Ganz Deutschland schimpft auf Berlin. Nicht immer weiß man, ob echte Abscheu, heimlicher Neid oder einfach nur die Lust am Meckern dahinter steckt. Diejenigen, die am lautesten tönen, dass Berlin ein Moloch, ein Sündenpfuhl oder die Welthauptstadt des Chaos sei, waren wahrscheinlich noch nie dort.
Kurioserweise schimpfen aber auch die Berlinerinnen und Berliner den ganzen Tag. Hier sind wiederum diejenigen am lautesten, die Berlin noch nie verlassen haben und deshalb glauben, dass überall anders jede U-Bahn pünktlich ist, dass man in anderen Großstädten ohne Termin zum Einwohnermeldeamt gehen kann oder dass sich im Rest der Republik alle Straßen und Brücken über Nacht selbst reparieren, ohne Baustellen und Umleitungen, ohne Zeit- und Budgetüberschreitung.
Berlin, in der Vorstellung der Menschen außerhalb Berlins
Ich selbst bin eigentlich kein Großstadtmensch. Aber jedes Mal, wenn ich in der größten Stadt der Europäischen Union weile, bin ich positiv überrascht. Und als Garant der guten Laute, als Oberoptimist, als Streiter für das Wahre und Schöne, als den Ihr mich kennt, möchte ich Euch ein wenig teilhaben lassen an meinen Spaziergängen durch unsere sympathische Bundeshauptstadt.
Es gibt in Berlin, leider relativ unbekannt, ein Netzwerk von Wegen, Routen und Pfaden, auf denen man einen ganz anderen Eindruck von Gotham City bekommt. Grüne Hauptwege heißen diese, und es gibt derer zwanzig. Auf insgesamt 550 km schlängeln sich diese Routen hauptsächlich in Grünanlagen, in Wäldern und entlang der Wasserläufe durch Berlin.
Ich weiß nicht, ob ich alle abspazieren werde. Man hat ja auch noch andere Pläne im Leben (Babylon, Bagdad, Buxtehude, um nur einige zu nennen). Und manche der Wege sind doch ein wenig lang, bis zu 63 km, wie beim Grünen Hauptweg Nr. 1 (Spreeweg).
Andererseits, und das ist das Schöne an Berlin und an den Grünen Hauptwegen, kann man jederzeit pausieren, in den Bus oder die Bahn steigen, nach Hause fahren, und die Wanderung am nächsten Tag oder Wochenende fortsetzen. Und für zwischendurch gibt es auch ganz kurze Wege, ab 7 km, wie beim Grünen Hauptweg Nr. 20 (Bullengrabenweg).
Als ersten Weg habe ich eine zwischen diesen beiden Extremen liegende Route gewählt: Die 33 km des Grünen Hauptweges Nr. 2 (Spandauer Weg). Der ausführliche Bericht dazu erscheint in den nächsten Tagen, aber hier schon mal ein kleiner fotografischer Vorgeschmack.
Ganz ehrlich: Ich war vollauf begeistert! Ich wusste natürlich, dass Berlin grüner ist als Tokio. Aber dass man hier wirklich kilometerweit durch die Natur laufen kann, ohne auch nur einen anderen Menschen zu sehen, das hätte ich nicht geahnt. Ein langer, sehr abwechslungsreicher und absolut lohnenswerter Weg.
Die Idee für die Grünen Hauptwege ist übrigens eine alte. Der Stadtplaner Hermann Jansen hatte sie bereits in seinen Plänen für das 1920 gegründete Groß-Berlin vorgesehen. Leider kamen dann die Inflation, die Weltwirtschaftskrise, der Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg, die weitgehende Zerstörung der Stadt und die Teilung Berlins dazwischen. So wurde das Projekt erst ab 1994 verwirklicht.
Diejenigen, die diesen Blog kennen, werden es bereits ahnen: All diesen dramatischen historischen Einschnitten werden wir auch auf den Wanderungen begegnen. Ein Spaziergang mit mir ist eben auch immer ein Vor- und Zurückspringen auf der Zeitachse, ein wildes Hin und Her durch die Jahrhunderte.
Für die Berlinerinnen und Berliner, die mir jetzt ihren Lieblingsweg zeigen wollen: Vielen Dank, ehrlich, aber wenn ich schreiben und fotografieren will, dann muss ich alleine losziehen. Ich mache ja auch viele Umwege, klettere da hinab, steige dort hinauf. Und immer wieder lange Schreib- und Rauch- und Nachdenkpausen.
Aber wenn Ihr entlang eines der Wege wohnt und zufällig Kola und Kuchen im Garten stehen habt, wenn ich vorbeikomme – so wie hier beim Gutshaus Neukladow -, dann ruft und winkt mich gerne herbei!
Alle anderen können die Wanderungen (und vor allem die Artikel darüber) durch eine kleine Spende unterstützen. Dafür schicke ich Euch dann eine Postkarte von unterwegs. – Jetzt ärgern sich die Rudolf-Heß-Fans, dass sie die Wanderung durch den Bezirk Spandau verpasst haben. 😉 Aber die Schnittmenge zwischen diesen Ewiggestrigen und der stets der Zukunft zugewandten Leserschaft meines Blogs dürfte gering sein. Hoffe ich.
Auf dem kleinen Friedhof bei der Kapelle für Johannes den Täufer außer- und oberhalb von Kremnické Bane in der Slowakei fand ich – auf der Suche nach dem geographischen Mittelpunkt Europas – dieses Kreuz, das die Grabstätte des Knoblauch-Ede markiert.
Was sich liest wie ein Spitzname, löst sich auf, wenn man weiß, dass im Ungarischen der Vor- immer nach dem Familiennamen steht. Deswegen heißt er auf Ungarisch natürlich nicht Vor-, sondern Nachname („utónév“).
Der Rest der Inschrift informiert uns, dass Herr Knoblauch Bahnhofsvorsteher war und am 3. Mai 1885 verstarb.
Dieses ungarischsprachige Grabkreuz für einen deutsch- und wahrscheinlich mehrsprachigen Verstorbenen auf einem Friedhof in der heutigen Slowakei gewährt einen kleinen Einblick in das multikulturelle Leben in Österreich-Ungarn.
Aus Gründen der globalen Ungerechtigkeit tummeln sich der Großteil und die Mehrzahl der Leserschaft dieses Blogs auf der Nordhalbkugel, wo sie derzeit unter der Sommerhitze leiden, vor Waldbränden fliehen oder – je nach Weltanschauung und persönlichen Prioritäten – einfach nur froh sind, dass der Golfplatz noch genügend Trinkwasser abbekommt, um den Rasen grün zu halten.
Vielleicht deshalb erfreuen sich diejenigen meiner Berichte größter Beliebtheit, die mit kühlender Wirkung in den Schnee, ins Eis und in die Arktis abdriften, so wie schon die Fram-Expedition von Fridtjof Nansen, der Polar-Zeppelin von Umberto Nobile oder die waghalsige Besteigung des Hochgebirges im tiefsten Winter durch den Autor dieser Zeilen, der sich, weil es ihm an Phantasie mangelt, immer selbst die Zehen abfrieren und Höhenkrankheit durchleiden muss, bevor er über etwas schreiben kann. Nicht jeder ist ein Karl May. Oder ein Karl Marx. Aber das ist ein anderes Thema, wenn auch eines, auf das ich sicher bald zurückkomme, weil ich mich kürzlich und auf absehbare Zeit in Karl-Marx-Stadt häuslich niedergelassen habe. Wegen Wohnungssuche, Umzugsstress und ähnlichem kleinbürgerlichen Klimbim war diesen Sommer auch ein bisschen Flaute auf dem Blog. Aber jetzt geht es bergauf, vorwärts immer, rückwärts nimmer.
Jedenfalls habe ich, während es 30 Grad im Schatten hat, wieder eine erfrischende Expedition an einen kühlen Ort für Euch ausgegraben. Auf der Wrangel-Insel hat es jetzt im Sommer etwa null Grad.
„Wrangel wer?“ fragt Ihr, und so muss ich zu Beginn nicht nur die in dieser Reihe versprochenen einhundert, sondern gleich zweihundert Jahre zurückgehen. Im Jahr 1823 begann – abgesehen von so langweiligen Disziplinen wie Geologie, Ur- und Frühgeschichte oder Paläontologie, die nicht einmal einen Eisbären vom Hocker hauen – die Geschichte dieser Insel.
Ferdinand Baron von Wrangel war einer jener Deutschbalten, die ich in einer anderen (und leider blutrünstigeren) Folge bereits vorgestellt habe. Er arbeitete als Geograph, Forschungsreisender und Landvermesser für den russischen Zaren, der wissen wollte, was es im großen Sibirien so alles an Nützlichem (Gold, Holz, Pelze) und Unnützem (Schnee und Eis) gab.
Wenn Ihr mal kurz innehalten und ein paar Entdecker und Entdeckungsreisen rekapitulieren wollt, bin ich sicher, dass Ihr auf Christoph Kolumbus, James Cook, Alexander von Humboldt, Vasco da Gama, Henry Morgan Stanley, Hernán Cortés, Roald Amundsen, Ernest Shackleton und all ihre Reisen um die Weltmeere, die Suche nach der Nordwestpassage, die Fußmärsche zum Südpol, die Eroberung Amerikas, Afrikas und Australiens kommt – aber dass Sibirien ein weißer Fleck auf der mentalen Landkarte bleiben wird. (Selbst die von Alexander von Humboldt durchgeführte Russland- und Sibirien-Expedition ist weitgehend unbekannt.)
Dabei war Russland nach dem Mittelalter genauso Kolonialmacht wie die meisten anderen europäischen Mächte. Nur musste es halt keine Flotten nach Übersee schicken, weil es gleich nebenan die größte Landmasse der Welt hatte, die man erobern, ausplündern und unterjochen konnte.
Ein weiterer Unterschied zu Portugal, Spanien, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und Deutschland ist, dass in Russland die koloniale Attitüde noch heute die Politik bestimmt.
