Mohammad Mostafaei, der Anwalt, mit dem ich zusammen im Iran festgenommen wurde, hat jetzt ein Buch geschrieben. Angeblich komme ich darin auch vor, aber bis jetzt ist es nur auf Norwegisch erschienen.
Kennt noch jemand Paul von Heyse oder Jacinto Benavente? Nein? Tja, das zeigt, wie überbewertet der Literaturnobelpreis ist.
Junge Menschen glauben mir oft nicht, wenn ich erzähle, wie früher das Rauchen im Flugzeug nicht nur erlaubt, sondern normal war.
Die lustlosesten Leute arbeiten in Telefonläden, oder? Das scheint überall auf der Welt das Gleiche zu sein.
Als Mark Twain 59 Jahre alt war, war er so pleite, dass er sich zu einer Comedy-Tour bereiterklärte, die ihn um die ganze Welt führte.
In vielen Ländern Südamerikas kommt man übrigens hervorragend ohne die zweijährliche Umstellung auf Winter- bzw. Sommerzeit zurecht.
Wer hätte gedacht, dass eine französische Nationalistin ihr Geld aus Russland und ihre Inspiration aus den USA holt?
Nachdem ich schon über die mexikanischen Nazis geschrieben habe, sollte ich auch die „Legión de Guerrilleros Mexicanos“ erwähnen. Organisiert von Cowboy-Führern stellte diese Freiwilligenarmee während des Zweiten Weltkriegs zwischen 100.000 und 150.000 Männer auf die Beine bzw. auf die Pferde, um die befürchtete Invasion Deutschlands und Japans abzuwehren.
Das ist womöglich von Interesse für andere Übersetzer juristischer Texte: Bei EUR-Lex kann man europäischer Rechtsakte und Urteile in bis zu drei Sprachen nebeneinander ansehen. Um die offizielle Terminologie in einer anderen Sprache herauszufinden, ist das zuverlässiger als ein Wörterbuch.
Schlechte Nachrichten: Jedes Mal wenn ich einen Halbmarathon laufe, sterben mehr Menschen. Das gibt mir schon über die Konsequenzen meines Handelns zum Denken
Allerdings sind hauptsächlich die Großveranstaltungen wie Marathons in Boston, New York und Berlin das Problem. Mir liegen eher die kleinen Läufe irgendwo in der Natur, in den Bergen oder einer Kleinstadt.
Endlich habe ich ein Lied gefunden, das mein Leben beschreibt: „Secret Action Man“, hier unterlegt mit Szenen aus der TV-Serie Reilly – Ace of Spies über Sidney Reilly.
Als ich auf der Bastion von Saint Remy stand und auf Cagliari hinabblickte, sahen meine scharfen Augen etwas Verdächtiges
Fällt es Euch auf?
Da steht mitten in der Stadt ein Atomreaktor. Versteckt und getarnt als eine Kirche. In Italien genießt die Katholische Kirche ein großes Maß an Autorität und kommt daher mit Sachen davon, die man anderen Organisationen niemals durchgehen ließe, einschließlich unanständiger und krimineller Aktivitäten.
In Verbindung mit der nächsten Kirche, die verdächtig wie ein Unterseeraumschiff von SPECTRE aussieht, weckt dies Zweifel an der friedlichen Natur des geheimen Atomprogramms des Vatikan.
Ursprünglich hatte ich vor, einige Jahre in Lateinamerika zu verbringen, um jedes Land von Argentinien bis Mexiko in Ruhe zu erkunden. Als Advokat des ständigen Wandels habe ich diesen Plan geändert und werde im Mai 2017 – nach nur eineinhalb Jahren in Südamerika – nach Europa zurückkehren.
Zu dieser Entscheidung beigetragen haben etliche Gründe, die sich grob in zwei Gruppen einteilen lassen. Zum einen hat mich Südamerika – mit einer Ausnahme, auf die ich immer wieder zu sprechen kommen werde: Bolivien – nicht so fasziniert wie erhofft. Zum anderen habe ich durch den Vergleich der Kontinente bemerkt, wie abwechslungsreich, schön, interessant und reisefreundlich Europa eigentlich ist.
Im Einzelnen und grob in der Reihenfolge der Gewichtung:
Der Lärm
In den eineinhalb Jahren in Südamerika habe ich sicher so viele kumulierte Dezibel aufgenommen wie in den vorangeganenen 40 Jahren insgesamt. Ganz abgesehen davon, dass es mich stört, kann das nicht gesund sein.
Für Europäer ist der Lärmpegel in Städten in Peru oder Brasilien, den beiden lautesten Ländern, unvorstellbar. Ich glaube ehrlich, dass die Schlacht von Stalingrad leiser war als die Hauptverkehrszeit in Arequipa. Aber selbst in Kleinstädten kommt man weder zur Ruhe noch zum Schlafen.
Autos hupen
an jeder Ecke,
wenn es nicht schnell genug geht,
wenn ein Bekannter vorbeiläuft,
wenn ein Hund vorbeiläuft,
wenn sie am Haus eines Bekannten vorbeifahren,
wenn sie auf jemanden warten
oder im Falle von Taxis immer wenn sie einen Fußgänger sehen, den sie zum Einsteigen bewegen wollen.
Ich gehe gerne zu Fuß, was Taxifahrer nicht kapieren, weshalb sie mich wie verrückt anhupen. Hundertmal am Tag. Dazu wohnen in meiner Straße vielleicht 40 Leute, die alle 5 Freunde haben, die zweimal am Tag vorbeikommen und dies lautstark mit mehrmaligem Hupen ankündigen. Außerdem ist am Ende der Straße natürlich eine Ecke, an der alle vorbeifahrenden Autos immer hupen. Auch nachts.
Jedes Auto hat eine Riesenstereoanlage, wie ich sie nicht einmal in Diskotheken gesehen habe. Die Musik – und es ist schreckliche Musik mit viel Bässen und wenig Melodie oder Qualität – läuft auf Höchststärke. Wenn das Auto – vorzugsweise vor meinem Haus – geparkt wird, bleibt die Stereoanlage (manchmal auch der Motor) an, und die Fenster werden heruntergekurbelt, damit der Autobesitzer während des Mittagessens bei seiner Mama – Selberkochen ist Männern kulturell verboten – weiterhin seine, ich kann es nicht anders sagen, Scheißmusik hören kann. Das Gleiche machen natürlich alle anderen Jungs in der Straße. Auch nachts.
Aus dem Film Blues Brothers kennt Ihr vielleicht das Auto mit dem Riesen-Megafon auf dem Dach?
Kein Scherz: In Südamerika bauen sich Leute ebenfalls Megafone oder Stereoboxen aufs Autodach.
In Lencois in Brasilien sah ich dieses Motorrad mit Lärm-Beiwagen.
Die Autos und Motorräder fahren den ganzen Tag durch die Stadt und plärren Werbung für Obst, Möbel, Restaurants oder eine neue christliche Kirche heraus. Wenn sie gerade keine zahlenden Kunden haben, fahren sie mit lauter Musik durch die Stadt, um ihr Soundsystem anzupreisen. Da es dabei ums Geschäft geht, läuft die Werbung/Musik natürlich weiter, während das jeweilige Auto eine Stunde vor meinem Haus parkt.
Dazu kommt der Lärm aus Häusern, von Balkonen, aus Gärten und vor allem von Geschäften und Restaurants. Besonders in Peru und Brasilien glauben Ladeninhaber, dass sie mehr Kunden bekommen, je lauter ihr Laden ist. Also bauen sie mannshohe Lautsprecher vor ihren Schaufenstern auf, die den ganzen Tag Werbung und/oder grässliche Musik plärren. Da alle 20 Meter ein anderes Geschäft ist, versteht man gar nichts. Viele Restaurants versuchen auf die gleiche Weise, einem den Besuch zu vergällen, wobei sie zusätzlich noch in jeder Ecke einen Fernseher laufen haben. Davor stehen dann alle Kellnerinnen und schauen eine lautstarke Seifenoper oder ein Wrestling-Match an, anstatt die Bestellungen aufzunehmen.
Wenn ich der einzige Gast in einem Restaurant war, habe ich immer darum gebeten, den Fernseher leiser zu stellen. Das stieß auf vollkommenes Unverständnis, und in der Hälfte der Fälle drehte die Kellnerin den Fernseher lauter, weil sie dachte, ich hätte mich versprochen.
