Guten Morgen aus Chemnitz

Keine Sorge, ich werde Euch nicht ständig mit Sonnenaufgängen, Sonnenuntergängen oder gar Weltuntergängen traktieren.

Aber heute Morgen war es ziemlich hübsch.

Das ist einer der Vorteile davon, wenn man in einem der oberen Stockwerke lebt. Neben der Leibesertüchtigung.

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So geht Hygge!

Nachdem einige Besucher kritisiert haben, mein Wohnzimmer sähe aus wie ein Büro, habe ich alle meine Dekorationskünste zusammengenommen und sogar Blumen aufgestellt.

Jetzt ist es aber richtig gemütlich, nicht wahr?

Und für diejenigen, die sich wegen des Stalingrad-Posters vor Schreck die Zehen abgefroren haben: Keine Sorge, das feiert nicht die Wehrmacht, sondern die Rote Armee und ihren Sieg über die deutsche Barbarei. – Wobei durchaus zugestanden sein soll, dass die moralische Wertung dadurch verkompliziert wird, dass die Sowjetunion am Zweiten Weltkrieg mitschuldig war. Aber ich finde hier in Ostdeutschland leider keine Poster von der US-Armee.

Wahrscheinlich sollte ich doch mal ins Archäologie-Museum in Chemnitz schauen, wo zur Zeit eine Ausstellung über die Archäologie des Wohnens gezeigt wird. Und ich muss mich öfter auf Flohmärkten herumtreiben. Das Problem ist, manche Flohmärkten in Chemnitz erwecken den Eindruck, dass bei der Wehrmacht gerade Wohnungsauflösung war.

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Ein neues Zuhause in Chemnitz

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Seit August wohne ich in Chemnitz, das den älteren unter uns noch als Karl-Marx-Stadt in Erinnerung ist. Sowohl außer- aber überraschenderweise auch innerhalb der Stadt führt diese Nachricht meist zu einem entgeisterten „Warum Chemnitz??“

Nachdem ich jetzt schon etwa hundertmal erklärt habe, weshalb ich mich gerade, ausgerechnet und bewusst in Chemnitz niedergelassen habe, kam mir endlich ein naheliegender Gedanke. Ich habe ja diesen kleinen Blog, der sowieso schon viel zu viel Persönliches von mir preisgibt. Und da kann ich die Gedankengänge, die zur Wahl von Chemnitz als Lebensmittelpunkt geführt haben, einfach aufzählen und fürderhin bequem, gemütlich und galant auf diesen Artikel verweisen, wenn ich zum hundertersten und fortfolgenden Male gefragt werde.

Zuerst sei daran erinnert, wie und wo ich die vergangenen Jahre gelebt habe:

Heute hier, morgen dort. Ein Leben aus dem Rucksack. Ohne materiellen und persönlichen Ballast. Nicht wissen, wo man in zwei Monaten sein wird, ist für mich der Inbegriff von Freiheit.

Aber so schön das Herumvagabundieren ist, es hat auch seine Schattenseiten.

Nein, ich meine nicht diesen angenehmen Schatten, den der märchenhafte deutsche Wald auf den müden Wandersmann wirft.

Am meisten gelitten unter dem unsteten Lebenswandel hat mein Geschichtsstudium. So lehrreich es ist, alle paar Monate woanders zu sein und sich in die dortige Geschichte zu vertiefen, so interessant die Museen in Bogotá und die Archive in Montenegro sind, so wenig kann ich eine Hausarbeit schreiben, wenn ich ständig auf dem Sprung bin und immer nur wenige Bücher mitnehmen kann. Angeblich gibt es schon Bibliotheken im Interweb, aber ich bin halt eher der altmodische Lerntyp.

In der Online-Bibliothek gibt es außerdem kein Bier.

Auch die Arbeit als Haus- und Katzensitter, die mich von Spanien bis Stockholm, von Kanada bis Kiew an viele interessante Orte gebracht und mir die Aufwendungen für Miete erspart hat, habe ich jetzt schon wieder fünf Jahre gemacht. Wie Ihr wisst, bin ich der Meinung, dass ein gesunder Lebenswandel unbedingt erfordert, alle 5 bis 7 Jahre etwas vollständig Neues anzufangen.

Und schließlich habe ich die letzten Jahre so viel Gastfreundschaft genossen, dass ich endlich etwas davon zurückgeben will. Ich bin beim Couchsurfing immer lieber Gastgeber als Gast gewesen und wollte gerne wieder eine Wohnung haben, wo Freunde und Fremde für ein paar Tage vorbeikommen und Geschichten (und Schnaps) aus aller Welt mitbringen.

hiking with Matt and Hunter
Die beiden Jungs aus Virginia brachten sogar Zigarren mit. Top!

Die Entscheidung, in welchem Land ich mich niederlasse, fiel zwangsweise leicht: Zwar wären Rumänien, Bolivien oder Abchasien für mich interessanter als Deutschland.

Aber leider habe ich nichts Praktisches wie Maler oder Schreiner oder LKW-Fahrer gelernt, von dem man überall auf der Welt leben könnte. Weil ich nicht so gute Noten hatte, musste ich auf die Rechtswissenschaftliche Fakultät, von der ich mit zwei lausigen Juristischen Staatsexamen entlassen wurde. Immer wenn ich damit zum Hafen in Piräus, in Odessa oder in Daressalam gegangen bin und auf einem Schiff anheuern wollte, wurde ich verspottet. „Der kann ja nicht einmal einen Topsegelschotstek„, lachten die Matrosen und zeigten keinerlei Interesse an einem Vortrag über die Geschichte des Seerechts.

Also musste ich wieder nach Deutschland ziehen, dem einzigen Land, in dem ich als Rechtsanwalt arbeiten kann. (Die wenigen deutschen Juristen, die im Ausland arbeiten, machen so dubiose Sachen wie Steuerhinterziehung auf karibischen Inseln. Das ist nichts für mich.)

Außerdem sind karibische Inseln langweilig. (Hier Sint Maarten / Saint Martin, aber die sehen alle gleich aus.)

Wenn schon Deutschland, dann aber bitte eine Region, die ich vorher noch überhaupt nicht kannte. Auch beim Weltreisen hat mir das immer am besten gefallen, wenn man wo neu ankommt, nichts und niemanden kennt, bei Null anfängt und sich neue Freundschaften und Kontakte aufbauen muss. Wenn ich zu lange an einem Ort bin und verstehe, wie alles läuft, dann fühle ich mich irgendwie unterfordert.

Nachdem ich schon oft kritisiert habe, wie wenig sich die Westdeutschen für Ostdeutschland interessieren, und weil ich finde, dass die Verwirklichung der deutschen Einheit in der Verantwortung eines jeden einzelnen Bürgers liegt, war eine Entscheidung klar: Als Wessi würde ich auf jeden Fall nach Ostdeutschland ziehen. Und zwar richtig Ostdeutschland, nicht Berlin oder Potsdam oder wo sonst die Westmillionäre sich einkaufen.

Weil ich flache Landschaften fade finde, schieden Mecklenburg-Vorpommern und eigentlich alles nördlich von Leipzig aus. Ich verstehe schon, dass ebene Felder praktisch sind für den Anbau von Mais, für Traktorenwettrennen und fürs Bruttosozialprodukt. Aber ich bin bin eher Landstreicher als Landwirt, und deshalb brauche ich Berge.

Außerdem wollte ich in eine mittelgroße Stadt. Nichts gegen Großstädte, aber wenn man hauptsächlich Studieren und Schreiben will, dann lockt in Leipzig oder Dresden zu viel Abwechslung. Zu klein darf es aber auch nicht sein. Annaberg-Buchholz und Bad Schandau sind schon putzig, aber da hat man nach ein paar Monaten das Gefühl, nichts Neues mehr entdecken zu können. Görlitz ist wunderbar, aber seit dem weitgehenden Verlust Schlesiens einfach zu sehr Randlage. Da lohnt sich das Deutschlandticket kaum, und für Polnisch fehlt mir das Talent. Außerdem sollte die Stadt mindestens eine Universität haben, und zwar eine richtige, nicht nur einzelne Fakultäten wie in Freiberg oder Tharandt.

