Dreiburgenwanderung (Teil 3 von 3)

Ihr erinnert euch an Teil 1 und Teil 2 der diesjährigen Geburtstagswanderung? Wenn nein, schnell lesen, bevor Ihr hier einsteigt! Denn wenn ich eines nicht ausstehen kann, dann ist es unsystematisches Hin- und Her-Hopsen unter Missachtung und Verletzung der vom Autor intendierten Reihenfolge.

Bei der Joseph-Tetralogie von Thomas Mann oder den drei Filmen des „Paten“ fangt Ihr ja auch nicht am Schluss an. Nur bei „Star Wars“ ist die Reihenfolge egal. Bei den Sternenkriegern reicht jede beliebige Episode, um nach wenigen Minuten zu erkennen, dass es ein einziger Mumpitz ist.

Mumpitz könnte eigentlich auch der Name eines Flusses sein, schließlich heißen die Gewässer oft Döllnitz, Rednitz, Regnitz, Chemnitz, Kirnitzsch, Sebnitz, Müglitz, Trebnitz, Seidewitz, Wörnitz, Würschnitz, Zwönitz oder einfach nur Itz.

Jetzt seid Ihr gewappnet für Kreuzworträtsel und für die letzte Etappe entlang der Zschopau, einem für die internationale Tourismusvermarktung ähnlich ungeeignet benannten Fluss. Ehrlich, liebe Tourismusmarketingleute, Ihr müsst den Flüssen Namen geben, die man auch auf Englisch, Französisch, Chinesisch und Spanisch aussprechen kann. Oder warum, denkt Ihr, wollen weit mehr Menschen an den Colorado, den Amazonas oder den Mississippi?

„I wish we were on the Zschopau River instead, Huck.“ – „Can’t nobody bloody pronounce it right, Tom.“

Einen Vorteil haben unsere unaussprechlichen kleinen Flüsschen gegenüber den Strömen von Weltrang allerdings: Alle paar Kilometer steht auf einem Hügel neben dem Fluss eine Burg.

Am Mississippi war ich noch nicht, am Colorado und am Amazonas schon. Und ich kann Euch sagen: Dort sieht es burgenmäßig sehr mau aus. Da gibt es vielleicht mal einen Termitenhügel. Und das Opernhaus in Manaus, in dem Ihr hoffentlich die richtige Reihenfolge einhalten werdet, wenn Ihr Euch die vier Teile des Nibelungenzyklus reinzieht. Aber bitte mit dem Schiff anreisen, alles andere wäre stillos.

Und dann liegt am Amazonas noch Fordlandia. In den 1920er Jahren ließ Henry Ford mitten im Dschungel eine Stadt für 8.000 Menschen bauen, die dort Kautschuk abbauen und zu Reifen für diese neumodischen Automobile verarbeiten sollten.

Das ganze ging mächtig schief, weil Ford keine Ahnung von Kautschuk hatte, weil die Plantage halt doch ein bisschen weit weg von Detroit lag, und weil der Autodidakt im „Wohlstand der Nationen“ das Kapitel über die Arbeitsteilung übersprungen hatte. Das kommt davon, wenn man seine Zeit mit den „Protokollen der Weisen von Zion“ verplempert.

Weil ich eine Faszination für verlassene Orte habe, wollte ich während meiner Zeit in Südamerika natürlich nach Fordlandia pilgern. Aber als ich nach drei Wochen in der grünen Hölle allenfalls 150 km weit gekommen, wahrscheinlich die ganze Zeit im Kreis gelaufen war, und außerdem eine Scheißwut auf die Scheißpiranhas, die Scheißmücken und die Scheißschlangen entwickelt hatte, brach ich – wie einst der olle Ford – das Projekt ab.

Und deshalb wandere ich jetzt durch Sachsen statt durch Surinam. Während ich mich mal wieder durch die Welt geträumt habe, sind wir auch schon in Scharfenstein angekommen. Der Ort sieht mit dem verlassenen Gasthof tatsächlich ein bisschen nach Fordlandia aus.

Und auch hier wurde Automobilgeschichte geschrieben. Ebenfalls in den 1920er Jahren, also zeitgleich mit Fords Amazonas-Experiment, bauten die Zschopauer Motorenwerke Jørgen Skafte Rasmussen AG (Markenname DKW) in Scharfenstein Sechszylindermotoren für ein Modell T, allerdings für das von Audi, nicht von Ford.

Ja, die Wiege der deutschen Autoindustrie liegt genau in dieser Ecke, zwischen Zschopau, Zwickau und Chemnitz. Nach Bayern, wo sich heute der Ministerpräsident jeden Tag damit brüstet, die Autoindustrie eigenhändig aufgebaut zu haben, floh Audi erst 1949. Sie verfügten in Ingolstadt nämlich über ein Ersatzteillager, und so spielte der Zufall Industriegeschichte.

Außerdem hat Scharfenstein natürlich eine Burg.

Diese Burg vermarktet sich heute als „Familienburg“, mit Mittelalterdorf, Spielzeugmuseum und als Ort für Kindergeburtstage. Ich stehe dem Konzept Familie bekanntlich eher skeptisch gegenüber, aber wenn man aus Versehen ein paar so kleine Racker in die Welt gesetzt hat, dann muss man ihnen natürlich etwas bieten. Weil auch die Sonderausstellung „Römer & Germanen“, die mich eigentlich sehr interessiert hätte, eher an Kinder gerichtet zu sein scheint, verzichte ich auf einen Besuch.

Burg Scharfenstein hat eine ganz besondere Beziehung zu Kindern, denn von 1967 bis 1990 war sie ein Jugendwerkhof. Diese Einrichtungen waren in der DDR Heime für „schwer erziehbare“ Jugendliche, womit oftmals Jugendliche gemeint waren, die halt ein bisschen unangepasst waren, die gerne die Beatles hörten und die nach Woodstock trampen wollten. Dazu vereinzelt homosexuelle und behinderte Jugendliche, also alles in allem genau die Gruppen, die schon vorher durch die Nazis verfolgt worden waren.

Die Jugendlichen bekamen dort eine reduzierte Schulbildung, wurden permanent kontrolliert und gegängelt, teilweise auch misshandelt, und mussten im DKK-Werk in Scharfenstein Kühlschränke zusammenschrauben. Von dem kargen Arbeitslohn wurden die Kosten für die Unterkunft, in die sie zwangsweise eingewiesen worden waren, abgezogen. Die dadurch preisgünstig hergestellten Kühlschränke wurden nach Westeuropa exportiert, unter anderem zum Versandhaus Quelle.

Allerdings stellte Quelle schnell fest, dass die DDR-Kühlschränke praktisch unkaputtbar waren, also nahmen sie die Qualitätsprodukte wieder aus dem Sortiment. Im Kapitalismus muss man Ramsch verkaufen, damit der Kunde nach drei Jahren wieder kommt. Und notfalls muss man die Konkurrenz mit Hilfe der Politik beseitigen.

Auf Burg Scharfenstein gibt es, soweit ich gesehen habe, keinerlei Hinweis auf die Vergangenheit als Jugendwerkhof. Wer sich darüber informieren will, muss also in die entsprechende Gedenkstätte in Torgau. (Ich wollte ja schon einmal dorthin, bin dann aber spontan in den falschen Zug gestiegen.)

Wenn man Burg Scharfenstein verlässt, gibt einem ein Hinweisschild praktische Tipps für die Fortführung der Burgenwanderung. In Lichtenwalde war ich schon (Artikel steht noch aus), aber die 20 km nach Augustusburg könnte ich vielleicht noch heute schaffen.

Zuerst muss ich mich jedoch stärken. Und da muss ich leider eine erschreckende Beobachtung über Scharfenstein machen: Es gibt hier keine geöffnete Kneipe. Die Kantine im Kühlschrankwerk ist mit diesem ebenfalls untergegangen. Es gibt nicht einmal einen Laden.

Das einzige, was ich finde, ist eine Bäckerei mit freundlichen Verkäuferinnen, die mich ganz freundlich darauf hinweisen, dass sie leider keine Cola haben. Anscheinend noch eine alte Anweisung aus den Jugendwerkhoftagen, als man den Jugendlichen jede Energiezufuhr verwehren wollte. Meine Welt bricht zusammen, die Lebensfreude schwindet. Mitten im Juli, in der Nachmittagshitze, sowieso schon platt vom Wandern, und es gibt keine Cola! (Was krass ist, wenn man bedenkt, an welchen abgelegenen Orten dieses Planeten ich schon eine Cola bekommen habe.)

Die Abwesenheit des Lebenselixiers schmerzt besonders, weil der nächste Streckenabschnitt der steilste ist. Etwa 30 Minuten geht es nur bergauf. Die Lunge platzt fast, aber ich will nicht rasten, ehe ich nicht den Gipfel oder das Plateau erreicht habe.

Dort lasse ich mich unter einem Baum nieder und schlafe mit diesem Blick ins Blätterdach erst einmal erschöpft ein. Wie ein Landstreicher. Nur auf die Zigarre verzichte ich angesichts des heißen, trockenen Wetters und meiner eigenen Waldbranderfahrungen.

Als ich wieder aufwache, ist es nachmittags, aber noch immer dröhnt die Mittagshitze. Wie wenn die Sonne die Zeitumstellung nicht mitbekommen hätte und schlaftrunken ein paar Stunden hinterherhinkt.

Auch ich hinke notgedrungen weiter, immer nach Norden, immer auf dem Kamm hoch über der Zschopau.

An einem Aussichtspunkt, der Scharfensteiner Kanzel, kann man gut sehen, wie ein an sich fabelhafter Ort durch Prahlerei geschmälert wird.

Anstatt den Blick und die Ruhe und bei passendem Wetter die Zigarre zu genießen, musste die örtliche Sektion des Erzgebirgsvereins dieses Panorama unbedingt mit der Bastei in der Sächsischen Schweiz vergleichen.

Aber, wie Ihr selbst zugeben werdet, manchmal muss man den Gesamteindruck gelten lassen, anstatt schnöde die Höhenmeter zu vergleichen. Der Büroturm der Commerzbank in Frankfurt ist auch fast so hoch wie der Eiffelturm, aber nun wirklich keines Vergleichs würdig.

Dabei war ich noch nie in der Sächsischen Schweiz, habe mir aber eine Wanderung entlang des Malerwegs fest vorgenommen. Da muss ich dann nicht einmal Fotos machen, sondern kann mich allein dem Beobachten und Schreiben widmen, weil ja schon alles in Gemäldeform vorliegt.

Der Erzgebirgsverein macht aber auch sinnvolle Sachen, wie zum Beispiel das Aufstellen von Schutzhütten, in die sich Wanderer bei Regen oder Sturm zurückziehen können. Für ganz Ängstliche, die sich vor Wölfen und Wildschweinen fürchten, gibt es diese sogar auf Stelzen.

An einer dieser Hütten hat ein noch ängstlicherer Mensch einen Hinweis angebracht, der hochgradig hirnrissig ist. Ich weiß nicht einmal, was er mit „Strahlungsschneise“ meint. Ist das die Schneise, die die Strahlung schlägt, oder eine strahlungsfreie Schneise durch die sonst ubiquitäre Strahlung? Das kleingedruckte „Gegenüber am Sendemast ist die nächste Schneise. u.s.w u.s.w“ nährt den Verdacht, dass hier jemand außerhalb seines Kompetenzbereichs tapeziert.

Aber gut, wenigstens ich verursache heute keinen Krebs, denn an Wandertagen – und erst recht am Geburtstag – bleibt das Handy zuhause und ausgeschaltet. Außerdem, so schlimm wie damals in Raisting, als ich an der geheimen 5G-Zentrale vorbeikam, wird es schon nicht sein.

Überhaupt ist dieser Wanderweg voll mit versteckten Hinweisen auf allerhand und allerlei, von zurückgelassenen Insignien des Weltkommunismus bis zu Massengräbern für Covid-19-Opfer. (Das Erzgebirge rühmt sich der niedrigsten Impfquote, der höchsten Todesrate sowie der höchsten Zahl derjenigen, die darauf bestehen, nicht an Covid-19, sondern an 5G gestorben zu sein.)

Was ich nicht ganz einordnen kann, ist diese Bärenfalle. Das Tor ist offen, aber es liegt kein Köder bereit. Dieser knausrige Trapper wird noch lange warten können. Oder die Bären sind mittlerweile so schlau, dass sie den Köder abknabbern können, ohne die Falle auszulösen.

Ich selbst habe beim Wandern keine Angst vor Bären, sondern vor Bärenfallen. Nicht vor diesen großen Kästen, die sieht man ja schon von Weitem. Nein, ich meine die am Boden versteckten Schnappfallen, die man aus den Zeichentrickfilmen kennt.

Wobei in den Cartoons die Tiere fünf Minuten später schon wieder durch die Gegend rennen, wie wenn nichts passiert ist. Das vermittelt auch ein völlig falsches Bild vom Leben und Sterben. Kein Wunder, dass der Gouverneur von Florida Disney verbieten will. Aber mehr zu Disney gibt es vielleicht in der Oktober-1923-Folge meiner kleinen Geschichtsreihe „Vor hundert Jahren …“.

Ron DeSantis verbietet ja überhaupt gerne Dinge, von Büchern über Abtreibungen, von Diversität zu Homosexualität. Ist Euch schon einmal aufgefallen, dass die Leute, die ganz laut und oft „Freiheit“ rufen, ziemlich viel verbieten? Außer Waffen natürlich.

