Kürzlich, aber noch rechtzeitig, hatte ich darauf hingewiesen, dass die Frist zur Stellung von Entschädigungsanträgen nach dem StrRehaHomG am 21. Juli 2022 endet.
Das „Gesetz zur strafrechtlichen Rehabilitierung der nach dem 8. Mai 1945 wegen einvernehmlicher homosexueller Handlungen verurteilten Personen“ (StrRehaHomG) ist das Gesetz, nach dem einstmals wegen ihrer Homosexualität verurteilte Männer Entschädigungsansprüche wegen der erlittenen strafrechtlichen Verfolgung geltend machen können.
Von den zwischen 1945 und 1994 in (West-)Deutschland schätzungsweise 69.000 Verurteilten wurden bisher nur 335 Anträge auf Entschädigung gestellt. Die durchschnittliche Entschädigung durch ein von Staats wegen zerstörtes Leben beträgt etwa 3.400 Euro, also weniger als der Staatszuschuss für den Kauf eines Zweit- oder Drittwagens. In Deutschland wird Politik gemacht, wie wenn Autos wählen könnten.
Aber immerhin in einem Punkt ist die Bundesregierung großzügig: Die Frist für die Geltendmachung von Entschädigungsansprüchen nach dem StrRehaHomG wird um fünf Jahre bis zum 21. Juli 2027 verlängert.
Nicht verlängert wird – zumindest nach bisherigem Stand – jedoch das äußerst beliebte und erfolgreiche 9-Euro-Ticket.
„Wer so arm ist, dass er ein 9-Euro-Ticket benötigt, der hat normalerweise genug Zeit, um zu Fuß zu gehen. Die Eisenbahn muss den Leistungsträgern unserer Gesellschaft vorbehalten bleiben.“
Links:
Informationen zur Entschädigung nach dem StrRehaHomG.
In den letzten Monaten war auf diesem Blog erschreckend wenig los. 😦
Zum einen liegt das an meinem Geschichtsstudium, wo ich an einer Hausarbeit über die Geschichte des Arbeitsbegriffs im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit laboriere. Wie bei jedem Thema, in das man tiefer einsteigt, stellt es sich bald als wesentlich komplizierter (und interessanter) heraus, als man anfangs dachte.
Und in den letzten zwei Wochen war ich dann endlich mal wieder unterwegs. Zu meinem Geburtstag zog es mich nach Rumänien und in die Ukraine, von wo ich Euch ein paar (hoffentlich) interessante Geschichten mitgebracht habe. Während ich an diesen schreibe, gibt es hier einen kleinen Vorgeschmack.
Der erste Stopp war in Alba Iulia. Die heimliche Hauptstadt Rumäniens wird einen Auftritt in einer der kommenden Folgen meiner Geschichtsreihe „Vor hundert Jahren …“ haben, weil dort im Oktober 1922 ein Hohenzollern-Prinz zum rumänischen König gekrönt wurde. Fast hundert Jahre brauchte ich auch, um die Zitadelle von Alba Iulia zu umrunden. Die ist so riesig, es könnte das größte Verteidigungsbauwerk der Menschheit sein. Vielleicht nach der Chinesischen Mauer.
Außerdem wird es eine Geschichte darüber geben, wie ich im Botanischen Garten eingesperrt wurde, sowie über einen sehr juristischen Kinderspielplatz.
Danach ging es nach Baia Mare, der putzigen Hauptstadt der Maramureș.
Das Reisen zwischen den Städten war nicht nur wegen des Ausblicks auf Berge, Flüsse und die typischen Holzhäuser eine Freude, sondern auch weil ich in den Genuss von architektonischen Glanzstücken wie dem Busbahnhof von Baia Mare kam.
Oder den Bahnhof von Sighet.
Sighet ist für seine Größe eine ziemlich lebendige Stadt. Seine Museen, darunter das für die Opfer des rumänischen Kommunismus und das Geburtshaus von Elie Wiesel, locken Besucher aus aller Welt.
Für mich war Sighet hauptsächlich der Ausgangspunkt, um über diese Holzbrücke in die Ukraine zu kommen.
Für ein Land, das sich gegen einen schweren Krieg wehren muss, ging der Grenzübertritt erstaunlich leicht und unkompliziert vonstatten (und freundlicher als die Einreise nach Deutschland zu Friedenszeiten). Auch die Züge funktionieren noch. Ich musste allerdings per Anhalter kreuz und quer durch die ukrainischen Karpaten kurven, denn ich war auf der Suche nach dem geographischen Zentrum Europas. Und ich fand es tatsächlich!
Der letzte Stopp auf der Reise, zurück in Rumänien, war Satu Mare. Eine sehr freundliche Stadt, wo jeder Zeit für einen Plausch hat. Im Kunstmuseum bot mir sogar die Direktorin höchstpersönlich eine Führung durch die Ausstellung über Aurel Popp dar. Auf Französisch. Es gab erstaunlich wenig Tourismus, obwohl eine Broschüre der Tourismusinformation stolz Direktflüge zwischen Satu Mare und New York erwähnte. (Die Information war veraltet oder war immer nur Ausdruck einer hoffnungsvollen Zukunft gewesen.)
Dabei sollte Satu Mare viel berühmter sein. Es könnte locker die Rolle als heimliche Welthauptstadt des Brutalismus übernehmen.
Und wie immer wird es auch jede Menge Friedhöfe geben.
Und Katzen. Diese beiden habe ich in Solotwino in der Ukraine fotografiert. Ich nehme an, Ihr könnt leicht erraten, wessen Eigentümer noch vor Ort ist, und welche Katze durch Tod oder Flucht ihrer Familie herrenlos geworden ist.
Ihr wärt überrascht, herauszufinden, wie schwer es vielerorts geworden ist, noch Postkarten zu finden. Aber für Euch, geschätzte Leserinnen und Leser, mache ich mich auf die Suche nach diesen Relikten vergangener Zeiten.
In der Migrationsforschung unterscheidet man, um der Motivation von Auswanderern oder Flüchtenden näher zu kommen, zwischen Push- und Pull-Faktoren. Die ersteren stellen den Anreiz dar, sich von einem Ort aufzumachen und wegzugehen. Häufige Ursachen sind Armut, Krieg, politische oder religiöse Unterdrückung. Die letzteren versuchen zu erklären, warum sich Migranten einen bestimmten Ort als Ziel aussuchen. Das können wirtschaftliche Möglichkeiten oder ein präferiertes politisches System sein, aber auch sprachliche oder kulturelle Nähe, mehr Sonnenstunden oder bereits im Ausland lebende Familienmitglieder.
Aus eigener Erfahrung möchte ich einen oft übersehene Grund hinzufügen, nämlich das Gefühl, dass einem zuhause die Decke auf den Kopf fällt. Oder, um es positiver zu formulieren: Neugier. Abenteuerlust. Fernweh.
Für mich war es immer ganz selbstverständlich, mehr von der Welt sehen zu wollen. Schon als Kind blickte ich sehnsuchtsvoll auf die Weltkarte über meinem Bett, verschlang Reisebücher (damals gab es noch kein Interweb und insbesondere nicht so tolle Weltreiseblogs wie diesen), sammelte Briefmarken aus aller Welt, schlug die Orte im Atlas nach, und lebte jedes Mal auf, wenn ich im Radio oder auf der Straße Fremdsprachen hörte.
Die Unsitte, ein ganzes Leben an einem Ort zu verbringen, erscheint mir angesichts der Vielfalt der Welt widersinnig, ja geradezu unnatürlich. Vielleicht war das noch verständlich zu Zeiten, als die Lebenserwartung 30 magere Jahre betrug, so dass einem nach Abitur, Wehrdienst, Studium und Promotion nur mehr zwei Jahre bis zum Tod blieben. (Wenn man ganz großes Pech hatte, fielen die 30 Jahre auch noch in den Dreißigjährigen, Achtzigjährigen oder Hundertjährigen Krieg.) Aber jetzt werden wir alle 80, 90 oder 100 Jahre alt. Da muss man doch, wenn man nicht vor Langeweile versauern will, spätestens alle sieben Jahre in ein anderes Land ziehen!
Leider hat mich das grausame Schicksal nicht nur in ein kleines, langweiliges Dorf in Bayern, sondern in eine etwas provinzielle Familie verschlagen, für die es überhaupt nicht in Frage kam, mehr als 10 km vom Geburtsort wegzuziehen. Jenseits des nächsten Landkreises war für sie schon Ausland, und Ausland war böse. Selbst Sommerurlaube fanden streng in den Grenzen des Deutschen Bundes bzw. in denen der ersten Strophe des Deutschlandliedes statt.
Ich wollte da immer weg. Wahrscheinlich war es aus dem Motiv der Gegenidentifikation, dass ich zum Weltenbummler und Weltenbürger wurde. Insofern kann ich gut verstehen, dass – um endlich zur eigentlichen Geschichte zu kommen – mein Urgroßonkel Josef Vogl vor genau einhundert Jahren, im Juni 1922, von diesem Bauernhof im Bayerischen Wald in die USA auswanderte.
Das war zwar kein Ereignis der Weltgeschichte, wie es sich die bisherigen Folgen dieser kleinen aber feinen Geschichtsreihe vorgenommen haben. Aber ich möchte Euch trotzdem damit behelligen. Denn zum einen bilden die unzähligen Fälle dieser und ähnlicher Auswanderungen zusammen eben doch Weltgeschichte, im konkreten Fall die millionenfache Auswanderung Deutscher in alle Welt. Zum anderen würde ich Euch gerne mit auf die Spur der Recherche nehmen, denn es würde mich nicht wundern, wenn sich auch in Eurer Familiengeschichte bisher unbekannte Migrationshintergründe verbergen. (Allein in den USA geben 45 Millionen Menschen ihre Hauptabstammung mit „Deutsch“ an, und auch in Kanada, Australien, Südafrika und Lateinamerika trifft man immer wieder auf Leute mit erstaunlich deutsch/österreichisch/schweizerisch klingenden Namen.)
Bei mir begann die Neugier mit zwei Fotos, aufgenommen etwa um 1960, die meinen Vater (der Elvis-Verschnitt), meinen Onkel (der Junge, dem man eine Hitler-Frisur verpasst hatte), den Rest der Großfamilie und einen offensichtlich im Mittelpunkt des Interesses stehenden Mann zeigen.
„Das war der Frank aus Amerika“, sagt mein Vater und spricht den Namen wie „Fränk“ aus. Eigentlich hieß er Franz. Franz Vogl, der jüngere Bruder von Josef Vogl. Beide seien in die USA ausgewandert. Josef sei nach dem Zweiten Weltkrieg einmal zu Besuch gekommen, Franz/Frank zweimal. Jeweils zu Pfingsten, da gibt es in Kötzting immer eine Mordsgaudi. So etwas wie das Oktoberfest, nur mit Pferden.
„Und es gab mordsmäßige Räusche“, erinnert sich mein Vater, „denn der Frank, der hatte Dollar.“
Vielleicht lag es an ebendiesen Räuschen, aber mehr war aus meinem Vater und meinem Onkel nicht herauszubekommen. Sie wussten nicht, wo in den USA ihre Großonkel gelebt hatten. Sie wussten nicht, wann und warum sie ausgewandert waren. Sie wussten – über die auf dem Foto abgebildete Ehefrau von Franz Vogl hinaus – nichts von etwaigen Familien, Nachkommen und damit möglichen Cousins und anderen Verwandten. Sie wussten nicht, ob sie Republikaner oder Demokraten waren. Sie wussten nicht, was sie im Zweiten Weltkrieg gemacht hatten. Gar nichts.
Irgendwann in den 1960er Jahren war der Kontakt abgebrochen.
In unserer Familie gilt als suspekt, wer sich von der heimischen Scholle entfernt und in die weite Welt geht. Reisen gilt als Frivolität, als ketzerischer Versuch, den gottgegebenen Platz auf Erden zu verlassen. Wie gesagt, ich kann schon verstehen, dass der Josef und der Franz weg wollten. Und so bin ich der einzige, der sich für diese Geschichte interessiert. Aber auch bei mir geriet sie in Vergessenheit.
Bis ich mal wieder in New York war und mit der Fähre zur Freiheitsstatue fuhr. Das ist diese Frau mit der Fackel, die ein Gedicht aufsagt, das unter anderem den Aufruf enthält: „Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen.“
Der Spruch passt ganz gut, denn die Freiheitsstatue war tatsächlich das erste, was die meisten Einwanderer sahen, die mit dem Schiff in die USA kamen. Bevor sie ins Land durften, landeten sie jedoch auf einer Nachbarinsel von Liberty Island, nämlich Ellis Island, wo sich bis 1954 die zentrale Immigrantensammelstelle der USA befand.
Jetzt ist der ehemalige Wartesaal für Einwanderer ein Museum. Man erfährt hier, wie sich die Einwanderungspolitik im Laufe der Zeit gewandelt hat, welche Voraussetzungen die Einwanderer erfüllen mussten, wie die medizinische Untersuchung und die Quarantäne ablief. Ich spazierte durch die Ankunftshalle, die Arztzimmer und die Schlafsäle, in denen meine Verwandten nach der Überfahrt zum ersten Mal wieder festen Boden unter den Füßen spürten.
Übrigens: Bitte unbedingt darauf achten, dass Ihr statt der Fähre nach Liberty Island oder Ellis Island nicht aus Versehen die nach Rikers Island nehmt! Da kommt Ihr nämlich nicht mehr so schnell weg.
Auf Ellis Island gab es auch so neumodische Computerterminals, in denen man nach seinen Verwandten – und eigentlich nach jedem – suchen konnte. Praktisch wie ein Archiv, nur ohne die Romantik des stundenlangen Blätterns in dicken Büchern. Ich wusste herzlich wenig, außer dass es zwei Brüder waren, die Franz und Josef Vogl hießen. Mal sehen, was sich damit finden ließe.
Zuerst erfuhr ich, dass Vogl ein Allerweltsname ist: 827 Treffer. (Meine Urgroßonkel hatten einen anderen Nachnamen als ich, weil sie einer großmütterlichen Linie entstammen und weil die Frauen in meiner Familie bisher nicht emanzipiert genug waren, ihre Nachnamen trotz Heirat zu behalten. Mit meinem eigenen Nachnamen, Moser, gibt es 6377 Treffer. Darunter sogar 9 Andreas Moser, die zwischen 1866 und 1936 in die USA auswanderten. Ach, hätte ich doch nur zufällig einen von denen vor der Abfahrt in der Hafenkneipe getroffen. Dann hätte ich ihnen das Ticket abluchsen können.)