Immer wieder kam mir Chemnitz in den Sinn, weil die Stadt schon seit ihrer Wahl zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 in meinem Hinterkopf waberte. 2025 ist, wenn ich richtig gerechnet habe, in zwei Jahren. Und weil ich für mindestens drei Jahre sesshaft bleiben will, passt das ganz wunderbar. So bekomme ich das ganze Programm mit, von den hektischen Vorbereitungen, den Milliardeninvestitionen, dem Besucheranstrom aus aller Welt und anschließend den erneuten Fall in die Bedeutungslosigkeit. Oder hoffentlich etwas Nachhaltigeres. Jedenfalls kann das spannend werden!

Ich bin in meinem Leben schon so oft umgezogen, und meist habe ich einfach übers Internet eine Wohnung gemietet, ohne dass ich die Stadt oder auch nur das Land vorher kannte. Das hat manchmal super funktioniert, manchmal weniger gut.

Diesmal wollte ich es richtig professionell angehen und dachte: „Ich fahre nach Chemnitz, laufe einen Tag ziellos durch die Stadt und sehe, wie ich mich fühle.“ Ich finde das viel aussagekräftiger, als wenn Leute Statistiken wälzen, welche Stadt angeblich lebenswert wäre, wo das Klima am besten und die Umweltverschmutzung am niedrigsten ist, wo man am meisten verdient und am wenigsten Miete zahlt. Obwohl letzteres tatsächlich für Chemnitz spricht, aber dazu später mehr.

Schon die Zugfahrt von Leipzig nach Chemnitz ist eine Wucht: Über waghalsige Viadukte nähert man sich der immer wilder und romantischer werdenden Landschaft. In den alten Zügen, mit dem gemütlichen Sechserabteil, wo man jedes Mal neue Bekanntschaften schließt und in denen man noch die Fenster öffnen und mit der Dampflok um die Wette rauchen kann.

Wenn man in Chemnitz ankommt, ist die erste Frage: „Wo ist denn jetzt die Stadt?“ Anders als beispielsweise in Köln, wo einen gleich beim Aussteigen aus dem Hauptbahnhof der blöde Dom erschlägt, tritt man hier unter ein freies Firmament.

Ich fühle mich von Anfang an wohl in Chemnitz, aber es dauert ein bisschen, bis ich verstehe, warum: In dieser Stadt ist man nirgendwo eingeengt. Es gibt keine verwinkelten Gassen, keine dunklen Ecken und keine tiefen Hochhausschluchten. Die Straßen sind so breit wie die Champs Élysées. Mindestens. Wohin man auch geht, überall fühlt es sich frei, offen, weit und luftig an.

Ich habe einen Standard-Test: Wenn ich mitten am Tag bei rot über die Hauptstraße gehen kann, ohne überfahren zu werden, dann gefällt mir die Stadt. (Wenn nein, dann nicht.)

Es mag auch andere Städte geben, in denen man dieses Gefühl von Freiheit im öffentlichen Raum genießt. Das wunderschöne Eisenhüttenstadt zum Beispiel. Aber dort wohnt ja niemand mehr. In Chemnitz hingegen leben 250.000 Menschen. In dieser Größenordnung solch eine großzügige Stadtplanung hinzubekommen, das ist absolute Weltklasse. Damit steht Chemnitz architektonisch in einer Reihe mit Minsk, Pjöngjang oder Brasília.

Manche Leute fühlen sich in solchen Weiten wie Mongolei, Atacama oder Chemnitz verloren. Mir gefällt es. Wer die Ruhe und Weite sucht, muss also nicht mehr die beschwerliche Reise zum Nordkap oder nach Alaska auf sich nehmen. Steigt einfach in den Bus nach Chemnitz und wähnt Euch in einer Stadt, die ganz allein für Euch erbaut wurde.

Und wenn Ihr bei der Ankunft denkt „wow, was für ein futuristischer Omnibusbahnhof“, dann seid Ihr schon in der richtigen Stimmung für einen Rundgang durch die Stadt der Moderne. Mit Architektur, wie man sie sonst nur aus Science-Fiction-Filmen und aus Jugoslawien kennt.

Der historischen Fairness halber muss erwähnt werden, dass Chemnitz nicht ganz freiwillig so modern geworden ist, wie es sich heute zeigt. Vielmehr bedurfte es der städteplanerischen Nachhilfe der alliierten Luftstreitkräfte, die Chemnitz 1945 die Chance auf einen Neubeginn verschafften.

Die damit beabsichtigte Entnazifizierung gelang langfristig leider nicht. Aber architektonisch ist Chemnitz aus diesen Ruinen auferstanden wie einst Karl Marx aus der Asche. Insbesondere entlang der Straße der Nationen, einer wahren Prachtstraße, um die uns Weltstädte wie New York, Paris oder Buenos Aires beneiden würden, wenn sie je davon gehört hätten, fühlt man sich in die 1950er und 1960er Jahre zurückversetzt. (Buenos Aires ist sowieso nicht gut auf Chemnitz zu sprechen, nachdem herauskam, dass der Tango eigentlich aus Chemnitz stammt.)

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Vielleicht ist das nicht „schön“ im klassisch-kitschigen Sinne, so wie Rothenburg oder Marienbad schön sind. Aber ich finde es phantastisch, dass ganze Straßenzüge jene Zeit konservieren, bis hin zu den Schriftzügen an den Cafés, Hotels und Buchhandlungen. Ein Spaziergang durch Chemnitz ist wie das Gefühl, wenn man in einem Antiquariat eine Kiste mit alten, vergilbten Postkarten findet, die einen an die Kindheit erinnern.

Ostmoderne heißt das hier, obwohl in jener euphorischen Zeit des Atomzeitalters im Westen ähnlich gebaut wurde. Nur wurde es dort nach 30 Jahren wieder abgerissen, weil der Kapitalismus laut Schumpeter immer alles zerstören muss.

Chemnitz war sogar schon modern, bevor es 1953 zu Karl-Marx-Stadt wurde. Ich weiß gar nicht, wieso Dessau und Weimar und Tel Aviv so mit dem Bauhaus angeben, und Chemnitz immer übersehen wird. Wenn Ihr die Architektur der Moderne, das Neue Bauen, das Bauhaus, die Neue Sachlichkeit aber auch den Gemeindebau, wie Ihr ihn aus Wien kennt, erleben wollt, dann werdet Ihr auf einem Spaziergang durch Chemnitz etliche Kleinode erblicken.

Beziehungsweise, und da muss ich gleich eine Besonderheit von Chemnitz ansprechen, während eines Spaziergangs werdet Ihr fast nichts sehen. Das ist vermutlich der Grund, warum viele Menschen, die nur für ein paar Stunden auf der Durchreise sind, enttäuscht weiterziehen. Denn Chemnitz ist riesig! 221 Quadratkilometer, genauso groß wie Bukarest, Amsterdam oder Düsseldorf. Größer als Stuttgart, Hannover, Stockholm, Helsinki, Nürnberg, Mailand, Kopenhagen oder Lissabon. Mehr als doppelt so groß wie Paris! Und das sind ja auch keine Städte, wo man mal zwei Stunden herumläuft und dann glaubt, alles gesehen zu haben.

Ich gehe jeden Tag spazieren, schon um die Luft dieser Industriestadt mit feinstem Zigarrenduft zu verfeinern. Und nach sechs Monaten in Chemnitz entdecke ich noch immer vollkommen neue Stadtviertel.

Außerdem ist Chemnitz wunderbar grün. Der Schlossteich oder der Stadtpark entlang des gleichnamigen Flusses laden zum Flanieren ein. Die Friedhöfe und der Park der Opfer des Faschismus laden zum Nachdenken über die Geschichte ein.

Im Zeisigwald findet man auf stundenlangen Wanderungen alte Vulkankegel, versteckte Seen und schattige Biergärten.

Im Küchwald mit Pioniereisenbahn, Freilichtbühne und Raumfahrtzentrum fühlt man sich wie in Akademgorodok. Oder zumindest wie im Vingis-Park in Vilnius.

Und die Vororte haben sowieso alle ihren eigenen Charakter. Rabenstein mit der Burg. Klaffenbach mit dem Wasserschloss. Einsiedel mit der Brauerei. Der Adelsberg mit dem markanten Aussichtsturm.

Überhaupt könnte ich über die ganze Region ins Schwärmen geraten, über die Burgen und Schlösser, die endlosen Wälder und das Zschopautal. Die Region wird in das Kulturhauptstadtjahr 2025 mit einbezogen, so dass man vor Ausflugs- und Wanderideen schier untergeht. Langweilig wird es hier nicht, und das Deutschlandticket wird voll genutzt.

