Berlins Grüner Hauptweg Nr. 2: Spandauer Weg (zweiter Tag)

Falls Ihr es noch nicht getan habt, lest noch einmal schnell den ersten Teil dieses Wanderberichts, bevor wir uns auf den zweiten, letzten und noch famoseren Teil des Spandauer Wegs machen.

Zur Erinnerung: Wir sind in Falkensee, am westlichen Stadtrand Berlins, haben uns gut erholt und ausgeruht, aber platzen bereits vor Spannung, Vorfreude, Energie und Tatendrang.

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Auf beiden Seiten des Finkenkruger Wegs stehen große Bäume und Einfamilienhäuser. Kinder laufen, fußballspielen und radfahren über die Straße. Mütter tratschen über die Hecke hinweg. Die Postbotin ist freundlich. Die Hunde beißen nicht. Die Straße ist wie gemacht für eine Fernsehserie über eine glückliche Nachbarschaft. So etwas in der Art von „Arlington Road“.

Dass genau hier die Berliner Mauer verlief, kann man sich gar nicht vorstellen.

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Aber auch hier wurde scharf geschossen, so zum Beispiel am 7. Februar 1966.

Für Willi Block war es bereits die dritte Flucht. Die ersten beiden waren erfolgreich, aber zweimal kam er zurück in die DDR, weil er zuhause etwas vergessen hatte. Seine Frau zum Beispiel. Bei der dritten Flucht bleibt er im Stacheldraht hängen und wird – unter den Augen der bereits eingetroffenen West-Berliner Polizei und Presse – erschossen.

Die West-Berliner Polizei sah bei all diesen Hinrichtungen tatenlos zu. Wie Beamte halt so sind: „Das ist nicht unser Zuständigkeitsgebiet.“

Wenigstens war es damals noch verpönt, Menschen auf hoher See ertrinken zu lassen. Aber wir wollen hier nicht Äpfel mit Bananen vergleichen. Vor allem, weil die Beziehung eines der beiden deutschen Staaten zu Bananen sowieso nicht ganz reibungsfrei war.

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Der Weg wird jetzt ein bisschen weniger grün, auch wenn nach Staaken geht, das sich als Gartenstadt rühmt. Keine Ahnung, was das sein soll. Ich könnte es nachlesen, aber ein allwissender Autor wirkt unsympathisch. Außerdem kreuzt hier der Grüne Hauptweg Nr. 20, für den ich ein paar Erkenntnisse und Informationen aufheben muss.

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Ein historisches Highlight in Staaken ist die dörflich wirkende Kirche.

Nicht wegen der Kirche selbst – oder vielleicht doch, aber mit Kirchen kenne ich mich nicht aus -, sondern weil man hier auf wenigen Quadratmetern einen Schnelldurchlauf durch die deutsche Geschichte bekommt.

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Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, also beginnen wir einfach mit dem hübschen Obelisk vor der Kirche. Die befreite Bevölkerung, die zwölf Jahre lang keinen eigenen Finger für die Befreiung von den Nazis rührte, bedankt sich bei der Roten Armee.

So weit, so anständig.

Aber was ist dieses Täfelchen, das man da hinten an der Mauer sieht? Dort bedanken sich die Staakener nicht bei den Befreiern, sondern bei ihrem Herrscher und Ausbeuter, bei Kaiser Wilhelm II. Sie taten das 1913, also ein Jahr vor dem Ersten Weltkrieg, den ihnen dieser Doldi eingebrockt hat.

Den in diesem Weltkrieg gefallenen Söhnen wird ebenfalls ausdrücklich gedankt, und zwar auf einem fetten Kreuz im Hof der Kirche.

Danach kam bekanntlich der Zweite Weltkrieg. Den dabei gefallenen Söhnen wird durch Hinzufügung der Jahreszahlen 1939-1945 ebenfalls gedankt. „Wofür?“ möchte man fragen, aber es ist niemand da, den man fragen kann. Sind wahrscheinlich alle tot.

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Die Gemeinde Staaken dankt also innerhalb weniger Meter Abstand dem kriegsauslösenden Kaiser, den von ihm hinweggerafften Söhnen, den dennoch und schon wieder kriegsbegeisterten nächsten Söhnen, die unter anderem die Sowjetunion überfielen und dort grausamste Verbrechen begingen, sowie schließlich der von diesen Staakener Söhnen angegriffenen Roten Armee, die die Söhne erschießen musste.

Letzteres sogar in Staaken selbst. Denn die Befreiung des Ortes am 25. April 1945 erfolgte nicht kampflos. Die Deutschen waren bekanntlich bis zur letzten Minute gar nicht so erpicht darauf, von den Nazis befreit zu werden. Man könnte fast – aber nur fast – den Verdacht bekommen, manche von ihnen (Deutsche) waren selbst welche (Nazis).

Neben der Kirche steht noch ein Kreuz, das sich für das Ende der deutschen Teilung bedankt, die man mit nur wenigen Verrenkungen wiederum der Roten Armee oder sogar den eigenen gefallenen Söhnen zuschreiben kann. Schließlich hatten diese den Anlass dafür gegeben, dass 1945 die ganze Welt vor einem einigen Deutschland zitterte.

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Die Kirche von Staaken hatte während der deutschen Teilung übrigens einen Platz in der ersten Reihe. Wenn auch nur einen Stehplatz.

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Und jetzt die Quiz-Frage: Lag der Ort Staaken im Osten oder im Westen?

Ich gebe zu, es ist eine Fangfrage. Staaken wurde geteilt.

Ich hatte zwar in Kapitel 26 erklärt, dass die Alliierten die alten Berliner Bezirksgrenzen übernahmen. Demnach hätte Staaken, das zum Bezirk Spandau gehörte, zum britischen Sektor und zu West-Berlin gehört.

Aber die Briten wollten den Flughafen Gatow, der im sowjetischen Sektor lag. Das war 1945, noch vor der sowjetischen Blockade Berlins, man vertrug sich gut, also einigten sich Großbritannien und die Sowjetunion auf einen Gebietstausch: Gatow gegen einen Teil von Staaken (und ein paar andere kleine Gebiete).

Der Flughafen Gatow ist, wie eigentlich alle historischen Flughäfen Berlins, nicht mehr aktiv. Er beherbergt heute eine Außenstelle des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr.

Aber wenn ich mich endlich wieder auf die Socken mache, anstatt in der Geschichte herumzustochern, dann sollten wir in Kapitel 63 eigentlich noch nach Gatow kommen.

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Auf dem Briefkasten der Pfarrei ist ein Aufkleber angebracht: „Kreuz & quer durch Spandau pilgern“, eine Reklame für den Spandauer Pilgerweg.

Das ist eine löbliche Initiative, damit sich nicht alle auf den Jakobsweg machen. Der ist nämlich ziemlich überlaufen, habe ich ich gehört. Wenn ich mal in Spanien pilgern will, dann auf dem weit weniger bekannten Pilgerweg zum Heiligen Gral. (Obwohl dieser sich eigentlich auf den Azoren versteckt.)

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Kreuz und quer, das beschreibt mittlerweile auch meine Wanderung.

Den Grünen Hauptweg habe ich wieder mal verlassen, weil er nur sehr zurückhaltend ausgeschildert ist.

Einen Tipp, den ich an diesem Tag mühsam lerne: Fragt nicht nach dem Grünen Hauptweg Nr. 2 oder nach dem Spandauer Weg, da zucken nur die Schultern der Staakener. Aber wenn Ihr nach dem Mauerweg fragt, dann wissen zumindest die älteren Menschen Bescheid.

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Sie erinnern sich nämlich noch, wer wo an diesem Mauer-, Pilger und Kreuzweg erschossen wurde.

Dieter Wohlfahrt war, obwohl in Berlin geboren, österreichischer Staatsbürger. Als solcher konnte er problemlos zwischen der BRD und der DDR und zwischen den Sektorengrenzen hin- und herfahren. Er lebte im Osten, ging aber im Westen zur Schule.

Als 1961 die Mauer errichtet wurde, Wohlfahrt war mittlerweile Student, konnte er weiterhin an den Grenzübergängen zwischen Ost- und West-Berlin ein- und ausreisen. Das war eine kuriose Zeit in Deutschland, zu der Ausländer freier in Gesamtdeutschland unterwegs waren als die Deutschen selbst. Sie konnten sich das beste aus beiden Welten rosinenpicken: Günstige Mieten im Osten, freie Presse im Westen. Grüne Woche im Westen, Weltjugendspiele im Osten. Das Gorki-Theater im Osten, die Beatles im Westen (zumindest fast). Die Pfaueninsel im Westen, der Müggelsee im Osten. „Das unsichtbare Visier“ im Osten, James Bond im Westen. Und so weiter.

Der so privilegierte Wohlfahrt nutzte diese Reisefreiheit, um als Fluchthelfer zu arbeiten. Das war damals noch ein respektabler Beruf, für den man das Bundesverdienstkreuz bekam.

Am 9. Dezember 1961 ging eine Schleusung allerdings schief, und Wohlfahrt wurde von DDR-Grenztruppen erschossen.

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Gleich nach Staaken wird es wieder ländlich, ja richtig romantisch. Sogar mit Schafen und Hügeln, für die (die Hügel, nicht die Schafe) man die Eiszeit verantwortlich macht. Aber die Berliner schieben ja gerne jegliche Verantwortung weit weg. Deshalb weiß ich nicht, was wirklich dran ist an dieser Eiszeitstory.

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Ich folge einem kleinen Pfad und finde mich vor einer verschlossenen Pforte, die durch ihre Massivität suggeriert, dass dahinter etwas besonders Geheimhaltungsbedürftiges verborgen sein muss. Ich rüttle am Tor, wie man das in Berlin so macht, wenn man unbedingt wo rein will.

Lediglich ein Guckloch öffnet sich, durch das ich ein einziges Foto erhaschen kann.

Wer mehr sehen will, muss an einem Samstag wiederkommen und 3,50 Euro für eine Führung durch Fort Hahneberg löhnen.

Aber nur von April bis Oktober. Im Winter gehört die Festung ganz den Fledermäusen und ihrem Winterschlaf. Daran erkennt man auch, dass sie Säugetiere und keine Vögel sind. Säugetiere müssen eigentlich fünf Monate durchschlafen, um glücklich zu sein. Die Menschen haben das früher auch gemacht, aber dann kamen die Industrielle Revolution und der Kapitalismus. Seither müssen die Menschen rund ums Jahr für dieses angebliche Bruttosozialprodukt schuften, das noch nie jemand zu Gesicht bekommen hat.

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Dabei ist ein Großteil dieser Arbeit sinnlos.

Zum Beispiel der Bau von Fort Hahneberg: Sechs Jahre haben sie daran gebaut. Unmittelbar nach dem Deutsch-Französischen Krieg, für den Fall, dass Frankreich sich rächen und Berlin angreifen wollte. Als der Festungsbau 1888 fertig war, hatten brisante Entwicklungen in der Artillerie die alte Bauweise von Verteidigungsanlagen obsolet gemacht. Einfaches Mauerwerk hielt den Sprengladungen nicht mehr stand. Deshalb die Erfindung von Beton.

Fort Hahneberg diente also nie als wirkliche Festung, sondern als Kaserne, als Archiv und als Lager. Das hätte man auch einfacher haben können. – Aber die Fledermäuse freut’s.

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Vielleicht habt Ihr Fort Hahneberg bereits gesehen, ohne es geahnt zu haben. Der Film „Inglourious Basterds“ wurde nämlich fast ausschließlich in Ostdeutschland gedreht, darunter in dieser sonst nutzlosen Festung.

Hier eine Szene, aber Vorsicht, sie ist „a bissel grob“, wie SS-Standartenführer Hans Landa gesagt hätte.

Man kann nur hoffen, dass außerhalb der Schonzeit für Fledermäuse gedreht wurde. Denn so viel Trubel ist gar nicht gut für die niedlichen Tierchen.

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Ich strawanze ein bisschen um das Fort, um einen Geheimeingang zu finden, aber es ist – wie um die Unzulänglichkeit der gemauerten Festung unter Beweis zu stellen – durch einen hässlichen Metallzaun mit Stacheldraht abgeriegelt.

Das finde ich aus zwei Gründen untragbar.

Zum einen ist es ahistorisch, weil der Stacheldraht im Wilden Westen erfunden wurde, nicht in Preußen.

Zum anderen, weil in zivilisierten Ländern der Zugang zu militärischen Festungsanlagen für die neugierige Öffentlichkeit gewährleistet ist.

Das war in einer der Festungen um Antwerpen in Belgien. Dort war das Rauskommen schwieriger als das Reinkommen. – Wie bei Scientology. Aber ich glaube, die haben an so armen Schluckern wie mir gar kein Interesse.

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In Treviso in Norditalien sah ich vor vielen Jahren einen Stand von Scientology, wo man sich an so einen elektrischen Stuhl anschließen und seine Schwingungen testen konnte. Ich muss aus journalistischer Neugier ja manchmal Dinge tun, die man sonst nicht täte. Aber leider konnte ich damals noch kein Italienisch. (Mittlerweile kann ich auch kein Italienisch mehr, aber dazwischen konnte ich es leidlich.)

Außerdem weiß man ja schon vorher, was dabei rauskommt: Man hat großes, ja geradezu geniales Potential, könnte wahnsinnig erfolgreich werden, aber leider, leider gibt es da irgendeine Blockade im Gehirn, die man jedoch in vielen, langen und teuren Sitzungen auflösen könne.

Treviso kennt kaum jemand, oder? Dabei liegt es nicht einmal an der Stadt selbst. Aber weil gleich um die Ecke Venedig, Verona und Padua liegen, fährt niemand nach Treviso. Das ist wie Potsdam oder Königs Wusterhausen. Die mögen ganz in Ordnung sein, aber weil direkt daneben Berlin ist, lässt sie jeder links liegen.

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Während ich durch einen Birkenwald schweife, fällt mir auf, dass mein mäandernder Schreibstil ganz gut zu den Umwegen passt, die ich beim Wandern und im Leben einschlage.

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Und so besteige ich, obwohl der Grüne Hauptweg Nr. 2 feige daran vorbeiführt, in der Mittagshitze den neuen Hahneberg. Er liegt gegenüber dem alten Hahneberg (das ist der mit dem Fort) und wurde, wie eigentlich alle „Berge“ in Berlin, aus Müll oder Schutt errichtet.

Vielleicht sollte das mal jemand den Litauern sagen, die wollen ja unbedingt Berge haben. Andererseits hätten die dort gar nicht genug Müll zum Aufschütten, weil sie die höchste Recyclingquote Europas haben. Diese baltischen Staaten werden ziemlich unterschätzt, da sollte eigentlich jeder mal hinfahren und staunen.

Ich muss sowieso bald wieder nach Estland, denn dort liegt einer der geografischen Mittelpunkte Europas. Auf der Insel Saaremaa, auf die ich mich wirklich enorm freue, denn das wird kaum weniger verwunschen als Hiiumaa sein.

Aber ich weiß nicht, ob ich dieses Jahr noch dazu komme. In Estland ist ja schon Winter. Und die haben richtig krasse Winter dort, da gefriert sogar das Meer zu.

