Ist Euch schon einmal aufgefallen, dass man den Begriff „Entdecken“ oder „Entdecker“ nur verwendet, wenn ein Weißer zum ersten Mal ein Gebiet betritt, das von nicht-weißen Menschen schon lange bewohnt wurde? Und diese falsche Entdeckerehre wird selbst jenem Seefahrer zuteil, der betrunken über die Weltmeere torkelte und sich dabei vollkommen verfuhr.
Die Rede ist natürlich von Christoph Kolumbus, der, weil er auf seinen Reisen auch Marketingexperten an Bord hatte, es irgendwie schaffte, alle früheren Entdeckungen Amerikas aus dem Weltgedächtnis zu tilgen. Die Wanderung der Asiaten über die Beringstraße, die Wikinger, die Polynesier, die Phönizier, König Abu Bakr II. aus Mali, Prinz Madoc aus Wales, die von der EU geförderte portugiesisch–dänisch–deutsche Gemeinschaftsexpedition von 1473, sowie der Tunnel von Ägypten nach Mexiko. Warum sonst sollte es dort ebenfalls Pyramiden geben? Alles vergessen, verdrängt, verschwiegen.
Diese Vorrede ist ein kleines Zugeständnis an die Leserinnen und Leser, die sich weniger für das 20. Jahrhundert, sondern für die noch weiter im Geschichts- und Mythensumpf zurückliegenden Menschheitsepochen interessieren, die auf diesem Blog sträflich vernachlässigt werden. Aber man soll darüber schreiben, wo man sich auskennt, und das ist bei mir – wenn überhaupt – die Neuzeit. So dient der Exkurs über Christoph Kolumbus hier nur der Erwähnung, dass dieser aus Genua stammte.
Zu Zeiten Kolumbus‘ war Genua eine Republik. (Genau, deshalb machte er auch Amerika zur Republik. Gut kombiniert!) Später wurde die Hafenstadt französisch und schließlich – durch die heldenhaften Taten des im Gegensatz zu Kolumbus tatsächlich uneingeschränkt bewunderungswürdigen Giuseppe Garibaldi – italienisch.
Dort, im italienischen Genua, trafen sich im April 1922, mithin vor genau hundert Jahren, die Mächte dieser Welt, um die Nachkriegsordnung festzuzurren. Insbesondere ging es den 34 anwesenden Staaten um Wirtschafts- und Finanzfragen. Dominiert wurde die Konferenz von zwei drängenden Problemen.
Erstens: Russland. Während alle anderen Staaten unter liberalen bis kapitalistischen Wirtschaftssystemen litten, hatte sich das russische Volk im Oktober 1917 bekanntlich eine neue Wirtschaftsverfassung gegeben, nach der alles allen gehörte. Dieser Sozialismus oder Kommunismus war damals noch ziemlich neu und stieß weltweit auf Interesse, aber die Kapitalisten hatten den internationalen Staatenlenkern eingeredet, dass es Teufelszeug sei.
Übrigens, falls hier jemand eine schlaue Anmerkung anbringen wollte: Es ist schon korrekt, von Russland und noch nicht von der Sowjetunion zu sprechen, weil letztere erst im Dezember 1922 gegründet wurde. Dazu wird es zu gegebener Zeit wahrscheinlich eine gesonderte Folge geben. Denn ansonsten muss ich zum Dezember 1922 über die Gründung des Irischen Freistaats oder den Nobelpreis für Albert Einstein schreiben, was beides viel zu komplizierte Themen sind, als dass ich mich auch nur annähernd einarbeiten könnte.
Zweitens: Deutschland. Insbesondere ging es damals um die Nachverhandlungen der Reparationszahlungen, die Deutschland als rechtlich allein für den Ersten Weltkrieg verantwortlicher Staat (Art. 231 des Versailler Vertrages) begleichen sollte. Deutschland macht zwar sonst gerne auf dicke Hose, aber zu jener Zeit jammerte Deutschland, dass man die Reparationen auf keinen Fall zahlen könne, dass man vollkommen pleite sei, und dass das doch alles so ungerecht sei, heul, schnief, schluchz.
Diese beiden Staaten waren also gewissermaßen die Geächteten der internationalen Ordnung. Für die russische Delegation hatte sich in Genua nicht einmal ein Hotel bereitgefunden, weshalb die Bolschewisten im 30 km entfernten Rapallo unterkommen mussten. Und zwar im Hotel Imperiale, das für diese Folge persönlich in Augenschein zu nehmen zwar angebracht gewesen wäre, aber mein Fünfjahresplanbudget gesprengt hätte.
Wenn Ihr selbst in der Schule, an der Universität oder auf der Arbeit schon einmal den Pariastatus genossen habt, dann wisst Ihr ja selbst, wie das so läuft: Wenn zwei Leute ausgegrenzt werden, dann tun sie sich irgendwann zusammen. Und sei es nur aus Langeweile.
Nach ein paar Tagen Konferenz fiel den russischen und deutschen Delegationen allabendlich die Hoteldecke auf den Kopf, während sich die anderen Staaten zum Tanzen, im Kino oder zum Glücksspiel trafen. Jeden Abend allein Pizza zu essen, das kann ziemlich öde werden, auch wenn Essen für Russen damals durchaus ein ungewohntes Vergnügen war. Also luden die Russen die Deutschen nach Rapallo ein und fragten, mangels diplomatischer Erfahrung etwas ungelenk: „Sagt mal, wenn niemand anders mit uns spielen will, wollen wir nicht Freunde sein?“
Die Deutschen beratschlagten ein bisschen, aber schließlich setzte sich der Konsens durch: Besser einen dubiosen Freund als gar keinen Freund. (Das ist immer so ein Problem mit Leuten, die nicht allein sein und einfach den ganzen Abend mit einem Buch genießen können. Von solchen Menschen geht alles Unheil dieser Welt aus.)
Deutschland und Russland verband aber auch eine gemeinsame Abneigung. Und zwar gegen Polen. Dieser lustige Staat hatte die Angewohnheit, mal zu verschwinden, dann wieder aufzutauchen, mal geteilt, dann wieder vereint zu werden, mal nach Osten und dann nach Westen verschoben zu werden. Selten war es die Schuld der Polen selbst. Sie hatten, wie so viele osteuropäische Staaten und Völker, einfach das Pech, zwischen den Großmächten Deutschland, Russland, Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich zu liegen und von diesen als Aufmarschgebiet für ihre Kriegsspiele missbraucht zu werden.
Hier eine bewegte Übersicht zur bewegten polnischen Geschichte:
Alles klar?
Ich hoffe nur, dass Ihr nicht den Polnisch-Ukrainischen Krieg, der von 1918 bis 1919 zwischen Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und Rumänien einerseits und der West-Ukraine, der Ukrainischen Volksrepublik, der Hutsul-Republik und der Komancza-Republik andererseits um Galizien, die Karpatenukraine, Wolhynien und die Bukowina ausgetragen wurde, sowie den Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1919 bis 1921 übersehen habt. Aufmerksame Leserinnen und Leser fragen jetzt, wie es einen sowjetischen Krieg gegeben haben kann, wo Ihr doch oben erfahren habt, dass die Sowjetunion erst im Dezember 1922 gegründet werden sollte. Tja, es gab aber bereits Sowjetrussland und die Sowjetukraine, die in diesem Krieg gemeinsam gegen Polen, Lettland und die Ukrainische Volksrepublik kämpften (und verloren).
Merkt Euch diesbezüglich einfach nur zwei Dinge: Erstens, und das ist einer der Dauerbrenner in dieser Geschichtsreihe, der Erste Weltkrieg war 1918 noch lange nicht zu Ende. Zweitens, die Ukraine war auch vor hundert Jahren kein Teil Russlands. (Ich weiß, das ist alles schrecklich kompliziert. Aber das heißt nicht, dass derjenige Recht hat, der behauptet, dass alles ganz einfach sei. Ganz im Gegentum, solche Typen wollen Euch höchstwahrscheinlich verarschen.)
Aber jetzt zurück ins schöne Rapallo.
Nach viel Wodka, Wein und Grappa zog der russische Außenminister Georgi Tschitscherin einen Vertrag aus der Tasche, legte ihn seinem deutschen Kollegen Walther Rathenau vor, und sagte: „Unterschreib da mal.“
Rathenau war eigentlich ein bisschen skeptisch, aber der erste Artikel des kurzen Vertrags sah einen beiderseitigen Verzicht auf alle Reparationen und andere Schadensersatzansprüche vor. Rathenau war bei der FDP, deshalb konnte man ihn mit Ausgabenbegrenzungen immer locken. Alles andere würde der Markt regeln. Also unterschrieb er.
Ansonsten sah der Vertrag die Aufnahme von diplomatischen, konsularischen und vor allem wirtschaftlichen Beziehungen vor. Wirtschaft war das Hauptmotiv deutscher Außenpolitik, und die deutschen Exporteure standen schon Schlange. (Irgendwie hatten sie bereits vor Unterzeichnung von dem Vertragsentwurf erfahren.)
Ganz wichtig für die deutsch-russische Freundschaft war Erdöl. Deutschland lieferte das Know-How zum Betrieb der Ölquellen im Kaukasus und verpflichtete sich im Gegenzug, in Deutschland Autobahnen, Tankstellen und Autos zu bauen, auf dass Deutschland vom russischen Erdöl und später Erdgas abhängig werden sollte. Der Bau von Pipelines wurde als Freundschafts- und Friedensprojekt verkauft und mit entsprechenden Kampagnen begleitet. Deutsche Jugendliche entflohen mit Freude der Enge ihrer kleinbürgerlichen Elternhäuser, um in der sowjetischen Taiga mit Jack-London-Klondike-Romantik Wälder zu roden und Rohre zu verlegen.
Letzten Herbst war ich in Sachsen unterwegs, wie so oft per Anhalter. In Bautzen nahm mich ein älterer Mann mit, der eigentlich nach Dresden musste, aber für mich einen Riesenumweg nach Bernsdorf fuhr. Er erzählte aus seinem Ingenieursleben, in dem er wirklich viel von der Welt gesehen hatte. Aber der Höhepunkt für ihn blieb der Einsatz auf der Druschba-Trasse.
Wenn eine ganze Generation von DDR-Bürgern und -Bürgerinnen an der Pipeline der Freundschaft mitgeschschraubt, -geschweißt und -geschwitzt hat, erklärt das schon eine gewisse emotionale Verbundenheit, die den Menschen in Westdeutschland abgeht. Bei uns in der BRD dachte man eher strategisch: „Wenn wir mehr Benzin brauchen, müssen die USA halt wieder irgendein Land ‚befreien‘.“
Die Rohre für das Ostblockprojekt kamen übrigens aus Westdeutschland, Italien und Japan. Wirtschaftlich lief die Kooperation auch während des Kalten Kriegs super. Am Vertrag von Rapallo wurde nicht gerüttelt.
Als viel verheerender sollte sich die militärische Komponente der deutsch-russischen und bald deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit erweisen. Diese ist im Vertrag von Rapallo nicht ausdrücklich erwähnt, hatte aber bereits im Jahr zuvor, 1921, begonnen und wurde nach dem Schulterschluss an der ligurischen Küste intensiviert.
Auch hier lohnt ein Blick auf die Ausgangslage:
Die russische Armee war veraltet. Man setzte noch auf Pferde, wie Ihr aus der Folge über den Kavalleristen erinnert, der das Königreich Mongolei gründete. Russland hatte 1905 den Krieg gegen Japan verloren. Dass eine europäische Großmacht gegen einen asiatischen Inselstaat verlor, war bis dahin undenkbar gewesen. Russland hatte 1920 den Krieg gegen Polen verloren (siehe oben), ein Land, das nach über hundertjähriger Abwesenheit von der Weltbühne gerade erst wieder gegründet worden war. Das Flaggschiff der Schwarzmeerflotte sank einfach so. Alles sehr peinlich.
Russland musste also, wenn es demnächst alle Nachbarländer von Finnland bis zur Ukraine angreifen wollte, dringend sein Militär modernisieren.
Deutschland hatte das technische Wissen, die Rüstungsindustrie und an allen Stellen Menschen ohne moralische Skrupel. Also eigentlich perfekte Bedingungen zur Aufrüstung.
Allerdings gab es da den Versailler Vertrag. Dieser hatte zum Ziel, Deutschland militärisch klein zu halten (Art. 159-213). So durfte Deutschland beispielsweise nicht mehr als 100.000 Soldaten und nicht mehr als 36 Kriegsschiffe haben. Deutschland durfte über keine Panzer, keine U-Boote und keine Luftwaffe verfügen. Die Wehrpflicht war verboten, ebenso wie die Entwicklung chemischer Kampfstoffe.
Das deutsche Militär sollte praktisch auf den Stand des russischen Militärs zurechtgestutzt werden.
Was machte die Reichswehr?
Wer ganz aufmerksam den Artikel zum Januar 1921 gelesen hat, weiß es schon: Das deutsche Militär scherte sich einen Dreck um den Versailler Vertrag und baute eine Luftwaffe und eine Panzerstreitmacht auf. Nicht offen, sondern heimlich.
Und wo konnte Deutschland seine Luftwaffe und seine Panzer am besten verstecken?
Da kommt Ihr nie drauf: Die geheime Kampffliegerschule und Erprobungsstätte der Reichswehr lag in Lipezk. Die geheime Panzerschule Kama lag bei Kazan. Der geheime Kampfmittel-Versuchsplatz Tomka lag bei Wolsk. In Fili, Charkiw, Samara, Jaroslawl und Rybinsk wurden gemeinsame Flugzeugwerke errichtet. Mitten in der Sowjetunion, weit entfernt von den Augen der Weltöffentlichkeit und der noch nicht erfundenen Satelliten, rüstete Deutschland entgegen aller vertraglichen Zusagen auf, bildete Piloten und Panzerfahrer aus, entwickelte neue Militärtechnik und erprobte Angriffstaktiken.
Deutschland finanzierte all diese Einrichtungen, durfte eigene Piloten, Panzerfahrer u.s.w. dort ausbilden, musste aber auch sowjetische Soldaten und Offiziere an den Lehrgängen teilnehmen lassen. Ungeachtet möglicher politischer Rhetorik gegen den jeweils anderen Staat ging die militärische Kooperation munter weiter. Praktisch wie bei Ronald Reagan.
Erst unter Hitler beendete Deutschland im September 1933 die Kooperation. Nicht so sehr aus ideologischen Differenzen, sondern weil die Nazis die Verletzung des Versailler Vertrages gar nicht mehr verbergen wollten. Die Revision, ja der Bruch dieses Friedensvertrages war schließlich Regierungsprogramm.
Die Sowjetunion behielt allerdings die Giftgasentwicklungsstelle bei Wolsk/Schichany bei. Im dortigen Zentralen Wissenschaftlich-Technischen Institut der Chemischen Truppen wurde das Nervengift Nowitschok entwickelt, das wir mittlerweile aus dem russischen Staatsterrorismus, unter anderem gegen Alexei Nawalny, kennen. Deswegen war Deutschland nach dem geheimen Zusatzprotokoll zum Tomka-Vertrag auch verpflichtet, die lebensrettende Behandlung zu übernehmen.
Apropos geheimes Zusatzprotokoll: Das Deutsche Reich und die Sowjetunion schlossen in der Folgezeit weitere Verträge, von denen der folgenreichste der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt war. Nach den jeweiligen Außenministern ist er auch als Molotow-Ribbentrop-Pakt bekannt. Unterzeichnet wurde er am 24. August 1939, was ganz praktisch war, denn eine Woche später würde Deutschland Polen überfallen und schon wieder einen Weltkrieg auslösen. (Kann das beim Dritten Weltkrieg bitte jemand anders machen, damit nicht wieder Deutschland als Buhmann dasteht?)
„Nichtangriffspakt“ war eine etwas irreführende Bezeichnung für diesen Vertrag. Zwar versicherten Deutschland und die Sowjetunion, sich nicht gegenseitig anzugreifen, aber ein geheimes Zusatzprotokoll sah allerhand Angriffe auf allerhand andere Staaten vor: auf Polen, auf Litauen, auf Estland, auf Lettland, auf Finnland und auf Moldawien. Auch die militärische Kooperation wurde wieder aufgenommen. So stellte die Sowjetunion dem Deutschen Reich von 1939 bis 1940 einen geheimen U-Boot-Stützpunkt bei Murmansk zur Verfügung. Sowjetische Eisbrecher bahnten deutschen Zerstörern den Weg. Der Zweite Weltkrieg war Teamwork.
Verträge zu Lasten Dritter sind immer eine unangenehme Sache, das kennt man ja vom Münchner Abkommen 1938. Außerdem sind sie rechtlich unwirksam, aber wenn man eine Grenze mit Deutschland oder der Sowjetunion hatte – oder heute eine Grenze mit Russland hat -, hilft einem das Völkerrecht nicht viel. Da helfen nur Waffenlieferungen, wie auch die Sowjetunion feststellen musste, als sie 1941 ganz überraschend von Nazi-Deutschland angegriffen wurde.
„Aber wir haben doch einen Nichtangriffspakt“, wunderte sich Stalin darüber, dass die deutschen Flugzeuge und Panzer, die einst in der Sowjetunion gebaut wurden, jetzt sowjetische Städte bombardierten und beschossen.
