Letzter Sonnenuntergang 2021

Und so senkt sich die Sonne über ein Jahr, in dem ich fast nichts von dem erreicht habe, was ich mir vorgenommen hatte.

Andererseits hätte ich sowieso keine Zeit für alles gehabt.

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Silvesterwanderung

Zum Jahresende gibt es von mir keine Ansprache. Dafür – und ich weiß gar nicht, wofür sonst – haben wir ja den Bundespräsidenten. Von mir gibt es nur ein paar Fotos von der Wanderung, die ich heute in der Gegend in Baden-Württemberg unternommen habe, in der ich gerade ein Haus, zwei Hasen und zwei Wellensittiche hüte.

Heute – gar nicht wegen Silvester, sondern wegen des Wetters – war mein „sakulärer Sabbat“, den ich einmal pro Woche einlege. Ich bin froh, dass ich zu dieser Routine gefunden habe, einen Tag pro Woche in der Natur und ohne Internet, Telefon oder Arbeit zu verbringen. – Falls Ihr noch einen Neujahrsvorsatz sucht, probiert das doch mal aus!

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Vor hundert Jahren begann die Kanalbuddelei – Dezember 1921: Rhein-Main-Donau-Kanal

Read this in English.

Die Welt macht sich lustig, weil Deutschland über 20 Jahre zum Bau eines Flughafens gebraucht hat. Es gibt dazu einen guten Podcast, „How to fuck up an Airport“, allerdings nur auf Englisch, weil er in Deutschland verboten wurde.

Böse Zungen weisen darauf hin, dass selbst der Suezkanal und der Panamakanal innerhalb von zehn (1859-1869) bzw. acht (1906-1914) Jahren fertiggestellt wurden.

Aber der Vergleich ist unfair. Denn das waren nur 162 bzw. 82 km lange Gräben durch steiniges, unwegsames Gelände oder die Wüste, wo ein Teil des Aushubs von Hand erfolgt und mit Kamelen beiseite geschafft werden musste, wo man mit Malaria kämpfte, enorme Höhenunterschiede überwinden und eine eigene Eisenbahn für Arbeiter und Gerät errichten musste. Jeder muss erkennen, dass das ein Klacks ist im Vergleich zum hochkomplexen Betonieren eines flachen Feldes in Brandenburg.

Für einen passenderen Vergleich sehen wir uns heute ein Kanalbauprojekt an, bei dem Deutschland unter Beweis stellte, dass es so einen Wassergraben ebenfalls ruck-zuck fertigstellen kann.

Nein, ich meine nicht das Kattara-Projekt. Das wäre eher bumm-bumm als ruck-zuck gewesen. (Ist aber auch eine echt gute Geschichte. Lest da mal rein!)

Heute soll es um den Rhein-Main-Donau-Kanal gehen. Der war deshalb notwendig, weil Deutschland zwar gesegnet ist mit den mächtigsten Flüssen der Welt, dem Rhein und der Donau, von diesen der eine in die Nordsee und der andere ins Schwarze Meer fließt, sich diese beiden Flüsse aber leider auf natürlichem Wege nicht kreuzen.

Wenn man also von Köln nach Konstantinopel oder von Regensburg nach Rotterdam schippern wollte, musste man den weiten Umweg über den Ärmelkanal, die Biskaya, den Atlantik, die Straße von Gibraltar, das Mittelmeer und das Schwarze Meer auf sich nehmen. Weil dort hinter jeder Ecke Korsaren und U-Boote lauerten, war das eine gefährliche und lange Fahrt. Deshalb schwimmen da heute noch überall Container im Meer und rammen unschuldige Segelboote auf Weltrekordversuch.

Deutschland war bekanntlich das Land, das den Umweltschutz erfand, und spätestens mit dem Einzug der Grünen in den Reichstag war diese Containerverliererei untragbar geworden.

Auf der Karte oben seht Ihr, dass der Rhein über einen an sich unbedeutenden Nebenarm verfügt: den Main. Dessen Plörre ist so ungenießbar, dass man sie eigentlich nur zum Bewässern von zweitklassigen Weinbergen verwenden kann. Aber, angespornt durch die Nachrichten vom Panama- und vom Suezkanal, hatten die Damen und Herren Ingenieure bald die Idee, die 172 km zwischen Main (und damit Rhein) und Donau mit einem Kanal zu verbinden, was eine durchgehende Wasserstraße von der Nordsee bis zum Schwarzen Meer schaffen würde.

Für die Freunde der Kanalkunst muss ich hier, schließlich ist dies nicht nur ein Geschichts- sondern auch ein Reiseblog, darauf hinweisen, dass es in Europa Hunderte von Kanälen gibt, die sich allesamt für wunderbar entspannte Wanderungen oder Radtouren eignen. Entlang eines Kanals ist nämlich die Orientierung einfach, so dass man weder auf Landkarte, noch auf sonstwas achten muss, sondern einfach das Plätschern und die Blicke auf die Dampfer genießen kann.

Kleine Kanäle wie in Tschechien, die schon vor 500 Jahren zur Ent- und Bewässerung, zum Betrieb von Mühlen sowie zum Holztransport entstanden (siehe Kapitel 31 meines Berichts aus Marienbad).

Kanal2

Schifffahrtskanäle, die seit der Industriellen Revolution ganz Großbritannien, Belgien, die Niederlande und Frankreich durchziehen.

Zwei Kanäle, die Frankreich durchschneiden, um Atlantik und Mittelmeer zu verbinden.

Der etwas bombastischere Kaiser-Wilhelm-Kanal, der Nord- und Ostsee verbindet (siehe dazu meinen Artikel zur Überquerung dieses Kanals mit dem Zug, den Ihr auf dem Bild rechts oben ins Bild dampfen seht).

Und natürlich die Kanäle durch den Spreewald, wo ich diesen Herbst war.

Ehrlich, Leute, sucht Euch einfach einen Kanal und wandert, schlendert, radelt und staunt! (Und staunt noch mehr, wenn der Weg durch ein Atomkraftwerk führt.) Aber jetzt wieder zurück zu den Untiefen der Kanalbaugeschichte.

Diese Reihe heißt „Vor hundert Jahren …“, also muss es heute um ein Ereignis aus dem Dezember 1921 gehen, wenn Ihr und ich richtig gerechnet habt. Aber weil Weihnachten ist und Eure aus China bestellten Geschenke auf Nimmerwiedersehen in einem dieser Container im Meer schwimmen, packe ich Euch die Vorgeschichte noch gratis dazu.

Und zur Vorgeschichte müssen wir sehr weit zurückgehen. Ins Mittelalter. Zu Karl dem Großen. Dieser Karl war damals noch König, ahnte aber schon, dass er früher oder später zum Kaiser von praktisch ganz Europa gekrönt werden würde (was im Jahr 800 tatsächlich geschah). Als Gründungsvater der Europäischen Union wollte er die Schifffahrt von der Nordsee zum Schwarzen Meer ermöglichen und bat den Hofgeographen, Kartenmaterial zu wälzen, um eine geeignete Stelle zu finden.

Weil die Schiffe damals kleiner als heute waren, konnten sie auch die dünnen Nebenarme der großen Flüsse befahren. In der Nähe von Treuchtlingen fließen die Rezat und die Altmühl nur wenige Kilometer aneinander vorbei. Die eine fließt in den Rhein, die andere in die Donau, also musste man sie nur noch verbinden.

Und so begann tatsächlich der Bau des etwa 3 km langen Karlsgrabens oder der „Fossa Carolina“. Im Jahr 793.

Man denkt sich jetzt: „Hui, ein Kanal vor 1228 Jahren??“, aber das war bei weitem nicht der erste. Ägypter, Perser, Chinesen und Römer hatten schon Kanäle gebaut. Den Weltrekord hatte natürlich wieder China aufgestellt, mit dem 1800 km langen Kaiserkanal.