In Cochabamba wohnte ich neben einer Adventistenkirche. Diese Adventisten feiern am Freitag Abend eine Messe und verbringen dann den ganzen Samstag in der Kirche. Das Ganze geht mit Musik und Gesang einher, die natürlich über Lautsprecher in die ganze Nachbarschaft gebrüllt werden müssen. Was nützt einem ein schöner Garten mit Blumen und Kolibris und das schönste Wetter, wenn man den ganzen Samstag die Fenster geschlossen halten muss und nicht aus dem Haus kann? In Mollendo wohnte ich am Meer und hätte im Haus immer eine kühle Brise genießen können, wenn ich denn gefahrlos die Fenster öffnen hätte können. Nur von 5 bis 7 Uhr am Sonntagmorgen war es einigermaßen ruhig. In Peru war der Lärm so schlimm, dass ich in ein Geschäft für Bergarbeiterbedarf ging und mir Ohrenschützer kaufte, die ich fortan beim Lesen, Schreiben, Nachdenken und Schlafen tragen mußte. In meinem eigenen Haus!
Früher fand ich Feuerwerke toll. Aber wenn man ein Jahr lang jeden Tag und jede Nacht ein paar davon sieht/hört, würden sie sogar einem Pyromanen zum Hals heraushängen.
Noch schlimmer war es in Salvador in Brasilien. Am ersten Abend laute Trommeln. Nicht nur ein paar, sondern hunderte. Bis um 3 oder 4 Uhr morgens. Die Vermieterin: „Heute ist das Fest der Trommeln.“ Ich: „Nur heute?“ Sie: „Ja, ja, keine Sorge.“ In der nächsten Nacht wieder laute Trommeln, dazu Diskomusik. Die Vermieterin: „Oh, heute ist der internationale Tag des Tanzes.“ Am nächsten Tag war ein Samba-Wettbwerb (natürlich wieder bis um 4 Uhr morgens), dann kam das Wochenende, wo rund um die Uhr durchgelärmt wird, am Montag war irgendein religiöses Fest, dann war ein Stadtjubiläum, dann ein Musikwettbewerb (alle Teilnehmer waren gleich schlecht), und dann war schon wieder Wochenende.
Nicht dass man noch zusätzlichen Lärm benötigte, aber in Brasilien ist es ein anerkannter Beruf, den ganzen Tag einen Lautsprecher durch die Stadt zu schieben.
Insbesondere in Brasilien und Peru habe ich gemerkt: je schlechter die Musik, desto lauter. Ich weiß nicht, wieso Brasilien einen Ruf für Tanz und Musik hat. Es sind immer die gleichen drei Töne, tausendfach wiederholt. Tagelang. Meine Nachbarn in Mollendo spielten mindestens 30 Mal am Tag „Shaky Shaky“ von Daddy Yankee, ein Lied, das so grausam ist, dass ich es mir nicht ein einziges Mal anhören mag.
Auch unterwegs ist man nicht vor Lärm gefeit. Busse sind mit DVD-Spielern ausgestattet, auf denen ausnahmslos blöde und brutale Actionfilme gezeigt werden. In übertriebener und unmenschlicher Lautstärke. Etliche Fahrgäste spielen zusätzlich Musik über ihre Handys ab. Ich hätte in den eineinhalb Jahren wesentlich mehr von Südamerika sehen können, wenn die Busse nicht solch eine Tortur wären, die ich einfach nicht mehr ertragen konnte.
Es folgen noch weitere Argumente, aber ganz ehrlich, der Lärm war der primäre und an sich ausreichende Grund, meine Südamerika-Reise abzubrechen.
Zum Schluss dieses Abschnitts noch zwei löbliche Ausnahmen:
Bolivien ist zwar auch laut, aber wenigstens ist die Musik besser. Wenn man schon jeden Tag ungefragt geweckt wird, dann doch lieber mit fröhlicher Marschmusik.
Fehlende kulturelle Vielfalt
Vorausgeschickt: Ich finde Südamerika sehr interessant, bunt, kurios, und ich könnte noch Jahre hier verbringen, ohne mich zu langweilen. Aber jede Entscheidung für A ist bei begrenzter Lebenszeit immer eine Entscheidung gegen B, C und D.
Ich lerne gerne ständig etwas Neues. Ich weiß lieber ein bißchen von Vielem als Experte auf einem Gebiet zu sein. Nach mehr als einem Jahr in Südamerika habe ich den Eindruck, dass ich den Kontinent schon besser kenne als Europa. Das klingt absurd, liegt aber an der relativen kulturellen, architektonischen, linguistischen, geschichtlichen und religiösen Homogenität Südamerikas (die zugegebenermaßen von Europäern verschuldet wurde).
Von Guadalajara in Mexiko
über Arequipa in Peru
bis Santiago de Chile
liegen 7000 km. Aber alle Städte sehen im Wesentlichen gleich aus: Eine Kathedrale, immer katholisch, immer barock. Davor ein Platz, an den Seiten Arkaden. Schachbrettförmig angelegte Altstadt. Ein Kloster.
Überall spreche ich Spanisch. Alle Länder haben eine ähnliche Geschichte: spanische Eroberung, Revolution durch spanische Großgrundbesitzer, Krieg, Simon Bolivar, Unbhängigkeit, Unterdrückung der indigenen Bevölkerung, weitere Revolutionen, Militärdiktatur, wieder Revolution, Demokratie. Überall herrscht ein erdrückender Katholizismus. Die Kultur ist relativ ähnlich.
Natürlich könnte man überall Unterschiede finden, und ich vereinfache hier extrem. Aber wenn ich in Europa 7000 km fahre, dann bin ich am Nordpol oder in Sibirien. Und der Punkt ist: Ich muss gar nicht so weit fahren. In zwei Stunden bin ich in einem anderen Land, mit einer anderen Sprache, Geschichte, Kultur, Architektur. Ich werde überrascht, anstatt das Erwartete vorzufinden. Auf dem Balkan ist man alle 200 km in einem anderen Land, sogar mit einer anderer Religion und einem unlesbaren Alphabet. In Ländern mit starken regionalen Identitäten, z.B. in Italien oder Rumänien, ist jeder Landstrich vom benachbarten unterschiedlicher als Argentinien von Mexiko.
Ich vermisse diese kulturelle Vielfalt Europas. In den Zug zu steigen und nach nur zwei oder drei Stunden die Sprache nicht zu verstehen, bisher unbekannte Architektur zu erkunden und sich in eine andere Geschichte und Kultur einzuarbeiten, ist für mich ein Genuss. Die Negativler, die behaupten, dass die EU alles gleichmache, sollen sich mal ein paar Monate freinehmen und von Estland nach Malta reisen. Oder von Schottland nach Griechenland. Sie werden erstaunt sein, dass unser hübscher, kleiner Kontinent vielseitiger ist als so manche Weltreise.
In Europa gibt es mehr zu entdecken
Das ist so apodiktisch natürlich falsch, denn auf jedem Kontinent gibt es eine Menge interessanter Orte, Menschen und Geschichten. Aber ich wage zu behaupten, dass für die meisten Reisenden Europa exotischer ist.
Wenn man sich in Südamerika lange Zeit mit einem Land beschäftigt (wie ich es in Bolivien getan habe) und Kontakte zu normalen Menschen statt zu Reisebüros knüpft, kann man diese Exotik erleben, wie z.B. als ich drei Tage bei den Mojenos im Urwald war.
Aber 99% der europäischen, nordamerikanischen und asiatischen Reisenden hier besuchen die gleichen Orte: Machu Picchu in Peru, Salzsee bei Uyuni in Bolivien, Iguazu-Wasserfall in Brasilien und dann nach Rio de Janeiro zum Karneval. Wie auf einer Liste haken sie alles ab, wo es vor anderen Europäern, Nordamerikanern und Asiaten wimmelt, wo sie sich gegenseitig fotografieren und sich dann als große Abenteurer feiern lassen, wenn sie nach Dresden, New York oder Singapur in ihre Büros oder Studenten-WGs zurückkehren. Das ist Pauschaltourismus. Nichts dagegen einzuwenden, aber dann bitte nicht so tun, wie wenn man Thor Heyerdahl wäre.
Wenn ich doch mal solchen Möchtegern-Hippies begegne, was sich auf langen Busfahrten nicht vermeiden läßt, erzähle ich manchmal von meinen Reisen in Europa. Entsetzt stelle ich fest, dass die meisten dieser Europäer ihren eigenen Kontinent genauso pauschaltouristisch behandeln. Sie kennen London, Paris, Rom, Venedig und Berlin. Das gleiche Programm wie japanische Blitztouristen halt. Wenn ich von Rumänien oder Montenegro schwärme, sehen sie mich so skeptisch an, wie wenn sie von der EU-Osterweiterung noch nichts gehört haben. Wenn ich von Transnistrien oder von Guernsey erzähle, kennen sie diese europäischen Länder nicht einmal. Aber sie planen schon ihre nächste große Reise: nach Thailand, Vietnam und Burma, natürlich wieder im sicheren Trek westlicher Touristen.