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Aber jetzt erst einmal auf den Gipfel des Hahnebergs. Diesen Stress tue ich mir nur an, weil ich auf der Landkarte eine Sternwarte gesehen habe. Und an einer Sternwarte kommt man selten genug vorbei, nicht wahr? Das kann ich den Leserinnen und Lesern keinesfalls vorenthalten.

Schließlich wollt Ihr alles erfahren über Andromedanebel, die Monde des Neptun, schwarze Löcher und graue Stare. Außerdem gibt es bei einer Sternwarte immer Kuchen und Cola. Das kenne ich aus Greenwich, wo man schon lange vor Berlin die Welt in West und Ost geteilt hat. Typisch Engländer, immer irgendwelche Linien auf fremden Kontinenten ziehen. Wie vor hundert Jahren im Nahen Osten.

Es ist erstaunlich, was für einen Müllberg so eine Stadt produziert. Der Aufstieg ist zugspitzisch schwer und matterhornig mühsam. Sogar Bergziegen haben sich hier angesiedelt. Mehrfach denke ich ans Aufgeben. Aber die Verpflichtung für die Leserschaft! Die Wissenschaft! Eine kühle Cola!

Aber dann, naja, seht selbst:

Allenfalls ein Sternwärtchen, wie man in Südamerika sagen würde. Und eines, das dasteht wie ein alter Kühlschrank oder ein altes Sofa, dessen man sich ohne Beteiligung der Sperrmüllabfuhr entledigen wollte. Oder wie ein Weihnachtsgeschenk, das die Kinder nach wenigen Monaten lieblos in die Ecke gestellt haben, um es nie wieder zu nutzen. Die Sternenguckerbegeisterung, einst ausgelöst durch „Star Trek“, ist verglüht wie eine Supernova. Die Kinder interessieren sich jetzt für Drogen, Bitcoin oder Nazis, und deshalb sollte man sich keine anschaffen. (Kinder meine ich, das andere Zeug sowieso nicht.)

Erst bei der nachträglichen Recherche finde ich heraus, dass die Sternwarte auf dem Hahneberg tatsächlich sehr aktiv ist. Aber nur nachts. Wahrscheinlich müssen deshalb die Kinder den ganzen Tag über Red Bull trinken.

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Eigentlich sieht man vom Hahneberg auch ohne Teleskop ziemlich weit.

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Die kleine Sternwarte kann dem größeren Bruder auf dem Teufelsberg zuwinken.

Der Horchposten dort ist ja auch schon in Rente.

Wobei die Pension nicht allzu üppig zu sein scheint, sonst müsste man nicht freche 20 Euro für die Besichtigung des alten Gerippes berappen. – Nein danke, ich bleibe lieber Spezialist für nicht kommerziell ausgebeutete „Lost Places“. Zum Beispiel die Kurstadt Kyselka, das Spaßbad Basso oder die russische Botschaft in Cetinje.

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Nach dem Hahneberg geht es für mehrere Stunden über Pferdekoppeln, durch saftige Wälder, über weite Heiden, durch enge Täler. Immer wieder drehe ich mich im Kreis, kann in allen Richtungen nur Natur erkennen, und rufe begeistert: „Dit is och Berlin!“

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Besonders das Landschaftsschutzgebiet „Rieselfelder Karolinenhöhe“ hat es mir angetan.

Es ist eine ebene Fläche, die jetzt brach liegt. Allerdings ist sie von einem Wegenetz durchzogen, das so quadratisch, praktisch, gut ist, dass es unbedingt von Menschenhand stammen muss. Wie in der Moxos-Ebene.

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Die gepflasterten, aber ganz offensichtlich von Pferdefuhrwerken über die Jahrhunderte ausgetretenen Wege erinnern mich an die Inka-Straßen, auf denen ich einst am Titicaca-See entlang wandelte. (Das ist übrigens der schönste Ort der Welt, falls Euch mal jemand – oder Ihr Euch selbst – fragt.)

Weil aber die Inka, die Tiwanaku und die Pukara nicht so doof waren, über die Weltmeere zu segeln, um sich unerwünschte Krankheiten und Religionen zu holen, müssen die Berliner Rieselfelder von einer anderen Hochkultur stammen.

Vielleicht dienten sie einst dem Reisanbau? Das würde, zusammen mit der mittelneuhochdeutschen Vokalverschiebung, den Namen erklären. Oder stammt von hier der Riesling-Wein? Jetzt wachsen jedenfalls Obstbäume und spenden Schatten über diesen mysteriösen Feldern antiker Gartenkunst.

Erst einige Tage später klärt mich ein Bekannter, dem ich begeistert von der Wanderung erzähle, auf: „Das sind die Felder, auf die die Abwässer geleitet wurden.“

Und zwar nicht in grauer Vorzeit, sondern bis 2010. Mit Rohren wurde das Abwasser der Stadt auf diese Felder geleitet, wo der Dreck und das Gift und die Schwermetalle im Gestein und in der Erde verbleiben sollten, während das Wasser versickerte. Das so gereinigte Wasser floss dann wieder zurück und wurde zu Bier und Brause. Die Felder, über die ich so entzückt gewandert bin, sind also toxisch, vergiftet, belastet und höchstgefährlich.

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Bei all den Umweltsauereien gab es übrigens keine deutsche Teilung. Die Abwasserleitungen überwanden alle Grenzwälle. Selbst der hochgiftige Sondermüll genoss Reisefreiheit, natürlich gegen Bezahlung. Die westdeutsche Pharma- und Chemieindustrie dachte: „Sollen doch die Ossis den Krebs bekommen. Die haben sowieso kein schönes Leben.“ Und Alexander Schalck-Golodkowski dachte: „Pecunia non olet.“

Die Umweltbewegung, die sich in der DDR unter anderem wegen des Müllimports, aber natürlich auch wegen Luft- und Gewässerverschmutzung formierte, mündete schließlich in der friedlichen Revolution von 1989. Man kann also mit Fug und Recht sagen, dass die Grünen die deutsche Wiedervereinigung herbeigeführt haben.

Deutschland einig Vaterland exportiert seinen Müll heute in alle Welt.

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Und da ist sie wieder, die Havel. Keine Ahnung, wo sie sich zwischenzeitlich versteckt hat, während wir fleißig gewandert sind. Wahrscheinlich ein Nickerchen gemacht. Aber jetzt ist sie da, ohne Anzeichen eines schlechten Gewissens.

Das macht den Rest der Wanderung einfach, weil man sich nur am westlichen Ufer des Rinnsals halten muss.

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So gelangt man nach Gatow.

Dieser Ortsteil schafft es, gleichzeitig dörflich, aber auch vornehm zu wirken. In der hiesigen Villa Lemm residierte bis 1990 der Kommandant des britischen Sektors von Berlin. Leider hatte er in dieser Position so viel zu tun, dass er nie zum Heckenschneiden kam, weshalb man kaum etwas von dem enormen Anwesen sieht.

Den Flughafen bzw. das Museum aus Kapitel 43 finde ich nicht, stattdessen eine Windmühle. Aber das hat ja auch irgendwie mit Luftfahrt zu tun, zumindest wenn sie sich schnell genug dreht.

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Und dann wieder die Havel.

Die Havel taucht jetzt so oft auf, Ihr werdet sie bald satt haben. Dabei gäbe es extra für sie den Grünen Hauptweg Nr. 12, den Havelseenweg. Den bin ich noch nicht selbst gegangen, aber weil er am gegenüberliegenden Ufer verläuft, kann ich mir vorstellen, dass er auch ganz hübsch ist.

Das mit den Seen ist allerdings ein Schmu. Ein See benötigt einen Zufluss und einen Abfluss. Nur weil die Havel manchmal etwas dicker und träger wird, ist sie noch lange kein See. Ich werde ja auch kein Sumo-Ringer, indem ich 100 kg zunehme.

Selbst der berühmt-berüchtigte Wannsee ist kein See, sondern lediglich „ein Dickdarm der Havel“. Aber die West-Berliner wollten halt auch einen Müggelsee haben.

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Am nächsten Abschnitt der Havel sind die Villen geschmackvoll, bescheiden und sympathisch.

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Als nächstes folgt, und es ist einfach toll, wie sich auf dieser Wanderung alles immer abwechselt, ein Gutshaus.

Neukladow heißt es. Und es ist, das ist selten bei Gutshäusern, ebenfalls sehr sympathisch.

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Die Wirkung macht vor allem der Landschaftspark, ganz offensichtlich an englischen Vorbildern orientiert, aber seither ein bisschen vernachlässigt. Das macht ihn, wie das bei Gärten und vielen anderen Dingen der Fall ist, viel sympathischer als diese mit dem Lineal gezogenen Spießergärten.

Das ist so ein wunderbarer Park – und die passende Herbst- und Abendstimmung -, wenn ich auf einer Mehrtagestour wäre, würde ich mir jetzt und hier den Platz fürs Nachtlager suchen.

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Aber auch für Durchreisende gibt es hier etwas, denn das Gutshaus ist bewirtschaftet. Bis 17 Uhr ist geöffnet. Ich schalte mein Handy an, um die Uhrzeit herauszufinden, die mir bis jetzt den ganzen Tag vollkommen egal war. 16:50 Uhr, das ist gut.

Oh, und eine SMS ist eingetroffen, sehe ich: Die Familie, die mich einst zu einem Vortrag über die Hohenzollern nach Mössingen eingeladen hatte (da habt Ihr übrigens etwas verpasst!), schreibt, dass sie seit damals meinen Blog verfolgt, meistens lehrreich oder zumindest lustig findet, und mir deshalb eine äußerst großzügige Spende zukommen lassen möchte.

Ich bin baff, zutiefst gerührt und vollkommen hin und weg.

In dieser Hochstimmung trete ich in das Gutshaus, fühle mich plötzlich wie Krösus und gönne mir zu der notwendigen Cola den Luxus eines Tortenstücks.

Ob ich bis jenseits der Öffnungs- bzw. Schließzeiten im Garten sitzen bleiben könne, damit ich mit dem Abendessen nicht hetzen muss, frage ich die Dame an der Theke.

„Im Garten können Sie die ganze Nacht bleiben, wenn Sie möchten“, sagt sie, weshalb ich das freundliche Café gerne weiterempfehle. Die Torte ist auch super.

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Das Gutshaus Neukladow hat eine wechselvolle Eigentümergeschichte. Seit dem 14. Jahrhundert als Klosterbesitz nachgewiesen. Später im Eigentum des brandenburgischen Kurfürsten. Um 1800 der Bau des Herrenhauses in seiner heutigen Form.

Der stolze Hinweis auf die Mutter Bismarcks, die hier von 1800 bis 1806 lebte, ist allerdings ein bisschen irreführend. Wilhelmine Luise Mencken war in dieser Zeit noch ein Kind und keine Mutter, von nichts und niemanden. Otto von Bismarck wurde bekanntlich erst 1815 auf dem Wiener Kongress geboren.

Wenn man die Liste der Bewohnerinnen und Bewohner durchliest, fragt man sich unweigerlich, warum die Leute es immer nur ein paar Jahre in Neukladow aushielten. Es ist doch so schön hier.

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Der einzige, der ein bisschen Stabilität in die Bude brachte, war Robert Guthmann, ein Bauunternehmer, Zementfabrikant, Eigentümer von Kalksteinwerken und früher Immobilienspekulant. Er kaufte 1887 das Gut Neukladow und danach reihum jedes Stück Land, das er bekommen konnte, bis über eine Uferlänge von 5 km jeder Quadratmeter ihm gehörte. Jetzt konnte er sich daran machen, die 2500 Morgen Land zu parzellieren, darauf eine Landhauskolonie zu errichten, und die Häuschen mit 2500% Gewinn zu verkaufen.

Er selbst wohnte auf der gegenüberliegenden Seite der Havel, in einem Schloss, in dem heute das Literarische Colloquium untergebracht ist. Viele junge Menschen werden nur deshalb Schriftsteller oder Autorin, damit sie einmal hier residieren dürfen. Das Aufenthaltsstipendium gilt zwar nur für drei Monate, aber das Haus ist so verwinkelt, dass niemand merkt, wenn man einfach länger bleibt. Außerdem sehen diese Schriftsteller ja alle gleich aus; wie soll der Hausmeister die auseinander halten?

Aus dem Immobilienprojekt wurde nichts, weil von Neukladow kein Zug nach Berlin fuhr. Mehr als hundert Jahre später fährt noch immer keiner, weil Berlin leider voll auf das Auto gesetzt hat.

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Nachdem er seine Pläne aufgegeben hatte, überließ Robert Guthmann 1909 das Anwesen und den Park seinem Sohn Johannes. Das war ein Glücksfall, denn Johannes Guthmann interessierte sich mehr für das Gute, Wahre und Schöne als für Zement, Bauprojekte und Profite. Der Kunsthistoriker und Schriftsteller lud allerhand Literaten, Maler, Künstler und Intellektuelle ein und begründete die Tradition eines Musenhofs, die in letzter Zeit wieder aufgegriffen wird.

Max Slevogt war einer der Maler, die oft und lange in Neukladow herumhingen.

Neben dem Anwesen, den Blumen und den anderen Gästen hielt Max Slevogt auch die Familie Plesch fest, die bis 1933 in der Villa Lemm aus Kapitel 63 wohnte.

Die Pleschs flohen vor den Nazis nach Großbritannien. Die Villa Lemm wurde 1939 enteignet.

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Das Gutshaus Neukladow ging 1932 ebenfalls in Staatsbesitz über, allerdings ohne Arisierung oder andere Zwangsmaßnahmen.

Seit Mitte der 1930er Jahre übte hier die Fliegergruppe See der Luftwaffe. Von dieser meldeten sich einige Piloten zur Legion Condor, die ab 1936 Spanien bombardierte.

Die Deutschen hatten zwei Motive für diesen Geheimeinsatz: Erstens Mallorca. Zweitens wollten sie ihre Luftwaffe für den kommenden Weltkrieg erproben.

Und jetzt – danke für Eure Geduld – schließt sich der Kreis, den ich auf Grundlage der diesem Blog zugrundeliegenden Theorie, dass alles mit allem zusammenhängt, zu zirkeln versuche. Denn so führt – über Neukladow bis Guernica – eine direkte Linie vom Impressionisten Slevogt zu Pablo Picasso.

Das war jetzt aber zu konstruiert, oder?

Na gut, dann erwähne ich besser nicht, dass Slevogts Wandmalereien aus dem Gut Neukladow zum Schutz vor Witterungsschäden in die Nationalgalerie verbracht wurden, wo sie 1944 bei der Bombardierung Berlins zerstört wurden.

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Jetzt aber schnell weiter, bevor mir noch mehr historische Zusammenhänge auf- und einfallen. Manchmal ist es ja auch schön, einfach zusammenhanglos am Wasser entlang zu spazieren.

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Der Grüne Hauptweg Nr. 2 geht hier noch zwei Kilometer weiter, bis zum Landhaus Fraenkl, jetzt ebenfalls ein Café, und zur nicht einmal durch einen Volksentscheid überwindbaren Grenze mit Brandenburg.