Ich will das nur sagen, falls noch jemand glaubt, Europa oder gar Deutschland sei die Wiege der Ingenieurskunst. Ist es nicht. Denn der 3 km lange Karlsgraben wurde nie ganz fertiggestellt.

Vielleicht verlor Karl das Interesse und wandte sich anderen Projekten zu. Vielleicht hatte er im Kino „Die Höllenfahrt der Poseidon“ gesehen und war plötzlich gar kein Freund von Schiffsreisen mehr. Oder ihm fiel ein, dass Kolumbus, Magellan und Vespucci die Seefahrt erst 600 Jahre später erfinden würden, so dass wirklich keine Eile bestand. Oder irgendwas mit Klaus Wowereit und Pfusch am Bau. Vielleicht war auch einfach der Boden in Franken zu weich, so dass der Graben immer wieder schnell versandete.

Graben heißt heute noch der Ort in der Nähe des bald aufgegeben Projekts, und dort kann man tatsächlich ein Stück dieses historischen Weltenverbindungsversuchs bewundern. Wenn Ihr in der Nähe seid, macht doch einfach eine kleine Wanderung.

Und dann kam das Mittelalter. Lange, dunkel und langweilig. Keine Kanäle, keine Großprojekte, keine Kreativität. Nur im Kloster sitzen und Bibeln kopieren. (Ich weiß, dass das Mittelalter objektiv auch interessant sein kann. Aber dafür gibt es andere Blogs. Vermute ich. Falls sie nicht auf dem Scheiterhaufen geendet sind.)

Mit unserem Kanal passiert jedenfalls nichts. Schiffe fahren um die Welt, „entdecken“ Indien, Australien, Hongkong, Madagaskar und Amerika, aber niemand kümmert sich mehr um die Verbindung von Rhein und Donau.

Erst im 18. Jahrhundert erinnerten sich ein paar Ingenieure und Ökonomen an die Kanalbauidee. Aber diese Diskussionen versandeten wie der Karlsgraben. Geldmangel war jetzt das Problem, denn das düstere Mittelalter war vom düsteren Kapitalismus abgelöst worden.

Auch Napoleon, der Karl den Großen als europäischen Oberkaiser abgelöst hatte, mischte ein bisschen mit, wurde aber auch bald wieder abgelenkt. Ausarbeiten eines Zivilgesetzbuches, Kreuzzug nach Ägypten, Schlacht bei Stalingrad, Badeurlaub auf Elba, solche Sachen.

Erst als Bayern, einst von Napoleon zum Königreich erhoben, von diesem unabhängig wurde, kam etwas Schwung in die Sache. König Ludwig I. wusste, dass sein Enkel Ludwig II. dereinst nur prächtige Schlösser und Opernhäuser und so bauen lassen würde. Das sollte sich zwar langfristig als gut für den Tourismus herausstellen, aber das war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch nicht absehbar, weil Tourismus damals verboten war.

Wenn Euch meine höchstpersönliche Wanderung nach Neuschwanstein samt Einführung in die bayerische Geschichte interessiert, so sei meine 9-teilige Serie dazu wärmstens empfohlen.

Anders als der spätere Märchenkönig dachte Ludwig I. eher praktisch. Anlässlich seiner Hochzeit gründete er 1810 das Oktoberfest. 1821 gründete er Griechenland, dem er 1832 noch seinen Sohn Otto als König schenkte. (Zum Dank erhielt Deutschland die Zusage, dass in jedem noch so kleinen Ort ein griechisches Restaurant eröffnen würde.) 1835 baute er die erste Eisenbahn in Deutschland. Da überrascht es nicht, dass er auch den alten Kanalplan vom alten Karl aus der Schublade holte.

Zwischen 1836 und 1846 wurde der Ludwig-Donau-Main-Kanal über eine Länge von 172 km errichtet. Diesmal wurde er tatsächlich fertiggestellt. Und sogar in Betrieb genommen. Zwischen Bamberg und Dietfurt tuckerten die Kauffahrteischiffe, um endlich eines der schönsten Wörter aus dem Grundgesetz (Artikel 27) zu verwenden, über diese Meisterleistung der Ingenieurskunst und lobten alle Beteiligten, vom König bis zum Kanalaushubarbeiter, vom Ingenieur bis zum Imbissbudenbetreiber.

Und heute loben die Fahrradfahrer den Ludwigskanal.

Eigentlich ein bisschen traurig: Da baut man ein Wunderwerk der Technik, mit 100 Schleusen zur Überwindung der Höhenunterschiede, zur Verbindung des ganzen Kontinents, zur Umwälzung des Welthandels, und jetzt fahren da Rentner mit ihren Elektrofahrrädern von einer Kneipe zur nächsten.

Das Problem für den Kanal war, dass zeitgleich die Eisenbahn gebaut wurde. Die war erstens schneller. Zweitens konnten die Schienen direkt auf die Fabrikgelände gelegt werden, so dass das Umladen im Hafen entfiel. (Die dadurch eingesparten Hafenarbeiter machten daraufhin Revolution, was zum Ende des Königreichs Bayern führte. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Auch auf den zeitgenössischen Fotos schob sich die Eisenbahn schon frech ins Bild.

Drittens wurde der Kanal bald zu schmal. Das geht mittlerweile selbst den größten unter den Kanälen so. Der Suez- und der Panamakanal müssen immer wieder den Gürtel breiter schnallen, weil die Schiffe immer fetter werden. (Dank Euch, die Ihr immer mehr Schnickschnack und immer breitere Flachbildschirme aus China und Korea bestellt.)

Und selbst nach der Verbreiterung bleiben manchmal noch Schiffe stecken, weil der griechische Kapitän dachte, dass die ganze Flasche Ouzo nur für ihn allein bestimmt sei.

Wenn Ihr die hübschen Bilder vom putzigen Ludwigskanal seht, könnt Ihr leicht erahnen, dass da kein Schiff mit 14.000 Containern durchpasst. Nach dem Ersten Weltkrieg, als die ganzen Schlachtschiffe und Flugzeugträger zu Transportschiffen um- bzw. abgerüstet wurden, war schon erkennbar, dass die Zeit der kleinen Kanäle bald vorbei sein würde. Und damit sind wir im Jahr 1921, wie es sich für diese Reihe „Vor hundert Jahren …“ geziemt.

Der Freistaat Bayern und das Deutsche Reich schlossen im Mai 1921 einen Staatsvertrag, in dem sie sich zum Bau eines neuen, größeren, schöneren und rundherum besseren Main-Donau-Kanals verpflichteten. Markus Söder, der damalige bayerische Minister für Dampfplauderei, versprach „einen Kanal, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat – und alles ohne Tempolimit!“ Dann passierte nichts, weil man vergessen hatte, die Finanzierung zu regeln.

Nun gibt es zur Kanalfinanzierung bekanntermaßen zwei Alternativen:

Man kann, wie beim Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal, eine Zigarettenmarke auflegen, mit der sich das Volk mit jedem Atemzug an der Finanzierung des Kanalbaus beteiligt. Daher kommt übrigens die Redewendung „gib mir noch eine für den Kanal“, mit der man in Russland Zigaretten schnorrt. (Ja, man lernt auch praktische Sachen auf so einem Geschichtsblog.)

Die Belomorkanal-Zigaretten gelten als die stärksten Zigaretten der Welt. Das kann auch daran liegen, dass – ein weiteres Wunderwerk der Ingenieurskunst – die Fabrik innerhalb weniger Stunden auf 7,62-mm-Munition für die Kalaschnikow umgestellt werden kann. Wenn dann wieder Zigaretten abgefüllt werden, kann es eben passieren, dass ein bisschen Schwarzpulver und Uranstaub in den Tabak geraten. Und damit wisst Ihr, warum die Lebenserwartung für Männer in Russland 10 Jahre geringer als in Deutschland ist.