Auf der Karte über die russische Expansion könnt Ihr rechts oben schon die Wrangel-Insel erspähen. Nicht erspähen konnte sie 1823 Baron von Wrangel, weil entweder das Wetter, die See oder er zu benebelt war. Aber während der Kartographierung der Küste Sibiriens erzählten ihm die einheimischen Tschuktschen, dass nördlich von Sibirien eine Insel läge. Der Vogelflug bestätigte dies, denn Vögel fliegen normalerweise nicht sinnlos ins Eismeer, sondern auf eine Insel zu, wo sie sich ausruhen können. Diese Vögel sind gar nicht blöd.
Man wundert sich ja immer, wie die Polynesier zum Beispiel die klitzekleine Osterinsel im riesengroßen Pazifik entdecken konnten. Aber eigentlich musst du nur solange auf dem Meer herumgurken, bis du Vogelschwärme siehst. Und dann einfach den Vögeln folgen, schon hast du eine Insel mit mysteriösen Männchen entdeckt und kannst fürderhin vom Tourismus leben.
Da fällt mir ein, dass der Bericht von meinem Besuch auf der Osterinsel noch aussteht. Vielleicht schreibe ich den im Nieselnovember, wenn Ihr Euch nach Sonne und Südsee sehnt. Nicht nur antizyklisch reisen, sondern auch antizyklisch schreiben.
Baron von Wrangel sah also niemals die Insel, die nach ihm benannt wurde. Deswegen muss man ihn aber jetzt nicht übermäßig bemitleiden; er hatte trotzdem ein spannendes Leben. Er umsegelte mehrmals die Welt und wurde 1829 Generalgouverneur von Russisch-Amerika, später noch Admiral, Seeminister und allerhand Wissenschaftsjobs.
Ja, ihr habt richtig gelesen: Russisch-Amerika. Es ist ja eigentlich auch logisch: Wenn man ganz Sibirien kolonialisiert hat, dann hält einen so eine Beringstraße auch nicht mehr auf und man erobert den nächsten Kontinent. Wie die anderen Kolonialmächte mit ihren Ostindien-Kompanien, so setzte auch Russland mit der Russisch-Amerikanischen Handelskompanie ganz auf die Privatisierung von Gewinnen bei Sozialisierung der Kosten und ließ einen Staat im Staate heranwachsen, der die Politik vor seinen Gewinninteressen hertrieb. (So wie heute Tank & Rast oder Sanifair.)
Dass Alaska russisch war, bis es 1867 an die USA verkauft wurde, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass die Russisch-Amerikanische Handelskompanie mit Fort Ross auch einen Stützpunkt in Kalifornien hatte, den man heute noch besuchen kann.
Fort Ross wurde 1841 nicht an die USA, sondern an Herrn Sutter aus der Schweiz verkauft, der mit Neu-Helvetien so etwas wie eine Privatkolonie errichtete. Aber diese Geschichte, die verdächtig nach Karl May klingt, kennen zumindest die älteren von Euch bereits aus dem Kino. Nur komisch, dass der Schweizer im Film zum Deutschen wird.
Noch weniger bekannt ist, dass sich die Russisch-Amerikanische Handelskompanie auch Hawaii einverleiben wollte und zu diesem Zweck einige Stützpunkte dort errichtete. Auch daran war wieder ein Deutscher maßgeblich beteiligt. Die deutsch-russische Zusammenarbeit zur Unterwerfung und Aufteilung der Welt hat halt Tradition. Deshalb bitte nicht wundern, wenn irgendwann die russische Pazifikflotte vor Hawaii auftaucht und sagt „Ihr wart schon immer russisch, und deshalb müssen wir Euch jetzt bombardieren“. Ist eigentlich eine komische Logik, dass man die Menschen beschießt und tötet, die angeblich zum eigenen Land oder Volk gehören.
Deshalb schnell zurück in die tiefe Vergangenheit, als alle Menschen Brüder waren.
Die Wrangel-Insel wurde immer wieder von Walfängern oder Forschungsreisenden gesichtet, die Küste kartographiert und spätestens ab 1881 auch betreten. Aber niemand wollte länger als auf ein Glas Grog bleiben, denn so richtig einladend sah die Insel nicht aus. Sibirien halt. Nur nördlicher. Und von eiskaltem Wasser umgeben.
Keine Insel, um die es sich zu streiten lohnt.
Vor allem nicht zwischen Staaten, die schon Millionen, ach Milliarden Hektar an weitem und leerem Land haben. Die 7.600 km2 der Wrangel-Insel sind zwar nicht nichts, aber aus Sicht der USA, Kanadas und Russlands bzw. der Sowjetunion ist so ein dreifaches Saarland oder die halbe Steiermark eigentlich nicht der Rede wert.
Tja, da kennt Ihr die Großmächte schlecht!
Die sind so streitsüchtig wie Rentner mit Rechtsschutzversicherung.
Den ersten Zug machte Kapitän Calvin Hooper, der 1881 die Insel betrat und eine US-amerikanische Flagge in den Boden rammte. Hooper mag ein guter Kapitän und ein netter Mensch gewesen sein (dazu liegen mir keine Informationen vor), ein Völkerrechtler war er nicht. Sonst hätte er gewusst, dass es zur Besitznahme von Inseln schon ein bisschen mehr bedarf als einer windigen Fahne.
Aber wahrscheinlich hatte er es auch gar nicht so ernst gemeint, denn weder er, noch die Marine der Vereinigten Staaten kehrte in den folgenden Jahrzehnten auf die Insel zurück. Stattdessen kam 1911 ein russischer Eisbrecher vorbei, schichtete einen Steinhaufen auf und fuhr dann weiter. Auch damit gewinnt man langfristig keine Insel.
Auch der Mond wurde so nicht amerikanisch.
Die nächsten Besucher kamen unfreiwillig. Im Januar 1914 sank die Karluk, das Flaggschiff der Kanadischen Arktisexpedition. Die Schiffbrüchigen schafften es auf die Wrangel-Insel. Der Kapitän, Robert Bartlett, machte sich mit einem Kollegen auf den Fußweg nach Sibirien (das Meer war ja zugefroren) und auf dem Festland weitere 1100 Kilometer durch Sibirien bis zur Beringstraße, um ein Schiff nach Alaska zu bekommen.
Von dort sandte er ein Rettungsschiff zur Wrangel-Insel, und wenn Ihr die King & Winge seht, dann wird klar, warum damals viele der Arktisexpeditionen mit im Packeis zerquetschten Schiffen endeten. Aber die Rettungsmission war erfolgreich, zumindest für diejenigen, die die neun Monate auf der Wrangel-Insel überlebt hatten.
Der Leiter der Kanadischen Arktisexpedition, Vilhjálmur Stefánsson, hatte einen ganz schlechten Charakterzug, der absurderweise von manchen Menschen, insbesondere in Personalabteilungen, als positiv angesehen wird: Er war ehrgeizig.
Nachdem immerhin die Mehrheit seiner Truppe auf der Wrangel-Insel überlebt hatte, dachte er sich: „Diese Insel muss ich für König und Vaterland in Besitz nehmen!“ Das Vaterland war Kanada, der König war der britische, weil Kanada damals noch nicht richtig unabhängig war. – Soweit ich weiß, glauben die Kanadier noch immer an den britischen König. Ich habe einen Bekannten, der schon seit Ewigkeiten in Kanada lebt, der sich aber weigert, die kanadische Staatsangehörigkeit anzunehmen, weil er dann einen Eid auf den König schwören müsste. Ich persönlich finde das ein wenig pedantisch, vor allem weil er Brite ist. Er hat den König also sowieso schon an der Backe, ob er will oder nicht. Das ist ja gerade das Wesen eines Königs.
Aber zurück zu Stefánsson. 1921 organisierte er eine Expedition, die diesmal nicht aus Schiffbruchnot, sondern planmäßig auf der Wrangel-Insel landen, dort ein Jahr leben und damit das unbewohnte Eiland für Kanada in Besitz nehmen sollte. Das war schon ein besserer Plan als die früheren Ausflüge, die nur kurz eine Flagge in den Schnee steckten und dann wieder abzogen. Zumindest in der Theorie.
Stefánsson scharrte vier junge Männer um sich (Allan Crawford, Frederick Maurer, Milton Galle und Errol Lorne Knight). Allesamt unter 30, frisch von der Universität und genauso ehrgeizig wie der Expeditionsleiter. Wahrscheinlich waren sie schon zusammen in der Jungen Union gewesen.
Weil die Kanadier und Amerikaner natürlich höchstwichtige Forschung betreiben sollten, konnten sie sich keinesfalls mit profanen Aktivitäten wie Jagen, Kochen oder Nähen von Zelten und Winterkleidung beschäftigen. Dafür heuerte Stefánsson einige Inuit-Familien an, von denen er dachte: „Die leben eh im Eis, die schupfen das schon.“
Als sich die ganze Truppe am 9. September 1921 im Hafen in Alaska einfand, um mit der Silver Wave in See zu stechen, gab es zwei Überraschungen.
Erste Überraschung: Die Inuit bemerkten sofort, dass sie es mit einem Haufen unerfahrener Schnösel zu tun hatten, dass die Ausrüstung unzureichend war, und dass für den Fall von Lebensmittelknappheit der Plan zu sein schien, dass die Eskimos als Nahrung für die Weißen herhalten sollten.
Die Inuit sagten also in letzter Minute ab. Mit einer Ausnahme, einer 23-jährigen Frau namens Ada Blackjack. Sie war verwitwet, hatte einen tuberkulosekranken Sohn und wusste, dass dieser ohne das monatliche Expeditionssalär von 50 Dollar wahrscheinlich sterben würde. Weil Ada Blackjack kochen und nähen konnte, dachten die Forscher: „Na, dann reicht das Mädchen. So sparen wir sogar noch das Geld für die anderen.“
Zweite Überraschung: Im Hafen teilte der große Expeditionsplaner Stefánsson seinen Männern mit, dass er sie leider nicht begleiten könne – „zu viel Arbeit im Büro, Ihr wisst schon“ -, dass er aber im kommenden Jahr mit einem weiteren Schiff zu ihnen stoßen würde, um sie zu besuchen, möglicherweise sogar abzuholen.