Andreas Scheuer: „You need to ban the gender star, too!“

Hoffentlich hat die CSU dem radikalen Verbieterix nichts von den hiesigen Schutzhütten erzählt. Denn eine öffentliche Einrichtung, die jede*r nutzen kann, noch dazu kostenlos und unabhängig von der sexuellen Orientierung, das riecht nach Kommunismus und Untergang des kapitalistischen Abendlandes. Wenn die Amerikaner davon Wind bekommen, bombardieren sie gleich wieder das Erzgebirge.

Apropos Bombardements im Zweiten Weltkrieg, was gar nicht so abwegig ist, weil man diesem Thema durchaus bei Spaziergängen über den Weg laufen kann: Habe ich schon mal die These verlautbart, dass der etwas höhere Anteil an nationalistisch-rechtsextremen Stimmen in Ostdeutschland (auch) auf die Geschichtspolitik der DDR zurückgeht, die – jenseits der antifaschistischen Parolen – vielleicht eine stärkere Kontinuität zu Preußen und dem Deutschen Reich vorlebte, als das in der BRD der Fall war?

Das ist eine rhetorische Frage, und die Antwort lautet: Ja. Aber ich habe ein weiteres Beispiel: Auf dem Zentralfriedhof von Chemnitz wurde schon zu DDR-Zeiten der Opfer der Luftangriffe auf die Stadt im Frühjahr 1945 gedacht, und zwar als „Opfer des anglo-amerikanischen Bombenterrors auf Chemnitz“.

Kein Wort darüber, wer den Zweiten Weltkrieg begonnen hatte. Kein Wort zu den deutschen Bomben auf Antwerpen, Coventry oder Belgrad. Eine vollkommene Verdrehung von Ursache und Wirkung. Keine Frage danach, warum die Deutschen sich nicht selbst von den Nazis befreiten. Und natürlich keine Erwähnung der anglo-amerikanischen Rosinenbomber, die 2,2 Millionen West-Berliner vor dem Erfrieren und Verhungern retteten.

Gut, die westdeutschen „Allen Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“-Mahnmale der Nachkriegszeit waren in ihrer Schwammigkeit auch nicht viel besser. Aber die wörtliche Übernahme eines NS-Propagandabegriffs wie „anglo-amerikanischer Bombenterror“, das war im Westen der NPD vorbehalten.

Aus dem Exkurs befreien uns diesmal nicht die Alliierten, sondern der Blick auf Augustusburg. Ein monströses Schloss, wie auf einem Präsentierteller gelegen.

Nein, nicht das. Das ist doch offensichtlich DDR-Architektur, die jetzt überall das Erzgebirge verschandelt. Ich meine das Schloss des sächsischen Kurfürsten aus der Renaissance.

Genau, das hier:

Den Plan, diese „Krone des Erzgebirges“ heute noch zu erreichen, lasse ich aber sausen. Ich bin froh, wenn ich es noch bis Zschopau schaffe. Dort wartet auch eine Burg – und hoffentlich ein großer Eisbecher. Außerdem muss ich mir einige Wanderziele in der Umgebung von Chemnitz aufheben, denn ich habe die Stadt, die 2025 Europäische Kulturhauptstadt sein wird, zu meinem Stützpunkt für die nächsten Jahre auserkoren.

Und zu guter bzw. schlechter Letzt wäre auch zu Augustusburg ein historischer Exkurs fällig, den ich der Leserschaft heute wahrlich nicht mehr zumuten kann.

Und dann kommt Zschopau. Zuerst schimmert eine verdächtige Villa durch die Blätter, von deren Erkundung mich Hundegebell abschreckt.

Dann ein bisschen Industrie, denn Zschopau war einst die Welthauptstadt der Motorradproduktion.

Und schließlich eine Kleinstadt mit der versprochenen Burg.

Zu der Burg gäbe es jetzt wahrscheinlich auch zu recherchieren und zu erzählen, aber ganz ehrlich, ich bin einfach platt. Keine Ahnung, wie viele Kilometer ich gelaufen bin, ich bin ja kein Landvermesser. Aber jedenfalls genügt es für einen Tag.

Ich habe jetzt nur mehr einen Wunsch: einen Eisbecher.

Stattdessen bekomme ich den Schock meines Lebens.

Was für ein Pech muss man haben, wenn der Geburtstag der einzige Tag im Jahr ist, an dem die Stadt Zschopau – aus welchen Gründen auch immer – der Verkauf von Speiseeis verbietet? Wahrscheinlich steckt da auch dieser Verbotsgouverneur aus Florida dahinter. Vielleicht hat jemand ein Eis in Regenborgenfarben verkauft.

Naja, wenigstens eine Cola finde ich noch. Zigarren habe ich selbst mitgebracht. Also flacke ich mich in den Park, strecke meine müden Beine aus und lese ein Buch.

Vor vielen Jahren hat ein Geburtstag genau so geendet, im Siegespark von Tiraspol, der Hauptstadt Transnistriens. In diesem Land, vor dessen Besuch ich von allen Seiten gewarnt worden war – also nicht unähnlich den Reaktionen auf die Ankündigung, nach Sachsen zu ziehen -, spielten mir am Ende zwei Jungs auf der Gitarre vor.

Ich glaube, in Tiraspol gab es sogar Eis.

Auch heute in Zschopau sitzen zwei Männer auf der Bank gegenüber. Der eine nimmt selbst im Schatten die Sonnenbrille nicht ab, der andere trägt eine richtige Brille. Der örtlichen Intellektuellenvereinigung gehören sie nicht gerade an, das entnehme ich ihrer Konversation, die sich ums Ausschlafen, um die Reparaturwürdigkeit eines Staubsaugers und das Fernsehprogramm von RTL2 dreht.

Ich blicke bewusst tief in mein Buch, „Das Totenschiff“ von B. Traven. Über diesen Autor muss ich wirklich mal etwas erzählen, aber das wird so wild und wirr, das hebe ich besser für eine Episode von „Vor hundert Jahren …“ auf.

„Was für ein Buch lesen Sie da?“ ruft der Mann mit der Brille von der Bank gegenüber. Ich blicke auf und muss kurz überlegen.

Beim „Totenschiff“ geht es um einen amerikanischen Matrosen, der in Antwerpen sein Schiff verpasst und ohne Papiere dasteht. Ohne Papiere nimmt ihn keine Schiff auf, sein Konsul fühlt sich nicht zuständig, und bald gilt er als staatenlos. Er wird von Land zu Land abgeschoben, bis er auf einem heruntergekommenen Schiff, der Yorikke, anheuern kann. Dort merkt er, dass unter der Besatzung etliche Staatenlose sind, und dass die Reederei das Schiff nur gekauft hat, um es hoch zu versichern und untergehen zu lassen. Aber das ist ja heute auch noch so.

Traven thematisiert das Thema der Staatenlosigkeit, nach dem Ersten Weltkrieg äußerst prevalent, sowie die Aussichtslosigkeit der Lohnabhängigen, sich gegen ihre Ausbeutung zur Wehr zu setzen, solange das Recht nur von bürgerlich-formalen Staatsbürgerschafts- und Eigentumsbegriffen ausgeht.

„Einen Seefahrerroman“, sage ich, weil man unschuldige Menschen im Park nicht mit langatmigen Überlegungen behelligt, die sie bei Marx und Engels selbst nachlesen können.

Ostentativ lese ich weiter, werde aber anscheinend beobachtet.

Denn als ich nach etwa einer halben Stunde das Buch zuklappe, fragt der neugierigere der beiden sogleich: „Und, war es gut?“

„Sehr gut“, sage ich ehrlich und mache ein spontanes Angebot: „Wenn Sie möchten, schenke ich es Ihnen.“

Er freut sich sichtlich und nimmt das Schenkungsversprechen sowie das Buch an, womit wir uns nach § 518 II BGB den Notar ersparen.

Ich stehe auf, wünsche den beiden – und der Leserschaft – einen schönen Abend, spaziere zum Bahnhof und denke darüber nach, wie absurd es ist, an seinem Geburtstag kein einziges Geschenk zu erhalten, aber selbst Geschenke zu machen.

Praktische Tipps:

  • Durch das Zschopautal führt ein Wanderweg mit insgesamt 122 Kilometern. Die Abschnitte, die ich gesehen habe, verleiten mich zu der Annahme, dass das eine durchaus empfehlenswerte Wanderung ist.
  • Es gibt auch einen Radweg mit insgesamt 137 Kilometern. Der muss aber ein bisschen anders verlaufen, als ich gewandert bin, denn meine Route war nicht durchgehend fahrradtauglich.
  • Wer Burgen und Schlösser mag, wird in Sachsen reichlich bedient.

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Alle Wege führen nach Jerusalem

Fotografiert in Kremnica in der Slowakei, läppische 2.325 km von Jerusalem entfernt.

Es gibt zwar auch in der Slowakei einen Weiler namens Jeruzalem, zwischen Jablonka und Krajné, aber der Pfeil zeigt eindeutig Richtung Heiliges Land.

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Europa der Vaterländer

Wenn jemand das Ende der Europäischen Union und stattdessen ein „Europa der Vaterländer“ fordert, denke ich immer:

Das hatten wir doch schon.

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Dreiburgenwanderung (Teil 2 von 3)

Ihr erinnert Euch an Teil 1 der Geburtstagswanderung durch das Erzgebirge? Wir waren von der Route abgekommen und planlos durch den Wald gestolpert, als sich plötzlich eine bis dahin unbekannte Stadt in den Weg stellte.

Es sieht aus wie ein Universitätscampus. Alles relativ neu, aber zu gepflegt. Wie bei einer dieser langweiligen Privathochschulen, wo sich kein richtiges Studentenleben entwickelt, weil die Studierenden sich als „Kunden“ statt als kritische Akademiker empfinden.

Aber ich weiß gar nicht, ob man seit der Bologna-Reform noch einen großen Unterschied zwischen den Hochschultypen merkt. Die jungen Leute sind jetzt alle so brav und karriereorientiert. Niemand verbarrikadiert sich mehr, zündet ein Hochschulgebäude an oder wirft Professoren vom Dach, solange es keine ECTS-Punkte dafür gibt.

Studium zu meiner Zeit
Studium heute

Um den Teich auf dem Campus sitzen nur ein paar ältere Herrschaften. Sie scheinen sich alle zu kennen. Denn als ich mich nähere, werde ich argwöhnisch beäugt, wie jemand, der sich ohne Barbour-Jacke nach Witten-Herdecke traut.

Ich frage, ob man hier irgendwo eine Cola bekommen könne.

„Vielleicht oben im Restaurant“, deutet einer der Renter in die vage Ferne, und ich denke mir: „Sagt halt einfach Mensa, Ihr Schnösel.“

Aber es ist dann tatsächlich keine normale Uni-Mensa. Die Kellnerinnen tragen weiße Handschuhe und sehen so schick aus wie damals beim Ball zur Amtseinführung des kolumbianischen Präsidenten. Nur der Service ist schlechter als in Bogotá, denn ich werde gefragt, ob ich „all inclusive“ gebucht habe. Wie bei einer Kreuzfahrt.

Ich sollte einfach sagen „Zimmer 212“, und das wär’s gewesen. Oder auf meinen Geburtstag verweisen und auf ein Gratisgetränk hoffen. Aber man will ja nicht ständig seine persönlichen Daten in die Welt posaunen, so wie diese nervigen Blogger.

Gibt es an Geburtstagen überhaupt noch etwas gratis? In meiner Jugend kam man an seinem jeweiligen Jahres- und Jubeltag gratis ins Kino. Sogar in Farb- und Tonfilme.

Der Kartenabreißer blickte immer ganz traurig, wenn ich allein in die Nachmittags-, Abend- und Spätabendvorstellung ging. Manche Leute glauben ja, es sei deprimierend, wenn man keine Freunde habe. Kinokartenabreißer sind davon wahrscheinlich besonders betroffen, weil sie jeden Tag blöde Hollywoodschmonzetten sehen müssen.

Aus Protest beschloss ich damals, dass ich Weltenbummler, Entdecker und Abenteurer werden würde.

Deshalb sitze ich jetzt im Erzgebirge.

Aus den Gesprächen an den umliegenden Tischen erlausche und deduziere ich, dass ich schon wieder in einem Heilbad bin. Dieses hier heißt Warmbad, und obwohl ich ein staatlich anerkannter Bäderexperte bin, habe ich noch nie davon gehört.

Dabei ist es die älteste und wärmste Thermalquelle Sachsens, mit 26,5 Grad natürlicher Wassertemperatur. Entdeckt wurde die Quelle zufällig, bei der Suche nach Gold oder Silber, angeblich schon im 14. Jahrhundert.

Die Bergarbeiter gründeten sofort einen Betriebsrat und sicherten sich den exklusiven Zugang zu heißen Quellen und warmem Wasser. Überhaupt waren Sachsen und Thüringen – man mag es angesichts der heutigen Wahlergebnisse kaum mehr glauben – die Geburtsorte der deutschen Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie.

Ein imposantes Bauwerk, anscheinend das alte Kurhaus, thront verlassen und verwahrlost auf einem Hügel.