Wenn man das Geburtsjahr, das Auswanderungsjahr oder sonstige Informationen hat, kann man die Suche eingrenzen. Ebenso kann man nach Heimatort und Geburtsort filtern. Warum letzteres keinen Sinn macht, zeige ich aber gleich. Die beiden kamen aus Kötzting im Bayerischen Wald, aber Kötzting ergibt keine Treffer. Ebensowenig Koetzting. Und Kotzting auch nicht. Also muss ich die Liste doch manuell durchsehen und finde die beiden schließlich. Sie haben nicht, wie ich es in New York machen würde, die nächste Stadt, sondern den Namen ihres Dorfes angegeben: Traidersdorf.
Da haben wir sie also: Josef Vogl, ausgewandert 1922, und sein jüngerer Bruder Franz Vogl, ihm nachgefolgt 1923. (Die letzte Spalte enthält den Namen des Schiffes, auf dem sie reisten.)
Ihr könnt diese Suche übrigens nachverfolgen oder nach eigenen Verwandten forschen, denn die Datenbank ist online zugänglich. Sogar kostenlos. (Man muss sich nur registrieren, um alle Funktionen nutzen zu können.)
Wir nehmen uns zuerst Josef Vogl vor, weil der vor genau 100 Jahren den Anlass für das heutige Jubiläum gesetzt hat.
Sofort finde ich heraus, dass er 1893 geboren wurde, dass er am 30. Juni 1922 im Alter von 29 Jahren auf dem Schiff „President Taft“ in New York ankam, und dass er in Bremen in See gestochen war. (Nach zwei Atlantiküberquerungen wurde die „President Taft“ in „President Harding“ umbenannt, lasst Euch von den Bildunterschriften also nicht verwirren.)
Das ist schon ein ziemlich flottes Schiff, nicht mehr so knarzende Windjammer, von denen die Hälfte unterging. 18 Knoten schnell. Platz für 644 Passagiere, jeweils die Hälfte in der ersten, die Hälfte in der dritten Klasse. Das Schiff wurde erst 1922 in Betrieb genommen, wahrscheinlich roch der Lack noch frisch, die Messinggeländer glänzten, und weil es Sommer war, hatte niemand Angst, Eisberge, Eisbären oder Eisbecher zu rammen.
Ich könnte jetzt viel erzählen über den hart umkämpften Markt der Amerika-Auswanderungen, die Kartelle der Reedereien, die Auswanderer-Agenten, die über Land zogen und in Wirtshäusern – bevorzugt in den armen Gegenden Europas – von blühenden Landschaften im Osten und dem Goldrausch im Westen sprachen, ganz so wie wenn es schon 1990 wäre.
Ich könnte davon erzählen, was allein die Reise nach Bremen für jemanden bedeutete, der bis dahin wahrscheinlich nur das nahe Umfeld des elterlichen Bauernhofes im Bayerischen Wald kannte. (Das war vor der Zeit, wo deutsche Männer dank der Wehrmacht die ganze Welt bereisten.) Eigentlich ist es ja nicht weit. Ein oder zwei Tage mit dem Zug, kostet nur 9 Euro. Aber ich glaube, bis heute bin ich der einzige aus der Großfamilie, der es seit den Auswandererbrüdern nach Bremen geschafft hat.
Ich könnte erzählen über die Bedingungen an Bord, die Unterschiede zwischen erster und dritter Klasse, die ruhige See im Sommer, die stürmische See im Winter und die Freude über ein paar Wochen ganz ohne Internet und Fernsehen.
Ich könnte erzählen, dass Josef Vogel beileibe nicht der einzige war, der aus seinem Dorf ausgewandert ist. Es war eine ganze Gruppe von jungen Männern und Frauen, die gemeinsam das Weite suchten.
Aber ich will hier kein Buch schreiben und nicht allzu sehr ausufern, sondern Euch schnurstracks ans andere Ufer, nach New York mitnehmen. Dort wurde an jenem 30. Juni 1922 eine lange Liste aller Neuankömmlinge aufgenommen, an deren Platz 1 unser Josef Vogl steht. Ob das bedeutet, dass er ganz prominent und selbstbewusst als erster von Bord ging, oder ob er von allen am seekränksten war, oder ob es Zufall war, ich weiß es nicht.
Was man erfährt, ist, dass er 1,67 m groß war, helle Haare, graue Augen und 50 Dollar in der Tasche hatte. Das entspräche heute etwa 800 Dollar, kein wahnsinniger Reichtum. Er musste sich wohl bald eine Arbeit suchen.
Eine sehr interessante Spalte ist die der ersten Anlaufstelle, wohin sich der Einwanderer wenden will, bis er auf eigenen Beinen steht. „Friend Josef Sturm – Carroll JA“ steht da. Zum einen legt der Name nahe, dass es sich um einen Freund aus Deutschland handelt. Das wäre zu erwarten, denn die deutschen Einwanderer blieben gerne unter sich. Sie hatten deutsche Schulen, deutsche Kirchen, deutsche Vereine und hunderte deutschsprachiger Zeitungen. In den Städten gab es deutsche Viertel und auf dem Land deutsche Städte, von Bismarck bis Germantown.
Aus „Carroll JA“ wurde ich nicht schlau, bis ich darauf kam, dass das J ein I sein soll: Carroll, Iowa. Von Traidersdorf nach Carroll, das ist echt vom Regen in die Traufe. Beziehungsweise vom Regen in den Wasserturm, das stolze Wahrzeichen dieser Kleinstadt auf dem arg flachen Land. Na gut, wenn es nicht so flach wäre, bräuchte man ja auch keinen Wasserturm, um den notwendigen Druck auf die Wasserleitungen zu bekommen. Auf dem Bauernhof im Bayerischen Wald kam übrigens noch zu meiner Kindheit (1970er und 1980er Jahre) das eiskalte Wasser aus dem Brunnen vor dem Haus.
In dieses sicher auf seine Weise sympathisches Städtchen müsste ich jetzt reisen, um Archive zu wälzen, alte Zeitungen zu durchforsten und auf dem Friedhof nach Grabsteinen zu suchen, wenn ich die Spur meines Urgroßonkels Josef Vogl aufnehmen wollte.
Müsste ich. Wenn wir es hier nicht mit einem klassischen Fall der Kettenmigration zu tun hätten. Denn Josef holte bald seinen jüngeren Bruder Franz nach. Franz kam, auch das erfahre ich im Online-Archiv von Ellis Island, am 6. Juli 1923 im Alter von 26 Jahren in New York an. Auch er war in Bremen losgefahren, und zwar auf genau demselben Schiff wie sein älterer Bruder, das mittlerweile „President Harding“ hieß. (Dass der 6. Juli mein Geburtstag ist und dass ich mich über jede Unterstützung für diesen Blog freue, sei hier nur ganz leise erwähnt.)
Auch für ihn wurde fein säuberlich alles notiert (Zeile 9). Man merkt, dass es die Zeit der Wirtschaftskrise und Inflation in Deutschland war, denn er hatte nur mehr 20 Dollar bei sich. Dafür gab er an, dass sein Bruder die Überfahrt für ihn bezahlt hatte. Das war nett. Würde ich für meinen Bruder und meine Schwester auch jederzeit machen, wenn sie es zuhause nicht mehr aushalten.
Aber das hilfreichste an diesem Dokument ist die Adresse, die Franz Vogl 1923 als das Ziel seiner Reise angab: „Brother Josef Vogl, 2301 17th Avenue, Altoona PA.“
Volltreffer! Noch bevor ich mich durch alte Kisten im Archiv von Carroll, Iowa, wühlen muss, weiß ich jetzt, dass Josef innerhalb eines Jahres nach Altoona, Pennsylvania, gezogen war und sein jüngerer Bruder Franz ihm dorthin folgte. Altoona ist übrigens auch eine von diesen deutschen Städten; es ist die amerikanisierte Schreibweise von Altona bei Hamburg. Hier gibt es sogar Berge, die Allegheny Mountains.
Außerdem gibt es ganz viel Eisenbahn und Lokomotivfabriken. Als ich das meinem Vater berichte, fällt ihm ein, dass Franz/Frank bei seinem Besuch in Deutschland erzählt hatte, dass er bei der Eisenbahn arbeite. Ihr seht: Es ergibt also durchaus Sinn, auch schon während der Recherche Zwischenergebnisse zu teilen, weil dann den Familienangehörigen doch wieder etwas einfällt, von dem sie gar nicht mehr wussten, dass sie es wissen. Diese „Unknown Knowns“ hat sogar Donald Rumsfeld übersehen.
Aber der größte Fortschritt ist, dass wir nicht nur die Stadt, sondern die exakte Adresse haben. Mehr Bingo geht gar nicht! Und weil die Amerikaner 1775 gegen die Datenschutzgrundverordnung revoltiert haben, wird in den USA jetzt jede Straße fotografiert, gefilmt, von der NSA abgehört und ins Interweb gestellt. Hier ein aktuelles Foto:
Der Kommunistenstern über der Veranda deutet tatsächlich auf eine verwandtschaftliche Verbindung hin. Andererseits sieht das Haus nicht nach den 1920er Jahren aus. Vielleicht sah die Gegend damals ganz anders aus? Vielleicht war die 17th Avenue vor 100 Jahren in einem anderen Teil der Stadt? Vielleicht hat sich jemand bei der Adresse verschrieben?
Um all das herauszubekommen, werde ich einfach mal einen Brief an diese Adresse schreiben. Oder nach Altoona fahren, um vor Ort zu recherchieren. Oder darauf hoffen, dass sich auf die englische Fassung dieses Artikels jemand aus den USA meldet.
Natürlich könnte ich auch in den ganzen Datenbanken suchen. Aber erstens mache ich es lieber zuerst auf die ganz altmodische Art. Und außerdem soll ja noch etwas übrig bleiben für zukünftige Artikel auf der Suche nach den bisher unbekannten Verwandten.
Und Ihr könnt jetzt auch zu recherchieren beginnen! Denn wie Ihr gesehen habt: Selbst wenn man glaubt, die Familie ist sowas von langweilig und lebt seit der Völkerwanderung immer am gleichen Ort, ein paar Verwandte mit Migrationshintergrund verstecken sich in fast jeder Familie.
Aber vertraut der künstlichen Intelligenz nicht allzu sehr! Ihr müsst etwas kreativ in alle Richtungen detektivieren. Ein Beispiel: Erst auf den dritten oder vierten Blick fiel mit bei dem Dokument vom 30. Juni 1922 auf, dass in der Spalte „vorheriger Aufenthalt in den USA“ der Zeitraum 1914-1921 angegeben war.
Nanu? Sollte Josef zum ersten Mal schon 1914, also als 21-Jähriger ausgewandert sein? Ich suchte und suchte, aber konnte keinen Eintrag in der Ellis-Island-Datenbank finden. Der Verzweiflung nahe, erinnerte ich mich daran, wie dumm Computer und wie schlau Menschen sind, suchte nur nach dem Nachnamen, und tatsächlich: Hier steht er als Joseph, nicht als Josef. Und der Geburtsort ist als „Fraidersdorf“ falsch transkribiert worden.
Damals fuhr er von Antwerpen, mit einem Schiff der Red Star Line, in deren einstigen Hafenanlagen jetzt ein Auswanderermuseum ist. Wie es der Zufall so will, war ich auch dort schon.
Aber auch 1914 zog es Josef Vogl schon nach Carroll, und zwar zusammen mit vier anderen Auswanderern zum Neffen von jemandem, dessen Namen ich nicht entziffern kann. Aber es bedeutet, dass er dort womöglich wesentlich länger gelebt hat, als ich bisher annahm. Nun muss ich also doch auch zum Archiv in Carroll, Iowa.
Was besonders interessant wäre: Wie hat er die Zeit des Ersten Weltkriegs verbracht? Mit dem US-amerikanischen Kriegseintritt 1917 machte sich eine antideutsche Stimmung breit. Ob er als junger Mann in eines der Internierungslager verbracht wurde?
Dass die Auswanderer nach einigen Jahren wieder zurück in ihre Heimat kehrten und später erneut auswanderten, war übrigens nichts Besonderes. Seit die Dampfschiffe die unsicheren Segelschiffe abgelöst hatten und die Reise relativ planbar, sicher und gemütlich geworden war, kehrten Auswanderer immer wieder nach Europa zurück. Zum Heiraten. Um ein Erbe anzutreten. Oder um mit dem ersparten Geld ein Geschäft zu eröffnen. Josef hielt es nur ein Jahr in Deutschland, von 1921 bis 1922.
1924, ein Jahr nach der Migration von Franz Vogl, verschärften die USA die Einwanderungsregeln drastisch und setzten Quoten für bestimmte Herkunftsländer fest. Damit war die massenhafte Zuwanderung beendet. Gut, dass Josef und Franz es rechtzeitig geschafft haben. So blieb ihnen zumindest der Nationalsozialismus erspart.
Ich mache mich jetzt auch aus dem Staub, und zwar nach Rumänien. Dort, genau genommen in Alba Iulia, wird nämlich die Folge für Oktober 1922 spielen. Und dafür scheue ich keine Mühen. Schließlich ist das hier nicht nur ein Geschichts-, sondern auch ein Reiseblog.
Aber in der Zwischenzeit würde ich gerne von Euren eigenen Recherchen nach der Familiengeschichte hören!
Das sollte eine einfache Wanderung werden, dachte ich, schließlich führt ein Fluss von der einen zu der anderen Stadt im Bayerischen Wald.
Den Fluss gibt es zwar. Aber einen Weg gibt es nicht durchgehend. Also musste ich ein bisschen klettern. Ich musste mich durch Brennnesselfelder kämpfen. Schmutzig und erschöpft kam ich nach fünf anstrengenden Stunden nach Hause.
Es war ein toller Tag!
Im weiteren Verlauf des Tals, von Viechtach nach Gotteszell, wurde die alte Bahnlinie reaktiviert, was natürlich viel gemütlicher ist. Aber das gehört in einen anderen Artikel.
Und ja, das 9-Euro-Ticket gilt auch für solche wunderschönen Panoramafahrten.
Na gut, das ist eine etwas steile These. Aber manchmal muss man überspitzen, um die Leser auf den Blog bzw. die Zuschauer in den Zirkus zu bekommen. Insbesondere wenn man, wie bei dieser lautstark angepriesenen Veranstaltung am 23. Mai 1922, den Zuhörern 2 Mark abknöpfen will.
Die Steine werden schreien! Alle Deutschen sind Vertreter der Anklage! Grausame Demütigung Deutschlands durch farbige Kolonialkrieger! Ein Schlag ins Gesicht der ganzen weißen Rasse! Vergewaltigung von Frauen, Mädchen, ja Knaben! Farbiger Übermilitarismus! Schwarze Schmach! Ganz starker Tobak! Viele Ausrufezeichen!
Was war passiert?