Vielleicht bin ich etwas übersensibel, aber für mich wäre in diesem Moment eine ganz große Warnlampe angegangen!
Nicht so für unsere jungen Helden, weswegen die vier Männer und eine Frau allein loszogen. (Plus Schiffsbesatzung natürlich, aber die würde ja nicht mit auf die Insel kommen.)
Ach ja, auf der Überfahrt gab es dann die dritte Überraschung: Sie sollten zwar ein Jahr auf der Wrangel-Insel bleiben, hatten aber nur Nahrung für sechs Monate dabei. Um Geld zu sparen, hatte der schlaue Stefánsson ausgerechnet, dass die Inuit genügend Tiere jagen würden, damit alle in Saus und Braus leben könnten. Nur, die Jäger waren nicht mitgekommen.
Am 16. September 1921 wurden die vier Männer und Ada auf der Insel ausgesetzt. Der Kapitän versprach, im Sommer 1922 wiederzukommen, um nach dem Rechten zu sehen. Das eine Jahr müssten sie halt durchstehen, „für König und Vaterland“.
Am Anfang lief es nicht einmal schlecht. Sie bauten Zelte für sich und Fallen für die örtliche Fauna. Die Männer lernten jagen – wohl oder übel, denn der Erasco-Feuertopf wird auf Dauer auch fad. Ada kochte und nähte aus den Fellen der Robben und Füchse – an die Eisbären trauten sie sich nicht – Pelze und Decken. Zur Abwechslung erfanden sie ein Kartenspiel, dem sie den Namen ihrer Köchin gaben.
Der Winter 1921/22 war hart; wie nicht anders zu erwarten. Aber auch der kälteste Winter lässt sich überstehen, wenn man weiß, dass im kommenden Sommer das erlösende Schiff kommen wird.
Mittlerweile könnt Ihr Euch wahrscheinlich denken, was die nächste Überraschung ist: Der Sommer 1922 war außergewöhnlich kalt. Das Meer um die Wrangel-Insel taute selbst im Sommer nicht auf, und das Rettungsschiff blieb irgendwo auf dem Weg im Eis stecken.
„Sicher nur eine kleine Verspätung“, dachten sich die vier Männer und Ada im August 1922 und warteten auf den September.
„Vielleicht kommen sie nach den Sommerferien“, dachten sich die vier Männer und Ada im September und warteten auf den Oktober.
„Wahrscheinlich dauert es länger, weil sie unterwegs noch jemanden retten mussten“, dachten sich die vier Männer und Ada im Oktober und warteten auf den November.
„Vielleicht wollen sie uns zu Weihnachten überraschen?“, dachten sich die vier Männer und Ada im November und warteten auf den Dezember.
„Oder zu Neujahr“, dachten sich die vier Männer und Ada im Dezember und warteten auf den Januar.
„Scheiße, da kommt wohl niemand mehr“, dachten sich die vier Männer und Ada gegen Ende Januar 1923 und entschieden, zu Fuß zum sibirischen Festland zu laufen. Es war ja Winter, und das Meer war zugefroren.
So wie hier in Litauen.
Einer der Männer, Errol Lorne Knight, war jedoch so stark erkrankt, dass er nicht mehr reisefähig war. Er litt an Skorbut, einer Mangelerscheinung, die überwiegend Nordamerikaner befällt, wenn sie nicht regelmäßig Fast Food, Fett und Zucker zu sich nehmen. – Tja, die lustige Truppe hätte sich eben auf den McDonald-Inseln absetzen lassen sollen, haha.
In solchen Ausnahmesituationen hilft es, wenn man einen klaren christlich-konservativen Wertekompass hat. Für die anderen drei Männer war deshalb sofort klar: „Ada, du bleibst bei dem todkranken Typen, und wir machen uns vom Acker.“ Natürlich versprachen sie auch Ada und Knight, dass sie Hilfe holen würden, aber dieses Versprechen hatten mittlerweile alle zur Genüge gehört. Das ist so, wie wenn ich verspreche, dass ich mich „diese Woche darum kümmere“. Da könnt Ihr gleich eine Wiedervorlage für die nächste Eiszeit eintragen, vorher wird das nichts.
Weil Knight nicht mehr aufstehen konnte, musste Ada jetzt ganz allein auf Jagd gehen. Mangels Erfahrung fing sie oft tagelang überhaupt nichts, dann wieder nur ein Kaninchen. Trotz absolut unzureichender Nahrungsaufnahme und obwohl Knight den ganzen Tag auf dem Sofa lag wie so ein Pascha, konnte Ada ihn noch weitere fünf Monate durchpäppeln. Erst am 22. Juni 1923 starb er.
Crawford, Maurer und Galle, die drei Männer, die sich auf den Weg zum Festland gemacht hatten, starben auch. Allerdings weiß niemand, wo oder wann oder wie. Sie sind verschollen, und man hat nie auch nur ein Fitzelchen von ihnen gefunden.
Habe ich gerade gesagt, dass sie ganz allein auf der Insel war?
Eigentlich stimmt das nicht.
Vielleicht ist es Euch oben auf dem Foto der Expeditionsgruppe schon aufgefallen. Wenn nicht, seht noch einmal genau hin:
Genau! Die Männer, die ansonsten nichts auf die Reihe brachten und alles falsch machten, hatten eines richtig gemacht. In guter Seefahrttradition hatten sie eine Katze mitgenommen.
Die Katze hieß Victoria und war äußert süß, putzig, liebenswürdig, schlau, kollegial, lustig, einfühlsam und überhaupt der perfekte Begleiter in allen Lebenslagen. Außerdem erwies sie sich als sehr anpassungs- und widerstandsfähig und spornte die Menschen, die natürlich manchmal ihre Depri-Phasen hatten, zum Weiterleben an.
Ja, man muss eindeutig festhalten: Ohne die Katze hätte Ada nicht überlebt. Und all den Expeditionen, die vorher und nachher gescheitert sind – egal ob in der Arktis oder Antarktis, im Himalaya oder im Weltall -, mangelte es wahrscheinlich an einer Katze.
Und so hielten Ada und Victoria durch bis zum 20. August 1923, als endlich die Donaldson eintraf, um die beiden einzigen Überlebenden nach fast zwei Jahren im Eis einzusammeln.
Weil die Donaldson dachte, eine prosperierende kanadische Kolonie vorzufinden, hatte sie gleich einen Schwung neuer Siedler mitgebracht. Charles Wells und zwölf Inuit stiegen frohgemut von Bord und – waren die Leute früher alle doof? – ließen sich nicht dadurch entmutigen, dass außer Ada und der Katze alle tot waren.
Und Stefánsson, der unsympathische Organisator des ganzen? Der behauptete, dass die Insel nun ihm – nicht dem König – gehörte und verkaufte sie.
Ganz schön frech, könnte man denken. Bis man ein bisschen nachdenkt und mit Jean-Jacques Rousseau erkennt, dass der ganze Kapitalismus auf dieser Frechheit gründet:
Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und dreist sagte: ‚Das ist mein‘ und so einfältige Leute fand, die das glaubten, wurde zum wahren Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wieviele Verbrechen, Kriege, Morde, Leiden und Schrecken würde einer dem Menschengeschlecht erspart haben, hätte er die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinesgleichen zugerufen: ‚Hört ja nicht auf diesen Betrüger. Ihr seid alle verloren, wenn ihr vergeßt, daß die Früchte allen gehören und die Erde keinem.‘
Zum Glück war zwischenzeitlich gleich ums Eck von der Wrangel-Insel ein Staat entstanden, der diesen Irrweg rückgängig machen wollte, dabei im Lauf der weiteren Geschichte jedoch ganz eigene Irrwege beschritt. Die Sowjetunion erneuerte den schon 1916 vom Zaristischen Russland erhobenen Anspruch auf die Insel, diesmal nicht für König und Vaterland, sondern für die Arbeiter, Bauern und Soldaten.
Die UdSSR entsandte schon 1924 das Schiff Roter Oktober (nicht das aus dem Film), eröffnete den Amerikanern, dass die Gaudi jetzt vorbei sei, und brachte sie von der Insel. Und dann machten die Sowjets den gleichen Unfug wie zuvor Amerikaner und Kanadier: Sie entsandten Kolonisten auf die Insel, überließen sie wieder für Jahre sich selbst, weil die Versorgungsschiffe nicht durchs Eis kamen.
Nur machten die Sowjets einen zusätzlichen Fehler: Sie hatten keine Katze dabei.
Deshalb drehte der Gouverneur der Insel, Konstantin Sementschuk, in den 1930er Jahren irgendwann durch und ließ alle anderen Bewohner ermorden, verfolgen, vergiften und verhungern. Die Geschichte ist zu krass, um die Details auszubreiten. Andererseits ganz normal für die Sowjetunion unter Stalin, wo eh jeden Tag und in jedem Leben das ganz große Drama ablief. Man muss eigentlich froh sein, dass nicht noch jemand eine Atombombe auf der Insel zündete.
Stalin starb 1953 – vermutlich, weil er keine Katze hatte.
Ab da entwickelte sich auf der Wrangel-Insel fast ein normales Leben, wenn auch nie mit mehr als ein paar hundert Menschen. Aber die Eisbrecher waren besser geworden, also kamen regelmäßig Schiffe mit Zeitungen und Tabak. Der Ort Uschakowskoje wurde gegründet, mit Schule, Krankenhaus, Kaufhaus, Flughafen und sogar einer Bibliothek.
Wenn Ihr jetzt denkt „super, da mache ich mal Urlaub“, dann seid Ihr allerdings zu spät. Denn 1997 wurde die Siedlung aufgegeben. Die älteren Einwohner weigerten sich zwar, wegzuziehen. Man kennt das ja von den renitenten Rentnerinnern. Aber die letzte von ihnen wurde 2003 von einem Eisbären gefressen.
