Eine Scheidung in den Schluchten des Balkans

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Die Mandantin möchte eine Scheidung.

Sie lebt seit mehr als 15 Jahren getrennt. Der Mann ist damals verschwunden, sie hat keinen Kontakt mehr. „Irgendwo in den Bergen des Balkans, Kosovo, Montenegro oder so. Den findet keiner“, sagt sie.

Außerdem sei er höchst gefährlich, irgendwas mit Bandenkrieg und Schusswaffen. Leichen pflastern den Lebensweg.

Ist klar, dass mich so etwas reizt.

Schon sehe ich mich die Gipfel des Durmitor erklimmen und die Tara-Schlucht durchschwimmen. Ich packe den Rucksack, freue mich auf Wochen des Durchfragens von Dorf zu Dorf, immer auf der Suche nach Herrn ….. und auf der Hut vor den Häschern der Heiducken.

Stromleitung

Aber, Due Diligence muss sein, vorher suche ich den Verschollenen im Internet.

Nach wenigen Minuten habe ich ihn gefunden. Ich schreibe ihm. Er ruft sofort zurück, wir unterhalten uns angenehm. Er stimmt der Scheidung natürlich zu, alles überhaupt kein Problem.

Eigentlich schade, dass es so einfach ging.

Außerdem hätte ich gerne das Gesicht des Kostenbeamten beim Amtsgericht Hoyerswerda gesehen, wenn ich bei der Abrechnung der Gebühren drei Wochen Balkan-Reise angeführt hätte.

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Deutschland auf Drogen: die Legalisierung von Cannabis

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Den Leserinnen und Lesern dieses Blogs wird aufgefallen sein, dass ich eher der konservativ-spießige Typ bin. Deshalb habe ich natürlich keinerlei Erfahrungen mit illegalen Drogen. Sogar die Dealer merken das stets mit Kennerblick, weshalb mir nur äußerst selten etwas von dem grässlich stinkenden Kraut angeboten wird. (Eigentlich nur während globaler Wirtschaftskrisen, wie in Kapitel 31 meines Berichts aus Lissabon.)

Ich kenne zwar nicht den Unterschied zwischen Cannabis, Marihuana, Haschisch und Bubatz, und weiß nicht, was davon man raucht, inhaliert, spritzt oder als Kekse futtert. Jedenfalls bin ich dagegen. Gegen alles.

Aber auch als konsequenter Rauschmittelgegner und als Freund des klaren Kopfes muss man irgendwann einsehen, dass der Kampf verloren ist. Man kann ja keinen dauerhaften Drogenkrieg gegen die eigene Bevölkerung führen.

Polizeikommissariat Buxtehude beim Einsatz gegen jugendliche Kiffer.

Außerdem erscheint es mir unverhältnismäßig, Menschen für etwas ins Gefängnis zu stecken, das weit weniger Tote verursacht als der Alkohol, der Straßenverkehr, bissige Hunde und – ironischerweise – der Krieg gegen die Drogen. Die begrenzte und teure Arbeitskapazität von Polizei, Staatsanwaltschaft, medizinischen Gutachtern, Rechtsanwälten, Gerichten und Strafvollzug könnte man wahrscheinlich sinnvoller einsetzen, als Haschisch-Hippies über die Hasenheide zu hetzen.

Die Drogenfahndung fällt in Berlin-Neukölln ein.

Kurzum: Nicht alles, was stinkt und stört, muss deshalb gleich strafbar sein.

Genau das hat sich unsere sympathische Bundesregierung gedacht, und deshalb nach dem Gute-Kita-Gesetz ein Gutes-Kiffen-Gesetz auf den Weg gebracht, das der Bundestag kürzlich als Cannabisgesetz verabschiedet hat.

Heraus kam, wie soll es anders sein in Deutschland, eine Zwischenlösung. Es darf mehr geraucht werden als bisher, aber natürlich nicht alles, nicht immer, nicht überall und nicht von jedem. Wir liegen also irgendwo zwischen Woodstock und Singapur.

Weil ich zwar keine Klage-, aber eine Fragewelle befürchte, will ich im Folgenden die wichtigsten Neuerungen zusammenfassen.

Bis zu einer Menge von 25 Gramm wird der Besitz von Cannabis legal. Weil ich selbst noch nie von dem Gras probiert habe, weiß ich gar nicht, ob das viel oder wenig ist. Ich bin ja eher schokoladensüchtig, und da halten 25 Gramm gerade mal für eine halbe Stunde her.

Allerdings gilt das nur für Erwachsene und nur zum Eigenkonsum. Kinder und Jugendliche müssen weiterhin auf Bier oder andere Alkoholika ausweichen. Eigenkonsum bedeutet, dass Ihr den Stoff nicht verkaufen, aber auch nicht verschenken oder teilen dürft. Insofern haben es die Cannabis- also besser als die Tabakraucher, denn letztere können schwer nein sagen, wenn sie um eine „hast du mal ne Fluppe?“ angehauen werden. Wenn jemand hingegen an Eurem Joint ziehen will, könnt Ihr ganz locker ablehnen: „Tut mir leid, Mann, aber das Gesetz erlaubt nur Eigenkonsum.“

Freunde oder Paare können dennoch gemeinsam mit einem Joint ausgehen, wenn sie diesen vorher in gemeinschaftliches Eigentum umgewidmet haben. Dann können sie ihn auch gemeinsam verkonsumieren. Allerdings darf dieser das Gewicht von 25 Gramm nicht übersteigen, weil sonst derjenige, der ihn bei sich trägt, gegen die Cannabisbesitzobergrenze verstieße.

„Dieses neue Cannabisgesetz macht ja richtig gute Laune!“

Weil der Kauf und Verkauf von Cannabis weiterhin verboten sind, stellt sich natürlich die Frage, woher das Zeug kommen soll. Da setzt Deutschland, wie es sich für ein Volk von Forstwissenschaftlern und Kleingärtnern gehört, auf den Eigenanbau.

Erwachsenen mit Wohnsitz oder gewöhnlichem Aufenthalt in Deutschland ist, wenn sie diesen seit mindestens 6 Monaten innehaben, die artgerechte Haltung von drei Cannabispflanzen in der Wohnung gestattet. Diese drei Pflanzen dürfen zusätzlich zu den 25 Gramm gehalten werden, solange sie ungeerntet bleiben oder der aus der Ernte erzielte Cannabisertrag weitere 25 Gramm nicht übersteigt. Es bietet sich also die gute alte Dreifelderwirtschaft an, so dass die drei Pflanzen zu unterschiedlichen Zeiten erntebereit sind. Wichtig ist aber, dass von keiner einzelnen Pflanze jemals mehr als 25 Gramm abgeerntet werden dürfen.

Da diese drei Pflanzen je erwachsener Person im Haushalt gelten (wenn diese seit mindestens 6 Monaten dort lebt), können Paare oder Wohngemeinschaften natürlich mehr Pflanzen züchten, wobei eine klare Zuordnung von jeder Pflanze zu einer bestimmten Person wichtig ist.

Wie das Foto insinuiert, nehme ich an, dass demnächst viele Menschen an ihre bisher vernachlässigten Großeltern und andere entfernte Verwandte denken werden: „Oma, du hattest doch immer so einen grünen Daumen! Kann ich bei dir diese Pflanzen unterstellen?“ Diese unerwarteten gesellschaftlichen Nebenwirkungen sind für mich immer das Interessanteste an neuen Gesetzen.

Wenn Kinder oder Jugendliche im Haus sind, müssen die Pflanzen jedoch in Räumen aufbewahrt werden, zu denen die kleinen Racker keinen Zutritt haben. Weil die Vorschriften zur artgerechten Haltung jedoch erfordern, dass die Pflanzen dem Sonnenlicht ausgesetzt sind und deshalb mit Blick auf ein (alle zwei Monate zu putzendes) Fenster nach Süden, Südosten oder Südwesten ausgerichtet sind, wird man sich in der Praxis, insbesondere bei kleinen Wohnungen, oft entscheiden müssen: Kinder oder Kiffen. Ich prognostiziere einen Geburtenrückgang.

Gefährlich wird es zudem, wenn ein Elternteil verstirbt. Denn dann erben im Normalfall der Partner und die Kinder. Nach dem Grundsatz der Universalsukzession geht das Erbe im Moment des Todes unmittelbar auf die Erben über, ohne weiteren Gestaltungsakt, ohne Notwendigkeit der Zustimmung. Und, schwupp, sind die Kinder Eigentümer einer Drogenplantage. Bei Kindern unter 14 ist das Problem gering, denn die sind noch nicht strafmündig. Aber Teenager stehen schon mit einem Bein im Knast.

„Ihr müsst noch ein bisschen wachsen, bis Ihr groß genug seid für den elektrischen Stuhl.“

Vorsicht ist auch beim Aus- oder Umzug angebracht: Weil man in der Öffentlichkeit nicht mehr als 25 Gramm Cannabis bei sich führen darf, kann man eigentlich kaum mit drei trächtigen Pflanzen gleichzeitig umziehen. Verschenken darf man sie aber auch nicht, weil das kein Eigenkonsum wäre. Man muss also sukzessive umziehen oder die Pflanzen vernichten. (Ich kenne das nur von anderen Pflanzen, aber soweit ich es ausprobiert habe, geht das, indem man sie mehrere Wochen lang nicht gießt.)

Jetzt wollen natürlich alle wissen: Woher bekommt man die Samen oder Stecklinge für den Eigenanbau? Die kann man zum einen bestellen, sogar übers Internet, allerdings nur aus EU-Mitgliedsstaaten. Außerdem kann man, auch als Nichtmitglied, zu einer sogenannten Anbauvereinigung, gehen und dort bis zu sieben Cannabissamen oder bis zu fünf Stecklinge, insgesamt jedoch maximal fünf Samen und/oder Stecklinge, von denen maximal drei zu vollwertigen Pflanzen heranreifen dürfen, erwerben.

Und damit sind wir schon bei den Anbauvereinigungen. Das ist eine Form der landwirtschaftlichen Genossenschaft, die zumindest für die Ostdeutschen unter uns gar nicht so neu ist. Volkstümlich werden diese Vereine wahrscheinlich eher als Cannabis-Clubs bekannt werden.

Bisher waren die vorgestellten Regelungen ja ziemlich locker-fluffig-liberal, fast schon anarchistisch. Aber bei den Cannabis-Clubs kommt das Vereinsrecht ins Spiel, und da ist Schluss mit lustig. Die Anbauvereinigungen dürfen nur als nicht-gewerbliche Vereine oder Genossenschaften betrieben werden, müssen eingetragen sein und benötigen eine behördliche Erlaubnis zum Cannabis-Anbau. Die Vereine dürfen höchstens 500 Mitglieder haben, die allesamt volljährig und seit mindestens 6 Monaten ihren Wohnsitz in Deutschland haben müssen. Sie dürfen das Cannabis ausschließlich an ihre Mitglieder abgeben, die die Gärtnerei auch selbst und eigenhändig, jedoch kollektiv übernehmen müssen.

Gründungsversammlung einer Anbauvereinigung

Jedes Mitglied darf aus diesem kollektiven Anbau pro Tag nicht mehr als 25 Gramm und pro Monat nicht mehr als 50 Gramm Cannabis beziehen. Mitglieder zwischen 18 und 21 Jahren dürfen pro Monat nur 30 Gramm erhalten, allerdings nur bis zu einem THC-Gehalt von 10%. Wenn ein Mitglied im Laufe eines Monats 18 oder 21 Jahre alt wird, so wird die monatliche Bezugshöchstmenge im Verhältnis des Quotienten zwischen Alter, Anzahl der Tage im betreffenden Monat und 30 bzw. 50 Gramm angepasst. Bei Mitgliedern, deren Geburtsort mehr als sechs Zeitzonen östlich der Mitteleuropäischen Zeit liegt, wird der Geburtstag nicht mitgerechnet.

Außerdem benötigen die Vereine ein Jugendschutzkonzept (obwohl sie keine jugendlichen Mitglieder aufnehmen dürfen), einen Präventionsbeauftragten, ausschließlich nicht vorbestrafte Vorstandsmitglieder, einen mindestens 2,24 Meter (bzw. im Saarland 1,78 Meter) hohen und blickundurchlässigen Zaun um die Plantage, ein Abwasserschutzkonzept, ein Sicherheitskonzept, einen Lieferkettenbeauftragten, ein Vereinsheim, eine Fahne und einen peinlichen Namen wie „Kiffhäuser“, „Highmatverein“ oder „Hanf im Glück“.

