2,3 Millionen Karteikarten allein für den Bezirk Karl-Marx-Stadt.
Das ist eine der vielen Informationen, die ich vom Besuch beim Stasi-Unterlagen-Archiv in Chemnitz mitnehme. Noch schockierender als die Zahlen waren jedoch die Methoden der Stasi.
Überwachen, Abhören, Ausspionieren, Öffnen der Post (allein in Karl-Marx-Stadt 18.000 Briefe pro Tag), Verhaften, das kennt man ja alles. Dass und wie die Stasi Menschen umgebracht hat, ist schon weniger bekannt. Erschießen. Vergiften. Einwirken auf die Ärzte, damit diese die Medikamentendosierung so ändern, dass der Patient verstirbt. Und natürlich die ganzen Selbstmorde.
Die perfideste Methode war die „Zersetzung“. Die Historikerin Sandra Meier, die mit wirklich unermüdlicher Begeisterung auf all meine halbinformierten Wessi-Fragen eingeht, erklärt den Zusammenhang zur KSZE-Schlussakte von Helsinki aus dem Jahre 1975. Nachdem sich darin auch die Staaten des Ostblocks zur Einhaltung von Menschenrechten verpflichtet hatte, fuhr die DDR-Führung öffentlichkeitswirksame Verhaftungen und Strafverfahren zurück und wollte Oppositionelle, Friedensgruppen, Umweltaktivisten, Ausreisewillige oder einfach nur Unangepasste lieber heimlich, still und leise „ausschalten“.
Mit der Zersetzung wollte die Stasi regimekritische Gruppen auseinanderbringen, indem gezielt Gerüchte gegen einen oder mehrere der Mitglieder verbreitet wurden, um diese zu diskreditieren, um allgemein Unsicherheit oder Misstrauen zu streuen oder um die Gruppe zu teilen und dadurch zu schwächen.
Alternativ konnte man Zielpersonen auch übertrieben wohlwollend behandeln, z.B. durch Gewährung von Urlaubsreisen, durch Zuweisung einer begehrten Wohnung oder eines Autos, was bei den Kollegen den Eindruck erweckte, dass der Betroffene sicher für das Ministerium für Staatssicherheit arbeite. Der gleiche Effekt wurde erreicht, wenn man bei Vorladungen oder Verhaftungen ein oder zwei Mitglieder einer Gruppe nicht behelligte. Das weckte bei den anderen natürlich den Verdacht, dass diejenigen Stasi-Spitzel waren.
Die Stasi arbeitete auch mit gefälschten Liebesbriefen, die der Freund oder die Freundin des Zersetzungsopfers dann zufällig fand. Oder anonyme Geschenke. Das ging bis zu gefälschten Fotos von Seitensprüngen und gefälschten Scheidungsanträgen der Ehefrau, die dem Mann in der Untersuchungshaft vorgelegt wurden. Nicht nur politische Gruppen, auch Ehen und Familien sollten systematisch und vollständig zerstört werden. Mit gravierenden Langzeitfolgen.
Ich erinnere mich an einige der Fälle, die in Stasilandvon Anna Funder beschrieben werden. Das Buch ging mir so nahe, ich konnte es nur häppchenweise lesen. Nach jedem Kapitel war ich erst einmal geplättet. Dennoch eine wichtige Lektüre, vielleicht gerade jetzt, wo Katja Hoyer mit Diesseits der Mauer: Eine neue Geschichte der DDR die Hitparade, oder wie immer das bei Büchern heißt, erstürmt.
Für das Interesse an den eigenen Stasi-Akten sind so literarische Großereignisse, aber vor allem Jahrestage und Filme entscheidend, erklärt Sandra Meier. Allerdings seien die Antragsteller oft enttäuscht, dass die Akteneinsicht nicht so flott wie in Das Leben der Anderen vonstatten geht. Nach drei Monaten erhält man eine Zwischenmeldung, ob überhaupt etwas vorhanden ist. Bis zu eineinhalb Jahren kann es dauern, bis man die Akten in den Händen hält.
Den Antrag auf Akteneinsicht kann man in der Zentrale in Berlin oder in einer der 13 Außenstellen einreichen. Zur Archivführung an diesem Abend sind nur zwei interessierte Bürger erschienen. Neben mir ist es ein 64-jähriger Mann, der einen Antrag auf Akteneinsicht stellen will.
„Warum erst jetzt?“ frage ich verwundert, schließlich besteht diese Möglichkeit schon seit 30 Jahren.
„Ach, ich hatte eigentlich nie ein dringendes Interesse,“ sagt er. Er wisse, dass er wegen Kontakten zu Verwandten in der BRD überwacht worden sei. Außerdem wurde er schikaniert, weil er als einer der wenigen nicht bei der FDJ war und nicht zur Jugendweihe ging. Er erweckt den Eindruck von jemandem, der absolut mit sich im Reinen ist. Er hat sich nicht verbogen, aber sieht sich nicht als Widerstandskämpfer. Er hat Repressionen verspürt, weiß aber, dass es andere viel härter getroffen hat. Dramatische Enthüllungen erwartet er nicht, „aber die Frau hat gesagt: Jetzt schau doch endlich mal in deine Akte.“
Letztes Jahr wurden noch immer 30.000 Anträge auf Akteneinsicht gestellt.
Auch wenn Ihr keine eigene Stasi-Akte vermutet: Das Stasi-Unterlagen-Archivist einen Besuch wert. Auch und gerade für Wessis, die noch wenig über die DDR wissen. Sowohl die Zentrale als auch die Außenstellen bieten ein umfassendes Bildungsangebot mit Veranstaltungen, Vorträgen und Bürgersprechstunden.
Die Außenstelle in Chemnitz lohnt den Besuch ganz besonders, weil sie – wie es sich für die „Stadt der Moderne“ gehört – in einen neu gestalteten und futuristisch anmutenden Bau eingezogen ist, der sich inmitten von alten Fabrikanlagen befindet.
Chemnitz hat viele schöne Ecken und Kanten, aber diesen Stadtteil entlang der Annaberger Straße mit seiner Industriekultur finde ich ganz besonders faszinierend. Auch wenn, obwohl ich das als Nichtindustrieller natürlich schlecht beurteilen kann, manche den Fabriken den Eindruck erwecken, wie wenn sie im Moment nicht ganz ausgelastet wären. Aber daran war nicht die Stasi schuld, sondern die Treuhand.
Die Streckenführung der Buslinie M45 in Berlin, die vom Güterbahnhof Ruhleben zur Polizeidirektion 2 und anschließend zum Krematorium führt, ist schon ein bisschen makaber, oder?
Zumindest bei historisch sensiblen Fahrgästen läuten da die Alarmglocken.
Ansonsten ist der wirklich ruhige Bahnhof Ruhleben auch der Ausgangspunkt für die Busse nach Falkensee, wo Ihr in den zweiten Teil des Spandauer Wegs einsteigen könnt.
Freiberg und Freital sind zwei Städte in Sachsen, die ich immer wieder verwechsle. Weil beide an der gleichen Bahnstrecke – von Chemnitz nach Dresden – liegen, kommt es sogar vor, dass ich falsch aussteige.
Dabei sind die beiden Städte eigentlich sehr unterschiedlich.
Freiberg ist eine alte Bergbaustadt. Wie Kremnica, nur nicht ganz so idyllisch gelegen.
Freital hingegen wurde erst 1921 gegründet, und zwar als sozialdemokratische Musterstadt, wo die Fabriken sauber und sicher, die Arbeiter erholt und glücklich, und die Wohlfahrt allumfassend und kostenfrei sein sollte.
Entwurf für Freital, nicht ganz verwirklicht.
Um in Zukunft jegliche Verwechslung auszuschließen, habe ich mich dazu entschlossen, von einer Stadt in die andere zu wandern. Wenn ich einen ganzen Tag und mindestens 30 km zu Fuß unterwegs bin, wird mir das schon einbläuen, wo welche Stadt liegt.
Wie es der historischen Entwicklung entspricht, werde ich von Freiberg nach Freital wandern. Vom Mittelalter in die Moderne.
Außerdem sollte es so tendenziell bergab gehen, denke ich mir. Vom Berg ins Tal.
Weil es im Oktober nur mehr etwa 10 Stunden Tageslicht gibt, muss ich mich sputen. Dies wird also keine meiner typischen ausufernden Wanderungen, sondern ein zielstrebiger Marsch. Die Orientierung sollte einfach sein, denn zwischen den beiden Städten verläuft ein Jakobsweg.
Es ist noch dunkel, als ich mit dem Zug in Freiberg ankomme.
Auch im Bergwerk tut sich nichts. Man würde meinen, dass es den Bergleuten egal sein kann, ob in der Außenwelt Tag oder Nacht ist. Aber wie ich in Potosí feststellen konnte, sind Männer, die mit Dynamit hantieren, sehr abergläubisch.
Außerdem gehört dieser Schacht zur Bergakademie Freiberg, einer alten und ehrwürdigen Einrichtung und jetzt einer Technischen Universität. Die Studenten sind natürlich noch lange nicht wach. Mit Ausnahme derjenigen aus Übersee, die zum Semesteranfang noch mit dem Jetlag hadern.
Vielleicht ist das mit der Kohleförderung heute gar nicht so wichtig, weil sich die Windräder die ganze Nacht gedreht haben und aus jeder Steckdose der Strom quillt. Sehr gut für die Energie- und Umweltbilanz sind übrigens Menschen wie ich, die den ganzen Tag außer Haus statt vor dem dem Computer verbringen.
Als jemand, der nur theoretische Dinge wie Jura, Philosophie und Geschichte studiert hat, beneide ich Menschen, die Bergbauingenieure oder etwas ähnlich praktisches sind. Die können einfach irgendwo in der Welt aufschlagen und sagen: „Stellt mich ein, und ich grabe Euch eine Diamantmine.“ Oder ein Atommüllendlager. Vielleicht geht sogar beides in einem, natürlich sukzessiv.
In Kirgistan oder Guatemala braucht hingegen niemand einen deutschen Juristen, der über den Unterschied zwischen Hypothek und Grundschuld aufklären kann. Außerdem gibt es in Bolivien eine interessante Alternative, das anticrético. Aber man soll nicht schon vor Sonnenaufgang in das Kreditsicherungsrecht lateinamerikanischer Staaten abschweifen.
Erst als ich Freiberg schon hinter mir gelassen habe und über die mit Raureif gestrichenen Felder landstreiche, geht eine Sonne auf. Eine von über 100 Milliarden in unserer Galaxie. Und es gibt etwa 200 Milliarden Galaxien in dem uns bekannten Teil des Universums. Ich erwähne das nur, falls sich heute Morgen jemand besonders wichtig fühlt. Dazu besteht nämlich kein Anlass.
Über die Freiberger Mulde, so heißt der Fluss hier, führt eine römische Brücke. Aber die Römer waren nie hier, sehr zum Leidwesen des lokalen Genpools. Also muss sie aus der Renaissance stammen, da wurde viel von den Römern und Griechen kopiert.
Und tatsächlich informiert ein Schild, dass die Brücke in Conradsdorf im Jahre 1501 erbaut wurde und einen hölzernen Steg ersetzte.
„Ist ja auch logisch“, denke ich mir und erkenne zu meiner großen Freude, dass ich bereits hellwach bin. Denn 1501 wurde in Mitteleuropa ein enormes Hochwasser veranstaltet, das natürlich viele ältere Brücken weggespült hatte. Was die Brücken zerstört, ist übrigens meist nicht das Wasser, sondern das Treibgut. Früher waren es Baumstämme, heute sind es Autos. Auch deshalb haben sich im hochwasserbetroffenen Sachsen historisch die eher leicht gebauten Autos wie Trabant oder Wartburg durchgesetzt.
Alter Wanderer auf alter Brücke.
Neben der Brücke steht in der Gegend noch allerhand anderes altes Zeug herum, das sogar von der UNESCO als Welterbe „Montanregion Erzgebirge“ anerkannt, geschützt und gepriesen wurde. Dafür musste Dresden von der Liste weichen. Aber Dresden ist Landeshauptstadt und hat das Militärhistorische Museum, die bekommen genügend Besucher.
Ich weiß sowieso nicht, was so ein Welterbe-Status bringt. Mal ehrlich, wie viele von den 52 Welterbestätten in Deutschland habt Ihr schon gesehen? Und wie viele von den 1157 Stätten weltweit? Da kommt ja keiner mehr hinterher. Früher gab’s einfach sieben Weltwunder und Schluss war.
In Tuttendorf, Conradsdorf und Halsbrücke ist es gerade 8 Uhr. Die Menschen kratzen Eis von den Autofenstern und fahren zur Arbeit. Niemand denkt sich „Ach, schau an, ein Wandersmann! Der hat Recht, ihm tu ich’s gleich“, ruft im Büro an und nimmt sich frei. Dabei ist heute so ein schöner sonniger Tag, und die Arbeit kann auch bis nächste Woche warten. (Gilt nicht für Notärzte und Feuerwehrleute, sorry.)
Wenn ich an alten Alleen entlang spaziere, denke ich oft: „Wie schön, dass jemand vor 200 Jahren die Voraussicht hatte, eine Reihe von Bäumen zu pflanzen.“ Wer das macht, hat ja meist selbst nichts mehr davon. Erst die übernächsten Generationen genießen die Früchte, den Schatten und das Glücksgefühl.