Wahrscheinlich, wie wichtig Katzen für die seelische Gesundheit und fürs Überleben in harten Zeiten sind.
Links:
Alle Folgen aus der Reihe „Vor hundert Jahren …“. – Euch ist wahrscheinlich aufgefallen, dass ich erst im September Zeit für die August-Folge gefunden habe, aber für September 1923 wird es auch noch eine Folge geben. Entweder über das Bauhaus, zum Militärputsch in Spanien oder über Bayern. Das würde zu den dort anstehenden Landtagswahlen passen.
Nachdem ich den Artikel bereits veröffentlich hatte, entdeckte ich dieses fantastische Foto-Album mit Hunderten an historischen Aufnahmen von der Wrangel-Insel.
Viele Besucher sind erstaunt, wenn sie mitten im Zentrum der deutschen Hauptstadt nach nur wenigen Minuten Fußweg vom Hauptbahnhof, gleich neben dem Brandenburger Tor und dem Bundestag, zwei sowjetische Panzer und ein beeindruckendes sowjetisches Ehrenmal sehen. Der eine oder andere Tourist aus Übersee, der Europa im Schnelldurchlauf bereist, dürfte sich verwundert die übermüdeten Augen reiben und sich fragen, in welchem Land er gerade ist.
Jedes Jahr werden so viele Fotos des Ehrenmals im Tiergarten gemacht, wie einst Schüsse in der Schlacht um Berlin fielen, und zuhause beim Dia-Abend erzählen Menschen von Wyoming bis Kyoto stolz, dass sie das sowjetische Ehrenmal in Berlin gesehen hätten.
In Wirklichkeit haben sie das Beste verpasst.
Für das echte sowjetische Ehrenmal muss man nämlich in die S-Bahn Richtung Treptower Park steigen und dort zu besagtem Park laufen. Bald erspäht man durch die Baumwipfel die ersten Betonzipfel des massiven Bauwerks. Wenn man schließlich den Eingang gefunden hat, befindet man sich im größten sowjetischen Denkmal, das je außerhalb der Sowjetunion errichtet wurde.
Weil viele Berlin-Besucher das verpassen oder verpeilen, bin ich an Eurer Statt und Stelle hingefahren. Wie es sich für solche Denkmale gehört, habe ich mir dazu einen verschneiten, kalten und grauen Morgen im Februar ausgesucht.
An der Spitze des Denkmals thront ein Sowjetsoldat, der ein Kind beschützt und ein Hakenkreuz zertritt.
Auch die Inschriften an den großen Steinquadern, die auf beiden Seiten den riesigen Platz umrahmen, enthüllen ein interessantes Detail. Die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges, angeblich von Stalin selbst verfasst, erwähnt ausdrücklich, dass „die hitlerschen Schurken … die Bevölkerung der Ukraine, Bjelorusslands, des Baltikums, der Moldau, der Krim und des Kaukasus zu versklaven oder auszurotten“ versucht hatten.
Dies betont die multi-ethnische Zusammensetzung der Sowjetunion – und der Roten Armee. Der Versuch des heutigen Russlands, sich exklusiv mit der Sowjetunion und ihrem Kampf gegen den Faschismus gleichzusetzen, ist ganz klar eine Anmaßung und eine Geschichtsverfälschung.
Eine weitere Inschrift huldigt den „heldenhaften Verteidigern von Odessa“, was von trauriger Aktualität ist.
Wenn man den Park mit dem Ehrenmal verlässt, sieht man, dass viele Anwohner auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf genau diesen Punkt hinweisen wollen, indem sie von ihren Balkonen und Fenstern die ukrainische Fahne flattern lassen.
Für eine kurze Zeit gab es es noch ein weiteres Mahnmal in Berlin, einen zerstörten Panzer aus dem gegenwärtigen Krieg Russlands gegen die Ukraine. Und wie die Architekturkenner unter Euch sofort gemerkt haben: Ja, das Gebäude im Hintergrund war einst die sowjetische Botschaft.
Links:
Falls Ihr Euch wundert, warum auf sowjetischen Denkmalen der Zweite Weltkrieg erst 1941 begann (und warum Russland nicht das einzige Land ist, dass daran nichts ändern will), das erkläre ich hier.
In Viechtach rät sogar der Kurarzt: Sport auf keinen Fall länger als 2 Minuten (pro Tag, nehme ich an). Und auch das nur ganz langsam!
Übrigens: Wenn Ihr selbst keine Zeit für ausreichend Bewegung habt, genügt es, stattdessen die Wanderberichte von anderen zu lesen. Der Körper nimmt das unbewusst auf und trainiert dann im Schlaf die entsprechende Muskulatur.
Ihr erinnert euch an Teil 1 und Teil 2 der diesjährigen Geburtstagswanderung? Wenn nein, schnell lesen, bevor Ihr hier einsteigt! Denn wenn ich eines nicht ausstehen kann, dann ist es unsystematisches Hin- und Her-Hopsen unter Missachtung und Verletzung der vom Autor intendierten Reihenfolge.
Bei der Joseph-Tetralogie von Thomas Mann oder den drei Filmen des „Paten“ fangt Ihr ja auch nicht am Schluss an. Nur bei „Star Wars“ ist die Reihenfolge egal. Bei den Sternenkriegern reicht jede beliebige Episode, um nach wenigen Minuten zu erkennen, dass es ein einziger Mumpitz ist.
Mumpitz könnte eigentlich auch der Name eines Flusses sein, schließlich heißen die Gewässer oft Döllnitz, Rednitz, Regnitz, Chemnitz, Kirnitzsch, Sebnitz, Müglitz, Trebnitz, Seidewitz, Wörnitz, Würschnitz, Zwönitz oder einfach nur Itz.
Jetzt seid Ihr gewappnet für Kreuzworträtsel und für die letzte Etappe entlang der Zschopau, einem für die internationale Tourismusvermarktung ähnlich ungeeignet benannten Fluss. Ehrlich, liebe Tourismusmarketingleute, Ihr müsst den Flüssen Namen geben, die man auch auf Englisch, Französisch, Chinesisch und Spanisch aussprechen kann. Oder warum, denkt Ihr, wollen weit mehr Menschen an den Colorado, den Amazonas oder den Mississippi?
„I wish we were on the Zschopau River instead, Huck.“ – „Can’t nobody bloody pronounce it right, Tom.“
Einen Vorteil haben unsere unaussprechlichen kleinen Flüsschen gegenüber den Strömen von Weltrang allerdings: Alle paar Kilometer steht auf einem Hügel neben dem Fluss eine Burg.
Am Mississippi war ich noch nicht, am Colorado und am Amazonas schon. Und ich kann Euch sagen: Dort sieht es burgenmäßig sehr mau aus. Da gibt es vielleicht mal einen Termitenhügel. Und das Opernhaus in Manaus, in dem Ihr hoffentlich die richtige Reihenfolge einhalten werdet, wenn Ihr Euch die vier Teile des Nibelungenzyklus reinzieht. Aber bitte mit dem Schiff anreisen, alles andere wäre stillos.
Und dann liegt am Amazonas noch Fordlandia. In den 1920er Jahren ließ Henry Ford mitten im Dschungel eine Stadt für 8.000 Menschen bauen, die dort Kautschuk abbauen und zu Reifen für diese neumodischen Automobile verarbeiten sollten.
Das ganze ging mächtig schief, weil Ford keine Ahnung von Kautschuk hatte, weil die Plantage halt doch ein bisschen weit weg von Detroit lag, und weil der Autodidakt im „Wohlstand der Nationen“ das Kapitel über die Arbeitsteilung übersprungen hatte. Das kommt davon, wenn man seine Zeit mit den „Protokollen der Weisen von Zion“ verplempert.
Weil ich eine Faszination für verlassene Orte habe, wollte ich während meiner Zeit in Südamerika natürlich nach Fordlandia pilgern. Aber als ich nach drei Wochen in der grünen Hölle allenfalls 150 km weit gekommen, wahrscheinlich die ganze Zeit im Kreis gelaufen war, und außerdem eine Scheißwut auf die Scheißpiranhas, die Scheißmücken und die Scheißschlangen entwickelt hatte, brach ich – wie einst der olle Ford – das Projekt ab.
Und deshalb wandere ich jetzt durch Sachsen statt durch Surinam. Während ich mich mal wieder durch die Welt geträumt habe, sind wir auch schon in Scharfenstein angekommen. Der Ort sieht mit dem verlassenen Gasthof tatsächlich ein bisschen nach Fordlandia aus.
Und auch hier wurde Automobilgeschichte geschrieben. Ebenfalls in den 1920er Jahren, also zeitgleich mit Fords Amazonas-Experiment, bauten die Zschopauer Motorenwerke Jørgen Skafte Rasmussen AG (Markenname DKW) in Scharfenstein Sechszylindermotoren für ein Modell T, allerdings für das von Audi, nicht von Ford.
Ja, die Wiege der deutschen Autoindustrie liegt genau in dieser Ecke, zwischen Zschopau, Zwickau und Chemnitz. Nach Bayern, wo sich heute der Ministerpräsident jeden Tag damit brüstet, die Autoindustrie eigenhändig aufgebaut zu haben, floh Audi erst 1949. Sie verfügten in Ingolstadt nämlich über ein Ersatzteillager, und so spielte der Zufall Industriegeschichte.
Außerdem hat Scharfenstein natürlich eine Burg.
Diese Burg vermarktet sich heute als „Familienburg“, mit Mittelalterdorf, Spielzeugmuseum und als Ort für Kindergeburtstage. Ich stehe dem Konzept Familie bekanntlich eher skeptisch gegenüber, aber wenn man aus Versehen ein paar so kleine Racker in die Welt gesetzt hat, dann muss man ihnen natürlich etwas bieten. Weil auch die Sonderausstellung „Römer & Germanen“, die mich eigentlich sehr interessiert hätte, eher an Kinder gerichtet zu sein scheint, verzichte ich auf einen Besuch.