Die Uhr auf dem Turm ist schon lange stehengeblieben, und das muss die Rentner besonders fuchsen. Ist Euch aufgefallen, dass niemand so pedantisch auf Uhrzeiten achtet wie Menschen, die alle Zeit der Welt haben? Anstatt sich uhren- und terminlos eines sonnigen Tages zu erfreuen, meckern und mosern sie, wenn die Zeitung nicht spätestens um 6:30 Uhr im Briefkasten liegt, wenn das Mittagessen ein paar Minuten zu spät serviert wird oder wenn der Gottschalk sich verquatscht und seine Sendung überzieht.

Der neugierige Wanderer wundert sich, von wann dieses Gebäude stammt. Ein erklärendes Schild findet sich nirgendwo, und das erklärt ja eigentlich alles. Wenn in Deutschland in Familienchroniken, in Firmenarchiven oder vor Gebäuden eine Lücke klafft, dann waren die Nazis am Werk.

Das historisch und architektonisch geschulte Auge entdeckt sofort die verräterischen Spuren: Die geschwungene Form des Gebäudes, wie beim Flughafen Tempelhof. Die Massivität der Anlage, wie beim Seebad Prora. Der Schieferstein und das Fake-Fachwerk, wie bei der Nazi-Burg Vogelsang. Die hervortretenden Mauerelemente, die die Schwingen des Reichsadlers andeuten.

Warmbad war also offensichtlich kein normales Heilbad, sondern ein Heil-Hitler-Bad. – Da fällt mir ein: Ich muss unbedingt mal nach Kalau.

Am Abend recherchiere ich neugierig nach und merke, dass mein historisch-architektonischer Instinkt keinen Pfifferling wert ist. Das sogenannte Pawlow-Haus in Warmbad wurde erst in den 1950er Jahren von der DDR erbaut. Und zwar als Sanatorium für Bergarbeiter und Bergarbeiterinnen.

Das war besonders wichtig für die Kumpel der Wismut, die im Erzgebirge Uran abbauten. Denn die konnten nicht, wie andere verdiente Arbeiter des Volkes, zur Radonkur nach Bad Schlema. Schließlich waren sie schon von zuhause aus verstrahlt, die zusätzliche Radioaktivität hätte ihnen den Rest gegeben.

Und all dieser Stress und dieses Leid, nur weil sich die Konsumenten partout Armbanduhren mit beleuchteten Zifferblättern und Atomwaffen einbildeten.

Auch heute noch gehört die Klinik in Warmbad der Knappschaft. Das ist eine geheime Krankenversicherung der Berg-, Bahn- und Seeleute, mit besseren Sanatorien, früherem Renteneintritt und garantierter Currywurst an sieben Wochentagen. Etwa so wie die Künstlersozialkasse für uns Schriftsteller, und holla, Ihr solltet mal unsere Sanatorien sehen!

Auf einer Wanderkarte am Ortsrand sind die Wege mit grünen, gelben und roten Herzen in verschiedene Belastungskategorien eingeteilt, die sich die Wanderer zutrauen. Ich verlaufe mich im Wald so heillos, dass ich vollkommen überlastet bin und mich auf einer Bank, hoch über dem Zschopautal, zur Ruhe setzen muss.

An dem Aussichtspunkt gesellt sich bald eine rüstige Rentnerin zu mir, die in Warmbad nicht aus medizinischen, sondern aus touristischen Gründen weilt. Sie ist aus Karl-Marx-Stadt, das jetzt Chemnitz heißt, weil in den 1990er Jahren eine große Welle der „Cancel Culture“ durch das Land fegte. Jeden Monat fährt sie für ein paar Tage nach Warmbad, um die absolute Ruhe zu genießen.

So kann man auch umschreiben, dass hier nichts los ist, denke ich mir.

Aber sie schwärmt davon, dass sie in Warmbad bei offenem Fenster schlafen könne, während sie in der Stadt immer irgendein Gewirr und Gewusel höre.

Ich kann das nachvollziehen, bin ich doch so lärmempfindlich, dass es schon an Hyperakusis grenzt. Jedenfalls bereitet es mir körperliche Schmerzen, wenn Leute schreien, Hunde bellen, Türen schlagen oder Töpfe klappern. Und ich höre das noch zwei Wohnungen weiter. Deshalb weiß ich auch immer ziemlich viel von den Menschen in der Nachbarschaft und bin überhaupt nicht überrascht, wenn sie eines Tages auftauchen und fragen: „Sag mal, Andreas, du bist doch Scheidungsanwalt, oder?“

Dass es in der Stadt grundsätzlich lauter ist als auf dem Land, ist ein weitverbreitetes Missverständnis. Nirgendwo wird so viel gesägt, gebohrt, gehämmert und gefräst wie auf dem Dorf. Und wenn dann noch ein paar Hunde da sind, die die ganze Nacht kläffend miteinander kommunizieren, dann merken die Zugezogenen, dass sie doch besser im Plattenbau in der Großstadt geblieben wären.

Außerdem kann man in der Stadt einfach in die Höhe ziehen, um Ruhe zu haben. In Kiew habe ich zum Beispiel im 19. Stock gewohnt, da hört man kaum mehr etwas vom Verkehr in der Ebene. Und von oben erkennt man erst, dass eine Stadt auch viel grüner sein kann als ein Dorf.

Aber ich glaube, in der Ukraine sind Wohnungen in den obersten Stockwerken jetzt gar nicht mehr so begehrt. :/

Aber zurück zu der Rentnerin, die sich freut, mitten im Wald jemanden zum Reden gefunden zu haben. Neben der Ruhe genießt sie das All-Inclusive-Programm mit reichhaltigem Frühstück, sieben Bädern mit unterschiedlichen Temperaturen, einer Sauna, Mittagessen, Kaffee und Kuchen, Konzerten sowie gestern Abend einem Dia-Vortrag über Tschechien.

„Das war wahnsinnig interessant“, sagt sie begeistert.

„So werde ich auch enden, wenn ich meine Reisegeschichten mal monetarisieren will“, denke ich traurig.

„Und wenn die alten Leute ihr Nickerchen machen, gehe ich Wandern“, sagt die grauhaarige Frau, die gebückt und langsam an einem Stock durch den Wald kriecht.

Immer wieder spricht sie über „die alten Leute“, ein bisschen zu betont abwertend, wie wenn sie sich unbedingt abgrenzen will. Dabei sieht sie aus, wie wenn sie Clara Zetkin noch persönlich gekannt hat. Andererseits hat sie anscheinend eine Menge Energie und Tatendrang. Im Frühjahr war sie in den Dolomiten, für den Herbst schwankt sie zwischen einer Flusskreuzfahrt und Rügen, und dann fragt sie mich unverblümt, ob ich nicht nächsten Monat zum Sommerkonzert nach Warmbad kommen will. „Da spielt Rudy Giovannini, den kennen Sie sicher.“ Ich kenne ihn nicht, aber ich habe seine Plakate hängen sehen, und das hat mir schon gereicht.

So ein bisschen Selbstüberschätzung von Seniorinnen ist durchaus sympathisch, aber ich mache mich lieber vom Acker beziehungsweise über den selben.

Immer Richtung Norden, zur Burg Scharfenstein, denn eigentlich sollte das hier eine zielstrebige Burgen- und keine mäandernde Laberwanderung werden.

Allerdings, gerade wo ich mich der Burg nähere und eine erschreckende Erfahrung mit Euch teilen möchte, habe ich schon wieder das vom eher ungeduldigen Teil der Leserschaft geforderte Limit von 1.500 Wörtern erreicht, weshalb ich Euch bezüglich dieser und noch mindestens einer weiteren Burg auf Teil 3 vertrösten muss. Bis demnächst!

Praktische Tipps:

  • Durch das Zschopautal führt ein Wanderweg mit insgesamt 122 Kilometern. Die Abschnitte, die ich gesehen habe, verleiten mich zu der Annahme, dass das eine durchaus empfehlenswerte Wanderung ist.
  • Es gibt auch einen Radweg mit insgesamt 137 Kilometern. Der muss aber ein bisschen anders verlaufen, als ich gewandert bin, denn meine Route war nicht durchgehend fahrradtauglich.
  • Wer Burgen und Schlösser mag, wird in Sachsen reichlich bedient.
  • Wenn Ihr nicht krank seid und nicht simulieren wollt, dann könnt Ihr in Warmbad auch in der Jugendherberge übernachten.
  • Und falls Ihr in einem Eisenbahnwaggon übernachten wollt, hier das Wolkensteiner Zughotel.

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Dreiburgenwanderung (Teil 1 von 3)

Am 6. Juli wurden Malawi und die Komoren unabhängig, Jan Hus und Thomas Morus hingerichtet und die Oder-Neiße-Grenze anerkannt. Lawrence von Arabien eroberte Akaba, Richard Löwenherz und König Mindaugas wurden gekrönt, George W. Bush und ich kamen auf die Welt.

Natürlich in verschiedenen Jahren.

Außer die Komoren und ich, wir teilen nicht nur den Geburtstag, sondern auch das Geburtsjahr 1975. Leider ist das dem komorischen Tourismusminister nicht bekannt, weshalb ich noch nie zur gemeinsamen Geburtstagsfeier eingeladen worden bin. Und man will ja nicht mit der Tür in die Hütte fallen und sich selbst einladen. (Wenn jemand von Euch Kontakte zu den Komoren hat, nur zu!)

Also gehe ich stattdessen in Chemnitz zum Bahnhof und steige in den erstbesten Zug. Überhaupt erkunde ich, seit es das 49-Euro-Ticket gibt, viel mehr von den mannigfaltigen deutschen Regionen und Landschaften. Das Deutschlandticket trägt erst richtig zur Herausbildung eines nationalen Bewusstseins bei, viel wirksamer als das die Einigungskriege oder der Einigungsvertrag vermocht haben.

Auf Gleis 14 fährt gleich die Erzgebirgsbahn ab, das klingt fast so exotisch wie der Indische Ozean. Also, nichts wie rein in den Zug, der aus Protest gegen die Energiewende weiterhin dampft und rußt und schmaucht, und in dem sogar noch das Rauchen erlaubt ist.

Mario, der rührige Schaffner, kümmert sich um alle Fahrgäste persönlich und ruft bei jeder kleinen Verspätung am nächsten Bahnhof an, dass dort die Busse warten sollen. Mir persönlich macht die Verspätung gar nichts, denn ich habe weder Ziel noch Zeitplan. Ich werde einfach spontan irgendwo aussteigen, den ganzen Tag wandern, und am Abend wieder einen Bahnhof für die Rückfahrt ansteuern.

Außerdem ist die Fahrt durch das Zschopautal schon ein Erlebnis an sich. Es ist ein enges Tal, der Zug fährt ganz nah am Fluss und überquert ihn von Zeit zu Zeit auf schön geschwungenen Steinbrücken oder waghalsigen Stahlkonstruktionen, wie quergelegte Eiffeltürme.

Eigentlich will ich bis zur Endstation fahren, ins Hochgebirge, wo noch Schnee liegt und die Yetis toben. Aber da ertönt die Durchsage „nächster Halt: Wolfenstein“.

Wolfenstein, Wolfenstein, da war doch was…

Ach ja: Eine Nazi-Burg, in der alliierte Kriegsgefangene festgehalten wurden, denen man in einem Computerspiel zur Flucht verhelfen konnte. Das Spiel war in Deutschland lange Jahre verboten, weil man dabei Wehrmachtssoldaten abknallen musste. Und das ging natürlich nicht, solange in den meisten Haushalten noch ein lebender Wehrmachtsopa vorhanden war, der mit Stories aus Stalingrad nervte. Erst 2019 wurde die Indizierung aufgehoben, weil die Nazis mittlerweile wieder in die deutschen Parlamente eingezogen waren und nicht mehr als schutzwürdige Minderheit galten.

Nazi-Burgen und Kriegsgefangenenlager faszinieren die Leserschaft, das habe ich schon in der Eifel und erst kürzlich auf Schloss Colditz feststellen können. Es ist zwar mein Geburtstag, aber die Verpflichtung gegenüber den Interessen der Leserschaft versiegt nicht einmal an hohen Feiertagen. Also steige ich spontan aus.

Man tritt kaum aus dem Zug, schon sieht man drohend die Burg auf den Felsklippen, wie wenn sie persönlich jede Ankunft überwacht. Noch immer umweht sie ein Geruch von Gefahr, Grausamkeit und Gestapo. Das geht einfach nicht mehr raus aus dem Gemäuer.

Am Bahnhof ist ein Ortsschild. Wolkenstein steht da, nicht Wolfenstein. Tja, zu spät, der Zug ist schon weg. Jetzt stehe ich doof im Zschopautal und muss irgendwas daraus machen.

Zuerst mal ein paar positive Worte über den hiesigen Bahnhof, nachdem ich mich in letzter Zeit despektierlich über Provinzbahnhöfe in Sachsen geäußert habe, z.B. in Geithain oder Pratau. Der Bahnhof in Wolkenstein ist bestückt wie die Orient-Express-Endhaltestelle in Paris: Schlafwagen, Speisewagen, Buffetwagen, Lazarettwagen, alles erster und zweiter Klasse, und sogar der Regierungszug des DDR-Staatsrats mit Suite Walther und Suite Erna.

Wirklich die perfekte Übernachtungsmöglichkeit für Zugfanatiker – eine Freundin nannte sie kürzlich „Ferrosexuelle“ – oder zum Probeliegen, bevor man einen Nachtzug quer durch Europa oder durch Kanada bucht.