Aber für heute will ich bei Chemnitz selbst bleiben.

Nichtsahnend, wo das eigentliche Zentrum liegt, bin ich beim ersten Besuch falsch abgebogen und auf dem Sonnenberg gelandet. Das ist ein wunderbares Gründerzeitviertel, und ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Jedes Haus ein Schmuckstück, mit aufwendigen Giebeln, bunt und farbenfroh, mit Deckengemälden und Stuck in den Eingängen. Wie in Sankt Petersburg vor der Revolution, falls sich noch jemand erinnert.

Und das Beste, zumindest für Menschen wie mich, die eine Wohnung suchen: Noch in keiner anderen Stadt dieser Größe habe ich so viele „zu vermieten“-Zettel in den Fenstern gesehen. Der gesamte Wohnungsmarkt steht hier Kopf. Das ist wirklich angenehm im Vergleich zu Metropolen wie Berlin oder München, wo sich fast alle Gespräche nur mehr um Wuchermieten und Immobilienhaie drehen. In Chemnitz kann man währenddessen für unter 5 Euro pro Quadratmeter ganz entspannt leben.

So eine riesige Wohnung hätte ich mir sonst nirgendwo leisten können.

Das Mantra, dass man die Wohnungsnot nur durch Bauen, Bauen, Bauen lösen könne, gerät hier ins Wanken. Vielleicht haben wir ausreichend Wohnraum, aber ein Verteilungsproblem. Gerade bei Leuten, die von zuhause arbeiten, oder bei Studenten verstehe ich nicht, wieso man unbedingt in München oder Frankfurt wohnen will, wo ein Großteil der Lebenszeit drauf geht, um den Reichtum des Vermieters zu mehren. Schlaue Studenten gehen nach Chemnitz, Cottbus oder Halle, haben ein entspanntes Leben und immer genug Geld für Partys und Interrail in der Tasche. (Und ja, ich habe selbst in der Provinz studiert: Regensburg, Milton Keynes und Hagen.)

In Chemnitz gibt es zudem noch Tausende, ja Zehntausende an Wohnungen, Häusern und Palästen, in die man ohne Mietvertrag einziehen kann.

Gerade der Sonnenberg erinnert mich schon sehr an die Bronx. Abbruchhäuser. Crack-Häuser. Menschen, die im Sommer ihr Wohnzimmer auf die Straße verlegen. Die stets leicht alkoholisierten Männer vor dem Ghetto-Netto stehen zwar nicht um brennende Ölfässer herum, aber sie zünden Pappkartons an und verwenden einen umgedrehten Einkaufswagen als Grill. Und wer am Morgen als erster aus dem Haus geht, stolpert über Schnaps- und andere Leichen.

Wer es etwas gediegener haben möchte (und wer horrende Mieten von bis zu 6,50 Euro pro Quadratmeter bezahlen kann), der zieht auf den Kaßberg. Das ist eines der größten zusammenhängenden Gründerzeit- und Jugendstilviertel Europas. Sehr nobel.

Mir persönlich wäre das zu bourgeois. Da wohnt man wahrscheinlich neben lauter Rechtsanwälten und so Schnöseln. Die ersten drei Monate habe ich in der Wohnung eines Bekannten auf dem Sonnenberg gewohnt. Einerseits eine wirklich spannende Gegend, da hätte ich sicher eine Menge Mandanten gefunden. Aber weil ich lieber studiere und schreibe, als zu arbeiten, war es mir dann doch wichtiger, ein ruhiges Plätzchen zu finden.

Also bin ins Yorckgebiet gezogen. Das hat so einen schönen Osteuropa-Charme, mit Plattenbauten, Kleingartenkolonien und Garagensiedlungen, was nostalgische Reminiszenzen an meine Zeit in Vilnius, in Targu Mureș und in Kiew weckt.

Beim Anblick der prächtigen Häuser auf dem Kaßberg habt Ihr wahrscheinlich schon gedacht: Chemnitz muss mal richtig reich gewesen sein! In der Tat. Eisenbahnbau, Maschinenbau und Textilindustrie machten Chemnitz um 1900 zu der Stadt mit dem höchsten Gewerbesteueraufkommen im Deutschen Reich. „Sächsisches Manchester“ wurde die Stadt genannt, aber auch „Ruß-Chemnitz“.

Ernst Ludwig Kirchner: Chemnitzer Fabriken (1926)

Für Freunde der Industriegeschichte ist Chemnitz ein Paradies. Viele der Fabrikgebäude stehen leer und warten darauf, von „Lost Places“-Fotografen entdeckt zu werden. Andere werden kreativ nachgenutzt, zum Beispiel für das Staatsarchiv, das Stasi-Unterlagen-Archiv, die Universitätsbibliothek oder eine Kaffeerösterei.

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Wenn man den kurzen Weg von den alten Fabrikgebäuden zum Karl-Marx-Monument geht, kann man auf den Gedanken verfallen, Chemnitz sei das Produkt einer unüberlegten, aber dafür umso intensiveren und durchaus aufrichtigen Affäre zwischen Detroit und Pjöngjang. Und ich meine das als Kompliment, denn so eine einmalige Kombination muss man erst einmal hinbekommen.

Aber auch diejenigen, die eher traditionelle Stadtansichten schätzen, kommen in Chemnitz auf ihre Kosten:

Ich mag Städte, die in der zweiten Reihe stehen und die oft übersehen werden. Nicht umsonst waren Targu Mureș und Cochabamba neben Vilnius bisher die Städte, in denen ich mich am wohlsten gefühlt habe. Sehr sympathisch finde ich auch, wenn die Bewohner sich selbst und ihre Stadt nicht ganz so wichtig nehmen und nicht ständig herumposaunen, dass sie in der schönsten Stadt der Welt wohnen, egal ob berechtigt (Rom) oder unberechtigt (München).

In Chemnitz tendieren die Leute eher zum gegenteiligen Extrem.

Wenn ich die Stadt lobe und erzähle, wie gut es mir gefällt, folgt im besten Fall ein zweifelnder Gesichtsausdruck und die Frage, ob ich sie verarschen wolle. Im schlimmsten Fall kommt eine pauschale Aussage wie „Chemnitz ist eine Scheißstadt“, in einer Art vorgetragen, die keinen Widerspruch duldet.

Stets unermüdlich für die Freiheit des Wortes kämpfend, widerspreche ich trotzdem und zähle einige der Vorteile und lieblichen Seiten von Chemnitz auf. Daraufhin überlegt der Chemnitzer kurz und sagt so etwas wie „wir haben nicht einmal einen Strand“, „unser Fußballverein spielt nur Regionalliga“, „gestern kam der Bus nach Hilbersdorf fünf Minuten zu spät, das Land geht total vor die Hunde“ und – ganz beliebt – „ach, das mit der Kulturhauptstadt wird sowieso nichts“.

Man merkt dann schnell, dass es bei solchen Leuten überhaupt nicht um Chemnitz geht, sondern gegen alles und jeden, gegen die Energiewende und den Rundfunkbeitrag, gegen Ausländer und Schwiegereltern, gegen die Stadt und den Erdkreis. Solche Leute wären anderswo auch nicht glücklicher. Warum es gerade in Chemnitz mehr griesgrämige Grundstimmung als anderswo gibt, das kann ich noch nicht sagen. Jedenfalls fällt man hier echt auf, wenn man nur normal gut gelaunt ist und lächelnd durch die Stadt spaziert.

So wird es aus Chemnitz und aus dem Erzgebirge über die nächsten Jahre immer mal wieder etwas zu berichten geben. Und für diejenigen, die diesen Blog lieber wegen der Weltreisen lesen, macht Euch keine Sorgen! Ich habe noch Hunderte von Geschichten auf Lager, von Abchasien bis zu den Azoren, von Estland bis Ecuador, von Schweden bis Sizilien. Und genau aus dem Grund, diese Erinnerungen endlich zu Papier zu bringen, wollte ich mich schließlich für ein paar Jahre an einem Ort niederlassen.

Die Wohnung habe ich allein wegen dieses Blicks vom Schreibtisch gewählt.

Außerdem geht das Projekt „Reise zum Mittelpunkt Europas“ weiter. Zudem habe ich noch ein Projekt zu den Europäischen Kulturhauptstädten im Kopf. Wie immer zu viele Ideen, zu wenig Zeit. Bitte drückt mir die Daumen, dass sich die Menschen gut vertragen und ihre Probleme selbst lösen, so dass ich wenig Arbeit als Rechtsanwalt und viel Zeit zum Schreiben haben werde.

