„Sowjetistan“ und „Die Grenze“ von Erika Fatland

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Liegen bei Euch auch so viele Reiseführer von Ländern herum, in die Ihr es dann doch nicht geschafft habt? Ich habe hier einen Lonely-Planet-Reiseführer für Zentralasien. Von 2007. Anscheinend kam in den vergangenen 13 Jahren einiges dazwischen, denn noch immer war ich nicht in Kasachstan, Turkmenistan, Tadschikistan, Kirgistan oder Usbekistan.

Weil ich noch ein bisschen sparen muss, bis ich mir das Zugticket nach Samarkand leisten kann, habe ich die Wartezeit mit einem Buch über diese fünf faszinierenden Länder verkürzt. Dankenswerterweise hat die norwegische Autorin Erika Fatland die Strapazen auf sich genommen und ist für ihr Buch „Sowjetistan“ in Diktaturen, Autokratien, karge Steppen und zugige Jurten gereist.

Auch wenn ich am Ende die ganzen -stans noch immer nicht hundertprozentig auseinander halten kann (dafür ist dann doch die intensive persönliche Inaugenscheinnahme erforderlich) und wenn zwischenzeitlich die eine oder andere Revolution die Verhältnisse ein wenig verändert hat, so habe ich doch einen ganz guten Eindruck gewonnen, der das Reisefieber nur verstärkt hat. Fatland verwebt ihre eigenen Erfahrungen mit historischen Einschüben, die, wenn es seitenlang um Dschingis Khan geht, manchmal ein wenig ausufern.

Fatlands neues Buch „Die Grenze: Eine Reise rund um Russland“ setzt die Methode leicht verändert fort, leider mit weniger von dem, was an „Sowjetistan“ stark war, und mehr von dem, was weniger gut war. Hier nimmt das Dozieren überhand, wieder seitenlang über russische Sibirien-Expeditionen oder über Grenzkonflikte, und dafür reichlich wenig Gespräche mit Einheimischen.

Man bekommt bei diesem zweiten Buch den Eindruck, dass Fatland auf eine lange Reise geschickt wurde, um den Erfolg von „Sowjetistan“ auf Teufel komm raus zu wiederholen. Die Autorin gibt selbst zu, dass sie sich aus freien Stücken keine Durchquerung der Nordostpassage für 20.000 $ geleistet hätte. Am interessantesten sind die Berichte von dort, wo man selbst kaum hinkommt, z.B. aus der Donezk-Republik oder aus Südossetien.

Immer wieder scheinen ihre Ungeduld und ihr Missmut durch, wenn ein vereinbarter Interviewtermin sich verzögert, wenn der Taxifahrer nicht auftaucht oder wenn das Internet schlecht ist. In Urumtschi bleibt sie vier Tage nur im Hotel und guckt Serien. Da ist jemand wenig begeistert von der eigenen Reise, die laut Untertitel „durch Nordkorea, China, die Mongolei, Kasachstan, Aserbaidschan, Georgien, die Ukraine, Weißrussland, Litauen, Polen, Lettland, Estland, Finnland, Norwegen sowie die Nordostpassage“ führen muss.

Das ist einfach zu lang und zu viel für ein Buch.

Für Autoren gilt mein Rat für Reisende noch mehr: Weniger ist mehr. Lieber ein oder zwei Orte, aber dafür richtig eintauchen. Und nie mehr als 50% der Reisezeit verplanen. Der Rest muss offen bleiben für spontane Begegnungen, für Überraschungen, für das, was zu wirklich guten Geschichten führt.

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Eine Postkarte aus Arequipa

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Wenn man sagt, dass man aus Deutschland ist, wird man immer auf Fußball, Autos oder Nazis angesprochen. Manchmal würde ich am liebsten sagen, ich sei aus Litauen oder einem anderen wenig bekannten Land.

Aber in Peru hatte ich ein neues „Ah, du bist aus Deutschland“-Erlebnis.

In einem vegetarischen Restaurant, das den Tierschutz so konsequent nimmt wie peruanische Politiker die Korruptionsbekämpfung, bestelle ich einen mit Hackfleisch gefüllten Rocoto.

Während ich warte, setzt sich Ivan zu mir an den stabilen Holztisch. Er hat einen Bart wie Lenin, Haare wie Bob Ross, und seine dünnen Beine stecken in kurzen Hosen und Trekkingschuhen. Er scheint im Restaurant zu arbeiten oder mitzuhelfen oder einfach nur immer da zu sein.

Als er erfährt, woher ich bin, entfährt es ihm sofort:

„Ah, wie Gunter Hampel!“

Oje, keine Ahnung wo der spielt.

„Und Reinhard Giebel!“

Hm, noch nie gehört.

Ivan zählt mit zunehmender Begeisterung weitere Namen auf: Toto Blanke, Hans Koch, Werner Lüdi.

Alles typische Fußballernamen, aber mir sagt keiner etwas. Vielleicht sollte ich doch einmal im Jahr eine Ausgabe des „Kicker“ kaufen, um ein bisschen mitreden zu können.

Ich will mich gerade für meine sportliche Unkenntnis entschuldigen, als der stürmische Ivan fortfährt: „Deutschland ist die führende Jazz-Nation! Nicht Frankreich. Nicht die USA. Was da bei Euch abgeht, das ist der Wahnsinn!“

Der gefüllte Rocoto ist scharf wie ein brennender Vulkan. Ivan bemerkt meinen Schmerz und bringt dem ungebildeten Deutschen einen großen Krug Limonade.

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Eine Postkarte aus Schiras

Vor der Schah-Tscheragh-Moschee hält mich ein Wächter auf: “Sind Sie Muslim?”

Wahrheitsgemäß verneine ich.

“Ich bedaure, mein Herr, aber heute ist nur für Muslime geöffnet”, erklärt er unter Verweis auf das Aschura-Fest. Hilfsbereit fügt er hinzu, dass morgen für alle geöffnet sei.

Doch heute ist mein letzter Tag in Schiras, früh am nächsten Morgen geht der Flug nach Teheran. Schade, die Moschee mit einem Mosaik aus Millionen Spiegelscherben soll eine der schönsten im Iran sein.

Der Wächter gibt mir den Rat, doch einfach in zehn Minuten wieder zu kommen. Verdutzt wandere ich um den Block. Hat er dann etwa seine Mittagspause?

Nein, er ist noch da. Mit breitem Grinsen fragt er: “Und, sind Sie jetzt Muslim?”

Ich lächle anerkennend über seiner Raffinesse und antworte: “Allahu akbar.“

Mit einer einladenden Handbewegung bittet er mich in die Moschee.

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Eine Postkarte aus …

Manche von Euch behaupten, keine Zeit zur Lektüre meiner längeren Artikel zu haben. Zwar unterteile ich diese schon in bis zu 183 nummerierte Kapitel, damit man sich zwischendurch eine Pizza holen kann und den Wiedereinstieg nicht verpasst.

Aber auch die Vielbeschäftigten, Kinderreichen und Aufmerksamkeitsdefizitären unter Euch sollen an meinen Reisen und Beobachtungen teilhaben. (Ganz ehrlich, ich lese selbst ungern längere Artikel am Bildschirm.)

Deshalb gibt es ab jetzt eine wöchentliche Kurzmitteilung, etwa in Postkartenlänge. Nur eine Anekdote, garantiert selbst erlebt. Mit nur einem Foto. Wie bei einer Postkarte eben.

Gerne könnt Ihr Bescheid geben, von welchen bisherigen Reisen Ihr eine virtuelle Postkarte wünscht.

Unterstützer dieses Blogs erhalten übrigens echte Postkarten von so exotischen Orten wie der Osterinsel, den Azoren oder aus Humberstone. Und Ihr bekommt dann auch die Geschichten zu lesen, die für die Öffentlichkeit und die Zensur zu brenzlig sind.

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„Der falsche Überlebende“ von Javier Cercas

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Vor kurzem habe ich eine moderne Adaption von Karl May empfohlen. Aber Hochstapler, die ihr Leben abenteuerlicher darstellen als es ist, existieren nicht nur in Romanen und in Blogs. Manche leben mitten unter uns. Oder drängen, wenn sich Hochstaplerei mit Narzissmus verbrüdert, auf die große Bühne.

Jetzt denken alle an Donald Trump.

Aber viel interessanter wäre doch ein Hochstapler und Narzisst, der zudem intelligent ist. Der sein Leben lang täuscht, sich aber nie bereichert.

So einer wie Enric Marco aus Barcelona.

Marco, der dieses Jahr 100 wird, hatte seinen wohl größten Auftritt 2005, als er zum Holocaust-Gedenktag vor dem spanischen Parlament sprach. Als Vorsitzender einer Vereinigung von Spaniern, die die Konzentrationslager der Nazis überlebt haben. Und als ehemaliger Insasse des KZ Flossenbürg.

Wenige Monate darauf deckte der Historiker Benito Bermejo auf, dass Marco diesen Teil seiner Biografie erfunden hatte. Er war nie in einem KZ interniert gewesen. Zwar war Marco während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland, aber nicht, wie er behauptet hatte, als Widerstandskämpfer, der sich der französischen Résistance angeschlossen hatte. In Wahrheit arbeitete er als Metallarbeiter auf einer deutschen Werft in Kiel, womit er praktischerweise dem Wehrdienst in Spanien entging.

Als es 1943 in Deutschland brenzlig wurde, setzte er sich nach Spanien ab. Die Deutschen suchten ihn nicht, und das spanische Militär zog ihn nicht ein, weil sie dachten, er wäre in Deutschland. Marco gründete eine Familie, der er die Existenz seiner schon bestehenden ersten Familie verschwieg, und wurde Automechaniker.

Ein Leben wie ein Roman.

So verbrachte er die bleierne Franco-Zeit. Nicht gerade im Untergrund, aber unter dem Radar der Behörden. Wenn ihm langweilig war, erzählte er von seinen Heldentaten im Spanischen Bürgerkrieg, immer an vorderster Front, Schulter an Schulter mit den bekannten Köpfen der Anarchisten, bei der versuchten Befreiung Mallorcas, bei der Résistance. Aber nur im kleinen Kreis, denn zu Zeiten der Diktatur waren Antifaschisten nicht en vogue.

Das änderte sich nach dem Tod Francos. Als sich ab 1976 die anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT wiedergründete, ging Marco zu den Versammlungen. Dort ergänzte er seine Lebensgeschichte, in der er nun während der Jahrzehnte der Franco-Diktatur im Untergrund für die Sache des CNT gekämpft habe. Deshalb habe er auch aus Spanien fliehen müssen, sei aber in Marseille verraten und festgenommen worden und so ins Konzentrationslager gekommen. Zwar kannte keiner der anderen Gewerkschafter diesen quirligen, lebhaften, energiegeladenen Mann, der so gut erzählen konnte, aber 1977 wählten sie ihn zum Vorsitzenden der katalanischen Sektion des CNT und im folgenden Jahr zum Vorsitzenden auf nationaler Ebene.

Ein Leben wie ein Roman.