Die zweite Alternative ist die Gründung einer Aktiengesellschaft. Und eben diese wurde als Rhein-Main-Donau-Aktiengesellschaft am 31. Dezember 1921, also vor genau einhundert Jahren, aus der Taufe gehoben. Und ab da wurde gebaut und gebuddelt, gebaggert und betoniert.

Irgendwann fiel den Deutschen auf, dass die Donau ihnen gar nicht ganz gehörte, also marschierten sie 1938 in Österreich ein. Es folgte – immer im Einklang mit dem Baufortschritt – die Eroberung Serbiens, Ungarns und schließlich Rumäniens, wo man endlich das Schwarze Meer, das Ziel aller Träume, erreicht hatte. Die Aktionäre des Suezkanals (Großbritannien und Frankreich) sowie des Panamakanals (USA) fanden das nicht so lustig und erklärten der Rhein-Main-Donau-Aktiengesellschaft, vertreten durch das Deutsche Reich, den Krieg.

Falls das alles neu für Euch ist, zeigt das nur, wie sträflich Wirtschaftsgeschichte im Schulunterricht vernachlässigt wird. Aber dank dieses Blogs habt Ihr die Chance, Eure Lehrer mit einem erfrischenden Referat zu überraschen. Und denkt dran: Mit einer Eins im Zeugnis darf man in Bayern kostenfrei Zug fahren.

Letztendlich fertiggestellt und eröffnet wurde der Rhein-Main-Donau-Kanal im Jahr 1992. Nur 1200 Jahre nach der Fossa Carolina. Und das dürfte wirklich Weltrekord sein.

Seither flutscht der Warenverkehr zwischen Nordsee und Schwarzem Meer. Oder vielmehr: Er könnte flutschen. Denn da gibt es noch ein kleines Problem. Der Donauhafen am Schwarzen Meer, das Tor zu Europa und zur Welt, ist das rumänische Constanța.

„Hübsche Stadt,“ denkt Ihr jetzt zurecht, „wo ist das Problem?“

Das Problem ist, dass Rumänien zwar in der Europäischen Union, aber noch nicht im Schengen-Raum ist. Obwohl das Europäische Parlament und die Europäische Kommission dem Beitritt schon lange zugestimmt haben.

„Wo ist das Problem?“ fragt Ihr erneut.

Tja, es gibt da einen kleinen EU-Mitgliedsstaat, der immer wieder sein Veto einlegt: die Niederlande.

„Warum das denn?“ fragt Ihr Euch. Es ist ganz einfach: In den Niederlanden liegt Rotterdam. Der größte Hafen Europas. Und solange die zusätzlichen Grenzkontrollen, die Wartezeiten und der Papierkram die Fahrt durch Rumänien umständlicher machen, fahren viele Reedereien lieber den Umweg über Mittelmeer, Atlantik und Ärmelkanal – nach Rotterdam. (Ein anderer Grund ist, dass die Schiffe bei der Fahrt auf dem Meer schmutzigeren Treibstoff verwenden und ihren Müll entsorgen können. Außerdem stören auf der Donau die Brücken.)

Ach ja, der Hauptstadtflughafen in Berlin funktioniert noch immer nicht richtig und hat für das Frühjahr 2022 die Insolvenz angekündigt. Deutschland und Großprojekte, eine Erfolgsgeschichte seit Karl dem Großen!

So, das war’s für 1921.

Schaltet auch nächstes Jahr wieder ein, wenn wir mindestens einmal im Monat genau hundert Jahre zurück reisen. 1922 ist so viel passiert, von der Entdeckung Tutanchamuns bis zur Unabhängigkeit Irlands, von der Grundsteinlegung Brasilias bis zum Kampf gegen den Alkohol in Skandinavien, vom kompletten Chaos in Litauen bis zur Gründung der Transkaukasischen Föderativen Sozialistischen Sowjetrepublik. Und ein bisschen Familiengeschichte.

Hunderte von Themen tummeln sich schon auf meiner Liste, aber Wünsche, Vorschläge und Gastartikel sind gerne willkommen. Ebenso wie Eure Spenden, die mir diese Arbeit erst ermöglichen. Vielen Dank an alle Unterstützerinnen und Unterstützer, und ein spannendes 1922/2022!

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Abkürzung durchs Atomkraftwerk

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Der Neckar ist ein hübsches Flüsschen.

Nicht so übertrieben wie der Nil. Nicht so begradigt wie der Rhein-Main-Donau-Kanal. Nicht so reißend wie der Sambesi. Aber auch nicht so langweilig wie die Vils.

Einfach ein Fluss mit vielen Schleifen und Schlaufen, mit steilen Weinbergen am Ufer, und hier und da ein kleiner Ort mit hübschen Fachwerkhäusern.

Am Vormittag ist schönes Wetter, und ich wandere am Westufer dieses Wasserlaufs flussaufwärts, irgendwo zwischen Heilbronn und Bietigheim-Bissingen-Besigheim. So genau weiß ich das nicht, denn das Schöne am Flusswandern ist ja, dass man sich nicht verlaufen kann, also auch nicht auf den Weg achten muss.

Gegen Nachmittag wird das Wetter grau und ungemütlich, so dass ich mich zum Umkehren entschließe. Weil ich nach dem West- auch das Ostufer kennenlernen will, wandere ich noch zur nächsten Brücke in Kirchheim, überquere den noch immer nicht tosenden Fluss und mache mich auf den Rückweg.

Eigentlich hatte ich es von der anderen Seite schon gesehen, aber irgendwie verdrängt: Da steht ein Kraftwerk. Ein Atomkraftwerk. Direkt am Fluss, denn diese Kraftwerke brauchen ständig frisches Wasser, um den Reaktor zu kühlen.

Eine Landkarte habe ich nicht dabei, denn wie gesagt: Wie soll man sich am Fluss schon verlaufen? Allerdings wird der Weg immer schmaler, immer unterholziger, immer versteckter, immer verwucherter. Beschilderung habe ich schon lange keine mehr gesehen, andere Wanderer auch nicht.

Aber da kommt mir ein Angler entgegen. (Angler fischen gerne im Abwasser von Kernkraftwerken, wie mir in der Ukraine jemand erzählte. Da sind nämlich die Fische größer.)

„Entschuldigen Sie, mein Herr“, inquiriere ich,“wenn ich diesem Weg folge, kann ich da am Kraftwerk vorbeilaufen?“ Ich denke daran, dass in zivilisierten Ländern selbst bei Militäranlagen ein Küstenstreifen für Wanderer freigehalten wird. (Siehe Kapitel 37 meines Artikels über Cornwall.) Oder dass in fortschrittlichen Bundesländern das Wandern am Fluss sogar Verfassungsrang genießt. (Siehe Kapitel 131 dieses Artikels über eine Wanderung zu den bayerischen Königsschlössern.)

„Vorbeilaufen können Sie nicht“, sagt der ortskundige Angler. „Aber Sie können am Tor klingeln, dann kommt jemand und führt Sie über das Gelände.“

„Ah“, sage ich, erstaunt und baff. „Vielen Dank.“

Mir ist es eigentlich unangenehm, den Kraftwerksbetreiber aus seinem Büro herauszuklingeln. Überhaupt bin ich sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, andere Menschen zu inkommodieren. Ich bin so jemand, der lieber stirbt, als den Nachtdienstapotheker vom Kreuzworträtsel wegzuholen. Jemand, der an der Fußgängerampel mit dem Drücken wartet, bis alle Autos vorbei sind. Und 30 Minuten vor Ladenschluss gehe ich nicht mehr Einkaufen, weil ich weiß, dass die Angestellten langsam aufräumen wollen. Wahrscheinlich fühle ich mich deshalb in Japan oder in Persien wohler.