Burg Scharfenstein hat eine ganz besondere Beziehung zu Kindern, denn von 1967 bis 1990 war sie ein Jugendwerkhof. Diese Einrichtungen waren in der DDR Heime für „schwer erziehbare“ Jugendliche, womit oftmals Jugendliche gemeint waren, die halt ein bisschen unangepasst waren, die gerne die Beatles hörten und die nach Woodstock trampen wollten. Dazu vereinzelt homosexuelle und behinderte Jugendliche, also alles in allem genau die Gruppen, die schon vorher durch die Nazis verfolgt worden waren.
Die Jugendlichen bekamen dort eine reduzierte Schulbildung, wurden permanent kontrolliert und gegängelt, teilweise auch misshandelt, und mussten im DKK-Werk in Scharfenstein Kühlschränke zusammenschrauben. Von dem kargen Arbeitslohn wurden die Kosten für die Unterkunft, in die sie zwangsweise eingewiesen worden waren, abgezogen. Die dadurch preisgünstig hergestellten Kühlschränke wurden nach Westeuropa exportiert, unter anderem zum Versandhaus Quelle.
Allerdings stellte Quelle schnell fest, dass die DDR-Kühlschränke praktisch unkaputtbar waren, also nahmen sie die Qualitätsprodukte wieder aus dem Sortiment. Im Kapitalismus muss man Ramsch verkaufen, damit der Kunde nach drei Jahren wieder kommt. Und notfalls muss man die Konkurrenz mit Hilfe der Politik beseitigen.
Auf Burg Scharfenstein gibt es, soweit ich gesehen habe, keinerlei Hinweis auf die Vergangenheit als Jugendwerkhof. Wer sich darüber informieren will, muss also in die entsprechende Gedenkstätte in Torgau. (Ich wollte ja schon einmal dorthin, bin dann aber spontan in den falschen Zug gestiegen.)
Wenn man Burg Scharfenstein verlässt, gibt einem ein Hinweisschild praktische Tipps für die Fortführung der Burgenwanderung. In Lichtenwalde war ich schon (Artikel steht noch aus), aber die 20 km nach Augustusburg könnte ich vielleicht noch heute schaffen.
Zuerst muss ich mich jedoch stärken. Und da muss ich leider eine erschreckende Beobachtung über Scharfenstein machen: Es gibt hier keine geöffnete Kneipe. Die Kantine im Kühlschrankwerk ist mit diesem ebenfalls untergegangen. Es gibt nicht einmal einen Laden.
Das einzige, was ich finde, ist eine Bäckerei mit freundlichen Verkäuferinnen, die mich ganz freundlich darauf hinweisen, dass sie leider keine Cola haben. Anscheinend noch eine alte Anweisung aus den Jugendwerkhoftagen, als man den Jugendlichen jede Energiezufuhr verwehren wollte. Meine Welt bricht zusammen, die Lebensfreude schwindet. Mitten im Juli, in der Nachmittagshitze, sowieso schon platt vom Wandern, und es gibt keine Cola! (Was krass ist, wenn man bedenkt, an welchen abgelegenen Orten dieses Planeten ich schon eine Cola bekommen habe.)
Die Abwesenheit des Lebenselixiers schmerzt besonders, weil der nächste Streckenabschnitt der steilste ist. Etwa 30 Minuten geht es nur bergauf. Die Lunge platzt fast, aber ich will nicht rasten, ehe ich nicht den Gipfel oder das Plateau erreicht habe.
Dort lasse ich mich unter einem Baum nieder und schlafe mit diesem Blick ins Blätterdach erst einmal erschöpft ein. Wie ein Landstreicher. Nur auf die Zigarre verzichte ich angesichts des heißen, trockenen Wetters und meiner eigenen Waldbranderfahrungen.
Als ich wieder aufwache, ist es nachmittags, aber noch immer dröhnt die Mittagshitze. Wie wenn die Sonne die Zeitumstellung nicht mitbekommen hätte und schlaftrunken ein paar Stunden hinterherhinkt.
Auch ich hinke notgedrungen weiter, immer nach Norden, immer auf dem Kamm hoch über der Zschopau.
An einem Aussichtspunkt, der Scharfensteiner Kanzel, kann man gut sehen, wie ein an sich fabelhafter Ort durch Prahlerei geschmälert wird.
Anstatt den Blick und die Ruhe und bei passendem Wetter die Zigarre zu genießen, musste die örtliche Sektion des Erzgebirgsvereins dieses Panorama unbedingt mit der Bastei in der Sächsischen Schweiz vergleichen.
Aber, wie Ihr selbst zugeben werdet, manchmal muss man den Gesamteindruck gelten lassen, anstatt schnöde die Höhenmeter zu vergleichen. Der Büroturm der Commerzbank in Frankfurt ist auch fast so hoch wie der Eiffelturm, aber nun wirklich keines Vergleichs würdig.
Dabei war ich noch nie in der Sächsischen Schweiz, habe mir aber eine Wanderung entlang des Malerwegs fest vorgenommen. Da muss ich dann nicht einmal Fotos machen, sondern kann mich allein dem Beobachten und Schreiben widmen, weil ja schon alles in Gemäldeform vorliegt.
Der Erzgebirgsverein macht aber auch sinnvolle Sachen, wie zum Beispiel das Aufstellen von Schutzhütten, in die sich Wanderer bei Regen oder Sturm zurückziehen können. Für ganz Ängstliche, die sich vor Wölfen und Wildschweinen fürchten, gibt es diese sogar auf Stelzen.
An einer dieser Hütten hat ein noch ängstlicherer Mensch einen Hinweis angebracht, der hochgradig hirnrissig ist. Ich weiß nicht einmal, was er mit „Strahlungsschneise“ meint. Ist das die Schneise, die die Strahlung schlägt, oder eine strahlungsfreie Schneise durch die sonst ubiquitäre Strahlung? Das kleingedruckte „Gegenüber am Sendemast ist die nächste Schneise. u.s.w u.s.w“ nährt den Verdacht, dass hier jemand außerhalb seines Kompetenzbereichs tapeziert.
Überhaupt ist dieser Wanderweg voll mit versteckten Hinweisen auf allerhand und allerlei, von zurückgelassenen Insignien des Weltkommunismus bis zu Massengräbern für Covid-19-Opfer. (Das Erzgebirge rühmt sich der niedrigsten Impfquote, der höchsten Todesrate sowie der höchsten Zahl derjenigen, die darauf bestehen, nicht an Covid-19, sondern an 5G gestorben zu sein.)
Was ich nicht ganz einordnen kann, ist diese Bärenfalle. Das Tor ist offen, aber es liegt kein Köder bereit. Dieser knausrige Trapper wird noch lange warten können. Oder die Bären sind mittlerweile so schlau, dass sie den Köder abknabbern können, ohne die Falle auszulösen.
Ich selbst habe beim Wandern keine Angst vor Bären, sondern vor Bärenfallen. Nicht vor diesen großen Kästen, die sieht man ja schon von Weitem. Nein, ich meine die am Boden versteckten Schnappfallen, die man aus den Zeichentrickfilmen kennt.
Ron DeSantis verbietet ja überhaupt gerne Dinge, von Büchern über Abtreibungen, von Diversität zu Homosexualität. Ist Euch schon einmal aufgefallen, dass die Leute, die ganz laut und oft „Freiheit“ rufen, ziemlich viel verbieten? Außer Waffen natürlich.
Andreas Scheuer: „You need to ban the gender star, too!“
Hoffentlich hat die CSU dem radikalen Verbieterix nichts von den hiesigen Schutzhütten erzählt. Denn eine öffentliche Einrichtung, die jede*r nutzen kann, noch dazu kostenlos und unabhängig von der sexuellen Orientierung, das riecht nach Kommunismus und Untergang des kapitalistischen Abendlandes. Wenn die Amerikaner davon Wind bekommen, bombardieren sie gleich wieder das Erzgebirge.
Apropos Bombardements im Zweiten Weltkrieg, was gar nicht so abwegig ist, weil man diesem Thema durchaus bei Spaziergängen über den Weg laufen kann: Habe ich schon mal die These verlautbart, dass der etwas höhere Anteil an nationalistisch-rechtsextremen Stimmen in Ostdeutschland (auch) auf die Geschichtspolitik der DDR zurückgeht, die – jenseits der antifaschistischen Parolen – vielleicht eine stärkere Kontinuität zu Preußen und dem Deutschen Reich vorlebte, als das in der BRD der Fall war?
Das ist eine rhetorische Frage, und die Antwort lautet: Ja. Aber ich habe ein weiteres Beispiel: Auf dem Zentralfriedhof von Chemnitz wurde schon zu DDR-Zeiten der Opfer der Luftangriffe auf die Stadt im Frühjahr 1945 gedacht, und zwar als „Opfer des anglo-amerikanischen Bombenterrors auf Chemnitz“.
Kein Wort darüber, wer den Zweiten Weltkrieg begonnen hatte. Kein Wort zu den deutschen Bomben auf Antwerpen, Coventry oder Belgrad. Eine vollkommene Verdrehung von Ursache und Wirkung. Keine Frage danach, warum die Deutschen sich nicht selbst von den Nazis befreiten. Und natürlich keine Erwähnung der anglo-amerikanischen Rosinenbomber, die 2,2 Millionen West-Berliner vor dem Erfrieren und Verhungern retteten.
Gut, die westdeutschen „Allen Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“-Mahnmale der Nachkriegszeit waren in ihrer Schwammigkeit auch nicht viel besser. Aber die wörtliche Übernahme eines NS-Propagandabegriffs wie „anglo-amerikanischer Bombenterror“, das war im Westen der NPD vorbehalten.
Aus dem Exkurs befreien uns diesmal nicht die Alliierten, sondern der Blick auf Augustusburg. Ein monströses Schloss, wie auf einem Präsentierteller gelegen.