Aber zwischen Conradsdorf und Falkenberg sieht man, dass diese vorausschauende Weisheit nicht nur eine Sache der tiefen Vergangenheit ist.
Von Falkenberg bis Naundorf verläuft der Weg entlang der Bobritzsch, die dem Wanderer eiskaltes Frischwasser zum Frühstück darbietet. Das ist der Vorteil der Deindustrialisierung: Niemand leitet mehr Schwermetalle, Wismut, Wermut oder andere übelschmeckende Substanzen in unschuldige Gewässer.
Na gut, ich laufe hier durch das Gebiet mit der höchsten radioaktiven Belastung in ganz Deutschland. Aber weil ich jetzt sowieso am Rande des Erzgebirges wohne und zuhause das Wasser aus der Leitung trinke, wird der kleine Schluck aus dem Fluss die Leber schon nicht zusätzlich stören.
Ein weiteres Erbe der Deindustrialisierung erkennt man unmittelbar am Wanderweg, denn dieser verläuft, wie jedes geübte Auge erkennt, auf einer alten Bahntrasse. Diese ganzen Schmalspurbahnen wurden in der DDR Anfang der 1970er Jahre stillgelegt, also in etwa zur gleichen Zeit wie in der BRD. Im Kampf gegen die Schiene und gegen den ländlichen Raum standen sich die beiden Systeme in nichts nach.
Nur gut, dass wir nach Süden spazieren. Denn im Norden der Bobritzsch würden so verlockende Burgen wie Bieberstein oder Reinsberg versuchen, uns vom eigentlichen Ziel und Zweck der Wanderung abzubringen.
Die nächste verlockende Ablenkung steht in Naundorf, wo ein Schild auf den Mittelpunkt Sachsens hinweist.
Den Mittelpunkt Sachsens mitzunehmen, als Bonusfolge zu dem vorgenannten Projekt, ist verlockend. Aber die Landkarte offenbart, dass es doch ein ziemlicher Umweg auf dem Weg nach Freital wäre. Und wenn man das einmal einreißen lässt, dann finde ich hier und da und dort noch allerhand Interessantes, und wir kommen heute nicht mehr ans Ziel.
Außerdem bin ich einfach vom ganzen Wesen her Europäer. So kleinteilige Bundesländergeografie ist nichts für mich. Da fahre ich doch lieber auf die Insel Saaremaa vor Estland oder besteige den tschechischen Tillenberg.
Den Jakobsweg muss ich jetzt verlassen, denn dieser Jakob ließ sich anscheinend auch viel zu leicht ablenken. Sein Pfad führt an jeder Kirche, jedem Kloster und jedem Dorf – und dort wahrscheinlich an jeder Kneipe – vorbei. Kein Wunder, dass er es nie bis an die ersehnte Atlantikküste geschafft hat, sondern sich schon vorher in Santiago de Compostella zum Sterben in die Kathedrale legen musste. Viele Jakobspilger wollen am Ende der Plackerei ihre Füße ins Meer halten, aber das ist ahistorisch und häretisch. Außerdem ist es nicht gut für die Fische.
Mich selbst interessieren Wälder tausendmal mehr als das Meer, und so biege ich in Naundorf in einen Wald ein, den ich nur einmal durchqueren muss. Eine alte Postmeilensäule gibt die Entfernung zum nächsten Ort mit 1,85 Meilen an. Das ist ein Klacks. Dafür muss ich nicht einmal eines der Postpferde bemühen.
Im Wald fühle ich mich wohl. Da geht’s mir richtig gut. Da lebe ich auf. Aber darüber schreiben kann ich nicht. Da stehen halt Bäume, und die sind grün. Mit Naturbeschreibungen und „Nature Writing“ kann ich nichts anfangen, selbst „Walden“ finde ich weitgehend öde. So Typen, die durch den Wald gehen und dann über raum-zeitliche Veränderungen der diskursiven Wahrnehmung intransparenter Materie aus spinozistischer Perspektive schwadronieren, die sind mir suspekt. Mir tut dann immer der Wald leid, der sich nicht gegen diesen Mumpitz wehren kann.
Aber zwei Dinge fallen mir auf:
Erstens, etwas unerwartet für den Weg vom Berg ins Tal, geht es immer bergauf. Den Mittelpunkt Sachsens habe ich erfolgreich ignoriert, dafür bin ich anscheinend auf direktem Weg zum höchsten Punkt Sachsens.
Zweitens, ich bin schon drei Stunden unterwegs und stecke noch immer im gleichen Wald, obwohl ich schnurstracks nach Osten und ganz sicher nicht im Kreis gelaufen bin. Das mit den 1,85 Meilen kann nicht stimmen. – Und da fällt mir ein, dass ich mich schon einmal über diese sächsischen Postmeilensäulen gewundert habe. Damals hat ein kenntnisreicher Leser (überhaupt ist die Leserschaft das Schlaueste an diesem Blog) zu erklären versucht, dass sächsische Postmeilen keine Meilen sind, sondern irgendeine Formel aus Stunden mal Pferdestärke, geteilt durch die Quadratwurzel des Alkoholisierungsgrades des Postkutschers oder so. Ich habe es nicht kapiert, ehrlich gesagt. Im Ergebnis entspricht eine sächsische Postmeile jedenfalls etwa 9 km. Die 1,85 Meilen nach Tharandt bedeuten also fast 17 km. Na super, dann kann das noch dauern.
Der Wald ist so enorm, wahrscheinlich der größte in Sachsen, dass ich immer wieder auf Hütten zum Übernachten treffe. Man soll diese Wildnis wohl gar nicht an einem einzigen Tag durchqueren können.
Irgendwann mehren sich die Wegweiser und Parkbänke. Auch ein Gedenkstein für Kaiser Wilhelm II. springt aus dem Gebüsch, wie ein Unhold aus grauer Vorzeit.
In Sachsen kenne ich mich noch nicht aus. Aber Mitteleuropa ist doch überall gleich, und ich glaube, ich weiß, was das bedeutet. Wo an jeder Weggabelung Hinweisschilder stehen und wo man alle paar hundert Meter die müden Knochen ausruhen kann, da liegt ein Kurort in der Luft.
Und tatsächlich. Der Kurort Hartha, ein kleiner nur, nicht zu vergleichen mit Baden-Baden oder Marienbad. Seine Blütezeit scheint vorüber zu sein, im Kurhaus finden schon lange keine Sportgymnastik und kein Bingo-Abend mehr statt. An einem Gartenzaun ruft ein Plakat zum Einkauf bei örtlichen Händlern auf. Links und rechts davon sind leere Ladengeschäfte zu vermieten.
Aber es ist nicht die Schuld des Kurortes Hartha, wenn die Krankenkassen und die Berufsgenossenschaften knausern und kaum mehr Kuren bezahlen. Ebenso wenig ist es dessen Schuld, dass es bei allen medizinischen Einrichtungen einen Personalmangel gibt, nicht zuletzt deshalb, weil die Anerkennung von ausländischen Berufs- und Bildungsabschlüssen so kompliziert ist. Manche Probleme machen wir uns wirklich selbst, aber dazu gleich mehr.
Dabei glaube ich, dass man hier gut gesunden und genesen kann, denn Hartha hat durchaus hübsche Ecken. Und die Umgebung ist sowieso wunderbar.
„Wenn Hartha ein Kurort ist, dann bin ich eine Universitätsstadt“, dachte sich Tharandt, der nächste Ort, trotzig.
5.500 Einwohner und die kleinste Universitätsstadt Deutschlands. Hier residiert – sehr stilvoll – die forstwissenschaftliche Fakultät der TU Dresden, mit einer mehr als 200-jährigen Geschichte vor Ort.
Bei der Forstwissenschaft könnte man, wie bei der Montanwissenschaft in Freiberg, denken: Das ist ein praktisches Studium, da findet man überall auf der Welt eine Arbeit.
Aber ich hatte mal einen Mandanten, der auf den Philippinen Forstwissenschaften studiert hatte. In Deutschland wurde dieser Abschluss nicht anerkannt, weil er keine Erfahrung mit deutschen Mischwäldern hatte. Man sagte ihm, er müsse große Teile des Studiums nachholen, wozu ihm das Geld und die Sprachkenntnisse fehlten. Für ein Studium benötigt man mindestens das Sprachniveau C1, was viele gebürtige Deutsche nicht schaffen. Dazu muss man nämlich Aufsätze über den Idealismus bei Schelling und Hegel analysieren, und zwar im zweiten Konditional Plusquamperfekt. (Wenn es wenigstens um Fichte ginge.) Dabei wollte der Mann einfach nur mit Bäumen arbeiten und Borkenkäfer bekämpfen, nicht deutsche Volkslieder deklamieren.
In den sächsischen Wäldern wurde übrigens die nachhaltige Forstwirtschaft – und überhaupt der Begriff der „Nachhaltigkeit“ – erfunden. Hans Carl von Carlowitz schrieb schon 1713 gegen den Raubbau an den Wäldern an und mahnte, dass die Menschen bereits die Ressourcen der nächsten Generationen verbrauchten. Das war nicht sehr populär. Die Menschen wollten nicht ihr Heizverhalten ändern oder auf die wöchentliche Hexenverbrennung verzichten, nur weil der kurfürstlich-sächsische Energieminister auf die Holznot hinwies. Sie wollten nicht, dass staatliche Inspektoren die Dämmung der Wohnstuben überprüften, sondern gingen jeden Montag auf die Straße, um gegen die „Forstscharlatane“ zu demonstrieren.
Die gleichen Diskussionen wie heute also.
Wenn Freunde von anderen Kontinenten nach Deutschland kommen, lege ich ihnen immer eindrücklich ans Herz, die Großstädte zu ignorieren und stattdessen mit dem Zug durchs Land zu fahren und irgendwo auszusteigen. Am besten in einer Kleinstadt, von der sie noch nie gehört haben, um sich überraschen zu lassen. Sie machen das natürlich nicht, weil nie jemand auf mich hört. (Eine wesentliche Ursache für all die Unbill auf der Welt.)
Tharandt wäre ein guter Ort dafür. Klein, aber oho. Imposante Burgen, verwunschene Schlösser, eine große Buchhandlung, und sogar der Asia-Imbiss geht auf das Jahr 1888 zurück.
Für mich ist klar: Hier muss ich noch einmal her! Schon allein wegen des Forstbotanischen Gartens, der allerdings nur noch bis zum 31. Oktober geöffnet ist. Also, nehmt Euch schnell frei, steigt in den Zug und genießt den Goldenen Oktober und den „Indian Summer“ in Ostdeutschland statt in New Hampshire.
Auf der B168 von Peitz nach Lieberose.
Von Tharandt nach Freital sind es nur mehr ein paar Kilometer. Der Wanderweg geht immer an der Wilden Weißeritz entlang, allerdings am Südufer. Dort gelangt am Nachmittag keine Sonne mehr in das tiefe Tal, und es ist ziemlich kühl.
Die steilen Hänge auf der Nordseite hingegen werden von der Sonne beschienen und locken den mutigen Wanderer. Gefahrenhinweise auf Steinschlag, herabfallende Äste, umfallende Bäume, freilaufende Bären und § 11 Absatz 2 Satz 1 des Sächsischen Waldgesetzes können mich nicht abhalten. (Obwohl das mit den Astbrüchen tatsächlich ein zunehmendes Problem ist. Wegen der Trockenheit merken die Bäume, dass sie nicht ausreichend Wasser bekommen und lassen einzelne Äste absterben. So kann selbst von einem gesund aussehenden Baum unvermittelt ein Ast herabfallen.)
Brüderweg heißt dieser Wanderweg, und wenn Ihr mal in der Gegend seid, gönnt Euch diese paar Stunden! Der Weg verläuft auf halber Höhe an einem steilen Hang, einst von mutigen Männern in den Stein gehauen, so wie die Abkürzung nach Hua Shan oder wie die Levadas auf den Azoren.
Auf der einen Seite geht es steil nach oben, von dort drohen der Steinschlag und meterdicke Buchen und Eichen. Auf der anderen Seite führt jeder Fehltritt in die Schlucht der Wilden Weißeritz.
Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen, versuche die knarzenden Bäume und die aus dem Abgrund schimmernden Knochen menschlicher Skelette zu ignorieren. Beruhigend rede ich mir ein, dass ich ein schönes Leben gehabt habe, so dass ich mich nicht grämen muss, wenn es jetzt und hier endet.
Plötzlich sagt jemand freundlich „Hallo!“
Auf einem Felsvorsprung steht eine Frau, so ein bisschen wie die Loreley. Bei auf Felsvorsprüngen stehenden Frauen denkt man ja immer gleich daran, dass sie sich hinabstürzen wollen, aber diese hier ist erkennbar frohen Mutes.
„Oh,“ sage ich verdattert, „auf diesem versteckten Pfad hätte ich wirklich nicht erwartet, jemanden anzutreffen.“
„Das ist mein Lieblingsweg“, erklärt sie. „Ich gehe ihn jeden Tag.“
Die Dame ist Künstlerin in Tharandt. Sie sei nicht die einzige, die dort malt, töpfert, zeichnet, fotografiert und ausstellt, sagt sie, und das Bild einer Künstlerkolonie passt zu dem flüchtigen, aber positiven ersten Eindruck, den ich gewonnen habe. Diese Künstlerinnen wissen wirklich, wo man gut leben kann. Und wenn man doch mal in die Großstadt will, ist man mit dem Zug in 12 Minuten in Dresden. So schnell schaffen es die meisten Dresdner nicht.