Aber die Kinder von Kladow haben genau hier einen Strich gezogen, die Sonne senkt sich, und eine Fähre kommt um die Ecke. Es ist eine von den sympathischen Fähren, die zum ÖPNV gehören und im Deutschlandticket inkludiert sind.

Also, nichts wie rauf aufs Schiff und rüber zum sogenannten Wannsee.

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Die Fähre überquert die Havel nur einmal pro Stunde, und ich habe genau die richtige abgepasst, um den Sonnenuntergang zu erleben.

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Allein, so richtig genießen lässt sich die Stimmung nicht, denn wir tuckern nur wenige hundert Meter an jener Villa vorbei, in der im Januar 1942 die Ermordung aller Jüdinnen und Juden in Europa im Detail besprochen und vereinbart wurde.

Auch deshalb finde ich den Müggelsee sympathischer. Dort begann 1953 der Volksaufstand in der DDR. Da kann man baden und grillen und Eis essen, aber doch bitte nicht an einem Völkermordsee – der noch dazu nicht einmal ein richtiger See ist!

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Weil sowohl am Haus der Wannseekonferenz als auch am Müggelsee ein gesonderter Grüner Hauptweg vorbeiführt, kann ich Euch jetzt die entsprechenden Exkurse ersparen. Aber mir scheint, man kann auf diesen Wanderungen die gesamte deutsche Geschichte erkunden. Nicht im Schnelldurchlauf, sondern ganz gemütlich auf insgesamt 550 Kilometern.

Jedenfalls habt Ihr jetzt hoffentlich gesehen, dass Berlin kein stinkender Moloch ist (mit Ausnahme der Kapitel 59-61 vielleicht), sondern dass es hier mindestens so schöne Landstriche gibt wie in den anderen Bundesländern. Und noch dazu höhere Berge als in Bremen.

Ein weiteres Vorurteil kann ich ebenfalls widerlegen: Es stimmt nicht, dass in Berlin der Bär steppt, die Nacht zum Tage wird und die Stadt nie schläft. Nach dieser Wanderung falle ich um 20:30 Uhr ins Bett und schlafe wie ein Stein.

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Berlins Grüner Hauptweg Nr. 2: Spandauer Weg (erster Tag)

Das Konzept der Grünen Hauptwege in Berlin habe ich an anderer Stelle bereits vorgestellt, so dass wir ohne viel Vorrede losziehen können. Nur kurz zur Orientierung: Wir sind in Spandau, ganz im Westen Berlins und gehen Richtung Stadtrand, folgen dann der einstigen Berliner Mauer nach Süden, bis wir zum Wannsee kommen. Die ersten paar Kapitel spürt man noch die Stadt, aber habt Geduld, ab Kapitel 10 wird es richtig grün.

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Grüne Lungen, die sich durch die Großstadt ziehen. Ein fantastisches Konzept, nur warum wird es nicht beworben?

Kein Schild, kein Hinweis, keine Tafel. Nur eine ganz kleine „2“ am Laternenpfahl zeigt mir, dass ich am Aalemannkanal richtig bin. Mit den vielen As erinnert dieser an den Panamakanal, obwohl die hiesige Schifffahrtsstraße auf der Liste der weltweiten Kanäle ganz knapp hinter dem Bruder aus Übersee rangiert.

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Dafür ist die Überfahrt hier günstiger: 70 Cent für Erwachsene, 30 Cent für Kinder und eineinhalb Euro pro Pferd verlangt die Fähre. Da lohnt es sich echt nicht, eine Brücke zu bauen. Vielleicht sollte man das dem Salvini erzählen, damit er seinen verrückten 13-Milliarden-Euro-Brückenbau-Plan nach Sizilien aufgibt.

Ich selbst muss die Fähre gar nicht besteigen, weil ich schon auf der richtigen Seite des Wassers bin. Aber wer ganz wild auf die Schifffahrt ist, muss nicht verzagen, sondern kann sich auf Kapitel 74 freuen, wo wir endlich eine Fähre besteigen werden. Damit sei auch schon angedeutet, wie lange und wie weit sich die Wanderung erstrecken wird. Die Leserschaft soll ja ein Gefühl dafür bekommen, wie sich 33 km – zuzüglich einiger Abstecher und Umwege – anfühlen.

Wenn es Euch zu lange wird, macht es wie ein schlauer Wanderer: Einfach eine Pause einlegen und am nächsten Tag weitergehen oder weiterlesen.

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Der Weg führt anfangs entlang der Havel.

Die Havel kommt aus Ankershagen, einem Dorf in Mecklenburg, aus dem auch Heinrich Schliemann stammt. Wahrscheinlich fließt sie deshalb nicht, wie es ein normaler Fluss täte, ins Meer, sondern will zuerst nach Berlin, um sich die gesammelte Raubkunst des Troja-Erfinders anzusehen.

Eine Freundin aus Bolivien war vor kurzem in Berlin und wollte unbedingt das Ischtar-Tor, den Pergamon-Altar und lauter so altes Zeug sehen. Im Museumsviertel stieß sie auf eine lange Warteschlange, dachte sich „Ah, das muss fürs Museum sein“ und stellte sich an. Erst als sie nach einer halben Stunde drankam, merkte sie, dass sie an einem Döner-Imbiss angestanden hatte.

Ich habe ihr dann stattdessen Müggelheim gezeigt, und sie war begeistert.

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Das Pergamon-Museum wird übrigens ab dem 23. Oktober 2023 für mehrere Jahre geschlossen. Aber dafür, und das zeigt wieder mal die Bürgerfreundlichkeit und Serviceorientierung Berlins, ist es in den verbleibenden Wochen bis in die Nachtstunden geöffnet.

Noch serviceorientierter wäre es, die Besucherinnen und Besucher nicht mit den Unterschieden zwischen dem Alten und Neuen Museum, dem Pergamon-Museum, der Antikensammlung, dem Staatlichen Museum, dem Vorderasiatischen Museum, dem Museum für Islamische Kunst, dem Museum für Vor- und Frühgeschichte, dem Humboldt-Forum, dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Byzantinische Kunst zu verwirren und insbesondere die Ausstellungen nicht auf verschiedene Häuser aufzuteilen, die alle unterschiedliche Öffnungszeiten haben und für die es mehr als hundert verschiedene Kombitickets gibt.

Ehrlich, ich finde das so verwirrend, da fahre ich lieber selbst nach Babylon. Am besten per Anhalter.

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Von Euphrat und Tigris zurück zur Havel.

Die Kormorane kreischen. Die Enten quaken. Die Schiffshörner tröten. Die Fahrradfahrer klingeln

Der Wanderweg ist nicht richtig ausgeschrieben, aber dafür Radwanderwege ohne Ende. Havel-Radweg. Königin-Louise-Route. Radweg Berlin-Kopenhagen. Wie wenn sie dort nicht schon genug Fahrräder hätten.

Ich bin ja eher skeptisch gegenüber so modernen Entwicklungen. Seit der Erfindung des Fahrrads gehen die Menschen viel weniger zu Fuß. Diese Kombination aus Faulheit und Trägheit einerseits, aber Hektik und Eile andererseits, das kann nicht gesund sein.

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„Wahrscheinlich kann die nächste Generation gar nicht mehr richtig laufen“, denke ich mir, und wie zur Bestätigung schiebt eine Mutter einen Kinderwagen aus der hässlichen Neubausiedlung. Die prätentiösen Straßennamen (Seychellenring, Hawaiiweg, Tahitiweg) verstärken die Trostlosigkeit des hässlichsten Bauprojekts in einer an hässlichen Bauprojekten wahrlich nicht armen Stadt.

Liebe Häuslebauer und Immobilienfuzzis, liebe Hypothekenschacherer und Architekturverbrecher, die „Truman Show“ war nicht als Anleitung für ein gelungenes Leben gedacht.

Wenn Poseidon ein Einsehen hat, lässt er die Havel über die Ufer treten und diesen Betonhaufen wegschwemmen. Oder ist es Hades, der für die Flüsse zuständig ist? Noch besser, denn so kann ich stabreimflehen: Hades, mach die Havel hoch! Hinfort mit diesen hässlichen Häuschen!

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Ein paar Minuten weiter steht die nächste Ansammlung von weißen Würfelbehausungen, aber die haben wenigstens einen schönen Wald drumherum. Außerdem ist hier nicht alles so spießig gleichförmig in Reih und Glied wie in einer preußischen Garnison, sondern kreuz und quer wie auf der Kuhlen Wampe.

Bei den meisten Wohnwagen steht gar kein Auto dabei. Um die Wagen sind schon Hecken gewachsen, die Wäscheleinen fest gespannt. Hier leben Menschen, die sich kein Haus leisten können, aber sie tun das wesentlich stilvoller als die Dummies, die sich von der Helma AG 600.000 Euro aus der Tasche ziehen lassen.

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„Bürgerablage“ heißt der nächste Uferabschnitt, und ein bürokratischerer Name für einen offen zugänglichen Badestrand ist mir noch nicht untergekommen.

Hier gäbe es sogar Essen. Aber der günstige Imbiss ist geschlossen, nur das teure Jagdhaus hat geöffnet. 17 Euro für ein Schnitzel, das ist nicht drin als armer Student. Vor allem nicht am Monatsende.

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Der Weg führt im Zickzack durch den Wald, so dass ich auch thematisch ein paar Haken schlagen kann: Hier verlief einst die Berliner Mauer.

Viele kennen nur die Mauer in der Mitte der Stadt. Oder glauben, dass Ost-Berlin umschlossen und eingesperrt gewesen sei. Aber in Wirklichkeit ging die Mauer um West-Berlin.

Die Ost-Berliner konnten also frei reisen, von Rostock bis Rumänien, von Karl-Marx-Stadt bis Kamtschatka. Die West-Berliner hingegen mussten für jede Reise das Flugzeug nehmen, wodurch die deutsche Teilung eine wesentliche Schuld an der Klimakrise trägt. (Der ganze Beton für die Mauer war auch nicht gerade öko.)

Die innerdeutsche Fluchtbewegung ging dennoch Richtung West-Berlin. Und zwar sowohl aus dem Osten (Flucht vor Nationaler Volksarmee, Staatssicherheit und allgemeiner Spießigkeit) wie aus dem Westen (Flucht vor Bundeswehr, katholischer Kirche und allgemeiner Spießigkeit).

Die BRD reagierte relativ locker auf die Flüchtenden: „Geh doch nach drüben!“

Die DDR weniger: „Stehenbleiben oder wir schießen!“ Und geschossen wurde oft, wie wir im Laufe dieser Wanderung noch feststellen werden (Kapitel 24, 37 und 46).

Der Grund für das harte, ja mörderische Vorgehen gegen Flüchtlinge war, dass die DDR (zumindest diesbezüglich) der kapitalistischere der beiden deutschen Staaten war und Menschen als „Humankapital“ betrachtete. Sie wollte ihre ausreisewilligen Bürger an die BRD verkaufen. Um den Preis hochzutreiben, war es – in der Logik der Marktwirtschaft – notwendig, das Gut zu verknappen, also Menschen an der Ausreise auf eigene Faust zu hindern, sie mit hohen Haftstrafen zu belegen und notfalls zu töten. Alles finanziert von der BRD, die damit ein Repressionsregime noch repressiver machte und die DDR-Opposition ausblutete.

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Von all dem würde man ohne das kleine „Mauerweg“-Schild nichts mehr ahnen, wenn man jetzt durch den saftig grünen Wald spaziert. Die Mauer wurde abgebaut. Der Stacheldraht wurde eingerollt. Die Wachtürme wurden eingerissen. Die Minen wurden – so hoffe ich – eingesammelt.

Der offizielle Wanderweg verläuft ab jetzt am Rande des Spandauer Forsts und teilt die Strecke mit einem Fahrradweg. Das ist nicht ganz optimal, weil sich die Internationalen Friedensfahrer nicht gut mit einem tagträumenden Guckindieluft vertragen. Deshalb schlage ich mich tief in den Spandauer Forst und suche mir auf verwunschenen Waldwegen meinen eigenen Frieden.

Jetzt stellen sich die Entspannung und die Ruhe und das Glücksgefühl ein, das ich beim Wandern suche. Ganz allein. Keine Menschenseele sehe ich im Wald. Nur das Rauschen des Windes. Das Knacken der Äste. Immer wieder fallen Eicheln herunter. Es hört sich so an, wie wenn Wildschweine durchs Unterholz flitzen, aber ich bekomme keine zu Gesicht.

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Wanderwege sind hier nicht mehr ausgeschildert, aber ich weiß, dass ich Richtung Westen muss.

Zum Glück habe ich bei den Pfadfindern gelernt, wie man mithilfe einer Armbanduhr und dem Sonnenstand die Himmelsrichtungen bestimmt. Nur leider habe ich keine Uhr dabei, weil das Freiheitsgefühl für mich nur perfekt ist, wenn die Zeit ungemessen verstreicht.

Das einzige Schild, dass ich tief im Spandauer Forst erblicke, ist der Hinweis auf ein Naturschutzgebiet. Ganz ehrlich, das hätte ich mir auch ohne Schild denken können.

Die Leserinnen und Leser aus ländlichen Gefilden, die sich Berlin bisher immer als Beton- und Industriemoloch vorgestellt haben, wird es überraschen, dass Berlin einen höheren prozentualen Anteil an der Landesfläche als Naturschutzgebiete ausgewiesen hat als Bayern, Baden-Württemberg, Hessen oder Rheinland-Pfalz.

Wobei Naturschutz in Berlin anscheinend auch bedeutet, dass hier Cannabis-Pflanzen auf die versprochene Legalisierung warten.

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Und da, tief im Wald, an einem ganz kleinen Pfad gelegen, so verloren wie einsam, steht ein Picknick-Pilz. Das Dach ist mit dem Moos von Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten überzogen.

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Das einzige Zeichen des letzten menschlichen Besuchs ist eine Flasche Wernesgrüner Landbier (leider leer), auf die – das macht es dem Historiker leicht – das Jahr der Herstellung aufgedruckt ist: 1436. Seit fast 600 Jahren hat also niemand mehr diesen Ort betreten, wahrlich eine atemberaubende Vorstellung!

Wahrscheinlich haben sie damals die Iglauer Kompaktaten und das Ende der Hussitenkriege begossen. Zumindest wüsste ich nicht, was man sonst 1436 feiern hätte sollen. Fußball gab es damals ja noch nicht.

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Andererseits feiern die Menschen im Verlauf ihres Lebens allerhand, was in der Retrospektive keine Feier wert gewesen wäre. Wenn ich allein daran denke, was für ein Tamtam die Leute um ihre Hochzeit machen, nur um sich später scheiden zu lassen. Absurd.

Als ich in Peru lebte, hatte ich mal Besuch von einem kanadisch-russischen Paar, das zur Hochzeit keine Feier veranstaltet, sondern sich von dem dadurch gesparten Geld eine zweijährige Weltreise per Anhalter und über Couchsurfing gegönnt hat. Als sie bei mir in Mollendo aufschlugen, waren sie bereits 15 Monate unterwegs. Das fand ich viel sinnvoller, als einen Abend lang 100 Leute mit schlechter Mariachi-Musik vollzudröhnen.