Nein, nicht das. Das ist doch offensichtlich DDR-Architektur, die jetzt überall das Erzgebirge verschandelt. Ich meine das Schloss des sächsischen Kurfürsten aus der Renaissance.
Genau, das hier:
Den Plan, diese „Krone des Erzgebirges“ heute noch zu erreichen, lasse ich aber sausen. Ich bin froh, wenn ich es noch bis Zschopau schaffe. Dort wartet auch eine Burg – und hoffentlich ein großer Eisbecher. Außerdem muss ich mir einige Wanderziele in der Umgebung von Chemnitz aufheben, denn ich habe die Stadt, die 2025 Europäische Kulturhauptstadt sein wird, zu meinem Stützpunkt für die nächsten Jahre auserkoren.
Und zu guter bzw. schlechter Letzt wäre auch zu Augustusburg ein historischer Exkurs fällig, den ich der Leserschaft heute wahrlich nicht mehr zumuten kann.
Und dann kommt Zschopau. Zuerst schimmert eine verdächtige Villa durch die Blätter, von deren Erkundung mich Hundegebell abschreckt.
Und schließlich eine Kleinstadt mit der versprochenen Burg.
Zu der Burg gäbe es jetzt wahrscheinlich auch zu recherchieren und zu erzählen, aber ganz ehrlich, ich bin einfach platt. Keine Ahnung, wie viele Kilometer ich gelaufen bin, ich bin ja kein Landvermesser. Aber jedenfalls genügt es für einen Tag.
Ich habe jetzt nur mehr einen Wunsch: einen Eisbecher.
Stattdessen bekomme ich den Schock meines Lebens.
Was für ein Pech muss man haben, wenn der Geburtstag der einzige Tag im Jahr ist, an dem die Stadt Zschopau – aus welchen Gründen auch immer – der Verkauf von Speiseeis verbietet? Wahrscheinlich steckt da auch dieser Verbotsgouverneur aus Florida dahinter. Vielleicht hat jemand ein Eis in Regenborgenfarben verkauft.
Naja, wenigstens eine Cola finde ich noch. Zigarren habe ich selbst mitgebracht. Also flacke ich mich in den Park, strecke meine müden Beine aus und lese ein Buch.
Vor vielen Jahren hat ein Geburtstag genau so geendet, im Siegespark von Tiraspol, der Hauptstadt Transnistriens. In diesem Land, vor dessen Besuch ich von allen Seiten gewarnt worden war – also nicht unähnlich den Reaktionen auf die Ankündigung, nach Sachsen zu ziehen -, spielten mir am Ende zwei Jungs auf der Gitarre vor.
Ich glaube, in Tiraspol gab es sogar Eis.
Auch heute in Zschopau sitzen zwei Männer auf der Bank gegenüber. Der eine nimmt selbst im Schatten die Sonnenbrille nicht ab, der andere trägt eine richtige Brille. Der örtlichen Intellektuellenvereinigung gehören sie nicht gerade an, das entnehme ich ihrer Konversation, die sich ums Ausschlafen, um die Reparaturwürdigkeit eines Staubsaugers und das Fernsehprogramm von RTL2 dreht.
Ich blicke bewusst tief in mein Buch, „Das Totenschiff“ von B. Traven. Über diesen Autor muss ich wirklich mal etwas erzählen, aber das wird so wild und wirr, das hebe ich besser für eine Episode von „Vor hundert Jahren …“ auf.
„Was für ein Buch lesen Sie da?“ ruft der Mann mit der Brille von der Bank gegenüber. Ich blicke auf und muss kurz überlegen.
Beim „Totenschiff“ geht es um einen amerikanischen Matrosen, der in Antwerpen sein Schiff verpasst und ohne Papiere dasteht. Ohne Papiere nimmt ihn keine Schiff auf, sein Konsul fühlt sich nicht zuständig, und bald gilt er als staatenlos. Er wird von Land zu Land abgeschoben, bis er auf einem heruntergekommenen Schiff, der Yorikke, anheuern kann. Dort merkt er, dass unter der Besatzung etliche Staatenlose sind, und dass die Reederei das Schiff nur gekauft hat, um es hoch zu versichern und untergehen zu lassen. Aber das ist ja heute auch noch so.
Traven thematisiert das Thema der Staatenlosigkeit, nach dem Ersten Weltkrieg äußerst prevalent, sowie die Aussichtslosigkeit der Lohnabhängigen, sich gegen ihre Ausbeutung zur Wehr zu setzen, solange das Recht nur von bürgerlich-formalen Staatsbürgerschafts- und Eigentumsbegriffen ausgeht.
„Einen Seefahrerroman“, sage ich, weil man unschuldige Menschen im Park nicht mit langatmigen Überlegungen behelligt, die sie bei Marx und Engels selbst nachlesen können.
Ostentativ lese ich weiter, werde aber anscheinend beobachtet.
Denn als ich nach etwa einer halben Stunde das Buch zuklappe, fragt der neugierigere der beiden sogleich: „Und, war es gut?“
„Sehr gut“, sage ich ehrlich und mache ein spontanes Angebot: „Wenn Sie möchten, schenke ich es Ihnen.“
Er freut sich sichtlich und nimmt das Schenkungsversprechen sowie das Buch an, womit wir uns nach § 518 II BGB den Notar ersparen.
Ich stehe auf, wünsche den beiden – und der Leserschaft – einen schönen Abend, spaziere zum Bahnhof und denke darüber nach, wie absurd es ist, an seinem Geburtstag kein einziges Geschenk zu erhalten, aber selbst Geschenke zu machen.
Praktische Tipps:
Durch das Zschopautal führt ein Wanderweg mit insgesamt 122 Kilometern. Die Abschnitte, die ich gesehen habe, verleiten mich zu der Annahme, dass das eine durchaus empfehlenswerte Wanderung ist.
Es gibt auch einen Radweg mit insgesamt 137 Kilometern. Der muss aber ein bisschen anders verlaufen, als ich gewandert bin, denn meine Route war nicht durchgehend fahrradtauglich.
Und eine Bücherwunschliste für diejenigen, die sich schon die ganze Zeit den Kopf zerbrochen haben, wie man sozialadäquat auf die Information reagiert, dass jemand Geburtstag hatte. 😉
Ihr erinnert Euch an Teil 1 der Geburtstagswanderung durch das Erzgebirge? Wir waren von der Route abgekommen und planlos durch den Wald gestolpert, als sich plötzlich eine bis dahin unbekannte Stadt in den Weg stellte.
Es sieht aus wie ein Universitätscampus. Alles relativ neu, aber zu gepflegt. Wie bei einer dieser langweiligen Privathochschulen, wo sich kein richtiges Studentenleben entwickelt, weil die Studierenden sich als „Kunden“ statt als kritische Akademiker empfinden.
Aber ich weiß gar nicht, ob man seit der Bologna-Reform noch einen großen Unterschied zwischen den Hochschultypen merkt. Die jungen Leute sind jetzt alle so brav und karriereorientiert. Niemand verbarrikadiert sich mehr, zündet ein Hochschulgebäude an oder wirft Professoren vom Dach, solange es keine ECTS-Punkte dafür gibt.
Studium zu meiner ZeitStudium heute
Um den Teich auf dem Campus sitzen nur ein paar ältere Herrschaften. Sie scheinen sich alle zu kennen. Denn als ich mich nähere, werde ich argwöhnisch beäugt, wie jemand, der sich ohne Barbour-Jacke nach Witten-Herdecke traut.
Ich frage, ob man hier irgendwo eine Cola bekommen könne.
„Vielleicht oben im Restaurant“, deutet einer der Renter in die vage Ferne, und ich denke mir: „Sagt halt einfach Mensa, Ihr Schnösel.“
Aber es ist dann tatsächlich keine normale Uni-Mensa. Die Kellnerinnen tragen weiße Handschuhe und sehen so schick aus wie damals beim Ball zur Amtseinführung des kolumbianischen Präsidenten. Nur der Service ist schlechter als in Bogotá, denn ich werde gefragt, ob ich „all inclusive“ gebucht habe. Wie bei einer Kreuzfahrt.
Ich sollte einfach sagen „Zimmer 212“, und das wär’s gewesen. Oder auf meinen Geburtstag verweisen und auf ein Gratisgetränk hoffen. Aber man will ja nicht ständig seine persönlichen Daten in die Welt posaunen, so wie diese nervigen Blogger.
Gibt es an Geburtstagen überhaupt noch etwas gratis? In meiner Jugend kam man an seinem jeweiligen Jahres- und Jubeltag gratis ins Kino. Sogar in Farb- und Tonfilme.
Der Kartenabreißer blickte immer ganz traurig, wenn ich allein in die Nachmittags-, Abend- und Spätabendvorstellung ging. Manche Leute glauben ja, es sei deprimierend, wenn man keine Freunde habe. Kinokartenabreißer sind davon wahrscheinlich besonders betroffen, weil sie jeden Tag blöde Hollywoodschmonzetten sehen müssen.
Aus Protest beschloss ich damals, dass ich Weltenbummler, Entdecker und Abenteurer werden würde.
Deshalb sitze ich jetzt im Erzgebirge.
Aus den Gesprächen an den umliegenden Tischen erlausche und deduziere ich, dass ich schon wieder in einem Heilbad bin. Dieses hier heißt Warmbad, und obwohl ich ein staatlich anerkannter Bäderexperte bin, habe ich noch nie davon gehört.
Dabei ist es die älteste und wärmste Thermalquelle Sachsens, mit 26,5 Grad natürlicher Wassertemperatur. Entdeckt wurde die Quelle zufällig, bei der Suche nach Gold oder Silber, angeblich schon im 14. Jahrhundert.
Die Bergarbeiter gründeten sofort einen Betriebsrat und sicherten sich den exklusiven Zugang zu heißen Quellen und warmem Wasser. Überhaupt waren Sachsen und Thüringen – man mag es angesichts der heutigen Wahlergebnisse kaum mehr glauben – die Geburtsorte der deutschen Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie.
