Oh, wie schön ist Panama!

Zumindest im deutschsprachigen Raum hat Panama durch Janosch eine ziemlich gute Publicity. Auch mich hat das Buch nachhaltig geprägt.

Selbst General Noriega und seine Drogendeals, der Schneider von Panama – ein schlechter Abklatsch von unserem Mann in Havanna – oder die dubiosen Briefkastenfirmen konnten das Image des mittelamerikanischen Staates nicht wirklich beschädigen.

Aber nun ist es so, dass Panama, dieses Sehnsuchtsziel seit Kindertagen, zwar über einen stolzen Kanal und sogar eine Eisenbahn durch das ganze Land verfügt, aber ohne teure Yacht, unerschwingliches Containerschiff oder umweltzerstörendes Flugzeug kaum zu erreichen ist.

Ich war mal in Kolumbien und dachte mir: „Ach, das ist ja nur ein kurzer Spaziergang durch den Dschungel.“

Schnell musste ich feststellen, dass das der undurchdringlichste Dschungel der Welt ist. Überall stößt man auf Skelette von Menschen, Pferden und Autos.

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Ich bin sehr stolz darauf, dass ich, obwohl ich ein professioneller Weltreisender bin, seit zweieinhalb Jahren nicht mehr geflogen bin. Schließlich kommt man auch mit der Eisenbahn ziemlich weit.

Und wenn man sich aus Umweltgründen das Fliegen abgewöhnt hat, merkt man erst, wie entspannend, ja regelrecht luxuriös die meisten alternativen Fortbewegungsmittel sind.

Nur bringt einen leider keines davon nach Panama. 😦

Deshalb war ich hoch erfreut, als ich jetzt in Ungarn, genauer gesagt in der Stadt Székesfehérvár, immerhin auf Klein-Panama gestoßen bin:

Na, das sieht doch fast genauso exotisch und ansprechend aus wie das Original, oder nicht?

Überhaupt finde ich es sehr löblich von der sozialistischen Stadtplanung, die Lücken zwischen den gemütlichen Wohnblocks abwechselnd mit Kneipen, kleinen Läden, Friseursalons, Blumengeschäften und Kinderspielplätzen zu füllen. So hat man alles, was man braucht, in fußläufiger Entfernung vom trauten Heim und muss für nichts davon ins Flugzeug oder ins Auto steigen und die Luft verpesten.

Die Kneipenbrüder von der Fassade sieht man übrigens auch noch in anderen Bars in Székesfehérvár herumhängen.

Bisher habe ich mich allerdings in keine der Spelunken getraut.

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Die größte römische Stadt, von der Ihr noch nie gehört habt: Gorsium

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Verloren stochere ich durch den Pusztanebel, irgendwo zwischen Balaton und Buda, zwischen Plattensee und Pest.

Hier eine überraschend romanische Kirche, da ein überraschend kommunistischer Stern auf dem Sowjetsoldatendenkmal, dort ein Fluss, in den hineinzustolpern ich im letzten Moment verhindern kann.

Und dann, als ich aus dem Dickicht trete, sehe ich, dass sich die Sonne langsam durch den Nebel kämpft. Und eine Stadt. Beziehungsweise Ruinen einer solchen, die zumindest heute Morgen unbewohnt zu sein scheinen. 

Der Nebel spürt, dass er verloren hat, dass ein kundiger Forscher, unserer reisender Reporter, der Nachfolger Indiana Jones’ ihm das Geheimnis an jenem Novembertag entreißen wird, und er verzieht sich so schnell, wie wenn er anderswo dringend gebraucht würde. Es wird von Minute zu Minute wärmer, sonniger, farbiger.

Und ich stehe da, greife mir an den Kopf und rufe immer wieder laut “Das gibt’s doch nicht!” Denn vor mir breitet sich eine Ruinenstadt aus, so groß, so weitflächig, so schön und vor allem so überraschend, hier, mitten im ländlichen Ungarn.

In meinem Geschichtsstudium versuche ich, die Antike so weiträumig zu umschiffen wie Magellan die Weltmeere. Aber ein paar Dinge bleiben halt doch hängen. Und weil die Inschriften auf den Dutzenden von Grabsteinen alle auf Lateinisch sind, tippe ich auf die Römer. 

Was viele nicht oder wenn, dann nur wegen meiner Artikel (Beispiel 1, Beispiel 2,  Beispiel 3) wissen, ist: Die Römer waren richtige Multikultis und nicht nur in Rom, sondern in ganz Europa, in Asien und in Nordafrika zuhause.

Dazu gehörte auch Pannonien, das im heutigen Ungarn liegt. Die Stadt, in die ich hier gestolpert bin, hieß Gorsium und später Herculia. Sie bestand vom 1. bis zum 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung und wurde von etlichen Kaisern besucht. Wenn sie früher auch nur annähernd so schön war wie jetzt, dann verstehe ich durchaus, dass Trajan (der mit der Säule), Caracalla (der Brutale), Hadrian (“Die Mauer muss her!”) und Septimius Severus (der aus Afrika war und deshalb heute am ungarischen Grenzzaun abgewiesen würde) den weiten Weg auf sich nahmen.

Ab dem 5. Jahrhundert verzogen sich die Römer, überließen die Steppe den Hunnen, und Gorsium-Herculia verfiel. Erst im 20. Jahrhundert begannen die Ausgrabungen, und vielleicht ist Gorsium auch deshalb weniger bekannt als Pompeji, Palmyra oder sogar Trier, weil es bis 1990 auf der falschen Seite des Eisernen Vorhangs lag. Noch immer gibt es zu dieser beeindruckenden Ruinenstadt keinen Wikipedia-Eintrag auf Deutsch oder auf Englisch. Selbst im “Neuen Pauly” hat Gorsium nur ein paar Zeilen abbekommen.

Aber ein Besuch lohnt sich! Auch für Leute, die überhaupt nichts von römischen Gräbern, Säulen und Tempeln verstehen. Die Ausgrabungsstätte ist wie ein weitläufiger Landschaftspark angelegt, mit goldgelbem Herbstlaub, mediterranen Bäumen und gemütlichen Bänken, wie geschaffen für eine Lese- und Zigarrenpause. 

Und es lohnt sich wohl auch, in ein paar Jahren erneut herzukommen. Denn angeblich sind bisher nur 7% von Gorsium ausgegraben.

Und, was war für Euch bisher der überraschendste Ort auf der Welt, an dem Ihr auf die römische Geschichte gestoßen seid?

Praktische Hinweise:

  • Gorsium ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, zumindest offiziell. Weil das Gelände offen ist, kann man ja eigentlich immer reinspazieren.
  • Der Eintrittspreis beträgt 1200 Forint (= 3 Euro), wobei mich die Damen an der Kasse kostenlos reingelassen haben. Aber das funktioniert wahrscheinlich nur, wenn Ihr so sympathisch seid wie ich.
  • Von/nach Székesfehérvár, der nächsten größeren Stadt, fährt jede Stunde ein Bus. Die Haltestelle ist im Dorf Tác. Von dort ist es ein kurzer Fußweg nach Gorsium. (Vorsicht: Ich bin einer von den Leuten, die eigentlich immer und überall sagen, dass es “nur ein kurzer Fußweg” ist.)
Das ist die Bushaltestelle, an der Ihr aussteigen müsst. Oder einsteigen, je nachdem.
  • Oder Ihr nehmt den Zug nach Szabadbattyán und entweder von dort den Bus oder den Fuß-/Fahrradweg am Fluß entlang. Ich bin von Szabadbattyán (am Bahnübergang) getrampt, und schon nach wenigen Minuten hat mich jemand mitgenommen. 
  • Der Tabakladen in Tác (nicht weit von der Bushaltestelle) hat sogar Zigarren. Perfekt für ein paar schöne Stunden in Gorsium! Im Gedenken an die armen Römer, die den Tabak noch nicht erfunden hatten und deshalb ausstarben.