Nun wäre es falsch, eine Regel aufstellen zu wollen, nach der man seinen eigenen Kontinent kennenlernen sollte, bevor man sich andere ansieht. Jeder soll machen, was er/sie will. Aber ich persönlich sehe meine Aufgabe eher darin, meinen Lesern die exotischen Ecken Europas vorzustellen, als den tausendsten Artikel über Rio de Janeiro zu schreiben. Und wenn es mich wieder in die Ferne zieht, dann wahrscheinlich eher nach Osten. Krasnojarsk, Kirgistan und Kamtschatka klingen für mich exotischer und verlockender als Kolumbien oder Kuba.
Verhältnis von Aufwand und Ertrag
Das ist ein sehr nüchterner Punkt, aber Reisen ist eben auch Planung, Organisation und Finanzierung.
Mir wurde das auf der Osterinsel bewusst. Die ganze Reise dorthin hatte mich mit Bussen, Flügen und Übernachtung trotz sparsamer Planung ungefähr 800 Euro gekostet. Jahrelang liest man über die Osterinsel und gönnt sich einmal im Leben den hart erarbeiten Luxus. Als ich dort war, kam ich nicht umhin, zu denken: „Ja, ist schon eine schöne Insel, unbestritten. Aber 800 Euro für eine Woche? In Osteuropa wäre ich dafür zwei Monate unterwegs.“ Dabei liebe ich Inseln!
Dann erinnerte ich mich, wie einfach, schnell, leicht, günstig, stress- und visumsfrei ich schon etliche europäische Inseln besucht hatte, die wieder fast niemand kennt, von Hiiumaa in Estland
Wahrscheinlich noch nie davon gehört, oder? Da könnt Ihr überall für 50 Euro hinfliegen. Und damit wärt Ihr die wirklichen Exoten und Abenteurer unter den Reisenden. Ein Bild mit Machu Picchu hat schließlich jeder auf seinem Facebook-Profil. Die Hälfte dieser nur beispielhaft erwähnten Inseln liegt schon in der EU, so dass Ihr nicht einmal Geld oder SIM-Karten umtauschen müsst.
Ich weiß, das ist ein prosaisches Thema, aber mir gehen die ganzen Reiseblogs auf den Sack, die so tun, wie wenn Geld keine Rolle spielt. Dazu gleich mehr.
Und noch eine praktische Sache: Wer mal zwischen Brasilien und Bolivien 24 Stunden auf der Grenzbrücke gestanden ist, wie zwei deutsche Jungs, die ich an der nicht ganz so schlimmen Grenze von Peru nach Bolivien traf, der weiß die EU und Schengen zu schätzen.
Südamerika ist teurer als Europa
„Was?“ werden sich viele fragen, weil das so gar nicht mit unseren Vorurteilen übereinstimmt. Vorurteile, die ich auch hatte.
Der Denkfehler liegt aber darin, Deutschland oder die Schweiz mit Europa gleichzusetzen. Übrigens ein Denkfehler, den auch die meisten Südamerikaner begehen, die dehalb glauben, dass jeder Europäer Kaufkraftmillionär ist. Dabei ist Chile z.B. teurer als die (östliche und südliche) Hälfte Europas. Selbst Bolivien, das günstigste Land Südamerikas, hat ungefähr das gleiche Preisniveau wie Rumänien. Aber wenn Ihr nach Rumänien fliegt, kostet Euch der Flug 20 Euro statt 600 Euro. Das sind 580 Euro mehr zum Verprassen. Oder ein dementsprechend längerer Urlaub.
Insbesondere Fliegen ist in Europa spottbillig. In Brasilien und Bolivien gibt es ähnlich günstige Inlandsflüge, aber jeder grenzüberschreitende Flug geht in die Hunderte von Euros. Wiederum ein großes Dankeschön an den europäischen Binnenmarkt! (Auch wenn ich persönlich die Eisenbahn bevorzuge.)
Ein anderer, sehr nerviger, Punkt, der Südamerika teurer macht, ist dass man als Ausländer/Weißer/Gringo manchmal ausgenommen wird. Mir selbst ist das relativ selten passiert, weil ich schnell Spanisch lernte und weil mir ein scharfes „nein, danke“ sehr leicht von den Lippen geht. Aber insbesondere in Peru, dem diesbezüglich schlimmsten Land, wurde ich von fast jedem als Kunde anstatt als Mensch betrachtet. Jeder wollte ständig etwas zu Mondpreisen verkaufen oder vermieten, auch wenn ich gar nicht danach gefragt hatte.
In Europa hatte ich – selbst wenn ich die örtliche Sprache nicht beherrschte und offensichtlich ein Tourist war – diese Problem nie.
Aber jetzt zu etwas ganz anderem:
Jahreszeiten
Ganz ehrlich: Jahreszeiten sind toll. Mittlerweile vermisse ich sogar den Winter. Einen richtig harten, dunklen, kalten Winter wie ich ihn in Litauen er- und überlebt habe.
„Was soll das?“ fragt sich der europäische Leser, der mich jetzt aufklären will, dass es doch auch auf der Südhalbkugel Jahreszeiten gäbe, nur eben spiegelverkehrt.
Das stimmt für den tiefen Süden, für Patagonien, aber soweit kam ich – hauptsächlich aus Kostengründen – nicht. Ich hielt mich hauptsächlich in den Andenstaaten Bolivien, Peru und Ecuador auf, wo es eigentlich keine richtigen Jahreszeiten gibt. Die Leute sagen zwar „oh je, jetzt kommt der Winter“, aber das bedeutet, dass es mittags 30 statt 35 Grad hat.
In Cochabamba, das auf 2500 m liegt, schneit es nie. In der Nähe der Stadt liegt der Tunari, ein Berg mit etwas über 5000 m, auf dem es ganz selten schneit.
Viele Brasilianer kommen zum Medizinstudium nach Cochabamba (weil es in Bolivien billiger ist und weil man an echten Leichen herumschnippeln kann). Wenn es auf dem Tunari Schnee gibt, nehmen sich die brasilianischen Studenten frei, mieten Kleinbusse und fahren auf den Gipfel, um wie kleine Kinder im Schnee zu tollen und ungläubig Fotos davon zu machen. 25- und 30-jährige sehen zum ersten Mal Schnee. Was für ein trauriges Leben.
Der ausgeprägte Wechsel von vier Jahreszeiten, wie es ihn in Mittel- und Nordeuropa gibt, ist nicht nur ein wunderschönes Naturschauspiel, das ich jetzt viel mehr schätzen werde. Er gibt dem Jahr auch einen gewissen Rhythmus, der in jahreszeitenlosen Breitengraden fehlt.
Fehlen tut auch etwas anderes, das in der Bedeutungsskala weiter oben steht als es hier platziert ist. Aber das schwierigste Thema hebt man eben gerne bis zum Schluss auf.
Intellekt vs. Religion
Vorausgeschickt sei Folgendes:
Intellekt ist etwas anderes als Intelligenz. Ich meine damit hauptsächlich das Interesse an geistiger Betätigung, an Information, an Diskussion, an Bildung.
Das ist schwer zu messen, aber
wenn ich einige Wochen in einem Land bin, mit offenen Augen umherlaufe und mich jeden Tag mit Menschen unterhalte, dann sind meine Erfahrungen zwar anekdotisch, aber
ich traue mir dann ein (vorläufiges) Urteil über das Geistesleben in einem Land zu, genauso wie ich nach ein paar Wochen in Mexiko und in Litauen ohne statistisch relevante Erhebungen sagen kann, dass Mexikaner im Durchschnitt kleiner und dicker als Litauer sind, oder wie man nach einer Woche in Italien merkt, dass die Menschen dort etwas mehr Wert auf ihren Kleidungsstil legen als wir Deutsche.
Intellekt ist nicht alles und wahrscheinlich nicht einmal das Wichtigste. Es gibt intellektuelle Arschlöcher und unintellektuelle herzensgute Menschen.