Außerdem kann es ja sein, dass sich der Angler einen Scherz erlaubt hat.

Zumindest letzteres klärt sich auf, als ich kurz darauf vor einer Betonmauer mit Stacheldrahtrollen und mit einem schweren Eisentor stehe. Ein kleines Schild lädt tatsächlich zur Störung der Mittagsruhe ein: „Benutzer des Uferwegs bitte läuten.“

Na gut. Der Umweg um das ganze Gelände wäre tatsächlich zu weit. Also läute ich.

„Ja, guten Tag?“ erklingt eine freundliche Stimme.

„Hallo, guten Tag, ich stehe hier am südlichen Eingang Ihres sympathischen Kraftwerks und würde gerne nach Norden, Richtung Lauffen, weiterwandern.“

„Haben Sie einen Impfausweis dabei?“

„Ja, klar.“ (Super, vielleicht kann man hier atomar geimpft werden. Das hält länger.)

„Und einen Personalausweis oder so?“

„Ja, den habe ich auch dabei.“ (Ich habe beim Wandern sogar Visitenkarten dabei, aber danach fragt der Herr leider nicht.)

„Und einen Hund?“

„Nein“, sage ich unschuldig, wie wenn man den Hund schon mal zuhause vergessen kann.

„Okay, dann schicke ich einen Kollegen vorbei. Aber es kann ein paar Minuten dauern, ist das in Ordnung?“

„Ja klar, absolut kein Grund zur Eile“, antworte ich. Nicht nur aus Höflichkeit und weil ich tatsächlich nie in Eile bin, sondern weil man in einem Kernkraftwerk nun wirklich nicht will, dass jemand hetzt und schludert.

Nach ein paar Minuten kommt ein Wachmann, und – weil ich keinen eigenen habe – bringt er sogar einen Hund mit. Das ist ein Service! Hunde wirken in Kernkraftwerken anscheinend als Frühindikatoren für Strahlung, so wie Kanarienvögel im Bergwerk.

Durch das Gittertor kontrolliert er meinen Impf- und meinen Personalausweis und gibt dann über Funk ein paar Codewörter durch, bei denen ich höflich weghöre und die das Tor ferngesteuert öffnen.

Und schwupp, bin ich das erste Mal in meinem Leben in einem Kernkraftwerk.

„Das liegt daran, dass hier am Neckar ein Jahrhunderte altes Wegerecht für einen Treidelpfad besteht“, erklärt der bewaffnete Wachmann auf meine Frage. „Als das Kernkraftwerk geplant wurde, war die Erhaltung des Wegerechts eine Bedingung für die Baugenehmigung.“ Als historisch interessierter Wandersmann finde ich es faszinierend, dass ich aufgrund eines Feldservituts aus der Zeit des Heiligen Römischen Reichs vorbei an Druckwasserreaktoren, Zellenkühlern, Hybridkühlturmen, Dampferzeugern und Blitzvernebelungsanlagen spazieren kann. Schon erstaunlich, wie eine mittelalterliche Grunddienstbarkeit die Jahrhunderte mit all ihren Kriegen und Revolutionen überstanden hat.

„Im Sommer ist natürlich mehr Betrieb“, erzählt der Wachmann. „Da kommen manchmal ganze Wandergruppen, auch Fahrradfahrer und sogar Reiter.“ Und fügt hinzu: „Das mit den Pferden ist schon ein bisschen übertrieben, die könnten ja wirklich außenrum reiten.“ Vielleicht vertragen sich auch Hund und Pferde nicht besonders. Tja, aber so ist es eben. Denn das Wegerecht wurde ausdrücklich auch für Pferde gewährt. Ist ja auch logisch, wenn es ein Treidelpfad war. Denn wie sonst soll man die Kähne von Rotterdam nach Reutlingen ziehen?

Und deshalb können jetzt ohne Dispens des Reichskammergerichts in Wetzlar, das 1806 voreilig aufgelöst wurde, Pferde nicht vom Durchqueren dieser ansonsten hochgesicherten Anlage ausgeschlossen werden.

Nach 440 Metern sind wir am nördlichen Ende des Atomkomplexes angekommen. Der Wachmann funkt wieder, das Tor öffnet sich, und er wünscht mir, dass ich noch vor Dunkelheit und Regen nach Lauffen gelange. Und das war sie, meine erste Begegnung mit der Atomkraft, durchaus freundlich, aber auch irgendwie kurios.

Wälzt doch mal das Grundbuch in Eurer Gemeinde! Vielleicht findet Ihr auch ein altes Wegerecht.

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Na gut, dann fahre ich halt nach Singapur.

To the English version of this well-thought-out plan.

Ihr erinnert Euch hoffentlich an den träumerischen Plan der längstmöglichen Zugreise? Von Portugal über Spanien und Frankreich durch Mitteleuropa nach Russland, dann abbiegen in die Mongolei, durch China und schließlich nach Vietnam bis nach Saigon, wo sich die älteren unter Euch noch an das erleichternde Gefühl erinnern, 1975 den letzten Helikopter aus der Stadt erhascht zu haben.

Halt, nein, das war Afghanistan 2021. Ach, man verwechselt so viel, wenn sich die Geschichte ständig wiederholt.

Jedenfalls, zurück zum Zugfahren, war bei der schienengebundenen Weltreise bisher Schluss in Vietnam, weil man von dort nicht mit dem Zug nach Kambodscha oder Laos kam.

An dieser Stelle sollte ich eine Karte einfügen, denn für europäische Augen sehen alle südostasiatischen Dschungel gleich aus. Also, erst einmal orientieren in diesem Orient:

(Ja, Opa, das war früher alles deutsch. Aber darum geht es jetzt nicht.)

Man kommt immer noch nicht mit dem Zug von Vietnam nach Kambodscha oder Laos.

Aber China, das als Land so etwas ist wie der Typ, der aus Langeweile ständig in den Baumarkt rennt, um neue Carports, Dachgauben, Gartenlauben, Dachkapfer und Lukarne zu bauen, überzieht nicht nur das eigene Land, sondern auch die – sehr großzügig definierte – Nachbarschaft mit Großprojekten, die den Heimwerker an seinem neuen, gemauerten und wetterfesten Gartengrill vor Neid in Flammen aufgehen lassen.

Vor ein paar Tagen wurde eine neue Bahnverbindung zwischen China und Laos eröffnet. Man kommt also jetzt von Kunming über die Grenzstadt Boten bis nach Vientiane, ganz im Süden von Laos. Alles mit dem schnuckeligen Schnellzug!

Auch hierzu gibt es eine Karte, mit großem Dank an den Mann auf Platz Nr. 61:

Wie Ihr seht, kann man dann von Vientiane mit dem Zug nach Thailand fahren, wo man die Reise für ein paar Jahre unterbrechen muss, weil man wegen Majestätsbeleidigung ins Gefängnis kommt. Aber wenn man das überlebt, geht die Bummelbahn weiter nach Malaysia und schließlich nach Singapur, der kleinen, unabhängigen Spitze dieser langen Halbinsel.

In Singapur war ich übrigens schon einmal, auf einem Zwischenstopp nach Australien. Das war 1992. Damals waren Flugzeuge noch in der Gewerkschaft, weshalb sie auf langen Flügen Pause machen mussten. Die langweiligen Passagiere gingen in den Duty-Free-Shop und wunderten sich über diese neuen Telefone ohne Kabel. Die mutigen Passagiere, wie ich, verloren sich im Gewimmel von unterirdischen Märkten, auf denen Affen, Schildkröten und Fledermäuse mit allerlei zoonotischen Krankheiten verkauft wurden, schauten in Opiumhöhlen vorbei und fanden ganz ohne Smartphone rechtzeitig den Weg zum Flughafen zurück. Alles in ständiger Angst vor der berüchtigt strengen singapureanischen Polizei.