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Heizen oder nicht Heizen?

Das ist die Frage, die sich derzeit auf der Nordhalbkugel fast alle Menschen stellen.

Auch diese Katze hatte dazu eine klare Meinung und wartete sehnsüchtig auf den Beginn der Heizperiode.

Als ich ihr erklärte, dass ich die Heizung so lange wie möglich deaktiviert lassen möchte, und zwar sowohl aus ökologischen, finanziellen wie geopolitischen Gründen (vor allem hier in Ungarn, das mehr, statt weniger russisches Gas einkauft), fand die Katze schnell eine Ersatzlösung.

Und von da war es nur mehr ein kleiner Schritt zur gemeinsam entwickelten Lösung, um uns gegenseitig warm zu halten, ohne den russischen Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren.

Also, jammert nicht über die hohen Gaspreise. Holt Euch einfach eine Katze!

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Warum ich kein Erbrecht mache

Wahrscheinlich kennt Ihr das aus dem Mathematik-Unterricht: Alles läuft gut. Das Lernen geht Euch locker von der Hand. Ihr dünkt Euch schon ein Genie. Und dann kommt das eine Teilgebiet, wo plötzlich alles blockiert und der Verstand aussetzt.

Bei manchen ist es die Kurvendiskussion. Bei anderen ist es die Differentialrechnung. Oder die Interpolation kubischer Splines. Oder die Stochastik, wobei das mein persönliches Lieblingsgebiet war. Mein Gehirn setzte hingegen aus bei der topologischen Funktionsanalysis inverser Vektorräume und grundsätzlich bei jeder etwas komplexen Dreidimensionalität.

Damit war klar, dass ich niemals Architekt oder Pilot werden würde. Und vielleicht auch, warum mich die Luftkampfszenen von „Top Gun“ vollkommen kalt ließen.

Noch immer kann ich mich wunderbar anhand von zweidimensionalen Landkarten oder in der Landschaft orientieren, aber wenn ich in einem mehrstöckigen Haus ein paar Treppen hoch und runter gehe, habe ich keine Ahnung mehr, wo Norden oder Süden ist. Diesen Sommer war ich in Berlin, und ein Freund lud mich in den Bundestag ein. Er führte mich durch so viele Gänge und Flure und Aufzüge und Treppenhäuser und Tunnels, ich war mir gar nicht mehr sicher, ob wir noch in Berlin waren.

Im Bergbau sollte ich also besser auch nicht arbeiten. Obwohl das Gymnasium durchaus versuchte, uns das Extraktionsgewerbe schmackhaft zu machen und eine Exkursion nach Garzweiler organisierte. (Das war ein paar Jahre vor „Fridays for Future“.)

Im Vollbesitz der Selbsterkenntnis um meine Stärken und Schwächen studierte ich stattdessen Jura. An einer der hässlichsten Universitäten Deutschlands. Und leider auch eine dreidimensionale Universität, weshalb ich mich oft verlief. Die Universität Regensburg ist besonders tückisch, weil viele Vorlesungssäle tief im atombombensicheren Keller liegen und genauso aussehen wie die Tiefgarage.

Das ist übrigens ein Farbfoto. Wirkliche Farbtupfer kamen erst später, mit der Mülltrennung und den farbcodierten Abfallbehältern. Und die Blutspritzer, wenn sich wieder ein Kommilitone vom Dach stürzte.

Aber das Studium an sich lief super. Noch einfacher als in der Schule. Schließlich tat ich weitestgehend das, was mir schon immer großen Spaß gemacht hat: Lesen und Diskutieren.

Und nie mehr Schwimmunterricht oder Chemie! (Ich kann, selbst wenn sie mir am helllichten Tag über den Weg laufen, noch immer kein Neutron von einem Proton unterscheiden. Und Schwimmbäder meide ich wie der Teufel das Weihwasser.)

Wie überall gab es auch in Jura Fächer, die mehr Freude bereiteten (Verfassungsrecht, Völkerrecht, Rechtsgeschichte, US-amerikanisches Recht), sowie jene, die weniger begeisterten (Immobiliarsachenrecht, Baurecht, Wasserrecht, obwohl letzteres mit dem zunehmenden Ausdürren Deutschlands durchaus noch interessant werden könnte). Und natürlich hing auch viel von den Professoren ab. So kann Zivilprozessrecht viel spannender sein als Strafrecht, wobei ich insbesondere die Irrtumslehre nicht missen möchte.

Aber richtig schwer war nichts davon.

Auch Erbrecht nicht. Ganz im Gegentum, das Erbrecht gehört zu den eher einfachen Rechtsgebieten, finde ich.

Es ist schön übersichtlich kodifiziert, in den §§ 1922-2385 unseres leicht verständlichen Bürgerlichen Gesetzbuches. (Nur für Bauernhöfe gilt in manchen Bundesländern ein Sondergesetz.) Nicht so wie das Arbeitsrecht, wo man hier und da und dort nach Rechtsquellen suchen muss, und das Bundesarbeitsgericht ständig etwas Neues erfindet.

Es gibt klare Formvorschriften, weshalb Ihr keinesfalls auf die Idee kommen solltet, Euer Testament auszudrucken (§ 2247 I BGB).

Aber dann kam, nachdem ich mich als Rechtsanwalt selbständig gemacht hatte, der Praxisschock: Ich verstand die Sachverhalte nicht, die die Mandanten vertrauenswürdig und hoffnungsvoll an mich herantrugen.

Und ich verstehe es noch heute nicht, wenn Menschen von ihren Basen, Schwippschwagern, Gevatterinnen, Muhmen, bifurkativ-kollateralen Verwandten der ersten aufsteigenden Ordnung und patrilinear-agnatischen Vettern dritten Grades sprechen. Dazu kommen noch eine Menge Halbgeschwister, angeheiratete Verwandte und allfällige Trusts, die einst aus Steuerspargründen auf den Cayman-Inseln gegründet wurden und von denen niemand mehr weiß, wem sie überhaupt gehören oder ob nicht schon die ganze Mischpoche dem Trust gehört. Außerdem verwendet jeder die entfernteren Verwandschaftsbezeichnungen auf andere Art und Weise, so dass die Mandanten oft von Verwandtschaftsverhältnissen ausgehen, wo gar keine erbrechtlich relevante Verwandtschaft besteht. Oder umgekehrt: Die Menschen glauben, die Verwandtschaft habe sich gelöst, weil man schon zehn Jahre lang keinen Kontakt mehr hat, weil die Tochter einen Ausländer geheiratet hat oder der Bruder die WhatsApp-Familiengruppe verlassen hat. Dazu kommen die Haustiere.

Alleine die tatsächlichen Verwandtschaftsverhältnisse zu eruieren, ist für mich genauso kompliziert wie dreidimensionale Mathematik. Ich sitze dann immer da und zeichne Linien und Pfeile, um irgendwas zu tun, aber eigentlich habe ich innerlich schon lange abgeschaltet.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich aus einer relativ kleinen und überschaubaren Familie komme.

Oder daran, dass man es im Erbrecht mit zwei eher unsympathischen Mandantengruppen zu tun hat: Denen, die Geld wie Heu haben, aber nicht davon lassen können. Und denen, die glauben, sie hätten Anspruch auf jemandes anderen Geld wie Heu. (Wobei, wie gesagt, im letzteren Fall höferechtliche Sonderregelungen greifen können.)