Gewerbeaufsichtsamt Dinkelsbühl bei der Kontrolle einer Anbauvereinigung

Das Areal zum Anbau muss einen Abstand von mindestens 200 Metern zu Schulen, Kindergärten, Spielplätzen, Krankenhäusern u.s.w. haben. Lost-Places-Experten wie ich sind derzeit sehr gefragt, um geeignete Areale wie alte Fabrikhallen aufzutreiben. Ich erwarte hier insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern einen enormen Boom, aber ganz generell eine Stärkung des ländlichen Raums.

Auf dem Gelände der Cannabis-Clubs darf übrigens kein Cannabis konsumiert werden. Das wäre ja noch schöner. Außerdem darf dort, anders als im Bundestag, kein Alkohol ausgeschenkt werden.

Ach ja, die wichtigste Frage hätte ich fast vergessen: Wo darf man die 25 Gramm eigentlich rauchen? Zum einen natürlich zuhause. Aber nur, wenn keine Kinder oder Jugendlichen in der Nähe sind. Auch nicht, wenn Kinder oder Jugendliche zusehen könnten, z.B. aus dem Nachbarhaus, von der Straße oder vom vorbeifahrenden Zug aus.

Dafür darf in der Öffentlichkeit frei gekifft werden. Man muss lediglich einen Abstand von 100 Metern zu Schulen, Kindergärten, Spielplätzen, Kinder- und Jugendeinrichtungen, Sportstätten, Kirchen und Kasernen einhalten. In der Fußgängerzone darf erst ab 20 Uhr, aber dann bis 6:59 Uhr gekifft werden.

Zu den Abständen gibt es eine interaktive Karte, in der Ihr Euren Wohnort auf Drogentauglichkeit testen könnt. Man ist überrascht, wie viele Kindergärten und Spielplätze es in der Nachbarschaft gibt, die einem vorher noch gar nicht aufgefallen waren.

Ich habe das mal für meine Wohnung in Chemnitz getestet. Die roten Zonen sind Verbotszonen. Man erkennt hier den Vorteil, in Waldnähe zu wohnen. Würde mich nicht wundern, wenn ich demnächst im Zeisigwald mehr Menschen als bisher begegne.

Zum Vergleich habe ich auch nach dem Dorf gesehen, in dem ich aufgewachsen bin. Der Unterschied ist eklatant und verdeutlicht die Vorteile des ländlichen Raums.

Für die Berliner würde sich das wunderschöne Müggelheim anbieten.

Allerdings ist zu berücksichtigen, dass diese Karten mit automatisch generiertem Material arbeiten, also viele Kinder- und Jugendeinrichtungen und auch Sportstätten übersehen. Am sichersten seid Ihr echt in der Natur. Außer, es kommt gerade eine Schulklasse vorbei. Oder ein Schulbus.

Grundsätzlich sind an Schultagen von 6:30 bis 8:30 und von 12:15 bis 16:30 Uhr auch alle Bushaltestellen, wo Schulbusse halten, cannabisfrei zu halten. Außer in den Schulferien. Wenn die Schule ausfällt, z.B. wegen Hochwasser, entfällt der Kinder-Cannabis-Schutz nur, wenn der Schulausfall mindestens 24 Stunden vorher kommuniziert wurde, weil andernfalls nicht auszuschließen ist, dass ein Kind nicht mitbekommen hat, dass die Schule ausfällt, und dennoch an der Haltestelle steht. Zu Schulzeiten ist deshalb auch der Cannabiskonsum im Auto verboten, solange man auf einer Strecke fährt, die auch von Schulbussen frequentiert wird. Außer man hat getönte Scheiben. In Thüringen ist der 20. September als Weltkindertag und gesetzlicher Feiertag rauchfrei. Sonderregelungen gelten zudem in den norddeutschen Bundesländern bei Windstärken von mehr als 6 Beaufort. Dann wird die 100-Meter-Zone der Windrichtung angepasst. Bei Westwind wird sie z.B. um 20 Meter pro Beaufort-Punkt nach Osten verschoben. Ferienorte, Kurorte, kirchliche Einrichtungen, selbständige Körperschaften des öffentlichen Rechts, Universitäten, nicht als Kirchen anerkannte Glaubensgemeinschaften, NATO-Truppenübungsplätze, das Deutsche Patent- und Markenamt, Botschaften, Konsulate, Handwerkskammern, Deichverbände, Skilifte und die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes können eigene Richtlinien erlassen, die sich jedoch (außer bei Bundesbehörden oder ausländischen, supranationalen und internationalen Einrichtungen) an die Verwaltungsvorschriften des jeweiligen Bundeslandes halten müssen. In Gebieten mit erhöhter Radonbelastung im Boden und in ehemaligen Uranabbaugebieten, beides vor allem im Erzgebirge relevant, darf erst ab dem 2. Stock aufwärts geraucht werden.

Was meiner Meinung nach nicht ausreichend geklärt ist: Wie ist es im Grenzgebiet, wenn im Bundesgebiet in einem Radius von 100 Metern keine verbotene Einrichtung besteht, aber in weniger als 100 Metern Entfernung auf der polnischen, belgischen oder tschechischen Seite ein Kindergarten oder ein Spielplatz ist?

Jedenfalls wird das Kiffen jetzt richtig spießig und bürokratisch. Ich selbst bleibe daher beim Tabak, wo man sich auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum „Rauchen im Walde“ berufen kann. Dies gehöre demnach, entgegen der Meinung der Gebrüder Grimm, zum Schutzbereich der freien Entfaltung der Persönlichkeit nach Art. 2 I GG.

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Ein Blinder zeigt mir den Weg

Böse Zungen, insbesondere solche aus anderen Städten, die das Ergebnis zur Wahl der Europäischen Kulturhauptstadt 2025 noch immer nicht verwunden haben, behaupten oft, Chemnitz sei die größte Stadt in Deutschland ohne Anbindung an den Schienenfernverkehr.

Ganz abgesehen davon, dass es schon Europäische Kulturhauptstädte gab, die gar keinen Eisenbahnanschluss haben, stimmt es einfach nicht. Zum einen kommt man natürlich auch von Chemnitz mit ein oder zwei Umstiegen fast an jeden Bahnhof Europas oder Asiens. Zum anderen fahren jeden Tag Intercity-Züge von Chemnitz nach Warnemünde. Und weil die ostdeutschen Bundesländer ein Herz für Bahnfahrer:innen haben, legen sie eine Extraschippe Kohle drauf, so dass man die Schnellzüge sogar mit dem Deutschlandticket nutzen kann.

Warnemünde liegt an der Ostsee, und der Zug ist voll mit Reisenden, die sich auf den Strand freuen. Riesige Koffer haben sie gepackt, mit Badesachen und Bikinis, Taschenbüchern und Taucherbrillen. Die Kinder rennen wie von der Tarantel oder vom Seestern gestochen durch den Zug. Der Schaffner bringt Cappuccinos und Coca-Colas an den Platz. Man ist irgendwo zwischen Elsterwerda und Doberlug-Kirchhain, aber die Gedanken schwelgen bereits auf der Fähre nach Finnland oder am Frühstücksbuffet im FDGB-Ferienheim.

Ein älterer Mann ist erkennbar blind. Weißer Stock, drei Punkte, aber sympathisch. „Offener Blick“ würde ich schreiben, aber das ist ja irgendwie unpassend bei einem Blinden.

Er sitzt gegenüber zwei Jugendlichen, die zwar noch ihre Sehkraft, aber dafür keinen Blick für nichts haben. Zumindest nicht für ihre Mitmenschen. Jeder von ihnen trägt einen riesigen Kopfhörer und taucht ab in ferne Hip-Hop-Welten, oder was immer die Jugend von heute so hört. Aber ich will nicht vorschnell urteilen, vielleicht sind es Studenten und sie lauschen aufmerksam dem jüngsten Vortrag von Professor Heisenberg oder einer Vorlesung über die Geschichte des Rassismus. Oder sie lernen Fremdsprachen, das soll ja sinnvoll sein. Außer Uigurisch, dafür kommt man ins Umerziehungslager.

Weil ich keine konversationshemmenden Kopfhörer trage, spricht mich ein junger Mann an.

„Chemnitz?“ fragt er.

„Ja, ich komme aus Chemnitz“, bestätige ich und erzähle, dass ich zwar ursprünglich nicht von dort, sondern aus Bayern komme, dass ich aber, nach Jahren der Wanderschaft, mich im vergangenen Jahr in Chemnitz niedergelassen habe, dass es mir dort super gefalle, und zähle einzeln, detailliert und umfangreich – aber nicht abschließend – einige der Gründe auf, warum es mir dort gefällt. Nach etwa drei Minuten Monologisieren fällt mir ein, dass das als unhöflich oder egozentrisch interpretiert werden könnte, und frage den jungen Mann, ob er ebenfalls aus Chemnitz sei.

„Sorry, no German“, antwortet er hilflos und sieht mich etwas ängstlich an.

„Oh, that’s not a problem“, repliziere ich weltmännisch und unterbreite meinen eben schon vorgetragenen Sermon auf Englisch, wo er allerdings fünf statt drei Minuten in Anspruch nimmt, weil bekanntermaßen keine der vielen Sprachen dieser Welt zu so kurzer, knapper und bündiger Kommunikation einlädt wie das Deutsche und weil ich außerdem, wenn wir uns schon in dieser Weltsprache unterhalten, ein bisschen von meinen Weltreisen erzählen muss. Am Ende frage ich ihn wieder, ob er auch aus Chemnitz sei.

„Chemnitz?“ fragt er, und endlich merke ich, dass er weder Deutsch noch Englisch spricht.

Mittlerweile bin ich schlauer geworden und frage ihn, welche Sprache er spricht. Er versteht die Frage nicht. Nicht auf Deutsch, nicht auf Englisch, nicht auf Spanisch, nicht auf Italienisch, nicht auf Französisch, nicht auf Rumänisch.

Da zückt er sein Handy, zeigt mir einen Zugfahrplan, laut dem er in einem Zug von Elsterwerda nach Chemnitz sitzen sollte. Jetzt verstehe ich seine Frage!

Leider sitzt er im genau in die entgegengesetzte Richtung fahrenden Zug, von Elsterwerda nach Berlin, Rostock und Warnemünde. Weg von Chemnitz. Ich erkläre mit Handzeichen und Kopfschütteln, dass er nach Süden muss, aber nach Norden reist. Er ist, das muss ich jetzt so hart sagen, leider keiner, der blitzschnell kapiert.

Ich hingegen, naja, ich will mich jetzt nicht selbst loben, aber mir kommt die Idee, sein Handy genauer zu inspizieren, weil man daraus vielleicht ablesen kann, in welcher Sprache der junge Mann parlieren könnte. Und tatsächlich: Der Bildschirm ist mit einer Schrift übersäht, die den Älteren von uns aus den Tagen der Phönizier und Nabatäer bekannt ist. Damit ist das Rätsel gelöst: Er muss also Arabisch, Persisch, Paschtu, Pandschabi oder Urdu sprechen.

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„?العربية“ frage ich und achte darauf, das Fragezeichen richtig zu setzen, weil man im Arabischen bekanntermaßen von rechts nach links spricht.

„نعم“ antwortet er und rächt sich für meine vorherigen Redeschwalle mit einem ebensolchen in der Sprache des Propheten.

Jetzt bin ich derjenige, der dumm aus dem orientroten Pullover guckt.

Zum Glück sitzt an einem anderen Tisch ein Ehepaar, das Arabisch spricht und sich jetzt einschaltet. Die beiden haben zu zweit so viele und große Koffer dabei, wie anderswo für eine Schulklasse reichen würden. Wahrscheinlich ein reiches Ölscheichpaar, das in Deutschland, nachdem ihnen schon der halbe DAX gehört, auch noch fleißig Souvenirs eingekauft hat. Aber immerhin umweltbewusste Ölscheichs, die mit der zweiten Klasse der Deutschen Bahn reisen.

Zusammen übersetzen, eruieren und lösen wir auf, dass der junge Mann nach Roding will. Das ist in der Oberpfalz, da komme ich her, da kenne ich mich aus. Also erkläre ich – hilfsbereit, wie ich heute aufgelegt bin -, dass er beim nächsten Halt aussteigen und sodann Züge zurück nach Elsterwerda, nach Chemnitz, nach Hof, nach Schwandorf und von dort ins schöne Roding nehmen müsse.

