsächlich zwei Frauen vom Zoll, werfen aber auch niemanden aus dem Zug. Es ist komisch, innerhalb der EU wieder solche Kontrollen zu erleben. Man hat sich scho ans freie Reisen gewöhnt. Jüngere haben Grenzkontrollen bisher noch nie erlebt und vergessen schon mal ihren Pass zuhause, wenn sie von Finnland nach Frankreich fahren oder von Tallinn in die Toskana touren.

Aber Dänemark hat ja auch einen Zaun aufgestellt, um das Vordringen der Schweinepest aufzuhalten. Vielleicht haben die Zollbeamtinnen nur nach Wild- und Hausschweinen unter den Passagieren Ausschau gehalten. Die Umweltschweine fliegen lieber.

Dänemark ist, glaube ich, Land Nr. 65 auf meiner Länderliste. Aber das ist ja doof, so etwas zu zählen, wenn man nur durchfährt. Noch dazu nachts, wenn man sowieso nichts sieht. Außer die Bahnhöfe. Kleine Orte scheinen es zu sein, Hjordkær, Rødekro, Lunderskov. Nicht viel los. Hauptsächlich Jugendliche steigen ein und aus. Ein Student gegenüber von mir, der seinen Studentenstatus sehr demonstrativ zur Schau stellt, liest einen Aufsatz über soziale Bildungsungleichheit am Beispiel von hochbegabten Kindern in Vorschulen. Oder so etwas. Ich kann ja gar kein Dänisch.

Bald kommt Fredericia, dessen Hauptberechtigung darin besteht, dass hier die Züge nach Osten, also nach Kopenhagen abbiegen können. Der Bahnhof ist ein einziges Skandinavien-Klischee, wie wenn ihn die Dänische Reichsbahn bei IKEA bestellt hätte. Das krasse Gegenteil des wilhelminischen Bahnhofs in Flensburg. Kein Wunder, dass sich an diesen Geschmacksgegensätzen immer wieder Konflikte entzündeten, die mit der Schleswig-Holstein-Frage eine der kompliziertesten politisch-territorialen Fragen in einem an komplizierten politisch-territorialen Fragen nicht armen Europa aufwarf.

Ökonomen teilen Europa in die Eurozone und den Rest. Viel relevanter für Reisende ist die Unterteilung in Bargeld und Elektrogeld. Dänemark gehört jeweils zu letzterer Gruppe. Manche Leute glauben, dass Kartenzahlung moden und einfach und schnell und effizient sei. In Wirklichkeit ist es einfach nur scheiße. Im wörtlichen Sinn, denn die beiden Toiletten im Bahnhof von Fredericia lassen sich nur mit Kreditkarte und Abbuchung von 10 Kronen (etwa einem Euro) öffnen. Weil das Kartenterminallesegerätoderwasweißich gerade nicht funktioniert, kann man sich am wichtigsten Bahnhof in Dänemark nicht die Hände waschen.

Jedes Loch im Boden wäre schlauer und sinnvoller als eine Toilette, zu deren Wiedereröffnung ein IT-Konsultant aus Kopenhagen kommen muss, der einen Code von der Zentrale aus Singapur anfordern muss, die von ihm einen Fingerabdruckscan zur Berechtigung verlangen wird, um einen PIN zu erhalten, den er dann im Waschraum in ein Terminal eingeben muss, der jedoch verschlossen ist, so dass der ganze Bahnhof gesprengt und neu gebaut werden muss. Jetzt weiß ich auch, warum der Bahnhof hier so neu aussieht. Ich weiß nicht, welcher verfluchte Technikfuzzi die Scheißidee hatte, ein Scheißhaus mit einer Scheißkarte zu versperren, aber derjenige sollte eine Woche auf einer Toilette eingesperrt werden. Und zwar ohne Handy. Aber irgendwie passt das zu einem Land, das schon im 10. Jahrhundert von König Bluetooth regiert wurde.

Oder nehmt die Gepäckaufbewahrung. Ein leider aus der Mode gekommener Service, der jedoch äußerst praktisch ist, wenn man mit einem randvoll mit Büchern gefüllten und daher 25 kg schweren Rucksack unterwegs ist. In Flensburg gab es so alte Stahlkästen, man warf ein paar Münzen hinein, drehte den Schlüssel um und war entlastet von der Bürde des Besitzes. Freiheit!

In Fredericia hingegen sehen die Schließfächer super schick aus, wie knallrote, frisch geputzte Olivetti-Kaffeemaschinen, aber – Ihr ahnt es schon – sie sind nutzlos, wenn man keine Kreditkarte hat. Münzen und Scheine schlucken die Designerteile nämlich nicht. Dafür sind sie sich zu fein.

An alle Designer, Planer, Architekten und Entwerfer von irgendetwas, seien es Kaffeeautomaten, Autobahnmautsysteme oder Pandemiebekämpfungspläne: Wenn Ihr glaubt, modern zu sein, und alles auf Kartenzahlung oder Handy-Apps basiert, schließt Ihr damit von vornherein 10 oder 20 Prozent der Bevölkerung aus. Das wäre so, wie wenn man Häuser oder Nahverkehrssysteme plant, die niemand über 65 benutzen könnte. Oder niemand mit körperlichen Einschränkungen. Oder keine Armen. Das ist kurzsichtig, einfältig, dumm und klassistisch. Und nicht modern.

Ein weiteres Problem, dass diese Designer angeblich smarter, in Wirklichkeit aber saublöder Technologie übersehen: Nicht jeder Mensch will, dass eine Menge Unternehmen, die dort Arbeitenden und alle Hacker dieser Welt wissen, wo man wann was gekauft oder benutzt hat. Manche von uns reisen inkognito. Oder sind auf der Flucht. Oder wollen nicht, dass die Ausgaben auf ihrer Kreditkarte mit den Ausgaben der Kreditkarte eines zufällig hinter einem in der Schlange Stehenden und einem anschließend zufällig auf die gleiche Toilette gehenden Terroristen zusammenkombiniert werden. Wegen so einem Scheiß verschwinden Leute für acht Jahre in Guantanamo. Dort haben sie endlich Ruhe vor dem ganzen Internetüberwachungsterror. Was ist denn das für eine Welt, wo man ins Gefängnis gehen muss, um frei zu sein?

Apropos Terroristen: So heißt auch der zehnte Band der höchst empfehlenswerten Schwedenkrimireihe von Maj Sjöwall und Per Wahlöö, in dem der Strafverteidiger Hedobald Braxen Schlussplädoyers hält, die genauso wunderbar zusammenhangslos sind wie dieser Artikel. Ich frage mich immer, wie man zu zweit ein Buch schreibt. Oder sogar zehn Bücher. Eines der lustigstens Bücher ist ebenfalls das Produkt von zwei gleichberechtigten Schriftstellern: „Zwölf Stühle“ von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow.

Außerdem machen mit Kreditkarten bediente Schließfächer die Arbeit der dänischen Kriminalkommissare sehr langweilig. Wahrscheinlich gibt es deshalb so viele Schweden- , aber kaum Dänenkrimis. Denn wenn ein Plutoniumschmuggler eine Tasche in einem Schließfach vergisst, z.B. weil er von anderen Plutoniumschmugglern (oder von Atomkraftgegnern) in einen Zustand versetzt wurde, in dem ihm das Erinnern (allerdings auch das Vergessen) verunmöglicht wurde, dann fällt das heutzutage niemandem auf, solange von der Kreditkarte die täglichen Gebühren abgebucht werden. Kein Verdacht. Kein Fall. Keine Ermittlungen. Kein Krimi. Weder in der Buch- noch in der meist enttäuschenderen Filmfassung. Noch enttäuschender als Verfilmungen von Büchern sind übrigens Neuverfilmungen von alten Filmen. Kürzlich sah ich die Neufassung der Glorreichen Sieben von 2016, die aus unerfindlichen Gründen, also wohl Geldgier, die Glorreichen Sieben von 1960 neuverfilmt hat, wobei die Glorreichen Sieben von 1960 bereits eine Neuverfilmung der Sieben Samurai von 1954 sind. Dieser neue Film ist so grottenschlecht, dass sich alle Plutoniumschmuggler der Welt zusammentun sollten, um alle Verantwortlichen bei Metro-Goldwyn-Mayer, Sony Pictures und Columbia Pictures zu vergiften. Und wenn sie sich schon zusammentun, könnten sie auch gleich für bessere Arbeitsbedingungen eintreten. Vielleicht verwechsle ich Plutonium mit Polonium, ich bin ja kein Alchemist. Oder Chemiker, wie man das heute nennt. Die Alchemisten sind jetzt Homöopathen. Die Neufassung der Glorreichen Sieben von 2016 habe ich nur angesehen, weil ansonsten kaum Westernfilme erscheinen. Der letzte gute war die Serie „Godless“ auf Netflix. Wobei ich nicht verstanden habe, wie Jeff Daniels einen einarmigen Banditen spielen konnte, aber in späteren Filmen wieder zwei Arme hat. Bei mir wird hoffentlich nie jemand ein Drehbuch für einen Western in Auftrag geben, denn ich schweife mit jedem neuen Satz um zwei Ecken ab.

Also, lasst mich fortfahren in meiner ludditischen Tirade: Vor zwanzig Jahren oder in münzbasierten Gesellschaften würde der oben erwähnte Plutoniumkoffer im Schließfach (Ihr erinnert Euch hoffentlich noch?) nach ein paar Tagen des Nichtabgeholtwerdens den Verdacht des Stationsvorstehers (der mittlerweile natürlich wegrationalisiert wurde) erregen. Dieser würde den örtlichen Kriminalkommissar rufen und das Schließfach öffnen. Bei einer Currywurst in der Bahnhofskantine, die ihnen die Bedienung auf Kulanz servieren könnte, weil sie nicht jede Ausgabe einer Mahlzeit in einem Computer verbuchen müsste, würden die beiden das weitere Vorgehen beratschlagen. Sodann würden sie den Inhalt des Koffers untersuchen. Anhand der Kleidung und der Bücher würden sie Rückschlüsse auf die Herkunft des Inhabers anstellen. Sie würden die Sandspuren am Kofferboden untersuchen und nachforschen, in welchem Landstrich dieser Koffer zuletzt gewesen sein muss. Sie würden einen harmlosen Ablenkungskoffer wieder in das Schließfach sperren, um zu sehen, ob ihn jemand abzuholen versucht. Schließlich würde der Kommissar den Fall vergessen, der Stationsvorsteher jedoch nicht. Und eines frühen Morgens würde der wie immer pünktliche Nachtzug aus Budapest eine attraktive Frau mit keckem Hut ausspucken, die ganz unschuldig das fast schon eingerostete Schloss zum Schließfach Nr. 017 aufsperrt und den Koffer entnimmt. Dem Stationsvorsteher stockt der Atem. Der Kommissar ist gerade auf dem Weg nach Ägypten, natürlich unerreichbar. Mit dem nächsten Zug könnte die Unbekannte schon wieder weg sein. In 40 Minuten würde sie die Grenze nach Belgien passieren, neutrales Gebiet. Was tun?