Die millionenschweren Alten (Fachbegriff: raffgierige Gruftis) haben oft sehr genaue Vorstellungen davon, wie ihre bemitleidenswerte Nachkommenschaft ihr Leben zu führen hat. Da soll dann der Sohn erst erben, wenn er Diplom-Ingenieur wird, aber nur falls er das elterliche Unternehmen weiter betreibt, ohne jedoch den Standort zu verlagern, den Betrieb zu schließen, Mitarbeiter zu entlassen oder das selbst entworfene Firmenlogo zu verändern. Und die Tochter soll erst erben, wenn sie geheiratet hat, aber nur einen Mann, der Arzt oder Rechtsanwalt ist oder zumindest aus dem Adel kommt, allerdings nicht von den Schwerin-Krosigks, denn das seien Kriegsverbrecher. (Wenn ich frage, ob eine gleichgeschlechtliche Ehe auch zählt, fallen die Eltern aus allen Wolken.) Und dann wollen sie noch eine Menge Anordnungen, was mit dem Haus, mit der Katze und dem Wochenendhaus am Gardasee passieren soll. Und, ganz wichtig, alle Enkelkinder müssen zweimal im Jahr das Grab besuchen und dort mindestens 15 Minuten in einträchtiger Stille und Ehrfurcht verbringen. Zu überprüfen vom Testamentsvollstrecker. Mit Stoppuhr.

Ich habe bei diesen Leuten immer das folgende Bild im Kopf:

Manche Leute können einfach nicht einsehen, dass irgendwann Schluss ist, und wollen ihr Testament dazu missbrauchen, auch nach dem Tod noch Macht und Einfluss auszuüben.

Überhaupt ist die Macht, die von Vermögen ausgeht, etwas äußerst Unangenehmes.

Bei Mandanten, die weit mehr als genug zum Leben haben, frage ich manchmal: „Wenn Sie wissen, wem sie was zukommen lassen wollen, wieso schenken Sie es denjenigen nicht einfach? Sie müssen damit nicht bis zum Tod warten.“

Manche scheinen ehrlich überrascht davon zu sein, dass man sich von Vermögen freiwillig trennen darf. Die haben ihr ganzes Leben so geschafft und gerafft, dass sie schon lange vergessen haben, wer im Verhältnis von Mensch und Materie eigentlich den Ton angeben sollte. Manchmal ist das Vermögen, und sei es nur ein hässliches Eigenheim, tatsächlich das, was diese Menschen als ihre „Lebensleistung“ betrachten. Sehr traurig.

Für mich hingegen ist es so: Wenn am Ende des Lebens noch Vermögen übrig ist, dann zeigt das, dass man zu viel gearbeitet oder zu wenig gelebt hat.

Jedenfalls hatte noch kein einziger Mandant eine gute Erklärung, warum er mit dem Verschenken lieber bis nach dem Tod wartet. Dabei kenne ich die Antwort: Die Alten nutzen ihr Eigentum, um sich noch Gefälligkeiten und Aufmerksamkeiten zu erpressen. Die haben Angst, vielleicht sogar berechtigte, ihre Aktienpakete frühzeitig aus der Hand zu geben und erkennen zu müssen, dass die bisherige heile Familienwelt nur geheuchelt war.

Die zweite Gruppe von Mandanten (Fachbegriff: raffgierige Gören) informiert mich gerne, dass sie Häuser, Firmenanteile und Aktiendepots erben wird und möchte wissen, wie sie davon möglichst wenig an die Allgemeinheit und an ihre Geschwister abgeben muss.

Ich muss dann zuerst einmal Illusionen zerstören: „Ich würde an Ihrer Stelle nicht so sicher davon ausgehen, dass Sie überhaupt etwas erben.“

Die Antwort kommt mit der Selbstsicherheit der von Lebenserfahrung oder Vorstellungsvermögen nicht übermäßig Geplagten: „Doch, doch, mein Vater hat das schon klar angedeutet.“

Dann muss ich als Jurist Dinge erklären, von denen man denkt, dass sie wirklich kein Studium der Rechtwissenschaft erfordern:

„Erstens, solange niemand stirbt, erbt überhaupt niemand. Zweitens ist es nicht gesagt, dass Ihre Eltern vor Ihnen sterben. Drittens wissen Sie nicht, ob von dem Vermögen in einem etwaigen Erbfall noch etwas übrig sein wird. [Gerade die Kosten für Pflege im Alter werden vollkommen unterschätzt.] Und viertens können bis zum Erbfall noch weitere Erbberechtigte hinzutreten, z.B. durch neue Kinder oder Wiederverheiratung. Und fünftens, vielleicht überlegen es sich Ihre Eltern noch anders und vermachen alles dem Tierschutzverein.“

Die Antwort ist meist ein erstauntes Schweigen. Es ist schockierend, wie linear sich die meisten Menschen Lebensabläufe vorstellen. Manche basieren darauf millionenschwere Entscheidungen, sogar Unternehmensnachfolgen, ohne auch nur ansatzweise an die Alternativverläufe zu denken. Und wenn man sie damit konfrontiert, durchaus in hilfsbereiter Absicht, wollen sie es nicht hören.

Viele dieser Mandanten gehen dann sofort nach Hause und vergiften ihre Eltern. Aber Strafrecht mache ich auch nicht. Aus anderen Gründen.

Die Gesellschaft wäre gesünder, gerechter und ehrlicher, wenn es gar kein Erbrecht oder zumindest eine viel höhere Erbschaftssteuer gäbe. Schließlich leiden wir in Deutschland mittlerweile unter einer Vermögensungleichheit, die krasser ist als im mittelalterlichen Feudalismus. Über das Erbrecht nimmt diese Ungleichheit mit jeder Generation zu, denn die Nachkommen der Reichen pressen den Nachkommen der Armen immer höhere Mieten aus den Rippen. Dabei gibt Art. 123 III 1 der Bayerischen Verfassung, des Kommunistischen Manifests unter den deutschen Landesverfassungen, dem Gesetzgeber auf: „Die Erbschaftssteuer dient auch dem Zwecke, die Ansammlung von Riesenvermögen in den Händen einzelner zu verhindern.“

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Eisenbahnreiseromantik

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Wenn ich von meinen Eisenbahnreisen um die Welt erzähle, von der Kanada-Durchquerung, der Fahrt im Orient-Express oder von der Fahrt fast bis zum Nordkap, dann glänzen die Leseraugen sehnsuchtsvoll. Manche tippen sogleich die Kündigung, um am nächsten Montag mit dem Vorortzug nicht in die Fabrik, sondern zu einer Zugreise um die Welt aufzubrechen. Andere hauen ihre ganzen Ersparnisse für das 49-Euro-Ticket auf den Kopf, um wenigstens einmal die Nord- oder den Bodensee zu erleben.

Aber dies ist ein realistischer Reiseblog. Deshalb möchte ich Euch nicht vorenthalten, dass eine Zugreise auch Momente umfasst, an denen Ihr an einem Oktobermorgen noch vor 6 Uhr am Bahnhof von Žiar nad Hronom in der Slowakei (deutscher Name des Ortes: Heiligenkreuz an der Gran) steht und auf den Zug nach Šurany (deutscher Name des Ortes: Schuran) sowie die aufgehende Sonne wartet.

Hier habe ich mal wieder gemerkt: Die Menschen, die am frühesten aufstehen, sind Eisenbahnbedienstete und Schüler. Und natürlich Reisende wie ich, die lieber früh aufbrechen, wenn sie dafür tagsüber bummeln und Pausen einlegen können.

Die Kombination aus Frühaufstehen, frischer Luft und niedrigen Temperaturen macht übrigens so richtig wach und frohgelaunt. Kann ich sehr empfehlen!

Und falls jemand zum Aufwachen unbedingt einen Kaffee braucht: Das Restaurant auf dem Bahnhofsvorplatz in Žiar nad Hronom hat natürlich auch schon um 6 Uhr geöffnet.