Das ist noch eine ziemliche Tagesreise, aber so lohnt sich das Deutschlandticket wenigstens.

Als ich mich wieder meiner Zeitung zuwende, merke ich, wie die drei Reisenden aus dem Morgenland die Angaben des Weisen aus dem Abendland mit einem kleinen Taschencomputer überprüfen. Das begegnet mir jetzt leider immer öfter, dass Menschen gar nicht mehr glauben, man könne sich ohne Computer zurecht finden. Eigentlich sollte jeden Monat für eine Woche das Internet abgeschaltet werden, damit die Menschheit so Grundfähigkeiten wie Kartenlesen, einen Busfahrplan zu entziffern oder einfach jemanden zu fragen, nicht verlernt.

Der ältere Mann ist zwar blind, aber er hat eine funktionierende Blase. Er steht auf, tastet sich ziemlich sicher durch den Flur in Richtung Toilette. Leider haben die Türen dort keine Griffe mehr, weil irgendein Digitalisierungsdoldi geglaubt hat, dass Türgriffe altmodisch und out seien. Dafür gibt es jetzt Schalter, die die Hälfte der Zeit nicht funktionieren. (Man wünscht diesen Computerfuzzis, dass, wenn sie auf der Toilette sind, einmal für eine Woche der Strom ausfällt und sie die Tür nicht mehr öffnen können.)

Weil ich mich, was Ihr wahrscheinlich schon bemerkt habt, gerne in fremde Angelegenheiten einmische, stehe ich auf und biete dem blinden Mann meine Hilfe an. Ich sehe anhand eines roten Lichts, dass das rollende Badezimmer okkupiert ist, und verspreche, ihm mitzuteilen, sobald es frei wird. Außerdem, und das ist viel wichtiger, sage ich zu, die Toilette vor Eindringlingen zu bewachen, weil der Blinde möglicherweise den Knopf nicht findet, mit dem er das rote Licht anschalten und die Tür blockieren kann.

Auf einer TEDx-Konferenz in Rumänien, bei der ich auch eine kleine Rolle spielte, hatte ich einst einen blinden Programmierer kennengelernt. Vielleicht braucht es viel mehr Blinde in wichtigen Positionen, damit die Welt nicht mit dummen Toiletten, Minenfeldern und Stacheldrahtzäunen zugebaut wird.

Während ich vor der Zugtoilette warte und wache, spricht mich eine ältere Frau mit osteuropäischem Akzent verzweifelt an: „Sagen Sie, hält dieser Zug in Brandenburg?“

„Ich denke schon. Wir fahren ja gerade durch Brandenburg,“ sage ich etwas unsicher, weil meine vorhin gepriesenen Geographiekenntnisse sich im flachen Land verflüchtigen. Ich weiß echt nicht, wie man sich ohne Gebirgsketten orientieren soll. Das sieht ja alles gleich aus, von Ostende bis Königsberg, von der Maas bis an die Memel.

„Wo müssen Sie denn genau hin?“ frage ich.

„Zum Flughafen.“

„In welcher Stadt?“

„Brandenburg.“

Ach so. Jetzt geht mir ein Leuchtfeuer auf. Sie meint den Flughafen Berlin-Brandenburg, was tatsächlich der nächste Halt ist. Ich mache ihr diese freudige Mitteilung, womit ich glaube, die Angelegenheit erledigt zu haben.

„Aber auf der Anzeige steht Flughafen Berlin“, sagt sie zweifelnd.

„Das ist der gleiche Flughafen“, sage ich mit dem ganz besonderen „trust me“-Timbre in der Stimme.

Es hilft nichts, sie will jetzt wissen, warum der angeblich gleiche Flughafen einmal Flughafen Berlin und einmal Flughafen Brandenburg heißt. Zu allem Überfluss mischen sich einige der umstehenden Passagiere ein und behaupten, dass sei der Flughafen Schönefeld. Ein anderer meint, der Flughafen heiße Berlin-Brandenburg, weil Berlin in Brandenburg sei. (Arrghhh!) Und bald erzählen sie Geschichten von Tegel, von Tempelhof, von der Luftbrücke und von der Erfindung der Currywurst.

„Madame,“ denke ich mir nur, „seien Sie einfach froh, dass Sie so wenig wie möglich über diesen Flughafen wissen.“ Denn wer diese Geschichte hört, der muss verzweifeln.

Am Flughafen steigen dann all die Menschen, Koffer und Rucksäcke aus, von denen ich dachte, sie fahren nach Warnemünde an die Ostsee. Tja, anscheinend wollen die Menschen im Februar doch ins Warme. Vielleicht ist die Ostsee auch zu problematisch als Reiseziel. Wegen Peenemünde und dem Raketenprogramm. Ich meine, man macht ja auch keinen Urlaub in Nordkorea, oder?

Der blinde Mann kommt zurück und sagt, dass ich sehr hilfsbereit sei. Das stimmt wohl, deshalb arbeite ich auch in einem sozialen Beruf. Aber die dunkle Wahrheit ist, dass ich Blinden besonders gerne helfe, weil auf der mütterlichen Seite meiner Familie alle Menschen früher oder später erblindet sind. Und weil ich auf einem Genetikgymnasium war, kann ich ausrechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit mir einst das gleiche Schicksal das Augenlicht trüben wird.

Deshalb halte ich nichts von der standardisierten Lebensplanung, bis Mitte 60 zu arbeiten und dann auf ein paar entspannte Jahre im Ruhestand zu hoffen. Denn wenn ich erst blind bin, kann ich nicht mehr um die Welt reisen. Ne, da nutze ich lieber die gesunden Jahre vorher.

„Nächste Station ist der Hauptbahnhof, da muss ich raus“, sagt der Blinde.

„Ich auch. Dann kann ich Ihnen gerne helfen“, biete ich an.

„Vielen Dank, aber das ist nicht nötig“, sagt er und klärt mich auf, dass die Deutsche Bahn, wenn man vorher anruft, Mitarbeiter bereitstellt, die einen vom Zug abholen und zum Bus oder zum Anschlusszug bringen. So wie früher die Gepäckträger beim Orient-Express, als das Reisen noch stilvoll war. Andererseits wurde man da immer ermordet.

Wie ich die stets bahnkritischen Deutschen kenne, würden die sich darüber wahrscheinlich mächtig aufregen. Die machen ja schon jedes Mal ein Riesentamtam, wenn der Zug nach Buxtehude ein bisschen bummelt oder sich auf dem Weg nach Speyer verspätet. Und wenn gar ein Zug ganz ausfällt und man 30 oder 60 Minuten auf den nächsten warten muss, oh la la, dann ist das für den Bünzlibürger ein Weltuntergang!

Mir selbst ist das immer vollkommen egal, weil ich weiß, dass der Tag 24 Stunden hat. Und kein Zugausfall kann mir die wegnehmen. Wer immer mit einem Buch aus dem Haus geht, kann überall entspannt warten. Und dank verspäteter oder ausgefallener Züge, Schiffe und Flüge habe ich schon die interessantesten Menschen kennengelernt.

Außerdem finde ich es piefig, sich wegen kleiner Verspätungen aufzuregen, während Menschen nur wenige hundert Kilometer weiter östlich froh sind, die Eisenbahnreise überhaupt zu überleben.

Am Hauptbahnhof in Berlin wird man eher selten ermordet oder erschossen, dafür stirbt man im Winter an Unterkühlung. Ehrlich, das ist nicht nur der hässlichste, sondern auch der dümmste Bahnhof Europas. Da pfeift sowas von der Wind durch. Wahrscheinlich ist das sogar Absicht, weil sich die Bahn so das Ausfegen spart.

Ich muss in eines der oberen Geschosse, zur S3 nach Köpenick. Und was sehe ich da? Zwei Bahnkümmerinnern stellen gerade den blinden Mann ab, mit dem ich vorhin im Zug war. Das ist ja ein Zufall!

Weil er mich nicht gleich erkennt, stelle ich mich vor und teile erfreut mit, dass ich ebenfalls nach Köpenick fahre. Daraufhin entlässt er die beiden Begleiterinnen. Ich helfe ihm in den Zug und erzähle, hauptsächlich aus Sorge, dass er glaubt, dies alles sei irgendein Trick, um einen blinden Mann auszurauben, dass ich nach Köpenick fahre, weil ich die kommenden sechs Wochen in Müggelheim verbringe. Ich mache dort Haus- und Katzensitting für eine Familie, die in der Zeit in Thailand urlauben wird.

„Ah, Thailand,“ sagt er, „das ist schön! Da fliege ich im Mai auch hin.“

„Oh“, sage ich, weil ich vorhin noch vermutet hatte, dass mit der Blindheit das Reisen keinen Sinn mehr mache.

Und dann erzählt er ganz frohgemut, dass er jedes Jahr ein- oder zweimal nach Thailand fliege. Aber eher in den Norden, ins Gebirge. „Das Meer ist nicht so meine Sache, denn mit dem Schwimmen tue ich mich schwer.“ Das sehe ich ihm gerne nach, denn ich kann auch nicht schwimmen. Und ich habe keine gute Ausrede, außer dass ich in Bayern und mithin einem Binnenstaat aufgewachsen bin.

Ganz begeistert erzählt er von seinen Reisen. Von Städten und Provinzen, von denen ich noch nie gehört habe. Vom Essen. Von Freunden in Thailand. Die einzige Einschränkung für ihn sei, dass er gerne immer in die gleiche Ferienwohnung gehe, weil er dann schon weiß, wo alles liegt und steht.

Vorsichtig frage ich, ob er da irgendeine Hilfe oder Begleitung habe.

„Das brauche ich nicht,“ wiegelt er ab, „ich spreche ja Siamesisch.“

Mir kommt ein wunderbares Buch über James Holman in den Sinn, das ich vor langer Zeit gelesen habe. Holman war blind, reiste aber vor 200 Jahren – meist allein – um die ganze Welt, auf alle bewohnten Kontinente, bestimmte Pflanzen, jagte Elefanten, bekämpfte den Sklavenhandel und wurde als Spion verhaftet.

„Wo sind wir?“ fragt der blinde Passagier.

Ich blicke aus dem Fenster: „Rummelsburg.“

„Ah, dann haben wir noch vier Stationen“, sagt er, ganz ohne Google und Interweb.

Leider nur mehr vier Stationen, sonst hätte ich mehr Details seiner Lebensgeschichte erfahren. In der DDR hatte er bei der Staatlichen Versicherung gearbeitet und aus Jux und Tollerei eine Maklerlizenz erworben. „Das hat damals niemand gemacht, weil man sie für nichts brauchte“, sagt er, „aber dann kam die Wende, und ich konnte mich sofort selbständig machen.“

Es ist eine Wendegewinnergeschichte. Er hatte Freunde bei mehreren Arbeiterwohnungsgenossenschaften. In der DDR gehörten die Wohnungen nämlich dem Volk, nicht dem Kapital. Aber das soll in Berlin ja auch bald wieder so sein. 1990 wurde dann der Sozialismus verboten, die Genossenschaften mussten hauptamtliche Geschäftsführer bestellen, und niemand wollte mehr Verantwortung übernehmen. Alle wollten sich gegen alles versichern. „Und plötzlich hatte ich mehrere Zehntausend Wohnungen versichert“, freut er sich noch heute über diesen Coup.

Irgendwann kam noch ein windiger Wessi als Geschäftspartner, der windige Bürgschaften für windige Fußballvereine gab, die der Stasi gehörten. Aber davon erzähle ich besser nichts, denn man weiß nicht, ob wirklich alle Stasi-Killerkommandos schon in Rente sind.

Unser Versicherungsmillionär verkaufte jedenfalls sein Unternehmen, zog für 8 Jahre nach Thailand, lernte dort die Sprache und baute erneut ein Versicherungsimperium auf. So sind die Ossis, immer voller Energie und Tatendrang. Aber jetzt ist er Rentner in Köpenick.

„Nächstes Jahr werde ich 80“, sagt er. „Dann nehme ich die ganze Familie mit nach Thailand. Die Kinder, die Enkelkinder und die Urenkel. Ich mache den Reiseführer und werde ihnen alles zeigen.“

Er freut sich schon sichtlich.

Anscheinend ist das Leben doch nicht vorbei, wenn man blind wird. So komisch es klingt, aber ich kenne Sehende, die sehen weniger von der Welt.

Am Bahnhof in Köpenick helfe ich ihm noch die Treppe runter.