Deutschland hatte den Ersten Weltkrieg verloren. Gut, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich hatten auch verloren, aber die besaßen wenigstens den Anstand, sich als Staatengebilde aufzulösen.
Um sicherzustellen, dass Deutschland nicht gleich wieder Belgien, Luxemburg und Frankreich überfallen würde, wurde im Westen Deutschlands eine von deutschen Streitkräften entmilitarisierte Zone geschaffen (die rot-gepunktete Linie auf der Karte). Um dies zu überprüfen und um sicherzustellen, dass Deutschland die zugesicherten Reparationen auch wirklich leisten würde, besetzen die Alliierten das Rheinland und später das Ruhrgebiet (gestrichelte und gepunktete Gebiete auf der Karte).
Spoiler 2: Deutschland wird nie die vereinbarten Reparationen bezahlen.
Spoiler 3: Nur zwanzig Jahre später wird Deutschland erneut Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Frankreich angreifen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Weltgemeinschaft daraus lernen. Beim zweiten Mal lässt man die Deutschen nicht für die von ihnen angerichteten Schäden zahlen, sondern bezahlt und beschenkt sie im Gegenzug dafür, dass sie doch bitte mal ein bisschen friedlich bleiben. So finanziert der Marshall-Plan das Wirtschaftswunder, und die Deutschen können glauben, dass sie alles aus eigener Kraft geschafft haben. Seither glauben sie an Märchen wie die von der Marktwirtschaft, vom Lebkuchenhaus und von den Trümmerfrauen.
Vielleicht waren das die Steine, die laut Ankündigung schreien, wenn nicht alle Deutschen und die ganze Welt sich gegen Frankreich erheben, laut protestieren und ganz viele Anführungszeichen verwenden würde?
Was war nun der Anlass für diese Protestkundgebung vor hundert Jahren?
Nun, es waren keine wichtigen Themen wie verlorener Weltkrieg, Reparationszahlungen, Inflation, zu hohe Mieten, aufkommender Faschismus, Verkehrswegeplanung, Fußball oder die Börse. Nein, was die Deutschen entzürnte, erboste, aufregte und zur Weißglut brachte, war die Tatsache, dass Frankreich zur Besetzung des Rheinlandes Ausländer geschickt hatte.
„Wie? Natürlich waren das Ausländer. Ist ja eine fremde Armee.“
„Nein, ich meine, wie soll ich das sagen… Die haben schwarze Soldaten!“
„Ach, du Schreck!!“
Tja, wenn die Deutschen keine Probleme haben, dann erfinden sie welche. Und weil es Deutsche sind, gründen sie dazu auch gleich einen Verein, mit Satzung, Notar, Kassier und allem Pipapo. Geboren war der „Deutsche Notbund gegen die schwarze Schmach e.V.“
Aber fangen wir am Anfang an: Die französische Armee hatte im Ersten Weltkrieg etwa 440.000 Soldaten aus den französischen Kolonien im Einsatz. Vor allem aus dem Senegal, aus Marokko, Tunesien, Algerien, Mali, Niger, Mauretanien, Guinea, Benin, Madagaskar und aus der Elfenbeinküste. (Ich verwende die heutigen Namen der Staaten, weil unter den jüngeren Lesern niemand mehr weiß, was Dahomey war.)
Eigentlich hatte Frankreich schon im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 afrikanische Truppen eingesetzt. Aber damals störte das die Deutschen nicht so sehr, weil sie ja gewannen und bald in Paris waren. Wenn man nach Paris kommt, dann sieht man eben Menschen, die anders aussehen als man selbst. Das wissen selbst die provinziellsten Deutschen. Deshalb fahren die meisten von ihnen lieber an die Ostsee oder nach Österreich in den Urlaub.
Aber im Ersten Weltkrieg lief die Sache schlechter für die Deutschen, also brauchten sie Sündenböcke. Das waren zum einen die Juden, bewährte Sündenböcke seit 1700 Jahren. Aber eben auch die afrikanischen Soldaten. Das deutsche Militär behauptete, die Franzosen hätten unredlich gekämpft, weil sie Afrikaner einsetzen. Außerdem seien die Afrikaner Wilde, unzivilisiert, besonders grausam, aber auch zu dumm zum Kämpfen, weshalb man ihnen keine Waffe in die Hand drücken dürfe. Das widerspricht sich zwar zum Teil, aber Rassismus ist nicht logisch. Und Adolf Hitler verband die beiden Sündenböcke und Feindbilder, indem er behauptete, es sei die Idee der Juden gewesen, afrikanische Soldaten für Frankreich kämpfen zu lassen.
In Wirklichkeit hatte man wohl Angst, dass die Afrikaner beim Einsatz neben weißen Soldaten merken, dass sie auch keine schlechteren Soldaten und Menschen sind, was ein Fundament des europäischen Kolonialismus ins Wanken bringen würde. Nicht umsonst war der Erste Weltkrieg die Initialzündung für viele nationale Unabhängigkeitsbewegungen.
Die deutsche Kritik war höchst heuchlerisch, denn auch Deutschland hatte Zigtausende von afrikanischen Kolonialsoldaten. Dass diese nicht in Europa eingesetzt wurden, lag nur daran, dass Deutschland sie zur Verteidigung der Kolonien selbst benötigte. Letztendlich erfolglos, aber immerhin zahlte die Bundesrepublik Deutschland bis in die 1990er Jahre Pensionen für die sogenannten Askari-Krieger.
Sogar die Nazi-Wehrmacht war später nicht immer arisch-rassisch-wählerisch.
Die oben plakatierte Veranstaltung war keine einmalige. Die Hetze gegen die farbigen französischen Soldaten ging jahrelang. Der „Deutsche Notbund gegen die schwarze Schmach“ war nicht die einzige Vereinigung, die das Ende der Menschheit gekommen sah. Etliche Vereine, Parteien, Abgeordnete und offizielle Stellen mischten bei der Hetzkampagne kräftig mit, ja fachten sie erst an. Es wurden sogar eigens Behörden dafür geschaffen, wie die „Bayerische Hilfs- und Propagandastelle gegen die französische Besatzungsmacht und die Separatismusbewegung in der Pfalz“. (Dass gerade Bayern sich zum Kampf gegen den „Separatismus“ aufschwang, ist auch lustig.)
Und deswegen ist die in der Überschrift aufgestellte Behauptung vielleicht doch nicht so abwegig. Natürlich gab es schon vorher Rassismus. Erfunden von den alten Griechen, nehme ich an, wie so vieles. Und mit dem Ku-Klux-Klan, gegründet 1865, gab es auch schon rassistische Vereine. Aber eine konzertierte Rassismus-Kampagne, staatlich unterstützt, das hatte es vorher nicht gegeben.
Der Notbund gab eine Zeitung heraus, „Die Schmach am Rhein“. Im ganzen Land wurden Flugblätter verteilt, um die Menschen aufzuwiegeln. Die Kinos zeigten Hetzfilme. Es gab Hetzgedichte, -romane, -karikaturen. Und alles immer ganz dramatisch, vollkommen realitätsfern überzeichnet: Ein Notschrei an die Menschheit! Treibjagden auf Deutsche! (Erinnert sich noch jemand an die Diskussion um die Hetzjagd in Chemnitz?) Die weiße Rasse der ganzen Welt ist bedroht! Eine Lebensfrage für die weiße Menschheit! Vergewaltigung einer hoch kultivierten weißen Rasse durch eine noch halb barbarische!
Komisch nur, dass der Erste Weltkrieg von den ach so zivilisierten weißen Europäern begonnen wurde. Ebenso der Zweite Weltkrieg. Und der Deutsch-Französische Krieg. Und hunderte weitere Kriege, sowie ganz aktuell der Krieg gegen die Ukraine. Dass all dies keinen einzigen weißen Europäer zum Nachdenken darüber bringt, dass Europa vielleicht doch nicht der zivilisierteste aller Kontinente ist, das zeigt, wie tief verwurzelt rassistische Stereotype sind.
Was auffällt: Die Kampagne sollte sich an die ganze (weiße) Welt richten. „Die Schmach am Rhein“ erschien laut Unterzeile in deutscher, spanischer, englischer, italienischer und französischer Sprache. Der Notbund bat um „Adressen Eurer Freunde, Bekannten, Verwandten in Amerika, Spanien, Holland, Schweden, Norwegen, Dänemark und England, damit wir dorthin berichten können“.
In der weiß dominierten Politik und Presse der USA und Großbritanniens fiel die Kampagne durchaus auf fruchtbaren Boden. Es gab Anhörungen im Kongress, Protestnoten und sogar Protestveranstaltungen gegen Frankreich. Wenn man die Rassismus-Karte spielt, vergessen die Leute anscheinend schnell, welches Land den Ersten Weltkrieg verbrochen und ein paar Jahre zuvor reihenweise britische und amerikanische Schiffe versenkt hat. (Was einen damals noch jungen Adolf Hitler zu der Annahme verleitete, dass man sich auch im Zweiten Weltkrieg irgendwie mit den Angelsachsen einigen könnte, solange es hauptsächlich gegen „Untermenschen“ geht.)
Was Euch wahrscheinlich auch schon aufgefallen ist: Es geht in den Pamphleten und Veröffentlichungen sehr viel um Sex. Den Kolonialsoldaten werden pauschal Vergewaltigung und ungezügelte Sexualität vorgeworfen, ein Griff in die tiefste Stereotypenkiste. In dem Land, in dem katholische Priester ungestraft Kinder missbrauchen und Vergewaltigung in der Ehe bis 1997 nicht strafbar sein sollte, ging es angeblich um den Schutz „unserer Frauen und Töchter“. Kommt einem auch ziemlich bekannt vor, die Rhetorik, oder nicht?
Wenn Rassismus nicht an sich schon schäbig wäre, so müsste man ihn auch deshalb verachten, weil er so unkreativ und langweilig ist und seit mehr als hundert Jahren die gleichen ollen Kamellen aufzuwärmen versucht. Interessanterweise fallen weniger Frauen als Männer auf diese plumpe Propaganda herein. Vielleicht weil sie wissen, dass die wirkliche Gefahr in der Familie, am Arbeitsplatz, im Sportverein und in der Kirche droht. Der Vergewaltiger, der nachts im Park hinter dem Busch lauert, macht sich gut im „Tatort“. In Wirklichkeit sind nur 15% der Sexualstraftäter den Opfern unbekannt. Die Mehrheit kommt aus dem familiären und sozialen Umfeld. In 25% der Fälle ist der Täter der (Ex-)Partner.
Und wie war das vor hundert Jahren?
Der Reichskommissar für die besetzten Gebiete schrieb in einem Bericht vom 6. Mai 1920, „dass nach den von mir eingezogenen Erkundigungen die schwarzen und gelben Truppen tatsächlich nicht so schlimm sind wie es den Anschein hat und dass sie auch an den Belästigungen deutscher Frauen weniger beteiligt sind als die weißen französischen Truppen“.
General Henry Allen, der Kommandeur der US-amerikanischen Besatzungstruppen, untersuchte die Vorwürfe und kam in einem Bericht vom 25. Juni 1920 zu dem Schluss, dass fast allen Anschuldigungen keine tatsächlichen Begebenheiten zugrunde lagen. Er lobte die gute Disziplin der senegalesischen Soldaten und stellte fest, dass die Horrorgeschichten erfunden worden waren, um die öffentliche Meinung in den USA zu beeinflussen.
Der Reporter Lewis Gannett fuhr ins Rheinland, um den Anschuldigungen auf den Grund zu gehen. Er fand heraus, dass es vereinzelte Vergewaltigungen gegeben hatte, mehr davon durch weiße als durch farbige Soldaten, und dass die französische Militärjustiz alle diese Fälle strafrechtlich verfolgt hatte.
Der britische Journalist Ellis Baker untersuchte alle zwischen 1918 und 1921 erhobenen Vorwürfe und stellte für diese drei Jahre neun glaubhafte Vorwürfe von Vergewaltigungen durch farbige Soldaten fest.
Der Journalist Maximilian Harden berichtete, dass die meisten Freundschaften und Verhältnisse zwischen deutschen Frauen und französischen Soldaten auf beiderseitigem Einverständnis beruhten. (Man darf nicht vergessen, dass nach dem Ersten Weltkrieg Männermangel herrschte und viele Kriegsheimkehrer psychische oder körperliche Wracks waren. Außerdem haben Besatzungssoldaten immer die besseren Zigaretten.) Die aus diesen Beziehungen entstandenen Kinder brachten die Rassisten jedoch erst recht zur Weißglut.
Das Verhältnis der deutschen Bevölkerung zu den farbigen Besatzungssoldaten schien nicht von dem zu den weißen Besatzungssoldaten abzuweichen. Natürlich wollte niemand besetzt sein. Und natürlich vergreifen sich Soldaten an der Zivilbevölkerung. Aber Unterschiede nach der Hautfarbe sind in den örtlichen Quellen nicht auszumachen. – Auch das eine Konstante: Die größten Rassisten sind immer die, die keinen Kontakt und keine persönliche Erfahrung mit den von ihnen verteufelten Menschen haben.
So wandten sich schließlich etliche Bürgermeister aus dem Rheinland mit der Bitte an die Reichsregierung, die unsägliche Kampagne zu stoppen. Mit Erfolg. Nicht unbedingt aus Menschenliebe, sondern weil die weltweit verbreitete Greuelpropaganda schlecht war für den Tourismus. – Auch das wie heute: Die Landesregierung von Sachsen ist erst dann über brennende Flüchtlingsunterkünfte besorgt, wenn deshalb Touristen wegbleiben.
Und was wurde aus dem „Deutschen Notbund gegen die schwarze Schmach e.V.“? Der hat sich umbenannt in „Alternative für Deutschland“, plakatiert aber noch immer den gleichen rassistischen Mist.
Wenn man sich intensiv mit Geschichte befasst, wird man vom aktuellen Geschehen nur noch selten überrascht. Mal sehen, welches Déjà-vu-Erlebnis ich nächsten Monat ausgraben werde. Oder vielleicht geht es im Juni 1922 um ein Thema, das so gar nichts mehr mit dem Heute zu tun hat. Ich weiß noch nicht. – Wenn Ihr Vorschläge habt, nur her damit! Oder kennt sich jemand von Euch mit dem Irischen Bürgerkrieg aus?
Um Afrikaner in der französischen Armee sowie um eine besonders absurde Episode des Ersten Weltkriegs geht es in dem Roman „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ von Jakob Hein.
Und wenn Ihr mal persönlich mit mir über Geschichte diskutieren möchtet, merkt Euch diesen Termin vor.