Die Eisenbahninfrastruktur ist in vielen Ländern Osteuropas nämlich um Längen besser als die in Deutschland. So lauten Öffnungszeiten der Fahrkartenschalter selbst an kleineren Stationen entweder „von 4 Uhr bis 23 Uhr“ oder zumindest „immer 30 Minuten vor Abfahrt eines Zuges“.

Und bei jeder Station, an der man vorbeifährt, tritt der Stationsvorsteher aus seinem schnuckeligen Heim, um den Zug, die Kollegen und die Passagiere zu begrüßen.

Ach, wie schön könnten wir es auch in Deutschland haben, wenn wir die volkseigene Bahn nicht jahrelang kaputtgespart hätten. Wenn wir dieses großartige Transportmittel, dessen Schienenstränge mehr zur Vereinigung unseres Vaterlandes beigetragen haben als Bismarck oder Helmut Kohl, nicht als Aktiengesellschaft, sondern als Einrichtung für alle Bürgerinnen und Bürger betrachten würden. In der Slowakei äußert sich diese menschenfreundliche Einstellung auch in der erschwinglichen Preisgestaltung (5 Euro für 100 km) mit kostenlosen Fahrten für Schüler, Studenten und Senioren (letzteres auch für EU-Bürger).

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Auf dem Dorf in Ungarn

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Einer der Aspekte, der mir am meisten am Housesitting gefällt, ist der Zufallsfaktor.

Manchmal werde ich in Großstädte wie Wien, Berlin oder Stockholm eingeladen. Orte, die jeder mindestens einmal im Leben besuchen möchte. Wo es eine Menge zu sehen gibt, mit einem reichhaltigen kulturellen Angebot, und wo man neue Leute kennenlernt. (Na gut, vielleicht nicht in Stockholm.) Städte, in denen sich niemand wundert, dass man dorthin fährt.

Aber genauso oft werde ich in kleine Dörfer eingeladen. Orte wie Oberstenfeld, Venta Micena oder Chastre. Gemeinden, von deren Existenz ich zuvor noch nie gehört hatte. Dörfer, die ich ansonsten niemals besucht hätte. Wo sich jeder fragt, was zum Henker ich dort mache.

Mir gefallen beide Katzegorien gleichermaßen, vor allem, wenn sie sich abwechseln.

“Das Wortspiel war zum Fremdschämen.”

Zuerst sauge ich das Großstadtleben auf, mit allem, was es zu bieten hat. Dann ziehe ich mich aufs Land zurück, wo ich den ganzen Tag im Garten sitze und lese.

Diesen Monat ist mal wieder Landleben angesagt, und zwar in Lepsény. Das ist in Ungarn.

Hier werde ich kaum etwas Berichtenswertes erleben. Nicht zuletzt, weil Ungarisch für mich eine undurchdringbare Sprache ist. Fast keines der Wörter hat irgendeine Ähnlichkeit mit einer der Sprachen, die ich kann oder zumindest kenne. (Dabei hatte Ungarisch ursprünglich viel mehr Lehnwörter aus dem Lateinischen und dem Deutschen. Aber im 18. und 19. Jahrhundert, dem Zeitalter des Nationalismus, erfanden ungarische Sprachwissenschaftler Zehntausende von neuen Wörtern, die jene ersetzen sollten, die auch nur im entferntesten fremdsprachig klangen. Dankeschön!) Wenn ich in den Supermarkt gehe, kann ich nur Sachen erwerben, die offen verkauft werden, oder auf deren Packung ein Bild prangt. Wie ein Analphabet. Heute brauchte ich zum Beispiel Milch, also musste ich nach einem Karton suchen, auf dem eine Kuh abgebildet war.

Statt Geschichten gibt es aber ein paar Fotos, so dass Ihr Euch das Leben in einem typischen ungarischen Dorf vorstellen könnt.

Mich stört es gar nicht, eine Zeitlang in einem Dorf zu verbringen, solange mir die Gastgeber ein Auto zur Verfügung lassen oder – noch besser – wenn der Ort über einen Bahnhof verfügt. Da ich in einem kleinen Dorf in Bayern mit miserabler ÖPNV-Anbindung aufgewachsen bin, erstarre ich jedes Mal in Ehrfurcht, wenn ähnlich kleine Dörfer mit einem Bahnhof gesegnet sind.

Lepsény, mit einer Bevölkerung von gerade einmal 3.000 Menschen, hat nicht nur einen Bahnhof. Es hat sogar, und das hat mich echt umgehauen, eine Direktverbindung nach Budapest, nach Zagreb und natürlich in eine Menge anderer hübscher Städte.

Außerdem kann ich von hier aus jederzeit zum Plattensee spazieren.

Links:

  • Mehr Artikel über Ungarn.
  • Mehr zum Housesitting. Nach Kiew ist das erst mein zweites Katzensitting in Osteuropa. Dabei würde ich gerne öfter diesen Teil der Welt besuchen. Nur so als Hinweis, falls jemand jemanden kennt, der/die jemanden sucht, um auf Haus und Hof und Tiere aufzupassen.
  • Und mehr Fotos.
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Vor hundert Jahren wurde König Ferdinand befördert – Oktober 1922: Großrumänien

To the English version.

In manchen Monaten drängt es sich geradezu auf, über das hundertjährige Jubiläum eines historischen Ereignisses zu schreiben. Im Oktober 1922 kam Benito Mussolini mit seinen Faschisten an die Macht in Italien. Genau 100 Jahre später wird in Italien eine Frau aus der Nachfolgepartei der Faschisten zur Ministerpräsidentin gewählt. Senatspräsident wird ein offener Mussolini-Verehrer. Das Grab des Diktators ist ein Pilgerort.

Aber erstens hatten wir Italien in dieser Reihe schon einmal, und zwar mit den Proto-Faschisten von Fiume. Zweitens habt Ihr das jetzt alle schon den ganzen Monat in den Zeitungen gelesen und im Radio gehört. Diese Reihe lässt jedoch das Naheliegende gerne links liegen und lenkt stattdessen den Blick auf die weniger ausgeleuchteten Ecken der Weltgeschichte.

Eines der vollkommen zu Unrecht übersehen Länder ist Rumänien. 

Das gibt mir endlich die Möglichkeit, diese Geschichtsreihe mit einem Reisebericht zu verknüpfen. Und in den letzten Monaten war ich nun einmal leider nicht in Bozen oder in Rom, dafür aber in Alba Iulia. Auf Deutsch heißt die Stadt Karlsburg, aber weil die Stadt mittlerweile unbestritten in Rumänien und nicht mehr in Österreich liegt, verwende ich im Folgenden den rumänischen Namen. Wir wollen ja nicht so sein wie die Ungarn, die für alle Städte, auf die sie irredentistische Ansprüche erheben, ihre unaussprechlichen ungarischen Namen, im Fall von Alba Iulia also Gyulafehérvár oder Károlyfehérvár oder Erdélyifehérvár, verwenden. Es ist jedes Mal eine Tortur, wenn ich in Ungarn ein Zugticket in eine Stadt in einem Nachbarland kaufen will, weil das Bahnpersonal auf der Verwendung des ungarischen Namens besteht. Wien heißt Bécs, aber wenn man es falsch ausspricht, landet man in Pécs. Eigentlich lebt der ganze ungarische Tourismussektor von Ausländern, die Ungarn nie mehr verlassen können, weil sie nicht wissen, dass Bratislava Pozsony und Neumarkt Marosvásárhely heißt.

Aber zurück nach Alba Iulia und damit gleich wieder nach Italien. Denn was steht in Alba Iulia?

Die Kapitolinische Wölfin mit dem kleinen Romulus und dem kleinen Remus!