Nachdem diese Begegnung die Dramatik der Brüderweg-Erzählung zunichte gemacht hat, kann ich Euch jetzt genauso gut die Wahrheit sagen und zeigen: Wenn man nicht gerade betrunken ist, ist dieser Weg überhaupt nicht gefährlich. Ganz im Gegentum, es ist der schönste Abschnitt des ganzen Tages.
Am liebsten würde ich den ganzen Tag nur mehr auf diesem Weg hin und herlaufen, so wunderbar ist er. Aber irgendwann taucht Freital auf, und die Leserschaft giert es nach Industrieanlagen und Fabrikschloten. Na gut.
Wobei ich mir nicht sicher bin, ob aus dem Projekt Freital wirklich etwas geworden ist.
Der Tempel der Arbeit steht leer, hier wurde schon lange nicht mehr agitiert. Einen gemeinsamen Bahnhof haben die verschiedenen Ortsteile auch hundert Jahre nach der Zusammenlegung nicht hinbekommen. Immer wenn ich nach dem Bahnhof von Freital frage, bekomme ich die Gegenfrage: „Den von Deuben, Hainsberg oder Potschappel?“
Ich könnte der Sache auf dem Grund gehen. Aber ab dem Moment, in dem meine Füße vom Waldweg auf den Asphalt ein- und umgeschwenkt sind, ist mir die Müdigkeit in alle Knochen gefahren und die noch vor einer halben Stunde unbändig erscheinenden Energie entwichen. Welch Unterschied das doch macht, Wald oder Stadt!
Also nehme ich einfach den nächsten Zug nach Hause.
Jedenfalls werde ich Freiberg und Freital jetzt nicht mehr verwechseln. Also, wenn Ihr auch so ein Städtepaar habt, das Euch ständig verwirrt, ich empfehle einen Spaziergang! Von Arnstadt nach Arnstein. Von Moosburg nach Mosbach. Von Timbuktu nach Taekwondo.
Huch, das ist jetzt doch wieder ein bisschen länger geworden als geplant. So ist es halt, wenn man ein Notizbuch mitnimmt und aufschreibt, was einem durch den Kopf geht.
Aber bald wird es zu kalt, um draußen zu schreiben. Dann wird sich das Verhältnis von Fotos zu Text zu Gunsten des Visuellen ändern. – Außer ich trampe in den Süden, nach Baghdad oder so. Dann habt Ihr Pech, und es droht ein Gilgamesch-Epos.
Untröstlich darüber, die Gründung von Freital im Oktober 1921 für meine Geschichtsreihe „Vor hundert Jahren …“ verpasst zu haben, bietet sich genau jetzt, für den Oktober 1923, eine erneute Gelegenheit. Denn damals war in Freiberg, ja überhaupt in Sachsen, allerhand los.
Außerdem möchte ich ganz bescheiden darauf hinweisen, dass ich bereits 2014 (!) die Aktion „Frieren für den Frieden“ vorgeschlagen habe. Um zwar bereits damals, um von russischem Öl und Gas unabhängiger zu werden. Tja, da hätte die Welt mal besser auf mich gehört.
Zwei Wochen Israel, fünf verschiedene Hostels/Guesthouses, mit den unterschiedlichsten Erfahrungen. Beim letzten, dem Al-Yakhour-Hostel in Haifa, wird mir die Erkenntnis eingehämmert, und zwar buchstäblich eingehämmert, warum „Hostel“ auch der Titel eines Horrorfilms ist.
Dabei hatte es gut begonnen: ein schönes altes Templer-Haus mit großzügigen, hellen Räumen. Beste Lage in der Ben-Gurion-Straße unterhalb des Bahai-Tempels. Moderne und saubere Toiletten und Duschen. Eine große Küche. Sofas im Garten. Ein freundliches Willkommen der netten arabischen Jungs, die das Hostel erst vor einem Monat eröffnet haben. Und – die beste Hostel-Überraschung, die mir bei dieser Israel-Reise 2015 bereits mehrere Male zuteil geworden ist – ich bin allein im Vierbettzimmer. Ein Einzelzimmer zum viertelten Preis also. Noch wichtiger als die Sparfuchsfreude bedeutet das die Garantie auf eine Nacht, in der ich mal durchschlafen kann. Kein schnarchender Zimmergenosse, der mich stundenlang wachliegen lässt (so erlebt in Jerusalem und Tiberias), keine spätnachts zurückkehrenden und dies mit höchster Lautstärke ankündigenden Erasmus-Studenten (schlimme Erinnerungen an meine WG in Bari werden wach).
Aber ich habe die Rechnung ohne den Rundum-Service des Al-Yakhour-Hostels gemacht: Die Nichteinschlafgarantie ist im Preis inbegriffen. Von einem frühen Abendspaziergang nach Hause kommend, kann ich die versprochene Küche und den Aufenthaltsraum mit Bibliothek schon nicht mehr nutzen. Überall lungern andere Gäste, die jedoch offensichtlich nicht wie ich 31 $ pro Nacht zahlen, sondern die sich auf ihre Freundschaft, Bekanntschaft, Verwandtschaft, Verschwägerung oder (anbahnende) Beziehung zu den Betreibern des Hostels berufen. Ich werde entweder keines oder eines Was-will-der-Fremde-hier?-Blickes gewürdigt.
Der Aufenthaltsraum wird mit Girlanden verziert. Ein Geburtstag? Jahrestag der Nakba? Ein überlebtes Selbstmordattentat? Hoffentlich ein einmaliger Anlass und keine allabendliche Regelmäßigkeit.
Ich ziehe also wieder von dannen, suche mir eine Pizzabude. Den jungen Leuten gebe ich großzügig ein paar Stunden und komme erst kurz vor Mitternacht zurück.
Bei meiner Rückkehr ist das Hostel zur Disko abgestiegen. Jungs und Mädels tanzen, trinken, saufen, grölen, singen, und ein Laptop spielt arabische Dudelmusik so laut, dass man es noch im Libanon hört.
Wie soll ich da einschlafen? Vielleicht ist es mein Fehler, dass ich keine Ohrenstöpsel dabei habe, aber es würde nicht viel nützen. Lärm ist nämlich nicht die einzige Beeinträchtigung meiner Nachtruhe. Bei jedem Bass erzittert das Eisengestell meines Betts im Obergeschoss. Selbst wenn ich den Kopf unter dem zugegeben weichen Kissen vergrabe, lassen mich die höchstwahrscheinlich auch von der Erdbebenwarte gemessenen seismischen Bewegungen nicht an Schlaf denken.
Ich verstehe ja, dass Leute feiern wollen, – na gut, ehrlich gesagt verstehe ich es nicht, aber man muss tolerant gegenüber anderen Lebensentwürfen sein – aber wenn man Geld dafür verlangt, dass jemand ein Zimmer zum Schlafen (!) mietet, dann sollte man den Kunden nicht aktiv an der Erreichung dieses vertragsimmanenten Zweckes hindern.
Kurz vor 1 Uhr gehe ich deshalb demonstrativ in die Küche, um meine dort vorab deponierte Flasche Eistee abzuholen. Ich bleibe ein wenig stehen, gucke in die Runde (attraktive Mädchen), setze einen Blick zwischen verärgert, verwundert und vorwurfsvoll/verständnislos auf (man muss mich kennen, um ihn zu fürchten) und hoffe auf eine Reaktion, egal ob Entschuldigung, Erklärung, Einladung, Anerkenntnis meiner (zahlenden und damit das Gelage finanzierenden) Gegenwart oder – mein größter Wunsch – eine Verringerung der Lautstärke. Nichts von alledem. Lauter unhöfliche Schofel.
Ich verziehe mich auf das Zimmer und gebe die Hoffnung nicht auf, dass das letztgenannte meiner Ziele mit etwas zeitlicher Verzögerung eintreten wird. Stattdessen wird es lauter. Der Gesang der Besoffenen übertönt jetzt schon den des aus dem YouTube-Video stöhnenden Sängers.
Um 1:45 Uhr reicht’s mir. Entweder ich mache jetzt Schluss mit dem improvisierten Woodstock oder ich fertige aus dem Schlafentzug wenigstens eine Besprechung dieses Hostels. Diese beiden Ziele vor Augen gehe ich mit Notizbuch und Stift in die Küche, die gerade leer ist (alle sind im Diskoraum oder draußen), schenke mir ein Glas Jaffa-Orangensaft ein, setze mich an den großen Esstisch und beginne die Niederschrift dieser Zeilen.
Wer zum Kühlschrank will, muss vor meinen Augen vorbei, die sich jeweils mit dem oben beschriebenen, jetzt vielleicht noch ein bisschen ärgerlicheren Blick auf den Bierabholer richten. Bis der junge Betreiber des Hostels durch die Küche läuft, mich angrinst und „Hi“ sagt, wie wenn alles in Knoblauchbutter sei.
Mit betont finsterem Blick frage ich: „Es ist hoffentlich nicht jeden Tag so laut?“
In einem Ton, wie wenn er die Beschwerde nicht bemerkt hat, antwortet er: „Nein, nur am Freitag.“
Ich kläre den laut Eigenwerbung „kenntnisreichen Mitarbeiter“ auf, dass heute Donnerstag ist.
Und diese kalendarische Belehrung wirkt tatsächlich! Nach ein paar Minuten erlischt die Musik, und einzeln oder paarweise verabschieden sich die Gäste über die nächsten 45 Minuten. Sie müssen alle vor mir durch die Küche. Ein Junge sagt giftig: „Jetzt hast du es ruhig“, wie wenn der Wunsch eines zahlenden Gastes, nachts um 2 Uhr schlafen zu können, seine Jugend zerstört hat. Nur zwei Mädchen wünschen höflich „gute Nacht“, aber auch sie sehen mich an wie einen Spielverderber, einen Großvater oder einen komischen Kauz.
Allein sitze ich am Küchentisch mit mehr als zwei Dutzend leerer Flaschen Becks-Bier. Daneben liegt eine Broschüre über das palästinensische „Leben unter der Besatzung“. Die Ironie, dass ihre Volksgenossen im Gazastreifen nicht wegen Israel, sondern wegen der Hamas kein Bier trinken dürfen, entgeht den jungen Leuten wahrscheinlich völlig.
Am nächsten Morgen ist die Musik schon wieder laut. Die kleine Schwester der großen Party von gestern ist in vollem Gange. Und nun ist wirklich Freitag, das wird also unerträglich heute Abend.
Aber da kommt Farid und entschuldigt sich aufrichtig. Für die verbleibenden Nächte quartiert er mich um in ein schallisoliertes Nebenhaus, das eigentlich für eine vom Raketenbeschuss traumatisierte Großfamilie gedacht ist und 130 $ pro Nacht kostet. Ich werde es für mich allein und für 31 $ pro Nacht haben. Und ich werde richtig gut schlafen.
Als ich in einem Schulhof in Copacabana in Bolivien diese Wandmalerei sehe, stellen sich gleich ein ganzer Haufen von Fragen.
1 – Wer war Max Scheler?
Der Name klingt verdächtig deutsch. Und wenn es ein Deutscher/Österreicher/Schweizer zu ausreichender Bekanntheit bringt, dass eine Schule in Bolivien sich nach ihm benennt, sollte ich ihn kennen, zumindest mal seinen Namen gehört haben.
Von Wikipedia erfahre ich, dass Scheler ein deutscher Philosoph, Psychologe, Anthropologe und Soziologe war (1874-1928). Auf der Website der Max-Scheler-Gesellschaft findet sich das folgende Zitat von Hans-Georg Gadamer aus dem Jahr 1995,
Es ist sicher unglaublich. Aber wenn man heute einen für Philosophie interessierten jungen oder selbst einen älteren Menschen fragt – er weiß kaum, wer Scheler war.
aber das vermag mich nicht zu trösten. Immerhin habe ich Philosophie studiert. Vielleicht hätte ich das in Deutschland anstatt in Großbritannien tun sollen.
Außerdem schrieb Martin Heidegger, wenn auch schon 1928:
Max Scheler war – vom Ausmaß und der Art seiner Produktivität ganz abgesehen – die stärkste philosophische Kraft im heutigen Deutschland, nein, im heutigen Europa und sogar in der gegenwärtigen Philosophie überhaupt.
Und niemand geringerer als der spätere Papst Johannes Paul II. habilitierte sich 1953 mit der Arbeit „Beurteilung der Rekonstruktionsmöglichkeiten einer christlichen Ethik auf der Basis der Voraussetzungen des ethischen Systems von Max Scheler“.
2 – Wie kommt Max Scheler an diese Schule am Ufer des Titicaca-Sees?
Ganz ehrlich: Keine Ahnung.
Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Scheler je den wunderschönen Ort gesehen hat, an dem sein Konterfei jetzt eine Schule ziert.
3- Warum ist Max Scheler in Südamerika bekannter als in Deutschland?
Eine kurze Recherche ergibt, dass es an mehreren Orten in Südamerika Max-Scheler-Schulen, -Gymnasien und -Kindergärten gibt. In Deutschland reichte es nur für die Max-Scheler-Straße in Köln und den Schelerweg in Dortmund.