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Iglau ist übrigens auch getrennt, wie einst Berlin, nämlich zwischen Böhmen und Mähren.

Das ist aber halb so wild, weil die beiden sich ganz gut verstehen. Manchmal hängt ein Bürgermeister eine mährische Fantasiefahne aus dem Rathaus, aber ernsthafte Unabhängigkeitsbestrebungen scheint es nicht zu geben. Da könnten sich die Katalanen eine dicke Scheibe Gelassenheit abschneiden.

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Apropos geteilte Städte:

Berlin ist wieder vereint, das ist schön.

Aber noch immer steckt ein trennender Pflock tief im Herzen einer deutschen Stadt, den die Alliierten bei der Grenzziehung zwischen der amerikanischen und der französischen Besatzungszone hineingetrieben haben. Die rechtsrheinischen Gebiete von Mainz scheinen an Hessen verloren, aber vergessen sind sie nicht! Daher auch der Slogan „Mainz bleibt Mainz“ und die allabendliche Erinnerung durch die Mainzelmännchen.

Eigentlich wäre das ein Fall für Artikel 29 des Grundgesetzes, der so selten angewendet wird, dass Ihr Euch wirklich nicht zu grämen und schämen braucht, wenn Ihr ihn nicht mehr genau im Kopf habt und jetzt das alte Grundgesetz von der Bundeszentrale für Politische Bildung aus dem Regal holen müsst. Bei der Bundes- und bei den Landeszentralen gibt es übrigens auch andere, sogar aktuelle Bücher zum absoluten Sparpreis. Das lohnt immer mal wieder einen Blick, einen Besuch und eine Bestellung.

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Holla, die Waldfee! Jetzt bin ich aber arg abgeschweift.

Aber das ist ja gerade das Schöne am Flanieren in der Flora. Anders als in der Fußgängerzone wird man hier nicht ständig mit Anreizen und Aufrufen, mit Werbung, Wahlkampfplakaten und anderen Widerlichkeiten konfrontiert. Nur hier sind die Gedanken wirklich frei, zumindest wenn man, so wie ich, mit einem alten Telefon ohne Internetverbindung unterwegs ist.

Die meisten Menschen kennen das gar nicht mehr, ein paar Stunden am Stück ohne jegliche Unterbrechung, ohne ständige Erreichbarkeit. Im vollen Bewusstsein um die eigene Bedeutungslosigkeit, weil sich die Welt auch weiter dreht, wenn ich mich zurückziehe und verstumme.

Versucht das doch auch einmal!

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Am anderen Ende dieses schönen Waldes ist – passenderweise – die Ortschaft Schönwalde.

Hier versucht niemand, arme Familien mit Straßennamen wie Fidschistraße oder Tansaniaweg übers Ohr zu hauen. Dafür stehen entlang der Berliner Allee in einem Garten zwei runde Hütten, die tatsächlich nach Tahiti aussehen.

Allerdings wohnt hier nicht Paul Gauguin, auch nicht Charles Strickland, sondern – wie ein sehr ausführliches Schild informiert – der „international bekannte indische Yogi Narendra Kumar Jain, Prof. ehem. Agra Universität Indien, Mitglied im BDY Diplom Yoga, Diplom freie Malerei, M.A. (Goldmedaille) Kunstgeschichte, Reiki Meistergrad, Dr. phil. TU Berlin, seit 1968 Yogalehrer, ehrenamtlicher Richter 2000-2008 Berlin“, dem man einen Spaziergang durch den Spandauer Forst ans Herz legen möchte, um sich selbst nicht ganz so wichtig zu nehmen. Aber wahrscheinlich würde der bescheidene Yogi sogleich den Titel „erfahrener Spaziergänger (schwarzer Gürtel)“ aufs Schild setzen.

Großzügig ist er jedoch, das muss man dem Meister lassen. Denn jeden Sonntag von 12 bis 14 Uhr gibt es einen „kostenlosen Gesundheits-Check-up mittels Pulsdiagnose“ und dazu „eine Tasse Kräutertee“.

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Leider ist schon Montag, so dass ich weder eine Tasse Tee, noch profunde Daten zu meinen kundalinischen Chakra-Schwingungen erhalte.

Montag ist überhaupt so ein Tag, an dem sich die Sterne gegen Wanderer verschworen haben. Das Gasthaus zum Schwanenkrug ist zwar alt und schön, aber die Woche lässt man hier mit einem Ruhetag beginnen. Kann ich aber auch verstehen, denn montags sind die Mandanten echt am nervigsten.

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Als ich am Morgen loszog, habe ich natürlich nichts zu Essen eingepackt, weil ich dachte: „Der Weg geht ja durch Berlin, da finde ich an jeder Ecke eine Currywurst oder einen Späti.“ Ein weiteres Berlin-Klischee, das sich in den letzten Stunden nicht bewahrheitet hat.

Der Magen knurrt, ich falle gleich um, da rettet mich ein Edeka. Damit kommt man günstig über den Tag, auch wenn es auf der Ausbeutung der Kolonien beruht. Viele wissen das gar nicht mehr, aber EdK steht für „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler“. Aber was soll ich machen? Mit schmalem Geldbeutel kann man sich keine Moral leisten, wie Bertolt Brecht sagte. Ein dickes Sorry nach Deutsch-Südwest!

Weil wir sonst nie weiter kommen, spare ich mir ausnahmsweise den hier eigentlich fälligen Exkurs zum deutschen Kolonialismus. Wer unbedingt diese Abzweigung laufen will, kann hier, hier oder hier abbiegen.

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Aber die Berliner Mauer muss ich doch erwähnen, denn an der Steinernen Brücke in Schönwalde wurde ein kleiner Gedenkpark errichtet.

Auch der indische Superyogi aus Kapitel 18 konnte die Mauer natürlich nicht in Ruhe lassen, hat sich ein Stück in der Innenstadt geschnappt und es bemalt.

Ich finde diese „East Side Gallery“ ein bisschen unglücklich. Da kommen Touristen aus aller Welt, um die Berliner Mauer zu sehen, und dann nehmen sie mit, dass der Trennwall bunt und hip und cool ist. Das vermittelt überhaupt nichts von der Geschichte, von der Dramatik, von den Opfern.

Die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße ist meiner Meinung nach der weitaus bessere Anlaufpunkt. Hier ist auch die Gefahr geringer, von Touristen angemotzt zu werden, weil man ihnen vor die Kamera läuft.

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Das Straßeninstandhaltungsamt des Landkreises Havelland schneidet vom Herabfallen bedrohte Äste von den Bäumen. Aus einem der Häuser am Straßenrand kommt ein älteres Ehepaar und fragt, ob es die Äste als Brennholz haben kann.

„Na klar,“ sagen die Männer in Orange, und so ist allen geholfen.

Das Verbot des Sammelns von Brennholz war es übrigens, das den jungen Karl Marx einst radikalisierte. Ich bin gerade in eine Wohnung in Karl-Marx-Stadt gezogen, wo mir der Vormieter einen erheblichen Teil seiner Bibliothek hinterlassen hat. Darunter die Marx-Engels-Gesamtausgabe. Also, wenn die jemand brauchen kann, kommt vorbei und holt sie ab!

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Nach Schönwalde empfehle ich wieder, den Fahrradweg zu verlassen und sich auf eigene Faust durch den Wald zu schlagen. So steht man niemandem von den gehetzten Radrennfahrern im Weg und entgeht der sengenden Sonne.

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Durch den Wald spazieren wollten hier auch Adolf Philipp, Helmut Kliem und Klaus Schulze.

Adolf Philipp war einfach nur neugierig.

Helmut Kliem verpasste mit dem Motorrad eine Abzweigung, als er von der Kneipe nach Hause fuhr.

Klaus Schulze wollte über die Mauer nach West-Berlin fliehen. Die DDR hatte ihn immer wieder wegen „Arbeitsbummelei“ gegängelt und die Einweisung in ein Arbeitslager angedroht. Totalitäre Regime wie der Stalinismus, der Faschismus oder das Jobcenter zwingen Menschen gerne zur „Arbeit“. Dabei geht es gar nicht um Produktivität. Man kann auch Immobilienmakler oder Werbetexterin werden, solange man nur nicht zu viel freie Zeit hat, um darauf zu kommen, wie überflüssig ein Großteil von Produktion und Konsum ist.

Alle drei wurden erschossen.

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Der nächste Ort, Falkensee, begrüßt mich mit Wasserbüffeln, dem Blick auf ein wirklich hässliches Wohnsilo (das nicht einmal durch die Berliner Mauer verdeckt wurde) und einer informativen Ausstellung zur deutsch-deutschen Grenze.

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Hier lerne ich zum Beispiel, dass der Mauerweg, obwohl er einmal rund um West-Berlin herumführt, nicht den gesamten Verlauf der Berliner Mauer abbildet. Denn es gab noch einige kleine Exklaven, die politisch zu Spandau gehörten, aber im Gebiet der Mark Brandenburg lagen.

Weil die Alliierten 1945 nach der Erfindung von Atomwaffen partout keinen Dritten Weltkrieg riskieren wollten, übernahmen sie, um bei der Aufteilung Deutschlands jeden Streit zu vermeiden, die Grenzen der bereits bestehenden Gebietskörperschaften. Die Exklaven von Spandau gehörten damit zu West-Berlin, obwohl sie mitten im Gebiet der DDR lagen.

Die Exklaven waren klein und unbedeutend, manche nur ein Schrebergarten. Aber auch wenn die DDR die Bürger- und Menschenrechte, ihre eigene Verfassung, Umweltschutzvorschriften und die Anti-Doping-Regeln nicht ernst nahm, die Kleingarten- und Kleinpachtlandordnung vom 31. Juli 1919 (also dem gleichen Tag, an dem die Weimarer Reichsverfassung verabschiedet wurde!) ehrte und achtete sie.

So erhielten die Westgärtner ein Loch in der Mauer, durch das selbst der verzweifeltste Ossi nicht fliehen wollte. Aus der Diktatur in den Schrebergarten, das wäre wie vom Regen in die Regentonne zu gelangen. Und wenn er Pech hätte, weht im Kleingarten eine Reichsbürgerfahne, und der Flüchtling wäre nicht einmal in der ersehnten BRD. (Obwohl sowieso unklar ist, ob West-Berlin Teil der BRD oder ein völker- und verfassungsrechtliches Unikum war. Aber das Thema will ich jetzt nicht ausweiten und breitwalzen, keine Sorge.)

Erst 1971 und 1988 kam es zu einem Gebietstausch, um das Kuddelmuddel zu beenden. Denn so Exklaven machen immer Ärger, wie man gerade wieder in Bergkarabach sieht. Obwohl dort eigentlich Aserbaidschan den Ärger macht. Das ist sowieso ein komisches Land, kann ich Euch berichten.

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Weltweit geht der Trend leider weg von Exklaven und hin zum schnöden Gebietstausch. Seit 2015 gibt es nicht einmal mehr die wunderbar komplizierten indisch-bangladeschischen Exklaven und Enklaven, die wiederum Unterenklaven und sogar eine Unterunterenklave, also eine Exklave dritter Ordnung, aufwiesen. Wenn ich Notar wäre, würde ich keinen Grundstückskaufvertrag beurkunden, der nicht ein paar Exklaven, neutrale Gebiete und Domanialfideikommisse begründet.

Naja, immerhin haben wir noch Büsingen, als deutsche Exklave in der Schweiz.

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Am Tag vor dieser Wanderung hatte ich mit meinen Gastgebern noch über „Lost Places“ in Berlin gesprochen. Den Ringlokschuppen in Pankow. Den Spreepark im Plänterwald. Die NSA-Abhörstation am Teufelsberg. Den Flughafen Tempelhof. Die Stasi-Abhöranlage in den Müggelbergen.

In Falkensee liegt die Art von „Lost Place“, an die niemand von uns dachte:

Ein Konzentrationslager.

Genauer gesagt, das Außenlager Falkensee des KZ Sachsenhausen.

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Wenn Jugendliche faschistischen Scheiß fabrizieren, kommt schnell die Forderung auf, jede Schulklasse solle einmal Auschwitz besuchen. Dabei müsste man gar nicht so weit fahren. Und vielleicht ist es viel eindrücklicher, wenn man lernt, dass auch im eigenen Ort ein Außen-, ein Zwangsarbeiter- ein Durchgangs- oder sonst irgendein Lager war. Dass in fast jedem Betrieb und in vielen Familien Zwangsarbeiter beschäftigt waren. Dass an jedem Bahnhof Menschen zusammengetrieben wurden. Dass in jeder Kleinstadt Geschäfte und Wohnungen „arisiert“ wurden. Dass durchs eigene Dorf ein Todesmarsch ging. Und dass deshalb die Frage, was die Urgroßeltern konkret von Auschwitz oder Mauthausen wussten, müßig ist.

Ganz abgesehen davon, dass bereits in den 1930er Jahren die Zeitungen und Illustrierten ihre Leserschaft über Konzentrationslager (wenn auch nicht über deren Grausamkeit) informierten.

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Die meisten Orte in Deutschland und Österreich wollen davon nichts wissen und lassen lieber Gras über die Sache wachsen. Im wörtlichen Sinn.

Auch in Falkensee wurde das Arbeitslager nach 1945 heimlich, still und schnell abgerissen. Nur eine Häftlingsbaracke überlebte, weil ein örtlicher Unternehmer sie als Lagerhalle nutzen wollte.

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Aber in den 1990er Jahren, mitten in den Einheitswirren, als sicher viele Menschen fragten, ob es denn nichts Wichtigeres gäbe, hat die Stadt Falkensee das Richtige getan. Aus dem Gelände des KZ-Außenlagers (es gab in Falkensee auch noch ein Zwangsarbeiter- und ein Kriegsgefangenenlager) wurde ein Geschichtspark.

Mitten im Ort, offen, rund um die Uhr zugänglich. Viele Menschen haben ja sonst Berührungsängste mit diesem bedrückenden Thema. Sie wissen nicht, wen sie fragen können. Oder haben Angst, einen falschen Eindruck zu erwecken, wenn sie in der Stadtbibliothek ein Buch über den Nationalsozialismus ausleihen. Im Geschichtspark in Falkensee kann man einfach so tun, wie wenn man den Hund ausführt, und nebenbei die informativen Tafeln lesen.

Ein junger Mann geht bedächtig von Tafel zu Tafel, liest zuerst alles und macht dann jeweils ein Foto.

Hinter sich zieht er einen Rollkoffer. Wie wenn er direkt vom Bahnhof oder vom Flughafen gekommen ist. Wahrscheinlich ein Nachfahre eines früheren Gefangenen, denke ich, aber traue mich nicht zu fragen.

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Manche Menschen mögen die Geste an solch einem Ort für unangebracht halten. Aber ich glaube, die meisten Gefangenen hätten sich über eine Zigarre gefreut.