Ich mache Bibliothekspause am Maxplatz in Amberg. Egal, wieviel man studieren will, so eine Pause muss manchmal sein. Also sitze ich im Schatten jahrhundertealter Bäume, lese die Süddeutsche Zeitung und rauche eine Zigarre.
Es dauert nur eine Viertelstunde, bis mich ein dünner, dunkler Mann mit Goldzähnen auf Englisch anspricht. Er sei aus Kuba und Musiker, stellt er sich vor.
Als er seinen kleinen Rucksack öffnet, fürchte ich schon, dass er mir eine CD anbieten wird, was ich, weil ich Musik aus Gewissensgründen verweigere, ablehnen werden muss.
Aber nein, er zieht eine große Holzkiste hervor, öffnet sie und präsentiert Cohiba-Zigarren. Die großen. Churchill-Größe.
Die habe ich zuletzt in Bolivien geraucht, wo das Stück nur ein paar Euros kostete. Um nicht zu viel zu rauchen, erwarb ich jeweils nur eine, weshalb der Ladenbesitzer, den Ihr aus dieser alkoholfreien Geschichte kennt, jedes Mal zum Kühlschrank gehen und die Kiste auspacken musste. Es war so ein Tante-Emma-Laden, aber immer, wenn die Kiste leer war, sagte der Verkäufer: „Kein Grund zur Verzweiflung, Señor. Morgen, spätestens übermorgen kommt das Flugzeug aus Kuba“, wie wenn es nur für diesen kleinen Laden in der Avenida America angeflogen käme. Andererseits: Das würde die vielen im Urwald versteckten Rollfelder besser erklären als die bösen Gerüchte vom Drogenschmuggel.
Während ich abgeschweift bin wie ein Flugzeug, das weit unter dem Radar der Zielstrebigkeit über die sanften Wellen des milden Karibikwassers gleitet, hat der Kubaner neben mir Platz genommen.
„Die Lage in Kuba ist miserabel“, sagt er. Deshalb verkaufe er jetzt Zigarren, um seiner Frau Geld fürs Essen mitbringen zu können. „Wenn es überhaupt Essen gibt“, schränkt er ein. „Es gibt nicht einmal jeden Tag Huhn!“ Wer schon in Lateinamerika war, weiß, was das für ein Desaster ist. Ohne mindestens zweimal Huhn pro Tag läuft eigentlich nichts. Ehrlich, nach eineinhalb Jahren in Südamerika konnte ich kein Huhn mit Reis mehr sehen.
Unvorsichtigerweise habe ich ins Spanische gewechselt, obwohl ich eigentlich wissen sollte, dass ich Kubaner (und Argentinier) nicht verstehe. An die Pluralkongruenz bei unpersönlichen Verben, die morphosyntaktischen Abweichungen, die Substitution der liquiden Palatale könnte man sich ja noch gewöhnen. Aber das rasche Sprechtempo kombiniert mit nicht ausgesprochenen Konsonanten bringt mich an meine Grenzen.
In Kuba wurde die Umgangssprache nach der Revolution von 1958 zur Standardsprache. Weil ehemals unterprivilegierte Schichten in sprachprägende Schichten wie Lehrer, Politiker und Radiomoderatoren aufstiegen, wurde diese Entwicklung von der marxistischen Sprachwissenschaft als Element der Demokratisierung begrüßt. Außerdem verließen viele Intellektuelle die Insel, was einen etwas schlampigen Sprachsumpf zurückließ.
Aber das kenne ich ja aus Amberg.
Jedenfalls verstehe ich gerade so, dass er mit sechs Kollegen eine Band bildet, er selbst am Schlagzeug spielt, und dass sie für drei Monate durch Europa touren. Keine Straßenmusikanten, sondern richtig professionell. Morgen geht es in die Schweiz, danach nach Luxemburg, dann Berlin und wieder zurück nach Amberg. Hier wohnen sie in der Brauerei Bruckmüller.
„Das ist aber praktisch“, sage ich vielsagend.
„Oh nein, wir sind nicht solche Musiker“, wehrt er ab und versichert, noch keine einzige Flasche deutschen Bieres angefasst zu haben. Er spricht „deutsches Bier“ wie etwas aus, von dem die ganze Welt weiß, dass es Teufelszeug sei.
Da ich noch immer eine Toscano-Garibaldi-Zigarre für 70 Cent im Mund habe, kann ich einerseits nicht leugnen, dass ich rauche, andererseits glaubhaft versichern, dass ich nicht den vorgeschlagenen Preis von 10 € für eine oder 15 € für zwei Cohibas bezahlen kann.
Das weiß ich. Mancherorts sogar 30 €. Aber ich finde das übertrieben. Das ist so, wie wenn Leute 20.000 € mehr für ein Auto zahlen, weil vorne ein Stern drauf ist, den sie für 25 € am Schrottplatz bekämen. Oder wie Leute zehnmal so viel für ein First-Class-Ticket bezahlen, um genauso schnell wie ich in der Economy-Class anzukommen. Und ganz unter uns: Die Toscano-Zigarren schmecken besser.
Na gut, sagt er, dann solle ich ihm halt 10 € oder 12 € oder was ich will für zwei Cohibas geben. Am Tabakmarkt herrscht anscheinend das Gegenteil von Inflation.
Als ich aus der für diese Zwecke gut geeigneten Zeitung eine Seite reiße, um die Zigarren einzupacken (Argument Nr. 28 gegen elektronisches Lesen), legt er mir vier Cohibas drauf und schlägt 20 € vor.
Darauf gehe ich ein, und wir verabschieden uns mit Handschlag. Leider habe ich seinen Namen nicht verstanden. Aber Mitte Juni wird er wieder am Maxplatz sein, hat er versprochen.
Wenn Ihr Zweifel an der Menschheit, an der Gesellschaft, an allem habt, stellt Euch einfach an die Straße.
Nein, nicht um Euch überfahren zu lassen. Sondern um zu erfahren – im wörtlichen Sinn -, wieviele hilfsbereite und gute Menschen es gibt.
Vor ein paar Wochen musste ich von Ammerthal in Bayern nach Hagen in Nordrhein-Westfalen. Und anschließend wieder zurück. Nur für ein paar Tage, zu einem Seminar an der Fernuniversität. Ich studiere dort Geschichte.
In so einem Studium liest und schreibt man viel. Das ist eine einsame Tätigkeit, was mir gar nicht ungelegen kommt. Aber auch die Methode der sozialanthropologischen Feldforschung will nicht außer Acht gelassen werden. Für eine lange Landstreicherwanderung quer durch die Republik fehlt leider die Zeit, also weiche ich auf das Landstreichen der Moderne aus: das Reisen per Anhalter.
Ich möchte sehen, ob man ohne einen Taler, Gulden, Heller oder Pfennig zweimal 500 km durch Deutschland kommt. Oder weiter. Denn die genaue Streckenführung werde ich dem Zufall überlassen.
An meinem kleinen Dorf in Bayern führt die Autobahn A6 vorbei. Nach Osten kommt man hier nach Pilsen, nach Prag und in die weite Welt. Aber heute muss ich nach Westen.
Es ist Ende April, schönstes Wetter, warm. Das alles stimmt mich so optimistisch, dass ich erst langsam aufbreche. Um 9:30 Uhr gelange ich durch den Wald und den Hintereingang auf die Autobahnraststätte Oberpfälzer Alb Nord.
Hier muss jeder halten, der von Prag nach Paris, von Košice nach Kaiserslautern oder aus der Tatra zum Titisee will. Denke ich mir.
In Wirklichkeit ist tote Hose.
Eigentlich logisch, fällt mir ein. Warum sollte jemand in Deutschland für 2 € pro Liter tanken, wenn er vorher in Tschechien für 1,76 € pro Liter tanken kann?
Von den wenigen Autos, die halten, tankt tatsächlich kaum eines. Nicht der Durst nach Benzin, sondern die Lust auf Nikotin zwingt die Fahrer zur Pause. Womit die These belegt ist, dass man einer Sucht immer nur dadurch entkommt, dass man sich eine andere Sucht zulegt. Deswegen sind diese ganzen Marathon– und Gesundheitsfuzzis auch keine besseren Menschen, sondern nur anders krank.
Ein Fahrer qualmt anscheinend eine ganze Packung auf einmal, denn aus allen Ritzen seines Autos steigen Rauchschwaden. In weniger entspannten Ländern wäre schon lange ein Bombenentschärfungskommando angerückt.
„Bună dimineața, domnule“, spreche ich einen Fahrer an, der zum Rauchen immerhin ausgestiegen ist.
Alle Menschen beurteilen andere Menschen beim ersten Treffen nach Äußerlichkeiten. Manche sehen auf die Kleidung, andere aufs Gesicht, die Hände, die Schuhe, die Zähne oder die Schulterklappen auf der Uniform. Als Tramper guckt man zuerst aufs Nummernschild. Erstens, weil man daraus erahnen kann, wohin jemand fährt. Zweitens, um die Fahrer in ihrer Landessprache anzusprechen.
Der Rumäne fährt bis nach Frankfurt. Das wäre schon die halbe Strecke, ein perfekter Start in den Tag. Er würde mich auch mitnehmen. Allerdings teilen wir keine gemeinsame Sprache, denn meine Begrüßung auf Rumänisch war eine Vorspiegelung nicht vorhandener Sprachkenntnisse. Ich habe zwar ein Jahr in Rumänien gelebt, aber weil dort jeder fließend Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Italienisch spricht, fehlte leider der Druck, Rumänisch zu sprechen. Weil ich noch den ganzen Tag vor mir habe und optimistisch bin, will ich nicht die nächsten Stunden schweigend und radebrechend verbringen. Schließlich trampe ich auch, um Leute kennenzulernen. Also lehne ich dankend ab.
Und bereue das bald.
Denn an diesem Morgen kommt nur alle 10 Minuten ein Auto an die Tankstelle. Ich täusche weitere Sprachkenntnisse vor: „Goededag“, „bonjour“, „Добрий день“. Ein polnischer Kleintransporter kommt zum Stehen, als ich durchs offene Fenster ein „dzien dobry“ werfe, wie einen Anker, mit dem ich mir die Mitfahrt erschleichen will. Der Fahrer hält.
Er sieht aus wie Janosch. Weiße Haare. Ein an den Seiten herunterhängender Schnurrbart. Eine Zigarette im Mund, so lässig, wie wenn sie einem anbietet, man solle sie doch Fluppe oder Tschick nennen. Und so ein offenes, herzliches Lachen, dass ich gleich merke: Von diesem Mann könnte man etwas fürs Leben lernen.
Zuerst müsste ich aber Polnisch lernen.
Denn, so sehr es menschlich zwischen uns funkt, so sehr steht die sprachliche Oder-Neiße-Grenze jeglicher Unterhaltung im Weg. Mit erhobenen Armen bedauernd zieht er von dannen, mit einem Winken bedauernd lasse ich ihn ziehen.
Einige Ukrainer machen Pause, aber ihre Autos sind überladen mit Haustieren, Kindern, Klamotten, einer Gitarre. Was man halt so mitnimmt auf der Flucht. Da ist wirklich kein Platz für mich und meinen Rucksack.
Ein weiterer Fahrer hält: UL, das Kennzeichen für Ulm, ein bei Trampern verhasstes Stückchen Erde. Aber ich warte schon 45 Minuten, da kann ich nicht mehr wählerisch sein.
„Guten Morgen, fahren Sie Richtung Ulm?“ frage ich mit so viel Hoffnung in der Stimme, wie wenn Ulm das Paradies auf Erden wäre.
„Ja“, sagt er.
„Das ist ja super. Dann könnten Sie mich auf der A6 mitnehmen und rauslassen, bevor Sie auf die A7 abbiegen.“ Geographiekenntnisse sind enorm hilfreich. So kann der Fahrer nicht einfach behaupten „da fahre ich nicht hin“. Und die meisten Leute wissen es sowieso nicht besser, weil sie sich blind auf Navigationsgeräte verlassen. Wenn diese Geräte ausfallen, ich glaube, die Hälfte der Menschen fände nicht mehr nach Hause. Das wäre eigentlich eine lustige Idee für einen Terroranschlag.
Aber heute bleibt alles friedlich, die GPS-Satelliten ziehen ihre Bahnen am Firmament, und der nette Mann aus Ulm nimmt mich mit. Endlich geht es los!
Er ist gar nicht aus Ulm, stellt sich heraus, sondern aus Krakau. Das ist eine Stadt, die ich im Gegensatz zu Ulm aufrichtig und aus vollstem Herzen loben kann. Wenn Polnisch nicht so schwer wäre, würde ich wahrscheinlich schon dort wohnen. Oder in Nowa Huta. Das ist riskant, zu erwähnen, denn über diese sozialistische Planstadt vor den Toren Krakaus sind die Meinungen gespalten. Und zwar genau fünfzig-fünfzig, wie zu allen Themen in Polen.
Der Fahrer geht nicht darauf ein, sondern erzählt, dass er heute Morgen in Krakau losgefahren ist. Er war zu Ostern bei der Familie. 1000 km. Aber er muss nach Ulm, weil er dort ein Bauunternehmen hat. „Ein ganz kleines“, wie er beschwichtigend anführt. „Früher hatte ich viel mehr Angestellte. Aber es nervt, wenn du einen Auftrag bekommst, und dann melden sich so viele krank, dass du ihn kaum ausführen kannst.“ Also hat er nur die zuverlässigsten Mitarbeiter behalten. Lebensqualität geht vor Bruttosozialprodukt, das wusste schon Robert Kennedy.
Mit weniger Bruttosozialprodukt gäbe es auch weniger Staus, vermute ich. Es geht sehr langsam voran. „Normalerweise wäre ich um die Zeit schon in Ulm“, sagt der Bauunternehmer, der dringend wieder ins Büro oder auf die Baustelle möchte. Ich würde ihm gerne den Zug empfehlen, der ist zuverlässig und pünktlich. Und man kann sogar schlafen während der Fahrt nach/von Krakau. Aber ich glaube, er ist kein Eisenbahnmensch. Und ich bin hier nicht der Verkehrswendeerklärer, sondern dankbarer Gast.
Apropos: Genau auf dieser A6 hat mich mal ein echter Verkehrsexperte mitgenommen. Ismail Ertug, Abgeordneter im Europaparlament für die SPD. Cooler Typ! Und er hat mir während der Fahrt so viel erklärt von Lenkzeiten, Entsenderichtlinie, Kabotagefahrten, dass ich gar nicht alles aufnehmen konnte. Das war eine dieser Fahrten, die viel zu schnell vorbei ging.
Nicht ganz so schnell, aber irgendwann doch, kommen wir an den Rasthof Frankenhöhe, wo sich unsere Wege trennen. Zeit für ein Frühstück. Diesmal habe ich vorgesorgt und Essen von zuhause mitgebracht, damit ich den Wucherraststätten nicht ihre Wegelagererpreise bezahlen muss. Das hochgesteckte Ziel ist nämlich, für genau null Euro zweimal quer durch Deutschland zu kommen.