Nur der Panzerzug fehlt, aber der ist ständig auf Achse und verbringt aus Sicherheitsgründen keine zwei Nächte am selben Ort. Ganz wie ich in meinen wilden Zeiten.

Zur Burg geht es waghalsig und steil nach oben, aber in meinen alten Adern pulsiert der Geist der jugendlichen Tollkühnheit. Wenn ich eine Anhöhe, einen Hügel oder einen Berg sehe, dann will ich einfach hinauf.

Letztes Jahr war ich – zufällig auch zum Geburtstag – in Rumänien und lernte im Botanischen Garten in Alba Iulia eine Frau kennen, als wir uns beide vor einem plötzlich einsetzenden Platzregen unterstellten. Sie lud mich zu sich nach Hause ein, um mich und meine Sachen dort zu trocknen, und was weiß ich, welche Hintergedanken Frauen so haben. Außerhalb ihres Dorfes lag eine verführerische Hügelkette, die in der Abendsonne lockte. Kein Hochgebirge, nur schön geschwungene und saftig grüne Kuppen, die man innerhalb weniger Stunden leicht erobern konnte.

Ich fragte, was hinter den Hügeln wäre, und sie eröffnete mir, dass sie noch nie im Leben dort oben gewesen wäre. Unfassbar. Da lebt jemand 40 Jahre mit Blick auf eine wunderschöne Landschaft und hat noch nie Interesse verspürt, diese zu erkunden. Das ist genauso ein akutes Warnzeichen wie wenn jemand keine Bücher im Haus hat. Ich bin natürlich sofort abgehauen.

Aber Ihr wollt keine ollen Kamellen hören, sondern Fotos von Wolkenstein sehen.

Die haben da sogar eine Postmeilensäule. In Sachsen wurden im 18. Jahrhundert überall diese Säulen aufgestellt, die Reisezeiten in alle umliegenden und ein paar entfernter liegende Städte mit beunruhigendem Genauigkeitsanspruch anzeigten.

Von Wolkenstein nach Torgau benötigt man beispielsweise 25 7/8 Stunden, aber keinesfalls volle 26 Stunden. Und selbst bei der weiten Reise nach Prag, die übers Gebirge führt, gilt sommers wie winters eine exakte Reisezeit von 29 5/8 Stunden. Ich glaube, das sind die Zeiten für Reiter, nicht für Fußgänger. Oder ich wäre arg langsam und als Briefträger vollkommen ungeeignet. In Winnipeg war ich übrigens mal bei einem Treffen von Schriftstellern, und die waren im Brotberuf alle Briefträger. Das scheint perfekt zu sein: Man steht früh auf und genießt ein paar Stunden Bewegung an der frischen Luft. Währenddessen hat man Zeit zum Nachdenken, weil die Arbeit an sich intellektuell nicht fordernd ist. Und mittags ist man fertig und kann sich unberührt von Finanz- oder Pensionssorgen dem Schreiben widmen. Mit etwas Glück hat man sogar noch ein paar rührende Geschichten von nach 25 Jahren zugestellten Postkarten erlebt, die man zu einer Geschichte verwursten kann.

Apropos Wurst in Winnipeg, aber nein, das würde jetzt zu weit führen. Erinnert mich einfach irgendwann, dass ich noch ausführlich von dieser meiner Lieblingsstadt in Kanada berichten wollte.

Weil das Kurfürstentum Sachsen ein bisschen größer war als der heutige Freistaat Sachsen, findet Ihr solche Säulen nicht nur in Sachsen, sondern auch in Thüringen, Sachsen-Anhalt, in Brandenburg und in Polen.

Auf der Karte findet sich allerdings mindestens ein Fehler, denn die Postmeilensäule in Guben ist – entgegen der weißen Markierung – sehr wohl vorhanden. Ich habe sie persönlich gesehen:

Aber ich will hier nicht pedantischer sein als ein Postmeister, sondern wandere ganz ohne Zeitdruck und Zeitmesser gemütlich aus dem Städtchen hinaus. Gerade als viel- und weitgereister Mensch verstehe ich die Vehemenz nicht, mit der sich Menschen über 10 Minuten Verspätung eines Busses oder Zuges aufregen. Na und? Es ist doch vollkommen egal, ob man die 10 Minuten am Bahnhof oder im Zug verbringt, am Ende des Tages sind sie vorbei. Und lesen, eine Butterbreze essen oder sich mit anderen Menschen unterhalten kann man hier wie dort.

Die Landschaft hier heißt Wolkensteiner Schweiz, so wie Bayerisch Kanada, wo neben dem Schwarzen Regen ebenfalls eine wunderschöne Eisenbahnstrecke führt. Ihr seht, so ein 49-Euro-Ticket rentiert sich wirklich!

Warum nimmt man eigentlich immer Anleihen bei ganz anderen Regionen? In Sachsen gibt es zudem die Sächsische Schweiz, in Deutschland die Fränkische Schweiz, die Hersbrucker Schweiz, die Märkische Schweiz und sogar so Flachlandpeinlichkeiten wie die Bremer Schweiz oder die Holsteinische Schweiz. Von Belgien über Großbritannien, von Griechenland bis Nischni-Nowgorod, von Australien bis Brasilien, von Lesotho bis in die Mongolei, überall gibt es Schweizen.

Campos do Jordão in Brasilien, die „Schweiz von São Paulo“

Und warum immer die Schweiz? Warum gibt es kein australisches Sachsen? Oder ein mexikanisches Schlesien? Obwohl, in Chile gibt es die Villa Baviera, aber das ist wahrscheinlich kein gutes Beispiel. Während ich so durch die Weltgeschichte, die Geographie und die Toponomastik sinniere, stolpere ich schnurstracks in eine Landschaft, die tatsächlich schweizerisch-spießig aussieht.

Was ist das? Eine geheime Stadt, mitten im Wald? So etwas wie Seweromorsk oder Wiljutschinsk?

Und wovor will uns dieser Teddybär warnen?

Das alles und vieles mehr demnächst in Teil 2 und Teil 3.

Wie Ihr seht, nehme ich die Kritik an meinen angeblich überlangen Artikeln ernst und kappe jetzt immer streng bei 1.500 Wörtern. Das ist nämlich genau die Textlänge, die man in den 10 Minuten lesen kann, die man auf den Bus wartet.

Praktische Tipps:

  • Durch das Zschopautal führt ein Wanderweg mit insgesamt 122 Kilometern. Die Abschnitte, die ich gesehen habe, verleiten mich zu der Annahme, dass das eine durchaus empfehlenswerte Wanderung ist.
  • Es gibt auch einen Radweg mit insgesamt 137 Kilometern. Der muss aber ein bisschen anders verlaufen, als ich gewandert bin, denn meine Route war nicht durchgehend fahrradtauglich.
  • Wer Burgen und Schlösser mag, wird in Sachsen reichlich bedient.
  • Und falls Ihr in einem Eisenbahnwaggon übernachten wollt, hier das Wolkensteiner Zughotel.

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Vor hundert Jahren wollten die Ökos, dass wir alle aufs Fahrrad umsteigen – Juni 1923: Bundesradfahrerdenkmal

Letztens war ich mit einem amerikanischen Freund in Bad Homburg, um ihn von dem Irrglauben abzubringen, dass das Wort „Bad“ vor deutschsprachigen Städtenamen dem englischen „bad“ entspräche und Besucher vor dem Besuch der jeweiligen Stadt warnen solle. Irgendein Doldi hatte dieses Gerücht in die Welt gesetzt und damit dem Tourismus in Deutschland fast irreparablen Schaden zugefügt. (Der Verfassungsschutz ermittelt.)

Mein Bekannter, für den Deutschland bis dahin aus Frankfurt und Berlin bestand, war ganz entzückt. Und dann regelrecht erschlagen, als ich ihm sagte, dass es allein in Deutschland etwa 350 solcher Kurorte gibt, und dass er bedenkenlos in jede Stadt fahren könne, die mit „Bad“ beginnt. Mein persönlicher Geheimtipp für Geschichtsbegeisterte ist Bad Arolsen.

Dabei liegen die schönsten Kurstädte Europas in anderen Ländern, von Marienbad in Tschechien bis Meran in Südtirol, von Sochumi in Abchasien bis Vichy in Frankreich. Da muss ich sowieso bald hin, weil zwei der europäischen Mittelpunktprätendenten ganz in der Nähe dieser historisch belasteten, dafür aber umso interessanteren Stadt liegen.

Wir haben sogar so viele Bäder in Europa, das manche einfach brach liegen und verfallen, wie Baile Herculane in Rumänien oder Kyselka in Tschechien.

Meine heutige Reise geht nach Bad Schmiedeberg, und aufgrund der langen Vorrede erwarte ich nur das Allerfeinste. Der Kurort liegt eigentlich am Eisenbahnnetz, aber es fahren keine Züge mehr. Ihr wisst, ich bin ein Verfechter der Eisenbahn, und ich könnte schon wieder fuchtig werden, aber die Ausdünnung des Schienenverkehrs hatten wir ja erst im März ausführlich behandelt.

Also steige ich am Bahnhof in Pratau aus. Der ist so armselig und trostlos, dass ich jegliche frühere Kritik an anderen Bahnhöfen zurücknehme.

Neben mir steigt nur eine weitere Frau aus. Sie ist eher klein, aber schleppt einen riesigen Seesack auf dem Rücken und zwei schwere Taschen in den Händen. Sie ächzt sichtbar unter der Last, und ich biete an, die beiden Taschen zu übernehmen.

Zufällig sucht sie auch den Überlandbus nach Bad Schmiedeberg, den wir nur mit Hilfe eines Einheimischen finden. In den folgenden 45 Minuten, die wir über die Felder Sachsen-Anhalts fahren, erfahre ich ungefragt die Lebensgeschichte inklusive Details zu Kindern, Hunden und Gebäudebrandversicherung der erzählfreudigen Frau aus Schwaben. Sie ist ganz baff, wie schnell es mit der Reha geklappt hat: Vor vier Monaten beantragt, vor zwei Monaten bewilligt, und vor drei Wochen den Termin bekommen. Die nächsten vier Wochen wird sie in Bad Schmiedeberg weilen und heilen. Sie will wieder Treppen steigen und Fahrrad fahren können. Gerade mit letzterem Wunsch ist sie hier goldrichtig, sage ich ihr vielsagend.

Ich frage, ob sie sich den Kurort aussuchen konnte.

„Nein,“ erklärt sie, „da kommt man einfach irgendwohin. Ich hatte vorher noch nie von Bad Schmiedeberg gehört.“

Ich finde das eigentlich ganz schön, wenn in ein ansonsten durchstrukturiertes Leben von Zeit zu Zeit der Zufall reinregiert. So erleben die Älteren und Kranken dank der Kur noch einmal den gleichen Kick wie einst, wenn der Brief von der Bundeswehr oder von der ZVS kam. Außerdem ist es besser für die Genesung, wenn man weit weg von Familie, Freunden und vor allem von der Arbeit ist. Hoffentlich nehmen sie den Insassen das Handy weg, sonst werden sich diese weiterhin mit den ganzen Banalitäten von zuhause quälen.

Ich bin nicht zur Kur, sondern darf ganz frei und ungezwungen durch das Städtchen laufen. Es ist ein über die Jahrhunderte zusammengewürfelter eklektischer Mix aus Mittelalter, Gotik, Barock, Romanik, Neoklassizismus, Renaissance und Jugendstil. Aber es passt. Wie in den Wohnungen von Menschen, die sich die Einrichtung auf dem Flohmarkt zusammenkaufen, aber dennoch stilvoller leben als die Massen in ihrem IKEA-Einheitsbrei.

Viele Touristen scheint es nicht nach Bad Schmiedeberg zu ziehen. Als ich im Park neben der Schule mein Frühstück einnehme, treibt die Lehrerin ihre Schüler nach draußen, um dem seltenen Gast ein Lied vorzuträllern. Ein Renter überquert die Straße, um mich mit dem Pioniergruß willkommen zu heißen. Und als ich das folgende Foto mache, kommt die Bürgermeisterin aus dem nebenan liegenden Rathaus und erklärt fröhlich und freundlich: „Wir haben noch viel schönere Häuser hier!“

Sie ist nicht zu beneiden um den Job. Die Entwicklung der Stadt hängt weitgehend davon ab, wie großzügig die Krankenkassen und Rentenversicherungsträger mit Kuren und Reha-Maßnahmen sind. Und ob die Eisenbahn die Strecke reaktiviert.

Das ist das Deprimierende an der Kommunalpolitik: Man kann sich abrackern bis zum Umfallen. Aber dann fördern der Bund oder das Land so Firmen wie Amazon mit Millionensubventionen für ihre Logistikzentren, und der Einzelhandel geht kaputt. Oder der Verkehrsminister, der alte Autofetischist, spart die Bahn kaputt, und die Jungen und Intellektuellen ziehen von der Klein- in die Großstadt, weil sie sonst nicht mehr zur Universität, ins Kino oder zu Ausstellungen kommen.

Beispiel Bad Schmiedeberg: Der letzte Bus fährt jetzt um 18:11 Uhr. Danach ist die Stadt abgeschnitten vom Rest der Welt. Ich habe keinen historischen Fahrplan gefunden, aber wahrscheinlich war die Stadt im 19. Jahrhundert unter der Preußischen Staatsbahn besser angebunden als heute.