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Ein Besuch bei der Stasi

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2,3 Millionen Karteikarten allein für den Bezirk Karl-Marx-Stadt.

Das ist eine der vielen Informationen, die ich vom Besuch beim Stasi-Unterlagen-Archiv in Chemnitz mitnehme. Noch schockierender als die Zahlen waren jedoch die Methoden der Stasi.

Überwachen, Abhören, Ausspionieren, Öffnen der Post (allein in Karl-Marx-Stadt 18.000 Briefe pro Tag), Verhaften, das kennt man ja alles. Dass und wie die Stasi Menschen umgebracht hat, ist schon weniger bekannt. Erschießen. Vergiften. Einwirken auf die Ärzte, damit diese die Medikamentendosierung so ändern, dass der Patient verstirbt. Und natürlich die ganzen Selbstmorde.

Die perfideste Methode war die „Zersetzung“. Die Historikerin Sandra Meier, die mit wirklich unermüdlicher Begeisterung auf all meine halbinformierten Wessi-Fragen eingeht, erklärt den Zusammenhang zur KSZE-Schlussakte von Helsinki aus dem Jahre 1975. Nachdem sich darin auch die Staaten des Ostblocks zur Einhaltung von Menschenrechten verpflichtet hatte, fuhr die DDR-Führung öffentlichkeitswirksame Verhaftungen und Strafverfahren zurück und wollte Oppositionelle, Friedensgruppen, Umweltaktivisten, Ausreisewillige oder einfach nur Unangepasste lieber heimlich, still und leise „ausschalten“.

Mit der Zersetzung wollte die Stasi regimekritische Gruppen auseinanderbringen, indem gezielt Gerüchte gegen einen oder mehrere der Mitglieder verbreitet wurden, um diese zu diskreditieren, um allgemein Unsicherheit oder Misstrauen zu streuen oder um die Gruppe zu teilen und dadurch zu schwächen.

Alternativ konnte man Zielpersonen auch übertrieben wohlwollend behandeln, z.B. durch Gewährung von Urlaubsreisen, durch Zuweisung einer begehrten Wohnung oder eines Autos, was bei den Kollegen den Eindruck erweckte, dass der Betroffene sicher für das Ministerium für Staatssicherheit arbeite. Der gleiche Effekt wurde erreicht, wenn man bei Vorladungen oder Verhaftungen ein oder zwei Mitglieder einer Gruppe nicht behelligte. Das weckte bei den anderen natürlich den Verdacht, dass diejenigen Stasi-Spitzel waren.

Die Stasi arbeitete auch mit gefälschten Liebesbriefen, die der Freund oder die Freundin des Zersetzungsopfers dann zufällig fand. Oder anonyme Geschenke. Das ging bis zu gefälschten Fotos von Seitensprüngen und gefälschten Scheidungsanträgen der Ehefrau, die dem Mann in der Untersuchungshaft vorgelegt wurden. Nicht nur politische Gruppen, auch Ehen und Familien sollten systematisch und vollständig zerstört werden. Mit gravierenden Langzeitfolgen.

Ich erinnere mich an einige der Fälle, die in Stasiland von Anna Funder beschrieben werden. Das Buch ging mir so nahe, ich konnte es nur häppchenweise lesen. Nach jedem Kapitel war ich erst einmal geplättet. Dennoch eine wichtige Lektüre, vielleicht gerade jetzt, wo Katja Hoyer mit Diesseits der Mauer: Eine neue Geschichte der DDR die Hitparade, oder wie immer das bei Büchern heißt, erstürmt.

Für das Interesse an den eigenen Stasi-Akten sind so literarische Großereignisse, aber vor allem Jahrestage und Filme entscheidend, erklärt Sandra Meier. Allerdings seien die Antragsteller oft enttäuscht, dass die Akteneinsicht nicht so flott wie in Das Leben der Anderen vonstatten geht. Nach drei Monaten erhält man eine Zwischenmeldung, ob überhaupt etwas vorhanden ist. Bis zu eineinhalb Jahren kann es dauern, bis man die Akten in den Händen hält.

Den Antrag auf Akteneinsicht kann man in der Zentrale in Berlin oder in einer der 13 Außenstellen einreichen. Zur Archivführung an diesem Abend sind nur zwei interessierte Bürger erschienen. Neben mir ist es ein 64-jähriger Mann, der einen Antrag auf Akteneinsicht stellen will.

„Warum erst jetzt?“ frage ich verwundert, schließlich besteht diese Möglichkeit schon seit 30 Jahren.

„Ach, ich hatte eigentlich nie ein dringendes Interesse,“ sagt er. Er wisse, dass er wegen Kontakten zu Verwandten in der BRD überwacht worden sei. Außerdem wurde er schikaniert, weil er als einer der wenigen nicht bei der FDJ war und nicht zur Jugendweihe ging. Er erweckt den Eindruck von jemandem, der absolut mit sich im Reinen ist. Er hat sich nicht verbogen, aber sieht sich nicht als Widerstandskämpfer. Er hat Repressionen verspürt, weiß aber, dass es andere viel härter getroffen hat. Dramatische Enthüllungen erwartet er nicht, „aber die Frau hat gesagt: Jetzt schau doch endlich mal in deine Akte.“

Letztes Jahr wurden noch immer 30.000 Anträge auf Akteneinsicht gestellt.

Auch wenn Ihr keine eigene Stasi-Akte vermutet: Das Stasi-Unterlagen-Archivist einen Besuch wert. Auch und gerade für Wessis, die noch wenig über die DDR wissen. Sowohl die Zentrale als auch die Außenstellen bieten ein umfassendes Bildungsangebot mit Veranstaltungen, Vorträgen und Bürgersprechstunden.

Die Außenstelle in Chemnitz lohnt den Besuch ganz besonders, weil sie – wie es sich für die „Stadt der Moderne“ gehört – in einen neu gestalteten und futuristisch anmutenden Bau eingezogen ist, der sich inmitten von alten Fabrikanlagen befindet.

Chemnitz hat viele schöne Ecken und Kanten, aber diesen Stadtteil entlang der Annaberger Straße mit seiner Industriekultur finde ich ganz besonders faszinierend. Auch wenn, obwohl ich das als Nichtindustrieller natürlich schlecht beurteilen kann, manche den Fabriken den Eindruck erwecken, wie wenn sie im Moment nicht ganz ausgelastet wären. Aber daran war nicht die Stasi schuld, sondern die Treuhand.

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Ruhleben

Die Streckenführung der Buslinie M45 in Berlin, die vom Güterbahnhof Ruhleben zur Polizeidirektion 2 und anschließend zum Krematorium führt, ist schon ein bisschen makaber, oder?

Zumindest bei historisch sensiblen Fahrgästen läuten da die Alarmglocken.

Ansonsten ist der wirklich ruhige Bahnhof Ruhleben auch der Ausgangspunkt für die Busse nach Falkensee, wo Ihr in den zweiten Teil des Spandauer Wegs einsteigen könnt.

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Von Freiberg nach Freital, ohne jede Verwechslung

Freiberg und Freital sind zwei Städte in Sachsen, die ich immer wieder verwechsle. Weil beide an der gleichen Bahnstrecke – von Chemnitz nach Dresden – liegen, kommt es sogar vor, dass ich falsch aussteige.

Dabei sind die beiden Städte eigentlich sehr unterschiedlich.

Freiberg ist eine alte Bergbaustadt. Wie Kremnica, nur nicht ganz so idyllisch gelegen.

Freital hingegen wurde erst 1921 gegründet, und zwar als sozialdemokratische Musterstadt, wo die Fabriken sauber und sicher, die Arbeiter erholt und glücklich, und die Wohlfahrt allumfassend und kostenfrei sein sollte.

Entwurf für Freital, nicht ganz verwirklicht.

Um in Zukunft jegliche Verwechslung auszuschließen, habe ich mich dazu entschlossen, von einer Stadt in die andere zu wandern. Wenn ich einen ganzen Tag und mindestens 30 km zu Fuß unterwegs bin, wird mir das schon einbläuen, wo welche Stadt liegt.

Wie es der historischen Entwicklung entspricht, werde ich von Freiberg nach Freital wandern. Vom Mittelalter in die Moderne.