Diese strenge singapureanische Polizei wird mich dann wahrscheinlich festnehmen, wenn ich nach 20.000 Meilen im Zug einfach nur im Park sitzen und endlich eine Zigarre genießen will. Aber Leute sind schon wegen langweiligerer Geschichten auf dem elektrischen Stuhl ge- und verendet. (Eine Leserin informiert mich, dass man in Singapur nicht elektrifiziert, sondern gehängt wird. Danke.) Außerdem, in Singapur ist die Reise sowieso zu Ende, weil es keinen Zug nach Indonesien oder Australien gibt. Noch.

Mal ehrlich, ist das nicht fantastisch, wie weit man kommt, ohne von der umweltfreundlichen, gemütlichen und romantischen Bahn absteigen zu müssen?

Und selbst wenn Ihr im letzten Kaff wohnt, solange es einen Bahnhof hat, seid Ihr mit der Welt verbunden. Von Buxtehude nach Bangkok, von Königs Wusterhausen nach Kuala Lumpur, von Straubing nach Singapur, alles ist möglich!

Jetzt muss sich nur noch eine Zeitung finden, die das im Austausch gegen eine wöchentliche Reportage finanziert…

Links:

  • Mehr Geschichten aus der Eisenbahn.
  • Eine nützliche Seite zum Planen von Fernreisen mit der Eisenbahn ist Seat 61.
  • Wenn Ihr meine Eisenbahn-Geschichten kennt, könnt Ihr Euch vorstellen, was ich in etwa aus so einer Weltreise machen würde. Und wenn Ihr das für ein sinnvolles Projekt haltet, freue ich mich über Eure Unterstützung!

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Bunkerzweitnutzung

To the English version.

In Italien war ziemlich oft Krieg.

Illyrische Kriege. Eritreakrieg. Erster Weltkrieg. Unabhängigkeitskrieg. Samnitenkriege. Zweiter Weltkrieg. Italienisch-Türkischer Krieg. Erste Isonzoschlacht. Alexandrinischer Krieg. Zweite Isonzoschlacht. Italienisch-Libyscher Krieg. Dritte Isonzoschlacht. Kimbernkriege. Vierte Isonzoschlacht. Italienisch-Griechischer Krieg. Augusteische Alpenfeldzüge. Fünfte Isonzoschlacht. Afrikafeldzug. Sechste Isonzoschlacht. Sardinischer Krieg. Siebte Isonzoschlacht. Gotenkrieg. Achte Isonzoschlacht. Jugurthinischer Krieg. Neunte Isonzoschlacht. Abessinienkrieg. Zehnte Isonzoschlacht. Markomannenkriege. Elfte Isonzoschlacht. Pyrrhischer Krieg. Pyrrhische Isonzoschlacht.

Deshalb stehen in Italien überall Festungen, Schützengräben und Bunker.

Wenn Euch das bisher noch nicht aufgefallen ist, dann nur deshalb, weil in Italien auch sonst allerhand interessantes Zeug herumsteht. Oder weil Ihr nur an den Strand wollt, was eigentlich eine Italienverschwendung darstellt und wofür Ihr den Platz im Reisebus für historisch interessierte Urlaubswillige freimachen solltet. Oder weil Ihr noch nie in Italien wart, in welchem Fall ich empfehle, diesen Missstand zu beheben.

Die meisten dieser Bunker sitzen einfach nur rum und warten auf ihren nächsten Einsatz. Aber im Vinschgau bin ich auf ein paar Exemplare gestoßen, die einer zivilen Bunkerzweitnutzung zugeführt wurden. So wie dieser Bunker, der in eine Apfelplantage integriert wurde. Das sind aber auch ganz besondere Äpfel hier in Mals, die sind ständig vor Gericht wegen Pestizidstreitigkeiten und so. Vielleicht müssen sie deshalb vor dem Zugriff der Luftstreitkräfte des Landesgerichts geschützt werden.

Auf dem Weg von Mals nach Schluderns hatte ich mich zwischen Wäldern, Feldern und Apfelplantagen irgendwie verlaufen. Das machte aber nichts, denn erstens bin ich ein großer Verfechter des Verlaufens. Wer sich nie verläuft, hat ein fades Leben. Zweitens war ich zum ersten Mal im Vinschgau, so dass es überall neu und interessant für mich sein würde, egal wohin ich käme.

Und plötzlich stand ich oberhalb von Tartsch vor einem Bunker, so etwas habt Ihr noch nicht gesehen!

„Ein Künstler“, tippe ich detektivisch scharf, nicht nur wegen des Wohnwagens und der kreativen Dachterrasse mit Palisadenzaun und Spielplatz, sondern auch weil am späten Vormittag noch niemand auf mein Klingeln reagiert. Diese Künstler schlafen ja oft bis mittags. (Mit Ausnahme der Reiseblogger, die schon frühmorgens über Stock und Stein wandern, um Material zu sammeln.)

Auf der anderen Seite des Tals, über Tartsch, erblicke ich ein romanisches und romantisches Kirchlein, das ich zum nächsten Wanderziel auserkore und ausnahmsweise nicht verfehle.

Dort kommt, als ich vor der eigentlich verschlossenen Kirche sitze und eine am Morgen in Mals erstandene italienische Toscano-Zigarre rauche, zufällig ein Herr vorbei, der nicht nur den Schlüssel zur Kirche, sondern auch ein enzyklopädisches Wissen und viel Geduld mit mir Ungebildetem hat. Er zeigt mir, nachdem ich die Zigarre vor der Tür gelassen habe, die Fresken in der Kirche und erzählt über die Geschichte von St. Veit, über den Tartscher Bichl, über Romanik, Gotik und den Engadiner Krieg.

Das überspringe ich jedoch für den Moment und hebe es für den umfassenden Vinschgau-Artikel auf, der, so Gott will, in den kommenden Monaten erscheint. Der Kirchenmann kennt sich nämlich auch mit den Bunkern auf der gegenüberliegenden Seite des Tals aus.

„Die stammen aus dem Zweiten Weltkrieg“, korrigiert er meine Fehlannahme, dass es Überbleibsel aus dem Alpenkrieg im Ersten Weltkrieg wären.

„Aber im Zweiten Weltkrieg war doch hier gar keine Front?“

„Mussolini hat die gebaut, weil er der Allianz mit Hitler nicht traute. Man nennt diesen Alpenwall deshalb auch ‚linea no mi fido‘, also ‚Ich-trau-dir-nicht-Linie‘.“ Wenn ich wüsste, wo ich schauen muss, könnte ich hier oben in den Bergen noch viel mehr Bunker und Panzersperren finden. Eine größenwahnsinniger als die andere, wie es bei faschistischen Großprojekten so üblich ist.

Im Zweiten Weltkrieg waren die Bunker allerdings nicht so leicht zu erkennen wie jetzt, sondern waren – landschafstypisch – als Bauernhöfe oder Scheunen getarnt.

Der künstlerisch gestaltete Bunker gehörte tatsächlich einem Künstler, der jedoch vor drei Jahren beim Hantieren mit alter Munition ums Leben kam. Seither steht das Riesenatelier leer. Vielleicht könnte man daraus eine Herberge für vagabundierende Schriftsteller machen, winke ich mit einem der Zaunpfähle von der Dachterrasse.

In Mals übernachte ich gewissermaßen auch in einem Bunker. Die ehemalige Kaserne der Finanzpolizei hat gerade als Hostel eröffnet. Die Finanzpolizei in Italien ist eine Kombination aus Zoll und Polizei zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität, aber militärisch organisiert und ausgestattet, mit Fregatten, U-Booten, Flugzeugen, Helikoptern, Fallschirmspringern, Gebirgsjägern, Kampftauchern, Scharfschützen und sogar Juristen.