Und deshalb waren früher die Bücher und Filme besser. Ebenfalls deshalb findet Plutoniumschmuggel in Transnistrien statt, wo es noch schöne alte Züge im Wohnzimmerlook, einen Schaffner für jeden Waggon und sogar noch den KGB gibt. Die Schaffner verkaufen während der Fahrt an der Theke mit Blümchendecke Frikadellen, Essiggurken und Wodka. Viel Wodka hilft nämlich gegen die radioaktive Strahlung. Habe ich in dem Buch von Swetlana Alexijewitsch gelernt. Die hat den Nobelpreis gewonnen, also muss sie es wissen.

Transnistrien gibt es übrigens wirklich. Genauso wie Abchasien, dessen Hauptstadt Sochumi einen Bahnhof hat, der ästhetisch den Stellenwert symbolisiert, der der Eisenbahn überall auf der Welt zukommen sollte. Ein Bahnhof wie ein Tempel. Ein Bahnhof, grandioser als so manche Universität. Ein Bahnhof wie ein Königspalast. Leider fährt nur ein Zug pro Tag.

Wenn Ihr auf die Links klickt, findet Ihr dort mehr Artikel aus denjenigen Ländern. Soweit ich schon zum Schreiben gekommen bin, was leider selbst Jahre nach den Reisen oft nicht der Fall ist. Manchmal bleiben meine Notizbücher so lange liegen, dass es tatsächlich einmal vorkommen könnte, dass ein Land zu existieren aufhört, bevor ich dazu komme, darüber zu schreiben. Aber trotzdem: Wenn Ihr allen in diesem Artikel aufgeführten Links und den Links in den Links folgt, seid Ihr genauso lange unterwegs wie ich im Zug. Habe ich genau berechnet.

Apropos Zug, um ungewohnt stringent beim Thema zu bleiben: Der nächste geht nach Kopenhagen Lufthafen. Das ist kein Terminal für Flüssiggas, sondern das dänische Wort für Flughafen.

Die Fahrt ist kurz, dunkel und ereignislos. Der unterirdische Bahnhof ist lang, dunkel und ereignislos. Dennoch plane ich hier eine mehrstündige Pause, um im Sonnenaufgang über den Öresund zu fahren. Sonnenaufgangsfotos kommen nämlich immer gut an, v.a. bei der verschlafenen Leserschaft, die selbigen meist verpasst, verschläft und verschlumst. Außerdem wird es am Lufthafen hoffentlich Toiletten und endlich eine Schlafgelegenheit geben, hoffe ich. Ersteres zurecht, letzteres nicht. Die Sitze sind zu unbequem zum Einschlafen. Die wartenden Passagiere und die auf Passagiere wartenden Nichtpassagiere vertreiben sich die Zeit mit lautstarkem babylonischen Telefonieren. Ein Lufthafenmitarbeiter rast mit einer Putzmaschine auf und ab. Diese blöde Maschine, deren Sinn natürlich im Wegrationalisieren von Arbeitskräften besteht, macht so viel Lärm, dass ich verstehe, warum Menschen nicht neben dem Lufthafen wohnen wollen.

Also gehe ich wieder nach unten in die Bahnhofskatakomben und nehme den nächsten Zug nach Schweden, der bis Malmö fährt. Keine Ahnung warum, aber im Zug von Kopenhagen nach Malmö um 2 Uhr nachts sitzen hauptsächlich Jugendliche.

Ein Mädchen ist am Telefon, ganz dramatisch, ganz verzweifelt, ganz aufgeregt:

„Wenn du mir das gesagt hättest, wäre ich nicht abgehauen.“

„Dann war das alles ein schreckliches Missverständnis.“

„Und du meinst das wirklich?“

Anscheinend behauptet er das, denn in Lernacken (Schweden) springt sie auf, stürmt aus dem Zug, sprintet zum gegenüberliegenden Gleis, wo sie ein Zug sofort zurück nach Kopenhagen (Dänemark) und in die Arme des Geliebten bringen wird. Ein Hoch auf die Europäische Union, auf Schengen, auf das grenzenlose Reisen, das es ermöglicht, Beziehungen so kurzfristig zu kitten. Man stelle sich vor, dies wäre an der indisch-pakistanischen oder der nord-südkoreanischen Grenze passiert. Die beiden müssten die Nacht allein verbringen, in Verzweiflung und in Tränen.

Ein Hoch auch auf den grenzüberschreitenden Eisenbahnverkehr im allgemeinen und die Verbindung über den Öresund im besonderen. Das ist wirklich etwas Besonderes, denn zwischen Dänemark und Schweden liegt ein Meer. Das ist aus Wasser, und da fahren für gewöhnlich keine Züge.

Ein unhaltbarer Zustand, befanden die Eisenbahnminister von Dänemark und Schweden. Sie beschlossen, das zu ändern. Allerdings, weil es damals noch keine Handys gab, jeder für sich. So begann Dänemark mit dem Bau eines Tunnels nach Schweden und Schweden mit dem Bau einer Brücke nach Dänemark. Beides große Ingenieurskunst, nur halt nicht ganz optimal koordiniert.

Das Malheur fiel erst auf, als der dänische Tunnel schwedisches Hoheitsgebiet und die schwedische Brücke dänisches Hoheitsgebiet erreichte. Die Ingenieure hatten vergessen, das zu tun, was viele Menschen oft vergessen und was viele viel öfter tun sollten: die Juristen zu fragen. Die hätten ihnen nämlich ohne viel Rechercheaufwand mitteilen können, dass Land A nicht einfach im zu Land B gehörenden Meer Brücken bauen oder Tunnel bohren darf.

Die Juristen beider Länder trafen sich, um die Angelegenheit einvernehmlich zu lösen. Entgegen land- und vielleicht auch seeläufiger Vorurteile sind Juristen sehr kreativ, wovon sich die Leserschaft anhand dieses Blogs überzeugen kann. Sie kamen zu der Vereinbarung, dass der dänische Tunnel auf die schwedische Brücke und umgekehrt führen würde. Abgemacht, unterzeichnet, apostilliert. Ach, würde die Welt doch mehr Konflikte durch Juristen regeln lassen. Nie wieder Krieg!

Zurück in den jeweiligen Eisenbahnplanungsbehörden tobten die Ingenieure: „So ein Unsinn! Das ist unmöglich! Ihr habt sie wohl nicht mehr alle? Auf so eine blöde Idee können auch nur Juristen kommen.“ Aber die Vereinbarung war unterschrieben, da war nichts zu machen. „Pacta sunt servanda“, wie die Juristen sagten, wobei sie, weil sie die Überstunden abfeiern wollten, wohlweislich die Möglichkeit des consensus contrarius verschwiegen.

Und so steigt mein Tunnelzug mitten im Öresund aus dem Meer, um den Rest des Weges auf einer Brücke nach Schweden zu schweben.

Verkehrsanbindung sui generis nennen wir Juristen das.

Und schnell ist der Zug, denn um 2:46 Uhr bin ich in Malmö. Grenz-, Zoll- oder Coronakontrolle gibt es hier nicht. Den Schweden ist das alles egal. Ein Land, das viel Platz hat, hat auch viel Platz für Friedhöfe, denkt sich die schwedische Durchseuchungsbehörde, die seit dem bis 1975 durchgeführten Eugenikprogramm schon lange mal wieder ein großflächiges Experiment wagen wollte. Ist doch schließlich blöd, wenn man den Medizinnobelpokal jedes Jahr ins Ausland vergeben muss.

So schnell hätte der Zug gar nicht sein müssen. Denn jetzt stecke ich in Malmö. Der erste Zug weiter nach Stockholm geht um 7:04 Uhr, so dass mir vier Stunden verbleiben. In Schweden ist die Bahnhofspolitik noch restriktiver als in Dänemark. Hier sind die Toiletten einfach ganz verschlossen und öffnen erst um 6 Uhr. Und wenn man nachts mal muss, fragt Ihr Euch? Tja, damit stellt Ihr schon bessere Fragen als die Doldis, die das so entschieden haben.

Am Bahnhof in Malmö gibt es nichts, was einen vier Stunden fesseln könnte. Okay, ich könnte schlafen wie die anderen Wartenden. Wäre eigentlich auch überfällig. Aber weil in dieser Geschichte noch nichts, rein gar nichts Interessantes passiert ist (was, wie ich mit Blick auf das sich füllende Notizbuch entsetzt feststelle, mich nicht am Schreiben hindert), entscheide ich mich für einen nächtlichen Stadtspaziergang. Dazu muss man sagen, dass Malmö den Ruf als gefährlichste Stadt Europas hat. Bandenkriege, Morde, Bombenexplosionen, Terroristen, so zumindest die Schlagzeilen. Und bestimmte Medien stellen das dann gerne in Zusammenhang mit Einwanderung und insbesondere mit Muslimen. Angeblich sei Malmö eine „no-go area“, wo sich nicht einmal mehr die Polizei hintraue.

Ich bin skeptisch gegenüber solchen Narrativen. Also nutze ich die einmalige Chance, mir die gefährlichste Stadt Europas selbst anzusehen. Nachts, wenn es am gefährlichsten ist. Direkt um den Bahnhof, weil diese Gegend bekanntlich immer die gefährlichste ist. Zu Fuß und allein, weil es so am gefährlichsten ist. Und mit einem übergroßen Rucksack auf dem Rücken, weil die Gepäckaufbewahrung in Malmö nicht elektronisch ist, sondern ganz geschlossen hat. Wahrscheinlich aus Angst vor Kofferbomben. So wie ich aus dem Bahnhof stolpere, könnte ich genauso gut (oder genauso schlecht) eine Fahne herumtragen, auf der steht: „Dummer Tourist, der sich verlaufen hat und sich im Falle eines Überfalls nicht wehren kann.“ Wenn man übermüdet ist, macht man dumme Sachen.