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Wie Ihr an dem warmen Abendlicht erkennt, signalisiert die Sonne verzweifelt, dass sie für heute Schluss machen will. „Mach hin mit deiner Zigarre, du Atmosphärenverpester“, mosert die alte Helium- und Plasmaschleuder. Sie ist in Eile, muss heute noch nach Kentucky, Kalifornien und Kailua. Immer im Stress, wahrscheinlich rühren daher die Sonnenflecken.

Ich weiß nicht, wie man das genau misst, aber ich schätze, ich bin so etwa bei der Hälfte der 33 km angelangt. Weil ich ständig Umwege mache (der Geschichtspark in Falkensee liegt zum Beispiel gar nicht am eigentlichen Grünen Hauptweg) und immer wieder zum Schreiben pausiere, bin ich natürlich nicht so schnell unterwegs wie die Leute, die am vergangenen Wochenende den Berlin-Marathon gelaufen sind.

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Am Sonntag des Marathons habe ich in der U-Bahn immer wieder erschöpfte Läufer und Läuferinnen gesehen, die riesige Burger verschlungen haben. Und alle haben sich über das gleiche unterhalten: Wann und wo der nächste Lauf ist, wie sie sich darauf vorbereiten, und ob man sich nächsten Monat in Bremen, in München, in der Sahara oder am Polarkreis zum Laufen treffen wird.

Ich habe da früher auch mal mitgemacht, war aber nie so verrückt, dass ich davon mein Leben dominieren hätte lassen. Geschweige denn, dass ich mich gesund ernährt oder zum Rauchen aufgehört hätte. Die Gesichter der anderen Athleten, wenn ich mir – unmittelbar nach dem Lauf und mit Medaille um den Hals – eine dicke Zigarre anzündete, das war immer köstlich!

TgM1

Diese Marathons sind übrigens insgesamt nicht gut für die Volksgesundheit.

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Also, lasst es lieber langsam angehen!

Wenn Ihr den Spandauer Weg geht, würde ich Euch empfehlen, ihn auf mindestens zwei Tage aufzuteilen. Sonst ist es eine Hetzerei, und man hat gar nichts von all den Wäldern und Seen und Burgen und sonstigen Überraschungen am Wegesrand.

Falkensee ist ein guter Ort, um eine Pause einzulegen, weil man von hier mit dem Bus oder Bahn gleich in Berlin ist. Und am nächsten Morgen macht man weiter, wohlgeruht und bestens motiviert.

Hier ein kleiner Vorgeschmack auf den zweiten Tag:

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Grüne Hauptwege in Berlin

To the English version.

Ganz Deutschland schimpft auf Berlin. Nicht immer weiß man, ob echte Abscheu, heimlicher Neid oder einfach nur die Lust am Meckern dahinter steckt. Diejenigen, die am lautesten tönen, dass Berlin ein Moloch, ein Sündenpfuhl oder die Welthauptstadt des Chaos sei, waren wahrscheinlich noch nie dort.

Kurioserweise schimpfen aber auch die Berlinerinnen und Berliner den ganzen Tag. Hier sind wiederum diejenigen am lautesten, die Berlin noch nie verlassen haben und deshalb glauben, dass überall anders jede U-Bahn pünktlich ist, dass man in anderen Großstädten ohne Termin zum Einwohnermeldeamt gehen kann oder dass sich im Rest der Republik alle Straßen und Brücken über Nacht selbst reparieren, ohne Baustellen und Umleitungen, ohne Zeit- und Budgetüberschreitung.

Berlin, in der Vorstellung der Menschen außerhalb Berlins

Ich selbst bin eigentlich kein Großstadtmensch. Aber jedes Mal, wenn ich in der größten Stadt der Europäischen Union weile, bin ich positiv überrascht. Und als Garant der guten Laute, als Oberoptimist, als Streiter für das Wahre und Schöne, als den Ihr mich kennt, möchte ich Euch ein wenig teilhaben lassen an meinen Spaziergängen durch unsere sympathische Bundeshauptstadt.

Es gibt in Berlin, leider relativ unbekannt, ein Netzwerk von Wegen, Routen und Pfaden, auf denen man einen ganz anderen Eindruck von Gotham City bekommt. Grüne Hauptwege heißen diese, und es gibt derer zwanzig. Auf insgesamt 550 km schlängeln sich diese Routen hauptsächlich in Grünanlagen, in Wäldern und entlang der Wasserläufe durch Berlin.

Ich weiß nicht, ob ich alle abspazieren werde. Man hat ja auch noch andere Pläne im Leben (Babylon, Bagdad, Buxtehude, um nur einige zu nennen). Und manche der Wege sind doch ein wenig lang, bis zu 63 km, wie beim Grünen Hauptweg Nr. 1 (Spreeweg).

Andererseits, und das ist das Schöne an Berlin und an den Grünen Hauptwegen, kann man jederzeit pausieren, in den Bus oder die Bahn steigen, nach Hause fahren, und die Wanderung am nächsten Tag oder Wochenende fortsetzen. Und für zwischendurch gibt es auch ganz kurze Wege, ab 7 km, wie beim Grünen Hauptweg Nr. 20 (Bullengrabenweg).

Als ersten Weg habe ich eine zwischen diesen beiden Extremen liegende Route gewählt: Die 33 km des Grünen Hauptweges Nr. 2 (Spandauer Weg). Der ausführliche Bericht dazu erscheint in den nächsten Tagen, aber hier schon mal ein kleiner fotografischer Vorgeschmack.

Ganz ehrlich: Ich war vollauf begeistert! Ich wusste natürlich, dass Berlin grüner ist als Tokio. Aber dass man hier wirklich kilometerweit durch die Natur laufen kann, ohne auch nur einen anderen Menschen zu sehen, das hätte ich nicht geahnt. Ein langer, sehr abwechslungsreicher und absolut lohnenswerter Weg.

Die Idee für die Grünen Hauptwege ist übrigens eine alte. Der Stadtplaner Hermann Jansen hatte sie bereits in seinen Plänen für das 1920 gegründete Groß-Berlin vorgesehen. Leider kamen dann die Inflation, die Weltwirtschaftskrise, der Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg, die weitgehende Zerstörung der Stadt und die Teilung Berlins dazwischen. So wurde das Projekt erst ab 1994 verwirklicht.

Diejenigen, die diesen Blog kennen, werden es bereits ahnen: All diesen dramatischen historischen Einschnitten werden wir auch auf den Wanderungen begegnen. Ein Spaziergang mit mir ist eben auch immer ein Vor- und Zurückspringen auf der Zeitachse, ein wildes Hin und Her durch die Jahrhunderte.

Für die Berlinerinnen und Berliner, die mir jetzt ihren Lieblingsweg zeigen wollen: Vielen Dank, ehrlich, aber wenn ich schreiben und fotografieren will, dann muss ich alleine losziehen. Ich mache ja auch viele Umwege, klettere da hinab, steige dort hinauf. Und immer wieder lange Schreib- und Rauch- und Nachdenkpausen.

Aber wenn Ihr entlang eines der Wege wohnt und zufällig Kola und Kuchen im Garten stehen habt, wenn ich vorbeikomme – so wie hier beim Gutshaus Neukladow -, dann ruft und winkt mich gerne herbei!

Alle anderen können die Wanderungen (und vor allem die Artikel darüber) durch eine kleine Spende unterstützen. Dafür schicke ich Euch dann eine Postkarte von unterwegs. – Jetzt ärgern sich die Rudolf-Heß-Fans, dass sie die Wanderung durch den Bezirk Spandau verpasst haben. 😉 Aber die Schnittmenge zwischen diesen Ewiggestrigen und der stets der Zukunft zugewandten Leserschaft meines Blogs dürfte gering sein. Hoffe ich.

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Bitte keine Spitznamen auf dem Grabstein!

Auf dem kleinen Friedhof bei der Kapelle für Johannes den Täufer außer- und oberhalb von Kremnické Bane in der Slowakei fand ich – auf der Suche nach dem geographischen Mittelpunkt Europas – dieses Kreuz, das die Grabstätte des Knoblauch-Ede markiert.

Was sich liest wie ein Spitzname, löst sich auf, wenn man weiß, dass im Ungarischen der Vor- immer nach dem Familiennamen steht. Deswegen heißt er auf Ungarisch natürlich nicht Vor-, sondern Nachname („utónév“).

Der Rest der Inschrift informiert uns, dass Herr Knoblauch Bahnhofsvorsteher war und am 3. Mai 1885 verstarb.

Dieses ungarischsprachige Grabkreuz für einen deutsch- und wahrscheinlich mehrsprachigen Verstorbenen auf einem Friedhof in der heutigen Slowakei gewährt einen kleinen Einblick in das multikulturelle Leben in Österreich-Ungarn.

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Vor hundert Jahren überlebte der weibliche Robinson Crusoe nur dank einer Katze – August 1923: Ada Blackjack

To the English version.

Aus Gründen der globalen Ungerechtigkeit tummeln sich der Großteil und die Mehrzahl der Leserschaft dieses Blogs auf der Nordhalbkugel, wo sie derzeit unter der Sommerhitze leiden, vor Waldbränden fliehen oder – je nach Weltanschauung und persönlichen Prioritäten – einfach nur froh sind, dass der Golfplatz noch genügend Trinkwasser abbekommt, um den Rasen grün zu halten.

Vielleicht deshalb erfreuen sich diejenigen meiner Berichte größter Beliebtheit, die mit kühlender Wirkung in den Schnee, ins Eis und in die Arktis abdriften, so wie schon die Fram-Expedition von Fridtjof Nansen, der Polar-Zeppelin von Umberto Nobile oder die waghalsige Besteigung des Hochgebirges im tiefsten Winter durch den Autor dieser Zeilen, der sich, weil es ihm an Phantasie mangelt, immer selbst die Zehen abfrieren und Höhenkrankheit durchleiden muss, bevor er über etwas schreiben kann. Nicht jeder ist ein Karl May. Oder ein Karl Marx. Aber das ist ein anderes Thema, wenn auch eines, auf das ich sicher bald zurückkomme, weil ich mich kürzlich und auf absehbare Zeit in Karl-Marx-Stadt häuslich niedergelassen habe. Wegen Wohnungssuche, Umzugsstress und ähnlichem kleinbürgerlichen Klimbim war diesen Sommer auch ein bisschen Flaute auf dem Blog. Aber jetzt geht es bergauf, vorwärts immer, rückwärts nimmer.

Jedenfalls habe ich, während es 30 Grad im Schatten hat, wieder eine erfrischende Expedition an einen kühlen Ort für Euch ausgegraben. Auf der Wrangel-Insel hat es jetzt im Sommer etwa null Grad.

„Wrangel wer?“ fragt Ihr, und so muss ich zu Beginn nicht nur die in dieser Reihe versprochenen einhundert, sondern gleich zweihundert Jahre zurückgehen. Im Jahr 1823 begann – abgesehen von so langweiligen Disziplinen wie Geologie, Ur- und Frühgeschichte oder Paläontologie, die nicht einmal einen Eisbären vom Hocker hauen – die Geschichte dieser Insel.

Ferdinand Baron von Wrangel war einer jener Deutschbalten, die ich in einer anderen (und leider blutrünstigeren) Folge bereits vorgestellt habe. Er arbeitete als Geograph, Forschungsreisender und Landvermesser für den russischen Zaren, der wissen wollte, was es im großen Sibirien so alles an Nützlichem (Gold, Holz, Pelze) und Unnützem (Schnee und Eis) gab.

Wenn Ihr mal kurz innehalten und ein paar Entdecker und Entdeckungsreisen rekapitulieren wollt, bin ich sicher, dass Ihr auf Christoph Kolumbus, James Cook, Alexander von Humboldt, Vasco da Gama, Henry Morgan Stanley, Hernán Cortés, Roald Amundsen, Ernest Shackleton und all ihre Reisen um die Weltmeere, die Suche nach der Nordwestpassage, die Fußmärsche zum Südpol, die Eroberung Amerikas, Afrikas und Australiens kommt – aber dass Sibirien ein weißer Fleck auf der mentalen Landkarte bleiben wird. (Selbst die von Alexander von Humboldt durchgeführte Russland- und Sibirien-Expedition ist weitgehend unbekannt.)

Dabei war Russland nach dem Mittelalter genauso Kolonialmacht wie die meisten anderen europäischen Mächte. Nur musste es halt keine Flotten nach Übersee schicken, weil es gleich nebenan die größte Landmasse der Welt hatte, die man erobern, ausplündern und unterjochen konnte.

Ein weiterer Unterschied zu Portugal, Spanien, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und Deutschland ist, dass in Russland die koloniale Attitüde noch heute die Politik bestimmt.

Auf der Karte über die russische Expansion könnt Ihr rechts oben schon die Wrangel-Insel erspähen. Nicht erspähen konnte sie 1823 Baron von Wrangel, weil entweder das Wetter, die See oder er zu benebelt war. Aber während der Kartographierung der Küste Sibiriens erzählten ihm die einheimischen Tschuktschen, dass nördlich von Sibirien eine Insel läge. Der Vogelflug bestätigte dies, denn Vögel fliegen normalerweise nicht sinnlos ins Eismeer, sondern auf eine Insel zu, wo sie sich ausruhen können. Diese Vögel sind gar nicht blöd.

Man wundert sich ja immer, wie die Polynesier zum Beispiel die klitzekleine Osterinsel im riesengroßen Pazifik entdecken konnten. Aber eigentlich musst du nur solange auf dem Meer herumgurken, bis du Vogelschwärme siehst. Und dann einfach den Vögeln folgen, schon hast du eine Insel mit mysteriösen Männchen entdeckt und kannst fürderhin vom Tourismus leben.

Da fällt mir ein, dass der Bericht von meinem Besuch auf der Osterinsel noch aussteht. Vielleicht schreibe ich den im Nieselnovember, wenn Ihr Euch nach Sonne und Südsee sehnt. Nicht nur antizyklisch reisen, sondern auch antizyklisch schreiben.

Baron von Wrangel sah also niemals die Insel, die nach ihm benannt wurde. Deswegen muss man ihn aber jetzt nicht übermäßig bemitleiden; er hatte trotzdem ein spannendes Leben. Er umsegelte mehrmals die Welt und wurde 1829 Generalgouverneur von Russisch-Amerika, später noch Admiral, Seeminister und allerhand Wissenschaftsjobs.

Ja, ihr habt richtig gelesen: Russisch-Amerika. Es ist ja eigentlich auch logisch: Wenn man ganz Sibirien kolonialisiert hat, dann hält einen so eine Beringstraße auch nicht mehr auf und man erobert den nächsten Kontinent. Wie die anderen Kolonialmächte mit ihren Ostindien-Kompanien, so setzte auch Russland mit der Russisch-Amerikanischen Handelskompanie ganz auf die Privatisierung von Gewinnen bei Sozialisierung der Kosten und ließ einen Staat im Staate heranwachsen, der die Politik vor seinen Gewinninteressen hertrieb. (So wie heute Tank & Rast oder Sanifair.)

Dass Alaska russisch war, bis es 1867 an die USA verkauft wurde, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass die Russisch-Amerikanische Handelskompanie mit Fort Ross auch einen Stützpunkt in Kalifornien hatte, den man heute noch besuchen kann.