(Foto aus La Maddalena, einer Insel im Norden von Sardinien. Ach, von dort hätte ich eigentlich auch noch zu erzählen… Aber bleiben wir erst einmal in Norditalien.)

Nun, und deshalb hat die Finanzpolizei eben Kasernen für ihre Finanzpolizisten, für ihre Waffenlager und um die beschlagnahmten illegalen Reichtümer (und welcher Reichtum ist nicht illegal?) zu lagern. Die Wände des Gebäudes sind so massiv, dass sie dem Beschuss von Panzerfäusten standhalten, erklärt mir Sascha, der Herbergsvater, und weil er auch ansonsten noch allerhand erklärt und mich zum Abendessen einlädt, bleibe ich ein paar Tage, in denen ich mich wie zuhause fühle. Sascha erzählt so viel, das muss dem endgültigen Vinschgau-Artikel vorbehalten bleiben, denn heute geht es nur um die bauliche Nachnutzung von militärischen Gebäuden.

Die FinKa, wie die ehemalige Finanzkaserne jetzt wortspielerisch heißt, schafft es, ihre einstige Nutzung nicht zu verleugnen, aber dennoch urgemütlich zu sein und dabei den 08/15 Hostel-Flair zu vermeiden. Im Eingangsbereich stehen noch die alten Holzklappstühle, in den Fluren quietschen noch die Gittertüren. Der Polizistenspeisesaal ist jetzt ein Gästespeisesaal, der Polizistenrumlümmelraum ist jetzt der Gästeausruhraum, und so weiter. Eigentlich brauchen Touristen ja auch nichts anderes als Polizisten, was man sich in der Marktwirtschaft kaum zu schreiben traut, weil sonst bald eine der beiden Gruppen wegrationalisiert wird.

Tja, zu spät. Die Finanzkaserne in Mals wurde tatsächlich 2005 aufgelassen. Wegen des Schengener Abkommens waren in den Bergen keine Grenzkontrollen mehr notwendig. Und so können sogar Anfänger wie ich Zigarren nach Österreich schmuggeln. Die Finanzpolizei düst jetzt nämlich hauptsächlich in der Adria herum, um fettere Fische zu fangen.

Ach ja, die Schmuggelroute von Albanien nach Apulien bin ich auch schon mal gefahren, allerdings in vollkommen unschuldiger Absicht und harmlos auf dem Deck des Dampfers dösend.

ferry into sunset

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Der Bodhi-Baum

To the English version of this enlightening read.

Vor kurzem saß ich unter einem Baum und rauchte eine Zigarre.

Da kam ein junger Mann des Weges, so ein cooler Typ mit Kapuze und sympathischem Lächeln: „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, deutete er auf eine zweite Bank. „Das ist nämlich mein Bodhi-Baum.“

Natürlich sagte ich ja und bot ihm Lebkuchen an. Ich hatte eh mehr gekauft als ich essen wollte. Die große Packung ist ja viel billiger als die kleine. Das ist bei vielen Sachen so, ist Euch das schon mal aufgefallen? Man fühlt sich da als Kunde ein bisschen verarscht, finde ich.

Er bot an, seinen Döner zu teilen, was ich dankend ablehnte. Denn mal ehrlich, wie soll man einen Döner teilen? Da fällt ja alles runter. Und dann schnappt sich das ein Maulwurf und bekommt davon Cholesterin oder so.

„Wissen Sie, was ein Bodhi-Baum ist?“ fragte er und hatte mich in meiner Unkenntnis ertappt. Er erklärte etwas von Erwachen und Erkenntnis und Erleuchtung und Erlösung und dass Buddha Siddharta Gautama all dies unter einem Bodhi-Baum gefunden hätte. Ja, man findet allerhand, wenn man so unter einem Baum sitzt, das kann ich schon bestätigen.

Irgendwie war es sympathisch, jemanden auf Schwäbisch über Buddha reden zu hören. Auch wenn ich nicht alles auf Anhieb kapiert habe. Aber es gibt so Dialekte, da hört man den Leuten einfach gerne zu, egal was sie erzählen. Schwäbisch, Schweizerisch, Nord- und Südtirolerisch.

Er war auch keineswegs aufdringlich, nicht so jemand mit 84.000 Belehrungen für den Weg von Samsara nach Bodhi, wie man das von anderen Buddhisten kennt. Eigentlich erzählte er mehr über sein eigenes Leben, was ich hier nicht wiedergebe, denn das geht ja niemanden etwas an. Das ist meine Regel: Wenn ich wo sitze und am Schreiben bin und jemand kommt dazu und erzählt mir seine Lebensgeschichte, dann darf ich das verwerten. Denn mal ehrlich, was denken sich die Leute, was ich mache, wenn ich mit Notizblock und Stift im Park rumlungere? Aber wenn ich einfach nur Lebkuchen mampfe, um zumindest körperlich zum Buddha zu werden, dann kann wirklich niemand ahnen, dass unter dem Bodhi-Baum ein reisender Reporter sitzt.

Der junge Mann meinte übrigens, dass ich aussähe wie ein Spion. Das habe ich noch weniger kapiert als das mit den vier edlen Wahrheiten, denn wir saßen auf einem Hügel über einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg. Da gibt es echt nichts zu spionieren.

Es war November und echt nicht warm, aber irgendwie kamen plötzlich alle fünf Minuten Leute vorbei. Spaziergänger mit Hund, Spaziergängerinnen mit Mann, Spaziergänger die hallo sagten, Spaziergänger, die nichts sagten, Spaziergänger die stehen blieben und ebenfalls aus ihrem Leben erzählten. Es erinnerte mich an den Film „Immer Ärger mit Harry“, wo sich die Wege aller Protagonisten immer wieder auf einem Hügel über dem Dorf kreuzen. Kennt Ihr den? Ist ein Hitchcock-Film, aber ein lustiger. Manche Leute haben ja Angst vor Hitchcock, weil sie denken, der sei grausam oder so. Keineswegs. Den können sogar sanftmütige Buddhisten schauen.

Dann fuhr er mich nach Hause, denn der Buddhist hatte ein Auto und ich hatte keins. Und er sagte, ich solle zum Dönerladen unterhalb des Lotto-Geschäfts gehen und dort sagen, ich sei ein Freund von Yalçin. Dann bekäme ich einen Döner gratis.

Den muss ich bald abholen. So ein Döner wird mit der Zeit ja nicht besser. Insofern eigentlich ein eher unbuddhistisches Nahrungsmittel.

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Vor hundert Jahren färbten sich die Schlachtfelder rot – November 1921: Mohnblumen

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Da dies kein reiner Geschichts-, sondern auch ein Reiseblog ist, war die Idee bei der Etablierung der Reihe „Vor hundert Jahren …“, diese beiden Aspekte zu verbinden. So wollte ich unter dem Vorwand, Euch dringend informieren und unterhalten zu müssen, eigentlich nach Rijeka, ins Bermuda-Dreieck, nach Indien, in die Mongolei, nach Oklahoma, auf die Åland-Inseln und nach Tannu-Tuwa reisen. Alles für Eure Bildung, versteht sich!

Aber dann kam – eigentlich passend zum Jubiläum der Spanischen Grippe – eine kleine Pandemie dazwischen, was mein Weltreisen ziemlich eingeschränkt hat. Wie wenn ich es jedoch geahnt hätte, hatte ich mir beizeiten einen Fundus an Reiseerfahrungen zurechtgelegt, aus dem ich mich jetzt bedienen kann. So zum Beispiel diesen Monat, den ich mit auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs in Flandern höchstselbstgemachten Fotos illustrieren kann. Dabei ist – weil ich wieder mal nicht rechtzeitig fertig geworden bin – diese ungewöhnlich, ja fast schon auf frivole Weise knappe Episode nur ein Vorgeschmack auf den, so sei es hiermit feierlich zugesichert, demnächst erscheinenden Reisebericht aus Ypern.