Ich habe versucht, einen Zusammenhang zwischen Scheler und Bolivien oder zumindest Südamerika zu eruieren, aber bis auf die Verbeitung der Ideen Schelers (und anderer deutscher Denker) in Lateinamerika durch José Ortega y Gasset habe ich keinen feststellen können.
4 – Wieso wird auf einem Schulhof ein Mann mit Zigarette abgebildet?
Das weiß nur der Maler.
5 – Wann wird die Außenwand endlich mal wieder neu gestrichen?
Das fragt sich der Maler auch.
– – –
Wissenslücken gehören zu den interessantesten Entdeckungen beim Reisen.
Falls Ihr es noch nicht getan habt, lest noch einmal schnell den ersten Teil dieses Wanderberichts, bevor wir uns auf den zweiten, letzten und noch famoseren Teil des Spandauer Wegs machen.
Zur Erinnerung: Wir sind in Falkensee, am westlichen Stadtrand Berlins, haben uns gut erholt und ausgeruht, aber platzen bereits vor Spannung, Vorfreude, Energie und Tatendrang.
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Auf beiden Seiten des Finkenkruger Wegs stehen große Bäume und Einfamilienhäuser. Kinder laufen, fußballspielen und radfahren über die Straße. Mütter tratschen über die Hecke hinweg. Die Postbotin ist freundlich. Die Hunde beißen nicht. Die Straße ist wie gemacht für eine Fernsehserie über eine glückliche Nachbarschaft. So etwas in der Art von „Arlington Road“.
Dass genau hier die Berliner Mauer verlief, kann man sich gar nicht vorstellen.
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Aber auch hier wurde scharf geschossen, so zum Beispiel am 7. Februar 1966.
Für Willi Block war es bereits die dritte Flucht. Die ersten beiden waren erfolgreich, aber zweimal kam er zurück in die DDR, weil er zuhause etwas vergessen hatte. Seine Frau zum Beispiel. Bei der dritten Flucht bleibt er im Stacheldraht hängen und wird – unter den Augen der bereits eingetroffenen West-Berliner Polizei und Presse – erschossen.
Die West-Berliner Polizei sah bei all diesen Hinrichtungen tatenlos zu. Wie Beamte halt so sind: „Das ist nicht unser Zuständigkeitsgebiet.“
Wenigstens war es damals noch verpönt, Menschen auf hoher See ertrinken zu lassen. Aber wir wollen hier nicht Äpfel mit Bananen vergleichen. Vor allem, weil die Beziehung eines der beiden deutschen Staaten zu Bananen sowieso nicht ganz reibungsfrei war.
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Der Weg wird jetzt ein bisschen weniger grün, auch wenn nach Staaken geht, das sich als Gartenstadt rühmt. Keine Ahnung, was das sein soll. Ich könnte es nachlesen, aber ein allwissender Autor wirkt unsympathisch. Außerdem kreuzt hier der Grüne Hauptweg Nr. 20, für den ich ein paar Erkenntnisse und Informationen aufheben muss.
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Ein historisches Highlight in Staaken ist die dörflich wirkende Kirche.
Nicht wegen der Kirche selbst – oder vielleicht doch, aber mit Kirchen kenne ich mich nicht aus -, sondern weil man hier auf wenigen Quadratmetern einen Schnelldurchlauf durch die deutsche Geschichte bekommt.
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Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, also beginnen wir einfach mit dem hübschen Obelisk vor der Kirche. Die befreite Bevölkerung, die zwölf Jahre lang keinen eigenen Finger für die Befreiung von den Nazis rührte, bedankt sich bei der Roten Armee.
So weit, so anständig.
Aber was ist dieses Täfelchen, das man da hinten an der Mauer sieht? Dort bedanken sich die Staakener nicht bei den Befreiern, sondern bei ihrem Herrscher und Ausbeuter, bei Kaiser Wilhelm II. Sie taten das 1913, also ein Jahr vor dem Ersten Weltkrieg, den ihnen dieser Doldi eingebrockt hat.
Den in diesem Weltkrieg gefallenen Söhnen wird ebenfalls ausdrücklich gedankt, und zwar auf einem fetten Kreuz im Hof der Kirche.
Danach kam bekanntlich der Zweite Weltkrieg. Den dabei gefallenen Söhnen wird durch Hinzufügung der Jahreszahlen 1939-1945 ebenfalls gedankt. „Wofür?“ möchte man fragen, aber es ist niemand da, den man fragen kann. Sind wahrscheinlich alle tot.
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Die Gemeinde Staaken dankt also innerhalb weniger Meter Abstand dem kriegsauslösenden Kaiser, den von ihm hinweggerafften Söhnen, den dennoch und schon wieder kriegsbegeisterten nächsten Söhnen, die unter anderem die Sowjetunion überfielen und dort grausamste Verbrechen begingen, sowie schließlich der von diesen Staakener Söhnen angegriffenen Roten Armee, die die Söhne erschießen musste.
Letzteres sogar in Staaken selbst. Denn die Befreiung des Ortes am 25. April 1945 erfolgte nicht kampflos. Die Deutschen waren bekanntlich bis zur letzten Minute gar nicht so erpicht darauf, von den Nazis befreit zu werden. Man könnte fast – aber nur fast – den Verdacht bekommen, manche von ihnen (Deutsche) waren selbst welche (Nazis).
Neben der Kirche steht noch ein Kreuz, das sich für das Ende der deutschen Teilung bedankt, die man mit nur wenigen Verrenkungen wiederum der Roten Armee oder sogar den eigenen gefallenen Söhnen zuschreiben kann. Schließlich hatten diese den Anlass dafür gegeben, dass 1945 die ganze Welt vor einem einigen Deutschland zitterte.
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Die Kirche von Staaken hatte während der deutschen Teilung übrigens einen Platz in der ersten Reihe. Wenn auch nur einen Stehplatz.
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Und jetzt die Quiz-Frage: Lag der Ort Staaken im Osten oder im Westen?
Ich gebe zu, es ist eine Fangfrage. Staaken wurde geteilt.
Ich hatte zwar in Kapitel 26 erklärt, dass die Alliierten die alten Berliner Bezirksgrenzen übernahmen. Demnach hätte Staaken, das zum Bezirk Spandau gehörte, zum britischen Sektor und zu West-Berlin gehört.
Aber die Briten wollten den Flughafen Gatow, der im sowjetischen Sektor lag. Das war 1945, noch vor der sowjetischen Blockade Berlins, man vertrug sich gut, also einigten sich Großbritannien und die Sowjetunion auf einen Gebietstausch: Gatow gegen einen Teil von Staaken (und ein paar andere kleine Gebiete).
Aber wenn ich mich endlich wieder auf die Socken mache, anstatt in der Geschichte herumzustochern, dann sollten wir in Kapitel 63 eigentlich noch nach Gatow kommen.
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Auf dem Briefkasten der Pfarrei ist ein Aufkleber angebracht: „Kreuz & quer durch Spandau pilgern“, eine Reklame für den Spandauer Pilgerweg.
Das ist eine löbliche Initiative, damit sich nicht alle auf den Jakobsweg machen. Der ist nämlich ziemlich überlaufen, habe ich ich gehört. Wenn ich mal in Spanien pilgern will, dann auf dem weit weniger bekannten Pilgerweg zum Heiligen Gral. (Obwohl dieser sich eigentlich auf den Azoren versteckt.)
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Kreuz und quer, das beschreibt mittlerweile auch meine Wanderung.
Den Grünen Hauptweg habe ich wieder mal verlassen, weil er nur sehr zurückhaltend ausgeschildert ist.
Einen Tipp, den ich an diesem Tag mühsam lerne: Fragt nicht nach dem Grünen Hauptweg Nr. 2 oder nach dem Spandauer Weg, da zucken nur die Schultern der Staakener. Aber wenn Ihr nach dem Mauerweg fragt, dann wissen zumindest die älteren Menschen Bescheid.
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Sie erinnern sich nämlich noch, wer wo an diesem Mauer-, Pilger und Kreuzweg erschossen wurde.
Dieter Wohlfahrt war, obwohl in Berlin geboren, österreichischer Staatsbürger. Als solcher konnte er problemlos zwischen der BRD und der DDR und zwischen den Sektorengrenzen hin- und herfahren. Er lebte im Osten, ging aber im Westen zur Schule.
Als 1961 die Mauer errichtet wurde, Wohlfahrt war mittlerweile Student, konnte er weiterhin an den Grenzübergängen zwischen Ost- und West-Berlin ein- und ausreisen. Das war eine kuriose Zeit in Deutschland, zu der Ausländer freier in Gesamtdeutschland unterwegs waren als die Deutschen selbst. Sie konnten sich das beste aus beiden Welten rosinenpicken: Günstige Mieten im Osten, freie Presse im Westen. Grüne Woche im Westen, Weltjugendspiele im Osten. Das Gorki-Theater im Osten, die Beatles im Westen (zumindest fast). Die Pfaueninsel im Westen, der Müggelsee im Osten. „Das unsichtbare Visier“ im Osten, James Bond im Westen. Und so weiter.
Der so privilegierte Wohlfahrt nutzte diese Reisefreiheit, um als Fluchthelfer zu arbeiten. Das war damals noch ein respektabler Beruf, für den man das Bundesverdienstkreuz bekam.
Am 9. Dezember 1961 ging eine Schleusung allerdings schief, und Wohlfahrt wurde von DDR-Grenztruppen erschossen.
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Gleich nach Staaken wird es wieder ländlich, ja richtig romantisch. Sogar mit Schafen und Hügeln, für die (die Hügel, nicht die Schafe) man die Eiszeit verantwortlich macht. Aber die Berliner schieben ja gerne jegliche Verantwortung weit weg. Deshalb weiß ich nicht, was wirklich dran ist an dieser Eiszeitstory.
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Ich folge einem kleinen Pfad und finde mich vor einer verschlossenen Pforte, die durch ihre Massivität suggeriert, dass dahinter etwas besonders Geheimhaltungsbedürftiges verborgen sein muss. Ich rüttle am Tor, wie man das in Berlin so macht, wenn man unbedingt wo rein will.
Lediglich ein Guckloch öffnet sich, durch das ich ein einziges Foto erhaschen kann.
Aber nur von April bis Oktober. Im Winter gehört die Festung ganz den Fledermäusen und ihrem Winterschlaf. Daran erkennt man auch, dass sie Säugetiere und keine Vögel sind. Säugetiere müssen eigentlich fünf Monate durchschlafen, um glücklich zu sein. Die Menschen haben das früher auch gemacht, aber dann kamen die Industrielle Revolution und der Kapitalismus. Seither müssen die Menschen rund ums Jahr für dieses angebliche Bruttosozialprodukt schuften, das noch nie jemand zu Gesicht bekommen hat.
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Dabei ist ein Großteil dieser Arbeit sinnlos.
Zum Beispiel der Bau von Fort Hahneberg: Sechs Jahre haben sie daran gebaut. Unmittelbar nach dem Deutsch-Französischen Krieg, für den Fall, dass Frankreich sich rächen und Berlin angreifen wollte. Als der Festungsbau 1888 fertig war, hatten brisante Entwicklungen in der Artillerie die alte Bauweise von Verteidigungsanlagen obsolet gemacht. Einfaches Mauerwerk hielt den Sprengladungen nicht mehr stand. Deshalb die Erfindung von Beton.
Fort Hahneberg diente also nie als wirkliche Festung, sondern als Kaserne, als Archiv und als Lager. Das hätte man auch einfacher haben können. – Aber die Fledermäuse freut’s.
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Vielleicht habt Ihr Fort Hahneberg bereits gesehen, ohne es geahnt zu haben. Der Film „Inglourious Basterds“ wurde nämlich fast ausschließlich in Ostdeutschland gedreht, darunter in dieser sonst nutzlosen Festung.
Man kann nur hoffen, dass außerhalb der Schonzeit für Fledermäuse gedreht wurde. Denn so viel Trubel ist gar nicht gut für die niedlichen Tierchen.
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Ich strawanze ein bisschen um das Fort, um einen Geheimeingang zu finden, aber es ist – wie um die Unzulänglichkeit der gemauerten Festung unter Beweis zu stellen – durch einen hässlichen Metallzaun mit Stacheldraht abgeriegelt.
Das finde ich aus zwei Gründen untragbar.
Zum einen ist es ahistorisch, weil der Stacheldraht im Wilden Westen erfunden wurde, nicht in Preußen.
Das war in einer der Festungen um Antwerpen in Belgien. Dort war das Rauskommen schwieriger als das Reinkommen. – Wie bei Scientology. Aber ich glaube, die haben an so armen Schluckern wie mir gar kein Interesse.
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In Treviso in Norditalien sah ich vor vielen Jahren einen Stand von Scientology, wo man sich an so einen elektrischen Stuhl anschließen und seine Schwingungen testen konnte. Ich muss aus journalistischer Neugier ja manchmal Dinge tun, die man sonst nicht täte. Aber leider konnte ich damals noch kein Italienisch. (Mittlerweile kann ich auch kein Italienisch mehr, aber dazwischen konnte ich es leidlich.)
Außerdem weiß man ja schon vorher, was dabei rauskommt: Man hat großes, ja geradezu geniales Potential, könnte wahnsinnig erfolgreich werden, aber leider, leider gibt es da irgendeine Blockade im Gehirn, die man jedoch in vielen, langen und teuren Sitzungen auflösen könne.
