Vor hundert Jahren wollten sich Frankreich und Belgien eine Scheibe von Deutschland abschneiden – Januar 1923: Ruhrbesetzung

Nachdem es für den Januar 1923 bereits eine lustige Folge aufgrund eines traurigen Anlasses gab, präsentiere ich heute eine ernste Folge über einen ernsten Anlass.

Damit fehlt nur noch eine ernste Folge über einen lustigen Anlass, aber im Januar 1923 war leider gar nichts lustig. Außer vielleicht das Testament von Lenin, der in seinen letzten Atemzügen die Absetzung von Stalin empfahl, weil jener charakterlich nicht geeignet sei. Naja, da ist aber auch nur die vorsichtige Formulierung

„Genosse Stalin hat, nachdem er Generalsekretär geworden ist, eine unermessliche Macht in seinen Händen konzentriert, und ich bin nicht überzeugt, dass er es immer verstehen wird, von dieser Macht vorsichtig genug Gebrauch zu machen.“

amüsant, sonst nichts.

Und dann erschien im Januar 1923 noch die erste Ausgabe der Zeitschrift MERZ, herausgegeben von Kurt Schwitters. Aber dazu kann, darf und sollte ich mich als Kunstnichtsachverständiger nicht äußern.

Außerdem war das ein dadaistisches Projekt, was so gar nicht in diesen höchst seriösen, den klassischen Formen der Literatur stringent verpflichteten Blog passt. Deshalb gibt es hier auch keine „weißlackierte Tüte“, wie sie das Inhaltsverzeichnis von MERZ verspricht. Sorry. Für Freunde von Tüten, Beuteln, Taschen und Säcken gibt es aber ein anderes dadaistisches Blogprojekt. Im Internet gibt es nämlich alles.

Man könnte jetzt eine Menge Scherze über Friedrich Merz (und Tüten) machen, aber ich kann nicht ausschließen, dass unter den Leserinnen und Lesern CDU-Mitglieder sind. Und dieser Blog kann es sich nicht erlauben, von der an einer polydaktylen Hand abzuzählenden Leserschaft jemanden zu verlieren. Außerdem muss man ja schon froh sein, wenn die Leute nicht bei der NPD, bei den Republikanern oder bei der Brexit-Partei sind. Mich wundert übrigens, wie wenige Menschen überhaupt in einer politischen Partei sind. Ich meine, das kostet ja nur ein paar Euro im Monat, weniger als eine Currywurst oder ein Döner. Und Ihr müsst deshalb auch nicht gleich für den Bundestag kandidieren oder so. Sogar Kurt Schwitters war bei der SPD. Allerdings musste er deshalb (oder wegen des Dadaismus) 1937 vor den Nazis fliehen.

Und damit kommen wir endlich – stören Euch eigentlich diese langen Einleitungen? – zur ernsthaften Geschichte, die sich im Januar 1923, mithin vor genau hundert Jahren zugetragen hat. In den Jahren 1920, 1921 und 1922 war die Konstante dieser kleinen Geschichtsreihe, dass der Erste Weltkrieg im November 1918 nicht wirklich zu Ende gegangen war, sondern vielerorts noch weitertobte, wieder aufflammte und seine Nachwirkungen entfaltete.

Leider gilt das auch noch für das Jahr 1923. Gleich zu Beginn, direkt nach den Weihnachtsferien. Und richtig massiv, mit großem Wumms. Einem Doppel-Wumms sogar: Am 11. Januar 1923 marschierten 60.000 französische und belgische Soldaten, schwer bewaffnet mit Artillerie und Panzern, über den Rhein und besetzten das Ruhrgebiet.

Mais pourquoi?“ fragt Ihr Euch, denn was zum Teufel will man mit einem Ruhrgebiet? So Städte wie Essen, Gelsenkirchen oder Bochum sind ja nun wirklich nicht gerade hübsch.

Wenn also Frankreich und Belgien ein Riesen-Tamtam um so eine hässliche Region machen, kann man sich vorstellen, wie schlimm, wüst und trostlos es in diesen beiden Ländern aussehen muss. Gerade Frankreich hat zwar den Ruf, très jolie zu sein, aber in Wirklichkeit ist es das Oktoberfest unter den Ländern: Jeder will mal hin, das Marketing ist toll, aber wenn man dort war, fragt man sich, wofür, warum und wozu.

Eine andere Erklärung sieht man auf obigem Foto: Möglicherweise ging es unseren beiden Nachbarländern damals weniger um touristische Höhepunkte, sondern um Kohle, Eisenerz und Stahl. Und die wirklich schönen deutschen Industriestädte wie Eisenhüttenstadt oder Sulzbach-Rosenberg existierten damals noch nicht, also musste man nehmen, was halt da war.

Ganz kurz zur Vorgeschichte: Erster Weltkrieg. Deutschland griff (unter anderem) Frankreich und Belgien an, machte viel kaputt, verlor aber schließlich den Krieg. Versailler Vertrag. Deutschland musste Reparationen zahlen. Das ist so etwas wie Schadensersatz, nur eben auf völkerrechtlicher Ebene.

Deutschland sah eigentlich nie richtig ein, warum es Reparationen bezahlen sollte.

„Wir dachten, wenn wir Europa in Schutt und Asche legen, werden wir mit einem Marshall-Plan belohnt?“

„Erst beim zweiten Mal.“

„Ach so.“

Jedenfalls gab es ständig Zwist und Zank, wie immer, wenn es um Kohle geht. Im Januar 1923, nachdem weniger als die vereinbarte Menge an Baumstämmen zur Produktion von Telegraphenmasten an Frankreich geliefert wurden, nutzen unsere westlichen Nachbarn diesen Vorwand, um die vereinbarten Maastricht-Kriterien knallhart durchzusetzen und ins Ruhrgebiet einzumarschieren. „Sicherung produktiver Pfänder“ nannten sie das, und das Ziel war hauptsächlich der Abtransport von Kohle, Erz, Stahl und allem, was Mutter Erde sonst noch freigibt, wenn man sie freundlich bittet oder tief genug gräbt.

„Mit diesen Briketts backen wir Baguettes.“

Man muss wissen: Der ganze Weststreifen Deutschlands und das Rheinland, also zufällig alle Weinanbaugebiete, waren zu jener Zeit sowieso schon durch die Alliierten besetzt (auf der Karte farbig markiert), der Weg ins Ruhrgebiet (schraffiert) war also nicht weit. Von der Fläche eher zu vernachlässigen, wie Ihr seht, aber eben wirtschaftlich bedeutsam. Und auch von hohem symbolischen Wert, schließlich befanden sich hier die Waffenschmieden wie Krupp, Thyssen und Rheinmetall, aus deren Produktpalette sich auch heute noch jeder stolze Haushalt für seine Küchengeräte bedient. Oder ist das Krups? Ich habe ja selbst keine Küche und deshalb keine Ahnung von diesen Dingen.

Die Amerikaner hatten sich just ein paar Tage zuvor aus Deutschland zurückgezogen, weil sie dachten: „Hier ist jetzt alles friedlich und stabil bis in alle Ewigkeit. Wir werden nicht mehr gebraucht.“ Das war, wie wir wissen, ein Trugschluss. Zum Glück waren unsere amerikanischen Freunde nicht nachtragend und retteten uns 20 Jahre später erneut aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Beim zweiten Mal blieben sie länger. Sicher ist sicher. (Auch wenn das den Reichsbürgern nicht gefällt.)

Aber zurück zum Januar 1923. Die Zahl der französischen und belgischen Besatzungstruppen stieg auf 100.000 Mann, die in Schulen, Büros, Hotels, Bauernhöfen, Amtsgebäuden und auch Privatwohnungen einquartiert wurden. Die deutsche Polizei wurde entwaffnet. Deutsche mussten die französische Fahne grüßen. (Darauf spielt der Gesslerhut in Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ an.) Deutsche Beamte, die sich weigerten, für die Besatzungsmacht zu arbeiten, wurden aus dem Ruhrgebiet ausgewiesen. Das Ruhrgebiet wurde vom Rest Deutschlands abgeriegelt.

Das Ruhrgebiet wurde praktisch verwaltet wie eine Kolonie. Und das ist ja auch logisch, denn mit Kolonien hatten der französische Staat und seine Armee jahrhundertelange Erfahrung. Von Kanada bis Vietnam. Da mussten dann schon wieder die USA eingreifen. Diesmal weit weniger ehrenvoll. Naja, man kann nicht immer auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. (Das kann nur Giuseppe Garibaldi.)

Den Deutschen stank das jedenfalls gewaltig.

Dabei übersahen sie geflissentlich, dass nach dem vorvergangenen Krieg, dem Preußisch-Französischen Krieg von 1870 Deutschland Frankreich genauso behandelt hatte: Deutschland hatte sich Elsass-Lothringen und damit den größten Teil der französischen Eisenerzvorkommen unter den Nagel gerissen. Deutschland forderte von Frankreich Reparationen und hielt Teile Frankreichs bis zur vollständigen Zahlung dieser Reparationen im Jahr 1873 besetzt. Eine der französischen Familien, in deren Haus noch drei Jahre lang deutsche Besatzungstruppen einquartiert waren, war die Familie Poincaré. Deren Sohn war 1923 französischer Ministerpräsident und Außenminister und die treibende Kraft hinter der Ruhrbesetzung. Französische Politiker sind, wie wir später noch sehen werden, ein bisschen nachtragend.

Aber es gab da noch etwas, das die Deutschen mehr entzürnte, erboste, aufregte und zur Weißglut brachte als alles andere: die Tatsache, dass Frankreich zur Besetzung des Ruhrgebietes Ausländer geschickt hatte.

„Wie? Natürlich waren das Ausländer. Ist ja eine fremde Armee.“

„Nein, so richtige Ausländer.“

„Du meinst die Fremdenlegion?“

„Nein, ich meine, wie soll ich das sagen… Die haben schwarze Soldaten!“

„Ach, du Schreck!!“

Und so ward in Deutschland der Rassismus begründet.

Für die deutsche Regierung stellte sich die Frage, wie man – jenseits von natürlich aussichtslosen Protestnoten – reagieren sollte. Da besann man sich auf den alten deutschen Laienprediger Martin Luther King und sein bereits in Alabama erprobtes Konzept vom passiven Widerstand.

Martin Luther und sein Cousin Martin Luther King werden tatsächlich oft verwechselt, wie ich eines Morgens in Bolivien auf der Rätselseite der Tageszeitung feststellen musste.

Dabei lernen doch gerade die bolivianischen Kinder so viel über deutsche Geschichte, gehen in deutsche Schulen und tragen deutsche Schuluniformen!

Obwohl Potosí mit seinen Bergwerken eigentlich zum Ruhrgebiet passt, ist das jetzt zu viel der Abschweifung. Also zurück nach Deutschland ins Jahr 1923, wo die Reichsregierung die Bürgerinnern und Bürger im Ruhrgebiet zum passiven Widerstand aufrief. Die Menschen sollten den Weisungen der Besatzer keine Folge leisten, sie sollten streiken, Verkehrsschilder abmontieren (deshalb gibt es in Deutschland auch heute noch kein Tempolimit), die Eisenbahnen und Maschinen nicht mehr warten (deshalb die vielen Verspätungen bei der Deutschen Bahn), Sitzblockaden veranstalten und sich auf der Straße festkleben.

Insbesondere sollten sie verhindern, dass unter französischer oder belgischer Kontrolle neue Kohle- oder Erzvorkommen erschlossen werden. Zum 100. Jubiläum wurde deshalb von geschichtsbewussten Menschen in Nordrhein-Westfalen der damalige Ruhrkampf nachgespielt.

Außerdem, denn Deutsche sind gründlich, wurden für französische Lehnwörter deutsche Begriffe erfunden, damit man nicht mehr Trottoir oder Portemonnaie sagen musste. Wer also glaubt, weltmännisch parlieren zu müssen, anstatt Bürgersteig oder Geldbörse zu sagen, ist in Wirklichkeit ein Büttel der Besatzungsmacht.

Deutsche sind nicht nur gründlich, sondern auch ein bisschen arg aufs Geld aus. Bei anderen Völkern kann man viel erreichen, wenn man an Ehre, Patriotismus und so appelliert. Aber die Deutschen fragen, wenn der erste Überschwang abgeklungen ist: „Wer bezahlt mir das?“ (Und wenn es sich auszahlt, machen sie auch beim Völkermord mit.)

Die Antwort war einfach: Der Staat bezahlt.

Alle Arbeiter, die bei Streik keinen Lohnen bekamen. Die Unternehmen, die weniger verkauften. Die Kneipiers, die weniger Umsatz machten. Sie alle bekamen einen Bailout, um ein letztes Mal ein französisches Wort zu verwenden.

Wenn man Tag und Nacht Geld druckt, obwohl die wichtigste Wirtschaftsregion des Landes ruht, dann führt das zur Inflation. Aber das soll jetzt kein Vorwurf sein, schließlich konnte das vorher niemand ahnen. Man muss halt alles einmal ausprobieren. 1923 wurde aus der Inflation schnell eine rasende, dann eine galoppierende und schließlich eine Hyperinflation. (Das sind die offiziellen Inflationsstärken auf der Beaufort-Skala, um zum allerletzten Mal ein französisches Wort zu verwenden.)

Mit ein paar Millionen Mark konnte man immerhin eine Kanne Tee kochen.
Das war ein einfacher Inlandsbrief (Vorder- und Rückseite).
Fast so drastisch wie heutzutage die Entwicklung der Dönerpreise.

Die Inflation von 1923 war so ein Riesenthema, dass sie eine eigene Folge im Laufe des Jahres verdient hat. Interessant wird das vor allem, weil sich die Inflation zu einem nationalen Trauma in Deutschland entwickelt hat und die meisten Menschen ganz falsche Schlüsse daraus ziehen.

An dieser Stelle muss genügen, dass sich die Ruhrbesetzung für niemanden rentiert hat: Frankreich und Belgien bekamen aufgrund der Streiks und Sabotageaktionen (es gibt nämlich auch Gruppen, die mehr als passiven Widerstand leisten und Züge entgleisen lassen oder Sprengstoffattentate verüben) weit weniger an Reparationen als in den Jahren zuvor. Und für das Deutsche Reich war der passive Widerstand äußerst kostspielig. Der Staat musste Lohnersatzleistungen und entgangene Gewinne für Reichsbahn, Post und Privatunternehmen begleichen, und das zu einer Zeit, da aus dem sonst produktiven Ruhrgebiet keine Steuereinnahmen mehr erzielt wurden.