Der CNT zerstritt sich zwischen verschiedenen Fraktionen, Marco wurde nicht wiedergewählt und schließlich ausgeschlossen. Seine Kfz-Werkstatt füllte ihn nicht aus, also begann er nebenbei ein Geschichtsstudium. Dabei lernte er eine junge Studentin kennen, die er mit seinen Heldengeschichten von Bürgerkrieg, antifaschistischem Kampf, Flucht und Untergrund beeindruckte. Mit ihr gründete er seine dritte Familie.

Bald war ihm wieder langweilig. Also ließ er sich in den Elternbeirat der Schule seiner Kinder wählen. Wie fast nicht anders zu erwarten, wurde er innerhalb kürzester Zeit stellvertretender Vorsitzender der Elternvereinigung Kataloniens. Er verhandelte mit den Bildungsministern, er hielt Reden, und er drängte sich auf jedes Foto.

Aber irgendwann hatten seine Töchter die Schule beendet, und Marco konnte beim besten Willen nicht mehr in der Elternvereinigung bleiben. Er brauchte eine neue Aufgabe, insbesondere weil er mittlerweile in Rente war. Ein Rentnerdasein ohne Nebenbeschäftigung kann tödlich langweilig sein. Das war nichts für Marco.

Er ging zu Amical de Mauthausen, einer Vereinigung von spanischen KZ-Überlebenden und sagte, dass er ein bisschen mithelfen möchte, die Erinnerung vor dem Verblassen zu bewahren. Er könne hie und da mal einen Vortrag in einer Schule halten. Es wurden mehr als ein paar Vorträge. Bald war Marco der gefragteste Redner der Organisation, er sprach in Schulen im ganzen Land, er trat im Radio und im Fernsehen auf, und – das dürfte jetzt niemanden mehr überraschen – 2001 wurde er Vorsitzender der Amical de Mauthausen.

Ein Leben wie ein Roman.

Javier Cercas, der Autor des Buches „Der falsche Überlebende“, dem ich diese Geschichte entnommen habe, musste gar nichts erfinden. Er konnte einen Roman ohne jegliche Fiktion schreiben, weil der Protagonist für ausreichend Fiktion sorgt.

Und so ist „Der falsche Überlebende“ nicht nur eine Biographie, sondern auch ein Buch über die Recherche, die Cercas und andere über Jahre unternommen haben. Es ist beeindruckend, mit welcher Raffinesse sich Marco seine Legende zusammengebastelt hat, aber ebenso beeindruckend, wie Cercas sie Stück für Stück freilegt. Oft helfen Zufallsfunde in alten Zeitungen oder in Archiven, aber auch Marco selbst ist weiterhin äußerst gesprächig. Seine Geltungssucht geht bis zur Selbstzerstörung. Aber seine Fantasie baut ihn wieder auf. Wie Don Quijote.

Hervorragend an dem Buch fand ich, wie Cercas das Leben Marcos, das echte und das erfundene, in die Geschichte Spaniens einbettet. Vom Bürgerkrieg über das Vergessenwollen bis zum Gedächtnistheater, wie es Max Czollek nennen würde. Marco, der Historiker, der als Augenzeuge berühmt wurde, als Spiegel dessen, wie Spanien mit Geschichte umgeht. Oder nicht umgeht.

Cercas bettet all das in Gedanken über Fiktion und Wahrheit, über Literatur, über Psychologie und Philosophie ein, was allerdings manchmal zu sehr ausufert. Hätte sich der Autor ein wenig zurückgenommen, auf Wiederholungen und überflüssige Details verzichtet, hätte man mindestens 100 Seiten kürzen können. Aber trotzdem bleibt ein interessantes Buch, das einen auch nach der Lektüre nicht so schnell loslässt.

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Vor hundert Jahren war an Weihnachten noch was los – Dezember 1920: Blutweihnacht

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Ich finde es ganz passend, dass für Weihnachten in einigen Bundesländern der Katastrophenfall ausgerufen wurde. Denn für mich war Weihnachten schon immer eine zu vermeidende Katastrophe, der ich meist durch Reisen in möglichst weihnachtslose Länder entkommen bin. Das geht dieses Jahr nicht.

Dieses Jahr können wir nur in der Erinnerung reisen. Spannend war Weihnachten zuletzt 1989, dank der Rumänen, die im Gegensatz zu den Ostdeutschen eine richtige Revolution hingelegt haben.

Ja, so macht Weihnachten Spaß!

Aber heute geht die Zeitreise noch weiter zurück, nämlich genau hundert Jahre, zum 24. Dezember 1920. Um nicht in den Weihnachtsgottesdienst und zum Abendessen bei Oma gehen zu müssen, begannen an jenem Tag einige Italiener einen kleinen Krieg. Und zwar gegen andere Italiener. Um dabei nicht aus Versehen ein Stück von Italien kaputt zu machen, führten sie die Kampfhandlungen auf der gegenüberliegenden Seite der Adria durch. In einer Stadt, die heute Rijeka heißt und in Kroatien liegt. Damals hieß die Stadt Fiume und lag in, naja, das war eben der Streitpunkt.

Aber zuerst eine Rückblende: Erster Weltkrieg. Italien war neutral, weil die Menschen sich mehr für Fußball als für Weltpolitik begeisterten. Nur ein Dichter und Schriftsteller, Gabriele D’Annunzio, hielt flammende Appelle für den Kriegseintritt Italiens gegen Österreich-Ungarn. Zum einen, weil er ein Leben ohne Kriegsabenteuer als kaum lebenswert betrachtete. Zum anderen, weil Österreich-Ungarn ein paar Filetstücke an der östlichen Adria hatte, die D’Annunzio gerne italianisieren wollte. Schließlich hatte Italien aufgrund ungünstiger geographischer Besonderheiten noch nicht genug Küste.

Der italienische König gab schließlich nach, und 1915 trat Italien auf Seiten der Entente in den Krieg ein. D’Annunzio, der nicht so jung, wie er sich fühlte, sondern 52 Jahre alt war, hatte keine Lust auf den zermürbenden Gebirgskrieg. Stattdessen fuhr er mit U-Booten in österreichisch-ungarische Häfen und hinterließ freche Flaschenposten. Dann schulte er zum Piloten um, flog hinter die feindlichen Linien, im August 1918 sogar bis nach Wien, wo er anstatt Bomben Flugblätter mit seinen Gedichten abwarf. Daraufhin kapierten und kapitulierten die Österreicher, und D’Annunzio war ein Held.

Italien bekam als Belohnung Südtirol und Istrien sowie die Zusicherung, dass in jeder Stadt in Deutschland und Österreich mindestens ein italienisches Restaurant eröffnen würde. Aber Rijeka, die Perle der Adria, die die Italiener Fiume nennen, blieb ihnen vorenthalten und erhielt einen komischen neutralen Status, etwa so wie Danzig.

Den Leuten in Rijeka/Fiume war das eigentlich egal, weil sie schon im Habsburger Reich seit 1779 einen Sonderstatus und sich daran gewöhnt hatten. Aber D’Annunzio war außer sich vor Wut: „Was wollen wir mit Triest und all dem Kram? Die besten Ćevapčići gibt es in Rijeka!“

Wütend waren auch die Arditi, italienische Sturmtruppen, die sich um einen Teil des hart erkämpften Sieges gebracht sahen. Sie wählten den schon am Stock gehenden D’Annunzio zu ihrem Führer und schlugen die Einnahme von Fiume vor.

Das war 1919. Weil die Menschen in Rijeka in der Zeitung gelesen hatten, dass der Weltkrieg zu Ende war, waren sie überhaupt nicht darauf vorbereitet. D’Annunzio konnte am 12. September 1919 mit etwa 2500 Freischärlern die Stadt einnehmen.

Aber dann folgte der große Schock: Italien wollte Fiume nicht mehr.

Zumindest nicht auf diese Art und Weise. Italien, schon immer ein Hort der Legalität, insistierte auf der Einhaltung des Völkerrechts und präferierte den Verhandlungsweg im Völkerbund, einem Vorläufer der UNO, sowie mit dem neu entstandenen Jugoslawien.

Nun wäre es an der Zeit gewesen, sich zu entschuldigen („Sorry, war ’ne Kurzschlussreaktion!“), Fiume/Rijeka zurückzugeben, nach Hause zu fahren und Bücher zu schreiben. Aber der kleine Feldzug war dem kleinen Mann zu Kopf gestiegen. Als Italien klar machte, dass D’Annunzio keine Unterstützung zu erwarten hatte und sogar eine Seeblockade gegen das sympathische Städtchen verhängte, rief D’Annunzio einen eigenen Staat aus: Die Italienische Regentschaft in der Kvarner Bucht oder, nach dem italienischen Namen der Bucht, die Italienische Regentschaft am Carnaro.

Diese Republik wird oft als Blaupause für den Faschismus gesehen. Und in der Tat, wenn Ihr das obige Video anseht, erkennt Ihr etliche ästhetische Merkmale, die Mussolini und Hitler später übernahmen. In Carnaro gab es Führerkult mit täglichen Reden und Paraden. Verbot von Opposition. Korporationen statt Parteien. Organisation des Volkes in Massenorganisationen, soweit man in einer Kleinstadt von Masse sprechen kann. Und immer, wenn der Führer vorbei schritt, musste das Volk „Eia, eia, alala“ rufen.

Andererseits sammelten sich in Fiume auch Anarchosyndikalisten, Sozialisten, Dadaisten, Nudisten, Symbolisten, Futuristen, sowie Anhänger von Yoga, Kokain, freier Liebe und Verismus. Aber eben auch Militaristen und Protofaschisten.

Die Zeitung „La Testa di Ferro – Giornale del Fiumanesimo“ definierte den Fiumismus auf jeder Titelsite so: „Ein italienisches Fiume – Stadt des neuen Lebens – Befreiung aller unterdrückten Völker, Klassen, Individuen – geistige anstelle formeller Disziplin – Vernichtung aller Hegemonien, Dogmen, Konservatismen und Parasitismen – das Antlitz alles Neuen -“ und in einem Anflug von Selbstironie „wenige Worte, viele Taten.“

Die wilde Kommune lebte von Schmuggel und Piraterie. Dazwischen gab es abwechselnd Orgien und Fackelzüge. In der kleinen Hafenstadt war mehr los als in Babylon Berlin!

Nur Italien fand das alles nicht so lustig. Im November 1920 schlossen Italien und Jugoslawien den Vertrag von Rapallo (nicht zu verwechseln mit dem deutsch-russischen Vertrag von Rapallo), nach dem Fiume ein unabhängiger Freistaat werden sollte. D’Annunzio überreagierte mal wieder und erklärte Italien am 20. Dezember 1920 den Krieg. Ziemlich mutig für einen Stadtstaat mit 2500 Soldaten.

Und so kam es zu der „Blutweihnacht“ von 1920, als italienische Soldaten gegen ehemalige italienische Soldaten kämpften. Pünktlich zum 24. Dezember ging es los, am 29. Dezember hatte Italien die kleine Republik eingenommen. Etwa 60 Menschen waren bei den Kämpfen gestorben. Und all das, weil ein Schriftsteller ein großes Theaterstück aufführen wollte.