Treviso kennt kaum jemand, oder? Dabei liegt es nicht einmal an der Stadt selbst. Aber weil gleich um die Ecke Venedig, Verona und Padua liegen, fährt niemand nach Treviso. Das ist wie Potsdam oder Königs Wusterhausen. Die mögen ganz in Ordnung sein, aber weil direkt daneben Berlin ist, lässt sie jeder links liegen.
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Während ich durch einen Birkenwald schweife, fällt mir auf, dass mein mäandernder Schreibstil ganz gut zu den Umwegen passt, die ich beim Wandern und im Leben einschlage.
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Und so besteige ich, obwohl der Grüne Hauptweg Nr. 2 feige daran vorbeiführt, in der Mittagshitze den neuen Hahneberg. Er liegt gegenüber dem alten Hahneberg (das ist der mit dem Fort) und wurde, wie eigentlich alle „Berge“ in Berlin, aus Müll oder Schutt errichtet.
Vielleicht sollte das mal jemand den Litauern sagen, die wollen ja unbedingt Berge haben. Andererseits hätten die dort gar nicht genug Müll zum Aufschütten, weil sie die höchste Recyclingquote Europas haben. Diese baltischen Staaten werden ziemlich unterschätzt, da sollte eigentlich jeder mal hinfahren und staunen.
Aber ich weiß nicht, ob ich dieses Jahr noch dazu komme. In Estland ist ja schon Winter. Und die haben richtig krasse Winter dort, da gefriert sogar das Meer zu.
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Aber jetzt erst einmal auf den Gipfel des Hahnebergs. Diesen Stress tue ich mir nur an, weil ich auf der Landkarte eine Sternwarte gesehen habe. Und an einer Sternwarte kommt man selten genug vorbei, nicht wahr? Das kann ich den Leserinnen und Lesern keinesfalls vorenthalten.
Schließlich wollt Ihr alles erfahren über Andromedanebel, die Monde des Neptun, schwarze Löcher und graue Stare. Außerdem gibt es bei einer Sternwarte immer Kuchen und Cola. Das kenne ich aus Greenwich, wo man schon lange vor Berlin die Welt in West und Ost geteilt hat. Typisch Engländer, immer irgendwelche Linien auf fremden Kontinenten ziehen. Wie vor hundert Jahren im Nahen Osten.
Es ist erstaunlich, was für einen Müllberg so eine Stadt produziert. Der Aufstieg ist zugspitzisch schwer und matterhornig mühsam. Sogar Bergziegen haben sich hier angesiedelt. Mehrfach denke ich ans Aufgeben. Aber die Verpflichtung für die Leserschaft! Die Wissenschaft! Eine kühle Cola!
Aber dann, naja, seht selbst:
Allenfalls ein Sternwärtchen, wie man in Südamerika sagen würde. Und eines, das dasteht wie ein alter Kühlschrank oder ein altes Sofa, dessen man sich ohne Beteiligung der Sperrmüllabfuhr entledigen wollte. Oder wie ein Weihnachtsgeschenk, das die Kinder nach wenigen Monaten lieblos in die Ecke gestellt haben, um es nie wieder zu nutzen. Die Sternenguckerbegeisterung, einst ausgelöst durch „Star Trek“, ist verglüht wie eine Supernova. Die Kinder interessieren sich jetzt für Drogen, Bitcoin oder Nazis, und deshalb sollte man sich keine anschaffen. (Kinder meine ich, das andere Zeug sowieso nicht.)
Erst bei der nachträglichen Recherche finde ich heraus, dass die Sternwarte auf dem Hahneberg tatsächlich sehr aktiv ist. Aber nur nachts. Wahrscheinlich müssen deshalb die Kinder den ganzen Tag über Red Bull trinken.
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Eigentlich sieht man vom Hahneberg auch ohne Teleskop ziemlich weit.
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Die kleine Sternwarte kann dem größeren Bruder auf dem Teufelsberg zuwinken.
Nach dem Hahneberg geht es für mehrere Stunden über Pferdekoppeln, durch saftige Wälder, über weite Heiden, durch enge Täler. Immer wieder drehe ich mich im Kreis, kann in allen Richtungen nur Natur erkennen, und rufe begeistert: „Dit is och Berlin!“
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Besonders das Landschaftsschutzgebiet „Rieselfelder Karolinenhöhe“ hat es mir angetan.
Es ist eine ebene Fläche, die jetzt brach liegt. Allerdings ist sie von einem Wegenetz durchzogen, das so quadratisch, praktisch, gut ist, dass es unbedingt von Menschenhand stammen muss. Wie in der Moxos-Ebene.
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Die gepflasterten, aber ganz offensichtlich von Pferdefuhrwerken über die Jahrhunderte ausgetretenen Wege erinnern mich an die Inka-Straßen, auf denen ich einst am Titicaca-See entlang wandelte. (Das ist übrigens der schönste Ort der Welt, falls Euch mal jemand – oder Ihr Euch selbst – fragt.)
Weil aber die Inka, die Tiwanaku und die Pukara nicht so doof waren, über die Weltmeere zu segeln, um sich unerwünschte Krankheiten und Religionen zu holen, müssen die Berliner Rieselfelder von einer anderen Hochkultur stammen.
Vielleicht dienten sie einst dem Reisanbau? Das würde, zusammen mit der mittelneuhochdeutschen Vokalverschiebung, den Namen erklären. Oder stammt von hier der Riesling-Wein? Jetzt wachsen jedenfalls Obstbäume und spenden Schatten über diesen mysteriösen Feldern antiker Gartenkunst.
Erst einige Tage später klärt mich ein Bekannter, dem ich begeistert von der Wanderung erzähle, auf: „Das sind die Felder, auf die die Abwässer geleitet wurden.“
Und zwar nicht in grauer Vorzeit, sondern bis 2010. Mit Rohren wurde das Abwasser der Stadt auf diese Felder geleitet, wo der Dreck und das Gift und die Schwermetalle im Gestein und in der Erde verbleiben sollten, während das Wasser versickerte. Das so gereinigte Wasser floss dann wieder zurück und wurde zu Bier und Brause. Die Felder, über die ich so entzückt gewandert bin, sind also toxisch, vergiftet, belastet und höchstgefährlich.
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Bei all den Umweltsauereien gab es übrigens keine deutsche Teilung. Die Abwasserleitungen überwanden alle Grenzwälle. Selbst der hochgiftige Sondermüll genoss Reisefreiheit, natürlich gegen Bezahlung. Die westdeutsche Pharma- und Chemieindustrie dachte: „Sollen doch die Ossis den Krebs bekommen. Die haben sowieso kein schönes Leben.“ Und Alexander Schalck-Golodkowski dachte: „Pecunia non olet.“
Die Umweltbewegung, die sich in der DDR unter anderem wegen des Müllimports, aber natürlich auch wegen Luft- und Gewässerverschmutzung formierte, mündete schließlich in der friedlichen Revolution von 1989. Man kann also mit Fug und Recht sagen, dass die Grünen die deutsche Wiedervereinigung herbeigeführt haben.
Deutschland einig Vaterland exportiert seinen Müll heute in alle Welt.
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Und da ist sie wieder, die Havel. Keine Ahnung, wo sie sich zwischenzeitlich versteckt hat, während wir fleißig gewandert sind. Wahrscheinlich ein Nickerchen gemacht. Aber jetzt ist sie da, ohne Anzeichen eines schlechten Gewissens.
Das macht den Rest der Wanderung einfach, weil man sich nur am westlichen Ufer des Rinnsals halten muss.
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So gelangt man nach Gatow.
Dieser Ortsteil schafft es, gleichzeitig dörflich, aber auch vornehm zu wirken. In der hiesigen Villa Lemm residierte bis 1990 der Kommandant des britischen Sektors von Berlin. Leider hatte er in dieser Position so viel zu tun, dass er nie zum Heckenschneiden kam, weshalb man kaum etwas von dem enormen Anwesen sieht.
Den Flughafen bzw. das Museum aus Kapitel 43 finde ich nicht, stattdessen eine Windmühle. Aber das hat ja auch irgendwie mit Luftfahrt zu tun, zumindest wenn sie sich schnell genug dreht.
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Und dann wieder die Havel.
Die Havel taucht jetzt so oft auf, Ihr werdet sie bald satt haben. Dabei gäbe es extra für sie den Grünen Hauptweg Nr. 12, den Havelseenweg. Den bin ich noch nicht selbst gegangen, aber weil er am gegenüberliegenden Ufer verläuft, kann ich mir vorstellen, dass er auch ganz hübsch ist.
Das mit den Seen ist allerdings ein Schmu. Ein See benötigt einen Zufluss und einen Abfluss. Nur weil die Havel manchmal etwas dicker und träger wird, ist sie noch lange kein See. Ich werde ja auch kein Sumo-Ringer, indem ich 100 kg zunehme.
Selbst der berühmt-berüchtigte Wannsee ist kein See, sondern lediglich „ein Dickdarm der Havel“. Aber die West-Berliner wollten halt auch einen Müggelsee haben.
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Am nächsten Abschnitt der Havel sind die Villen geschmackvoll, bescheiden und sympathisch.
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Als nächstes folgt, und es ist einfach toll, wie sich auf dieser Wanderung alles immer abwechselt, ein Gutshaus.
Neukladow heißt es. Und es ist, das ist selten bei Gutshäusern, ebenfalls sehr sympathisch.
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Die Wirkung macht vor allem der Landschaftspark, ganz offensichtlich an englischen Vorbildern orientiert, aber seither ein bisschen vernachlässigt. Das macht ihn, wie das bei Gärten und vielen anderen Dingen der Fall ist, viel sympathischer als diese mit dem Lineal gezogenen Spießergärten.
Das ist so ein wunderbarer Park – und die passende Herbst- und Abendstimmung -, wenn ich auf einer Mehrtagestour wäre, würde ich mir jetzt und hier den Platz fürs Nachtlager suchen.
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Aber auch für Durchreisende gibt es hier etwas, denn das Gutshaus ist bewirtschaftet. Bis 17 Uhr ist geöffnet. Ich schalte mein Handy an, um die Uhrzeit herauszufinden, die mir bis jetzt den ganzen Tag vollkommen egal war. 16:50 Uhr, das ist gut.
Oh, und eine SMS ist eingetroffen, sehe ich: Die Familie, die mich einst zu einem Vortrag über die Hohenzollern nach Mössingen eingeladen hatte (da habt Ihr übrigens etwas verpasst!), schreibt, dass sie seit damals meinen Blog verfolgt, meistens lehrreich oder zumindest lustig findet, und mir deshalb eine äußerst großzügige Spende zukommen lassen möchte.
Ich bin baff, zutiefst gerührt und vollkommen hin und weg.
In dieser Hochstimmung trete ich in das Gutshaus, fühle mich plötzlich wie Krösus und gönne mir zu der notwendigen Cola den Luxus eines Tortenstücks.
Ob ich bis jenseits der Öffnungs- bzw. Schließzeiten im Garten sitzen bleiben könne, damit ich mit dem Abendessen nicht hetzen muss, frage ich die Dame an der Theke.
„Im Garten können Sie die ganze Nacht bleiben, wenn Sie möchten“, sagt sie, weshalb ich das freundliche Café gerne weiterempfehle. Die Torte ist auch super.
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Das Gutshaus Neukladow hat eine wechselvolle Eigentümergeschichte. Seit dem 14. Jahrhundert als Klosterbesitz nachgewiesen. Später im Eigentum des brandenburgischen Kurfürsten. Um 1800 der Bau des Herrenhauses in seiner heutigen Form.
Der stolze Hinweis auf die Mutter Bismarcks, die hier von 1800 bis 1806 lebte, ist allerdings ein bisschen irreführend. Wilhelmine Luise Mencken war in dieser Zeit noch ein Kind und keine Mutter, von nichts und niemanden. Otto von Bismarck wurde bekanntlich erst 1815 auf dem Wiener Kongress geboren.
Wenn man die Liste der Bewohnerinnen und Bewohner durchliest, fragt man sich unweigerlich, warum die Leute es immer nur ein paar Jahre in Neukladow aushielten. Es ist doch so schön hier.
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Der einzige, der ein bisschen Stabilität in die Bude brachte, war Robert Guthmann, ein Bauunternehmer, Zementfabrikant, Eigentümer von Kalksteinwerken und früher Immobilienspekulant. Er kaufte 1887 das Gut Neukladow und danach reihum jedes Stück Land, das er bekommen konnte, bis über eine Uferlänge von 5 km jeder Quadratmeter ihm gehörte. Jetzt konnte er sich daran machen, die 2500 Morgen Land zu parzellieren, darauf eine Landhauskolonie zu errichten, und die Häuschen mit 2500% Gewinn zu verkaufen.
Er selbst wohnte auf der gegenüberliegenden Seite der Havel, in einem Schloss, in dem heute das Literarische Colloquium untergebracht ist. Viele junge Menschen werden nur deshalb Schriftsteller oder Autorin, damit sie einmal hier residieren dürfen. Das Aufenthaltsstipendium gilt zwar nur für drei Monate, aber das Haus ist so verwinkelt, dass niemand merkt, wenn man einfach länger bleibt. Außerdem sehen diese Schriftsteller ja alle gleich aus; wie soll der Hausmeister die auseinander halten?
Aus dem Immobilienprojekt wurde nichts, weil von Neukladow kein Zug nach Berlin fuhr. Mehr als hundert Jahre später fährt noch immer keiner, weil Berlin leider voll auf das Auto gesetzt hat.