Apropos Verkehrspolitik und Geschichte, da können wir endlich – wie es die Reihe „Vor hundert Jahren …“ verlangt – den Bogen in das Jahr 1923 schlagen. Damals nämlich stand Bad Schmiedeberg für einige Tage im Zentrum des Weltgeschehens. Aus ganz Deutschland eilten Radfahrer in damals noch nicht ganz so hässlichen Hosen wie heute herbei, um am 17. Juni 1923 im Kurpark das „Bundesdenkmal des Bundes Deutscher Radfahrer“ einzuweihen. Denn ohne Bundesverband und Bundesverbandsdenkmal einfach so Fahrrad zu fahren, das geht in Deutschland nicht. Das wäre Anarchie.

Wir wollen sehen, ob dieses Denkmal die inzwischen vergangenen 100 Jahre politischer Wirren überstanden hat, und wagen uns in den Kurpark. Die weitläufigen Grünflächen sind – neben der Abwesenheit von Arbeit und Familie – meiner Meinung nach der wahre Grund, warum die Kurgäste hier gesund werden. Diese ganzen Wässerchen und Moorbäder sind doch nur Schabernack.

Der Kurfürstenbrunnen in Bad Schmiedeberg preist zum Beispiel „fluoridhaltiges Natrium-Hydrogencarbonat-Sulfat-Wasser zur Behandlung von Osteoporose, funktionellen Magenstörungen, Harnverdünnung bei Nierensteinleiden und zur Kariesprophylaxe“ an. Ein Wundermittel, wie es sonst nur Homöopathen oder Coca-Cola zustande bringen.

Ich selbst habe mein eigenes Wundermittel, mit dem sich, wenn ich die sehnsuchtsvollen Blicke der Kurgäste richtig interpretiere, Millionen verdienen ließen.

Ich müsste mich nur mit einem der rüstigen Rentner zusammentun. Dieser gibt mich dann als seinen Neffen aus, der in einer Zigarrenfabrik auf Kuba als Prokurist arbeitet und die original Havannas durch Schmuggel nach Bad Schmiedeberg vor dem Ausverkauf an die karibisch-kapitalistische Treuhand rettet. Schon würden sich die Herzen und Geldbeutel der Ostrentner öffnen. „Noch eine Schachtel für die Revolution, Genosse!“

Und weil so viele Ladengeschäfte leer stehen, könnte ich zudem wieder eine Anwaltskanzlei eröffnen und mich auf Seniorenrecht spezialisieren. Aber die Anspielung versteht jetzt niemand, der nicht „Better call Saul“ gesehen hat.

Und wenn Ihr schon diese amerikanische Anwaltsserie nicht kennt, brauche ich mit „El Agente Topo“, dem allerschönsten und herzerwärmendsten Film über Seniorenheime, gar nicht erst zu kommen. Der lief nämlich nur in Chile in Kino.

Ein Kino gibt es in Bad Schmiedeberg nicht, aber die Gäste müssen sich nicht langweilen: Direkt an der Kurpromenade liegt die Stadtbibliothek. Für Notfälle außerhalb der Öffnungszeiten gibt es einen Bücherschrank, in dem der „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ ausliegt, wirklich das perfekte Buch für einen Ort, an dem gebrechliche Menschen genug Zeit haben, um waghalsige Pläne für die kurze verbleibende Zukunft auszuhecken.

Überhaupt würde mich das interessieren, falls schon mal jemand von Euch für ein paar Wochen so eine Auszeit genommen hat: Nutzt man die Zeit, um über die grundlegenden Parameter seines Lebens nachzudenken? Lässt man sich danach scheiden oder kündigt die Arbeit? Verkauft man das Haus, um dafür nach Sardinien zu ziehen? Oder geht man einfach wieder zurück ins Büro oder in die Backstube und opfert den gerade erst rehabilitierten Körper erneut der kapitalistischen Ausbeutung? – Vielleicht sollte ich es selbst mal ausprobieren. Es soll ja auch Kuren zur Rauchentwöhnung geben.

Im Kurpark gibt es noch etwas, was leider mittlerweile aus vielen anderen Parks und öffentlichen Räumen verschwunden ist: Ein gut bestückter Zeitschriftenkiosk, der vom „Neuen Deutschland“ bis zu seichten Serienromanen alles bietet.

Schön, zu sehen, dass es noch Städte gibt, die auch an diejenigen von uns denken, die nicht ständig ein WLAN mit sich herumschleppen. Und die frisch erworbenen Druckerzeugnisse genießen die Gäste unter Palmen und an einem Teich, so dass sie sich in Sachsen-Anhalt ganz wie in Saint-Tropez fühlen können.

Ansonsten besteht das Kulturprogramm aus Yoga-Kursen, Konzerten, einem Wilhelm-Busch-Abend, Schachkursen und einer Euthanasie-Wanderung für die hoffnungslosen Fälle.

Da kann niemand sagen, er/sie wäre nicht gewarnt gewesen.

Der Kurpark ist übrigens der umgestaltete Garnisons-, Exerzier- und Reitplatz des Königlichen Magdeburgischen Dragonerregiments Nr. 6. Die Garnison zog 1878 aus Schmiedeberg (damals noch ohne Bad) ab, weil sie nach Stendal verlegt wurde. Das liegt auch in Sachsen-Anhalt, ist aber Hansestadt. Wusstet Ihr, dass es so weit von der Küste überhaupt Hansestädte gibt? Schon wieder etwas gelernt.

Der damalige Bürgermeister (von Schmiedeberg, nicht von Stendal) dachte sich: „Dann machen wir halt in Tourismus“, und noch im gleichen Jahr wurde das Eisenmoorbad eröffnet. Wirklich bemerkenswert, dass die Heilquellen immer genau dann und dort auftauchen, wenn eine ansonsten dem Untergang geweihte Stadt ein Marketingkonzept benötigt. – Vielleicht ist das mit den Hansestädten genauso an den Haaren herbeigezogen?

Und da steht es tatsächlich, frisch geputzt und mit einem Kranz zum 100-jährigen Jubiläumsfest: Das Bundesradfahrerdenkmal. Sehr velodramatisch, mit Stahlhelm, Eisernem Kreuz, Dornenzweigen und flammenden Fackeln.

Mir kommt der leise Verdacht, dass es hier gar nicht ums Radfahren geht. Und tatsächlich lautet die Inschrift: „Bund Deutscher Radfahrer e.V. in unwandelbarer Treue seinen im Weltkriege gefallenen Bundeskameraden“

Jetzt verstehe ich den Witz aus Erich Maria Remarques Inflationsroman „Der schwarze Obelisk“:

„Da sehen Sie es“, sagt Heinrich bitter zu Riesenfeld. „Dadurch haben wir den Krieg verloren. Durch die Schlamperei der Intellektuellen und durch die Juden.“

„Und die Radfahrer“, ergänzt Riesenfeld.

„Wieso die Radfahrer?“ fragt Heinrich erstaunt.

„Wieso die Juden?“ fragt Riesenfeld zurück.

Aber eigentlich ist es ja logisch, dass die deutschen Radfahrer glühende Weltkriegskämpfer waren. Bei ihnen kam zum (damals) weit verbreiteten Hass auf Frankreich der Hass auf die Tour de France dazu, die – obwohl das Fahrrad natürlich im Ingenieursländle Baden erfunden worden war – der Deutschlandrundfahrt an Bekanntheit und Renommee, an Fernsehgeldern und Dopingverstößen den Rang ablief.

Hannoversche Radfahr-Kompanie im Ersten Weltkrieg

Überhaupt sind Fahrräder so eng mit der Kriegsführung verwoben, dass man leider konstatieren muss: Wer radelt, unterstützt die Rüstungsindustrie.

Sogar die zunehmend populären Klappräder und E-Bikes sind ursprünglich für die Armee erfunden worden.

Die deutschen Radfahrer wollten endlich zur Tour de France und zum Giro d’Italia aufschließen. Aus diesem Grund musste zuerst Österreich erobert werden, so dass in dem dadurch flächenmäßig größer gewordenen Reich die Deutschlandrundfahrt zur Großdeutschlandfahrt werden konnte. Im Juni 1939 radelten die Männer über 5000 km durchs eigene Land, ab September dann auch im Ausland.

Wehrmacht in Lettland, Sommer 1941

Dafür – und für die Beteiligung an den Krankenmorden und an medizinischen Experimenten in Konzentrationslagern – wurde der „Reichsradsportführer“ Viktor Brack 1948 gehängt. Die unmittelbare Nachkriegszeit, das waren die wenigen guten Jahre im 20. Jahrhundert, in denen die Justiz nicht auf dem rechten Auge kurz- und nachsichtig war.

Aus Protest dagegen stiegen die Deutschen aufs Auto um, machten die Stadtplanung autofreundlich und menschenunfreundlich, führen einen Kulturkampf um Radwege und fahren sich gegenseitig tot. 2.776 Verkehrstote im deutschen Straßenverkehr im letzten Jahr. Das sind sieben Tote pro Tag. Dazu 358.665 Verletzte bei Verkehrsunfällen. Pandemische Ausmaße.

Aber das hier ist ein Geschichtsblog, kein Blog zur Verkehrserziehung. Zu diesem Zweck gibt es bessere Medien.

Ich selbst bin eigentlich gar kein Radfahrer. Für kurze Strecken ist es mir zu umständlich, für lange Strecken zu anstrengend. Und dann muss man es immer absperren und sich merken, wo man geparkt hat. Außerdem bin ich grundsätzlich skeptisch gegenüber Privateigentum an Verkehrsmitteln. Ich finde es einfach wahnsinnig ineffizient, 24 Stunden am Tag Eigentum an etwas zu haben, was man vielleicht eine oder zwei Stunden nutzt. Da steht so viel totes Kapital herum, rostet vor sich hin, versperrt die Fluchtwege und geht kaputt. – Aus den gleichen Gründen sind Autos natürlich noch viel dämlicher.

Ich bin eher der Fußgänger. Da habe ich volle Flexibilität, kann mich quer durch den Wald schlagen, Flüsse durchqueren oder durch Tunnel kriechen. Ich muss mir nicht merken, wo ich losgegangen bin, und kann unterwegs einfach in den Bus steigen oder trampen. Außerdem kann ich beim Gehen nebenbei fotografieren und schreiben, was beim Auto- oder Radfahren schon schwierig ist.

Also gehe ich auch von Bad Schmiedeberg zu Fuß in den Wald. Ich bin auf der Suche nach dem Kaiser-Wilhelm-Turm, von dessen Spitze man angeblich sogar das Völkerschlachtdenkmal im 50 km entfernten Leipzig sehen kann. Außerdem gibt es dort einen Imbiss.

Man könnte meinen, dass man so einen Turm von weitem sieht. Aber – ich gebe das nur ungern zu – ich verlaufe mich. Immer tiefer gerate ich ins Gestrüpp. Schon wieder so eine Sache, die mit dem Auto oder Fahrrad nicht möglich wäre! Obwohl, es gibt sogar Leute, die damit durch den eigentlich undurchdringlichen Urwald zwischen Kolumbien und Panama fahren.

Die Dübener Heide verbirgt genauso viele Spuren längst vergangener Zeiten wie der Dschungel von Darién. Hoffentlich sind die Häuser so verlassen, wie sie aussehen.

Plötzlich höre ich Rufe aus dem Wald: „Oh, mein Gott!“ „Ach, du fettes Ei!“ „Das gibt’s doch nicht!“

Dann fallen Schüsse.

Niemand schreit. Also sehr gut getroffen. Oder nicht getroffen.

Ihr kennt mich, so eine Unsicherheit kann ich nicht auf sich beruhen lassen. Ich krieche durch das Unterholz, ganz vorsichtig, auf jeden Ast am Boden achtend, die Ohren weit aufgesperrt.

Und dann erspähe ich es: Eine riesige militärische Anlage, mit so einem Abhörballon wie in Bad Aibling. (Nur ein Zufall, dass dieser NSA-Stützpunkt auch in einem Kurort versteckt war? Ich glaube kaum.)

Wenn das hier von Profis betrieben wird, dann haben sie mich eh schon entdeckt. Also würde ich mich jetzt verdächtiger machen, wenn ich wieder umkehre, denke ich in meiner Geheimagentenlogik. Wenn ich hingegen weiter herumschnüffle, kann ich mich noch immer als neugierig-naiver Tourist herausreden. (Das hat bisher schon einige Male geklappt. Beispiel 1. Beispiel 2.)

Außerdem sieht die Anlage verlassen aus.

Die Stimmen, die ich jetzt aus dem Komplex höre, sind also entweder die von bewaffneten Wächtern mit Kampfhunden oder von ebenso Neugierigen wie mir. Ersteres wäre blöd. In letzterem Fall werden die Jungs genauso viel Angst vor mir wie ich vor ihnen haben. Außerdem, so denke ich weiter in meiner Geheimagentenlogik, wäre ein Wächter sicher nur von einem Subunternehmer beauftragt, so dass ich ihm gegenüber einfach behaupten könnte, ich wäre der Eigentümer. Oder der Rechtsanwalt des Eigentümers. Oder vom Bauamt, Dezernat 17 B. Man muss nur selbstbewusst auftreten, und ich sehe sowieso immer so offiziell aus, selbst wenn ich landstreiche. (In dem Link geht es auch um eine NSA-Abhöranlage, aber ich schwöre, das ist Zufall, dass die mir immer beim Wandern im Weg stehen.)