Wie ging es weiter mit D’Annunzio? Er floh aus Fiume, und zwar in das Land, dem er eben den Krieg erklärt hatte. Dort bemühte er sich, reichlich selbstbewusst, vom König den Auftrag zur Regierungsbildung zu bekommen, womit er Mussolini zuvorkommen wollte. Aber Mussolini hatte sich nicht nur die faschistische Ästhetik bei D’Annunzio abgeguckt, sondern auch gelernt, dass man einfach Fakten schaffen muss. Im Oktober 1922 marschierte Mussolini nach Rom und übernahm die Macht.

D’Annunzio biederte sich Mussolini an, wurde dafür finanziell reichlich entlohnt, in den Adelsstand erhoben, und bekam eine äußerst pompöse Villa. Ja,das Amphitheater und das Mausoleum auf dem Hügel gehören auch dazu. Und ja, da steht ein Schiff im Wald: der Panzerkreuzer Puglia. Ein krasser Gegensatz zum bescheidenen Alterssitz von Giuseppe Garibaldi, dem wahren Helden der italienischen Geschichte.

Noch heute sind eine Universität und der Flughafen in Brescia nach D’Annunzio benannt. In Italien wird das mit dem Faschismus anscheinend nicht ganz so schlimm gesehen.

Und wie ging es weiter mit Fiume? Der Freistaat wurde gegründet, aber schon im März 1922 übernahmen italienische Faschisten in einem Staatsstreich wieder die Kontrolle. Das war praktisch der Probelauf für den Marsch auf Rom. Im Januar 1924 annektierte Italien die Stadt formell. Den kleinen Krieg zu Weihnachten hätte man sich also sparen können.

Wer im 20. Jahrhundert in Rijeka lebte, konnte, ohne die Stadt einmal zu verlassen, nacheinander sechs verschiedene Staatsangehörigkeiten innehaben: Österreich-Ungarn, die Carnaro-Republik, Freistaat Fiume, Italien (gefolgt von deutscher Besatzung), Jugoslawien und Kroatien. Auch deshalb finde ich die Wahl von Rijeka zur Europäischen Kulturhauptstadt 2020 passend. Leider kam die Corona-Pandemie dazwischen, aber irgendwann werde ich den Besuch nachholen. Man erkundet Kulturhauptstädte sowieso besser vor oder nach dem Trubeljahr.

Frohe Weihnachten! Auch wenn sie wahrscheinlich nicht so interessant werden wie vor hundert Jahren in Fiume.


So, das war also die erste Folge in der neuen Reihe „Vor hundert Jahren …“. Es war eines von Dutzenden von Beispielen, anhand derer ich zeigen könnte, dass der Erste Weltkrieg nicht im November 1918 zu Ende war. Nein, er ging noch etliche Jahre weiter. Bewaffnete Konflikte im „Nachkriegseuropa“ kosteten mehr als 4 Millionen Leben und haben die Weltkarte bis heute geprägt.

Dummerweise habe ich versprochen, jeden Monat eine neue Folge zu liefern, aber im Januar 1921 scheint gar nicht so viel passiert zu sein. Wenn Ihr Vorschläge oder Ideen habt, nur her damit! Wenn nicht, dann lasst Euch überraschen, was ich ausgraben werde.

Und wenn Ihr etwas gelernt habt, freue ich mich über Eure Unterstützung für diesen Blog. Vielen Dank!

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„Per Anhalter durch den Nahen Osten“ von Patrick Bambach

Für die Zeit nach dem Ende der Corona-Pandemie freuen sich die Menschen schon auf das Schwimmbad, auf die Eisdiele und auf das Großraumbüro. Ich freue mich am meisten darauf, wieder spontan reisen zu können. Sich einfach wieder an die Straße zu stellen und anstatt des auf diesem Blog überstrapazierten erhobenen Zeigefingers den Daumen rauszustrecken, bei Fremden ins Auto zu steigen und auf der Bundesstraße nach Buxtehude oder über die Balkanroute nach Babylon zu düsen.

„Hui, das ist aber gefährlich“, höre ich die ängstlicheren unter den Leserinnen bei letzterem Vorschlag flöten.

„Ganz und gar nicht“, entgegen ich dann immer, unter Verweis auf verrückte Radikaltramper oder mehr oder weniger empirisch begründeten Optimismus. Ab jetzt kann ich auf ein lesenswertes Buch verweisen: „Per Anhalter durch den Nahen Osten“ von Patrick Bambach. Der hat sich nämlich autostoppend auf die, so der Untertitel, „16.000 Kilometer vom Sauerland über den Iran nach Tel Aviv“ gemacht.

Das Buch ist ein großes Lesevergnügen, wunderbar witzig, ironisch, sarkastisch. Auf jeder zweiten Seite musste ich laut lachen. Da nimmt sich jemand selbst nicht zu ernst, weder in esoterischer Selbstbespiegelung wie in „aWay“, noch als größter Abenteurer aller Zeiten wie in „Warm Roads“, zwei ebenfalls dieses Jahr erschienene Tramperbücher.

Während jene beiden Bücher ziemlich egozentrisch sind, kommt Patrick Bambach als humorvoller und sympathischer Kerl rüber, mit dem man gerne ein paar Stunden im Auto verbringen würde. Und endlich mal jemand, der sich nicht nur so schnell wie möglich von A nach B schnorren möchte, sondern der übers Reisen, über Kulturkontakte, über Politik und über Gastfreundschaft reflektiert.

So ist sich Bambach zum Beispiel des Privilegs bewusst, „über die Konfliktgrenzen springen zu können, von Türken zu Kurden, von der türkischen Polizei zur PKK, von bewaffneten Irakern zu iranischen Polizisten. […] Geschützt hat mich dabei nicht meine Offenheit, sondern die Angehörigkeit zur ‚richtigen‘ Gruppe.“ Wenn ihm Menschen in Israel erzählen, wie gefährlich es ist, im Westjordanland zu trampen, dann bemerkt er zu seinem eigenen Entsetzen, warum es für ihn nicht gefährlich ist: Weil er kein Jude ist.

Und wenn ein besonders hilfsbereiter Gastgeber im Oman den überschwenglichen Dank Bambachs mit der Bemerkung „Ach, das ist doch kein Thema. Wenn ich nach Deutschland reise, würden mich die Menschen schließlich genauso freundlich und zuvorkommend behandeln!“ beiseite wischt, dann weiß der Autor nicht, was er sagen soll. Ihm ist klar, dass ein bärtiger Araber in Deutschland wahrscheinlich nicht so herzlich behandelt wird wie ein weißer Junge überall auf der Welt.

Aber das Buch ist auch voller Abenteuer: unfreiwillige Opiumräusche, Schlägereien in Georgien, ein Ausflug mit den Peschmerga, und immer wieder überraschende Begegnungen mit interessanten Menschen, der Essenz des Trampens. Was mich als Technikskeptiker besonders freut: Bambach hat die Reise – trotz Ingenieursstudium – ohne Smartphone zurückgelegt! Für Interessierte, die sich auch mal ans Trampen wagen wollen, hat er viele praktische Tipps parat, locker in den Text eingestreut.

Ich muss zugeben, ich habe selbst schon manchmal davon geträumt, per Anhalter nach Israel zu reisen. Dass der Weg entweder durch Syrien oder den Irak führt, hat mich bisher immer abgehalten, aber jetzt gibt es kein Halten mehr. Obwohl, Babylon wäre auch interessant… Ach, es gibt so viel zu erleben. Hoffentlich hält jemand an!

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Vor hundert Jahren …

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Bekanntermaßen bin ich manchmal etwas im Verzug mit meinen Artikeln.

So bin ich übrigens zur Geschichte gekommen: Ich wollte über irgendetwas berichten, ich weiß jetzt gar nicht mehr, was es war. Vielleicht der Erste Golfkrieg oder die Landung in der Normandie. Und dann lagen die Notizbücher so lange herum, bis sie Staub angesammelt und sich die Nachrichten in Geschichte verwandelt hatten.

Na gut, dann mache ich aus der Trägheit halt eine Tugend und ein Versprechen für die Leserschaft. Hiermit eröffne ich feierlich eine neue Serie auf diesem Blog: In „Vor hundert Jahren …“ wird es einmal im Monat um eine Geschichte gehen, die sich vor genau hundert Jahren zugetragen hat.

So etwas gibt es zwar schon anderswo, aber meist konzentriert sich das auf ein paar alte Zeitungsmeldungen oder das Abspielen alter Tagesschau-Sendungen. Bei mir hingegen soll es, wie immer, um die größeren Zusammenhänge gehen.

Außerdem widmen sich alle ähnlich gelagerten Projekte meist einem bestimmten Land oder einem bestimmten Großereignis, wie dem Ersten Weltkrieg. Ich hingegen werde die historische Recherche mit Reisen verbinden und aus aller Welt berichten.

Natürlich sind hundert Jahre arbiträr, und man hätte auch siebzig oder fünfzig oder zwanzig Jahre nehmen können. Aber erstens kommen wir dann in zeitliche Gefilde, die viele von Euch noch aus der Jugend kennen. Zweitens wird es schwieriger, die Jahreszahlen zu errechnen. Drittens ist die Zwischenkriegszeit äußerst spannend und – abgesehen von ein paar Stichpunkten wie New Deal oder Nazis – äußerst unbekannt.

Ich weiß, das Konzept klingt noch nebulös und vage. Aber schon in wenigen Tagen erscheint die erste Folge, und dann seht Ihr, wie ich mir das in etwa vorstelle. Im Dezember 1920 wird es um diese draufgängerischen Männer gehen:

Und um einen Staat, der nicht mehr existiert.

Und um Weihnachten!

Apropos Weihnachten: Auch für dieses Projekt bin ich dankbar um jede Unterstützung, sei es auf Steady, auf Patreon, oder auf jegliche andere Art und Weise. Und ich bin gespannt auf Eure Vorschläge für die jeweils kommenden Monate! Es soll hier nicht nur um klassische Geschichte mit Schlachten und Wahlen und Attentaten gehen, sondern auch um Kultur-, Sozial-, Technik- und Rechtsgeschichte. Aber Vorsicht, wenn Ihr etwas vorschlagt, von dem Ihr wesentlich mehr Ahnung habt als ich. Dann lade ich Euch nämlich einfach ein, den Artikel selbst zu schreiben. 😉


Diese Folgen sind bisher erschienen:

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Warum ich die Küste in Cornwall nicht ganz abgewandert bin

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1

„Nehme ich den Nachtbus von Heathrow nach Newquay, dann komme ich gut ausgeschlafen an,“ hatte ich gedacht, obwohl ich eigentlich wissen hätte müssen, dass ich in Nachtbussen nicht wirklich zum Schlafen komme. Aber die letzten Stunden der neunstündigen Fahrt sind schön. Es dämmert schon, und der National-Express-Bus schlängelt sich auf feldwegähnlichen Straßen durch grüne Hügel mit Schafen und hohen Hecken.