Ich bin nicht der Ansicht, dass Europa generell intellektueller ist als Südamerika. Vielmehr gibt es auf beiden Kontinenten ausgeprägte nationale und regionale Unterschiede. Aber, vorsichtig ausgedrückt, sind die meisten Gegenden Südamerikas nicht gerade ein Hort des Intellektualismus. Das hätte man sich bei meiner Beschreibung des Lärms schon denken können, denn wie soll man Kants Zum ewigen Frieden lesen, wenn einen die Nachbarn mit ihrer Bumm-bumm-bumm-Musik nicht einmal temporär in Frieden lassen?
In Brasilien und Peru habe ich, obwohl ich es versucht habe, fast niemanden gefunden, mit dem man sich über Literatur, Geschichte, Politik oder Soziologie unterhalten kann. Da geht es nur um Strand, Alkohol, Essen, Musik, Geld und Fußball. Überhaupt scheinen Regionen mit Strand verdümmter zu sein als Städte im Hochland. Das konnte ich ausnahmslos in allen bereisten Ländern beobachten.
Man merkt dies auch am Niveau der politischen Auseinandersetzungen (obwohl das zugegebenermaßen auch in Europa und den USA stark nachläßt). Ich mache dafür u.a. den Fußball verantwortlich, dessen Mannschaftsdenken sich auf die Politik übertragen hat. Man ist dann entweder links und hasst alle Nichtlinken als vom Ausland bezahlte Imperialisten (während die „Linken“ die Bodenschätze an chinesische Unternehmen verscherbeln), oder man ist rechts und hasst alle Nichtrechten als Terroristen (während man beim Staatsterror beide Augen zudrückt), ohne anzuerkennen, dass der wirtschaftliche und soziale Ausschluss breiter Teile der Bevölkerung, insbesondere der Armen und Indigenen, menschlich und politisch falsch ist.
So gibt es in Venezuela noch immer Anhänger Hugo Chavez‘ (der eigentlich schon tot ist), die das Fehlen von Nahrungsmitteln, Elektrizität, Medizin und sogar Toilettenpapier im Land mit den weltweit größten Ölreserven einer natürlich von den USA angeführten internationalen Verschwörung zuschreiben. Evo Morales in Bolivien ist auch so jemand, der für alles, was nicht klappt, den „Imperialisten“ die Schuld zuschiebt.
Dieses simple, unlogische und Fakten ignorierende Denken geht vielleicht zurück auf das Unlogischste überhaupt: auf die Religion. Es ist kein Zufall, dass der Kontinent, der an Intellektualität etwas zu wünschen übrig läßt, einer der religiösesten ist. Und ich meine damit nicht die christliche Religion im aufgeklärten, nordeuropäischen Sinn, wo es halt noch ein paar Leute gibt, die sich aus Tradition nicht ganz von der Vorstellung lösen möchten, dass es etwas diffuses „Größeres“ gibt. Nein, in Südamerika ist das Christentum noch so wie es uns im Kindergarten eingetrichtert wurde: mit einem männlichen, weißen, alten Gott im Himmel und mit einem dunkelhäutigeren Teufel in der Hölle. Dieser Gott ist eine Person, die ganz persönlich Entscheidungen im Leben eines Jeden trifft, und deshalb muss man ganz viel beten und in die Kirche gehen und insbesondere spenden. Hier glauben die Leute an die wörtliche Wahrheit der Geschichten von Adam und Eva, der Sintflut und ähnlichem Mumpitz und bestreiten deshalb natürlich, dass es Dinosaurier gab.
Wie soll da kritisches und wissenschaftliches Denken gedeihen? Vor ein paar Wochen traf ich eine Biologin (!) aus Venezuela, die mir ernsthaft weismachen wollte, dass ein Beleg für die Wahrheit der Bibel sei, dass sie Erdbeben richtig vorhersage. So einen Scheiß muss ich mir anhören. Im Jahr 2017! Es war das erste Mal, dass ich bei einem Date einfach aufstand und ging.
Wer nicht in die (gleiche) Kirche geht, wird als schlechter Mensch angesehen. In Mollendo hatte ich einen Nachbarn, der mich jede Woche unter erlogenen Vorwänden um Geld anpumpte. Einmal bat er um Geld für eine Heiligenprozession. Ich lehnte ab und erklärte, dass ich Atheist sei. Er riss entsetzt den Mund auf, taumelte zurück, stammelte etwas Unverständliches, ging rückwärts aus meiner Wohnung und kam nie wieder vorbei. Dass die Kirche schon reich genug ist, fällt den Armen nicht auf, die 10% ihres Einkommens dem Priester für dessen Zweitwagen spenden.
Nun ist Religion ja immer dumm, aber diese Art der Religionsausübung ist regelrecht gefährlich. Eltern kaufen ihren Kindern keine Bücher, sondern spenden das Geld der Kirche, um für gute Noten zu beten. Wenn das Kind tatsächlich erfolgreich ist, belohnen die Eltern nicht das Kind, sondern tragen noch mehr Geld zum Priester. Wenn ein Team von Ärzten die ganze Nacht durcharbeitet, um einen Gehirntumor zu entfernen, verkauft die Familie am nächsten Tag ihren gesamten Viehbestand und gibt eine Marienstatue in Auftrag. Das Krankenhaus bleibt unterfinanziert. Ich habe es selbst Dutzende Male erlebt, dass sich Taxi- oder Busfahrer vor dem waghalsigen Überholen auf einer kurvigen Straße bekreuzigen. Gott wird es schon richten. Die Straßenränder sind gesäumt mit Kreuzen für die Toten. „Das war Gottes Wille“, sagen die Hinterbliebenen achselzuckend und spenden noch mehr Geld an die Kirche, um dem gleichen Schicksal zu entgehen.
„Gott is mein Pilot“ stand in diesem Taxi in Paita in Peru. Der junge Mann fand trotzem das Hotel nicht, obwohl ich ihm den Namen des Hotels, den Straßennamen und eine genaue Wegbeschreibung gab. So richtig scheint das mit diesem Gott nicht zu funktionieren.
Nicht nur der Zusammenhang zwischen Religiosität und Anti-Intellektualismus ist unübersehbar („Wieso hast Du soviele Bücher? Es gibt nur ein richtiges Buch, und das ist die Bibel“, höre ich zum Beispiel immer wieder), mir scheint, dass er sogar beabsichtigt ist. Die Kirchen halten die Leute dumm, damit sie weiter die luxuriösen Häuser der (oft nordamerikanischen und europäischen) Missionare und Priester finanzieren. Dass insbesondere die Katholische Kirche in Südamerika eine Geschichte von Völkermord, Sklaverei, Vergewaltigung, Raub und Plünderung hinter sich hat, fällt niemandem auf.
Aber natürlich gibt es auch nicht-religiöse Denkmuster, die jede Disussion im Keim ersticken. Insbesondere in Peru ist das der Nationalismus. Ich habe noch nie so einen blinden, chauvinistischen Nationalstolz erlebt wie in Peru.
Fast jedes Mal, wenn ich eine kritische Anmerkung machte, flippten meine peruanischen Bekannten aus, entzogen mir als Ausländer die Berechtigung, etwas über ihr Land zu sagen (wobei sie sehr gerne die Ausländer zitieren, die Peru nur super und toll und schön finden), und beleidigten sodann mich und alle umliegenden Länder. Viele Peruaner begründen ihren Nationalstolz komischerweise damit, wie schlecht, arm und zurückgeblieben alle Nachbarländer angeblich sind. Wenn ich frage, ob sie schon mal in Ecuador, Bolivien oder Chile waren, antworten die Peruaner: „Nein, auf keinen Fall. Das ist ganz schlimm und häßlich dort. Außerdem ist Peru das schönste Land der Welt. Ich muss gar keine anderen Länder sehen.“ Wenn ich – aufgrund der Erfahrung, alle Nachbarländer bereist zu haben – widerspreche, werden sie aggressiv: „Was willst Du Gringo eigentlich hier? Geh doch zurück nach Europa.“
Tja, genau das mache ich nun. Zwar liegt dort auch vieles im Argen, aber ein bißchen mehr von der Aufklärung scheint mir schon hängengeblieben zu sein.
Vorher muss ich aber noch zwei Städte lobend erwähnen: In La Paz und insbesondere in Cochabamba gibt es ein intellektuelles und kulturelles Leben mit Diskussionen, Veranstaltungen, Konzerten, Ausstellungen, Bibliotheken und politischen Manifestationen, dass einem warm ums Herz wird. Überhaupt traf ich nirgendwo so viele gebildete, interessierte, diskussionsfreudige, reflexionswillige Menschen wie in Bolivien. Während meine Bekannten in Brasilien mich an den Strand und in Peru zum Essen einluden, wurde ich in Bolivien ganz sebstverständlich zu politischen oder akademischen Veranstaltungen, zu Vorlesungen in der Universität, zu Ausstellungen oder Filmvorführungen oder schlicht zum Wandern eingeladen. Dass nicht alles in Bolivien rosig ist, zeigt jedoch eine Reise nach Santa Cruz, eine der oberflächlichsten, materialistischsten und unintellektuellsten Städte, die ich kenne.