Malmö nachts ist relativ mild. Ich brauche nicht einmal eine Jacke. Malmö nachts ist relativ ruhig. Nur ganz wenige Autos. Eine Frau geht allein nach Hause. Ein arabisch aussehender Jugendlicher fährt mit seinem Fahrrad große Kreise, die Abwesenheit des Autoverkehrs und die laue Sommernacht feiernd. Zwei sehr junge Mädchen fahren auf Elektrorollern vorbei. Das ist für mich immer ein entscheidender Test, egal in welchem Land: Gehen junge Mädchen nachts allein Joggen oder eben Rollerfahren? Wenn ja, dann ist die Stadt kaum so gefährlich, wie man ihr andichtet.

Als ich bei rot über die Ampel gehe, hält das einzige Auto weit und breit mindestens 50 Meter vor der Kreuzung an, um zu signalisieren, dass mich der Fahrer gesehen hat. Obwohl er grün gehabt hätte.

Ich versuche wirklich, mich zu verlaufen, aber es passiert einfach nichts Gefährliches. Keine Schüsse. Keine Drogen. Keine Gangs. Keine Taliban.

Am königlichen Park steht nicht nur das Tor offen, es gibt gar kein Tor. Man spaziert einfach rein, auch mitten in der Nacht. Auch hier kein Verbrechen. Nicht einmal Kiffer oder Vagabunden (außer mir) oder eine weggeworfene Zigarettenkippe. Ein Hase hoppelt neugierig aus dem Gebüsch, als er meine Prinzenrolle – was sonst soll man in einem königlichen Park essen? – rascheln hört. Aber nicht einmal der Hase greift mich an, obwohl diese Tiere für ihre Brutalität bekannt sind.

Übrigens, es tut mir leid, Herr König, aber wenn in Ihrem Land nachts alle Toiletten abgeschlossen sind, tja … Was hätte ich sonst tun sollen? Aber ich glaube, das ist gut für die Blumen.

Erst auf dem Rückweg zum Bahnhof werde ich doch noch Zeuge eines Verbrechens: Ein Elektroroller wurde nicht richtig abgestellt, sondern brutal und rücksichtslos umgeworfen. Und, die kritische Weltpresse hatte Recht, weit und breit keine Polizei. Totales Chaos und Staatsversagen.

Gibt es in Eurer Stadt oder Eurem Land auch „no-go areas“, die angeblich vor Gefahr strotzen? Ich komme gerne vorbei und sehe mir das mal an. (Harlem war ja auch nicht schlimm.)

So verschlafen wie die Stadt, so verschlafen ist der Bahnhof. Die ganze Halle ist leer, noch kein Zug ist wach. Ganz allein beobachte ich den romantischen Sonnenaufgang. Was für eine Wonne, diese Sonne, dichtet mein von der Müdigkeit zerfrorener Körper. Diese Kombination aus der Energie des fernen Feuerballs und den Gleisen, Drähten, Signalanlagen, Schienensträngen ist irgendwie schön. Und alles ist bereit für einen neuen Tag. Einen weiteren Tag, an dem Menschen sicher und zuverlässig durchs Land, über den Kontinent und, so sie wollen, um die Welt befördert werden. Die Eisenbahn ist doch das perfekte Transportsystem. Anders als im Flugzeug kann man überall aussteigen, die Richtung wechseln, eine Pause einlegen. Anders als im Auto muss man sich nicht konzentrieren, sondern kann abschalten, genießen, plaudern, lesen. Sogar schlafen, wenn man mehr Talent dazu hat als ich. Man hat viel mehr Platz und Bequemlichkeit als im Flugzeug, Bus oder Auto. Wenn einem langweilig ist oder man den Gesprächspartner wechseln will, steht man auf und geht in den nächsten Wagen. Man kommt mitten in der Stadt an anstatt 30 km außerhalb. Man hat keine Parkplatzprobleme, keine unerwarteten Nebenkosten, keine Punkte in Flensburg. Und die Eisenbahn hat einfach Stil, Eleganz und Romantik.

Das sind so Fotos, die eigentlich mal ein Buchcover mit Eisenbahngeschichten zieren sollten. Es gibt übrigens ein Buch, dessen Titel eines meiner Fotos schmückt: „The Universe of Things: On Speculative Realism“ von Steven Shaviro.

Das Bild habe ich in Litauen gemacht. Einfach im Wald auf den Rücken gelegt, nach oben fotografiert, auf den Blog gestellt, von University of Minnesota Press entdeckt worden und 150 Dollar bekommen. Schade, dass das nicht öfter passiert. Wahrscheinlich muss man sich da selbst darum kümmern. Aber dann hätte ich weniger Zeit zum Reisen und Schreiben. Lieber arm und ein interessantes Leben als reich und ständig am Computer sitzen.

Zeit für den letzten Zug dieser Reise. Die schwere, schwarze Lok sieht aus, wie wenn sie bis zum Nordpol durchfahren könnte. Aber selbst da fliegen die Leute jetzt lieber hin. Der Zug von Malmö nach Stockholm ist der gemütlichste von allen. Polstersessel wie aus den 1950ern. Holzfurniere wie aus den 1960ern. Ein weicher Teppich. Ein Restaurant an Bord. Und ein netter und quietschvergnügter Schaffner, der sich besonders freut, wenn er verkünden kann, dass wir in Mjölby zwei Minuten früher ankommen. Und bald darauf: „If nothing obscene happens, we will arrive in Linköping two minutes ahead of schedule.“ Na, dann wollen wir mal anständig bleiben.

Das Schloss von Tucholsky war übrigens nicht Glücksburg, sondern Gripsholm. Passt auch besser zu dem alten Schlaumeier. Wenn da ein Zug hingeht, werde ich mir das mal ansehen. Denn Trampen soll schwierig sein in Schweden. Angeblich kann sich hier niemand vorstellen, dass man so arm ist und sich kein Auto leisten kann. Das ist halt der Nachteil der klassenlosen Gesellschaft.

In dem gemütlichen Sessel könnte ich nach zwei Tagen Wachdelirium endlich einschlafen, aber Landschaft und Wetter sind zu schön dafür. Nicht so dramatisch schön wie eine Fahrt durch die Alpen, durch die Anden oder durch Montenegro. Aber hübsch, putzig, lieblich, farbenfroh, irgendwie glückserregend. Ich bin zum ersten Mal in Schweden, aber schon ahne ich, dass es mir gefallen wird. Wenn mir die Stadt zu trubelig wird, fahre ich einfach mit dem Zug ein paar Stationen raus und spaziere durch diese Wälder, über Felder und Farmen, vorbei an mit Elchblut rostbraun gestrichenen Holzhäusern und um einen der 27.000 Seen. Wenn ich nicht rechtzeitig zur Arbeit in Stockholm erscheinen müsste, würde ich jetzt schon aussteigen und Natur einsaugen, einatmen, genießen mit allen Sinnen. Mit dem Zug durch Schweden, das sollte eine von der Krankenkasse finanzierte Therapie für allerlei psychische Zivilisationskrankheiten sein. Eine Kur auf Schienen. Es bräuchte nur noch einen Bibliothekswagen, und man müsste den Passagieren die Handys abnehmen. Und am besten ohne Fahrplan fahren.

Es bleibt so wunderbar grün bis kurz vor den Toren Stockholms. Endstation. Eine ziemlich stilvolle Endstation.

Tja, das war’s. So fährt man mit dem Zug nach Schweden. War jetzt nichts literarisch besonderes, ist ja auch kaum etwas passiert. Also eigentlich gar nichts, weder noch. Weder literarisch, noch passiert, meine ich.

Ich persönlich finde ja, dass sich beim Trampen mehr Abenteuer ergeben. Aber aus der Leserschaft kam die unmissverständliche Forderung nach mehr Berichten von Zugreisen. Der Vorteil der Eisenbahn ist, dass ich dabei die ganze Zeit schreiben kann, weil ich die Fahrer nicht unterhalten muss. Und so bekommt Ihr eben diese Logorrhø serviert.

Aber wenn die Pandemie so richtig vorbei ist, ich schwör’s, dann mache ich Interrail. Drei Monate lang, mindestens. Oder mit dem Zug die Seidenstraße entlang, bis zum Ananasstand in Samarkand. Oder nach Babylon, auf den Spuren von Orient-Express und Bagdad-Bahn. Und das wird dann was Richtiges, nicht so etwas Halbgares und Halbschläfriges.

Apropos Schlaf: Ich kippe jetzt echt gleich um, Leute. Also tschau, tschüssikowski, ich weiß noch nicht, wie man in Schweden sagt. Bis zum nächsten Mal.

Praktische Tipps:

  • Von Berlin oder Hamburg aus ginge auch ein Schlafwagen nach Malmö und Stockholm. Aber wer schläft, kann nicht schreiben.
  • Der Fahrschein aus dem tiefsten Bayern in den höchsten Norden (ca. 1500 km) kostete bei der Deutschen Bahn nur 60 €. Solche Supersparpreise gibt es in viele europäische Länder.
  • Oft sind diese Preise so günstig, dass es sich z.B. lohnt, den Zug von Hamburg nach Basel zu buchen, wenn Ihr nur bis Freiburg müsst. Oder von Karlsruhe nach Danzig, wenn Ihr nach Berlin müsst. Und dann halt einfach früher aussteigen. Das viele Geld, dass Ihr Euch dadurch spart, könnt Ihr gerne an meinen gemeinnützigen Zugreiseblog spenden. Danke!

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„Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson

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In den öffentlichen Bücherschränken laden Leute zu 96,5 % Schund ab. Ist ja auch logisch, denn die richtig guten Bücher behält man oder verschenkt sie mit den besten Empfehlungen an Freunde.

Aber es gibt Ausnahmen.

Vor ein paar Tagen kam ich beim abendlichen Spaziergang in Solln an so einem Glaskasten vorbei. Auch wenn mir die obige Statistik gut bekannt ist, nicht zuletzt weil ich sie selbst erstellt habe, kann ich meine Neugier doch nur selten zügeln.

Ohne viel Hoffnung stöberte ich durch die üblichen Schmonzetten, veraltete Ausgaben des Grundgesetzes und Bände mit Abituraufgaben von 1995, die heute als unlösbar gälten. Wahrscheinlich weil eine Reise nach Schweden unmittelbar bevorsteht, griff ich zu dem eigentlich abschreckend dicken und langatmig titulierten Buch „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ des schwedisch klingenden Jonas Jonasson.

Um das Buch nicht rein verdachtsmäßig nach Hause zu tragen, setzte ich mich auf eine nahe Parkbank und begann die Lektüre.