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Nachdem er seine Pläne aufgegeben hatte, überließ Robert Guthmann 1909 das Anwesen und den Park seinem Sohn Johannes. Das war ein Glücksfall, denn Johannes Guthmann interessierte sich mehr für das Gute, Wahre und Schöne als für Zement, Bauprojekte und Profite. Der Kunsthistoriker und Schriftsteller lud allerhand Literaten, Maler, Künstler und Intellektuelle ein und begründete die Tradition eines Musenhofs, die in letzter Zeit wieder aufgegriffen wird.
Max Slevogt war einer der Maler, die oft und lange in Neukladow herumhingen.
Neben dem Anwesen, den Blumen und den anderen Gästen hielt Max Slevogt auch die Familie Plesch fest, die bis 1933 in der Villa Lemm aus Kapitel 63 wohnte.
Die Pleschs flohen vor den Nazis nach Großbritannien. Die Villa Lemm wurde 1939 enteignet.
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Das Gutshaus Neukladow ging 1932 ebenfalls in Staatsbesitz über, allerdings ohne Arisierung oder andere Zwangsmaßnahmen.
Seit Mitte der 1930er Jahre übte hier die Fliegergruppe See der Luftwaffe. Von dieser meldeten sich einige Piloten zur Legion Condor, die ab 1936 Spanien bombardierte.
Die Deutschen hatten zwei Motive für diesen Geheimeinsatz: Erstens Mallorca. Zweitens wollten sie ihre Luftwaffe für den kommenden Weltkrieg erproben.
Und jetzt – danke für Eure Geduld – schließt sich der Kreis, den ich auf Grundlage der diesem Blog zugrundeliegenden Theorie, dass alles mit allem zusammenhängt, zu zirkeln versuche. Denn so führt – über Neukladow bis Guernica – eine direkte Linie vom Impressionisten Slevogt zu Pablo Picasso.
Das war jetzt aber zu konstruiert, oder?
Na gut, dann erwähne ich besser nicht, dass Slevogts Wandmalereien aus dem Gut Neukladow zum Schutz vor Witterungsschäden in die Nationalgalerie verbracht wurden, wo sie 1944 bei der Bombardierung Berlins zerstört wurden.
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Jetzt aber schnell weiter, bevor mir noch mehr historische Zusammenhänge auf- und einfallen. Manchmal ist es ja auch schön, einfach zusammenhanglos am Wasser entlang zu spazieren.
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Der Grüne Hauptweg Nr. 2 geht hier noch zwei Kilometer weiter, bis zum Landhaus Fraenkl, jetzt ebenfalls ein Café, und zur nicht einmal durch einen Volksentscheid überwindbaren Grenze mit Brandenburg.
Aber die Kinder von Kladow haben genau hier einen Strich gezogen, die Sonne senkt sich, und eine Fähre kommt um die Ecke. Es ist eine von den sympathischen Fähren, die zum ÖPNV gehören und im Deutschlandticket inkludiert sind.
Also, nichts wie rauf aufs Schiff und rüber zum sogenannten Wannsee.
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Die Fähre überquert die Havel nur einmal pro Stunde, und ich habe genau die richtige abgepasst, um den Sonnenuntergang zu erleben.
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Allein, so richtig genießen lässt sich die Stimmung nicht, denn wir tuckern nur wenige hundert Meter an jener Villa vorbei, in der im Januar 1942 die Ermordung aller Jüdinnen und Juden in Europa im Detail besprochen und vereinbart wurde.
Auch deshalb finde ich den Müggelsee sympathischer. Dort begann 1953 der Volksaufstand in der DDR. Da kann man baden und grillen und Eis essen, aber doch bitte nicht an einem Völkermordsee – der noch dazu nicht einmal ein richtiger See ist!
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Weil sowohl am Haus der Wannseekonferenz als auch am Müggelsee ein gesonderter Grüner Hauptweg vorbeiführt, kann ich Euch jetzt die entsprechenden Exkurse ersparen. Aber mir scheint, man kann auf diesen Wanderungen die gesamte deutsche Geschichte erkunden. Nicht im Schnelldurchlauf, sondern ganz gemütlich auf insgesamt 550 Kilometern.
Jedenfalls habt Ihr jetzt hoffentlich gesehen, dass Berlin kein stinkender Moloch ist (mit Ausnahme der Kapitel 59-61 vielleicht), sondern dass es hier mindestens so schöne Landstriche gibt wie in den anderen Bundesländern. Und noch dazu höhere Berge als in Bremen.
Ein weiteres Vorurteil kann ich ebenfalls widerlegen: Es stimmt nicht, dass in Berlin der Bär steppt, die Nacht zum Tage wird und die Stadt nie schläft. Nach dieser Wanderung falle ich um 20:30 Uhr ins Bett und schlafe wie ein Stein.
Den Unterstützern dieses Blogs schicke ich gerne eine Postkarte von unterwegs. – Jetzt ärgern sich die Rudolf-Heß-Fans, dass sie die Wanderung durch den Bezirk Spandau verpasst haben. 😉 Aber die Schnittmenge zwischen diesen Ewiggestrigen und der stets der Zukunft zugewandten Leserschaft meines Blogs dürfte gering sein. Hoffe ich.
Das Konzept der Grünen Hauptwege in Berlin habe ich an anderer Stelle bereits vorgestellt, so dass wir ohne viel Vorrede losziehen können. Nur kurz zur Orientierung: Wir sind in Spandau, ganz im Westen Berlins und gehen Richtung Stadtrand, folgen dann der einstigen Berliner Mauer nach Süden, bis wir zum Wannsee kommen. Die ersten paar Kapitel spürt man noch die Stadt, aber habt Geduld, ab Kapitel 10 wird es richtig grün.
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Grüne Lungen, die sich durch die Großstadt ziehen. Ein fantastisches Konzept, nur warum wird es nicht beworben?
Kein Schild, kein Hinweis, keine Tafel. Nur eine ganz kleine „2“ am Laternenpfahl zeigt mir, dass ich am Aalemannkanal richtig bin. Mit den vielen As erinnert dieser an den Panamakanal, obwohl die hiesige Schifffahrtsstraße auf der Liste der weltweiten Kanäle ganz knapp hinter dem Bruder aus Übersee rangiert.
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Dafür ist die Überfahrt hier günstiger: 70 Cent für Erwachsene, 30 Cent für Kinder und eineinhalb Euro pro Pferd verlangt die Fähre. Da lohnt es sich echt nicht, eine Brücke zu bauen. Vielleicht sollte man das dem Salvini erzählen, damit er seinen verrückten 13-Milliarden-Euro-Brückenbau-Plan nach Sizilien aufgibt.
Ich selbst muss die Fähre gar nicht besteigen, weil ich schon auf der richtigen Seite des Wassers bin. Aber wer ganz wild auf die Schifffahrt ist, muss nicht verzagen, sondern kann sich auf Kapitel 74 freuen, wo wir endlich eine Fähre besteigen werden. Damit sei auch schon angedeutet, wie lange und wie weit sich die Wanderung erstrecken wird. Die Leserschaft soll ja ein Gefühl dafür bekommen, wie sich 33 km – zuzüglich einiger Abstecher und Umwege – anfühlen.
Wenn es Euch zu lange wird, macht es wie ein schlauer Wanderer: Einfach eine Pause einlegen und am nächsten Tag weitergehen oder weiterlesen.
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Der Weg führt anfangs entlang der Havel.
Die Havel kommt aus Ankershagen, einem Dorf in Mecklenburg, aus dem auch Heinrich Schliemann stammt. Wahrscheinlich fließt sie deshalb nicht, wie es ein normaler Fluss täte, ins Meer, sondern will zuerst nach Berlin, um sich die gesammelte Raubkunst des Troja-Erfinders anzusehen.
Eine Freundin aus Bolivien war vor kurzem in Berlin und wollte unbedingt das Ischtar-Tor, den Pergamon-Altar und lauter so altes Zeug sehen. Im Museumsviertel stieß sie auf eine lange Warteschlange, dachte sich „Ah, das muss fürs Museum sein“ und stellte sich an. Erst als sie nach einer halben Stunde drankam, merkte sie, dass sie an einem Döner-Imbiss angestanden hatte.
Ich habe ihr dann stattdessen Müggelheim gezeigt, und sie war begeistert.
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Das Pergamon-Museum wird übrigens ab dem 23. Oktober 2023 für mehrere Jahre geschlossen. Aber dafür, und das zeigt wieder mal die Bürgerfreundlichkeit und Serviceorientierung Berlins, ist es in den verbleibenden Wochen bis in die Nachtstunden geöffnet.
Noch serviceorientierter wäre es, die Besucherinnen und Besucher nicht mit den Unterschieden zwischen dem Alten und Neuen Museum, dem Pergamon-Museum, der Antikensammlung, dem Staatlichen Museum, dem Vorderasiatischen Museum, dem Museum für Islamische Kunst, dem Museum für Vor- und Frühgeschichte, dem Humboldt-Forum, dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Byzantinische Kunst zu verwirren und insbesondere die Ausstellungen nicht auf verschiedene Häuser aufzuteilen, die alle unterschiedliche Öffnungszeiten haben und für die es mehr als hundert verschiedene Kombitickets gibt.
Ehrlich, ich finde das so verwirrend, da fahre ich lieber selbst nach Babylon. Am besten per Anhalter.
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Von Euphrat und Tigris zurück zur Havel.
Die Kormorane kreischen. Die Enten quaken. Die Schiffshörner tröten. Die Fahrradfahrer klingeln
Der Wanderweg ist nicht richtig ausgeschrieben, aber dafür Radwanderwege ohne Ende. Havel-Radweg. Königin-Louise-Route. Radweg Berlin-Kopenhagen. Wie wenn sie dort nicht schon genug Fahrräder hätten.
Ich bin ja eher skeptisch gegenüber so modernen Entwicklungen. Seit der Erfindung des Fahrrads gehen die Menschen viel weniger zu Fuß. Diese Kombination aus Faulheit und Trägheit einerseits, aber Hektik und Eile andererseits, das kann nicht gesund sein.
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„Wahrscheinlich kann die nächste Generation gar nicht mehr richtig laufen“, denke ich mir, und wie zur Bestätigung schiebt eine Mutter einen Kinderwagen aus der hässlichen Neubausiedlung. Die prätentiösen Straßennamen (Seychellenring, Hawaiiweg, Tahitiweg) verstärken die Trostlosigkeit des hässlichsten Bauprojekts in einer an hässlichen Bauprojekten wahrlich nicht armen Stadt.
Liebe Häuslebauer und Immobilienfuzzis, liebe Hypothekenschacherer und Architekturverbrecher, die „Truman Show“ war nicht als Anleitung für ein gelungenes Leben gedacht.
Wenn Poseidon ein Einsehen hat, lässt er die Havel über die Ufer treten und diesen Betonhaufen wegschwemmen. Oder ist es Hades, der für die Flüsse zuständig ist? Noch besser, denn so kann ich stabreimflehen: Hades, mach die Havel hoch! Hinfort mit diesen hässlichen Häuschen!
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Ein paar Minuten weiter steht die nächste Ansammlung von weißen Würfelbehausungen, aber die haben wenigstens einen schönen Wald drumherum. Außerdem ist hier nicht alles so spießig gleichförmig in Reih und Glied wie in einer preußischen Garnison, sondern kreuz und quer wie auf der Kuhlen Wampe.
„Bürgerablage“ heißt der nächste Uferabschnitt, und ein bürokratischerer Name für einen offen zugänglichen Badestrand ist mir noch nicht untergekommen.
Hier gäbe es sogar Essen. Aber der günstige Imbiss ist geschlossen, nur das teure Jagdhaus hat geöffnet. 17 Euro für ein Schnitzel, das ist nicht drin als armer Student. Vor allem nicht am Monatsende.
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Der Weg führt im Zickzack durch den Wald, so dass ich auch thematisch ein paar Haken schlagen kann: Hier verlief einst die Berliner Mauer.
Viele kennen nur die Mauer in der Mitte der Stadt. Oder glauben, dass Ost-Berlin umschlossen und eingesperrt gewesen sei. Aber in Wirklichkeit ging die Mauer um West-Berlin.
Die Ost-Berliner konnten also frei reisen, von Rostock bis Rumänien, von Karl-Marx-Stadt bis Kamtschatka. Die West-Berliner hingegen mussten für jede Reise das Flugzeug nehmen, wodurch die deutsche Teilung eine wesentliche Schuld an der Klimakrise trägt. (Der ganze Beton für die Mauer war auch nicht gerade öko.)
Die innerdeutsche Fluchtbewegung ging dennoch Richtung West-Berlin. Und zwar sowohl aus dem Osten (Flucht vor Nationaler Volksarmee, Staatssicherheit und allgemeiner Spießigkeit) wie aus dem Westen (Flucht vor Bundeswehr, katholischer Kirche und allgemeiner Spießigkeit).
Die BRD reagierte relativ locker auf die Flüchtenden: „Geh doch nach drüben!“
Die DDR weniger: „Stehenbleiben oder wir schießen!“ Und geschossen wurde oft, wie wir im Laufe dieser Wanderung noch feststellen werden (Kapitel 24, 37 und 46).