Und so musste der neue Reichskanzler Gustav Stresemann im September 1923 die Reißleine ziehen und das Ende des passiven Widerstandes verkünden. Für Deutschland kam dies einer zweiten Kapitulation gleich, und man könnte sagen, dass der Erste Weltkrieg erst da wirklich zu Ende war.

Stresemann war es auch, der mit dem neuen französischen Ministerpräsidenten Aristide Briand 1925 den Vertrag von Locarno abschloss. Darin wurde das Verhältnis der beiden Staaten normalisiert, die Grenzen festgelegt und die Entmilitarisierung des Rheinlandes festgelegt.

Es folgte die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund und der Friedensnobelpreis für Stresemann und Briand, jeweils 1926.

Naja, der Frieden hielt ja dann immerhin 14 Jahre, bis Deutschland schon wieder Frankreich überfiel. Und, weil sich alles immer wiederholt, gab es auch nach dem Zweiten Weltkrieg (Deutschland hatte wieder verloren) Zank um die Zechen. Frankreich wollte, dass das Ruhrgebiet von Deutschland abgetrennt wurde (also praktisch wie unter seiner Besatzung 1923). Die Sowjetunion wollte einen Viermächtestatus, wie für Berlin oder Wien.

Dagegen waren vor allem die Briten, in deren Besatzungszone das Ruhrgebiet lag. Und zwar interessanterweise unter ausdrücklichem Verweis „auf das verheerende Ruhr-Experiment des Jahres 1923“. Sie warfen den Franzosen vor, dass die Ruhrbesetzung zur Inflation und diese zum Aufstieg der Nazis geführt hatte. Letzteres ist auch einer jener Inflationsmythen, die entkräftet gehören, aber dazu ein anderes Mal.

Der Kompromiss nach dem Zweiten Weltkrieg war das Ruhrstatut, ein gesonderter völkerrechtlicher Vertrag über das Ruhrgebiet, die Errichtung der Internationalen Ruhrbehörde zur Aufsicht über die Montanindustrie und schon 1951 die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), der Vorläuferin der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), später Europäische Gemeinschaft (EG), jetzt Europäische Union (EU).

Charles de Gaulle, der französische Präsident, war sein Leben lang sauer und äußerst nachtragend, weil ihm, obwohl er den Zweiten Weltkrieg praktisch im Alleingang gewonnen hatte, nicht das Ruhrgebiet zugesprochen worden war. Aus Rache legte er 1961, als Großbritannien den Antrag auf Mitgliedschaft in der EWG stellte, sein Veto ein. Und ein zweites Veto bei einem erneuten Antrag Großbritanniens 1967. Erst nach de Gaulles Tod 1970 war das dritte britische Beitrittsgesuch erfolgreich. In einem Referendum votierten 67% der britischen Wähler für den Beitritt zur EG, und man ist erstaunt, wer damals auf der Insel alles pro-europäisch war.

Aber diese Schmach der zweimaligen Ablehnung Großbritanniens saß so tief, dass sich zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Vereinigten Europa nie ein entspanntes Verhältnis entwickelte. Da half nicht einmal der Eurotunnel.

Und deshalb liegen die Grundlagen des Brexit – ebenso wie die der französischen Vorliebe für Atomstrom – im Jahr 1923. Es ist also nicht ganz falsch, jenes Jahr als das Schicksalsjahr des Jahrhunderts zu bezeichnen, was ich in den folgenden Monaten in dieser kleinen Geschichtsreihe jeweils mit Verweis auf erstaunliche Langzeitwirkungen begründen werde.

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Familienausflug

Gerade in Berlin angekommen, steige ich in die S3 nach Köpenick.

Ich teile die Sitzgruppe mit einer Familie: Vater, Mutter, Sohn.

Alle drei haben ein Bier in der Hand.

„Gib mir mal dein Handy“, bittet der schätzungsweise 15-jährige Sohn die Mutter höflich. Er benötigt es, um die zweite Flasche zu öffnen. Die S-Bahn verfügt nicht einmal über die rudimentärsten Utensilien, alles muss man selbst mitbringen.

Sie diskutieren, ob die Mutter bald die angedrohte Haftstrafe antreten muss. Ich erfahre nicht, worum es geht, aber wahnsinnig besorgt scheint keiner der drei zu sein. Es ist Ende Januar, das Wetter ist grau, kalt und regnerisch, da kann man genauso gut in den Knast gehen. Vielleicht gibt es dort wenigstens Flaschenöffner.

Die anderen Passagiere erzählen von Reiseträumen in den Süden, in die Sonne, an den Strand. Thailand scheint dieses Jahr ein beliebtes Ziel zu sein.

Die eingangs erwähnte Familie war nicht in Thailand, sondern auf der „Grünen Woche“, einer Landwirtschaftsausstellung. Vielleicht haben sie von dort das Bier.

Sie unterhalten sich über die verschiedenen Stände, die Pavillons, die Ausstellungen und vor allem über all das Essen, das man überall probieren muss.

„Aber wenn man in der nächsten Halle die kleinen Schweine sieht und sich denkt, dass man die gerade gegessen hat, das ist schon komisch“, wirft der Sohn ein, der anscheinend den ganzen Nachmittag über dieses Dilemma nachgedacht hat. Denn jetzt verkündet er fest seine Entscheidung: „Ich glaube, ich werde Vegetarier.“

„Dann fahren wir das nächste Mal in den Botanischen Garten“, antwortet der Vater trocken.

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Köpenick – erster Eindruck

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Berlin, zumindest so wie wir es heute kennen, ist eine relativ junge Stadt.

Sie entstand erst 1920, als etliche umliegende Städte, Dörfer und Gutsbezirke zu Groß-Berlin zusammengelegt wurden. Damit wurde Berlin 13-mal so groß wie vorher (obwohl es nach anderen Maßstäben noch immer klein ist.)

Deshalb sieht man vielen Berliner Bezirken ihren eigenständigen – und manchmal sogar ländlichen – Charakter an. Vergangenen Sommer war ich für einen Tag in Köpenick, dem östlichsten Bezirk von Berlin. Anstatt jetzt viel zu erklären, zeige ich Euch einfach ein paar Fotos. Dann wird hoffentlich gleich klar, was ich meine.

Weil sich das Leben hauptsächlich am und im Wasser abspielte, fühlte ich mich fast wie in Venedig.

Die Fabrik auf der anderen Seite des Flusses ist natürlich eine Brauerei. Was auch sonst?

Köpenick behielt sogar seine eigene Eisenbahn, die am Bahnhof Wuhlheide an das deutsche, europäische und weltweite Schienennetz angeschlossen ist.

Der Zug fährt durch einen riesigen Wald, mit Restaurants, Arenen für Konzerte, Spielplätzen und noch mehr Wasser. Hier befindet sich auch das Stadion des FC Union Berlin, eines der sympathischsten Fußballvereine, der jetzt endlich die bundes- und sogar UEFA-weite Anerkennung bekommt, die ihm gebührt.

An dem Tag fand wohl ein Spiel statt, denn ich sah Tausende von Menschen in roten UNION-Shirts, sowie Tausende von Menschen in blauen POLIZEI-Shirts. Anscheinend die gegnerische Mannschaft. Die blauen Fans traten ein bisschen aggressiv auf, blockierten die Straßen und brachten sogar die Straßenbahn zum Stillstand, aber am Ende gewann Union mit 3-1.

Ja, Köpenick gefiel mir, das hatte ich an dem einen Tag schon gemerkt.

Und jetzt, wie mir eben das Glück immer so hold ist, habe ich tatsächlich in Köpenick einen Auftrag zum Haus- und Katzensitting bekommen. Genau genommen in Müggelheim, dem östlichsten Teil des östlichsten Bezirks von Berlin. Und noch ländlicher. 1920 war es mit Abstand das kleinste Dorf, das von Berlin inkorporiert wurde. Meine Gastgeber haben mich bereits vor den Füchsen und Wildschweinen gewarnt, die manchmal vor der Tür stehen.

Ab nächster Woche bin ich also für zwei Monate in Berlin. Ich hoffe nur, dass das Wetter genauso warm und sonnig sein wird wie zu meinem letzten Besuch in Köpenick. Und wenn Ihr in Berlin wohnt, sagt doch mal hallo!

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Vor hundert Jahren blieb der Schwejk unvollendet – Januar 1923: Jaroslav Hašek

Vielleicht habt Ihr es schon mitbekommen: Es ist mal wieder Krieg in Europa.

Wenn die Soldaten eine Verschnaufpause bekommen, dann sitzen sie vielleicht auf einer Bank neben einem Kameraden aus Bronze oder Messing oder was immer die Schmelzerei noch übrig hatte. Denn auch in der Ukraine, z.B. in Lemberg, in Skelivka, in Luzk, in Uschhorod, in Kiew und in Odessa gibt es Denkmäler für den Soldaten Josef Schwejk, der selten mit Karabiner oder Kanone, aber dafür umso häufiger mit Pfeife oder Bierkrug abgebildet wird.

Dieser böhmische Soldat in der österreichischen Armee des Ersten Weltkriegs starb vor hundert Jahren, am 3. Januar 1923. Also, eigentlich starb an jenem Tag der Schriftsteller Jaroslav Hašek, aber dies ist einer jener Fälle, wo man zwischen Schöpfer und Schöpfung keinen trennscharfen Schützengraben ziehen kann.

Das war aus zwei Gründen tragisch: Zum einen starb Hašek mit nur 39 Jahren. Zum anderen starb er während der Arbeit an dem Roman Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk, der damit unvollendet blieb. Unvollendet wie viele große Kunstwerke, von Musils Mann ohne Eigenschaften bis Gaudis Basilika in Barcelona, von Gustav Mahlers 10. Symphonie bis zur A46 zwischen Hagen und Wuppertal.

Das ist die Basilika, nicht die Autobahn. Aber die wird sicher auch mal so hübsch.

Möglicherweise habt Ihr schon genug vom Krieg. Das ist ja so ein Gefühl, das meistens diejenigen befällt, die gar nicht betroffen sind, aber ihre kleinbürgerlichen, sekundären oder tertiären Einschränkungen zum großen Weltschmerz hochstilisieren und darüber offene Briefe verfassen müssen.

Jedenfalls wollt Ihr jetzt nicht das zehnte Buch über Kriege und Schlachten und Bomben und Soldaten lesen. Sondern etwas Heiteres, etwas Lustiges, etwas Amüsantes, etwas Erbauliches. Und, auch wenn es der Titel nicht vermuten lässt, für all jene Leserwünsche sind Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk genau das Richtige!

Österreich-Ungarn war zum Zeitpunkt des Ersten Weltkriegs bekanntlich ein Vielvölkergefängnis, und Schwejk entstammt einem der sympathischsten dieser vielen Völker, nämlich den Tschechen. Er hat keine große Lust auf Krieg und Militärdienst, aber trotz attestierter Blödheit und vorgetäuschtem Rheuma wird er eingezogen. Dabei hat er insofern Glück, als er zuerst Assistent eines Militärpfarrers und – weil der Pfarrer ihn beim Kartenspielen verwettet – bald Offiziersdiener wird.

Das sind lockere Aufgaben, vor allem wenn es den Offizieren eher um die Besorgung von Alkohol, Tabak, frischen Wurstwaren oder um das Überbringen von Liebesbriefen geht.

Schwejk geht mal der Truppe abhanden, so dass er zum Landstreicher wird. Dann findet er eine russische Uniform, zieht sie aus Neugier an und wird als vermeintlicher russischer Spion verhaftet und zum Tod verurteilt. In letzter Minute wird er gerettet, weil seine ursprüngliche Einheit sich meldet.

Es geht beim Schwejk sehr launig und lustig drunter und drüber, weshalb manche Leser das Buch als Komödie oder gar eine Ansammlung von Slapstick-Episoden abtun. Aber weit gefehlt. Schwejk ist kein Clown, und ob er wirklich dumm ist, auch wenn er sich selbst so bezeichnet, das wage ich zu bezweifeln. Vielmehr ist der Roman von einer satirisch-politischen Dimension, die jedoch ohne jede Schwere daherkommt. Es ist geradezu ein anarchischer Text, der nicht nur den Irrsinn der kaiserlich-königlichen Militärmaschinerie offenlegt, sondern eine Anleitung zum zivilen Ungehorsam gibt.

Schwejks Methode ist dabei nicht der offene Widerstand, sondern die aktive, übertrieben geflissentliche Befolgung von Befehlen, womit er den Behördengang lahmlegt oder aushebelt. Ich habe selten Zwist mit Behörden, aber wenn, dann ist der Schwejk ein guter Ratgeber.

Auch nach 800 Seiten sind Schwejk und seine Einheit noch immer nicht an die Front gelangt, weil die Truppe ständig verlegt, abkommandiert, ausgebildet, trainiert, neu ausstaffiert und zurückgezogen wird oder Zwangstopps einlegen muss, weil eine Lokomotive oder ein schriftlicher Befehl vom Generalstab fehlt. So sieht Schwejk zwar viel von Osteuropa, bis hinein in die Ukraine, was dem Roman zum Jubiläum eine unerwartete Aktualität verleiht, aber ich glaube, es fällt kein einziger Schuss.

Es ist also eine ewige Reise, wie bei Kafkas Das Schloss. Das ist ja auch unvollendet. Schade, dass sich diese Tschechen immer totsaufen. Oder sie kommen ins Gefängnis, wie Václav Havel. Oder sie werden Präsident, auch wie Václav Havel. Man weiß kaum, was schlimmer ist für einen Schriftsteller. Im Gefängnis hast du wenigstens Zeit. Als ich im Knast war, gab es allerdings kein Papier, keine Stifte, nichts. Da wird einem die Zeit doch ziemlich lang, und man wäre fast lieber Präsident. Aber nur fast. In Rumänien, ja, da zählt Literatur noch etwas, und sogar im Gefängnis gibt es Förderprogramme für Schriftsteller. Da gibt es aber auch Politiker, die, wenn schon nicht Präsident, so zumindest Wirtschaftsminister waren und während dieser Zeit ziemlich gute Bücher schrieben. Viele meiner rumänischen Freunde sagen jedoch, dass Varujan Vosganian auch ins Gefängnis gehört, womit sich der Kreis schließen würde (und wo er etliche seiner ehemaligen Kabinettskollegen wieder treffen könnte).