Es ist nämlich so, dass Rumänien – etwas vereinfacht zusammengefasst – der eigentliche Nachfolger des Römischen Reiches ist. Hier ließen sich die Römer nieder, nachdem sie mit den Dakern erst gestritten, sich bald aber vertragen und verbrüdert hatten. Deshalb bildet Rumänien diese romanische Sprachinsel mitten in Osteuropa, und wer Italienisch oder Spanisch kann, wird überrascht davon sein, wie viel er oder sie in Rumänien verstehen oder zumindest lesen kann.

Das Ganze ist übrigens keine wilde Behauptung von mir oder von Rumänien, sondern wird auch von Italien so anerkannt. Die Wölfinnenstatuen, die vor fast jedem Rathaus in Rumänien stehen, sind nämlich Geschenke Italiens. Und zwar aus der Zeit Mussolinis! Frappierend, wie immer alles mit allem zusammenhängt, aber um das zu erklären, fehlt uns jetzt die Zeit.

Denn wir wollen uns auf den 15. Oktober 1922 fokussieren, an dem König Ferdinand I. zum König von Großrumänien gekrönt wurde. 

Dieser Ferdinand kam aus Sigmaringen und hieß deshalb Ferdinand von Hohenzollern-Sigmaringen. Nun wird sich jeder fragen, wie man so dämlich sein kann, freiwillig einen Hohenzollern-Prinzen zu seinem König zu wählen, insbesondere 1922, also nachdem die Hohenzollern ganz Europa in Schutt und Asche gelegt, Kriegsverbrechen und Völkermorde begangen und das deutsche Volk ausgeraubt hatten.

Diesen Fehler hätten die Rumänen 1922 natürlich nicht begangen.

Ferdinand war aber bereits seit 1914 König von Rumänien. Den Job hatte er geerbt von seinem Onkel Karl, der als Carol I. seit 1866 Fürst und seit 1881 König von Rumänien war und keine überlebenden Kinder hatte.

Dass neu entstandene Staaten einen Fürsten aus dem Ausland einluden, war nichts Ungewöhnliches. Im 19. Jahrhundert (und in Großbritannien bis heute) konnte man sich noch nicht so richtig vorstellen, wie man ohne König einen Staat macht. Also gingen Staaten wie Griechenland, Bulgarien, Finnland oder eben Rumänien auf die Suche nach einem Prinzen, am besten einem zweit- oder drittgeborenen, der sich zuhause keine Hoffnung auf die Thronfolge machen konnte. So jemanden wie Prinz Harry. Oder Ernst August von Hannover. Falls der nicht gerade im Gefängnis ist.

Die Rumänen fragten zuerst beim belgischen Königshaus an, dort hatte aber niemand Lust. Ein absoluter Glücksfall der Geschichte, wenn man bedenkt, wie Belgien beispielsweise den Kongo regiert hat. Wobei die Kolonialgeschichte Rumäniens auch nicht viel ruhmreicher ist.

Die Hohenzollern hingegen waren noch nie von zu wenig Selbst- und Sendungsbewusstsein geplagt, und so meldete sich Prinz Karl Eitel Friedrich Zephyrinus Ludwig von Hohenzollern-Sigmaringen für den Job. 

König Carol I. regierte mal recht, mal schlecht. Große Infrastrukturprojekte, Eisenbahnen, Donau-Brücken und eines der schönsten Königsschlösser der Welt, Schloss Peleș.

Aber auch ein paar Korruptionsskandale, die gewalttätige Niederschlagung des letzten Bauernaufstandes in Europa 1907 und, der größte Fehler, ein geheimes Militärbündnis mit Österreich-Ungarn.

Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, wollte König Carol I. mit Rumänien auf der Seite der Mittelmächte in den Krieg eintreten. Zum einen wegen des Geheimvertrages mit Österreich-Ungarn, zum anderen war der deutsche Kriegskaiser Wilhelm II. sein Cousin.

Aber Rumänien ist ein friedfertiges und ein frankophiles Land. (Wegen des gemeinsamen lateinischen Ursprungs fällt es Rumänen sehr leicht, Französisch zu lernen. Und wenn sie nach Paris kommen, denken sie: “Ach, das sieht ja fast so schick aus wie zuhause in Bukarest.” Weil die Westeuropäer aber den kulturellen Diskurs dominieren, nennt man Bukarest das “Paris des Ostens” anstatt umgekehrt.)

Die Rumänen hatten keine Lust auf Krieg, und schon gar nicht auf Krieg gegen Frankreich. Außerdem hatten sie keine allzu großen Sympathien für Österreich-Ungarn, weil die dort (hauptsächlich in Siebenbürgen) lebenden Rumänen unter der Magyarisierungspolitik litten. Also verweigerten sie den Kriegsdienst. Landesweit. Der deutschpreußische König war über diese Befehlsverweigerung so erzürnt, dass er im Oktober 1914, zwei Monate nach Kriegsbeginn, aus Protest verstarb.

Daraufhin wurde eben sein Neffe Ferdinand I. zum König von Rumänien. 

Der war jedoch mit einer britischen Frau verheiratet (die aus Gleichberechtigungsgründen ebenfalls zur Königin von Rumänien gekrönt worden war), so dass Krieg gegen Großbritannien eher schlecht für den Familienfrieden gewesen wäre.

König Ferdinand I. beugte sich also dem Volkswillen, blieb bis 1916 neutral und führte Rumänien dann auf Seiten der Entente in den Ersten Weltkrieg. 

Kaiser Wilhelm II. war darüber so wütend, dass er Ferdinand aus dem Familienstammbaum der Hohenzollern tilgen ließ, was letzteren wahrscheinlich ziemlich kalt ließ. Insbesondere als klar wurde, dass Deutschland und Österreich-Ungarn den Ersten Weltkrieg verlieren würden.

Um die Folgen jenes Krieges für Rumänien zu demonstrieren, sollte ich jetzt endlich mal eine Landkarte einfügen.

Das schweinchenrosa markierte Gebiet war Rumänien vor dem Ersten Weltkrieg, praktisch die Vereinigung der Fürstentümer Moldawien und Walachei. Das war das Gebiet, wovon Carol I. zuerst Fürst und dann König war.

All die fliederfarbenen Gebiete wollten nach dem Ersten Weltkrieg auch zu diesem sympathischen Land gehören: Siebenbürgen (das ist übrigens identisch mit Transsilvanien, auch wenn Ihr dabei immer an Vampire denkt), Teile des Banats, der Maramuresch, des Kreischgebiets und von Sathmar, der südliche Teil der Bukowina und Bessarabien (das ist die heutige Republik Moldawien/Moldau).

Plötzlich war Rumänien doppelt so groß wie vorher. Das kommt davon, wenn man im Weltkrieg auf der richtigen Seite steht und viele Fremdsprachen beherrscht, so dass man auf den Friedenskonferenzen in Versailles, Trianon und so weiter gut verhandeln konnte.

Apropos Trianon: Ich verbringe diesen Monat in Ungarn, und hier steht echt in jedem kleinen Dorf ein Mahnmal, das verlautbart, dass man diesen Vertrag auf keinen Fall, niemals und unter keinen Umständen anerkennen werde. Das Trianon-Trauma sitzt hier so tief bzw. wird von der Regierung beständig reaktiviert, dass ich dem mal einen gesonderten Artikel widmen muss.

Ferdinand I. war zwar bereits König von Rumänien, aber weil sich sein Arbeitsgebiet nun erheblich vergrößert hatte, fanden die Rumänen es nur fair, ihn zu fragen, ob er weiterhin König sein wolle. Schließlich sollte niemand gegen seinen Willen gezwungen werden, allabendlich Überstunden zu machen. Außerdem verlängerte sich ja auch der Weg für seine Dienstreisen mit der notorisch langsamen rumänischen Eisenbahn. Der König sagte: “Das schaffe ich schon”, und die Rumänen waren so glücklich darüber, dass sie sagten: “Dann machen wir aber noch einmal eine Krönung!”