Um 6:35 wirft mich der Fahrer in Newquay raus. Objektiv ist es noch kalt, aber ich komme gerade aus Kanada, so dass sich alles über null Grad mild anfühlt. Und endlich bin ich wieder in einer Kleinstadt, wo man sich schnell zurecht findet und zu Fuß von einem Ende zum anderen laufen kann.

Ich gehe runter zum Strand, denn auch wegen des Meeres bin ich nach Cornwall gekommen. Ganz allein bin ich an diesem frühen Morgen. Alle Wellen nur für mich.

Schwimmen macht hungrig.

2

Zum Frühstück habe ich Lust auf ein heißes Pasty, aber die Läden öffnen erst langsam. Sie können sich das leisten, weil sie Weltmeister sind. Alle. Jeder einzelne Laden. Einer preist sich als „Voted best Cornish Pasty Shop in 2018“, der andere als „Winner of World Pasty Championship 2018“, der dritte als „Winner of Cornwall Pasty Competition 2018“. Das ist wie beim Boxen, wo jeder seinen eigenen Verband hat, um Weltmeister spielen zu können. Der „Oldest Cornish Pasty Maker in the World“ steht über allem.

Um 8 Uhr macht der erste Laden auf. Die Bäckerin stimmt mich hoffnungsvoll: „Die Pasties sind schon im Ofen!“ Darauf werde ich gerne warten, verkünde ich, bis sie mich belehrt, dass es noch eine Stunde dauern wird. Oh, dieses Gebäck ist anscheinend so aufwendig wie ein Gulasch. Meine Spannung auf das Leibgebäck Cornwalls steigt, aber ich verschiebe unser Kennenlernen auf später am Tag. Dass Bäcker erst um 8 Uhr mit der Arbeit beginnen, würde ihre deutschen Kollegen vermutlich zum Lachen bringen.

(Wer nur wegen der Pasties hier ist, kann zu Kapitel 7 springen.)

3

Dann mache ich mich eben doch auf zu meiner Arbeitsstelle für die kommenden zwei Wochen. Als Housesitter werde ich mich um ein kleines Häuschen und um einen fetten Kater kümmern.

Auf dem Weg komme ich an der Bibliothek vorbei. Das Schild ist zweisprachig: „Library – Lyverva“

4

Der Auftrag mit der Katze scheint leicht zu werden. Bigfoot, wie der wirklich fette Kater heißt, lässt sich gleich streicheln. Es scheint ihm egal zu sein, dass jetzt plötzlich jemand anderes im Haus wohnt, solange er jeden Tag Futter bekommt und weiterhin kommen und gehen kann, wann er will. Auch längeren Ausflügen scheint er nicht abgeneigt zu sein, denn sogleich hüpft er in meine Reisetasche.

Am nächsten Morgen jagt mir die Katze einen enormen Schreck ein. Als ich im Bad bin, macht sich jemand von außen an der Türklinke zu schaffen. Ich dachte, ich wäre allein im Haus, und habe natürlich nicht abgeschlossen. Hilflos sehe ich mich nach einer Waffe um, aber ich habe nicht einmal einen Fön.

Schon ist die Tür offen, und herein kommt: Bigfoot.

Der Kater ist so selbständig, der bräuchte eigentlich gar keinen Housesitter. Außer nachts, da öffnet er gerne die Tür zum Schlafzimmer, kommt zu mir ins Bett und liest Spionageromane.

Was das Haushüten noch einfacher macht: Der letzte Catsitter war ein eher komischer Typ, der die ganze Speisekammer leer fraß, dann zur örtlichen Tafel und ansonsten nie aus dem Haus ging. Am Ende bat er um Geld für den Bus, weil er keinen einzigen Penny hatte.

Leider hat mein Vorgänger auch die Heizung zu lange laufen lassen, so dass ich mich jetzt nicht zu fragen traue, ob man sie einschalten könne, um endlich meine Erkältung zu kurieren. Aber nein, hier ist England, ab April sind die Fenster geöffnet und der Atlantikwind pfeift durchs Haus, egal ob jemand vor Husten fast stirbt.

5

Habe ich England gesagt?

„Cornwall“, verbessert mich die Eigentümerin von Haus und Katze, bevor sie den Bus zum kleinen Flughafen von Newquay nimmt, um für zwei Wochen den letzten Urlaub in Europa vor dem Brexit zu genießen. (Zumindest dachte man das damals im Mai 2019. Es kam bekanntlich anders.)

Ich frage Susan, ob sie Kornisch spricht.

Sie lacht: „Niemand spricht Kornisch!“ Und holt sogleich zum weiteren Schlag gegen die Südwest-Nationalisten aus: „Die Hälfte der Wörter ist doch erfunden, weil es zur Zeit der Sprache einfach keine Wörter für moderne Objekte gab.“ Wahrscheinlich gehört die „Lyverva“ dazu.

6

Aber alleine ist das Kornische nicht. In Newquay findet diese Woche ein Festival der Keltischen Internationale statt, mit Gästen aus Schottland, von der Isle of Man, aus der Bretagne, aus Irland und aus Wales.

In einigen Gärten weht die Flagge Cornwalls. Auf vielen Autos klebt das weiße Kreuz auf schwarzem Grund, ebenso an etlichen Ladentüren.

Das muss nichts bedeuten. In Bayern hängen auch überall die weiß-blauen Rauten, trotzdem will niemand, dass Bayern unabhängig wird. Mebyon Kernow, die wichtigste Partei, die für die Autonomie Cornwalls eintritt, bekommt bei Wahlen zwischen 2 und 4 %. Ganz so hoch wie die Flaggen hängt das Thema also nicht.

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Lange arbeiten müssen die Weltmeister aus Kapitel 2 anscheinend auch nicht, denn als ich um 17:30 in die Bäckerei komme, ist das Mädchen dort gerade am Zusperren. Dafür gibt es Rabatt auf die Restposten des Tages. 1,50 £ statt 3,50 £ für ein großes, als Abendessen ausreichendes Pasty. Hier kann man günstig leben.

Das Pasty ist eine Teigtasche, die mit herzhaften Sachen – Fleisch und/oder Gemüse – gefüllt ist und warm gegessen wird.

Weltmeisterlich oder gar in der Liga des Kaiserschmarrns ist es nicht, aber in Großbritannien wird man auch mit kulinarischem Mittelmaß berühmt.

Wenn man im Park oder am Strand isst, muss man sich vor den Möwen in Acht nehmen, die entweder immer hungrig oder immer zum Schabernack aufgelegt sind.

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Das beste an Newquay ist, dass hier der South West Coast Path vorbeigeht. Das ist ein Fernwanderweg von etwas mehr als 1000 Kilometern, der immer der Küste folgt und die Südwestspitze Englands, Cornwalls und von Devon umrundet.

Fernwanderwege in Großbritannien, die „National Trails“, sind etwas ganz Besonderes. Ein Paradies für Wanderer! Immer in schöner Natur. Nur ganz selten teilt man sich den Weg mit Straßen und Vehikeln. Weiche Pfade. Gemütliche Rastplätze. Immer mal wieder ein Pub am Weg. Gut ausgeschildert. Wobei man letzteres bei einer Küstenwanderung eigentlich nicht benötigt, man kann ja nicht zu weit vom Pfad abkommen bzw. findet immer wieder zurück auf diesen.

Und was mir diesmal entgegen kommt: Auch mitten in die Natur oder an eine entlegene Bucht führen in Großbritannien Busse. Ich kann den Kater nur tagsüber allein lassen, sonst frisst er die Orchideen, um die ich mich ebenfalls zu kümmern habe. Aber mit den Doppeldeckerbussen fahre ich am Morgen von Newquay so weit wie möglich weg und wandere dann tagsüber 20 km oder so zurück in die Stadt. Danach das gleiche in die andere Richtung, und dann immer weiter.

Da ich keinen Wanderwettbewerb, sondern nur einen ersten Eindruck gewinnen möchte, genügt mir dieser Einstieg. Im Hinterkopf spukt die Idee des Europäischen Küstenwanderwegs herum, und ich will testen, ob mir das überhaupt gefällt, bevor ich die 5000 km von Leningrad bis zur Algarve in Angriff nehme.

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Ich nehme den Bus nach Harlyn Bay, um Richtung Newquay zurück zu wandern.

Es ist perfektes Wanderwetter.

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So eine Bucht stellt den Wanderer immer vor mindestens zwei Möglichkeiten: Unten durch den Sand spazieren und am Ende wieder hochklettern (Anfänger). Oder den gemütlichen Pfad über den Klippen wählen und die Aussicht genießen (Fortgeschrittene). Oder zuerst hocherfreut zum Wasser laufen, aber dann doch noch eine Stelle suchen, wo man zum Wanderweg hochklettern kann (ich).

Ich persönlich wandere lieber auf der Anhöhe, weil ich gerne Fernsicht und Weitblick habe. Außerdem ist mir das Meer ein wenig suspekt, eine Haltung, die sich noch als berechtigt herausstellen wird.

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Und hier oben findet man nette Gesellschaft.

Weil ich finde, dass Tiere, zumindest Säugetiere, es verdienen, mit Respekt und Höflichkeit behandelt zu werden, unterhalte ich mich mit den Schafen. Übers Wetter. Über den Salzgehalt des Grases in unmittelbarer Meeresnähe. Über ihre Meinung zu Lamas. Über den Brexit.

„Good morning“, flötet eine fröhliche Frau, die ich gar nicht kommen habe sehen.

Großzügig und britisch-höflich ignoriert sie die Tatsache, dass ich gerade ein Gespräch mit Wollknäueln geführt habe, und erzählt, dass sie den kompletten South West Coast Path wandert.

Zwei Monate hat Hannah sich dafür eine Auszeit genommen, aber sie lacht: „Wahrscheinlich hätten sie es bei der Arbeit nicht einmal bemerkt, dass ich nicht da bin.“ Ich vermute irgendein Beschaffungs- und Controllingdezernat in der weit verzweigten Ästen der Kommunalbürokratie. Aber nein, Hannah ist Produzentin bei der BBC und verantwortet Fernsehserien wie Top Gear und Cars of the People. Wer auf der Arbeit mit 250-PS-Autos durch die jordanische Wüste donnert oder die schwierigste Alpinstraße der Welt bezwingt, der sehnt sich in der Freizeit anscheinend nach Natur und Ruhe.

Wir fragen einander gar nicht, ob wir zusammen weiterwandern wollen, sondern bleiben einfach im Gespräch als wir die Schafe hinter uns lassen. Und zur Mittagspause teilen wir Mais, Salat und Brot. Das Hühnchenfleisch ist leider roh, weil ich beim Einkauf nur Augen für den Preis hatte. Nutzlos. (Sowohl das geköpfte Huhn wie das kopflose Ich.)

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Gleich nach den Schafen, in Mother Ivey’s Bay, steht ein Hangar wie aus einem James-Bond-Film. Eine Rampe führt aus dem Meer zu einem auf Stelzen erbauten Halle, anscheinend für Schmuggel-Boote. Vom Küstenweg aus ist sie nur über eine steile Treppe zu erreichen.