„Ich muss nach links“, sagt er.

„Ich auch. Ich muss zum Bus nach Müggelheim.“

„Oh, da müssen Sie jetzt nach rechts, die Haltestelle wurde verlegt“, sagt er und beschreibt mir ausführlich den Weg, wie wenn er die ganze Straßenszene, einschließlich Baustellen, vor sich sieht.

„Sehen Sie, so konnte ich Ihnen auch noch helfen“, sagt er verschmitzt und fröhlich zum Abschied.

Kurz darauf bin ich am Müggelsee, und das ist eigentlich genauso schön, wie wenn ich bis zur Ostsee weitergefahren wäre. Nur ohne Raketenabschussbasen.

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Sonnenuntergang an der Trambahnhaltestelle

Gestern Abend habe ich mal wieder gemerkt, warum ich kein Fotograf bin: Man muss da nämlich vorausplanen. Und Planung, insbesondere die im Voraus, widerstrebt meiner Lebensauffassung ganz beträchtlich.

Es muss ein wunderbarer Sonnenuntergang gewesen sein. Ich habe ihn nicht direkt gesehen, weil Bäume, Häuser, Hügel und die ganze Stadt dazwischen waren. Ein richtiger Fotograf hätte eben vorher in den Sonne-, Mond- und Sternenkalender geguckt, hätte sich notiert, wann die Sonne untergeht, und wäre dann auf den Adelsberg, auf den Aussichtspunkt im Zeisigwald oder zu einem Bekannten, der im 10. Stock mit Blick nach Westen wohnt, gefahren.

Ich selbst stand, zwischen zwei Terminen und schon reichlich aber nicht untypisch verspätet, an der Straßenbahnhaltestelle Treffurthstraße. Linie 5, vielleicht meine Lieblingsstraßenbahnlinie in Chemnitz.

Es muss ein wahnsinniger Sonnenuntergang gewesen sein. Denn überall verbreitete er gleißendes, wohliges Licht, so ein Licht, das alle Sorgen vergessen lässt. Die Farben wandelten zwischen goldgelb wie bei perfekt herausgebackenen Kartoffelschnitten und rostbraun wie bei einem alten Chevrolet-Pickup, den man nach 70 Jahren in der Scheune des Großvaters in Wyoming findet.

Schöne Motive hatte ich keine, nur ein paar Fabriken. Aber das Licht! Und die Wolken! Und die Wärme!

Also habe ich trotzdem versucht, die Stimmung einzufangen:

Ihr könnt Euch das Ganze ja mit einem romantischen Schloss oder am Meer vorstellen. Oder Euch daran erinnern, jeden Abend auf den Sonnenuntergang zu achten und einfach mal eine Viertelstunde innezuhalten. Den Stift weglegen, den Computer zuklappen, das Fließband anhalten, auf den Balkon oder in den Garten spazieren und einfach genießen.

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Satu Mare, die geheime Welthauptstadt des Brutalismus

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Zu jeder Stadt in Rumänien bekommt man ungebetene, aber gute gemeinte Ratschläge, wenn man dorthin fährt: „Du musst dir unbedingt die Festung ansehen“ in Alba Iulia. „Du musst in die Teleki-Bolyai-Bibliothek“ in Târgu Mureș. „Du musst das Ethnographische Museum besuchen“ in Sighet.

Immer sehr bildungs-, kultur- und geschichtslastig. Denn Rumänien hat die höchste Dichte an Intellektuellen, was Menschen von außerhalb oft zu der irrigen Annahme verleitet, es sei ein armes Land.

Zu Satu Mare empfiehlt mir niemand irgendwas.

Für weniger erfahrene Reisende wäre das ein Zeichen, weiterzuziehen. Nach Debrecen, nach Oradea, nach Timișoara oder nach Budapest.

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Für mich ist es ein gutes Zeichen. Hier kann man ziellos umherstreunen und sich überraschen lassen. Wie die Hunde und Katzen, die in der Mittagshitze die Kontrolle über die Stadt übernommen haben.

Ein weiterer Irrglaube über Rumänien ist, es läge in Osteuropa und sei deshalb immer kalt und verschneit. In Wirklichkeit ist Rumänien, wie der Name schon sagt, ein romanisches Land und liegt auf den Breitengraden der Mittelmeer- und Adriaküsten.

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Deshalb steht hier auf dem Platz vor der Kirche die kapitolinische Wölfin mit Romulus und Remus, um ungebildete Touristen daran zu erinnern, dass Rumänien der legitime Nachfolger des Römischen Reiches und überhaupt die Wiege der Zivilisation ist.

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Und deshalb gibt es hier im Sommer eine Siesta.

Wer schlau ist, geht dazu in den Park, setzt sich unter schattige Bäume oder genießt den Fahrtwind der Eisenbahn.

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Wer weniger schlau ist, zieht durch die Stadt und macht Fotos. Das hat immerhin den Vorteil, dass mir keiner der etwa 90.000 Einwohner ins Bild läuft. Und Ihr bekommt einen ersten Eindruck davon, wie hübsch die Stadt ist.

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Die einzige Institution, wo in Rumänien rund um die Uhr Betrieb ist, ist die Kirche. Da sind selbst mittags unter der Woche die Tickets ausverkauft, so dass die Leute bis auf die Straße stehen.

Damit das mit der christlichen Nächstenliebe nicht zu weit geht, weisen Schilder vor der Kirche darauf hin, dass man den Armen keinesfalls Geld geben dürfe.

„Ihr Geld hilft ihnen nicht. Sagen Sie NEIN zum Betteln“, ruft es einem christlich-verlogen entgegen.

So können die Pharisäer ohne schlechtes Gewissen in ihre Mercedes-Limousinen einsteigen, nachdem sie dem wohlgenährten Priester ein paar Scheine zugesteckt haben. (Rumänische Priester nehmen keine Münzen an, was sie theologisch damit begründen, dass Jesus von Judas gegen Münzgeld verraten wurde.)

Gerade vor einer Kirche ist die Stigmatisierung des Bettelns besonders zynisch, weil die Rumänisch-Orthodoxe Kirche die größte Bettlerin im ganzen Land ist. Und alles für Pomp und Luxus. Ich weiß nicht, ob die Zahl noch stimmt, aber als ich in Rumänien lebte, wurde jeden dritten Tag eine neue Kirche eröffnet. Und keine kleinen Kapellen, nein, das sind richtig fette Brummer, mit goldenen Kuppeln und so.

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Nett finde ich aber, dass trotz des wenigen Verkehrs vor jedem Zebrastreifen auf die tödliche Gefahr durch Handynutzung und Kopfhörertragen hingewiesen wird.

In Rumänien ist das besonders gefährlich, weil das Land bekanntlich das beste, schnellste und preiswerteste Internet in ganz Europa hat. Ich persönlich bin hingegen ein bisschen altmodisch und lasse mich, wenn es denn unbedingt sein muss, lieber beim Zeitungslesen überfahren.

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Außerdem erkennt man, wenn man genau hinsieht, dass die Stadt mindestens dreisprachig ist: Rumänisch, Ungarisch und Deutsch.

Sogar, wenn Menschen Bücher zur Weitergabe an die Allgemeinheit auf ihre Fensterbank legen, sind vor jedem Haus diese drei Sprachen vertreten.

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Den deutschen Namen Sathmar habt Ihr vielleicht schon mal gehört, denn danach sind die Satmarer Juden benannt. Das ist die größte Gruppe unter den chassidischen Juden. Ihr Begründer, Rabbi Yoel Teitelbaum, wirkte in Satu Mare und übersiedelte nach dem Holocaust mit den wenigen Überlebenden seiner Gemeinschaft nach New York. Das ist eine Stadt in Nordamerika, die auch ein bisschen auf multikulturell macht und die ihn deshalb an Satu Mare erinnerte.

Die Sekte, wie man sie vielleicht nennen muss, ist in den letzten Jahren durch die Geschichte von Deborah Feldman einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Über ihre Flucht aus New York nach Deutschland hat sie das Buch „Unorthodox“ geschrieben, das dann, wie es das grausame Schicksal eines jeden kommerziell erfolgreichen Buches ist, verfilmt wurde.

Mir persönlich sind die Satmarer zu konservativ und anti-zionistisch, aber man muss natürlich klarstellen, dass nicht alle Juden in Satu Mare zu dieser Strömung zählten. Und nicht alle chassidischen Juden sind gleich. Da gibt es jede Schattierung, von konservativ bis liberal, von mystisch bis cool. Das ist ein bisschen wie bei den charismatischen Christen. Theologisch hängt alles an der Frage, ob man die aggaditischen Aspekte in den Mischnatraktaten neologisch oder halachisch auslegt, aber in Wirklichkeit geht es um die Persönlichkeit des jeweiligen Predigers. Jedenfalls können alle gut tanzen.

Ich könnte jetzt irgendwas zu Religion und Drogen sagen, aber das hat der Kollege Marx schon abgehandelt. Deshalb lieber noch einen Blick auf die einzig verbleibende der früher drei Synagogen in Satu Mare, die jetzt etwas ungünstig zwischen modernen Gebäuden eingequetscht liegt.

Das letzte Foto deutet schon den ganz besonderen Charme von Satu Mare an, aber ein bisschen müsst Ihr Euch noch genügen, bis wir ab Kapitel 16 endlich auf den Brutalismus-Boulevard einbiegen.

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Besucher aus dem Rest der Welt mögen beeindruckt sein, wenn sie in eine Kleinstadt in Osteuropa kommen, eine Unmenge Geschichte und Kultur erblicken und die Menschen in mehreren Sprachen parlieren hören.

Aber eine historisch für diese Region enorm prägende Sprache fehlt leider: Jiddisch. Selbst wenn man weiß, dass um 1940 ein Viertel der Bevölkerung von Satu Mare jüdisch war, kann man doch nicht wirklich erahnen, um wieviel lebendiger, vielsprachiger, facettenreicher diese Landstriche Ostmitteleuropas vor dem Holocaust waren.

So oft sie sonst untereinander stritten, beim Völkermord waren sich Deutsche, Ungarn und Rumänen übrigens weitgehend einig. Die Gedenktafel am Bahnhof von Satu Mare weist zwar zweisprachig darauf hin, dass alles die Schuld der faschistischen Ungarn unter Admiral Horthy war, die damals Satu Mare kontrollierten. Aber die Rumänien waren nicht besser (Beispiele: Kapitel 20 und 21 meines Artikels über Iași oder Kapitel 27 und 47 meines Berichts aus Odessa).

Aber jetzt bin ich schon wieder bei den schweren Themen gelandet, deretwegen niemand mit mir verreist. Die Leute wollen einfach den Sommer genießen und ein Eis schlürfen.

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Als Kompromiss schlage ich vor, dass wir uns mal diesen Bücherwagen neben dem Park ansehen. Die mobile und bis unters Dach gut bestückte Buchhandlung wird betreut von einem Jungen und einem Mädchen.

Als ich nur aus Neugier einen Blick über das Sortiment gleiten lasse, spricht mich der junge Bücherwurm sogleich an und fragt, wonach ich suche. Ich muss ihn enttäuschen, weil ich noch drei ungelesene Bücher im Rucksack habe, obwohl sich die Reise schon dem Ende zuneigt. Aus ständiger Angst, dass mir der Lesestoff ausgeht, schleppe ich dann meist zu viele Romane durch Rumänien und zu viele Paperbacks über die Puszta.

Dass ich nichts kaufen will, stört den Buchhändler nicht im Geringsten. Als ich auf seine Frage zugebe, aus Deutschland zu sein und Geschichte zu studieren, schwärmt er vom Deutschritterorden, von den Landsknechten und von Otto von Bismarck. Wie diskutieren ein bisschen hin und her, zwischen Sozialdemokrat und Bismarckist, aber der Ton bleibt freundlich.

Als ich mich schließlich verabschiede, schüttelt er mir die Hand und bedankt sich, dass ich Satu Mare besucht habe. Das passiert einem auch nicht in vielen Städten.

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Das Tor zum Kunstmuseum steht offen, aber das Kassenhäuschen ist geschlossen. Es ist 12 Uhr, und dienstags soll von 10 bis 17 Uhr geöffnet sein. Ich spaziere in den Innenhof, wo ein Angestellter den Rasen wässert, und erkläre mein Anliegen.

„Ja, ja, natürlich haben wir geöffnet“, sagt er und dass er seine Chefin holen werde.