Weil man dazu eine neue Krönungskathedrale bauen wollte, dauerte es bis zu jenem 15. Oktober 1922, als Ferdinand I. und Maria, König und Königin von Rumänien, erneut zum König und zur Königin von Rumänien gekrönt wurden. Ich finde das grundsätzlich gut. Manchmal muss man im Leben innehalten und sich fragen “Will ich das eigentlich noch?” anstatt gedankenlos Jahr für Jahr im gleichen Job weiterzuwursteln.

Und weil ich diesen Sommer in Alba Iulia war, kann ich Euch ein paar Fotos von der Krönungshalle und der Krönungskirche zeigen. In letzterer hängt noch immer die (wegen Großrumänien) überdimensionierte Krone von der Decke.

Ich gehe an heißen Tagen gerne in Kirchen, um mich auszuruhen. In der rumänisch-orthodoxen Kirche gibt es jedoch keine Sitzbänke. Zum Glück ist gleich daneben die römisch-katholische, also die ungarische Kirche. Denn die Ungarn (ebenso wie die Deutschen und andere ethnische Minderheiten) durften natürlich weiterhin in Siebenbürgen leben, auch wenn sie seit 1920 rumänische Staatsbürger waren. Man hört in diesem Landesteil beide Sprachen, und es gibt Städte, z.B. Târgu Mureș / Marosvásárhely, wo die Hälfte der Bevölkerung Ungarisch spricht. Und Landschaften wie das Szeklerland, wo 90% Ungarisch sprechen. Wichtig ist nur, wie hier in Alba Iulia, dass die ungarisch-katholische Kirche niemals höher ist als die rumänisch-orthodoxe.

“Unterstützen Sie nicht das Betteln!” steht groß am Ausgang der Krönungskirche. Das ist lustig, weil die orthodoxe Kirche die größte Bettlerin von allen ist. 

Aber wegen der Kirchen kommt man nicht nach Alba Iulia. Auch nicht wegen der Krönungshalle. Ja, nicht einmal wegen des sehr ausführlichen Museums. Nein, man kommt wegen der Festung, in der sich all diese Gebäude und überhaupt die gesamte Altstadt befinden. Eine riesige, siebeneckige Festung, die, um Streitigkeiten zwischen Rumänen und Ungarn zu vermeiden, von den Habsburgern erbaut wurde. Solche Festungsanlagen gab es früher viele, aber nur selten sind sie so gut erhalten und – weil sich die Neustadt in respektvollem Abstand etabliert hat – so deutlich erkennbar wie in Alba Iulia.

Ich breche zu einem Spaziergang auf. Einerseits ist es dumm, dies genau mittags in der größten Hitze zu tun. Andererseits, aber das kann ich noch nicht wissen, ist es gut, weil ich nur so vor Einbruch der Nacht zurück bin.

Die Umrundung der Zitadelle von Alba Iulia ist nämlich eine Herkulesaufgabe. (Wahrscheinlich musste deshalb Herkules nach diesem Spaziergang in das nahe gelegene Heilbad, das nach ihm benannt wurde.) Von der Ferne sieht man nicht, wie verwinkelt und weit die Wege sind, aber wenn man im Burggraben wandelt, dann machen einem die turmhohen Mauern klar, wie gefangen und verloren man ist.

Ich will den Architekten zugute halten, dass es darum ging, die Verteidigungsfähigkeit zu erhöhen, und nicht darum, harmlose Spaziergänger in den Tod zu führen. Aber man sollte zumindest Warnschilder aufstellen, dass eine Umrundung der Altstadt mehrere Stunden dauert. Der Weg verwinkelt sich nämlich immer wieder. Aus den sieben Ecken bilden sich Zwischenecken, Unterecken, Nebenecken, Seitenecken. Ich habe bald keine Ahnung mehr, wie weit ich schon bin. Zum Glück steht etwa jede Stunde ein Trinkwasserspender im ansonsten ziemlich ausgestorbenen Graben.

Diese Festung muss der größte Befestigungsbau der Welt sein. Oder knapp der zweitgrößte nach der Chinesischen Mauer. Aber nicht einmal da bin ich mir sicher, denn die Chinamauer ist nicht in so trickreiche Falten gelegt, die über ihre Länge optisch täuschen. Vor jeder Ecke schöpfe ich Hoffnung, danach die Treppe zu erspähen, über die man wieder in die Altstadt kommt. Aber hinter jeder Ecke wartet nur die Enttäuschung. Aber auch die Begeisterung über die schiere Größe und Unverwüstlichkeit dieses Bauwerks.

Ferdinand I. ging es mit Großrumänien ähnlich wie mit meinem Spaziergang. Auch er hatte sich zu viel vorgenommen und starb schon 1927 an Erschöpfung. Neuer König wurde sein damals 5-jähriger Enkelsohn Michael I., der ein ziemlich bewegtes Leben hatte: Als Kind schon König, dann vom eigenen Vater hinweggeputscht, erneute Ausrufung zum König während des Zweiten Weltkriegs, Diktatur, königlicher Staatsstreich gegen die Diktatur mit Seitenwechsel im Zweiten Weltkrieg (von Deutschland zu den Alliierten), Absetzung durch die Kommunisten, Exil, Rückkehr nach Rumänien nach dem Sturz Ceaușescus, Verhaftung, erneute Verbannung für fünf Jahre, erneute Rückkehr nach Rumänien. 

Die Geschichte Rumäniens ist so spannend und vielseitig, ich verstehe wirklich nicht, wieso sich kaum jemand dafür interessiert. Und wie Ihr an den Fotos seht: Eine oder besser mehrere Reisen ist das Land sowieso wert.

Mittlerweile ist Rumänien wieder ein bisschen kleiner geworden, weil sich die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg ein kleines Stück abzwackte, das jetzt als Moldawien unabhängig ist. Man spricht dort noch immer Rumänisch, auch wenn es Moldawisch heißt. Aber die einzigen Leute, die behaupten, dass es große Unterschiede zwischen den beiden gäbe, sind diejenigen, die noch nie im jeweils anderen Land gewesen sind. Ganz ehrlich, die Unterschiede zwischen Deutsch und Österreichisch sind größer.

In beiden Ländern sieht man auch immer wieder Graffiti, das die Zugehörigkeit Bessarabiens (die historische und geographische Bezeichnung für das Gebiet Moldawiens) zu Rumänien postuliert. Und manchmal marschieren diesbezügliche Forderungen von Chișinău nach Bukarest oder umgekehrt.

Sogar der moldawische Beitrag zum diesjährigen Eurovision Song Contest, „Trenulețul„, thematisiert eine Zugfahrt zwischen beiden Hauptstädten und spielt mit dem kaum merkbaren Unterschied zwischen beiden Ländern.

Ich habe auch einmal den Zug nach Moldawien (und weiter nach Transnistrien) genommen, und dort fahren tatsächlich so schöne alte Züge mit Wohnzimmerlook. Jeder Waggon hat einen eigenen Schaffner, der während der Fahrt an der Theke mit Blümchendecke gegen geringes Entgelt Frikadellen, Essiggurken und Wodka verkauft. Den Wodka braucht man, weil er gegen Plutonium hilft, und das wird in Transnistrien ziemlich viel geschmuggelt. (Deshalb habe ich relativ wenig Angst vor russischen Atomwaffen. Ich glaube, das meiste Plutonium wurde bereits heimlich verscherbelt.) 

Auf der Rückfahrt nahm ich den Bus, und der Busfahrer steckte jedem Passagier Schmuggelware zu. Weil niemand sonst aufmuckte, wollte ich nicht der Spielverderber sein und nahm ebenfalls eine große Flasche mit klarer Flüssigkeit sowie eine Stange Zigaretten unter meine Fittiche.