Zuerst schmunzelte ich. Dann grinste ich. Dann hielt ich mir den Bauch vor Lachen. Und das alles auf den ersten Seiten.

Und die nächsten beiden Abende verbrachte ich bis spätnachts mit Allan Karlsson, einem hundertjährigen Sprengstoffexperten, der sich durch Schweden und die Geschichte des 20. Jahrhunderts sprengt. Eigentlich will er nur seiner eigenen Geburtstagsfeier entkommen (ein verständlicher Wunsch), aber eine Stunde später wird er schon von der örtlichen Mafia gejagt, versteckt sich bei einem ebenfalls sehr alten und nicht ganz gesetzestreuen Mitbürger, und so beginnt die gemeinsame Flucht.

Die Verwirrungen und Verstrickungen sind genial konstruiert, aber der Ton so locker (hervorragend übersetzt von Wibke Kuhn) und humorvoll, selbst wenn hier und da mal gestorben wird. Die Revolutionen, Weltkriege und andere Ärgerlichkeiten, die Allan Karlsson in seinem langen Leben überlebt hat, werden abwechselnd zur aktuellen Flucht erzählt, wobei nur die Erfahrung der Zwangssterilisation wirklich bedrückend ist. Durch alle anderen Situationen windet er sich mit Humor, freundlicher Zurückhaltung und steter Aufgeschlossenheit zu Neuem.

Spannend wie ein Schwedenkrimi, aber lustig wie ein schwedischer Schwejk. Und ein Buch, das mit seinen mittel- bis sehr alten Protagonisten Lust auf das Leben macht.

Deshalb gibt es hier ausnahmsweise mal eine Leseempfehlung für eher leichte Literatur. Falls jemand die anderen Bücher von Jonas Jonasson gelesen hat, würde mich Eure Meinung interessieren. – Und hat jemand von Euch in einem dieser öffentlichen Bücherkästen schon einmal etwas Gutes gefunden?

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Geburtstag ohne Gardasee

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Der Gardasee ist nur 50 km von Trient entfernt.

Eigentlich will ich nicht unbedingt dorthin, wo alle anderen Touristen sind. Aber am Gardasee liegen nicht nur Badetouristen, sondern auch Salò, wo Mussolini zwischen Sturz und Tod einen Kleinstaat betrieb, und das Vittoriale, über das ich mich schon einmal ausgelassen habe. Perfekt für einen kleinen Geburtstagsausflug.

Gerade noch rechtzeitig lese ich in der Zeitung, dass zwei Deutsche zum Sommervergnügen eine Italienerin am Gardasee getötet und im See versenkt haben.

Also doch keine gute Zeit, um als Deutscher an den Gardasee zu fahren.

Zum Glück gibt es noch andere Seen in der Nähe von Trient. Kleine, unbekannte und dadurch viel interessantere Seen. Gewässer, wo hoffentlich in den letzten Wochen keine deutschen Touristen italienische Frauen ermordet haben.

Der Lago Caldonazzo ist der zweitgrößte See im Trentino und insofern perfekt für mich. Um den Touristenströmen zu entgehen, präferiere ich bei Reisen immer die Ziele der zweiten Reihe: Kotor statt Dubrovnik, Sochumi statt Batumi, Chemnitz statt Berlin.

Für nur 2 Euro bekommt man von der italienischen Eisenbahn eine 45-minütige Panoramafahrt durch die Berge um Trient und durch das Tal der Brenta. Über so viele Schluchten und durch so viele Tunnel führt die Strecke, die es landschaftlich fast mit der Bahn durch Montenegro oder der Semmeringbahn aufnehmen könnte.

Bei Pergine lockt eine Burg hoch über dem Ort. Aber diszipliniert bleibe ich beim Seeumrundungsplan und im Zug sitzen.

Wenn man in San Cristoforo aus dem Zug steigt, ist man gleich auf dem Wander- und Radweg um den Caldonazzo-See. Allerdings bin ich der einzige Spaziergänger unter Dutzenden von Radfahrern, die alle so schnell und windschnittig und bunt bekleidet an mir vorbeirasen, wie wenn sie zur gleichzeitig stattfindenden Tour de France aufschließen wollten. (Macht Euch keine Mühe! Dieses Jahr dopen die Slowenen am besten.)

Ich verstehe diesen Geschwindigkeitswahn, diese Dromokratie nicht. Die Menschen wollen immer schneller radeln, dabei verpassen sie die Eichhörnchen, die Blumen, all die Ausblicke unterwegs. Die Kunden wollen das bestellte Abendessen lieber in 10 Minuten zuhause haben, anstatt dass es mit Liebe zubereitet wird. Sie nehmen aus Zeitgründen das Flugzeug anstatt den Zug oder das Dampfschiff, anstatt im Zug oder an Deck ein Buch zu lesen. Kaum mehr jemand reist wie Goethe, Seume oder Leigh Fermor, langsam, zu Fuß, mit Pausen. Und niemand merkt, dass das Geschwindigkeitsdogma nur dem Kapitalismus dient, der will, dass wir schneller arbeiten, schneller studieren, schneller konsumieren, schneller den Platz im Restaurant für die nächsten Kunden freimachen.

Aus Protest lege ich in Valcanover die erste Pause ein. Der See muss höher liegen als Trient, denn es ist angenehm frisch, obwohl es bei der Abfahrt schon ziemlich heiß war.

An einer unübersichtlichen Kreuzung in Calceranica stoßen ein weißer Lieferwagen von GLS und ein gelber Lieferwagen von DHL beinahe zusammen. Spannung liegt in der aufsteigenden Mittagssonne, Fenster werden heruntergekurbelt, Beschimpfungen zurechtgelegt.

Im letzten Moment merken die beiden Kurierfahrer, dass sie volkswirtschaftlich im selben Lieferwagen sitzen und sich beide für das Kapital den Rücken krumm schleppen. Da lohnt kein Streit. Stattdessen verbrüdern sich die ausgebeuteten Werktätigen auf der Stelle, steigen aus, rollen sich Zigaretten und heben sich die Energie für den Klassenkampf auf.

Der Plan, den Caldonazzo-See zu umrunden, läuft nicht ganz rund, denn auf dessen Ostseite verläuft kein Wander- oder Radweg mehr, sondern eine Straße.

Es ist schon mittags, die Sonne knallt, der Plan ist kaputt.

Was macht der schlaue Wanderer in dieser Situation?

Weiß ich nicht. Ich bin keiner von denen.

Vor Augen habe ich eine Hügelkette, und so wähle ich spontan deren Gipfel als nächstes Ziel. Hinauf führt die Via Claudia Augusta, eine Römerstraße, die Norditalien mit Süddeutschland verband und somit seit ziemlich genau 2000 Jahren den Tourismus fördert.

Erstaunlich, wie eng diese historischen Autobahnen waren. Ganze Legionen brauchten weniger Platz als heutige Wohnmobile. Aber der Drang, alles immer größer, dicker und breiter zu bauen, ist genauso verbreitet wie der Drang zur Eile. Dabei weiß jeder Wanderer: Je kleiner der Rucksack, umso schneller kommt man voran. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr das als Metapher lesen.

Unter dem wuchernden Efeu ragen Mauerreste hervor, die wohl nicht von den Römern, sondern von ihren österreichischen Nachfolgern stammen. Bekanntlich war Österreich früher größer, bedeutender, wichtiger und, wie man hier sehen kann, auch kriegerischer als heute. Die Festung, die in der Nähe des Ortes Tenna den Bergrücken bewacht, war eine von Tausenden, ja Zehntausenden von Festungen, mit denen Österreich sich seit dem 19. Jahrhundert auf den Ersten Weltkrieg vorbereitete.

Wenn man an jenen Ersten Weltkrieg denkt, kommen einem Schlammschlachten in den Schützengräben von Flandern oder Verdun in den Sinn. Aber Österreich wollte – auf Drängen von Luis Trenker – den Krieg in die Berge tragen. Also wurden Festungen gebaut von Montenegro bis Meran, von Triest bis Trient, von Slowenien bis Südtirol. Ganze Berge wurden weggesprengt, weil sie im Weg standen. Tunnel wurden gegraben, um noch mehr sprengen zu können. Insgesamt ist so ein Alpenkrieg eine recht zähe Sache, bei der es keine schnellen Gebietsveränderungen gibt. Erst in der Schlacht von Saint-German eroberte Italien handstreichartig Südtirol, das Trentino und Istrien. (Allerdings ohne Fiume/Rijeka, was zu einer besonders komischen Geschichte führte.)

Es gibt da übrigens jemanden, der glaubt, das Trentino gehöre noch immer zum Habsburgerreich: Google Maps.

Beharrlich zeigt es die Ortsnamen auf Deutsch an: Reiff statt Riva, Löweneck statt Levico, Atzenach statt Tenna. Das ist nicht nur 102 Jahre hinter den Entwicklungen zurück, sondern voll nervig, weil auf den Straßenschildern und Bahnhöfen nirgendwo die deutschen Namen stehen. Warum sollten sie auch? Hier ist seit 102 Jahren Italien!

Ich weiß schon, wie das passiert ist: Da sitzt in Kalifornien ein überbezahlter 22-Jähriger, für den das eine Wochenende in Las Vegas die weiteste Reise seines Lebens war und der, weil ihm keiner richtige Aufgaben übertragen will, die illegal gesammelten Handydaten von deutschen und österreichischen Touristen in Italien auswertet. Zu seiner einsprachigen und eindimensionalen Überraschung merkt er, dass diese öfter nach Venedig statt nach Venezia, nach Rom statt Roma suchen.

Er geht zu seinem noch viel überbezahlteren 22-einhalb-jährigen Chef, der schon einmal zu einer Hochzeit nach Hawaii eingeladen war und sich deshalb für wahnsinnig weltmännisch hält, obwohl er während des Fluges dreimal kotzen musste.

„Geil, das lokalisieren wir!“ jubeln sie, hauen sich auf den Rücken und fühlen sich mächtig schlau, was immer ein sicheres Zeichen dafür ist, dass man es nicht ist.