Habe ich schon erzählt, dass Hašek auch in die Politik strebte? Nein, ich glaube, ich habe noch gar nichts über ihn erzählt, sondern verzettele mich gerade wieder in Exkursen.

Also: Jaroslav Hašek wurde nur 39 Jahre alt, aber er war ein Prachtexempel für die These, dass ein Leben nicht lang, sondern vielseitig sein muss. Er war Journalist, Schriftsteller, Landstreicher (deswegen auch immer wieder im Gefängnis), Hundeverkäufer (mit gefälschten Stammbäumen für die auf der Straße eingefangenen Hunde), Drogist, Bankangestellter, Selbstdarsteller, Schachspieler, Anarchist, Redakteur einer zoologischen Zeitschrift (sehr erfolgreich, wurde aber gekündigt, als schließlich herauskam, dass er viele der besprochenen exotischen Tierarten frei erfunden hatte), Parlamentskandidat, Satiriker und Politkommissar.

Und Soldat. Im Böhmischen Infanterie-Regiment Nr. 91, genau wie Schwejk. An der Ostfront, genau wie Schwejk. Wohin sich der Roman noch entwickelt hätte, kann man erahnen, wenn man Hašeks Erlebnisse im Ersten Weltkrieg rekapituliert. Er ließ sich beim ersten Feindkontakt ohne Gegenwehr von der russischen Armee gefangen nehmen. Als Tscheche hatte er nicht viel übrig für die Habsburger, und da war er nicht der einzige. Tatsächlich desertierten so viele Tschechen und Slowaken, dass die französische, italienische und russische Armeen im Ersten Weltkrieg eigene Tschechoslowakische Legionen aufstellten.

Die tschechischen und slowakischen Exilpolitiker waren da auch arg dahinter, weil sie zeigen wollten, dass sie nicht nur einen eigenen Staat verdient hatten (Selbstbestimmungsrecht der Völker und so), sondern dass sie auch einen tatkräftigen Beitrag zum Niederringen der Mittelmächte leisteten. Insgesamt dienten etwa 140.000 Mann in diesen Legionen (noch) ohne Staat. Dazu kamen Zigtausende von Exiltschechen und -Slowaken, die in den Armeen Großbritanniens und der USA kämpften.

Und dafür wurde, zum wohlverdienten Dank, aus der Konkursmasse des Habsburgerreiches 1918 die Tschechoslowakei gegründet. Ein Staat übrigens, das ist vielen nicht bewusst, der in der Zwischenkriegszeit zu den wenigen stabilen Demokratien in Europa gehörte. Während es in Deutschland (Weimarer Republik, Inflation und Nazis), Österreich (Bürgerkrieg) und Italien (Faschismus) nur so drunter und drüber ging, entwickelte sich die Tschechoslowakei ganz ruhig und sachlich zu einem hoch entwickelten Industrieland.

Also alles super gelaufen, könnte man meinen?

Nun ja. Bei den Tschechoslowakischen Legionen in Russland war es ein bisschen komplizierter.

Die kämpften also auf Seite Russlands (und damit als Alliierte von Frankreich, Großbritannien und den USA) gegen Deutschland und Österreich, allerdings mit dem Wunsch, eine eigenständige Tschechoslowakei zu schaffen. Weil das russische Zarenreich auch ein Vielvölkergefängnis war (fragt nur mal die Ukrainer), trauten viele russische Generäle den tschechoslowakischen Soldaten nicht ganz. Und umgekehrt. Natürlich hätten die meisten tschechoslowakischen Soldaten lieber in der US-Armee gedient. Schon allein, weil es dort die gute Verpflegung der aus Tschechien stammenden Familie Kroc gab, die in den USA die McDonald’s-Kette gegründet hatte (siehe Kapitel 25 meines Berichts aus Pilsen). Aber was soll man machen, wenn man an der Ost- anstatt an der Westfront ist?

Die Begeisterung der Tschechen für die US-Armee ist noch immer größer als für die Rote Armee. Überall im Land gibt es General-Patton-Museen (siehe Kapitel 47 meines Berichts aus Pilsen), General-Patton-Monumente (siehe Kapitel 23 meines Berichts aus Marienbad) und ein alljährliches Befreiungsfestival. Beide Städte sind immer einen Besuch wert, aber wenn Ihr es Euch für Anfang Mai einrichten könnt, dann könnt Ihr an diesem Höhepunkt des erinnerungspolitischen Jahreszyklus teilhaben.

Patton museum.JPG
Patton

Aber zurück zum Ersten Weltkrieg in Russland, wo irgendwo unser Held herum irrt.

Die Tschechoslowakischen Legionen bewährten sich, wurden immer größer (vor allem durch Überläufer wie Hašek) und gewannen eine Schlacht nach der anderen. (Wenn man für sein eigenes Land kämpft, dann kämpft man irgendwie besser als wenn es um den Kaiser oder Erzherzog geht.)

Aber dann setzte im Herbst 1917 dummerweise jemand eine Revolution an. Mitten im Krieg. Die Oktoberrevolution hat echt niemand brauchen können, aber wenn die Zarenfamilie mal erschossen ist, dann gibt es halt kein zurück. Und die Tschechoslowakischen Legionen standen jetzt ohne Oberbefehlshaber da. Beziehungsweise mit neuen Oberbefehlshabern, den Bolschewisten um Lenin, die aber erstens bei weitem nicht das ganze Land kontrollierten, und zweitens gar nicht mehr Krieg führen wollen. Denn Lenin war ja schließlich vom deutschen Verfassungsschutz als V-Mann nach Russland geschleust worden. Die ganze Oktoberrevolution, um einen weiteren Beleg dafür zu liefern, dass die Deutschen wirklich an jedem einzelnen Unheil in der Menschheitsgeschichte schuld sind, wurde aus deutschen Steuergeldern finanziert. (Lenin im Sonderzug durch ganz Europa kutschieren, aber für die Fortsetzung des 9-Euro-Tickets fehlt angeblich das Geld.)

„Ein Hoch auf die Deutsche Bahn AG!“

Dem Verfassungsschutz war es peinlich, aus Versehen die Kommunisten unterstützt zu haben, weshalb er später überwiegend Neonazis protegierte.

Lenin jedenfalls schloss mit den Mittelmächten (Deutschland und Österreich-Ungarn) ganz schnell Frieden; das war der Frieden von Brest-Litowsk vom März 1918. Bereits im Februar 1918 hatte die Ukrainische Volksrepublik einen eigenen Friedensvertrag ausgehandelt. Die Ukraine sicherte darin die Lieferung von Nahrungsmitteln an das von einer Hungersnot geplagte Deutschland und Österreich zu. Im Gegenzug sicherten die Mittelmächte der Ukraine militärischen Beistand gegen Russland zu. – Ich erwähne das nur, weil immer wieder jemand behauptet, die Ukraine sei kein eigener Staat mit eigener Geschichte. Aber irgendwo ruft ein Österreicher gerade ganz laut: „Uns geht das nichts an. Wir sind neutral!“

Die Tschechoslowakischen Legionen verstanden sich jedoch als Teil der Entente, die den Krieg gegen Deutschland und Österreich fortsetzen wollten. Verkompliziert wurde diese komplizierte Situation dadurch, dass in Russland mittlerweile ein Bürgerkrieg ausgebrochen war. Das war, etwas vereinfacht, ein Krieg von jedem gegen jeden, insbesondere zwischen Bolschewisten, Menschewiken, dem Rat der Volkskommissare, Zaristen, Sozialrevolutionären, Liberalen, dem Großbürgertum, Intellektuellen, Materialisten, Reformern, Sozialdemokraten, der Sozialistischen Internationale, Syndikalisten, Anarchisten, Pazifisten, Monarchisten, Vegetariern, Antivivisektionisten, Heterokephalen, Autokephalen und Akephalen sowie nationalen Unabhängigkeitsbewegungen in Finnland, in Estland, in Lettland, in Litauen, in der Ukraine, in Abchasien, in Bessarabien, in der Volksrepublik Tannu-Tuwa und – am abenteuerlichsten – in der Mongolei.

Alles klar?

Ein Tipp fürs Geschichtsstudium: Besucht niemals, niemals die Vorlesung über den Russischen Bürgerkrieg! Das ist wie ein vierdimensionales Labyrinth mit spiegelverkehrten Wurmlöchern. Ihr findet da nicht mehr raus.

Die Tschechoslowakischen Legionen waren mittendrin.

Zum Glück konnten die tschechoslowakischen Exilpolitiker mit allen 37 Bürgerkriegsparteien ein Abkommen schließen, in dem die Tschechoslowakischen Legionen Neutralität zusicherten. (Aber echte Neutralität, nicht so eine waffenverkaufende, schwarzgeldhortende, bestechungsgeldempfangende Pseudoneutralität wie Österreich oder die Schweiz.)

Tschechoslowakische Diplomaten sind überhaupt die besten Diplomaten der Welt, weswegen später eine von ihnen Außenministerin der USA wurde. Hier ist sie beim Begräbnis von Vaclav Hável, den ich, glaube ich, schon erwähnt hatte, oder? Ach, hier hängt schon wieder alles mit allem zusammen, und ich weiß gar nicht mehr, was ich wo unterbringen soll. Zum Glück gibt es hier keine Zeichenbegrenzung, wie bei den bemitleidenswerten Kollegen von der Printpresse. Und jetzt wird auch noch das Papier teurer. Nur der 10-Euro-Schein kostet noch immer 10-Euro, das lobe ich mir, insbesondere, wo sich dieses Jahr die große Inflation zum hundertsten Mal jährt und deshalb wahrscheinlich bald eine eigene Folge in dieser launigen Geschichtsreihe bekommt.

Im Gegenzug für die Zusicherung der Neutralität und im Dank für die geleisteten Dienste sollten die Tschechoslowakischen Legionen freien Abzug aus dem Bürgerkriegskuddelmuddel genießen. Nur wohin? Die Tschechoslowakei gab es ja noch nicht.

Die Tschechen und Slowaken wollten weiter gegen Deutschland und Österreich kämpfen. Wenn nicht mehr an der Ostfront, dann halt an der Westfront. (Endlich McDonald’s!) Also wurde vereinbart, dass sie aus Russland nach Frankreich abziehen durften.

Da gab es nur ein Problem: Zwischen Russland und Frankreich lag Deutsch- und damit Feindesland. Und die Tschechen und Slowaken wollten auch nicht unbedingt durch Gebiete laufen, wo gerade heftigst gebürgerkriegt wurde. Außerdem würde bald Polen entstehen, das sofort in den Russisch-Polnischen Krieg verwickelt werden würde.

Und hier beginnt eines der größten Abenteuer des Ersten Weltkriegs. Denn was ist, wenn der direkte Weg unmöglich ist, die zweitschnellste Route von Russland nach Frankreich?

Genau: Einmal um die ganze Welt!

Der Plan war, dass die Tschechoslowakischen Legionen von Kiew oder Moskau aus nach Osten reisen würden, durch ganz Sibirien. Dorthin war gerade – im Oktober 1916 – eine Eisenbahn fertiggestellt worden, die noch nicht vom internationalen Tourismus entdeckt worden war. Es gab also noch ausreichend Fahrscheine, sogar zu erschwinglichen Preisen. In Wladiwostok sollten sie Schiffe besteigen und über Hawaii nach Nordamerika reisen. Durch die USA und durch Kanada wieder mit dem Zug. Dann mit dem Schiff über den Atlantik und schließlich nach Frankreich.

Wahrscheinlich dachten alle: „Bis die in Frankreich ankommen, ist der Krieg vorbei.“ Es war ja schon Frühjahr 1918.

Aber vorher – vielleicht solltet Ihr Euch immer eine Tasse Tee oder so zubereiten, wenn Ihr Euch einen meiner langen Artikel vornehmt, fällt mir jetzt erst ein – passierte noch einiges. Weil nur alle paar Tage ein Zug mit wenigen Waggons fuhr, dauerte die Reise durch Sibirien viele Monate. Sibirien ist wirklich groß, aber die Tschechoslowakischen Legionen waren halt auch groß. Also waren die ersten schon in Wladiwostok, während die anderen noch nicht einmal einen Fahrschein hatten. Die Tschechoslowaken verteilten sich letztendlich über die gesamte Bahnstrecke.

Im Mai 1918 gab es einen Zwischenfall in Tscheljabinsk, das ist im Ural. Anscheinend hatten die Tschechoslowaken jemanden erschossen, den sie nicht erschießen hätten sollen. Die Bolschewisten nahmen ihnen das übel. Die Tschechoslowaken verschanzten sich in der Stadt. Da verfügte Leo Trotzki trotzig, dass alle Tschechoslowaken entwaffnet und an der Weiterfahrt gehindert werden sollten.

Die Tschechoslowaken widersetzen sich und wurden damit zur Kriegspartei. Weil sie bereits überall entlang der Bahnstrecke positioniert waren, konnten sie die Transsibirische Eisenbahn einnehmen und sichern.

Das war wichtiger, als man vielleicht denkt. Damit war der Nachschub für Russland über den Pazifik sowie die Verbindung zum rohstoffreichen Sibirien abgeschnitten. Das war zu jener Zeit besonders dramatisch, weil die Bolschewisten keinen Zugang zum Schwarzen Meer und zur Ostsee hatten. An ersterem lagen die Ukrainer und die Weiße (zarentreue) Armee, an letzterem waren britische und französische Truppen gelandet.

Die Kämpfe zwischen den Tschechoslowaken und den Bolschewisten mitten in Sibirien dauerten noch bis 1919. In Frankreich und an der Westfront, wohin sie eigentlich ausreisen sollten, war schon lange Waffenstillstand. Die Tschechoslowakei, die sie gründen wollten, war schon gegründet worden. Aber erst von Januar bis September 1920 konnten sie mit Schiffen von Wladiwostok in ihr neues Vaterland fahren. (Der Umweg über die USA war nicht mehr notwendig, jetzt ging es um Indien herum und durch den Suez-Kanal. Die Strecke ist auf der obigen Landkarte ebenfalls eingezeichnet.)

Bei diesen Scharmützeln gingen zwei Dinge verloren:

Erstens das Zarengold. Es gibt da viele böse Gerüchte, bis zu dem, dass der sowjetische Einmarsch in Prag 1968 der Wiedererlangung des einstigen Staatsschatzes diente. Aber Gerüchte und Gold interessieren uns nicht.