Der nächste Fahrer ist ein junger Mann mit einem riesengroßen, in Stoff eingepackten Etwas auf der Rücksitzbank.
„Ist das ein Gleitschirm?“ frage ich, als ich meinen Rucksack vorsichtig darauf lege.
„Das ist ein Zelt.“ Und auf mein Staunen ob der Größe erklärt er, dass es ein Zelt ist, das man bei geöffneter Heckklappe hinten ans Auto anbaut, dann wird irgendwie Luft reingepumpt, und es bildet sich ein Wohnzelt, in dem man aufrecht stehen kann, aber natürlich auch sitzen und liegen darf. Wie so ein Beduinenzelt stelle ich mir das vor, nur mit schlechterem Essen.
von außenvon innen
Der junge Mann arbeitet bei einem Unternehmen, das diese Zelte und allerhand anderes Campingzubehör verkauft. Ich würde Euch die Firma jetzt echt gerne ans Herz legen, aber ich habe mir den Namen nicht gemerkt. Ich schreibe während des Trampens nie mit, weil ich finde, das hemmt den Redefluss. Und es ist ein ziemlicher Redefluss mit all den Campingkühlboxen und Revenue Streams.
Hängengeblieben sind drei Dinge: Erstens, wie sehr kühle Osterferien (wie dieses Jahr) auf den Umsatz drücken. Was du in den Ferien verlierst, holst du nie mehr rein. Das ist wie ein Buchverlag, der im Dezember nicht liefern kann. Zweitens, dass Covid-19 für die Branche super war, weil die Leute nicht mehr um die Welt fliegen konnten und plötzlich biwaken mussten. Drittens: Wer ein Wohnmobil kaufen will, sollte lieber zwei Jahre warten, bis all diejenigen, die sich während der Pandemie vorschnell eins gekauft haben, das Monstrum wieder loswerden wollen. Bei den gebrauchten wird es ein Überangebot geben, prophezeit er.
Und zwischen all den Leuten, die jetzt 70.000 € oder in zwei Jahren 50.000 € zahlen, stehe ich nach dieser Fahrt am Rastplatz Hohenlohe Nord, weil ich mir das Zugticket für 42 € nicht leisten kann. Die Vermögensschere in unserer Gesellschaft ist größer als im feudalistischen Mittelalter. Mann, was freue ich mich auf das 9-Euro-Ticket!
An der Raststätte von und zu Hohenlohe stehe ich ziemlich lange rum, halte den Daumen raus, lächle, spreche Menschen an. Ohne jeglichen Erfolg. Auf der anderen Seite der Autobahn thront Waldenburg, eine Stadt wie eine Burg, verlockend auf einem uneinnehmbaren Hügel. Schade, dass ich heute unter Zeitdruck reise. Ansonsten würde ich den Anblick als Zeichen dafür werten, alle Pläne über den Haufen zu werfen, den Abgasen zu entkommen, und Waldenburg zu erklimmen.
Geknickt laufe ich über den Parkplatz, um einen anderen Standort auszuprobieren, als mir ein vor seinem Auto stehender Mann zuruft: „Hey, Kollege, wohin willst du?“
Ich blicke schnell auf das Nummernschild und begrüße ihn mit „labą dieną, ačiū labaĩ!“
Er stutzt und betrachtet mich verdächtig. Nur 3,2 Millionen Menschen auf der Welt sprechen Litauisch. Statistisch gesehen kann ich also höchstens ein Cousin zweiten Grades sein; er müsste mich kennen. Also wechsle ich schnell auf Deutsch: „Ich muss auf der A6 bis Sinsheim, und dann nördlich auf die A5 Richtung Darmstadt/Frankfurt.“
„Bis Sinsheim kann ich dich mitnehmen. Ich fahre nach Frankreich zur Arbeit.“
„Oh, wo in Frankreich?“
„Reno.“
Noch nie gehört. Meint er Reims? Rennes? Rouen? Rambouillet? Egal, ich kenne mich in Frankreich ja sowieso nicht aus. Ich war nur einmal in Marseille (Fremdenlegion), in Straßburg (Politik) und in Paris (Liebe).
Dafür ist er der erste Fahrer, der sich mit kräftigem Händedruck und mit Namen vorstellt. Oswald heißt er, und er ist tatsächlich aus Litauen. Ich schwärme von meiner Zeit in Vilnius, dem nahen Vingis-Park, den Ausflügen nach Trakai, den langen Sommerabenden, den grünen Landschaften. Als ich die Straße erwähne, in der ich gewohnt habe, Savanorių prospektas, kennt Oswald sie sogar.
Es gibt Orte auf der Welt, wo ich nur ein Jahr, manchmal auch weniger, gewohnt habe, und wo ich mich mehr zuhause fühle als in der Kleinstadt, die sich als Geburtsort in meinen Pass gemogelt hat.
Mir fällt auf, wie sehr ich Litauen vermisse. Vielleicht sollte ich einfach dorthin trampen. Kaunas ist dieses Jahr sogar Europäische Kulturhauptstadt. Ebenso wie Esch in Luxemburg und Novi Sad in Serbien. Das bildet zufällig ein schönes Dreieck. Europäisches Kulturhauptstadttrampen.
Ich frage Oswald, ob er mal in Deutschland gelebt hat, weil wir uns fließend auf Deutsch unterhalten.
„Nein, nie. Aber ich erinnere mich noch ein bisschen an die vier Jahre Deutschunterricht in der Schule.“ Die Schulen in der Sowjetunion waren sehr gut.
Als Oswald mehr von seiner Arbeit erzählt, klärt sich endlich auf, wo Reno ist. Es ist keine Stadt, sondern die Firma: Renault!
Früher war er LKW-Fahrer, jetzt ist er Ausbilder. Weil wir an einem laut Radio 25 km langen LKW-Stau vorbeituckern, kann er mir die Anschauungsobjekte seiner Kunst zeigen. Er ist Spezialist für das Beladen von Autotransportern. Früher, mit den Golfs, Corsas und Pandas sei das kein Problem gewesen. Aber jetzt, wo die Autos immer größer, breiter, länger werden, ist es ganz schön knifflig, den Autotransporter immer noch mit 8 PKWs beziehungsweise SUVs zu beladen. Man muss manche vorwärts, manche rückwärts einparken. Man muss überlegen, ob man oben oder unten beginnt. Und wenn am Ende 12 cm fehlen, muss der ganze LKW wieder entladen werden, um von vorne anzufangen.
Von Zeit zu Zeit rufen ihn Kollegen an und klagen über die Freisprechanlage ihr Leid: „Ich habe hier 3 Kangoos, 3 Kadjars und 2 Koleos. Wie soll das gehen?“ Dann denkt Oswald weniger als eine Minute nach und gibt die Lösung durch. Er muss sie zweimal diktieren, weil die Kollegen mit dem Schreiben nicht mitkommen. Wahrscheinlich war er als Kind Tetris-Meister. Oder hat sogar diesen verdammten Rubik-Würfel gelöst. (Ich hatte meinen ein paar Monate und habe ihn kein einziges Mal gelöst. Dann habe ich ihn weggeworfen, verschenkt oder in der Schule gegen eine Schachtel Zigaretten getauscht.)
Ich blicke noch einmal auf der Karte nach, um zu sehen, wo ich aussteigen muss. Nicht, dass ich aus Versehen bis nach Renault mitfahre.
„Die letzte Tankstelle vor der A5 ist bei Sinsheim, aber danach käme noch ein Parkplatz.“
Oswald schaut auf sein Navigationsgerät und entscheidet: „Dieser Parkplatz ist ein schlechter Ort.“
Parkplätze ohne Tankstelle und ohne McDonald’s sind tatsächlich eine zweischneidige Sache. Natürlich ist da weniger los, aber dafür kann man die wenigen Leute in Ruhe ansprechen. Manchmal ist aber auch gar nichts los. Das kann man vorher nicht wissen.
„Naja, ich glaube, ich würde schon von dort wegkommen“, sage ich optimistisch. Die Sonne scheint, also machen mehr Menschen Pause, vertreten sich die Beine, sind in guter Laune.
„Nein,“ sagt Oswald sehr bestimmt. „Das ist ein ganz schlechter Ort.“
Um es sogleich zu erklären: „Vor zwei Jahren machte einer meiner Fahrer auf diesem Parkplatz eine Pause. Nur kurz pinkeln, Luft schnappen, vielleicht mit Kollegen plaudern. Auf der Autobahn löste sich bei einem LKW der Reifen, flog auf den Parkplatz und traf meinen Fahrer am Kopf. Tot.“
„Oh.“
„Junger Mann, guter Fahrer, ein schöner Tag wie heute. Und dann einfach tot.“
Oswald musste damals den LKW vom Parkplatz Bucheneck abholen. Und die Familie des Kollegen, der ebenfalls aus Litauen stammte, anrufen. Es geht ihm immer noch nahe, und wir sind eine Weile still.
Bis wir nach Sinsheim kommen, wo mir Oswald das Technik-Museum empfiehlt. Er war schon mehrfach dort, macht immer wieder gerne Pause hier. „Und ein schönes Freibad gibt es in Sinsheim. Nur 4,50 Euro, und du kannst den ganzen Tag schwimmen.“ Ich persönlich kann leider gar nicht schwimmen, aber das hat hier niemanden zu interessieren.
Außerdem würde ich sowieso lieber ins Flugzeug-, Auto-, Panzer- und Raumschiff-Museum gehen. Ich stelle mir das vor wie das Sammelsurium von Karel Tarantík, den ich mal bei Pilsen besucht habe. (Siehe Kapitel 41 in diesem Artikel.)
In Sinsheim läuft das Trampen zäh. Das ist meist so, wenn man von einer (A6) auf die andere (A5) Autobahn abbiegen muss. Die Leute fahren lieber geradeaus, nach Saarbrücken, nach Frankreich, in die Bretagne und in die Pyrenäen. Und eigentlich haben sie ja Recht.
Zum Glück habe ich an die Sonnencreme gedacht, wenn schon das Verkehrsministerium nicht an Unterstände für Anhalter denkt. Eine Verkehrswende, die das Trampen nicht berücksichtigt, bleibt unsozial. Auf kommunaler Ebene gibt es manchmal Initiativen wie die Mitfahrbänke, um das spontane Car-Sharing populärer zu machen. (Fotos aus Ostbelgien, Dießen am Ammersee, Bad Münstereifel und Egloffstein.)
Aber diese (umwelt-)freundliche Art der Fortbewegung müsste auch deutschland- und europaweit einen viel größeren Stellenwert bekommen. Wenn ich mal Zeit habe, schreibe ich dem Verkehrsminister einen Brief. Einen offenen am besten, die haben zur Zeit Konjunktur.
Wirkliche Intellektuelle unterschreiben nicht jeden Scheiß, nur weil ihnen jemand verspricht, dafür ihr nächstes Buch in der EMMA zu rezensieren.#offenerBrief
Weil der #offeneBrief die Floskel von "unserer historischen Verantwortung" verwendet, bin ich dieser Verantwortung mal auf den Grund gegangen:https://t.co/x1dsQjbl71
Der nächste #offeneBrief fordert dann, dass sich Nazis und Juden irgendwo in der Mitte treffen. "Es kann keinen Frieden geben, wenn jede Seite auf ihren Maximalpositionen beharrt."
„Grüezi“, spreche ich eine Frau aus der Schweiz an, aber vermute schon richtig, dass sie auf dem Weg nach ebendorthin ist. Ich trampe bzw. autostöpple zwar gerne in der Schweiz, aber heute ist das leider die falsche Richtung.
Die Schweizerin ist trotzdem nett und hilfsbereit. Sie erklärt mir nämlich, warum an dieser Raststätte nichts los ist: „Hier hält kaum noch jemand, weil das Restaurant seit zwei Jahren geschlossen ist.“ Ich drehe mich um, und tatsächlich hängt da ein Banner und verkündet traurig: „Dauerhaft geschlossen.“ Na super.
Die Bundeswehr nimmt mich auch nicht mit. Seit die Soldaten kostenlos Zug fahren dürfen, fühlen sie sich irgendwie als etwas Besseres. Und dann noch 100 Extra-Milliarden, da muss man ja abheben. Das Sein bestimmt das Bewusstsein.
Schade auch, weil eine Fahrt mit dem Militär noch in meinem Tramper-Bingo fehlt. Ebenso wie Polizei und Krankenwagen. Dafür hat mich in Brasilien die Feuerwehr in einem Helikopter mitgenommen.
Ein kleines Auto mit ukrainischem Kennzeichen fährt auf den Parkplatz. Ein Mann, schätzungsweise Mitte 30, Typ Musiklehrer oder Künstler, steigt aus und geht den Parkplatz dehnend, streckend und kniebeugend auf und ab.
Ich will ihn nicht bei der Gymnastik stören, aber als er zurück zu seinem Auto geht, sieht er mich an, lächelt ein sehr warmes Lächeln und fragt:“ Where do you need to go?“
Wieder mal erkläre ich, wohin ich muss. Wieder mal decken sich die Reisepläne nicht. Aber diesmal ist es keine Entschuldigung, sondern aufrichtiges Bedauern. „Schade, ich hätte dir gerne geholfen.“
Eigentlich sollte ich andere Fahrer ansprechen, um von diesem öden Autobahnfleck wegzukommen, aber jetzt bin ich doch neugierig.
„Woher aus der Ukraine kommst du?“
„Sumy, aber da sitzen jetzt die russischen Besatzer.“ Früher hätte er erklären müssen, wo der Ort liegt, jetzt hat jeder von ihm gehört. „Ich bin nach Chernihiv geflohen, aber das haben die Russen als nächstes beschossen. Also bin ich zum zweiten Mal geflohen, nach Lemberg.“
Dort ging er ein paar Wochen vom Arzt zum Militär, vom Militär zum Arzt, und wieder zurück, um aus medizinischen Gründen vom Wehrdienst befreit zu werden. „Und ganz ehrlich,“ sagt er, „ich will niemanden töten. Ich verstehe, dass wir uns verteidigen müssen. Viele meiner Freunde sind beim Militär, ich bin ihnen dankbar. Aber ich selbst kann es nicht.“ Die Fragen, die uns als Teenagern beim Wehrkreiskommando theoretisch gestellt wurden, jetzt bringen sie doppelt so alte Männer um den Schlaf.