Fort Ross wurde 1841 nicht an die USA, sondern an Herrn Sutter aus der Schweiz verkauft, der mit Neu-Helvetien so etwas wie eine Privatkolonie errichtete. Aber diese Geschichte, die verdächtig nach Karl May klingt, kennen zumindest die älteren von Euch bereits aus dem Kino. Nur komisch, dass der Schweizer im Film zum Deutschen wird.

Noch weniger bekannt ist, dass sich die Russisch-Amerikanische Handelskompanie auch Hawaii einverleiben wollte und zu diesem Zweck einige Stützpunkte dort errichtete. Auch daran war wieder ein Deutscher maßgeblich beteiligt. Die deutsch-russische Zusammenarbeit zur Unterwerfung und Aufteilung der Welt hat halt Tradition. Deshalb bitte nicht wundern, wenn irgendwann die russische Pazifikflotte vor Hawaii auftaucht und sagt „Ihr wart schon immer russisch, und deshalb müssen wir Euch jetzt bombardieren“. Ist eigentlich eine komische Logik, dass man die Menschen beschießt und tötet, die angeblich zum eigenen Land oder Volk gehören.

Deshalb schnell zurück in die tiefe Vergangenheit, als alle Menschen Brüder waren.

Die Wrangel-Insel wurde immer wieder von Walfängern oder Forschungsreisenden gesichtet, die Küste kartographiert und spätestens ab 1881 auch betreten. Aber niemand wollte länger als auf ein Glas Grog bleiben, denn so richtig einladend sah die Insel nicht aus. Sibirien halt. Nur nördlicher. Und von eiskaltem Wasser umgeben.

Keine Insel, um die es sich zu streiten lohnt.

Vor allem nicht zwischen Staaten, die schon Millionen, ach Milliarden Hektar an weitem und leerem Land haben. Die 7.600 km2 der Wrangel-Insel sind zwar nicht nichts, aber aus Sicht der USA, Kanadas und Russlands bzw. der Sowjetunion ist so ein dreifaches Saarland oder die halbe Steiermark eigentlich nicht der Rede wert.

Tja, da kennt Ihr die Großmächte schlecht!

Die sind so streitsüchtig wie Rentner mit Rechtsschutzversicherung.

Den ersten Zug machte Kapitän Calvin Hooper, der 1881 die Insel betrat und eine US-amerikanische Flagge in den Boden rammte. Hooper mag ein guter Kapitän und ein netter Mensch gewesen sein (dazu liegen mir keine Informationen vor), ein Völkerrechtler war er nicht. Sonst hätte er gewusst, dass es zur Besitznahme von Inseln schon ein bisschen mehr bedarf als einer windigen Fahne.

Aber wahrscheinlich hatte er es auch gar nicht so ernst gemeint, denn weder er, noch die Marine der Vereinigten Staaten kehrte in den folgenden Jahrzehnten auf die Insel zurück. Stattdessen kam 1911 ein russischer Eisbrecher vorbei, schichtete einen Steinhaufen auf und fuhr dann weiter. Auch damit gewinnt man langfristig keine Insel.

Auch der Mond wurde so nicht amerikanisch.

Die nächsten Besucher kamen unfreiwillig. Im Januar 1914 sank die Karluk, das Flaggschiff der Kanadischen Arktisexpedition. Die Schiffbrüchigen schafften es auf die Wrangel-Insel. Der Kapitän, Robert Bartlett, machte sich mit einem Kollegen auf den Fußweg nach Sibirien (das Meer war ja zugefroren) und auf dem Festland weitere 1100 Kilometer durch Sibirien bis zur Beringstraße, um ein Schiff nach Alaska zu bekommen.

Von dort sandte er ein Rettungsschiff zur Wrangel-Insel, und wenn Ihr die King & Winge seht, dann wird klar, warum damals viele der Arktisexpeditionen mit im Packeis zerquetschten Schiffen endeten. Aber die Rettungsmission war erfolgreich, zumindest für diejenigen, die die neun Monate auf der Wrangel-Insel überlebt hatten.

Der Leiter der Kanadischen Arktisexpedition, Vilhjálmur Stefánsson, hatte einen ganz schlechten Charakterzug, der absurderweise von manchen Menschen, insbesondere in Personalabteilungen, als positiv angesehen wird: Er war ehrgeizig.

Nachdem immerhin die Mehrheit seiner Truppe auf der Wrangel-Insel überlebt hatte, dachte er sich: „Diese Insel muss ich für König und Vaterland in Besitz nehmen!“ Das Vaterland war Kanada, der König war der britische, weil Kanada damals noch nicht richtig unabhängig war. – Soweit ich weiß, glauben die Kanadier noch immer an den britischen König. Ich habe einen Bekannten, der schon seit Ewigkeiten in Kanada lebt, der sich aber weigert, die kanadische Staatsangehörigkeit anzunehmen, weil er dann einen Eid auf den König schwören müsste. Ich persönlich finde das ein wenig pedantisch, vor allem weil er Brite ist. Er hat den König also sowieso schon an der Backe, ob er will oder nicht. Das ist ja gerade das Wesen eines Königs.

Aber zurück zu Stefánsson. 1921 organisierte er eine Expedition, die diesmal nicht aus Schiffbruchnot, sondern planmäßig auf der Wrangel-Insel landen, dort ein Jahr leben und damit das unbewohnte Eiland für Kanada in Besitz nehmen sollte. Das war schon ein besserer Plan als die früheren Ausflüge, die nur kurz eine Flagge in den Schnee steckten und dann wieder abzogen. Zumindest in der Theorie.

Stefánsson scharrte vier junge Männer um sich (Allan Crawford, Frederick Maurer, Milton Galle und Errol Lorne Knight). Allesamt unter 30, frisch von der Universität und genauso ehrgeizig wie der Expeditionsleiter. Wahrscheinlich waren sie schon zusammen in der Jungen Union gewesen.

Weil die Kanadier und Amerikaner natürlich höchstwichtige Forschung betreiben sollten, konnten sie sich keinesfalls mit profanen Aktivitäten wie Jagen, Kochen oder Nähen von Zelten und Winterkleidung beschäftigen. Dafür heuerte Stefánsson einige Inuit-Familien an, von denen er dachte: „Die leben eh im Eis, die schupfen das schon.“

Als sich die ganze Truppe am 9. September 1921 im Hafen in Alaska einfand, um mit der Silver Wave in See zu stechen, gab es zwei Überraschungen.

Erste Überraschung: Die Inuit bemerkten sofort, dass sie es mit einem Haufen unerfahrener Schnösel zu tun hatten, dass die Ausrüstung unzureichend war, und dass für den Fall von Lebensmittelknappheit der Plan zu sein schien, dass die Eskimos als Nahrung für die Weißen herhalten sollten.

Die Inuit sagten also in letzter Minute ab. Mit einer Ausnahme, einer 23-jährigen Frau namens Ada Blackjack. Sie war verwitwet, hatte einen tuberkulosekranken Sohn und wusste, dass dieser ohne das monatliche Expeditionssalär von 50 Dollar wahrscheinlich sterben würde. Weil Ada Blackjack kochen und nähen konnte, dachten die Forscher: „Na, dann reicht das Mädchen. So sparen wir sogar noch das Geld für die anderen.“

Zweite Überraschung: Im Hafen teilte der große Expeditionsplaner Stefánsson seinen Männern mit, dass er sie leider nicht begleiten könne – „zu viel Arbeit im Büro, Ihr wisst schon“ -, dass er aber im kommenden Jahr mit einem weiteren Schiff zu ihnen stoßen würde, um sie zu besuchen, möglicherweise sogar abzuholen.

Vielleicht bin ich etwas übersensibel, aber für mich wäre in diesem Moment eine ganz große Warnlampe angegangen!

Nicht so für unsere jungen Helden, weswegen die vier Männer und eine Frau allein loszogen. (Plus Schiffsbesatzung natürlich, aber die würde ja nicht mit auf die Insel kommen.)

Ach ja, auf der Überfahrt gab es dann die dritte Überraschung: Sie sollten zwar ein Jahr auf der Wrangel-Insel bleiben, hatten aber nur Nahrung für sechs Monate dabei. Um Geld zu sparen, hatte der schlaue Stefánsson ausgerechnet, dass die Inuit genügend Tiere jagen würden, damit alle in Saus und Braus leben könnten. Nur, die Jäger waren nicht mitgekommen.

Am 16. September 1921 wurden die vier Männer und Ada auf der Insel ausgesetzt. Der Kapitän versprach, im Sommer 1922 wiederzukommen, um nach dem Rechten zu sehen. Das eine Jahr müssten sie halt durchstehen, „für König und Vaterland“.

Am Anfang lief es nicht einmal schlecht. Sie bauten Zelte für sich und Fallen für die örtliche Fauna. Die Männer lernten jagen – wohl oder übel, denn der Erasco-Feuertopf wird auf Dauer auch fad. Ada kochte und nähte aus den Fellen der Robben und Füchse – an die Eisbären trauten sie sich nicht – Pelze und Decken. Zur Abwechslung erfanden sie ein Kartenspiel, dem sie den Namen ihrer Köchin gaben.

Der Winter 1921/22 war hart; wie nicht anders zu erwarten. Aber auch der kälteste Winter lässt sich überstehen, wenn man weiß, dass im kommenden Sommer das erlösende Schiff kommen wird.

Mittlerweile könnt Ihr Euch wahrscheinlich denken, was die nächste Überraschung ist: Der Sommer 1922 war außergewöhnlich kalt. Das Meer um die Wrangel-Insel taute selbst im Sommer nicht auf, und das Rettungsschiff blieb irgendwo auf dem Weg im Eis stecken.

„Sicher nur eine kleine Verspätung“, dachten sich die vier Männer und Ada im August 1922 und warteten auf den September.

„Vielleicht kommen sie nach den Sommerferien“, dachten sich die vier Männer und Ada im September und warteten auf den Oktober.

„Wahrscheinlich dauert es länger, weil sie unterwegs noch jemanden retten mussten“, dachten sich die vier Männer und Ada im Oktober und warteten auf den November.

„Vielleicht wollen sie uns zu Weihnachten überraschen?“, dachten sich die vier Männer und Ada im November und warteten auf den Dezember.

„Oder zu Neujahr“, dachten sich die vier Männer und Ada im Dezember und warteten auf den Januar.

„Scheiße, da kommt wohl niemand mehr“, dachten sich die vier Männer und Ada gegen Ende Januar 1923 und entschieden, zu Fuß zum sibirischen Festland zu laufen. Es war ja Winter, und das Meer war zugefroren.

So wie hier in Litauen.

Einer der Männer, Errol Lorne Knight, war jedoch so stark erkrankt, dass er nicht mehr reisefähig war. Er litt an Skorbut, einer Mangelerscheinung, die überwiegend Nordamerikaner befällt, wenn sie nicht regelmäßig Fast Food, Fett und Zucker zu sich nehmen. – Tja, die lustige Truppe hätte sich eben auf den McDonald-Inseln absetzen lassen sollen, haha.

In solchen Ausnahmesituationen hilft es, wenn man einen klaren christlich-konservativen Wertekompass hat. Für die anderen drei Männer war deshalb sofort klar: „Ada, du bleibst bei dem todkranken Typen, und wir machen uns vom Acker.“ Natürlich versprachen sie auch Ada und Knight, dass sie Hilfe holen würden, aber dieses Versprechen hatten mittlerweile alle zur Genüge gehört. Das ist so, wie wenn ich verspreche, dass ich mich „diese Woche darum kümmere“. Da könnt Ihr gleich eine Wiedervorlage für die nächste Eiszeit eintragen, vorher wird das nichts.

Weil Knight nicht mehr aufstehen konnte, musste Ada jetzt ganz allein auf Jagd gehen. Mangels Erfahrung fing sie oft tagelang überhaupt nichts, dann wieder nur ein Kaninchen. Trotz absolut unzureichender Nahrungsaufnahme und obwohl Knight den ganzen Tag auf dem Sofa lag wie so ein Pascha, konnte Ada ihn noch weitere fünf Monate durchpäppeln. Erst am 22. Juni 1923 starb er.

Crawford, Maurer und Galle, die drei Männer, die sich auf den Weg zum Festland gemacht hatten, starben auch. Allerdings weiß niemand, wo oder wann oder wie. Sie sind verschollen, und man hat nie auch nur ein Fitzelchen von ihnen gefunden.

Ada Blackjack war jetzt ganz allein im Eismeer.

Ihr war so langweilig, dass sie 140 verschiedene Wörter für „Schnee“ erfand und damit die Inuit-Sprache zur Verzückung nachfolgender Linguistengenerationen unheimlich bereicherte.

Habe ich gerade gesagt, dass sie ganz allein auf der Insel war?

Eigentlich stimmt das nicht.

Vielleicht ist es Euch oben auf dem Foto der Expeditionsgruppe schon aufgefallen. Wenn nicht, seht noch einmal genau hin:

Genau! Die Männer, die ansonsten nichts auf die Reihe brachten und alles falsch machten, hatten eines richtig gemacht. In guter Seefahrttradition hatten sie eine Katze mitgenommen.

Die Katze hieß Victoria und war äußert süß, putzig, liebenswürdig, schlau, kollegial, lustig, einfühlsam und überhaupt der perfekte Begleiter in allen Lebenslagen. Außerdem erwies sie sich als sehr anpassungs- und widerstandsfähig und spornte die Menschen, die natürlich manchmal ihre Depri-Phasen hatten, zum Weiterleben an.

Ja, man muss eindeutig festhalten: Ohne die Katze hätte Ada nicht überlebt. Und all den Expeditionen, die vorher und nachher gescheitert sind – egal ob in der Arktis oder Antarktis, im Himalaya oder im Weltall -, mangelte es wahrscheinlich an einer Katze.

Und so hielten Ada und Victoria durch bis zum 20. August 1923, als endlich die Donaldson eintraf, um die beiden einzigen Überlebenden nach fast zwei Jahren im Eis einzusammeln.

Weil die Donaldson dachte, eine prosperierende kanadische Kolonie vorzufinden, hatte sie gleich einen Schwung neuer Siedler mitgebracht. Charles Wells und zwölf Inuit stiegen frohgemut von Bord und – waren die Leute früher alle doof? – ließen sich nicht dadurch entmutigen, dass außer Ada und der Katze alle tot waren.

Und Stefánsson, der unsympathische Organisator des ganzen? Der behauptete, dass die Insel nun ihm – nicht dem König – gehörte und verkaufte sie.

Ganz schön frech, könnte man denken. Bis man ein bisschen nachdenkt und mit Jean-Jacques Rousseau erkennt, dass der ganze Kapitalismus auf dieser Frechheit gründet:

Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und dreist sagte: ‚Das ist mein‘ und so einfältige Leute fand, die das glaubten, wurde zum wahren Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wieviele Verbrechen, Kriege, Morde, Leiden und Schrecken würde einer dem Menschengeschlecht erspart haben, hätte er die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinesgleichen zugerufen: ‚Hört ja nicht auf diesen Betrüger. Ihr seid alle verloren, wenn ihr vergeßt, daß die Früchte allen gehören und die Erde keinem.‘

Zum Glück war zwischenzeitlich gleich ums Eck von der Wrangel-Insel ein Staat entstanden, der diesen Irrweg rückgängig machen wollte, dabei im Lauf der weiteren Geschichte jedoch ganz eigene Irrwege beschritt. Die Sowjetunion erneuerte den schon 1916 vom Zaristischen Russland erhobenen Anspruch auf die Insel, diesmal nicht für König und Vaterland, sondern für die Arbeiter, Bauern und Soldaten.