Und jetzt verfahren sich unschuldige Touristen, weil niemand ahnen kann, dass Mezzocorona und Kronmetz das gleiche Dorf sind. Dass an der Gebirgsfront 180.000 Menschen gestorben sind, ist den beiden Jungs aus dem Silikontal vollkommen egal, solange die im Ersten Weltkrieg Füsilierten keine Facebook-Accounts hatten, auf denen man ihnen Werbung für wärmende Wollsocken präsentieren könnte. Aber natürlich wissen diese Computerfuzzis nichts vom Dolomitenkrieg, vom Bozner Blutsonntag und davon, dass der Terrorismus in Tirol jederzeit wieder aufflammen könnte durch so einen blöden Namensstreit. Irgendwann kommt ein irredentistischer Österreicher und streitet sich mit einem Italiener um einen Ortsnamen auf der Karte. Zack, zack, schon liegen die Toten wieder auf den Straßen. Und das alles, weil so ein pickeliger Brian oder ein bebrillter Ralph sich in etwas eingemischt haben, von dem sie keinen verfickten Scheißschimmer haben.

Und dann gibt es Leute, die glauben an „künstliche Intelligenz“ und delegieren ihre eigene an ein von chinesischen Kinderhänden zusammengeschraubtes Gerät, das alle Daten, Freiheit und Lebensqualität aus ihnen saugt, und glauben einem von Jungs in hässlichen Polo-Shirts hingerotzten Computerprogramm mehr als den Schildern am Straßenrand oder der im Tourismusbüro erhältlichen kostenlosen Karte.

Ich brauche jetzt dringend eine Beruhigungszigarre. Denn wenn ich erst anfange, mich richtig aufzuregen, erlebe ich den nächsten Geburtstag nicht mehr.

Zum Glück warten etwas weiter auf dem Gebirgskamm eine Kapelle und ein Eremitenhaus. Der Eremit ist gerade nicht zuhause, so dass ich mich hier niederlassen und an seiner Stelle eremitieren und emittieren kann.

Und da sehe ich schon, was mir ohne Erklimmen der umkämpften Hügel von Tenna niemals gegönnt gewesen wäre, den nächsten See. Schattiger, kleiner und damit umrundbarer. Nichts wie hin!

Zuerst komme ich allerdings nach Levico Terme, und zwar zur Unzeit. Um 14 Uhr scheint hier alles zu schlafen. Sogar die Läden, die Mittagessen verkaufen, sind geschlossen. Alles andere sowieso.

Das einzige, was geöffnet hat, ist der Kurpark, und dessen 12 Hektar sind nicht der schlechteste Ort, um die Mittagshitze zu ertragen. Wer mich im Habsburger-Park sitzen und ein Buch über die Hohenzollern lesen sieht, könnte auf den Gedanken kommen, ich sei Monarchist. Nichts läge mir ferner, und mein Artikel über die unverschämten Forderungen der Hohenzollern sowie mein Gastauftritt beim Déjà-Vu-Geschichte-Podcast (beide erscheinen im Oktober) werden jeden diesbezüglichen Verdacht hoffentlich guillotinieren, füsilieren, exilieren und was man sonst mit einstigen Königs- und Kaiserfamilien so machen sollte.

Levico Terme war einer der vielen Kurorte, die die österreichischen Könige und Kaiser in ihrem großen Reich gründeten, um dorthin zu entfliehen, wenn ihnen Wien zu heiß (Juli und August), zu kalt (Dezember und Januar), zu neblig und nass (November) oder zu bürgerkriegig (1934) war. Levico Terme ist ein eher kleines Exempel. Prächtigere Beispiele finden sich in Marienbad oder in Meran, von wo ich Euch bald berichten werde.

Ganz nebenbei erfanden die Habsburger damit den Tourismus. Beziehungsweise wiedererfanden ihn, denn die römischen Tourismusmagistralen waren zwischenzeitlich dem Vandalismus zum Opfer gefallen. Der Ausbau des europäischen Tourismus fand erst im Sommer 1914 ein Ende, als der österreichische Tourismusminister Franz Ferdinand von einem Serben erschossen wurde, der dagegen protestierte, dass sein Land bei der Aufteilung des Adriastrandes übergangen worden war. (Der Erste Weltkrieg unterbrach den globalen Reiseverkehr nur kurz, aber das ist ein anderes Thema.)

Heute ist in Levico Terme nicht mehr viel los. Nur ein paar Gäste im weißen Bademantel irren herum wie Gespenster aus einer vergangenen Zeit. Als Besucher wird man hier etwas mitleidig beäugt, so wie wenn man mit einem Reiseführer von 1905 unterwegs wäre.

Aber das Gute ist: Wenn das mal ein Kurort für Könige und Kaiser war, dann muss es einen Bahnhof geben, dessen Zug nach Wien, also über Trient führt. Ich muss also nicht den ganzen Weg zurückwandern.

Falls der Bahnhof nicht eines der vielen schon längst verfallenen Gebäude ist.

Aber erst einmal spaziere ich um den Levico-See. Der Weg liegt im Schatten von Bäumen. Die bewaldeten Hänge auf beiden Seiten bilden eine fjord-ähnliche Landschaft. Im Wasser sind Kanus und Paddelboote. Je weiter ich mich von dem Ort entferne, umso weniger Wanderer und Radfahrer sind unterwegs, dafür sehe ich hier und da jemanden nach dem Abendessen angeln.

Es ist perfekt. Ruhig, schattig und schön. Genau der Ort, an dem man versteht, warum sich die Menschheit, nachdem sie aus Afrika über Kleinasien nach Europa gewandert ist, hier niedergelassen hat. Am Ende des Sees verliere ich, wie ein ungeübter Völkerwanderer, den Weg im Gebüsch und lande in jemandes Garten. Ein Mann mit Hund zeigt mir den Weg zurück zum Pfad um den See. Der Mann eher mürrisch, der Hund erfreut über den kleinen Ausflug.

Auf der anderen Seite des Levico-Sees läge noch die Festung Colle delle Benne, wo bis zum 30. Oktober 2021 eine Ausstellung mit Festungsfotografie von Andrea Contrini gezeigt wird.

Das wäre sicher interessant, doch leider ist diese Festung auch wieder ganz oben auf einem Hügel. Vielleicht hätte ich unterwegs nicht so viele von den guten italienischen Toscano-Zigarren rauchen sollen, aber heute kann ich keinen weiteren Festungshügel erstürmen. Außerdem habe ich mit dem heutigen Geburtstag den Lebenszenit überschritten. Ab jetzt geht es bergab, nicht bergauf.

Gerade bevor die Sonne untergeht, komme ich – hundemüde – zurück nach Levico und erwische den Regionalzug nach Trient. Früh ins Bett und Ausschlafen nach einem langen und erfüllenden Tag, das ist der Plan.

Aber das ganze Land hat sich verschworen, mir den ruhigen Ausklang meines Geburtstages zu verderben.

An jeder Station steigen junge Männer in königsblauen T-Shirts und mit Tröten und Megaphonen ein. Heute Abend spielt Italien gegen Spanien im Halbfinale, und weil ich in Trient gegenüber einer Fußballbar wohne, steht mir schon wieder eine schlaflose Nacht bevor. Warum fahren die Städter zu solchen Gelegenheiten nicht auf die Dörfer? Da ist das Bier doch viel billiger.

Am liebsten würde ich gleich wieder aussteigen und die Nacht am See verbringen. Aber in Trient warten die Katzen schon auf die abendliche Fütterung. Schade, dass ich keinen Fisch gefangen habe.

Links:

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Filmkritik: „Nomadland“

To the English version.

Im Land der Freiheit haben die Menschen auch die Freiheit, auf Knall und Fall in die Armut und Obdachlosigkeit abzurutschen. Eine schlimme Scheidung, eine geschlossene Fabrik, eine hohe Arztrechnung, und schwupp, ist man freier als man je sein wollte.

„Nomadland“, ein hochgelobter Film, gibt vor, das Leben jener Menschen zu beleuchten, die in Wohnmobilen und Vans leben. Sie fahren vom Amazon-Lager zum Hamburgerbraten, vom Weihnachtsbaumverkauf zur Zuckerrübenernte und verdienen nie genug, um ein Haus zu mieten, geschweige denn eines zu kaufen.

Das ist ein wichtiges Thema, das einen guten Film verdient hat. Leider macht „Nomadland“, trotz aller Lobeshymnen, einen lausigen Job. So schlecht, dass der Film, wenn er einer dieser Mindestlohnarbeiter wäre, schon am zweiten Arbeitstag gefeuert worden wäre.

Der tägliche Überlebenskampf der Nomaden – die Kälte, der Hunger, die Benzinkosten, mangelnde Sicherheit, und immer wieder vertrieben zu werden, wenn man nur schlafen will – wird nur ganz kurz berührt. Der Film verbringt viel mehr Zeit mit Sonnenaufgängen, Sonnenuntergängen und langen Fahrten auf kurvigen Straßen durch Nevada, wie wenn das alles eine herrlich romantische Reise wäre.

Einmal fällt ein Satz über die Immobilienpreise, aber nichts über die inhärente Ungerechtigkeit des unbegrenzten Privatbesitzes von begrenztem Land. Und dann sagt einer der alten Vagabunden auch schon wieder etwas Esoterisches über Freiheit und Freundschaft und dergleichen. So kitschig wie „Eat Pray Love“, nur eben gefilmt unter Armen. Es ist letztlich Armutspornographie, die sich die Reichen anschauen können, um sich zu denken: „Naja, diese Leute wollen ja so leben.“

Und auch wenn Ihr von einem Film über ein drängendes soziales Problem nicht das gleiche erwartet wie ich, so werden Euch zwei Stunden entsetzlicher Langeweile erschlagen.

Der Film basiert auf dem Buch „Nomaden der Arbeit“ von Jessica Bruder. Nachdem ich ein paar Interviews mit ihr gehört habe, glaube ich, das Buch ist um Längen besser als der Film.

Was war Eure Meinung? Und welche Filme/Bücher empfehlt Ihr über Obdachlosigkeit und Armut? Für mich ist „Früchte des Zorns“ noch immer eines der besten. Ganz interessant scheint auch „Der Sandler“ von Markus Ostermair, aber das habe ich noch nicht gelesen.

Links:

  • Weitere Filmbesprechungen.
  • Und ein bisschen mehr über Armut.
  • Übrigens, bevor jetzt wieder Leute sagen, wie schlimm in den USA alles ist und dass es so etwas in Deutschland nicht gibt: Auch bei uns leben ganze Industriezweige von der Ausbeutung von Arbeits- und Armutsnomaden.
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Vor hundert Jahren waren wir schon einmal weiter – Juli 1921: Kolonialverbrechen

Wenn man über Kolonialismus spricht, und erst recht, wenn man daraus Folgen ziehen will, wie z.B. Raubkunst zurückgeben, Reparationen bezahlen oder – Gott bewahre! – gar eine Straße umbenennen, dann kommen immer irgendwelche Leute um die Ecke der Hindenburgstraße und behaupten dummdreist, dass es früher halt so war (was sehr unterkomplex ist), dass man die Geschichte nicht „auslöschen“ könne (was niemand will) und dass ohne Denkmäler und Straßennamen die Geschichte vergessen werden würde (was nicht stimmt).