Der Grund für das harte, ja mörderische Vorgehen gegen Flüchtlinge war, dass die DDR (zumindest diesbezüglich) der kapitalistischere der beiden deutschen Staaten war und Menschen als „Humankapital“ betrachtete. Sie wollte ihre ausreisewilligen Bürger an die BRD verkaufen. Um den Preis hochzutreiben, war es – in der Logik der Marktwirtschaft – notwendig, das Gut zu verknappen, also Menschen an der Ausreise auf eigene Faust zu hindern, sie mit hohen Haftstrafen zu belegen und notfalls zu töten. Alles finanziert von der BRD, die damit ein Repressionsregime noch repressiver machte und die DDR-Opposition ausblutete.
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Von all dem würde man ohne das kleine „Mauerweg“-Schild nichts mehr ahnen, wenn man jetzt durch den saftig grünen Wald spaziert. Die Mauer wurde abgebaut. Der Stacheldraht wurde eingerollt. Die Wachtürme wurden eingerissen. Die Minen wurden – so hoffe ich – eingesammelt.
Der offizielle Wanderweg verläuft ab jetzt am Rande des Spandauer Forsts und teilt die Strecke mit einem Fahrradweg. Das ist nicht ganz optimal, weil sich die Internationalen Friedensfahrer nicht gut mit einem tagträumenden Guckindieluft vertragen. Deshalb schlage ich mich tief in den Spandauer Forst und suche mir auf verwunschenen Waldwegen meinen eigenen Frieden.
Jetzt stellen sich die Entspannung und die Ruhe und das Glücksgefühl ein, das ich beim Wandern suche. Ganz allein. Keine Menschenseele sehe ich im Wald. Nur das Rauschen des Windes. Das Knacken der Äste. Immer wieder fallen Eicheln herunter. Es hört sich so an, wie wenn Wildschweine durchs Unterholz flitzen, aber ich bekomme keine zu Gesicht.
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Wanderwege sind hier nicht mehr ausgeschildert, aber ich weiß, dass ich Richtung Westen muss.
Zum Glück habe ich bei den Pfadfindern gelernt, wie man mithilfe einer Armbanduhr und dem Sonnenstand die Himmelsrichtungen bestimmt. Nur leider habe ich keine Uhr dabei, weil das Freiheitsgefühl für mich nur perfekt ist, wenn die Zeit ungemessen verstreicht.
Das einzige Schild, dass ich tief im Spandauer Forst erblicke, ist der Hinweis auf ein Naturschutzgebiet. Ganz ehrlich, das hätte ich mir auch ohne Schild denken können.
Wobei Naturschutz in Berlin anscheinend auch bedeutet, dass hier Cannabis-Pflanzen auf die versprochene Legalisierung warten.
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Und da, tief im Wald, an einem ganz kleinen Pfad gelegen, so verloren wie einsam, steht ein Picknick-Pilz. Das Dach ist mit dem Moos von Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten überzogen.
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Das einzige Zeichen des letzten menschlichen Besuchs ist eine Flasche Wernesgrüner Landbier (leider leer), auf die – das macht es dem Historiker leicht – das Jahr der Herstellung aufgedruckt ist: 1436. Seit fast 600 Jahren hat also niemand mehr diesen Ort betreten, wahrlich eine atemberaubende Vorstellung!
Wahrscheinlich haben sie damals die Iglauer Kompaktaten und das Ende der Hussitenkriege begossen. Zumindest wüsste ich nicht, was man sonst 1436 feiern hätte sollen. Fußball gab es damals ja noch nicht.
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Andererseits feiern die Menschen im Verlauf ihres Lebens allerhand, was in der Retrospektive keine Feier wert gewesen wäre. Wenn ich allein daran denke, was für ein Tamtam die Leute um ihre Hochzeit machen, nur um sich später scheiden zu lassen. Absurd.
Als ich in Peru lebte, hatte ich mal Besuch von einem kanadisch-russischen Paar, das zur Hochzeit keine Feier veranstaltet, sondern sich von dem dadurch gesparten Geld eine zweijährige Weltreise per Anhalter und über Couchsurfing gegönnt hat. Als sie bei mir in Mollendo aufschlugen, waren sie bereits 15 Monate unterwegs. Das fand ich viel sinnvoller, als einen Abend lang 100 Leute mit schlechter Mariachi-Musik vollzudröhnen.
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Iglau ist übrigens auch getrennt, wie einst Berlin, nämlich zwischen Böhmen und Mähren.
Das ist aber halb so wild, weil die beiden sich ganz gut verstehen. Manchmal hängt ein Bürgermeister eine mährische Fantasiefahne aus dem Rathaus, aber ernsthafte Unabhängigkeitsbestrebungen scheint es nicht zu geben. Da könnten sich die Katalanen eine dicke Scheibe Gelassenheit abschneiden.
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Apropos geteilte Städte:
Berlin ist wieder vereint, das ist schön.
Aber noch immer steckt ein trennender Pflock tief im Herzen einer deutschen Stadt, den die Alliierten bei der Grenzziehung zwischen der amerikanischen und der französischen Besatzungszone hineingetrieben haben. Die rechtsrheinischen Gebiete von Mainz scheinen an Hessen verloren, aber vergessen sind sie nicht! Daher auch der Slogan „Mainz bleibt Mainz“ und die allabendliche Erinnerung durch die Mainzelmännchen.
Eigentlich wäre das ein Fall für Artikel 29 des Grundgesetzes, der so selten angewendet wird, dass Ihr Euch wirklich nicht zu grämen und schämen braucht, wenn Ihr ihn nicht mehr genau im Kopf habt und jetzt das alte Grundgesetz von der Bundeszentrale für Politische Bildung aus dem Regal holen müsst. Bei der Bundes- und bei den Landeszentralen gibt es übrigens auch andere, sogar aktuelle Bücher zum absoluten Sparpreis. Das lohnt immer mal wieder einen Blick, einen Besuch und eine Bestellung.
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Holla, die Waldfee! Jetzt bin ich aber arg abgeschweift.
Aber das ist ja gerade das Schöne am Flanieren in der Flora. Anders als in der Fußgängerzone wird man hier nicht ständig mit Anreizen und Aufrufen, mit Werbung, Wahlkampfplakaten und anderen Widerlichkeiten konfrontiert. Nur hier sind die Gedanken wirklich frei, zumindest wenn man, so wie ich, mit einem alten Telefon ohne Internetverbindung unterwegs ist.
Die meisten Menschen kennen das gar nicht mehr, ein paar Stunden am Stück ohne jegliche Unterbrechung, ohne ständige Erreichbarkeit. Im vollen Bewusstsein um die eigene Bedeutungslosigkeit, weil sich die Welt auch weiter dreht, wenn ich mich zurückziehe und verstumme.
Am anderen Ende dieses schönen Waldes ist – passenderweise – die Ortschaft Schönwalde.
Hier versucht niemand, arme Familien mit Straßennamen wie Fidschistraße oder Tansaniaweg übers Ohr zu hauen. Dafür stehen entlang der Berliner Allee in einem Garten zwei runde Hütten, die tatsächlich nach Tahiti aussehen.
Allerdings wohnt hier nicht Paul Gauguin, auch nicht Charles Strickland, sondern – wie ein sehr ausführliches Schild informiert – der „international bekannte indische Yogi Narendra Kumar Jain, Prof. ehem. Agra Universität Indien, Mitglied im BDY Diplom Yoga, Diplom freie Malerei, M.A. (Goldmedaille) Kunstgeschichte, Reiki Meistergrad, Dr. phil. TU Berlin, seit 1968 Yogalehrer, ehrenamtlicher Richter 2000-2008 Berlin“, dem man einen Spaziergang durch den Spandauer Forst ans Herz legen möchte, um sich selbst nicht ganz so wichtig zu nehmen. Aber wahrscheinlich würde der bescheidene Yogi sogleich den Titel „erfahrener Spaziergänger (schwarzer Gürtel)“ aufs Schild setzen.
Großzügig ist er jedoch, das muss man dem Meister lassen. Denn jeden Sonntag von 12 bis 14 Uhr gibt es einen „kostenlosen Gesundheits-Check-up mittels Pulsdiagnose“ und dazu „eine Tasse Kräutertee“.
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Leider ist schon Montag, so dass ich weder eine Tasse Tee, noch profunde Daten zu meinen kundalinischen Chakra-Schwingungen erhalte.
Montag ist überhaupt so ein Tag, an dem sich die Sterne gegen Wanderer verschworen haben. Das Gasthaus zum Schwanenkrug ist zwar alt und schön, aber die Woche lässt man hier mit einem Ruhetag beginnen. Kann ich aber auch verstehen, denn montags sind die Mandanten echt am nervigsten.
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Als ich am Morgen loszog, habe ich natürlich nichts zu Essen eingepackt, weil ich dachte: „Der Weg geht ja durch Berlin, da finde ich an jeder Ecke eine Currywurst oder einen Späti.“ Ein weiteres Berlin-Klischee, das sich in den letzten Stunden nicht bewahrheitet hat.
Der Magen knurrt, ich falle gleich um, da rettet mich ein Edeka. Damit kommt man günstig über den Tag, auch wenn es auf der Ausbeutung der Kolonien beruht. Viele wissen das gar nicht mehr, aber EdK steht für „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler“. Aber was soll ich machen? Mit schmalem Geldbeutel kann man sich keine Moral leisten, wie Bertolt Brecht sagte. Ein dickes Sorry nach Deutsch-Südwest!
Weil wir sonst nie weiter kommen, spare ich mir ausnahmsweise den hier eigentlich fälligen Exkurs zum deutschen Kolonialismus. Wer unbedingt diese Abzweigung laufen will, kann hier, hier oder hier abbiegen.
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Aber die Berliner Mauer muss ich doch erwähnen, denn an der Steinernen Brücke in Schönwalde wurde ein kleiner Gedenkpark errichtet.
Auch der indische Superyogi aus Kapitel 18 konnte die Mauer natürlich nicht in Ruhe lassen, hat sich ein Stück in der Innenstadt geschnappt und es bemalt.
Ich finde diese „East Side Gallery“ ein bisschen unglücklich. Da kommen Touristen aus aller Welt, um die Berliner Mauer zu sehen, und dann nehmen sie mit, dass der Trennwall bunt und hip und cool ist. Das vermittelt überhaupt nichts von der Geschichte, von der Dramatik, von den Opfern.
Die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße ist meiner Meinung nach der weitaus bessere Anlaufpunkt. Hier ist auch die Gefahr geringer, von Touristen angemotzt zu werden, weil man ihnen vor die Kamera läuft.
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Das Straßeninstandhaltungsamt des Landkreises Havelland schneidet vom Herabfallen bedrohte Äste von den Bäumen. Aus einem der Häuser am Straßenrand kommt ein älteres Ehepaar und fragt, ob es die Äste als Brennholz haben kann.
„Na klar,“ sagen die Männer in Orange, und so ist allen geholfen.
Das Verbot des Sammelns von Brennholz war es übrigens, das den jungen Karl Marx einst radikalisierte. Ich bin gerade in eine Wohnung in Karl-Marx-Stadt gezogen, wo mir der Vormieter einen erheblichen Teil seiner Bibliothek hinterlassen hat. Darunter die Marx-Engels-Gesamtausgabe. Also, wenn die jemand brauchen kann, kommt vorbei und holt sie ab!
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Nach Schönwalde empfehle ich wieder, den Fahrradweg zu verlassen und sich auf eigene Faust durch den Wald zu schlagen. So steht man niemandem von den gehetzten Radrennfahrern im Weg und entgeht der sengenden Sonne.
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Durch den Wald spazieren wollten hier auch Adolf Philipp, Helmut Kliem und Klaus Schulze.
Helmut Kliem verpasste mit dem Motorrad eine Abzweigung, als er von der Kneipe nach Hause fuhr.
Klaus Schulze wollte über die Mauer nach West-Berlin fliehen. Die DDR hatte ihn immer wieder wegen „Arbeitsbummelei“ gegängelt und die Einweisung in ein Arbeitslager angedroht. Totalitäre Regime wie der Stalinismus, der Faschismus oder das Jobcenter zwingen Menschen gerne zur „Arbeit“. Dabei geht es gar nicht um Produktivität. Man kann auch Immobilienmakler oder Werbetexterin werden, solange man nur nicht zu viel freie Zeit hat, um darauf zu kommen, wie überflüssig ein Großteil von Produktion und Konsum ist.
Alle drei wurden erschossen.
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Der nächste Ort, Falkensee, begrüßt mich mit Wasserbüffeln, dem Blick auf ein wirklich hässliches Wohnsilo (das nicht einmal durch die Berliner Mauer verdeckt wurde) und einer informativen Ausstellung zur deutsch-deutschen Grenze.
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Hier lerne ich zum Beispiel, dass der Mauerweg, obwohl er einmal rund um West-Berlin herumführt, nicht den gesamten Verlauf der Berliner Mauer abbildet. Denn es gab noch einige kleine Exklaven, die politisch zu Spandau gehörten, aber im Gebiet der Mark Brandenburg lagen.
Weil die Alliierten 1945 nach der Erfindung von Atomwaffen partout keinen Dritten Weltkrieg riskieren wollten, übernahmen sie, um bei der Aufteilung Deutschlands jeden Streit zu vermeiden, die Grenzen der bereits bestehenden Gebietskörperschaften. Die Exklaven von Spandau gehörten damit zu West-Berlin, obwohl sie mitten im Gebiet der DDR lagen.