Ein imposantes Bauwerk, anscheinend das alte Kurhaus, thront verlassen und verwahrlost auf einem Hügel.
Die Uhr auf dem Turm ist schon lange stehengeblieben, und das muss die Rentner besonders fuchsen. Ist Euch aufgefallen, dass niemand so pedantisch auf Uhrzeiten achtet wie Menschen, die alle Zeit der Welt haben? Anstatt sich uhren- und terminlos eines sonnigen Tages zu erfreuen, meckern und mosern sie, wenn die Zeitung nicht spätestens um 6:30 Uhr im Briefkasten liegt, wenn das Mittagessen ein paar Minuten zu spät serviert wird oder wenn der Gottschalk sich verquatscht und seine Sendung überzieht.
Der neugierige Wanderer wundert sich, von wann dieses Gebäude stammt. Ein erklärendes Schild findet sich nirgendwo, und das erklärt ja eigentlich alles. Wenn in Deutschland in Familienchroniken, in Firmenarchiven oder vor Gebäuden eine Lücke klafft, dann waren die Nazis am Werk.
Das historisch und architektonisch geschulte Auge entdeckt sofort die verräterischen Spuren: Die geschwungene Form des Gebäudes, wie beim Flughafen Tempelhof. Die Massivität der Anlage, wie beim Seebad Prora. Der Schieferstein und das Fake-Fachwerk, wie bei der Nazi-Burg Vogelsang. Die hervortretenden Mauerelemente, die die Schwingen des Reichsadlers andeuten.
Warmbad war also offensichtlich kein normales Heilbad, sondern ein Heil-Hitler-Bad. – Da fällt mir ein: Ich muss unbedingt mal nach Kalau.
Am Abend recherchiere ich neugierig nach und merke, dass mein historisch-architektonischer Instinkt keinen Pfifferling wert ist. Das sogenannte Pawlow-Haus in Warmbad wurde erst in den 1950er Jahren von der DDR erbaut. Und zwar als Sanatorium für Bergarbeiter und Bergarbeiterinnen.
Das war besonders wichtig für die Kumpel der Wismut, die im Erzgebirge Uran abbauten. Denn die konnten nicht, wie andere verdiente Arbeiter des Volkes, zur Radonkur nach Bad Schlema. Schließlich waren sie schon von zuhause aus verstrahlt, die zusätzliche Radioaktivität hätte ihnen den Rest gegeben.
Und all dieser Stress und dieses Leid, nur weil sich die Konsumenten partout Armbanduhren mit beleuchteten Zifferblättern und Atomwaffen einbildeten.
Auch heute noch gehört die Klinik in Warmbad der Knappschaft. Das ist eine geheime Krankenversicherung der Berg-, Bahn- und Seeleute, mit besseren Sanatorien, früherem Renteneintritt und garantierter Currywurst an sieben Wochentagen. Etwa so wie die Künstlersozialkasse für uns Schriftsteller, und holla, Ihr solltet mal unsere Sanatorien sehen!
Auf einer Wanderkarte am Ortsrand sind die Wege mit grünen, gelben und roten Herzen in verschiedene Belastungskategorien eingeteilt, die sich die Wanderer zutrauen. Ich verlaufe mich im Wald so heillos, dass ich vollkommen überlastet bin und mich auf einer Bank, hoch über dem Zschopautal, zur Ruhe setzen muss.
An dem Aussichtspunkt gesellt sich bald eine rüstige Rentnerin zu mir, die in Warmbad nicht aus medizinischen, sondern aus touristischen Gründen weilt. Sie ist aus Karl-Marx-Stadt, das jetzt Chemnitz heißt, weil in den 1990er Jahren eine große Welle der „Cancel Culture“ durch das Land fegte. Jeden Monat fährt sie für ein paar Tage nach Warmbad, um die absolute Ruhe zu genießen.
So kann man auch umschreiben, dass hier nichts los ist, denke ich mir.
Aber sie schwärmt davon, dass sie in Warmbad bei offenem Fenster schlafen könne, während sie in der Stadt immer irgendein Gewirr und Gewusel höre.
Ich kann das nachvollziehen, bin ich doch so lärmempfindlich, dass es schon an Hyperakusis grenzt. Jedenfalls bereitet es mir körperliche Schmerzen, wenn Leute schreien, Hunde bellen, Türen schlagen oder Töpfe klappern. Und ich höre das noch zwei Wohnungen weiter. Deshalb weiß ich auch immer ziemlich viel von den Menschen in der Nachbarschaft und bin überhaupt nicht überrascht, wenn sie eines Tages auftauchen und fragen: „Sag mal, Andreas, du bist doch Scheidungsanwalt, oder?“
Dass es in der Stadt grundsätzlich lauter ist als auf dem Land, ist ein weitverbreitetes Missverständnis. Nirgendwo wird so viel gesägt, gebohrt, gehämmert und gefräst wie auf dem Dorf. Und wenn dann noch ein paar Hunde da sind, die die ganze Nacht kläffend miteinander kommunizieren, dann merken die Zugezogenen, dass sie doch besser im Plattenbau in der Großstadt geblieben wären.
Außerdem kann man in der Stadt einfach in die Höhe ziehen, um Ruhe zu haben. In Kiew habe ich zum Beispiel im 19. Stock gewohnt, da hört man kaum mehr etwas vom Verkehr in der Ebene. Und von oben erkennt man erst, dass eine Stadt auch viel grüner sein kann als ein Dorf.
Aber ich glaube, in der Ukraine sind Wohnungen in den obersten Stockwerken jetzt gar nicht mehr so begehrt.
Aber zurück zu der Rentnerin, die sich freut, mitten im Wald jemanden zum Reden gefunden zu haben. Neben der Ruhe genießt sie das All-Inclusive-Programm mit reichhaltigem Frühstück, sieben Bädern mit unterschiedlichen Temperaturen, einer Sauna, Mittagessen, Kaffee und Kuchen, Konzerten sowie gestern Abend einem Dia-Vortrag über Tschechien.
„Das war wahnsinnig interessant“, sagt sie begeistert.
„So werde ich auch enden, wenn ich meine Reisegeschichten mal monetarisieren will“, denke ich traurig.
„Und wenn die alten Leute ihr Nickerchen machen, gehe ich Wandern“, sagt die grauhaarige Frau, die gebückt und langsam an einem Stock durch den Wald kriecht.
Immer wieder spricht sie über „die alten Leute“, ein bisschen zu betont abwertend, wie wenn sie sich unbedingt abgrenzen will. Dabei sieht sie aus, wie wenn sie Clara Zetkin noch persönlich gekannt hat. Andererseits hat sie anscheinend eine Menge Energie und Tatendrang. Im Frühjahr war sie in den Dolomiten, für den Herbst schwankt sie zwischen einer Flusskreuzfahrt und Rügen, und dann fragt sie mich unverblümt, ob ich nicht nächsten Monat zum Sommerkonzert nach Warmbad kommen will. „Da spielt Rudy Giovannini, den kennen Sie sicher.“ Ich kenne ihn nicht, aber ich habe seine Plakate hängen sehen, und das hat mir schon gereicht.
So ein bisschen Selbstüberschätzung von Seniorinnen ist durchaus sympathisch, aber ich mache mich lieber vom Acker beziehungsweise über den selben.
Immer Richtung Norden, zur Burg Scharfenstein, denn eigentlich sollte das hier eine zielstrebige Burgen- und keine mäandernde Laberwanderung werden.
Allerdings, gerade wo ich mich der Burg nähere und eine erschreckende Erfahrung mit Euch teilen möchte, habe ich schon wieder das vom eher ungeduldigen Teil der Leserschaft geforderte Limit von 1.500 Wörtern erreicht, weshalb ich Euch bezüglich dieser und noch mindestens einer weiteren Burg auf Teil 3 vertrösten muss. Bis demnächst!
Praktische Tipps:
Durch das Zschopautal führt ein Wanderweg mit insgesamt 122 Kilometern. Die Abschnitte, die ich gesehen habe, verleiten mich zu der Annahme, dass das eine durchaus empfehlenswerte Wanderung ist.
Es gibt auch einen Radweg mit insgesamt 137 Kilometern. Der muss aber ein bisschen anders verlaufen, als ich gewandert bin, denn meine Route war nicht durchgehend fahrradtauglich.
Und eine Bücherwunschliste für diejenigen, die sich schon die ganze Zeit den Kopf zerbrochen haben, wie man sozialadäquat auf die Information reagiert, dass jemand Geburtstag hatte. 😉
Außer die Komoren und ich, wir teilen nicht nur den Geburtstag, sondern auch das Geburtsjahr 1975. Leider ist das dem komorischen Tourismusminister nicht bekannt, weshalb ich noch nie zur gemeinsamen Geburtstagsfeier eingeladen worden bin. Und man will ja nicht mit der Tür in die Hütte fallen und sich selbst einladen. (Wenn jemand von Euch Kontakte zu den Komoren hat, nur zu!)
Also gehe ich stattdessen in Chemnitz zum Bahnhof und steige in den erstbesten Zug. Überhaupt erkunde ich, seit es das 49-Euro-Ticket gibt, viel mehr von den mannigfaltigen deutschen Regionen und Landschaften. Das Deutschlandticket trägt erst richtig zur Herausbildung eines nationalen Bewusstseins bei, viel wirksamer als das die Einigungskriege oder der Einigungsvertrag vermocht haben.
Auf Gleis 14 fährt gleich die Erzgebirgsbahn ab, das klingt fast so exotisch wie der Indische Ozean. Also, nichts wie rein in den Zug, der aus Protest gegen die Energiewende weiterhin dampft und rußt und schmaucht, und in dem sogar noch das Rauchen erlaubt ist.