Außerdem sollte es so tendenziell bergab gehen, denke ich mir. Vom Berg ins Tal.

Weil es im Oktober nur mehr etwa 10 Stunden Tageslicht gibt, muss ich mich sputen. Dies wird also keine meiner typischen ausufernden Wanderungen, sondern ein zielstrebiger Marsch. Die Orientierung sollte einfach sein, denn zwischen den beiden Städten verläuft ein Jakobsweg.

Es ist noch dunkel, als ich mit dem Zug in Freiberg ankomme.

Auch im Bergwerk tut sich nichts. Man würde meinen, dass es den Bergleuten egal sein kann, ob in der Außenwelt Tag oder Nacht ist. Aber wie ich in Potosí feststellen konnte, sind Männer, die mit Dynamit hantieren, sehr abergläubisch.

Außerdem gehört dieser Schacht zur Bergakademie Freiberg, einer alten und ehrwürdigen Einrichtung und jetzt einer Technischen Universität. Die Studenten sind natürlich noch lange nicht wach. Mit Ausnahme derjenigen aus Übersee, die zum Semesteranfang noch mit dem Jetlag hadern.

Vielleicht ist das mit der Kohleförderung heute gar nicht so wichtig, weil sich die Windräder die ganze Nacht gedreht haben und aus jeder Steckdose der Strom quillt. Sehr gut für die Energie- und Umweltbilanz sind übrigens Menschen wie ich, die den ganzen Tag außer Haus statt vor dem dem Computer verbringen.

Als jemand, der nur theoretische Dinge wie Jura, Philosophie und Geschichte studiert hat, beneide ich Menschen, die Bergbauingenieure oder etwas ähnlich praktisches sind. Die können einfach irgendwo in der Welt aufschlagen und sagen: „Stellt mich ein, und ich grabe Euch eine Diamantmine.“ Oder ein Atommüllendlager. Vielleicht geht sogar beides in einem, natürlich sukzessiv.

In Kirgistan oder Guatemala braucht hingegen niemand einen deutschen Juristen, der über den Unterschied zwischen Hypothek und Grundschuld aufklären kann. Außerdem gibt es in Bolivien eine interessante Alternative, das anticrético. Aber man soll nicht schon vor Sonnenaufgang in das Kreditsicherungsrecht lateinamerikanischer Staaten abschweifen.

Erst als ich Freiberg schon hinter mir gelassen habe und über die mit Raureif gestrichenen Felder landstreiche, geht eine Sonne auf. Eine von über 100 Milliarden in unserer Galaxie. Und es gibt etwa 200 Milliarden Galaxien in dem uns bekannten Teil des Universums. Ich erwähne das nur, falls sich heute Morgen jemand besonders wichtig fühlt. Dazu besteht nämlich kein Anlass.

Über die Freiberger Mulde, so heißt der Fluss hier, führt eine römische Brücke. Aber die Römer waren nie hier, sehr zum Leidwesen des lokalen Genpools. Also muss sie aus der Renaissance stammen, da wurde viel von den Römern und Griechen kopiert.

Und tatsächlich informiert ein Schild, dass die Brücke in Conradsdorf im Jahre 1501 erbaut wurde und einen hölzernen Steg ersetzte.

„Ist ja auch logisch“, denke ich mir und erkenne zu meiner großen Freude, dass ich bereits hellwach bin. Denn 1501 wurde in Mitteleuropa ein enormes Hochwasser veranstaltet, das natürlich viele ältere Brücken weggespült hatte. Was die Brücken zerstört, ist übrigens meist nicht das Wasser, sondern das Treibgut. Früher waren es Baumstämme, heute sind es Autos. Auch deshalb haben sich im hochwasserbetroffenen Sachsen historisch die eher leicht gebauten Autos wie Trabant oder Wartburg durchgesetzt.

Alter Wanderer auf alter Brücke.

Neben der Brücke steht in der Gegend noch allerhand anderes altes Zeug herum, das sogar von der UNESCO als Welterbe „Montanregion Erzgebirge“ anerkannt, geschützt und gepriesen wurde. Dafür musste Dresden von der Liste weichen. Aber Dresden ist Landeshauptstadt und hat das Militärhistorische Museum, die bekommen genügend Besucher.

Ich weiß sowieso nicht, was so ein Welterbe-Status bringt. Mal ehrlich, wie viele von den 52 Welterbestätten in Deutschland habt Ihr schon gesehen? Und wie viele von den 1157 Stätten weltweit? Da kommt ja keiner mehr hinterher. Früher gab’s einfach sieben Weltwunder und Schluss war.

In Tuttendorf, Conradsdorf und Halsbrücke ist es gerade 8 Uhr. Die Menschen kratzen Eis von den Autofenstern und fahren zur Arbeit. Niemand denkt sich „Ach, schau an, ein Wandersmann! Der hat Recht, ihm tu ich’s gleich“, ruft im Büro an und nimmt sich frei. Dabei ist heute so ein schöner sonniger Tag, und die Arbeit kann auch bis nächste Woche warten. (Gilt nicht für Notärzte und Feuerwehrleute, sorry.)

Wenn ich an alten Alleen entlang spaziere, denke ich oft: „Wie schön, dass jemand vor 200 Jahren die Voraussicht hatte, eine Reihe von Bäumen zu pflanzen.“ Wer das macht, hat ja meist selbst nichts mehr davon. Erst die übernächsten Generationen genießen die Früchte, den Schatten und das Glücksgefühl.

Aber zwischen Conradsdorf und Falkenberg sieht man, dass diese vorausschauende Weisheit nicht nur eine Sache der tiefen Vergangenheit ist.

Von Falkenberg bis Naundorf verläuft der Weg entlang der Bobritzsch, die dem Wanderer eiskaltes Frischwasser zum Frühstück darbietet. Das ist der Vorteil der Deindustrialisierung: Niemand leitet mehr Schwermetalle, Wismut, Wermut oder andere übelschmeckende Substanzen in unschuldige Gewässer.

Na gut, ich laufe hier durch das Gebiet mit der höchsten radioaktiven Belastung in ganz Deutschland. Aber weil ich jetzt sowieso am Rande des Erzgebirges wohne und zuhause das Wasser aus der Leitung trinke, wird der kleine Schluck aus dem Fluss die Leber schon nicht zusätzlich stören.

Ein weiteres Erbe der Deindustrialisierung erkennt man unmittelbar am Wanderweg, denn dieser verläuft, wie jedes geübte Auge erkennt, auf einer alten Bahntrasse. Diese ganzen Schmalspurbahnen wurden in der DDR Anfang der 1970er Jahre stillgelegt, also in etwa zur gleichen Zeit wie in der BRD. Im Kampf gegen die Schiene und gegen den ländlichen Raum standen sich die beiden Systeme in nichts nach.

Nur gut, dass wir nach Süden spazieren. Denn im Norden der Bobritzsch würden so verlockende Burgen wie Bieberstein oder Reinsberg versuchen, uns vom eigentlichen Ziel und Zweck der Wanderung abzubringen.

Die nächste verlockende Ablenkung steht in Naundorf, wo ein Schild auf den Mittelpunkt Sachsens hinweist.

Auf den angeblichen Mittelpunkt, sollte ich ergänzen, denn natürlich gibt es diesbezüglich Streit. Das kenne ich ja zur Genüge von meiner Reise zum Mittelpunkt Europas. Von Estland bis Ungarn, von Frankreich bis in die Ukraine geht es da wild hin und her.

Den Mittelpunkt Sachsens mitzunehmen, als Bonusfolge zu dem vorgenannten Projekt, ist verlockend. Aber die Landkarte offenbart, dass es doch ein ziemlicher Umweg auf dem Weg nach Freital wäre. Und wenn man das einmal einreißen lässt, dann finde ich hier und da und dort noch allerhand Interessantes, und wir kommen heute nicht mehr ans Ziel.

Außerdem bin ich einfach vom ganzen Wesen her Europäer. So kleinteilige Bundesländergeografie ist nichts für mich. Da fahre ich doch lieber auf die Insel Saaremaa vor Estland oder besteige den tschechischen Tillenberg.