Also trete ich mutig näher, und mir entfahren die gleichen Flüche, wie ich sie vorher von den Fremden gehört habe: „Das gibt’s doch nicht!“ rufe ich immer wieder, während ich durch zersplitterte Scheiben klettere, den Turm zur Wasserrutsche emporsteige, und versuche, möglichst wenig anzufassen und einzufangen.

Das hier war das „Basso“. Das erste Spaßbad in den neuen Bundesländern, eröffnet 1993. Als zertifizierter Misanthrop und Miesepeter hätte ich gleich sagen können, dass Spaßbäder noch schlimmer sind als normale Schwimmbäder. Aber die neuen Bundesländer waren jung und mussten ihre eigenen Fehler machen. (Vorsicht: Bald kommen die ersten von ihnen in die Faschismus-Trotzphase.)

Der größte Fehler war die Umstellung von der Plan- auf die Marktwirtschaft. Denn plötzlich wollte jede Gemeinde ihr eigenes Disney-World, während in einem zivilisierten Land einfach der beim Wirtschaftsministerium angesiedelte Planungsausschuss für wassermäßige Versorgung und Bespaßung der Bevölkerung ganz objektiv und wissenschaftlich ausrechnen würde, wie viele von diesen Bädern man braucht. Das Basso war wie gesagt das erste dieser Luftschlösser, aber bald darauf wurde in Bad Düben, nur 15 Kilometer entfernt, das Heide-Spa eröffnet. Und so machte es jede Stadt, von der Ostsee bis zum Erzgebirge. 90% der Baukosten wurden staatlich bezuschusst.

Das Basso wurde 2009 geschlossen. Die Stadt Bad Schmiedeberg saß auf einem Haufen Schulden (auch so eine dämliche marktwirtschaftliche Erfindung) und zahlte noch bis 2018 jährlich 600.000 Euro ab. Für ein Städtchen mit 9.000 Einwohnern ist das ziemlich viel.

Falls Ihr jetzt an das „Tropical Islands“ in Brandenburg denkt, dort war die Situation ein bisschen anders. In Briesen wurde eine Riesenhalle gebaut, in der Luftschiffe – wahrscheinlich wieder für den Krieg – zusammengeschraubt werden sollten. Die Cargolifter AG ging trotz Subventionen in Millionenhöhe insolvent. Das komische Karibikbad ist also nur die Nachnutzung, natürlich wieder heftig aus Steuermitteln finanziert.

Im Basso klärt sich jetzt auf, woher die „Schüsse“ kamen. Der Wind schlägt so heftig gegen die Plastikplane, dass es knallt. Und noch dazu haben die beiden Jungs einen Basketball mitgebracht. Es sind Lukas und ein Kollege Kameramann.

„Ich habe einen YouTube-Kanal, mit Unterhaltung speziell für junge Leute“, sagt er auf meine Frage. Ich finde, damit drückt er sehr diplomatisch seine Verwunderung darüber aus, warum ein alter Mann an einem Mittwochnachmittag in einer Investitionsruine herumkrabbelt.

Die jungen Leute sind anscheinend auch ein dankbareres Publikum, denn Lukas hat allein mit seinem Wasserrutschen-Kanal 1,7 Millionen Abonnenten, während ich etwa 12 habe. Wie Jesus, nur ohne Verräter und Kreuzigung. Hoffentlich.

Ach ja: In dem Kurpark, in dem das Radfahrerdenkmal steht, sind Fahrräder verboten.

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Eisenbahnerfahrung

Die Kinder, die in Angersbach kurz nach 9 Uhr in die Regionalbahn nach Fulda einsteigen, besetzen mit ihren pausenbrot- und pokemongefüllten Rucksäcken alle noch freien Plätze. Den beiden Lehrerinnen, die so jung sind, dass man sie für ältere Schülerinnen halten könnte, wenn sie nicht den Fahrkartenkauf übernähmen, bleiben nur Stehplätze.

Die Stimmung ist ausgelassen.

So ein Ausflug kommt bei den Erst- oder Zweitklässlern einfach besser an, als den ganzen Tag Textilunterricht oder Trigonometrie. (Keine Ahnung, was der Lehrplan in Hessen für die Grundschule vorsieht. Ich war ja in Bayern auf der Schule, da haben wir die ersten vier Jahre nur den Katechismus gepaukt und die Bayernhymne gesungen.)

Die Kinder lachen, unterhalten und necken sich.

Nur ein etwa 7-jähriger Junge, der neben mir sitzt, ist ganz ruhig und still.

Vielleicht ist er sensibel und merkt, dass ich Kinder nicht besonders mag. Das ist ein gesellschaftliches Tabu, scheint mir, aber was soll ich machen. Manche Menschen mögen keine Wölfe, andere wollen partout keine Ananas auf der Pizza, und ich mache mir halt nichts aus Kindern.

„Wohin fahrt Ihr denn heute?“ fragt eine ältere Frau.

„In die Bibliothek.“

„Nach Fulda?“

„Genau.“

Das finde ich gut. Man kann Kinder nicht früh genug in diese Bildungstempel einführen. Vor allem, weil manche von ihnen aus Elternhäusern kommen, wo außer ein paar Kochbüchern und einem Ratgeber mit Steuerspartricks gar keine Bücher im Regal stehen.

Außerdem lernen sie so früh, dass nicht alles im Leben kommerzialisiert und vermarktwirtschaftet werden muss, sondern dass man in hochentwickelten Ländern, wie Hessen eines zu sein scheint, auch als armes Kind kostenfrei an Bildung, Kultur und Informationen kommt. Die Bibliothek als „safe space“ gegen Kommerz und Konsum, sozusagen.

„Und danach bekommen wir ein Eis“, ergänzt eine Schülerin den geplanten Tagesablauf, und der ganze Waggon muss lachen.

Die Lehrerinnen, die anscheinend pädagogisch geschult sind, versuchen, das Aufkommen von Langeweile schon im Keim zu ersticken. Sie fordern die Kinder auf, von früheren Zugreisen zu erzählen. Ein Mädchen ist mal mit der Bahn zum Flughafen gefahren. Ein Junge erzählt von einer Dampflok, aber ich glaube, er meint so eine kleine, im Freizeitpark.

Besonders tolle Geschichten haben die Kinder nicht auf Lager, das muss man kritisch konstatieren. Sie können einem direkt leid tun mit ihren kleinen, langweiligen Spießerleben. Die Eltern stecken all ihr Geld in hässliche Einfamilienhäuser und fette Autos, statt den Kindern eine Zugfahrt durch Mauretanien zu spendieren. Obwohl man diesen Spaß für wenige Euros bekommt. Auf dem Güterwaggon sogar gratis.

Da könnte ich schon Besseres erzählen, von der Bahnfahrt durch ganz Kanada, dem Zug von Peru nach Chile, dem bolivianischen Orient-Express oder der wunderbaren Hochgebirgsbahn in Montenegro. Aber mich fragt ja niemand.

Stattdessen fällt einer der Lehrerinnen auf, dass der neben mir sitzende Junge noch immer ganz schweigsam und unbeteiligt geblieben ist. Sie fragt: „Und du, bist du auch schon mal mit der Eisenbahn gefahren?“

Er sagt nichts, blickt weiterhin stumm nach vorne.

Gegenüber von ihm sitzt ein Mädchen, ebenfalls 7 oder 8 Jahre alt, aber schon mit Brille, also vermutlich intelligent.

Sie übersetzt die Frage der Lehrerin ins Ukrainische.

Und dann erzählt er. Ganz leise, wie wenn er Angst hat, die Erinnerung aufzuwecken. Ich kann kein Ukrainisch, aber die Ortsnamen verstehe ich: Mariupol, Saporischschja, Schytomyr, Lwiw, Krakow, Berlin, Frankfurt.

Das Mädchen, sie ist wirklich intelligent, übersetzt einfach nur: „Ja, er ist schon viel mit der Eisenbahn gefahren.“

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Wo geht es bitteschön nach 1815?

Ein Wegweiser nach 1815 – wird hier eine Zeitreise angeboten?

Gewissermaßen ja. Und wenn ich den Namen der Stadt verrate, in der dieses Foto entstand, dann wisst Ihr sofort, worum es geht: Es ist Waterloo in Belgien.

Den Wegweiser braucht eigentlich trotzdem niemand, schließlich sieht man schon von Weitem den Löwenhügel.

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Flucht nach Colditz (Teil 3 von 3)

Praktischer- und logischerweise lest Ihr vor diesem Artikel Teil 1 und Teil 2 der Irrfahrt durch Sachsen.

Ihr erinnert Euch, wir waren im Fluchtmuseum, und ich war gerade dabei, Euch über die spektakulärste Idee zu erzählen, mittels derer die Gefangenen aus Colditz entkommen wollten:


Ein ziemlich verrückter Fluchtplan wurde nicht mehr umgesetzt, weil das Lager im April 1945 von der US-Armee befreit wurde: Die Gefangenen hatten ein Segelflugzeug gebaut, mit dem sie vom Dach des Schlosses ins Tal gleiten wollten.

Die Gefangenen errichteten im Dachstuhl eine Werkstatt, die sie mit einer falschen Wand verbargen. Dann bauten sie aus Holz und Bettlaken den Gleiter. Keiner von ihnen hatte jemals ein Flugzeug gebaut, aber in der Gefängnisbibliothek fanden sich zwei Bücher über „Aircraft Design“.

Der Plan war, nach Fertigstellung des Flugzeugs die Wand zu durchbrechen, aufs Dach zu klettern, dort aus Tischen eine Startrampe zu bauen und irgendwie das Flugzeug hochzuhieven. An den Segler sollte eine gefüllte Badewanne gebunden werden, die dann vom Dach geworfen und so das Flugzeug beschleunigen würde.

Ich will jetzt nicht den Berufspessimisten geben, aber mir fallen auf Anhieb 78 Dinge ein, die schief gehen könnten. Die Leute, die den Segelgleiter nachbauen, um zu beweisen, dass er flugtauglich wäre, ignorieren geflissentlich, dass die Gefangenen niemals tagelang mit schweren Werkzeugen ganz offen auf dem Dach arbeiten hätten können. Außerdem verwenden sie Werkzeuge, Materialien und Berechnungsmethoden, die damals nicht zur Verfügung standen.

Mein Historikerherz blutet bei solchen Geschichtsgimmicks und wünscht den Fernsehfuzzis einen Sendeplatz nach Mitternacht. Echt, das ist so ein Schmu, da geht mir der Hut hoch. Wie gut, dass Ihr auf meinem Blog gelandet seid, wo Seriosität und Wissenschaftlichkeit regieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Schloss Colditz zuerst ein Krankenhaus, später ein Altenheim. Die Geschichte um das Kriegsgefangenenlager wurde verschwiegen. Ich war ja nicht dabei, aber ich glaube, in der DDR waren Flucht und insbesondere das Überwinden von Mauern oder das Graben von Tunneln generell nicht so positiv besetzt.

Ich will jetzt kein Fass aufmachen, aber wenn man in Friedenszeiten die Flucht der eigenen Bevölkerung härter bestraft als die Nazis die Flucht aus einem Kriegsgefangenenlager bestraft haben, dann ist vielleicht der moralische Kompass durcheinander geraten.

Ebenfalls durcheinander geraten ist mein nicht vorhandener Reiseplan. Colditz hat zwar einen Bahnhof, aber der ist inaktiv. Wahrscheinlich, um Fluchten – oder, auch möglich in Ostdeutschland, die Ankunft von Flüchtlingen – zu verhindern.

Diesmal geht das Trampen noch zäher. Für eine vom internationalen Tourismus abhängige Stadt sind die Menschen hier nicht gerade hilfsbereit. Ich muss nach Grimma, weil dort der nächste funktionierende Bahnhof sein soll, und vielleicht blicken die Fahrerinnen und Fahrer deshalb besonders grimmig drein.

Ich denke schon wieder daran, zu Fuß zu gehen, als ein Fahrer zurückkommt, der bereits vor ein paar Minuten an mir vorbeigefahren ist.

„Es tut mir leid, dass ich zuerst nicht angehalten habe“, entschuldigt er sich. „Ich bin wohl schon zu deutsch geworden. Bei uns zuhause hält man sofort, wenn jemand an der Straße steht.“

Da muss ich natürlich fragen, woher er kommt.

„Tschetschenien“, sagt er, und spricht es ganz sanft und leise aus. Wie wenn er weiß, welche Wucht das Wort an sich hat.

Das ist ja so eine Region, bei der einem sofort allerhand Assoziationen durch den Kopf flackern, obwohl man eigentlich nichts Genaues weiß. Fast so wie Sachsen, also. Nur dass die Menschen im Kaukasus hilfsbereiter zu sein scheinen.

Dschamil erzählt stolz, dass er nächste Woche den Test zur Einbürgerung in Deutschland hat. Weil er tagtäglich dafür übt, dürfte er derzeit auf einem besseren Wissensstand sein als die meisten Deutschen. Wenn Ihr das nicht glaubt, macht doch mal den Probetest. Und wenn Ihr Euer Wissen über Tschetschenien auffrischen wollt, empfehle ich dieses Interview.