Stalin war überhaupt ein bisschen doof. Denn ab 1941 hätte man all die sowjetischen Offiziere und Soldaten, die zusammen mit den Deutschen studiert, manövriert und geübt hatten, hervorragend für die Rote Armee brauchen können. Wer den Feind kennt, kann seine Technik und Taktik besser einschätzen. Nur leider hatte Stalin 1936/37 all diese Offiziere hinrichten lassen, weil er niemandem traute, der einmal mit einem Deutschen im gleichen Raum gesessen hatte. (Ich glaube, er hat auch alle Leute hinrichten lassen, die ihn im Internet als doof bezeichneten. So ein Weichei war das.) Dass er später selbst den Pakt mit den Deutschen schloss, naja, wie gesagt, Stalin war nicht der Hellste. Man wundert sich wirklich, wie solche Leute alle vier Jahre wiedergewählt werden.
Das geheime Zusatzprotokoll war so geheim, dass Michail Gorbatschow erst im Dezember 1991 dessen Existenz zugab. Überhaupt war die sowjetische und ist die postsowjetische Geschichtspolitik ein bisschen geschichtsklitternd. So tun z.B. Denkmale nicht nur in Russland, sondern auch in anderen Nachfolgestaaten der UdSSR so, wie wenn der Zweite Weltkrieg erst 1941 begann.
(Die Fotos stammen aus Uman, aus Kiew und aus Odessa in der Ukraine sowie aus Sochumi in Abchasien.)
Deshalb glauben dort viele Menschen, dass der Zweite Weltkrieg bzw. die Große Vaterländische Militärische Spezialoperation erst im Juni 1941 mit dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion begann. Die gleichen Menschen glauben auch gerne, dass die Sowjetunion keinerlei amerikanische Panzer und Flugzeuge und sonstige Unterstützung erhielt, sondern den Krieg allein gewann. Dafür glauben in Amerika wiederum viele Menschen, dass die Soldaten, die im Juni 1944 in der Normandie landeten, ganz persönlich Berlin befreit haben. Und niemand denkt je an die brasilianische Division. Dass die Welt rund ist und deshalb gleichzeitig an mehr als einer Front gekämpft werden kann, scheint für viele zu komplex zu sein.
Die Wahrheit ist, dass auch die Sowjetunion seit September 1939 im Krieg war. Sie überfiel zuerst Polen und besetzte den Osten des Landes. Zwei Monate später griff sie Finnland an, 1940 schnappte sie sich Estland, Lettland, Litauen und Teile Rumäniens.
Wenn Wladimir Putin den Hitler-Stalin-Pakt verteidigt, dann wisst Ihr jetzt, was er meint. Auch in Osteuropa, in all den Staaten, die so oft unter ihrer Lage zwischen Deutschland und Russland gelitten haben, weiß man das.
Nur im Westen, insbesondere in Deutschland, wo man so stolz darauf ist, „die Lehren aus der Geschichte“ zu ziehen, wollte niemandem auffallen, wie Rapallo-Molotow-Ribbentrop-mäßig sich die osteuropäischen Staaten vor den Kopf gestoßen fühlten, als Russland und Deutschland eine neue Pipeline in Betrieb nahmen, die alle anderen umging und ausschloss.
Gerade in Deutschland, wo man schnell „die besondere historische Verantwortung“ erwähnt, will nur wenigen auffallen, dass Deutschland keine besondere historische Verantwortung gegenüber dem russischen Staat, insbesondere nicht dem heutigen Mafiastaat, sondern gegenüber allen osteuropäischen Völkern hat, die unter der deutschen Besatzung gelitten haben. Ebenso gegenüber jenen, die in der Roten Armee gegen den Nazi-Faschismus gekämpft und unsere Konzentrationslager befreit haben. Neben Russen, Tataren, Kirgisen, Kasachen, Georgiern, Abchasen, Inguscheten, Osseten, Belarussen und so weiter waren das eben auch Ukrainer. Millionen von Ukrainern. Weswegen in jedem kleinen Dorf in der Ukraine ein Ehrenmal für die Sowjetsoldaten steht, immer gepflegt und mit frischen Blumen davor.
Die Lehre aus dem blutigen deutsch-russischen Jahrhundert? Die Großmächte müssen aufhören, andere Staaten wie Verfügungsmasse zu behandeln. Aber auch wir Menschen in Mittel- und Westeuropa müssen anders denken über Osteuropa.
Die Ukraine ist keine Kuh, aus der man sich Filets herausschneidet. Polen ist kein Pufferstaat. Das Baltikum ist kein Randgebiet. Der Balkan ist kein Pulverfass. Ebensowenig der Kaukasus. Rumänien ist kein Reservoir für billige Arbeitskräfte. Belarus ist kein Transitland. Alle Staaten, von Montenegro bis Moldawien, von Abchasien bis Albanien, sind wahnsinnig interessante Länder, die alle ein Recht auf eine eigene, selbstbestimmte, souveräne Existenz haben. Inklusive eigener Entscheidung, ob sie bei der EU, der NATO oder der FIFA mitspielen wollen.
Und seid ruhig mal ein bisschen kreativer bei der Urlaubsplanung! Peleș ist schöner als Neuschwanstein. Sochumi ist wie Nizza, nur dass Ihr es für Euch allein habt. Die Fjorde in Montenegro sind fast so beeindruckend wie die in Norwegen, aber man ist nach zwei Bier nicht gleich pleite. Ganz zu schweigen von Odessa.
Apropos pleite: Ich freue mich über jegliche Unterstützung für diesen kleinen Blog. Und über Gastautoren! Gibt es für Mai 1922 jemanden, der/die sich auskennt mit dem Völkerbund-Protektorat für Albanien? Oder dem Bürgerkrieg in Paraguay? Oder Oberschlesien? Obwohl, besser nicht, bei letzterem Thema kommen immer so Großdeutsch-Ewiggestrige aus der Gruft.
Vor ein paar Tagen, am 24. April, war der Gedenktag für die Opfer des Völkermordes an den Armeniern. Das habt Ihr wahrscheinlich nicht mitbekommen, denn wo nicht gerade eine armenische Diaspora ansässig ist, geht das meist unter. Und die armenische Diaspora sitzt eigentlich nur dort, wo Wein und Cognac in Strömen fließen, also Paris, Kalifornien und Südaustralien.
Außerdem ist die Welt derzeit abgelenkt von einem Krieg, bei dem man darüber streiten kann/muss, ob er nicht auch genozidale Züge trägt. Das ist eine schwierige juristische Frage, in die die Herren Lauterpacht und Lemkin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts etwas Klarheit gebracht haben. Beide begannen ihre Karriere an der Universität in Lwiw/Lemberg, das jetzt von russischen Raketen beschossen wird.
Aber, Ihr ahnt es schon, wenn Ihr die aktuelle Folge der Reihe „Vor hundert Jahren …“ druckfrisch in den Händen haltet: Vor hundert Jahren war dieses Thema durchaus aktuell.
Genau genommen am 17. April 1922, als Aram Yerganian und Arschawir Schiragjan, die als Armenier verständlicherweise ein bisschen sauer wegen des Völkermordes waren, in Berlin zwei hochrangige Verantwortliche für eben jenen Völkermord erschossen.
Cemal Azmi war dafür von einem türkischen Gericht zum Tode verurteilt worden. Bahattin Şakir war in Malta wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt worden. Aber beide flohen nach Berlin, wo sie sich ziemlich sicher fühlten. „Kein Sorge, Bahattin“, sagte Cemal Azmi, „Deutschland will immer mit allen Seiten Geschäfte machen. Das mit den Menschenrechten ist bei denen nur Bla-Bla.“
Damit hatte er nicht nur Recht, sondern auch die Leitlinien der deutschen Außenpolitik für die folgenden 100 Jahre skizziert. Aber gut, mit Prinzipientreue wird man nicht Exportweltmeister.
Ein noch zweifelhafteres Vergnügen, als sich von Wladimir Putin belügen zu lassen, ist es, mich persönlich kennenzulernen. Ich lüge zwar nicht, aber zu vielen Themen sage ich nur: „Da habe ich mal einen Artikel darüber geschrieben.“ Schließlich war einer der Hauptgründe für diesen Blog, dass ich die gleichen Geschichten nicht dutzend- oder gar hundertfach erzählen muss. Manche finden das unpersönlich. Ich finde es praktisch.
Je mehr man geschrieben hat, umso öfter kann man darauf verweisen. Und so bleibt es nicht aus, dass auch innerhalb dieser Geschichtsreihe rohstoffsparend recycelt wird. Ich empfehle deshalb zum Völkermord an den Armenien, zur Operation Nemesis und zu den juristischen Konsequenzen ganz effizient meinen Artikel über den März 1921.
Viel Vergnügen beim (erneuten) Lesen!
Der damalige Prozess gegen Soghomon Telirian in Berlin war es übrigens, der Raphael Lemkin in Lemberg dazu brachte, sich mit dem Thema des Völkermordes zu befassen und von der linguistischen auf die juristische Fakultät zu wechseln. So ist, wie so oft, alles mit allem verbunden.
Und keine Sorge, selbstverständlich wird es für April 1922 noch eine vollwertige Folge geben.
Im April 1922 ist so viel passiert, dass ich einige der Ereignisse, so weltbewegend sie auch gewesen sein mögen, nur kursorisch abhandeln kann.
So auch den Tod seiner geliebten Majestät, des Kaisers Karl I. von Österreich-Ungarn-und-so-weiter, auf der hochgeschätzten Insel Madeira. Diesbezüglich kann ich praktischerweise auf eine vorherige Folge über den Kaiser verweisen, die seinen Tod schon vorwegnahm.
Nein, das ist nicht der Kaiser. Das ist der Mann, der den Kaiser hätte retten können, wenn jener kein Impfskeptiker gewesen wäre. Aber auch das wird in der Folge vom Oktober 1921 ausführlich erklärt.
Wenn es formelle Kleinigkeiten gibt, die mich auf die Palme bringen, dann sind das drei Dinge:
Wenn Leute „Russland“ sagen, obwohl sie die Sowjetunion meinen.
Wenn Artikel des Grundgesetzes als Paragraphen zitiert werden. (Querulantenalarm!)
Wenn Paragraphen ohne Gesetzesangabe genannt werden.
Außerdem regt es mich auf, wenn Menschen „wichtig“ und „dringend“ verwechseln. Aber das ist ja eine mehr als rein formelle Denkunschärfe.
Um Punkt 1 wird sich hoffentlich eine weitere Episode dieser beliebten historischen Reihe drehen, denn vor genau hundert Jahren, im April 1922, wurde zwischen dem Deutschen Reich und der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik der Vertrag von Rapallo geschlossen. Dieser Vertrag legte die Grundlage für den Zweiten Weltkrieg sowie für die Nord-Stream-Pipelines und damit für so allerhand Übel, das uns auch 100 Jahre später wieder beschäftigt.
Aber heute echauffiere ich mich über Punkt 3.
Klar kann ich mir als Jurist zusammenreimen, was gemeint sein könnte. Aber wenn Ihr Euch auf einen Paragraphen bezieht, dann nennt doch bitte das Gesetz dazu! Es gibt nämlich – auch auf die Gefahr, dass ich damit Insiderwissen enthülle – mehr als ein Gesetz. Und irgendeiner Unbedarfter blättert dann im BGB, in der ZPO, im EStG und wundert sich, warum Ihr vollkommen unschuldige Regelungen abschaffen wollt, wenn es Euch doch in Wirklichkeit um das Strafgesetzbuch (StGB) geht.
Diese Reihe steht ja eigentlich unter dem inoffiziellen Motto „Früher war alles besser“, aber als ich die Berliner Volkszeitung vom 9. April 1922 aufschlug, traf mich der Schlag. Auch hier waltete ein Redakteur, der sich partout nicht vorstellen konnte, dass es mehr als einen Paragraphen 175 in deutschen Gesetzbüchern gab. (Den giftigen Leserbrief unterließ ich nur deshalb, weil die Zeitung ihr Erscheinen 1944 einstellte.)
Gemeint war natürlich § 175 StGB, der „widernatürliche Unzucht zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Tieren“ mit Gefängnisstrafe bedrohte. Und jetzt wisst Ihr, worauf sich diejenigen beziehen, die gleichgeschlechtliche Ehen mit dem Argument untersagen möchten, „dass dann als nächstes jemand seinen Hund oder seine Katze heiratet.“
Aber zum Glück ließ ich mich davon nicht abhalten und merkte mal wieder, dass der Journalismus vor hundert Jahren doch besser war. Aber lest oder hört selbst:
Alles geht vorüber. Auch die Verschleppung unserer Strafrechtsreform. Es wird nicht lange mehr dauern, und der Reichstag wird vor der Feuerprobe seines Kulturwillens stehen. Denn eine große Reihe von Änderungen geltender Normen wird das Bekenntnis zur Kultur und den vollen Mut der Verantwortung fordern. Keine aber soviel wie der Sturz des § 175, der eine traurige Berühmtheit erlangt hat, die ihn längst zum Gespött aller ehrlichen Freiheits- und Sittlichkeitskämpfer gemacht hat.
Große Worte, aber ich finde es durchaus angebracht, die Abgeordneten von Zeit zu Zeit darauf hinzuweisen, dass es nicht um den Koalitionsfrieden oder die Geschlossenheit der Fraktion geht, sondern dass die „Feuerprobe des Kulturwillens“ ansteht. Mit so einem Appell hätte vielleicht sogar die Impfpflicht eine Chance gehabt.
Trotzdem gibt es kaum eine infolge ihrer Abartung so unglückliche Minderheit wie die jener Menschen, deren Fühlen von Natur aus nun einmal ein gleichgeschlechtliches ist und die zur Schmach des sie tief erniedrigenden Hohns aller denkfaulen Mucker noch die Schande einer staatlich sanktionierten Verfolgung zu tragen haben.
Das mit der „Abartung“ ist nicht so durchdacht. Aber den Begriff „denkfaule Mucker“ würde ich gerne öfter in der Zeitung lesen.
Juristisch ist § 175 nicht haltbar, wenn man sich nicht auf den Dogmenstandpunkt mittelalterlicher Inquisitionsrichter stellt.
Dennoch, obwohl die Reform die Unterstützung von Abgeordneten sowohl der Regierung als auch der Opposition, sowie des Justizministers Gustav Radbruch (SPD) hatte, bekam sie keine Mehrheit im Reichstag. (Eine Nebenbemerkung, um zu zeigen, wie sich in 100 Jahren die Zusammensetzung der Parlamente geändert hat: Radbruch war damals der einzige Jurist in der SPD-Fraktion.)
Ganz im Gegenteil: Die Verurteilungen aufgrund des § 175 StGB sollten bald nach oben schnellen. Zum einen ab 1924 wegen des Prozesses gegen den 24-fachen Mörder Fritz Haarmann, wodurch über Homosexualität meist in Verbindung mit Gewalt gesprochen wurde, und dann natürlich in der Zeit des Nationalsozialismus. Hier wurden Homosexuelle oder als solche Verdächtigte bekanntlich nicht nur eingesperrt, sondern auch ermordet.
Am 8. Mai 1945 wurde Deutschland zwar plötzlich frei und demokratisch, aber noch lange nicht modern und tolerant. Selbst von den aus den Konzentrationslagern Befreiten wurden einige wegen § 175 StGB verurteilte Männer wieder verhaftet, weil die Justiz merkte, dass sie noch nicht ihre ganze Strafe abgesessen hatten. Wegen dieser Akribie der deutschen Nachkriegsjustiz blieb dann leider, leider keine Zeit mehr, nach den Herren Eichmann, Barbie, Mengele, Schwammberger, Heim, Stangl und Hunderten anderer NS-Verbrecher zu fahnden. Aber die Bekämpfung von Homosexualität, Schwarzhandel und Schwarzfahren – letzteres übrigens erst seit 1935 strafbar (§ 265a StGB) – schien eben wichtiger und dringender.
Erschreckend an der obigen Grafik ist, dass die Zahlen der Verurteilungen – und das sind nur die Zahlen für Westdeutschland – in den ersten zwei Jahrzehnten der Bundesrepublik weit über denen der Weimarer Republik, ja sogar des Kaiserreichs lagen. Während in der DDR der § 175 StGB ab 1958 faktisch nicht mehr angewendet wurde (die DDR gab sich erst 1968 ein neues Strafrecht und verwendete bis dahin wie die BRD bis heute das gute alte kaiserliche Strafrecht), wurden in der BRD Zehntausende von Männern nach § 175 StGB verurteilt. Hunderttausende Leben wurden zerstört, manche Männer in den Suizid oder zur Emigration getrieben.
Ab 1969 wurde auch im Westen das Totalverbot homosexueller Handlungen aufgehoben. Strafbar war nur mehr Sex mit Untereinundzwanzigjährigen, was allerdings noch immer eine Ungleichbehandung zu Heterosex darstellte. Übrigens: Auf meinem englischsprachigen Blog gebe ich manchmal Ratschläge auf juristische Fragen, und der Beitrag über das Mindestalter für Sex ist einer der meistgeklickten. Aber ist ja schön, wenn die Leute vorher einen Juristen fragen.
Okay, das war jetzt die tiefe, miefige Bundesrepublik der 1950er und 1960er Jahre. Aber in den coolen Hippie-70ern sollte doch hoffentlich alles lockerer werden, oder?
Weit gefehlt.
Sogar 1990, im Rausch von Vereinigung, Freiheit und Frieden, war es für die BRD so wichtig, Homo- und Heterosexuelle unterschiedlich zu behandeln, und für die DDR so wichtig, dies nicht zu tun, dass daran fast der Einigungsvertrag zwischen den beiden deutschen Staaten gescheitert wäre.