Die UdSSR entsandte schon 1924 das Schiff Roter Oktober (nicht das aus dem Film), eröffnete den Amerikanern, dass die Gaudi jetzt vorbei sei, und brachte sie von der Insel. Und dann machten die Sowjets den gleichen Unfug wie zuvor Amerikaner und Kanadier: Sie entsandten Kolonisten auf die Insel, überließen sie wieder für Jahre sich selbst, weil die Versorgungsschiffe nicht durchs Eis kamen.

Nur machten die Sowjets einen zusätzlichen Fehler: Sie hatten keine Katze dabei.

Deshalb drehte der Gouverneur der Insel, Konstantin Sementschuk, in den 1930er Jahren irgendwann durch und ließ alle anderen Bewohner ermorden, verfolgen, vergiften und verhungern. Die Geschichte ist zu krass, um die Details auszubreiten. Andererseits ganz normal für die Sowjetunion unter Stalin, wo eh jeden Tag und in jedem Leben das ganz große Drama ablief. Man muss eigentlich froh sein, dass nicht noch jemand eine Atombombe auf der Insel zündete.

Stalin starb 1953 – vermutlich, weil er keine Katze hatte.

Ab da entwickelte sich auf der Wrangel-Insel fast ein normales Leben, wenn auch nie mit mehr als ein paar hundert Menschen. Aber die Eisbrecher waren besser geworden, also kamen regelmäßig Schiffe mit Zeitungen und Tabak. Der Ort Uschakowskoje wurde gegründet, mit Schule, Krankenhaus, Kaufhaus, Flughafen und sogar einer Bibliothek.

Wenn Ihr jetzt denkt „super, da mache ich mal Urlaub“, dann seid Ihr allerdings zu spät. Denn 1997 wurde die Siedlung aufgegeben. Die älteren Einwohner weigerten sich zwar, wegzuziehen. Man kennt das ja von den renitenten Rentnerinnern. Aber die letzte von ihnen wurde 2003 von einem Eisbären gefressen.

Jetzt sieht es dort so aus, und nur mehr ein Wildhüter hält die Stellung:

Und was lernen wir aus all diesem Schlamassel?

Wahrscheinlich, wie wichtig Katzen für die seelische Gesundheit und fürs Überleben in harten Zeiten sind.

alice nap

Links:

  • Alle Folgen aus der Reihe „Vor hundert Jahren …“. – Euch ist wahrscheinlich aufgefallen, dass ich erst im September Zeit für die August-Folge gefunden habe, aber für September 1923 wird es auch noch eine Folge geben. Entweder über das Bauhaus, zum Militärputsch in Spanien oder über Bayern. Das würde zu den dort anstehenden Landtagswahlen passen.
  • Noch mehr Geschichte.
  • Und mehr über Katzen.
  • Nachdem ich den Artikel bereits veröffentlich hatte, entdeckte ich dieses fantastische Foto-Album mit Hunderten an historischen Aufnahmen von der Wrangel-Insel.
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Das sowjetische Ehrenmal in Berlin

To the English version.

Viele Besucher sind erstaunt, wenn sie mitten im Zentrum der deutschen Hauptstadt nach nur wenigen Minuten Fußweg vom Hauptbahnhof, gleich neben dem Brandenburger Tor und dem Bundestag, zwei sowjetische Panzer und ein beeindruckendes sowjetisches Ehrenmal sehen. Der eine oder andere Tourist aus Übersee, der Europa im Schnelldurchlauf bereist, dürfte sich verwundert die übermüdeten Augen reiben und sich fragen, in welchem Land er gerade ist.

Jedes Jahr werden so viele Fotos des Ehrenmals im Tiergarten gemacht, wie einst Schüsse in der Schlacht um Berlin fielen, und zuhause beim Dia-Abend erzählen Menschen von Wyoming bis Kyoto stolz, dass sie das sowjetische Ehrenmal in Berlin gesehen hätten.

In Wirklichkeit haben sie das Beste verpasst.

Für das echte sowjetische Ehrenmal muss man nämlich in die S-Bahn Richtung Treptower Park steigen und dort zu besagtem Park laufen. Bald erspäht man durch die Baumwipfel die ersten Betonzipfel des massiven Bauwerks. Wenn man schließlich den Eingang gefunden hat, befindet man sich im größten sowjetischen Denkmal, das je außerhalb der Sowjetunion errichtet wurde.

Weil viele Berlin-Besucher das verpassen oder verpeilen, bin ich an Eurer Statt und Stelle hingefahren. Wie es sich für solche Denkmale gehört, habe ich mir dazu einen verschneiten, kalten und grauen Morgen im Februar ausgesucht.

An der Spitze des Denkmals thront ein Sowjetsoldat, der ein Kind beschützt und ein Hakenkreuz zertritt.

Auch die Inschriften an den großen Steinquadern, die auf beiden Seiten den riesigen Platz umrahmen, enthüllen ein interessantes Detail. Die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges, angeblich von Stalin selbst verfasst, erwähnt ausrücklich, dass „die hitlerschen Schurken … die Bevölkerung der Ukraine, Bjelorusslands, des Baltikums, der Moldau, der Krim und des Kaukasus zu versklaven oder auszurotten“ versucht hatten.

Dies betont die multi-ethnische Zusammensetzung der Sowjetunion – und der Roten Armee. Der Versuch des heutigen Russlands, sich exklusiv mit der Sowjetunion und ihrem Kampf gegen den Faschismus gleichzusetzen, ist ganz klar eine Anmaßung und eine Geschichtsverfälschung.

Eine weitere Inschrift huldigt den „heldenhaften Verteidigern von Odessa“, was von trauriger Aktualität ist.

Wenn man den Park mit dem Ehrenmal verlässt, sieht man, dass viele Anwohner auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf genau diesen Punkt hinweisen wollen, indem sie von ihren Balkonen und Fenstern die ukrainische Fahne flattern lassen.

Für eine kurze Zeit gab es es noch ein weiteres Mahnmal in Berlin, einen zerstörten Panzer aus dem gegenwärtigen Krieg Russlands gegen die Ukraine. Und wie die Architekturkenner unter Euch sofort gemerkt haben: Ja, das Gebäude im Hintergrund war einst die sowjetische Botschaft.

Links:

  • Falls Ihr Euch wundert, warum auf sowjetischen Denkmalen der Zweite Weltkrieg erst 1941 begann (und warum Russland nicht das einzige Land ist, dass daran nichts ändern will), das erkläre ich hier.
  • Mehr Geschichten und Fotos aus Berlin.
  • Und mehr über den Zweiten Weltkrieg sowie über die Sowjetunion.
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Sport ist Mord

Zumindest wenn Ihr zu viel davon praktiziert.

Erst kürzlich wurde die 10.000-Schritte-am-Tag-Regel als Humbug enttarnt.

In Viechtach rät sogar der Kurarzt: Sport auf keinen Fall länger als 2 Minuten (pro Tag, nehme ich an). Und auch das nur ganz langsam!

Übrigens: Wenn Ihr selbst keine Zeit für ausreichend Bewegung habt, genügt es, stattdessen die Wanderberichte von anderen zu lesen. Der Körper nimmt das unbewusst auf und trainiert dann im Schlaf die entsprechende Muskulatur.

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Dreiburgenwanderung (Teil 3 von 3)

Ihr erinnert euch an Teil 1 und Teil 2 der diesjährigen Geburtstagswanderung? Wenn nein, schnell lesen, bevor Ihr hier einsteigt! Denn wenn ich eines nicht ausstehen kann, dann ist es unsystematisches Hin- und Her-Hopsen unter Missachtung und Verletzung der vom Autor intendierten Reihenfolge.

Bei der Joseph-Tetralogie von Thomas Mann oder den drei Filmen des „Paten“ fangt Ihr ja auch nicht am Schluss an. Nur bei „Star Wars“ ist die Reihenfolge egal. Bei den Sternenkriegern reicht jede beliebige Episode, um nach wenigen Minuten zu erkennen, dass es ein einziger Mumpitz ist.

Mumpitz könnte eigentlich auch der Name eines Flusses sein, schließlich heißen die Gewässer oft Döllnitz, Rednitz, Regnitz, Chemnitz, Kirnitzsch, Sebnitz, Müglitz, Trebnitz, Seidewitz, Wörnitz, Würschnitz, Zwönitz oder einfach nur Itz.

Jetzt seid Ihr gewappnet für Kreuzworträtsel und für die letzte Etappe entlang der Zschopau, einem für die internationale Tourismusvermarktung ähnlich ungeeignet benannten Fluss. Ehrlich, liebe Tourismusmarketingleute, Ihr müsst den Flüssen Namen geben, die man auch auf Englisch, Französisch, Chinesisch und Spanisch aussprechen kann. Oder warum, denkt Ihr, wollen weit mehr Menschen an den Colorado, den Amazonas oder den Mississippi?

„I wish we were on the Zschopau River instead, Huck.“ – „Can’t nobody bloody pronounce it right, Tom.“

Einen Vorteil haben unsere unaussprechlichen kleinen Flüsschen gegenüber den Strömen von Weltrang allerdings: Alle paar Kilometer steht auf einem Hügel neben dem Fluss eine Burg.

Am Mississippi war ich noch nicht, am Colorado und am Amazonas schon. Und ich kann Euch sagen: Dort sieht es burgenmäßig sehr mau aus. Da gibt es vielleicht mal einen Termitenhügel. Und das Opernhaus in Manaus, in dem Ihr hoffentlich die richtige Reihenfolge einhalten werdet, wenn Ihr Euch die vier Teile des Nibelungenzyklus reinzieht. Aber bitte mit dem Schiff anreisen, alles andere wäre stillos.

Und dann liegt am Amazonas noch Fordlandia. In den 1920er Jahren ließ Henry Ford mitten im Dschungel eine Stadt für 8.000 Menschen bauen, die dort Kautschuk abbauen und zu Reifen für diese neumodischen Automobile verarbeiten sollten.

Das ganze ging mächtig schief, weil Ford keine Ahnung von Kautschuk hatte, weil die Plantage halt doch ein bisschen weit weg von Detroit lag, und weil der Autodidakt im „Wohlstand der Nationen“ das Kapitel über die Arbeitsteilung übersprungen hatte. Das kommt davon, wenn man seine Zeit mit den „Protokollen der Weisen von Zion“ verplempert.

Weil ich eine Faszination für verlassene Orte habe, wollte ich während meiner Zeit in Südamerika natürlich nach Fordlandia pilgern. Aber als ich nach drei Wochen in der grünen Hölle allenfalls 150 km weit gekommen, wahrscheinlich die ganze Zeit im Kreis gelaufen war, und außerdem eine Scheißwut auf die Scheißpiranhas, die Scheißmücken und die Scheißschlangen entwickelt hatte, brach ich – wie einst der olle Ford – das Projekt ab.

Und deshalb wandere ich jetzt durch Sachsen statt durch Surinam. Während ich mich mal wieder durch die Welt geträumt habe, sind wir auch schon in Scharfenstein angekommen. Der Ort sieht mit dem verlassenen Gasthof tatsächlich ein bisschen nach Fordlandia aus.

Und auch hier wurde Automobilgeschichte geschrieben. Ebenfalls in den 1920er Jahren, also zeitgleich mit Fords Amazonas-Experiment, bauten die Zschopauer Motorenwerke Jørgen Skafte Rasmussen AG (Markenname DKW) in Scharfenstein Sechszylindermotoren für ein Modell T, allerdings für das von Audi, nicht von Ford.

Ja, die Wiege der deutschen Autoindustrie liegt genau in dieser Ecke, zwischen Zschopau, Zwickau und Chemnitz. Nach Bayern, wo sich heute der Ministerpräsident jeden Tag damit brüstet, die Autoindustrie eigenhändig aufgebaut zu haben, floh Audi erst 1949. Sie verfügten in Ingolstadt nämlich über ein Ersatzteillager, und so spielte der Zufall Industriegeschichte.

Außerdem hat Scharfenstein natürlich eine Burg.

Diese Burg vermarktet sich heute als „Familienburg“, mit Mittelalterdorf, Spielzeugmuseum und als Ort für Kindergeburtstage. Ich stehe dem Konzept Familie bekanntlich eher skeptisch gegenüber, aber wenn man aus Versehen ein paar so kleine Racker in die Welt gesetzt hat, dann muss man ihnen natürlich etwas bieten. Weil auch die Sonderausstellung „Römer & Germanen“, die mich eigentlich sehr interessiert hätte, eher an Kinder gerichtet zu sein scheint, verzichte ich auf einen Besuch.

Burg Scharfenstein hat eine ganz besondere Beziehung zu Kindern, denn von 1967 bis 1990 war sie ein Jugendwerkhof. Diese Einrichtungen waren in der DDR Heime für „schwer erziehbare“ Jugendliche, womit oftmals Jugendliche gemeint waren, die halt ein bisschen unangepasst waren, die gerne die Beatles hörten und die nach Woodstock trampen wollten. Dazu vereinzelt homosexuelle und behinderte Jugendliche, also alles in allem genau die Gruppen, die schon vorher durch die Nazis verfolgt worden waren.

Die Jugendlichen bekamen dort eine reduzierte Schulbildung, wurden permanent kontrolliert und gegängelt, teilweise auch misshandelt, und mussten im DKK-Werk in Scharfenstein Kühlschränke zusammenschrauben. Von dem kargen Arbeitslohn wurden die Kosten für die Unterkunft, in die sie zwangsweise eingewiesen worden waren, abgezogen. Die dadurch preisgünstig hergestellten Kühlschränke wurden nach Westeuropa exportiert, unter anderem zum Versandhaus Quelle.

Allerdings stellte Quelle schnell fest, dass die DDR-Kühlschränke praktisch unkaputtbar waren, also nahmen sie die Qualitätsprodukte wieder aus dem Sortiment. Im Kapitalismus muss man Ramsch verkaufen, damit der Kunde nach drei Jahren wieder kommt. Und notfalls muss man die Konkurrenz mit Hilfe der Politik beseitigen.

Auf Burg Scharfenstein gibt es, soweit ich gesehen habe, keinerlei Hinweis auf die Vergangenheit als Jugendwerkhof. Wer sich darüber informieren will, muss also in die entsprechende Gedenkstätte in Torgau. (Ich wollte ja schon einmal dorthin, bin dann aber spontan in den falschen Zug gestiegen.)

Wenn man Burg Scharfenstein verlässt, gibt einem ein Hinweisschild praktische Tipps für die Fortführung der Burgenwanderung. In Lichtenwalde war ich schon (Artikel steht noch aus), aber die 20 km nach Augustusburg könnte ich vielleicht noch heute schaffen.