Gestern hat er die Befreiung bekommen, ist ins Auto gestiegen und fährt jetzt nach Frankreich, wo er bei Freunden unterkommen kann. Seine dritte Flucht in zwei Monaten. Dass jemand, der sich gerade auf der Flucht vor einem Angriffskrieg befindet, von sich aus offeriert, mich mitzunehmen, daran hätte ich niemals gedacht, es auf die Tramper-Bingokarte mit aufzunehmen.
Die Schweizerin hatte mir gesagt, ich solle lieber zum Autohof gehen, dort wo das Burger-King-Symbol auf einem hohen Pfahl thront, um weithin Appetit anzuregen. Zwischen Tankstelle und Autohof gibt es keine Verbindung, also muss ich nach Sinsheim reinlaufen. Als ich den Rucksack schultere und mich geschlagen, enttäuscht und deprimiert auf den Weg mache, strecke ich ein letztes Mal lustlos den Daumen raus. Ein junger Mann in einem dicken Mercedes hält an.
Er muss nach Heidelberg. Das liegt an der A5, und ich bin gerettet.
Heidelberg, dieser Sehnsuchtsort deutscher Romantik. Ich war nur einmal dort, unter eher unromantischen Umständen. Schulausflug in der 10. Klasse. Wahrscheinlich waren wir auf der Burg. Ansonsten kann ich mich an nichts erinnern, außer an meinen ersten und letzten Rausch nach drei oder vier Flaschen Bier. Danach habe ich mehr als 10 Jahre lang keinen Alkohol mehr getrunken.
„Schade, an wievielen Orten ich schon war, bevor ich mich für Kultur, Geschichte und solche Sachen interessierte“, räsoniere ich. Nicht nur mein 16-jähriges Ich meine ich damit. Auch später, als Rechtsanwalt, fuhr ich quer durch die Republik, aber sah selten mehr als Bahnhof, Gericht und manchmal ein Hotel.
„Ja, das ist oft so, dass man erst später im Leben merkt, was man verpasst hat“, sagt der etwa 23-jährige Fahrer.
Raststätte Hardtwald Ost. Ich stelle mich direkt vor den Eingang des Restaurants, damit die Leute bei Kaffee und Kuchen darüber nachdenken können, wie schön es wäre, mal wieder einen Anhalter mitzunehmen. Bei einem Mann mit Krawatte, Typ Kommunalverwaltungsbeamter, bleibt dieser Effekt trotz eines gerade erworbenen Speiseeises leider aus.
„Entschuldigen Sie, fahren Sie weiter auf der A5 Richtung Frankfurt?“
„Ja.“
„Das ist ja super. Dann könnten Sie mich ein Stück mitnehmen.“
„Ich will Sie aber nicht mitnehmen“, sagt er, genauso spöttisch-arrogant, wie es sich liest.
„Schade“, sage ich und bleibe freundlich. „Warum denn nicht?“ Ich weiß, dass ich keinen Anspruch darauf habe, dass mich jemand mitnimmt. Und mir ist klar, dass ich ihn nicht umstimmen werde. Ich frage aus aufrichtigem, echten Interesse. Feldforschung.
„Das geht wegen der Versicherung nicht“, sagt er, und das ist die blödeste, aber auch eine typisch deutsche Ausrede. Hier machen sich Leute im Falles eines Unfalls wirklich mehr Sorgen um ihren Versicherungsvertrag als darum, ob jemand Arme oder Beine verliert. Dem LKW-Fahrer, dem der geplatzte Reifen den Kopf abgesäbelt hat, half auch keine Versicherung. Und den ganzen Ukrainern, die ich auf der Flucht gesehen habe, hilft keine Hausrats- oder Lebensversicherung. Krieg ist in den meisten AGBs ja sowieso von der Haftung ausgenommen.
Zugunsten des Landstreichens habe ich mich eigentlich aus der juristischen Beratung zurückgezogen, aber wenn ängstliche Spießbürger mit Fehlvorstellungen durchs Leben oder das, was sie dafür halten, schlurfen, dann kläre ich sie gerne auf: „Die Haftpflichtversicherung deckt auch die Schäden des Beifahrers ab.“
„Aber nicht, wenn ich schuld bin“, erwidert er apodiktisch, ohne zu merken, dass seine persönliche Schuld eher im nicht justiziablen Bereich liegt.
„Doch. Gerade dafür ist Ihre Haftpflichtversicherung ja da. Wenn jemand anders schuld ist, muss Ihre Versicherung erst gar nicht zahlen. Ihre Haftpflichtversicherung greift sogar, wenn Sie mich fahren lassen, denn in Deutschland ist das Auto versichert, nicht der Fahrer. Deshalb müssen Sie den Versicherungsschutz bei der Zulassungsstelle, nicht bei der Führerscheinstelle nachweisen.“
Er blickt mich fassungslos an, weil ein Rucksackhippie einem Krawattenträger zu widersprechen wagt. Als er wortlos zu seinem Auto geht, rufe ich ihm etwas nach, was ich sonst lieber für mich behalte: „Ich bin Jurist“, damit er sich hoffentlich merkt, dass autolose und arme Menschen nicht alle blöd sind.
Jetzt schleckt er bei geschlossenen Türen und geschlossenen Fenstern in seinem kleinen Auto verbittert den Rest der Eiswaffel. Hoffentlich hat er bald einen Unfall, damit er das mit den Versicherungen auch richtig kapiert. Am besten einen ganz komplizierten, mit Klagen, Widerklagen und Drittwiderklagen, mit unterschiedlichen Haftungs-, Verschuldens und Mitverschuldensquoten.
Der nächste Mann, der aus der Autobahnrast- und -gaststätte kommt, hat anscheinend eine bessere Versicherung, mehr Zutrauen in seine Fahrkünste oder einfach einen Funken Menschlichkeit. Er fährt ein kleines, rotes Auto mit – und das habe ich tatsächlich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen – einem Kassettenspieler. Das sollte man ins Tramper-Bingo mit aufnehmen.
Musik läuft keine, dafür sind wir schnell beim Fußball. Der Fahrer macht sich älter als er ist und schwärmt von den Zeiten, als der Meidericher SV und Preußen Münster noch in der Bundesliga waren, und Bentheim-Tecklenburg noch zur Grafschaft Limburg gehörte. Mir schwirrt der Kopf vor lauter Markgräfinnen und Herzogtümern, und der Nordwesten Deutschlands bleibt für mich ein riesiges, geschichtsloses, undurchsichtiges Autobahnknäuel.
Ich habe mir nicht einmal gemerkt, ob er nach Duisburg oder nach Dortmund fährt. Jedenfalls könnte er mich weit Richtung Hagen mitnehmen. Perfekt!
Allerdings war ich von Anfang an skeptisch, ob ich die ganze Strecke an einem Tag schaffen werde. Also hatte ich auf Facebook und auf Twitter gefragt, ob jemand auf halber Strecke wohnt und ein Sofa frei hätte.
Nach nur wenigen Minuten hatte sich Dieter aus Mörfelden-Walldorf gemeldet, und ich nahm das freundliche Angebot dankbar an. Der Ort liegt südlich des Flughafens Frankfurt, direkt an der A5. Perfekt zum Trampen. Vor allem, um am nächsten Morgen wieder wegzukommen. Wenn man mitten in einer Großstadt übernachtet, ist das nämlich gar nicht so praktisch. Je außerhalb, umso besser für unsereins.
Also muss mich der Kassettenfußballmittelalterexperte schon am Rastplatz Bergstraße Ost rauslassen, bevor er auf die A67 abbiegt.
„Kaufen Sie in Hagen die Westfalenpost und die Westfälische Rundschau„, gibt er mir noch auf den Weg. Sein Sohn arbeitet bei der Funke-Mediengruppe. Ich gestehe hiermit, dass ich das nicht gemacht habe, weil ich für das Seminar schon genug zum Lesen dabei hatte.
„Entschuldigung, könnten Sie mich vielleicht ein Stück mitnehmen?“ Zum dreissigsten oder vierzigsten, aber auch zum letzten Mal an diesem Tag stelle ich diese Frage. „Ich muss nur bis zum Parkplatz Kaiserstein, das sind etwa 30 km Richtung Norden.“
„Gerne, aber Sie müssen neben dem Hund sitzen“, lädt mich ein Ehepaar ein. Oh, oh, ich habe eigentlich Angst vor Hunden.
Aber es ist ein kleiner, lieber, zu dem ich mich sogleich hinunterbeuge und ihn begrüße.
„Es ist eine sie“, klärt mich die Frau auf: „Zsa-Zsa von Malta.“ Sie haben sie von dort aus dem Tierheim.
Und so komme ich an diesem Tag sogar noch dazu, mein Maltesisch auszupacken, wozu man sonst beim Trampen wenig Gelegenheit hat, weil die Malteser mit ihren Autos selten den Weg nach Europa finden. Wie die Mafia-Insel den Weg in die EU gefunden hat, das ist mir noch schleierhafter, allerdings ein anderes Thema. Nachdem ich den Hund mit „bonġu“ begrüße, weicht er jedenfalls nicht mehr von meiner Seite.
Zuerst lässt er sich streicheln, dann kommt er auf meinen Schoß und schmiegt sich ganz eng an mich. Das muss einer dieser Ich-kann-gute-Menschen-von-schlechten-Menschen-unterscheiden-Hunde sein. Viele Tiere können das besser als Menschen, weil sie sich nicht von Aussehen, Geld, Besitz oder Status täuschen lassen.
„Wo kommen Sie her?“ fragt das sympathische Ehepaar.
„Aus Amberg, das ist an der A6, etwas östlich von Nürnberg.“
„Das kennen wir. Da haben wir in der Nähe eine Filiale, in Schwandorf.“
„Was für ein Unternehmen haben Sie denn?“ frage ich.
„Wir betreiben Lagerhäuser“, sagt der Mann.
„Für Privatkunden oder eher im industriellen Maßstab?“ Beim Trampen frage ich viel, weil ich ansonsten über mich erzählen muss. Und das kenne ich ja schon.
„Wir haben 80 Lagerhäuser in ganz Deutschland, aber nur einen Kunden“, sagt der Mann geheimnisvoll.
„Deutsche Post? Amazon? DHL?“ rate ich, bis der Lagerhausbetreiber das Rätsel auflöst: „Die Bundesrepublik Deutschland.“
„Lagern Sie die ganzen alten Waffen und Panzer, die vor sich hinrosten?“ frage ich.
„Oh nein,“ sagt er, „ich bin Pazifist.“ Und erklärt mir, dass es eine nationale Lebensmittelreserve gibt, in der Nahrungsmittel gelagert werden, um die Bevölkerung im Kriegsfall einige Monate ernähren zu können. Gebraucht wurden das bisher noch nie. Natürlich werden die Bestände immer wieder erneuert. Vor dem Ablaufdatum werden sie an Aldi und Lidl verramscht.
Meine Augen leuchten, und mir kommt eine Idee: „Haben Sie auch Schokolade?“
„Nein, nur Grundnahrungsmittel.“ Schade.
Das Ganze unterstehe dem Bundeslandwirtschaftsministerium. Bei der Kabinettsbildung hatte ich noch Mitleid mit Cem Özdemir, einem der eloquentesten und talentiertesten Politiker in Deutschland, weil er „nur“ das Agrarressort bekam. Jetzt erst merke ich, wie wichtig das werden kann.
Ich dachte immer, ich sei ein informierter Staatsbürger. Von der nationalen Erdölreserve wusste ich. Aber von der Nahrungsreserve höre ich zum ersten Mal. Wahrscheinlich ist sie hochgeheim. Und die Geheimdienste setzen alle auf Satelliten und Hacker und bekommen nichts mit. Die sollten einfach Leute wie mich einstellen und durch die Welt trampen lassen. In einer Soldatenspelunke in Smolensk hätte ich wahrscheinlich rechtzeitig von der russischen Invasion der Ukraine erfahren. Und Rafid Ahmed Alwan hätte mir vielleicht sogar stolz erzählt, dass er die Geschichte mit den irakischen Chemiewaffen nur erfunden hat.
Es ist später Nachmittag geworden durch die vielen Staus und langen Wartezeiten, aber kurz nach 18 Uhr habe ich das Zwischenziel erreicht: den Parkplatz Kaiserstein. Fast 9 Stunden für 340 km. Effizient ist das nicht. Aber im Zug hätte ich wahrscheinlich nicht so viele Leute kennengelernt. Anders als in Kanada gucken in Deutschland die meisten Zugfahrer ja sowieso nur in ihre Laptops oder haben klobige Kopfhörer auf. Mir ist es schon passiert, dass mich Leute komisch angesehen haben, weil ich sie gegrüßt habe, als sie sich neben mich setzten.
Um zu Fuß nach Mörfelden-Walldorf zu kommen, gehe ich einfach durch den Wald, wo erstaunlich viel Feierabendleben ist. Hier treffen sich also die LKW-Fahrer, trinken Dosenbier, rauchen, grillen. „Was will der denn hier?“ scheinen sie zu fragen, als ich durch ihr für geheim gehaltenes Wildwestlager laufe. Aber ich bin ja gleich wieder weg. „Schönen Abend noch! Buna seara! Dobry wieczór!“
Eigentlich wollte ich noch zu der Gedenkstätte für die Zwangsarbeiter, aber es ist zu spät geworden. Dieter wartet schon seit Stunden sorgenvoll auf mich. Wahrscheinlich hat er sich den ganzen Tag gedacht: „So eine Schnapsidee, jemanden einzuladen, den ich nur von seinem Blog kenne.“ Ach ja, die Zwangsarbeiter waren aus dem KZ-Außenlager Walldorf und wurden zum Ausbau des Frankfurter Flughafens eingesetzt. Wer von hier in den Urlaub startet, rollt über Leichen. Ein weiterer Grund, nicht zu fliegen. Andererseits: Welches Unternehmen in Deutschland hatte keine Zwangsarbeiter? Sogar meine Familie hatte einen. Dimitri hieß er.
Und schon stehe ich wieder einmal vor der Wohnung von Menschen, die ich noch nie gesehen habe, und drücke leicht nervös den Klingelknopf.
Links:
Demnächst in Teil 2: Wie sind Dieter und seine Familie? Welcher langersehnte Tramper-Traum erfüllt sich endlich? Warum wird mitten in Deutschland eine Brücke gesprengt? (Nein, Opa, das ist nicht, um den Vormarsch der Alliierten aufzuhalten.) Warum muss ich unterwegs drei Stunden lang Spanisch sprechen? Werde ich es rechtzeitig zur Universität schaffen?
Übernächst in Teil 3: Warum bin ich nach drei Fahrern und zwei Stunden wieder da, wo ich losgefahren bin? Gibt es noch Gesellen auf der Walz? Warum kommen die nettesten Menschen aus dem Kosovo? Wo in Deutschland gibt es die besten Schnitzel?