„Aber vereinigt Euch nicht zu heftig, hört Ihr?“
Gerettet wurde die deutsche Vereinigung in letzter Minute durch einen Kompromiss: Obwohl die DDR durch Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes grundsätzlich alle BRD-Gesetze und damit auch das StGB übernehmen würde, wurde § 175 StGB davon explizit ausgenommen (siehe Anlage I zum Einigungsvertrag, Kapitel III Sachgebiet C Abschnitt III Nr. 1). Wenn also ein homosexuelles Paar nach 1990 zum Weitwandern auf dem Grünen Band ging, mussten sie genau darauf achten, auf welcher Seite der ehemaligen Grenze sie ihr Zelt aufstellten.
Aus dem gleichen Grund zogen nach 1990 viele westdeutsche junge Männer nach Ostdeutschland zum Studieren. Erst als der „brain drain“ im Westen zu stark wurde, schaffte 1994 der mittlerweile gesamtdeutsche Bundestag den § 175 StGB ab.
Und die Opfer der früheren Verfolgung?
Die mussten warten. Das ist in Deutschland immer so. Egal ob Völkermord, Zwangsarbeit, Enteignung, Zwangssterilisierung, Misshandlung oder menschenrechtswidrige Strafverfolgung: Zuerst muss etwas Zeit ins Land ziehen, damit möglichst viele Opfer sterben. Sonst wird das mit der Entschädigung zu teuer. Und dann wäre der Finanzminister traurig. Das wiederum ist durch Art. 112 GG verboten.
Verurteilungen durch NS-Gerichte wegen homosexueller Handlungen (und wegen Fahnenflucht) konnten daher erst 2002 für nichtig erklärt werden. Die Rehabilitierung der nach 1945 wegen einvernehmlicher homosexueller Handlungen Verurteilten wurde dann immerhin 2017 auf den Weg gebracht. (Und bitte auch hier immer das richtige Gesetz zitieren, schon wegen seiner tollen Abkürzung: StrRehaHomG) Verurteilte können eine Entschädigung von 3000 € für das Urteil und 1500 € pro Jahr Haft bekommen. Sehr großzügig.
Aber aufgepasst! Weil der Finanzminister fürchtete, dass die etwa 5000 Überlebenden viel zu teuer kommen könnten, wurde in § 6 Absatz 1 Satz 1 StrRehaHomG eine Frist zur Geltendmachung der Ansprüche versteckt. Und diese läuft demnächst, am 21. Juli 2022 aus! – Aktualisierung: Die Frist für Ansprüche nach dem StrRehaHomG wurde um fünf Jahre verlängert.
Überhaupt sollte man mehr Fristen verlängern. Vor etlichen Jahren fiel mein Flug aus Montenegro nach Deutschland aus, weil es auf dem Flughafen in Podgorica keine Schneeräumfahrzeuge gab. Die Fluglinie organisierte dann eine Übernachtung im Hotel und ein tolles Abendessen, bei dem ich die Mitpassagiere viel besser kennenlernte, als ich es auf dem Flug je getan hätte. Es war, wie wenn jeder plötzlich einen zusätzlichen Tag geschenkt bekommen hatte. Man konnte ja nichts tun. Die Stimmung war gut, und ich lernte einen Iraner kennen, der in Montenegro einen Campingplatz mit Yoga und so betreibt. Dann setzte sich ein Albaner zu uns, der sagte, wir sollten uns keine Sorgen machen, wie wir in Memmingen vom Flughafen zum Bahnhof kämen. Sein Neffe würde uns alle abholen. Mit Pasha, dem Iraner, teilte ich mir ein Zugticket, weil wir beide Richtung Regensburg fuhren. Als ich sagte, dass ich das Ticket dann noch bräuchte, weil ich nach Amberg weiter müsse, sagte er: „So ein Zufall! Ich muss auch nach Amberg, meine Freundin wohnt dort.“ Jedenfalls, um auf den hier relevanten Punkt zu kommen, hätte ich für den um einen Tag verschobenen Flug ja eigentlich einen Entschädigungsanspruch nach der EU-Fluggastrechteverordnung (Verordnung Nr. 261/2004) geltend machen können. Das wären immerhin ein paar hundert Euro, also viel Geld für einen armen Schlucker wie mich. (Wenn ich geschäftstüchtig wäre, hätte ich an dem Abend im Hotel erwähnt, dass ich Jurist bin und Vollmachten von allen 300 Passagieren zu Verhandlungen mit WizzAir oder RyanAir eingesammelt. Aber ich habe echt Besseres zu tun. Auch wenn ich nicht genau sagen kann, was.) Die Frist sind großzügige drei Jahre, aber irgendwie kam ich nie dazu. Und außerdem fand ich die zusätzliche Nacht in Montenegro ja ganz cool. Obwohl das damals war, wo die montenegrinischen Grenzschützer gewaltig Stress machten und mich wegen meines aufgelösten Passes nicht ausreisen lassen wollten. Und ich hatte besonders Muffensausen, weil ich ein paar Wochen vorher mit meinem Bruder durch ein Loch im Zaun auf einen Stützpunkt der montenegrinischen Marine eingedrungen und dort ein bisschen auf den Schiffen herumgeturnt war. Die Soldaten, die uns entdeckten und festnahmen, hatten natürlich unsere Namen notiert, und ich fürchtete, dass das bei der akribischen Grenzkontrolle auffallen würde. Aber mit Verweis auf eine in wenigen Tagen anstehende Prüfung an der Universität wurde ich dann schließlich ziehen gelassen. Überhaupt bringt der Studentenstatus viele Vorteile beim Fliegen.
Ich hoffe nur, dass ich mal wieder nach Montenegro darf, denn das ist echt eines der schönsten Länder Europas. Aber mittlerweile fliege ich nicht mehr, wenn es irgendwie anders geht. Aus ökologischen Gründen, aber auch wegen der Reisequalität. Und nach Montenegro geht ein wunderschöner Zug. Außerdem kann man ja trampen.
Jetzt bin ich aber abgeschweift. Irgendwann wird es dagegen eine EU-Richtlinie geben, die den Leserinnen und Lesern Entschädigungsansprüche zugesteht, wenn der Autor nicht beim angekündigten Thema bleibt. Das wird dann mein Ruin.
Zurück zum Thema: Ich habe diesen Zeitungsartikel aus 1922 auch deshalb veröffentlicht, um – wie bei den deutschen Kolonialverbrechen – gegen die vorschnelle Reaktionen bei vergangenem Unrecht anzugehen, die das immer entschuldigen mit: „Naja, so was das halt früher. Andere Zeiten, andere Moralvorstellungen.“
Nein. Natürlich gab es schon immer unterschiedliche Moralvorstellungen. Welche sich davon zu welchem Zeitpunkt durchsetzt, ist eine politische Frage, eine Machtfrage. In Frankreich war die Strafbarkeit der Homosexualität bereits 1791 abgeschafft worden. Bayern folgte 1813, aber diese Freiheit endete mit dem Eintritt ins Deutsche Reich. (Mehr zu dieser tragischen Geschichte in meiner 9-teiligen König-Ludwig-Saga, und insbesondere zur relativen Fortschrittlichkeit Bayerns – nicht zuletzt am Beispiel einer frühen Impfpflicht – in Kapitel 86.)
Vielleicht meint der Autor das, wenn er mit einer Warnung schließt:
Es gilt aber auch vor allem für jenen Teil der Invertierten, die unpolitisch genug sind, ihren Kampf als Mittelpunkt aller Weltaktionen darstellen zu wollen. Das ist der typische Irrtum aller Minderheiten, ohne dessen innerliche und äußerliche Beseitigung sie nur wenig erreichen werden.
Das könnt Ihr jetzt diskutieren, während ich an der Folge zum Vertrag von Rapallo arbeite. Nachdem es letzten Monat eine Filmbesprechung gab, wünschte sich ein Leser diesen Monat „Dr Mabuse“. Ein anderer wünschte sich die Morde von Hinterkaifeck. Leider niemand wünschte sich die Konferenz der drei Internationalen, die Einigung zwischen zwei portugiesischen Königsprätendenten oder die Gründung der Jakutischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik. Ach ja, Kaiser Karl I. von Österreich-Ungarn starb auch im April 1922, aber den hatten wir ja schon vor ein paar Monaten im Programm. – Wenn sich übrigens ein paar mehr Unterstützerinnen und Unterstützer zusammenfinden, könnte ich pro Monat mehr als einen oder zwei Artikel fabrizieren. Themen gibt es ja genug, wie Ihr seht.
Auf den Zeitungsartikel aufmerksam wurde ich durch diese Folge des Podcasts „Auf den Tag genau“, der jeden Tag eine Zeitungsmeldung von vor 100 Jahren sendet. Oft mit erstaunlich aktuellen Bezügen.
Die digitalisierten Zeitungen gibt es hier. Aber Vorsicht, große Versumpfungsgefahr! Denn die Zeitungen waren früher wirklich besser.
Menschen, die am Straßenrand stehen und den Daumen raushalten, um mitgenommen zu werden, haben so ein Image von planlosen Hippies, die es irgendwie verpeilt haben, den Zug zu erwischen. Oder von Jungs, die gerade aus dem Knast entlassen wurden und keinen Cent in der Tasche haben, um sich ein Busticket nach irgendwo zu leisten.
Manche Tramper gehen diese Art des Reisens sogar richtig wissenschaftlich und mathematisch an. Sie notieren Wartezeiten, zurückgelegte Entfernungen, durchschnittliche Geschwindigkeiten und eine Menge anderer Parameter. Diese Informationen laden sie dann in einer Datenbank hoch, auf dass sich alle anderen daran bedienen können. Kostenlos natürlich.
Ábel Sulyok, ein Tramper aus Ungarn und Atomphysiker, hat aus den so gesammelten Daten über Wartezeiten in Europa eine interessante Landkarte erstellt. Diese zeigt die durchschnittlichen Wartezeiten von weniger als 30 Minuten (grün) bis zu mehr als 90 Minuten (dunkelrot). Die durchschnittliche Wartezeit ist einer der wichtigsten Faktoren, um zu beurteilen, ob sich ein Land oder eine Region gut zum Trampen eignet.
Natürlich tragen nicht alle Tramper Daten zu diesem Projekt bei. (Ich mache das auch nicht, muss ich zugeben. Zum einen reise ich oft ohne Uhr oder Mobiltelefon. Zum andere interessiere ich mich mehr für Geschichten als für Zahlen.) Dennoch, die Leute, die viel mehr Erfahrung als ich mit dem Trampen haben, sagen, dass die Karte die Wirklichkeit ganz gut widerspiegelt.
Ich finde diese Karte besonders hilfreich, wenn Ihr mal per Anhalter verreisen wollt, Euch aber eigentlich egal ist, wohin es geht. Für den Einstieg eignen sich wohl Irland, Belgien, die Niederlande, Dänemark, Albanien, Montenegro, Rumänien, Moldawien, Belarus, Litauen, Lettland und Estland ziemlich gut.
Was ich auch aus eigener Erfahrung bestätigen kann: Auf Inseln kommt man per Anhalter leichter voran als auf dem Festland. Je kleiner die Insel, umso besser. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber auf kleinen Inseln sind die Leute irgendwie entspannter, offener und freundlicher. Und es fahren mehr Pick-Up-Trucks, so dass man mit etwas Glück an eine Panorama-Inselrundfahrt mit kühlender Brise kommt.
Überhaupt habe ich den Eindruck, dass der Unterschied zwischen verschiedenen Staaten weniger ausmacht als der zwischen den Regionen. Ländliche und vor allem bergige Gegenden sind fast immer besser zum Trampen als vielbefahrene Straßen, ganz zu schweigen von weitflächig zersiedelten und mit hunderten von Straßen durchzogenen Landschaften, wo niemand ahnen kann, wohin der verwirrte Tramper will. Ganz große Panik habe ich vor dem Ruhrgebiet, um das ich bisher immer einen großen Bogen gemacht habe.
In den Bergen hingegen sind die meisten Fahrer als Kinder und Jugendliche selbst getrampt. Und sie wissen, dass der Bus eher selten vorbeikommt. Nationalparks sind auch toll, weil die Besucher dort in entspannter Stimmung und alles andere als gehetzt oder gestresst sind.
In Deutschland, Österreich und der Schweiz habe ich überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Keine Ahnung, warum der Süden Österreichs auf der Karte in so negativen Farben gemalt wird. Generell ist es natürlich einfacher, in Ländern zu trampen, in denen man die Sprache spricht. Dann ist man nicht zum passiven Rumstehen verdammt, sondern kann die Fahrer aktiv ansprechen, vor allem an Tankstellen und auf Rastplätzen. Wenn dazu noch die Nummernschilder angeben, aus welchem Kanton, Bundesland oder Landkreis der Fahrer kommt, kann man seine Initiativbewerbung maßschneidern. „Ich sehe, Sie fahren nach Passau? Das wäre absolut perfekt, denn ich muss nach Österreich, und dann könnten Sie mich an der letzten Raststätte vor der Grenze absetzen“ ist erfolgversprechender als die offene Frage „Fahren Sie vielleicht nach Bayern?“
Weltweit beliebt unter Trampern sind die deutschen Autobahnen, weil die Leute hier rasen wie verrückt, so dass man richtig Strecke machen kann. Und in Deutschland – beziehungsweise in den beiden Deutschlands, um exakt zu sein – gab es früher eine richtig gute Autostoppkultur, so dass man immer wieder an Fahrer gerät, die sich romantisch an die gute alte Zeit erinnern. Es ist schon öfter passiert, dass mich Fahrer und Fahrerinnen im fortgeschrittenen Alter aufgelesen haben, die ganz normal und unabenteuerlich aussahen, aber dann plötzlich erzählten, dass sie als Jugendliche einst nach Afghanistan getrampt sind.
Zu den Ländern mit längeren Wartezeiten habe ich ein paar Theorien. In Schweden sind die Leute generell nicht auf Kontakt mit anderen Menschen erpicht. (Wahrscheinlich erhöhen sich dort die Chancen, wenn man auf sein Schild schreibt „Keine Angst, ich will nicht reden.“) Im hohen Norden Skandinaviens gibt es einfach weniger Autos. Eine Wartezeit von 70 Minuten hört sich erst einmal schlecht an, aber vielleicht bedeutet das trotzdem, dass 100% der Autos anhalten. In Großbritannien ist oft einfach kein Platz am Straßenrand.
Keine Ahnung, warum Kroatien so negativ aus den ansonsten freundlichen Balkanländern hervorsticht.
Und Südeuropa erstaunt mich wirklich. Mit Ausnahme der Inseln, natürlich. Auf dem Festland bin ich dort noch nicht getrampt (außer in Südtirol, aber das zählt ja nicht richtig zu Südeuropa), aber ich habe schon von vielen erfahrenen Trampern gehört, dass Spanien und Italien der absolute Alptraum sind. Angeblich braucht man länger, um Spanien per Anhalter von den Pyrenäen bis nach Gibraltar zu durchqueren, als für eine Durchquerung Russlands von Europa bis nach Kamtschatka.
Aber eigentlich wollte ich diese Landkarte nur veröffentlichen, um nach Euren Erfahrungen zu fragen. Wo seid Ihr beim Trampen gut vorangekommen? Wo seid Ihr steckengeblieben? Was sind Eure Tricks? Was waren Eure schönsten Erfahrungen?
Bei mir geht es nächste Woche von Amberg nach Hagen. Ein freundlicher Leser dieses Blogs hat mir auf halber Strecke, in Mörfelden-Walldorf, eine Übernachtung angeboten. Nicht so spektakulär wie Afghanistan, aber mal sehen, was unterwegs alles passiert.
Blogs schreibt man eigentlich nur in der Hoffnung, von einem Fernsehsender oder einem Verlag entdeckt zu werden. Das hat bei mir bisher noch nicht geklappt, weil man dafür anscheinend diese sogenannte Eigeninitiative entwickeln muss, was mir viel zu aufdringlich und zuwider ist.
Aber vor kurzem klingelte früh am Morgen, als ich gerade die Tauber entlang wanderte, das Telefon, und ich wurde eingeladen, einen Vortrag zu halten. Und zwar in Mössingen.
Das ist im Landkreis Tübingen und weltbekannt. Denn hier fand der deutschlandweit einzige Versuch statt, die Machtübernahme Hitlers im Januar 1933 durch einen Generalstreik zu vereiteln. Weil sich der Rest der Arbeiter-, geschweige denn der Angestellten- oder gar Beamtenschaft nicht anschloss, blieb der Generalstreik örtlich begrenzt und ist seither als Mössinger Generalstreik in der Geschichte untergegangen.
Die Mehrheit verschweigt eben gerne, dass eine Minderheit sich zum Widerstand getraut hat, denn so kann man viel leichter bei der „Ja, was hätte man den tun sollen?“-Linie bleiben. Die Mitläufer jammern dann gerne, dass sie beim geringsten Aufmucken selbst ins Konzentrationslager gekommen wären, obwohl sie an anderer Stelle steif und fest behaupten, dass man von der Existenz der Konzentrationslager gar nichts wissen konnte. So läuft das mit der Vergangenheitsbewältigung.
Außerdem wurde der Mössinger Generalstreik totgeschwiegen, weil er von der Kommunistischen Partei initiiert worden war. Und die Kommunisten waren ja verboten, zuerst von den Nazis, dann von Senator McCarthy, und später vom Bundesverfassungsgericht.
Das alles wusste ich natürlich nicht.
Aber als die Dame aus Mössingen mir die Geschichte erzählte, dachte ich: „Das ist interessant. Da fahre ich mal hin.“ Außerdem ist in der Nähe Schloss Grafeneck, worüber ich gerade einen bewegenden Podcast gehört hatte.
Und dann ist dort in der Ecke auch noch die Hohenzollern-Burg, wo unsere hochwohlgeborenen Könige und Kaiser herkommen.