Interessanteweise kommt diese Argumentation meist von Leuten, die sonst gerne einen „Schlussstrich“ unter die deutsche Vergangenheit ziehen wollen. Sehr inkonsequent. Und durchschaubar.

Dazu ist vieles zu sagen. Aber heute nur ganz kurz:

Erstens:

Und, hat die Entfernung von Hakenkreuzen und die Umbennenung von Adolf-Hitler-Plätzen dazu geführt, dass niemand etwas über den Nationalsozialismus lernt? Kaum. Man lernt Geschichte halt doch eher in der Schule, durch Fernseh-Dokus und auf diesem Blog. Ich sitze bekanntlich viel in Parks, und mir ist noch nie aufgefallen, dass jemand unbedarft spazierengeht, beim Bismarck-Denkmal stutzend stehen bleibt und plötzlich über die Kongo-Konferenz nachdenkt.

Zweitens:

Wo waren diese Leute eigentlich 1990, als in Deutschland Tausende Straßen, Plätze, Schulen und sogar Städte umbenannt wurden? Wann haben sie sich für Karl-Marx-Stadt eingesetzt?

Hm. Anscheinend geht es nur um eine ganz bestimmte Version von Geschichte.

Drittens:

Die Behauptung, dass „es früher halt so war“ und dass man die Vergangenheit nicht mit heutigen Maßstäben messen dürfe, negiert – aus Unwissenheit oder Bösartigkeit – dass sich schon zur Zeit des Kolonialismus nicht wenige Menschen bewusst waren, dass Sklaverei und Völkermord schlecht sind.

Zum einen natürlich die Opfer.

„Ach so“, sagen die Früher-war-es-halt-so-Leute dann betroffen, weil sie merken, dass sie aus ihrer eurozentrischen Sicht an die außereuropäische Perspektive noch gar nicht gedacht haben.

Aber auch unter Europäern gab es zu allen Zeiten welche, die Kolonialismus und Sklaverei ablehnten. Sie waren halt leider nicht an der Macht. Aber dass es die Stimmen nicht gegeben hätte, die Argumente nicht bekannt gewesen wären, das kann man wirklich nicht behaupten.

Man könnte da zurückgehen bis zum Disput von Valladolid von 1550, aber im Rahmen dieser Reihe „Vor hundert Jahren …“ will ich einen Artikel aus der Berliner Volkszeitung vom 10. Juli 1921 zitieren.

Ach so, hier spricht nicht jeder Fraktur. Na, dann transkribiere ich das mal:

„Im Namen der Kultur“

Der Vernichtungskrieg in Afrika

Es gibt keine Kulturwidrigkeit, die nicht unter der Flagge der „Kultur“ begangen worden wäre. Keine Epoche, keine geistige Bewegung hat über den ganzen Erdball soviel Scheußlichkeiten verbrochen, als der koloniale Expansionsdrang der europäischen Nationen, die ihre oft schlimmen Vertreter in die Welt sandten, um Christentum in der Form von Badehosen und Zivilisation in der Gestalt von Gewehren, Schnaps, Seuchen und Sittenverderbnis zu verbreiten.

Huch, so viel „political correctness“, wie man das heute abschätzig nennen würde. Dabei sind kontemporäre Feuilletonisten gar nicht mehr so scharfzüngig wie vor 100 Jahren. Auch das übrigens ein Grund, um in den damaligen Zeitungen zu blättern. Und Badehosen sind fast so schlimm wie kurze Hosen.

Der Kern der Sache aber war das „Geschäft“. Auf diese Weise gingen die Buschmänner Südafrikas zugrunde. Erst wurden sie aus dem Lande ihrer Väter vertrieben, das Wild, von dem sie sich bescheiden nährten, indem sie nur soviel töteten, als sie unbedingt brauchten, wurde in Massen gemordet, und wenn die verhungernden Eingeborenen dann ein Stück Vieh stahlen, begann ein fürchterlicher Vernichtungskrieg gegen sie. […]

Auch im Hererofeldzug ist viel gesündigt worden. Die menschlich denkenden unter den Offizieren, wie der hochbegabte und leider zu früh verstorbene Adolf Fischer sahen es ein und erhoben ihre Stimme. Umsonst! „Es war keiner unter uns,“ schreibt er, „der nicht sah, dass hier zuviel geschehen war. Wer zu den Gehetzten des Sandfeldes gehört hat, wird den Glauben verloren haben, dass auf Erden Recht noch gilt. Noch heute, 1914, verfolgt man sie, nimmt ihre Kinder fort, lässt sie fern der Mutter aufziehen. […]“

Oh. Es scheint so, dass es doch nicht bis 2021, also genau hundert Jahre nach diesem Artikel, dauern hätte müssen, um herauszufinden, dass das deutsche Vorgehen gegen die Herero und Nama ein Völkermord war.


Zu der Denkmaldebatte habe ich bisher noch nicht ausführlich geschrieben, weil schon so viel geschrieben wurde. Wenn ich mal etwas dazu beitragen werde, dann aus der Perspektive desjenigen, der tatsächlich stundenlang unter, neben und manchmal auf Denkmälern sitzt. Dabei fällt einem nämlich so Einiges auf. Zum Beispiel die Söder-Denkmale überall in Bayern:

Links:

  • Alle Folgen aus der Reihe „Vor hundert Jahren …“.
  • Mehr Geschichte.
  • Auf diesen Zeitungsartikel aufmerksam wurde ich durch diese Folge des Podcasts „Auf den Tag genau“, der jeden Tag eine Zeitungsmeldung von vor 100 Jahren sendet. Oft mit erstaunlich aktuellen Bezügen.
  • Weil ich die Kongo-Konferenz erwähnt habe: Dieses Buch ist absolut empfehlenswert.

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„Kolumbus‘ Erbe“ von Charles C. Mann

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Zu jedem guten Abenteuer gehört, dass man sich auch mal verläuft oder verfährt. Wie Kolumbus. Wenn ich Glück habe, entdecke ich eine unerwartete Burg oder einen geheimen U-Boot-Hafen. Aber ein ganzer Kontinent ist mir noch nicht untergekommen.

Das ist vielleicht auch besser so, denke ich mir nach der Lektüre von Charles Manns Buch „Kolumbus‘ Erbe“, der beschreibt, wie die „Entdeckung“ Amerikas durch Europäer den Handel, die Ökologie und das Leben auf der Erde revolutionierte. Das klingt nach einem enormen Projekt, was es auch ist. Es mag auch nach ziemlich trockenem Stoff klingen, was es überhaupt nicht ist. Dies ist eines der besten Sachbücher, die ich je gelesen habe.

Aus diesem voluminösen, aber dennoch leicht lesbaren Buch habe ich so viel gelernt, was ich hätte wissen sollen, so viel, von dem ich nicht wusste, dass ich es überhaupt hätte wissen können, und ich habe gelernt, über einige historische, ökologische und ökonomische Zusammenhänge anders nachzudenken. Die Globalisierung ist wirklich nichts Neues, ebenso wenig die Zerstörung der Umwelt durch den Menschen.

Fast jede Seite enthält faszinierende Informationen, Analysen, Geschichten und Charaktere; die meisten davon waren für mich vollkommen neu. Zum Beispiel

  • dass schon vor 400 Jahren billige chinesische Exporte europäische Hersteller aus dem Geschäft drängten,
  • dass die höchstgelegene Stadt der Welt (Potosí) einst auch die reichste und brutalste Stadt zugleich war,
  • dass Chinas Bevölkerung erst so schnell wachsen konnte, nachdem sie Mais und Kartoffeln aus Amerika importiert hatten, weil diese Pflanzen auf Böden wachsen konnten, auf denen Reis nicht gedieh,
  • dass der Kindermord an Mädchen in China bereits in der Qing-Dynastie ein Problem war, also vor der Ein-Kind-Politik,
  • wie die britischen Siedler in Nordamerika die Kleine Eiszeit herbeigeführt haben könnten, ein frühes Beispiel für vom Menschen verursachten Klimawandel,
  • dass Charles Goodyear im Gefängnis saß, während er an dem Verfahren zur Vulkanisierung von Gummi arbeitete,
  • dass Zehntausende afrikanischer Sklaven in Amerika entkamen und ihre eigenen Gemeinschaften, ja sogar Königreiche gründeten,
  • dass pazifische Inseln mit einer Schicht von bis zu 50 Meter Vogelkot den Dünger für Europa lieferten, und dass dieser Guano von chinesischen Sklaven geerntet wurde.

Ich könnte weiter und weiter und weiter erzählen. Viele schillernde Charaktere erwecken die Geschichten zum Leben, aber trotz der abenteuerlichen Biographien ist dies keine Abenteuergeschichte. Es ist eine brutale Geschichte von Tod, Zerstörung, Krankheit, Versklavung und Ausbeutung.

Nur eines habe ich vermisst: Während die Entdeckung, der Anbau und der Handel von Tabak in interessanten Details behandelt wird, wird die andere große amerikanische Erfindung, die unser Leben besser macht, fast nicht erwähnt: Schokolade.

Kennt Ihr ähnliche Bücher? Nur her mit Euren Empfehlungen!

Links:

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Grenzkontrolle in Österreich

Wenn man beim Trampen über die Alpen italienische Zigarren schmuggelt, jagt einem das imposante österreichische Zollhäuschen bei Nauders schon einen kurzen Schrecken ein.

Aber es war Sonntagmorgen und die Soldaten waren anscheinend alle in der Kirche. Oder sie wollten bei dem Regenwetter nicht aus ihrer Burg heraustreten.

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Vor hundert Jahren wurde Belgien zum kompliziertesten Land Europas – Juli 1921: Sprachgrenze zwischen Wallonie und Flandern

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Die Unfähigkeit, nach einer Wahl zügig eine neue Regierung zu bilden, assoziiert man gewöhnlich mit „failed states“ wie Irak, Afghanistan, Libyen oder den USA. Den Rekord für die längste Regierungsbildung hält jedoch Belgien mit 652 Tagen, womit 2020 der bisherige Rekord von 541 Tagen, ebenfalls aufgestellt in Belgien, gebrochen wurde.

Machen die Belgier das absichtlich, weil sie sonst in nichts Weltmeister sind?