Die Vereinigung von Moldawien und Rumänien ist gar keine schlechte Idee. Auf jeden Fall wäre es der schnellste Weg für Moldawien in die EU. Sie müssten es nur so machen wie die DDR 1990 und einfach dem EU-Mitglied Rumänien beitreten. So geht das ganz ohne Mitgliedschaftsantrag, ohne langwierige Verhandlungen, schwuppdiwupp, von einem Tag auf den anderen.

Andererseits wären die Schmuggler dann arbeitslos.

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Bratislava – erster Eindruck

Auf der Reise nach Kremnica musste ich einen Zwischenstopp in Bratislava einlegen, war aber nicht in der Stimmung zum Schreiben.

Deshalb gibt es diesmal nur ein paar Fotos:

Ich hatte nicht viel Zeit. Nur ein langer Spaziergang am Nachmittag und ein kürzerer am nächsten Morgen. Aber es war genug, um zu merken, dass mir die Stadt sympathisch ist. Und von den vier Hauptstädten entlang der Donau – die anderen sind Wien, Budapest und Belgrad – ist es vielleicht die am Wenigsten prätentiöse.

Also, wenn jemand aus Bratislava mal einen Katzensitter benötigt, ich helfe gerne aus!

Praktische Hinweise:

  • Wenn Ihr am Bahnhof ankommt, könnt Ihr ein Tagesticket für die Zonen 100+101 oder eine „für das ganze Netz“ lösen. Weil ich nicht sicher war, wie weit raus ich mit der Straßenbahn fahren würde, kaufte ich letztere, was 6,90 € anstatt 4 € kostete. Es stellte sich heraus, dass die günstigere Variante für den gesamten Großraum Bratislava absolut ausreicht. (Die teurere war ein Tagesticket für die ganze Slowakei, was sich dann bei der Weiterfahrt als praktisch erwies.)

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Per Anhalter zum Fröhlichen Friedhof

To the English version.

Ich gehe gerne auf Friedhöfe. Sie sind oft ruhiger und gemütlicher als der Park. Manche sind künstlerisch wertvoll. Zudem lerne ich dabei ein bisschen über die örtliche Kultur und Geschichte.

In Rumänien wurde mir ein Friedhof empfohlen, der sogar amüsant sein soll: der fröhliche Friedhof von Săpânța.

Von Sighet aus sind es nur 20 km. Das sollte doch per Anhalter zu schaffen sein. Aber an der Abzweigung nach Satu Mare stehe ich 25 Minuten genauso erfolglos wie die Zeugen Jehovas auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Deprimierend. Wie gemacht für einen Tag auf dem Friedhof. Aber ich will noch nicht aufgeben. Stattdessen gehe ich ein paar hundert Meter weiter stadtauswärts, bis nach dem Krankenhaus, und versuche es erneut. Schon das dritte Auto hält.

Der Fahrer ist aus der Slowakei, lebt aber in der Maramureș. Oder er ist von hier, aber ethnisch Slowake. Das habe ich nicht so genau verstanden. Ich glaube, das ist hier auch nicht so wichtig, weil die Menschen noch immer in den Habsburgerregionen wie Ruthenien oder Wolhynien oder Galizien denken. Diese ganzen Nationalstaaten, die nach dem Ersten Weltkrieg gegründet wurden, das ist doch eine recht neumodische Sache.

Sehr neumodisch ist auch die übertrieben große und übertrieben deplatzierte Betonkirche in Sarasău.

Aber die Storchennester auf jedem zweiten oder dritten Strommasten bewahren den dörflichen Charakter auf der Strecke. Pro Nest tummeln sich drei oder vier Störche. Vielleicht sind die Vögel anderswo gefährdet, hier nicht. Und die Kinderbringervögel passen ja auch irgendwie zu einem Land, wo Abtreibung und Verhütung bis 1989 verboten waren und wo Kinderlose eine jährliche Strafsteuer in Höhe etwas eines Monatseinkommens bezahlen mussten.

Erinnert Ihr Euch an die Fotos von den überfüllten Waisenhäusern, die nach dem Sturz des Abtreibungsgegners Nicolae Ceaușescu kurzzeitig die Spendenscheckbücher der Welt erweichten? Tja, jetzt wisst Ihr, woher die ganzen Kinder kamen. Aber wozu so eine Politik führt, die Frauen zum Gebären zwingt, wird man ja bald wieder in Polen und in den USA beobachten können.

Der freundliche Fahrer muss zufällig zu einem Baustoffhandel in Săpânța, der gleich unterhalb des Friedhofs liegt. So ist das oft beim Trampen: Erst denkt man, dass gar niemand mehr hält. Dann kommt ein Fahrer, und bringt einen punktgenau ans Ziel. Ich glaube, das ist der erste Friedhof, für den ich an Souvenirständen und Imbissbuden vorbei muss und einen kleine Gebühr von 5 Lei (= 1 Euro) begleiche.

Dieser Friedhof ist deshalb so bekannt, weil hier jede(r) Verstorbene eine Holztafel mit einem persönlichen Bild und einem meist amüsanten Gedicht über sein/ihr Leben erhält.

Jetzt bereue ich, dass ich kein Rumänisch kann. Eine Weile kann ich zuhören, wie ein rumänischer Besucher seiner spanischen Ehefrau übersetzt, aber ich kann den beiden ja nicht ständig auf Schritt und Tritt folgen.

So bin ich, wie einst die Analphabeten vor den Fresken der moldawischen Klöster, auf die Bilderzählung angewiesen. Viele Schnitzereien scheinen sich um den Beruf der Protagonisten zu drehen. Ein Arzt mit Flugzeug bedeutet, dass er einst den Impfstoff ins Dorf brachte. Jäger, Holzfäller und Metzger werden bei der Arbeit gezeigt. Allerdings weiß ich nicht, warum bei einem Jäger die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei so prominent hervorgehoben wird.

Einige Schnitzereien beziehen sich auf die Art des Todes. Manche bieten regelrechte Kriminalfälle dar, von fahrlässiger Tötung im Straßenverkehr bis zur Selbstjustiz durch Kopfabhacken bei auf frischer Tat erwischten Viehdieben.

Jetzt müssen sich nur aus der Leserschaft die des Rumänisch Mächtigen melden, um die Limericks zu übersetzen. Mulțumesc!

Wahrscheinlich gibt es weltweit kein anderes Dorf, dessen Geschichte so detailliert dokumentiert ist. Eine Fundgrube für Ethnologen und Mikrohistoriker.

Die Kirche ist, wie Ihr seht, auch ziemlich putzig. Die Künstler, die deren Innenraum ganz ernst und konventionell ausgeschmückt haben, bekommen allerdings nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit und Anerkennung. Vielleicht hätte man das auch lieber Stan Ioan Pătraș machen lassen sollen.

Was bei all den auf den Gräbern abgebildeten Berufen leider fehlt, ist ein Kammerjäger. Denn genau zur Mittagszeit überfallen Schwärme von großen Insekten den Friedhof und das ganze Dorf.

Vor dieser biblischen Plage – ich glaube, es ist die dritte oder die vierte – fliehe ich in den nahen Wald. Wenn Ihr jemals in diesen Wald und dort zu diesem mysteriösen Tor kommt, so empfehle ich Euch, hindurch zu gehen und dem Pfad zu folgen.

So gelangt Ihr nämlich zum höchsten Holzturm der Welt. 75 Meter hoch ist der Kirchturm, der sich in einer für seine Konstruktion abgeholzten Lichtung im Wald präsentiert. Das neu errichtete Peri-Peri-Kloster daneben zeigt deutlich, welche Institution in Rumänien wahrlich nicht unter Geldmangel leidet.