Den Jakobsweg muss ich jetzt verlassen, denn dieser Jakob ließ sich anscheinend auch viel zu leicht ablenken. Sein Pfad führt an jeder Kirche, jedem Kloster und jedem Dorf – und dort wahrscheinlich an jeder Kneipe – vorbei. Kein Wunder, dass er es nie bis an die ersehnte Atlantikküste geschafft hat, sondern sich schon vorher in Santiago de Compostella zum Sterben in die Kathedrale legen musste. Viele Jakobspilger wollen am Ende der Plackerei ihre Füße ins Meer halten, aber das ist ahistorisch und häretisch. Außerdem ist es nicht gut für die Fische.

Mich selbst interessieren Wälder tausendmal mehr als das Meer, und so biege ich in Naundorf in einen Wald ein, den ich nur einmal durchqueren muss. Eine alte Postmeilensäule gibt die Entfernung zum nächsten Ort mit 1,85 Meilen an. Das ist ein Klacks. Dafür muss ich nicht einmal eines der Postpferde bemühen.

Im Wald fühle ich mich wohl. Da geht’s mir richtig gut. Da lebe ich auf. Aber darüber schreiben kann ich nicht. Da stehen halt Bäume, und die sind grün. Mit Naturbeschreibungen und „Nature Writing“ kann ich nichts anfangen, selbst „Walden“ finde ich weitgehend öde. So Typen, die durch den Wald gehen und dann über raum-zeitliche Veränderungen der diskursiven Wahrnehmung intransparenter Materie aus spinozistischer Perspektive schwadronieren, die sind mir suspekt. Mir tut dann immer der Wald leid, der sich nicht gegen diesen Mumpitz wehren kann.

Aber zwei Dinge fallen mir auf:

Erstens, etwas unerwartet für den Weg vom Berg ins Tal, geht es immer bergauf. Den Mittelpunkt Sachsens habe ich erfolgreich ignoriert, dafür bin ich anscheinend auf direktem Weg zum höchsten Punkt Sachsens.

Zweitens, ich bin schon drei Stunden unterwegs und stecke noch immer im gleichen Wald, obwohl ich schnurstracks nach Osten und ganz sicher nicht im Kreis gelaufen bin. Das mit den 1,85 Meilen kann nicht stimmen. – Und da fällt mir ein, dass ich mich schon einmal über diese sächsischen Postmeilensäulen gewundert habe. Damals hat ein kenntnisreicher Leser (überhaupt ist die Leserschaft das Schlaueste an diesem Blog) zu erklären versucht, dass sächsische Postmeilen keine Meilen sind, sondern irgendeine Formel aus Stunden mal Pferdestärke, geteilt durch die Quadratwurzel des Alkoholisierungsgrades des Postkutschers oder so. Ich habe es nicht kapiert, ehrlich gesagt. Im Ergebnis entspricht eine sächsische Postmeile jedenfalls etwa 9 km. Die 1,85 Meilen nach Tharandt bedeuten also fast 17 km. Na super, dann kann das noch dauern.

Der Wald ist so enorm, wahrscheinlich der größte in Sachsen, dass ich immer wieder auf Hütten zum Übernachten treffe. Man soll diese Wildnis wohl gar nicht an einem einzigen Tag durchqueren können.

Irgendwann mehren sich die Wegweiser und Parkbänke. Auch ein Gedenkstein für Kaiser Wilhelm II. springt aus dem Gebüsch, wie ein Unhold aus grauer Vorzeit.

In Sachsen kenne ich mich noch nicht aus. Aber Mitteleuropa ist doch überall gleich, und ich glaube, ich weiß, was das bedeutet. Wo an jeder Weggabelung Hinweisschilder stehen und wo man alle paar hundert Meter die müden Knochen ausruhen kann, da liegt ein Kurort in der Luft.

Und tatsächlich. Der Kurort Hartha, ein kleiner nur, nicht zu vergleichen mit Baden-Baden oder Marienbad. Seine Blütezeit scheint vorüber zu sein, im Kurhaus finden schon lange keine Sportgymnastik und kein Bingo-Abend mehr statt. An einem Gartenzaun ruft ein Plakat zum Einkauf bei örtlichen Händlern auf. Links und rechts davon sind leere Ladengeschäfte zu vermieten.

Aber es ist nicht die Schuld des Kurortes Hartha, wenn die Krankenkassen und die Berufsgenossenschaften knausern und kaum mehr Kuren bezahlen. Ebenso wenig ist es dessen Schuld, dass es bei allen medizinischen Einrichtungen einen Personalmangel gibt, nicht zuletzt deshalb, weil die Anerkennung von ausländischen Berufs- und Bildungsabschlüssen so kompliziert ist. Manche Probleme machen wir uns wirklich selbst, aber dazu gleich mehr.

Dabei glaube ich, dass man hier gut gesunden und genesen kann, denn Hartha hat durchaus hübsche Ecken. Und die Umgebung ist sowieso wunderbar.

„Wenn Hartha ein Kurort ist, dann bin ich eine Universitätsstadt“, dachte sich Tharandt, der nächste Ort, trotzig.

5.500 Einwohner und die kleinste Universitätsstadt Deutschlands. Hier residiert – sehr stilvoll – die forstwissenschaftliche Fakultät der TU Dresden, mit einer mehr als 200-jährigen Geschichte vor Ort.

Bei der Forstwissenschaft könnte man, wie bei der Montanwissenschaft in Freiberg, denken: Das ist ein praktisches Studium, da findet man überall auf der Welt eine Arbeit.

Aber ich hatte mal einen Mandanten, der auf den Philippinen Forstwissenschaften studiert hatte. In Deutschland wurde dieser Abschluss nicht anerkannt, weil er keine Erfahrung mit deutschen Mischwäldern hatte. Man sagte ihm, er müsse große Teile des Studiums nachholen, wozu ihm das Geld und die Sprachkenntnisse fehlten. Für ein Studium benötigt man mindestens das Sprachniveau C1, was viele gebürtige Deutsche nicht schaffen. Dazu muss man nämlich Aufsätze über den Idealismus bei Schelling und Hegel analysieren, und zwar im zweiten Konditional Plusquamperfekt. (Wenn es wenigstens um Fichte ginge.) Dabei wollte der Mann einfach nur mit Bäumen arbeiten und Borkenkäfer bekämpfen, nicht deutsche Volkslieder deklamieren.

In den sächsischen Wäldern wurde übrigens die nachhaltige Forstwirtschaft – und überhaupt der Begriff der „Nachhaltigkeit“ – erfunden. Hans Carl von Carlowitz schrieb schon 1713 gegen den Raubbau an den Wäldern an und mahnte, dass die Menschen bereits die Ressourcen der nächsten Generationen verbrauchten. Das war nicht sehr populär. Die Menschen wollten nicht ihr Heizverhalten ändern oder auf die wöchentliche Hexenverbrennung verzichten, nur weil der kurfürstlich-sächsische Energieminister auf die Holznot hinwies. Sie wollten nicht, dass staatliche Inspektoren die Dämmung der Wohnstuben überprüften, sondern gingen jeden Montag auf die Straße, um gegen die „Forstscharlatane“ zu demonstrieren.

Die gleichen Diskussionen wie heute also.

Wenn Freunde von anderen Kontinenten nach Deutschland kommen, lege ich ihnen immer eindrücklich ans Herz, die Großstädte zu ignorieren und stattdessen mit dem Zug durchs Land zu fahren und irgendwo auszusteigen. Am besten in einer Kleinstadt, von der sie noch nie gehört haben, um sich überraschen zu lassen. Sie machen das natürlich nicht, weil nie jemand auf mich hört. (Eine wesentliche Ursache für all die Unbill auf der Welt.)

Tharandt wäre ein guter Ort dafür. Klein, aber oho. Imposante Burgen, verwunschene Schlösser, eine große Buchhandlung, und sogar der Asia-Imbiss geht auf das Jahr 1888 zurück.

Für mich ist klar: Hier muss ich noch einmal her! Schon allein wegen des Forstbotanischen Gartens, der allerdings nur noch bis zum 31. Oktober geöffnet ist. Also, nehmt Euch schnell frei, steigt in den Zug und genießt den Goldenen Oktober und den „Indian Summer“ in Ostdeutschland statt in New Hampshire.

Auf der B168 von Peitz nach Lieberose.

Von Tharandt nach Freital sind es nur mehr ein paar Kilometer. Der Wanderweg geht immer an der Wilden Weißeritz entlang, allerdings am Südufer. Dort gelangt am Nachmittag keine Sonne mehr in das tiefe Tal, und es ist ziemlich kühl.