Mario, der rührige Schaffner, kümmert sich um alle Fahrgäste persönlich und ruft bei jeder kleinen Verspätung am nächsten Bahnhof an, dass dort die Busse warten sollen. Mir persönlich macht die Verspätung gar nichts, denn ich habe weder Ziel noch Zeitplan. Ich werde einfach spontan irgendwo aussteigen, den ganzen Tag wandern, und am Abend wieder einen Bahnhof für die Rückfahrt ansteuern.
Außerdem ist die Fahrt durch das Zschopautal schon ein Erlebnis an sich. Es ist ein enges Tal, der Zug fährt ganz nah am Fluss und überquert ihn von Zeit zu Zeit auf schön geschwungenen Steinbrücken oder waghalsigen Stahlkonstruktionen, wie quergelegte Eiffeltürme.
Eigentlich will ich bis zur Endstation fahren, ins Hochgebirge, wo noch Schnee liegt und die Yetis toben. Aber da ertönt die Durchsage „nächster Halt: Wolfenstein“.
Wolfenstein, Wolfenstein, da war doch was…
Ach ja: Eine Nazi-Burg, in der alliierte Kriegsgefangene festgehalten wurden, denen man in einem Computerspiel zur Flucht verhelfen konnte. Das Spiel war in Deutschland lange Jahre verboten, weil man dabei Wehrmachtssoldaten abknallen musste. Und das ging natürlich nicht, solange in den meisten Haushalten noch ein lebender Wehrmachtsopa vorhanden war, der mit Stories aus Stalingrad nervte. Erst 2019 wurde die Indizierung aufgehoben, weil die Nazis mittlerweile wieder in die deutschen Parlamente eingezogen waren und nicht mehr als schutzwürdige Minderheit galten.
Nazi-Burgen und Kriegsgefangenenlager faszinieren die Leserschaft, das habe ich schon in der Eifel und erst kürzlich auf Schloss Colditz feststellen können. Es ist zwar mein Geburtstag, aber die Verpflichtung gegenüber den Interessen der Leserschaft versiegt nicht einmal an hohen Feiertagen. Also steige ich spontan aus.
Man tritt kaum aus dem Zug, schon sieht man drohend die Burg auf den Felsklippen, wie wenn sie persönlich jede Ankunft überwacht. Noch immer umweht sie ein Geruch von Gefahr, Grausamkeit und Gestapo. Das geht einfach nicht mehr raus aus dem Gemäuer.
Am Bahnhof ist ein Ortsschild. Wolkenstein steht da, nicht Wolfenstein. Tja, zu spät, der Zug ist schon weg. Jetzt stehe ich doof im Zschopautal und muss irgendwas daraus machen.
Zuerst mal ein paar positive Worte über den hiesigen Bahnhof, nachdem ich mich in letzter Zeit despektierlich über Provinzbahnhöfe in Sachsen geäußert habe, z.B. in Geithain oder Pratau. Der Bahnhof in Wolkenstein ist bestückt wie die Orient-Express-Endhaltestelle in Paris: Schlafwagen, Speisewagen, Buffetwagen, Lazarettwagen, alles erster und zweiter Klasse, und sogar der Regierungszug des DDR-Staatsrats mit Suite Walther und Suite Erna.
Nur der Panzerzug fehlt, aber der ist ständig auf Achse und verbringt aus Sicherheitsgründen keine zwei Nächte am selben Ort. Ganz wie ich in meinen wilden Zeiten.
Zur Burg geht es waghalsig und steil nach oben, aber in meinen alten Adern pulsiert der Geist der jugendlichen Tollkühnheit. Wenn ich eine Anhöhe, einen Hügel oder einen Berg sehe, dann will ich einfach hinauf.
Letztes Jahr war ich – zufällig auch zum Geburtstag – in Rumänien und lernte im Botanischen Garten in Alba Iulia eine Frau kennen, als wir uns beide vor einem plötzlich einsetzenden Platzregen unterstellten. Sie lud mich zu sich nach Hause ein, um mich und meine Sachen dort zu trocknen, und was weiß ich, welche Hintergedanken Frauen so haben. Außerhalb ihres Dorfes lag eine verführerische Hügelkette, die in der Abendsonne lockte. Kein Hochgebirge, nur schön geschwungene und saftig grüne Kuppen, die man innerhalb weniger Stunden leicht erobern konnte.
Ich fragte, was hinter den Hügeln wäre, und sie eröffnete mir, dass sie noch nie im Leben dort oben gewesen wäre. Unfassbar. Da lebt jemand 40 Jahre mit Blick auf eine wunderschöne Landschaft und hat noch nie Interesse verspürt, diese zu erkunden. Das ist genauso ein akutes Warnzeichen wie wenn jemand keine Bücher im Haus hat. Ich bin natürlich sofort abgehauen.
Aber Ihr wollt keine ollen Kamellen hören, sondern Fotos von Wolkenstein sehen.
Die haben da sogar eine Postmeilensäule. In Sachsen wurden im 18. Jahrhundert überall diese Säulen aufgestellt, die Reisezeiten in alle umliegenden und ein paar entfernter liegende Städte mit beunruhigendem Genauigkeitsanspruch anzeigten.
Von Wolkenstein nach Torgau benötigt man beispielsweise 25 7/8 Stunden, aber keinesfalls volle 26 Stunden. Und selbst bei der weiten Reise nach Prag, die übers Gebirge führt, gilt sommers wie winters eine exakte Reisezeit von 29 5/8 Stunden. Ich glaube, das sind die Zeiten für Reiter, nicht für Fußgänger. Oder ich wäre arg langsam und als Briefträger vollkommen ungeeignet. In Winnipeg war ich übrigens mal bei einem Treffen von Schriftstellern, und die waren im Brotberuf alle Briefträger. Das scheint perfekt zu sein: Man steht früh auf und genießt ein paar Stunden Bewegung an der frischen Luft. Währenddessen hat man Zeit zum Nachdenken, weil die Arbeit an sich intellektuell nicht fordernd ist. Und mittags ist man fertig und kann sich unberührt von Finanz- oder Pensionssorgen dem Schreiben widmen. Mit etwas Glück hat man sogar noch ein paar rührende Geschichten von nach 25 Jahren zugestellten Postkarten erlebt, die man zu einer Geschichte verwursten kann.
Apropos Wurst in Winnipeg, aber nein, das würde jetzt zu weit führen. Erinnert mich einfach irgendwann, dass ich noch ausführlich von dieser meiner Lieblingsstadt in Kanada berichten wollte.
Weil das Kurfürstentum Sachsen ein bisschen größer war als der heutige Freistaat Sachsen, findet Ihr solche Säulen nicht nur in Sachsen, sondern auch in Thüringen, Sachsen-Anhalt, in Brandenburg und in Polen.
Auf der Karte findet sich allerdings mindestens ein Fehler, denn die Postmeilensäule in Guben ist – entgegen der weißen Markierung – sehr wohl vorhanden. Ich habe sie persönlich gesehen:
Aber ich will hier nicht pedantischer sein als ein Postmeister, sondern wandere ganz ohne Zeitdruck und Zeitmesser gemütlich aus dem Städtchen hinaus. Gerade als viel- und weitgereister Mensch verstehe ich die Vehemenz nicht, mit der sich Menschen über 10 Minuten Verspätung eines Busses oder Zuges aufregen. Na und? Es ist doch vollkommen egal, ob man die 10 Minuten am Bahnhof oder im Zug verbringt, am Ende des Tages sind sie vorbei. Und lesen, eine Butterbreze essen oder sich mit anderen Menschen unterhalten kann man hier wie dort.
Die Landschaft hier heißt Wolkensteiner Schweiz, so wie Bayerisch Kanada, wo neben dem Schwarzen Regen ebenfalls eine wunderschöne Eisenbahnstrecke führt. Ihr seht, so ein 49-Euro-Ticket rentiert sich wirklich!
Warum nimmt man eigentlich immer Anleihen bei ganz anderen Regionen? In Sachsen gibt es zudem die Sächsische Schweiz, in Deutschland die Fränkische Schweiz, die Hersbrucker Schweiz, die Märkische Schweiz und sogar so Flachlandpeinlichkeiten wie die Bremer Schweiz oder die Holsteinische Schweiz. Von Belgien über Großbritannien, von Griechenland bis Nischni-Nowgorod, von Australien bis Brasilien, von Lesotho bis in die Mongolei, überall gibt es Schweizen.
Campos do Jordão in Brasilien, die „Schweiz von São Paulo“
Und warum immer die Schweiz? Warum gibt es kein australisches Sachsen? Oder ein mexikanisches Schlesien? Obwohl, in Chile gibt es die Villa Baviera, aber das ist wahrscheinlich kein gutes Beispiel. Während ich so durch die Weltgeschichte, die Geographie und die Toponomastik sinniere, stolpere ich schnurstracks in eine Landschaft, die tatsächlich schweizerisch-spießig aussieht.
Was ist das? Eine geheime Stadt, mitten im Wald? So etwas wie Seweromorsk oder Wiljutschinsk?
Und wovor will uns dieser Teddybär warnen?
Das alles und vieles mehr demnächst in Teil 2 und Teil 3.
Wie Ihr seht, nehme ich die Kritik an meinen angeblich überlangen Artikeln ernst und kappe jetzt immer streng bei 1.500 Wörtern. Das ist nämlich genau die Textlänge, die man in den 10 Minuten lesen kann, die man auf den Bus wartet.
Praktische Tipps:
Durch das Zschopautal führt ein Wanderweg mit insgesamt 122 Kilometern. Die Abschnitte, die ich gesehen habe, verleiten mich zu der Annahme, dass das eine durchaus empfehlenswerte Wanderung ist.
Es gibt auch einen Radweg mit insgesamt 137 Kilometern. Der muss aber ein bisschen anders verlaufen, als ich gewandert bin, denn meine Route war nicht durchgehend fahrradtauglich.
Und eine Bücherwunschliste für diejenigen, die sich schon die ganze Zeit den Kopf zerbrochen haben, wie man sozialadäquat auf die Information reagiert, dass jemand Geburtstag hatte. 😉