Nein, Belgien ist wirklich so kompliziert. Nach den Wahlen von 2019 waren 12 Parteien im Parlament vertreten. Es sind derer so viele, weil die politischen Richtungen immer doppelt vertreten sind. Es gibt zwei christdemokratische Parteien, zwei sozialdemokratische Parteien, zwei grüne Parteien, zwei liberale Parteien und etliche regionale bzw. nationalistische Parteien.

„Warum schließen sich die politisch gleichgesinnten Parteien nicht einfach zusammen?“, fragt Ihr. Tja, das Problem ist, dass sie nicht miteinander reden können. Denn es gibt eine französischsprachige christdemokratische/sozialdemokratische/u.s.w. Partei sowie eine niederländischsprachige christdemokratische/sozialdemokratische/u.s.w. Partei. Das Verhältnis dieser Parteien zueinander gleicht dem zwischen „Judäischer Volksfront“ und der „Volksfront von Judäa“. Die einzige Partei, die in ganz Belgien antritt, ist die mit zwölf Sitzen im Parlament vertretene marxistische Arbeiterpartei.

„Wieso können die nicht miteinander reden? Belgien ist doch ein zweisprachiges Land“, fragt Ihr jetzt, und das nimmt man für das Land im Herzen Europas, das die Hauptstadt der Europäischen Union beheimatet, gemeinhin an. Aber Belgien ist kein wirklich zweisprachiges Land in dem Sinne, dass jeder zwei Sprachen spricht. Vielmehr ist Belgien unterteilt in vier Regionen mit unterschiedlicher Sprachpolitik.

Als ich mit dem Zug nach Antwerpen fuhr, lernte ich schon am ersten Tag alle vier Zonen kennen. In Eupen, der Hauptstadt des oft übersehenen deutschsprachigen Ostbelgiens, bedient der Herr am Schalter wahlweise auf Deutsch oder Französisch. Die Fahrkarte wird auf Deutsch ausgedruckt.

Im Zug erfolgt die Durchsage des Streckenplanes auf Deutsch. Aber schon am nächsten Halt, in Welkenraedt, hört man die Durchsage nur auf Niederländisch. In Liège wird man auf Französisch informiert, und in Brüssel zweisprachig. Es ist der gleiche Schaffner, der die Durchsagen macht. Er könnte überall alle drei Sprachen sprechen. Aber er hält sich streng ans Gesetz.

Und zwar an ein Gesetz vom 31. Juli 1921, das mittlerweile natürlich immer wieder modifiziert und verkompliziert wurde, aber das zum ersten Mal eine territoriale Sprachgrenze in Belgien festlegte. (Eine Grenze, die verblüffend mit der spätantiken Grenze zwischen germanischen und romanischen Sprachen übereinstimmt.)

Im Wesentlichen ist es so: Im Norden, in Flandern, muss man Niederländisch sprechen. Im Süden, in der Wallonie, muss man Französisch sprechen. Brüssel, die Hauptstadt, die einsam wie einst West-Berlin in Flandern liegt, ist zweisprachig. Und im Osten der französischsprachigen Wallonie gibt es noch die sogenannte Deutschsprachige Gemeinschaft, die zwar keine eigene Region, aber eine eigene Sprachgruppe ist, und deshalb trotz Zugehörigkeit zur französischsprachigen Wallonie deutschsprachig ist.

Nach dem Sprachengesetz von 1921 fand in den Gemeinden entlang der Sprachgrenze noch alle zehn Jahre eine Sprachzählung statt, nach deren Ergebnis die Gemeinde dann eventuell die Seiten wechseln konnte. Und schwupp, fand von einem Jahr zum nächsten der Schulunterricht auf Französisch anstatt auf Niederländisch oder umgekehrt statt. Viele Belgier zogen lieber um, anstatt sich das anzutun.

Weil das nicht kompliziert genug war, wurden für die auf der obigen Karte nummerierten Gemeinden Sonderregelungen geschaffen, jedoch für jede Gemeinde eine andere, und andere Sonderregelungen, je nachdem ob es sich um eine lokale, kommunale, örtliche, regionale, provinzielle, sozialversicherungsrechtliche, polizeiliche, gerichtliche, halbstaatliche oder föderale Angelegenheit handelt. Insgesamt gibt es mehrere tausend Ausnahmen.

Aber je komplizierter das Gesetz, umso verbissener wird auf seine Einhaltung geachtet. So müssen Behörden in Flandern auf Niederländisch kommunizieren. Wenn jedoch ein Belgier, der in der Wallonie seinen Wohnsitz hat, in Flandern zu Besuch ist oder dort z.B. von der Polizei aufgehalten wird, dann darf (nicht muss) der flämische Beamte, wenn er Französisch kann, mit dem Bürger auch auf Französisch sprechen (aber nicht schreiben). Wenn jedoch ein nur Französisch sprechender Belgier, der in Flandern wohnt (so etwas kann ja durchaus vorkommen) dem gleichen Polizisten in die Arme läuft, dann darf der französischsprachige flämische Polizist mit dem ebenfalls französischsprachige Einwohner Flanderns nicht auf Französisch kommunizieren. Außer nach Dienstschluss und privat, aber dann nur in einer Kneipe, die eine Lizenz zur Mehrsprachigkeit hat. Und nicht an flämischen Feiertagen, außer dieser Feiertag koinzidiert mit einem föderalen, also landesweiten Feiertag.

Belgische Polizisten halten gerne Ausländer an, weil sie mit denen in jeder Sprache und notfalls auf Englisch sprechen dürfen. Außer natürlich, der Ausländer hat einen Wohnsitz in Belgien, denn dann gelten wiederum die belgischen Sprachgesetze. Wie streng die Proporzregeln auch gegenüber Besuchern durchgesetzt werden, konnte ich beim Housesitting in Belgien erleben.

Ehrlich, der Sprachenstreit in Jugoslawien ist ein Witz im Vergleich zu Belgien.

Kein Witz ist leider, dass jede der beiden Bevölkerungsgruppen einen Gutteil ihrer Identität aus dem Gegensatz zur anderen bezieht. Weil die meisten Belgier die Sprache des anderen Landesteils nicht sprechen, nehmen sie diesen nur über Medien in ihrer eigenen Sprache wahr.

Ein besonders trauriges Kapitel ist die Universität Löwen/Leuven/Louvain, eine der ältesten und renommiertesten europäischen Universitäten. Gegründet 1425, später eine der Hauptstädte des Humanismus, endete diese Geschichte 1968.

Die Universität war, wie die Politik, faktisch schon zweigeteilt. Man konnte nicht nur Linguistik, sondern auch Geographie, Mathematik und absurderweise sogar Anglistik auf Französisch und auf Niederländisch studieren. Es waren praktisch zwei Universitäten unter einem geschichtsträchtigen Dach.

Doch nach einer erneuten Sprachgrenzziehung 1962 befand sich die Universität eindeutig in Flandern, und die flämischen Studenten protestierten dagegen, dass in Löwen/Leuven/Louvain überhaupt auf Französisch studiert werden konnte. Da eine Universität eigentlich immer auch eine Ausbildung in anderen Sprachen anbietet, finde ich diese Beschwerde der flämischen Studenten geradezu absurd, vor allem weil sie selbst ja nicht Französisch sprechen mussten. Aber so wirken Nationalismus und Regionalismus, da setzt das Hirn aus, und plötzlich hassen Studenten ihre Kommilitonen.

Die Vermittlungsversuche der Regierung blieben vergeblich, der Premierminister trat zurück, und der neue Premierminister schaffte sich das Problem vom Hals: Die Universität wurde geteilt, und die französischsprachigen Fakultäten und Studenten mussten die Stadt verlassen.

1971 wurde in der Wallonie eine neue Stadt gebaut, Louvain-la-Neuve, also Neu-Löwen, die hauptsächlich nur aus dieser Universität und den Studentenwohnheimen besteht. Es ist, wie alle in den 1960ern und 1970ern aus dem Boden gestampften Städte, ein trostloser Ort – bis auf das Hergé-Museum.

Die 1970er Jahre verbrachten die beiden Universitäten mit der Aufteilung der Bibliothek. Bücher mit ungerader Signaturnummer verblieben in Löwen/Leuven/Louvain, jene mit gerader Signaturnummer wurden nach Louvain-la-Neuve verbracht. Beziehungsweise bis zur Grenze zwischen Flandern und Wallonie, wo sie dann vom flämischen Spediteur an den wallonischen Spediteur übergeben wurden. Die Entfernung zwischen den beiden Universitäten beträgt 30 km.

Es war nicht das erste Mal, dass die Universitätsbibliothek in Löwen/Leuven/Louvain zum Opfer der Weltgeschichte wurde. Im August 1914 wurde sie von deutschen Truppen in Brand gesetzt. Etwa 300.000 Bücher verbrannten.

Und damit sind wir bei den Hauptschuldigen für das belgische Sprachenschlammassel. Es sind nämlich weder Wallonen, Flamen, Franzosen, Niederländer oder die Römer, sondern, mit der ihnen zugeschrieben Zuverlässigkeit, die Deutschen.

Denn die Spaltung Belgiens war das Werk der Deutschen im Ersten Weltkrieg. Sie nahmen nach der raschen Besetzung Belgiens die administrative Teilung vor, in einen flämischen Teil mit Brüssel als Hauptstadt, und in einen wallonischen Teil mit Namur als Hauptstadt. Die Deutschen waren es, die separate niederländisch- und französischsprachige Ministerien bildeten. Und die Deutschen waren es, die aus der Universität in Gent die französische Sprache verbannten.

Die deutsche Flamenpolitik war die Geburtsstunde des anti-belgischen flämischen Nationalismus, obwohl sich nur eine kleine Minderheit der Flamen zur Kooperation mit den Besatzern ködern ließ. Aber zum ersten Mal gab es innerhalb der flämischen Bewegung eine Strömung, die Belgien grundsätzlich ablehnte und einen eigenen Staat wollte.

Nach dem Ersten Weltkrieg standen die Flamen als Landesverräter dar, was auch überzogen war, weil nur ein paar tausend Leute mit den Deutschen paktiert hatten. Die große Mehrheit der Flamen, die die deutsche Besatzung ebenso wie die Wallonen abgelehnt hatte, fühlte sich völlig zu Unrecht als Vaterlandsverräter gebrandmarkt.