Zuerst muss ich mich jedoch stärken. Und da muss ich leider eine erschreckende Beobachtung über Scharfenstein machen: Es gibt hier keine geöffnete Kneipe. Die Kantine im Kühlschrankwerk ist mit diesem ebenfalls untergegangen. Es gibt nicht einmal einen Laden.

Das einzige, was ich finde, ist eine Bäckerei mit freundlichen Verkäuferinnen, die mich ganz freundlich darauf hinweisen, dass sie leider keine Cola haben. Anscheinend noch eine alte Anweisung aus den Jugendwerkhoftagen, als man den Jugendlichen jede Energiezufuhr verwehren wollte. Meine Welt bricht zusammen, die Lebensfreude schwindet. Mitten im Juli, in der Nachmittagshitze, sowieso schon platt vom Wandern, und es gibt keine Cola! (Was krass ist, wenn man bedenkt, an welchen abgelegenen Orten dieses Planeten ich schon eine Cola bekommen habe.)

Die Abwesenheit des Lebenselixiers schmerzt besonders, weil der nächste Streckenabschnitt der steilste ist. Etwa 30 Minuten geht es nur bergauf. Die Lunge platzt fast, aber ich will nicht rasten, ehe ich nicht den Gipfel oder das Plateau erreicht habe.

Dort lasse ich mich unter einem Baum nieder und schlafe mit diesem Blick ins Blätterdach erst einmal erschöpft ein. Wie ein Landstreicher. Nur auf die Zigarre verzichte ich angesichts des heißen, trockenen Wetters und meiner eigenen Waldbranderfahrungen.

Als ich wieder aufwache, ist es nachmittags, aber noch immer dröhnt die Mittagshitze. Wie wenn die Sonne die Zeitumstellung nicht mitbekommen hätte und schlaftrunken ein paar Stunden hinterherhinkt.

Auch ich hinke notgedrungen weiter, immer nach Norden, immer auf dem Kamm hoch über der Zschopau.

An einem Aussichtspunkt, der Scharfensteiner Kanzel, kann man gut sehen, wie ein an sich fabelhafter Ort durch Prahlerei geschmälert wird.

Anstatt den Blick und die Ruhe und bei passendem Wetter die Zigarre zu genießen, musste die örtliche Sektion des Erzgebirgsvereins dieses Panorama unbedingt mit der Bastei in der Sächsischen Schweiz vergleichen.

Aber, wie Ihr selbst zugeben werdet, manchmal muss man den Gesamteindruck gelten lassen, anstatt schnöde die Höhenmeter zu vergleichen. Der Büroturm der Commerzbank in Frankfurt ist auch fast so hoch wie der Eiffelturm, aber nun wirklich keines Vergleichs würdig.

Dabei war ich noch nie in der Sächsischen Schweiz, habe mir aber eine Wanderung entlang des Malerwegs fest vorgenommen. Da muss ich dann nicht einmal Fotos machen, sondern kann mich allein dem Beobachten und Schreiben widmen, weil ja schon alles in Gemäldeform vorliegt.

Der Erzgebirgsverein macht aber auch sinnvolle Sachen, wie zum Beispiel das Aufstellen von Schutzhütten, in die sich Wanderer bei Regen oder Sturm zurückziehen können. Für ganz Ängstliche, die sich vor Wölfen und Wildschweinen fürchten, gibt es diese sogar auf Stelzen.

An einer dieser Hütten hat ein noch ängstlicherer Mensch einen Hinweis angebracht, der hochgradig hirnrissig ist. Ich weiß nicht einmal, was er mit „Strahlungsschneise“ meint. Ist das die Schneise, die die Strahlung schlägt, oder eine strahlungsfreie Schneise durch die sonst ubiquitäre Strahlung? Das kleingedruckte „Gegenüber am Sendemast ist die nächste Schneise. u.s.w u.s.w“ nährt den Verdacht, dass hier jemand außerhalb seines Kompetenzbereichs tapeziert.

Aber gut, wenigstens ich verursache heute keinen Krebs, denn an Wandertagen – und erst recht am Geburtstag – bleibt das Handy zuhause und ausgeschaltet. Außerdem, so schlimm wie damals in Raisting, als ich an der geheimen 5G-Zentrale vorbeikam, wird es schon nicht sein.

Überhaupt ist dieser Wanderweg voll mit versteckten Hinweisen auf allerhand und allerlei, von zurückgelassenen Insignien des Weltkommunismus bis zu Massengräbern für Covid-19-Opfer. (Das Erzgebirge rühmt sich der niedrigsten Impfquote, der höchsten Todesrate sowie der höchsten Zahl derjenigen, die darauf bestehen, nicht an Covid-19, sondern an 5G gestorben zu sein.)

Was ich nicht ganz einordnen kann, ist diese Bärenfalle. Das Tor ist offen, aber es liegt kein Köder bereit. Dieser knausrige Trapper wird noch lange warten können. Oder die Bären sind mittlerweile so schlau, dass sie den Köder abknabbern können, ohne die Falle auszulösen.

Ich selbst habe beim Wandern keine Angst vor Bären, sondern vor Bärenfallen. Nicht vor diesen großen Kästen, die sieht man ja schon von Weitem. Nein, ich meine die am Boden versteckten Schnappfallen, die man aus den Zeichentrickfilmen kennt.

Wobei in den Cartoons die Tiere fünf Minuten später schon wieder durch die Gegend rennen, wie wenn nichts passiert ist. Das vermittelt auch ein völlig falsches Bild vom Leben und Sterben. Kein Wunder, dass der Gouverneur von Florida Disney verbieten will. Aber mehr zu Disney gibt es vielleicht in der Oktober-1923-Folge meiner kleinen Geschichtsreihe „Vor hundert Jahren …“.

Ron DeSantis verbietet ja überhaupt gerne Dinge, von Büchern über Abtreibungen, von Diversität zu Homosexualität. Ist Euch schon einmal aufgefallen, dass die Leute, die ganz laut und oft „Freiheit“ rufen, ziemlich viel verbieten? Außer Waffen natürlich.

Andreas Scheuer: „You need to ban the gender star, too!“

Hoffentlich hat die CSU dem radikalen Verbieterix nichts von den hiesigen Schutzhütten erzählt. Denn eine öffentliche Einrichtung, die jede*r nutzen kann, noch dazu kostenlos und unabhängig von der sexuellen Orientierung, das riecht nach Kommunismus und Untergang des kapitalistischen Abendlandes. Wenn die Amerikaner davon Wind bekommen, bombardieren sie gleich wieder das Erzgebirge.

Apropos Bombardements im Zweiten Weltkrieg, was gar nicht so abwegig ist, weil man diesem Thema durchaus bei Spaziergängen über den Weg laufen kann: Habe ich schon mal die These verlautbart, dass der etwas höhere Anteil an nationalistisch-rechtsextremen Stimmen in Ostdeutschland (auch) auf die Geschichtspolitik der DDR zurückgeht, die – jenseits der antifaschistischen Parolen – vielleicht eine stärkere Kontinuität zu Preußen und dem Deutschen Reich vorlebte, als das in der BRD der Fall war?

Das ist eine rhetorische Frage, und die Antwort lautet: Ja. Aber ich habe ein weiteres Beispiel: Auf dem Zentralfriedhof von Chemnitz wurde schon zu DDR-Zeiten der Opfer der Luftangriffe auf die Stadt im Frühjahr 1945 gedacht, und zwar als „Opfer des anglo-amerikanischen Bombenterrors auf Chemnitz“.

Kein Wort darüber, wer den Zweiten Weltkrieg begonnen hatte. Kein Wort zu den deutschen Bomben auf Antwerpen, Coventry oder Belgrad. Eine vollkommene Verdrehung von Ursache und Wirkung. Keine Frage danach, warum die Deutschen sich nicht selbst von den Nazis befreiten. Und natürlich keine Erwähnung der anglo-amerikanischen Rosinenbomber, die 2,2 Millionen West-Berliner vor dem Erfrieren und Verhungern retteten.

Gut, die westdeutschen „Allen Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“-Mahnmale der Nachkriegszeit waren in ihrer Schwammigkeit auch nicht viel besser. Aber die wörtliche Übernahme eines NS-Propagandabegriffs wie „anglo-amerikanischer Bombenterror“, das war im Westen der NPD vorbehalten.

Aus dem Exkurs befreien uns diesmal nicht die Alliierten, sondern der Blick auf Augustusburg. Ein monströses Schloss, wie auf einem Präsentierteller gelegen.

Nein, nicht das. Das ist doch offensichtlich DDR-Architektur, die jetzt überall das Erzgebirge verschandelt. Ich meine das Schloss des sächsischen Kurfürsten aus der Renaissance.

Genau, das hier:

Den Plan, diese „Krone des Erzgebirges“ heute noch zu erreichen, lasse ich aber sausen. Ich bin froh, wenn ich es noch bis Zschopau schaffe. Dort wartet auch eine Burg – und hoffentlich ein großer Eisbecher. Außerdem muss ich mir einige Wanderziele in der Umgebung von Chemnitz aufheben, denn ich habe die Stadt, die 2025 Europäische Kulturhauptstadt sein wird, zu meinem Stützpunkt für die nächsten Jahre auserkoren.

Und zu guter bzw. schlechter Letzt wäre auch zu Augustusburg ein historischer Exkurs fällig, den ich der Leserschaft heute wahrlich nicht mehr zumuten kann.

Und dann kommt Zschopau. Zuerst schimmert eine verdächtige Villa durch die Blätter, von deren Erkundung mich Hundegebell abschreckt.

Dann ein bisschen Industrie, denn Zschopau war einst die Welthauptstadt der Motorradproduktion.

Und schließlich eine Kleinstadt mit der versprochenen Burg.

Zu der Burg gäbe es jetzt wahrscheinlich auch zu recherchieren und zu erzählen, aber ganz ehrlich, ich bin einfach platt. Keine Ahnung, wie viele Kilometer ich gelaufen bin, ich bin ja kein Landvermesser. Aber jedenfalls genügt es für einen Tag.

Ich habe jetzt nur mehr einen Wunsch: einen Eisbecher.

Stattdessen bekomme ich den Schock meines Lebens.

Was für ein Pech muss man haben, wenn der Geburtstag der einzige Tag im Jahr ist, an dem die Stadt Zschopau – aus welchen Gründen auch immer – der Verkauf von Speiseeis verbietet? Wahrscheinlich steckt da auch dieser Verbotsgouverneur aus Florida dahinter. Vielleicht hat jemand ein Eis in Regenborgenfarben verkauft.

Naja, wenigstens eine Cola finde ich noch. Zigarren habe ich selbst mitgebracht. Also flacke ich mich in den Park, strecke meine müden Beine aus und lese ein Buch.

Vor vielen Jahren hat ein Geburtstag genau so geendet, im Siegespark von Tiraspol, der Hauptstadt Transnistriens. In diesem Land, vor dessen Besuch ich von allen Seiten gewarnt worden war – also nicht unähnlich den Reaktionen auf die Ankündigung, nach Sachsen zu ziehen -, spielten mir am Ende zwei Jungs auf der Gitarre vor.

Ich glaube, in Tiraspol gab es sogar Eis.

Auch heute in Zschopau sitzen zwei Männer auf der Bank gegenüber. Der eine nimmt selbst im Schatten die Sonnenbrille nicht ab, der andere trägt eine richtige Brille. Der örtlichen Intellektuellenvereinigung gehören sie nicht gerade an, das entnehme ich ihrer Konversation, die sich ums Ausschlafen, um die Reparaturwürdigkeit eines Staubsaugers und das Fernsehprogramm von RTL2 dreht.

Ich blicke bewusst tief in mein Buch, „Das Totenschiff“ von B. Traven. Über diesen Autor muss ich wirklich mal etwas erzählen, aber das wird so wild und wirr, das hebe ich besser für eine Episode von „Vor hundert Jahren …“ auf.

„Was für ein Buch lesen Sie da?“ ruft der Mann mit der Brille von der Bank gegenüber. Ich blicke auf und muss kurz überlegen.

Beim „Totenschiff“ geht es um einen amerikanischen Matrosen, der in Antwerpen sein Schiff verpasst und ohne Papiere dasteht. Ohne Papiere nimmt ihn keine Schiff auf, sein Konsul fühlt sich nicht zuständig, und bald gilt er als staatenlos. Er wird von Land zu Land abgeschoben, bis er auf einem heruntergekommenen Schiff, der Yorikke, anheuern kann. Dort merkt er, dass unter der Besatzung etliche Staatenlose sind, und dass die Reederei das Schiff nur gekauft hat, um es hoch zu versichern und untergehen zu lassen. Aber das ist ja heute auch noch so.

Traven thematisiert das Thema der Staatenlosigkeit, nach dem Ersten Weltkrieg äußerst prevalent, sowie die Aussichtslosigkeit der Lohnabhängigen, sich gegen ihre Ausbeutung zur Wehr zu setzen, solange das Recht nur von bürgerlich-formalen Staatsbürgerschafts- und Eigentumsbegriffen ausgeht.

„Einen Seefahrerroman“, sage ich, weil man unschuldige Menschen im Park nicht mit langatmigen Überlegungen behelligt, die sie bei Marx und Engels selbst nachlesen können.

Ostentativ lese ich weiter, werde aber anscheinend beobachtet.

Denn als ich nach etwa einer halben Stunde das Buch zuklappe, fragt der neugierigere der beiden sogleich: „Und, war es gut?“

„Sehr gut“, sage ich ehrlich und mache ein spontanes Angebot: „Wenn Sie möchten, schenke ich es Ihnen.“

Er freut sich sichtlich und nimmt das Schenkungsversprechen sowie das Buch an, womit wir uns nach § 518 II BGB den Notar ersparen.

Ich stehe auf, wünsche den beiden – und der Leserschaft – einen schönen Abend, spaziere zum Bahnhof und denke darüber nach, wie absurd es ist, an seinem Geburtstag kein einziges Geschenk zu erhalten, aber selbst Geschenke zu machen.

Praktische Tipps:

  • Durch das Zschopautal führt ein Wanderweg mit insgesamt 122 Kilometern. Die Abschnitte, die ich gesehen habe, verleiten mich zu der Annahme, dass das eine durchaus empfehlenswerte Wanderung ist.
  • Es gibt auch einen Radweg mit insgesamt 137 Kilometern. Der muss aber ein bisschen anders verlaufen, als ich gewandert bin, denn meine Route war nicht durchgehend fahrradtauglich.
  • Wer Burgen und Schlösser mag, wird in Sachsen reichlich bedient.

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Alle Wege führen nach Jerusalem

Fotografiert in Kremnica in der Slowakei, läppische 2.325 km von Jerusalem entfernt.

Es gibt zwar auch in der Slowakei einen Weiler namens Jeruzalem, zwischen Jablonka und Krajné, aber der Pfeil zeigt eindeutig Richtung Heiliges Land.

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Europa der Vaterländer

Wenn jemand das Ende der Europäischen Union und stattdessen ein „Europa der Vaterländer“ fordert, denke ich immer:

Das hatten wir doch schon.

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