Bei der Zusammensetzung der neuen Bundesregierung hatte ich es schon vermutet:
Wer sich wahrscheinlich gar nicht freut über die Ernennung von Claudia Roth als Bundesbeauftragte für Kultur, das sind die #Hohenzollern. Hihi. So bleiben die Schlösser und Burgen wohl doch im Volkseigentum.https://t.co/neG6yTGjBlpic.twitter.com/8ElPdUUqF9
Jetzt ist es tatsächlich so gekommen: Die Bundesregierung und die betroffenen Bundesländer Berlin und Brandenburg beenden – endlich – die Geheimverhandlungen mit der Familie des letzten (und schlechtesten) deutschen Kaisers. Wegen dieser Verhandlungen hatte das von den Hohenzollern angestrengte Gerichtsverfahren über die letzten Jahre geruht.
Wenn Prinz Raffzahn, Prinzessin Nimmersatt und der restliche Hohenzollern-Clan jetzt noch weitere Millionen aus dem wieder mal inflationsgebeutelten deutschen Volk herauspressen wollen, so müssen sie das Gerichtsverfahren weiter betreiben. Pikanterweise vor dem Verwaltungsgericht in Potsdam, das just in der Friedrich-Ebert-Straße 32 residiert. Damit den Königsprätendenten ganz klar wird, dass wir jetzt eine Republik haben.
So ein Gerichtsverfahren könnte lustig werden, weil es dann um die Frage gehen wird, ob die Hohenzollern Nazis waren. Oder ob sie sich nur – wie die geschichtsklitternden Adelsanwälte behaupten – ganz zufällig so kleideten, ganz zufällig mit Nazi-Größen rumhingen und ganz zufällig auf Wahlkampfveranstaltungen der NSDAP sprachen.
Wenn ich die Hohenzollern wäre, würde ich mir das sehr gut überlegen. Gerichtsverfahren vor den Verwaltungsgerichten sind nämlich öffentlich (§ 55 VwGO in Verbindung mit § 169 I 1 GVG). Und Ihr könnt Euch ja denken, welcher monarchiekritische Blogger da ganz fleißig mitschreiben und alle Details ausposaunen wird.
Aber die Hohenzollern sind von einer erstaunlich hartnäckigen Klage- und Prozessierwut besessen. Schon mehr als 100 Klagen und Abmahnungen haben sie rausgehauen, um Journalisten und Historiker einzuschüchtern.
Eigentlich ziemlich kleinlich und peinlich für eine Kaiserdynastie, so ein Papierkrieg wie bei einem Streit im Kleingartenverein. Andererseits: Jedes spießbürgerliche Volk bekommt die Herrscherfamilie, die es verdient.
Unsere Habsburgernachbarn waren da etwas cooler und haben immerhin zweimal versucht, sich zurück an die Macht zu putschen. Und wenn es mit der Monarchie mal nicht mehr lief, so wie 1867 in Mexiko, dann haben sie sich wenigstens erschießen lassen.
Das wäre eigentlich ein guter Kompromiss für die Verhandlungen zwischen Staat und Hohenzollern gewesen.
Ist Euch schon einmal aufgefallen, dass man den Begriff „Entdecken“ oder „Entdecker“ nur verwendet, wenn ein Weißer zum ersten Mal ein Gebiet betritt, das von nicht-weißen Menschen schon lange bewohnt wurde? Und diese falsche Entdeckerehre wird selbst jenem Seefahrer zuteil, der betrunken über die Weltmeere torkelte und sich dabei vollkommen verfuhr.
Die Rede ist natürlich von Christoph Kolumbus, der, weil er auf seinen Reisen auch Marketingexperten an Bord hatte, es irgendwie schaffte, alle früheren Entdeckungen Amerikas aus dem Weltgedächtnis zu tilgen. Die Wanderung der Asiaten über die Beringstraße, die Wikinger, die Polynesier, die Phönizier, König Abu Bakr II. aus Mali, Prinz Madoc aus Wales, die von der EU geförderte portugiesisch–dänisch–deutsche Gemeinschaftsexpedition von 1473, sowie der Tunnel von Ägypten nach Mexiko. Warum sonst sollte es dort ebenfalls Pyramiden geben? Alles vergessen, verdrängt, verschwiegen.
Diese Vorrede ist ein kleines Zugeständnis an die Leserinnen und Leser, die sich weniger für das 20. Jahrhundert, sondern für die noch weiter im Geschichts- und Mythensumpf zurückliegenden Menschheitsepochen interessieren, die auf diesem Blog sträflich vernachlässigt werden. Aber man soll darüber schreiben, wo man sich auskennt, und das ist bei mir – wenn überhaupt – die Neuzeit. So dient der Exkurs über Christoph Kolumbus hier nur der Erwähnung, dass dieser aus Genua stammte.
Zu Zeiten Kolumbus‘ war Genua eine Republik. (Genau, deshalb machte er auch Amerika zur Republik. Gut kombiniert!) Später wurde die Hafenstadt französisch und schließlich – durch die heldenhaften Taten des im Gegensatz zu Kolumbus tatsächlich uneingeschränkt bewunderungswürdigen Giuseppe Garibaldi – italienisch.
Dort, im italienischen Genua, trafen sich im April 1922, mithin vor genau hundert Jahren, die Mächte dieser Welt, um die Nachkriegsordnung festzuzurren. Insbesondere ging es den 34 anwesenden Staaten um Wirtschafts- und Finanzfragen. Dominiert wurde die Konferenz von zwei drängenden Problemen.
Erstens: Russland. Während alle anderen Staaten unter liberalen bis kapitalistischen Wirtschaftssystemen litten, hatte sich das russische Volk im Oktober 1917 bekanntlich eine neue Wirtschaftsverfassung gegeben, nach der alles allen gehörte. Dieser Sozialismus oder Kommunismus war damals noch ziemlich neu und stieß weltweit auf Interesse, aber die Kapitalisten hatten den internationalen Staatenlenkern eingeredet, dass es Teufelszeug sei.
Übrigens, falls hier jemand eine schlaue Anmerkung anbringen wollte: Es ist schon korrekt, von Russland und noch nicht von der Sowjetunion zu sprechen, weil letztere erst im Dezember 1922 gegründet wurde. Dazu wird es zu gegebener Zeit wahrscheinlich eine gesonderte Folge geben. Denn ansonsten muss ich zum Dezember 1922 über die Gründung des Irischen Freistaats oder den Nobelpreis für Albert Einstein schreiben, was beides viel zu komplizierte Themen sind, als dass ich mich auch nur annähernd einarbeiten könnte.
Zweitens: Deutschland. Insbesondere ging es damals um die Nachverhandlungen der Reparationszahlungen, die Deutschland als rechtlich allein für den Ersten Weltkrieg verantwortlicher Staat (Art. 231 des Versailler Vertrages) begleichen sollte. Deutschland macht zwar sonst gerne auf dicke Hose, aber zu jener Zeit jammerte Deutschland, dass man die Reparationen auf keinen Fall zahlen könne, dass man vollkommen pleite sei, und dass das doch alles so ungerecht sei, heul, schnief, schluchz.
Diese beiden Staaten waren also gewissermaßen die Geächteten der internationalen Ordnung. Für die russische Delegation hatte sich in Genua nicht einmal ein Hotel bereitgefunden, weshalb die Bolschewisten im 30 km entfernten Rapallo unterkommen mussten. Und zwar im Hotel Imperiale, das für diese Folge persönlich in Augenschein zu nehmen zwar angebracht gewesen wäre, aber mein Fünfjahresplanbudget gesprengt hätte.
Wenn Ihr selbst in der Schule, an der Universität oder auf der Arbeit schon einmal den Pariastatus genossen habt, dann wisst Ihr ja selbst, wie das so läuft: Wenn zwei Leute ausgegrenzt werden, dann tun sie sich irgendwann zusammen. Und sei es nur aus Langeweile.
Nach ein paar Tagen Konferenz fiel den russischen und deutschen Delegationen allabendlich die Hoteldecke auf den Kopf, während sich die anderen Staaten zum Tanzen, im Kino oder zum Glücksspiel trafen. Jeden Abend allein Pizza zu essen, das kann ziemlich öde werden, auch wenn Essen für Russen damals durchaus ein ungewohntes Vergnügen war. Also luden die Russen die Deutschen nach Rapallo ein und fragten, mangels diplomatischer Erfahrung etwas ungelenk: „Sagt mal, wenn niemand anders mit uns spielen will, wollen wir nicht Freunde sein?“
Die Deutschen beratschlagten ein bisschen, aber schließlich setzte sich der Konsens durch: Besser einen dubiosen Freund als gar keinen Freund. (Das ist immer so ein Problem mit Leuten, die nicht allein sein und einfach den ganzen Abend mit einem Buch genießen können. Von solchen Menschen geht alles Unheil dieser Welt aus.)
Deutschland und Russland verband aber auch eine gemeinsame Abneigung. Und zwar gegen Polen. Dieser lustige Staat hatte die Angewohnheit, mal zu verschwinden, dann wieder aufzutauchen, mal geteilt, dann wieder vereint zu werden, mal nach Osten und dann nach Westen verschoben zu werden. Selten war es die Schuld der Polen selbst. Sie hatten, wie so viele osteuropäische Staaten und Völker, einfach das Pech, zwischen den Großmächten Deutschland, Russland, Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich zu liegen und von diesen als Aufmarschgebiet für ihre Kriegsspiele missbraucht zu werden.
Hier eine bewegte Übersicht zur bewegten polnischen Geschichte:
Alles klar?
Ich hoffe nur, dass Ihr nicht den Polnisch-Ukrainischen Krieg, der von 1918 bis 1919 zwischen Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und Rumänien einerseits und der West-Ukraine, der Ukrainischen Volksrepublik, der Hutsul-Republik und der Komancza-Republik andererseits um Galizien, die Karpatenukraine, Wolhynien und die Bukowina ausgetragen wurde, sowie den Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1919 bis 1921 übersehen habt. Aufmerksame Leserinnen und Leser fragen jetzt, wie es einen sowjetischen Krieg gegeben haben kann, wo Ihr doch oben erfahren habt, dass die Sowjetunion erst im Dezember 1922 gegründet werden sollte. Tja, es gab aber bereits Sowjetrussland und die Sowjetukraine, die in diesem Krieg gemeinsam gegen Polen, Lettland und die Ukrainische Volksrepublik kämpften (und verloren).
Merkt Euch diesbezüglich einfach nur zwei Dinge: Erstens, und das ist einer der Dauerbrenner in dieser Geschichtsreihe, der Erste Weltkrieg war 1918 noch lange nicht zu Ende. Zweitens, die Ukraine war auch vor hundert Jahren kein Teil Russlands. (Ich weiß, das ist alles schrecklich kompliziert. Aber das heißt nicht, dass derjenige Recht hat, der behauptet, dass alles ganz einfach sei. Ganz im Gegentum, solche Typen wollen Euch höchstwahrscheinlich verarschen.)
Aber jetzt zurück ins schöne Rapallo.
Nach viel Wodka, Wein und Grappa zog der russische Außenminister Georgi Tschitscherin einen Vertrag aus der Tasche, legte ihn seinem deutschen Kollegen Walther Rathenau vor, und sagte: „Unterschreib da mal.“
Rathenau war eigentlich ein bisschen skeptisch, aber der erste Artikel des kurzen Vertrags sah einen beiderseitigen Verzicht auf alle Reparationen und andere Schadensersatzansprüche vor. Rathenau war bei der FDP, deshalb konnte man ihn mit Ausgabenbegrenzungen immer locken. Alles andere würde der Markt regeln. Also unterschrieb er.
Ansonsten sah der Vertrag die Aufnahme von diplomatischen, konsularischen und vor allem wirtschaftlichen Beziehungen vor. Wirtschaft war das Hauptmotiv deutscher Außenpolitik, und die deutschen Exporteure standen schon Schlange. (Irgendwie hatten sie bereits vor Unterzeichnung von dem Vertragsentwurf erfahren.)
Ganz wichtig für die deutsch-russische Freundschaft war Erdöl. Deutschland lieferte das Know-How zum Betrieb der Ölquellen im Kaukasus und verpflichtete sich im Gegenzug, in Deutschland Autobahnen, Tankstellen und Autos zu bauen, auf dass Deutschland vom russischen Erdöl und später Erdgas abhängig werden sollte. Der Bau von Pipelines wurde als Freundschafts- und Friedensprojekt verkauft und mit entsprechenden Kampagnen begleitet. Deutsche Jugendliche entflohen mit Freude der Enge ihrer kleinbürgerlichen Elternhäuser, um in der sowjetischen Taiga mit Jack-London-Klondike-Romantik Wälder zu roden und Rohre zu verlegen.
Letzten Herbst war ich in Sachsen unterwegs, wie so oft per Anhalter. In Bautzen nahm mich ein älterer Mann mit, der eigentlich nach Dresden musste, aber für mich einen Riesenumweg nach Bernsdorf fuhr. Er erzählte aus seinem Ingenieursleben, in dem er wirklich viel von der Welt gesehen hatte. Aber der Höhepunkt für ihn blieb der Einsatz auf der Druschba-Trasse.
Wenn eine ganze Generation von DDR-Bürgern und -Bürgerinnen an der Pipeline der Freundschaft mitgeschschraubt, -geschweißt und -geschwitzt hat, erklärt das schon eine gewisse emotionale Verbundenheit, die den Menschen in Westdeutschland abgeht. Bei uns in der BRD dachte man eher strategisch: „Wenn wir mehr Benzin brauchen, müssen die USA halt wieder irgendein Land ‚befreien‘.“
Die Rohre für das Ostblockprojekt kamen übrigens aus Westdeutschland, Italien und Japan. Wirtschaftlich lief die Kooperation auch während des Kalten Kriegs super. Am Vertrag von Rapallo wurde nicht gerüttelt.
Als viel verheerender sollte sich die militärische Komponente der deutsch-russischen und bald deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit erweisen. Diese ist im Vertrag von Rapallo nicht ausdrücklich erwähnt, hatte aber bereits im Jahr zuvor, 1921, begonnen und wurde nach dem Schulterschluss an der ligurischen Küste intensiviert.
Auch hier lohnt ein Blick auf die Ausgangslage:
Die russische Armee war veraltet. Man setzte noch auf Pferde, wie Ihr aus der Folge über den Kavalleristen erinnert, der das Königreich Mongolei gründete. Russland hatte 1905 den Krieg gegen Japan verloren. Dass eine europäische Großmacht gegen einen asiatischen Inselstaat verlor, war bis dahin undenkbar gewesen. Russland hatte 1920 den Krieg gegen Polen verloren (siehe oben), ein Land, das nach über hundertjähriger Abwesenheit von der Weltbühne gerade erst wieder gegründet worden war. Das Flaggschiff der Schwarzmeerflotte sank einfach so. Alles sehr peinlich.