Der zweite Verlust war schmerzlicher. Es war Jaroslav Hašek.

Er hatte nämlich erneut die Seiten gewechselt, die Tschechoslowakischen Legionen verlassen und war – aus Sympathie zur Weltrevolution aller Arbeiter der Stirn und Faust – 1918 zu den Kommunisten übergelaufen. Die erkannten sein Talent, machten ihn zum Politkommissar der 5. Sibirischen Armee und bald zum Stadtkommandanten von Bugulma.

Deshalb gibt es hier keine Schwejk-, sondern eine Hašek-Figur. Aber die kommt wahrscheinlich bald weg, wenn jemand in Russland den Sinn des Romans versteht. In Russland kommt ja derzeit viel weg. Oder fällt vom Balkon im 4. Stock, obwohl der Betreffende im Erdgeschoss wohnt.

Ach ja, das mit der Politik, das wollte ich ja vorhin schon erzählen.

Bereits 1904, also lange vor dem Großen Krieg, denn hier wird kreuz und quer durch die Zeitachse gehopst wie ein quietschfideler junger Hund, hatte Jaroslav Hašek eine Partei gegründet. Die „Partei für gemäßigten Fortschritt im Rahmen der bestehenden Gesetze“, was in Verbindung mit Hašeks wenig gemäßigtem und wenig gesetzestreuen Charakter auf den satirischen Charakter dieses Projekts hinweist.

1911 kandidierte Hašek für den österreichischen Reichsrat und hielt nach eigenen Angaben über 1.000 Wahlveranstaltungen ab. Jede Rede verlief anders, weil der Kandidat frei assoziierte, mit einem Thema begann, sogleich zum nächsten sprang, Ernstes mit Unernstem, Fakten mit Erdachtem verband.

Ich habe lange versucht, ein paar amüsante Passagen aus einer Wahlrede – sowie aus dem Roman – zu zitieren, aber es ist gerade das Mäandernde, Abschweifende, Sprunghafte, Assoziative, das die unterhaltsame Wirkung erzielt. Deshalb sind verkürzte Zitate wenig repräsentativ, und Ihr müsst das einfach selbst lesen. Oder nicht. Wie Ihr wollt.

Jedenfalls erkenne ich eine gewisse Wesensverwandtschaft im Stil, eine Neigung zu abschweifenden Anekdoten, was die Vorgesetzten von Schwejk auf die Palme und die Leserinnen und Leser je nach Anlass und Veranlagung zur Ekstase oder zur Verzweiflung treibt. Aber richtig schlimm wird es erst nächsten Monat, falls ich mir wieder so eine Extravaganz wie letzten Februar einfallen lasse. Mal sehen. Ich weiß am Anfang eines Artikels ja selbst nicht, wohin er führt.

Hašek bekam bei der Wahl 38 Stimmen, aber alle Spaßparteien dieser Welt stehen in seinem Schatten, auf seinen Schultern und in seiner Schuld. Leider muss man konstatieren, dass die Qualität der Satire sich nicht unbedingt im Rahmen des gemäßigten Fortschritts entwickelt hat.

Während der Zeit als Kommunist, Kommissar und Kommandant in Sowjetrussland heiratete Hašek und zog 1920 zurück nach Prag. Das sorgte nur insoweit für Irritationen, als er dort bereits verheiratet war, aber solche Privatangelegenheiten gehen uns nichts an. Oder wenn, dann nur als Beleg für meine These, dass Schriftsteller gefälligst etwas erleben sollen, bevor sie schreiben. Auch dafür war Jaroslav Hašek ein Prachtexempel.

Kurz bevor Schwejk in den Krieg zieht, trifft er eine Vereinbarung, die berühmt wurde: „Also dann“, ruft er seinem Saufkumpanen zu, „nach dem Krieg um halb sechs im Kelch!“

Jetzt muss bloß noch der Krieg enden.

Links:

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Das Schlachtfeld von Waterloo, die Suche nach den Gebeinen und ein unerwartetes Abendmahl

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„Der kleine Napoleon möchte bitte auf Bahnsteig 2 abgeholt werden. Und zwar schnell, sonst legt er die ganze Stadt in Schutt und Asche!“

Erst als ich diese Durchsage höre und aus dem Zugfenster sehe, bemerke ich, was man sich schon immer hätte denken können: Dieses Waterloo, das in aller Munde und im kollektiven Gedächtnis der Menschheit herumwabert, ist ein realer Ort. Eine ganz normale, belgische Kleinstadt.

Übrigens: Der Name Waterloo ist niederländisch, Ihr müsst ihn also nicht Englisch aussprechen, nur weil ABBA ihn so verhunzt hat. Der Ort liegt allerdings auf der französischsprachigen Seite der inner-belgischen Sprachgrenze, so dass Ihr dort Französisch parlieren müsst. Aber Vorsicht, wenn Ihr mit dem Zug aus Brüssel anreist, denn die Strecke führt kurz über flämisches Gebiet. Zwischen den Stationen Linkebeek und De Hoek müsst Ihr Niederländisch sprechen. Englisch geht auch, aber nur, wenn Ihr keine Belgier seid. Deutsch ist hingegen verboten, weil Deutsch eine der belgischen Landessprachen ist, aber eben nur in einem anderen, separat dafür ausgewiesenen Landesteil. (Ja, Belgien ist wirklich so kompliziert.)

Ich reagiere zu langsam und steige daher erst an der nächsten Haltestelle aus: Braine-l’Alleud.

Das ist aber gar nicht so falsch, denn dort liegt das weltberühmte Schlachtfeld, der Acker der Ehre, die Flur der vaterländischen Verdammnis und die Scholle der Schande. Noch immer, mehr als zweihundert Jahre nach der verhängnisvollen Schlacht von 1815, ist der Boden blutdurchtränkt, die Wolken hängen tief, und der Himmel weint.

Also ganz normales Wetter für Belgien.

Warum man gerade hier die Schlacht des Jahrhunderts ansetzt, geht mir nicht ein. Aber Napoleon hatte ein Faible für deprimierende Orte: Borodino, Ulm, Austerlitz, Jena, Moskau, Landshut, Leipzig.

Kein Wunder, dass er sich dazwischen immer wieder auf eine abgelegenen Insel zurückzog, um Kraft zu tanken. (Von einem Reiseblogger erwartet Ihr jetzt zurecht Links auf Berichte von Elba und St. Helena. Aber da ich dort noch nicht war, verlinke ich stattdessen auf meinen Bericht von Caprera, wo eine andere große, streitlustige, aber dafür umso weniger streitbare Person der europäischen Geschichte ihre letzten Lebensjahre verbrachte.)

Wer Belgien kennt, dem ist bei den Fotos des Schlachtfeldes von Waterloo bereits etwas aufgefallen. Wer Belgien nicht kennt, dem ist nichts aufgefallen. Und gerade dieses Nichts ist, was mich stutzig macht.

Denn ganz Belgien ist übersäht mit Soldatenfriedhöfen und Massengräbern. Es gibt kein Dorf, das derer nicht zwei oder drei hat. Und auch zwischen den Dörfern, auf freier Flur, stolpert man bei jedem Spaziergang über Tausende von Toten.

Nur in Waterloo sehe ich kein einziges Grab. Dabei ist hier die bekannteste Schlacht der Welt geschlagen worden. Irgendwo müssten die 20.000 bis 50.000 Toten eigentlich hingekommen sein. Nicht zu vergessen die toten Pferde, Hunde und Militärkatzen.

Aber dazu später mehr, denn jetzt kommt – es wird das einzige freudige Ereignis dieses grauen Wintermonats bleiben – die Sonne heraus. Da ist der Löwenhügel, weithin sichtbar und von äußerst praktischem Nutzen bei einer Schlacht. Allerdings wurde er, wie das oft so ist bei großen Infrastrukturprojekten, erst zehn Jahre nach der Schlacht fertiggestellt. Irgendwelche Probleme mit der Baugenehmigung oder Arbeitskräftemangel, und schwupp, schon hat Napoleon die Schlacht verloren.

Obwohl ein bitterkalter Wind weht, schleppe ich mich für die verehrte Leserschaft alle 226 Stufen nach oben, um den Blick über relativ unspektakuläre Felder streifen zu lassen. Ich verstehe immer noch nicht, wieso man seine Armee nicht einfach um das Feld herumführt, wenn man weiß, dass hier die Feinde warten. Aber gut, ich war auch nicht auf der Militärakademie.

Und noch immer sehe ich keine Gräber. Nirgendwo.

Dafür gibt es einen Rundbau zu bestaunen, in dem ein 360-Grad-Panorama der Schlacht von Waterloo gezeigt wird. Auch das Gebäude an sich ist interessant, innen alles aus Holz, und die Treppen knarzen. Dazu spielt Schlachtenlärm, und ein paar sterbende Pappmachésoldaten halten sich entsetzt die Hände vor den Bauchschuss.

Diese Waterloo-Walhalla soll einen in die Zeit von 1815 versetzen, aber man fühlt sich doch eher wie 1911, als das Monumentalkunstwerk eröffnet wurde, als die Heroisierung von Schlachten und Soldaten noch en vogue war, und als niemand ahnen konnte, dass nur drei Jahre später das arme, kleine, unschuldige Belgien zu einem der Hauptschauplätze des Ersten Weltkriegs werden würde.

Mir ist mittlerweile eine Theorie eingefallen, warum man hier keine Gräber findet.

Haltet Euch fest: Ich glaube, die Schlacht von Waterloo hat gar nicht stattgefunden!

Vielmehr glaube ich, die Herren Napoleon, Wellington und Blücher hatten allesamt keine Lust aufs Kämpfen. Vor allem nicht bei so einem Sauwetter. Sie gingen in eine gemütliche belgische Bierkneipe (bestes Bier der Welt!) und spielten stattdessen Karten. Dabei verwettete Napoleon seinen Hut, verlor und musste sich zurückziehen. Als Ehrenmänner vereinbarten die drei Generäle aber natürlich, dass sie der Weltpresse die Geschichte einer enormen Schlacht auftischen würden. Als Freimaurer hielten sie ihr Wort bis zum Tod.

„Merde Mau-Mau!“

Als Beleg für diese These führe ich neben der Abwesenheit von Soldatengräbern rund um Waterloo die Tatsache an, dass sich Napoleons Hut im Deutschen Historischen Museum in Berlin befindet.

Im Museum in Braine-l’Alleud wird übrigens genau ein Skelett ausgestellt. Eine Schlacht mit angeblich Zigtausenden von Toten, und dann gibt es ein Skelett? Noch dazu eines ohne Namen. Selbst irgendwelche Bauernskelette, die vor 5000 Jahren über die Alpen gewandert sind, haben einen Namen.

Das Museum ist zudem ein unterirdisches, liegt also wie eine Tiefgarage unter dem Schlachtfeld. Das heißt, es muss dafür ziemlich viel gebuddelt und exkaviert worden sein. Und dabei hat man nur ein Skelett gefunden, das ganz stolz ausgestellt wird!

Ich meine, das sieht doch jeder ein, dass hier etwas faul ist. Oder?

Aber weil dies hier ein wissenschaftlich, akademisch, menschlich und intellektuell redlicher Blog mit strengem Ehrenkodex ist, will ich nicht verschweigen, dass die drei Historiker Bernard Wilkin, Robin Schäfer und Tony Pollard gerade eine andere Theorie veröffentlicht haben. Und die geht so:

Die Toten, sowohl Soldaten wie Tiere, wurden in den Tagen und Wochen nach der Schlacht im Juni 1815 auf dem Schlachtfeld vergraben. Und zwar von der örtlichen Bevölkerung, denn die überlebenden Armeeteile waren ja schon wieder weitergezogen; auf zu neuen Abenteuern. Ob die Menschen um Waterloo dazu gezwungen wurden, ob sie es aus Pietät taten, oder ob sie sich dachten „guter Dünger“, das ist unklar. Man muss aber auch bedenken, dass beim Soldatenvergraben Kleidungsstücke, Stiefel, Waffen, ja vielleicht sogar Tabak für die Totengräber abfallen, so dass sich die Arbeit durchaus lohnen kann.

Ab 1819, also vier Jahre nach der Schlacht, tauchten dann in den Zeitungen des europäischen Kontinents plötzlich massenweise Annoncen britischer Händler auf, die händeringend nach Knochen suchten. Sie verkündeten, dass sie alles Knochenmaterial aufkaufen würden, ohne Mengenbeschränkung und zu guten Preisen. Wegen der Nähe zu den Seehäfen wurden diese Anzeigen hauptsächlich in Norddeutschland, in den Niederlanden und in Frankreich geschaltet. (Belgien gab es damals noch nicht, das würde erst 1830 durch Abspaltung von den Niederlanden entstehen. Eigentlich gab es Deutschland auch noch nicht, um genau zu sein, aber Ihr kennt diese Flickenteppich-Karte ja selbst aus dem Schulunterricht.)

Das tolle am Knochenhandel war, dass er unreguliert war. Es gab keine Ausfuhrsteuern, keine Einfuhrsteuern, keine Zölle. Es gab nicht einmal EU-Richtlinien oder -Verordnungen, die den Handel mit Knochen regulierten. (Deshalb waren die Briten damals noch glücklich.) Insbesondere für die Armen auf dem Kontinent war das eine lukrative Einnahmequelle. (Mitlesende FDP-Politiker ärgern sich jetzt, diese Information zu spät für die Verhandlungen über die Reform des Bürgergeldes erhalten zu haben.)

Die Bauern um Waterloo fanden es zudem nur fair, die Knochenberge wieder auszugraben und zu Geld zu machen. Schließlich hatten ihnen diese verfluchten Armeen 1815 die ganze Ernte zertrampelt. Übrigens eine Tradition, die seither jedes Jahr im Juni wiederholt wird:

Wenn ich Landwirt in Waterloo wäre, ich glaube, ich würde mich unter diese Reenactment-Doldis mit ihren dicken Bäuchen, falschen Schnurrbärten und heimlich mitgeführten Handys mischen und ein paar von ihnen mit echtem Schrot und Korn über den Haufen knallen. Dann sehen sie mal, was Krieg ist.

Aber zurück zum Thema: Was zum Teufel wollten die Briten mit all den Knochen?

Dazu muss man wissen: Knochen enthalten Phosphat. Und Phosphat ist ein guter Dünger.