Und da sind wir auch schon beim Thema. Denn die Damen und Herren von LiSt (Linke im Steinlachtal) und VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) hatten meinen Artikel zu den Hohenzollerngelesen, sich herzlich amüsiert, und wünschten sich diese Art der niveauvollen Unterhaltung auch vor Ort.
Hier die Ankündigung:
Der Kampf gegen Reaktion und Faschimus gestern und heute
Anfang der zwanziger Jahre hängten die linken Mössinger Gemeinderäte die Fürstenbilder im Rathaus ab. „Wir haben Republik!“, sagten sie. Später mischten sie beim Volksbegehren zur Fürstenenteignung mit. Heute stellen die Hohenzollern in Geheimverhandlungen unverschämte Entschädigungsansprüche, die der sogenannte Prinz Georg Friedrich von Preußen erhebt. Ja, spinnen die?
Am Donnerstag, den 29. September 2022, um 19. 30 Uhr in der Pausa-Tonnenhalle am Löwenstein-Platz
LiSt erzählt aus der Lokalgeschichte mit Blick auf die Burg Hohenzollern. Andreas Moser, freier Journalist, widmet sich den heutigen Hohenzollern und ihrem Streben nach Penunzen.
Ich habe zwar noch keine Ahnung, was ich da erzählen werde, aber ich gebe die Einladung einfach mal weiter. Je mehr Leute kommen und Fragen stellen, umso besser. Ich antworte nämlich viel lieber spontan auf Fragen, als dass ich mich Monate mit einem Vortragskonzept rumbalge (das ich dann eh auf den letzten Drücker im Zug komplett umschreibe).
Vor zwei Jahren hatte ich sie noch in Odessa besucht, meine Freunde Yaniv und Nastya. Sie hatten mir ihre Stadt gezeigt, die, ich hatte es fast geahnt, zu einer meiner Lieblingsstädte in Europa wurde. Wegen Corona sah ich sie dann lange nicht mehr (weder Odessa, noch meine Freunde), aber dieses Frühjahr sollte es so weit sein. Im April oder Mai, ab wann es eben warm genug sein würde, in die Ukraine zu trampen.
Aber dann kam alles anders.
Gestern [ich schrieb diese Geschichte am 12. März] sind sie in Nürnberg angekommen. Nastya hat hier Verwandte, ein Onkel, der schon seit Jahrzehnten in Deutschland lebt. Da können sie erst einmal unterkommen.
“Es ist ja nur für ein paar Wochen”, sagen sie.
Ich denke an den Ersten Weltkrieg, die Jugoslawien-Kriege, den Krieg in Syrien, den Dreißigjährigen Krieg und sage nichts.
Um 10:30 Uhr hatten wir uns vor der Frauenkirche verabredet. Sie kommen etwas später, weil sie sich mit der U-Bahn vertan haben. In Odessa gibt es keine U-Bahn, weil die Stadt untertunnelt ist von Katakomben, in denen sich die Menschen vor den angreifenden deutschen und rumänischen Truppen versteckten. 80 Jahre später sind meine Freunde in genau die Richtung geflohen, aus der beim letzten Krieg der Feind kam: nach Rumänien und dann über eine zehntägige Odyssee der Irrungen und Wirrungen nach Deutschland.
“Wir hatten sowieso vor, dieses Jahr mehr zu reisen”, versuchen sie zu scherzen, als wir uns umarmen. Aber man sieht ihnen an, dass sie müde und erschöpft sind.
Um 11 Uhr beginnt vor der Frauenkirche anscheinend eine Stadtführung durch Nürnberg. Weil wir im Weg stehen und weil Yaniv und Nastya sowieso die Stadt kennenlernen müssen, schließen wir uns an.
Auf der Fleischbrücke zeigt die Fremdenführerin ein Foto der 1945 zerstörten Altstadt.
Yaniv und Nastya denken bei solchen Bildern nicht an Nürnberg, nicht an den Zweiten Weltkrieg. Ich sehe die Angst in ihren Augen. Nicht nur die Angst um ihre Stadt und um ihre Katze, die sie zurücklassen mussten, sondern vor allem um Freunde und Angehörige, die in der Ukraine geblieben sind. Nastyas Eltern zum Beispiel. Die Mutter näht Tarnnetze für die ukrainische Armee. Der Vater geht jeden Tag zum Strand und füllt Sandsäcke, mit denen Gebäude, aber auch Denkmäler der Stadt geschützt werden sollen.
Und ihr Großvater erlebt zum zweiten Mal in seinem Leben die Belagerung von Odessa. Damals schloss er sich als 14-Jähriger den Partisanen an und stahl die Batterien aus den Fahrzeugen der rumänischen und deutschen Besatzer. Wie er sich dieses Mal nützlich machen wird, weiß er noch nicht. Aber er hebt jetzt die leeren Bierflaschen auf, falls er sie noch für Molotow-Cocktails benötigt. Nastya verkneift sich die Tränen, als sie von ihm erzählt.
Die Stadtführung ist mittlerweile beim Kunstbunker angelangt, unterhalb der Kaiserburg: “Hier wurden während des Zweiten Weltkriegs die wichtigsten Kunstschätze eingelagert, um sie vor den Bomben zu schützen. Aber auch die Menschen fanden in den Kellern Zuflucht, die einst gegraben worden waren, um Bier zu kühlen.”
Yaniv und Nastya denken an ihre Freunde überall in der Ukraine, die jede Nacht im Bunker oder in den U-Bahn-Schächten ausharren. Sie beklagen sich übrigens nie, sondern sprechen immer von den Menschen in Kharkiv oder Mariupol, die es viel schlimmer erwischt. Und Yaniv sagt einmal: “Es könnte schlimmer sein. Wir könnten in Afghanistan oder Syrien leben.”
Später gehen wir zum Planetarium am Plärrer, direkt neben dem Haus der Städtischen Werke, das in jedem DDR-Film mitspielen könnte. Hier soll es kostenlose SIM-Karten für Ukrainer geben, hat Nastya am Bahnhof gehört. Etwa 50 Menschen stehen schon an, die meisten erschöpft, mit leeren Blicken, keine Tränen zum Weinen mehr.
Die Menschen fragen sich gegenseitig, wo sie herkommen und nicken dann verständnisvoll. Die Ukraine ist ein großes Land, fast doppelt so groß wie Deutschland, und Yaniv und Nastya hören von vielen Städten jetzt zum ersten Mal. Ansonsten wird nicht viel gesprochen. Keiner will die anderen mit seinem persönlichen Leid belasten.
Es ist ein warmer Tag, also schlage ich einen Spaziergang durch den Volkspark am Dutzendteich vor. Nastya fragt, ob man die Enten füttern dürfe, denn dann würde sie etwas Brot kaufen. Aber sie hat gehört, dass in Deutschland vieles verboten sei. Aus dem selben Grund folgen mir meine Freunde nicht, als ich den Weg verlasse und eine Abkürzung durch die Wiese gehe. Sie gehen lieber den langen Umweg, wollen nichts falsch machen.
Als wir beim Fritten-Kalle im Park jeweils eine Currywurst essen, fragt Yaniv, auf die Kongresshalle zeigend: “Was ist das für ein Kolosseum dort?”
Ich erkläre, dass wir hier auf dem Gelände stehen, auf dem die Nazis ihre Parteitage abgehalten haben. Hier waren die Aufmärsche. Hier wurden die Propagandafilme gedreht. Hier wurde ein Volk auf den Krieg eingeschworen. Der Krieg, der die Deutschen auch in die Ukraine führte, wo sie die Zivilbevölkerung ermordeten oder versklavten. Das traurige Schicksal der Völker, die zwischen Deutschland und Russland liegen.
Yaniv sagt: “Dass ich als Jude hier stehen und ganz laut und frei sagen kann, dass Hitler ein Arschloch war, das reicht mir eigentlich schon als Genugtuung.”
Seine Großeltern und Urgroßeltern, die einst vor den Nazis aus Odessa fliehen mussten, hätten es nie für möglich gehalten, dass ihr (Ur-)Enkel einst nach Deutschland fliehen wird, noch dazu ausgerechnet nach Nürnberg, und dass er ein paar Meter neben der Aufmarsch- und Exerzierstraße mit einem Deutschen plaudern und ihm, weil der so in seine historischen Ausführungen vertieft ist, die Pommes vom Pappteller klauen wird.
Ach verdammt, diese Currysauce ist so scharf, das treibt einem richtig das Wasser in die Augen.
Gegen Abend schauen wir noch beim Willkommenszentrum für ukrainische Flüchtlinge am Hans-Sachs-Platz vorbei. Etwa dreißig Menschen stehen zur Registrierung an, sie sind gerade erst vom Bahnhof gekommen. Ein oder zwei Taschen haben sie dabei für ihr neues Leben. Weniger als die meisten von uns für den Urlaub packen.
Es gibt Informationen für Menschen, die Medikamente oder einen Arzt brauchen. Es gibt Essensgutscheine. Man kann sich impfen lassen. Die ukrainische Diaspora scheint unermesslich zu sein, denn überall helfen zwei-, drei-, viersprachige Menschen.
Wieder draußen vor dem Willkommenszentrum erkläre ich meinen Freunden die rechtlichen Feinheiten ihres Aufenthaltsstatus. Als Jurist kämpft man ständig gegen Fehlinformationen von Nichtjuristen, die sich blitzschnell im Internet verbreiten. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Friedens- und Kriegszeiten, das ist eine immerwährende Geißel der Menschheit. Nein, Ihr werdet nicht nach drei Monaten abgeschoben. Nein, Eure Verwandten müssen keine höheren Steuern bezahlen, wenn Sie Euch aufnehmen. Nein, Ihr müsst nicht an dem Ort bleiben, wo Ihr Euch als erstes registriert.
Eine Frau mit Kind kommt näher, hört schüchtern zu. Sie will uns nicht unterbrechen. Aber ich merke, dass sie etwas auf dem Herzen hat, also wende ich mich ihr zu.
“Entschuldigen Sie, dass ich störe,” sagt sie mit sanfter Stimme, “aber ich hätte eine Wohnung für eine Frau aus der Ukraine mit Kind. Kostenlos natürlich. Für ein Jahr. Kennen Sie vielleicht jemanden?”
Sie hat keinerlei Bezug zur Ukraine, kennt niemanden von dort, aber will unbedingt helfen. Wir kennen persönlich auch niemanden, die aktuell eine Wohnung in Nürnberg benötigt, aber wir besprechen die verschiedenen Möglichkeiten der Vernetzung mit Hilfsbedürftigen. Als die Frau, ihr Kind noch immer an der Hand, beiläufig erwähnt, dass sie bereits den ganzen Tag vor dem Willkommenszentrum steht, um ihr Angebot zu unterbreiten, kann sich Nastya nicht mehr zurückhalten.
Jetzt bricht sie in Tränen aus, nicht wegen des Horrors, nicht wegen des Krieges, nicht wegen der Bomben, nicht wegen der Flucht, sondern wegen der unerwarteten Hilfsbereitschaft völlig Fremder. “Ich kann gar nicht glauben, was es für gute Menschen gibt”, murmelt sie immer wieder, und entschuldigt sich dafür, dass sie in der Öffentlichkeit weint. Sie weiß ja nicht, ob das in Deutschland überhaupt erlaubt ist.
Um die Angelegenheit ein bisschen zu verkomplizieren, ist Deutschland jedoch ein föderaler Staat, so dass jedes Bundesland, jeder Bezirk, jede Stadt und jeder Verkehrsverbund seine eigenen zusätzlichen Regeln hat. Ehrlich, das ist noch undurchschaubarer als in diesen dubiosen „Volksrepubliken“ im Donbass. – Aber trotzdem: Holt Euch bitte keinen juristischen Rat von der Großmutter in Kamjanez-Podilskyj, die in einem Internet-Forum etwas von jemandem in Krasnokutsk gelesen hat, dessen Nichte mal einen Anwaltsfilm gesehen hat.
Zu Beginn dieser Serie hatte ich versprochen, dass es nicht jeden Monat um Krieg, Revolution und Grenzverschiebungen gehen würde, sondern auch mal um die leichteren Dinge des Lebens. Um Katzen und Kultur, zum Beispiel.
Deshalb gehen wir heute ins Kino!
Aber Minderjährige bitte nur in Begleitung ihrer Eltern. Oder mit Attest.
Denn vor hundert Jahren, im März 1922, war der Filmstart von Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens. Und war für ein Filmstart das war! Eine wochenlange Medienkampagne mit Zeitungsanzeigen, Großplakaten, Flugblättern, Straßenbahnbeschriftungen und Luftschiffen war vorausgegangen. Und dann die Premiere: In einem Marmorsaal in Berlin, mit Kostümball, mit Tanz, mit Orchester. Wahrscheinlich gab es sogar Zigarren.
Es war der erste deutsche Film, dessen Werbe-Budget höher war als das Film-Budget.
Das ist der Grund, warum der Film so berühmt wurde. Sage ich.
Leute, die sich hingegen wirklich mit Filmen auskennen, sagen etwas anderes. Sie behaupten, Nosferatu sei ein Meisterwerk der Filmgeschichte, ein wegweisender Grab-, wenn nicht sogar Meilenstein. Sie lobpreisen den visuellen Stil, die Bildkomposition, die Lichtsetzung, die Kameraführung, die szenische Gestaltung, die Cadrage, das Spiel mit Licht und Schatten, die Parallelisierung von Körper und Bau im Zusammenspiel von Filmfigur und Architektur, die Spannungsbildung durch transversale Bewegung, die Subjektivierung des Kamerablicks, das teilweise Durchbrechen der vierten Wand, doppelbelichtete Überblendungseffekte, die naturalistischen Landschaftsaufnahmen und die Schauerwirkung durch die Bedeutungsumkehr an sich idyllischer Naturbilder.
Was Leute halt so sagen, wenn sie schlau klingen wollen. Ich persönlich kann da nicht mitreden, weil ich Angst vor Horrorfilmen habe. Und wer sich nicht einmal Buffy, Der kleine Vampir oder Angriff der Killertomaten ansehen kann, der schreckt vor dieser Urform des Horrorfilms erst recht zurück.
Bevor Ihr Euch darüber lustig macht: Seht doch mal, ob Ihr Euch traut.
Ein paar Minuten habe ich reingeguckt, aber der Immobilienmakler Knock ist wirklich so furchteinflößend wie befürchtet. Obwohl es sich um einen Stummfilm handelt, jagt mir sein hämisches Lachen einen Schauer über den Rücken. Nein, das halte ich keine 94 Minuten aus.
Aber in den wenigen Teilen, die ich kreidebleich und zitternd ansehen konnte, war ich überrascht, wie viele der im Film angesprochenen Themen auch heute, genau 100 Jahre später, noch aktuell sind.
So bringt zum Beispiel Graf Orlok, als er mit dem Schiff in Wisborg (gespielt von Wismar) ankommt, Covid-19 in die Stadt. Anders als in den wenigen früheren Horrorfilmen meuchelt das Monster jetzt also nicht mehr nur einzelne Opfer, sondern es stellt eine Gefahr für die ganze Menschheit dar. Nosferatu als Superspreader.
Statt sich gemeinsam und proaktiv gegen das Verderben zu wehren, erstarren die Bewohner in Schockstarre und ergeben sich dem Untergang. Der Epidemiologe Dr. van Helsing wird vollkommen ignoriert. Die Stadträte der DVP (einem Vorläufer der FDP) versagen sich unter Berufung auf Freiheit und individuelle Verantwortung sogar einer Maskenpflicht, die sie als „Fessel“ bezeichnen.
Was mir als begeistertem Tramper gefallen hat, ist, dass der Film eine Lanze für diese ökologisch wertvollen Fahrgemeinschaften bricht. Als Hutter durch die Karpaten streift, hält ganz selbstverständlich eine Kutsche an, die den jungen Mann an sein Ziel, die Arwaburg in der Slowakei, bringt. In der Ära des beginnenden Automobilismus war dies ein wichtiges Statement gegen egoistischen Individualismus, gegen Verschwendung von Ressourcen und für mehr Solidarität.
Wenn ich mir diese Burg so ansehe, bekomme ich tatsächlich Lust, dorthin zu trampen. Ich habe zwar nicht gesehen, wie das im Film endet, aber es wird schon ein Happy End geben. Das läuft ja eigentlich immer so im Kino.
Frappierend aktuell fand ich auch die vielen Szenen, in denen Nosferatu Särge durch die Gegend fährt, schifft und schleppt. Eine eindeutige Anspielung auf die Paketboten unserer Zeit und eine Metapher auf Konsum und Kapitalismus. Die Menschen benötigen gar keine Vampire, weil sie sich selbst aussaugen und ausbeuten, nur um im Keller immer mehr Särge anzuhäufen. (Daher kommt der Begriff „Leichen im Keller“, wenn jemand so viel kauft und bestellt, dass er gar nicht mehr weiß, wohin mit dem ganzen Zeug.)
Ach ja, dieser Nosferatu alias Graf Orlok ist der eigentliche Vampirbösewicht, nicht – wie von mir anfänglich vermutet – der Immobilienmakler Knock. Andererseits, was ist schon der Unterschied zwischen Maklern und Vampiren? Blutsauger sind beide.
Nosferatu wurde gespielt von Max Schreck, dessen Darstellung so überzeugend war, dass sein Name zum geflügelten Wort („Ach, Du Schreck!“) und zum Verb („erschrecken“ als Synonym für ängstigen, entsetzen, schockieren, konsternieren) wurde.
Sogar ins Englische schaffte es das Wort, wenn auch hollywood-typisch verkitscht.