Die Museumsdirektorin sieht sehr nach Kunstmuseum aus. Langes Kleid, farblich passender Hut, und nachdem wir ein bisschen auf Englisch radebrechen, fragt sie, ob wir nicht ins Französische wechseln können, weil ihr das etwas leichter falle.

„Mais bien sûr, Madame„, antworte ich und fühle mich sogleich kosmopolitischer. Satu Mare ist wirklich eine Weltstadt!

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Und so wird das Museum nicht nur extra für mich aufgesperrt und beleuchtet, sondern die Direktorin höchstpersönlich erklärt mir die Werke von Aurel Popp, des bekanntesten örtlichen Malers. Die Gemälde sind sehr körperbetont, bei Mensch und Tier. Wie ein moderner Michelangelo.

Die Bezeichnung „Maler“ greift tatsächlich zu kurz. „Künstler“ sollte ich schreiben, denn Popp war auch Bildhauer, Zeichner, Grafiker und Organisator von Kulturveranstaltungen. Außerdem betrieb er eine Porzellanmanufaktur, in der jedes Stück als Unikat in Handarbeit hergestellt wurde und die deshalb nach fünf Jahren in Konkurs ging.

„Eigentlich hätte Popp am liebsten nur als Bildhauer gearbeitet,“ erklärt die Museumsleiterin, „aber Skulpturen verkauft man nur an öffentliche Einrichtungen oder an die Kirche. Bei beiden wollte sich Popp nicht einschleimen, also fokussierte er sich auf Gemälde. Die kann man auch an Privatleute verkaufen.“

Popp begann in der „Schule von Baia Mare“, die ich leider nicht sehen konnte, weil das dortige Museum montags und dienstags geschlossen ist, distanzierte sich aber bald und zog nach Baia Sprie. Viele Schüler folgten ihm, weshalb der dortige Kirchturm einer der meistgemalten in Rumänien ist.

Eine Besonderheit war die absichtliche Unfertigkeit der Bilder. Ein oder zwei Figuren verblieben als Skizzen und wurden nicht mehr farblich ausgefüllt.

Man kennt das ja selbst, wenn man an einem längeren Projekt sitzt, das einen ursprünglich begeistert hat. Aber irgendwann ist die Luft raus, man will eigentlich schon wieder etwas Neues machen. Die meisten von uns kämpfen sich irgendwie durch, nach dem blöden Motto „wer A sagt, muss auch B sagen“.

Nur Popp, das Genie, hat es richtig erkannt: Das Leben ist zu kurz. Man kann auch mittendrin den Pinsel fallenlassen und etwas Neues anfangen.

Leserinnen und Leser außerhalb Rumäniens und Ungarns haben wahrscheinlich noch nie von Aurel Popp gehört. Selbst seine Wikipedia-Seite gibt es nur in diesen beiden Sprachen. Und auf Esperanto, denn das spricht man in Satu Mare natürlich auch. Ist ja eine leichte Sprache, die man an ein paar Nachmittagen erlernt.

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Und erst recht kennt niemand die Gebrüder Tatz, Kálmán und László, Söhne eines Sathmarer Lokführers. Kálmán Tatz war angeblich der beste Schüler von Popp. Er wurde in den Ersten Weltkrieg einberufen und landete irgendwie als Kriegsgefangener in Sibirien. Von dort konnte er fliehen und schlug sich nach China durch, wo er – irgendwas muss man mit seiner Zeit ja anfangen – eine Porzellanfabrik übernahm.

Viele Jahre später kam Aurel Popp in Rumänien eine Porzellantasse unter die Augen, die zwar das weltbekannte Gütesiegel „Made in China“ trug, ihn aber verdächtig an die Hand eines seiner Schüler erinnerte.

Daraufhin machte sich der Bruder, László Tatz, auf den Weg nach Asien, um den lange für tot geglaubten Kálmán zu suchen. Die Brüder fanden sich tatsächlich, gaben aber kurioserweise keine Lebenszeichen von sich, sondern blieben zusammen in China, bis Kálmán 1932 starb. Dann zog László auf die Philippinen, wo er noch bis 1951 lebte. Er hatte den Auftrag bekommen, die hundert schönsten Frauen Asiens zu porträtieren. Manchmal tauchen einzelne Bilder aus der Serie bei Auktionen auf, aber niemand weiß, wie viele es gibt und wo sie herumtingeln.

Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich das alles so richtig verstanden habe. Schließlich kann ich gar nicht so gut Französisch. Jedenfalls empfehle ich, wenn Ihr die fantastische Geschichte der Odyssee osteuropäischer Künstler nach Sibirien und Asien lesen wollt, den Roman „Die Fassade“ von Libuše Moníková.

Am Ende des Rundgangs bedankt sich die Kunstexpertin überschwänglich, dass ich ihr Museum besucht habe. Das passiert einem im Louvre nicht.

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Das Gebäude, das heute das Kunstmuseum von Satu Mare beherbergt, ist übrigens das gleiche, in dem 1711 der Friede von Sathmar geschlossen wurde. Die Gedenktafel dazu stammt natürlich auch von Aurel Popp.

Jetzt könnte ich ein bisschen etwas erklären von den Habsburgern und den Ungarn, von den Kuruzen-Aufständen und dem Venezianisch-Österreichischen Türkenkrieg. Aber ich erinnere mich an das Vorbild des großen Meisters, das auf diesem Blog viel zu selten beherzigt wird, und lasse hier eine bewusste Leerstelle.

Außerdem will ich Euch etwas anderes zeigen.

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Ich habe schon die ganze Zeit versucht, das Highlight von Satu Mare aus den Fotos herauszuhalten, um es für den Schluss aufzuheben. Das ist nicht ganz einfach, weil der Turm der Kreisverwaltungsbehörde mit seinen 97 Metern alles überragt. Bei der Fertigstellung 1984 war es immerhin der höchste Turm in ganz Rumänien.

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Die Romanik oder die Renaissance haben durchaus etwas für sich. Auch Jugendstil oder Neoklassizismus können gefallen. Aber für wahre Kenner und Connaisseurs gibt es nur einen Baustil, der das Herz höher schlagen, die Augen übergehen, den Geist jauchzen und die Seele jubilieren lässt.

Der Brutalismus benötigt nicht viel. Ein bisschen Beton und einen Eimer voll Wagemut. Die richtigen Hände zaubern daraus die Zukunft. Die Funktion diktiert die Form. Nicht so wie früher, als einen die Häuser regelrecht erschlagen haben. Und Farbe wird endgültig als überflüssiger Firlefanz enttarnt.

Noch nirgendwo habe ich so ein perfekt choreographiertes und erhaltenes Brutalismus-Ensemble vorgefunden wie in Satu Mare. Ein Stadtzentrum wie eine Raumfahrtbasis. Wohnblocks wie Raketenabschussrampen.

Man muss auf die Einzelheiten achten, die liebevollen Details, die klaren Linien, die Ecken und Kanten. Die feine Farbgestaltung, die feierlichen Fonts, die funkensprühende Fröhlichkeit. Das ist Perfektion. Architektur, die man regelrecht umarmen will. So würde Gott bauen, wenn es einen gäbe.

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Auch hier überall erkennbar der Hinweis auf das Erbe Roms: Der imposante Turm als Campanile. Der Platz als Forum Romanum, ein Ort zum Austausch und zur gepflegten Diskussion. Die Stadthalle als Kolosseum. Rund um den Platz die großzügigen Wohnungen der Bürger und Patrizier, genauso halbrund wie um die Piazza del Campo in Siena.

Man würde sich nicht wundern, wenn die Capulets oder die Montagues um die Ecke kämen. Oder wenn sich aus der Erde der Trevi-Brunnen erhöbe und eine Verdi-Oper erklänge.

Na gut, die Kontrolle über die Musikauswahl liegt anscheinend bei einem Beamten, der sich der ungarischen Bevölkerung zurechnet. Aber Brahms und Brutalismus, das passt alliterativ auch gut zusammen.

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Etwa ein Drittel der Bevölkerung von Satu Mare ist ungarischer Abstammung.

Damit diese ungarischen Rumänen nicht vergessen, dass sie in Rumänien leben, weht sicherheitshalber an jeder Ecke die blau-gelb-rote Trikolore.

Fragt man einen rumänisch-sprachigen Rumänen, woher der hohe Anteil an ethnischen Ungarn kommt, wird er sagen: „Naja, das sind halt Ungarn, die bei uns leben. Das ist okay, die sind auch nett.“

Fragt man einen ungarisch-sprachigen Rumänen, wird er in tränenerfüllte Tiraden ausbrechen und von historischer Ungerechtigkeit, tiefsitzender Schmach und einem stechenden Schmerz in seinem Herzen berichten. Sodann wird er schwören, niemals zu ruhen, bis nicht jeder Quadratzentimeter, auf dem jemals ein Ungar sein Pferd hat weiden lassen, wieder zum Königreich Ungarn gehören wird, und wenn es ihn seinen letzten Blutstropfen koste. Als nächstes wird er eine Liste der angeblich ungarischen Nobelpreisträger, Tennisspieler und vor allem Hollywood-Schauspieler herunterrattern, auf der insbesondere Tony Curtis und Columbo nicht fehlen dürfen. Dann wird er eine Landkarte aus seiner Jackentasche ziehen, auf der Großungarn abgebildet ist, und er wird einem weismachen wollen, dass eigentlich ganz Mitteleuropa von Triest bis Târgu Mureș, von Schlesien bis Serbien, von Pressburg bis Kronstadt, zu Ungarn gehöre.

Eigentlich war es kein „Königreich Ungarn“, sondern eine österreichische Provinz.

Die Geschichtsverfälschungsstunde findet erst ein Ende, wenn sein rumänisch-sprachiger Nachbar vorbeikommt, ihn mit dem siebenbürgischen „Servus“ begrüßt und sich beide spontan auf einen Besuch im Biergarten einigen.

Die Tragik des ungarischen Trianon-Traumas ist allerdings so ernst, dass sie einen eigenen Artikel verdient, der irgendwann auf diesem Blog erscheinen wird. Wer in der Zwischenzeit in das Thema einsteigen will, ist bei György Dalos und seinem Buch „Ungarn in der Nußschale“ bestens aufgehoben.

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Satu Mare, in der unmittelbaren Grenzregion zwischen Rumänien und Ungarn gelegen, kann ein Lied von dem ewigen Hin und Her der Historie singen. Allein im 20. Jahrhundert gehörte es zu Österreich-Ungarn (bis 1918), zur Ungarischen Volksrepublik (von 1918 bis 1919, und nicht zu verwechseln mit der gleichzeitig bestehenden Föderativen Ungarischen Sozialistischen Räterepublik), zum Königreich Rumänien (von 1919 bis 1940), zum königlosen Königreich Ungarn (von 1940 bis 1944), nach einem königlichen Staatsstreich wieder zum Königreich Rumänien (von 1944 bis 1948), zur Volksrepublik Rumänien (1948 bis 1965), zur Sozialistischen Republik Rumänien (von 1965 bis 1989) und schließlich seit 1990 zum aktuellen Rumänien, das sich zur Sicherheit gar keinen Beinamen mehr gibt, weil man den sowieso alle paar Jahre ändern muss.

Ich helfe zur Zeit einem Freund aus Rumänien (zufällig einem von den ungarisch-deutschen Rumänen, aber das würde jetzt zu weit führen), seine mysteriöse Familiengeschichte aufzuklären. Sein Urgroßvater war aus dem Dorf Foeieni / Fienen / Mezőfény (auf Rumänisch/Deutsch/Ungarisch), unweit von Satu Mare.

Dieser (also der Urgroßvater, nicht mein Bekannter) geriet irgendwie in die Wirren des Zweiten Weltkriegs, nach Deutschland und am Ende des Krieges in ein Flüchtlingslager. In den Arolsen Archives habe ich Unterlagen der International Refugee Organization gefunden, in denen mehrere Verhöre zwischen 1946 und 1949 aufgezeichnet sind. Am Anfang versucht er noch, dem amerikanischen Vernehmungsbeamten zu erklären, wie es sein kann, dass man als Untertan seiner kaiserlichen Majestät geboren wurde, Ungar ist, Deutsch spricht, in Rumänien lebt, aber in einem Landstrich, der dazwischen zu Ungarn gehörte. Später sagt er dann auf die Frage nach seiner Staatsangehörigkeit genervt: „Ich weiß doch selbst nicht mehr genau, welche Staatsangehörigkeit ich eigentlich habe.“

Die Geschichte endet dann ein bisschen tragisch, aber dazu irgendwann mehr. Wenn es Euch interessiert.