Jahrhundertelang hatten die Briten (und viele andere Völker) ihre Felder dadurch gedüngt, dass sie ihre Nachttöpfe auf dem Acker ausleerten, um das möglichst wenig unappetitlich zu beschreiben. Wer auf dem Land wohnt, kennt das ja, Gülle, Jauche, das ganze eklige Zeug. Nun ergab es sich aber zu jener Zeit, dass die Industrielle Revolution die Menschen in die Städte lockte. Die Landflucht führte nicht nur dazu, dass es teilweise an Arbeitern für die Bewirtschaftung der Felder mangelte, sondern eben auch an menschlichem Dünger.

Deshalb die panische Suche nach Knochenmaterial.

Natürlich wollten die Händler eigentlich Pferde-, Rinder- und Walfischknochen. Aber zur Not tut’s auch ein Preuße oder ein Franzose. So genau sieht niemand hin, und es wird ja sowieso alles zu Knochenmehl zermalmt.

Das ging ein paar Jahre gut. Aber wie das immer so ist bei neuen Geschäftsfeldern, bald kommt die Regulierung. Es wurden Ausfuhrzölle erlassen. Es wurden Gesundheitsschutzvorschriften erlassen, nach denen die Zwischenlagerung von Knochen in der Wohnung verboten war. Und schließlich wurde das Öffnen von Gräbern verboten. (Zumindest von europäischen Gräbern. In Ägypten durfte man natürlich weiter graben, was das Zeug hielt. Deshalb leiden wir noch immer unter dem Fluch des alten Tutanchamun.)

Die Briten wollten sich dieser Überregulierung aus Brüssel nicht beugen, und manchmal wundert mich selbst, welche Konstanten die Weltgeschichte für uns bereit hält. Zu allem Überfluss wurde dann auch noch ein besserer Dünger entdeckt, nämlich Salpeter. Der kam aus der Wüste in Chile, aus der Stadt Humberstone, die ich bereits für Euch besucht habe.

An dem Tag wäre ich übrigens fast verdurstet. Die Atacama-Wüste ist wirklich so trocken, wie man immer hört. Irgendwann bringt mich das noch um, dass ich immer alles selbst überprüfen will. So wie damals in Bolivien, als ich testen wollte, wie sich Höhenkrankheit anfühlt. Oder wie in Montenegro, wo ich in dunkle Schächte kletterte und in einem geheimen U-Boot-Hafen herauskam. Mal sehen, was mir für 2023 einfällt.

Aber zurück zu den Knochen. An die Stelle der britischen Landwirtschaft trat ab den 1830er Jahren die Zuckerindustrie als Großabnehmer für Skelette aller Art. Und jetzt wird es wirklich fantastisch, wie Politik, Kriege, Wirtschaft, Landwirtschaft, Wissenschaft und überhaupt alles zusammenhängt. Deshalb macht Geschichte Spaß!

In Europa wurde ursprünglich kein Zucker produziert. Aller Zucker kam von den Zuckerrohrplantagen in der Karibik und aus anderen Kolonien, weswegen Zucker nicht nur schlecht für die Zähne, sondern auch verantwortlich für die Sklaverei ist. Im Rahmen der kleinen Auseinandersetzung, an deren Ende die Schlacht von Waterloo stand, verhängte Napoleon 1806 die sogenannte Kontinentalsperre, eine Wirtschaftsblockade gegen Großbritannien und dessen Kolonien. Importierter Rohrzucker wurde unerschwinglich teuer.

Dummerweise hatten sich die Menschen in Europa schon an Zucker gewöhnt. (Macht ja schließlich süchtig, dieses Teufelszeug.) Also gingen findige Forscher daran, ein Substitut zu finden. Die deutschen Lebensmittelchemiker Andreas Sigismund Marggraf, Franz Carl Achard und Carl Scheibler experimentierten mit verschiedenen Rüben und veredelten die Runkel- schließlich zur Zuckerrübe.

So wichtig war das!

Also wurden überall, wo es der gute Boden erlaubt, Zuckerrüben angebaut und zu Sirup gepresst. Um daraus den raffinierten weißen Zucker zu generieren, auf dem die verwöhnte Kundschaft besteht, muss man diesen jedoch filtern. Und diese Filterung geschieht mit, Ihr habt es schon geahnt, Knochenkohle. Die Zuckerindustrie benötigte massen- und tonnenweise Knochen, damit der Zucker rein und weiß aussieht.

Und diese Industrie boomte! Hier seht Ihr z.B. die Staatliche Belgische Zuckerraffinerie.

Huch, was sieht man da im Hintergrund?

Nein, das wird doch nicht der Löwenhügel vom Schlachtfeld bei Waterloo sein?! Die werden doch nicht die Zuckerfabrik genau neben das Schlachtfeld stellen! Da könnte ja fast jemand auf die Idee kommen, die würden die Knochen der dort Gefallenen verarbeiten.

Tja, wie Horaz schon sagte: „Süß ist es, fürs Vaterland zu sterben.“

Weil Belgien plötzlich so viel Zucker hatte, benötigte es Kakao, um daraus seine weltbekannte Schokoladen- und Pralinenindustrie aufzubauen. Wo gibt es Kakao? Genau, im Kongo! Wieder hängt alles mit allem zusammen, diesmal auf besonders tragische Weise. Um es auf den Punkt zu bringen: Wenn die preußischen Ingenieure nicht mit Runkelrüben experimentiert hätten, dann wären den Kongolesen nicht die Hände abgehackt worden. Und darüber, warum die Kinderschokolade Kinderschokolade heißt, denkt man besser gar nicht nach.

Von der Völkerschlacht bei Leipzig, die noch mehr Todesopfer forderte als Waterloo, sind übrigens auch kaum Gebeine gefunden worden. Dafür betreibt die Südzucker AG im nahen Zeitz eine Zuckerfabrik. Und dieser Puderzucker auf dem Leipziger Stollen ist ja auch immer so schön fein und weiß…

Auf den Feldern von Waterloo wachsen, wie um die Theorie der Historikerkollegen zu bestätigen, noch immer Zuckerrüben.

Weil das Restaurant vor Ort zu teuer ist und weil mir das Museum schon die letzten Kröten aus der Tasche gezogen hat, ziehe ich zur Kompensation ein paar Rüben aus dem Acker. Den ganzen Rückweg freue ich mich, dass es zum Abendessen echte Waterloo-Schlachtfeld-Zuckerrüben mit Rückständen von Pulverdampf geben wird. Zuhause angekommen, fällt mir erst ein, dass ich gar nicht kochen kann.

Ich habe die Rüben dann einfach geschnipselt und in der Pfanne gebraten. Kann ich durchaus empfehlen. Napoléon appétit!

Und, was habt Ihr schon an Essbarem aus weltberühmten Schlachtfeldern gezogen? Spargel aus Stalingrad? Gurken aus Gettysburg? Thunfisch aus Trafalgar?

Praktische Tipps:

  • Es mag kontraintuitiv erscheinen, aber der Bahnhof Braine-l’Alleud ist näher am Schlachtfeld als der Bahnhof Waterloo. Von dort sind es nur wenige Kilometer zu Fuß. Oder Ihr nehmt vom Bahnhof den Bus mit dem „W“ (für Waterloo).
  • Das Schlachtfeld an sich ist offen und kostenlos zugänglich. Die Landwirte, die jetzt dort ihre Rüben an- oder abbauen, bitten nur darum, dass Ihr auf den Wegen bleibt.
  • Für das Museum, das Panorama und den Aussichtsberg hingegen muss man tief in die Tasche greifen: 17 Euro bzw. 16 Euro für Studenten. Ich fand das übertrieben.
  • Teuer sind auch die Restaurants vor Ort, also bringt besser eigenes Proviant mit.
  • Für absolute Napoleon-Fanatiker gibt es in der Wallonie eine 90 km lange Napoleon-Route, an der entlang etwa 150 Museen, Monumente und wichtige Orte aufgereiht sind. Auf so eine große Zahl kommt man aber wahrscheinlich nur, weil jeder Baumstumpf verzeichnet ist, auf dem Napoleon gerastet hat. (Wie bei Garibaldi in Italien.)

Links:

  • Weitere Berichte aus Belgien, diesem kleinen Land, das sich immer ins Zentrum der Weltgeschichte drängt.
  • Und noch mehr Geschichte.
  • Wenn Ihr lieber hört als lest, dann gibt es zu der Suche nach den verschwundenen Knochen Podcasts bei History Hit (auf Englisch) und beim Belgischen Rundfunk (auf Deutsch; aber das dürft Ihr nicht im flämisch- oder im französischsprachigen Teil Belgiens hören).
  • Und weil 16 Euro Eintritt für ein Museum schon ziemlich happig sind, freue ich mich über jegliche Unterstützung für diesen Blog! Dafür gibt es dann auch eine Postkarte vom nächsten Ausflug.
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Frühsport

Der Neujahrsvorsatz, jeden Tag mit Sport zu beginnen, läuft bisher ganz gut.

Das ist echt besser als diese dämliche Lauferei, die ich früher praktiziert habe.

Und immerhin war ich als Kind ja mal im Schachverein.

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Vor hundert Jahren erhielt der Mann aus dem Eis den Friedensnobelpreis – Dezember 1922: Fridtjof Nansen

Es ist Winter. Es ist kalt. Es ist grau. Es schneit. Bis zu drei Meter Neuschnee pro Nacht in New York.

Nichts wünscht sich die Leserschaft jetzt sehnlicher als Berichte und vor allem Fotos aus der Karibik, aus Brasilien oder aus der Südsee.

Aber dieser Blog widersetzt sich konsequent allen Leserwünschen, pfeift auf Demokratie und Mitbestimmung und giert nicht nach Popularität. Deshalb setze ich Euch heute, im tiefsten Dezember und während Euch die Zehen abfrieren, einen Polarforscher vor.

Fridtjof Nansen war sein Name, und er war aus Norwegen. Wobei es Norwegen zu seiner Zeit noch nicht so richtig gab, weil es im Rahmen einer Norwegisch-Schwedischen Union vom schwedischen Königshaus verwaltet wurde, auch wenn John Steinbeck in seinem Buch „Der Mond ging unter“ so tut, wie wenn die Norwegerinnen und Norweger dagegen heldenhaft Widerstand geleistet hätten. Ist aber trotzdem ein gutes Buch, wie eigentlich alles von John Steinbeck.

Steinbeck gewann 1962 den Literaturnobelpreis, und damit sind wir beim diesmonatigen Jahrestag, der den Anlass setzt für diese weitverzweigte Geschichtsreihe „Vor hundert Jahren …“. Nämlich bekam auch Nansen einen Nobelpreis, und zwar vor genau 100 Jahren, im Dezember 1922. Allerdings den Friedens- statt den Literaturnobelpreis.

Aber zuerst einmal zurück in die Jugend von Nansen, als er auf der Suche nach Polen und Pinguinen durch den Schnee stapfte. Polen gab es damals ebensowenig, ja eigentlich noch viel weniger als Norwegen, weswegen hier nicht Polen als Land, sondern die Pole als magnetische Extremitäten unseres kugelrunden Heimatplaneten gemeint sind.

Als Nordmann interessierte sich Nansen eher für den Nord- als für den Südpol. Ersterer lag geographisch näher, und außerdem war zweiterer in der Hand der Nazis.

Anders als Knut Hamsun, ein weiterer nordischer Nobelpreisträger, dessen Bücher man getrost ungelesen in der Buchhandlung stehen lassen kann, war Nansen nämlich kein Nazi.

Stattdessen war Nansen mehrmaliger Meister im Skilang- und Eisschnelllauf, studierte Zoologie und fuhr dann auf Robbenjagd. (Den Trick mit der Jagd „zu wissenschaftlichen Zwecken“ setzen Norwegen und andere Walfangnationen noch immer ein. Mehr zum Walfang in meinen Bericht über die Walfängerinsel Pico sowie natürlich bei „Moby Dick“.)

Die langen Abende auf den Robbenfangschiffen sind sehr einsam, und entweder man wird verrückt oder man kommt auf verrückte Ideen. (Gibt es überhaupt eine andere als diese beiden Alternativen, um durchs Leben zu kommen?)

Nansen dachte sich: „Dieses Grönland da, um das wir immer herumfahren, das könnte ich doch einfach mal zu Fuß durchqueren.“ Er war, wie gesagt, Weltmeister im Skilang- und Eisschnelllauf, so dass die Idee für ihn weniger absurd erschien als wenn du oder ich den selben Gedanken äußerten.

Grönland ist nicht so flach, wie Menschen glauben, die noch nie dort waren. (Ich war selbst noch nie dort. Schade eigentlich.) Nansen und seine fünf Kollegen erklommen Höhen von bis zu 2719 Metern und Tiefen bis zu -46 Grad Celsius.

Aber es ging alles glatt, um auf einer Eismetapher auszugleiten.

Wie das jedoch immer so ist bei Blog-Artikeln und Grönland-Durchquerungen: Nansen und seine Männer hatten länger als geplant benötigt. Inzwischen war es Spätherbst 1888 geworden, und es ging kein Schiff mehr von Grönland nach Europa. (Ob Grönland zu Europa gehört oder nicht, gehört nicht hier- sondern dorthin.)

Also musste der lustige Skifahrertrupp sieben Monate bei den Inuit überwintern, die damals noch Eskimos hießen. Dieser Zwangsaufenthalt sollte sich später als gewinnbringend herausstellen, weil Nansen und seine Männer zu dieser Zeit – notgedrungen – viel über das (Über)Leben im arktischen Winter lernten.

Es gibt zwei Arten von Grönland-Durchquerern: Die einen sind stolz auf das Geleistete, schreiben ein Buch und gehen in Clubs, um whiskeytrinkend und zigarrenqualmend von ihren Abenteuern zu erzählen. Die anderen denken sich: „Als nächstes ist der Nordpol dran!“

Dazu muss man wissen, dass damals in den 1890er Jahren, noch niemand am Nordpol gewesen war. Nicht einmal Reinhold Messner.

„Dafür war ich am Südpol! Das ist eh viel schwieriger. Zum Nordpol spaziere ich locker nebenbei, während ich mit dem Hund Gassi gehe. Ohne Sauerstoff!“

Nansen hatte nach seiner Rückkehr aus Grönland einen Fehler gemacht: Er hatte geheiratet. Wahrscheinlich wollte er nur deshalb zum Nordpol. Und deshalb heckte er einen Plan aus, wie er möglichst lange von zuhause wegbleiben konnte.