Sehr mysteriös.

Bis ich merke, dass dies keine Startrampe für ruchlose Fischzüge, sondern für heldenhafte Rettungseinsätze ist.

An einem sonnigen Tag bei ruhigem Meer sieht das spaßig aus. Aber die Freiwilligen von der Royal National Lifeboat Institution RNLI werden meist gerufen, wenn es stürmt. Es stürmt viel und oft und heftig in den Gewässern um die Britischen Inseln. (Übrigens ein Grund für den Brexit, weil die Bürokraten in Brüssel die Wellenhöhe regulieren und Stürme am Wochenende verbieten wollten.)

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Andere Arten von maritimen Desastern sollen verhindert werden durch Leuchttürme, wie den von Trevose Head.

Früher konnte man bei den Leuchtturmwärtern immer auf einen Grog und eine Pfeife vorbeischauen, aber heutzutage sind die Dinger alle elektrifiziert, automatisiert und ferngesteuert. Das ehemalige Leuchtturmwärterhäuschen ist eine Ferienwohnung.

Hannah hat ein Zelt dabei, kommt aber dazwischen immer wieder bei Bekannten unter, von denen viele praktischerweise in kleinen Hafenstädtchen an der Küste wohnen. Heute bleibt sie in Porthcothan, so dass ich den Rest des Tages wieder allein bin.

Das mag ich an den Fernwanderwegen in Großbritannien. Die Wege sind nicht überlaufen, so dass man sich freut, anderen Wanderern zu begegnen. Man kommt ins Gespräch. Man teilt Essen und Tipps. Man wandert ein paar Stunden zusammen, bis einer doch schneller oder langsamer gehen will, mehr Pausen macht oder einfach seine Ruhe haben will. Alles ganz zwanglos. Wenn man in die gleiche Richtung wandert, trifft man sich vielleicht später wieder. Wenn nicht, dann nicht.

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Ich beneide Hannah, denn sie hat während der ganzen Wanderung kein einziges Foto gemacht. Sie genießt einfach. Für sich. Wie sie sagte: „Das Foto fängt sowieso nie die Stimmung ein, das Rauschen, das Salz, die Erschöpfung.“

Das ist wahre Freiheit!

Doch ich bin leider mit diesem Blog geschlagen, so dass ich auch am Nachmittag noch ein bisschen für Euch dokumentiert habe.

Auf diesem Abschnitt ist Mawgan Porth ein guter Ort, um in der geschützten Bucht zu schwimmen und um Fish & Chips zu tanken.

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Der nächste Ort, Watergate Bay, ist hierfür nämlich denkbar ungeeignet. Wie man am schlechten Architekturgeschmack von weitem erkennt, liegt hier Schnöseligkeit in der Luft und auf dem Tisch. Normales Essen zu normalen Preisen gibt es keines. „Soll dieser scheiß Jamie Oliver doch pleite gehen!“, rufe ich in den Wind, aus Wut über die für gewöhnliche Werktätige oder gar Wohlfahrtsabhängige unerschwingliche Speisekarte.

(Das war Anfang Mai 2019. Zwei Wochen später meldete die Restaurantkette tatsächlich Insolvenz an. Nehmt Euch also in Acht vor meinen kapitalismuskritischen Verwünschungen!)

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Ich erblicke Newquay, aber die Küste ist so zerklüftet, dass meine Ankunft im schon trauten neuen Heim noch etwas auf mich warten lässt. Hoffentlich habe ich Bigfoot genug Katzenfutter da gelassen. (Obwohl er so aussieht, wie wenn er locker einen Tag Diät vertragen könnte.)

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Am Samstagabend ist die Stadt sichtlich voller als sonst. Wochenende, Mai, Sonnenschein, irgendein Festival, das alles lässt die Menschenmengen anschwellen.

Die Besucher sind andere als im Rest Cornwalls. Weniger Rentner, die zum Aquarellmalen kommen. Mehr englische Unterschicht, die viel zu früh im Jahr kurze Hosen trägt und sich die Kälte nicht anmerken lässt, weil man ja nur einmal im Jahr ans Meer fährt. Eltern, die für die ausgestreckte Hand des auf der Hafenmauer balancierenden Mädchens keine freie Hand haben, weil diese mit dem Handy beschäftigt ist.

„Newquay ist ziemlich rau und heruntergekommen, nicht wahr?“ hatte Hannah gefragt, und wer britische Höflichkeit übersetzen kann, wird ahnen, was sie wirklich meint. Aber ich muss widersprechen. Newquay ist nicht St. Ives, aber eine brasilianische Favela ist es nun auch nicht.

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Klar, so kaputte Ecken gibt es. Aber es gibt auch äußerst schöne und gemütliche Flecken. Zum Beispiel den Park unter dem Eisenbahnviadukt. Oder den Park mit Teich, wo ich mich nach jeder Wanderung erschöpft ausruhe, etwas Sonne aufsauge und mit Leuten ins Gespräch komme.

Noch immer begehe ich den Fauxpas, mich auf England anstatt auf Cornwall zu beziehen, was regelmäßig zur Zurechtweisung führt. Hilfreicherweise aber auf Englisch, nicht auf Kornisch.

„Was macht denn den Unterschied aus zwischen England und Cornwall?“ frage ich neugierig.

Die Antworten bleiben meist vage.

„Wir sind freundliche Leute und kümmern uns umeinander.“

„Das Leben hier ist entspannter.“

„Schau dir doch nur die Natur an, die Strände, die Küsten! Ist es nicht schön hier?“

Manchmal habe ich den Eindruck, dass England ein Synonym für London, die stressige Großstadt, ist, wo man nur ungern hinfährt, wenn man vor Gericht oder vor einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss muss. Dass der Großteil Englands auch grün und hübsch und entspannt ist, bedenken die Südwestpatrioten gar nicht.

„Wir haben ein Gefühl für Heimat und Identität und Stolz.“

Das gibt es zwar überall anders auch, aber diese Aussage bringt unfreiwillig auf den Punkt, wie die meisten Nationen entstehen: Indem man will, dass sie entstehen, und fest daran glaubt.

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Wenn ich frage, ob jemand Kornisch spricht, ernte ich jedes Mal beschämtes Schweigen. Die Sprache ist im 18. Jahrhundert ausgestorben und soll jetzt künstlich wiederbelebt werden.

Wofür? Na, für Identität und Stolz und solche Sachen.

„Wir Alten tun uns noch schwer damit, aber die Kinder, die wachsen mit Kornisch auf. Die lernen das ganz von allein“, hoffen die Herren im Park, aber ich glaube, da täuschen sie sich.

Neben der Nutzlosigkeit leidet das kornische Sprachprojekt daran, dass es drei verschiedene Varianten des Neokornischen gibt, die sich nicht nur nicht miteinander verständigen können, sondern die regelrecht verfeindet sind. (Zum kornischen Terrorismus mehr in Kapitel 34.)

Einig sind sich alle nur in einem: „Wir sind auf keinen Fall Engländer!“

Ach ja, wie hört sich die kornische Sprache eigentlich an?

Ganz ehrlich, das scheint eher ein alkoholisches als ein linguistisches Projekt zu sein.

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Eines Nachmittags im Park erwähne ich unvorsichtigerweise, dass ich Geschichte studiere. Da steigt die Begeisterung unter den alten Herren:

„Schon unter den Römern war Dumnonia autonom.“

„Der Fluss Tamar ist eine der ältesten Grenzen in Europa.“

„Als die Westsachsen Devon eroberten, blieb Cornwall unabhängig.“

„Das hat sogar König Æthelstan anerkannt.“

„Auf der Mappa Mundi wird Cornwall als eine der wenigen Regionen in Britannien gesondert erwähnt.“

„Genauso auf der Landkarte von Sebastian Münster.“

„Nur Mercator hat sich geirrt, der alte Knacker“, sagt einer der alten Knacker.

„Dabei hat uns schon Vergil in seiner Anglica Historia als separate Nation erwähnt.“ Dass die Männer im Park sooo alt sind, hätte ich nicht gedacht.

Das ist hier übrigens nur die Kurzfassung, soweit ich sie später noch erinnern konnte. Ich traue mich nämlich nicht, mein Notizbuch zu zücken. Normalerweise befürchte ich, dass die Präsentation dieses Inquisitionsinstruments meine Gesprächspartner zum Schweigen bringt. Aber in dieser Runde bin ich mir sicher, dass es die gegenteilige Wirkung entfalten und zu ellenlangen Vorträgen führen würde. Aber vertraut mir: Auch mit allen Details ergäbe die Geschichte nicht mehr Sinn.

„Königin Elisabeth II. besteht doch nur darauf, dass Cornwall zu England gehört, weil sie so ihrem Sohn das Herzogtum Cornwall zuschustern konnte.“

„Als Trostpreis“, lacht ein anderer.

„Der uns finanziell auspresst wie eine Zitrone“, schmollt ein weiterer.

Im Verlauf der immer hitziger werdenden Diskussion stellt sich heraus, dass die aktuelle Königin doch nicht Schuld an der komplizierten konstitutionellen Konstruktion von Cornwall haben kann, denn das Herzogtum wurde 1337 ins Leben gerufen, um dem jeweiligen Prinzen von Wales (derzeit Prinz Charles) eine Privatkolonie zuzuschustern. So wie der Kongo für den belgischen König.

Die Herren sprechen dann von Vögten, Heimfallrechten, königlischen Fischen und Zinnabgaben, wovon ich rein gar nichts mehr verstehe, wie immer, wenn Briten zur Begründung aktueller Rechte auf Vorkommnisse aus dem Mittelalter zurückgreifen.

Ein Beispiel, und bleiben wir doch gleich bei den Zinnabgaben: Im Jahr 2000 trat ein „Revived Cornish Stannary Parliament“ auf die Bühne, erklärte sich zum Nachfolger des „Cornish Stannary Parliament“, einer irgendwie durch königliche Charta von 1201 gegründeten Repräsentanz der in der Zinnwirtschaft tätigen Cornwalisen, die 1753, nach britischen Maßstäben also vorgestern, zum letzten Mal getagt hatte. Diese Körperschaft hatte errechnet, dass das Herzogtum Cornwall in der Zeit von 1337 bis 1837 zu hohe Steuern eingenommen hat, und stellte eine Rückforderung von 20 Milliarden Pfund auf.

Die Rechnung ging an Prinz Charles, der jedoch als Treuhänder des Herzogtums Cornwall gar nicht befugt ist, Teile davon zu verkaufen. (Dieses Recht hat überhaupt niemand, weswegen das Herzogtum auch nicht aufgelöst werden kann, sondern stattdessen – wegen der bona-vacantia-Regeln über eigentümerloses Eigentum – immer mehr Grundbesitz anhäuft.) Das Geld könnte er also nur durch höhere lehensrechtliche Naturalabgaben oder Steuern eintreiben, so dass sich die Bevölkerung von Cornwall selbst die Entschädigung finanzieren müsste. Der Fall Cornwall gegen Cornwall liegt seither unerledigt beim Hohen Gericht und wird das wahrscheinlich noch genauso lang tun wie der Fall Jarndyce gegen Jarndyce.