Die steilen Hänge auf der Nordseite hingegen werden von der Sonne beschienen und locken den mutigen Wanderer. Gefahrenhinweise auf Steinschlag, herabfallende Äste, umfallende Bäume, freilaufende Bären und § 11 Absatz 2 Satz 1 des Sächsischen Waldgesetzes können mich nicht abhalten. (Obwohl das mit den Astbrüchen tatsächlich ein zunehmendes Problem ist. Wegen der Trockenheit merken die Bäume, dass sie nicht ausreichend Wasser bekommen und lassen einzelne Äste absterben. So kann selbst von einem gesund aussehenden Baum unvermittelt ein Ast herabfallen.)

Brüderweg heißt dieser Wanderweg, und wenn Ihr mal in der Gegend seid, gönnt Euch diese paar Stunden! Der Weg verläuft auf halber Höhe an einem steilen Hang, einst von mutigen Männern in den Stein gehauen, so wie die Abkürzung nach Hua Shan oder wie die Levadas auf den Azoren.

Auf der einen Seite geht es steil nach oben, von dort drohen der Steinschlag und meterdicke Buchen und Eichen. Auf der anderen Seite führt jeder Fehltritt in die Schlucht der Wilden Weißeritz.

Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen, versuche die knarzenden Bäume und die aus dem Abgrund schimmernden Knochen menschlicher Skelette zu ignorieren. Beruhigend rede ich mir ein, dass ich ein schönes Leben gehabt habe, so dass ich mich nicht grämen muss, wenn es jetzt und hier endet.

Plötzlich sagt jemand freundlich „Hallo!“

Auf einem Felsvorsprung steht eine Frau, so ein bisschen wie die Loreley. Bei auf Felsvorsprüngen stehenden Frauen denkt man ja immer gleich daran, dass sie sich hinabstürzen wollen, aber diese hier ist erkennbar frohen Mutes.

„Oh,“ sage ich verdattert, „auf diesem versteckten Pfad hätte ich wirklich nicht erwartet, jemanden anzutreffen.“

„Das ist mein Lieblingsweg“, erklärt sie. „Ich gehe ihn jeden Tag.“

Die Dame ist Künstlerin in Tharandt. Sie sei nicht die einzige, die dort malt, töpfert, zeichnet, fotografiert und ausstellt, sagt sie, und das Bild einer Künstlerkolonie passt zu dem flüchtigen, aber positiven ersten Eindruck, den ich gewonnen habe. Diese Künstlerinnen wissen wirklich, wo man gut leben kann. Und wenn man doch mal in die Großstadt will, ist man mit dem Zug in 12 Minuten in Dresden. So schnell schaffen es die meisten Dresdner nicht.

Nachdem diese Begegnung die Dramatik der Brüderweg-Erzählung zunichte gemacht hat, kann ich Euch jetzt genauso gut die Wahrheit sagen und zeigen: Wenn man nicht gerade betrunken ist, ist dieser Weg überhaupt nicht gefährlich. Ganz im Gegentum, es ist der schönste Abschnitt des ganzen Tages.

Am liebsten würde ich den ganzen Tag nur mehr auf diesem Weg hin und herlaufen, so wunderbar ist er. Aber irgendwann taucht Freital auf, und die Leserschaft giert es nach Industrieanlagen und Fabrikschloten. Na gut.

Wobei ich mir nicht sicher bin, ob aus dem Projekt Freital wirklich etwas geworden ist.

Der Tempel der Arbeit steht leer, hier wurde schon lange nicht mehr agitiert. Einen gemeinsamen Bahnhof haben die verschiedenen Ortsteile auch hundert Jahre nach der Zusammenlegung nicht hinbekommen. Immer wenn ich nach dem Bahnhof von Freital frage, bekomme ich die Gegenfrage: „Den von Deuben, Hainsberg oder Potschappel?“

Ich könnte der Sache auf dem Grund gehen. Aber ab dem Moment, in dem meine Füße vom Waldweg auf den Asphalt ein- und umgeschwenkt sind, ist mir die Müdigkeit in alle Knochen gefahren und die noch vor einer halben Stunde unbändig erscheinenden Energie entwichen. Welch Unterschied das doch macht, Wald oder Stadt!

Also nehme ich einfach den nächsten Zug nach Hause.

Jedenfalls werde ich Freiberg und Freital jetzt nicht mehr verwechseln. Also, wenn Ihr auch so ein Städtepaar habt, das Euch ständig verwirrt, ich empfehle einen Spaziergang! Von Arnstadt nach Arnstein. Von Moosburg nach Mosbach. Von Timbuktu nach Taekwondo.


Huch, das ist jetzt doch wieder ein bisschen länger geworden als geplant. So ist es halt, wenn man ein Notizbuch mitnimmt und aufschreibt, was einem durch den Kopf geht.

Aber bald wird es zu kalt, um draußen zu schreiben. Dann wird sich das Verhältnis von Fotos zu Text zu Gunsten des Visuellen ändern. – Außer ich trampe in den Süden, nach Baghdad oder so. Dann habt Ihr Pech, und es droht ein Gilgamesch-Epos.

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Wärmepumpe

Der Nachbar hat sich jetzt eine Wärmepumpe gekauft.

Das ist schon ein krasses Teil:

Ich selbst heize ja lieber weiter mit Katzen.

Außerdem möchte ich ganz bescheiden darauf hinweisen, dass ich bereits 2014 (!) die Aktion „Frieren für den Frieden“ vorgeschlagen habe. Um zwar bereits damals, um von russischem Öl und Gas unabhängiger zu werden. Tja, da hätte die Welt mal besser auf mich gehört.

(Das Foto entstand in Kladow während dieser Wanderung.)

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Hostel-Horror

To the English version of this article.

Zwei Wochen Israel, fünf verschiedene Hostels/Guesthouses, mit den unterschiedlichsten Erfahrungen. Beim letzten, dem Al-Yakhour-Hostel in Haifa, wird mir die Erkenntnis eingehämmert, und zwar buchstäblich eingehämmert, warum „Hostel“ auch der Titel eines Horrorfilms ist.

Dabei hatte es gut begonnen: ein schönes altes Templer-Haus mit großzügigen, hellen Räumen. Beste Lage in der Ben-Gurion-Straße unterhalb des Bahai-Tempels. Moderne und saubere Toiletten und Duschen. Eine große Küche. Sofas im Garten. Ein freundliches Willkommen der netten arabischen Jungs, die das Hostel erst vor einem Monat eröffnet haben. Und – die beste Hostel-Überraschung, die mir bei dieser Israel-Reise 2015 bereits mehrere Male zuteil geworden ist – ich bin allein im Vierbettzimmer. Ein Einzelzimmer zum viertelten Preis also. Noch wichtiger als die Sparfuchsfreude bedeutet das die Garantie auf eine Nacht, in der ich mal durchschlafen kann. Kein schnarchender Zimmergenosse, der mich stundenlang wachliegen lässt (so erlebt in Jerusalem und Tiberias), keine spätnachts zurückkehrenden und dies mit höchster Lautstärke ankündigenden Erasmus-Studenten (schlimme Erinnerungen an meine WG in Bari werden wach).

Al-Yakhour-Hostel Haifa

Aber ich habe die Rechnung ohne den Rundum-Service des Al-Yakhour-Hostels gemacht: Die Nichteinschlafgarantie ist im Preis inbegriffen. Von einem frühen Abendspaziergang nach Hause kommend, kann ich die versprochene Küche und den Aufenthaltsraum mit Bibliothek schon nicht mehr nutzen. Überall lungern andere Gäste, die jedoch offensichtlich nicht wie ich 31 $ pro Nacht zahlen, sondern die sich auf ihre Freundschaft, Bekanntschaft, Verwandtschaft, Verschwägerung oder (anbahnende) Beziehung zu den Betreibern des Hostels berufen. Ich werde entweder keines oder eines Was-will-der-Fremde-hier?-Blickes gewürdigt.

Der Aufenthaltsraum wird mit Girlanden verziert. Ein Geburtstag? Jahrestag der Nakba? Ein überlebtes Selbstmordattentat? Hoffentlich ein einmaliger Anlass und keine allabendliche Regelmäßigkeit.

Ich ziehe also wieder von dannen, suche mir eine Pizzabude. Den jungen Leuten gebe ich großzügig ein paar Stunden und komme erst kurz vor Mitternacht zurück.