Noch angsteinflößender als Max Schreck war Klaus Kinski, der einem schon das Blut in den Adern gefrieren ließ, wenn er nur friedlich in einer Talkshow saß.
Nur mit Werner Herzog kam er gut zurecht, weshalb jener Kinski als Vampir in der Neuverfilmung Nosferatu – Phantom der Nacht von 1979 besetzte.
Was viele nicht wissen: In den 1990er Jahren wurde Klaus Kinski Bundesaußenminister, weil sich West- und Ostdeutschland auf keinen anderen Kandidaten einigen konnten. Einmal, es muss 1998 während der UNO-Generalversammlung in New York gewesen sein, habe ich (ganz links, passend zu meiner politischen Einstellung) ihn (vierter von rechts) sogar getroffen.
Das wirft (mindestens) zwei Fragen auf: Warum war ich mit 23 Jahren wichtiger als ich jetzt bin? Und warum hat mir damals niemand gesagt, wie sponkig meine Brille aussieht? (Ich habe übrigens noch immer die gleiche, obwohl die Dioptrien gar nicht mehr passen. Aber leider zahlt die Krankenkasse keine neue Brille, weil sie stattdessen irgendwelche blöden Yoga-Globuli zahlen muss.)
Zurück zum Film. Die Handlung (junger Mann fährt in die Karpaten, um dort einen Immobiliendeal mit einem Grafen abzuschließen, bemerkt aber, dass dieser ein Vampir ist, und so weiter) kommt Euch vielleicht bekannt vor. Genau, es ist die gleiche Geschichte wie in dem Roman Draculavon Bram Stoker, erschienen 1897.
Das versuchten die Produzenten von Nosferatu gar nicht zu verbergen, sondern wiesen im Vorspann darauf hin: „Nach dem Roman Dracula – von Bram Stoker. Frei verfaßt von Henrik Galeen.“ Die Produktionsfirma Prana-Film GmbH, für die Nosferatu der erste Film war, hatte eine Menge Geld für Werbung, für Zigarren, für Champagner und allerhand Flitter und Tand ausgegeben, um dem Klischee von den Goldenen Zwanzigern zu entsprechen, aber eines hatten sie übersehen: Einen Juristen.
„Das wäre dann der dritte Blutsauger“, höre ich jemanden ulken. Aber das wäre ein billiger Scherz, und solche sind hier nicht geduldet.
Vor der Produktion eines Films wäre es, wie überhaupt in den meisten Lebenslagen, angebracht, sich mit einem Juristen zu unterhalten. Wenn die Filmleute mich konsultiert hätten, so wäre dies mein Rat gewesen:
Wenn Ihr einen Film basierend auf einem Buch macht, dann müsst Ihr Euch mit dem Autor einigen. Oder Ihr müsst die Geschichte so verfremden, dass Ihr glaubhaft machen könnt, sie sei Euch unabhängig davon eingefallen. Aber auf keinen Fall solltet Ihr so bescheuert blöd sein, im Vorspann das Buch anzugeben, aus dem Ihr geklaut habt!!
Und für diese fundierte Beratung hätte ich nicht einmal viel verlangt, sondern nur um eine kleine Komparsenrolle gebettelt. Als ich noch Rechtsanwalt war, bin ich so an einen Auftritt im Tatort gekommen. In der Folge 624 „Feuerkämpfer“ seht Ihr mich in zwei klitzekleinen Auftritten, die nicht nur nicht der Rede wert waren, sondern bei denen ich tatsächlich kein Wort sagen durfte. Der Film spielte nämlich in Hamburg, und ich habe leider einen bayerischen Akzent. (Diese Filmleute sind wahnsinnig professionell und achten wirklich auf alles.) – Schon zum zweiten Mal frage ich mich, warum mein Leben früher spannender war. UNO, ARD, u.s.w. Und jetzt hocke ich hier und schreibe einen Blog. Wie so ein alter Mann, der sich im Park neben einen setzt und ungefragt seine Lebensgeschichte erzählt.
Aber der Prana-Film GmbH ging es nicht besser.
Bram Stoker war schon tot. (Das passiert oft bei Menschen, die sich zu sehr mit Vampiren beschäftigen.) Urheberrechte sind jedoch vererblich. Florence Stoker, die Witwe des Dracula-Autors, war weniger anwaltsscheu und verklagte die Prana-Film GmbH wegen Urheberrechtsverletzung. Sie gewann, denn „aber wir haben doch die Namen verändert“ ist keine gute Verteidigung gegen eine Urheberrechtsklage. Vor allem wenn, siehe oben, die Beklagte im Film zugibt, sich an anderer Quelle bedient zu haben.
Fünf Monate nach der Premiere ging die Prana-Film GmbH in Konkurs. Nosferatu sollte ihr einziger Film bleiben.
Das Gericht ordnete auf Antrag von Frau Stoker die Vernichtung aller Kopien des Filmes an. Das ist nach § 98 I 1 UrhG eine der möglichen Folgen einer Urheberrechtsverletzung, und es war immer eine Riesengaudi, wenn ich das in einem Fall durchgesetzt hatte. Man trifft sich dann mit dem gegnerischen Rechtsanwalt auf einem Schrottplatz, er lädt einen LKW voll DVDs oder Büchern aus, und man zündet sie an. Also, wenn Ihr schon immer Hexe werden und ums Feuer tanzen wolltet, aber dafür keinen Studienplatz bekommen habt, studiert einfach Jura und spezialisiert Euch danach auf das Recht des geistigen Eigentums.
Es dürfte diesen Film also gar nicht mehr geben.
Wie kommt es dann, dass Ihr – wenn Ihr nicht so viel Schiss habt wie ich – Nosferatu jetzt trotzdem ansehen könnt? Tja, zum Zeitpunkt des Rechtsstreits waren einfach schon zu viele Kopien des Filmes in alle Welt gelangt. Sie liefen in Kinos von Casablanca bis Cochabamba, von Turku bis Timbuktu, und wahrscheinlich sogar in den dubiosen Kinos von Valletta und Salvador.
Weil die Kopien weitergereicht, weiterverkauft, ausgeliehen und teilweise unerlaubt kopiert worden waren, hatte nicht einmal mehr die Prana-Film GmbH den Überblick. (Außerdem war sie ja in Konkurs, also war ihr das alles sowas von schnuppe. Sie wollte eigentlich nur bei den Oscars abräumen, aber die wurden erst 1929 erfunden.) Und selbst wenn man recherchieren hätte können, in welchen Kinos der großen, weiten Welt noch eine Rolle Nosferatu im Projektor summte, so waren nicht alle Staaten der Berner Übereinkunft, einem völkerrechtlichen Vertrag zur internationalen Anerkennung von Urheberrechten, beigetreten. Es gibt viele Länder auf der Welt, die das noch immer ziemlich locker sehen. – Und so wurde der Film, entgegen der gerichtlichen Anordnung, zu einem Untoten.
Aber jetzt genug des juristischen Exkurses. Ihr seid ja hier wegen der Vampire.
Ich glaube, ich habe nicht nur aus ästhetischen und nervlichen Gründen etwas gegen Dracula und Konsorten, sondern auch, weil ich ein Jahr in Rumänien gelebt habe. In Transsilvanien. Da habe ich sehr schnell gemerkt, wie nervig es ist, wenn Besucher oder Freunde in aller Welt ständig mit lahmen Vampirwitzen aus dem Sarg klappen. Echt, Leute, das ist nicht kreativ! (Ich will mir gar nicht vorstellen, was sich die Menschen auf den Jungfern- und den Sandwich-Inseln für lahme Scherze anhören müssen.)
Diese „Witze“ sind besonders nervig, weil der Mythos des gefährlichen Transsilvaniens in den dunklen Karpaten von Bram Stoker geschaffen wurde, der nie in Rumänien war, sondern im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Irland lebte. Irland war zu Stokers Lebzeiten noch nicht unabhängig. Das passierte erst 1921/1922, also mithin genau im aktuellen Brennpunkt dieser kleinen Geschichtsreihe. Aufgrund der für mich unüberschaubaren Komplexität des irischen Freiheitskampfes habe ich das Thema bisher jedoch gescheut. Wenn jemand von Euch sich dazu berufen fühlt, Hände hoch! (Ich müsste mir die grüne Insel ja auch erst einmal selbst ansehen. Denn mir fällt gerade schmerzhaft auf, dass ich noch nie dort war. Und ich will ja nicht so einen Stuss schreiben wie dieser Stoker.)
In Nosferatu sagt Hutter „Ich reise weit fort in das Land der Diebe und Gespenster“ und bedient damit die noch immer gängigen Klischees gegenüber Osteuropa. Dass es gefährlich und arm und wild sei. Die typischen antislawischen Vorurteile eben, in deren Tradition auch die Ausbeutung osteuropäischer Arbeiter steht.
Der Roman Dracula erschien in Rumänien übrigens erst 1990, also fast hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung. Die absurde Geschichte, dass es dort Vampire gäbe, war in Rumänien gar nicht bekannt. Ab den 1960er Jahren öffnete sich Rumänien für den westlichen Tourismus, und plötzlich kamen da Literaturtouristen mit Knoblauch und Kruzifix im Gepäck, auf der Suche nach Schloss Dracula.
Zuerst wussten die Rumänen nicht, was die doofen Westler wollten. Dann erklärten sie ganz geduldig und immer wieder, dass es kein Dracula-Schloss gäbe, weil Dracula eine fiktive Figur sei. Nein, es gäbe hier keine Vampire. Ja, man habe fließendes Wasser und Elektrizität. Nein, niemand tränke Blut. Ja, die Kinder gingen zur Schule. Nein, der Friedhof auf dem Hügel stamme aus dem Zweiten Weltkrieg.
Nur ein Rumäne dachte größer, weiter, schneller: Alexandru Misiuga. Als mal wieder drei Amerikaner vor ihm standen und das Dracula-Schloss suchten, ließ er sich die Geschichte erzählen. Jonathan Harker, die Romanfigur in Dracula, besucht im Buch Bistritz und fährt dann über den Borgo-Pass zum Schloss des Grafen Dracula.
Misiuga war Direktor des Tourismusamtes in Bistritz und dachte sich: „Da mach ich was draus!“ Er beantragte beim Tourismusminister die Genehmigung für den Bau eines Hotels am Borgo-Pass. Dabei musste er jedoch Dracula verschweigen, denn das Buch war in Rumänien verboten. Also erfand er Geschichten von Skitourismus und solchen Sachen und bekam schließlich die Genehmigung. Natürlich kamen die Touristen wegen Dracula.
Allerdings fahren heute die meisten Dracula-(Be)sucher nach Bran. Dort steht eine Burg, die absolut null und nichts mit Dracula zu tun hat. Wie sollte sie auch? Schließlich gab es keinen Dracula. Aber diese Burg ähnelt derjenigen, die Bram Stoker in seinem Buch beschrieben hat. Mittlerweile hat die Burg aufgegeben, sich dagegen zu wehren, vermarktet sich selbst als Dracula-Burg und verkauft Dracula-Tassen, -Mützen, -Mousepads und all den Schrott, vor dem Nosferatu uns warnen wollte.
Als ich in Rumänien wohnte, erzählte eine Freundin von den „Strigoi“, also Untoten. Das sind aber keine Vampire. Sie beißen niemanden, sie trinken kein Blut, sie stehen nur aus dem Grab auf und machen ein bisschen Unfug oder nehmen Rache an jemandem, der ihnen geschadet hat. Deshalb öffnet man einen Mondzyklus nach der Beerdigung nachts das Grab und hackt der Leiche sicherheitshalber den Kopf ab. Oder treibt einen Pfahl ins Herz. Oder schneidet das Herz heraus und verbrennt es. Wenn ich wolle, könne sie sich umhören, und vielleicht könnten wir da mal zusehen.
Ich lehnte dankend ab.
Denn was ich gelernt habe aus Nosferatu: Wenn dich eine Frau bis zum Morgengrauen wach halten will, dann kannst du ihr nicht trauen.
Und was Ihr gelernt habt: Wie man über einen Film schreibt, den anzusehen man sich nicht traut.
Und weitere Berichte aus dem Dracula-geplagten Rumänien.
Wenn Ihr dieses Mal wieder etwas dazugelernt habt, freue ich mich über Eure Unterstützung für diesen Blog. Vielleicht kann ich dann zum ersten Mal seit zwanzig Jahren meine Brille updaten.
Normalerweise schreibe ich über Städte, um Euch zu motivieren, diese selbst zu besuchen. Im Falle von Odessa, der ukrainischen Hafenstadt am Schwarzen Meer, die, wie Ihr sehen werdet, so viel mehr ist als eine Hafenstadt, kommt das vielleicht zu spät. Womöglich wird Odessa das nächste Ziel russischer Raketen und Bomben.
Ich war im Januar 2020 in Odessa, nach meiner Zeit in Kiew und einem Zwischenstopp in Uman. Der Bericht beruht weitestgehend auf Tagebuchnotizen, die ich damals vor Ort gemacht habe, und vermittelt deshalb das Bild von damals. Nur ganz vereinzelt werde ich aktuelle Bezüge aus dem Krieg von 2022 einstreuen, denn es soll ein persönlicher, subjektiver Bericht bleiben. Die Erinnerung an eine Stadt, in der so viel mehr zerstört werden wird als Gebäude, Katzen und Menschenleben.
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Manche Menschen sehen Fotos von einer Inka-Ruine, von einem Eiffelturm oder von einem Matterhorn und wissen: „Da muss ich hin!“
Mein Gehirn funktioniert eher sprachlich als visuell, und so sind es die Namen von Städten, die mich – ohne sonst irgendetwas über die Orte zu wissen – zum Träumen bringen: Timbuktu. Samarkand. Damaskus. Jerusalem. Buxtehude. Und eben Odessa.
Man kann es beim Träumen belassen, dann werden die Illusionen und das Weltklima nicht zerstört. Aber wenn ich schon in der Ukraine bin, dann kann ich Odessa nicht einfach links liegen lassen, egal wie weit es geographisch vom Schuss liegt. (Eine Formulierung, mit der ich auf den Krieg in der Ostukraine anspielte, und wahrscheinlich schon damals nicht lustig.)
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Wer in Odessa mit dem Zug ankommt, wird stilvoll empfangen: Jeder Fernzug wird mit aus allen Lautsprechern plärrender klassischer Musik begrüßt. Es gibt nichts besseres, als mit Tschaikowsky aufzuwachen, wenn man schlaftrunken aus dem Schlafwagen torkelt und in einer neuen Stadt aufschlägt, von der man, wenn man ehrlich ist, noch gar nichts weiß.
Die zweite Überraschung ist der Schriftzug am imposanten Bahnhofsgebäude: „Willkommen in Odessa, der Heldenstadt!“ Eine von Stalin im Zweiten Weltkrieg verliehene Ehrung (mehr dazu in Kapitel 47), darunter der Lenin-Orden, darüber die ukrainische Flagge. Am Portal sind die Jahreszahlen 1905, 1917 und 1944 angebracht, für die Russische Revolution, die Oktoberrevolution und die Befreiung Odessas durch die Rote Armee.
Im Bahnhofsrestaurant, das den Charme der 1960er Jahre versprüht, sehen einem Rotarmisten zwischen Hammer und Sichel zu, während man mit Messer und Gabel einen Rotkohlsalat vertilgt.
Das passt alles nicht zu der russischen Propaganda, die Ukraine sei ein Land von Nazis und Faschisten. Es zeigt aber auch die ukrainische Ambivalenz zur Sowjetunion. Und es verwirrt westliche Leser, die selten einen Unterschied zwischen der Sowjetunion und Russland machen und ganz erstaunt sind, dass es östlich von Polen so viele verschiedene Staaten, Völker, Kulturen, Sprachen und Geschichten gibt.
Die Verwirrung wird im Folgenden nicht geringer werden, fürchte ich. Aber wer gerne seine Vorurteile über Bord wirft, der möge mir folgen auf diesem Spaziergang durch Odessa.
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Es ist der 13. Januar, aber in dem Keller, der für eine Woche meine Wohnung sein wird, brennen noch die elektrischen Kerzen am Weihnachtsbaum.
„Nach dem alten Kalender ist heute Neujahr„, erklärt Vadim, übrigens in sehr gutem Deutsch, das er erlernt hat, ohne je in Deutschland gewesen zu sein. Eigentlich vermietet seine Frau die Ferienwohnung, aber wenn er sieht, dass ein Gast aus Deutschland kommt, dann will er seine Sprachkenntnisse wieder praktizieren.
„Es ist gut, dass du eine ganze Woche in Odessa bleibst. So viel Zeit braucht man schon für die Stadt.“ Außerdem seien die Preise für den Keller jetzt in eben jenem, während sie sich im Sommer vervierfachen. Die Ukraine ist nach dem Ende der Sowjetunion anscheinend in die Fänge einer grausamen Marktwirtschaft geraten.
Ich frage Vadim, ob er für Sommer schon ausgebucht sei. „Es läuft gut“, sagt er diplomatisch und erklärt ganz unpatriotisch: „Früher fuhren die Leute im Sommer auf die Krim. Doch seit der Annexion durch Russland geht das nicht mehr. Also kommen sie nach Odessa.“
Kiew ist weit weg, Moskau noch weiter.
Ob hier der Rubel oder die Hrywna rollt, das ist den Geschäftstüchtigen egal.
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Überall wird gebaut, gesägt und gehämmert. Weit draußen vor der Altstadt werden hässliche Hotels hochgezogen. In der Altstadt wird liebevoll restauriert. Das Trambahnnetz wird erweitert.
Dieses Gebäude gegenüber der Verklärungskathedrale war vor fünf Monaten noch verfallen, sagen mir die Leute.