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Auf der Suche nach Postkarten gehe ich zur Tourismus-Information, wo die freundliche Frau eine Kiste aus dem Archiv holt. „Es tut mir leid, die sind etwas alt,“ sagt sie. Man sieht ihr die Verwunderung darüber an, dass überhaupt noch jemand nach diesen Relikten fragt.

Ihre Verwirrung wird zum Entsetzen, als ich Postkarten mit dem brutalistischen Verwaltungsgebäude auswähle.

Für sie ist es potthässlich, ein Zeichen der Unterdrückung, des Kommunismus.

Ich erkläre, dass der Brutalismus eine weltweite architektonische Bewegung war und dass in den 1960er und 1970er Jahren überall so gebaut wurde. In Westdeutschland war ich an einem brutalistischen Gymnasium und an einer brutalistischen Universität, und soweit ich mich erinnere, war keines von den beiden besonders kommunistisch.

Diejenigen, die bei der Nennung von Gott in Kapitel 17 schon den Blasphemieparagraphen herausholen wollten, werden – soweit es sich nicht um langjährige Leser handelt, die wissen, dass in diesem Blog jedes Wort stimmt und jede Aussage belegt ist – erstaunt sein, welche Brutalismustempel mit ihren Kirchensteuern erbaut wurden.

Die Beispiele sind aus Köln, Neviges, Wien und Rio de Janeiro. Also nichts mit Unterdrückung oder Kommunismus. Das hat alles der Papst entschieden. Und der ist architektonisch unfehlbar, zumindest seit dem Ersten Vatikanischen Konzil von 1870. (Der erst 1880 fertiggestellte Kölner Dom fällt ganz offensichtlich nicht unter die Unfehlbarkeit, weil er auf weit ältere Pläne zurückgeht.)

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Es hilft alles nichts, die Tourismusexpertin versucht mich abzubringen von meiner Brutalismusbegeisterung und verweist auf Kathedralen, Burgen, Schlösser, Theater, Bischofspaläste, mittelalterliche Fresken, ein Piaristengymnasium, sowie eine ganze Reihe von Klöstern und Holzkirchen.

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Nur der Feuerwehrturm ist leider geschlossen, bedauert sie.

Vor zwei Tagen habe dort jemand eine Zigarre brennen lassen, und jetzt muss der Turm renoviert werden.

Ups.

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Kein einziger der Menschen, mit denen ich in Satu Mare ins Gespräch komme, teilt meine Begeisterung für das neue Stadtzentrum. Dabei wäre gerade der Brutalismus ein weltweites Alleinstellungsmerkmal, ein Magnet für den Architektourismus.

Klar, der siebenbürgische Sezessionsstil ist auch schön, aber den gibt es halt in vielen Städten in Rumänien. Und er ist in Satu Mare ja ebenfalls vorhanden. Das ist doch gerade das Wunderbare an dieser Stadt, dass man die verschiedenen Epochen und Stile stimmig gegenübergestellt sieht.

Für mich ist klar: Das Stadtzentrum von Satu Mare muss UNESCO-Weltkulturerbe werden.

Sonst kommen am Ende noch die Bagger und reißen alles ab.

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Nachdem sie gemerkt hat, dass sich jemand für Altpapier interessiert, hat mir die Frau im Tourismusbüro neben einer aktuellen auch eine etwas ältere Broschüre mitgegeben. Sie stammt aus den 1990er Jahren, preist noch ganz stolz das erst kürzlich erbaute „political-administrative headquarter“ und gibt die Bevölkerung mit 132.000 an.

Jetzt wisst Ihr, warum ich in Kapitel 5 die aktuelle Einwohnerzahl von etwa 90.000 erwähnt habe.

Auch in Deutschland gibt es Städte, die so dramatisch geschrumpft sind. (Ich wohne in einer davon.) Aber der Unterschied ist, dass es in Rumänien das ganze Land betrifft. Seit 1990, also seit dem Ende der Ceaușescu-Diktatur, ist die Bevölkerung um ein Fünftel zurückgegangen.

Und damit steht Rumänien in Osteuropa nicht alleine da.

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Vor kurzem hatte ich einen Couchsurfer aus Rumänien zu Gast, der sehr explizit gegen Umweltschutz eingestellt war. So ein Typ, der absichtlich ein Schnitzel isst, um Veganer zu ärgern. Und der behauptete, der Bevölkerungsrückgang läge daran, dass die Grünen die Jagd auf Bären verboten hätten, und diese (die Bären, nicht die Grünen) jetzt unablässig unschuldige Kinder fressen würden.

Weil er gleich darauf behauptete, dass Rumänisch nicht von Latein, sondern umgekehrt Latein von Rumänisch abstamme, und dass der Vatikan diese Geschichte seit Jahrhunderten verfälsche und vertuschte, konnte ich die Bärendiskussion nicht vertiefen. Er musste dann auch bald ins Bett, weil er am nächsten Morgen mit seiner Enduro durch die bärenfreien Wälder im Erzgebirge donnern wollte.

Als Bärenexperte kann ich jedenfalls Entwarnung geben: Die 4 Millionen Menschen, um die die Bevölkerung Rumäniens seit 1990 geschrumpft ist, wurden nicht alle von Bären gefressen.

Gefressen werden sie vielmehr vom Kapitalismus, von deutschen Schlachthöfen und Spargelbauern, von spanischen Gemüseplantagen, von Speditionen, vom Hotelgewerbe und von der Bauindustrie. Es gibt bei uns ganze Branchen, von unwichtig (Paketdienste) bis zu lebensnotwendig (Medizin), die ohne Rumäninnen und Rumänen kollabieren würden.

In Rumänien selbst bleiben eigentlich nur noch die Rechtsanwälte, wahrscheinlich weil sie für jede praktische Arbeit unbrauchbar sind.

Mittlerweile ist der Arbeitskräftemangel in Rumänien so enorm, dass das Land jedes Jahr 100.000 Gastarbeiter anwirbt, hauptsächlich im Baugewerbe, in der Gastronomie, im Transportwesen und für Bäckereien. Dafür kommen jetzt Menschen aus Nepal, Sri Lanka und Bangladesch. Ich weiß nicht, ob es Zufall ist, aber das sind alles Länder, wo man von Tigern gefressen wird.

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Jetzt bin ich ein bisschen abgeschweift. Aber Ihr wollt ja etwas über das Land lernen.

Das mit den Bären wollte ich übrigens nicht total verharmlosen. Es sterben tatsächlich jedes Jahr drei oder vier Menschen, einige Dutzend werden verletzt.

Das sollte Euch aber wirklich nicht von einer Reise nach Rumänien abhalten. In den Städten bekommt Ihr sie sowieso nicht zu Gesicht, und auch in der Natur sind sie normalerweise friedlich. Ein paar praktische Tipps: Zu zweit oder in der Gruppe gehen, denn das Geräusch vertreibt die Bären. Oder das sprichwörtliche Pfeifen im Walde. Am besten keine offenen Lebensmittel mitnehmen und nicht draußen kochen.

In Rumänien bin ich bisher nur einmal einem Bären begegnet. Allerdings hatte ich es auch darauf angelegt und war ganz besonders leise und vorsichtig. Entweder der Bär hat mich nicht gehört/gerochen/gesehen, oder es war ihm einfach egal. Er ist einfach vorbeispaziert, obwohl ich noch extra die Kamera aus dem Rucksack geholt habe. (Ja, so cool bin ich.)

Ich persönlich habe jedenfalls wesentlich mehr Angst vor Hunden.

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Und dann steht leider schon wieder die Weiterreise an. Der Busbahnhof von Satu Mare wartet mit filigraner Fassadenkunst auf.

Aber Ihr kennt mich: Ich vertraue mein Leben lieber der Eisenbahn an.

Wie es sich für eine Stadt geziemt, die einst zur Habsburgermonarchie gehörte, gibt es einen täglichen Direktzug nach Wien. Denn wo käme man hin, wenn man nur 100 Jahre nach dem Ende des Kaiserreichs schon anfangen würde, die Zugfahrpläne zu ändern? „Nur ned hudeln“, wie wir in Osteuropa sagen.

Praktische Tipps:

  • Satu Mare liegt kurz nach der ungarisch-rumänischen Grenze, ist also ein guter Ort, um auf der langen Fahrt nach Rumänien ein oder zwei Tage Pause einzulegen.
  • Zwischen Wien und Satu Mare gibt es sogar eine direkte Zugverbindung. Wenn Ihr den Fahrschein bei der ungarischen oder der rumänischen Eisenbahn kauft, ist die Fahrt noch billiger.
  • Ich bin per Anhalter von Sighet nach Satu Mare gefahren – über den Huta-Pass durch das Oaş-Gebirge – und wäre unterwegs am liebsten ein paar Mal ausgestiegen, weil die Landschaft so wunderschön war.

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Vor hundert Jahren wollte Frau K. unbedingt die Scheidung – Dezember 1923: Liebesfalle

Ich weiß, wir sind nach der Logik dieser kleinen Geschichtsreihe schon im Januar 1924 angelangt, und ich sollte mich den ersten Olympischen Winterspielen in Chamonix, dem Tod Lenins, der Krönung des letzten Königs von Sine oder wieder einmal dem Freistaat Fiume widmen.

Aber dieser eine kleine Nachzügler, den uns der Podcast „Auf den Tag genau“ mit einer Zeitungsmeldung vom 4. Dezember 1923 vorgestellt hat, muss noch erwähnt werden. (Nachzügler nur bei mir; alle Podcaster, die ich kenne, sind immer sehr pünktlich.) Aber ich schwöre vor dem – zufällig im Januar 1924 abgeschafften – Geschworenengericht, dass es der letzte Beitrag aus und über 1923 sein wird.

Denn dabei geht es um das Scheidungsrecht, mithin meine Kernkompetenz und – neben der Flucht – den einzig legalen Ausweg aus der, wie viele jetzt über die sogenannten Weihnachtsfeiertage festgestellt haben werden, zunehmend unerträglicher werdenden Ehehölle.

Auch wenn diese Reihe von Zeit zu Zeit in ein nostalgisches „Früher war alles besser“ verfällt, so muss ich hiervon das Familienrecht ausnehmen. Vor 100 Jahren musste man in Deutschland schwerwiegende Gründe vorbringen und beweisen, wenn man sich scheiden lassen wollte: Geisteskrankheit (allerdings erst nach drei Jahren), bösliches Verlassen (entsprechend dem Tatbestand des Desertierens aus der Armee), versuchte Tötung oder Ehebruch.

Bei dieser Aufzählung wird schnell klar, dass der Ehebruch noch die angenehmste Methode war. Weil aber in (West-)Deutschland bis 1977 bei der Scheidung der/die Schuldige ermittelt und mit Verlust aller finanziellen Ansprüche bestraft wurde, konnte man nicht einfach selbst einen Ehebruch begehen. Stattdessen musste man den Ehepartner dabei ertappen. Und notfalls nachhelfen, so wie im hier geschilderten Fall.

Die Liebesfalle: Ein fotografierter Ehebruch

Auf was für Schliche eine Frau kommt, die sich unter allen Umständen gern von ihrem Mann scheiden lassen möchte, bewies eine Schöffengerichtsverhandlung, die als Begleiterscheinung eines gleichzeitig laufenden Scheidungsprozesses die 23-jährige ehemalige Kontoristin Lisa K. nach Moabit führte.

In diesem Fall war sie allerdings nicht die Angeklagte, sondern nur ihre Freundin Walli Br. und deren Mann. Sie selbst, Tochter eines alten Sanitätsrates aus Schlesien, macht den Eindruck der üblichen Kurfürstendamm-Abenteurerin: Sehr nervös, blasses, durch eine gute Frisur raffiniert zur Geltung gebrachtes Gesicht eines lasterhaft schlecht aufgewachsenen Backfischs und eine Figur, die zu grazil ist, um Kinder zu gebären, und zu fieberdurchheizt, um eine Gesundungskur des Ausruhens vertragen zu können. Die Freundin und der Mann von jener eleganten blonden Zweideutigkeit, wie sie häufig die Champion-Paare der Tennis- und Tanzturniere haben.