Persönliche Gründe
Zuletzt hat jede Entscheidung auch ihre ganz persönlichen Gründe.
Nachdem mein letzter Studienabschluss schon mehr als drei Jahre zurückliegt, zieht es mich wieder an die Universität. Dazu bald mehr in einem gesonderten Artikel.
Mich reizt seit einiger Zeit der Gedanke einer richtig langen Wanderung. Das ist zwar theoretisch auch in Südamerika möglich (in Cuenca in Ecuador traf ich einen ca. 65-jährigen Niederländer, der zu Fuß den gesamten Kontinent durchwandert), aber ich will einfach nicht 1200 km durch die Atacama-Wüste laufen. Und im Regenwald habe ich panische Angst vor Schlangen. In Europa plagt mich hingegen nur die Qual der Wahl.
Das Schreiben wird für mich immer wichtiger als das Reisen, so dass ich mich nach einer gemütlichen Wohnung mit einer wieder aufzubauenden Bibliothek sehne. Aufgrund guter Erfahrungen in Litauen und Rumänien verbinde ich diese Vorstellung mit einem sowjetischen Plattenbau in Osteuropa.
Ein paar medizinische Probleme, die sich wider naives Hoffen nicht von selbst lösen, müssen irgendwann auch mal angegangen werden. In Südamerika habe ich leider keine Krankenversicherung. Vielleicht hätte ich mehr beten und spenden sollen, und Jesus hätte auch mich geheilt.
Schluss
Wohlgemerkt, Südamerika bietet spektakuläre und wunderschöne Landschaften, von der Chapada Diamantina bis zum Titicaca-See, ich habe Hunderte von feundlichen Menschen kennengelernt, und mir würde auch hier nicht langweilig werden. Ich kann mir vorstellen, dass ich mal wieder nach Südamerika zurückkehre. Ja, ich bin mir sogar sicher, dass ich, sobald der Dampfer am 11. Mai 2017 in Cartagena ablegen wird, vieles vermissen werde.
Aber jede Entscheidung ist eine Frage der Prioritäten.
„Peru und Bolivien sind ziemlich ähnlich“ liest und hört man allenthalben, selbst von Peruanern und Bolivianern. Historisch mag das stimmen. Bis ins frühe 19. Jahrhundert hieß die Gegend des heutigen Bolivien „Alto Perú“, also Hoch-Peru.
Aber nachdem ich in beiden Ländern gelebt habe, behaupte ich, dass die Unterschiede nicht größer sein könnten. Zur Illustration greife ich einfach ein paar zufällig erhaltene E-Mails auf. Denn immer wenn ich in ein neues Land ziehe, erhalte ich Nachrichten von Menschen, die ich nicht kenne, aber die mich in ihrem Land willkommen heißen, Hilfe anbieten und Ratschläge erteilen. Das ist nett.
Als ich im August 2016 nach Peru zog, erhielt ich eine Menge E-Mails übers Essen,
sowie nicht gerade originelle touristische Ratschläge,
Du musst unbedingt nach Machu Picchu!
und geschäftliche Angebote:
Mein Onkel/Bruder/Großvater hat ein Reisebüro/eine Autovermietung/ein Taxiuntenehmen in der Stadt. Geh auf keinen Fall zu jemand anderem! Die wollen Dich alle nur übers Ohr hauen.
Ich kann Dir eine unmöblierte Garage in einem kleinen Dorf für eine riesige Stange Geld vemieten.
Ich erhielt so viele identische, unpersönliche Nachrichten, dass es mir vorkam, wie wenn das Land hauptsächlich von Bots bevölkert wäre. Nach kurzer Zeit wußte ich schon im Voraus, was Menschen sagen würden wenn ich sie traf. (Um fair zu sein, in den fünf Monaten in Peru gab es etwa zwei Ausnahmen.)
Hallo, dieses Wochenende haben wir ein Seminar über PHILOSOPHIE UND METHODIK IM INTERNATIONALEN RECHT. Es ist kostenlos, und wenn Du Interesse hast, setze ich Dich auf die Teilnehmerliste.
Wenn es ein Land gibt, das so denkt wie ich, das meine Interessen teilt und wo ich mich zuhause fühle, dann ist es Bolivien.
Immerhin engagieren sich hier sogar schon die Kinder in juristischen Debatten:
“Wen sollen wir im Notfall kontaktieren?” fragte die Dame von Avianca Airlines am Flughafen von Arequipa.
Ich musste überlegen. Und dann, traurig erkennend wie allein ich auf dieser Welt war und dass sich niemand um mich kümmerte, sagte ich “niemanden”. Sowohl die junge Frau am Schalter als auch die unsere Unterhaltung überhört habenden umstehenden Reisenden blickten mich mitleidsvoll an.
“Niemanden?” fragte sie ungläubig.
“Nein, mir fällt niemand ein“, antwortete ich. Wenn ich stürbe, würde das früher oder später jeder mitbekommen, der sich ausreichend für mich interessiert. Dringend wäre das keinesfalls. Wenn ich nur verletzt würde, so wäre ich zuversichtlich, dass man mich auch ohne meine ausdrücklichen Instruktionen in ein Krankenhaus bringen würde.
“Ich bin single”, versuchte ich die Stimmung mit einem flirtenden Lächeln aufzuhellen. Vergeblich.
Ich bin eben ein richtiger Einsiedler. Aber vielleicht werde ich demnächst zufällig ausgewählte Namen und Telefonnummern nennen, nur um dieser peinlichen Situation zu entfliehen.
Die Titelgestaltung von Imperium erinnert frappierend an die der Abenteuercomics von Tim & Struppi, und im Falle dieses Rezensenten ist das eine positiv besetzte Assoziation. Der Roman erfüllt die dadurch aufgebaute Erwartungshaltung: Imperiumist tatsächlich eine Abenteuergeschichte. Das allein ist zwischen all den Wende-, Vampir- und sexuell überexpliziten Romanen, die sonst die Bestsellerlisten belegen, schon eine Wohltat. Die Wohltat wird im Falle von Imperium zum Genuss, ja zur Labsal, sowohl wegen der phantastischen Geschichte als auch wegen der Virtuosität der Sprache, mit der Christian Kracht sie erzählt. Die Charaktere sind lebendig, die Beschreibungen humorvoll und flüssig, obwohl der Verlag nicht vor dem Abdruck von sich über eine gesamte Buchseite auf gelungene und unterhaltende Weise hinziehenden Sätzen zurückschreckte. Fast das gesamte Buch las ich mit einem ständigen, anerkennenden Schmunzeln, das erst im letzten Kapitel dem Entsetzen ob des dramatischen Endes weichen musste.
Imperium erzählt die Geschichte von August Engelhardt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Nürnberg auswanderte und eine kleine Insel in der Südsee erwarb, um dort nicht nur eine Kokosnussplantage, sondern eine regelrechte Kokosnussreligion zu begründen. Engelhardt, der wie andere Charaktere des Romans tatsächlich und zumindest teilweise wie im Roman beschrieben lebte, war zu dem Schluss gekommen, daß die Kokosnuss die einzige Frucht sei, die der Mensch benötige. Sie spende ihm Nahrung, Flüssigkeit, Kokosfasern für Kleidung, Öl und vieles mehr.
Der Vegetarier und Nudist wollte der geistigen Enge des Deutschen Reiches zur Zeit Kaiser Wilhelms II. entfliehen und wählte dafür, ohne die darin liegende Ironie zu bemerken, eines der von diesem Kaiser und dessen Expansionspolitik geschaffenen deutschen „Schutzgebiete“ im Südpazifik. Engelhardts Meinung über Deutschland und seine Landsleute wird schon bei der Beschreibung seiner deutschen Mitpassagiere auf der Dampfschiffüberfahrt deutlich:
Bläßliche, borstige, vulgäre, ihrer Erscheinung nach an Erdferkel erinnernde Deutsche lagen dort und erwachten langsam aus ihrem Verdauungsschlaf, Deutsche auf dem Welt-Zenit ihres Einflusses.