Die langsamste Möglichkeit, den Nordpol zu erreichen, war, ein Schiff zu bauen, damit an die Nordküste Sibiriens zu fahren, sich im Winter im Packeis einschließen zu lassen und dann zu warten, bis die Meeresströmung das im Eis eingeschlossene Schiff zum Nordpol treibt.

Nansen ließ zu diesem Zweck ein Schiff konstruieren, das bei zunehmendem Druck nicht zerquetscht, sondern emporgehoben werden sollte: die Fram.

Er ließ aber auch durchblicken, dass es nicht so schlimm sei, wenn das Schiff untergeht. Dann würde man halt ein Zelt auf einer Eisscholle aufschlagen und so zum Nordpol treiben. Wenn ich den Titel für den dümmsten Plan aller Zeiten nicht schon vergeben hätte, dann wäre die Fram-Expedition eine aussichtsreiche Kandidatin.

Am 21. Juli 1893 ging die Fahrt in Norwegen los. Die Fram segelte gen Osten, immer tiefer nach Nordsibirien, wo sie am 5. Oktober 1893 schließlich – wie geplant – festfror.

Die Windmühle betrieb übrigens einen Stromgenerator, so dass die Mannschaft Licht zum Lesen hatte. Das war ziemlich schlau, denn bis dahin waren in der internationalen Schifffahrt bereits Hunderte von Schiffen abgebrannt, weil ein bildungshungriger Matrose bei brennender Kerze eingeschlafen war. (Diese ganzen Geschichten von Piraterie und Schlachten bei Trafalgar und so, die wurden nur für die Kaskoversicherung erfunden.)

Jetzt konnte man nur noch warten. Und messen. Die täglichen Positionsbestimmungen ergaben dummerweise, dass sich die Fram langsamer als geplant fortbewegte. Außerdem stimmte die Richtung nicht ganz. Nach aktualisierten Berechnungen Nansens würde es fünf Jahre dauern, bis das Schiff den Nordpol erreichen würde. Fünf Jahre!

Und jeden Tag warten, lesen, Karten spielen. Man kann nur hoffen, dass jemand an ein Schachspiel gedacht hatte. Und an eine Katze.

„Diese Scheißwarterei macht mich noch ganz verrückt.“

Am 14. März 1895 – nach fast zwei Jahren auf dem Schiff! – verlor Nansen die Geduld: „Also, Männer, Ihr bleibt auf dem Schiff, und ich packe mir ein paar Skier und gehe zu Fuß zum Nordpol. Ich werde ausrechnen, wohin Ihr treibt, und dort treffen wir uns dann später. Tschau mit Kakao!“ Nur einen Kollegen, Fredrik Johansen, nahm er mit.

„Bis bald im Wald“, „tschüssli Müsli“ und „bis Spätersilie“ riefen die Männer, denn zwei Jahre auf einem Schiff machen kreatiff.

Die von der Fram bis zum Nordpol zu überwindende Distanz betrug 660 km. (Wer mein obiges Verdikt des dümmsten Planes aller Zeiten für überzogen gehalten hat, möge das jetzt überdenken.)

Nansen und Johansen legten pro Tag zwischen 13 und 17 km zurück, aber jede Nacht, als sie schliefen, veränderte die Meeresströmung ihre Position wieder. Und zwar meist in die falsche Richtung. Das Wetter wurde härter, das Eis unwirtlicher, die Kräfte schwanden. Bei einer nördlichen Breite von 86° 13,6′ hatten sie den bisherigen Nordrekord um fast drei Breitengrade übertroffen, machten ein Selfie und beschlossen, umzukehren.

Auf dem Rückweg wurden sie – mal wieder – vom einsetzenden Winter überrascht, so dass sie für acht Monate ein Winterlager aufschlagen mussten. (Ein persönlicher Tipp: Wenn Ihr wie Nansen der Enge der Ehe entfliehen wollt, geht nicht mit nur einem anderen Menschen zu Fuß zum Nordpol!)

Erst am 19. Mai 1896 – also 14 Monate nach Verlassen des Schiffes! – konnten sie ihren Weg fortsetzen. Am 17. Juni 1896 trafen sie, wie es halt manchmal so passiert, auf Frederick George Jackson, einen britischen Polarforscher.

Jackson hatte am Kap Flora eine Forschungsstation eingerichtet, wo er schon seit drei Jahren lebte. Ich kann mir vorstellen, dass er sich über die Abwechslung freute. Umso mehr als Nansen und Johansen bereits als verschollen galten. Das nächste Versorgungsschiff, das Jacksons Lager anlief, nahm die beiden Abenteurer mit nach Norwegen. Lustigerweise traf die Fram, die ihre Eisreise überlebt hatte, nur wenige Tage später ein. Das gab ’ne Party!

Jackson hatte bald genug vom Eis und durchquerte in den folgenden Jahren Afrika und Australien. (Ich weiß nicht warum, aber es gibt so Menschen, die müssen ständig irgendwas durchqueren oder besteigen.) Nansen hatte auch genug vom Eis, ging in die Politik und verhalf Norwegen 1905 zur Unabhängigkeit. Dummerweise hatte sich Norwegen zur Monarchie erklärt, ohne eine eigene Herrscherfamilie zu haben; ein Problem, das aufmerksame Leser dieser Reihe aus anderen Ländern bereits kennen.

Also fragten die Norweger, die sich gerade von Schweden losgesagt hatten, einen dänischen Prinzen, ob er nicht gerne norwegischer König werden wollte. Wie dänische Prinzen so sind, zögerte dieser keine Sekunde, und noch heute wird Norwegen von der Dynastie Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg regiert, die uns bereits auf einer langen Zugfahrt nach Stockholm begegnet ist.

Aber genug des schneetreibenden Vorgeplänkels. Schließlich wollte ich anlässlich des hundertjährigen Jubiläums eigentlich davon erzählen, wofür Fridtjof Nansen 1922 den Friedensnobelpreis erhielt.

Den gab es nämlich weder für die Polarexpedition, noch für die Gründung Norwegens. Stattdessen ging es – jetzt wird’s richtig spannend! – um Staatsbürgerschaftsrecht, Flüchtlingsfragen und Pässe. Ganz zufällig eines meiner Spezialgebiete als Rechtsanwalt.

Nansen war nämlich – wie ich – der Meinung, dass man keinesfalls mehr als sieben Jahre im gleichen Berufsfeld tätig sein sollte. Für ihn und andere Menschen mit Lust an einer beruflichen Umorientierung war 1920, als eine der Lehren aus dem Ersten Weltkrieg, der Völkerbund gegründet worden. Das war so etwas wie die UNO, nur dass jedes kleine Bibsiland ein Veto hatte. Sogar Guatemala, Abessinien und Luxemburg.

„Bürokratie ist viel spannender als diese Arktisdurchquererei.“

Nansen nahm sich der Aufgabe an, Kriegsgefangene und Flüchtlinge in ihre Heimatländer zurückzubringen. Das war schwierig genug, weil es nach so einem Weltkrieg naturgemäß Millionen von Kriegsgefangenen und Flüchtlingen gibt. Noch dazu haben manche Länder auch nach dem Krieg absichtlich Flüchtlinge produziert, z.B. beim griechisch-türkischen „Bevölkerungsaustausch“, wo Hunderttausende von Menschen zu ihrer großen Überraschung mitgeteilt bekamen, dass sie im falschen Land lebten, die Koffer packen sollten und in „ihr“ Land abhauen sollten, obwohl sie dort noch nie gelebt hatten.

Andernorts bestand das Problem, dass die Städte nicht mehr bestanden, in die man zurückkehren konnte. So sah z.B. Ypern in Belgien aus, nachdem die Deutschen vorbeigeschaut hatten:

Dann gab es Flüchtlinge, die nicht mehr in ihre Heimat zurück konnten, weil sie dort als Staatsfeinde betrachtet wurden, z.B. viele der Flüchtlinge des Russischen Bürgerkriegs. Dieser Krieg war bekanntlich so kompliziert, dass man sehr leicht zum Staatsfeind oder zum Feind des Staatsfeindes oder zum Feind des Feindes des Staatsfeindes wurde, was sich zudem tagtäglich ändern konnte. (Wer die Komplexität des Russischen Bürgerkriegs erahnen möchte, dem sei die Folge über den deutsch-baltischen Baron empfohlen, der während dieses Kuddelmuddelkrieges eine eigene asiatische Reiterarmee aufstellte, sich als Reinkarnation von Dschingis Khan betrachtete, das Zarengold raubte, das Königreich Mongolei gründete und die Neonazis dort hoffähig machte. Ist eine spannende Geschichte!)

Und dann gab es die Flüchtlinge, die nicht zurück konnten, weil jemand ihr ganzes Volk ausrotten wollte. Da kommen einem insbesondere die armen Armenier in den Sinn, die deshalb bereits im März 1921 und im April 1922 einen Auftritt in dieser Geschichtsreihe hatten. Bei den Armeniern sieht man auch sogleich eines der Probleme, das die Arbeit von Nansen erschwerte: Manche Völker hatten keine eigenen Staaten, andere Staaten waren untergegangen. Millionen Menschen wurden staatenlos. Die Sowjetunion entzog nach ihrer Gründung – übrigens ebenfalls im Dezember 1922, also vor genau hundert Jahren (falls jemand feiern will) – allen ins Exil gegangenen ehemaligen Russen, Ukrainern u.s.w. die Staatsbürgerschaft.

Auch die Auflösung von Österreich-Ungarn und des Osmanischen Reiches, Grenzverschiebungen und allerhand völkerrechtliche Zwischenprodukte wie Mandatsgebiete (z.B. das Saarland und Palästina, die beiden ewigen Problemkinder der Weltgemeinschaft), Freie Städte (z.B. Danzig) und von mehreren Staaten gemeinsam verwaltete internationale Zonen (z.B. Tanger) konnten zur Staatenlosigkeit führen. Darüber hinaus missbrauchten immer mehr Staaten das Staatsangehörigkeitsrecht, um bestimmte religiöse, ethnische oder politische Minderheiten auszubürgern und damit schutzlos zu stellen.

Auch wenn Ihr das Land, dessen Staatsangehörigkeit Ihr – meist ohne eigenes Zutun – habt, nicht besonders mögt, glaubt mir: So ganz ohne Staatsangehörigkeit lebt es sich noch schlechter. Das gilt umso mehr, je papiergläubiger eine Gesellschaft ist. Ohne Personalausweis oder Pass, manchmal sogar ohne Geburtsurkunde, ist es extrem schwer, eingeschult zu werden, ein Konto zu eröffnen, einen Mietvertrag abzuschließen oder zu heiraten. Nach deutschem Recht darf man als Staatenloser eigentlich nicht einmal sterben. Hannah Arendt, selbst von 1937 bis 1951 staatenlos, bezeichnete sich und ihre Schicksalsgenossen „politisch gesprochen als lebende Leichname“.

Fridtjof Nansen konnte dieses Riesenproblem nicht lösen. Aber er ging eines der praktischen Probleme an, nämlich die fehlenden Personaldokumente. Als Hochkommissar für Flüchtlingsfragen setze er die Idee durch, dass der Staat, auf dessen Territorium man sich befindet, ein Identifikationspapier ausstellt, das auch zum Reisen berechtigt, aber keine staatsbürgerschaftlichen Rechte verleiht. Mit diesem sogenannte Nansen-Pass oder Nansen-Ausweis konnte man zumindest eine Arbeit und eine Wohnung finden.

Aber natürlich blieb dieses Stück Papier ein zweitklassiges Stück Papier. Wladimir Nabokov, selbst Inhaber eines Nansen-Passes, bezeichnete es als „höchst minderwertiges Dokument von kränklich grüner Farbe. Sein Inhaber war wenig mehr als ein auf Bewährung entlassener Verbrecher.“ Außerdem setzten nicht alle Staaten die Idee des Völkerbundes um. Viele Flüchtlingsgruppen waren ganz ausgeschlossen.

Dennoch gab es dafür 1922 den Friedensnobelpreis für Fridtjof Nansen, mit der aus Arbeitszeugnissen bekannten Wendung „er hat sich stets bemüht“.

Das Problem der Staatenlosigkeit ist bis heute ungelöst. Allein in Europa leben schätzungsweise über 500.000 Staatenlose, in Deutschland nach aktueller Zählung 27.940.

Den Nansen-Pass gibt es nicht mehr. An seine Stelle ist der „Reiseausweis für Flüchtlinge oder Staatenlose“ nach Art. 28 der Genfer Flüchtlingskonvention getreten. Achtet mal bei der nächsten Reise darauf, ob Ihr jemanden mit so einem blauen Pass in der Warteschlange an der Grenze entdeckt. Dann wisst Ihr, dahinter steckt vielleicht eine dramatische Geschichte. Oder auch nicht, schließlich kann derjenige meist überhaupt nichts für seine Staatenlosigkeit.

Aber bevor ich jetzt in die Einzelfälle abgleite, was einem uferlosen Unterfangen gleichkäme, kehre ich doch noch einmal zurück zur guten alten Fram: Die Idee hinter der Eisdrift wurde nämlich kürzlich wiederbelebt. Im Rahmen der MOSAiC-Expedition des Alfred-Wegener-Instituts wurde der Eisbrecher Polarstern eingefroren und bis auf 156 km an den Nordpol herangetrieben, näher als je zuvor ein Schiff gekommen war.

„Wir mussten allerdings immer ein Auge auf die norwegischen Mitglieder des Teams werfen“, so der deutsche Expeditionsleiter Markus Rex. „Wenn die so nah am Nordpol sind, da merkt man richtig, wie es sie in den Fingern juckt, über Bord zu springen und loszulaufen.“


Und das war’s für 1922.

Schaltet auch nächstes Jahr wieder ein, wenn wir mindestens einmal im Monat genau hundert Jahre zurück reisen. 1923 ist einiges passiert, von der Besetzung des Ruhrgebiets bis zum Hitler-Putsch, von der Italienisierung Südtirols bis zur Gründung von Warner Brothers und der Disney-Studios, vom Friedensvertrag von Lausanne bis zum Rifkrieg, vom Hamburger Aufstand bis zum Militärputsch in Spanien.

Hunderte von Themen tummeln sich schon auf meiner Liste, aber Wünsche, Vorschläge und Gastartikel sind gerne willkommen. Ebenso wie Eure Spenden, die mir diese Arbeit erst ermöglichen. Vielen Dank an alle Unterstützerinnen und Unterstützer, und ein spannendes 1923/2023!