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Wem das alles zu verwirrend ist, der sollte sich zum Mittagessen keinesfalls noch kognitive Dissonanz bestellen.

Geschmeckt hat es trotzdem. Fisch sollte eigentlich nur mit Aussicht auf das Meer oder den See gegessen werden, dem er an jenem Morgen entnommen wurde.

Auch aus dem Hafen von Newquay fahren die Fischer jeden Tag in die Schlacht gegen die EU-Fangflottenarmada und liefern sich einen Kabeljaukrieg.

Früher war das ein durchaus wichtiger Industriehafen, aber mit dem Epochenwechsel von der Segel- zur Dampfschifffahrt war dieses Kapitel zu Ende. Jetzt, mit dem Brexit, wird der gute alte Schmuggel wahrscheinlich wieder ein Boomgeschäft.

Die Fischer nehmen einen auch gerne mit auf Tour, ab 15 £ für zwei Stunden. Den Fang darf man behalten, das kann sich also rentieren. Ich überlege, ob ich mit rausfahren soll, nur für Bigfoot. Aber ich will weder einen hässlichen Mondfisch in Händen halten, noch einem Riesenhai in die Fänge fallen.

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Stattdessen empfehle ich das wirklich gute Speiseeis von Oggy Oggy, das zusammen mit Fish & Chips meine ausgewogene Ernährung konstituiert.

Nur wenige Meter von der Eisdiele beginnt eine Grünfläche mit Blick aufs Meer und auf das Häuschen des nachbarschaftsscheuesten Einwohners von Newquay. Da wohnt wahrscheinlich jemand, dem selbst der Brexit nicht weit genug geht.

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Ein Gedenkstein erinnert an den Besuch der Beatles in Newquay 1967, während der Dreharbeiten für den grottenschlechten und zurecht vergessenen Film „Magical Mystery Tour“.

Derzeit wird wohl ein Surffilm gedreht, denn jeden Tag werden Surfbretter durch die Stadt getragen, und zwar genau von den Leuten, die man in Surffilmen erwartet: braungebrannte langhaarige Jungs, Mädchen mit Sommersprossen, alle mit tätowierten Kompassen, damit sie nicht verloren gehen, und alle ungesund dünn und muskulös.

Außerdem ist Surfen anscheinend so langweilig, dass man es nur mit Drogen aushält.

Wenn ich am Strand sitze und eine Zigarre rauche, glauben die Surferinnen, dass ich einen besonders krassen Joint gebaut habe. Nach etlichen flirtenden Blicken, die ich nicht ernst nehme, weil die Mädchen eindeutig zu jung und zu attraktiv für mich sind, trauen sich zwei von ihnen zumindest gemeinsam, zu mir rüberzukommen.

Mist, zum Weglaufen ist es jetzt zu spät. Hoffentlich wollen sie mich nicht für ihren dämlichen Film rekrutieren.

„Hey!“

„Hey.“ (So begrüßt man sich wohl in der Szene.)

„Wie lange bist du hier?“

„Noch eine Woche.“

„Oh cool, dann sehen wir uns hoffentlich mal wieder.“

„Das würde mich freuen“, sage ich, weil man junge Menschen noch anlügen darf.

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Sicherheitshalber setze ich unverzüglich die Wanderung entlang des South West Coast Path fort, der praktischerweise durch Newquay führt, und zwar, wenig überraschend, immer entlang der Küste.

Schön ist, dass die gesamte Küste für den Wanderweg freigehalten wurde. Die Bebauung ist etwas zurückgesetzt, spärlich und – außer in der Watergate Bay (Kapitel 15) – niemals protzig.

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Immer wieder markieren Holzkreuze auf den Klippen, wo Wanderer vom Weg abgekommen sind.

Weil die morbide Leserschaft den genauen Unglücksort inspizieren möchte und weil ich heute noch nichts Dummes gemacht habe, klettere ich die Klippen hinab auf einen kleinen, aber scheinbar stabilen Vorsprung.

Das Gras ist so tief und dicht und frisch und weich, dass ich am liebsten hier schlafen würde, obwohl ich ein Haus mit Bett und Katze zur Verfügung habe. Das weiche Grün schmiegt sich an den Körper wie so ein passgenaues Sofa. Sogar mit Grashügeln, die perfekt als Kopf- und Armstützen funktionieren. Im Laden zahlen Menschen 1499 € für so etwas, hier kostet mich nur die das Vergnügen endgültig komplettierende Zigarre einen Euro. Hoffentlich brenne ich nicht das ganze englische Gras ab.

Vielleicht kommen deshalb so viele Obdachlose nach Cornwall?

Wer in Glasgow oder Newcastle obdachlos wird, blickt anscheinend in die traurige britische Wettervorhersage, sieht nur über Cornwall eine kleine Sonne scheinen und trampt nach Südwesten. Dabei sind Sonnenschein und Temperatur eigentlich aussagelose Werte hier. Allein die Windstärke bestimmt, wie stark man friert.

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Normalerweise finde ich mich überall schnell zurecht. Einmal durch die Stadt gelaufen, Osten, Westen, Norden, Süden, und schon kann ich die Fragen von Touristen nach dem Weg zum Strand oder zum Bahnhof beantworten. Aber in Newquay brauche ich ein paar Tage dafür.

Das liegt an den Landzungen, die sich weit ins Meer erstrecken und die meine Erkundungsspaziergänge, die sich konsequent an der Küste orientieren, zu stundenlangen Unterfangen werden lassen, um anschließend verwirrenderweise fast dort zu enden, wo ich losgezogen bin. Und es liegt am Gannel, südlich von der Stadt, den ich zuerst für einen Fluss halte, von dem ich aber feststellen muss, dass es ein Ästuar ist. Ich weiß auch nicht, was das ist, und diese Unkenntnis wird sich in Kapitel 39 bitter rächen.

Eigentlich ist es nur ein Flussbett, in dem man wandern und reiten kann. Von dem auf der Landkarte eingezeichneten Wasser ist nur ein Rinnsal zu sehen, über das ein aus Steinquadern gelegter Weg führt.

Und die südliche Seite ist sehr schön. Kaum bebaut, aber dafür sprießen die bunten Blümchen vor Glück. Eine dahin friedliche Herde von Schafen ist von einem Traktor so aufgeschreckt worden, dass sie wild blökend über den Hang hetzt.

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Ein imposanteres Kreuz als die zufällig von der Klippe Gerollten (Kapitel 25) haben die Söhne Newquays bekommen, die im Kampf gegen Kaiser, Faschismus und andere Unbill ihr Leben an den Klippen von Gallipoli, auf Okinawa oder am Goldstrand verloren haben.

Aden 1964 und Falklands 1982 sind noch unterhalb der Toten des Zweiten Weltkriegs angefügt, aber für Afghanistan wurde eine neue Tafel angebracht, wie in der Erwartung, dass der Militäreinsatz dort ewig dauern wird. Nur mehr 20 Jahre, und wir werden das 200-jährige Jubiläum des Ersten Anglo-Afghanischen Krieges begehen können.

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Während ich im Sonnenuntergang verträumt zurück nach Newquay wandele, erblicken mich die beiden Surferinnen aus Kapitel 23.

„Hey!!“

Oje.

Aber eine von ihnen liest ein Buch, das macht mich neugierig. Außerdem sind sie jetzt allein, die Surfkumpanen mussten wohl schon ins Bett.

Das Buch ist „The Reckoning“, erkenne ich beim Näherkommen.

„Studiert Ihr Jura?“ frage ich, denn wer sonst liest Bücher von John Grisham.

„Jaa!“ rufen sie begeistert und stellen sich als Kensa (23) und Jessica (25) vor, wie wenn ich mit den Altersangaben irgendetwas anfangen sollte.

Ach wie hübsch! Dann kann ich die verfassungshistorische Diskussion aus Kapitel 20 fortsetzen, und das auch noch mit Frauen vom Fach. Leider stellt sich bald heraus, dass sie mit den Anwaltsroben auch das juristische Wissen abgelegt haben und dass Mädchen im Badeanzug keine guten Gesprächspartnerinnen sind. Zum Glück fällt mir ein, dass ich ganz dringend die Katze füttern und kuscheln muss.

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In einer Seitenstraße vom Sainsbury-Supermarkt sitzen zwei heruntergekommene Männer, gezeichnet von Armut, Alkohol und vielleicht Schlimmerem. Das erbetene Kleingeld kann ich nicht erübrigen, aber etwas Zeit habe ich. Alex und Craig stellen sich vor, wir reichen uns formell die Hand, und als ich auf die Frage, woher ich komme, antworte, dass ich aus Deutschland bin, antwortet Alex erfreut: „Wie Heisenberg! Guten Tag.“

Ob er den Physiker persönlich kennt oder ob er mal Physik studiert hat, bleibt unklar, weil ihm Craig immer wieder ins Wort fällt.

Alex steht auf, so dass wir ein paar Schritte weiter gehen können und entschuldigt sich für seinen Kumpanen, der leider psychische Probleme habe. „Deshalb bin ich mit ihm unterwegs. Er braucht jemanden, der ihn beschützt.“

Schöne altmodische Solidarität, wie es sie wohl nur unter Armen gibt. Das hatte Charles Dickens richtig beobachtet.

Ganz nüchtern ist Alex aber auch nicht mehr, denn er fragt mich fünfmal, wie ich heiße, und gibt mir fünfmal die Hand, um sich vorzustellen.

Craig hievt seinen in viel zu viele Pullover gehüllten Körper hoch, wobei ihm ein Feuerzeug aus der Hand fällt. Instinktiv hebe ich es auf und reiche es ihm zurück. Das ist den beiden anscheinend noch nie passiert, denn sie erwähnen es immer wieder, wie um sich zu versichern, dass es wahr ist: „Hast du das gesehen? Der Herr hat mein Feuerzeug aufgehoben.“

Zum Abschied bedanken sie sich herzlich und überschwenglich: „Du bist echt ein guter Mensch.“ Craig umarmt mich wie ein Bär.

Nach Geld fragen sie gar nicht mehr. Es ist offensichtlich, wie selten sie jemand als gleichwertige Menschen behandelt. Dabei wäre das so einfach. Nur ein paar Minuten plaudern, sich in die Augen sehen, keine Furcht oder Abscheu, sondern Interesse zeigen. Und behauptet jetzt bitte nicht, dass Ihr dafür keine Zeit habt.

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Am nächsten Tag ist mal wieder Wandertag, diesmal von Perranporth nach Newquay, circa 20 km.

Der Strand von Perranporth ist nicht gerade voll, aber wer einen Hund hat, der muss bei trübem Wetter raus. Wobei sich der nominell kältere und bewölktere Tag erneut milder als ein sonniger, aber windiger Tag erweist.

Der Strand ist so lang und breit, dass zehntausend Menschen zwanzigtausend Hunde ausführen könnten, ohne dass er überlaufen wäre. Und dazwischen wäre noch Platz für die Landung von zwei Marineinfanterie-Divisionen.