Russland musste also, wenn es demnächst alle Nachbarländer von Finnland bis zur Ukraine angreifen wollte, dringend sein Militär modernisieren.
Deutschland hatte das technische Wissen, die Rüstungsindustrie und an allen Stellen Menschen ohne moralische Skrupel. Also eigentlich perfekte Bedingungen zur Aufrüstung.
Allerdings gab es da den Versailler Vertrag. Dieser hatte zum Ziel, Deutschland militärisch klein zu halten (Art. 159-213). So durfte Deutschland beispielsweise nicht mehr als 100.000 Soldaten und nicht mehr als 36 Kriegsschiffe haben. Deutschland durfte über keine Panzer, keine U-Boote und keine Luftwaffe verfügen. Die Wehrpflicht war verboten, ebenso wie die Entwicklung chemischer Kampfstoffe.
Das deutsche Militär sollte praktisch auf den Stand des russischen Militärs zurechtgestutzt werden.
Was machte die Reichswehr?
Wer ganz aufmerksam den Artikel zum Januar 1921 gelesen hat, weiß es schon: Das deutsche Militär scherte sich einen Dreck um den Versailler Vertrag und baute eine Luftwaffe und eine Panzerstreitmacht auf. Nicht offen, sondern heimlich.
Und wo konnte Deutschland seine Luftwaffe und seine Panzer am besten verstecken?
Da kommt Ihr nie drauf: Die geheime Kampffliegerschule und Erprobungsstätte der Reichswehr lag in Lipezk. Die geheime Panzerschule Kama lag bei Kazan. Der geheime Kampfmittel-Versuchsplatz Tomka lag bei Wolsk. In Fili, Charkiw, Samara, Jaroslawl und Rybinsk wurden gemeinsame Flugzeugwerke errichtet. Mitten in der Sowjetunion, weit entfernt von den Augen der Weltöffentlichkeit und der noch nicht erfundenen Satelliten, rüstete Deutschland entgegen aller vertraglichen Zusagen auf, bildete Piloten und Panzerfahrer aus, entwickelte neue Militärtechnik und erprobte Angriffstaktiken.
Deutschland finanzierte all diese Einrichtungen, durfte eigene Piloten, Panzerfahrer u.s.w. dort ausbilden, musste aber auch sowjetische Soldaten und Offiziere an den Lehrgängen teilnehmen lassen. Ungeachtet möglicher politischer Rhetorik gegen den jeweils anderen Staat ging die militärische Kooperation munter weiter. Praktisch wie bei Ronald Reagan.
Erst unter Hitler beendete Deutschland im September 1933 die Kooperation. Nicht so sehr aus ideologischen Differenzen, sondern weil die Nazis die Verletzung des Versailler Vertrages gar nicht mehr verbergen wollten. Die Revision, ja der Bruch dieses Friedensvertrages war schließlich Regierungsprogramm.
Die Sowjetunion behielt allerdings die Giftgasentwicklungsstelle bei Wolsk/Schichany bei. Im dortigen Zentralen Wissenschaftlich-Technischen Institut der Chemischen Truppen wurde das Nervengift Nowitschok entwickelt, das wir mittlerweile aus dem russischen Staatsterrorismus, unter anderem gegen Alexei Nawalny, kennen. Deswegen war Deutschland nach dem geheimen Zusatzprotokoll zum Tomka-Vertrag auch verpflichtet, die lebensrettende Behandlung zu übernehmen.
Apropos geheimes Zusatzprotokoll: Das Deutsche Reich und die Sowjetunion schlossen in der Folgezeit weitere Verträge, von denen der folgenreichste der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt war. Nach den jeweiligen Außenministern ist er auch als Molotow-Ribbentrop-Pakt bekannt. Unterzeichnet wurde er am 24. August 1939, was ganz praktisch war, denn eine Woche später würde Deutschland Polen überfallen und schon wieder einen Weltkrieg auslösen. (Kann das beim Dritten Weltkrieg bitte jemand anderes erledigen, damit nicht wieder Deutschland als Buhmann dasteht?)
„Nichtangriffspakt“ war eine etwas irreführende Bezeichnung für diesen Vertrag. Zwar versicherten Deutschland und die Sowjetunion, sich nicht gegenseitig anzugreifen, aber ein geheimes Zusatzprotokoll sah allerhand Angriffe auf allerhand andere Staaten vor: auf Polen, auf Litauen, auf Estland, auf Lettland, auf Finnland und auf Moldawien. Auch die militärische Kooperation wurde wieder aufgenommen. So stellte die Sowjetunion dem Deutschen Reich von 1939 bis 1940 einen geheimen U-Boot-Stützpunkt bei Murmansk zur Verfügung. Sowjetische Eisbrecher bahnten deutschen Zerstörern den Weg. Der Zweite Weltkrieg war Teamwork.
Verträge zu Lasten Dritter sind immer eine unangenehme Sache, das kennt man ja vom Münchner Abkommen 1938. Außerdem sind sie rechtlich unwirksam, aber wenn man eine Grenze mit Deutschland oder der Sowjetunion hatte – oder heute eine Grenze mit Russland hat -, hilft einem das Völkerrecht nicht viel. Da helfen nur Waffenlieferungen, wie auch die Sowjetunion feststellen musste, als sie 1941 ganz überraschend von Nazi-Deutschland angegriffen wurde.
„Aber wir haben doch einen Nichtangriffspakt“, wunderte sich Stalin darüber, dass die deutschen Flugzeuge und Panzer, die einst in der Sowjetunion gebaut wurden, jetzt sowjetische Städte bombardierten und beschossen.
Stalin war überhaupt ein bisschen doof. Denn ab 1941 hätte man all die sowjetischen Offiziere und Soldaten, die zusammen mit den Deutschen studiert, manövriert und geübt hatten, hervorragend für die Rote Armee brauchen können. Wer den Feind kennt, kann seine Technik und Taktik besser einschätzen. Nur leider hatte Stalin 1936/37 all diese Offiziere hinrichten lassen, weil er niemandem traute, der einmal mit einem Deutschen im gleichen Raum gesessen hatte. (Ich glaube, er hat auch alle Leute hinrichten lassen, die ihn im Internet als doof bezeichneten. So ein Weichei war das.) Dass er später selbst den Pakt mit den Deutschen schloss, naja, wie gesagt, Stalin war nicht der Hellste. Man wundert sich wirklich, wie solche Leute alle vier Jahre wiedergewählt werden.
Das geheime Zusatzprotokoll war so geheim, dass Michail Gorbatschow erst im Dezember 1991 dessen Existenz zugab. Überhaupt war die sowjetische und ist die postsowjetische Geschichtspolitik ein bisschen geschichtsklitternd. So tun z.B. Denkmale nicht nur in Russland, sondern auch in anderen Nachfolgestaaten der UdSSR so, wie wenn der Zweite Weltkrieg erst 1941 begann.
(Die Fotos stammen aus Uman, aus Kiew und aus Odessa in der Ukraine sowie aus Sochumi in Abchasien.)
Deshalb glauben dort viele Menschen, dass der Zweite Weltkrieg bzw. die Große Vaterländische Militärische Spezialoperation erst im Juni 1941 mit dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion begann. Die gleichen Menschen glauben auch gerne, dass die Sowjetunion keinerlei amerikanische Panzer und Flugzeuge und sonstige Unterstützung erhielt, sondern den Krieg allein gewann. Dafür glauben in Amerika wiederum viele Menschen, dass die Soldaten, die im Juni 1944 in der Normandie landeten, ganz persönlich Berlin befreit haben. Und niemand denkt je an die brasilianische Division. Dass die Welt rund ist und deshalb gleichzeitig an mehr als einer Front gekämpft werden kann, scheint für viele zu komplex zu sein.
Die Wahrheit ist, dass auch die Sowjetunion seit September 1939 im Krieg war. Sie überfiel zuerst Polen und besetzte den Osten des Landes. Zwei Monate später griff sie Finnland an, 1940 schnappte sie sich Estland, Lettland, Litauen und Teile Rumäniens.
Wenn Wladimir Putin den Hitler-Stalin-Pakt verteidigt, dann wisst Ihr jetzt, was er meint. Auch in Osteuropa, in all den Staaten, die so oft unter ihrer Lage zwischen Deutschland und Russland gelitten haben, weiß man das.
Nur im Westen, insbesondere in Deutschland, wo man so stolz darauf ist, „die Lehren aus der Geschichte“ zu ziehen, wollte niemandem auffallen, wie Rapallo-Molotow-Ribbentrop-mäßig sich die osteuropäischen Staaten vor den Kopf gestoßen fühlten, als Russland und Deutschland eine neue Pipeline in Betrieb nahmen, die alle anderen umging und ausschloss.
Gerade in Deutschland, wo man schnell „die besondere historische Verantwortung“ erwähnt, will nur wenigen auffallen, dass Deutschland keine besondere historische Verantwortung gegenüber dem russischen Staat, insbesondere nicht dem heutigen Mafiastaat, sondern gegenüber allen osteuropäischen Völkern hat, die unter der deutschen Besatzung gelitten haben. Ebenso gegenüber jenen, die in der Roten Armee gegen den Nazi-Faschismus gekämpft und unsere Konzentrationslager befreit haben. Neben Russen, Tataren, Kirgisen, Kasachen, Georgiern, Abchasen, Inguscheten, Osseten, Belarussen und so weiter waren das eben auch Ukrainer. Millionen von Ukrainern. Weswegen in jedem kleinen Dorf in der Ukraine ein Ehrenmal für die Sowjetsoldaten steht, immer gepflegt und mit frischen Blumen davor.
Die Lehre aus dem blutigen deutsch-russischen Jahrhundert? Die Großmächte müssen aufhören, andere Staaten wie Verfügungsmasse zu behandeln. Aber auch wir Menschen in Mittel- und Westeuropa müssen anders denken über Osteuropa.
Die Ukraine ist keine Kuh, aus der man sich Filets herausschneidet. Polen ist kein Pufferstaat. Das Baltikum ist kein Randgebiet. Der Balkan ist kein Pulverfass. Ebensowenig der Kaukasus. Rumänien ist kein Reservoir für billige Arbeitskräfte. Belarus ist kein Transitland. Alle Staaten, von Montenegro bis Moldawien, von Abchasien bis Albanien, sind wahnsinnig interessante Länder, die alle ein Recht auf eine eigene, selbstbestimmte, souveräne Existenz haben. Inklusive eigener Entscheidung, ob sie bei der EU, der NATO oder der FIFA mitspielen wollen.
Und seid ruhig mal ein bisschen kreativer bei der Urlaubsplanung! Peleș ist schöner als Neuschwanstein. Sochumi ist wie Nizza, nur dass Ihr es für Euch allein habt. Die Fjorde in Montenegro sind fast so beeindruckend wie die in Norwegen, aber man ist nach zwei Bier nicht gleich pleite. Ganz zu schweigen von Odessa.
Apropos pleite: Ich freue mich über jegliche Unterstützung für diesen kleinen Blog. Und über Gastautoren! Gibt es für Mai 1922 jemanden, der/die sich auskennt mit dem Völkerbund-Protektorat für Albanien? Oder dem Bürgerkrieg in Paraguay? Oder Oberschlesien? Obwohl, besser nicht, bei letzterem Thema kommen immer so Großdeutsch-Ewiggestrige aus der Gruft.
Vor ein paar Tagen, am 24. April, war der Gedenktag für die Opfer des Völkermordes an den Armeniern. Das habt Ihr wahrscheinlich nicht mitbekommen, denn wo nicht gerade eine armenische Diaspora ansässig ist, geht das meist unter. Und die armenische Diaspora sitzt eigentlich nur dort, wo Wein und Cognac in Strömen fließen, also Paris, Kalifornien und Südaustralien.
Außerdem ist die Welt derzeit abgelenkt von einem Krieg, bei dem man darüber streiten kann/muss, ob er nicht auch genozidale Züge trägt. Das ist eine schwierige juristische Frage, in die die Herren Lauterpacht und Lemkin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts etwas Klarheit gebracht haben. Beide begannen ihre Karriere an der Universität in Lwiw/Lemberg, das jetzt von russischen Raketen beschossen wird.
Aber, Ihr ahnt es schon, wenn Ihr die aktuelle Folge der Reihe „Vor hundert Jahren …“ druckfrisch in den Händen haltet: Vor hundert Jahren war dieses Thema durchaus aktuell.
Genau genommen am 17. April 1922, als Aram Yerganian und Arschawir Schiragjan, die als Armenier verständlicherweise ein bisschen sauer wegen des Völkermordes waren, in Berlin zwei hochrangige Verantwortliche für eben jenen Völkermord erschossen.
Cemal Azmi war dafür von einem türkischen Gericht zum Tode verurteilt worden. Bahattin Şakir war in Malta wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt worden. Aber beide flohen nach Berlin, wo sie sich ziemlich sicher fühlten. „Kein Sorge, Bahattin“, sagte Cemal Azmi, „Deutschland will immer mit allen Seiten Geschäfte machen. Das mit den Menschenrechten ist bei denen nur Bla-Bla.“
Damit hatte er nicht nur Recht, sondern auch die Leitlinien der deutschen Außenpolitik für die folgenden 100 Jahre skizziert. Aber gut, mit Prinzipientreue wird man nicht Exportweltmeister.
Ein noch zweifelhafteres Vergnügen, als sich von Wladimir Putin belügen zu lassen, ist es, mich persönlich kennenzulernen. Ich lüge zwar nicht, aber zu vielen Themen sage ich nur: „Da habe ich mal einen Artikel darüber geschrieben.“ Schließlich war einer der Hauptgründe für diesen Blog, dass ich die gleichen Geschichten nicht dutzend- oder gar hundertfach erzählen muss. Manche finden das unpersönlich. Ich finde es praktisch.
Je mehr man geschrieben hat, umso öfter kann man darauf verweisen. Und so bleibt es nicht aus, dass auch innerhalb dieser Geschichtsreihe rohstoffsparend recycelt wird. Ich empfehle deshalb zum Völkermord an den Armenien, zur Operation Nemesis und zu den juristischen Konsequenzen ganz effizient meinen Artikel über den März 1921.
Viel Vergnügen beim (erneuten) Lesen!
Der damalige Prozess gegen Soghomon Telirian in Berlin war es übrigens, der Raphael Lemkin in Lemberg dazu brachte, sich mit dem Thema des Völkermordes zu befassen und von der linguistischen auf die juristische Fakultät zu wechseln. So ist, wie so oft, alles mit allem verbunden.
Und keine Sorge, selbstverständlich wird es für April 1922 noch eine vollwertige Folge geben.