Aber heute geht es um Blumen.

Um Mohnblumen.

Wer schon einmal im November in Großbritannien war, dem wird aufgefallen sein, dass plötzlich überall klatschrote Mohnblumen auftauchen. In der U-Bahn, im Parlament, bei den Abendnachrichten im Fernsehen. Und wer sich ohne Mohnblume am Revers auf die Straße traut, wird von Soldaten angehalten, die einen zum patriotischen Tragen einer Mohnblume auffordern. Weil Soldaten gut organisiert sind, haben sie auch immer eine Extramohnblume dabei, die sie für einen kleinen Obolus gerne abgeben. Wenn man alt ist und sich nicht wehren kann, ist es durchaus möglich, dass man mit bis zu fünf von den Ansteckpflanzen nach Hause kommt, obwohl man nur kurz den Hund ausführen wollte.

Höhepunkt dieser Blumenpflückerei ist um den 11. November, den Jahrestag des Waffenstillstands, der 1918 die Kampfhandlungen beendete. Aber das wusste ich anfangs nicht, weshalb ich mir kein „poppy“, wie das auf Englisch heißt, anstecken ließ. Ich bin von Natur aus skeptisch, wenn alle das Gleiche machen. Und noch skeptischer gegenüber demonstrativ zur Schau gestelltem Patriotismus. Also gab ich mein Geld lieber den Obdachlosen, die – passend wie die Faust aufs patriotische Auge – oft Kriegsveteranen waren. Anscheinend Kollegen des Herrn Lawrence von Arabien, weil sie vom Irak und Wüstenkrieg und so erzählten.

Aber nicht nur in Großbritannien, sondern auch in vielen Mitgliedsländern der Commonwealth-Familie wird dieser Brauch allnovemberlich begangen. Diese Staaten waren 1914 nämlich noch zu jung und unerfahren und wurden von König George V. zum Eintritt in den Weltkrieg „überredet“. Aber gut, Großbritannien kann ja auch nicht immer alles alleine machen. Außer beim Brexit natürlich, aber das ist ein anderes Thema.

Das Symbol der Mohnblume wurde schon während des Krieges durch ein Gedicht des kanadischen Militärarztes John McCrae, In Flanders Fields, berühmt. Im Mai 1915 begrub er einen Kameraden und Freund, der während der Zweiten Flandernschlacht bei Ypern gefallen war. Um das Grab sprossen sobald die blutroten Mohnblumen, und schwupp, war das Gedicht geboren, das zum populärsten englischsprachigen Gedicht des Ersten Weltkriegs werden sollte. In Kanada ist es so etwas wie ein Nationalgedicht.

In Flanders Fields, the poppies blow
Between the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.

We are the dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
 Loved and were loved, and now we lie,
 In Flanders fields.

Take up our quarrel with the foe:
To you from failing hands we throw
The torch; be yours to hold it high.
If ye break faith with us who die
We shall not sleep, though poppies grow
In Flanders fields.

John McCrae selbst starb im Januar 1918. Aber nach dem Krieg hatten zwei Frauen, Moina Michael und Anne Guérin, die Idee, die im Gedicht genannten Mohnblumen als Symbol für die Erinnerung an die alliierten Kriegstoten zu nutzen. (Frauen hatten während des Ersten Weltkriegs ein bisschen Selbständigkeit und Freiräume erkämpft. Leider hielt das nur an, solange die Männer weg waren bzw. die Wirtschaft die Arbeitskraft der Frauen benötigte. Sobald die Männer zurückkamen, mussten die Frauen wieder an den Herd. Als kleine Entschädigung dafür gab es das Wahlrecht und – in Westdeutschland seit 1977 – das Recht, ohne Zustimmung des Ehemannes einen Arbeitsvertrag einzugehen. Juhu!)

Zu den Festivitäten im November 1921 wurden die Ansteckblumen zum ersten Mal massenweise produziert und von Veteranenverbänden verkauft. Die chinesischen Fabrikarbeiterinnen, die die Plastikblumen mittlerweile herstellen, denken wahrscheinlich, das sei für ein Neujahrsfest oder eine Geburtstagsparty. Diese Arbeitsteilung ist übrigens auch nichts Neues, wie ich im „In Flanders Fields Museum“ (benannt nach dem Gedicht) in Ypern erfahren habe.

Etwa 140.000 Chinesen dienten an der Westfront. Nicht als Soldaten, sondern als Arbeiter für die britischen und französischen Streitkräfte. Der Erste Weltkrieg war tatsächlich viel mehr Weltkrieg als man als Europäer so glaubt.

Aber das und vieles mehr erzähle ich dann im ausführlichen Bericht aus Ypern. Wie Ihr den Fotos schon entnommen habt, geht es dabei viel um Krieg und Tod und Gedenken. Aber auch um eine nach der vollkommenen Zerstörung wieder originalgetreu aufgebaute Stadt und um die Menschen, die jetzt in dieser Stadt leben.

Und um eine Horde sich am belgischen Bier berauschender Studenten der Fernuniversität in Hagen. Mit Ausnahme des einen, der sich verstohlen absonderte und einen geheimen unterirdischen NATO-Kommandobunker entdeckte.

Wenn Euch das alles interessiert, gebt mir noch ein oder zwei Wochen, Monate oder Jahre Zeit. Bald kommt aus dem Westen viel Neues!

Links:

  • Alle Folgen aus der Reihe „Vor hundert Jahren …“.
  • Mehr Geschichte.
  • Mehr Berichte aus Belgien, diesem kleinen Land, das sich immer ins Zentrum der Weltgeschichte drängt.
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Minimalismus lernen von den Kleinen

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Eben habe ich ein Haus-und Hasen-Sitting für eine Familie begonnen, die für drei Monate nach Tansania fliegt, um dort in einem Krankenhaus zu arbeiten.

Nachdem die fünfköpfige Familie für ein Vierteljahr sieben Koffer – davon zwei mit Sachspenden für die Menschen in Liuli – gepackt hatte, stand die etwa 10-jährige Tochter nachdenklich davor und sagte: „Krass. Da ist jetzt alles drin, was wir zum Leben brauchen“, wobei Stofftiere und Schulsachen schon mit eingerechnet waren.

„Und unsere Schränke sind noch immer voll“, fuhr sie fort. „Eigentlich brauchen wir das alles gar nicht.“

Nur ein Symbolbild. Das ist NICHT das hiesige Haus.

Das waren weisere Worte als in so manchem blöden Minimalismus-Film.

Richtigen Minimalismus lernt man eben erst auf Reisen. Je öfter man den Rucksack aus- und einpackt und mühsam die steilen Stufen zur Jugendherberge in der Burg hochschleppt, umso deutlicher wird einem, dass Eigentum und Besitz eher belastend denn befreiend wirken.

Aber auch ich habe noch einen Schwachpunkt, Ge- und Bedrucktes betreffend.

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Das entlaufene Mädchen im Fürst-Pückler-Park

„Haben Sie die kleine Douglasie gesehen?“ fragt ein Mann und steigt außer Atem vom Fahrrad. Die Sonnenbrille nimmt er ab, Helm und gelbe Warnweste behält er an. Wer so durch einen Park radelt, hat wahrscheinlich auch einen Alarmknopf am Fahrrad, um den Rettungshubschrauber zu rufen, der auf dem Dach des nahen Carl-Thiem-Klinikums schon die Rotoren wetzt.

Mit Bedauern verneine ich, aber biete ihm an, bei der Suche behilflich zu sein.

„Wo haben Sie sie denn zuletzt gesehen?“ frage ich. Ein guter Profiler beginnt immer am Tatort.