Die Marineinfanteristen kommen mir in den Sinn, weil der Strand von Perranporth genauso tückisch ist wie die Strände in der Normandie. Überall ziehen sich kleine Wasserläufe durch den Sand, die einen plötzlich umspülen und vom Land abschneiden. Man muss dann ganz schnell zurücklaufen und einen anderen Weg einschlagen. Oder wagemutig über einen gerade erst aufgetretenen Kanal springen. Oder man wird nass.

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Überall auf der Welt ist der 24-Stunden-Zyklus in Tag und Nacht eingeteilt. Am Äquator ist dieser Rhythmus stabil, näher an den Polen variiert er mit den Jahreszeiten, aber das Prinzip ist überall gleich.

An den Küsten von Cornwall unterteilt ein weiteres Phänomen den Tag: Ebbe und Flut.

„Na und, du bist doch kein Schiff?“ denken sich jetzt die Leser in den Bergen, die bei Ebbe und Flut an den Unterschied zwischen ein- und ausgelassener Badewanne denken.

Aber für Wanderer ist die Kenntnis der Gezeiten enorm wichtig, überlebensnotwendig sogar. Denn wenn sich bei Flut das Meer ausdehnt, beansprucht es den Platz, den die Landschaftsplanung eigentlich der Naherholung zugedacht hat. So kommt es vor, dass man eine weite Bucht mit Sandstrand, imposant umfasst von steilen Klippen, sieht, dort ein Nickerchen macht – und ein paar Stunden später weggespült wird.

Ich muss mich entscheiden, ob ich den Weg über die Klippen oder barfuß über den Sand wähle. Ganz friedlich sieht die Bucht aus, also wähle ich den Surferweg statt den Klettersteig.

Immer dann, wenn man genau in der Mitte der (hier 3 km langen) Bucht ist, kommt die Springflut angerauscht, und man rennt Richtung Klippen um sein Leben, hoffend, dass man eine Stelle findet, an der man hochklettern kann.

Und klettern muss man ganz schön, denn die Flut misst hier nicht Badewannenniveau, sondern mehr als 7 Meter an zusätzlichem Wasser! Das sind mehr als zwei Stockwerke. Wenn die Klippen zu steil sind, und das sind sie oft, dann stirbt man halt.

Eine Alternative ist es, auf einen der Felsen zuzurennen, die aus dem Meer ragen, und dort auszuharren, bis die Ebbe einsetzt. Aber als Ortsfremder weiß ich natürlich nicht, welche Felsen oder Sandbänke vor der Flut schützen und welche nicht. Ich würde also wahrscheinlich im Meer stehen und einfach nur langsamer und weniger dramatisch ertrinken anstatt gegen den Felsen zu knallen.

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Schlaue Wanderer haben für solche Fälle ein Mobiltelefon dabei und rufen die Seenotrettung. Immer wieder sehe ich tieffliegende Helikopter, die hilflose Hunde samt Herrchen vor den hungrigen Haifischen retten.

Wer mich kennt, weiß aber, dass es mir gänzlich unangenehm wäre, jemand anderen wegen einer selbstverschuldeten Misere zu bemühen.

Außerdem, wie Ihr den letzten Fotos entnehmen könnt, habe ich es gerade noch geschafft, die steilen Felsen nach oben zu klettern. Es ist erstaunlich, was die herannahenden Wassermassen an Flinkheit und Geschicklichkeit zum Vorschein kommen lassen. Wie eine wasserscheue Katze bin ich senkrecht nach oben gesprintet.

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Ab jetzt werde ich nur mehr oben auf den Klippen wandern und mich von keinem Meerbusen in angeblich romantische Buchten locken lassen.

Aber hier oben lauert eine andere Gefahr, sogar rund um die Uhr, wetter- und gezeitenunabhängig. Man blickt aufs Meer, guckt in die Wolken, pflückt ein paar Blümchen, und plötzlich öffnet sich ein Krater, wie wenn die Grasnelken der letzte Faden gewesen wären, der die Erdkruste zusammengehalten hat.

Ich weiß gar nicht, wieso die Leute nach Turkmenistan zu diesem Feuerschlund fahren, wo sich hier auf Schritt und Tritt das Tor zur Hölle öffnet. Und zwar gleich neben dem Wanderweg. Ohne warnendes Schild, ohne schützenden Zaun. So ist das im Kapitalismus. Schiffe bekommen Leuchttürme spendiert, Menschen können verloren gehen.

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Vielleicht wurden die Löcher aber auch absichtlich gegraben.

In Kapitel 19 habe ich es schon angekündigt, jetzt ist das dunkelste Kapitel dieses Berichts erreicht: der kornische Terrorismus.

Wenn man schon seit Jahrhunderten für ein unabhängiges Cornwall streitet, diskutiert, publiziert und prozessiert (siehe Kapitel 20), dann bleibt es nicht aus, dass selbst unter den gutmütigsten Völkern dieser Erde manch einem die Geduld ausgeht. Man kennt das ja von ISIS und den Republikanern, wie schnell man sich radikalisieren kann.

Die kornischen Terrorgruppen heißen An Gof, benannt nach dem Hufschmied Michael An Gof – Ihr wisst schon, dem Anführer des Aufstandes von 1497 -, Kornisch-Nationale Befreiungsarmee und Kornisch-Republikanische Armee. Sie haben schon Feuer in einem Friseursalon, einer Bingohalle und einem der verhassten Schnöselrestaurants gelegt, aber immer nachts, damit niemandem etwas passiert. Ansonsten reißen sie englische Flaggen herunter, und in Tressilian sollen sie 2007 sogar ein anti-englisches Graffiti auf eine Gartenmauer gesprüht haben.

2017 behauptete die Kornisch-Republikanische Armee, dass eine Selbstmordattentäterin bereit sei, ihr Leben für Cornwall zu geben. Allerdings habe man dafür noch kein entsprechendes Ziel gefunden, und man wolle das Leben der jungen Frau nicht sinnlos vergeuden. Wahrscheinlich warten die Terroristen auf die nächste Bingo-Meisterschaft unter englischer Flagge.

Ich glaube, bei internationalen Terroristenkongressen werden die Cornwalisen nicht ganz ernst genommen.

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Aber weiter auf der Wanderung, denn heute ist es so bewölkt, dass ich – wie immer ohne Uhr unterwegs – keine Ahnung habe, ob der Weg nach Newquay überhaupt noch vor Einbruch der Dunkelheit zu schaffen ist. Mit all den fiesen Fluten und der Kletterei komme ich langsamer voran, als gedacht.

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Heute treffe ich keinen Wander- und Gesprächspartner. Alle, die unterwegs sind, haben schon Begleitung, entweder Mensch oder Hund. Wobei die Schafhirten die Hunde gar nicht gerne sehen, denn die Schafe sind anscheinend so pazifistisch, dass sie sich selbst von einem Dackel zerfleischen lassen, wie ein grausames Foto an einem Zaun eindringlich vor Augen führt.

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Westlich von Hollywell klaffen riesige Löcher in den Klippen, so rechteckig, dass sie unnatürlich aussehen. Wie U-Boot-Häfen.

Eine Assoziation, die durch die Militärbasis bestärkt wird, an der ich jetzt vorbei gehe. Wobei zwischen Kaserne und Meer natürlich ausreichend Platz für den Wanderweg gelassen wurde. Prioritäten müssen sein, Wandern geht über Wehrkraft, Natur vor NATO.

Allerdings sieht die Basis so aus, wie wenn sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr genutzt wurde. Und vielleicht nicht einmal dann. Denn ab 1939 wurden in Großbritannien etliche Scheindörfer, Scheinflughäfen und Scheinkasernen gebaut, die deutsche Bomben auf sich ziehen und damit echte Dörfer, Flughäfen und Kasernen schützen sollten. Auf den Scheinflughäfen gingen dafür ständig Lichter an und aus, und es wurde intensiver Funkverkehr simuliert, um regen Flugverkehr vorzutäuschen. Einer, der sich davon täuschen ließ, war Rudolf Heß, der bei seinem Sturzflug auf eine als Flughafen getarnte Wiese allerdings von noch viel weitgehenderen Fehlvorstellungen über Großbritannien geleitet wurde.

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Auch wer strikt auf dem Weg bleibt, ist nicht davor gefeit, in einen plötzlichen Abgrund zu stürzen.

Das Vereinigte Königreich verliert beständig an Land. Manchmal große Brocken auf einmal, wie 1776 in Nordamerika, 1947 in Indien und beim nächsten Referendum in Schottland. Aber viel öfter machen sich kleine Küstenabschnitte auf in die Unabhängigkeit. Die Erosion ist, wie vieles, was sich auf den ersten Blick nach Erotik anhört, zerstörerisch und habgierig. Mit ihren feuchten Klauen reißt sie immer wieder Fetzen aus der Insel, egal ob dort noch Menschen wohnen oder nicht.

Ich sag’s ja immer: Investiert nicht in Immobilien!

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Zurück zur Wanderung, die mich hoffentlich vor Einbruch der Dunkelheit zurück nach Newquay führen wird. Wenn ich die Karte richtig lese, muss ich nur noch einen Hügel überwinden, das Flussbett des ausgetrockneten Gannel durchqueren, und schon bin ich zuhause, wo Bigfoot bereits darauf wartet, dass ich den ganzen Abend im Fernsehsessel verbringe.

Aber hinter dem letzten Hügel wird es kompliziert. Die Flut kommt nämlich nicht wie die Nacht einmal, sondern zweimal pro 24 Stunden. Und nicht jeden Tag zur gleichen Uhrzeit. Und natürlich an jedem Küstenabschnitt wann anders. In den Buchhandlungen gibt es ein Büchlein zu erwerben, das für alle Strände, Häfen und Leuchttürme die genauen Ebbe- und Flutzeiten vorhersagt, aber die Tabellen sehen so aus, wie wenn man sie ohne Studium an der Marineakademie nicht verstehen kann.

Wenn ich ein Kapitänspatent von Dartmouth hätte, dann hätte ich auch gewusst, was ein Ästuar ist. Das ist so ein Zwischending zwischen Flussdelta und Meeresarm. Und nun weiß ich auch, wieso das kleine Bächlein so ein riesiges Flussbett braucht: Es füllt sich nämlich zweimal am Tag mit dem von der übermütigen Flut herangeschwemmten Wassermassen.

Dummerweise tut es das genau jetzt.

Mein Rückweg ist abgeschnitten.

Die Pflöcke markieren, wo sonst der Weg verläuft, aber er ist schon mehr als einen Meter unter Wasser. Gut, da könnte ich noch durchwaten, aber es gibt ein weiteres Problem: Der Wasserspiegel steigt unaufhörlich, und starke Strömung drängt landeinwärts.

Von Minute zu Minute werde ich unüberwindbarer abgeschnitten.

Ich rechne verzweifelt: Zweimal pro Tag Flut, zweimal pro Tag Ebbe. Also dauert eine Flut mindestens 6 Stunden. Es dürfte jetzt etwa 18 Uhr sein, und die Flut beginnt gerade erst. Bis zur Ebbe müsste ich also bis nach Mitternacht warten, und mich dann im Dunkeln durch das tückische Ästuar wagen.