Weil ich ihm erzählt habe, dass ich nur einen Bahnhof suche, um mit dem 49-Euro-Ticket weiterzureisen, fährt mich der freundliche Tschetschene in Grimma direkt zum Bahnhof, obwohl er selbst ganz woanders hin muss.

„Passt es hier?“ fragt er besorgt, als er mich direkt vor dem Bahnhof absetzt.

„Ja klar“, sage ich und bedanke mich herzlich. Erst als ich aussteige, merke ich den Grund seiner Besorgnis. Der Bahnhof von Grimma sieht tatsächlich aus wie der Bahnhof von Grosny zu seiner schlimmsten Zeit.

Sogar der Bahnhof von Grosny ist mittlerweile wieder in besserem Zustand.

Leider ist der Rest von Grosny in einem hässlichen Diktatorenkitschzustand, schlimmer noch als Aserbaidschan.

Nicht nur Kriege, auch Architekten können Städte zerstören. Man sollte viel mehr von dieser Bande einsperren. Schade, dass wir das Kriegsverbrechergefängnis in Spandau schon abgerissen haben.

Der Pilot der Eisenbahn von Grimma nach Leipzig ist nett. Er hat noch 30 Minuten Pause, sperrt jedoch schon den Zug für die wartenden Passagiere auf. „Aber machen Sie keinen Unfug“, sagt er und geht, um sich einen Kaffee zu suchen. Und tatsächlich versucht niemand, die Lokomotive kurzzuschließen, was zeigt, wie weit man kommt, wenn man einfach nur nett um etwas Kooperation bittet. So schön könnte das menschliche Zusammenleben sein. Als er zurückkommt, hilft er den Menschen vor dem Fahrscheinautomaten und gibt ihnen Ratschläge für kostensparende Tickets.

Er ist das diametrale Gegenteil des Mannes, der im Hauptbahnhof Leipzig am Informationsschalter sitzt. Ich stand da mal in der Schlange und konnte die „Auskünfte“ mitbekommen, die er den Passagieren vor mir gab:

„Ne.“

„Das geht nicht.“

„Weiß ich nicht.“

„Schauen Sie im Internet nach.“

Ich versuchte es trotzdem und bekam immerhin „da müssen Sie morgen wiederkommen“ zu hören. Selbst wenn ich mich anstrenge, kann ich nicht so grummelig sein.

Der Zug fährt durch Großsteinberg, was mir nichts sagt. Dann durch Naunhof, was mir auch nichts sagt. Als nächstes kommt Beucha, und da fällt mir ganz akut ein und auf, dass schon lange mein Beuchlein schmerzt und sich vor Hunger windet. Beucha klingt nach irgendwie nach Essen, da steige ich aus.

Und tatsächlich, gleich neben dem Bahnhof wartet das Gasthaus Feldschlösschen.

Nur sieht es mittlerweile so aus:

An der Hauptstraße wirbt die einzige Werbetafel des Ortes für Grabmale und Grabsteine. An einem Hofeingang steht noch immer das Schild „LPG Friedrich Engels Beucha-Brandis“. Das Rathaus verfällt.

Ein Zettel am Gemeindeamt informiert, dass einmal im Monat der Friedensrichter vorbeikommt.

Weil ich kein sächsischer Jurist bin, kenne ich den Begriff nur aus dem Wilden Westen. Ich stelle mir vor, wie einmal im Monat Roy Bean in den Ort reitet, irgendjemanden hängt (deshalb die Reklame für Grabstätten), zu viel trinkt und wieder nach Hause reitet.

Aber es stellt sich heraus, dass „Friedensrichter“ die Leute sind, die nach dem Sächsischen Schieds- und Gütestellengesetz zwischen verfeindeten Nachbarn und sonstigen Streithanseln schlichten sollen. Ohne Waffengewalt und Galgen, soweit ich das verstanden habe.

In der Mitte von Beucha ist ein großes Loch. Wie dieses berühmte Loch in Turkmenistan, wo ständig das Feuer lodert. Das Tor zur Hölle. Da fällt mir ein: Eine Bekannte aus Turkmenistan hat mir mal erzählt, dass mein Blog dort zensiert sei. Das trauen die sich auch nur, weil mein Blog so klein ist! Also, bitte teilt diesen Blog ganz eifrig mit Euren Freunden und Feinden, auf Facebook und Instagraph, damit dieses sympathische Land und die hochgeschätzte Familie Berdimuhamedow ihre Entscheidung vielleicht noch einmal überdenken.

Der Ursprung dieses mittlerweile mit Wasser vollgelaufenen Lochs liegt, wie bei so vielen mittlerweile mit Wasser zugelaufenen Löchern in der Region, im Bergbau. In Beucha wurde Granitporphyr abgebaut, mit dem dann in Leipzig unter anderem der Hauptbahnhof, das Alte Rathaus, das Gewandhaus, das Bundesverwaltungsgericht und das Völkerschlachtdenkmal gebaut bzw. verziert wurden.

Das ist zwar blöd für Beucha (weil ständig Betrunkene ins Loch torkeln), aber die einzige andere Quelle für rötlich schimmernden Stein wäre auf der anderen Seite der Welt gewesen: der Ayers Rock in Australien.

Und wenn man den abbaut, dann würde die Erdachse kippen, weil auf der Südhalbkugel das Gegengewicht fehlte. Deshalb ist es auch so gefährlich, wenn die Antarktis schmilzt. Nicht nur wegen des Wassers, das Miami und Rotterdam – und damit zwei Städte, um deren Verlust es vielleicht gar nicht so schade ist – vernichten wird, sondern vor allem wegen des Gewichtsverlusts am Südpol.

Kurz gesagt: Wir werden bald alle sterben.

Deshalb will ich Euch die wenige verbleibende Lebenszeit nicht noch stehlen, indem ich erzähle, dass ich eben diesen Ayers Rock einst bestiegen habe. Es war 1992, in der Jugend, der ungestümen Zeit, wo man sich noch keine Gedanken darum machte, auf den Heiligtümern eines anderen Volkes herumzutrampeln. Ich hoffe, dass ich das heute nicht mehr machen würde. Aber mittlerweile bin ich sowieso eher der Typ, der Berge von unten bestaunt und sich lieber eine Zigarre anzündet. Wobei das in Australien ja auch böse enden kann.

Aber zurück zu unserer kleinen Zugreise, bevor ich noch mehr von Kängurus oder von Waldbränden erzähle. Der nächste Bahnhof ist in Borsdorf, und die paar Kilometer dorthin gehe ich einfach zu Fuß, bevor ich mich und Euch mit missglückten Trampversuchen deprimiere.

Am Bahnhof in Borsdorf ruft ein Mädchen ganz verzweifelt ins Telefon:

„Ich brauche noch einen Blumenstrauß!“

Oh, anscheinend ist jemand gestorben. Traurig.

„Es ist Sonntag, die Läden sind alle geschlossen.“

„Nein, die Läden am Bahnhof sind auch schon seit 18 Uhr geschlossen.“

Und dann stellt sich heraus, dass doch niemand gestorben ist. Es ist nur Muttertag. Und nicht nur irgendein ein Muttertag, sondern der 100. in Deutschland gefeierte und gefürchtete Muttertag, eigentlich der perfekte Anlass für meine kleine Geschichtsreihe „Vor hundert Jahren …“. Erfunden wurde er übrigens tatsächlich vom Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber. Offizieller Feiertag wurde er dann 1933 unter den Nazis, weshalb sich heutzutage keine Mutter grämen sollte, wenn ihre Kinder diesen faschistisch-kapitalistischen Bullshit nicht zelebrieren wollen.

„Ach so, vielleicht an der Tankstelle.“

Na, da wurde noch eine Lösung für ein liebloses Mitbringsel gefunden. Sonst hätte ich dem Fräulein einfach einen Abstecher zum Südfriedhof empfohlen. Die Toten haben ja nichts mehr von der dortigen Blütenpracht.

Die S3 nach Leipzig fährt vorbei am Völkerschlachtdenkmal. So schließt sich der Kreis, und ich kann Euch umfassende Ausführungen zu Napoleon, zur Leipziger Buchmesse, zu Godzilla und zu den verschwundenen Massengräbern ersparen und auf meinen diesbezüglichen Artikel verweisen.

Die Bahn-Sicherheitsangestellten liefern sich einen Kampf mit den Radfahrern, die unbedingt ihre geliebten Fahrräder mit in den Zug nehmen wollen. Der Schaffner sieht es locker, solange noch Platz ist, aber die beiden Schlagstockmänner wollen am liebsten losschlagen.

Als ich an der Haltestelle Leipzig-MDR aussteige und wirklich Dutzende von Fahrrädern einsteigen wollen, erkenne aber auch ich das Platzproblem. Und ganz ehrlich: Wenn Ihr ein Fahrrad habt, dann fahrt halt damit. Man nimmt ja auch nicht sein Auto oder sein Pferd mit in den Zug.

Um diese Haltestelle gibt es tolle Industrieruinen, von der früheren Großmarkthalle, dem Kohlrabizirkus, über das Panometer, bis zu dem ausrangierten Rangierwerk, in dem ich nicht allein zu sein scheine. Denn von irgendwoher tönt Musik, von anderswo eine Unterhaltung, und die Cannabispflanzen sprießen, weil ihnen die Legalisierungspläne zu kompliziert sind, einfach wild drauf los.

Ich will mich noch weiter umsehen und herumklettern, alles erkunden und erzählen. Aber da erspähe ich das MDR-Hochhaus und spüre, dass es Zeit für das Sandmännchen ist.

„Nun schnell ins Bett und schlaft recht schön“, das funktioniert vorzüglich nach so einem planlosen, aber am Ende überraschend runden Tag.

Probiert es doch mal aus: Einfach morgen „aus Versehen“ nicht den Bus oder Zug zur Arbeit, sondern den in die Gegenrichtung nehmen. Und dann gespannt sein, wie weit Ihr kommt, wohin es Euch treibt, wen man unterwegs trifft, und was man alles entdeckt. Dafür wurde das Deutschlandticket schließlich erfunden. Wie „Easy Rider“, nur mit den Öffis statt mit den Töff-Töffis.

Sogar Dennis Hopper fährt jetzt lieber Bahn.

Praktische Tipps:

  • Solange der Bahnhof in Colditz nicht reaktiviert wird, kommt man z.B. von den Bahnhöfen Grimma oder Bad Lausick mit dem Bus nach Colditz.
  • Man kann auch direkt im Schloss in der dortigen Jugendherberge übernachten. Trotz des Namens ist das auch für Erwachsene zulässig, nur ein bisschen teurer.
  • Das Schloss ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet und frei zugänglich. Eintritt (4 Euro) muss man nur für das Fluchtmuseum zahlen.
  • Führungen finden im Sommer um 10:30, 13 und 15 Uhr sowie im Winter um 11 und 14 Uhr statt. Das kostet 10 Euro extra, aber wenn Ihr die Chance habt, lasst Euch das nicht entgehen! Dabei kommt Ihr nämlich in die Teile des Schlosses, die sonst nicht frei zugänglich sind.
  • Wenn Ihr Euch richtig gruseln wollt, könnt Ihr noch ins Dentalmuseum gehen. Krankenkassenbonusheft nicht vergessen, denn das Museum zählt wie ein Zahnarztbesuch.

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Flucht nach Colditz (Teil 2 von 3)

Praktischer- und logischerweise lest Ihr vor diesem Artikel Teil 1 der Irrfahrt durch Sachsen.

Ihr erinnert Euch, wir waren durch verschiedene Zufälle des Schicksals nach Colditz gelangt, wo, weil ich den Namen irgendwie im Hinterkopf habe, irgendetwas Wichtiges passiert sein muss, ich aber immer noch keine Ahnung habe, was es war.

Um das herauszufinden, erkunden wir jetzt das imposante, ja regelrecht bedrohlich wirkende Schloss:


Als ich in das kleine Museum im Schloss eintrete, um eine Eintrittskarte zu erwerben, weisen mich die beiden Damen dort hocherfreut darauf hin, dass ich fast pünktlich zu einer Führung durch das Schloss komme. Da sage ich nicht nein.

„Woher kommen Sie?“ fragt mich eine der Museumsangestellten freundlich.

„Aus Bayern.“

„Nicht aus Österreich?“ fragt sie, sichtlich enttäuscht, und ihre Kollegin erklärt: „Wir fragen nur für unsere Besucherstatistik.“

Ich erkläre, dass ich die Verwechslung nicht übel nehme, dass ich oft für einen Österreicher gehalten werde, und überlege, ob ich einen Anschluss-Witz machen soll. Besser nicht.

Wenn ich mal wieder international unterwegs bin, werde ich in ein österreichisches Konsulat spazieren und sagen, dass ich meinen Pass verloren habe. Mal sehen, wie leicht ich einen aus der sympathischen Alpenrepublik bekomme. Mein Name passt ja schon.

Die Führung beginnt dann auch mit dem Hinweis, dass 50% der Besucher von Schloss Colditz aus dem Ausland kommen, vor allem aus Großbritannien, USA, Frankreich, Südafrika, Australien. Als großer Historikkombinator schließe ich daraus, dass hier irgendwas mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun haben muss. Aber dazu später. Denn dieser Blog versteht sich – das ist Euch sicher schon wohltuend aufgefallen – dezidiert als Bollwerk gegen die Unsitte des ständig auf dem Zeitstrahl umherspringenden Themenwechsels.