Und wenn Euch das noch nicht als Beleg für die deutsche Schuld an allem, was in Belgien schief läuft, reicht: Im Zweiten Weltkrieg überfiel Deutschland erneut Belgien, die Bibliothek in Löwen/Leuven/Louvain brannte abermals ab, und Deutschland säte noch mehr Zwietracht zwischen Flamen und Wallonen, indem erstere unter Arierverdacht besser als letztere behandelt wurden. So wurden z.B. flämische Kriegsgefangene freigelassen bzw. zur Waffen-SS abgeworben, während die Wallonen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verbracht wurden.

Wiederum kollaborierten nur wenige Flamen mit den deutschen Besatzern, aber natürlich hat die unterschiedliche Behandlung das Verhältnis der beiden Sprachgruppen nicht verbessert. Nur die deutschsprachigen Belgier kamen komischerweise ziemlich ungeschoren aus den beiden Weltkriegen heraus. Aber vielleicht zanken sich Wallonen und Flamen auch viel zu sehr, als dass ihnen die Existenz der wenigen Deutschen im Osten überhaupt auffällt.


P.S.: Ich suche nicht absichtlich nach Themen mit Deutschland-Bezug. Für Juli 1921 habe ich bewusst nicht die Leipziger Prozesse (wegen der deutschen Kriegsverbrechen in Belgien im Ersten Weltkrieg) oder die Übernahme des Vorsitzes der NSDAP durch Adolf Hitler als Thema gewählt. Erklärtes Ziel dieser Reihe ist es schließlich auch, den Blick auf fernere Länder zu richten.

Aber wenn man tief genug recherchiert, findet man eben fast überall deutsche Finger im weltweiten Spiel. Selbst das Alternativthema der Gründung der Kommunistischen Partei Chinas vor 100 Jahren hätte auf die deutsche Kolonie Kiautschou in China zu sprechen kommen müssen, denn deren Nichtrückgabe an China nach dem Versailler Vertrag war der Auslöser für die Gründung der Kommunistischen Partei im Juli 1921. Irgendwie ist es also doch die Schuld von Deutschland, dass China jetzt eine Diktatur ist. :/

Links:

  • Alle Folgen aus der Reihe „Vor hundert Jahren …“.
  • Mehr Geschichte.
  • Der Sprachenstreit in Ex-Jugoslawien ist dagegen richtig amüsant.
  • Fans von Tim & Struppi empfehle ich diese Dokumentation. Und einen Besuch im Hergé-Museum.
  • Wenn Ihr mehr über die Geschichte Belgiens lesen wollt, empfehle ich das Buch von Christoph Driessen. Das ist ein Beispiel dafür, wie ein gutes Geschichtsbuch auszusehen hat.
  • Weitere Artikel über Belgien, wobei da noch einiges aussteht, insbesondere mein Bericht aus Neutral-Moresnet, einem Staat, der – so lange liegen meine Notizen jetzt schon herum – mittlerweile nicht mehr existiert.
  • Um zwei Staaten, die nicht mehr existieren und von denen ich wette, dass Ihr noch nie von ihnen gehört habt, wird es im August 1921 gehen. Seid gespannt, teilt die Artikel dieser Reihe im Interweb und in der Kantine, und bedankt Euch bei den Unterstützerinnen und Unterstützern dieses Blogs, die diese Arbeit möglich machen!
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„Ich bleibe hier“ von Marco Balzano

Das Bild kennt jeder: Ein Kirchturm, der aus dem See ragt.

Fast niemand fährt am Reschensee vorbei, ohne anzuhalten und ein Foto zu machen. Schon weniger werden innehalten, um zu fragen, wie das passiert ist. Aber wer auch nur kurz nachdenkt, wird darauf kommen, dass um die Kirche mal ein Dorf gelegen haben muss, das von den Wassermassen verschluckt wurde.

Weil die Leserinnen und Leser dieses Blogs nicht nur an über die Ufer getretenen Wasserläufen, sondern auch an ausufernden historischen Erklärungen interessiert sind, war ich letztes Wochenende im Vinschgau, um die Geschichte des versunkenen Dorfes Graun zu eruieren.

Wer nicht auf meinen Artikel warten kann oder lieber Bücher liest, dem sei „Ich bleibe hier“ von Marco Balzano empfohlen.

Im Dorf Graun lebt die Lehrerin Trina, die wegen ihrer Deutschsprachigkeit mit der ab 1922 von Mussolini betriebenen Italienisierungspolitik ihre Arbeit verliert. Dann verliert sie ihre Tochter an die sogenannte Option, die zwischen Hitler und Mussolini ausgehandelte Möglichkeit der deutschsprachigen Südtiroler, die ja erst seit 1918 zu Italienern wurden, nach Deutschland umzusiedeln. Und dann verliert sie noch ihren Sohn an die Wehrmacht.

Trina und ihr Mann bleiben in Graun, das nun Curon heißt, und leiden unter der italienischen Staatsmacht, der Unterdrückung der deutschen Sprache, Gerüchten von Zwangsumsiedlung nach Sizilien oder Afrika und vor allem unter dem Hohn und Spott der Optanten, die den Versprechen Nazi-Deutschlands von großen Ländereien auf der Krim folgen. (Spoiler: Daraus wurde nichts.)

Und über dem Ganzen hängt ständig drohend das Staudammprojekt.

Erzählt aus der Sicht Trinas werden die Familiengeschichte und die Dorfgeschichte geschickt mit der Geschichte Italiens verwoben. Verfasst in leisen Tönen und gewählten Worten entfalten sich gleich mehrere Dramen. Ein eindringlicher, aber kein aufdringlicher Roman.

Eine ergreifendes Buch, nicht nur für Südtirol-Urlauber. Aber jene werden nach der Lektüre vielleicht das ein oder andere Mal innehalten, wenn sie die zweisprachigen Ortsschilder sehen oder um den Reschensee spazieren.

Mittlerweile findet man an manchen Orten Aufkleber mit dem zweisprachigen Text:

8000 ‚Namen‘ von Dörfern, Bergen, Flüssen u.s.w. wurden im Südtirol im Prozess der Italianisierung des Landes von der faschistischen Diktatur gefälscht, um Südtirol gewaltsam zu italianisieren. Wir Italiener des 21. Jahrhunderts sind nicht mehr aggressiv, sondern moderat und europäisch. Wir distanzieren uns vom Nationalismus und Imperialismus unserer Vorfahren. Bei den Südtirolern entschuldigen wir uns für das Kulturverbrechen Italiens durch die Fälschung tausender Namen in ihrem Land.

Dass deutsche Touristen sich für deutsche Kriegsverbrechen in Italien entschuldigen, ist hingegen nicht bekannt.

Links:

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„Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ von Jakob Hein

Menschen, die behaupten, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, übersehen zum einen Art. 4 des Grundgesetzes, zeigen aber auch wenig Kenntnis von der deutschen Geschichte.

Letzteres lässt sich mit der Lektüre des amüsanten und interessanten historischen Romans „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ von Jakob Hein beheben. Ein Buch, das nicht nur kurzweilig geschrieben und reich an Aktualität ist, sondern das zeigt, dass die besten Geschichten oft die wahren sind. (Wie auf diesem Blog.)

Dabei kann man es fast nicht glauben: Der deutsch-jüdische Offizier Edgar Stern heckt einen Plan zur Sprengung des Suez-Kanals aus, um das britische Weltreich entscheidend zu schwächen. Aus dem Plan wird nichts, obwohl er später reaktiviert wird. Stattdessen bekommt er einen Geheimauftrag im Rahmen der deutschen Dschihad-Strategie.

Denn, was viele nicht wissen: Der Dschihad ist ein Meister aus Deutschland.

Im Ersten Weltkrieg versuchte das Deutsche Reich, einen Weltaufstand aller Muslime anzuzetteln, damit diese sich gegen ihre französischen, britischen und russischen Kolonialherren erheben und den Mittelmächten zum Sieg verhelfen würden. Die „Nachrichtenstelle für den Orient“, so etwas wie der Vorläufer des BND, unterstützte dazu örtliche Aufstände, so wie die USA einst die Mudschaheddin in Afghanistan unterstützten.

Deutsche Wissenschaftler durchforsteten den Koran, um Passagen zu finden, die sich als Aufruf zum Dschihad interpretieren lassen konnten. Dann versuchten sie, den osmanischen Sultan zum Ausrufen eben dieses heiligen Krieges zu bewegen, was mit viel Geld zwar gelang, allerdings recht wirkungslos verpuffte. Denn sie hatten, ganz wie heutige Islamkritiker, übersehen, dass ein afghanischer Paschtune sich ebensowenig durch ein Wort eines Herrn Sultan aus Konstantinopel zum Kampf bewegen lässt wie ein Mormone in Utah durch ein Kommuniqué aus dem Vatikan. Die meisten Muslime hatten, wie alle Menschen, null Bock auf Krieg.

Die Erzählung von Jakob Hein setzt mit dem Problem ein, dass der Sultan irgendwie begründen muss, warum die Muslime dieser Welt für die nicht gerade muslimischen Nationen Deutschland, Österreich und Ungarn kämpfen und sterben sollten. Deshalb wurde Kaiser Wilhelm II. von der deutschen Propaganda als Quasi-Sultan dargestellt, der halt nur leider keine Muslime in seinem Reich habe. Konkret wurde das an den muslimischen Kriegsgefangenen unter den britischen und französischen Truppen vorexerziert.

In Wünsdorf in Brandenburg wurde für sie ein sogenanntes Halbmondlager erbaut, mit Moschee und allem drum und dran.

Die deutschen Behörden gaben für ihre „muhammedanischen Kriegsgefangenen“ eine Zeitung heraus, die – wenig subtil – „El-Dschihad“ hieß.

Leutnant Stern wurde nun damit beauftragt, 14 muslimische Kriegsgefangene nach Konstantinopel zu bringen, um sie dort unter großem Pomp und Tamtam freizulassen, womit bewiesen werden sollte, dass Kaiser Wilhelm II. ein herzensguter Mensch war. (Weil die Gefangenen nicht aus der Türkei, sondern aus Afrika waren, handelte es sich wohl eher um eine illegale Abschiebung, aber egal.)

Da die Mission geheim bleiben sollte und die Zugfahrt durch das neutrale Rumänien führte, verfielen die deutschen Orientgenies auf die Idee, die Truppe als Zirkus mit Leutnant Stern als Zirkusdirektor zu tarnen.

Das alles erzählt Hein aus der Perspektive verschiedener Figuren, was aber nie unübersichtlich wird, sondern sich zu einem amüsanten Gesamtbild fügt. Ein lehrreiches Lesevergnügen!

Links:

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