Für den Rückweg stelle ich mich wieder an die Hauptstraße, und diesmal hält bereits das zweite auto. Der Fahrer nimmt mich gerne nach Sighet mit, will aber 10 Lei dafür. Das sind 2 Euro für 20 km, ein moderater Preis. In Osteuropa ist es nicht unüblich, dass Privatfahrzeuge Benzingeld nehmen. Dessen Höhe deckt sich normalerweise mit dem Preis eines Bustickets für die gleiche Strecke.

Und als die Frau auf dem Rücksitz auf halber Strecke aussteigt und dem Fahrer ebenfalls Geld zusteckt, merke ich, dass er das quasi beruflich macht. Mit den 10 Lei könne er sich sowieso nur einen Liter „petrol combustibil“ leisten, klagt er und deutet auf die Anzeige einer Tankstelle, die wir eben passieren. Er hat Recht. Dabei hat Rumänien sogar eigene Ölfelder, um die im Zweiten Weltkrieg heftig gekämpft wurde.

Das einzige, was mich grämt an dieser Art des Autostoppens, ist die Ökobilanz. Denn der Fahrer musste eigentlich gar nicht nach Sighet. Und zuhause wartet seine ukrainische Frau, mit der er zusammen eine Pension betreibt. Ob er damit meint, dass sie aus der Ukraine ist oder ob sie eine ethnische Ukrainerin aus Rumänien ist, das wird nicht klar. Aber wie oben schon ausgeführt, ist das eigentlich auch egal, weil die modernen Nationalstaaten, die es erst seit 100 bis 150 Jahren gibt, die grenzüberschreitende Karpaten-Identität noch lange nicht verdrängt haben. Aber dazu kann ich praktischerweise auf meinen kürzlichen Artikel verweisen.

Als ich in Sighet aussteige, merke ich, dass ich eigentlich nicht verstehe, wenn sich Menschen so viele Gedanken um ein Grab machen. Mir persönlich wäre es peinlich, mich so wichtig zu nehmen oder so wichtig genommen zu werden, egal ob geschnitzt, gemalt oder gedichtet. Nein, da lasse ich mich lieber irgendwo verscharren, wo mich niemand kennt.

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Das geheime jugoslawische Weltraumprogramm

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Nachdem mein Bruder und ich in Montenegro unverhofft und eher zufällig einen geheimen jugoslawischen U-Boot-Hafen entdeckt hatten (bitte lest jene Geschichte zuerst, sonst ergibt diese hier keinen Sinn), waren wir noch den ganzen Abend vollkommen begeistert und aus dem Häuschen. Wahrscheinlich tranken wir sogar ein Gläschen Rakija oder Amaro Montenegro. Beziehungsweise jeder ein halbes, denn wir sind ja vernünftige Jungs.

Am nächsten Abend traf ich mich mit einer montenegrinischen Freundin, der aus unerfindlichen Gründen noch nicht aufgefallen war, wie cool und abenteuerlustig ich bin. Also erzählte ich stolz, begeistert, ausgiebig und womöglich ausschmückend von unserem Abenteuer im U-Boot-Hafen, auf den Kriegsschiffen und im Visier der montenegrinischen Marinescharfschützen

Weil meine Vorstellung von romantischen Beziehungen allein auf James-Bond-Filmen basiert, dachte ich, dass sie sagen würde: „Oh, Andreas, du bist so ein Held! Aber wenn jetzt die Montenegrinische Marine hinter dir her ist, dann musst du untertauchen. Zum Glück habe ich eine Hütte in den Bergen, wo wir uns ein paar Jahre verstecken können.“

In Wirklichkeit sagte sie: „Ach, die U-Boot-Tunnel bei Luštica? Zu denen schwimme ich im Sommer manchmal raus.“ Und zwar in einem Ton, wie man eben erzählt, dass man auf dem Nachhauseweg zum Edeka gegangen ist, um Milch zu holen.

Ich war froh, dass Winter war, sonst hätte sie mich womöglich noch eingeladen und gemerkt, dass ich gar nicht schwimmen kann.

Und dann schlug sie vor: „Wenn dich solche Orte interessieren, solltest du mal den Militärflughafen bei Željava besuchen. Das war der größte unterirdische Luftwaffenstützpunkt der Welt.“

„Wie kann ein Flughafen unterirdisch sein?“ fragte ich, reichlich unerfahren in Flughafen- und anderen Dingen.

„Željava liegt in den Plješevica-Bergen. Die Start- und Landebahnen sind natürlich oberirdisch, aber die Hangars sind in den Berg gebaut. Und die Piloten können unterirdisch mit dem Start beginnen, um oberirdisch möglichst kurz am Boden zu sein.“ Das ist praktisch, wenn man feindlichen Raketenbeschuss fürchtet.

Željava ist die tatsächliche Grundlage für die fiktive feindliche Militärbasis tief in den Bergen in „Top Gun: Maverick“.

„Wir können da mal hinfahren, das ist ja mittlerweile alles verlassen. Allerdings liegt das Gebiet genau auf der Grenze zwischen Kroatien und Bosnien, deshalb ist alles vermint.“ Weil Kroatien etwas abweisend gegenüber Flüchtlingen ist, überwintern jetzt Hilfesuchende aus Afghanistan in diesen Betonbunkern. Von Zeit zu Zeit tritt einer von ihnen auf eine Landmine und explodiert. Immer wieder traurig, zu sehen, wie abweisend Länder gegenüber Flüchtenden sind, deren Bevölkerung vor wenigen Jahren selbst Schutz vor einem Krieg suchen musste.

Und dann sagte sie, ganz unvermittelt: „In dem Komplex in Željava war auch der Sitz des jugoslawischen Raumfahrtprogramms.“

Ich sagte gar nichts, aber man sah mir wohl an, dass die Existenz eines jugoslawischen Raumfahrtprogramms einen gewissen Neuigkeitswert für mich hatte. Wie für Euch wahrscheinlich auch.

Und so erfuhr ich, dass Jugoslawien das drittgrößte Raumfahrtprogramm nach den USA und der UdSSR hatte. Dass Jugoslawien aber Geld brauchte und sein Raumfahrtprogramm deshalb an die USA verkaufte. Dass den Familien der jugoslawischen Ingenieure gesagt wurde, dass ihre Väter, Ehemänner oder Söhne ums Leben gekommen wären, diese aber in Wirklichkeit nach Florida zogen. Und dass die NASA nur Dank jugoslawischer Technologie und Experten zum Mond fliegen konnte.

Falls ich es nicht glaubte, solle ich einfach nachsehen, welches Land die Astronauten von Apollo 11 nach ihrer Rückkehr als erstes besucht hatten. Genau: Jugoslawien. Und warum waren Tito und Kennedy so gute Freunde?

Allerdings gab es wohl ein Problem. Manche sagen, Jugoslawien hätte die Berechnungen geschönt, weshalb etliche Apollo-Missionen schon beim Start explodierten. Andere sagen, die CIA wäre gegen die Zusammenarbeit mit Jugoslawien gewesen, weshalb es kein Zufall sei, dass Kennedy einen Monat nach seinem letzten Treffen mit Tito erschossen worden sei. Manche sagen, dass die USA die bezahlten Milliarden von Jugoslawien zurückforderten, und dass genau dies zum Bankrott und damit zum Zerfall Jugoslawiens geführt hat. Andere dichten den USA, angeblich aus Rache über den Raketenbetrug, eine aktivere Rolle beim Ende Jugoslawiens an.

Jetzt wollt Ihr sicher mehr darüber wissen. Dann empfehle ich den Film „Houston, we have a Problem!“

Allerdings weiß ich nicht, wo der Film läuft. Anscheinend ist er im westlichen Interweb nirgendwo zu sehen. Das ist auch ziemlich verdächtig. Gut, dass ich ihn damals in Montenegro gesehen habe…

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