Aufgrund meiner eigenen Auswanderung aus Deutschland und sogar aus dem gleichen Landstrich, den Engelhardt vor 100 Jahren verlassen hatte, resoniert das Thema bei mir besonders, obwohl ich mir kein ähnlich verrücktes Ende wünsche. Denn Engelhardts Plan ging nicht auf. Der anti-deutsche Auswanderer konnte in Neupommern im Bismarck-Archipel kein erfolgreicher Kolonialist werden. Der Gesundheitsfetischist wurde schwerkrank, der Vegetarier wurde schließlich zum Kannibalen, der Liberale gar zum Antisemiten:
Ja, so war Engelhardt unversehens zum Antisemiten geworden; wie die meisten seiner Zeitgenossen, wie alle Mitglieder seiner Rasse war er früher oder später dazu gekommen, in der Existenz der Juden eine probate Ursache für jegliches erlittene Unbill zu sehen.
Über die Andeutungen hinaus will ich nichts weiter von der Geschichte verraten, da Ihr die 242 Seiten selbst an einem Tag lesen und genießen könnt. Nach der viel zu früh beendeten Lektüre wünschte ich, daß es eine Langversion dieses Romans gäbe. Wenn Ihr irgendwann Karl May gelesen und genossen habt, so könnt Ihr Euch mit Imperium in diese Zeit zurückversetzen, allerdings auf einem erheblich höheren sprachlichen Niveau und mit mehr Humor. Dies ist der beste Abenteuerroman seit Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann.
Klassische Musik tönt unaufdringlich aus den Lautsprechern. Bequeme Polsterbänke. Kleine, runde Holztische. Sanfte Beleuchtung. Es gibt Kaffee, Mokka, heiße Schokolade, Sachertorte und Apfelstrudel.
Ich bin in Österreich gelandet.
Dieses Stück Österreich ist nicht leicht zu finden im Gewirr der Altstadt. Eine unscheinbare Fassade mit einem unscheinbaren Schild neben der geschlossenen Tür. Ich sehe keine Klingel, sondern warte bis jemand die Villa verläßt und schlüpfe schnell durch die Tür. Die Adresse ist exklusiv: Via Dolorosa, Jerusalem. Angeblich war genau hier die Stelle, an der Jesus zum ersten Mal unter dem Kreuz zusammenbrach, jetzt die dritte Station des Kreuzwegs.
Wie immer in Jerusalem steige ich zuerst aufs Dach, um mich zu orientieren. Von der Grabeskirche bis zum Felsendom hat man hier alles im Blick: Synagogen, Moscheen, Kirchen, Klöster, Burgen, Friedhöfe, Stadtmauer, den Basar und die vielen dazwischen und darüber gebauten Wohnhäuser, die alle zusammenen den Reiz dieser Stadt ausmachen.
Ich habe Glück und bin zu einer der fünf täglichen muslimischen Gebetszeiten auf dem Dach, so dass mein Ausblick durch die Rufe der Muezzine untermalt wird.
Ein durchschnittlicher nachrichtenkonsumierender statt reisender Mitteleuropäer, der den Nahen Osten nur mit Krieg und Terror in Verbindung bringt, wäre erstaunt angesichts der Koexistenz von Morgen- und Abendland.
Erstaunlich ist auch die Existenz des Österreichischen Hospizes zur Heiligen Familie in Jerusalem, wie es mit vollem (allerdings österreichuntypisch Dr.- oder zumindest MA-losen) Namen heißt. Die Inschrift auf dem Steinkreuz, das auf dem Dach steht, lautet „gespendet von der österreichischen Statthalterei des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem“. Das hört sich geheimnisvoll und nach einem Dan-Brown-Krimi an, also mache ich mich auf in die langen Flure, um zu erkunden, wie Österreich, Kaiserschmarrn und Meinl-Kaffee ins Heilige Land kamen.
An den Wänden hängen Plaketten und Danksagungen eines oberösterreichischen Pilgerzugs aus dem Jahr 1900 mit 519 Männern (wieviele davon wohl nach Österreich zurückkehrten?),
des Palästina-Pilger-Vereins zu Brixen (ja, damals war noch vieles Österreich und glücklich was heute Nicht-Österreich und unglücklich ist),
der steierischen Volkswallfahrt von 1908, bei der bereits Frauen zugelassen waren,
und als eines der ältesten Zeugnisse der Dank der „Münchener Karawanen der Jahre 1886 und 1887“.
Wer sich über die Wortwahl „Karawane“ wundert, der bedenke, dass der sogenannte Orientzyklus von Karl May gerade erschienen war. Der Teil der Welt, der uns jetzt Angst macht, beflügelte damals die Phantasie der deutschsprachigen Leser. Eine Pilgerreise war der beste Vorwand für den Abenteuerurlaub. Die meisten Pilger waren an Harems wahrscheinlich mindestens so interessiert wie am Himmelreich. (Karl Mays „Durch die Wüste“ erschien bis 1895 unter dem Titel „Durch Wüste und Harem“.)
Noch besser war es, wenn man die Dorfgemeinschaft zu Spenden für die Reisekasse bewegen konnte. In von der Aufklärung noch nicht heimgesuchten Bergdörfern zog das Versprechen, dass man in Golgota für eine gute Ernte beten oder dass man gar einen Originalsplitter vom Kreuz Jesu nach Hause bringen würde. Auf dem Rückweg fiel einem dann erst in den Julischen Alpen das Versprechen wieder ein, worauf der ganze Pilgerzug eine Lärche zerhackte und sich ein Schweigegelübde über das vergessene Souvenir auferlegte.
Durch die verschiedenen österreichischen, deutschen, ungarischen und sächsischen Dialekte kam es dabei übrigens zu dem Malheur der Verwechslung von Lärche und Lerche. So entstand der Brauch, letztere zu fangen, zu braten und zu essen; aber was soll man auch machen, wenn man hungrig auf halber Strecke zwischen Döner (Jerusalem) und Schnitzel (Wien) steckt? 1875 schlossen Österreich und Italien ein Abkommen, dass die Anwendung von Fallen am Boden und von großen Netzen zum Lerchenfang verbot, aber das sprach sich nicht sogleich herum. Außerdem glaubten religiöse Menschen von jeher, dass sie über dem Gesetz stünden. Singvögel in Italien und Malta wundern sich noch heute, was aus dem damaligen Vogelschutzgedanken wurde. Jetzt bin ich aber abgeschweift wie ein betrunkener Pilger im Gassengewirr der Altstadt Jerusalems.
Journalistenregel aus der Monarchie: Wenn die Gefahr des Verzettelns droht, ruckzuck zurück zum Kaiser!
In diesem Fall zu Franz Joseph I. Dieser war nicht nur K(aiser von Österreich) und K(önig von Ungarn), sondern er hätte eigentlich KuKuKuKuKusw genannt werden müssen. Sein voller Titel lautete im Jahr 1869
Franz Joseph I. von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Böhmen, von Dalmazien, Croatien, Slavonien, Galicien, Lodomerien und Illyrien, König von Jerusalem; Erzherzog zu Österreich, Großherzog von Toskana und Krakau, Herzog von Lothringen, von Salzburg, von Steyer, Kärnthen, Krain und der Bukowina, Großfürst zu Siebenbürgen; Markgraf von Mähren; Herzog von Ober- und Niederschlesien, von Modena, Parma, Piacenza und Quastalla, von Auschwitz und Zator, von Teschen, Friaul, Ragusa und Zara; gefürsteter Graf von Habsburg und Tyrol, Kyburg, Görz und Gradiska, Fürst von Trient und Brixen, Markgraf von Ober- und Niederlausitz und in Istrien, Graf von Hohenems, Feldkirch, Bregenz, Sonnenberg, etc., Herr von Triest, von Cattaro und auf der Windischen Mark, Großwojwode der Wojwodschaft Serbien etc. etc.,
wobei das „etc. etc.“ im Titel den Weltmachtanspruch andeutete. In unserem Zusammenhang interessant ist der Titel „König von Jerusalem“, der auf verschlungenen Wegen über das Königreich Neapel an die Habsburger gegangen war, wobei es nicht an konkurrierenden Thronprätendenten mangelte.
Nur aufgrund dieser unbestrittenen und tatsächlich unbestreitbaren Wichtigkeit des Kaisers von Österreich gelang es Franz Joseph I., dem Osmanischen Reich, zu dem Jerusalem damals gehörte, die Baugenehmigung für ein eigentlich nicht genehmigungsfähiges christliches Pilgerhaus abzuluchsen. Dafür drückte Österreich-Ungarn ein paar Jahrzehnte später die Augen zu, als die Türken die Armenier abschlachteten. Die Außenpolitik lief damals wie heute: Hauptsache, Strabag und Porr dürfen bauen, dann sind die Menschenrechte egal.