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Die Kathedrale selbst musste auch ein bisschen renoviert werden. Sie war 1936 auf Befehl Stalins gesprengt worden.
Aber davon sieht man jetzt nichts mehr.
Der Soborna-Platz mit der Verklärungskathedrale liegt gleich um die Ecke meiner Kellerwohnung, so dass ich hier zu jeder Tages- und Nachtzeit vorbeikomme. Selbst bei Temperaturen um die null Grad spielen die Männer Schach.
Den Park, in dem die Frauen Schach spielen, habe ich noch nicht entdeckt.
Aber vielleicht finden die Frauen hier das Schachspiel einfach zu unweiblich. Ukrainische Frauen, zumindest die jungen, unverheirateten, halten viele Aktivitäten für unweiblich: Türen öffnen, einen Fahrschein kaufen, Cola-Dosen öffnen, sich beim Bedienungspersonal bedanken und – ein absolutes Tabu – Restaurantrechnungen bezahlen.
Echt, viele Frauen hier haben so einen Prinzessinnenkomplex, dass man ihnen nur das Schicksal der Romanows wünschen kann. Normal sind hier allenfalls diejenigen, die in der Sowjetunion sozialisiert wurden, als Frauen noch Traktoristinnen, Kosmonautinnen und Chemikerinnen sein durften.
Aber genug der Gesellschaftskritik, Ihr wollt etwas von der Stadt sehen.
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Leute, die noch nicht in Odessa waren, fragen immer, ob die Stadt eher ukrainisch oder eher russisch geprägt sei. Bei meinem ersten ziellosen Spaziergang formt sich langsam die Antwort auf diese Frage: Weder noch.
Die Oper ist österreichisch und spielt Iolanta auf Russisch, Il Barbiere di Siviglia auf Italienisch und Carmen auf Französisch.
Die Mendelevich-Passage gegenüber dem Soborna-Platz könnte so in Mailand oder in Florenz stehen.
Die Paläste sehen aus wie in Venedig, Bukarest oder Paris.
Gegründet wurde die Stadt unter der deutsch-russischen Kaiserin Katharina II., der erste Gouverneur war ein Spanier mit irischen Wurzeln, der zweite ein Franzose. Der Hafen blickt nach Constanța und Konstantinopel.
Odessa, so weit aus dem Blickfeld der meisten Europäer, ist eine durch und durch europäische Stadt. „Wien, wie es nie war, aber am Meer“, nennt es der Fotograf David Staretz in einem aktuellen Bildband über diese wahrhaft bildbandwürdige Stadt.
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Auf dieser Reise ist etwas Schlimmes passiert. Ich habe noch mindestens eine Woche vor mir, aber alle Bücher sind bereits ausgelesen und verschenkt, zuletzt ein erhellendes Buch über die ukrainische Geschichte von Serhii Plokhy, The Gates of Europe. Jetzt ist der Rucksack leichter, aber das Gehirn lechzt nach Lesestoff.
Als ich aus dem Bahnhof trete, erkenne ich das Titelbild: die örtliche Filiale der staatlichen Eisenbahn und die Kathedrale für den Großmärtyrer und Nothelfer Panteleimon.
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Odessa ist keine alte Stadt, das erkennt man am schachbrettartigen Stadtplan, der offensichtlich von New York raubkopiert wurde.
Erst 1794 wurde die Stadt gegründet, aber spätestens 1815, als man hier den Duty-Free-Hafen erfand, begann der Boom. Aus ganz Europa kamen die Menschen, um hier zu arbeiten, um Geschäfte zu machen, um neu anzufangen, um sich freier zu fühlen, um Pogromen zu entkommen, um zur See zu fahren oder um sich vor Pinkerton oder Hercule Poirot zu verstecken.
Kiew ist weit weg, Moskau noch weiter.
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In der Sjerova-Straße sitzt der Krankenwagenfahrer, dessen Uniform ihn eher wie einen Mechaniker aussehen lässt, auf dem Bordstein und raucht eine Zigarette. Entweder er wartet auf die Sanitäter mit Trage, oder der Krankenwagen ist kaputt.
Bei vielen Autos frage ich mich, ob die noch einmal fahren werden.
Oder ob sie im Diukivsky-Park als Grill enden.
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Der Diukivsky-Park ist eigentlich nicht weit vom Zentrum. Wenn man vom Busbahnhof in die falsche Richtung geht, ist man schon da. Und auch mit der Tram, Linie 12 oder 15, kommt man leicht hin.
Ein junges Mädchen macht Fotos von ihrer hübschen Freundin in gelb-ockerfarbenem Pullover und in Model-Pose. Ob ich mit meinem Notizbuch und der Zigarre absichtlich den Hintergrund dafür bilde oder ob sie mich gar nicht bemerken, bleibt unklar. Ein paar einsame Kinderwägen werden hin- und hergeschoben. Aber ansonsten ist nicht viel los hier.
Dabei wäre so viel geboten: Ein Wasserschloss, eine Kartbahn, ein Theater und, direkt neben dem See für Familienausflüge, das Hauptquartier des Rockerclubs Bandidos. Vielleicht trauen sich derentwegen nicht zu viele Leute in den Park. Dabei sitzen die wirklichen Banditen in Odessa anderswo, aber mehr dazu in Kapitel 16.
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Der Bauboom erklärt, warum ich auf dem Starokonny-Markt nicht, wie erhofft, „Die weiße Garde“ oder „Das hündische Herz“ von Michail Bulgakow finde, sondern nur Bohrmaschinen, Sägeblätter, Gummistiefel, Teppichkleber, Schleifpapier, Fliesen, aber auch Kanarienvögel und Nachtsichtgeräte.
Hier gibt es fast alles, aber nichts, was ich brauche.
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Auf dem Sofiyivska-Boulevard kommen mir vier Studenten der Marineakademie entgegen, in viel zu langen und weiten schwarzen Mänteln mit goldenen Knöpfen, mit großen schwarzen Pelzmützen. Wie Kinder, die die Uniformen ihrer Väter ausführen, sehen sie aus. Wie Kinder, die Krieg spielen, würde man anderswo sagen. Aber hier ist Krieg.
Und da fällt mir endlich ein, woher ich Odessa kenne, ohne je hier gewesen zu sein: „Panzerkreuzer Potemkin“, ein Stummfilm von 1925 und aus irgendwelchen Gründen ein Filmklassiker, spielt hier und wurde hier gedreht. Wie gut, dass ich den Film noch nicht gesehen habe, denke ich mir und suche ein Kino.
Die Kinos, bei denen ich vorbeikomme, zeigen allerdings nur Star Wars IX, Jumanji und Cats. Nichts mit Schiffen. Dann muss ich ihn eben auf YouTube gucken. Die Sowjetunion wird es mit der Durchsetzung des Urheberrechts schon nicht so eng sehen, wenn man sich einmal einen alten Revolutionsschinken ansieht.
Ich gehe zurück zu meiner Wohnung, zu der man durch einen langen Torbogen, quer durch einen Innenhof, über einen kleinen Gartenzaun und die Treppe hinab in den Keller gelangt. Das ist so eine Wohnung, die in Friedenszeiten niemand haben will, die aber in Kriegs- oder Revolutionszeiten wegen ihrer versteckten und geschützten Lage Leben retten kann. Ob wir gerade Krieg oder Frieden haben, ist schwer zu sagen. „Eingefrorener Konflikt“ nennen die Politikwissenschaftler so etwas wie derzeit im Donbass, aber dafür fallen dann doch ein bisschen viele Schüsse. Andererseits, in Odessa ist ganz normales Leben.
Wer jedenfalls einfriert, das bin ich. Als Vadim mir die Wohnung gezeigt hatte, dachte ich, er hätte aus Versehen den Herd angelassen. Jetzt merke ich, dass er nur dadurch den Anschein erwecken konnte, man könne hier im Januar überleben. Wasserkocher, Tee und Tütensuppen werden schnell zu meinen besten Freunden.
Und das warme Bett, in dem ich mich am Abend durch 72 Minuten potemkinsches Panzerschiff quäle.
Ich glaube, der Film ist nur deshalb so berühmt, weil die Szene des Massakers auf der Treppe – und insbesondere der davon unbewegt herabrollende Kinderwagen – dutzendfach kopiert wurde.
Auf jeden Fall weiß ich jetzt: Diese Treppe muss ich finden!
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Aber erst einmal treffe ich Yaniv.
Wir hatten uns kennengelernt, als wir beide in Târgu Mureș in Rumänien lebten. Angeblich studiert er jetzt in Odessa Medizin, aber ich habe den Eindruck, er beschäftigt sich mehr mit Kulinarik. Während wir durch die Stadt gehen, kann er zu jedem Restaurant, jeder Bar und jedem Dönerstand einen Kommentar abgeben: „Hier gibt’s die besten Burger, aber leider ein bisschen teuer. Das gönne ich mir nur zu meinem Geburtstag.“
„Wo wohnst du?“ fragt er mich.
„In der Dvorianska.“
„Welche Nummer?“
„Sieben.“
„Oh, da ist direkt gegenüber das ‚Merry Berry‘. Die haben fantastischen Frappuccino mit Erdbeerschaum und Oreos.“
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Da, ist das die berühmte Potemkinsche Treppe? Sogar mit einer Flasche Odessa-Schaumwein für den ehrlichen Finder.
Sie ist es nicht, muss ich geknickt zugeben.
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Im „Molodost“ trinken wir Bier aus Einweckgläsern. Kein Tippfehler, ich meine wirklich Einweck, nicht Einweg. Das kommt davon, wenn die Oma jedes Gurkenglas aufhebt, „weil man nie weiß, wann man das mal brauchen kann“. Irgendwann ist der Keller voll, und der Enkel muss eine Bar aufmachen.
Wie so oft, vergesse ich meinen Schal in der Kneipe. Ach, was ich weltweit schon an Schals, Mützen und Handschuhen vergessen habe, damit könnte man ein ganzes Bataillon ausrüsten. Ich kaufe mir solche nervigen Kleidungsstücke gar nicht mehr, weil sie nach einer Woche eh weg sind.
Jedenfalls merke ich es erst nach einer Stunde Spaziergang durch die abendliche Stadt. Weil das Molodost nicht weit von meiner Wohnung liegt, schaue ich noch vorbei. Die Kneipe ist jetzt rappelvoll, aber mein Schal liegt auf dem Tisch. Jemand hat ihn hübsch zusammengefaltet.
Scheint eine ehrliche Stadt zu sein.
Das fällt mir in den nächsten Tagen auch immer auf, wenn ich die Straßenbahn nehme. Man zahlt hier nicht beim Einsteigen, sondern beim Aussteigen. Natürlich könnte man auch einfach hinten aussteigen oder hoffen, dass der Fahrer im Passagiergewimmel nichts mitbekommt. Aber warum unehrlich sein, wenn die Fahrt 5 Hrywna kostet? Das sind etwa 15 Cent.
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Sogar die Hunde sind hier ehrlich. Dieser hat ein Portemonnaie gefunden und trägt es zum Fundamt.
Weil das Fundbüro im Rathaus ist, kann es allerdings passieren, dass die Geldbörse dort „verloren geht“. Denn der Bürgermeister, Gennadi Truchanow, sitzt gerade wegen millionenschweren Betrugs, Geldwäsche, Untreue, Amtsmissbrauch in Untersuchungshaft. Aber er bleibt natürlich Bürgermeister.
Praktisch so wie Joachim Wolbergs in Regensburg.
Und plötzlich erklärt sich mir eine Wandmalerei, die ich links von der Sankt-Pauls-Kirche gesehen habe und die eine Städtepartnerschaft zwischen den beiden Ganoven(städten) besiegelt.
Die Sache ist übrigens noch viel dubioser als gedacht, und diese Enthüllung gibt es hier und jetzt exklusiv auf diesem Blog. Seht selbst: Das eine ist der korrupte Bürgermeister von Odessa, das andere ist der korrupte Bürgermeister von Regensburg. Gennadi Truchanow und Joachim Wolbergs.
Na, fällt Euch etwas auf?
Genau: Das ist ein und derselbe! Dieser Typ ist so dreist, er regiert nicht nur gleichzeitig in zwei Städten in zwei Ländern als Bürgermeister. Er betrügt, stiehlt und plündert nicht nur in zwei Städten in zwei Ländern. Nein, er hat auch noch eine Städtepartnerschaft initiiert, um zwischen Regensburg und Odessa auf Steuerzahlerkosten hin- und herzufliegen.
Falls Ihr jetzt denkt „Das gibt’s doch nicht!“, dann sucht mal nach einem Foto, das die beiden zusammen zeigt. Das gibt es nämlich wirklich nicht. Und das ist für die Bürgermeister zweier Partnerstädte schon äußerst suspekt, oder?
Übrigens müsst Ihr Euch um den Herren keine Sorgen machen: Als Wolbergs wurde er nur zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Und als Truchanow kam er im Oktober 2021 auf freien Fuß, weil jemand eine Kaution von einer Millionen Euro für ihn hinterlegte. Und zwar ein Parlamentsabgeordneter, der im Privatberuf Milliardär ist. So etwas ist in der Ukraine normal, wie man aus Andrej Kurkows Roman „Pinguine frieren nicht“ kennt. Absolut empfehlenswert, aber lest zuerst „Picknick auf dem Eis“.
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Die Geschichte der beiden Gauner, die vielleicht nur ein Gauner sind, könnte aus der Feder der zwei größten Schriftsteller Odessas stammen, die vielleicht nur ein Schriftsteller waren: Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, die immer zusammen als Ilf und Petrow schrieben und veröffentlichten. Wie das gehen soll, kann sich niemand vorstellen, aber das Ergebnis überzeugt.
Wie jede Stadt, so hat auch Odessa eine Reihe von Denkmälern für Generäle, Bürgermeister, Entdecker und Schriftsteller. Aber das beliebteste ist ein Denkmal für einen Roman: „Zwölf Stühle“ von dem dubiosen Duo Ilf und Petrow.
Es ist eine Gaunerkomödie über einen versteckten Juwelenschatz, um den sich der rechtmäßige Erbe, ein raffgieriger Priester (wie wenn es auch andere Priester gäbe) und der gewitzte und charmante Ganove Ostap Bender eine ereignisreiche Jagd liefern. Eines der lustigsten Bücher der sowjetischen Literatur!
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An anderer Stelle gibt es Denkmale für die Elektrizität sowie für Elektriker. Wahrscheinlich spielen sie auf die Oper „Die Elektrifizierung der Sowjetunion“ an.
Ich bin kein Freund von Opern. Aber wenn es unbedingt sein muss, Gesang, Musik und Herumhüpfen zu vermengen, dann wünsche ich mir so lebensnahe Themen wie die Elektrifizierung des Landes, den Bau des Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanals oder die Mechanisierung der Landwirtschaft.
Ist das noch Verismus oder schon Proletkult?
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Dummkunst sind jedenfalls diese Bänke in Buchform im Taras-Schewtschenko-Park.
Klar, das sieht witzig und kreativ aus. Aber man kann auf diesen blöden Bänken einfach nicht angenehm sitzen, geschweige denn schlafen. Das ist so eine Schnapsidee von Leuten, die selbst kein einziges Mal stundenlang lesend auf einer Parkbank saßen.
Und viel wichtiger wäre eine Buchhandlung, verdammt nochmal.
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Als Yaniv und ich beim Cooper Burger vorbeigehen, sagt er: „Hier gibt es montags zwei Burger für den Preis von einem. Und gut sind sie auch.“
Ich: „Heute ist Montag.“
Wir stellen unverzüglich fest, dass wir beide Riesenhunger haben, und die Entscheidung ist gefallen.
Es tut gut, sich mit jemandem zu treffen, der auch ein sparsamer Student ist, anstatt ständig Empfehlungen für die teuersten Restaurants vorgesetzt zu bekommen, weil in der Ukraine der Irrglaube vorherrscht, alle Westeuropäer seien reich.
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Ach ja, Ihr wollt das Meer sehen, oder?
Schließlich kommen die meisten Besucher deshalb nach Odessa. Ich selbst bin nicht so ein Wasser-Freund, aber dann gehe ich für Euch, hochverehrte Leserschaft, halt mal an den Strand.
Zwei Jahre später werden am selben Strand Sandsäcke gefüllt, um die Stadt vor russischen Bomben, Granaten und Raketen zu schützen.
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Da, ist das die berühmte Potemkinsche Treppe?
Stolz über die Entdeckung schreite ich sie hinauf, hinab, hinauf, bis mir ein- und auffällt, dass die echte Potemkinsche Treppe nicht so weit außerhalb, sondern mitten in der Stadt liegen sollte.
Nun gut, ich werde weitersuchen.
Aber erst einmal eine Pause. Ich versuche, eine Katze vom Baum herunter zu locken, aber anscheinend habe ich die ukrainischen Wörter für Katze („kitty“) und Hund („chewbacca“) verwechselt, denn statt ersterem kommt letzteres. Der sieht aber auch so aus, wie wenn er das Mittagsmahl dringender nötig hätte.
Na gut, ausnahmsweise teile ich auch mal mit einem Hund.
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Ist Euch aufgefallen, dass die Katzen in Odessa allesamt sehr wohlgenährt aussehen?
Entweder es liegt am Hafen, wo immer Fisch abfällt. Oder die Leute hier sind einfach nett und stellen die Reste ihres Abendessens in den Hof.
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Die Tierliebe zeigt sich auch an der Infrastruktur: Größere Parks haben Veterinärsstationen, wo man seine Tiere zur Inspektion oder Reparatur hinbringen kann bzw. wo diese, wenn sie selbständig genug sind, von sich aus und ohne Anmeldung vorbeikommen können.