„Man hat mir gesagt, sie wäre hier irgendwo“, blickt er verzweifelt auf den künstlichen Teich, die geschwungenen Hügel, die herbstlichen Farben des Fürst-Pückler-Parks in Cottbus-Branitz.

„Weit kann sie nicht sein,“ fährt er fort, „sie ist ja gerade erst aus der Baumschule gekommen.“

Erst da verstehe ich, dass er kein Mädchen, sondern ein Bäumchen sucht. Gut, jeder soll suchen, wonach ihm der Sinn steht, aber damit behellige man bitte keinen Poirot, keinen Maigret und auch nicht mich.

Ich wünsche ihm viel Erfolg und widme mich wieder der Lektüre eines Buches, das wahrscheinlich dafür verantwortlich ist, dass ich sogleich an ein entlaufenes Mädchen dachte. Denn von einem solchen handelt „Die Reise nach Jarosław“ von Rolf Schneider.

Dieses Jugendbuch aus der DDR war eine Zufallsentdeckung. In Neuendorf, wo ich gerade auf eine Katze aufpasse, befindet sich eine zum öffentlichen Bücheraustauschschrank umfunktionierte Telefonzelle. „Stellen Sie Bücher in die Schmökerlaube, geben Sie Ihre Eigentumsrechte nach § 959 BGB auf“, steht an der Tür, und dem historisch interessierten Juristen wird bewusst, dass in diesen Breiten das BGB schon zum zweiten Mal eine vorherige Kodifikation des Zivilrechts verdrängt hat. (Obwohl das Zivilgesetzbuch der DDR mit § 32 Absatz 1 die gleiche Regelung enthielt.)

Meine Skepsis gegenüber diesen Fundgruben ist bekannt, aber die Neugier siegt. Außerdem bekommt man durch ihre entsorgten Bücher einen ersten Einblick über die geistige Struktur des Dorfes, das für eine Woche mein Zuhause sein wird. „Lockendes Gold“ von Jack London, wahrscheinlich wird deshalb hier überall so tief gebuddelt. „Zelte in Afrika“ von Hans Schomburgk, einem Afrika-Forscher, der die Wiedervereinigung vorwegnahm und seine Expeditionen von beiden deutschen Staaten finanzieren ließ. Max Burghardts „Briefe, die nie geschrieben wurden“ und wahrscheinlich nie mehr gelesen werden. „Das stille Haus“, das Ingeburg Siebenstädt unter dem Pseudonym Tom Wittgen veröffentlichte, weil das mehr nach Kriminalautor klang. „Eine undurchsichtige Affaire“ von Rainer Kerndl steht gleich zweimal im Regal.

Nur ein Buch erweckt mein Interesse, eben „Die Reise nach Jarosław“. Reisen ist mein Metier. Durch Jarosław bin ich immerhin mal durchgefahren. Und im Klappentext steht, es ginge um eine Sommerreise per Anhalter.

Und so sitze ich im fürstlichen Park in Cottbus, genieße die Sonne, lese ein Jugendbuch von 1974 und muss immer wieder lachen oder verständnisvoll nicken. Gitte, die Protagonistin, packt zum 18. Geburtstag ihre Tasche, um über den Sommer nach Polen zu trampen. Von Ost-Berlin nach Jarosław, die Stadt, aus der ihre Oma kam.

Daraus entwickelt sich ein schönes Road-Movie, und der amerikanische Begriff passt ganz gut. Von einem in der DDR erschienenen Buch hätte ich das nicht erwartet, aber Gitte orientiert sich kulturell ziemlich am Westen. Ernest Hemingway, Jimi Hendrix, Marlon Brando. Nur mit Esoterik hat sie wenig am Hut, wie man an dieser Begegnung mit einem schwedischen Reisenden erkennt:

Anschließend erzählte er, seine Mama in Malmö habe drei Brotfabriken, aber er pisse, sagte der Kerl, auf die Mama und ihren Reichtum, und für ihn sei Buddha das Höchste. Ich konnte keine Logik in dieser Feststellung erkennen, aber ich unterbrach ihn nicht. Er fing an, sich über die elementaren Gegensätze von Yin und Yang auszulassen.

Ich hatte keine Ahnung, was das war. Ich sagte es, und der Kerl lachte erst mal höhnisch, dann legte er mir dar, dass Yin und Yang zwei enorm wichtige Dinge seien, mit deren Hilfe sich die gesamte Welt im Gleichgewicht halte und zwischen denen sich das gesamte Leben ausbalanciere. Oder so. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Der Kerl teilte mir mit, dass er makrobiotisch lebe, was mit Yin und Yang zu tun hatte, und dass ungeschälter Reis, außer Buddha, für ihn das Höchste sei.

Wirklich haargenau die gleichen Geschichten muss man sich auch heutzutage von Möchtegern-Hippies anhören. Und auch das Trampen verläuft heute wie 1974. Schnellstraßen sind schlecht, weil die Leute mit ihren PS angeben wollen. Der Standort ist das wichtigste, wozu man meist ewig aus der Stadt laufen muss. Frauen werden eher mitgenommen als Männer.

Was mich an dem in der DDR publizierten Buch zudem überraschte, war das Ausmaß der Kritik an Staat und Wirtschaft. Der Grund für Gittes Ausreißen ist, dass sie mangels familiärer Kontakte nicht auf die Erweiterte Oberschule darf. Sie kritisiert Umweltverschmutzung, Mangelwirtschaft und macht sich im Geschäft darüber lustig, dass man wohl selbst auf einen Schlafsack vier Jahre warten müsse.

Ziemlich frech. Aber immer sympathisch frech, mit jugendlicher Unbekümmertheit. Zum Beispiel als Gitte eine Nacht im Park verbringt und frühmorgens von einem Polizisten aufgelesen wird:

Er sagte mir noch, es sei mehr als riskant, wenn ein junges Mädchen völlig allein in dieser Gegend und nachts auf einer Bank säße.

Ich sagte ihm, nach meiner persönlichen Erfahrung in den letzten Stunden könnte ich ihm da überhaupt nicht zustimmen.

An der Grenze trifft Gitte auf Jan, einen polnischen Studenten. Die beiden reisen fortan gemeinsam zuerst durch Deutschland und dann durch Polen. Jarosław ist das Ziel, aber es ist weit, und dazwischen kann man allerhand Umwege einlegen. Es ist genau die Art von Reisen, die ich liebe. Man übernachtet mal im Strandkorb, mal im Wald. Manchmal laden einen die Autofahrer zu sich nach Hause ein. Und wenn das Geld ausgeht, muss man eben ein bisschen arbeiten. (Das scheitert bei mir immer an vermarktbaren Talenten.)

„Die Reise nach Jarosław“ hat mich an den „Fänger im Roggen“ erinnert. Nur halt aus Mädchenperspektive. Und eher lustig als melancholisch. Und mit mehr Trampen. – Ein sehr sympathisches Buch! Also, fahrt in den Osten und durchstöbert die Antiquariate. Oder die alten Telefonzellen. Oder, im äußersten Notfall, dieses neumodische Interweb.

Warum der Typ auf dem Fahrrad in einem Park voller Bäume einen ganz bestimmten sucht, habe ich aber immer noch nicht kapiert. Vielleicht fährt der auch einfach nur den ganzen Tag herum, um Touristen zu veräppeln. Ist auch ein Hobby. Besser als nur vor dem Computer zu sitzen.

Ach ja, Ihr wolltet noch mehr Fotos vom Fürst-Pückler-Park. Hier sind sie:

Wer mehr über den Park und über Fürst Pückler erfahren will, kann, und das ist nun wirklich ein Zufall, zu einem anderen Buch des äußerst produktiven Rolf Schneider greifen: „Fürst Pückler in Branitz“. Aber ich glaube, das Buch über die junge Ausreißerin ist amüsanter.

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