Im Jahr 1869 war es dann soweit. Kaiser Franz Joseph I. war gerade in der Gegend, weil er der Eröffnung des Suez-Kanals in Ägypten beigewohnt hatte (später kam heraus, dass der Kaiser sich so vehement für Großbauprojekte einsetzte, weil er von Strabag Schmiergelder kassierte) und besuchte als einer der ersten Pilger das Österreichische Hospiz.
Dieser erste Besuch Jerusalems durch einen europäischen Monarchen seit dem 13. Jahrhundert stieß eine regelrechte Tourismuslawine los. In den Fluren hängen Bilder und Beschreibungen der Besuche von etwa hundert Königen, Thronfolgern, Fürsten, Grafen, Bischöfen, Herzögen, Offizieren, Schriftstellern, Bundeskanzlern und -präsidenten, die im Österreichischen Hospiz genächtigt haben. Die weiteste Anfahrt hatte Dom Pedro II., der Kaiser von Brasilien, im Jahr 1876. Nur der deutsche Kaiser Wilhelm II. schaute bei seiner Palästinareise 1898 nicht bei den österreichischen Kollegen vorbei, obwohl er eine ganze Woche in Jerusalem weilte. Typisch Piefke.
Der rege Besucherstrom brach 1914 ab, weil der Erste Weltkrieg die jungen Männer jetzt anderswo (Gallipoli, Verdun, Marne, Tannenberg) und für längere Zeit, oft für ewig, beanspruchte. Außerdem wurde auch in Jerusalem gekämpft. Österreich entsandte eine Gebirgshaubitzendivision zum Schutz des Hospizes, sozusagen Hospizschutzhaubitzen, um einen Neologismus zu küren, dank dessen Ihr beim Scrabble Eure drei Z losbekommt.
Mit zwei Batterien an Haubitzen wollte das österreichisch-ungarische Militär 1916 sogar bis zum Suez-Kanal vorstoßen. Das gelang nicht ganz, und die Mittelmächte wurden von den vorrückenden britischen Truppen nach Syrien und dann in die Türkei zurückgedrängt. Die Briten nahmen Jerusalem 1917 kampflos ein und requirierten 1918 das Österreichische Hospiz. Ein Jahr lang diente es als Waisenhaus für syrische Kinder, bevor es an das österreichische Kuratorium zurückfiel. Ziemlich bedrückend, dass es genau 100 Jahre später wieder eine Menge syrischer Waisen gibt, oder?
Einer der interessantesten Besucher des Jahres 1917 war Alois Musil. Da ihn niemand kennt, beschreibe ich ihn am besten als den „tschechischen Lawrence von Arabien“. Er entstammte einer Bauernfamilie aus Mähren, studierte in Olmütz, Jerusalem, Beirut, London, Cambridge und Berlin, wurde Priester, sprach und schrieb fließend Arabisch, fertigte nach Forschungsreisen in Arabien und im West- und Ostjordanland die ersten detaillierten Landkarten an und entdeckte dabei noch einige Wüstenschlösser. 1914, 1915 und 1917 reiste Musil nach Arabien, um mit den arabischen Stämmen zu verhandeln und sie vom Aufstand gegen die Osmanen abzuhalten. Damit war er der direkte Gegenspieler von Thomas Edward Lawrence, der die gleichen Stämme für die Briten zum Auftand gegen das Osmanische Reich gewinnen wollte. Die Methoden der beiden ähnelten sich: Leben unter und mit den Beduinen, absolute Immersion in die arabische Kultur, persönliche Beziehungen. Musil wurde „Scheich Musa“ genannt; „Musa“ ist der arabische Name für den biblischen Moses (weshalb ich meinen Nachnamen in arabischen Ländern schlampig ausspreche und auf die entsprechende Assoziation und Ehrerbietung hoffe). Dass Musil nach dem Ersten Weltkrieg weniger berühmt als sein britischer Gegenspieler wurde, lag auch daran, dass ihm das Land abhanden kam. Nachdem Österreich-Ungarn nur mehr Österreich war, verlor der Vielvölkergedanke rasch an Popularität. Als Tscheche bekam Musil an der Universität in Wien keinen Vertrag mehr. Undank ist der Welt Lohn.
Der Zerfall der Donaumonarchie schlug sich auch im Österreichischen Hospiz in Jerusalem nieder. Etliche Nachfolgestaaten wie Ungarn, die Tschechoslowakei und Slowenien machten Besitzansprüche geltend. Dabei lief das Geschäft mit den Pilgern in jenen Zwischenkriegsjahren so schlecht, dass die Zimmer an britische Offiziere und Verwaltungsbeamte vermietet wurden. Ein paar Schriftsteller und Abenteurer kamen auf ihren Reisen vorbei, jeder von ihnen eines gesonderten Artikels würdig: Vincent Sheean, László Almásy und Max Reisch zum Beispiel. Aber die Leser haben meine Exkurse schon gründlich satt, wobei ich entgegnen möchte, dass meine Abschweifungen wahrscheinlich interessanter sind als die Ausschweifungen der meisten Leser.
Wer sich noch daran erinnert, auf welcher Seite Österreich (bzw. das sich Österreich einverleibt habende Deutsche Reich) und Großbritannien im Zweiten Weltkrieg stehen werden, kann sich vorstellen, dass das Arrangement nicht lange gutging. 1939 beschlagnahmten die Briten das Hospiz und wandelten es zuerst in ein Internierungslager für österreichische, deutsche und italienische Priester und Ordensleute, später in eine Offiziersschule und 1948 in ein Lazarett um.
Ein Lazarett ohne Krieg? Das ergab keinen Sinn. „Dem kann abgeholfen werden“, boten sich Ägypten, Syrien, Libanon, Jordanien und der Irak an und brachen den ersten arabisch-israelischen Krieg vom Zaun. Das Hospiz lag nach dem Waffenstillstand in dem von Jordanien besetzten Teil der Stadt. Österreichische Ordensschwestern arbeiteten jedoch auch unter jordanischer Verwaltung weiter.
Ein König kam gleich zweimal ins Österreichische Hospiz, beim ersten Mal allerdings unfreiwillig: König Hussein I. von Jordanien. 1951 war er noch nicht König, aber begleitete seinen Großvater König Abdallah bei einem Besuch in Jerusalem. In der Al-Aqsa-Moschee wurde im Beisein des Enkels ein Attentat auf den König verübt. Das nächstgelegene Krankenhaus war das Österreichische Hospiz. Der jordanische König war jedoch zu schwer verletzt und verblutete in den Armen einer österreichischen Schwester.
1961, mittlerweile war der Enkel selbst König von Jordanien geworden, kehrte er zurück an den Ort, an dem sein Großvater verstarb. Er traf Schwester Liliosa Fasching und bedankte sich bei ihr entweder für die kurzzeitige Pflege des Erschossenen oder für den ausgebliebenden Erfolg dieser Bemühungen, da er dadurch schließlich selbst König wurde.
Die Schwester dachte sich: „Da legst di nieder! Dieser König ist ein richtig cooler Typ. Viel lockerer als unser Kaiser. Außerdem sieht er aus wie Sean Connery“, und kündigte umgehend ihre Mitgliedschaft in der Gesellschaft zur Wiederbelebung der Habsburger-Monarchie.
Im Sechs-Tage-Krieg 1967 diente das Hospiz wieder als Lazarett und fiel am Ende jenes Krieges unter israelische Kontrolle. Wenn man sich sie leckere Speisekarte im Kaffeehaus ansieht, könnte man fast meinen, Jordanien und Israel hätten mehr um diese Küche als um die Klagemauer gekämpft.
Und schließlich ist keine Geschichte Jerusalems vollständig ohne den langjährigen (1965-1993) Bürgermeister Teddy Kollek. Auch der Mann, der Jerusalem prägte, stammte aus Österreich-Ungarn und war 1935 nach Palästina ausgewandert.
Trotz der bewegenden Geschichte ist das Österreichische Hospiz eine Oase der Ruhe und Entspannung. Und nach ein paar Tagen in Jerusalem kann man einen Nachmittag Ruhe gut vertragen!
Wenn nur die Preise nicht so happig wären. Für ein Stück Torte und eine Tasse heißer Schokolade muss ich 45 Schillinge, ich meine Schekel hinblättern.