Bei meiner Rückkehr ist das Hostel zur Disko abgestiegen. Jungs und Mädels tanzen, trinken, saufen, grölen, singen, und ein Laptop spielt arabische Dudelmusik so laut, dass man es noch im Libanon hört.

Wie soll ich da einschlafen? Vielleicht ist es mein Fehler, dass ich keine Ohrenstöpsel dabei habe, aber es würde nicht viel nützen. Lärm ist nämlich nicht die einzige Beeinträchtigung meiner Nachtruhe. Bei jedem Bass erzittert das Eisengestell meines Betts im Obergeschoss. Selbst wenn ich den Kopf unter dem zugegeben weichen Kissen vergrabe, lassen mich die höchstwahrscheinlich auch von der Erdbebenwarte gemessenen seismischen Bewegungen nicht an Schlaf denken.

Ich verstehe ja, dass Leute feiern wollen, – na gut, ehrlich gesagt verstehe ich es nicht, aber man muss tolerant gegenüber anderen Lebensentwürfen sein – aber wenn man Geld dafür verlangt, dass jemand ein Zimmer zum Schlafen (!) mietet, dann sollte man den Kunden nicht aktiv an der Erreichung dieses vertragsimmanenten Zweckes hindern.

Kurz vor 1 Uhr gehe ich deshalb demonstrativ in die Küche, um meine dort vorab deponierte Flasche Eistee abzuholen. Ich bleibe ein wenig stehen, gucke in die Runde (attraktive Mädchen), setze einen Blick zwischen verärgert, verwundert und vorwurfsvoll/verständnislos auf (man muss mich kennen, um ihn zu fürchten) und hoffe auf eine Reaktion, egal ob Entschuldigung, Erklärung, Einladung, Anerkenntnis meiner (zahlenden und damit das Gelage finanzierenden) Gegenwart oder – mein größter Wunsch – eine Verringerung der Lautstärke. Nichts von alledem. Lauter unhöfliche Schofel.

Ich verziehe mich auf das Zimmer und gebe die Hoffnung nicht auf, dass das letztgenannte meiner Ziele mit etwas zeitlicher Verzögerung eintreten wird. Stattdessen wird es lauter. Der Gesang der Besoffenen übertönt jetzt schon den des aus dem YouTube-Video stöhnenden Sängers.

Um 1:45 Uhr reicht’s mir. Entweder ich mache jetzt Schluss mit dem improvisierten Woodstock oder ich fertige aus dem Schlafentzug wenigstens eine Besprechung dieses Hostels. Diese beiden Ziele vor Augen gehe ich mit Notizbuch und Stift in die Küche, die gerade leer ist (alle sind im Diskoraum oder draußen), schenke mir ein Glas Jaffa-Orangensaft ein, setze mich an den großen Esstisch und beginne die Niederschrift dieser Zeilen.

Wer zum Kühlschrank will, muss vor meinen Augen vorbei, die sich jeweils mit dem oben beschriebenen, jetzt vielleicht noch ein bisschen ärgerlicheren Blick auf den Bierabholer richten. Bis der junge Betreiber des Hostels durch die Küche läuft, mich angrinst und „Hi“ sagt, wie wenn alles in Knoblauchbutter sei.

Mit betont finsterem Blick frage ich: „Es ist hoffentlich nicht jeden Tag so laut?“

In einem Ton, wie wenn er die Beschwerde nicht bemerkt hat, antwortet er: „Nein, nur am Freitag.“

Ich kläre den laut Eigenwerbung „kenntnisreichen Mitarbeiter“ auf, dass heute Donnerstag ist.

Und diese kalendarische Belehrung wirkt tatsächlich! Nach ein paar Minuten erlischt die Musik, und einzeln oder paarweise verabschieden sich die Gäste über die nächsten 45 Minuten. Sie müssen alle vor mir durch die Küche. Ein Junge sagt giftig: „Jetzt hast du es ruhig“, wie wenn der Wunsch eines zahlenden Gastes, nachts um 2 Uhr schlafen zu können, seine Jugend zerstört hat. Nur zwei Mädchen wünschen höflich „gute Nacht“, aber auch sie sehen mich an wie einen Spielverderber, einen Großvater oder einen komischen Kauz.

Allein sitze ich am Küchentisch mit mehr als zwei Dutzend leerer Flaschen Becks-Bier. Daneben liegt eine Broschüre über das palästinensische „Leben unter der Besatzung“. Die Ironie, dass ihre Volksgenossen im Gazastreifen nicht wegen Israel, sondern wegen der Hamas kein Bier trinken dürfen, entgeht den jungen Leuten wahrscheinlich völlig.

Al-Yakhour-Hostel Haifa beer bottles

Am nächsten Morgen ist die Musik schon wieder laut. Die kleine Schwester der großen Party von gestern ist in vollem Gange. Und nun ist wirklich Freitag, das wird also unerträglich heute Abend.

Aber da kommt Farid und entschuldigt sich aufrichtig. Für die verbleibenden Nächte quartiert er mich um in ein schallisoliertes Nebenhaus, das eigentlich für eine vom Raketenbeschuss traumatisierte Großfamilie gedacht ist und 130 $ pro Nacht kostet. Ich werde es für mich allein und für 31 $ pro Nacht haben. Und ich werde richtig gut schlafen.

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Herbstidylle für Fußballer

Fotografiert auf der Wanderung von Kremnica nach Kremnické Bane in der Slowakei.

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Was macht Max Scheler am Titicaca-See?

Als ich in einem Schulhof in Copacabana in Bolivien diese Wandmalerei sehe, stellen sich gleich ein ganzer Haufen von Fragen.

Max Scheler.JPG

1 – Wer war Max Scheler?

Der Name klingt verdächtig deutsch. Und wenn es ein Deutscher/Österreicher/Schweizer zu ausreichender Bekanntheit bringt, dass eine Schule in Bolivien sich nach ihm benennt, sollte ich ihn kennen, zumindest mal seinen Namen gehört haben.

Aber ich habe keine Ahnung. (Nicht zum ersten Mal.)

Von Wikipedia erfahre ich, dass Scheler ein deutscher Philosoph, Psychologe, Anthropologe und Soziologe war (1874-1928). Auf der Website der Max-Scheler-Gesellschaft findet sich das folgende Zitat von Hans-Georg Gadamer aus dem Jahr 1995,

Es ist sicher unglaublich. Aber wenn man heute einen für Philosophie interessierten jungen oder selbst einen älteren Menschen fragt – er weiß kaum, wer Scheler war.

aber das vermag mich nicht zu trösten. Immerhin habe ich Philosophie studiert. Vielleicht hätte ich das in Deutschland anstatt in Großbritannien tun sollen.

Außerdem schrieb Martin Heidegger, wenn auch schon 1928:

Max Scheler war – vom Ausmaß und der Art seiner Produktivität ganz abgesehen – die stärkste philosophische Kraft im heutigen Deutschland, nein, im heutigen Europa und sogar in der gegenwärtigen Philosophie überhaupt.

Und niemand geringerer als der spätere Papst Johannes Paul II. habilitierte sich 1953 mit der Arbeit „Beurteilung der Rekonstruktionsmöglichkeiten einer christlichen Ethik auf der Basis der Voraussetzungen des ethischen Systems von Max Scheler“.

2 – Wie kommt Max Scheler an diese Schule am Ufer des Titicaca-Sees?

Ganz ehrlich: Keine Ahnung.

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Scheler je den wunderschönen Ort gesehen hat, an dem sein Konterfei jetzt eine Schule ziert.

3- Warum ist Max Scheler in Südamerika bekannter als in Deutschland?

Eine kurze Recherche ergibt, dass es an mehreren Orten in Südamerika Max-Scheler-Schulen, -Gymnasien und -Kindergärten gibt. In Deutschland reichte es nur für die Max-Scheler-Straße in Köln und den Schelerweg in Dortmund.

Ich habe versucht, einen Zusammenhang zwischen Scheler und Bolivien oder zumindest Südamerika zu eruieren, aber bis auf die Verbeitung der Ideen Schelers (und anderer deutscher Denker) in Lateinamerika durch José Ortega y Gasset habe ich keinen feststellen können.

4 – Wieso wird auf einem Schulhof ein Mann mit Zigarette abgebildet?

Das weiß nur der Maler.

5 – Wann wird die Außenwand endlich mal wieder neu gestrichen?

Das fragt sich der Maler auch.

 – – –

Wissenslücken gehören zu den interessantesten Entdeckungen beim Reisen.

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