Ihnen gegenüber der Kläger. Der schon alternde Kaufmann K., der 40 ist und dank der letzten zehnjährigen Börsenerregungen wie 55 aussieht und – wenigstens nach den Prozessakten – wie ein 60-Jähriger lebt. Die Ehe war für unsere Heldin Lisa zuerst ein wohltätiges Luxusbad, bald aber abgestandenes Spülwasser gewesen,

hübsche Metapher!

und, seit sich auf einem Hausball in der Ferne ein südamerikanischer Gesandtschaftssekretär zu Ernsthafterem geneigt gezeigt hatte, eine Unerträglichkeit.

Vorsitzender: „Sie haben, Herr K., den Eindruck, dass Ihre Frau diese ganze fatale Angelegenheit arrangiert hat?“

Herr K.: „Es ist mir gewiss peinlich, hier darüber zu sprechen. Vielleicht sind auch seitens des Ehepaares Br. erpresserische Motive im Spiel gewesen. Ich kann das nicht so genau beurteilen.“

Vorsitzender: „Dann versuchen Sie doch einmal, objektiv den Hergang am Abend des 25. September zu schildern.“

Der Kläger gibt nun eine Erzählung, die hier nur ihrer grotesken Boccaccio-Pointen beraubt wiedergegeben sein mag.

„Ich kannte Frau Walli Br. nicht. Die Ehe mit Lisa war schon seit einiger Zeit recht unglücklich, und ich war an jenem Nachmittag, wie immer, in mein Stammcafé, das Romanische gegangen. Mit einem Male nimmt mir gegenüber eine große, blonde Frau – ich muss eingestehen, mein Typ – Platz. Wir kommen ins Gespräch und, naja, sie ladet mich eben abends zum Tee ein. Da ich wenig Lust habe, nach Hause zu gehen, fühlte ich mich in der fremden Wohnung nur allzu wohl. Es war sehr warm, merkwürdigerweise trotz des milden Herbstes schon geheizt. Wir tranken eine ganze Masse Liköre und da weiß ich nicht, wie es kam, aber ich zog meinen Rock aus und saß in Hemdärmeln. Die Dame wurde sehr zutraulich. Mit einem Male höre ich, gerade als sie mir mit der Hand übers Haar fährt,“

„Mmh, mmh“ im Zuschauerraum.

„ein knackendes Geräusch, drehe mich um und sehe gerade noch, wie aus dem Spalt der Schiebetür zum nächsten Zimmer ein kleiner fotografischer Apparat herausgezogen wird. Ich auf zur Tür! In dem selben Augenblick wird diese von draußen zugeriegelt, und ich höre jemanden davonlaufen. Den Schlüssel zur anderen Tür hatte die feine Dame natürlich verlegt. Erst nach einer furchtbaren Szene kam ich heraus.“

Vorsitzender: „Wussten Sie nun sofort, warum diese ganze Sache inszeniert wurde?“

Der Kläger: „Nein. Ich dachte zwar gleich an eine Erpressung, aber da man mich ruhig ziehen ließ, glaubte ich, ich hätte mich am Ende gar geirrt. In der nächsten Woche freilich kommt mit einem Male meine Frau zu mir und zeigt mir einen Brief, in dem eine Fotografie liegt. Ob ich mich nun noch weiter der Scheidung widersetzen würde. Ich begriff die Sache noch immer nicht. Bis ich eines Tages durch Zufall bei Schilling meine damalige Abendbekanntschaft und meine Frau zusammen im Gespräch sitzen sah. Ich sage zufällig, denn man vermutete mich zu jener Zeit in einer Aufsichtsratssitzung.“

Die wegen Hausfriedensbruch angeklagte Walli Br. verteidigt sich wenig. Dergleichen ihr Mann. Sie hätten ihrer Freundin einen Dienst leisten wollen, und an dem Tatbestand der Untreue ändere ja doch die Tatsache des Moments der Verführung wenig.

Hier hat der Reporter etwas verwechselt, scheint mir. Keine Ahnung, wie er vom Ehebruch auf den Hausfriedensbruch kommt. Und Untreue, nun ja, dass Nichtjuristen den Begriff anders verwenden als wir Juristen, das sei – gerade bei solch einem komplizierten Delikt – zugestanden.

Aber das Gericht begibt sich nicht auf dies philosophische Gebiet, sondern verurteilt das saubere Ehepaar wegen Freiheitsberaubung zu einer empfindlichen Strafe, die nur wegen der bisherigen Unbescholtenheit eine Geldstrafe ist.

Frau Lisa K. aber hat nach diesem Urteil für das „schuldig“ in dem Ehescheidungsprozess die meisten Punkte endgültig in der Tasche. Die alte Moral vom Grubengraben, das oft so unzweckmäßig sei, hat sich wieder einmal bestätigt.

So lief das also vor hundert Jahren. Heutzutage, und man kann das gar nicht oft genug betonen, interessiert weder die Richter noch die Rechtsanwälte, warum Ihr Euch trennt und wer wann was gesagt oder getan hat. Scheidung geht mittlerweile ganz schmerzlos. Wie bei den Zahnärzten, wo man auch kaum mehr etwas spürt und sich wundert, warum man jahrelang Angst vor ihnen hatte.

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Vor hundert Jahren hatte ein Teenager die Schnauze voll – Dezember 1923: Kurt H.

Weihnachten und Neujahr. Das ist die Zeit, wo wieder viele Männer, Frauen und genervte Kinder sagen „ich gehe nur schnell eine rauchen“, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.

Schon um sich dieser Möglichkeit nicht zu berauben, sollte, auch wer dem Tabak eigentlich nicht zugeneigt ist, zumindest so tun, wie wenn man manchmal diesem Laster frönt. Aus diesem Grund rauche ich Zigarren. Denn damit wird man nicht bereits nach 5 Minuten vermisst, sondern hat mindestens 30 Minuten Vorsprung vor der verfolgenden Meute, Mischpoche und Miliz.

Beim Schmieden von möglichst waghalsigen Fluchtplänen.

Manche werden ungläubig aufgeschreckt sein, als ich in der obigen Aufzählung die Kinder erwähnte. Aber der Podcast „Auf den Tag genau“ hat einen Zeitungsbericht vom 13. Dezember 1923 vertont, in dem ein Jugendlicher ausbüxte, weil er Stress mit seiner Mutter hatte.

Ich mache mir heute gar keine Arbeit, sondern gebe einfach den damaligen Artikel wieder, lediglich durchsetzt mit klitzekleinen Anmerkungen, Abschweifungen und Anekdoten meinerseits:

Ein 16-Jähriger als Abenteurer: Ohne Pass von Berlin nach Syrien

Der 16-jährige Kurt H. aus der Kiefholzstraße in Treptow war am 9. Oktober 1923 seiner Mutter, mit der er sich schlecht vertrug, ausgekniffen.

Das Wort „auskneifen“ verwendet man auch viel zu selten, finde ich. Beim Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache gibt es eine Wortverlaufskurve, die den dramatischen Verfall unserer vokabularen Variabilität illustriert.

Nur in den 1980er Jahren gab es eine kurze Renaissance. Wahrscheinlich weil damals die Sektengurus in ihren Limousinen durch die Lande tingelten und Jugendliche aus grauen Reihenhaussiedlungen in ihre farbenfrohen Ashrams nach Indien entführten.

Ich kann mich selbst noch gut erinnern. Wenn ich als kleiner Steppke das Haus verließ, hatte meine Mutter immer nur eine Sorge: „Steig auf keinen Fall ein, wenn dieser Bhagwan mit seinem Rolls Royce vorbeikommt.“

Aber ich glaube, der hatte sowieso mehr Interesse an Mädchen. Für Knaben lauerte die größere Gefahr in der Katholischen Kirche. Und Bhagwan änderte später seinen Namen in Osho und verkauft seither Millionen von belanglosen Büchern, deren Leserinnen keine Ahnung haben, welchem Idioten sie da huldigen.

Dass der Name des Ausgekniffenen zu Kurt H. verkürzt wird, zeigt, dass Datenschutz in Deutschland eine lange Tradition hat. Dass im gleichen Atemzug seine Adresse millionenfach gedruckt wird, zeigt, dass schon damals niemand den Datenschutz richtig verstanden hat.

Ich persönlich finde das mit den abgekürzten Namen gar nicht so lustig, weil erstaunlich viele Übel- und Missetäter als Andreas M. firmieren, und ich immer befürchte, mit einem davon verwechselt zu werden. Bei dem geplanten Putsch der Reichsbürger, die im Dezember 2022 aufflogen, war schon wieder einer dabei.

Ich hoffe nur, dass meine Meinung zu den Reichsbürgern hinreichend bekannt ist, um mögliche Verwechslungen auszuschließen. Außerdem heißt der Typ Andreas Meyer, um hier ganz keck auf den Datenschutz zu pfeifen.

Aber zurück zu Kurt H.:

Nachforschungen nach dem Vermissten hatten zunächst keinen Erfolg. Jetzt ist bei der Mutter von dem Ersten Maschinenoffizier des Lloyd-Triestino auf dem Dampfer Gastein ein mit dem Poststempel Konstantinopel versehener Brief eingetroffen, wonach sich der abenteuerlustige Bursche in Syrien befindet.

Na, das wird eine freudige Überraschung in der Kiefholzstraße gewesen sein!

Ich habe jedenfalls sofort eine geistig-emotionale Verwandtschaft zu Kurt H. verspürt. Denn im gleichen Alter kniff ich ebenfalls von zuhause aus, ebenfalls in den Nahen Osten. Die Sommerferien waren lang. Zuhause gab es nur Stress. Ich war weltpolitisch und historisch interessiert, also dachte ich mir: Ab in den Irak! Allerdings tobte dort gerade einer der vielen Golfkriege, und die Flüge waren wahnsinnig teuer.

Also flog ich stattdessen nach Israel.

Das war in der guten alten Zeit vor dem Interweb, als man nicht einfach googeln konnte, wenn man sich für ein Land interessierte. Man musste entweder in die Bibliothek oder selbst reisen. Eigentlich noch genauso wie 1923, zu den Zeiten von Kurt H.

Nach der Ankunft spazierte man erleichtert an die frische Luft (weil im Flugzeug noch gequalmt wurde wie blöd), fragte an einer Ecke nach dem nächsten Kibbuz, half im Kuhstall oder bei der Kürbiszucht und bekam eine Knarre in die Hand. Die musste ich kein einziges Mal abfeuern, denn es stand gerade der Oslo-Friedensprozess auf dem Programm. Wie gesagt, die gute alte Zeit.

Auch wenn ansonsten alles in der Welt seither bergab ging, immerhin kleide ich mich mittlerweile stilvoller. Ein schwacher Trost für die enttäuschten Friedenshoffnungen und die verlorene Reiseromantik der vor-elektronischen Zeit, ich weiß.

Deshalb schnell zurück zu Kurt H.:

Er wurde nach der Abfahrt von Alexandrien auf der Reise nach Palästina zwischen anderen Passagieren ohne Pass und Geldmittel entdeckt. In Palästina, das von den Engländern besetzt ist, herrscht sehr strenge Passkontrolle. Hier an Land zu kommen gelang dem kleinen Durchbrenner nicht. Er wurde deshalb nach Haifa mitgenommen, konnte aber auch hier nicht landen.

Das tut mir ganz besonders leid für ihn, denn Haifa ist tatsächlich eine tolle Stadt. Schon vom Hafen aus hätte Kurt H. das Weltzentrum der Bahai bestaunen und bewundern können. Aber halt, die Gärten waren damals noch gar nicht angelegt. Er hätte also beim Gartenbau unterkommen können. Und bei den Bahai muss man dabei nicht einmal eine Waffe tragen.

von oben mit Hafen 2

Oder er hätte seine deutschen Landsleute in der Templer-Kolonie besuchen können.

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Aber es sollte nicht sein:

Die Araber weigerten sich, ihn ohne Pass an Land zu bringen. So ging die Fahrt weiter, bis nach dem von den Franzosen besetzten Beirut, wo die Ausschiffung ohne Pass ebenfalls eine Unmöglichkeit ist.

Diese verdammten Pässe. Geißel der freiheitsliebenden Menschheit. 1923 waren sie noch eine relativ neue Erfindung. Mit dem Ersten Weltkrieg waren die Staaten misstrauisch geworden und verließen sich nicht mehr auf ein freundliches Gesicht und einen kräftigen Händedruck derjenigen, die im Hafen ankamen. Nein, jetzt wollten sie Namen der Eltern, Datum der Geburt und die Hausnummer in der Kiefholzstraße, wozu auch immer diese Informationen den Behörden in der Levante von Nutzen gewesen sein sollten.