Nicht zu verwechseln mit dem Veterinär ist der Veteran, der nicht weit davon erschöpft und nachdenklich im Park sitzt. Den Jahreszahlen entnehme ich, dass er in Afghanistan war.
Und jetzt hat ihn der Krieg im eigenen Land eingeholt.
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Weiter südlich werden Wetter und Wellen rauher und tosender. Am Morgen hätte man vergessen können, dass Januar ist, aber jetzt peitscht einem der Wind knallhart den Kalender ins Gedächtnis.
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Die Kirchen in Odessa sind eher klein, unauffällig, fast versteckt. Wie Reihenhäuser zwischen den viel prächtigeren Hotels, Banken und Handelskontoren.
Oder vielleicht sollte ich sagen: weniger christlich. Denn Odessa war immer auch eine jüdische Stadt. Die drittgrößte jüdische Gemeinde der Welt, nach New York und Warschau. Mehr als 40 Synagogen. Die meistgesprochene Sprache in Odessa war Jiddisch.
Bis die Nazis und ihre rumänischen Kumpanen kamen. Wobei, das sollte nicht verschwiegen werden, auch Ukrainer mit den Nazis kollaborierten. Was manche Ukrainer, auch wenn das Land insgesamt diese Episode am liebsten totschweigen würde, immer noch so richtig dufte finden.
Viele ehemalige Synagogen verfallen.
In den wenigen noch aktiven sind die Nachwuchssorgen so groß, dass sie jüdischen Studenten für den Besuch von Vorträgen sogar Geld anbieten: 100 Hrywna für einen langweiligen Vortrag über Levitikus.
Yaniv hat es einmal ausprobiert, aber „die Stimmung dort war mir zu Gestapo-mäßig. Die haben sich aufgeregt, weil ich mich nebenbei am Handy auf Wikipedia weitergebildet habe.“ Er ist Experte für schiefe historische Vergleiche.
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Am Morgen weckt das Hafenradio die Stadt. Aus den Lautsprechern schmalzt Leonid Ossipowitsch Utjossow, der als Odessit natürlich Odessa besingt.
Aber neben einigen Busfahrern und Straßenkehrern scheine ich der einzige zu sein, der sich so früh aufwecken lässt. Überhaupt hat Odessa einen anderen Rhythmus. Wenn man sich hier mit Menschen zum Frühstück verabredet, dann fragen sie: „Also um halb eins oder um ein Uhr?“ Wenn ich 9 oder 10 Uhr vorschlage, höre ich immer, das sei viel zu früh.
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So ist auch das Museum für Moderne Kunst um 12 Uhr noch geschlossen. Man könnte sich die Zeit mit einem geopolitischen Basketballspiel vertreiben, aber ich komme stattdessen mit zwei Frauen ins Gespräch, die ebenfalls auf Einlass warten. Alexandra ist Juristin, Psychotherapeutin, Lektorin, Dozentin, attraktiv und intelligent. Anna eher weniger.
Als das Museum endlich die Tore öffnet, erspähen wir in einem Raum ein Künstlerpaar, das gerade unwillig vom Nachtlager aufsteht, und wir riechen die ungewaschenen Socken. Naja, wahrscheinlich Flüchtlinge aus der Ostukraine, da muss man tolerant sein.
Eine Ausstellung feiert Wolodymyr Strelnikow, einen Maler aus Odessa, der seit seiner Verbannung 1978 in München lebt.
Und ansonsten Objekte und Ideen, die man in einem Museum für Moderne Kunst eben so findet: Aus mechanischen Teilen gefertigte Kunstwerke, zu denen im Hintergrund die Arbeitsgeräusche einer Werft erklingen. Das Video eines gut gelaunten Pyjamabären, der einen chassidischen Tanz aufführt. Und eine Menge Bilder und Installationen, die sich von selbst erklären. Oder?
Wer, wie ich, mehr mit klassischer Malerei anfangen kann, der freue sich auf den Besuch im Museum der Schönen Künste im ehemaligen Palast von Graf Pototsky bzw. in Kapitel 50.
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Alexandra und Anna wollen in eine Shisha-Bar gehen und Wasserpfeife rauchen. Das ist eigentlich nicht so mein Ding, aber man muss ja irgendwie mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt kommen. Sonst dreht sich dieser Blog nur um mich.
Das Gespräch mit den beiden verläuft allerdings ziemlich schleppend, denn sie sind unentwegt am Handy. An die Shisha-Bar ist das Tätowierungsstudio Black Brush angeschlossen. Die Jungs dort lassen sich wahrscheinlich alle aus Langeweile tätowieren, weil ihre Freundinnen nur in Telefone starren. Sie scrollen sich online durch die Läden von TK Maxx und Zalando und erzählen von Shopping-Touren in Krakau und Italien. Dabei sollte Alexandra, die Psychotherapeutin, eigentlich um die Gefahren von Internet-, Handy- und Shoppingsucht wissen.
Am Abend wollen sie zu einem Vortrag von einem Finanzgenie, der ihnen erklären wird, wie man weniger arbeiten und mehr verdienen kann. Ich biete an, aus meinem eigenen Leben zu erzählen, wie man mit relativ wenig Arbeit um die Welt reisen kann. Aber der Schlüssel zum Erfolg sei natürlich, weniger auszugeben.
Ich gehe in der Ukraine z.B. zu Humana, wo die Kleidung verkauft wird, die Überflussmenschen in Deutschland in den Container werfen. Man sucht sich aus, was einem passt, Hose, Hemd, Pullover, Winterjacke, und an der Kasse wird alles zusammen gewogen und mit einem Kilopreis multipliziert. So einfach, wie wenn man Kohlen oder Brennholz kauft. Ich kann mich nicht mehr an den Kilopreis erinnern, aber für ein paar Euro ist man frisch eingekleidet.
Sie sehen mich an, wie wenn ich dumm wäre, dabei haben sie für den Kurs am Abend je 50 Dollar bezahlt. Selbst Ostap Bender würde nicht so billige Scharlatanerie betreiben.
Später erzählt Anna ganz entsetzt von einem befreundeten Paar, das in ihrem Haus von Männern mit Maschinenpistolen überfallen wurde. Die im gleichen Haus lebende Oma habe sich so erschrocken, dass sie jetzt im Krankenhaus sei. Das laut Anna dramatischste an der Geschichte ist aber Folgendes: „Die beiden sind gar nicht reich! Das Haus, das Auto, die Kleider, der Schmuck, es war alles auf Kredit gekauft.“
Den Einbrechern könnten die Eigentumsverhältnisse an der Beute eigentlich egal sein, aber sie wollten Bargeld, das ebenfalls auf Kredit zu besorgen das Angeber-Paar vergessen hatte. Tja, das kommt von Materialismus und Oberflächlichkeit. Mit meinen löchrigen Schuhen und meinem alten Handy hat mich noch niemand ausgeraubt.
Ich fürchte nur, dass Anna die falsche Lehre aus der Geschichte ziehen wird.
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Als sie hören, dass ich aus Deutschland komme, erzählen sie von den Ortschaften Großliebental und Kleinliebental, nur ein paar Kilometer außerhalb der Stadt. Ganz in der Nähe gab es noch eine Menge deutscher Dörfer, da sollte ich eigentlich mal hinspazieren, auf den Spuren der Schwarzmeerdeutschen. Das werde ich machen, wenn ich Odessa ausreichend erkundet habe, sage ich.
„Ha,“ sagt Alexandra, „das schaffst du nie. Alleine für die Straßen hier in der Innenstadt brauchst du Tage. Lauf nicht einfach nur durch, sondern achte auf die Kacheln, die Fließen, die Balkone, die Treppen, die Zeichnungen, die Schnitzereien.“ Ein Bekannter von ihr bietet Architekturführungen an, dabei verbringt er drei Stunden in nur einer Straße.
Auf dem Rückweg werde ich merken, sie hatte Recht: Odessa ist eine Stadt der Details. Man muss wirklich überall genau hinsehen.
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Und genau hinhören.
Alexandra und Anna sprechen miteinander Russisch, nicht Ukrainisch. Aber sie sind Ukrainerinnen. „Natürlich“, rufen sie ganz entsetzt auf diese Frage, wie wenn sie noch nie im Leben daran gedacht hätten, Russinnen sein zu wollen.
Im Westen wird oft die Unterscheidung gemacht zwischen mehrheitlich ukrainischsprachigen und mehrheitlich russischsprachigen Städten in der Ukraine. In Wirklichkeit sprechen viele Menschen hier mehrere Sprachen (oder eine Mischform) und wechseln zwischen diesen je nach Anlass oder Gesprächspartner. Die Sprache ist kein Identitätsmarker, sondern ein Kommunikationsinstrument.
So wie ich oft auf Englisch schreibe, aber deshalb nicht will, dass Großbritannien mich annektiert. Oder wie Österreicher, Norditaliener, Ostbelgier, Schweizer, Liechtensteiner, Luxemburger, Siebenbürger, Mennoniten und manche Slowenen und Brasilianer Deutsch sprechen, aber deshalb nicht wollen, dass die deutsche Armee dort (wieder) einmarschiert.
Andererseits, vielleicht sind es gerade deutsche Großmachtsträume, die russische Propaganda bei uns auf fruchtbaren Boden fallen lassen. Die Wahrheit sieht anders aus. Beim Referendum für die Unabhängigkeit der Ukraine stimmten landesweit über 92% für die Unabhängigkeit. In Odessa waren es 85%, in Donezk und Luhansk 84%.
Für die Menschen in der Ukraine geht es sowieso nicht um eine Wahl zwischen zwei Staaten, sondern um den Unterschied zwischen Freiheit und Diktatur. Die Flüchtlinge aus der Ostukraine sind ja nicht deshalb geflohen, weil sie bei den Behörden jetzt Russisch sprechen müssen (was sie alle fließend beherrschen), sondern weil sie nicht bombardiert, ohne Gerichtsurteil eingesperrt und gefoltert werden wollen.
Außerdem fühlen sich junge Leute wie Alexandra und Anna als Europäerinnen, spätestens seit dem 11. Juni 2017. Beide haben das Datum noch genau im Kopf. Das ist der Tag, ab dem Ukrainer visumsfrei in die EU reisen konnten. Dank billiger Flüge sind sie in ein oder zwei Stunden in Athen, Riga, Warschau, Breslau, Mailand, Budapest, Rom oder Berlin. Sie interessieren sich viel mehr für Griechenland, Italien oder Deutschland als für Politik oder den Krieg im eigenen Land.
Kiew ist weit weg, Moskau noch weiter.
Noch viel weiter entfernt vom Wertekanon der jungen Frauen sind Männer, die nur ihre eigene Cola bezahlen, womit sichergestellt ist, dass ich den Rest des Tages allein verbringen kann. Das ist gut, denn auch mein Leben ist ein ständiger Kampf für Freiheit und Unabhängigkeit.
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Als ich zur Nationalen Bibliothek der Wissenschaften komme, sehe ich gerade noch jemanden, der mir die letzten Bücher weggeschnappt hat.
Ein Banner vor der Bibliothek weist auf eine digitale Kollektion „Schätze der Ukraine“ hin. – Zwei Jahre später werden Bibliotheken und Museen überall in der Ukraine fieberhaft digitalisieren, Gemälde in Kellern verstecken, Statuen mit Sandsäcken schützen. So wie das Denkmal für Graf Richelieu in Odessa.
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Falls jemand glaubt, Ukrainisch wäre leichter als Russisch: Vergesst es!
Auch Ukrainisch verfügt über sieben Fälle und unterscheidet bei der Flexion der Substantive nach Genus, Deklinationsklasse und, je nach harter, weicher oder gemischter Endung, zusätzlich nach Untergruppen der jeweiligen Deklinationsklassen. Mit Ausnahmen für den präpositiven Lokativ natürlich.
Und mit den Verben und Adjektiven will ich gar nicht erst anfangen.
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Davon zwar nicht überfordert, aber leicht genervt war Ludwig Zamenhof, ein Augenarzt, der von 1859 bis 1917 in Białystok und in Warschau lebte. Das ist jetzt in Polen, gehörte damals aber zum russischen Kaiserreich. Mit seiner Mutter sprach er Jiddisch, mit dem Vater Russisch, mit den Nachbarskindern Polnisch und Belarussisch. Sein Vater war Lehrer für Französisch und Deutsch, also schnappte Ludwig diese Sprachen en passant auf. Zudem lernte er in der Schule Latein, Griechisch, Englisch und Hebräisch. (Warum so jemand Augenarzt wird anstatt Auslandskorrespondent oder Geheimagent, das verstehe, wer will. Wahrscheinlich der Einfluss eines petit-bourgeoisen Elternhauses. Wie bei so vielen von uns, denen die Träume ausgeprügelt wurden.)
Jedenfalls entwickelte Ludwig Zamenhof die Plansprache Esperanto, damit alle Menschen der Welt Freunde werden können. Der ganz große Traum ist nicht in Erfüllung gegangen (ich vermute, weil Englisch ziemlich leicht zu erlernen ist und faktisch die Rolle der Weltsprache übernommen hat), aber bis zu 2 Millionen Menschen sprechen Esperanto.
Das fällt mir gerade ein, als ich einen Blick in den Innenhof der Deribasivska-Straße Nr. 3 werfe. Da steht nämlich zwischen den Wäscheleinen eine Statue des Friedens- und Sprachstifters.
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Es lohnt sich, bei offenem Tor hineinzuhuschen in diese Innen- und Hinterhöfe, wo sich ein anderes Odessa zeigt. Ein verborgenes, privates Odessa, wo die Zeit schon vor Jahrzehnten stehengeblieben zu sein scheint, wo Kinder in der Vergangenheit spielen können, wo man sein Auto noch selbst repariert, wo man mit Nachbarn teilt, wenn man gekocht hat, und wo Ostap Bender aus Kapitel 17 seine krummen Geschäfte abwickelt.
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Falls Euch Hinterhöfe nicht verborgen genug sind, bietet Odessa noch ein besseres Versteck: Katakomben. Und zwar richtig viele. Je nachdem, wen man fragt oder wo man nachliest, sind es 2000, 2500 oder 3000 km an unterirdischen Gängen.
Entstanden sind sie eher zufällig, weil man für den Bau der ganzen hübschen Häuser Muschelkalk abbaute, der dann eben Tunnels bis zu 60 Meter Tiefe und auf drei Ebenen hinterließ. Diese Katakomben waren praktisch für Schmuggler, als Abenteuerspielplatz, aber vor allem für sowjetische Partisanen im Zweiten Weltkrieg. Trotz der Einnahme der Stadt durch deutsche und rumänische Truppen konnten so einige Widerstandsgruppen den Kampf weiterführen.
Heute sterben hauptsächlich dumme Touristen in den Katakomben, weil sie sich verlaufen. Das kann mir nicht passieren, weil ich schon zu dumm bin, den Eingang zu finden.
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Das Museum für Westliche und Östliche Kunst in der Puschkin-Straße ist eines jener Museen, bei denen das Gebäude interessanter ist als die Ausstellung. Aber durchaus passend, die westliche und östliche Kunst in diesem Schmelztiegel von West- und Osteuropa aufeinandertreffen zu lassen.
Ob die Museumswärterin in der Ecke den Napoleon oder ob Napoleon die Angestellte bewacht, bleibt unklar. Aber es sieht so aus, wie wenn sie sich in den Jahrzehnten ihrer Arbeit schon so gut kennengelernt haben, dass sie nicht jeden Tag aufs Neue die weltpolitische Lage diskutieren müssen.
Museumswärterinnen in Osteuropa sind ein ganz eigener Typ. Jenseits der 55, mit selbstgestrickten Jacken und dicken Pullovern. An den Füßen gemütliche Pantoffeln. Wie zuhause im Wohnzimmer laufen sie durch die Paläste, die sie bewachen. Gebildet, oft Kunsthistorikerinnen, Literaturwissenschaftlerinnen, Orientalistinnen, Romanistinnen, Anglistinnen, die in der Sowjetunion hochgeschätzte Arbeit an Akademien, Instituten und Universitäten taten, aber für deren Fähigkeiten der Kapitalismus keine Verwendung mehr hat. Nie kommen ihnen so unfreundliche Sätze wie „Fotografieren verboten“ über die Lippen. Stattdessen blicken sie einen an, wie wenn sie sagen wollten: „Ach Junge, du bist so dünn. Willst du etwas Kartoffelsuppe?“
Nach der Ausstellung über die an die Ukraine retournierte Raubkunst komme ich zur noch nicht retournierten Raubkunst aus Japan, China und der Mongolei. Ach so, das West und Ost im Namen des Museums bezieht sich gar nicht nur auf Europa.
Wird echt Zeit, dass ich den Zug nach Asien nehme, um endlich diesen Eurozentrismus abzulegen.
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Eigentlich will ich noch ins Museum der Schönen Künste, aber Yaniv ruft an und sagt, dass wir unbedingt in die Esshalle gehen müssen, denn die würde morgen schließen.
In einer großen Halle, die irgendwie nach ehemaligen Schlachthof/Schwimmbad/Theater aussieht, gibt es auf zwei Stockwerken all das Essen, das es überall anders auch gibt: Pizza, Gyros, Burger, Hummus.
Warum die schließen, frage ich, denn es sieht beliebt und geschäftig aus.
„Die müssen renovieren“, deutet Yaniv zur Decke. „Danach soll hier ein neues Projekt reinkommen, aber niemand weiß etwas Genaues.“ Unkontrollierter Bauboom halt.
Aber die Pizza schmeckt stabil.
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Noch viel größer als die Esshalle ist der Privos-Markt. Mehrere Hallen, jede so groß wie ein Luftschiffhangar.