Da fällt mir ein, dass ich heute noch gar nichts gegessen habe. Zu spät.

Also, das Schloss ist fast 1000 Jahre alt. Ich erzähle Euch trotzdem nichts von den Kaisern Heinrich III., Heinrich IV. und Barbarossa, weil ich da selbst nicht durchblicke. Die aktuelle Form des Schlosses ist die des Umbaus in der Renaissance, und es diente hauptsächlich als Jagdschloss für die sächsischen Kurfürsten. Ich weiß nicht, wieso man zum Jagen ein Schloss braucht, meiner Meinung nach tut es dafür auch ein Wald.

Aber die Kurfürsten hatten wohl zu viel Geld, denn mit dem Barock wurden angeblich schönere Schlösser gebaut, und keiner wollte mehr zum Jagen oder Urlauben nach Colditz fahren. 1787 wurde das gesamte Inventar verkauft, und Schloss Colditz stand leer und sinnlos herum.

Naja, über Geschmack soll man nicht streiten.

Ab da kann man eigentlich die gesamte Geschichte Deutschlands an diesem mir bisher unbekannten Schloss erzählen. 1803 wurde es ein Arbeitshaus, wo Landstreicher, Bettler und andere Randgruppen interniert wurden. Das hat man damals so gemacht, weil die Reichen dachten, die Armen wären arm, weil sie „charakterschwach“ wären und zum Arbeiten „erzogen“ (also gezwungen) werden müssten.

Das ist lustig, weil allein die Existenz des Schlosses den Armen tagtäglich die Vermögensungleichheit und damit die wahre Ursache ihrer Armut vor Augen führte.

Naja, eigentlich ist es gar nicht lustig, denn so viel weiter sind wir seither nicht gekommen. Noch immer wird insinuiert und propagiert, dass Arme selbst schuld an ihrer Armut seien. Dass die Aufgabe der Armutsbekämpfung bei den Arbeitsämtern beziehungsweise Jobcentern angesiedelt ist, verdeutlicht, wie institutionalisiert dieser Irrglaube ist. Dies ist – neben dem Glauben an das Wirtschaftswachstum – die große Lebenslüge unserer Gesellschaft, und wer daran rüttelt, muss weggesperrt oder sanktioniert werden.

In der Zwischenzeit wurde Schloss Colditz 1829 zur „Landesversorgungsanstalt für unheilbar Geisteskranke“, und 1926 wieder „Korrektionsanstalt“ für Bettler und Landstreicher. Wohin die Stigmatisierung und Kriminalisierung von Randgruppen führt, sollte sich bald zeigen.

Schon am 21. März 1933 errichteten die Nazis in Schloss Colditz eines der ersten Konzentrationslager.

Inhaftiert wurden hier hauptsächlich KPD- und SPD-Politiker, was die Eile erklärte. Denn das Ermächtigungsgesetz wurde erst zwei Tage später im Reichstag verabschiedet, und die NSDAP wusste, dass Sozialdemokraten, Sozialisten und Kommunisten die einzigen waren, die sich ihnen entgegenstellen würden. Die Vorläuferparteien von CDU, CSU und FDP hingegen stimmten für die Diktatur. Wenn man die Begeisterung für den Autobahnbau teilt, ist alles andere eben nachranging.

Heinrich Lübke: „Ob mir das schaden wird, wenn ich Bundespräsident werden will?“

Ein Jahr später erhielten die Nazis das Gutachten einer Unternehmensberatung („Synergien bei der Endlösung“), das empfahl, die vielen Konzentrationslager zusammenzulegen, zu zentralisieren und zu rationalisieren. Das KZ Colditz wurde 1934 aufgelöst, die Häftlinge wurden in das KZ Sachsenburg verbracht.

Danach wurde nahtlos an die frühere Nutzung angeschlossen. Zuerst war Schloss Colditz ein Lager des Reichsarbeitsdienstes (auch so ein Konzept, das nicht totzukriegen ist), dann ab 1938 eine „Heil- und Pflegeanstalt“, die niemanden heilte oder pflegte.

Im kalten Keller des Schlosses befinden sich dazu eine Gedenkstätte und eine Namensliste der 84 Opfer, die hauptsächlich an Mangelernährung und an Tuberkulose starben.

Dieses absichtliche Sterbenlassen von „lebensunwertem Leben“ war der Vorläufer des späteren systematischen Massenmordes an Menschen mit körperlichen, psychologischen und seelischen Beeinträchtigungen, bekannt geworden als Aktion T4. Dazu kann ich Euch aber jetzt mit Einzelheiten verschonen, denn ich war letztes Jahr in einer dieser Mordanstalten, zufällig auch ein Schloss, und werde diesem Thema und Ort einen separaten Artikel widmen.

Aber noch ein letztes Kapitel Nazi-Geschichte bleibt zu erzählen, und das ist dasjenige, wofür Schloss Colditz berühmt ist. Zumindest im englischsprachigen Raum, wo es Dutzende von Büchern, Brettspielen, Computerspielen, Filmen und Fernsehserien zu Colditz gibt.

Ab Oktober 1939 war Schloss Colditz ein Lager für Kriegsgefangene. Aber nur für ganz besondere Kriegsgefangene. Nämlich nur für Offiziere. Und unter denen nur für diejenigen, die bereits aus anderen Kriegsgefangenenlagern im Reich zu fliehen versucht hatten – oder nach einem erfolgreichen Fluchtversuch erneut aufgegriffen worden waren.

Das Oflag IV C in Colditz galt als ausbruchsicher.

Die polnischen, französischen, belgischen, niederländischen, britischen, kanadischen, australischen, indischen und US-amerikanischen Offiziere hatten natürlich nur eines im Kopf: die Flucht.

Sowjetische Offiziere gab es in Colditz nicht, weil diese aufgrund der rassistisch motivierten Kriegsführung der Wehrmacht entweder gleich erschossen oder in Konzentrationslagern dem Hunger und Krankheiten überlassen oder aktiv ermordet wurden. Mit zwischen zwei und drei Millionen Toten sind die sowjetischen Kriegsgefangenen zahlenmäßig die zweitgrößte Opfergruppe der deutschen Vernichtungspolitik, werden aber bei der Erinnerung, bei der historischen Aufarbeitung und natürlich bei Entschädigungszahlungen weitgehend übergangen.

Colditz hingegen war ein Vorzeigelager. Die Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung und des Genfer Abkommens über die Behandlung von Kriegsgefangenen wurden penibel eingehalten. Den Gefangenen waren Spaziergänge und die Ausübung von Sport gestattet. Sie durften Pakete erhalten. Sie durften ein eigens Orchester und ein Theater betreiben, sowie – das wäre mir besonders wichtig – eine Bibliothek unterhalten. Das Rote Kreuz durfte das Lager zu Inspektionen betreten.

Mitten in Sachsen, weit weg von allen Fronten, hätte man es sich mit Cricket, Büchern aus der Gefängnisbibliothek und Zigarren (gestattet nach Art. 11 III 2 des Genfer Abkommens über die Behandlung von Kriegsgefangenen von 1929) gut gehen lassen.

Kurioserweise regelt das Völkerrecht nicht nur den Tabakgenuss, das Aufgießen von Instantkaffee (Art. 11 II des Genfer Abkommens), die Errichtung von Testamenten (Art. 19 I HLKO) und die Arbeitszeiten inklusive Sonntagsruhe (Art. 30 des Genfer Abkommens), sondern – endlich zahlt sich aus, dass ich einen Teil meiner juristischen Ausbildung beim US Army JAG Corps absolviert habe – auch die Flucht. Die Flucht stellt zwar einen Verstoß gegen die Gefängnisdisziplin dar, aber die Regelungen dazu (Art. 8 III HLKO, Art. 47 I, 48 II, 50 II, 51, 52 II des Genfer Abkommens von 1929) machen deutlich, dass das Ganze doch eher sportlich gesehen wurde.

Sportlich, aber organisiert: Die Gefangenen wählten einen Fluchtoffizier, dem sämtliche Fluchtpläne zur Genehmigung vorgelegt werden mussten. Dieser entschied dann zusammen mit dem Fluchtkomitee, welche Ausbruchversuche am erfolgversprechenden waren, welche man gleichzeitig verfolgen konnte, und welche waghalsigen Pläne warten mussten, weil sie andere Fluchtversuche vereiteln würden.

Sogar die Deutschen spielten mit. Trotz mehr als 300 Ausbruchversuchen wurde nur einer der Flüchtenden erschossen. Den Briten Michael Sinclair erwischte im September 1944 eine Kugel – bei seinem siebten Fluchtversuch.

Die Fluchtversuche umfassten alles, was man sich denken kann – Tunnel graben, abseilen, im Wäschekorb verstecken – sowie alles, worauf man ohne gemeinsames Brainstorming im Fluchtkomitee nie käme.

Das hier zum Beispiel ist Airey Neave, ein britischer Offizier, der sich eine falsche deutsche Uniform schneiderte. Die Stoffe dafür konnten sich die Gefangenen schicken lassen, vorgeblich, um Kostüme für Theateraufführungen zu fabrizieren.

Allerdings scheiterte dieser Fluchtversuch, weil der Stoff dem echten nicht ähnlich genug war. Und man braucht ja nicht nur eine deutsche Uniform, sondern auch deutsche Papiere, deutsches Geld, und man muss ausreichend Deutsch sprechen, um an den „Kameraden“ am Tor vorbeizukommen. Wenn man dann draußen ist, befindet man sich mitten im Deutschen Reich, Tausende von Kilometern von zuhause entfernt, und man weiß, dass die gesamte Nazi-Maschinerie hinter einem her ist.

Umso erstaunlicher, dass Neave bei einem weiteren Fluchtversuch erfolgreich war. Er entkam zusammen mit dem Holländer Abraham Luteyn, der, wie alle Niederländer, fließend Deutsch sprach. Die beiden schafften es aus der Festung, vergruben ihre falschen deutschen Uniformen und gaben sich fortan als holländische Zwangsarbeiter aus. Mit dem Zug fuhren sie über Leipzig, Regensburg und Ulm. In der Zwischenzeit, weil sie ein paar Stunden auf den Anschlusszug warten mussten, gingen sie ins Kino, wo der Film höchstwahrscheinlich weniger spannend war als ihr eigenes Unterfangen. Am Fahrkartenschalter des Bahnhofs wurden sie als verdächtig aufgegriffen (auch ein Vorteil des jetzigen Deutschlandtickets) und in Polizeigewahrsam genommen. Von dort entkamen sie natürlich mit Leichtigkeit, gingen 40 km zu Fuß, bis sie sich wieder in einen Bahnhof trauten und nach Stockach fuhren.

Von dort marschierten sie weiter zu Fuß, durch tiefen Schnee, um in die Schweiz zu gelangen. Luteyn kannte die Route, weil er bei einem früheren Fluchtversuch bereits so weit gekommen und an der Grenze zur Schweiz festgenommen worden war. Ein übermütiger Gestapo-Offizier hatte ihm damals bei der Vernehmung eine bessere Fluchtroute vorgeschlagen, die er sich natürlich gemerkt hatte. Beim zweiten Mal klappte es.

Damit die fehlenden Kameraden beim Zählappell nicht auffielen, hatten die Gefangenen Handpuppen gebastelt, die zumindest aus der Ferne täuschend echt aussahen.

Airey Neave wurde dann Ankläger bei den Nürnberger Prozessen, Abgeordneter in Westminster und dort von irischen Terroristen in die Luft gesprengt. So kann’s gehen im Leben, die wirkliche Gefahr lauert oft zuhause.

Andere Soldaten verkleideten sich als Frau oder kopierten Kleidung, Brille und sogar Gang des örtlichen Elektrikers, um zu entkommen. Die meisten flogen auf, meist weil sie bei der Kontrolle nicht ausreichend Deutsch sprachen.

Dennoch glückte mehr als 30 alliierten Offizieren die Flucht aus Colditz und aus dem Deutschen Reich.

Der verrückteste Fluchtplan jedoch – ach, da fällt mir ein, dass viele von Euch darum gebeten haben, dass meine Artikel kürzer und notfalls grausam zerstückelt und verstümmelt werden. Also, den waghalsigsten Fluchtplan aus dem Schloss Colditz gibt es dann in Teil 3.

Praktische Tipps:

  • Solange der Bahnhof in Colditz nicht reaktiviert wird, kommt man z.B. von den Bahnhöfen Grimma oder Bad Lausick mit dem Bus nach Colditz.
  • Man kann auch direkt im Schloss in der dortigen Jugendherberge übernachten. Trotz des Namens ist das auch für Erwachsene zulässig, nur ein bisschen teurer.
  • Das Schloss ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet und frei zugänglich. Eintritt (4 Euro) muss man nur für das Fluchtmuseum zahlen.
  • Führungen finden im Sommer um 10:30, 13 und 15 Uhr sowie im Winter um 11 und 14 Uhr statt. Das kostet 10 Euro extra, aber wenn Ihr die Chance habt, lasst Euch das nicht entgehen! Dabei kommt Ihr nämlich in die Teile des Schlosses, die sonst nicht frei zugänglich sind.
  • Wenn Ihr Euch richtig gruseln wollt, könnt Ihr noch ins Dentalmuseum gehen. Krankenkassenbonusheft nicht vergessen, denn das Museum zählt wie ein Zahnarztbesuch.

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