Jetzt versuchte Kurt H. zur Nachtzeit schwimmend das Land zu erreichen. Er band die Kleider am Kopf fest, kam auch glücklich an Land, ging halbnackt durch die Straßen Beiruts, wurde von einer französischen Nachtpatrouille aufgegriffen und nach dem Dampfer Gastein zurückgebracht.

Ach, schade! Beirut hätte ich ihm ebenfalls gegönnt. Das war ja damals eine wahnsinnig kosmopolitische Stadt, wahrscheinlich internationaler als Berlin. Sunniten, Schiiten, Drusen, griechisch-orthodoxe Christen, Maroniten, preußische Diakonissen, Fotostudios von Weltrang, das deutsche Johanniterspital, ein botanischer Garten, ein Jesuitenkolleg, Hunderte von Zeitungen, die amerikanische Universität, die arabische Renaissance, das Paris des Orients.

Ich selbst war, das wird jetzt niemanden mehr überraschen, natürlich auch schon in Beirut. Aber Ihr wollt mehr von Kurt H. erfahren:

Beim Trocknen der Kleider im Maschinenraum wurden dann von dem Maschinenoffizier Papiere mit der Treptower Adresse des Burschen gefunden. Die Matrosen stimmten das alte deutsche Lied an: „Wenn es meine Mutter wüsste, wie’s mir in der Fremde geht.“

Am 27. Oktober wurde Tripolis in Syrien erreicht. Hier täuschte er einen Araber mit einem Lichtbildausweis und kam in der Barke des Arabers an Land, von wo er sich nach dem 120 km entfernten Haifa, um dort bei bekannten Mitpassagieren Arbeit zu finden, durchpirschen wollte.

Ich fand den jungen Mann ja bisher schon ganz vischelant, aber jetzt bin ich wirklich über alle Maßen begeistert. Da hat jemand die Karl-May-Lektüre absolut verinnerlicht. Und die richtige Einstellung zum Reisen: Einfach mal probieren, im schlimmsten Fall wird man wieder nach Hause geschickt. (Genau die sympathische Einstellung, mit der 50 Jahre später findige DDR-Bürger illegal durch die Sowjetunion reisten.)

Wie Kurt H. dem Schiffsoffizier erzählte, hatte er bei der Abfahrt von Berlin nur 4 Milliarden in deutschem Papiergeld bei sich. In Triest betrat er als Gepäckträger für andere Passagiere den Dampfer Helouan, der zur Abreise nach Alexandrien im Hafen lag, versteckte sich im Schiffsraum, um der Schiffskontrolle zu entgehen und kam dann in gleicher Weise auf den Dampfer Gastein.

Ich weiß nicht, ob es Zufall oder guter Geschmack war, aber mit der Helouan hatte sich unserer Ausreißer das Prachtschiff des Lloyd Triestino geangelt.

Auch wenn Kurt H. sich verstecken musste, so war das sicher komfortabler und weniger gefährlich, als wie heutzutage blinde Passagiere die Weltmeere überqueren. Ich hatte mal eine Bekannte, die bei einer mexikanischen Reederei arbeitete. Sie erzählte immer wieder, dass auf einem ihrer Schiffe ein blinder Passagier gefunden wurde. Meistens schon tot. Erfroren, dehydriert, verhungert oder von Containern zerquetscht. – Ich erwähne das nur, falls jemand glaubt, es sei schlimm, wenn die Regionalbahn nach Bischofswerda eine Viertelstunde verspätet ist.

Und bevor wegen der 4 Milliarden Mark jemand denkt, dass der kleine Kurt ein Krösus war: 1923 herrschte Hyperinflation. Das Deutsche Reich hatte zum einen den Ersten Weltkrieg auf Kredit finanziert, in der Hoffnung, zur Begleichung der Schulden die eroberten Nachbarländer ausbluten zu können. Der Plan ging bekanntlich nicht ganz auf, weshalb man 25 Jahre später einen erneuten Anlauf nehmen würde.

Dazu kam 1923 als akuter Inflationsauslöser der Ruhrkampf. Frankreich und Belgien hatten das Ruhrgebiet besetzt, weil Deutschland mit den Reparationsleistungen in Verzug war. Die deutsche Regierung forderte die Arbeiter im Ruhrgebiet zur Arbeitsniederlegung auf (wenn es gegen Frankreich geht, ist Streik plötzlich in Ordnung), versprach jedoch, die Löhne weiter zu bezahlen (wenn es gegen Frankreich geht, ist auch ein großzügiger Sozialstatt kein Problem). Und weil dafür hemmungslos Geld gedruckt wurde (wenn es gegen Frankreich geht, spielt die schwarze Null keine Rolle mehr), verlor selbiges an Wert.

Zur Einordnung der 4 Milliarden Mark, die Kurt H. auf seiner Orientreise mitführte: Ende 1923 kostete ein Laib Brot in Deutschland mehrere hundert Milliarden Mark. Eine Fahrt mit der Straßenbahn in Berlin kostete 150 Milliarden Mark. Der kleine Kurt war also nicht nur ein Abenteurer, sondern auch ein ökonomisches Genie, weil er ahnte, dass er anderswo mit den Milliardenscheinen noch Eindruck schinden könnte. (Vielleicht bekommt man dort sogar noch die alten Ostmark los.)

Das möge aber nicht zur Nachahmung anregen. Der kleine H. hat, wie der Schiffsoffizier schreibt, ausnahmsweise erstaunliches Glück gehabt.

Doch! Das ist absolut nachahmenswert.

Aber heutzutage drehen die Eltern ja gleich durch, wenn die Kinder für ein paar Stunden nicht erreichbar sind. Wenn ich Jugendlicher wäre, ich würde schon aus Protest gegen diese Dauerüberwachung für ein paar Wochen abhauen. Damit die Eltern lernen, dass man nicht jemandes Eigentum, sondern ein freies Individuum ist. – Wenn Ihr es während der Schulferien macht, ist es nicht einmal verboten. Aber hinterlasst den Eltern doch netterweise einen Brief, so dass Sie sich keine ernsthaften Sorgen machen müssen. Ach ja, und nehmt doch besser einen Personalausweis oder Reisepass mit, das erleichtert einiges.

Damit bleibt nur noch eine Frage offen: Was wohl aus Kurt H. geworden ist?


So, und jetzt seid Ihr hoffentlich gespannt, was ich im Rahmen dieser Geschichtsreihe zu 1924 alles ausgraben werde. Es wird wieder ein bunter Mix aus Weltgeschichte und Kleinigkeiten, von Landsberg nach Mexiko, über Schach und Sparschweine, biologisch-dynamisch sowie radioaktiv angereichert.

Vorschläge und Gastbeiträge sind herzlichst willkommen!

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Weiße Weihnachten im Plattenbau

Meine am Vortag noch geäußerte Skepsis wurde gestern Lügen gestraft, als es in Chemnitz so heftig schneite, dass die ganze Stadt mit einer dicken Puderzuckerschicht überzogen war. Und es wollte gar nicht mehr aufhören!

Ich habe Euch ja bereits gezeigt, wie fantastisch schön Chemnitz ist. Und natürlich sieht das alles mit Schnee noch einmal romantischer aus.

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Aber weil sich insbesondere die westliche Leserschaft nicht vorstellen kann, wie romantisch ein Plattenbau im Winter ist, habe ich mich auf einen kleinen Spaziergang durch meine Nachbarschaft im Yorck-Gebiet beschränkt. (Außerdem hatte ich keine Lust, stundenlang durch die Kälte zu stapfen.)

Ich finde, man bekommt hier so ein richtiges Sibirien-Gefühl. Mit Lust auf deftiges Essen, hochprozentigen Nachtisch und ziegelsteindicke, möglichst dramatische Romane in der wohlig-warmen, fernwärmegeheizten Wohnung.

Meine anfängliche Skepsis bewahrheitete sich dann leider doch. Schon heute ist fast der ganze Schnee wieder geschmolzen und die Stadt versinkt in den Fluten.

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Klimawandel zu Weihnachten

Da nützt all die Weihnachtsdekoration nichts: Weiße Weihnachten werden viele Kinder nur mehr aus dem Märchen und aus der Werbung kennen.

Fotografiert in Waterloo in Belgien.

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Frühling im Dezember

Montagmorgen. Gut geruht und voller Energie und Tatendrang wache ich um 6 Uhr auf. Die Aufgabenliste für den Tag ist lang. Eine Kindesunterhaltsberechnung unter Berücksichtigung der portugiesischen Kaufkraftparität. Themensuche für ein Seminar zur Forstwirtschaft im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit. Beantworten der vielen Zuschriften, die mich nach meinem Artikel über Chemnitz überwältigt haben. Ein komplizierter internationaler Versorgungsausgleich. Die grobe Jahresplanung für 1924 für meine kleine Geschichtsreihe. Die Pflegschaft für ein ukrainisches Kind, dessen Vater unerreichbar unter russischer Besatzung lebt.

Nur noch einen Blick in die Zeitung, bevor ich loslege, um die Welt ein bisschen gerechter zu machen.

Was lese ich da? Die Wettervorhersage kündigt Sonnenschein, milde Temperaturen und den schönsten Tag der Woche an.

Spontan packe ich einen kleinen Rucksack, laufe zum Bahnhof und springe – gelobt sei das Deutschlandticket – in den ersten Zug, der abfährt. Nach Olbernhau-Grünthal geht er, und ich habe keine Ahnung, wo das ist.

Einen Plan habe ich auch nicht, außer dass ich die Sonne lieber in der Natur als vom Schreibtisch aus genießen will. Flöha, Falkenau, Hetzdorf. Ein wunderbares Viadukt, das ich leider zu spät erblicke. Aber es ist vorgemerkt für die nächste Wanderung.

Hohenfichte, Leubsdorf, Grünhainichen-Borstendorf, Floßmühle. Orte der Industriekultur, die ebenfalls eine Erkundung wert wären. Alle romantisch gelegen an der Flöha.

Aber dann erblicke ich knapp rechtzeitig vor dem Halt in Lengefeld-Rauenstein eine Burg und springe aus dem Zug, so dass ich niemals wissen werde, was eigentlich in Olbernhau-Grünthal wartet. Aber so eine Burg ist für meine heutigen Zwecke ein guter Ausgangsort.

Weil die Burg am Westufer der Flöha liegt, steige ich die Anhöhe am Ostufer hinauf. Das mag kontraintuitiv klingen, aber so hat man einen viel besseren Blick.

Und dann passiert, was meist an solchen Tagen passiert: Ich erblicke eine Wanderkarte, einen Wegweiser oder einen sonstigen Hinweis, der mich zum nächsten Ziel führt. Einem Ziel, von dessen Existenz ich bei der Abfahrt am Morgen noch gar nicht wusste. Heute ist es die Talsperre Saidenbach. Ein Wanderweg führt einmal rundherum, und ich habe gerade nichts Besseres zu tun. (Beziehungsweise ich hätte eine Menge zu tun, wie ich eingangs geschildert habe, aber Natur kuriert mich blitzschnell und effektiv von jeglichem Pflicht- oder Verantwortungsgefühl.)

Es ist so wunderbar sonnig und warm, dass man schon vor Weihnachten denkt, der Frühling hätte begonnen. Und wegen des vielen Wassers fühlt man sich wie in Schweden, in Kanada oder in Müggelheim.

Man muss für diese Wanderung nicht einmal Getränke einpacken, denn die Talsperre dient schließlich der Gewinnung von Trinkwasser. Es sieht absolut klar aus, und schmeckt einwandfrei.

Nur ein Buch und Zigarren muss man selbst mitbringen, dann steht dem gelungenen Tag absolut nichts mehr im Weg.

Mindestens einmal in der Woche muss so ein Tag sein. Das sei insbesondere jetzt, wo Menschen nach kreativen Neujahrsvorsätzen suchen, ins Gedächtnis gerufen.

Praktische Tipps:

  • Wenn Ihr die Saidenbach-Talsperre umrunden wollt, ignoriert am besten den offiziellen Wanderweg, denn der führt oft sehr weit vom Ufer weg. Stattdessen den Pfad suchen, der immer in Ufernähe verläuft.
  • Bitte nicht in die Natur pinkeln! Das ist das Wasser, das bei mir zuhause aus der Leitung kommt.
  • Ich habe es nur vom Zug aus gesehen, aber ich glaube, das Flöhatal ist auch eine Wanderung wert.

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