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Eisenhüttenstadt, die vielleicht schönste Stadt Deutschlands

Es gibt Orte, an die will man schon allein wegen ihres klangvollen Namens: Samarkand. Timbuktu. Isfahan. Konstantinopel. Cochabamba. Und Eisenhüttenstadt.

Die Zeit, als diese Perle der Lausitz einen weniger klangvollen Namen hatte und Stalinstadt hieß, währte nur kurz, von 1953 bis 1961. Dann wurde dieser Fehlgriff bei der Namenswahl prompt korrigiert und die Stadt erhielt ihren jetzigen Namen. (Die Sowjetunion bestrafte die DDR daraufhin mit dem Bau der Mauer.)

Aber auch wenn der ursprüngliche Name nicht zu überzeugen vermochte, das Konzept konnte es sehr wohl: Eine komplett neue Stadt. Geplant und gebaut für das namensgebende Hüttenwerk, das Eisenhüttenkombinat Ost.

Für 30.000 Menschen wurde die Stadt gebaut. 10.000 davon Arbeiter und Arbeiterinnen im Hüttenwerk, aber dazu kamen ja noch Kinder, Omas, vielleicht sogar Katzen.

Am Morgen nehme ich den Zug von Guben nach Eisenhüttenstadt, immer der Oder entlang, auf wahrscheinlich in Eisenhüttenstadt hergestellten Schienensträngen. Aber als ich aus dem Fenster etwas erblicke, was ich vielleicht in Bayern, vielleicht auf der anderen Seite der Oder, aber niemals in Brandenburg erwartet hätte, drücke ich instinktiv den Halteknopf und steige schon am nächsten kleinen Bahnhof aus. Diese Spontanität ist schließlich der große Vorteil des Alleinreisens.

Der Ort heißt Neuzelle und wird dominiert von einem wunderbaren Barockkloster mit einem herrlichen Park, wo man den ganzen sonnigen Tag lang entspannen könnten. Wenn nicht in der Ferne die Schlote, Kamine, Industrietürme und mit ihnen das Zeitalter der Moderne lockten.

Ich werde später, zu gegebener oder überraschender Zeit, auf Neuzelle zurückkommen, aber jetzt wollt Ihr das eingangs versprochene Eisenhüttenstadt kennenlernen. Ich auch. Schließlich bin ich hier, um den Osten zu verstehen, so als Wessi. Da nutzen mir die Zisterzienser gar nichts.

Also spaziere ich zurück zum Bahnhof, wo zwar in 15 Minuten der nächste Zug kommt, ich aber nicht weiß, ob ich mit dem gleichen Fahrschein die einmal unterbrochene Fahrt fortsetzen darf. (Diese Geschichte spielt in der dunklen, alten Zeit vor dem 9-Euro-Ticket.)

Kein Problem, dann versuche ich es eben per Anhalter.

Ein paar Autos ignorieren mich, aber nach wenigen Minuten hält eine freundliche Frau: „Wollen Sie nach Hütte?“ fragt sie, und schon habe ich gelernt, wie man Eisenhüttenstadt auf Cool sagt.

„Ja“, sage ich und steige ein.

„Wo müssen Sie denn hin?“ fragt sie.

„Ach, einfach so in die Innenstadt. Ich will nur ein bisschen herumspazieren und mir die Stadt ansehen.“ (Es war einer dieser Tage, an denen der reisende Reporter vergessen hatte, einen genauen Plan zu machen.)

Die Fahrerin blickt mich misstrauisch an. Autofahrer finden es grundsätzlich verdächtig, wenn der Tramper kein genaues Ziel hat. Dann glauben sie, man wolle sie ausrauben oder so.

Also präzisiere ich: „Außerdem würde ich mir gerne das Museum zur Alltagskultur der DDR ansehen.“ (Der reisende Reporter ist so belesen, dass er, selbst wenn er sich nicht vorbereiten möchte, unterbewusst doch immer vorbereitet ist.)

Die Frau fährt mich direkt zum Museum, sperrt die Tür auf und sagt: „Ich arbeite hier.“

Das Museum ist in einem ehemaligen Kindergarten untergebracht. Ach, was sage ich, einem wahren Kinderpalast! Im Obergeschoss verfügen alle Klassenzimmer über einen der Sonnenseite des Lebens zugewandten Balkon. Jede Tür verfügt über ein Fenster, damit die Pädagoginnen ihre Klienten beaufsichtigen können, ohne die Kinderkollektive in ihrer freien und selbstverantwortlichen Entwicklung und Entfaltung stören zu müssen. Den Treppenaufgang schmücken Glasmosaike eines der größten Künstler des Landes. Die Kinder blicken auf einen wunderbaren Park mit einer Weltkugel, die sie auf ihr zukünftiges Leben in Paris, Buenos Aires und Havanna vorbereitet.

Das ist schon besser als diese Hinterhofkaschemme, in der ich in der BRD in den Kindergarten musste. (Ich habe mir damals mit 5 Jahren selbst das Lesen beigebracht, um vorzeitig aufs Gymnasium befördert zu werden. Aber es hat niemanden interessiert. Im Westen gab es keine Begabtenförderung, weil man sowieso nur Kanonenfutter für Vietnam produzieren wollte.)

In Eisenhüttenstadt sind alle Schulen und Kindergärten großzügig angelegt, mit viel Grünfläche, jede Bildungseinrichtung mit ihrem eigenen Park. Der Pestalozzi-Kindergarten sieht aus wie ein Golfhotel. Um den Springbrunnen unter schattenspendenden Bäumen tanzen die Kinder ein Loblied auf die 16 Grundsätze des sozialistischen Städtebaus. Die Schüler des Wilhelm-Pieck-Gymnasiums können vor ihrer Schule im Heinrich-Heine-Park lustwandeln und Gedichte aufsagen.

Gerne wurde und wird die sozialistische Architektur als Massenware verspottet, meist ohne sie selbst begutachtet oder gar bewohnt zu haben. Böse und bürgerliche Zungen behaupten, es sei eine Architektur der Gleichmacherei. Dabei sind die Plattenbauten, die ich von Vilnius bis Wladiwostok, von Bukarest bis Baikonur bewohnt habe, wesentlich individueller (und gemütlicher!) aus- und umgestaltet als die Zigmillionen von sterilen weißen Würfeln, die der Kapitalismus in der gleichen Zeit auf die Wiese gesetzt hat.

Aber seht für Euch selbst. Ich nehme Euch mit auf einen Spaziergang. Denn es ist ein sonniger Tag, wie ihn nur der späte Oktober hervorbringt. Ins Museum können wir auch später noch.

Erkennt Ihr die Großzügigkeit der Stadtplanung? Die Weite der Grünflächen? Den Raum für Kunst? Den Platz für Begegnungen im Grünen, ohne trennende Gartenzäune, die zwischenmenschliche Beziehungen mit dem Unterschied zwischen mein und dein überfrachten, ja oft genug zerstören? Wie die Wohngebiete vom Durchgangsverkehr freigehalten werden, aber durch Hofdurchgänge geschickt miteinander vernetzt und verbunden werden?

Und vergesst nicht, für wen diese palastartigen Straßenzüge gebaut wurden. Hier wohnen Schlosser in Schlössern, Putzfrauen in Palästen, jeder Busfahrer hat einen Balkon, jeder Werktätige einen weiten Blick und jeder Arbeiter eine Arkade vor dem Haus.

Die Hauptflanierstraße, die Champs-Élysées von Eisenhüttenstadt, mit Eiscafés, Blumenläden und Fotostudios für glückliche Kleinfamilien, ist auf den Motor, den Ernährer, ja die Existenzberechtigung dieser Stadt ausgerichtet: auf das Stahlwerk.

Als ich im Park vor dem Krankenhaus sitze, erklärt mir ein Patient, dass man auch vom Krankenhausbett aus das Stahlwerk sehen kann, so dass man weiß, wofür man schnell gesunden muss. „Oder warum man lieber länger krank bleibt“, wirft ein zweiter Patient ein und zündet sich eine Zigarette an.

In Eisenhüttenstadt wird die Industrie nicht verschämt versteckt, sondern die Kinder können stolz den ganzen Tag auf die Fabrik blicken, um zu sehen, wo Mama und Papa am Fortschritt arbeiten und Stahl für Panzer, Wohnmobile und Raumstationen schmieden. Am zweiten Sonntag im April wird der Tag des Metallarbeiters und am dritten Sonntag im November der Tag des Metallurgen gefeiert. Wer, wie ich, den Unterschied zwischen den beiden Berufsbildern nicht kennt, feiert sicherheitshalber zweimal.

Zu Hochzeiten der Produktion verlief in Eisenhüttenstadt das Leben im Rhythmus des Schichtbetriebs. Die Läden und Bibliotheken waren so geöffnet, dass man vor oder nach der Schicht noch eine Bulette und ein Buch holen konnte. Die Busse waren natürlich auf die Arbeitsschichten abgestimmt. Die Abendvorstellung im Theater begann so, dass nach der Schicht im Stahlwerk noch eine Stunde Zeit zum Umziehen und Duschen blieb. Und sogar die Kindergärten und Schulen richteten ihren Stundenplan nach den Arbeitsschichten der Eltern. (Aber gut, das ist im Kapitalismus nicht anders. Oder warum, glaubt Ihr, müssen Kinder um Punkt 8 Uhr in der Schule stramm stehen?)

Die bourgeois-hochnäsigen Leser mögen sich über die Erwähnung von Theater und Literatur im Zusammenhang mit Stahlarbeitern wundern. Aber wenn man ihnen, wie im Sozialismus, die Möglichkeit bietet, dann gehen auch der Baggerfahrer und die Verfahrensmechanikerin gerne ins Friedrich-Wolf-Theater, holen sich für romantische Leseabende ganz unironisch „Helle Nächte“ oder „Roheisen“ aus der Betriebsbücherei oder stehen stundenlang für ein gutes Buch an.

Wo bitteschön baut der Kapitalismus Theater und Bibliotheken für seine Arbeiter?

Das ist auch so eine Sache, die den DDR-Betrieben nach 1990 zum Vorwurf gemacht wurde: „Ihr benötigt 10.000 Arbeiter, um 17 Millionen Tonnen Stahl zu produzieren. Im Westen schaffen wir das mit einem Drittel der Belegschaft.“ Dabei wurde bei der wirtschaftlichen Bewertung der ostdeutschen Industrie vollkommen übersehen, dass die Kombinate auch die Wohnungen, Kindergärten, Kulturhäuser, Theater, Ferienheime, Restaurants, Kegelheime, Bibliotheken und Polikliniken für ihre Arbeiter und deren Familien – und sogar einen professionellen Fußballverein – betrieben.

Von den Gaststätten sind nur mehr der „Balkan“ und der „Aktivist“ geblieben. Letzteren nennt Ihr aber, wenn Ihr cool klingen wollt, nur den „Akki“.

Die Wohnblöcke sind übrigens gar nicht alle gleich. Da gibt es Erker, Durchbrüche, individuelle Torgestaltungen, verschiedenste Verzierungen, Mosaike, Gemälde, und natürlich unterschiedlich große Wohnungen, je nach Kinderzahl.

Das mit den Kindern ist allerdings so eine Sache. Daran, dass der ehemals schönste Kindergarten jetzt ein Museum beherbergt, könnt Ihr schon erkennen, dass es an Kindern ein bisschen mangelt. Überhaupt sehe ich nur wenige Kinder, Jugendliche oder sogar Menschen in meinem Alter (46 zum Zeitpunkt der Reise). Eisenhüttenstadt sieht ein bisschen aus wie ein Sanatorium im Grünen, mit verdächtig vielen Geschäften für orthopädische Schuhe und für Bestattungen, Einäscherungen und Särge. Ein ehemaliges Reisebüro bietet Seebestattungen an. „Einmal sterben und das Meer sehen“ statt „einmal das Meer sehen und sterben“.

Seit 1990 hat sich die Bevölkerungszahl der Stadt mehr als halbiert. Von 53.000 auf 24.000. Solche Bevölkerungsrückgänge gab es nicht einmal im Zweiten Weltkrieg. Die Frau aus dem Museum schildert mir später ihre Erinnerungen an diese Zeit, an die dramatischen Umwälzungen, an die Unsicherheit: „Die Einschläge kamen links und rechts. Plötzlich kannte jeder jemanden, der arbeitslos war. Das war etwas vollkommen Neues für uns.“ Und jede Woche verlor man Freunde, Bekannte, Verwandte, Kinder, weil alle wegzogen.

Auch sie hatte im Stahlwerk gearbeitet, „als Maurer“. (Ostdeutsche Frauen verwenden, wenn sie über diese Zeit sprechen, nie die weibliche Berufsbezeichnung, ist mir aufgefallen.) Als sie gekündigt wurde und zum Arbeitsamt ging, fragte man sie vorwurfsvoll: „Warum sind Sie überhaupt noch hier?“ Für den Wegzug gab es eine Prämie von 500 Euro. Egal wohin man zog, egal was man dort machte, Hauptsache raus aus der örtlichen Statistik.

Und so wirkt Eisenhüttenstadt ausgestorben wie eine süditalienische Stadt zur vierstündigen Mittagspause. Oder wie eine Filmkulisse, nachdem der Film bereits abgedreht wurde. Oder das ganze Filmprojekt wegen fehlender Fördermittel abgesagt wurde. Die paar Ampeln, die es gibt, kann man getrost ignorieren. Man kann sich hier auch mitten auf der Hauptstraße die Schuhe binden. Das eine Auto, das jede Viertelstunde mal vorbeifährt, wartet gerne, um die Abwechslung zu bestaunen.

Das Stahlwerk gehört jetzt zu ArcelorMittal und beschäftigt nur noch 2500 Arbeiter. Architekturtourismus scheint (noch) kein großes Zugpferd zu sein und könnte den wirtschaftlichen Rückgang sowieso nicht auffangen. Im größten Hotel am Ort, dem Lunik, ist tote Hose.

Das sind Fotos, von denen mir jeder abnehmen würde, sie in Sarajewo oder Mogadischu gemacht zu haben. Aber das ist mitten in einer deutschen Kreisstadt. Zentral gelegen, direkt gegenüber dem Rathaus, das größer ist als das Weiße Haus in Washington.