Praktische Hinweise:
Das Österreichische Hospiz liegt im arabischen Teil der Altstadt von Jerusalem an der Ecke Via Dolorosa/El-Wad. Wenn Ihr es nicht findet, einfach nach dem האכסניה האוסטרית, dem التكية النمساوية للعائلة المقدسة oder dem „Austrian Hospice“ fragen. Jeder kennt es.
Auch Nicht-Österreicher sind willkommen. (Sonst wäre man ja schnell pleite.)
Für Übernachtungen gibt es Zimmer und Schlafsäle. Ein Einzelzimmer kostet 97 €, ein Bett im Schlafsaal 32 €, jeweils mit Frühstück. Es ist also eher etwas für den besonderen Urlaub.
Das Kaffeehaus ist jeden Tag von 10 bis 22 Uhr geöffnet.
Österreicher können ihren Wehrersatzdienst im Hospiz ableisten. Wenn man das Jahr in Jerusalem nützt, um Hebräisch oder Arabisch zu lernen, besteht sogar die Chance auf ein aufregendes Leben wie das Alois Musils.
Ist der Adler im österreichischen Wappen ein Kommunist? Oder warum hält er Hammer und Sichel in den Klauen?
Ich mache mir eine Menge Gedanken über saubere Luft, sauberes Wasser, saubere Atmosphäre. Aber wenn ich ehrlich bin, ist die Umweltverschmutzung, die mir am meisten zusetzt, der Lärm.
Was für eine Woche in Südamerika. Venezuela macht einen weiteren Schritt Richtung Diktatur
Schade, dass ich keine Zeit habe, überall vor Ort zu sein. Beide Länder wären jetzt extrem interessant.
Zwischen 1936 und 1966 gab Victor Hugo Green das „Green Book“ heraus. Es war ein Reiseführer für die USA, der Hotels, Restaurants, Tankstellen und andere Einrichtungen aufführte, die schwarze Reisende und Kunden akzeptierten.
In einem Interview erzählte dazu jemand, dass er es als Kind toll fand, dass seine Eltern immer einen riesigen Picknick-Korb mit Hähnchen und Melonen dabei hatten. Erst später erfuhr er, dass dies notwendig war, weil sie unterwegs von den meisten Restaurants und Supermärkten abgewiesen wurden.
Für Philatelisten gibt es einen zusätzlichen Grund, eine Postkarte, einen Brief oder ein Paket aus Südamerika anzufordern: exotische Briefmarken.
Gibt es überhaupt noch Briefmarkensammler?
Ich glaube, dass meine frühe Beschäftigung mit Briefmarken aus Togo, der UdSSR und Deutsch-Kiautschou sowohl mein Interesse fürs Reisen als auch für Geschichte geweckt hat.
Bevor man bei der französischen Fremdenlegion anheuern kann, muss man vier Klimmzüge machen, sonst wird man gar nicht ins Rekrutierungsbüro gelassen. Ich habe es nicht geschafft.
Als Musik zu den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution (siehe Tagesnotizen 9) habe ich die Filmmusik für Doktor Schiwago ausgewählt.
Ein nicht näher bezeichnetes Land in Nordafrika. September 1972. Eine Hippie-Kommune in der Sahara. Waffenschmuggel. Tote. Geldkoffer. Spione. Unterbelichtete Polizisten. Alte Minen in den Bergen. Ein Mann ohne Gedächtnis. Schriftsteller im Exil. Falsche Psychiater.
Ist das alles nicht etwas zu dick aufgetragen? Muss das nicht zu einem vor Klischees strotzenden, übervollen Thriller werden, in dem Atmosphäre oder literarischer Anspruch notgedrungen zu kurz kommen?
Die große Überraschung: In Wolfangang Herrndorfs Sand funktioniert das, und zwar bestens! Der Leser wird in jedem Kapitel mit neuen Personen vertraut gemacht, so dass er bald befürchtet, den Überblick zu verlieren, aber das passt, denn die meisten der teilnehmenden Akteure haben genausowenig Überblick. So saugt man die chaotische Atmopshäre, in der so viel passiert wie an einem von Jack Bauers ereignisreichen Tagen in 24, genauso auf wie den Staub und die Hitze der Wüste.
In kurzen Kapiteln, reich an Handlung, peitscht der Roman vorwärts. Die 475 Seiten hat man im Nu durch. Die meisten der Kapitel wären auch als eigenständige Kurzgeschichten lebensfähig, womit keineswegs gesagt sein soll, dass sie nicht zusammenhingen, sondern womit ein großes Lob für die sprachliche und handlungsbezogene Dichte des Romans ausgedrückt sein soll.
Die Dialoge sind witzig und authentisch. Die Figuren benötigen oft nur eine Seite, um richtig zum Leben zu erwachen (aus dem sie dann aber auch oft wieder schnell gerissen werden).
Zum Beispiel die Vorstellung einer amerikanischen Agentin in Kapitel 4:
Es gibt nur wenige Menschen, die man in einem einzigen Satz beschreiben kann. In der Regel braucht man mehrere, und für gewöhnliche Menschen reicht oft ein ganzer Roman nicht aus. Helen Gliese […] konnte man in zwei Worten beschreiben: schön und dumm. Mit dieser Beschreibung konnte man einen Fremden zum Hafen schicken und sicher sein, dass er unter Hunderten Reisenden die Richtige abholen würde.
[…] Das Erstaunliche war, dass diese Beschreibung nicht im mindesten zutraf. Helen war nicht schön. […] Eindruck einer Vorabendserienschauspielerin, der jemand die Regieanweisung reich und blasiert ins Drehbuch geschrieben hat […]
[…] Helen war das genaue Gegenteil von dumm […]; was nichts an der Tatsache änderte, dass diese Vom-Hafen-abholen-Geschichte funktionierte. Oder funktioniert hätte. Es war Helens erster Besuch in Afrika, und niemand holte sie ab.
Durch ihre Ahnungslosigkeit schließt man die Charaktere irgendwie ins Herz, selbst wenn sie keine klassischen Helden sind. Die Geschichte ist zu groß für alle Beteiligten, aber nur der Mann ohne Gedächtnis ahnt das. Hätte er sein Gedächtnis noch zur vollen Verfügung, würde er sich selbst wohl auch als Akteur sehen, obwohl er keinen der Handlungsfäden in der Hand hält, sondern ebenso an deren Ende baumelt.
Einer der besten Spionagethriller. Und dazu noch – in diesem Genre selten – gute Literatur.
Einzig die jedem Kapitel vorangestellten Zitate erschienen mir weitgehend ohne Bezug zur Handlung, zum Schauplatz oder dem beteiligten Personal. Sie unterbrechen nur den Lesefluss und können getrost ignoriert werden.
Wie schon bei der Wahl für 2021, bin ich mit der Wahl für 2022 absolut einverstanden: Kaunas in Litauen wird Europäische Kulturhauptstadt.
Während meines Jahres in Litauen war ich leider und unerklärlicherweise nur einen Tag in Kaunas, der einstigen provisorischen Hauptstadt (1920-1940). Wie das – die provisorische Hauptstadt, nicht mein Besuch – zustande kam, will ich jetzt aber nicht erklären, denn die Geschichte Litauens ist kompliziert.
Auf jeden Fall fand ich die Stadt schön, grün, einladend und architektonisch und kulturell interessant.
Ich dachte mir damals: „Wenn ich mal wieder nach Litauen ziehe, dann nach Kaunas.“ Nichts gegen Vilnius, auch eine schöne Stadt, aber ich lebe ungern zweimal in der gleichen Stadt.
Kreativ fand ich die Idee, Fahrräder wie an einem Maibaum aufzuhängen, damit sie nicht so leicht gestohlen werden.
Vielleicht war das auch Kunst.
Davon wird es 2022 wahrscheinlich noch mehr geben, aber auch vorher ist Kaunas einen ausgiebigen Besuch wert. Neben den Kirchen, Parks und Museen sind das Kloster Pažaislisund das Litauische Freilichtmuseum, beide am Ufer eines großen Stausees gelegen, interessant.
Nicht vergessen sollte man das sogenannte Neunte Fort, das während der deutschen Besatzung Ort von Massenerschießungen von Juden war.
Ich war noch nicht in dem Museum im Neunten Fort, hoffe aber, dass es besser ist als der Grutas-Park oder auch das Museum im ehemaligen Gestapo-Gefängnis in Vilnius, wo über die Nazi-Besatzung, den Holocaust und insbesondere die litauische Beteiligung daran manchmal etwas geschichtsrevisionistisch hinweggegangen wird.