Nein, das ist zu riskant, das sehe sogar ich ein.

Also muss ich zuerst zurück auf den Hügel klettern, um mich in Sicherheit zu bringen, und dann im Wettlauf gegen die Flut landeinwärts laufen. Wenn ich schneller bin als das Wasser, muss ich irgendwann eine Stelle erreichen, wo ich noch schnell durch das Flussbett waten kann. (Oder im Treibsand stecken bleibe und ertrinke.)

Das Tal füllt sich unerbittlich mit Wasser. Immer wieder steige ich von den Hügeln herab, in der Hoffnung, von Süden nach Norden, von Gefahr nach Sicherheit, von Wildnis nach Zuhause kreuzen zu können. Aber jedes Mal ist das Wasser schon da, wie wenn es sich lustig macht über meine kraftlosen Anstrengungen.

Jedes Mal muss ich enttäuscht den Rückzug antreten, wobei ich wieder wertvolle Zeit im Wettkampf gegen die Gezeiten verlieren. Die vom Atlantischen Ozean hereindrängenden Wassermassen sind viel schneller als ich je sein könnte, dabei verzichte ich sogar auf Rauchpausen.

Am Ende bleibt mir nichts anderes übrig, als mehrere Meilen und Stunden Umweg auf mich zu nehmen, bis ich zu einer Straße gelange, die sicher über die Wasserstraße führt.

Natürlich könnte man das Problem lösen, indem man an der Mündung des Gannel eine hohe Brücke baut. Aber immer, wenn ich das vorschlage, sagen die Leute aus Newquay: „Wofür denn?“ „Aber da gab es noch nie eine Brücke.“ „Das braucht doch niemand.“ Wenn man hier lebt, gehen einem die Zeiten von Ebbe und Flut anscheinend so in Fleisch und Blut über, dass man mit schlafwandlerischer Sicherheit durch die aquatische Verwirrung gleitet.

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Am nächsten Tag fahre ich nach Perranporth, um von dort den South West Coast Path weiter nach Westen zu laufen. Da muss ich mir keine Gezeiten merken, sondern nur, wann der letzte Bus zurück nach Newquay fährt.

Von Perranporth geht es so steil bergan, dass ich mich freue, oben auf den Klippen eine Bank mit weitem Blick über das morgendliche Meer anzutreffen. Zeit für die erste Pause, nach etwa 20 Minuten Wanderung.

Die Bank steht vor einem Häuschen, das sich seinen Ausblick hoffentlich nie mit dem Konsum von Nachrichten wie in Kapitel 38 verdirbt.

Wer hier wohl wohnt, frage ich mich, als – wie um zu beweisen, dass Cornwall noch kleiner ist als die schon sprichwörtliche kleine Welt – Hannah mit geschultertem Rucksack und voller Tatendrang aus dem Häuschen tritt. „Das ist eine Jugendherberge,“ erklärt sie, „und zwar eine der schönsten, in denen ich je war.“ Um den Campingplatz im Garten ist sicherheitshalber ein kleiner Zaun gezogen, es geht immerhin ein paar Meter in die Tiefe.

Hannah geht heute nur ein kurzes Stück, weil sie in St. Agnes bei Freunden unterkommt. Das liegt auf meinem Weg, und so ziehen wir zusammen gen Westen, oft gefährlich nah an den Klippen.

Ich sollte echt weniger Geschichten erzählen und mehr auf den Weg achten, sonst werde ich selbst zur Geschichte, wogegen ich, wovon dieser Blog zeugt, grundsätzlich zwar keine Einwände habe, bei denen ich mir aber, wenn schon kein hollywoodklischeemäßiges Happy End, so doch das unverletzte Überleben des Protagonisten ausbedinge.

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Ebenfalls abgestürzt ist die Zinnindustrie, nicht zuletzt wegen der in Kapitel 20 erwähnten Überbesteuerung durch den Feudalherren. Wenn Prinz Charles nicht so raffgierig wäre, dann würden hier die Hämmer schlagen, die Öfen glühen und die Münzen klimpern.

Jetzt flattern nur die Fledermäuse erschreckt auf, als wir durch die Ruinen steigen.

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St. Agnes ist so ein Ort, an dem man bedenkenlos vorbeilaufen würde, wenn man nicht auf der Karte gesehen hätte, dass er eine Kirche, eine Bibliothek und sogar ein Pub hat.

Im Railway Inn ist es allerdings so stumm, als wir eintreten, wie wenn wir bei einem Begräbnis stören. Die zwei Männer am Tresen schauen weiter in ihr Bier. Der Wirt kommt aus der Küche und bedauert nicht wirklich, dass es kein Mittagessen gibt.

Wir ziehen weiter zum „Miners & Mechanic Institute“, wo freundliche Frauen in einem bunten Café fröhlich gesundes Essen servieren.

Auch solche Cafés machen Fernwanderungen in Großbritannien zu einem Vergnügen. Man findet sie in kleinen Orten, sie vermitteln ein Wohnzimmergefühl, sehen sich mehr als Treffpunkt für Gespräche denn als ein Wirtschaftsunternehmen. Die Speisekarte ist handgeschrieben. Die Mutter steht in der Küche, und wenn das Essen fertig ist, steht die Tochter von ihren Schulaufgaben auf, um es an den Tisch zu bringen. An den Wänden werden Aquarelle, Töpferhandwerk und gestrickte Handschuhe zum Verkauf angeboten. Oft zugunsten eines Gemeindemitglieds, das Krebs bekommen oder ein Bein verloren hat. In einem Regal stehen Bücher zum Entleihen oder Mitnehmen. Eine Broschüre des „St Agnes Writers Club“ lädt ein, Gedichte für die nächste Anthologie beizusteuern. Schade, dass sie keine Reiseschriftsteller suchen.

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Zwei Damen am Tisch nebenan unterhalten sich über die Menschen, die in den vergangenen Tagen von den Klippen gestürzt sind.

„Die drei Teenager, die über den Zaun zum Festival wollten, das ist traurig.“

„Und der Junge, der die Mauer einer alten Ziegelei entlang ging und am Ende die Klippe hinunter fiel.“

„Fünf Stunden waren die Rettungsmannschaften beschäftigt!“

„Ich habe den Helikopter gesehen.“

„Der ist im Krankenhaus. Wird nie mehr unbeschwert leben können, sagen sie.“

„Wenigstens nicht tot.“

„Naja.“

„In Newquay ist letzte Woche auch einer abgestürzt.“

„Aber das war ein Tourist.“

„Die Touristen sind echt die dümmsten.“

In diesem Moment erkannte ich die Torheit meines Unterfangens. Als vor dem Café ein Bus hielt, rannte ich hinaus, sprang auf und flog nach Bayern, sichere 1000 km vom nächsten Meer entfernt.

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Abendessen à la carte

Mehr als acht Stunden bin ich unterwegs gewesen, auf dem Weg zur Tara-Schlucht, durch ausgestorbene Dörfer und dichte, dunkle Wälder wie aus Grimmschen Märchen. Die Sonne hat sich den ganzen Tag nicht gezeigt, und es ist unklar, ob die kalte, feuchte Suppe, die mich umwabert, noch Nebel ist oder schon die Wolken sind. Mir ist kalt bis auf die Knochen, und die dunklen Tannen, das matte, abgestorbene Gras und die Abwesenheit jeglichen Vogelgezwitschers macht es nicht besser. Wenn ich noch länger in dieser Landschaft verbliebe, würde meiner Seele genauso kalt werden wie meinen Zehen.

Zabljak highlands spooky

Zurück in Žabljak benötige ich also dringend einen Ort zum Aufwärmen. Es ist der letzte Tag im Oktober, weit nach Ende der Saison, und nur in wenigen Fenstern brennt Licht. Immer mal wieder kommt ein Hund zum Vorschein, der mir eine Weile nachtrabt. Erst am Busbahnhof werde ich fündig: ein kleines Restaurant, eher ein Wirtshaus oder eine Kneipe.

Zabljak highlands house tree

Sobald ich eintrete, spüre ich die wohlige Wärme. Manche der Gäste haben trotzdem ihre Anoraks oder Winterjacken an, vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht damit sie schneller verschwinden können, wenn die Forstpolizei oder die Blutrache hereintritt. Alle Gäste sind Leute vom Schlage Holzfäller, Automechaniker, Metzger. Hier falle ich mit meinen schmutzigen Schuhen und meinem karierten Hemd nicht auf.

Denkste! Natürlich falle ich sofort als Fremder auf, denn in einem Ort mit etwa 2.000 Einwohnern wird jeder Neuankömmling argwöhnisch beäugt. Mit einem in den oben, unten und an den Wänden mit Holz vertäfelten Gastraum geworfenen „dobro veče“ zeige ich gleichzeitig, dass Serbisch/Montenegrinisch nicht meine Muttersprache ist und dass ich höflich bin. Die Mienen entspannen sich. In die erhofften Gespräche werde ich hier trotzdem nicht kommen, das spüre ich. Oder wenn, dann nur über viel Alkohol.

Auf den meisten Tischen stehen jedoch Fantaflaschen. Ich bestelle eine Cockta, weil ich das bisher überall in Montenegro bekommen habe. Die Kellnerin sagt, sie hätten stattdessen Fanta. Anscheinend kommt der Getränkewagen nur einmal pro Woche  in die Berge.

Eine Speisekarte gibt es nicht. Die Kellnerin merkt, dass es angesichts meines Sprachdefizits zu kompliziert wäre, das Angebot verbal zu erklären und bedeutet mir kurzerhand: „Komm mit!“ Ich folge ihr durch die Küche in die Speisekammer, wo mir in der Tiefkühltruhe eine Auslage wie in einer Metzgerei gezeigt wird, mit Steaks, Koteletts, Würsten u.s.w. „Grill“ erklärt die Kellnerin die anscheinend einzige Zubereitungsmethode. Die Steaks sind so groß, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie man eine Kuh aufschneiden muss, um solche Stücke zu erhalten. Vielleicht wird sie vorher plattgewalzt. Oder es sind Bärensteaks. Drei Würste sind genug für mich.

Über dem falschen Kamin hängt ein Bild des Klosters Ostrog. Die Musik ist melancholisch-tragisch bis schnulzig. Fünf Euro kostet das Abendessen inklusive Salat und Getränk. Um 19:45 Uhr verlassen die letzten anderen Gäste das Wirtshaus. Ein Bergdorf in diesem rauhen Klima ist kein Ort für lange Nächte, und Menschen, die den ganzen Tag Baumstämme zerlegt haben, fallen jetzt selbst ins Bett wie ein gefällter Baum.

Morgen fahre ich an die Küste Montenegros, wo es noch 25-30 Grad hat und wo die russischen Millionäre auf ihren Yachten speisen. Ein Land der Gegensätze, wie wenn man den ganzen Kontinent von Portugal bis zum Ural in dieses kleines Land gezwängt hätte.

Promenade Tivat

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