Im Rathaus zeigt eine Mutter ihrer Tochter das Mosaik im Treppenaufgang: „Das war der Sozialismus: Überall Menschen, die arbeiten.“ Ihrer Tonlage kann ich nicht entnehmen, ob sie das gut oder schlecht fand. Und eigentlich sieht sie gar nicht alt genug aus, um eigene Erinnerungen an die DDR zu haben.

Aber dafür kommt man jetzt auch nicht mehr wegen Nichtarbeitens als „Asozialer“ ins Gefängnis wie in der DDR nach § 249 StGB oder zuvor im Deutschen Reich nach § 361 StGB. Und neben der Karl-Marx-Straße, der Friedrich-Engels-Straße, der Karl-Liebknecht-Straße und der Rosa-Luxemburg-Straße gibt es eine Eichendorffstraße. Das überrascht mich dann schon. Der Autor des „Taugenichts“ in einer der Arbeit, dem Fleiß, dem Fortschritt verschriebenen Stadt?

Die Skepsis gegenüber dem nichtsnutzigen Herumlungern haben die Eisenhüttenstädter anscheinend verinnerlicht, denn wenn ich hier auf einer Parkbank sitze, fotografiere, schreibe und vor mich hin murmele, wie wahnsinnig schön diese Stadt sei, werde ich immer wieder verdächtig beäugt. Ein paar junge Männer mit Bierflaschen, kurzen Hosen und Tätowierungen bis über die hasserfüllten Augen hetzen ihre Kampfmöpse auf mich. Aber dann ziehen sie weiter, „das christliche Abendland verteidigen“.

In Eisenhüttenstadt ist die Erstaufnahme für Asylsuchende in Brandenburg.

Zur Zeit (Oktober 2021) kommen hier jeden Tag um die hundert Menschen an. Das wären gerade genug, um den Bevölkerungsschwund auszugleichen. Aber die Menschen, die den langen Fußweg von Afghanistan hinter sich haben, werden hier durch ein Wechselbad der Gefühle geschleudert: Zuerst die Ankunft in dieser schönen, grünen, perfekt arrangierten Stadt, wie das Klischee des organisierten Deutschlands, um dann in absolut chaotische Städte wie Berlin, Nürnberg oder gar Frankfurt verteilt zu werden.

Wenn die Menschen hier Frankfurt sagen, meinen sie übrigens ein anderes Frankfurt als der Rest der welt. Schade eigentlich, dass Frankfurt/Oder keinen Flughafen hat, sonst würden sich mehr Menschen verfliegen. Wusstet Ihr, dass viele Ausländer glauben, das „Main“ in Frankfurt/Main sei Englisch und bedeute Haupt-Frankfurt oder Frankfurt Hauptbahnhof?

Aber ich schweife ab. Ein sicheres Zeichen dafür, dass es Zeit für die Mittagspause ist. In Osteuropa gehe ich dazu und zum anschließenden Zigarrenrauchen am liebsten zum sowjetischen Ehrenmal.

Hier spricht sogar die Cola-Cola-Dose Russisch.

Manche Deutsche wird stören, dass ich einen Teil unseres Landes als Osteuropa bezeichne. Aber wenn Marienbad, Pilsen oder Laibach für Euch Osteuropa sind, dann sind es Rostock, Bautzen und Görlitz ebenso.

Der Platz vor dem sowjetischen Ehrenmal hat eine hervorragende Akustik. Das angetrunkene Stiefvater-Stieftochter-Paar, das sich auf einer Bank am anderen Ende des fußballfeldgroßen Platzes lallend unterhält, schallt bis zu mir. Schade, dass die sowjetische Ehrenwache nicht mehr da ist. Die hätte die beiden abgeknallt. Oder zumindest abgeführt.

Zum Mittagessen gehört natürlich eine Zeitung. Die Märkische Oderzeitung schreibt, dass das einstige Backwarenkombinat verfällt. (Das kommt davon, wenn es mehr Bhagwan- als Backwarenanhänger gibt.) Außerdem verfallen die Bettenhäuser am Kanal und in der Cottbuser Straße. Ebenso die Konsumgenossenschaft in der Beeskower Straße. Bei der Kegelbahn in der Waldstraße ist das Dach eingestürzt.

Und das sind nur die Meldungen von einem Tag.

Wenn Ihr also noch etwas von Eisenhüttenstadt sehen wollt, kommt schnell! Sonst wird das nur mehr etwas für Lost-Places-Fotografen sein.

Gestärkt mit Currywurst und Pommes, Cola und Zigarre ist es endlich Zeit für das Museum, wo ich die freundliche Frau wieder treffe, die mich heute Morgen mit nach Hütte genommen hat. Sie erzählt mir sehr persönlich von ihrer Geschichte, ich hatte ja oben schon auszugsweise berichtet.

Auch 30 Jahre später ist sie noch immer erbost darüber, wie das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO Stahl) arm gerechnet wurde. Klar hatten die Unternehmen in Ostdeutschland Verbindlichkeiten, aber das waren doch keine richtigen Schulden, klärt sie mich auf. Es waren nur Verrechnungseinheiten, die der Allokation von Produktionsfaktoren dienten. Insbesondere Verbindlichkeiten gegenüber dem Staat waren ja eigentlich irrelevant, weil die Unternehmen dem Volk und damit dem Staat und irgendwie alles allen gehörte.

Die Firmen waren nicht überschuldet oder unproduktiv, wie die nicht über ihren bürgerlichen Eigentumshorizont denkenden Westmanager gerne behaupteten, bevor sie die gleichen Firmen für ’n Appel und ’n Ei kauften.

Nur die Appel- und Ei- und sonstigen Lebensmittelproduzenten, die gingen tatsächlich pleite: „Von einem Tag auf den anderen war das Westsortiment in unseren Läden, und niemand kaufte mehr die alten Produkte.“ Dabei war das Westbrot auch nicht besser, sogar teurer. Aber es war halt neu.

Wen hingegen die Ostalgie nach den alten Plastesachen packt, der ist in diesem Museum richtig. Es geht hier, wie der Name sagt, um die Alltagskultur. Nicht um die schweren Themen wie Stasi, Mauer, Schießbefehl. Dafür gibt es andere Museen. (Ein Artikel über das Stasi-Gefängnis in Bautzen wird folgen. Erinnert mich notfalls in ein paar Wochen daran!)

Hier gibt es alte Telefone. Alte Schallplatten. Altes Spielzeug. Alte Küchenutensilien. Alte Plakate („Freiheit für unsere Angela Davis!“). Alte Schulbücher (das Kapitel 4.1.3 des Lehrbuches für den Geschichtsunterricht in der 10. Klasse ist mit „Errichtung der materiell-technischen Grundlagen des Sozialismus und der Kampf um den Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse“ überschrieben, und man sieht die Schüler förmlich mit dem Schlaf ringen). Der Vorläufer des Thermomix-Küchengeräts.

Die Besucher aus dem Osten schwelgen in Kindheitserinnerungen.

Interessant sind auch die Kontaktanzeigen aus der Wochenpost (Heft 17/1987).

Bibelkundiger Handw., 41/1,67, gesch., NR, NTR, sucht treue Frau aus der gr. Volksmenge. Zuschr. an 1439 dlb-Anz.-Ann., PSF 734, Bautzen, 8600

„Bibelkundiger Handwerker“, das könnte eigentlich Jesus sein.

Apropos Handwerker: Die Frau aus dem Museum erzählt, dass für sie der größte Freiheitsgewinn nach der Wende das Auftauchen von Baumärkten war. Ich verstehe nicht, aber sie erklärt es: „Bei uns konnte man privat keine Baumaterialien kaufen. Deshalb genossen Handwerker gesellschaftlich eine ganz hohe Stellung.“ Ich verstehe immer noch nicht. „Das haben sie sich anmerken lassen. Es war nicht angenehm, von denen abhängig zu sein,“ ergänzt sie, „vor allem als alleinerziehende Mutter.“ Ah, ich glaube, jetzt verstehe ich.

Er, 30/1,80, dkl.-bld., gesch., marx-len. WA, handwerkl. begabt, nicht ortsgeb., vielseit. Int., sucht gutauss., natürl. Mädchen od. Frau, v. 25-35 J. m. Kd. angen. Zuschr. an 5652 dlb-Anz.-Ann., Breite Str. 7, Hettstedt, 4270

Dieser junge Mann weiß, worauf es ankommt. Ohne „marxistisch-leninistische Weltanschauung“ kann eine Beziehung gar nicht langfristig funktionieren. Glaubt einem erfahrenen Scheidungsanwalt, der miterleben muss, wie viele Ehen der Kapitalismus zerstört!

Christl. jg. Mann, 25/1,86, möchte ein charm. begeisterungsfähiges, schlk. Mädchen m. fundiertem christl. Glauben kennenlernen. Jede Bildzuschr. wird beantw. (Foto zur.). FO 2689 „Freiheit“-Anz-Ann., PSF 67, Halle, 4010

Diese ganzen Christen haben wohl doch nicht so richtig an Gott geglaubt. Sonst hätten sie ja einfach dafür gebetet, ihren Traumpartner kennenzulernen.

In Eisenhüttenstadt war das mit dem Beten allerdings besonders schwierig. Denn nicht nur hat die sozialistische Planstadt alles, was man braucht. Sie hat auch genau das nicht, was niemand braucht, was aber in den meisten anderen deutschen Städten frech den besten Platz wegnimmt: Hier gibt es keine Kirche.

Deshalb hat die DDR-Opposition etwa 10 Kilometer außerhalb heimlich das Kloster Neuzelle gebaut, das ich Euch eingangs gezeigt habe. Aber weil das hier schon wieder ziemlich lang geworden ist, schreibe ich darüber ein anderes Mal.

Ein Raum im Museum widmet sich den unabhängigeren, oppositionellen und an den Rand gedrängten Milieus und Subkulturen. Neben dem „Beatles- und Gammlerunwesen“, der Umweltbewegung und der Friedensbewegung, Punks und Homosexuellen finden sich hier auch die Tramper, wie ich zu meiner persönlichen Betroffenheit feststellen muss. Das wundert mich, gab es in der DDR doch andererseits Tramperliteratur, Tramperfilme und eine richtige Tramperkultur.

Ein Aspekt, den ich bei all meiner Schwärmerei für Eisenhüttenstadt nicht übersehen darf: Diese beruht hauptsächlich auf dem vielen Grün und den Bäumen. Als die Stadt neu gebaut wurde, waren die Bäume noch klein, und es sah wesentlich kahler aus.

Andererseits fanden die Leute das damals modern. Und wenn im Westen nicht alle paar Jahre etwas pleite gehen, eingerissen und neu gebaut würde, wäre der Unterschied zwischen Ost- und Weststädten gar nicht so groß. In Eisenhüttenstadt kommt die Besonderheit hinzu, dass die ganze Stadt als Denkmal geschützt ist. Das größte Denkmal Deutschlands!

Und so kann man hier wunderbar in die 1950er und 1960er Jahre zurückversetzt werden und in die gleichen Postämter und Konsumläden gehen wie einst die Großeltern.

Im Supermarkt steht noch die Losung „Für ein fortschrittliches Verhältnis von Angebot und Nachfrage“, was immer das bedeuten soll. Hoffentlich nicht das aktuelle Überangebot an Flitter und Tand, den niemand braucht.

Da ich eh kein Geld habe, schaue ich mir lieber noch etwas von der öffentlichen Kunst an.

Eine Sache fehlt dann doch in Eisenhüttenstadt. Und das wundert mich bei einer sonst so perfekt geplanten Stadt: Es gibt keinen Eisenbahnanschluss.

Der Bahnhof, der sich frech Eisenhüttenstadt nennt, ist in Wirklichkeit in Fürstenberg . Und weil in dieser tollen Marktwirtschaft nach 18 Uhr kein Bus mehr fährt, muss ich die paar Kilometer dorthin zu Fuß gehen.

Nicht sehr einladend, dieser Empfang am Bahnhof. Aber wie Ihr gesehen habt, der erste Eindruck täuscht, und Euch erwartet die vielleicht schönste Stadt Deutschlands.

Oder fand ich Eisenhüttenstadt nur so wunderbar, weil ich es an einem farbenfrohen Herbsttag besuchte?

Da ist es ja überall schön. Vielleicht sogar im Ruhrgebiet. (Zum Ruhrgebiet erscheint übrigens im Januar 2023 ein Artikel in meiner Geschichtsreihe „Vor hundert Jahren…“, in der es bereits einmal um eine andere Planstadt ging.)

Andererseits muss ich schon gestehen, dass ich ein Faible für sozialistische Planstädte habe. Das bisher beeindruckendste Beispiel fand ich in Nowa Huta in Polen. (Der Artikel darüber kommt irgendwann, mit jahrelanger Verspätung, wie das so ist bei mir.) Weitere Traumziele wären Dunaújváros in Ungarn und Magnitogorsk in Russland.

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Weihnachtsgedicht

Zu Weihnachten werde ich immer ganz poetisch, aber niemand brachte die Stimmung besser auf den Punkt als Erich Mühsam in seinem Gedicht „Heilige Nacht“ von 1914:

Geboren ward zu Bethlehem
ein Kindlein aus dem Stamme Sem.
Und ist es auch schon lange her,
seit’s in der Krippe lag,
so freun sich doch die Menschen sehr
bis auf den heutigen Tag.
Minister und Agrarier,
Bourgeois und Proletarier –
es feiert jeder Arier
zu gleicher Zeit und überall
die Christgeburt im Rindviehstall.
(Das Volk allein, dem es geschah,
das feiert lieber Chanukah.)

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Schach – auch ein Opfer der Wende

Wer von Euch schon einmal in Osteuropa war, kennt die Szene: Ein paar Tische im Park, ein Haufen alter Männer, alle vertieft in Schachpartien. Manche aktiv, manche als Kiebitze. Wortlos, ernst, Tag für Tag.

Selbst in bitterster Kälte, wie hier in Odessa.

Auch Ostdeutschland war Osteuropa.

Aber jetzt verwaisen dort die Schachbretter, wie hier in Guben.

Mit der Wiedervereinigung wurden den Ostkindern die Schachfiguren abgenommen und durch Monopoly-Geldscheine ersetzt. (Siehe Nr. 14 Absatz 1 Ziffer 3 des Abschnitts II von Sachgebiet B in Kapitel IV der Anlage I zum Einigungsvertrag.)

Nachdenken, Strategie und Geduld waren nicht mehr gefragt. Nur mehr Geld, Geld, Geld.

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