Eine Halle für Obst, eine für Gemüse, eine für Brot und Gebäck, eine für Käse. In der Fischhalle lebt die Ware noch, Fische, Krabben und Krebse buhlen japsend um Aufmerksamkeit.
Das Fleisch lebt nicht mehr. Zum Beweis schneidet die Verkäuferin Scheibe um Scheibe zum Probieren ab. Nachdem ich auch noch mit Frischkäse gefüllte Karotten und mit Auberginen umwickelten Käse probiert habe, bin ich schon satt, ohne etwas gekauft zu haben.
Hier gibt es Früchte, die ich nie vorher gesehen habe. Fische, die ich nie mehr sehen will. Aber keine Bücher.
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„Ach, Bücher suchst du?“ fragt Yaniv. „Die werden vor dem Gewerkschaftshaus verkauft.“
Das trifft sich, denn zu diesem tragischen Gewerkschaftshaus wollte ich sowieso. Allerdings habe ich schnell gemerkt, dass es, obwohl es direkt neben dem Bahnhof steht, gerne übersehen wird. Niemand erwähnt es von sich aus. Keiner will darüber reden. Und wenn, dann bleibt es vage und ungewiss. Es ist ein Tabuthema.
Wie wenn sich damals, am 2. Mai 2014, etwas entlud, von dem alle Überlebenden selbst schockiert waren. Wie ein Geist aus der Wodkaflasche, denn die Odessiten, egal ob ukraine- oder russlandfreundlich durch Nichtbeschwören, ja durch Ignorieren, zurück in die Flasche drängen wollen, um diese sodann ganz fest zuzukorken und ins Meer zu werfen.
Das Gewerkschaftshaus steht seither leer. Der große Platz davor, einst genutzt für Volksfeste und Paraden, ist verwaist. Ein Junge probiert sein Mofa aus.
Am Zaun hängen Blumen und Fotos für die 42 Todesopfer. Aber ganz klein, wie um nicht versehentlich ein Feuer zu entflammen, von dem alle hoffen, dass es nie mehr aufflammen wird. Keine Flaggen, keine nationalen Symbole, keine großen Parolen. Selbst der Weihnachtsbaum ist eher bescheiden.
Den Bücherflohmarkt gibt es hier tatsächlich. Bei Eiseskälte sitzen die Verkäuferinnen und Verkäufer im Park, um die literarische Grundversorgung der Stadt aufrecht zu halten. Allerdings nur auf Russisch und Ukrainisch. Die einzigen Bücher auf Englisch sind zwei Lehrbücher: „Englisch für Seeleute“.
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Da fällt mir ein, dass ich Euch eigentlich mal den Hafen zeigen könnte. Ist ja kein unwesentlicher Bestandteil so einer Hafenstadt.
Wie beim Tourismus, so profitiert auch der Hafen von Odessa von der russischen Besatzung der Krim und der Ostukraine. Wenn alle anderen Häfen des Landes besetzt, blockiert oder gefährlich nahe an der Frontlinie sind, dann freut sich der einzig verbleibende freie Hafen über das wachsende Geschäft und hält sich aus der Politik raus.
Kiew ist weit weg, Moskau noch weiter.
Da ich leider nie selbst zur See fuhr, noch in einem Hafen arbeitete, weiß ich nicht, was ich über all die Kräne und Schiffe und Container erklären soll. Ich nehme an, hier wird Weltwirtschaft betrieben, hier wird Weizen ex- und Plastik importiert. Hier wird bestochen, geschmiert und geschmuggelt. Hier gibt es Abschiedsdramen und Wiedersehensfreuden. Ach, was wäre ein Hafen doch für eine Fundgrube an Geschichten, wenn man nur etwas Sinnvolles gelernt hätte und sich mit einem Gabelstaplerdiplom den Zugang zu dieser Welt erschleichen könnte.
Etwas mehr kann ich Euch sagen über das Segelschiff: Es ist die Druschba (Freundschaft), ein Segelschulschiff der ukrainischen Marine. Also so etwas wie die Gorch Fock und genauso oft wie diese reparaturbedürftig und deshalb sinnlos im Hafen herumliegend.
Das Schiff im Vordergrund mit dem amtlichen Kennzeichen F130 ist die Fregatte Hetman Sahaidatschnyj, das Flaggschiff der ukrainischen Marine. Im März 2022 wird es anlässlich des russischen Überfalls auf die Ukraine im Hafen von Mykolajiw versenkt werden, wahrscheinlich von der ukrainischen Besatzung selbst, die verhindern wollte, dass das Schiff in russische Hände fällt.
Aus der Werft von Mykolajiw stammt auch der Lenkwaffenkreuzer Moskwa, der zwei Jahre später als Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte zusammen mit 13 weiteren russischen Schiffen den Hafen von Odessa blockieren und die Stadt bedrohen wird. Ich hoffe, die russischen Matrosen kennen den Film „Panzerkreuzer Potemkin“ (Kapitel 12) und wagen es, die Geschichte zu wiederholen. Die Rebellion auf dem Schiff hat damals ja auch die russische Revolution ausgelöst.
Aber von all dem ahne ich noch nichts, während ich U-Boot-Jagd-Korvetten, Patrouillenboote und sonstige Kutter begutachte.
Und da finde ich sie endlich: Die echte Potemkinsche Treppe.
War ja eigentlich klar, dass ich am Hafen hätte suchen müssen, schließlich ist die Treppe das Tor zur Stadt für all jene, die, wie es vor der Erfindung von Eisenbahn, Automobil oder gar Flugzeug üblich war, mit dem Schiff ankommen.
Was für ein Anblick nach einer wochenlangen Schiffsreise von Kapstadt, Cartagena oder Kuala Lumpur! Wie ein Berg liegt die steile Treppe vor einem. Man bräuchte ein Fernglas, um die Menschen auf dem oberen Treppenabsatz zu erkennen, wie wenn man in den Alpen einen Bergkamm nach einer Seilschaft absucht.
Und die Verheißung, die dieser schier unbezwingbare Stufenberg verspricht! Wer diese Treppe zu erklimmen vermag, der wird, der muss einfach belohnt werden mit einer Stadt, die es wert ist. Nach so einem Ein- und Aufgang kann kein mittelmäßiges Hafennest liegen. Die Reise hat sich gelohnt, man weiß es schon in diesem Moment, noch ehe man den Primorski-Boulevard erreicht hat.
Tatsächlich begrüßen einen großzügige Parks, breite Boulevards und prächtige Paläste, wenn man die 200 Stufen endlich überwunden hat.
Die Treppe ist nicht nur wegen der Verwendung in Sergey Eisensteins Film (siehe Kapitel 12) berühmt, sondern auch aus eigenständiger architektonischer Kraft. Wenn man einen Blick zurück wirft, sieht man zum einen leider ein hässliches Hotel, aber zum anderen erscheint der Hafen ganz nah, nur eine kurze Treppe entfernt.
Seht Euch zur Erinnerung und zum Kontrast noch einmal die Treppe von unten an.
Die Treppe wurde absichtlich so gebaut, dass man von oben nur die Absätze, aber keine Stufen erkennt, was den Hafen näher an sie Stadt rückt. Von unten hingegen sieht man nur Stufen, aber keine Absätze. Dass die Treppe von unten endlos lang, fast in den Himmel reichend, wirkt, liegt aber vor allem an einem anderen architektonischen Trick. Unten ist die Treppe 21 Meter breit, oben nur 13 Meter. Die perspektivische Verzerrung gaukelt von unten eine Entfernung vor, die gar nicht existiert, während sie von oben den Entfernungsunterschied aufhebt. Genial!
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Eine ähnliche Täuschung sind die auf dem Stadtplan eingezeichneten Buchläden.
An deren Stelle befinden sich jetzt Bars oder Dönerläden. Traurig.
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Gleich bei der Wohnung, an der Ecke Dvorianska/Pastera, verkauft eine Frau spät abends noch Obst.
„Emil, übersetze dem Kunden doch bitte, dass das Kilogramm Äpfel und die Zitrone zusammen 45 Hrywna kosten“, sagt sie zu ihrem etwa 12-jährigen Sohn, der neben ihr sitzt und auf seinem Handy spielt.
Schüchtern tut er wie geheißen, und die skythischen Goldzähne der Mutter strahlen vor Stolz.
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Weil man sich am frühen Morgen in Odessa mit niemandem treffen kann (sieh Kapitel 28), nehme ich den Bus zum Standort der ehemaligen 411. sowjetischen Küstenverteidigungsbatterie, wo noch ein bisschen Kriegswerkzeug aus dem Zweiten Weltkrieg rumsteht. Man weiß ja nie, wann man das wieder brauchen kann. Und in der Zwischenzeit taugt es als Spielplatz.
Oder als Ort für romantische Dates: „Ich schwöre dir ewige Liebe, bei der Ehre der ruhmreichen Schwarzmeerflotte, und ich werde um dein Herz kämpfen wie einst die 255. Marine-Schützenbrigade um den Küstenabschnitt zwischen Tschornomorske und Novofedorivka.“
Leider haben sich das verliebte Paar und ich den kältesten Tag der Woche ausgesucht, denn meine Finger frieren fast am Stahl fest, wenn ich auf den U-Booten oder Raketenwerfern herumklettere.
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Zwei Jahre später überkommt mich ebenfalls ein eisiges Frösteln, als ich meine Fotos durchsehe. Vor dem kleinen und so früh am Tag natürlich noch geschlossenen „Museum zur heldenhaften Verteidigung von Odessa“ zeigt eine Karte die Belagerung der Stadt im Jahr 1941.
Ukrainische Städte, auf die aus allen Richtungen dicke Pfeile feindlicher Armeen zeigen, diese Kombination erlangt im Frühjahr 2022 eine traurige Aktualität.
Die Sowjetunion evakuierte einen Teil der Zivilbevölkerung über den Seeweg. Damit die Schiffe auf der Rückfahrt nicht leer herumtuckerten, brachten sie Truppen zur Verstärkung mit. Zusammen mit der in Odessa verbliebenen Bevölkerung wurden drei Verteidigungsringe errichtet.
Das Schlachtenglück ging, wie Ihr an den blauen und roten Pfeilen auf der Karte erkennen könnt, ein bisschen hin und her, aber am Ende eroberten die Angreifer Odessa. Weil die Stadt jedoch mehr als zwei Monate der Belagerung standgehalten hatte, wurde sie zur Heldenstadt erklärt und durfte fortan den Leninorden tragen, der Euch bei der Ankunft am Bahnhof begrüßt (siehe Kapitel 2).
Und jetzt sieht es in Odessa wieder so aus wie 1942. Sandsäcke und Panzersperren vor den Kulturdenkmälern der Stadt.
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Der Busfahrer im Bus Nr. 175 weigert sich, das Fahrgeld anzunehmen: „Nein, nein, Sie müssen erst am Ende bezahlen.“ Und wahrscheinlich nur, wenn man mit der Fahrt zufrieden war.
Bei Fahrgästen, die nur ein paar Stationen mitfahren, verzichtet er ganz auf die Bezahlung, sehe ich.
Was für ein Unterschied zu Kiew, wo selbst die privat nettesten Menschen unfreundlich werden, sobald sie die Uniform eines Transportgewerbes oder eines Supermarktes überstülpen. Im Gegensatz zur Hauptstadt wirkt Odessa viel lockerer, freundlicher, ruhiger, entspannter.
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Auf dem Gehsteig in der Torhova-Straße verkauft eine alte Frau mit Kopftuch Gebäck, das allesamt verlockend aussieht. Sie steht hinter einem wackeligen Holzstand mit Mikrowelle, deren Kabel in die dahinterliegende Apotheke führt. Wahrscheinlich dürfen die Apothekerinnen dafür umsonst speisen.
Die Frau besteht darauf, das Küchel in eine Plastiktüte zu verpacken, obwohl ich aus Umweltschutzgründen vehement abwinken will. Außerdem bin ich jetzt schon hungrig.
Ein paar Meter weiter setze ich mich auf eine Bank, beiße kräftig zu und entdecke, dass es zwar aussieht wie ein süßes Küchel, aber dass der Teig mit Fleisch und Käse gefüllt ist. Komplett gefüllt bin auch ich nach der Hälfte, und jetzt verstehe ich den Sinn der Tüte. Es wird fürs Abendessen reichen.
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Das Museum der Schönen Künste ist nach odessitischen Standards fast schon in einem unscheinbaren Gebäude, dem ehemaligen Sommersitz des Grafen Pototsky auf dem Sofiyivska-Boulevard, untergebracht.
Auch hier sitzen an der Theke etliche Frauen in warmen Pullovern, jede von ihnen in ein Buch vertieft. Eine von ihnen unterbricht die Lektüre, um mir ein Billet zu verkaufen. 35 Hrywna für Studenten, das ist etwa 1 Euro. An der nächsten Tür unterbricht eine andere Frau die Lektüre, um mein Billet durchzustreichen. Nicht, dass ich es später auf dem Schwarzmarkt verkaufe.
Es findet gerade eine Führung statt, allerdings auf Russisch, also schließe ich mich nicht an, sondern erkunde das Museum auf eigene Faust. Nur einmal merke ich auf, als der Name Iwan Kramskoi fällt. In Kiew hatte ich in der Ivana-Kramskoho-Straße gewohnt und einen Monat gebraucht, um zu verstehen, dass das kein Frauenname, sondern der für Namen von in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Straßen zu verwendende palatalisierte Ablativ dritten Grades von Iwan Kramskoi ist.
Auch hier sitzen überall alte Frauen in Wollpullovern und Wollmützen und lesen, so ruhig, wie wenn sie für ein Gemälde von Kyriak Kostandi posierten.
Viele Werke bemalen den jetzt unerreichbaren Sehnsuchtsort Krim.
Die Holztreppe in das Obergeschoss hängt so schief, dass ich Angst habe, es nicht mehr lebend zur Kunst des 20. Jahrhunderts zu schaffen. Aber es geht, und ich komme in den Genuss der sowjetischen Kunst. Wie bei der Oper in Kapitel 18 werden hier lebensnahe Szenen verewigt: Arbeiter lesen die Nachricht von der Rekordkohleförderung durch den Bergmann Alexei Stachanow. Rebellierende Seeleute des Panzerkreuzers Potemkin (siehe Kapitel 12) tragen den Leichnam von Wakulintschuk an Land. Situationen eben, wie sie jeder Werktätige aus dem Kombinat oder von der Kolchose kennt.
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Nach einer Woche ohne Bücher geht mir der Lesestoff so ab, dass ich verzweifelt zum Bahnhof gehe, um am Kiosk nach internationalen Zeitungen zu fragen.
Süddeutsche Zeitung? – Nein.
Spiegel? – Nein.
New York Times? – Nein.
Economist? – Nein.
El Pais? – Nein.
Haben Sie irgendwelche internationalen Zeitungen? – Einen Moment, ich sehe mal nach… Die South China Morning Post haben wir noch.
Na gut, die ist wenigstens auf Englisch. So lese ich lustlos etwas über Hongkong, Malaysia, Containerschiffe und Alibaba, bis ich, ganz klein, auf Seite 19 eine Nachricht entdecke: „Mehrere Fälle eines SARS-ähnlichen Coronavirus im Hubei-Xinhua-Krankenhaus. Behörden schließen Fischmarkt in Huanan.“
An diesem Tag, am 21. Januar 2020, weiß ich: Jetzt kommt die Apokalypse.
Das Flughafengebäude müsste eigentlich auch noch Hammer und Sichel aufweisen, so alt ist es. Wenn nicht schon andere Passagiere schlotternd, bibbernd und frierend warteten, würde ich denken, dass ich mich verlaufen hätte. Etwas Beton, etwas falscher Marmor, ein paar Asbest-Platten, die fast von der Decke fallen. Maximal 10 Grad im Gebäude. In den Fluren ist so wenig Licht, dass man mit der Handytaschenlampe auf die Suche nach der Toilette gehen muss. Die Tapete rollt sich von der Wand.
Ich folge dem DIN-A4-Blatt aus dem Drucker, das den Raucherraum anzeigt. Vielleicht stehen dort die Polstermöbel und der wärmespendende Bollerofen.
Nein, es ist ein kleiner Raum, gefliest wie in einem Schlachthof oder einer Molkerei. Was ihn zum Raucherraum qualifiziert, ist nur der Feuerlöscher, der, seit er 1986 von der Tschernobyl-Katastrophe übrig geblieben ist, die Tür offen hält. Ganz offen, damit sich der Rauch gut ausbreiten kann.
Über das Rollfeld läuft ein großer, schlanker, weißer und scheinbar herrenloser Hund. Wenn es eine von den fetten Katzen gewesen wäre, hätte ich sie noch schnell eingepackt.
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Am nächsten Tag fragt jemand in einer Facebook-Gruppe über Osteuropa, ob für einen Besuch in Odessa ein Tag ausreiche. Ich antworte nicht, weil ich solche Fragen und die Antworten darauf sinnlos finde. Wie zu befürchten, schreibt jemand, ausgerechnet ein Ortsansässiger: „An einem Tag in Odessa kannst du eigentlich alles sehen, was es zu sehen gibt.“
Da kennt jemand seine eigene Stadt nicht.
Aber bei Menschen, die sich durch diesen langen Artikel gequält haben, besteht wohl sowieso nicht die Gefahr, dass sie zack-zack durch Städte hetzen, um eine nach der anderen abzuhaken. Nehmt Euch lieber Zeit. Wie Ihr seht, lohnt es sich. Und nach dem Krieg wäre ein Besuch in der Ukraine ein willkommener Beitrag zum Wiederaufbau des Landes.