Die Exklaven waren klein und unbedeutend, manche nur ein Schrebergarten. Aber auch wenn die DDR die Bürger- und Menschenrechte, ihre eigene Verfassung, Umweltschutzvorschriften und die Anti-Doping-Regeln nicht ernst nahm, die Kleingarten- und Kleinpachtlandordnung vom 31. Juli 1919 (also dem gleichen Tag, an dem die Weimarer Reichsverfassung verabschiedet wurde!) ehrte und achtete sie.
So erhielten die Westgärtner ein Loch in der Mauer, durch das selbst der verzweifeltste Ossi nicht fliehen wollte. Aus der Diktatur in den Schrebergarten, das wäre wie vom Regen in die Regentonne zu gelangen. Und wenn er Pech hätte, weht im Kleingarten eine Reichsbürgerfahne, und der Flüchtling wäre nicht einmal in der ersehnten BRD. (Obwohl sowieso unklar ist, ob West-Berlin Teil der BRD oder ein völker- und verfassungsrechtliches Unikum war. Aber das Thema will ich jetzt nicht ausweiten und breitwalzen, keine Sorge.)
Erst 1971 und 1988 kam es zu einem Gebietstausch, um das Kuddelmuddel zu beenden. Denn so Exklaven machen immer Ärger, wie man gerade wieder in Bergkarabach sieht. Obwohl dort eigentlich Aserbaidschan den Ärger macht. Das ist sowieso ein komisches Land, kann ich Euch berichten.
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Weltweit geht der Trend leider weg von Exklaven und hin zum schnöden Gebietstausch. Seit 2015 gibt es nicht einmal mehr die wunderbar komplizierten indisch-bangladeschischen Exklaven und Enklaven, die wiederum Unterenklaven und sogar eine Unterunterenklave, also eine Exklave dritter Ordnung, aufwiesen. Wenn ich Notar wäre, würde ich keinen Grundstückskaufvertrag beurkunden, der nicht ein paar Exklaven, neutrale Gebiete und Domanialfideikommisse begründet.
Naja, immerhin haben wir noch Büsingen, als deutsche Exklave in der Schweiz.
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Am Tag vor dieser Wanderung hatte ich mit meinen Gastgebern noch über „Lost Places“ in Berlin gesprochen. Den Ringlokschuppen in Pankow. Den Spreepark im Plänterwald. Die NSA-Abhörstation am Teufelsberg. Den Flughafen Tempelhof. Die Stasi-Abhöranlage in den Müggelbergen.
In Falkensee liegt die Art von „Lost Place“, an die niemand von uns dachte:
Wenn Jugendliche faschistischen Scheiß fabrizieren, kommt schnell die Forderung auf, jede Schulklasse solle einmal Auschwitz besuchen. Dabei müsste man gar nicht so weit fahren. Und vielleicht ist es viel eindrücklicher, wenn man lernt, dass auch im eigenen Ort ein Außen-, ein Zwangsarbeiter- ein Durchgangs- oder sonst irgendein Lager war. Dass in fast jedem Betrieb und in vielen Familien Zwangsarbeiter beschäftigt waren. Dass an jedem Bahnhof Menschen zusammengetrieben wurden. Dass in jeder Kleinstadt Geschäfte und Wohnungen „arisiert“ wurden. Dass durchs eigene Dorf ein Todesmarsch ging. Und dass deshalb die Frage, was die Urgroßeltern konkret von Auschwitz oder Mauthausen wussten, müßig ist.
Ganz abgesehen davon, dass bereits in den 1930er Jahren die Zeitungen und Illustrierten ihre Leserschaft über Konzentrationslager (wenn auch nicht über deren Grausamkeit) informierten.
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Die meisten Orte in Deutschland und Österreich wollen davon nichts wissen und lassen lieber Gras über die Sache wachsen. Im wörtlichen Sinn.
Auch in Falkensee wurde das Arbeitslager nach 1945 heimlich, still und schnell abgerissen. Nur eine Häftlingsbaracke überlebte, weil ein örtlicher Unternehmer sie als Lagerhalle nutzen wollte.
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Aber in den 1990er Jahren, mitten in den Einheitswirren, als sicher viele Menschen fragten, ob es denn nichts Wichtigeres gäbe, hat die Stadt Falkensee das Richtige getan. Aus dem Gelände des KZ-Außenlagers (es gab in Falkensee auch noch ein Zwangsarbeiter- und ein Kriegsgefangenenlager) wurde ein Geschichtspark.
Mitten im Ort, offen, rund um die Uhr zugänglich. Viele Menschen haben ja sonst Berührungsängste mit diesem bedrückenden Thema. Sie wissen nicht, wen sie fragen können. Oder haben Angst, einen falschen Eindruck zu erwecken, wenn sie in der Stadtbibliothek ein Buch über den Nationalsozialismus ausleihen. Im Geschichtspark in Falkensee kann man einfach so tun, wie wenn man den Hund ausführt, und nebenbei die informativen Tafeln lesen.
Ein junger Mann geht bedächtig von Tafel zu Tafel, liest zuerst alles und macht dann jeweils ein Foto.
Hinter sich zieht er einen Rollkoffer. Wie wenn er direkt vom Bahnhof oder vom Flughafen gekommen ist. Wahrscheinlich ein Nachfahre eines früheren Gefangenen, denke ich, aber traue mich nicht zu fragen.
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Manche Menschen mögen die Geste an solch einem Ort für unangebracht halten. Aber ich glaube, die meisten Gefangenen hätten sich über eine Zigarre gefreut.
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Wie Ihr an dem warmen Abendlicht erkennt, signalisiert die Sonne verzweifelt, dass sie für heute Schluss machen will. „Mach hin mit deiner Zigarre, du Atmosphärenverpester“, mosert die alte Helium- und Plasmaschleuder. Sie ist in Eile, muss heute noch nach Kentucky, Kalifornien und Kailua. Immer im Stress, wahrscheinlich rühren daher die Sonnenflecken.
Ich weiß nicht, wie man das genau misst, aber ich schätze, ich bin so etwa bei der Hälfte der 33 km angelangt. Weil ich ständig Umwege mache (der Geschichtspark in Falkensee liegt zum Beispiel gar nicht am eigentlichen Grünen Hauptweg) und immer wieder zum Schreiben pausiere, bin ich natürlich nicht so schnell unterwegs wie die Leute, die am vergangenen Wochenende den Berlin-Marathon gelaufen sind.
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Am Sonntag des Marathons habe ich in der U-Bahn immer wieder erschöpfte Läufer und Läuferinnen gesehen, die riesige Burger verschlungen haben. Und alle haben sich über das gleiche unterhalten: Wann und wo der nächste Lauf ist, wie sie sich darauf vorbereiten, und ob man sich nächsten Monat in Bremen, in München, in der Sahara oder am Polarkreis zum Laufen treffen wird.
Ich habe da früher auch mal mitgemacht, war aber nie so verrückt, dass ich davon mein Leben dominieren hätte lassen. Geschweige denn, dass ich mich gesund ernährt oder zum Rauchen aufgehört hätte. Die Gesichter der anderen Athleten, wenn ich mir – unmittelbar nach dem Lauf und mit Medaille um den Hals – eine dicke Zigarre anzündete, das war immer köstlich!
Wenn Ihr den Spandauer Weg geht, würde ich Euch empfehlen, ihn auf mindestens zwei Tage aufzuteilen. Sonst ist es eine Hetzerei, und man hat gar nichts von all den Wäldern und Seen und Burgen und sonstigen Überraschungen am Wegesrand.
Falkensee ist ein guter Ort, um eine Pause einzulegen, weil man von hier mit dem Bus oder Bahn gleich in Berlin ist. Und am nächsten Morgen macht man weiter, wohlgeruht und bestens motiviert.
Hier ein kleiner Vorgeschmack auf den zweiten Tag:
Den großzügigen Unterstützern dieses Blogs schicke ich gerne eine Postkarte von unterwegs. – Jetzt ärgern sich die Rudolf-Heß-Fans, dass sie die Wanderung durch den Bezirk Spandau verpasst haben. 😉 Aber die Schnittmenge zwischen diesen Ewiggestrigen und der stets der Zukunft zugewandten Leserschaft meines Blogs dürfte gering sein. Hoffe ich.
Ganz Deutschland schimpft auf Berlin. Nicht immer weiß man, ob echte Abscheu, heimlicher Neid oder einfach nur die Lust am Meckern dahinter steckt. Diejenigen, die am lautesten tönen, dass Berlin ein Moloch, ein Sündenpfuhl oder die Welthauptstadt des Chaos sei, waren wahrscheinlich noch nie dort.
Kurioserweise schimpfen aber auch die Berlinerinnen und Berliner den ganzen Tag. Hier sind wiederum diejenigen am lautesten, die Berlin noch nie verlassen haben und deshalb glauben, dass überall anders jede U-Bahn pünktlich ist, dass man in anderen Großstädten ohne Termin zum Einwohnermeldeamt gehen kann oder dass sich im Rest der Republik alle Straßen und Brücken über Nacht selbst reparieren, ohne Baustellen und Umleitungen, ohne Zeit- und Budgetüberschreitung.
Berlin, in der Vorstellung der Menschen außerhalb Berlins
Ich selbst bin eigentlich kein Großstadtmensch. Aber jedes Mal, wenn ich in der größten Stadt der Europäischen Union weile, bin ich positiv überrascht. Und als Garant der guten Laute, als Oberoptimist, als Streiter für das Wahre und Schöne, als den Ihr mich kennt, möchte ich Euch ein wenig teilhaben lassen an meinen Spaziergängen durch unsere sympathische Bundeshauptstadt.
Es gibt in Berlin, leider relativ unbekannt, ein Netzwerk von Wegen, Routen und Pfaden, auf denen man einen ganz anderen Eindruck von Gotham City bekommt. Grüne Hauptwege heißen diese, und es gibt derer zwanzig. Auf insgesamt 550 km schlängeln sich diese Routen hauptsächlich in Grünanlagen, in Wäldern und entlang der Wasserläufe durch Berlin.
Ich weiß nicht, ob ich alle abspazieren werde. Man hat ja auch noch andere Pläne im Leben (Babylon, Bagdad, Buxtehude, um nur einige zu nennen). Und manche der Wege sind doch ein wenig lang, bis zu 63 km, wie beim Grünen Hauptweg Nr. 1 (Spreeweg).
Andererseits, und das ist das Schöne an Berlin und an den Grünen Hauptwegen, kann man jederzeit pausieren, in den Bus oder die Bahn steigen, nach Hause fahren, und die Wanderung am nächsten Tag oder Wochenende fortsetzen. Und für zwischendurch gibt es auch ganz kurze Wege, ab 7 km, wie beim Grünen Hauptweg Nr. 20 (Bullengrabenweg).
Als ersten Weg habe ich eine zwischen diesen beiden Extremen liegende Route gewählt: Die 33 km des Grünen Hauptweges Nr. 2 (Spandauer Weg). Der ausführliche Bericht dazu erscheint in den nächsten Tagen, aber hier schon mal ein kleiner fotografischer Vorgeschmack.
Ganz ehrlich: Ich war vollauf begeistert! Ich wusste natürlich, dass Berlin grüner ist als Tokio. Aber dass man hier wirklich kilometerweit durch die Natur laufen kann, ohne auch nur einen anderen Menschen zu sehen, das hätte ich nicht geahnt. Ein langer, sehr abwechslungsreicher und absolut lohnenswerter Weg.
Die Idee für die Grünen Hauptwege ist übrigens eine alte. Der Stadtplaner Hermann Jansen hatte sie bereits in seinen Plänen für das 1920 gegründete Groß-Berlin vorgesehen. Leider kamen dann die Inflation, die Weltwirtschaftskrise, der Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg, die weitgehende Zerstörung der Stadt und die Teilung Berlins dazwischen. So wurde das Projekt erst ab 1994 verwirklicht.
Diejenigen, die diesen Blog kennen, werden es bereits ahnen: All diesen dramatischen historischen Einschnitten werden wir auch auf den Wanderungen begegnen. Ein Spaziergang mit mir ist eben auch immer ein Vor- und Zurückspringen auf der Zeitachse, ein wildes Hin und Her durch die Jahrhunderte.
Für die Berlinerinnen und Berliner, die mir jetzt ihren Lieblingsweg zeigen wollen: Vielen Dank, ehrlich, aber wenn ich schreiben und fotografieren will, dann muss ich alleine losziehen. Ich mache ja auch viele Umwege, klettere da hinab, steige dort hinauf. Und immer wieder lange Schreib- und Rauch- und Nachdenkpausen.
Aber wenn Ihr entlang eines der Wege wohnt und zufällig Kola und Kuchen im Garten stehen habt, wenn ich vorbeikomme – so wie hier beim Gutshaus Neukladow -, dann ruft und winkt mich gerne herbei!
Alle anderen können die Wanderungen (und vor allem die Artikel darüber) durch eine kleine Spende unterstützen. Dafür schicke ich Euch dann eine Postkarte von unterwegs. – Jetzt ärgern sich die Rudolf-Heß-Fans, dass sie die Wanderung durch den Bezirk Spandau verpasst haben. 😉 Aber die Schnittmenge zwischen diesen Ewiggestrigen und der stets der Zukunft zugewandten Leserschaft meines Blogs dürfte gering sein. Hoffe ich.